Hießener Jamiüenbtälter. Belletristisches Beiblatt rum Gießener Anzeiger. Nr. 64. Dienstag den 1. Juni. 1886. Saat und Ernte. Roman von Ewald August König. Nachdruck ist verboten. 1. Kapitel. Im Hanse der Fran Schirmer. „Man hat mir Ihr Haus so «arm empfohlen, Madame Schirmer, daß ich mich glücklich schätzen werde, wenn sie mich als Gast aufnehmen wollen." Es bedurfte in der That nur eines Blickes in das liebe, treuherzige Antlitz der also angeredeten Dame, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß man in ihrem Hause gut aufgehoben war. Ihr reiches, volles Haar war bereits leicht ergraut, aber aus den hellen, klugen Augen leuchteten noch immer jugendliche Geistesfrische und ein warmes tiefes ®e< müth. Ihre vollen Körperformen und ihr aristo« kratisches Auftreten verliehen ihrer äußeren Erscheinung auch jetzt noch einen anziehenden Reiz, ihre einfache, geschmackvolle Kleidung und die gediegene Ausstattung des traulichen Zimmers ließen Wohlhabenheit und Ordnungsliebe erkennen, und daß sie in der Wahl ihrer Gäste sehr vorsichtig zu sein pflegte, ging aus dem prüfenden Blick hervor, mit dem sie den Fremden musterte, bevor sie ihm eine Antwort auf seine Anfrage gab. Er konnte vielleicht vierzig Jahre zählen; seine Haltung, der Schnitt seines blonden Haares und der sorgfältig gepflegte Schnurrbart verriethen den ehemaligen Soldaten. Ein herber Zug, der auf bittere Erfahrungen schließen ließ, umzuckte seine Mundwinkel, der linke Arm war gelähmt, und au« den tiefblauen Augen blitzten Thatkraft und unbeugsame Willenssestigkeit. „Sie wünschen an meiner Tafel zu speisen?" fragte Madame Schirmer. „Nicht das allein, e« wäre mir auch lieb, wenn ich eine Wohnung in diesem Hause haben könnte." „Und mit wem habe ich die Ehre?" „Feodor von Görlitz, Hauptmann außer Diensten." Ein dunkler Schatten glitt flüchtig über das treuherzige Antlitz der alten Dame. „Sie waren, wenn ich mich recht erinnere, mit meinem unglücklichen Neffen befreundet", sagte sie - leise „ich bin eine geborene von Salberg." Auch das Gesicht des Hauptmanns zeigte einen tiefernsten Ausdruck. „Ja, ich war sein Freund", erwiderte er, „und heute noch bedauere ich schmerzlich, daß ich jenes unselige Ereigniß nicht verhüten konnte." Madame Schirmer nickte und blickte einige Sekunden lang sinnend vor sich hin, dann fuhr sie mit der Hand über die Augen, als ob sie ihren trüben Gedanken gebieten wolle. „Ich bin bald nach dem Tode meine« Neffen um einen großen Theil meines Vermögens betrogen worden", nahm sie wieder das Wort; „in Folge dessen sah ich mich genöthigt, mein Haus in dieser Weise zu verwerthen. Ich vermiethe möblirte Wohnungen an alleinstehende Herren oder Damen; augenblicklich sind drei Zimmer frei; wenn Sie dieselben ansehen wollen, sie stehen Ihnen zur Verfügung." Mit einer leichten Verbeugung folgte ihr der Hauptmann; auf dem Flur wehte ein würziger Duft aus der Küche ihnen entgegen und als sie die breite, bequeme Treppe hinaufstiegen, konnte Herr von Görlitz sich der Bemerkung nicht enthalten, daß es ein sehr schönes und gemüthliches Haus sei. Auch die Zimmer, die in der ersten Etage lagen, gefielen ihm, sie waren hell und geräumig und mit allem Comfort ausgestattet. „Sie sehen, Madame, ich bin Halbinvalide^" sagte er, nachdem er sich nach dem Preise erkundigt hatte; „bei Königgrätz zerschmetterte eine Kugel meinen Arm. Ohne Bedienung kann ich nun nicht mehr fertig werden. Ich müßte also meinen Burschen mitbringen; können Sie mir für ihn noch eine Mansarde überlassen, so entspräche diese Wohnung meinen Wünschen in jeder Weise." „Sie würden sämmtliche Zimmer nehmen?^ fragte sie. „Das liegt allerdings in meiner Absicht. Ich würde natürlich auch bei Ihnen speisen, und in Bezug auf den Preis überlasse ich Ihnen die Berechnung." „Sie werden mit mir zufrieden sein", nickte Madame Schirmer. „Wollen Sie schon heute an der Tafel Theil nehmen?" „Je eher ich e« kann, je lieber ist es mir." „Und heute, an einem Sonntage, dürfte sich Ihnen die beste Gelegenheit bieten, mit Ihren Hausgenossen bekannt zu werden. Gegenwärtig wohnen außer Ihnen nur noch zwei Herren unter diesem Dache, ein Referendar, der binnen Kurzem sein Staatsexamen Machen will, und ein Buchhalter des Banquiers Morgenroth, heitere, originelle Naturen, an denen Sie gewiß Gefallen finden werden. Ditz 254 Ärigen Herren, die an meinem Tische speisen, wohnen nicht in diesem Hause." „Und Sie stehen ganz allein?" fragte der Hauptmann. „Nicht doch, ich habe eine erwachsene Tochter, außerdem wohnt meine Nichte, eine Schwester jenes unglücklichen Neffen bei mir." „Hatte Hermann von Salberg noch eine Schwester ?" „Ich leitete schon damals ihre Erziehung; ihr Vater, mein Bruder, ist früh gestorben. Er hinterließ den beiden Kindern ein hübsches Vermögen, das nach dem Tode Hermanns ganz auf dessen Schwester überging. Sie zählte damals, als das schreckliche Ereigniß eintrat, zwölf Jahre; seitdem sind nun schon zehn Jahre verstrichen." „Zehn Jahre, Sie haben Recht", erwiderte er gedankenvoll. „Wie Vieles hat in diesem Zeiträume sich ereignet, und welchen herzlichen Antheil würde Hermann von Salberg an diesen großen politischen Ereignissen genommen haben!" „Und ich begreife noch immer nicht, was ihn zu jenem verzweifelten Schritt getrieben hat", sagte die alte Dame. '„@r war wohlhabend, jung und rüstig, im Kreise seiner Kameraden hochgeachtet und beliebt, und wenn man damals behaupten wollte, er habe am Spieltisch in Wiesbaden sein Vermögen vergeudet, so war diese Behauptung durchaus unbegründet. Sind Ihnen andere und bessere Gründe bekannt?" Sie blickte ihn erwartungsvoll an. Es lag ein ernster, finsterer Ausdruck in seinem Antlitz; die Frage schien ihn peinlich berührt zu haben. „Gründe?" erwiderte er mit einer abwehrenden Handbewegung. „Fragen Sie nicht, ich darf sie nicht nennen." „Sie dürfen es nicht? Das klingt seltsam, Herr Hauptmann. Man hat damals auch von einer unglücklichen Liebe gesprochen. Vera von Löwenfels heirathete später den intimsten Freund Hermann's, den Landrath Ackermann —" „Und ich glaube, sie hat diese Heirath schon oft bereut!" „Die Reue kam zu spät; sie hat sich Zeit genug genommen, den Schritt zu überlegen. Zuerst gab sie dem Landrath einen Korb, zwei Jahre später — aber Sie entschuldigen mich wohl für jetzt, ich werde an meine Pflicht erinnert. Meine Nichte, Fräulein Ludmilla von Salberg — meine Tochter Hertha — Herr Hauptmann von Görlitz, unser neuer Hausgenoffe!" Der Blick des Hauptmanns ruhte mit sichtbarem Wohlgefallen auf den frischen, anmuthigen Erscheinungen, die rn geschmackvoller Toilette vor ihm standen; aber er fand keine Zeit, eine Unterhaltung mit ihnen anzuknüpfen, denn die Thür zum Speisesaal wurde bereits geöffnet, und Madame Schirmer lud ihn ein, an der Tafel Platz zu nehmen. Eine zahlreiche Gesellschaft war versammelt, junge und ältere Herren, die lebhaft miteinander plauderteir und lachten. , Au der Spitze der Tafel saß Madame Schirmer mtt den beiden jungen Damen; hier war auch dem neuen Gast der Ehrenplatz angewiesen. „Sprechen Sie jetzt mit Ludmilla nicht über ihren Bruder", hatte Madame Schirmer dem Hauptmann noch zugeflüstert, und sein Blick ruhte nun sinnend auf dem goldblonden Haupte des schönen Mädchens, das ihm gegenüber saß. Aber das heitere Temperament Herthas, die seine Nachbarin war, ließ ihm keine Zeit, seinen Gedanken lange nachzuhängen. „Sie haben also die Zimmer da oben gemiethet?" fragte sie, und über ihr frisches, blühendes Antlitz glitt ein schelmisches Lächeln. „Ich hoffe, Sie werden sich recht wohl in ihnen fühlen; was wir dazu beitragen können, Ihnen den Aufenthalt in unferm Hause angenehm zu machen, das wird gewiß geschehen!" „Ich danke Ihnen", erwiderte er, dem wohl- thuenden Eindruck nachgebend, den diese Worte auf ihn machten; „begegne ich hier schon in der ersten Stunde so guten und liebenswürdigen Vorsätzen, dann bin ich sicher gut aufgehoben unter diesen Dache. Ihre Frau Mama sagte mir, es wohnten außer mir noch zwei Herren hier." „Sie werden sie nach Tisch kennen lernen, wenn die übrigen Gäste , sich entfernt haben. Sehen Sie dort unten am Tisch den schwarzen Herrn mit der goldenen Brille?" „Und dem schwarzen Vollbart?" „Ganz recht, er ist einer der Beiden, Herr Referendar Emil Rommel; der Andere sitzt ihm gegenüber. „Der kleine Herr mit dem kurzgeschorenen Haar und dem blonden Knebelbart." „Jawohl, Herr Karl Maiwind — nicht wahr, ein drolliger Name?" „Der gewiß schon oft Anlaß zu scherzhaften Bemerkungen geboten hat!" „O, sehr oft", erwiderte Hertha heiter, und auch die Lippen Ludmillas umzuckte ein flüchtiges Lächeln. „Er behauptet zwar, Name sei Schall und Rauch, aber der Herr Referendar läßt sich dadurch nicht abhalten, seine Glossen darüber zu machen. Und im Grunde genommen kann Herr Maiwind sich nicht darüber beklagen, er hat den Referendar so lange mit seinen Citaten geärgert, bis dieser sich gezwungen sah, den ganzen Citatenschatz des deutschen Volkes auswendig zu lernen, um den steten Angriffen mit derselben Waffe begegnen zu können. Sie können sich denken, wie heiter diese Wortgefechte sind. Aber Scherz bei Seite, Herr Hauptmann, Sie werden die beiden Herren achten lernen und gewiß auch mit ihnen sich befreunden; ernstes Streben beseelt Beide, und über ihre Lebensweise, wie ihre Anschauungen kann man nur anerkennend urtheilen." „Pflichten Sie diesem Urtheil bei, gnädiges Fräulein?" wandte der Hauptmann sich zu Ludmilla. „Nicht so ganz bedingungslos", erwiderte sie in scherzendem Tone. „Herr Maiwind dürfte nach meiner Ansicht nicht länger in den Diensten eines Mannes bleiben, den man offen beschuldigt, daß er es mit Ehre und Gewissen nicht genau nehme." „Es ist wahr, man hat über den Banquier Morgenroth dieses Urtheil gefällt", sagte Hertha, leicht das Haupt wiegend; „aber können nicht Neid und Mißgunst diesem Urtheil zu Grunde liegen, und welchen Werth hätte es dann? Der Banquier ist über Nacht ein reicher Mann geworden, er soll in Aktien spekulirt und Glück gehabt haben, das fordert den Neid heraus." „Wir können wohl Beide nicht darüber ur- theilen", nahm Ludmilla wieder das Wort; „ich stütze mich nur darauf, daß Herr Maimind selbst gesagt hat, er müsse bald eine Aenderung treffen." „Er hegt die Absicht, selbst ein Geschäft zu gründen", sagte Madame Schirmer; „in diesem Sinne soll die Aenderung getroffen werden." „So, ist er vermögend?" fragte Herr v. Görlitz. „Sein Vater ist es, aber der alte Herr sträubt sich noch, das nöthige Kapital herzugeben. Und was das Urtheil über den Banquier Morgenroth betrifft, so kann ich nicht wohl annehmen, daß es begründet sein soll", fuhr die alte Dame fort; „der Landrath Ackermann schenkt ihm volles Vertrauen, und das ist in meinen Augen ein gutes Zeichen." „Wohnt der Landrath Ackermann in dieser Stadt?" fragte der Hauptmann. ,Jm Winter ja — er muß sehr reich sein." „Reich, aber nicht beliebt", sagte Ludmilla. „Er zählt nicht zu denen, die sich Sympathien erwerben können. Ich bin mit seiner Gemahlin öfter zu- sammengetrosfen, wir hatten schon Freundschaft mit einander geschlossen; auf Befehl des Landraths mußte dieser Bund wieder gelöst werden." (Fortsetzung folgt.) Am 30. Wal 1770. Historische Skizze. (Nachdruck verboten.) Paris schwamm in einem Freudenmeere; all' die Hunderttausende seiner Bewohner durchwogten die Straßen, sangen und jubelten. Der Hof feierte die Vermählung des jungen Dauphins Louis, der wenige Jahre nachher den Thron besteigen sollte, mit der deutschen Kaisertochter Antoinette, und wie der Prinz sich der allgemeinen Beliebtheit des Volkes als Träger der größten Hoffnungen auf Besserung der seit Ludwig XIV. furchtbar drückend gewordenen Zustände erfreute, so versprach man sich auch von seiner reizenden und hochgebildeten jungen Gemahlin Aehnliches. Als sich das Paar auf dem Balcon des Palastes zeigte, tönte ihm ein vieltausendstimmiger Freudenruf entgegen; auf dem Platze Louis XV. waren zahllose Schaaren gedrängt, um den Gefeierten recht nahe zu sein und immer auf's Neue ihnen zujauchzen zu können, nicht ahnend, welche furchtbare Katastrophe den Tag beschließen sollte. * * * „Komm, meine Freundin, kleide Dich an und laß uns das Fest ein wenig betrachten!" hatte der Baron Montaigne am Mittag des 30. Mai 1770 zu seiner jungen Gemahlin gesagt. „Ich bitte Dich, mein Guter, erlaß mir das Fest!" war ihre Antwort. „Ich bleibe wirklich lieber zu Hause mit meinem Kopfweh; wenn ich an das Fest denke, so empfinde ich stets eine Art düsterer Ahnung, und darum laß uns lieber etwas Anderes treiben." „Ah, Du bist melancholisch, Liebe! Das ist Dein Erbfehler; ich möchte Dich aber endlich davon heilen und Dir eine ordentliche Zerstreuung verschaffen. Du bist jung und schön und könntest das heiterste Dasein führen, statt dessen sperrst Du Dich ein wie eine Nonne." „Es ist wahr, mein Freund, aber nicht alle Gefühle lassen sich so einfach wegweisen, und dazu bin ich heute wirklich leidend, weshalb mir das Menschengewühl schlecht bekommen würde." Der Baron versuchte die dringensten Bitten, nahm sogar zu Vorwürfen seine Zuflucht und brachte die Gattin endlich selbst zu Thränen; kaum aber hatte er diesen Erfolg gesehen, so war er wieder im Nachtheile, machte sich in der Reue selber Vorwürfe, umschlang sein Weib mit beiden Armen und sagte begütigend: „Nein, nein, meine liebe gute Freundin, wir wollen bleiben! Wenn es Dir so schwer fällt, so verlange ich gewiß kein Opfer; wegen dieser Kleinigkeit soll unsere fröhliche Eintracht nicht leiden. Ich wollte Dich ja nur zerstreuen, aber ich werde auch zu Hause das Mittel finden. Verzeihe meinem guten Willen!" Nichts Unberechenbareres giebt es auf dem Erdenrund als die Weiber; so lange der Baron bat und seinen Wunsch durchzusetzen versuchte, widerstand ihm die Gemahlin; jetzt, da er selbst nachgab und in allem Ernste verzichten wollte, mochte sich die Baronin wieder nicht von ihm beschämen lassen und sagte: „Eigentlich hast Du doch Recht, mein Lieber; wir sollten doch gehen, denn ein solches Fest kehrt uns vielleicht im ganzen Leben nicht wieder; wir können ja frühzeitig wieder heimkehren, und dann wird es meiner Gesundheit nicht schaden." Sie erhob sich lächelnd, trat vor den Spiegel, ordnete ihr reiches Haar, legte ein Kleid von dem damals bei den höheren Ständen so beliebten Lilla-Tafft an, warf einen prächtigen Shawl darüber und setzte den Hut mit Spitzenschleier auf. Dann bat sie den Gemahl noch mals um Verzeihung, daß sie ein wenig eigensinnig gewesen sei, und bot ihm den Arm. Leichten Schrittes, ihres glücklichen, einträchtigen Daseins froh, wanderten Beide über die Boulevards, betrachteten das Gewühl der Menge, und die allge- I meine Freude und Festesftimmung ergriff auch sie. 256 Mitten in dein Jubel der auf dem pont royal versammelten Massen ertönte plötzlich ein furchtbarer, tausendstimmiger Wehschrei; auf der Brücke dort entstand ein entsetzliches Drängen, — die Bogen vermochten die ungeheure Last nicht mehr zu tragen, die Brücke stürzte ein, und die Unglücklichen, die sich darauf befanden, versanken in die Tiefe. Die Festfreude war auf's Gräßlichste gestört; bis ins Herz der schönen Dauphine tönte der Schrei, und wie eine leise Ahnung, daß diese Katastrophe ein schlimmes Omen für ihre Zukunft deutete, durchzog es das Herz der Kaisertochter von Oesterreich. Alle Ordnung war dahin; alle Anstrengungen der Polizei fruchteten nichs mehr; das Flüchten und Rückwärtsdrängen der Menge ging ins Sinnlose; Menschen häuften sich auf Menschen, sie erdrückten, sie erstickten sich. In der Verzweiflung stürzten sich Hunderte in die Seine, hoffend, sich durch Schwimmen zu retten und ertranken, indem Einer sich am Andern anklammerte. Auf einem mit Rosen bedeckten Abgrunde hatte Paris gejubelt, und mitten durch den Jubel schritt das unheimliche Gespenst der Vernichtung, ganz so, wie es dem heute so gefeierten Königspaare ergehen sollte. Beim pont royal verloren an 1200 Menschen in kurzer Zeit ihr Leben. Auch der Baron Montaigne befand sich während des Unglückes in der Nähe der Brücke und sah sich mit seiner Gemahlin plötzlich von dem flüchtenden Menschenstrome unwiderstehlich fortgeriffen. Kein Halt war mehr zu finden; Jeder sorgte inmitten des gellenden Angstgeschreies für's eigene Leben; man hatte keinen Willen mehr. Der Baron dachte mehr an seine Gattin als an sich; er versuchte ihr Luft zu machen, — um ihn her sanken Erstickte ächzend zu Boden; er umschlang sein Weib mit dem linken Arme und suchte sie emporzuheben — Alles umsonst. Wie festgemauert stand die Maffe; Keiner konnte mehr eine Bewegung machen; Jeder sah im Nachbar den Todfeind, den er niedergetreten hätte, wäre es möglich gewesen. Der Baron blickte nach seiner geliebten Gattin; sie war todtenbleich wie eine Sterbende. Die Verzweiflung erfaßte ihn und gab ihm Riesenkraft. Neue Mafien fluteten heran, — er mußte sich und die Gattin retten. Da löste sich der Knäuel etwas; ein Tosen wie die Fluth des Oceans umbrandete ihn. Schnell schrie er seiner Frau zu, indem er ihr den Rücken bot: „Umklammere meinen Hals und halte Dich fest mit der letzten Kraft! Ich dränge mich durch, und wir retten uns Beide oder gehen Beide zu Grunde." Da fühlte er auch schon seinen Hals umschlungen, die theuere Last auf seinem Rücken; mit Riesenkräften drängte er vorwärts; Alles wich seinem Anstürme; keuchend, ächzend drang er vor, bald mußte die Rettung nahe sein; die Hoffnung stärkte ihn wieder, wenn er ermatten wollte; Liebe und Verzweiflung mußten siegen. Hinter ihm blieb das Verderben, Andere, Unglücklichere ereilend. Er entrann und neu lächelte ihm das Glück. Noch wenigs Schritte! Schon wehte eine kühlere Luft in die Schwüle. „So — gleich — gleich sind wir geborgen! Noch einen Schritt! So — Gott Lob — Du bist sicher, mein theures, liebes Weib! Ich habe Dich wiedergefunden. Nun laß Deine Arme los, daß ich mich ein wenig erhole!" Er wendet sich, prallt zurück. O Entsetzen, sie ist es nicht! Das ist nicht sein Weib! Eine alte, runzlige Frau mit rothen Augen und eingefallenen Wangen grinst ihn an; sein Blut will gerinnen; keinen Laut kann er hervorbringen. Die Alte entfernt sich und kreischt ihm zu: „Ich hab" sie zurückgestoßen, als sie sich auf Deinen Rücken setzen wollte. Jeder hat sein Leben lieb; ich danke für Deine Mühe!" Verzweifelt steht Montaigne da. Verloren — Alles verloren! Was soll ihm sein Leben jetzt? Da tönt ein neues Krachen; wieder hat die Menge gegen die Brücke hin eine Schwenkung gemacht; von hinten war eine neue Masse angerückt, und die Nächsten hofften, daß der Fluß sie rette; wieder stürzten Hunderte hinab. Montaigne sah es; dort drüben hatte er selbst seinen Platz gehabt, dort war sein Weib geblieben; jetzt war sie sicher schon niedergesunken, zu Boden getreten von den Wüthenden, die sie umringten. Aber wenn sie dennoch sich wieder aufgerafft hätte! Wenn sie doch noch dastände und auf ihn hoffte! O, daß es möglich wäre, noch einmal hinüber zu kommen; von der Brücke aus mußte es zuerst gehen; er hatte ja nichts mehr zu verlieren. Einen Augenblick noch besann er sich; dann stürzte er sich in den Fluß, um an den emporragenden Trümmern hinaufzuklettern und mit verzweifelter Kraft sich nach allen Richtungen durchzudrängen. Dutzende versuchten sich an ihn anzu- klammern, drohten ihn ins Wafiergrab niederzuziehen, — mit fast wahnsinniger Wuth stieß er sie zurück und schwamm vorwärts. Da, dicht bei den Resten des Pfeilers hört er seinen Namen; eine schwache Stimme rief ihn und hoch auf jubelte seine Brust, — an einem Stücke des Eisengeländers hing die mit Verzweiflung Gesuchte, schon Verlorengegebene und dennoch, dennoch Wiedergfundene. Die Menge hatte sie mit hinabge- rissen, und mit der letzten Kraft hatte sie sich instinktmäßig angeklammert. Auch dieser Theil der Trümmer schwankte bereits; hastig löste Montaigne das Kleid der Theuern von dem Eisen und warf sich mit ihr ins Wasser. Glücklich erreichte er, gegen die Griffe der Versinkenden umherkämpfend, das User; im nämlichen Augenblicke stürzten die Reste der Brücke iu die Fluthen. Unaufhaltsam eilten die Geretteten davon, indeß sich düstere Trauer über die Hauptstadt legte, die den Abend mit einer glänzenden Beleuchtung hatte feiern wollen. Dr. F. Müller. Siedgetwn; A. Sch-yda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.