Hießen er Jamilienblätter. KekeLristisches PeLbLstt MW Gießenrr Ak^eiger. Nr. 103 Donnerstag den 2. September. 1386. Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „So ist es; und nun Sie das wissen —" j. „Bitte, Herr Oberst, die Botschaft hör' ich wohl, aber damit läßt sich eine gerichtliche Untersuchung nicht niederschlagen. Die Ereignisie zwingen uns, das Räthsel, das den Selbstmord Salberg's umgiebt, zu ergründen. Wir beginnen die Untersuchung und stoßen, wohin wir auch uns wenden mögen, auf dunkle Geheimnisse. Und Diejenigen, welche diese Geheimnisse enthüllen und uns Klarheit geben können, verstecken sich dahinter, ihr verpfändetes Ehrenwort gestatte ihnen nicht, unsere gesetzlich berechtigte Forderung zu erfüllen. So sagt Herr von Görlitz, so sagen Sie, und nun soll auch der Oberförster sich hinter diese Erklärung verschanzen. Glauben Sie, daß wir uns damit begnügen werden?" „Sie werden das wohl müssen!" „Kein Mensch muß müssen — und ein Richter müßte? Bei uns zu Lande nicht, Herr Oberst! Möglich, dass man sagen kann: „Amerika, Du hast es besser!" aber das kümmert uns hier nicht, wir gehen gerade durch und verlangen die Wahrheit zu wissen." Der Oberst hatte die Brauen finster zusammen- gezogen, und der junge Mann glaubte hinter den blauen Gläsern die Augen zornig funkeln zu sehen. „Ich weiß nicht, was Sie wollen", sagte er. „Hermann von Salberg ist seit zehn Jahren tobt, das ist eine Thatsache; weshalb müssen nun noch die Gründe erforscht werden, die ihn zwangen, sich das Leben zu nehmen? Glaubwürdige Männer gaben Ihnen die Erklärung, daß hier ein Verbrechen nicht vorliege; das müßte Ihnen genügen, und wollen Sie trotzdem diese Männer zwingen, ihr Ehrenwort zu brechen, so müßten Sie doch voraus wissen, daß dies fruchtloses Beginnen ist." „Und da meinen Sie, sollen wir auch den Dieb laufen lassen, der den Todten beraubt hat?" „Das verlange ich nicht; mag ihn die Strafe treffen, die ihm gebührt." „Er aber beruft sich darauf, daß der Oberförster ein weit größeres Verbrechen begangen habe!" „Verdienen die Aussagen eines solchen Mannes Glauben?" „Er darf verlangen, daß wir von ihnen Notiz nehmen und daraufhin Nachforschungen anstellen. Und wenn diese Nachforschungen, wie es bereits geschehen ist, die Wahrheit seiner Aussagen bestätigen, sollen wir dann verpflichtet sein, vor der Erklärung, die Sie vorhin gegeben haben, stehen zu bleiben und die Untersuchung niederzuschlagen? Wir würden unsere Pflichten schlecht erfüllen, wenn wir das thäten, und ich meine, Sie müßten mir darin Recht geben." Der Oberst schüttelte noch immer das Haupt, der Ausdruck seines Gesichts verrielh, daß er gewaltsam an sich hielt, um d,n aufwallenden Zorn zurückzudrängen. „Ich weiß nicht, weshalb Sie sich all' diese Mühe machen", sagte er in sarkastischem Tone, „kein Mensch nimmt ja Interesse an den alten Geschichten." „Das war wieder einmal ein großes Wort gelassen ausgesprochen!" erwiderte der Referendar achselzuckend. „Es wäre schon mehr als hinreichend, wenn nur die Justiz ein Interesse daran nähme, aber es sind auch noch andere Personen da! Tante und Schwester des Verstorbenen, und vor allem dis Frau Ackermann!" „Das ist wohl nur Vermuthung!" „Sie glauben es nicht?" „Pah, dieses Interesse der schönen Frau entspringt einer leicht verzeihlichen Neugier — " „Nicht weiter, Herr Oberst! Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen. Jene Frau hat den Unglück, lichen geliebt, sie liebt ihn noch heute mit aller Gluth. deren ein Frauenherz fähig ist." „Wer sagte Ihnen das?" „Tante Lina." Der Oberst war ans Fenster getreten. In Schweigen versunken blickte er lange hinaus. „Um so tiefer ist er zu beklagen", sagte er «ach einer langen Pause mit bewegter Stimme; „er hätte vielleicht unsagbar glücklich werden können, aber ein böses GesSick versagte ihm dieses Glück. Und liebt Vera von Löwenfels ihn heute noch, dann darf sie nie erfahren, was ihn in den Tod trieb; sie könnte das Geschehene ja doch nicht ungeschehen machen, und niemals würde sie wieder eine frohe Stunde haben." „Aber sie könnte seinen Tod rächen!" „Und was hätte sie, was hätte der Todte von dieser Rache?" „Wollen Sie denn immer in Räthseln sprechen, nie dieses räthselhafte Schweigen brechen?" „Ich darf es nicht, und selbst wenn ich es dürfte, so würde ich ihretwegen schweigen." „Das ist mir unverständlich —" 410 „Dringen Sie nicht weiter in mich", sagte der Oberst mit einer abwehrenden Handbewegung, „und wenn Sie uns Allen einen großen Gefallen erzeugen wollen, dann verzichten Sie fortan darauf, dieses Geheimniß zu erforschen." „Sprachen Sie nicht selbst von Rache, die Sie nehmen wollten?" „Ich that es, aber nun sehe ich davon ab. Und ich sage Ihnen noch einmal, lasten Sie den Oberförster aus dem Spiel; was er weiß, darf er nicht sagen, und es wird Ihnen nicht gelingen, ihn zu einer offenen Erklärung zu bewegen. Sie machen sich nur nutzlose Mühe und ihm Sorgen und Aerger, ohne das Geringste zu erreichen." „Aber die Aussagen des rothen Fritz —* „Achten Sie nicht darauf, betrachten Sie diese Aussagen als das, was Sie sind, boshafte Verleumdungen, durch die der Bursche sich selbst reinzuwaschen sucht. Bestrafen Sie ihn wegen de» Diebstahls und de» Mordversuchs, er wird dann wohl für einige Jahre unschädlich gemacht werden." „Da hieße es also für mich: Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo?" erwiderte Rommel fragend. „Das sage ich nicht, ich wollte Sie nur warnen, und Sie würden wohl thun, meinen Rath zu beachten." „Ich fürchte leider, daß ich Ihren Wunsch nicht mehr erfüllen kann. Kleine Ursachen erzeugen oft große Wirkungen. Wäre jener Vagabund nicht mit einem falschen Paß aufgegriffen worden, so hätte wohl Niemand daran gedacht auf jene Ereigniffe noch einmal zurückzukommen; nun dies aber geschehen ist, muß die Untersuchung auch zu Ende geführt werden, und es läßt sich nicht voraussehen, was dadurch noch an den Tag kommen wird. Der Richter will und muß klar sehen; stößt er auf ein dunkles Geheimniß, so ist es seine Pflicht, daffelbe zu er- forschen — hier stehe ich, ich kann nicht anders, die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los." „Legen Sie keinen Werth auf die Aussagen des Gefangenen, dann werden Sie die Akten bald schließen können und sich in keiner Weise genöthigt sehen, auf jene Ereigniffe zurückzukommen." „Das ist bald gesagt! Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit — leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die SachenI" „Brechen wir ab!" sagte der Oberst unwillig. „Sind die Damen abgereist?" „Vor einer Stunde schon!" „So kann ich also in den „Weißen Hirsch" zurückkehren? — Ich bin hier, um Sie abzuholen." „Gott sei Dank! Ich bin gewiß nicht verwöhnt, aber lange hätte ich es in diesem Hause nicht mehr ausgehalten." Der Oberst begann ohne Zögern damit, die umherliegenden Garderobestücke und Toilettengegenstände einzupacken, und Rommel erinnerte sich jetzt des Briefes, den er am Morgen empfangen und noch nicht geöffnet hatte. Er trat an's Fenster und entfaltete das Schreiben. „Mein lieber Freund und Kupferstecher!" las er. „Das arme Menschenherz muß stückwei» brechen! werden Sie sagen, wenn Sie die Jeremiade gelesen haben. Mein Schiff streicht noch immer durch die Wellen, und ein alter Cerberus bewacht den Hasen mit Argusaugen. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen beim Abschied sagte: Hier vollend' ich's, die Gelegenheit ist günstig! — und in der That schien mir der Erfolg nicht fehlen zu können. Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten und das Unglück schreitet schnell! Kaum hatte Tante Lina mit dem Fräulein Ludmilla da» Haus verlaffen, als eine Droschke vorfuhr, der ein alter Drache mit Hutschachtel und Reisetasche entstieg, um fortan al« Cerberus die Pforten des Paradieses zu bewachen. „Madame Stein, unsere frühere Haushälterin", stellte Hertha mir den Drachen vor, der mit süßem Lächeln mich bezaubern zu wollen schien. Das war kein Heldenstück, Tante Lina! Ich dachte: Hol' die Pest Kummer und Seufzen, es bläst einen Menschen auf, wie einen Schlauch! Die Wachsamkeit dieses Drachen zu täuschen, schien mir Kinderspiel zu sein; geh' den Weibern zart entgegen, Du gewinnst sie auf mein Wort. Aber ach, des Lebens ungemischte Freude wird keinem Sterblichen zu Theil! Glaubte ich einmal mit Hertha allein zu sein und nun das große Wort gelassen aussprechen zu können, so sah ich aufschauend plötzlich dem Drachen in das süß lächelnde Angesicht und zum Teufel war der Spiritus! Ich kann Ihnen die Tantalusqualen nicht schildern, die ich erlitten habe, und nach Jahren noch werde ich sagen: Sprich' mir von allen Schrecken des Gewissens, von diesem Drachen sprich' mir nicht 1 Hertha scheint davon nicht die leiseste Ahnung zu haben, sie springt und singt durch das Haus, als ob ihre» Lebens Mai ewig blühen müsse. Was thun? spricht Zeus. Ich habe Alles versucht, der Cerberus ist nicht zu überlisten; so muß ich mich denn gedulden, bis Tante Lina zurückkehrt und der Drache wieder abzieht. Dann wird das grausame Spiel wohl ein Ende nehmen und mir vergönnt werden, ihren Spuren erröthend zu folgen. Ich hoffe, Sie haben inzwischen das holde Weib errungen, kehren Sie nur recht bald zurück, ohne Neid und Mißgunst werde ich mich in dem Liebes- glanz Ihres Leben» sonnen! Einen Associö habe ich gefunden; ich werde noch einige Monate im Hause Morgenroth's bleiben und alsdann mein eigenes Geschäft eröffnen: das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus ben Ruinen. Hauptmann von Görlitz ist wohlauf, Signora Barlotti hat dem alten Drachen, der auch ihren Verlobten bemuttern wollte, die Art, mit Hexen umzugehen, in einer so drastischen Weise gezeigt, daß sogar Hertha ihre Freude daran hatte. Grüßen Sie den Oberst und leben Sie wohl, und wenn Sie noch ein menschliches Rühren fühlen, dann bedauern Sie Ihren unglücklichen Freund i Carl Maiwind." 411 „So, das wäre geordnet!" sagte der Oberst, während er die Reisetasche schloß; „sobald ich meine Rechnung berichtigt habe, können wir gehen. Haben Sie einen angenehmen Brief erhalten?" „Von meinem unglücklichen Freunde", erwiderte Rommel lächelnd. „Maiwind? Worin besteht sein Unglück." „Er hatte gehofft, mährend der Abwesenheit unserer Hauswirthin Herz und Hand seiner Dulcinea zu erobern, aber Tante Lina war so vorsichtig, einer früheren Haushälterin die Bewachung ihrer schönen Tochter anzuvertrauen." „Daß sie das thun würde, hätte Herr Maiwind voraussehen können! Er ist also nicht zum Ziele gelangt?" „Rein!" „Und Sie?" fragte der Oberst, den forschenden Blick erwartungsvoll auf den jungen Mann heftend. „Haben Sie Ihre Absicht ausgeführt?" „Ich fand keine paffende Gelegenheit." „Ich erwarte, daß Sie die Worte beherzigen werden, die ich in Bezug auf diese Angelegenheit Ihnen vor einigen Tagen sagte", erwiderte der Oberst ernst; das Geschick der Schwester meines Freundes liegt mir sehr am Herzen." Er verlieb das Zimmer und trat in die Schenkstube, um seine Rechnung zu ordnen; einige Minuten später schlugen die Beiden den Weg zum „Weißen Hirsch" ein. „Wann wollen Sie abreisen?" fragte der Oberst nach einer langen Paufe. „Morgen! Werden Sie mich begleiten?" „Vielleicht, ich kann es Ihnen jetzt noch nicht sagen. Wäre dar Wetter gut geblieben, so würde ich vielleicht vorzichen, hier noch einige Wochen zu weilen. Hat Herr Matwind Ihnen keine Mit- theilungen über den Landrath gemacht?" „Rein, Ackermann befindet sich ja in der Residenz." „Und seine Frau wird ihm dahin folgen?" „Ich glaube das nicht, sie macht ja kein Hehl daraus, daß der Landrath ihre Achtung verscherzt hat; ihre Liebe wird er wohl nie besessen haben." „Ist diese letzte Behauptung richtig, dann hätte Vera von Löwenfels diese Ehe nicht eingehen sollen!" „Sie thats wohl nur, um sich aus drückenden Verhältnissen zu befreien. Der Mann, den sie liebte, war tobt. Man hatte ihr gesagt, der leichtsinnige Hazardspieler sei ihrer Liebe nicht werth gewesen ; sie kannte den wahren Charakter Ackermann's nicht und ließ sich durch die Maske, die er ihr zeigte, täuschen; so ward sie seine Gattin in der Hoffnung, daß er es als seines Lebens Aufgabe betrachten werde, um ihre Liebe zu werben und sie glücklich zu machen. Und weshalb hätte sie diese Hoffnung nicht hegen dürfen? War es ihre Schuld, wenn sie sich in ihr getäuscht sah? ES wäre so leicht gewesen, sie glücklich zu machen, aber dazu fehlte dem Landrath der ernste Wille. Seiner Eitelkeit schmeichelte es, daß man ihn um die schöne Frau beneidete, und mehr verlangte er nicht. Und dann, verehrter Herr, lauert noch irgend eine dunkle That im Hintergründe, ich lasse mir das nicht ausreden, und Sie wissen ja: „Das eben ist der Fluch der bösen That, daß sie fortwährend Böses muß gebären!" Weshalb mußte Ackermann den Brief aufbewahren, den H rmann von Salberg vor seinem Ende an ihn geschrieben hatte? Weshalb mußte dieser Bries nach einer Reihe von Jahren in die Hände seiner Gattin kommen? Wollen Sie das Alles Zufall nennen? Ich erblickte darin das Walten einer gerechten Vergeltung, ich finde darin den Beweis, daß ein Gott lebt, zu strafen und zu rächen!" Der Oberst schwieg; sein junger Freund spann diesen Gedanken weiter aus, manches Citat hineinflechtend, und so gelangten sie endlich zum „Weißen Hirsch", wo sie freudig begrüßt wurden.' Der Oberst nahm sein altes Zimmer wieder in Besitz, er hatte keine Ahnung von der Ueberraschung, die ihn an diesem Abend noch erwartete. Die Herren hatten eben ihr Abendbrod eingenommen, sie saßen bei einer Flasche Wein noch plaudernd beisammen, als plötzlich nach kurzem Anpochen die Thür hastig geöffnet wurde und Vera auf der Schwelle des Zimmers stand. Bestürzt erhob der Oberst sich, Rommel ging nicht minder überrascht der Dame entgegen. „Sie kommen allein zurück, gnädige Frau?" fragte er besorgt. „Es ist doch kein Unglück passirt?" „Rein, nein, Fräulein von Salberg begleitet mich, wir haben uns in Wiesbaden kurz entschlossen, noch einmal hierher zurückzukehren", erwiderte Vera, tief aufalhmend. „Und dieser Entschluß stützte sich auf die Hoffnung, daß wir Sie hier finden würden, Herr Oberst", fuhr sie fort. „Zürnen Sie mir deshalb nicht, gewähren Sie mir die Bitte um eine kurze Unterredung!" (Fortsetzung folgt.) Aehnlichkeit und Unterschied der Kleidung beider Geschlechter*) von Dr. E. D. Mund v. Pochhammer. (Schluß). Hinsichtlich des bisher Erwähnten verhalten sich die Bekleidungen des männlichen und weiblichen Geschlechtes fast gleich; nur werden von letzterem im Allgemeinen weniger Tuchkleider getragen und mehr hellfarbige Kleider, und namentlich nicht zugleich so viel Tuchkleider übereinander als von den Männern, weshalb schon die Kleidung derselben wärmer zu halten pflegt, ganz abgesehen von dem verschiedenen Schnitt. Aber gerade der verschiedene Schnitt beider Bekleidungsarten macht den größten Unterschied derselben aus. Im Allgemeinen ist die Weite oder Enge der Bekleidung von großer Wichtig- 412 feit für unser Wohlbefinden, und eigentlich gilt dies für beide Geschlechter. Ein weites und an verschiedenen Stellen offenes Gewand gestattet einen steten Wechsel der zwischen dem Kleide und dem menschlichen Körper befindlichen, erheblichen Luft- menge und erleichtert dadurch das Verdunsten des Schweißes und die Abkühlung der Haut; deshalb sind weite Kleider so angenehm und paffen für warmes Klima und heißes Wetter; und hier befindet sich das weibliche Geschlecht im Vortheil, schon weil bei ausgeschnittenen Kleidern, wenn es die Mode erlaubt, Hals, Nacken und Arme unbedeckt getragen werden, während die Männer den Hals mit engen Hemden oder Halskragen umgeben und mit unnütz warmen Halstüchern einschnüren, wenn auch gegenwärtig die vor einigen Jahrzehnten üblichen steifen, hohen Halsbinden nicht mehr Mode und nur beim Militär noch gebräuchlich sind. Aber freilich: „Alles wiederholt sich nur im Leben!" und wie leider die abgeschmackte Damenmode des Krino- liuentragens sich schon wieder angekündigt, kann auch die Mode der unheilvollen, steifen Krawatten wiederkehren. Fast ebenso nachtheilig ist übrigens die Unsitte des entstellenden Gebrauches der sogenannten Cachenez, mit denen viele Männer sich vor Erkältung des Halses, Heiserkeit, Katarrh rc. schützen wollen und nur eine nicht unbedenkliche Verwöhnung und Verweichlichung der Halspartie bewirken, stack dieselbe durch Fortlaffen aller Umhüllung und tägliches Kaltwaschen abzuhärten und für Erkältungen unetn» pftndlich zu machen. Wenn gegen das Bloßtragen des Halses, Nackens und der Schultern eingewendet wird, daß unter Umständen ein Bedecken von Nacken und Schultern nörhig wird, so muß dagegen erinnert werden, wie leicht sich die Damen durch Umlegen eines Kragens oder kleinen Umschlagetuches schützen, und wie auch den Männern bei strenger Kälte an* zurathen ist, ein dreieckig zusammen gelegtes Tuch unter dem Hemde anzubringen, um Nacken und Schultern warm zu halten. Was im übrigen die weibliche Keidung betrifft, so muß nachdrücklich betont werden, daß eine Menge von gefährlichen und beschwerlichen Krankheiten der Frauen lediglich durch ihre theils unzweckmäßige, theils ungenügende Kleidung erzeugt wird, und zwar wirkt diese entweder selbst als Krankheitsursache wie das unsinnige Zusammenschnüren der Taiite durch die leidigen Schnürleiber, das nicht bloß schwer oder gar nicht zu beseitigende Erkrankung des Magens und seiner Nachbarorgane zur Folge hat, sondern auch leichtere wie schwere Störungen des Blutlaufs mit sich bringt, dann aber auch in entfernteren Organen im Unterleibe Kongestiv- zustände erregt, die zu unheilbaren, sehr schmerzlichen und gefährlichen Unterleibsleiden führen, — oder durch die ungenügende Bekleidung wird die Einwirkung krankmachender Einflüffe auf den Körper erleichtert. Dies ist namentlich der Fall, weil bei den Damen die Beine und der Unterleib sehr mangelhaft vor Erkältungen und ihren Folgen geschützt sind. Für da« erwachsene weibliche Geschlecht sind deshalb Beinkleider, die mindestens bis zum Knie reichen, im Sommer von Leinewand oder Shilling, im Winter von leichtem Wollenstoff, unentbehrlich. Ganz zu verwerfen ist bas Tragen von Strumpfbändern unterhalb des Knie's wegen dadurch bedingter Störungen des Blut- und Lymphe- Umlaufs, die sich meist bei älter werdenden Frauen jedes Standes durch Entstehung von schwer heilenden Fuß- und Wadengeschwüren kundgeben. Zur Vermeidung dieser leider sehr häufigen Plage ist es rathsam, die Mädchen von Jugend auf an Strumpfbänder zu gewöhnen, die oberhalb des Knie's angelegt werden. Die Fußbekleidung ist trotz 50jähriger Warnung bei beiden Geschlechtern entschieden unzweckmäßig und führt zu Verkrüppelung der Zehen, Leichdornen, Frostbeulen, eingewachsenen Nägeln re. Zu weiterem Nachtheil gesellt sich für die Frauen hier noch ungeeignetes Material der Schuhe hinzu, zu dünnes Leder oder Zeug und zu dünne Sohlen. Ein Uebelstand der weiblichen Kleidung sind ferner die Gürtelbänder, die auch von einzelnen Männern statt der Tragebänder angelegt werden. Diese letzteren sind freilich auch oft nachtheilig, wenn sie über der Brust verbunden oder gar vorn gekreuzt sind. Be- klagenswerth ist, daß die früher gebräuchlich gewesenen Mäntel durch die unzweckmäßigen lieber, zieher verdrängt sind, und daß in manchen Männerkreisen als angebliche neue Erfindung die Jäger'sche sogenannte Normalkleidung, d. h. hauptsächlich wollene Leibwäsche Mode geworden ist. Es ist nicht zu leugnen, daß in manchen Fällen das Tragen von Wollstoffen einen nöthigen Schutz vor Erkältung der Haut gewährt; dieser ist aber durch Flanell- ober Krepp-Unterjacken bester unb billiger zu erreichen. Bekannt ist ja, baß man im Mittelalter, als Leine, wanb noch unbekannt war, ausschließlich wollene Leibwäsche trug, baß aber später leinene oder baumwollene Leibwäsche mit Recht entschiedenen Vorzug fand. Sehr empfehlens werth sind übrigens die Patent-Filethemden und Jacken von C. Metz und Söhne in Freiburg im Breisgau für die wärmere Jahreszeit. Diese Filetstoffe haben nur den Nebel- stand, daß manche mit empfindlicher Haut den Druck der kleinen Knoten beim Liegen unangenehm empfinden, weshalb die überaus vortrefflichen und für jede Jahreszeit geeigneten Unterleiber aus Krepp von Stähl-Siebenmann in Zosingen bei Bafel vorzuziehen fein möchten. Die vom Profestor Jäger in Stuttgart, bem unter bem Namen „Der Seelen- riecher" bekannten ausgezeichneten Gelehrten, einge* führte Wollen-Uniform scheint in etwas übertriebener Weise angepriesen zu werben, unb bet Sanitätsrath Dr. Niemeyer sagt wohl mit Recht: „Wolle als Leibwäsche zu tragen, macht wasser- unb seifenscheu unb führt zur Vernachlässigung ber neuerbings von allen Autoritäten als so überaus wichtig erklärten Hautpflege und zur Rückkehr zur mittelalterlichen Schmutzerei!" Ncdaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.