chießener Jamilien blätter. Belletristisches Beiblatt fum Gießener Anzeiger. N^26^ Dienstag den 2. März. 1886. " IH■■ IIBWCF1 . .........MINMIWt IP ITnTnilTTfflnmr'Q-jWTTp--^.T~yri'f Die Aakschmünzer. Criminal-Roman von Gustav Süffel. (Fortsetzung). Jonas küßte die Hand, die' ihm ein Goldstück reichte. Und wenn Duprat die wohlgepflegte weiße Hand auch rasch zurückzog und sagte, er liebe das nicht, so wußte der Bureaudiener doch bester, daß seine Servilität nicht mehr wie gern gesehen wurde. Wenige Minuten später trat Duprat in das Bureau seines Chefs. Dieselbe Ergebenheit, welche der Prokurist Seitens der anderen Geschäftsangestellten für sich beanspruchte, trug er gegen höher Gestellte zur Schau. Und diese Bescheidenheit trotz seiner bevorzugten Stellung war es gerade, was dem Commerzienrath an seinem jungen Prokuristen so gefiel. „Ah, mein lieber Duprat!" rief Etwold, ihm die Hand hinstreckend. „Also hat mein Brief doch die gewünschte Wirkung gehabt?" „Ihr Brief, Herr Commerzienrath?" fragte Duprat in seiner leisen einschmeichelnden Weise. „Ich habe keinen solchen erhalten." „Nicht möglich! Wann sind Sie abgereist?" „Mit dem Courierzug heute früh." Der Commerzienrath schüttelte unwillig den Kopf und drückte noch einmal auf die Tischglocke. Duprat wußte, was nun folgen würde; er begab sich an seinen Platz, ein Stehpult, welches im Rücken des Chefs sich befand. Von hier aus warf er unbemerkt einen recht tückischen, schadenfrohen Blick auf den erregten alten Herrn. Jonas kam und rief dann noch einmal Herrn Leuchtmann. Der alte Mann ahnte sofort, daß Duprat im Begriff stehe, einen Trumpf gegen ihn auszuspielen. Der Blick, welchen er beim Hereintreten jenem zuschleuderte, war ein recht böser. Aber der Prokurist stand da in seiner bescheidenen, unbefangenen Art und ordnete Papiere; er that, als wenn die ganze Geschichte ihn nichts anginge. „Herr Leuchtmann" sagte Etwold ärgerlich, „Sie haben erklärt, an Herrn Duprat vorgestern in meinem Namen einen Brief geschrieben zu haben?" „Jawohl, Herr Commerzienrath." „Herr Duprat, der erst heute früh von M. abgereist ist, hat aber keinen solchen erhalten." Wieder ein solcher Blick Leuchtmans auf den Prokuristen. „Und wer" fragte der Alte erregt „hat denn Herrn Duprat sonst zur Rückkehr bewogen?" „Etwas, das ich nur dem Herrn Commerzienrath hier mittheilen kann" erwiderte Duprat ruhig. In Leuchtmanns Antlitz flammte es auf. „Sagen Sie lieber", rief er drohend, „daß Sie es auf meine Entlastung abgesehen haben!'' „Leuchtmann", sprach Etwold zornig, „wie können Sie es wagen, in meiner Gegenwart eine solche Sprache zu führen?" „Herr Commerzienrath, das muß ich", erwiderte der Andere fest, „denn hier handelt es sich um einen Betrug, den man Ihnen spielen will, und dessen Opfer ich werden soll." „Was? Wie?" fuhren Chef und Prokurist gleichzeitig auf. „Jawohl, Herr Duprat", sagte der alte Mann, indem er dicht an Jenen herantrat, „denn nur Verschlagenheit und Tücke haben Ihnen zu Ihren bisherigen Erfolgen verhalfen. Ich bin ein alter, treuer Diener unseres verehrten Chefs hier, ein Mann mit wirklichen Verdiensten um das Emporblühen des Geschäfts, und Ihnen daher ein Dorn im Auge. Sie haben schon lange auf meine Beseitigung gesonnen und ergreifen die Gelegenheit, wo sie sich Ihnen bietet. Ihr Helfershelfer und Spion, der Jonas, hat vorhin belauscht, was zwischen mir und dem Herrn Commerzienrath besprochen wurde, und als Sie ankamen, stürzte er hinaus und Ihnen entgegen. Er versieht ja wohl bei Ihnen Stubendienste. Nun wußten Sie, daß von diesem Briefe meine Stellung abhängt, und daher leugnen Sie den Empfang. So liegt die Sache, Herr Commerzienrath. Entlassen Sie mich noch, dann haben Sie lauter neue Kräfte, lauter Creaturen Ihres Prokuristen hier, und dann wird es sich ja zeigen, wohin er das Geschäft führen wird." Duprat war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten; er war sehr blaß geworden, so daß die Starrheit seiner Züge jetzt wirklich an ein Marmorbild erinnerte. Er hatte die Fluth der Anklagen über sich ergehen lassen, ohne ein Wort der Widerrede, ohne eine abwehrende Bewegung. Jetzt aber, als Leuchtmann geendet hatte und sich mit dem großen bunten Taschentuch über Stirn und Augen fuhr, richtete er einen einzigen fragenden Blick auf Etwold. Kalt und bestimmt konnte man denselben 1 02 mm«, Md im LH-! mchmd, wa« fein Pr-Imift sch---- z-it-x w-, da-i «M. Ei-°ld hmiv- L * ** *' Um ft* 3»”-” di-,-«- ich«--.«»- fro-M S »X Ä.Ä nicht die Rede sein." „Aber Sie riethen mir doch selbst zu M." „Ich Ejatte wirklich gehofft, daß die enger gezogenen Grenzen auch auf Herrn Eduards böse Leidenschaften beschränkend einwirken würden. Und dann mußte meines bescheidenen Erachtens nach auch die größere Verantwortlichkeit ein erhöhtes Pflrcht- gefühl in ihm erwecken. Es thut mir wirklich sehr, sehr wehe, Herr Csmmerzienrath, Ihnen von Allem das Gegentheil berichten zu müffen." „Es ist um toll zu werden", fuhr Etwold auf, „dieser Bube!" Er kreuzte die Arme über der Brust, wie um den Sturm, der sein Inneres durchwühlte, zu bezwingen, und ging mehrere Male schweigend im Zimmer auf und ab. Wie die Katze die Maus, mit der sie ihr grausames Spiel treibt — Bosheit und Schadenfreude in dem verfolgenden Blick — so beobachtete währenddem der Prokurist seinen Chef. Das durchbrochene offene Fachwerk, welche» sein Stehpult krönte, lieh sprach Etwold mit erzwungener Ruhe, die Gerechtigkeit Ihrer Klagen zu prüfen, sondern nur um Ihnen zu zeigen, wie wenig würdig Sie Ihrer Stellung und meines Ihnen bewiesenen Ver- ihm genügenden Schutz. Als jetzt Elwold stehen blieb und auf ihn hm- blickte, zeigte er wieder die früher bewiesene Demuth uxd ix seinem Antlitz einen Zug gefühlvoller Theil- trauens waren." Ein hämisches Lächeln umspielte auf eme Sekunde die zusammengepreßten Lippen Duprats, während sich auf Leuchtmanns Antlitz Staunen und führte Sie nach M.?" „Errathen Sie es nicht schon, Herr Commerzien- rath?" fragte Duprat sanft. Er schloß mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Chef die Thür. Etwold's Züge verfinsterten sich. „Mein Sohn", sagte er gedankenvoll, „ich hätte mir's denken können. Er hat seine frühere Lebensweise auch in M. beibehalten?" Der junge Mann räusperte sich »erlegen. Es schien, als wenn er mit der Sprache nicht recht heran» wolle. „Reden Sie ganz offen", ermuthigte ihn Etwold. ^,Was ist'» mit Eduard?" „Herr Commerzienrath" begann Duprat mit vollem Bedachts „es will mich b-dünken, als ob Entrüstung malten. . . .r . , Anstatt diesem verdienstvollen rungen Manne werb i«, nachzueifern", fuhr Etwold fort, „haben Sie immer nur opponirt und es auch fonst an der schuldigen I Achtung vor meinen Wünschen fehlen lassen. Mit Ihrem heutigen Erguß haben Sie sich vollends das ! Urtheil gesprochen. Sie sind mit einem halben j Jahresgehalt entlassen, das ich Ihnen mit Rücksicht s auf Ihre traurigen Familienverhältniffe und Ihre langjährige Geschäftsthätigkeit in meinem Hause zahlen will. Ich erwarte von Ihnen jetzt aber ein besonnenes, anständiges Betragen, und daß Sre | Ihren Platz noch heute räumen werden." Leuchtmann wollte noch etwas erwidern. | „Kein Wort mehr!" brauste Etwold auf. „Oder ! ich entziehe Ihnen auch diesen letzten Beweis von Wohlwollen. Gehen Sie." Es zählte noch in der Brust des tiefgekränkten Mannes und gerne hätte er seinem gepreßten Herzen Luft gemacht. Aber er gedachte seiner armen Lieben daheim, und das zwang ihn, zu schweigen. Nur noch einen Blick warf er von dem Chef auf den Prokuristen, und daraus sprach Alles, was er hätte sagen können; er enthielt eine Warnung für Etwold, eine Drohung für Duprat. Natürlich machte das auf Beide keinen Eindruck weiter. Als er hinaus war, nahm Etwold die unterbrochene Unterhaltung wieder auf. „Also nicht mein Brief, sondern ein glücklicher Zufall hat Sie, mein lieber Duprat, zu einer Zeit zurückgeführt, wo ich Ihres Rathes nicht wohl entbehren kann", sagte er im Tone ungeschwächten Wohlwollens. „Zuvörderst nun eine Frage: Was Eduard?" . _ „Nun denn", erwiderte Duprat, und ein tückischer Blick schoß aus den stahlgrauen, kalten Augen her- vor, „das Betragen Ihres Herrn Sohnes ist geradezu unverantwortlich. Er führt nicht das Leben eines Geschäftsmannes, sondern eines Libertins und vergeudet am Spieltisch und mit liederlichen Dirnen Summen, welche zu dem von Ihnen bewilligten Unterhalte in keinem auch nur annäherndem Ver- hältniffe stehen. Ich glaubte den mir gemachten Mittheilungen nicht und reiste deshalo selber hinüber. Leider fand ich nicht nur alles Gesagte bestätigt, sondern noch übertroffen. Und — das Schlimmste. — M. ist bedeutend kleiner als die Residenz ; da kann von einem Verbergen dieser Exeeffe natürlich Sie "an den Vorgängen in meinem Hause stets genommen haben. Sie waren der Erste, der mich auf die Gefahren, die meinem Sohne rn dem Weltstadtleben drohten, aufmerksam machte, der mir bewies, daß er hier nicht bleiben könne, wenn ich meinen ehrlichen alten Namen nicht mit Schan e bedeckt sehen wollte. Und wenn Sie jetzt fortsahren, Eduard zu boobachten, so erkenne ich das an. Ich ja, daß Sie aus den lautersten Motiven handeln. Wie also führt sich mern Sohn in M.? „Darf ich ganz ohne Rücksicht sprechen?" „Ich verlange sogar Ihr volles Vertrauen. Das Zweiggeschäft in M. ist nicht unbedeutend, und ist es mir nicht gleichgültig, wie der beseitige Chef desselben, der Träger meines Namens mich dort vertritt. Fasten Sie sich kurz. Was ist s mit 103 nähme, wie sie seinem kalten Naturell offenbar zuwider war. Aber Etwold war erregt. Er sah nur bte Theu- nahme und fand keine Zeit zu Erwägungen über die Echtheit derselben. „Und was rathen Sie mir nun zu thun?" fragte er. „Darf ich denn ferner noch rathen in einer Angelegenheit zwischen Vater und Sohn?" fragte Duprat bescheiden. „Wenn ich selbst darum ersuche —" „Und ich möchte es wohl, aber ich fürchte —" „Was?" „Daß es Herrn Eduard gelingen wird, sich trotz seines wüsten Lebens wieder in Ihre Gunst einzuschmeicheln; und dann würde ich sicher das Opfer meiner ^zu großen Anhänglichkeit an Ihre werthe Person werden. Meiner Stellung ginge ich verlustig, und sein Einfluß würde dann wohl auch bewirken, daß ich für all meine Liebe em schlechtes Zeugniß und gar keine Stellung mehr bekäme." Die kalten Augen ruhten während dieser Worte lauernd auf dem Antlitz des alten Herrn, natürlich genügend verschleiert, nm jenen nicht zu beunruhigen. „Entschlagen Sie sich aller solcher Bedenken" sprach ermuthigend der Chef. „Es wäre denn, mein Sohn verwandelte sich vollständig, was ich nun nicht mehr zu hoffen wage; sonst hat er auf meine Liebe keinen Anspruch weiter. Mein Vertrauen zu ihm ist geschwunden, meine Hoffnungen auf ihn sind zerstört. Ich kann nur noch bedauern, ihn Sohn nennen zu müffen. Warum ist er nicht so wie Sie geartet?" „O, Herr Kommerzienrath — „Keine falsche Bescheidenheit. In Ihnen vereinigen sich kaufmännischer Geist, Fleiß, Besonnenheit, Nüchternheit; ich bin überzeugt, daß Sie von Ihrem Gehalt noch nicht den dritten Theil verbrauchen." (Fortsetzung folgt.) Jastnachtsöräuche. Die im Mittelalter aufgetauchte Sitte, die Tage vor der eigentlichen Fastenzeit mit lustigen Gelagen, Tanzen, Poffen, Maskeraden u. drgl. zu begehen — wodurch man sich gleichsam im Voraus für die nachfolgende Entbehrungszeit fchadlos halten wollte — hat sich auch heute noch erhalten, wenngleich unter mancherlei Variationen. Ganz verschwunden sind die früheren Fastnachtsspiele, diese niedrig- komischen Burlesken, welche namentlich in den süddeutschen Reichsstädten blühten, und die heute noch in manchen Gegenden üblichen Fastnachtsspiele, wie: Knecht Ruprecht, die heiligen drei Könige, Schönbartlaufen, Quargschießen u. s. w. erinnern nur noch ganz entfernt an jene derbkomischen Possenspiele des Mittelalters. Merkwürdig ist aber, daß^ sich noch in vielen Gegenden der deutschen Alpenwelt Fastnachtsbräuche erhalten haben, die ein unverkennbar heidnisches Gepräge tragen, während sich bei andern Fastnachtssitten deren Ursprung aus herdmsch- germanischer Vorzeit nur noch ans Analogien und Vergleichungen nachweisen läßt. Das erstere läßt sich besonders von denjenigen Umzügen be- baupten, die unter allerlei Verkleidungen mit obligaten Späßen und Neckereien nicht nur im Süden, sondern auch im Norden Deutschlands stattfinden, und zwar nicht blos zum „Fasching", wie sich der Süddeutsche ausdrückt, sondern schon zu Weihnachten, von der Adventszeit an, bis zum Dreikdmgstag. Diese Umzüge erinnern theils durch die Zeck, in welcher sie gehalten werden, theils durch ihren Namen an die heidnische Vorzeit, so namentlich an Wotans Umzug und an den Einzug der Erbaöttm, welche in Süddeutschland unter dem Namen Perchtha, in Mittel- und Norddeutschland als Frau Holle ihr Andenken erhalten hat. Beide Gottheiten zogen, nach heidnischer Vorstellung,, zur Zeit der Wintersonnenwende, dann auch beim Beginne des Frühjahrs, durch die Fluren und segneten durch ihr Erscheinen Haus und Hof, den Feldern und Gärten, Wiesen und Auen aber gaben sie Gedeihen und Fruchtbarkeit. Von diesen Götterzügen hat das Volk m seinen Vorstellungen und Anschauungen, namentlich tn seinem Glauben an die zu bestimmten Zeiten umziehende wilde Jagd, und in seinen Gebräuchen allerlei Erinnerungen bewahrt. Zu solchen Ge- bräuchen gehören der Perchtgang in Bayern, das Perchtspringen in Tyrol und Salzburg, das Percht- jagen in Kärnthen, alles Auszüge junger Burschen, welche gräßlich maskirt und vermummt, womöglich mit zerlumpten Kitteln und zerrissenen Schuhen an- gethan, mit Schellen und Kuhglocken läutend, in bte Häuser bringen und unter Poffen, Tänzen, Reim- singen Gaben erbetteln. In der Obersteiermark gphen zur Faschingszeit alte Weiber von Haus zu Haus, sagen ihr Reimlein her und werden gut bewirt h et ; sind en sie im Hanse nicht Alles in Ordnung, so machen die Weiber einen gewaltigen Spektakel - Alles unverkennbare Nachahmung von Perchthas Umzüge. ,. f , In der deutschen Schweiz feiert man gleich zu Beginn der Faschingszeit den üblichen „Faschings- eintritt" fast in jedem größeren Dorfe. Das zunge Volk, aber auch häufig die schon älteren Manner mit, sammelt sich an einem bestimmten Platze vor dem Dorfe, wo man sich maskirt und bann zu Pferde steigt. An ber Spitze trabt der Schalksnarr, welcher von Zeit zu Zeit das Schellen- und Glöckeleinklingen feiner buntscheckigen Jacke und Narrenhaube hören läßt und am Halse seines Pferdes baumelt eine mächtige, blecherne Tuschglocke, bte bumpfhallend in bas Klingen unb Schellen htnein- tönt. Dem Vorreiter folgt ein buntes Gewirr theils interessarcker, theils wieder geschmackloser Ge- 104 stallen auf seltsam aufgeputzten Gäulen: Sultane mit riesigen,:Turbans und anscheinend kostbarem Ueberwurf, nußbraune, halbnackte Mohren, auf den wolligen Häuptern bunte Federkronen in den Händen ellenlange Pfeile, Turkos, Engländer, Chinesen, dann Schäferinnen und Sennerinnen, zum Scylusse eine zerlumpte Zigeunerfamilie, Bärentreiber und groteske Eselstreiber. Der Zug geht unter allgemeinem Halloh ins Dorf hinein, paradirt vor den Wohnungen der Dorfhonoration und der reichen Bauern und kehrt endlich in der Schänke ein. Hier zieht der Schalksnarr den Faschingsbrief aus der Tasche und verliest unter dem Jubel der Zuhörer die in der Gemeinde begangenen Thorheiten u. dergl. Ein fröhlicher Tanz beschließt natürlich die ganze Comödie. Im Zillerthale findet während der ganzen Fastnachtszeit ein lustiges Leben statt. Keine Hochzeit, keinen Tanz begeht man ohne die lustigen Faschingsbrüder, die, tüchtig vermummt, manchmal durch Pracht und sinnvolle Maskirung Staunen erregen. In gereiften Gegenden der östlichen Schweiz ist ein schnackisches Sprel zur Fastnacht Mode, das die seltsame Benennung „Ginitz-Moos" führt. Junge Burschen lhun sich unter allerhand Verkleidungen zusammen und ziehen vor die Thüren der älteren unverheiratheten Mädchen, welche dort auch scherzweise Grenitz oder Kibitz heißen. Kibitze setzen sich gern aus Moose und betten sich darin. Bekommt nun ein Mädchen keinen Mann, so sagt man von der Betreffenden: „Sie wird auf das Gienitzmoos (ober Giemtzried) kommen." — Die jungen neckischen Leute sammeln sich in einem Henkelkorbe, der von zwei alten Weibern, die so häßlich sein müssen, als sie nur aufgetrieben werden können, getragen wird, vorjähriges Moos und ziehen mit den Dorsspielleuten von Haus zu Haus. Wo sie eine „Kibitze" reiften, bestreuen sie die Thürsch wellen mit Sand, nageln vor die Thür einen Strohmann und beschenken die alte Jungfrau mit Gienitzmoos. Manchmal schließt dieser Scherz mit einer Verlobung, indem die muntern Dörfler der.Kibitze" statt Gienitzmoos den Brautmann bringen, wenn man von einer hier obwaltenden gegenseitigen Neigung überzeugt ist. In der Eifel herrschte noch vor ein paar Jahrzehnten der Brauch, daß die Weiber am Fastnachtstage in den Gemeindewald gehen und sich hier den schönsten Baum aussuchen und sällen lassen dursten. Den Baum verkauften sie und aus dem Erlöse wurde dann ein gemeinsames Mahl bestritten. Offenbar weist der uralte Brauch, den schönsten Baum aus dem Walde zu holen, zu verkaufen und dessen Erlös gemeinsam zu vertrinken, auf die ursprüngliche Einholung des Frühlings, ähnlich dem Einholen des Maiwagens, hin, welche Sitte in früheren Zeiten in Norddeutschland Sitte war. Auch im Brünnthal herrscht ein ähnlicher Faschingsbrauch, wie der aus der Eifel erwähnte. 9lur find es hier die ledigen Burschen, welche hier in die Gemeindewaldung gehen, sich den größten und schönsten Baum aussuchen und Redaction; A. Scheyda. «~ chn umhauen. Nachdem er an Ort und Stelle von feinen Aesten befreit worden ist, wird der Stamm von dem jungen Volke auf einen geeigneten Platz, der sich in der Nähe des Dorfes befindet, geschleppt, dann mit Bändern, Fähnchen, Immergrün u. s. w. geschmückt, auf einen Schlitten gelegt und ins Dorf gezogen. Der älteste Junggeselle geht an der Spitze; auf dem Schlitten befindet sich der Schalksnarr, welcher den dem Zuge Begegnenden allerhand derbe Neime xuruft, zu denen die chronique scandaleuse des Dorfes den Stoff liefert. Unter Jubel und Schreien und allerhand Späßen geht es durch das Dorf, worauf der Stamm öffentlich verstetgert und der Erlös von den Burschen gemeinschaftlich im Wirthshause verzehrt wird. In Schwaben war früher zur Fastnacht das Pflugumziehen weit verbreitet, auch am Rhein, in Frauken und anderen Gegenden huldigte man dieser Sitte. Sie bestand darin, daß die jungen Männer alle Tanzjungfern zusammenholten und nacheinander auf einen Pflug setzten; während ein paar Musikanten lustig aufspielten, wurde der Pflug sammt den Schönen von den übermüthigen Burschen ins Wasser gezogen. Und eine Chronik der Stadt Hof erzählt, daß Fastnachts böse Buben einen Pflug herumführten und die Mägdlein, welche sich nicht mit Geld anslösen wollten, davor spannten. Andere Burschen folgten und säeten Häckerling und Hobel- spähne. Diese Sitte des Pflugherumfahrens beruht jedenfalls auf der altheidnischen Vorstellung, wonach ans den Fluren eine wohlthätige, gütige Gottheit erscheint, der die Menschen überall im Lenze mit Freudenbezeugungen nahten. Es offenbart sich hierin eine alte Frühlingssitte, ein Wiedernahen oder Nachleben jener symbolischen Darstellungen der Götter- Umzüge unter den Menschen im Frühjahre, welche das Heidenthum bei feinen Frühlings- und Sommer- festen sichtbar darstellte und nachahmte, em Cultus, welcher nach Verdrängung der Götter durch das Christenthum nur in Volksgebräuchen, die mit der Zeit immer unverständlicher wurden, sich forterhalten und mehr und mehr verflüchtigt hat. In einigen Gegenden der Schweiz werden zur Fastnachtszeit die Hirschmaskeraden, wenn auch in sehr abgeschreächter Gestalt, noch begangen, welche alte Schriften unter dem Namen Solemnitas cornuti erwähnen. Dieses alte Volksfest wird in den einzelnen Landschaften verschieden anberaumt, gewöhnlich fällt es aber auf den ersten Montag nach Aschermittwoch, welcher auch den Namm Hirschmontag trägt. Der Hauptspaß besteht darin, daß zwei Nachbarorte einen Strohmann ober sonst ein maskenhaftes Ungethüm sich zuzuführen suchen, jeder aber die ihm zugedachte Beschwerung mit Waffengewalt und in einem förmlichen Feldzuge abzuwendeu trachtet. Das Unvermeidliche geschieht aber , doch, der Strohmann zieht in den Ort ein, wird hierauf feierlichst verbrannt und Sieger und Besiegte einigen sich zu einem fröhlichen Schmause. DmS der »rützl'schm Druüsr« ($$. khr. Pietsch) « Sichen.