Hiehener Jamilienblätter. Belletristisches Beiblatt $un$ Gießener An;eiger. 1 Samstag den 2. Januar. 1886. Gin Spiet des Zufalls. Roman in drei Bänden von Ewald August König. (Fortsetzung). „Trotzdem sie wissen, daß er Sie betrogen hat?" „So hat man mir damals gesagt und ich ver- zeihe mir es nie, daß ich es glaubte. Jetzt bin ich besser unterrichtet." Sein Antlitz war erdfahl geworden; die tiefe Furche zwischen den finster zusammengezogenen Brauen deutete auf böse, rachsüchtige Gedanken. „So wollen Sie mir keine Hoffnung lassen?" sagte er, indem er seinen Hut nahm. „Was könnte Ihnen eine Hoffnung nützen, deren Erfüllung nicht in der Möglichkeit liegt?" antwortete sie. „Ich bedauere, daß Sie mich genöthigt haben, Ihnen das Alles sagen zu müssen, aber Sie forderten Offenheit von mir und ich fühle mich verpflichtet, diese Forderung zu erfüllen." Heber das Gesicht Sonnenberg's glitt ein verbissener Zug; mit einer ceremoniellen Verbeugung nahm er Abschied. „Es hätte wohl in etwas höflicheren Formen geschehen können, gnädige Frau", sagte er und der Ton seiner Stimme klang heiser. „Ich bin mir nicht bewußt, Etwas gethan zu haben, was Sie berechtigt, mich zu beleidigen." „Das lag nicht in meiner Absicht", unterbrach sie ihn rasch. „Und doch sagten Sie: Niemand wisse besser als ich, d«ß Dornberg schuldlos verurtheilt sei." „In der Erregung bedenkt man nicht immer, daß den Worten, die man spricht, eine andere Auslegung gegeben werden könnte", erwiderte Dora. „Betrachten Sie jene Bemerkung als eine Redensart, die weiter keine Bedeutung hatte, und zürnen Sie mir auch nicht allzusehr wegen der Antwort, die ich Ihnen gegeben habe, die ich Ihnen geben mußte, weil das Herz sie mir diktirte; sie würde wohl anders gelautet haben, wenn mein Herz noch frei wäre." Er verneigte sich abermals und zog sich langsam zur Thür zurück. „Leben Sie wohl!" fügte er; „mögen Sie nie bereuen, die Hand eines treuen Freundes zurückgestoßen zu haben." Dora wandte ihm mit einem leichten Achselzucken den Rücken. Er ging hinaus, und als er die Thür hinter sich zugezogen hatte, verzerrten die wild in ihm tobenden Leidenschaften sein todtbleiches Gesicht. Eine andere Thür wurde leise geöffnet und Ernestine huschte in den Corridor. Sie erschrak, als sie in das entstellte Gesicht blickte; hastig legte sie den Zeigefinger auf die Lippen, um ihn vor einem lauten Ausbruch der Wuth zu warnen. „Ich habe Alles gehört", flüsterte sie, „ich begreife ihre Antwort nicht — gestern noch schien sie dieser Verlobung geneigt!" Das Zucken seiner Lippen bekundete, wie schwer es ihm fiel, seine Aufregung zu bemeistern. „Diese Hoffnung ist für immer vernichtet! Ich muß heute noch mit Dir reden, Ernestine." „Heute noch? Ich weiß nicht, ob —" „Es muß möglich gemacht werden!" „Ich kann vielleicht zu Dir kommen —" „Rein, das will ich nicht", sagte er rasch; „ich vermuthe fast, daß man unser freundschafilicheS Ver- hältniß ahnt. Wo war Dora gestern Abend?" „Ich glaube, bei der Schwester Dornberg's." „Ich werde ein Billet schicken, dessen Inhalt sie hoffentlich veranlaßt, auch heute Abend wieder auszugehen, dann schicke die Magd fort — wirst Du es können, ohne Argwohn zu wecken?" „Was hast Du vor?' fragte Ernestine bestürzt. „Du wirst es heute Abend erfahren. Wenn die Luft hier rein ist, so stelle die Lampe in die Nähe des Fensters, ich werde auf dieses Zeichen warten und augenblicklich kommen, sobald es gegeben wird." Wieder wurde eine Thür geöffnet, Dora stand vor den Beiden, Sonnenberg beeilte sich jetzt, in ceremonieller Form Abschied zu nehmen und hinter der Glathür des Corridors zu verschwinden. Mit scheinbar unbefangener Miene folgte Ernestine ihrer Gebieterin in den Salon, sie ahnte nichts von den Stürmen, die im Innern Dora's tobten. „Ich verdanke es wohl Dir und Deinen Heim- i lichkeiten, daß dieser Manu mir seine Hand anzu- : bieten wagte", nahm Dora in scharfem Tone das \ Wort, während sie langsam auf und nieder wanderte. | „Die Anklage, die Gustav Dornberg gegen Dich er- ! hob, betrachte i y nun in einem andern Lichte, und j ich kann nur schmerzlich bedauern, daß mir die \ Augen nicht früher geöffnet worden sind." Ernestine hatte sich in ein Fauteuil uiederge- j lassen, ein spöttisches Lächeln umzuckte ihre schmalen ; Lippen. ! „Ich verstehe Dich nicht", erwiderte sie in ihrer 9 kalten, gemessenen Weise; „daß Sonnenberg um Deine Hand werben würde, konntest Du so gut wie ich voraussehen, und wenn Du gerecht sein willst, wirst Du nicht bestreiten, daß Du selbst ihn dazu ermuthigt hast. Wie hätte er in dieser Werbung ein allzu kühnes Wagniß erblicken können? Du erschienst öffentlich nur noch in seiner Begleitung — " „Und heimlich suchte er durch Dich auf mich einzuwirken", fiel Dora ihr ungeduldig in die Rede. „Wenn ich auch schwieg, so war ich doch von Euren heimlichen Zusammenkünften und Unterredungen unterrichtet." „Nun denn, wenn dieser Herr mich bat, ein gutes Wort für ihn einzulegen, aus welchen Gründen hätte ich so unhöflich sein sollen, ihm Gehör zu verweigern?" fragte Ernestine, nun auch in einen schärferen Ton übergehend. „Alles, was ich that, geschah nur in Deinem eigenen Interesse, Du mußtest endlich Dich öffentlich von dem verurtheilten Verbrecher lossagen " „Um meine Hand einem Glücksritter zu reichen? Sieh mich nicht fo befremdet an, Du kennst diesen Mann und seine Vergangenheit, Du hattest ein Bündniß mit ihm geschlossen, von dem ich nichts wiffen durfte. Und dieses Bündniß bestand schon, als Gustav noch an meiner Seite weilte und auf unser Liebesglück noch kein Schatten gefallen mar, dieses Bündniß mit ihm und der Familie meines Bruders. Das Alles erkenne ich jetzt klar und deutlich, und wie gesagt, ich kann nur bedauern, daß diese Jntrignen nicht früher zu meiner Kennt- niß gekommen sind." Ernestine hatte sich erhoben; so sehr auch der Haß in ihr toben mochte, gelang es ihr doch, ihre Ruhe und Fassung wenigstens äußerlich zu bewahren. „Das waren tiefverletzende und beleidigende Vorwürfe", sagte sie, das blonde Haupt trotzig zurückwerfend. „Ich begreife nicht, daß die Werbung Sonnenberg's Dich so gewaltig erregen kann, ich begreife noch weniger Deine Ungerechtigkeit, die mich mit Vorwürfen überschüttet. Ich weiß auch nicht, welche Schuld Du mir aufbürden könntest, denn ich sehe hier überhaupt keine Schuld, auch dann nicht, wenn ich die Werbung dieses durchaus ehrenwerthen Herrn Sonnenberg protegirt hätte." „Ehrenwerth?", spottete Dora, die in dem Be- dürfniß, ihrem Groll Luft zu machen, wieder die Warnung des Criminalbeamten vergaß. „Ich glaube nicht daran!" „Hast Du Beweise vom Gegentheil?" fragte Ernestine lauernd. „Noch nicht, aber — " „Ah, Dir genügen also Vermuthungen, um ein verdammendes Urtheil zu sprechen? Dagegen giebt es freilich keine Vertheidigung —" „Haben die Geschworenen, die meinen Verlobten verurtheilten, beffere Beweise gehabt?" fiel Dora ihr in die Rede. „Genug, — daß wir nach diesen Erörterungen nicht länger beisammen bleiben können, wirst Du begreifen, ich überlaß es Dir, dieses Ver- hältniß in der Dir bequemsten Weise zu lö sen. Du kannst ja so lange noch unter meinem Dache bleiben, bis Du eine andere, Dir zusagende Stellung gefunden hast, ich dränge Dich nicht, und etwaigen Wünschen werde ich gern entgegenkommen." Ein leises Pochen an der Thür unterbrach das Gespräch, im nächsten Moment trat die Stadt- räthin ein. Wußte sie schon, daß Sonnenberg einen Korb bekommen hatte? Dora konnte es nicht glauben, aber sie empfing dennoch die Schwägerin kühler, als sie es sonst zu thun pflegte. „Ich will Dir nur eine Einladung für heute Abend bringen," sagte die Stadträthin, der Gesellschafterin nachblickend, die ziemlich geräuschvoll das Zimmer verließ. „Papa und Mama wollen uns nächste Woche verlaffen, um fortan ihren Wohnsitz in London zu nehmen, da werden wir sie wohl so bald nicht wieder sehen, und deshalb wünschen wir die Familie heute Abend noch einmal in unserer Wohnung zu vereinigen." „Ich muß bedauern", erwiderte Dora kalt; „Du weißt ja, wie ich mit Deiner Familie stehe." „Lieber Gott, in welch' einer gereizten Stimmung Du bist! Du hast wohl mit Deiner Gesellschafterin einen Zwist gehabt?" „Sie mag sich bei ihrem guten Freunde dafür bedanken." In den stahlgrauen Augen der Stadträthin blitzte es zornig auf. „Du sagst mir das in einem seltsamen Tone", erwiderte sie, „rechnest Du mich auch zu diesen guten Freunden?" „Euch Alle, Ihr wäret ja ebenfalls mit Sonnenberg gegen mich verbündet." „Mit Sonnenberg? Gegen Dich?" fragte die Stadträthin mit befremdeter Miene, das rothblonde Haupt schüttelnd. „Du wirst mir die Bemerkung gestatten, daß mir das unverständlich ist." „Behaupten magst Du das immerhin, Marie", spottete Dora, aber an die Wahrheit dieser Behauptung glaube ich nicht. Ich weiß nur zu genau, daß Gustav Dornberg sein Unglück nur Euren Jntriguen verdankt, und daß dieser Herr Sonnenberg den thätigsten Antheil daran genomm n hat. Ich bin überhaupt in diese Geschichten tiefer eingeweiht, als Ihr ahnt, und diesem Wissen mag Sonnenberg es zuschreiben, wenn der Korb, den er von mir empfing, etwas derb geflochten war." „Du lieber Himmel, das Erste, was ich höre!" rief die Stadträthin überrascht. „Er hat um Deine Hand geworben?" „Das solltest Du nicht gewußt haben?' fragte Dora ironisch. „Ich hatte keine Ahnung davon!" „Vielleicht davon nicht, daß es schon heute geschehen würde!" „Und Du hast abgelehnt?" „Jawohl, trotzdem ich wußte, wie sehr meine Familie diese Verbindung wünscht. Ihr habt Euch in Euren Berechnungen getäuscht —" „Bitte, Dora, hier kann von einer Enttäuschung keine Rede sein, wir haben an solche Berechnungen nicht gedacht. Mama mag vielleicht die Verbindung gewünscht haben, Sonnenberg ist ja schon seit längerer Zeit bei meinen Eltern Hausfreund, aber sie hat sicher nicht daran gedacht, die Erfüllung dieses Wunsches durch eine Jntrigue herbeizuführen. Ich muß diesen Vorwurf, soweit er sich auf meine Familie bezieht, entschieden zurückweisen, für Deine Gesellschafterin kann ich freilich keine Bürgschaft übernehmen; ist Deine Anklage gegen sie begründet, so hast Du ja in ihrer Entlassung ein sehr einfaches Mittel, sie für den Mißbrauch Deines Vertrauens zu bestrafen." „Ein Mittel, von dem ich bereits Gebrauch gemacht habe!" erwiderte Dora mit einem zürnenden Blick auf die Thür, hinter der Ernestine ver- schwunden war. „Ich vermuthe, die Beiden kennen einander schon sehr lange und sehr genau, aber ich mag nicht weiter darnach forschen, ihre Pläne sind vereitelt, das genügt mir." „Wir werden darüber wohl noch ausführlicher reden, wenn Du ruhiger geworden bist", sagte die Stadträthin, sich erhebend; „für jetzt mußt Du mich entschuldigen, ich habe für heute Abend noch Manches zu besorgen. Sonnenberg ist freilich ebenfalls geladen, aber wenn er hört, daß Du kommst, und Heinrich soll ihm das sagen —" „Bitte, derangirt Euch meinetwegen nicht, Du wirst wohl begreifen, daß ich nicht in der Stimmung bin, an dem Souper theilzunehmen." „Armes Kind!" sagte ihre Schwägerin in bedauerndem Tone, während sie ihr die Hand reichte, die gleich darauf wieder in dem kleinen Zobelmuff verschwand, „Du solltest Dich nicht so sehr —" „Genug davon!" fiel Dora ihr mit einer ablehnenden Geberde in die Rede, „ich rege mich weiter nicht auf, die Angelegenheit ist nun für mich erledigt. Wenn auch meine übrigen Angelegenheiten so weit geordnet sind, werde ich die Stadt vielleicht auf Nimmerwiedersehen verlassen." „Muß ich daraus entnehmen, daß Du einen Bruch mit uns beabsichtigst?" fragte die Stadträthin vorwurfsvoll. „Ich wüßte wirklich nicht, welche Ursache Du dazu haben könntest. Nach dieser Niederlage wird Sonnenberg sicherlich nicht mehr lange hier bleiben, Du brauchst also nicht zu fürchten, ihm hier noch oft zu begegnen." (Fortsetzung folgt). Der erste Januar von Anno Dazumal. Von Christoph Wild. „Ja, wann das war? Das ist doch einfach", meinte der Großpapa, „wir Alten sprech cn Anns Toback, wenn wir vom alten Fritze erzählen, von Anno Dazumal, das war halt dazumal, als wir den Napoleum vertrieben. Meinetwegen war's also am 1. Januar 1814, aber nun stört mich nicht wieder, Kinder, oder laßt Euch von einem Jungen eine andere Neujahrsgeschichte erzählen — —" „Wir sind ja schon still, Großpapa", rief sein Enkel Meister Klaus und füllte am Sylvesterabend 1871 erst seinem jungen Weibchen und dann den Gästen nochmals die Gläser aus der dampfenden Punschbowle. „Das neue Jahr haben wir schon begossen, also — pros't Großpapa! — Du sollst leben!" Die Gläser klangen zusammen und der alte würdige Veteran that mit einem guten Zuge Bescheid. .Dabei kann man's aushalten", brummte er, stopfte sich die Pfeife und sah sich im Kreise um. „Ja so, die Geschichte. Also es war 1814, ich war ein Kerl von 24 Jahren, und von der Garde als Armee-Gensd'arm zu unserm guten König Friedrich Wilhelm kommandirt. Na, Ihr wißt's ja, — Anno Dazumal sind wir mit dem ersten Napoleum nicht so rasch fertig geworden, wie Ihr mit dem Dritten. Taxire, 's ist eben ein anderer Bursch gewesen der kleine Korporal; Jungen's, wir waren auch gut und gingen d'rauf wie Blücher, aber unsere Prügel hatten wir weg. Unser Prinz Wilhelm war erst 17 Jahr, und Moltke noch auf die Schule, Bismarck noch nicht geboren. Unser jetziger Kaiser aber war schon dabei und davon will ich erzählen. Der Sylvesterabend vor 58 Jahren war unge- müthlich. Ja offen gestanden, 's war uns egal, ob's Sylvester war oder nicht. Bei all' dem Unglück im Lande dacht' man so wie so manchmal, Ostern und Pfingsten falle auf einen Tag. Himmel- sackerment! — wenn's dem Napoleum nochmals gelungen wäre, über den Rhein zu kommen, da wär's mit uns Preußen Matthäi am letzten gewesen! Früh um drei Uhr waren wir alle schon auf den Beinen, um sechs Uhr fuhr ich in demselben Nachen mit König Friedrich Wilhelm III. und und Prinz Wilhelm über den Rhein. Ja, in der trüben Dämmerung des Wintermorgens hätte man so ein Gläschen Punsch gebrauchen können —" „Na, Großpapa, ohn' nen guten Tropfen werdet Ihr wohl so wenig, wie wir 1870, über den Rhein gegangen sein", bemerkte Meister Wolker der Nachbar des Enkels. „Natürlich nicht, naseweise Jugend", erwiderte dieser, „aber dicht neben seinem König, dessen Sohn und den hohen Herrn des Gefolges, da verbietet's der Respekt. Ganz in der Nähe gab's schon blaue Bohnen zum Frühstück, die Salven krachr n und die Kanonen brummten. Da vergeht einem der Appetit. Unser Boot flog förmlich über den Rhein. Ganz vorn war unser König und ließ sich die Gefechtslage von seinem General-Adjudanten erklären. Prinz Wilhelm stand an seiner linken Seite und lauschte cow'xfrig den Worten, als sollte ihm kein's verloren 4 gehen. Die übrigen Herren Unterwelten sich baft über das Gefecht, nur der Oberstallineister von Jagom sah ruhig hinter sich, wo auf einem Floß bie Pferde folgten. Wie ich hörte, erstürmten gerade während unserer Ueberfahrt russische Truppen vom Sacken'schen Corps eine Schanze auf dem linken Rheinufer. Als ich meinen Blick von den Pulverdampf- Wölkchen abwandte, fiel er gerade auf das Profil unseres jetzigen Kaisers. Er war damals ein schmächtiger Jüngling und sah etwas leidend aus, blaß kann man sagen und doch strahlte sein Auge,' als glühe sein Innerstes vor Erregung. Sein Blick suchte das Halbdunkel zu durchdringen, seine ganze Haltung schien die Spannung auszudrücken, nun endlich praktisch im Kriege erproben zu können' was er Alles im Frieden gelernt hatte. Weiß Gott Kinder, damals schon dachte ich: ,,Das Häkchen, das ein Haken werden will, krümmt sich bei Zeiten." So, damit wär' ich eigentlich fertig mit dem Neujahrsmorgen von 1814, und wie mir, wird wohl auch unserem Kaiser die Fahrt über den Rhein noch im Gedächtniß sein. Ging's doch zum ersten Gefecht, das er in seinem Leben mitqe- macht hat." „Du warst aber auch bei Bar sur Aube, Großpapa, wo der russische Kaiser dem Prinzen Wilhelm das Kaluga'sche Regiment verlieh?" „Gewiß — und wenn's Euch recht ist, erzähl' ich noch, wie's da zuging." „Bitte, bitte, Großpapa", erscholl es in der kleinen Runde und Großpapa fuhr, nachdem er sich mit einem Schlucke gestärkt hatte, fort: „So rasch, Kinder, wie man's erzählt, ging's Anno Dazumal nicht vorwärts. Der siebentägige Krieg lag ebensoweit vor uns, als der siebenjährige hinter uns. Aber rasch genug folgten sich die Ge- fechte, in denen Prinz Wilhelm in's Feuer kam. - Am 1. Februar war die Schlacht bei Brienne und ! am 2. Februar machten wir das Gefecht bei Rosnay 1 mit, erst am 27. Februar erreichten wir Bar sur ‘ Aube. Da hörte ich denn, wie der König zu den beiden Prinzen, — denn auch Prinz Friedrich Wilhelm - unser nachmaliger König von Preußen, der Vierte, war dabei, — sagte: „Heute kommt's zur Schlacht. Reitet voraus, ich komme bald nach. Setzt Euch nicht unöthig der Gefahr aus! Verstanden?" Ra, aber die Prinzen jagten doch los, daß Herr > non Jagow und der Oberst von Luck sie mahnen mußten, nicht zu sehr zu eilen. Die kleine Kavalkade hatte sich beim Fürsten Wittgenstein, dem russischen kommandirenden General zu melden. Der König stieg in eine Felddroschke und erst in der Nähe des Gefechts zu Pferde. Die russische Reiterei war vor den Weinbergen, die stark von den Franzosen besetzt waren, zurückgeschlagen worden, jetzt ging die russische i Infanterie vor; 's war ein hartes Ringen. Ein Regiment stürmte voran, schien aber schwere Verluste zu haben. Da sagte der König zum Prinzen Wilhelm: „Reit' mal hinüber und frage, was dort für ein braves Regiment an der Täte kämpft." Heidi; Der Prinz sprengt im (Saniere davon, auf die Weinberge zu. Ruhig wie beim Manöver hält er im dichten Kugelregen an und fragt nicht nur nach dem Namen des Regiments, sondern notirt ungefähr die Zahl der Verluste, um seinem Vater einen genauen Rapport zu überbringen. Das kaiserlich russische Kaluga'sche Jnfanterie- i Regmient war's — unser Kaiser ist noch heute sein i und hat im vorigen Jahre eine Deputation ; desselben in Berlin empfangen! — Na, Anno dazu- i mal ritt der junge Prinz ruhig zurück und brachte ! die Meldung dem König. > Das war die Feuertaufe nuferes Kaisers. Er war damals so unbefangen, daß er gar nicht merkte, daß sie als etwas Außerordentliches galt; auch Friedrich Wilhelm III. erwähnte kein Wort davon, und doch war er gewiß hoch erfreut, daß Prinz Wilhelm sich so ruhig benommen hatte. Seht, Ihr Äinber. darin zeigt sich das echte Soldatenblut! Ja, der Prinz Wilhelm verstand nicht । einmal, warum ihm der Oberstallmeister v. Jagow I und der Oberst v. Luck bewegt die Hand drückten. Er erinnerte sich dieser seltsamen Bewegung der alten Herren erst, als ihm für seinen Rapport aus dem Kugelregen am nächsten 10. März, am Geburtstage der Königin Luise, das eiserne Kreuz verliehen wurde. Den Gcorgsorden erhielt er schon fünf Tage eher, und zwar die vierte Klasse. „Warum blos die vierte Klasse, Großpapa?" „Weil diese Klasse für eine That persönlicher Tapferkeit gestiftet ist, — die 3. Klasse wird für ein siegreiches Gefecht, die 2. Klasse für eine gewonnene Schlacht und die 1. Klaffe für einen gewonnenen Feldzug verliehen. Heute freilich hat unser Kaiser die 1. Klasse und Anspruch auf alle Klassen des Ordens." „Er soll aber daneben auch noch die 4. Klasse desselben tragen", bemerkte Meister Wolter. „Gewiß. Unter allen seinen zahlreichen militärischen Ehrenzeichen prangen noch die beiden Kreuze von Bar sur Aube. Sie tragen die Spuren der Zeit, aber Se. Majestät hat nie geduldet, daß sie durch Duplikate ersetzt wurden. Nun aber, Kinder, habe ich genug erzählt. Vom Einzug in Paris ein andermal. Ich meine aber, das neue Jahr beginnen mir nicht besser, als mit einem Hoch aus unseren verehrten Kaiser, dem Gott noch lange Gesundheit und Leben erhalten möge!" „Hoch, hoch, hoch!" ertönte es jubelnd und „die junge Frau" eilte rasch an das klangvolle Pianino, dem Nachts um Eins die Melodie entquoll: „Heil Dir im Siegerkranz!" Redactum: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.