Enchener Jamiltenblätter. ALÜeiristisches Beiblatt MM Gießener AnMigK- 28. Samstag den 6. März. 1886. Ale Jakschmünzer. Lrimrnal-Noman von Gustav Lössel. (Fortsetzung). Eine Wolke legte sich auf Etwold's Stirn. „Und natürlich wußten Sie auch um diese Liebelei", sagte er, „vermittelten vielleicht gar —" „Nein." "Nur aus Freundschaft natürlich —" sprach er sarkastisch. ,,Es wäre ja auch entschuldbar. Sie kannten mich und meine Wünsche ja damals noch nicht so wie heut." „Ich bedaure aufrichtig, Sie in solchem Jrrthum über mich befangen zu fehen. Mein Freund Martin kannte mich doch besser. Er machte mir überhaupt keine Mittheilung von dem Gegenstand seiner heimlichen Neigung; denn er wußte, daß ich dann nicht hätte passiv bleiben können. Ich würde Ihnen entweder Mittheilung gemacht, oder, um mein Gewissen zu beschwichtigen, meine erträgliche Stellung quittirt haben. Dem einen wollte er sich, dem anderen mich nicht aussetzen; und so bewahrte er seine Liebe als Geheimuiß auch gegen mich." „Und als er fortging? Ins Ausland?" „Sagte er nur, er scheide mit schwerem Herzen, aber nicht hoffnungslos. Wenn er eines Tages wiederkehren werde, würde ich wissen, warum er fortgegangen. Ich verstand kein Wort davon und sagte nur: „Da ist gewiß ein Weib im Spiele." „Du könntest Recht haben", entgegnete er. „Aber kein Wort mehr hiervon, mein Freund. Deine ferneren Fragen würden in mir Erinnerungen neu beleben, die ich jetzt eingesargt habe, begraben für eine lange Zeit." „Damit schied er. Seine Worte waren mir damals ein Räthsel. Als Sie mich dann zum Prokuristen ernannten unb mit Ihrem Vertrauen beehrten, erhielt ich die mich natürlich verblüffende Erklärung desselben. Ich dachte nun bei mir, daß es gut wäre, daß Martin fortgegangen, und zwecklos, Ihnen mehr zu fagen. Heut liegt die Sache anders; und da Martin seit seinem Wiedererscheinen hier bei Ihnen noch nicht gewesen und man mir sagt, daß Fräulein Klara seit jenem Ballabend bedenklich erkrankt sei, hielt ich es für meine Pflicht, Sie von meiner Beobachtung in Kenntmß zu setzen." Der Kommerzienrath schwieg in tödtlicher Verlegenheit. Er stand' am Fenster, den Rücken gegen Duprat wendend, und blickte über einen beschneiten Holzplatz hinweg auf den Kanal hinaus. Ec, verharrte eine ganze Weile so, in finsteres Sinnen verloren. Auch Duprat fchwieg, aber erwartungsvoll. Er wußte, daß ihre Unterredung so nicht enden würde. Wie es nun des öfteren passiert, daß man bei längerem Hiustarren auf einen Gegenstand, an welchen eine bestimmte Erinnerung sich knüpft, diese selbst vor seinem geistigen Auge sich neu beleben und Gestalt gewinnen sieht, so war es auch mit Etwold und dem Punkt, auf welchen er unausgesetzt den Blick gerichtet hielt. Die schwarzen, von einem vielzackigen Eisrande umstarrten Fluthen des Kanals rauschten plötzlich schäumend auf, und aus dem nassen Grabe stieg die Gestalt des rothen Mathies, das Auge starr, die Faust erhoben und seine häßlichen Züge von teuflischer Bosheit verzerrt. Der Kommerzienrath legte rasch die Hand vor die Augen. „Was ist Ihnen?" fragte Duprat theiiuahms- voll. Ein plötzlich hervorbrechender Sonnenstrahl kam Etwold zu Hülfe, und dieser machte seine Ausrede glaubhaft. Er schritt nach feinem Schreibtisch, wo er hastig einige Papiere ordnete und verschloß. „Ich muß jetzt zu meiner Tochter," sagte er gepreßt. „Ter Sie aber doch von meinem Mitwifsen ihres Geheimnisses nichts fagen werden?" fragte Duprat rasch. „Fürchten Sie das nicht. Von einem Berühren dieses Gegenstandes kann jetzt überhaupt nicht die Rede fein. Aber was ich noch fragen wollte, — wie sah denn jetzt der junge Forster aus? Ich meine — rote — wie machte er sich? Oder vielmehr, glauben Sie, daß er inzwischen die Million verdient hatte, die ich einmal im Scherz von ihm forderte, und daß er gekommen, um seinen Antrag von damals zu erneuern ?" „Sie zweifeln noch immer?" entgegnete Duprat mit einem leisen Anflug von Aerger. „Ich will Ihnen die Gestalt des Wiedergekehrten zeichnen; und dann mögen Sie selbst beurtheileu, ob Sie daraus die Züge des jungen Forster erkennen oder nicht. Allerdings müssen Sie^eiwas auf Rechnung der verflossenen 'Jahre und des ^veränderten Klimas bringen." Unb Duprat machte eine umständliche Beschreibung bts von ihm am Baüabend im Wintergarten Gesehenen. Es war die Beschreibung des Ermordeten aus der Schwedengasse. Der Kommerzknrath fragte nicht weiter. „Sie werden über dieses Rendezvous schweigen, Duprat." „Wie das Grab." „Und ich werde Ihre Treue nicht unbelohnt Er ging hinaus, die weitere Erledigung der Geschäfte für den heutigen Tag dem Prokuristen überlassend. Gleich nach ihm ging auch Duprat fort, um ein Telegramm nach M. aufzugeben. Dasselbe lautete: „Den von mir eingegangenen Brief an mich umgehend retour unter Couvert an meine Privatadresse. Duprat." 5. Kapitel. Ein Rendezv ous. In einem der entlegensten Cafös der Residenz saß zur Nachtzeit der Assessor Soltmann und musterte mit eingeklemmtem Monocle die Füßchen der vorbeitrippelnden Schönen, welche, wenn sie sich in seine Nähe setzten und besonders reizend bei Fuß waren, diesen Studien in der liberalsten Weise zu Hülfe kamen. Es war ein kleiner, zierlicher Fuß gewesen, der sich an der Mordstätte im Schnee abgedrttckt hatte, also jedenfalls nicht der Fuß einer Arbeiterfrau, sondern ein Damenfuß, und da bis jetzt noch alle Anzeichen dafür sprachen, daß es ein Raubmord gewesen und die nächtlicherweile hier verkehrende Damenwelt stets und viel Geld brauchte, auch mit den niedrigsten gesellschaftlichen Elementen zersetzt war, war ein solches Studium für einen Mann wie Soltmann immerhin ein entschuldbarer Zeitvertreib. Der Zufall spielt ja manchmal wunderbar, und er war dem jungen Criminalisten schon oft zu Hülfe gekommen, wenn er selber dem Verzweifeln nahe gewesen. Soltmann war aber nicht so einfältig, zu glauben, daß er aus dem bloßen Fußmaß den identischen Fußabdruck werde erkennen können. Der Letztere hatte, wie eine nachträgliche genaue Augenschau ergeben, noch ein besonderes Kennzeichen gehabt, das aber Soltmann, wie auch das rothe Stückchen Seide, das er im Wintergarten ausgelesen, nicht weiter erwähnt hatte. Er hatte sich mit Neubert dahin geeinigt, daß Jener in den Verbrecherkreisen nach den Antccedentien des rothen Mathies, eventuell nach dessen Genossen forschen sollte, während Soltmann, seiner anderen Erscheinung und Lebensweise entsprechend, der eigentlichen Mörderin nachspürte. Beide Herren hatten für heute Nacht ein Rendezvous ar; diesem Hct verabredet, und nun saß Soltmann hier und wartete auf seinen Verbündeten. Wer ihn da sah in seinem eleganten Anzug nut der Kravatte ä la Byron, den Hellen Glacö's, dem schönfrisirten Kopf und dem leichten Spazierstöckchen, dessen Knopf man es nicht «nsah, daß er mit Blei gefüllt war, der hätte wohl eher geglaubt, hier einen jungen Finanzmann oder einen angehenden Makart vor Augen zu haben, welcher seine naturalistischen Studien in den bescheidenen Grenzen seines jungen Talentes machte. Aber Soltmann« schöne, ausdrucksvolle Augen konnten auch recht drohend blicken, und selbst wenn sie verliebt schauten, waren sie dem Gegenstände seiner Verehrung zumeist gefährlich. Wehe den Füßchen, welche jetzt vor ihm mit den verhängniß- vollen Stiefelletten paradirt hätten! Diese Koketterie mit dem angeblichen jungen Lebemann wäre der betreffenden Schönen verhängnißvoll geworden. Die anwesenden jungen Damen ahnten, daß der elegante Herr zum Rendezvous hier erschienen sei, und darum ließen sie ihn nach dem Grundsätze: „Jedem das Seine" in Ruh. Freilich, daß dieses Rendezvous mit einem der gewiegtesten Kriminalisten verabredet war, davon hätte wohl keine der Schönen sich etwas träumen lassen. Inzwischen verstrich die Zeit. Die Elfen der Straße schwebten herein und wieder hinaus, und Soltmann saß schon bei seinem dritten Glase Mölange. Immer häufiger konsultirte er die Zeit, immer erwartungsvoller blickte er nach den beiden Eingängen, hohe Glasthüren, welche lautlos auf- und zuflogen. Der Erwartete kam nicht. Der Assessor konnte zuletzt seine Unruhe nicht mehr verbergen. Neubert hatte heute „einen recht versteckten Fuchsbau exploriren wollen", wie er sich ausdrückte. Da lag wohl die Annahme nicht zu fern, daß er dabei zu Schaden gekommen oder auch einen wichtigen Fang gemacht hatte, den er vor seinem Erscheinen hier nach dem Stadtgefängniß in Sicherheit bringen mußte. Soltmann hatte, mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, nach der Lage jenes Fuchsbaues zu fragen vergessen; und nun saß er hier so zu sagen auf Nadeln, auch etwas ärgerlich über seine in einer solchen Umgebung keineswegs angenehme Situation. Es klangen schon allerlei verdächtige Stichelreden an sein Ohr, wie: „Toggenburg" — „Zechpreller" — „Sieben Häuser und keine Schlafstelle —" und was dergleichen verfängliche Reden mehr; natürlich bedienten sich derselben nur die vorbeihuschenden Schönen, und auch nicht in einer Weise, daß Soltmann sie hätte auf sich beziehen können, obschon sie auf ihn gemünzt waren. Endlich erhielt das ewige Einerlei eine angenehme Abwechselung. Unter der wieder geöffneten Glasthür rschien 111 eine reizende Mädchengestalt in Begleitung eines jungen Herrn, und beide Personen offenbar dm höheren Ständen angehörig. Au« den dichten Umhüllungen, welche die winterliche Kälte erforderlich machte, blitzte ein schönes, feuriges Augenpaar hervor, in welchem ein recht kindliches Lächeln sich spiegelte. Nach einem flüchtigen, etwas verschämten Blick in den Saal hielt das junge Mädchen ihren Begleiter von einem weiteren Vordringen zurück, und Beide nahmen nun am Saaleingang hinter einer vorgeschobenen Zeltwand Platz, welche sie gegen die Blicke der Neugierigen verdeckte. (Fortsetzung folgt.) Die Mettter im Krient. Ein Bild aus Konstantinopel. (Nachdruck verboten.) Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß, während in den nördlichen Gegenden Europa's und Amerika's die Bevölkerung, Dank ihren geordneten Staatsverhältnissen, wenn auch nicht zu großem Reichthnm, doch zu einem gewissen Wohlstand gelangt, der von der Natur so reich ausgestattete Süden, fast überall in einen Zustand der Armuth versinkt, ans dem trotz aller Silberflotten Spanien, trotz der Peterspfenrüg-Millionen Italien und trat, der riesigen Anlehen bei England, die Türkei nicht herauskommt. Theilweise mag auch das Klima dazu beitragen, indem es die Völker des Südens die vor Jahrtausenden in einem jugendlichen Alter der Menschheit ihre Thatkraft zeigten und gewaltige Unternehmungen aufzuweisen hatten, nach^und nach erschlafft hat, dann auch lastet auf dem Süden der erdrückende Alp des Fanatismus, der vor mehreren Jahrhunderten die blühenden Fluren Süd-Spaniens durch die allgemeine Vertreibung der zur hoher Cultur gelangten Mauren entvölkerte und nur eine Anzahl mahnender Ruinen zurückließ. Derselbe Zelotismus lastet noch heute auf den reichen Gegenden des Balkan und des ganzen Gebietes der Pforte, in Europa, Asien und Afrika, noch jetzt liegt von Marokko bis zum Nil bis ins fernste Asien der Mehlthan der Unduldsamkeit auf allem Volksleben, jede freiere Entfaltung hindernd und des Nordens Kunst und Wissenschaft und öffentliche Fürsorge fernhaltend. Es gibt dort noch Zustände, die man bei uns sich kaum noch denken kann. Wie es alte Chroniken berichten, so finden sich in den Ländern gegen Sonnenaufgang noch heute z. B. Bettler mit den scheußlichsten Wunden, für die es nirgends Spitäler giebt, jene abscheulichen, dem Fremdem absichtlich vorgestellten Krüppelgeftalten, kaum noch menschlich aussehend, an allen Moscheen, Tempeln, Bazars, auf den Friedhöfen und Prs- menaden sitzen sie umher, ein ekelhaftes Siechthunr geflissentlich zeigend, das selbst in London nicht öffentlich geduldet, das von Amtswegen geheilt und welches meistens keinem unglücklichen Zufall, keiner Krankheit zu danken, sondern eine Verworfenheit, -M absichtliches Laster zum Urheber hat, das der Verstand kaum zu denken fähig ist. Besonders die Nachkommen der alten Griechen zeichnen sich aus durch Krankheiten, die wir nicht einmal dem Namen nach kennen; die Mehrzahl verstümmelt sich selber, nur um vom Bettel recht sorglos leben zu können und nichts thun zu muffen. Ich entsinne mich, irgendwo einen Bericht in französischer Sprache gelesen zu haben, dessen Sinn und Vorgang folgender war: Ein französischer Kaufmann in Pera pflegte täglich, Jahre hindurch einem am Wege sitzenden griechischen Bettler ein Almosen zu geben. Letzterer war von sehr schönen regelmäßigen Zügen und besaß eine vollendet geformte Büste, aber die Beine waren dünn, schwach und mit abscheulichen Wunden bedeckt. Dieser Umstand und sein klägliches Bitten trugen ihm reiche Almosen ein, die er alle nut gleicher Dankbarkeit annahm. Besonders unserem Kaufmann schien er eine große Anhänglichkeit ent- gegenzutragen, denn so ost er ihn kommen sah, kroch er ihm entgegen und bewies ihm ein Vertrauen, das denselben nach und nach ergriff und ihm die Person des Bettlers säst unentbehrlich machte, so, daß er unwillkürlich sich beeilte, ihn zu sehen und ihm seine Paras in die rothe Mütze zu legen. Der Bettler schien auch in der That sich weniger über bie Gabe, als über die Begegnung zu freuen und wurde immer zutraulicher. Einige Zeit nachher trafen den Kaufmann ernste Unfälle in seinem Geschäfte und er wurde öfter abgehalten, den gewöhnlichen Weg zu machen, auch vergaß er in seinem tiefen Nachsinnen manchmal des Bettlers. Dieser blieb freundlich wie sonst, streckte seine Mütze aber nicht mehr hin, sondern blickte den Franken nur aufmerksam an. Eines Morgens drängten den Franzosen schwere Verlegenheiten und trüb ging er seines Weges, als ihn plötzlich eine Hand am Rocke faßte. Er drehte sich um und erblickte den Griechen, der über seine eigene Kühnheit verlegen da saß; schnell wollte er demselben ein Almosen reichen, aber dieser hielt seinen Arm fest und sagte: „Nein, Effendi, nicht das, es ist etwas anderes." „Dann laß mich gehen, ich habe Eile, Freund." „Nein, nein, Effendi, Sie haben keine Eile, Sie sind bekümmert und schwermüthig." Der Saufmann blieb erstaunt stehen und betrachtete den scharfen Beobachter. Dieser fuhr fort: „Sagt mir Euren Kummer, Herr, thut es, vielleicht habt Jhr's nicht zu bereuen." Ueberrascht schwieg der Kaufherr still, der Bettler drang indessen immer mehr in ihn und endlich trieb ihn das unbestimmte Gefühl des Wunfches, einem anderen seine Sorgen anzuvertrauen, dazu, daß 'er dem Aussätzigen mittheilte, er müsse bis 112 morgen eine seine Kräfte weit übersteigende Summe Nr. Glas gktwton: A. Schema. es sä drauß ihrer darüb würde frei z zu sch Beder die F einem aber und s Zeltw It haben sehr j U von z keilen war ( schuld der L hätte liebste Herrn Papa lichen geböte der 21 oder • um ei heimn wird Aber wir u Cafee „Das dachte ich mir doch gleich", war bie Ant- 1 ort des neuen Vertrauensmannes; einen Augenblick sann er dann nach und bat daraus den Kaufmann flüsternd aber sehr eindringlich, ihn am AbM> da und da aufzusuchen. 2lllerhand seltsame Gedanken durchzogen den Bedrängten und Erzah.ungen von reichen Bettlern schoflen ihm durch den Kopf. Er wurde wirklich etwas ruhiger uno mit euer leiten Hoffnung setzte er seinen Weg fort. Abends begab er sich zu dem bezeichneten Hause weit von der Hauptstadt und wurde von der srau des Bettlers sehr demüthig empfangen. Alles deutete die tiefste Armuth an, ein schlechter Kasten drente als Sitz und eine alte Pfeife ohne Mundspitze eij= hielt er dargereicht. Aus dem anstoßenden Gemach klang ein Stöhnen und Röcheln, das dem Besucher sehr unheimlich vorkam und dazu ließ ihn jetzt auch das Weib noch allein, angeblich, um den Kaffee zu bereiten. Eine Anzahl der schrecklichsten Geschützten gingen dem Horchenden durch die Erinnerung ; er entsann sich furchtbarer Verbrechen, die von Griechen während seines Aufenthaltes in Pera verübt woroen warm und wußte auch gut genug, daß die^e Leute keine Unthat scheuen, ihre Gier zu befriedigen. Eben faßte er den Entschluß, sich über die Ursache des Stöhnens Gewißheit zu verschaffen und in das Neven- gemach zu gehen, als der Bettler mit fetner eintrat. Ein einziger Blick üoerzeugte ihn, daß Beide keine feindliche Absichten gegen ihn hegten, denn in ihren Zügen strahlte die offenste Freude, ihn zu sehen. Der seltsame Hausherr dankte dem Gaste herzlich für die Ehre seines Besuches, nahm ihm eiligst die schlechte Pfeife und brachte ihm aus einem Wandschranke ein kostbares Rohr; hierauf setzte er ihm eine silberne Kaffeetaffe vor m der er dm braunen Trank servirte und endlich orachte er aus einer Schieblade mehrere große Säue, aus denen er eine Masse von Goldstücken, Xmfaten, Rubel, Piaster, Livres, Napoleons, Kronen re. mt- nahm. Ohne ein Wort zu sagen, bat er den Be° sucher, der vor Ueberraschung stumm war, gleich nachzuzählen, ob die Summe, die er ohnedies gern bei ihm angelegt hätte, hinreichend sei, er freue sich, es gerade jetzt thun zu können, da es so dringend erforderlich geworden. Der Kaufmann war noch immer sprachlos und glaubte in einem Wayn befangen zu fein, diese plötzliche Rettung durch einen Bettler schien ihm unfaßbar. Endlich erholte er sich unter dem freundlichen Zureden seiner W>rthe uno nun ging der Grieche, der zwar seiner Krücren bedurfte, aber doch nicht so elend war, als er auf der Straße schien, zwei Zeugen für den Vertrag zu holen, der sogleich ausgesetzt werden sollte. Während defleu erkundigte sich der Franzose nach der Ursache des vorhin gehörten Stöhnens und zu seinem EnUetzm erfuhr er von der ganz ruhig und unbefangen bleibenden Frau, die Klagetöne seien von ihrem_________________ -Hund Vsrl^HrHhl1ch°N Drucke«, (Fr. Ehr. Pietsch) M Gichm. jüngsten Sohne, dem der Vater erst heute Morgen die Arme und Beine gebrochen habe, damit er besser die öffentliche Mildthätigkeit in Anspruch nehmen und sein tägliches Brot gewinnen könne. Die beiden älteren Knaben feien ebenso zugerichtet worüm und hätten dem Vater all' das Geld da aus dem -msiku eingebracht, seien aber leider vor einigen Mona.en OB« -« ben entsetzten Zuhörer, das er ferne beangst^te Lage völlig vergaß und wie von Furien gejagt die Treppe hinabsprang und forteilte. Er einigte sich noch am selbigen Abend mit seinem Gläubiger, dem er dm Vorfall erzählte und konnte seither nie mehr ebne Grauen den wieder an seinem Platze unter einer Cvprefle sitzenden Bettler und noch, weniger die zahllosen verkrüppelten und gelähmten griechischen Kinder betrachten, die sich schaarmweise in jedem Winkel der türkischen Hauptstadt ft^n. Es ist längst bekannt, daß auch m London solche Falle ab sichtlicher Verstümmlung zum Zwecke der Brand Atzung der öffentlichen Mildthätigkeit vorkommen, ib.- h-b-,, « di° M.--, an >h« Kindern derart zu solcher Virtuosität gebrachi, als L L dm Lchm 'ch Fall ill.. W-lch--. ®-m* von Großmuth und Niederträchtigkeit zeigt n.chl dieser Bettler, der so viele seines Gleichen hat. Derselbe Mensch, der sich zum Henker der eigenen Kinder macht und ihnen das Schönste, was ihnen 2 ge* die gesunden, geraden Glieder nimm ihnen Gestalt und Gesundheit raub., derselbe bietet das auf solche entsetzliche Weise, durch ftme verstorbenen, gemordeten Klemen erworoene Gelv einem fremden Kausmanne, wenn auch unter Kontrakt, an, der ihm einige Jahre lang Almosen gegeben und noch dazu in einem Augenblicke, wo jed.r rindere sich besinnen würde. Ich habe selbst manche Krüppel getroffen, die gar keine Gelenke mehr besaßen und als bloßer Rumpf am Boden krochen; die sich an einen Spekulanten vermiethetm, der sie gut ernährte und dafür die ganze Einnahme bekam. Es gibt in Konstantinopel mehr als eine reiche S«n»ue, bie i ihren ganzen Besitz einem verstümmelten Kmde dankt - und nun glänzend lebt, und leider findet sich kerne . Polizei, die durch ein einfaches, strenges Veroot , solcher Schaustellungen die entsetzilcye Unthat an einem menschlichen Wesen verhinderte. Wenn icy seither von entarteten Nationen lese, so kann ich in bet Erinnerung an die alten Hellenen und ihre hohe Bildung mich des Gedankens nicht erwegren, daß sich unter ihren späten, lang unterdrückten Nachkommen, die ohnedies etwas anrüchig sind, ryrer Unehrlichkeit wegen, die Musterbilder der Entartung finden. Wie soll aber ein Türke nun die Schwärmerei Eurova'S für die Selbstständigkeit solcher Voller, die er in ihrer ganzen Verkommenheit jeden Tag vor Augen hat, begreifen? Wie soll er Meine für etwas anderes als für den Vorwand zu Gewalt- thätißkeiten halten? Dr. 1'. Muller.