Hießener Jamilienblätter VeLeMßifches KrMM MM Gisßmet LNMWK. Rr. 143 Samstag den 4 Dcccmber Wis zur letzten Klippe. Original-Roman von E. Heinrichs. (Fortsetzung). „Als ich soweit genesen war, um einen Spaziergang durch den Park zu machen, wurde ich eines Tages in aller Stille verhaltet, in einen verschlossmen Wagen gesetzt und nach Sibirien traneportirt, weil man mich in Petersburg als Verschwörer denuncirt und die Beweise dafür erbracht hatte. Meine Ver- urtheuung war summarisch und nur der Fürbitte meines Vaters gelang cs, mein Lebrn zu retten. Das sind jetzt gerade achtzehn Jahre her! — Jenem schwedischen Grafen Altars verdankte ich nach drei Jahren schwerer Gefangenschaft meine Freiheit. Meinen Vater hatte der Kummer dahin gerafft, meine Mutter war ihm bald gefolgt, die reichen Güter wurden confUcirt. — Ich war ein elender, heimathloser Flüchtling auf Erden. — Der Schwede brachte mich über's Weltmeer, er sorgte wie mein Bruder für mich und wollte mich in Amerika auf- suchen; — er ist nicht gekommen, ich sah ihn niemals wieder. Nach Jahren traf ich einen Mann, dem ich einst Wohlthaten erzeigt; er erkannte mich und weinte vor Freude, — der arme Mensch folgte mir wie ein Hund, bis er für mich in einem M fser- kampf sein Leben ließ. — Er erzählte mir, daß Halbrock die Nachricht von meinem Tode verbreitet und dann, als meine Eltern kurz hintereinander gestorben, auf den Wunsch ihrer Mutter meine Wittwe geheirathet habe. Wie er dann plötzlich geflüchtet, weil man in Petersburg ihn verdächtigt haben solle. — Was weiter aus ihm und der unglücklichen Hedwig geworden, konnte er mir nicht sagen." „So starben Ihre Eltern bald nach Ihrer Weg- sührung schon?" fragte Fesix tief anfathmend. »Ja, — ich war auf Lebenszeit nach Sibirien begnadigt", versetzte Katä-ra dumpf, „mein Vater durfte mich nicht befreien, meine Mutter stand ebenfalls auf der Liste der Verdächtigen — man sagt, daß Beide freiwillig aus dem Leben geschieden sind. —" „O, wie furchtbar!" rief Felix entsetzt. „Es war Alles sein Werk, — es ist gut, daß ich diese Geister aus ihren Gräbern heraufbeschworen, — um wieder ein Mann zu .sein, und das Werk der Rache unerbittlich zu vollbringen, anstatt mich wie ein Feigling zu den Thisren des Waldes zu flüchten und die Erinnerung zu bannen. Hüte Dich, Verräther, die Nemesis wird Dich packen und ihre Geisel unbarmherzig über Dich schwingen. Nur ein Gedanke erfüllt mich stets mit Zagen", setzte er nach einer Weile schwerathmmd hinzu, „der Gedanke an sie, die ich einst geliebt und dann an ein Kind, welches ein halbes Jahr nach meiner Einkerkerung geboren worden ist —" „Barmherziger Gott! Ihr Kind —" rief Felix. „Mein Kind", tönte es dumpf von des unglücklichen Mannes Lippen, „wo werde ich es finden? Es hat noch gelebt, als Halbrock und Hedwig bei Nacht und Nebel verschwanden, wie jener Mann mir erzählte. Ein kleines Mädchen, — mein Kind, er nannte mir sogar den Namen, und ich Elender ließ es in den Händen eines Mörders und vergrub mich int Urwald." Er verbarg sein Gcstcht, um die Thränen der Reue und Verzweiflung nicht sehen zu laffen. „Sie dürfen sich deshalb keine Vorwürfe machen" tröstete ihn Febx, „waren Sie doch ein Flüchtling, der seinem Kinde keine Heimath, kein Glück bieten konnte. Jetzt mag uns Beide, welche Gott zu- sammengeführt im Wettergraus des Urwaldes, um das Werk der Vergeltung zu vollenden, nur ein Gefühl, eine Hoffnung leiten, — jenen Verräther zu finden, und feinem verbrecherischen Treiben ein Ziel zu setzen. Mag dieses ernste Ziel sich mit der beglückenden Hoffnung verbinden, daß für Sie, wie für mich eine Blüthe reiner Erdenfreude in der alten Heimath vielleicht noch winkt, — Ihnen die Tochter, mir die alten Freunde und das Elternhaus, welches ich mit versöhntem Herzen gegen die Tobten begrüßen werde." „Illusionen!" lachte Katara spöttisch auf, „sind Sie so knabenhaft noch geblieben? Wie lange haben Sie die Heimath nicht gesehen?" „Es werden bald siebzehn Jahre sein — " „Bah, so lange in Amerika und noch Illusionen? — Was wollen Sie in der Vaterstadt? — An Gräbern beten? — Seien Sie kein Thor, mein lieber Rodenöurg, RachegMer und Friedensengel sind Gegensätze, welche sich niemals vereinen laffen. Es ist mir nicht recht, daß der Judas mit einem Hamburger Schiffe fortgckommen, daß er drüben seinem Geschick entronnen, — ich empfand bereits eine grimmige Freude, ihn mit dem Strick am Halse zu begrüßen." Aber der Bube hat Gold gehabt und damit seinen Kerker geöffnet. Wenn wir nicht zufällig jenen schuftigen Indianer trafen, welcher Sie im Urwald verließ und bei der Flucht jedenfalls geholfen hat, so tappten wir im Dunkeln und hatten das Nachsehen." 570 „Ich fürchte nur, daß die treulose Rothhaut uns belogen hat."' „Unbesorgt, mein guter Felix! die Sorte kenne ich zu genau, — stehe mit den Eingeborenen auf einem Fuß, der keine Treulosigkeit mir gegenüber zuläßt. Der Bursche hätte ihn mir unbedingt überliefert, wenn er Alles gewußt, er ist mir wie ein Hund ergeben und zitterte bei Ihrem Anblick wie ein Verbrecher. — Nun, wie bemerkt, es wäre mir um Ihretwillen lieber gewesen, wenn ihn ein eng» Usches Schiff heimgeführt hätte; die Vaterstadt ist für Sie kein Friedensport." Felix schwieg. Vor seinem inneren Blick stiegen die Thürmr der alten Hansestadt empor; — der Hafen mit seinem Mastenwald, das Getreide der Handelswslt, die Binnen-Alster mit ihren Palästen und jenseits derselben die Uhlenhorst, von Villen umrahmt. Dort das alte Vaterhaus und hier die Marzipan-Villa. — Er seufzte schwer und wandte sich im Geiste dem Kirchhof zu, wo die Mutter schlief, die Mutter, — deren Andenken der Vater entweiht, als er das junge Mädchen zur Herrin seines Hauses gemacht hatte. Ob der alte Mann glücklich geworden? Unmöglich I Eine solche Unnatur trägt ihre unerbittliche Vergeltung in sich selber. Wie hätte das junge Weib mit der eitlen, geldgierigen Seele irgend einen Menschen beglücken können? Gott hat mich gnädig vor dem Elend einer solchen Ehe bewahrt, dachte er, ich hätte im Grunde dem Vater dankbar sein muffen, anstatt ihm deshalb zu grollen. So kreuzten feine Gedanken durcheinander, während bas Schiff pfeilschnell die Fluth durchschnitt und sich immer mehr dem alten Europa näherte. KatLra, betrachtete ihn still, — er hatte den deutschen Gefährten mit den tiefen blauen Augen und dem braven Herzen liebgewonnen wie einen Bruder und wollte ihn so gern vor bitteren Enttäuschungen bewahren. Und doch trug auch er, der finstere Menschenfeind noch eine unbewußte Illusion im Herzen, — den Gedanken an sein Kind, welcher in all' den langen Jahren trostloser Verbannung ihn niemals verlassen und das geheime Band zwischen ihm und der Menschheit trotz alledem und alledem noch immer verknüpft hatte. 4. Capitel. Vierzehn Jahre waren vergangen, — seitdem jener unheimliche Vorfall mit der tobten Frau in der Droschke sich zugetragen und der Gastwirth „Zur goldenen Traube" sich der armen verlassenen Weise erbarmt, — seitdem die brave Frau Möller Mutterstelle an dem fremden Kinde, das sich Vera genannt, vertreten hatte. Vierzehn Jahre! — ein langer Zeitraum, in welchem das Kind zur Jungfrau herangeblüht war und für die rechtmäßige Tochter des jetzigen Rentiers Heinrich Möller galt, welcher vor vier Jahren die Wirthfchast verkauft, sich eine kleine Villa vor dem Dammthore erbaut hatte und nun behaglich von seinen Renten lebte. Der damalige Hausknecht Hannes war sein Nachsolger geworden, welcher noch heute für Madame und Fräulein Vera durch's Feuer ging. „Sieh mal, Hannes!" hatte Frau Möller später zu ihm gesagt, „die Leute brauchen es nicht zu erfahren, daß wir unser Kind so zu sagen von der Straße aufgesammelt haben. Vera soll für unsere richtige Tochter gelten, weil es zu viele schlechte Menschen gievt, die das arme Göör deswegen verachten können. Verstehst DU wohl, Hannes?" „Ja, gewiß, Madame!" hatte Hannes gesagt, „wenn nur der Name Vera nicht so pntzig wäre, unsere selige Doris —" „Schweig still, Hanne«! — man muß die Tobten ruhen lassen, — ich kann bie kleine Vera boch nicht umtaufen?" Hannes hatte bann nachdenklich vor sich hinge- blickt und endlich gemeint, ob die Madame es so gewiß wüßte, daß bie Kleine wirklich christlich getauft wäre, worüber bie brave Frau so h-illos erschrocken war, daß sie selber zu ihrem Pastor gegangen und diesen um Rath gefragt hatte. Das Ende vom Liede, um ganz sicher zu gehen, war ein stiller Taufact in der Predigerwohnung ge- wesen, wo die fremde Waise den Namen Vera Dorothea Möller irhalten und als solche mit der nöthigen Bemerkung des besonderen Falles in's betreffende Kirchenbuch eingetragen worden war. Jetzt erst schien auch der wackere Heinrich Möller das fremde, ihm so urplötzlich in's Haus geschneite Wesen als sein Eigen zu betrachten und dem lieb- lichen Kinde seins väterliche Neigung zuzuwenden, was im Grunde so sehr schwer nicht war, da Vera neben ihrer Schönheit jenes Feengeschenk der Anmuth und Liebenswürdigkeit empfangen, welches alle Herzen im Sturm erobert. So war sie verhätschelt und von Liebe umgeben, aufgewachsen; Niemand machte ihr den Platz im Herzen der biederen Pflegeeltern streitig, und wie die Eindrücke der zarten Kindheit bald gänzlich verwischt, das Bild der tobten Mutter wie überhaupt bie Erinnerung an sie in ihrem Gebächtniß ebenso vollständig entschwunden waren, so konnte es nicht fehlen, daß sie sich als rechtmäßige Tochter des Hauses fühlte. Die braven Leute erfüllten die übernommene Pflicht nach allen Seiten hin gewissenhaft, denn — „wir haben es ja", pflegte Herr Möller mit Selbstgefühl zu versichern, wenn der Notar Willing oder Fräulein Natalie Gotthard ihnen einen Beitrag zu den Erziehungskosten aufzwingen wollten. „Lassen Sie meine Alte das nicht hören", setzte er jedesmal warnend hinzu, „bie ist nicht von Stroh, wissen Sie; bas Kind gehört uns allein unb hat kein Mensch was drein zu reden ober seinen Antheil baren zu verlangen. Meine Alte will was besonbers Feines aus dem Göör machen, — na, ich bin neu- ä gierig darauf, — benn warum? weil sie felbrr eine i derbe Köchin gewesen ist. Aber bei dieser Drejstrung 571 könnten Sie ihr an die Hand gehen, Fräulein! — denn warum? — weil Sie den Rummel, — ich meine das vornehme Wesen verstehen." Fräulein Natalie that denn auch redlich das Ihrige, damit aus dem feinorganisirten Kinde kein lächerliches Zerrbild erzogen werde. Sie sorgte dafür, daß Vera in _ eine gute Schule kam, wo eine besondere Aufmerksamkeit auf ihre Sprache und Ausdrucksweise gerichtet wurde und wußte es, ohne Frau Möller's Eifersucht zu erregen, klug einzurichten, daß das junge Heranwachsende Mädchen sich häufig in ihrer Gesellschaft befand und dadurch den besten Schutz gegen die immerhin rohen Eindrücke der häuslichen Umgebung empfing. Natalie war ein schönes, stolzes Mädchen von energischem Character, der solide Reichthum ihres Vaters gab ihr jenen goldenen Hintergrund, welcher sie zu einer Vielumworbenen machte, aber sie auch mit dem unauslöschlichen Mißtrauen erfüllte, daß sie einzig und allein ihres Mammons halber begehrt werde, ein Mißtrauen, das stark genug war, jeden Antrag auszuschlagen und die ganze heirathslustige Männerwelt mit Spott und Ironie zu überschütten. „Was soll denn schließlich aus Dir werden?" hat der Vater sie eines Tages unwillig gefragt. „Eine alte Jungfer!" lautete Nataliens lachende Antwort. „Bah!" — eine verspottete und verhöhnte Närrin! — Du wirst mir und Dir selber den Schimpf nicht anthun, Kind!" „Schimpf? — wenn ich es verschmähe, mit einem Meineid vor den Altar zu treten?" hatte Natalie mit blitzenden Augen geantwortet. „Laß uns dieses Capitel jetzt ein für allemal beschließen, Papa! — und höre mein letztes Wort. Wenn ich eine beneidete Vielumworbene bin, so verdanke ich es einzig Deinem Gelds, weil man sich überall sagt: Der Banquier Gotthard ist ein solider, vorsichtiger Geschäftsmann, dessen Name Baargeld bedeutet, die Tochter seine einzige Erbin, leidlich hübsch und gebildet dazu, — man kann bei dieser Heirath ganz sicher gehen, und sogar eine Halbwegs glaubwürdige Herzensneigung vorgeben. O, ich kenne eine Menge solcher Ehen, die vor der Welt ein schimmerndes Glück präsentiren und inwendig den Modergrüften gleichen. Ich danke für solches Schicksal und werde das lächerliche Vorurtheil der alten Jungfer glänzend besiegen. Mich schaudert bei dem Gedanken, ein langes ödes Dasein an der Seite eines ungeliebten Mannes verleben, seine Fehler, Gewohnheiten und Gemeinheiten ertragen und mir stündlich sagen zu müssen: Du bist als Ballast des Goldes geheirathet! — Das ist das Loos der reichen Mädchen, — während die Arme sich entweder, wenn sie schön genug ist, als Preis zu gelten, verkaufen muß, um als Frau des Neichen in der Welt zu glänzen, — immerhin noch ein seltener Fall, — das große Loos in der Lebens« lotterie — oder als Frau des armen Mannes eine grausame Niete zu ziehen, welche Elend, Noth, Jammer, aufreibende Lasten und Arbeit und nur zu häufig auch Mißhandlung bedeutet." Der Banquier hatte ganz erstaunt zugehört, den Kopf geschüttelt und ein „Unsinn!" nach dem andern gemurmelt. „Laß mich ausreden, mich ein für allemal damit zu Ende kommen, Papa! — Es ist kein Unsinn, sondern nüchterne Wahrheit. Wer das alberne Wort von der alten Jungfer erfunden hat, müßte seinen eigenen Pranger haben; vermuthlich ein alter boshafter Junggeselle oder eine eifersüchtige eitle Frau, da die Frauen leider am grausamsten gegen ihr eigener Geschlecht sind. Oder ist es keine schreiende Ungerechtigkeit, ein Mädchen deshalb zu verhöhnen, weil die Zeit sich nicht aushalten läßt und sie älter wird wie jeder andere Sterbliche auch? — Weil sie dem Gesetz der Sitte hat gehorchen und auf den Mann hat warten müssen, der nicht gekommen, weil sie entweder nicht reich, nicht schön oder nicht kokett genug gewesen ist, um ihn heranzulocken? — Ach, wie viel wird in dieser Hinsicht gesündigt, wie viele Wunden geschlagen, wie tief gekränkt. Dasselbe Alter nennt in einem Athemzuge die „junge Frau" und die „alte Jungfer", mag jene auch eine schmach. volle Vergangenheit, diese ein strenges, redliches, arbeitsames Leben hinter sich haben! Das ist die schreiende Ungerechtigkeit der Welt, das moderne Steinigen, gegen welches ich, der begehrte Goldfisch, als Mitglied des „Alte-Jungfern-Ordens" energisch in die Schranken treten werde." Der Banquier hatte ein grimmiges Gesicht geschnitten und dann ärgerlich gelacht. „Ein weibl'cher Don-Quixote also — Du wirst früh genug einsehen, wie ohnmächtig Dein Kampf mit Windmühlenflügeln ist und wie Deine eigenen Leidensjchwestern sich gegen Dich wenden. Aber meinetwegen zwingen will ich Dich nicht, bist ja schließlich Deines eigenen Glückes Schmied." Er hoffte dabei auf den rechten Josef, der wohl einmal an ihrem Herzensschrein klopfen und Einlaß begehren werde. (Fortsetzung folgt) Wer war der Water? Sine Erzählung.aus Amerika. (Schluß.) Einen Hausschlüssel besaß ich noch von früher her und ich kam auch wirklich fast lautlos durch den Hausflur in den Hof, von wo aus ich im nächsten Moment schon in den schmalen Durchgang zwischen den Häusern schlüpfte. Das Herz pochte mir fast hörbar, als ich unter dem erwähnten Fenster angekommen war. Im nächsten Augenblick befand ich mich auf der Fensterbank und ■ nun begann erst der Haupt:heil meines unheilvollen Werkes; wenn ich eine Scheibe eingedrückt hätte, wäre mein Onkel ohne 572 einen scheuen Blick -ückwäris auf das Bett, gewahrte aver zu uwuiw Onkel sich gar nicht regte. Ein furchtbarer Gedanke Druck und Verl«g der Brühl'schm Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) i» Rrdsrtisn: A. Scheyda, — niederftel. Auf dieselbe Weife erweiterte ich nun die Oeffnung, bis ich endlich ein beträchtliches Stück der Scheibe herausgefchnitten hatte und den von innen vorgeschobenen Riegel .empordrücken konnte. Das Fenster öffnete sich ohne Geräusch, aber als ich , innen hinter dem Schrank stand, hielt ich docy mit - zitterndem Athem an, denn jetzt kam noch ein gefährlicher Theil meines Unternehmens. Ich mußte mich gegen das Fenster stemmen, um auf den Schram zu gelangen und von da aus in's Zimmer, und Du kannst Dir vorstellen, wie entsetzlich mir zu Biuthe war, als ich die regelmäßigen Athemzüge meines Onkels vernahm, der wenige Schritte von mir in feinem Bette schlief. Ich lauschte mit angchaltenem Athem, aber an sein Erwachen war offenbar '.ncht zu denken. Noch ein Gedanke an mein ausgebliebenes Jahrgeld, und ich stand vor dem Schreibtisch. Im । nächsten Moment steckte bereits mein Nachschlüssel, ; welcher, wie ich wußte, ungefähr paffen mußte, im Schlöffe, aber es bedurfte doch eines besonderen kräftigen Druckes um die Feder in Bewegung zu bringen. Ich drückte und, o Entsetzen I im nächsten Augenblicke sprang das Schloß mit einem so lauten Krache auf, daß ich zusammen zu sinken glaubte. Sofort klang auch die Stimme meines Onkel«, welcher sich aufrichtete und laut rief: „Wer ist Da?"' Was nun folgte, vermag ich Dir auch heute noch kaum zu beschreiben. Antworten konnte ich ja mcht, meine Pulse klopften fieberhaft; Funken tanzten vor meinen Augen, ich sah mich schon ergriffen, ms Ge- fängniß geschleppt, verurtheilt, von meinem Onkel enterbt, und alles dieses nur, weil er selbst mich m diese Roth gebracht hatte. Es war ein Augenblick, so fürchterlich, daß ihn wohl keine Feder schildern kann! am liebsten wäre ich sofort ja wieder geflüchtet, aber jetzt ertönte auch schon meines Onkels gellender Hilferuf und wahnsinnig vor Aufregung stürzte icg auf das Bett zu, um wenigstens dieses Geschrei zu ersticken und ihn mit den Kiffen fo lange zuzudecken, bis ich Zeit hatte zu flüchten, denn erkennen konnte er mich in dem Dunkel unmöglich. Ganz besinnungs- los stürzte ich auf ihn zu, packte ihn an Mund und Kehle und klammerte diese fest, aber nur um fern Geschrei zu ersticken. JÄ entsinne mich noch sehr deutlich, daß dies mein einziger Gedanke war, denn das Geld zu nehmen, daran dachte ich schon gar Zweifel erwacht, aber ich wußte Rath. Ich ,zog i einen scheuen Blick . mit dem Diamantringe, den ich trug, einen kleinen aber l« «® flj $-£ sichtbarer Gedanke runden Kreis und drückte sodann das kleine runde Onkel sch g । { Qße§ bisher erlebte, Glasstückchen rasch nach innen, wo es ohne wsider auf das Bett Dr. Westen las dieses Bekenntniß in tieser Ergriffenheit zu Ende und weihte dem Andenken des Unglücklichen eine Thräne. Er saßte den Entschluß, von den erschütternden Mitteilungen (eines ungUWsn F'«"nd« »• mnnb eto« ahnen l«*'«’“* d'-I-n L satz vermochte er nicht durchzufuytL.„ - • lange nachher erhielt er ^e Nachttcht, daß dre ^e börde nachträglich einen Nnscyulvigen, der m feuer Nwbt stch in auffälliger Weise in der Umgebung Unglückshauscs aufgehalten hatte uud gese-'en wor en war erariffen habe. Was der tobte §reuno 10 ton« aefü chtet, war also dennoch eingetroffen und SgtoÄ W-«m» d°» ru sein dem Gerichte den traurrgen Vorgang uno das Bekenntniß des Verstorbenen uutzMheüen? Wohl erregte das Bekanntwerden der Wahrhe t grenzenloses Aufsehen, aber ^dem Strudeld.r ; Weltstadt war doch auch diese That bald vergesse , i die genug des Bösen wieder erzeugt hatte. i Dr. F. Müller. nicht mehr. Ich mag in meiner großen Erregung auf die Zeit wohl nicht geachtet haben, doch aber entsinne ich mich noch, daß mein Onkel fast gar keinen Widerstand leistete, daß ich ihn in größter Hast mit Kiffen bedeckte, um dann, bevor er wieder schreien konnte, \ flüchten zü können. Hastig sprang ich bis zur Thür! s Jeden Augenblick dachte ich sein Geschrei wieder zu . hören, es erfolgte aber nicht und da warf ich noch langsam und leise schlich ich wieder, auf das Bett zu, die Kiffen bewegten stch nicht! Emen Augenblick lauschte ich, dann riß ich ,in jäher Angst dw Kiffen wieder hinweg, beugte Mich über das Bett I kein Athemzug mehr, kein Röcheln, ich faßte nach i semem Puls, er stand still; großer Gott, das hattt ich gewiß nicht gewollt; halb bewußtlos mußte ich mich mit Gewalt aufrecht halten, ich erkannte die Situation und wie von Dämonen getagt, stürzte ich davon, riß meinen Nachschlüssel aus dem Schloß des Schreibtisches und war in wenigen Augenblicken auf demselben Wege, den ich gekommen wieder aus dem Hause entwichen. Wre von Fünen gejagt eilte ich nach Haufe, verbrachte dm Rest .er Nacht in fürchterlichster Verzweiflung und kam schon früh Morgens wieder in die Gegend meuter That, I Wüstete aber sofort dann zu Dir, weil ich sehen wollt-, ob nicht meine Bekannten den Zu ammenhang schon ahnten/ das weitere weißt Du ,a und nun erkennst Du auch den wahren Grund memer da- maliaen Aufregung, der Du selbst mich zu tröste suchtest. Das verborgene Fmfter faud damals jemand und Du selbst erfährst «"hl auch e^ fetzt ? davon; sehr bald wurde fa auch der Nachlaß ve. I siegelt und später mir übergeben. Ich fefete felbft j die zerbrochene Scheibe wieder em.und das Ra-Hset j wurde nie gelöst, jetzt alter Freund we ßi Du alles, j es ist die reine Wahrheit die ich Dir im Angestchte des Todes bekenne; ich weiß, Du annstundwlrst \ mich nicht verurtheilen, lebe wohl und bewahre em ! freundliches Andenken greunbe i Henry.