Hießener Jamilienbläüer. Belletristisches Beiblatt Mm Siebener Anzeiger. M. 27. ———— Twimerstag den 4- März. —— 1886. ■i hin ii—hihi ii W m!i|iiii—1 nwjj Die Aakschmünzer. Eriminal-Roman von Gustav Lössel. (Fortsetzung). Duprat senkte den Blick. Es zuckte wieder spöttisch um seine geschlossenen Mundwinkel. „Wie glücklich müßten Ihre armen Eltern gewesen sein", fuhr Etwold fort, „wenn sie es noch mit erlebt hätten, ihren Cohn so zu Ansehen und Ehren gelangen zu sehen. Aber dies berührt Sie schmerzlich. Ich glaube, Sie sagten mir doch einmal, daß Ihre Eltern tobt seien I' Es war wirklich etwas aus dieser verschlossenen, kalten Natur emporgefluthet, das wie eine echte warme Gefühlswallung aussah. Aber nur blitzartig war das gewesen, dann legte sich wieder die undurch- brechliche Eisrinde um die innerlich gährende Gluth, und als Duprat die Frage des Kommerzienraths beantwortete, klangen seine Worte kalt und überlegt. „Meine Eltern sind tobt", sagte er. „Ich habe nur meine Mutter gekannt und diese auch nicht lange. Sie starb im — Wahnsinn." Wieder eine solche Gefühlszuckung, ein langes tiefes Athemholen und ein stechender Blick auf den Commerzienrath, vor welchem dieser sein Auge zu Boden schlug. War es nur das Widerspiel dessen was auf Duprats Antlitz saß oder eine eigene mächtige Gefühlswallung, die neue Belebung einer längst verklungenen Erinnerung, auch Etwold schien von dieser eigen« thümlichen Stimmung seines jugendlichen Vertrauten mitergriffen. Er fuhr sich rasch mit der Hand über die Augen, wie um etwas zu verwischen, das ihm da vorschwebte, und leitete das Gespräch in seine frühere Bahn zurück. „Wir sind abgeirrt", sagte er, sich wieder setzend; „ich fragte Sie, was nun beginnen, da mein Sohn meine Ermahnungen nicht achtet und fortfährt, meinen hochstehenden reinen Namen zu verunglimpfen. Soll ich ihn zurückruien?" Duprat schrack leicht zusammen; er schüttelte in seiner bescheidenen Weise mißbilligend den Kopf. „Wenn meine unmaßgebliche Meinung denn doch ein Plätzchen in Ihren Erwägungen finden soll und Sie von meiner lauteren Absicht überzeugt sind, so möchte ich mir bescheidentlichst zu bemerken erlauben, daß das nur geeignet wärk, Ihren Herrn Sohn in seinen Extravaganzen zu bestärken und Ihnen durch das stete Voraugenhaben derselben neuen und heftigeren Kummer zu bereiten-" „Schon wahr, schon wahr" sagte beunruhigt der Commerzienrath. „Aber so geht es doch nicht weiter. Etwas muß geschehen, um eine Aenderung hervorzubringen." „Und wenn diese Aenderung nicht auch eine Besserung ist?" „Allerdings, dann bleibt es wohl ebensogut beim Alten." „Vielleicht wenn Sie, wie ich mir schon einmal in Erwäguirg zu bringen erlaubte, Herrn Eduard ins Ausland schicken." — „Reisen? Nein. Er würde vielleicht nach Paris ober Monaco gehen, um bort sein Aergstes zu leisten und mich zu ruiniren." „Um Entschuldigung, Herr Commerzienrath, das meinte ich auch nicht. Es schwebte mir dabei vielmehr ein ferneres Land — Amerika ober Australien vor. Nur mit genügenden Mitteln zur Reise versehen, neue Sendungen versprechend, aber unterlassend, würde Ihr Herr Sahn vielleicht zur Umkehr auf einen besseren Weg gezwungen werden." Der Commerzienrath schüttelte mißbilligend den Kopf. „Ich gestehe, es ist eine harte Schule", fuhr Duprat mit sanfter Beredsamkeit fort, „aber man hat doch viele Beispiele von Besserung — „Und noch mehr von gänzlicher Verwilderung ober Selbstvernichtung", fiel der Commerzienrath ein, „unb dazu möchte ich als Vater doch nicht Mitwirken. Eduard ist doch immer mein Sohn und trägt meinen Namen. Nein, Duprat, ich kann mich zu diesem Aeußersten nicht entschließen, kann mich an diesen Gedanken nicht gewöhnen. In die Verbannung schickt man Verbrecher, und trotz aller losen Streiche meines Sohnes, zu welchen böse Genossen ihn verleitet haben mögen, zum Verbrecher ist er doch noch nicht hinabgestiegen, und soweit ich ihn kenne, wird er es auch niemals. Es wäre fein Letztes!" Duprats Züge belebten sich, in den kalt blickenden grauen Augen flammte es auf, und wieder streifte ein tückischer Blick das in diesem Augenblick recht kummervolle Antlitz des Kommerzienraths. „Ich redete nur zum Guten" sagte er demüthig. „Ich weiß es", sprach der Chef, indem er sein gebeugtes Haupt erhob. „Unb meine Abweisung Ihres Vorschlages soll keinen Tabel für Sie enthalten. Lassen wir den Gegenstand aber einstweilen ruhen. Es bleibt noch genug Unerquickliches zwischen uns zu erledigen. Sie sprachen vorhin von schweren Zeiten, welche Ihrer Meinung nach über mein Haus 106 hereinzubrechen drohen. Jedenfalls bezogen Sie das auf jenes schändliche Verbrechen, in welches zu meinem großen Verdruß auch mein Name verwickelt wurde. Sie kennen den Fall?" „Nur ganz oberflächlich aus dem, was ich hier und da aus den Zeitungen erhaschte, wozu ich mir natürlich nicht viel Zeit ließ. Ich hatte so wie so alle Hände voll zu thun, da ich ja nicht zum Vergnügen nach M. gereist war." „Tüchtiger junger Mann", sagte Etwold belobend. „Und welche Meinung haben Sie sich aus dem, was Sie gelesen, gebildet?" „Daß die Sache für uns gar keine Bedeutung weiter Hst. Daß der Mithelfer am Morde zufällig in Ihren Diensten stand, kann Ihren guten Ruf nicht in Frage stellen. Wenn er gefunden sein wird, vorausgesetzt, daß ihn nicht Fische gefressen, wird Alles an den Tag kommen, auch wer das Weib gewesen, welches das blutige Werk vollbrachte." Etwold spielte nervös mit den Bijoux seiner Uhrkette. „So — meinen Sie, daß er jemals wieder zum Vorschein kommt, der rothe Mathies?" fragte er. „Der Schlupfwinkel des Verbrechens hat die Weltstadt siele", entgegnete Duprat. „Wenn er sich dort längere Zeit verborgen hält, kann cs ihm vielleicht gelingen, zu entkommen. Er läuft aber jeden Tag Gefahr, gefaßt zu werden." Etwold wandte sein verstörtes Antlitz ab. „Gewiß, gewiß", sagte er halb für sich, „die Gefahr ist immer vorhanden, wenn — er nicht eben einen vorzeitigen Tod gefunden." „Und beidem können wir mit Ruhe entgegenblicken", entschied Duprat. Der Kommerzienrath schwieg. „Das war es auch nicht, was mich zu jener Aeußerung von den drohenden, schweren Zeiten veranlaßte." „Also nur die Affaire mit meinem Sohn?" fragte Etwold erleichtert. Der Prokurist schüttelte den Kopf. „Entsinnen Sie sich vielleicht noch, Herr Kommerzienrath", begann er mit vollem Bedacht und jetzt zum ersten Mal das Auge fest auf den Chef gerichtet, „des alten Forster, unseres ehemaligen Büreaudieners und Kassenboten?" Etwold hatte ihm schon früher den Rücken zugekehrt, sonst würde Duprat jetzt erstaunt gewesen sein über diese Veränderung, welche die Nennung dieses Namens auf feinen Chef hervorbrachte. Etwold war erdfahl geworden und die Hand, welche die Feder hielt, begann heftig zu zittern, so daß er nicht schreiben konnte. Er wollte Etwas erwidern, aber er vermochte es nicht. Duprat faßte dieses Schweigen als Gedächtniß- fchwäche auf und fuhr fort: „Der Mann verschwand eines Tages spurlos und mit ihm eine Summe Geldes, deren Höhe ihn kaum zur Flucht bewogen habe« könnte. Außerdem war er ein langgedienter, treuer Mensch, dem man überall strengste Reellität und Ehrlichkeit nachsagte. Es unterlag keinem Zweifel, daß er das Opfer eines schändlichen Verbrechens geworden, welches jedoch nicht enthüllt wurde." „Ich weiß es", erwiderte der Kommerzienrath dumpf und ohne sich umzublicken. „Ich weiß aber nicht, weshalb Sie mich an diese längst abgethane, mir höchst peinliche Sache erinnern. Ich habe alles zur Aufklärung des mysteriösen Falles gethan, die Polizei damit betraut und sogar eine Belohnung für die Wiederaufsindung des alten Mannes oder die Entdeckung seiner Mörder ausgesetzt." „Ich kann Ihnen das bezeugen," bekräftigte Duprat diese Aussage. „Sie haben gethan, was in Ihren Kräften stand; wenn trotzdem von dem alten Forster nichts mehr verlautbarte, so trifft gewiß die Schuld weit eher unsere säumige Polizei als Sie. Das war auch nur die Einleitung zu dem, was ich zu sagen mich dringend veranlaßt fühle." „Reden Sie." „Dieser Forster hatte einen erwachsenen Sohn, der in dem angesehenen Bankhause von Hellwig und Compagnie, erster Buchhalter war." „Ja, ich entsinne mich. Ein netter junger Mann, Geschäftsmensch durch und durch. Nur schade, daß er so wahnsinnig war, sich in meine Tochter, die kaum den Mädchenschuhen entwachsen war, zu verlieben und bei mir ernstlich um ihre Hand anzuhalten." „Aber — Sie verzeihen — doch nur mit Zustimmung Ihrer Tochter", wandte Duprat ein. „Klara war, wie gesagt, ein halbes Kind, hatte also keine Selbstbestimmung. Ich sprach für sie, machte dem jungen Manne das vorstellig und wies ihm nicht, was ich bei jedem anderen gethan hätte, die Thür, sondern ermahnte ihn mit Rücksicht auf seinen alten, ehrlichen Vater zur Besonnenheit. Ich erfaßte die Sache von der scherzhaften Seite und sagte, er solle sich erst eine Million verdienen gehen, dann möge er wieder bei mir anklopfen." „Und Sie meinen wirklich", fragte Duprat eindringlich, „daß dies nur eine Jugendthorheit Fräulein Klara's gewesen, welche sie inzwischen bereut und vergessen hat?" „Ich bin davon überzeugt. Aber warum fragen Sie?" „Weil ich die zwingendsten Gründe habe, anderer Meinung zu sein." „Sie meinen?" „Wissen Sie Etwas von den ferneren Schicksalen des verunglückten Liebhabers?" „Ja. Er ging ins Ausland, über's Meer und ist seitdem verschollen." „Er war es, Herr Kommerzienrath, bis —" „Bis -?" „Bis zu dem letzten Maskenball in Ihrem Hause." Etwold zuckte zusammen, als hätte ihn eine ; Natter gestochen. 107 „Bis zu dem Maskenball?" fragte er unter dem Drucke einer bösen Ahnung. „Warum gerade bis dahin?" „Weil —" und des Prokuristen weiche Stimme nahm einen harten Klang an — „Fräulein Klara und der junge Förster an diesem Abend eine heimliche Zusammenkunft hatten." Der Kommerzienrath verlor für einen Augenblick seine Besonnenheit. Er rang nach Athem. „Wo?" keuchte er, „wo? Doch nicht — " „Ja!" rasch, unüberlegt, zischend stieß auch der Prokurist dieses „ja" hervor. War er selbst so fassungslos, oder wollte er den Kommerzienrath zu einer unbedachten Aeußerung hinreißen? Wenn das Letztere, so hatte er seinen Zweck erreicht. „Doch nicht im Wintergarten?" rief Etwold. Und erst als das Wort seinen Lippen entschlüpft war, besann er sich, daß er zu vorschnell gewesen. „Eben da", entgegnete Duprat. „Sie wußten also von dieser Begegnung?" „Ich? Nicht im entferntesten." „Aber Sie sagten doch —" „Ich dachte es mir nur, da Sie von einem Rendezvous in meinem Hause sprachen. Wo anders konnte es stattgefunden haben? Der Wintergarten ist leicht zugänglich von außen wie von innen." „Allerdings, das ist er, und der junge Förster muß die Gelegenheit gekannt haben." „Jedenfalls ging eine Verständigung voraus? Der Kommerzienrath sprang auf. Die Hände auf dem Rücken gekreuzt ging er ruhig im Zimmer auf und nieder. » „Und Sie sind Ihrer Sache sicher? Keine Ver Wechselung?" „Ganz sicher." „Und hörten Sie, was gesprochen wurde?" Duprat machte eine Bewegung bescheidener Entrüstung. „Aber Herr Kommerzienrath!" sagte er, „bin ich ein Spion?" „Nein nein", begütigte Etwold; „und ich kann mir denken, daß es Ihrem edlen Charakter widerstrebte, ein Vertrauen zu erschleichen, welches man Ihnen nicht entgegenbringt. Aber daß Sie den jungen Mann sofort wiedererkannten! Er war doch nur einmal in meinen Hause und ich entsinye mich nicht, daß Sie ihn da gesehen hätten." Nein, denn ich arbeitete damals noch als Ihr erster Buchhalter im Komptoir, und Sie beehrten mich auch erst später mit dem Vertrauen, dessen ich mich heute rühmen darf." „Nun also." „Um Vergebung, ich selbst hatte sehr intime Beziehungen zu Martin Forster, den Sie noch soeben als tüchtigen Geschäftsmann rühmten. Die gleichen Neigungen, Entsagung und ernste Arbeit, derselbe Beruf, verbanden uns in treuer Freundschaft. Wie hätte es bei so verwandten Naturen auch anders sein können!" (Fortsetzung folgt.) Woddeck. (Episode aus dem ungarischen Räuberleben.) Die in ihrer Form überaus pittoresken, Ungarn im Norden und Nordweften, Osten und Südosten umspannenden Gebirgszüge der Karpathen gewähren dem Jäger noch Reize, wie sie selbst in den steierischen, tyroler und oberbayerischen Hoch- und Gebirgswäldern immer seltener werden und an die Zeiten erinnern, welche von Seiten des zahlreichen Besitzadels außer dem Kriege fast nur der großen Jagd gewidmet waren. Es befindet sich daselbst in einer Ausdehnung von hundert Meilen, noch ein zahlreicher Wildstand von Schwarz- und Rothwild, Wölfen, Füchsen, Luchsen und auch Bären, die sich freilich selten aus dem wilden Geklüft des hohen Urwalds hervorwagen, um den Heerden der zerstreuten Pußten ein Stück zu entführen. Während der hohe und lange Gebirgszug von Norden nach Süden an der Grenze von Galizien und Bukowina, meist aus rauhem und todtem Geschiebe besteht, welches dem Baumwuchse weniger förderlich ist und größtentheils so schroff abfällt, daß ein Besteigen mit wirklichen Strapazen verbunden ist, bietet das nordwestliche, bis tief in das Flachland eingeschobene Gebirge einen höchst mannigfachen Wechsel von waldreichen Kämmen mit ausgebrochenen Zacken, sprudelnden Staubbächen, die sich auf den sanfteren Hängen zu größeren Flüffen vereinigen, von tiefgähnenden, geheimnißvollen Schluchten und fruchtbaren Thälern. Ganz besonders bietet in dieser Richtung alle Reize einer großartigen Natur, die Gebirgspartie, auf welcher der Hernadfluß entspringt, ein Seitenfluß der Theiß, an besten Ufergeländ sich prächtige Weingärten und fruchtbare Felder hinziehen, während die zahlreichen Heerden der großen Grundbesitzer an den Säumen ausgedehnter Kastanien- und Wallnußwälder weiden. Die Nachkommen Belas und Hunyads, dir Magnaten, die großen ungarischen Grundherren, würzen die charakteristischen Reize ihres Lebens durch glanzvolle Jagden, welche in der Regel die ganze Praxis des Waidwerks umfassen. Ihre Treibjagden im Gebirgswalde erstrecken sich oft über Reviere von 200 bis 300 Joch, und es ist nichts Seltenes, daß bei einer solchen Jagd 10—15 Wölfe, ebensoviel Füchse, einige Stück Roth- und Schwarzwild und Tausende von Fasanen und Hasen erlegt werden. Parforcejagden auf einzelne Stücke, wie sie noch an jagdlustigen Höfen nach alter französischer Form veranstaltet werden, gehören weniger zu den Passionen der edlen Magyaren; wohl aber veranstalteten sie oft Treibjagden zu Pferde, welche an Kühnheit und Jntereste ihres Gleichen suchen. Der Ungar ist bekanntlich ein verwegener Reiter, welchem die Hochsprünge und extremen Gangarten der Parforcejagd Spielereien find. Zu einer solchen Parforee-Treibjagd zu Pferde versammelte vor ein paar Decennien ein reicher 108 Graf auf seinem Schlöffe int Komitat Kaschau, außer dem Kreishauptmann und mehreren eingeladenen Oberosficieren der Gespanschaft, die Edlen Csanad, Szobrancz, Bacsa, MarmaroS, Thurocz, Stranicza, Verbozy und andere Magnaten. Das Jagdgefolge, 63 Reiter mit einer Menge von Förstern, Jägerburschen und Haiducken, bot ein glänzendes und buntes Bild dar. Mehr als hundert bewaffnete Treiber, meist arme Bauern von den umliegenden Gütern, standen zum Dienst bereit, und der Zug setzte sich nach den Höhen in Bewegung. Auf dem über 3000 Fuß hohen Hernad-Plateau, angesichts der auf jähen Felsen thronenden Burg Miskolecz und eines jener kühlen Alpenseen, welche im Karpathenlande den poetischen Namen, „Meeraugen" führen, begann mit lautem „Taja" die Waidmannsarbeit. Kleinwild wurde unbedingt verschmäht. Die Treiber erhielten Anweisung Wölfe aufzutreiben und auf den Stellen einrukreisen, wo der lichtere Eichen- und Buchenwald die Reiterjagd gestattete. Rach dreistündigem Treiben sprangen die Jäger aus dem Sattel und ließen sich an einer offenen Stelle nieder, wo sonst ein von Räubern oder Wilddieben niedergebranntes Forsthaus gestanden hatte, um ein leichtes Mahl bei trefflichem Tokayer einzunehmen und dann zum Schluffe der Jagd eine Fasanensuche zu veranstalten. . Plötzlich erscholl aus dem dichten Unterholze ein verworrenes Geschrei und einige entferntere Schüsse krachten. Betroffen fuhren die Jäger auf, um sich nach der Ursache des Lärmens zu erkundigen. Da stürzte ein Förster her und meldete dem Jagdherrn in fliegender Hast, daß der Räuber Woddeck, ein in den umliegenden komitaten von Kaschau bis Erlau gefürchteter Strauchritter, mit zweien seiner Bande von Treibern in der „Kreuzbachschlucht" aufgestört worden sei. Sogleich griffen die Jäger zu ihren Büchsen und nun begann eine Hetze, wie sie in den Karpathen nur selten vorgekommen sein mag. Woddeck commandirte eine Bande von etwa 30 Räubern, aus Magyaren, Raitzen und Slovenen bunt zusammengewürfelt, welche weder die Edelhöfe noch die Pußten verschonte und daher fast allgemein gehaßt war. Der Anführer selbst hatte beinahe zwei Jahre lang alle Anstrengungen der Behörden, seiner habhaft zu werden, zu Schanden gemacht. Bald erschien er als Thierarzt, bald als Viehhändler, Jäger, Osficier oder Gutsbesitzer, um die verwegensten Streiche sozusagen unter den Augen seiner Verfolger zu begehen oder neue Raubangelegenheiten auszukundschaften. Der Jagdherr selbst hatte schon mehrfache Streifzüge nach ihm veranstaltet, weil Woddeck ihm sein Vorwerk in Brand gesteckt, seinen Verwalter niedergeschossen und die armen Bauern unter der schlauesten Maske mit dem Vorgeben ihn aufzuhetzen versucht hatte, daß der Graf als Besitzer einer Papiermühle, eines Eisenwerks, sowie einer Musterwirthschaft nach holländischem Betriebe rc. das Land aussauge, auch ein verrätherischer Parteigänger sei. Unter diesen Umständen bot der Jagdherr mit seinen Freunden Alles auf, um diesmal die Jagd durch Woddecks Fang zu krönen. Die Spur der Räuber führte nach einem verlassenen Bärenstande, wo wüst umhergestreute Felsstücke und Baumleichen eine Art natürlicher Festung bildeten. Hinter den Felsen blinkte in jäher Tiefe ein kleiner See, dicht mit Brombeeren umrankt. Die» rechte Seite war durch Unterholz und Dornengestrüpp fast unzugänglich, die linke belagerten die erhitzten Treiber, während die adeligen Magyaren und Officiere sich den Felsen gegenüber schußfertig postirten. Die Wuth der Belagerer steigerte sich, als mehrere verstreute Haiducken einen alten Forst- laufet herbeitrugen, der nach seinem Bericht von Woddeck und fünf Raubgesellen mit gespreizten Beinen an zwei gegen einander gebogene junge Birken aufgehängt worden war und bereits einen Blutsturz erlitten hatte, als seine Erlöser herbei- kamen. Aber noch ehe diese Höhlenbelagerer einen Erfolg erzielten, ja nur einen der Räuber erblickten, stürzten die Edlen Marmaros und Bacsa, von Kugeln getroffen, die aus dem Gestrüpp gegen sie abgezielt wurden. Der Graf stürmte jetzt, von den Kühnsten gefolgt, in die Felsengruppe, die Tretber, nach ungarischer Sitte sämmtlich gut bewaffnet, drangen von der Seite ungestüm vor. Mehrere fielen, von den Kugeln der Bande getroffen, im dichten Haufen. Nach drei Minuten war der Bärenstand erreicht. Zwei Räuber, in denen die Treiber berüchtigte Pferdediebe erkannten, verfingen sich im Gestrüpp rechts und wurden zu Boden geschlagen. Einen Dritten erreichte die rächende Hand in der Höhle. Nur Woddeck selbst fehlte. Als mehrere Verfolger die Kuppel des Felsens erklettert hatten, sahen sie ihn nebst einem andern Räuber in der Tiefe das „Meerauge" durchschwimmen. Man sendete Kugeln nach, die nicht trafen. Die Jäger bestiegen hastig ihre Rosse, um den Entkommenen beim Aufsteigen aus dem See in die Flanke zu fallen. Der Weg führte nach einer von hohen Fichten umstandenen Lichtung, welcher Miscolecz gegenüber lag. Hier endlich sah man, kaum fünfzehnhundert Schritt, entfernt, den gewandten Strauchdieb wie eine Katze an dem schroffen Felskegel emporklettern. Im gestreckten Trabe eilten zwanzig Reiter näher an den Fuß des Miskoleezsteins heran. Die ersten legten ihre Büchsen an und Woddeck kollerte, von fünf Kugeln getroffen, in die Tiefe hinab. Er war bereits tobt, als die nachstürzenden Treiber ihn packten. Die Wüthenden würden ihn ohnedies zerrissen haben. Der Rückzug von dieser zur Menschenhetze gewordenen Treibjagd glich mit den Leichen von Marmaros und Bacsa einem Trauerconduct. Maetitn: 21. Schema. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.