Hrchener Jamilienblätter. Belletristisches Beiblatt rum Gießener Anzeiger. jft, 76, Donnerstag den 1. Juli. ’ 1886. Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Fräulein Ludmilla von Salberg, die Schwester Ihres Freundes!" stellte Tante Lina die Mge Dame vor, ehe der Oberst eine Antwort geben konnte, „und hier meine Tochter Hertha!" Oberst Johnson verbeugte sich und trat auf Ludmilla zu. „Darf ich Sie bitten, mir die Hand zu reichen", sagte er mit bewegter Stimme. „Ich möchte Ihnen danken für Ihre freundlichen Worte, die meinem Herzen wohlgethan haben." Er hielt die kleine Hand einige Secunden lang in der feinigen, dann kehrte er tiefaufathmend zu seinem Stuhl zurück- „Mein Neffe hatte stch der militärischen Laufbahn gewidmet", sagte Madame Schirmer, „er war bereits Premierlieutenant, als ein plötzlicher Tod ihn ereilte. Er verunglückte auf einer Dienstreise — fern von uns ist er gestorben; als ich an fein Schmerzenslager eilte, war es bereits zu spät." Der Oberst blickte sie bedeutungsvoll an, er verstand ihren verstohlenen Wink, den die Mädchen nicht bemerkten, sein zustimmendes Kopfnicken beantwortete ihn. „Wie Manchen hat dieses betrübende Schicksal ereilt!" erwiderte er theilnehmend; „ob jung oder alt, wir Alle müssen jeden Tag unser Ende gewärtigen. — Die jungen Herren kommen in der Regel wohl spät nach Hause?" Ein leises Pochen hinderte Tante Lina, die Frage zu beantworten; int nächsten Augenblicke trat eine elegant gekleidete Dame ein. „Ich wünsche mit Madame Schirmer einige Worte zu reden", sagte sie, den dichten Schleier zurückschlagend. „Frau Landrath Ackermann!" begrüßte Tante Lina sie überrascht. „Was verschafft mir die Ehre?" Vera hatte mit raschem Blick die Anwesenden flüchtig gemustert, ihre dunklen Augen blieben einige Sekunden lang auf dem Oberst ruhen, der mit einer tiefen Verbeugung sich verabschiedete. „Werden wir das Vergnügen haben, Sie wieder- \ zusehen?" fragte Madame Schirmer, ihm die Hand * bietend. „Wenn Sie mir erlauben, wiederzukommen, so ■ werde ich gerne von dieser gütigen Erlaubniß Gebrauch machen", erwiderte er leise. „Sie werden uns stets willkommen fein!" „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen — also auf Wiedersehen!" Starr, wie gebannt, ruhte der Blick Vera's auf der Thür, hinter der der Oberst verschwunden war. „Ich muß mit Ihnen allein reden", flüsterte sie, als Tante Lina ihr jetzt einen Sitz auf dem Divan anbot. Die alte Dame blickte sie betroffen an. Es war weniger die Bitte selbst, als der erregte Ton, in welchem sie gestellt wurde, was sie befremdete. Eine Minute später befanden die beiden Damen sich in dem Salon, der neben dem Wohnzimmer lag. „Wer ist dieser Herr?" fragte Vera in fieberhafter Aufregung. „Sie nannten ihn Oberst —" „Oberst Johnson aus Amerika." „Und was führte ihn in dieses Haus?" „Er kennt die beiden Herren, die bei mir wohnen, sein Besuch galt ihnen." „Klang seine Stimme Ihnen nicht bekannt?" fuhr Vera nach Athem ringend fort. „Schon gestern Abend, als ich im Theater diesen Herrn mir gegenüber sitzen sah, stieg eine dunkle Ahnung in meiner Seele auf, und nun ich seine Stimme gehört habe —" „Fasten Sie sich, gnädige Frau", sagte Tante Lina beruhigend. „Ahnungen darf man nicht nach- grübeln, man quält nur sich selbst damit. Sie glauben doch nicht, daß mein unglücklicher Neffe und dieser amerikanische Oberst ein und dieselbe Person sein könnten?" „So haben Sie die Aehnlichkeit nicht entdeckt? ' „In keiner Weise. Und selbst wenn eine solche Aehnlichkeit vorhanden wäre, so ließe sich daraus noch kein Schluß ziehen. Oberst Johnson ist, wie er mir selbst erklärte, schon vor fünfzehn Jahren ausgewandert, er war ein Schulkamerad meines Neffen —" „Seine eigenen Worte beweisen Nichts", unterbrach Vera sie rasch. „Freilich nicht; was aber könnte Hermann von Salberg, wenn er noch unter den Lebenden wäre, veranlaffen, unter einem andern Namen —" „Er mag seine Gründe dafür haben, Gründe, die wir nicht kennen, und die ihn zwingen, fein Geheimniß zu wahren. Wann haben Sie Ihren Neffen zuletzt gesehen? War es kurz vor seinem Tode?" „Nein, etwa vier oder gar fünf Jahre vorher. 302 Aber ich sage Ihnen noch einmal, gnädige Frau, diese Ahnung entbehrt jeder Begründung; ich weiß zu genau, daß Hermann von Salberg in Wiesenthal unter dem Rasen ruht. Er hat vor seiner unseligen That brieflich von mir Abschied genommen und die Sorge für seine Schwester mir übertragen, und nannte er auch die Gründe nicht, die ihn zu jener That trieben, so hege ich doch nicht den leisesten Zweifel an ihrer Ausführung. Ein ehrloser Mensch mag fähig sein, einen Selbstmord zu fingiren, um unter diesem Deckmantel dunkle Pläne zu verfolgen oder sich einer gerichtlichen Verfolgung zu entziehen; mein Neffe würde das nie gethan haben, und ich wüßte auch nicht, was ihn dazu veranlaßt haben könnte. Ueberdies war ich damals selbst in Wiesenthal; man hatte mich von Seiten seines Regiments benachrichtigt, daß seine Leiche gefunden worden sei, und die Beweise, die mir dort vorgelegt wurden, machten jeden Zweifel unmöglich." „Welcher Art waren diese Beweise?" „Das Portefeuille, welches man bei der Leichs gefunden hatte, enthielt seine Karten und mehrere an ihn adressirte Briefe; außerdem fand man in den Taschen seines Paletots noch andere Gegenstände, die unzweifelhaft sein Eigenthum gewesen waren; so unter Anderem ein Cigarren-Etui, das seine Schwester ihm kurz vorher als Angebinde geschickt hatte. Solchen Beweisen gegenüber müssen alle Zweifel schwinden, gnädige Frau; es wäre thöricht, jetzt noch Ahnungen und Vermuthungen Raum geben zu wollen, die, ich wiederhole es nochmals, nur zur Selbstqual dienen könnten." Ein schwerer Seufzer entrang sich den Lippen Vera's; langsam strich sie mit dem feinen Spitzentaschentuch über ihre feuchte Stirn. „Sie mögen Recht haben", sagte sie mit zitternder Stimme; „es ist Thorheit, solchen Gedanken nachzuhängen. Eine Aehnlichkeit, die vielleicht auch nur aus Oberflächlichkeiten sich stützt, kann mich irre geführt haben. Und man glaubt ja so gern, was man hofft!" fügte sie mit schmerzlicher Wehmuth hinzu. „Theilte er Ihnen in feinem letzten Brief an Sie keine Gründe mit?" „Nein, gar Nichts", erwiderte Madame Schirmer, leicht das ergraute Haupt wiegend; „ich habe trotz allen Grübelns die Lösung dieses dunklen Räthsels nicht finden können." „Eine der beiden jungen Damen nebenan ist wohl seine Schwester?" Tante Lina nickte bejahend. „Ludmilla weiß bis zu dieser Stunde noch nicht, wie ihr Bruder geendet hat", sagte sie; „ich konnte mich nicht überwinden, ihr die Wahrheit zu sagen; nun aber scheinen die Verhältniffe mich zwingen zu wollen, ihr das Geheimniß zu enthüllen, und ich werde zu diesem Zweck vielleicht mit ihr nach Wiesenthal reisen. Ich habe das längst gewollt, um mich zu überzeugen, ob das Grab noch in Ordnung gehalten wird, und die Reise ist ja so sehr weit nicht." „Würden Sie mir erlauben, daß ich mich Ihnen anschließe?" fragte Vera rasch. „Herzlich gern, gnädige Frau; aber Ihr Herr Gemahl —" „Ich werde ihm kein Geheimniß aus dieser Reise machen, die ich unternehmen muß, um meine innere Ruhe wieder zu finden. Durch niedrige Ränke bin ich um mein Lebensglück betrogen worden; meine Schuld war es, daß ich mich betrügen ließ; nun muß ich die Folgen tragen, so gut ich es vermag. Können Sie glauben, daß Hermann von Salberg ein Spieler gewesen sei?" „Niemals 1" „Man hat behauptet, er habe sein ganzes Vermögen an der Spielbank in Wiesbaden verloren." „Wer das behaupten will, dem sage ich ins Gesicht, daß er lügt", erwiderte die alte Dame. „Verzeihen Sie mir dieses harte Wort; aber mich empört es zu tief, wenn man Lügen ersinnt, um das ehrenvolle Andenken eines Tobten zu verunglimpfen. Nach dem Tode meines Neffen fiel mir die Aufgabe zu, seinen Nachlaß zu ordnen, und ich fand Alles in bester Ordnung; es kam sogar eine namhafte Summe heraus, die seine Schwester erbte." „Ich wußte, daß es Verleumdung war", sagte Vera in demselben entrüsteten Tone; „ich wußte es damals schon, und doch kamen Augenblicke, in denen ich zweifeln konnte, da er gerade in der Nähe einer Spielbank seinen unseligen Entschluß ausgeführt hatte, und da kein Geld bei ihm gefunden wurde." „Man hat auch seine Uhr und seinen Siegelring nicht gefunden, gnädige Frau; die Vermuthung liegt sehr nahe, daß seine Leiche beraubt worden ist. Ich habe damals nicht nachgeforscht, um einen braven Familienvater, der zuerst die Leiche entdeckte, nicht zu verdächtigen." In Nachdenken versunken blickte Vera schweigend vor sich hin, und Tante Lina betrachtete mit inniger Theilnahme das bleiche schöne Antlitz, in dessen Zügen gerade jetzt ein tiefes Seelenleiden spiegelte. „Sie haben also keine Ahnung von den Gründen, die ihn zu diesem verzweifelten Schritt trieben?" fragte Vera nach einer Pause. „Nein." „Und doch muffen es zwingende Gründe gewesen sein. Ich habe einen Brief gefunden, den Hermann von Salberg kurz vor seinem Tode geschrieben hat; in diesem Schreiben beruft er sich darauf, daß er ein verpfändetes Ehrenwort einlösen müsse, binnen vierundzwanzig Stunden werde er diese Pflicht erfüllt haben." Betroffen blickte Tante Lina sie an. „Das verstehe ich nicht", sagte sie kopfschüttelnd, während sie den Docht der Lampe höher schraubte. „Auch mir ist es unverständlich", erwiderte Vera; „ich kann daraus nur entnehmen, daß er, Gott weiß durch welche Verhältniffe oder Jntriguen, zu jenem unseligen Schritt gezwungen worden ist. Ich hoffte, Sie würden mir Aufschluß darüber geben können." — 303 „Diesen Aufschluß kann vielleicht nur Einer geben!" „Mein Gatte?" „Wie kommen Sie darauf?" „An ihn war der Brief gerichtet!" „Und was sollte er damit zu schaffen gehabt haben?" fragte die alte Dame ungläubig. „Er war ja der intimste Freund meines Neffen." „Und zugleich auch sein Nebenbuhler. Verzeihen Sie mir, daß ich so weit gehe, meinen eigenen Gatten anzuklagen, aber ich kann nicht anders; die Last, die auf mir ruht, droht mich zu erdrücken, und ich nenne kein Menschenherz mein eigen, an das ich vertrauensvoll mich flüchten könnte." Sie bedeckte die Augen mit der Hand und krampfhaftes Schluchzen entrang sich ihrer gepreßten Brust. Tante Lina war erschüttert von diesem plötzlichen Schmerzensausbruch; leise legte sie ihre Hand auf den Arm Vera's. „Kommen Sie zu mir", sagte sie voll herzlicher Theilnahme; „ich will Ihnen von ganzem Herzen eine treue aufrichtige Freundin sein. Ich habe es ja auch erfahren, wie trostlos ein solches Alleinstehen ist. Kommen Sie zu mir, ich werde Ihnen tragen Helsen, was es auch sein mag." Unter Thränen lächelnd schlang Vera ihre Arme um die alte Dame; ein Kuß besiegelte den neuen Bund. „Ich werde Ihnen diese Worte nie vergessen, Ihnen dafür danken, so lange ich lebe", erwiderte sie. „Nun fühle ich wieder den Muth in mir, Allem die Stirne zu bieten. Vielleicht könnte mein Gatte mir den dunklen Inhalt jenes Brieses erklären, aber er will es nicht; gewaltsam hat er mir das Schreiben entrissen, um es zu vernichten. (Fortsetzung folgt.) Deutsche Köfe und Hauptstädte zu Anfang des 18. Jahrhunderts. 1. Wien und der Kaiserhof. Eine der anregendsten und unterhaltendsten Belehrungen für Geschichtsfreunde und Forscher bilden die Memoiren und Aufzeichnungen glaubwürdiger Zeitgenossen, welche unmittelbare Eindrücke festzuhalten wußten und die durch deren Niederschrift künftigen Geschlechtern werthvolles Material zur Be- urtheilung der politischen und kulturhistorischen Zustände längst entschwundener Epochen hinterließen. Verstand sich ein Memoiren-Schriftsteller und Sitten- schilderer volle Unabhängigkeit zu wahren, war sein eigener Nutzen oder Schaden nicht an die Geschicke des Landes oder des Hofes, welche er aus eigener Anschauung beschrieb, gefesselt, brauchte er keine Rücksichten auf das Gefallen oder Nichtgefallen seiner Memoiren und Erzählungen zu nehmen und verfügte er endlich über den offenen, durch keinerlei Voreingenommenheit getrübten Blick, welcher alle Verhältnisse rasch überschaut und sichtet, so gewinnen seine Bemerkungen noch an Interesse. Einer dieser scharfen und unparteiischen Beobachter, welcher mit der Klarheit der Auffassung und der Gerechtigkeit der Schilderung, die seltene Kunst liebevoller, im Großen, wie im Einzelnen gleich anmuthiger Darstellung verband, war der Frankfurter Patricier Dr. Iah. Michael Loön. Der junge, reiche und unabhängige Bürger war von dem damals nicht so leicht zu befriedigenden Wunsche, seine Bildung durch Reisen zu vervollkommnen, beseelt, und besuchte zu Ende des Jahres 1716 und in den folgenden Jahren mehrere der größten deutschen Fürstenhöfe und Residenzen. Seine Schilderungen der letzteren sind ebenso trefflich, als feine Anmerkungen über die damaligen Regenten geistreich sind und durch das endgültige Urtheil der Weltgeschichte bestätigt wurden. Loön gab seine Reise-Erinnerungen, wie in deren Vorwort ausdrücklich bemerkt, erst einige zwanzig Jahre nach seinen Reisen heraus, und hat sich dadurch, wie er mit Recht hervorhebt, „das Recht eines unparteiischen Geschichtsschreibers erworben." Die Fürsten, deren Höfe er schildert, waren bei dem Erscheinen von Loön's „Moralischen Schilderungen" und „Jugendlichen Reisen" (Kleine Schriften Bd. 1 und 4 Frankfurt und Leipzig 1751 und 1752) bereits tobt, deren Nachfolger übten auf den in Frankfurt als unabhängiger Privatmann lebenden Verfasser zudem keinen Einfluß aus, was den Werth und die Glaubhaftigkeit der „Schilderten" und der „Jugendlichen Reisen" noch steigert. Als Loön nach Wien kam, war das Kaiserhaus und die Stadt gerade in allertiefste Trauer versenkt worden. Der einzige Sohn des damaligen Kaisers Karl des Sechsten, Leopold, der voraussichtliche Erbe des großen österreichischen Reichs und der deutschen Kaiserkrone, war im zarten Alter verblichen. Wie verhängnißvoll das Ableben dieses Prinzen für Oesterreich und Deutschland wurde, welche heflige Kriege die Erbfolge seiner Schwester Maria Theresia, fünfundzwanzig Jahre später im Gefolge hatte, ist bekannt. In Wien, bei Hofe und in der Stadt, schrieb man den Tod des jungen Erb- Herzogs, des Prinzen Leopold von Asturien, dessen allzufrüher Entwöhnung zu, wozu die Aja und der Leibarzt Carelli gerathen haben sollten. Es regnete Schmäh- und Spottschriften gegen die wahrscheinlich völlig unschuldig Verdächtigten, und wurden die ersteren meist an den Kirchenthüren der Restdenz öffentlich angeschlagen. Drastische Stellen, wie: „Mörder unseres Leopold's, Fort mit euch an Galgen und Räder, Weil ihr Oestreich nicht seyd hold; An Euch wollen wir uns kühlen, Ihr solt unsre Rache fühlen", waren von der unverblümten Aufforderung gefolgt, sich „am neuen Marck" (Kapuzinerkirche) zu 304 versammeln und von der Begräbnißstätte des „liebsten Ertzhertzogs" aus, Rache an denjenigen, die ihn umgebracht haben, zu suchen." Bald aber hatte sich, wie ßoen meldet, die öffentliche Stimmung besänftigt; Carelli, der Leibarzt, blieb in des Kaisers Gnade, die Lustbarkeiten bei Hofe nahmen wieder ihren ungetrübten Fortgang; man genoß ihrer mit eben so unbesorgtem Herzen als vorher. Schon zu jener Zeit bildeten die Schauspiele eine der vornehmsten Belustigungen des Hofes und des Adels. Wien besaß deutsche und italienische Comoedie, der Hof hielt zudem eine „prächtige Opera". Der hohe und der niedere Adel, Freunde des in Wien zu aller Zeit in hoher Gunst stehenden Komischen, begünstigten das deutsche Theater, trotzdem diese Schaubühne, welche gemeinhin „der Hanswurst" geheißen wurde, „von Unfläterepen nicht gereiniget", war. Die italienischen Künstler waren Seiltänzer; sie spielten nach „vollendeten Gaukelepen" jedesmal noch ein Lustspiel, Eine bretterne Hütte diente ihnen zum Theater, sie ward von Fremden und Standespersonen stets stark besucht, denn in Wien gab es damals wie heute, „viel müßige Leute, denen die Zeit lang wird." Die Oper wurde vom kaiserlichen Hofe unterhalten, sie war der Sammelpunkt des hohen Adels und der erlesensten Gesellschaften. Die Schaubühne und den Glanz der Ausstattung beschreibt Loän sehr ausführlich, namentlich ward an Costümen und an ächtem Schmuck von den Darstellenden ein übertriebener Luxus entfaltet. Der Kaiser, die Kaiserin und die beiden „Jofephinischen" Prinzessinnen (die Töchter Kaiser Joseph's I., später mit den Kurprinzen von Bapern und Sachsen vermählt), sitzen gleich zur Erde hinter dem Orchester. Die heute allgemein eingeführte Verfinsterung des Zuschauerraums scheint schon 1716 bei der Wiener Oper üblich gewesen zu sein, denn bei jedem Sitz der obengenannten Herrschaften stand ein Licht, damit die Majestäten und Hoheiten lesen konnten, was gesungen wird. Die Opern waren selbstverständlich in italienischer Sprache verfaßt, die dem Texte beigedruckten „teutschen Uebersetzungen aber lauten oft gantz unerträglich." Die Kostspieligkeit des Opern- Unternehmens, sowie die Pracht der Ausstattung, mag daraus hervorgehen, daß eine einzige, zur Feier des Geburtstags der Kaiserin gegebene Oper den Kaiser über 100 000 Thaler gekostet haben soll. Die Opernsängerinnen wurden damals weit glänzender als heute bezahlt. Zwar sangen sie, nach Loän, nicht im Sold und Lohn. Dafür nahmen sie in liebenswürdiger Bescheidenheit mit „einem standsmäßigen Unterhalt und einem Geschenk vorlieb." Letzteres war freilich selten unter 2—3000 Dukaten. Dazu kamen noch die Geschenke von fürstlichen und hohen Privatpersonen, welche die Künstlerinnen für die Mitwirkung in den ersten Concerten erhielten. Selbst ein mittelmäßiger Violinist stand sich damals auf 2—3000 Gulden, war er ein Italiener und in Virtuosenkunststückchen wohl bewandert, kannte „er ein wenig künstlich am Stege kratzen", so verdoppelte sich auch wohl sein Einkommen. Die Opern wurden in Wien selten mehr als drei- bis viermal öffentlich ausgeführt, dagegen aber öfters probirt, wobei die Künstler in gewöhnlicher Kleidung erschienen. Der Hof wohnte solchen Proben gerne bei und sah Loän die Kaiserin Elisabeth Christine, geborene Prinzessin von Braunschweig erstmals auf einer Opernprobe. Sie erschien mit ihren Hofdamen oben auf einer vergitterten Bühne, und „sah sich so anmuthig und frei um, daß sie des Fremdlings Aufmerksamkeit erregte." Uebrigens muß die Kaiserin wirklich eine reizende Frau gewesen sein, denn Loän äußert sich an anderer Stelle, bei der Schilderung des Wiener Hofes geradezu enthusiastisch über sie. „Sie hat alle Vorzüge ihres Geschlechts. Sie ist die Schönste unter ihren Hofdamen und es fehlt wenig, wann sie den Handschuh auszieht, daß die Oesterreicher nicht ihre Hand vergöttern." Die Haut der Kaiserin sei so weiß, daß der Kaiser im vertraulichen Gespräche seine Gemahlin nicht anders als „seine weise (?!) Liesel", zu nennen pflege. Dem Kaiser rühmt Loän ein ernsthaftes und majestätisches Wesen nach; nur in Gegenwart seiner Gemahlin sei er freundlich und selbst zum „muntersten Scherze aufgeräumt." Jagd und Mufik sind die kaiserlichen Lieblingsvergnügungen; letztere versteht er nicht nur als Kenner, sondern er ist auch ein geschickter Clavierspieler. Einer berühmten historischen Persönlichkeit, welche damals am Kaiserhofe zu Wien lebte, Oesterreichs größtem Kriegshelden, dem Prinzen Eugen von Savopen, widmet Loän gleichfalls einige Betrachtungen. Der tapfere Feldherr war schwächlich gebaut. „Er ist gleichsam wie von seinem eigenen Ruhm gebeugt." Die historische Unschein- barkeit des Aeußeren des Prinzen, schildert Loän mit wenigen, aber bezeichnenden Worten. „Ein länglich hageres Gesicht mit herunterhängenden Unterlefzen; eine große Rase, kleine Augen, deren Feuer mit Lebhaftigkeit (?) seiner Jahre zu ver- löschen scheinet, eine gelblich braune Farbe." Sehr interessant ist die friedliche Thätigkeit des kühnen Schlachtensiegers. Er sammelt kostbare Bücher, er baut und ist dem Kaiser ein treuer Berather in Friedenszeiten. Weit ungünstiger urtheilt der Frankfurter Patricier über die anderen Hofherren spanischen und italienischen Ursprungs, „sie kosten dem Hofe mehr, als sie Nutzen schaffen." Als die rühmlichste ihrer Thaten, betrachtet Loän noch deren Baulust. Sie verschönerten durch die letztere wenigstens die österreichische Hauptstadt mit prächtigen Palästen und ließen das im Lande gewonnene Geld, auch zum Mindesten in demselben. (Fortsetzung folgt). Aedaetion: A. Schevda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.