Hichener Jamilienblätter. Belletristischer Beiblatt ;um Gießener Anzeiger. Nr. 77. Samstag den 3. Juli. ' Saat und Krrrte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) , „Seltsam", sagte Tante Lina gedankenvoll, „dieses Benehmen mußte freilich Sie befremden. Als ich vorhin von dem Einen sprach, der vielleicht Aufschluß geben könne, dachte ich nicht an ihren Herrn Gemahl, sondern an einen andern Freund meines Neffen. Ich weiß nicht, ob Sie den Herrn Hauptmann von Görlitz kennen; er wohnt in meinem Hause, und ich sprach gestern mit ihm über jene» Ereigniß. Dabei ließ er die Aeußerung fallen, daß ihm Gründe bekannt seien; aber er fügte hinzu, er dürfe sie nicht nennen." „Von Görlitz?" erwiderte Vera sinnend. „Ich erinnere mich einen Officier dieses Namens gekannt zu haben. Und er sagte, er dürfe dieses Näthsel nicht lösen." Tante Lina zog an der Glockenschnur. „Ich glaube vorhin seine Stimme gehört zu ^ben", sagte sie; „wir wollen versuchen, ihn zum Reden zu bewegen. — Herr von Görlitz zu Hause?" fragte sie das eintretende Dienstmädchen. „Er ist soeben heimgekehrt und bei den Damen im Speisesaal", lautete die Antwort. „Ich laffe ihn bitten, uns für einige Minuten die Ehre zu schenken." Das Mädchen entfernte sich, und der Hauptmann ließ nicht lange auf sich warten. Er stutzte, als sein Blick auf Vera fiel; sie erkannte ihn sofort wieder, und die Herzlichkeit, mit der sie ihn begrüßte, schien ihn angenehm zu berühren. Madame Schirmer wüiischte ihm Glück zu seiner Verlobung, und Vera schloß ihren Glückwunsch an; dann aber brachte sie die Rede auf den Selbstmord seines Freundes, und nachdem sie ihm den Inhalt des zufällig aufgefundenen Briefe« mitgetheilt hatte, bat sie ihn, offen und ohne Rückhalt Aufschluß darüber zu geben. Sie berief sich dabei auf die Erklärung, die er der Frau Schirmer gegeben hatte, um ihm jede ausweichende Antwort unmöglich zu machen; sie versicherte, auf Alles gefaßt zu fein, nur müsse sie endlich Gewißheit haben. Der Hauptmann war sichtbar verlegen. Er drehte immer emsiger an den langen Enden feines Schnurrbarts, und von Zeit zu Zeit traf ein vor« wurfsvoller Blick die alte Dame, die er anklagen zu wollen schien, daß sie ihn in diese unangenehme Lage gebracht habe. „Ich bedaure in Wahrheit recht sehr, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können, gnädige Frau", sagte er, als Vera schwieg und ihr fieberglühender 'Blick voll gespannter Erwartung auf ihm ruhte; „die Erklärung, die ich der Frau Schirmer gab, stützt sich auf fo triftige Gründe, daß ich leider mich gezwungen sehe, bei ihr zu beharren." „Aber welche Gründe können Ihnen verbieten —" „Fragen Sie nicht, gnädige Frau; ich kann diese Frage wirklich nicht beantworten." Vera schüttelte ungeduldig das Haupt. „Ich verstehe das nicht", sagte sie vorwurfsvoll; „Sie geben zu, daß ein Geheimniß den Tod Ihres Freundes umschwebt; Sie erklären, dieses Geheimniß zu kennen und weigern sich, es uns, seinen besten Freundinnen, zu enthüllen, weil, wie Sie behaupten, triftige Gründe es Ihnen verbieten. Sie bedenken dabei nicht, Herr Hauptmann, zu welchen Ver- muthungen diese Weigerung führen muß! Man hat den Tobten des Hazardspiels beschuldigt und mit dreister Stirn behauptet, er habe kurz vor seinem Tode sein ganzes Vermögen am Spieltisch verloren —" „Diese Behauptung ist aus der Luft gegriffen und völlig unwahr", unterbrach der Hauptmann sie entrüstet; „Hermann von Salberg war kein Spieler, selbst im Freundeskreis hielt er sich dem grünen Tisch fern." „Nun wohl, was war es, was ihn zwingen konnte, sich das Leben zu nehmen? Hatte er wirklich sein Ehrenwort verpfändet, und konnte er es nur auf diesem Wege einlösen?" „Ich muß diese Frage bejahen!" „Und wer zwang ihn zu diesem Schritt?" „Ich habe damals selbst mein Ehrenwort verpfänden müssen, dieses Geheimniß nie zu verrathen", erwiderte Herr von Görlitz in ernstem Tone; „Sie werden wissen, gnädige Frau, daß ein Officier sein Ehrenwort nicht brechen darf. Nur so viel darf ich Ihnen sagen, daß nicht der leiseste Schatten auf dem Andenken unseres Freundes ruht; ein unseliges Verhängniß trieb ihn zu einem Schritt, den er wohl hätte vermeiden können, der aber, einmal geschehen, nicht mehr ungeschehen gemacht werden konnte." Die blitzenden Augen der schönen Frau ruhten unverwandt auf ihm; sie schien in die innersten Tiefen seiner Seele eindringen und seine geheimsten Gedanken ergründen zu wollen. 306 „Und er mußte dieses verpfändete Wort ein« lösen?" fragte sie. „Er mußte er", nickte Herr von Görlitz. „Sie würden also die Möglichkeit, daß er sich noch unter den Lebenden befinden könne, nicht zugeben?" „Nein, denn er ist in der That ganz unmöglich. Er wäre ein Ehrloser, den Jeder meiden würde — ein Feigling, der nur Verachtung verdiente." „Diesen Vorwurf wird ihm Niemand machen können", sagte Tante Lina. „Und eben deshalb ist es auch unmöglich, daß er sich noch unter den Lebenden befinden sollte", erwiderte der Hauptmann. „Wie kann diese Frage überhaupt jetzt noch aufgeworfen werden, da wir doch mit voller Sicherheit wissen, daß das Grab sich längst über dem Tobten geschloffen hat l Nein, gnädige Frau, dar sind Vermuthungen, die nicht die mindeste Berechtigung haben." „Und wird jenes Geheimniß niemals enthüllt werden?" fragte Vera mit zitternder Stimme. „Nur dann, wenn die Verhältniffe sich so gestalten sollten, daß ich von meinem damals gegebenen Versprechen entbunden würde." „Und wann oder durch welche Ereigniffe könnte die» geschehen?" „Ich weiß es nicht; ich zweifle sogar daran, daß dieser Fall jemals eintreten könnte. Und glauben Sie mir, die Enthüllung dieses Geheimniffes kann Ihnen nicht wünschenswerth sein; sie würde für Sie selbst nur betrübende Folgen haben." Vera hatte sich von ihrem Sitz erhoben. „Da» ist wiederum mir unverständlich, sagte sie, tief und schwer aufathmend, „und Sie werden es begreiflich finden, daß Ihre Erklärungen und Andeutungen mir nicht genügen. Vielleicht erhalte ich auf anderm Wege Klarheit und Gewißheit; ich werde keine Ruhe finden, bis ich dieses dunkle Räthsel gelöst habe." „Sie wollen diese Lösung suchen, trotzdem ich Ihnen die Versicherung gebe, daß sie Ihnen nicht gefallen wird?" „Trotzdem I" erwiderte Vera entschloffen. „Ich glaube nicht, daß sie die Last, die auf mir ruht, noch schwerer und drückender machen kann. Vielleicht bringt sie mir Erlösung!" Herr von Görlitz schüttelte mit ernster, bedenklicher Miene das Haupt. „Es ist zu spät", sagte er warnend. „Lasten Sie die Tobten ruhen, gnädige Frau; jenes Geheimniß ist ein Gorgonenhaupt, dessen Anblick Ihnen Entsetzen einflößen und Ihr ganzes Leben vergiften würde. Geschehenes ungeschehen zu machen, liegt in keines Menschen Macht, und in Unabänderliches muß man sich zu finden wissen. Ich kann wohl begreifen, daß jener Brief, den, wie Sie sagen, ein Zufall Ihnen in die Hände gespielt hat, Ihnen böse Stunden und schlaflose Nächte verursacht. Folgen Sie meinem Rathe; vergessen Sie ihn und begnügen Sie sich damit, unserem unglücklichen Freunde ein treues und ehrenvolles Andenken zu bewahren." „Vergessen?" antwortete Vera, und ein herber Zug umzuckte ihre Lippen. „Das kaun ich nicht, das kann Niemand. Noch einmal tiefinnigen Dank, meine liebe Freundin, leben Sie wohl! Ich werde wiederkommen." Herr von Görlitz gab ihr das Geleit bis zur Hausthür; er bot ihr auch für den Heimweg feine Begleitung an, sie lehnte dankend ab. „Was sagen Sie dazu?" fragte er, als er in den Salon zurückgekehrt war. „Daß dieser unselige Brief, jetzt, nach zehn Jahren, noch einmal das betrübende Ereigniß der Vergessenheit entreißen muß I" „Sie wird nicht ruhen, bis sie das Geheimniß enthüllt hat!" erwiderte Tante Lina. „Und wenn es ihr gelänge, Jo würde sie ihren Gatten verachten", sagte der Hauptmann mit gedämpfter Stimme. Die alte Dame blickte bestürzt zu i£m auf, gespannte Erwartung sprach aus ihren Zügen. „Das unter uns", fuhr er fort; „ich vertraue darauf, daß Sie ihr gegenüber diese Aeußerung nicht wiederholen werden." „Sie hat die Achtung vor dem Gatten längst verloren", sagte sie leise. „Es mag sein, aber die Enthüllung dieses Geheimnisses würde augenblicklich zum Bruch führen." „Vielleicht wäre das die Erlösung, nach der sie sich sehnt!" „Auch diese Möglichkeit will ich zugeben", erwiderte der Hauptmann; „ich aber darf mein Schweigen nicht brechen, wenigstens jetzt noch nicht. Und nun bitte ich Sie noch einmal, verehrte Frau, dringen Sie nicht weiter in mich; es ist mir zu peinlich, die Beantwortung Ihrer Fragen ablehncn zu müssen." Tante Lina nickte schweigend und erhob sich. Herr von Görlitz begleitete sie in das Speisezimmer, in dem sie den Buchhalter bei den jungen Damen sanden. Der Hauptmann mußte an diesem Abend manchen Scherz über sich ergehen lassen, aber die Unterredung mit Vera hatte ihn ernst und schweigsam gestimmt; die Aufforderung Maiwind's, das Verlobungsfest noch an dem heutigen Abend zu feiern, lehnte er mit dem Bemerken ab, daß er damit noch einige Tage zu warten wünsche. Nach dem Abendessen zog er sich zurück; er lud den Buchhalter ein, ihn zu begleiten und ein Glas Grog mit ihm zu trinken; der junge Mann war sofort bereit, die Einladung anzunehmen. ,,O, daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!" seufzte Carl Maiwind, als er im Zimmer des Hauptmanns behaglich auf dem Divan saß. „Denn wo das Strenge mit dem Zarten, wo Starkes sich und Mildes paarten, da giebt es einen guten Klang!" „Ich bin Ihnen mit einem guten Beispiel vorangegangen", sagte Herr von Görlitz lächelnd, 307 während er an der Glockenschnur zog, „nun gehe hin und thue desgleichen!" Der Buchhalter wiegte mit wehmüthiger Miene das Haupt. „Vom sichern Port läßt sich's gemächlich rathen!" erwiderte er. „Ich habe noch manche Schwierigkeiten zu überwinden, ehe ich in den sichern Hafen eintaufen kann." Der Bursche des Hauptmanns war eingetreten, ein Flachskopf mit großen, wasserblauen Augen. „Zünde die Spirituslampe an, Anton!" befahl Herr von Görlitz. „Die Rumflasche, Zucker und zwei Gläser!" „Zu befehlen, Herr Hauptmann!" lautete die Antwort. „Wenn ich mir die Erlaubniß nehmen dürfte, dem Herrn Hauptmann zu gratuliren —" „Schon gut, ich danke Dir!" „Ja — und dann, Herr Hauptmann, es ist einmal so Sitte bei uns zu Hause —" „Was?" „Auf das Wohl des hochverehrten Brautpaares zu trinken!" „Früh übt sich, was ein Meister werden nftiT, und hoher Sinn liegt oft im kindischen Spiel!" schaltete Maiwind ein. (Fortsetzung folgt.) Deutsche Köfe und Kauptstädte zu Anfang des 18. Iahrfiunderts. (Fortsetzung). Gleich werthvolle Anmerkungen, wie jene über den Kaiserhof sind, widmen Loöns Aufzeichnungen dem Leben in der Kaiserstadt und dem Charakter der Oesterreicher. Er bezeichnet dieselben als „int Grund ehrliche, gute und treue Leute." Er rühmt ihre Anhänglichkeit an ihren Kaiser und hebt ihren natürlichen Haß gegen die Franzosen hervor, der nicht nur in der langjährigen Feindseligkeit zwischen beiden Völkern wurzele, sondern sich auch darauf begründe, weil ihre (beider Nationen) Gemüthsart einander zuwider sei." Die Lebensart in Wien war damals der heutigen ziemlich ähnlich, „lustig, frei), rauschend und schwelgerisch, dabei andächtig, ernsthaft und natürlich." Daß die große Masse der Bevölkerung, welche nahe bei einander wohnt, die Bekanntschaften und das Bekanntwerden dem Fremden erleichtert, betont Loön noch ganz besonders. „Eine kleine Freiheit wird selten übelgedeutet, man wagt sie und man kann mit einem Spaß wieder viel gut machen." Kurz mit etwas Witz und einer gewissen Kunst angenehm zu erzählen, ließ sich schon damals, nach unseres Gewährsmannes Meinung, die Gunst der Wiener leicht erwerben. Ein treues Bild des Wiener Straßenlebens wird durch Loöns Schilderung entrollt. Das Ge- wühl ist dort noch stärker als in dem weit größeren Paris, so daß die Fußgänger durch die Kutschen und Pferde arg bedrängt, ost in Lebensgefahr ge- rathen. Kutscher und Sesselträger suchen durch den lauten Warnungsschrei „Schaut's aus! Schaut'S auf" die harmlosen Spaziergänger aufmerksam zu machen und zum Ausweichen aufzusordern. Gleichwie Wiens Straßen noch heute ein buntes Abbild der verschiedenartigen Bevölkerungen der österreichisch-ungarischen Monarchie gewähren, so sah schon Loön vor nahezu 170 Jahren daselbst „Leute aus allen Orten und Enden der Welt: Ungarn, Husaren, Heydncken, Polacken, Moscoviter, Persianer, Türken, Mohren, Spanier, Italiener, Tyroler, Schweitzer, kurz von allen europäischen Völkerschaften." Fast Alle tragen ihre Nationaltrachten. An Hof- und Festtagen gibt der Kaiser Audienz und drängen sich dann in seinen Vorzimmern große Herren und Gesandten, sowie geringere Edelleute, Ofstciere, Schreiber und „allerhand Menschen". Doch scheinen vor der Majestät die verschiedenen Stände alle gleich zu sein, denn sobald der Kaiser erscheint, „beugt sich Alles mit gleicher Unterthänigkeit vor dessen Majestät." Loön verdankte den Zutritt bei Hofe der Bekanntschaft mit dem englischen Botschafter, Lord Worsley Montagu, welcher damals nach Konstantinopel zur Vermittelung des Friedens zwischen dem Kaiser und der ottomanischen Pforte abreisen sollte. Loön wollte in seinem Gefolge die Türkei besuchen, doch nöthigte ihn Krankheit von diesem Plane abzustehen und sogar Wien zu verlassen, um nach Frankfurt zurückzukehren. Der Verkehr mit dem englischen Gesandten schützte übrigens den jungen Patricier einmal vor thätlichen Mißhandlungen des damals überaus fanatischen Wiener Pöbels. Da Loön bei dem Vorübertragen der Monstranz nicht au» der Kutsche stieg, wollte man ihn aus derselben reißen und zum Niederkniecn zwingen. Aehnlich erging es ihm in der St. Stephanskirche, woselbst er von Glaubenseiferern durch Stiche in die Beine zum Knieen ge- nöthigt werden sollte. Heute sind die frommen Wiener auch in dieser Hinsicht weit duldsamer. 2. Der preußische Königshos in Berlin. Nach einer längeren Reise durch die Rheinlands, die Generalstaaten von Holland und durch Nieder- deutfchland kam Loön im Dezember 1717 zu längerem Aufenthalte nach Berlin, der damaligen jüngsten Königshauptstadt. Der Frankfurter Reisende brachte daselbst den ganzen Winter zu und äußert sich an mehreren Stellen feiner „Kleinen Schriften" mit rühmlichem Freimuthe über die Zustünde des Hofe«, die Verhältnisse des Landes und über mehrere der bedeutendsten historischen Personen, die damals zu Berlin lebten. Das hohe Lob, welches Loön den preußischen Staatseinrichtungen zollt, beweist uns, wie wenig sich der Verfasser durch sonst auf fügend« 308 liche Gemüther leicht einwirkende Aeußerlichkeiten, in seinen gesunden Ansichten beirren ließ, denn eine durch peinliche Sparsamkeit geforderte Einfachheit, die auffällig vom Glanze des früher von Loön besuchten tsterreichischen Kaiserhofes abstach, zeichnete die Hofhaltung Friedrich Wilhelm's I. von Preußen aus. Durch diese Tugend und seine vorliebende Fürsorge für das Heer legte der zweite König Preußens bekanntlich den Grundstein zu seines Sohnes und zu feines Vaterlands Größe. Als Loön zu längerem Aufenthalte nach Berlin kam, war der König, der einige Jahre zuvor (1713) den Thron bestiegen hatte, kaum 30 Jahre alt, welcher Umstand bei Loöns Schilderungen des Hofes und der königlichen Familie nicht außer Acht gelassen werden darf, da letztere in vielen Stücken auffällig von der landläufigen Vorstellung abweichen, welche wir uns von dem berühmten „Soldatenkönige" zu machen pflegen. Freilich warm die militärischen Interessen zu Berlin vorwaltend und eröffnet Loön schon seine Schilderung des königlich preußischen Hofes mit den vielsagenden Worten: „Ich sehe hier einen königlichen Hof, der nichts Glänzendes und nichts Prächtiges als seine Soldaten hat." Doch gerade diese Bevorzugung des Heeres imponirt dem frei« müthigen Beobachter; er zieht dieselbe dem hohlen, pomphaft aufgeputzten Hofschranzenthum vor, er bezeichnet den Berliner Hof als „die hohe Schule der Ordnung und der Haushaltungskunst, wo Große und Kleine sich nach dem Exempel ihres Oberhaupts mustern lernen." Die Kleidung der Hofleute ist eine einfache, sie selbst sind zierlich und schmuck aussehende Leute. Den Hauptbestandtheil des männlichen Hofstaates bilden selbstverständlich höhere Officiere; „Räthe, Kammerherren, Hofjunker und dergleichen werden, wann sie auch nicht zugleich Kriegsämter haben, nicht viel geachtet und kommen wenig nach Hofe." Noch schlimmer erging es den Gelehrten, welche sich, nach Loön, bei dem König am meisten verächtlich gemacht haben, lieber die Mannszucht im preußischen Heere herrschte nur eine Stimme, sie war herrlich. Uebrigens pflichtet der Verfasser, trotzdem er selbst seine Studien auf der Universität erst einige Jahre vorher absolvirt hatte, des Königs Abneigung gegen die Gelehrten bei und billigt die Gepflogenheit des preußischen Monarchen, Soldaten mit wichtigen diplomatischen Sendungen zu betrauen, vollkommen. Mit Kriegsleuten sei mehr auszurichten, als mit „stolzen, auf ihre Gelehrsamkeit pochenden Pedanten, welche nicht zu leben wüßten." Das berühmte Sparsystem Friedrich Wilhelm's I. war eine eiserne Nothwendigkeit. Der Vater des Monarchen, Preußens erster König, Friedrich der Erste, war bekanntlich einer der prachtliebendsten Fürsten seiner Zeit. Sein erstaunlicher Aufwand machte, wie sich Loön sehr charakteristisch ausdrückt, „seine Staats« und Hofbedienten groß und reich, während er die königliche Schatzkammer erschöpfte." Friedrich Wilhelm I. änderte sofort nach seinem Regierungsantritt die ganze Hofhaltung, so daß schon Loön, fünf Jahre nach des Königs Thronbesteigung, von der Ansammlung großer Schätze in baarer Münze, berichten kann, und zwar von so zahlreichen Summen, „daß ganze Gewölber unter dem Schloß damit angefüllt sind." Die Neigung des Königs für feine Soldaten erfährt in Loöns Beschreibung des Hofes einigen Tadel. Besonders sind ihm die gewaltsamen Werbungen zuwider, auch hält der unparteiische Beobachter es für rathsam, dem Volke eine gewisse Freiheit zu gewähren, „wenn auch deren Nutzen sich der Zukunft ersprießlicher als der Gegenwart erweisen sollte." Auch glaubt Loön, daß alle Anstrengungen zur Hebung der „Handlung und der Fabriken" so lange vergebens oder mindestens belanglos wären, als die gewaltsamen Werbungen in Preußen im Schwünge wären. Höchst interessant sind Loöns Anmerkungen über den Kronprinzen, den späteren König Friedrich bett Großen, welcher zur Zeit, als Loön in Berlin anwesend war, kaum 6 Jahre zählte. Er rühmt Friedrich in diesem noch zarten Alter „eine ungemeine, ja ganz außerordentlich Fähigkeit nach. Feine, geistreiche Bildung, Leutseligkeit und gute Gemüths- art, seien des Prinzen hervorhebenswertheste Eigen- thümlichkeiten. Frau von Sacetot, welche Friedrichs erste Erziehung leitete, nannte denselben „un esprit angelique.“ Die ersten Lehrmeister Friedrichs und feiner Schwester der Kronprinzessin (?) waren Monsieur de la Croze und andere geschickte Lehrer. Um jene Zeit, 1718, ward die Erziehung Friedrichs deutschen Lehrern anvertraut; auch erhielt der Kronprinz einen besonderen Hosstaat, dem ein hoher Militär-Oberst von Kalkenstein, vorstand, ein Cavalier, welchen Loön, ,als einen der artigsten und aufgeräumtesten Köpfe bep Hof" bezeichnet. Der König und die Königin hielten übrigens den zukünftigen Thronfolger „in scharffer Zucht", „es gäbe wohl wenig Königskinder, denen so durch den Sinn gefahren und der jugendliche Wille gebeugt wird." Das eheliche Leben des Herrscherpaares erregt ob feiner Musterhaftigkeit, ebenso sehr wie der Charakter der Königin, des Schilderers Bewunderung. Die Liebenswürdigkeit der Königin, ihr treffliches Herz und ihre gründliche Vernunft, sowie ihr geschicktes Fügen in die GemüthSart des Königs, werden besonders hervorgehoben. Das einzige Vergnügen der Monarchin an dem mehr als einfachen Hofe war die Musik. Freilich kamen wenig Virtuosen nach Berlin; denn der König hörte lieber „einen guten Waldhornisten." Auf Kutschen und Pferde hielt Friedrich Wilhelm I. nicht viel, ein paar schlechte Kutschen mit sechs alten Pferden bildeten den Marstall der Königin, eine Sparsamkeit, welche Loön wohl kaum mit Recht al» musterhaft zu entschuldigen sucht. (Fortsetzung folgt). Reda-tion: A. Acheyda, — Dmck und Verlag bst Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.