Kießener Isamilienblätter. Belletristische, Beiblatt ;um Gießener Kryelger. 90. Dienstag den 3. August. 1886. SaaL und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Sie sollen sich in Ihrem Vertrauen nicht getäuscht sehen, und wenn Sie einen guten Rath von mir annehmen wollen, so ist es der: weihen Sie keinen Menschen weiter in Ihre Pläne ein, sie könnten sonst durchkreuzt werden. Uebrigens ist der Kerl die Mühe nicht werth, die Sie sich seinetwegen machen." „Er gewiß nicht, aber es ist meine Pflicht, zu erforschen, ob derzeit ein Verbrechen hier verübt wurde." „Na, wie auch die Dinge liegen mögen, Herr Referendar, so viel steht fest, daß der rothe Fritz mehr weiß, als er aussagen will." „Woraus schließen Sie das?" „Er selbst hat es gesagt, als wir ihm vor einigen Tagen im „Weißen Hirsch" auf den Zahn fühlten. Und was mich besonders befremdete, er wollte den Oberförster von Reizenstein in die Sache verwickeln." „In welcher Weise?" „Er sprach von spurlosem Verschwinden einer Leiche und spielte dabei auf den Oberförster an; zu weiteren Erklärungen konnte er nicht bewogen werden." „Vielleicht ist es nur sein Haß gegen diesen Mann, dem er frühere Bestrafungen nicht vergessen kann." — „Ich glaube nicht, daß diesem Haß seine Andeutungen entsprungen sind. Der Oberförster muß in der einen oder andern Weise in Geheimnisse verwickelt sein, die der rothe Fritz, wenn auch nur zum Theil kennt. Ich will damit durchaus Nichts gesagt haben, war nur den leisesten Schatten auf den alten Herrn werfen könnte, und ich sage es Ihnen auch nur deshalb, damit Sie wissen, wie Sie sich diesem Wilddieb gegenüber zu verhalten haben, wenn die Umstände Ihnen gestatten, die Untersuchung gegen ihn zu eröffnen." „Das sind seltsame Andeutungen", sagte der Referendar. „Spurloses Verschwinden einer Leiche — vielleicht könnte der rothe Fritz selbst sich dieses Verbrechens schuldig gemacht haben!" „Möglich wäre das freilich; aber verrathen Sie einstweilen nicht, daß ich Ihnen das mitgetheilt habe. Es würde ihn vorsichtig machen, und dann erfahren Sie gar Nichts. Sie kennen die Verschlagenheit dieses Burschen nicht; es hat uns, den Forstbeamten, damals unsägliche Mühe gekostet, den Burschen zu erwischen. Wohin wollen Sie jetzt?" „Zum Ortsvorsteher." „Der wird Ihnen wenig oder gar Nichts sagen können." „Er soll mir das Protokoll vorlegen, das damals ausgenommen wurde." „Hm, darin finden Sie auch nichts Besonderes. Aber wie Sie wollen; nur möchte ich Ihnen noch rathen, auch dem Ortsvorsteher gegenüber vorsichtig zu sein: der Mann ist ein Schwätzer; man darf ihm Nichts verrathen, was nicht Jeder wissen soll." „Und wo treffe ich Sie wieder?" fragte der Referendar. „Ich gehe in den „Weißen Hirsch"; wohnen Sie nicht da?" „Doch, aber dort kann ich über die Angelegenheit nicht mit Ihnen reden." „Kommen Sie Nachmittags in den Wald. Dort, wo die Holzhauer arbeiten, bin ich in der Regel immer zu treffen." „Gut, ich werde mich vielleicht schon morgen ein« finden", sagte der Referendar. Dann schritt er rasch von dannen, und Hellmuth setzte seinen Weg zum „Weißen Hirsch" fort. Die Wirthin war allein im Gastzimmer, als der Förster eintrat. Sie erwiderte seinen Gruß kühl und holte den Schoppen Wein, den er forderte, vom Schenktisch. „Der Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?" fragte er, während sein lauernder Blick sie forschend streifte. „Nein, er ist ausgegangen, um Einkäufe zu machen", erwiderte ste kurz angebunden. „Wir bekommen übermorgen noch mehr Gäste." „Das Geschäft scheint ja plötzlich zu blühen!" „Ei freilich — und ich hoffe, Sie werden es uns gönnen!" „Weshalb sollte ich nicht?" sagte der Förster, dessen Blick unverwandt auf der hübschen Frau ruhte. — „Ich gönne Ihnen gewiß alles Gute, so wenig dankbar Sie auch für meine Freundschaft fein mögen." „Welchen Dank erwarten Sie?" antwortete Marie in verweisendem Tone. „So oft Sie kommen, I werden Sie freundlich empfangen — und wenn s mein Mann Ihnen einmal ein böses Wort sagt, ‘ dann tragen Sie selbst die Schuld daran. — Sie ° nehmen auch gar keine Rücksicht auf meinen Bruder —" „Haben Sie Rücksicht auf mich genommen?", 888 ' _ „Elender!" sagte die junge Frau, unfähig, ihrer Entrüstung noch länger zu gebieten. Der Förster lachte höhnisch und streckte den Arm aus, um ihre Taille zu umschlingen, aber in dem- ftlben Moment empfing er einen Stoß vor die Brust, daß er taumelnd zurückflog, und zugleich wurde von Außen die Thüre heftig geöffnet. Mit raschem Blick erkannte der Wirth, der auf der Schwelle stand, die Sachlage; er mußte ja in den schreckensbleichen Zügen seiner fieberhaft erregten Frau lesen, was hier vorgesallen war. „Hinaus, Bube!" rief er, dem jäh auflodernden Zorn willenlos nachgebend. „Wagen Sie es nicht, noch einmal die Schwelle dieses Hauses zu über« schreiten!" Der Förster hatte trotzig den Hut in die Stirne gedrückt und seine Büchse ergriffen. „Ich werde Sie nicht mehr belästigen", sagte er heiser, „aber für dieses Wort sollen Sie mir büßen. Ich habe bisher Rücksichten genommen, jetzt thue ich es nicht mehr, mögen Sie die Verantwortung für die Folgen übernehmen." „Und wenn Sie nicht augenblicklich sich entfernen, so werde ich Sie durch den Hausknecht hinauswerfen lasten!" brauste der Wirth auf. Ein Wuthschrei entrang sich den Lippen des Försters; er machte eine Bewegung, als ob er die Büchse von der Schulter reißen wolle, aber er besann sich eines Andern und begnügte sich damit den Beiden einen Blick zuzuwerfen, der sie die ganze Fülle seines Hasses erkennen ließ. „Du kamst zur rechten Zeit", sagte die junge Frau, tief aufathmend, als Hellmuth das Zimmer verlassen hatte. „Die Drohungen, die er mir sagte, hatten mich so sehr eingeschüchtert, daß ich nicht wagte, um Hilfe zu rufen; er will meinen Vater und Hans verderben, und ich fürchte, daß er nun seine Drohungen wahr machen wird." Der Wirth strich mit dem Taschentuch über die lasse Stirn; ein verächtlicher Zug glitt über sein onst so heiteres Antlitz. „Wenn er es könnte, würde er es sicher thun", erwiderte er; „aber ich werde ihm zuvorkommen. Dein Vater muß sofort unter Mittheilung des Vor- gefallenen die Versetzung dieses Mannes beantragen, ich schreibe ebenfalls ans Forstamt, es ist verpflichtet, uns vor der Rohheit solcher Beamten zu schützen. Bis dahin wollen wir schweigen, es könnte unsere Gäste und namentlich die Damen, beunruhigen, wenn sie Kenntniß von diesem Ereigniß erhielten." ,Was ist denn dem Förster begegnet?" fragte der Oberst eintretend. „Als er vorhin an mir vorüberstürmte, warf er mir einen Blick zu, der mich ordentlich erschreckte." „Ich habe ihm aus triftigen Gründen mein Haus verbieten müssen", antwortete der Wirth mit erzwungener Ruhe, „ich hätte das längst thun sollen, Anlaß gab er oft genug dazu." „Hm, ob Sie klug daran thaten —" „Ich konnte nicht anders, seinen Haß werde ich unterbrach er sie vorwurfsvoll. „Sie wußten Marie, baß ich Sie liebte, - ich hatte es Ihnen gesagt, und —" „Richt weiter, Herr Förster!" rief die junge 8^au. „Ich darf solche Worte nicht hören, und Sie haben keine Berechtigung, sie mir zu sagen!" „Bah, weshalb sollte ich Sie nicht an alte Zetten erinnern dürfen?" erwiderte er heiser lachend, „^ch finde darin kein Verbrechen. — Glauben Sie denn, ich könne meine Liebe zu Ihnen vergessen? — Ich verlange ja weiter Nichts von Ihnen, als - freundliche Worte, und hie und da ein liebes Lächeln oder einen sanften Händdedruck. Und daß ich darauf begründeten Anspruch habe, lasse ich mir nicht ab. streiten." - l gehen zu weit", sagte Marie entrüstet, indem sie sich hastrg von ihrem Sitz erhob. „Sie werden mich zwingen, meinem Manne Ihre Unver. schämtheit zu berichten." n j""ge Förster war aufgesprungen; er stand zwischen der Thür und der jungen Frau, und die verzehrende Gluth der entfesselten Leidenschaft loderte aus seinen tückischen Augen. „Sie müffen mich anhören!" sagte er mit heiserer^ bebender Stimme. „Es giebt ein Unglück, rvenn Sie um Hilfe rufen und meinem Verlangen nicht willfahren. Sie nennen mich unverschämt, aber Sie vergessen, daß Sie mir noch vor wenig Jahren durch Worte und Blicke Berechtigung gaben, aus die Erfüllung meiner Hoffnungen zu vertrauen. Leugnen Sie es nicht — Sie hatten sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, meine Gattin zu werden, wenn Sie auch zögerten, mir das Jawort zu geben! Und wäre der Sohn des alten Fahne nicht zwischen Sie und mich getreten, so „Verlassen Sie mich augenblicklich!" rief die Wirthln, zitternd vor Entrüstung. ,, "Mcht eher, bis Sie Alles gehört haben, was ich Ihnen sagen muß!" „Ich werde den Hausknecht rufen!" „Ihr Vater und Ihr Bruder würden dafür büßen müssen!" „Mein Vater?" „Ja, auch Er! Ich würde nicht so tollkühn gewesen sein, Ihnen das Alles zu sagen, besäße ich nicht eine Waffe, mit der ich Ihre ganze Familie zerschmettern kann!" . Mr^r- voll Angst, Abscheu und Verachtung ruhte der Blick der jungen Frau auf ihm. Der Ton, in dem er diese Drohung ausgesprochen hatte, flößte ihr ernste Besorgniß ein. ' P „Ich wiederhole, der junge Fahne trat zwischen uns, und da er ein vermögender Mann war oder es. doch im Laufe der Zeit werden mußte, so gaben Sie ihm den Vorzug. Ich mußte das geschehen aber es empörte mich, wenn Sie mit Ihren : ftäotifqjeH Gasten koquettirten und mir kein freund. ; luM Wort gönnten, während Sie doch wissen ! ^vstten,. daß Sie meine schönsten Hoffnungen, ja das Gluck memes Lebens vernichtet hatten." 859 freilich dadurch herausgefordert haben, aber die Ehre meines Hauses mußte ich wahren. Ein neuer Gast ist heute Mittag angekommen, Herr Oberst, er erkundigte sich nach Ihnen?' „Ich habe bereits mit ihm gesprochen und dabei eine Nachricht erhalten, die mir unangenehm ist. Ich verkehre nicht gerne mit Damen, und um den Unannehmlichkeiten, die aus solchem Verkehr mir erwachsen, aus dem Wege zu gehen, werde ich mich leider genöthigt sehen, mir für die wenigen Tage ein anderes Quartier zu suchen." „Sie wollen uns verlassen?" fragte Marie bestürzt. „Die Damen sollen Sie in keiner Weise geniren, Sie können in Ihrem Zimmer speisen." „Nein, nein, ich weiß, Sie können es beim besten Willen nicht verhindern, daß ich genirt werde. Die Damen werden den Gast, der absichtlich ihnen fern bleibt, beobachten, ihm zufällig zu begegnen suchen, und irgend einen Vorwand ersinnen, um ihn anzureden; ich habe in diesem Punkte so viele Er« sahrungen gemacht, daß mich nicht danach verlangen kann, sie zu vermehren. Ueberdies habe ich mich auch schon nach einem anderen Quartier umgesehen", fuhr der Oberst mit jener ruhigen Entschlossenheit fort, die keinen Widerspruch duldet; „jenseits des Waldes, eine kleine halbe Stunde von hier, liegt ein Gasthaus, in dem ich so lange wohnen werde, bis die Damen wieder abgereist sind." „Im Eber?" fragte der Wirth kopfschüttelnd. „Ich weiß doch nicht, ob es Ihnen da behagen wird. Nahrungsneid ist es sicher nicht, wenn ich einiges Bedenken ausspreche —" „Ich weiß, was Sie sagen wollen: es ist in jenem Hause nicht so ordentlich und blitzblank, wie hier, das habe ich gleich erkannt; aber für die wenigen Tagen finde ich mich schon darein; sobald die Damen wieder fort sind, kehre ich zu Ihnen zurück." „Ja, wenn Sie nicht anders wollen!" erwiderte der Wirth achselzuckend. „Ich kann auch die Damen nicht wohl abweisen, denn es gicbt kein anderes Haus hier, In dem sie einkehren könnten." „Ich verlange und wünsche das auch nicht", fiel ihm der Oberst noch einmal in die Rede. „Wie gesagt, ich kehre nach der Abreise der Damen sofort zu Ihnen zurück. „Sie werden erst übermorgen ankommen." „So ziehe ich übermorgen Mittag gleich nach Tisch aus, und damit abgemacht." „Verstehst Du das? ' wandte der Wirth sich zu seiner Frau, als der Oberst sich entfernt hatte. „Warum nicht!" erwiderte sie ruhig. „Er sagte ja selbst, er habe bittere Erfahrungen gemacht — vielleicht hat ihn eine Geliebte betrogen; Gründe giebt's für solchen Frauenhaß genug — aber es wäre unzart, sich nach ihnen erkundigen zu wollen." (Fortsetzung folgt.) Betrogene Betrüger. Novellette von M. Heim. (Schluß). Ferdinand riß eine Thür auf, die nach der gefährdeten Richtung zu führen schien, kaum aber wär er über die Schwelle in eine Art Kammer getreten, als die Thür hinter ihm zugeschlagen und von Felix eigenhändig eingeriegelt wurde. Daß Fanny nicht dort war, hatte diesem ein schneller Blick gezeigt, und wenn der Freund da in Feuersgefahr kommen sollte, konnte ihm ein Sprung durch die Dachluke nicht schaden; er selbst aber stürmte weiter über Heuberge und -Thäler. Wie ein Rasender war Ferdinand in den abgeschloffenen Raum gestürzt und umfing eine weibliche Gestalt, die sich ihm entgegenwarf, fest mit seinen Armen. „Herr Du mein Gott!" rief eine Stimme, die zwar nicht Fanny, wohl aber dem Jungmädchen Mine angehörte, „drücken Sie Einen doch nicht gleich so — ist es denn wahr mit dem Feuer?" „Verdammt!" fluchte Ferdinand und wandte sich wieder zurück, „Hollah, was heißt das! Die Thür verriegelt? Auf damit! Felix! Bist Du von Sinnen?" „Zu Hilfe! Zu Hilfe!" klang Fanny'» Stimme aus der Entfernung. „Ferdinand, hierher!" rief auch Felix. Der Eingekrrkerte riß mit den Kräften der Verzweiflung an der Thür, allein Mine hemmte seine Bestrebungen, indem sie sich gar zärtlich an ihn schmiegte und versicherte, er dürfe nicht gleich davonlaufen, sie sei nicht böse, daß er sie hier aufgesucht. In diesem Moment donnerte es auch von außen an die Thür, und die zornige Stimme des Groß« knecht» rief: „Hier herein hat er sich geschlichen, der infame Kerl, ich hab' es längst bemerkt, daß ihm die Dirne nicht gram war, aber ich schlag' ihm alle Knochen im Leibe entzwei, und ihr auch! — Will Er aufmachen, Er vermaledeiter Kerl!" „Mach' Er nur auf, die Thür ist von außen verriegelt", schrie Ferdinand, aber Mine, die vor der Rache ihre» Geliebten bebte, übcrzeterte ihn mit Jammergeschrei und hing sich fester an seinen Arm. Ferdinand schleuderte sie wild von sich, und während der Großknecht ihn mit weiteren Versprechungen, daß er ihm die Knochen zerschlagen wollte, hervorzulocken suchte, lief er Sturm gegen die Thür, daß die eichenen Bohlen vom Anprall seiner Glieder krachten. — Felix war endlich durch die ganzen Tiefen de» Heubodens gedrungen, bis er dicht vor den Hilferufenden stand, die sich ihm wohlbehalten gegenüber befanden und großes Vergnügen an dem durch sie in Scene gesetzten Lärm zu finden schienen. Die Knaben verstummten bei Felix Anblick, und Fanny sagte athemschöpfend: „Willkommen, mein Herr — also endlich! Und Ihr Freund, vermochte er es nicht über sich, sich 860 etwas schneller als gewöhnlich in Bewegung zu setzen?" „Es war also ein Scherz!" sagte Felix enttäuscht. „Und Ferdinand und ich hätten so gern unser Leben für Sie —" „Sucht Herr Anton Schulze wirklich auch? Ach, so wollen wir ihn noch etwas in Athem erhalten. Helfen Sie mir rufen: Zu Hilfe! Zu Hilfe!" „Er rast eingeschlossen in einer Dachkammer, wo er, soviel ick sah, auch Gelegenheit haben könnte, ein weibliches Wesen zu retten." „Hahaha! lachte Fanny. „Zu Hilfe, Schulz, zu Hilfe!" „Ferdinand, hier, Fer — di — nand I" stimmte Felix ein, und als sie dann das Toben des erzürnten Grobknechts hörten, versagte Beiden die Stimme vor Lachen. Fanny stand dabei auf einem etwas erhöhten Platz an einem Luftloch und warf hin und wieder einen Blick in's Freie. „Wenn sich plötzlich jene Dachluke öffnete, und man Herrn Anton Schulz sich den Lüften anver- trauen sähe!" sprach sie, aber da zog auf einmal eine Röthe über ihre Wangen, und sie vollendete den Satz nicht. Sie sah so reizend aus in ihrer Erregung, mit dem verwirrten Haar, der etwas in Unordnung ge- rathenen Kleidung, daß Felix überwältigt vor ihr auf die Kniee sank. „Nein, des Herzens sehnend Schlagen, länger halt ich nichts zurück!" rief er mit Pathos, „lassen Sie mich endlich aussprechen —" „Stehen Sie auf I" sprach Fanny in allerliebster Verwirrung. „Wie können Sie wagen —? Sie haben mich, meine Angehörigen, uns Alle hintergangen —" „Doch nicht Sie?" sprach er, sich erhebend, nicht weil sie es ihm befohlen, sondern weil die Heuschicht unter seinen Knieen zu rutschen begann. „Sie doch nicht?" „Freilich! Wie konnte ich das Geheimniß ahnen, das mir dieser Brief enthüllt?" Sie warf ihm ein Papier zu und war, ehe er sich noch von seinem Erstaunen erholen konnte, verschwunden. Sein eigener Brief an Ferdinand! Sollte sie wirklich sich durch die Unterschrift haben irre führen lassen? Und wem Hatteer dann diesen neuen Querstrich zu verdanken? Wem anders als Ferdinand, der das Papier im Besitz gehabt und es Jenen in die Hand gespielt hatte! — Als Anton Schulze mittlerweile gefunden, daß er bei fortgesetzter Bemühung nicht mehr nöthig haben werde, seine Knochen von dem empörten Collegen zerschlagen zu lassen, hielt er erschöpft inne, und sein verzweifelnder Blick irrte bilfesuchtzrd in dem Raum umher, und nun kam, wie Fanny mit so großer Sehnsucht gewünscht hatte, die Dachluke an die Reihe. Ja, er Don Fernando, der Ritter des Phlegma, er wagte den Sprung!" Schwindelnd, begleitet von einem Schrei oben, empfangen von einem unten, erreichte er den Erdboden. Oben bog sich Mine händeringend aus der Luke, unten hielt unmittelbar vor ihm ein stattlicher Reiter, der sich eben aus dem Sattel schwang und ihm lächelnd die Hand bot. „Herr Hellmuth!" rief Ferdinand, und es durchrieselte ihn wie eine Ahnung der Wahrheit. In diesem Moment trat Fanny aus dem Gebäude und eilte mit dem Ausruf: „Fritz, lieber Fritz!" auf den Ankömmling zu. „Mein Cousin Friedrich Hellmuth — Herr — Anton Schulz, unser Kutscher — und hier (Felix war eben verwundert hinzugetreten) Herr Egbert, der Erzieher Deiner kleinen Stiefbrüder, Fritz!" stellte das junge Mädchen vor. Die drei Herren verbeugten sich mit ausdrucksvollem Schweigen. Betrogene Betrüger! — Was bedarf es noch weiterer Worte? daß sie es waren, daß Fanny im Ernst nie daran denken würde, die Fesseln, die sie trug, lästig zu finden, das sehen sie ja an ihrem strahlenden Gesicht, während sie sich an den Arm ihres Verlobten hing. Ja, sie konnte Herrn Hellmuth nicht einmal eine Beleidigung vorwerfen, die sie ihm nicht durch die in seiner Gegenwart gemachten Schmähungen gegen den „schurkischen Cousin" im Voraus vergolten hätten. In die etwas peinlichen Erörterungen kam wie eine Erlösung der Postbote, um Felix einen Brief zu überreichen. „Mein Vater hat in der Lotterie gewonnen, er bezahlt meine Schulden — hurrah!" rief der junge Mann nach einem Blick auf das Papier. Sie beschwören mich, Heimzukommen, es soll ein großes Fest gefeiert werden. Nante, Bruderherz, Du begleitest mich!" „Schon gut, aber das ist doch kein hinlänglicher Trost", brummte Ferdinand. „Mir fällt auch noch ein besserer ein, und diesmal ist es Deine Hinterlist, die ihn Dir verschafft. Sieh dieses Briefchen, mit dem Du mich in Schwierigkeiten zu stürzen dachtest — Sollte ein ähnliches der Grund der Ungnade Deiner Cousine sein?" Ferdinand schlug sich vor die Stirn. „Mag mehr als ein solcher Fetzen mit „Deine Frau" unterzeichnet in meinem Zimmer zurückgeblicben sein, als ich nach den Osterferien abreiste. — Du hast es errathen, Felicia! Daher auch ihre liebenswürdige Aeußerung, ich solle Gott danken, wenn sie mich nur im Stillen verachte und wenn Perfidie nicht den Andern verrathe. — Alter Junge, erst kommst Du mit mir, daß Cousine Elsa „meine Frau" kennen lernt, und dann tanzt momöglich auf Eurem Fest ein neues Brautpaar." Herr Hellmuth und Fanny gratulirten, und Felix nahm die Gelegenheit wahr, zu zeigen, daß er nicht bis in den Tod getroffen sei. Er lud sie über» müthig ebenfalls zu Gaste. Rkdaetion: K, Scheda, — Druck Md N«lsg der Brüht'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) In Siegen.