Kießener Jamilienblätler. Belleiristifches Beiblatt Dw Gießener Anzkiger« Nr. 39. Donnerstag den 1. April. 1886J Die Jasschmünzer. Criminal-Roman von Gustav Söffet. (Fortsetzung). Der Polizist kam eben auf Händen und Füßen herangekrschen. In diesem Augenblick schleuderte Riston sein Glas und zwar so, daß es dem Anderen unterm Gesicht auf dem Dach zersprang. Em Schmerzensschrei durchhallte die stille Nacht, und der Getroffene suchte hinter einem Schornstein Deckung. Dort fand ihn sein Kamerad und zwar in einem so bejammernswerthen Zustande, daß er ihn unmöglich verlassen konnte. Sein ganzes Gesicht war zerschnitten und mit Blut überströmt; es lag die Be- sorgniß nahe, daß rr sein Augenlicht verloren habe. Als die anderen Beamten heraufkamen, mußten sie zuerst ihren verwundeten Kameraden auf den Boden des Hauses zurückschaffen, ehe sie an eine Fortsetzung der Verfolgung über die Dächer denken konnten. Als sie diese dann wieder aufnahmen, waren die Flüchtlinge nicht mehr anzutreffen, und war es auch nicht ersichtlich, durch welche der meistens offenen Dachluken sie wieder abwärts gestiegen waren. 9. Kapitel. Die Falschmünzer. Nachdem Riston seinen verhängnißvollen Wurf gethau hatte, eilte er mit solcher Hast weiter, daß die Anderen ihm kaum zu folgen vermochten. Er schien in Wahrheit auf den Wildenkrieg geübt, den er jetzt von der Prairie auf die Dächer übertragen hatte. Zum Glück hatten sie nicht mehr weit zu klettern, bis Riston wieder den schützenden Bodenraum aufsuchte. „Auch hier ist unseres Bleibens nicht", flüsterte er den Anderen zu. „Nur immer weiter!" Nun ging es wieder treppab, dem nordischen Pfadstnder nach. Riston schlich kaum hörbar dahin, die Anderen polterten hinterdrein. „Na, so müßten Sie auf den Kriegspfad ziehen", sagte Jener mit heiserem Lachen. „Sie würden jetzt schon längst ohne Kopfhaut sein." „Gott sei Dank, daß wir uns hier unter ge- sitteteren Gegnern befinden", entgegnete Duprat ebenso. „Aber wohin führen Sie uns denn eigentlich, Sie Halbwilder?" „Sicher in sein eigenes Zelt", bemerkte Dryden. „Sie haben's errathen, Baron", entgegnete Riston. „Aber kann man denn auch auf Ihre Verschwiegenheit rechnen?" „Für meinen Freund hier bürge ich", sprach Dryden. „Verschwiegen wie das Grab", bestätigte Duprat. „Dann mir nach und keine Furcht gehegt!" Diese wenigen Worte waren auf dem Flur des Hauses gewechselt worden. Von diesem betraten sie den Hof, auf welchen ein Keller mündete, der offenbar feit vielen, vielen Jahren nicht in Gebrauch gewesen. Die zertrümmerten Fenster waren mit Brettern vernagelt, die Thür verwittert und verbogen, das Schloß rostzersressen. Dieses letztere öffnete Riston mit einem Nach- schlüffel. Er hieß seine Begleiter eintreten und verschloß dann die Thür wieder. „Fallen Sie nicht. Hier führen mehrere Stufen hinab", sagte er. Diese waren von Stein. „Haben Sie kein Licht, daß man Etwas sehen kann?" fragte Duprat. „Geduld! Geduld!" Riston zündete eine kleine' Blendlaterne an, welche er in seiner Brusttache getragen. „Ich wohne hier miethefrei", scherzte er, „und von Gas im Winter steht in meinem Contracte Nichts." Verwundert blickten die Anderen in der düsteren Höhle sich um; sie sahen nur die vier nackten Wände und keine Spur von Wohnlichkeit; nicht ein» s mal eine Strohschütte war vorhanden. Zwischen v den Steinfliesen des Bodens wuchs Gras hervor. Riston weidete sich an ihrer Betroffenheit. „Geht Nichts über eine angenehme Häuslich- l keit", sagte er. „Wie gefällt es Ihnen beim Vater s Riston?" „So gut, daß ich gleich wieder gehen möchte", \ erwiderte Duprat. Riston lachte. „Sie sollen schon noch zu bleiben ? wünschen", sagte er. „Fürchten Sie sich vor i Todten?" Die beiden .Freunde blickten einander be- i troffen an. „Todte?" riefen sie wie aus einem Athem. „Meine Palastwächter", scherzte er. „Sie sollen sie gleich vor Augen haben." 154 Er schritt nach einer Ecke und hob eine schwere en eine Platte mit erstaunlicher Leichtigkeit empor. Mir betreten jetzt ein unterirdisches Leichenfeld", sagte er; „die Katakomben dieser Stadt." „Hat sie denn solche?" fragte Duprat erstaunt. Auch Dryden wußte Nichts davon. „Eine zufällige Entdeckung", erklärte Riston, „von der man da oben wohl noch nicht einmal Etwas wissen mag. Man munkelt von Katakomben, doch hat man keinen bestimmten Begriff, wo und wie weit sie sich ausbreiten; auch die wenigen Zugänge sind nicht bekannt. Dieses Haus mag hundert und mehr Jahre alt sein und der Keller'vielleicht fett fünfzig Jahren nicht benutzt fein, wenn er es überhaupt je gewesen. Jedenfalls ist dieser Eingang zu den Katakomben in Vergessenheit gekommen Aber gehen wir!" Schweigend folgten die Beiden dem verwegenen Führer unter die Erde. Es führten keine Stufen in die Katakomben hmab. Man mußte, stch in die manneshohe Vertiefung hinun.erschwingen; dann sah man, nur wenig den Boden überragend, eine gewölbte Oeffnung. In diese schob man die Füße zuerst, rutschte dann auf tchrager, erdiger Bahn abwärts und gelangte 1° °uf den Boden des unterirdischen Leichenfeldes. Riston leuchtete mit seiner Blendlaterne zur Deae empor und scheucht; damit die daran hängenden Fledermäuse aus, welche alsbald ein gespenstisches Leben entfalte.en. Im Vorwärtsschreiten, wobei Ris.on wieder voranging, grüßten nun von rechts und links Knochenhände und grinsende Todtenköpfe — eine stille, unheimliche Gesellschaft. Durcy ein Labyrinth von Gängen und Grab- kammern gelangten die Drei zum entgegengesetzten Enoe der Katakomben. Hier führten Stufen zu einer verrosteten, eisernen Thüre mit zwei Flügeln empor. Riston öffnete sie mit seinem Nachschlüssel. Die Stu en setzten sich jenseits der Thür bis zur Erdhoye fort, em Beweis, daß hierhinab die Leichen der zu Beerdigenden getragen wurden. „Und wo sind wir nun?" fragte Duprat beim Hlnaustreten aus der, Katakombenvertiefuna. "Zn meinem Hause", entgegnete Riston. - Ihrem —?" lachte Dryden. „Seit wann sind Sie denn Hausbesitzer?" „In einer so großen Stadt kann man Das werden", entgegnete Riston, „ohne je einen Rechtstitel in Händen gehabt zu haben. Ich bin ein Bettler, der von der Gnade des Barons hier lebt, und doch wohne ich in einem palastartigen Hause." „Allerdings", sagte Duprat, sich umblickend. „So stolze Pfeiler und hohe Wölbungen im Keller lassen^auf einen großartigen Oberbau schließen." ,,^ch sage Ihnen ja, ein Palast, wenigstens nach mernen bescheidenen Begriffen vom Dasein, und viel zu gut für nnch. Aber gehen wir erst hinauf. Ich werde Ihnen das Weiters oben erklären." Er führte sie nun über breite Stufen zu einer Thür, die er wje die anderen erschloß. |. So gelangten sie in das Parterre eines einst sehr vornehm gewesenen Hauses, dessen Glanz jetzt aber unter einer vieljährigen Staub- und Spinnen- webenschicht erblichen war, um keine Auferstehung mehr zu feiern. Man meinte noch immer in den Katakomben zu sein, so öde und todtenstill war es hier, als wenn da nie eines Lebenden Fuß gewandelt hätte. Riston führte seine Freunde nach einem Zimmer, dessen dicht verhangene Fenster auf den von hohen I Mauern umhegten Hof gingen. Auch hier war Alles vergilbt, verblichen und mit Spinnenweben überzogen; aber es machte doch den Eindruck des Wohnlichen, Behaglichen. Antik geschnitzte Möbel standen in loser Ordnung umher; das Himmelbett war ein Prachtwerk in seiner Art; die Bilder an den Wänden hatten sämmtlich den düsteren Ton des Alters. Stellenweise hing die Tapete in Streifen von den Wänden herab. „Was sagen Sie nun zu meiner Wohnung?" fragte Riston. Er zündete eine Lampe und dann auch in dem offenen Kamin ein Feuer an. Die Freunde sprachen mit ihrer Zufriedenheit auch ihre Verwunderung aus, daß er so ungenirt hier hausen könne. „O,, sehr einfach", entgegnete Jener. „Ich hatte das stille Haus schon lange mit aufmerksamen Blicken betrachtet und immer die gleiche Beobachtung I gemacht, daß Niemand darinnen sei. Ich erkundigte mich also und erhielt eine Erklärung, die zuerst den Wunsch, mich hier einzulogiren, in mir erweckte. Ich konnte nämlich Nichts weiter erfahren, als daß man es allgemein das öde Haus nannte, daß es seit vielen Jahren unbewohnt und nach allgemeiner Annahme auf Abbruch zu verkaufen sei. Das war nach meinem Geschmacks." „So Etwas kann natürlich nur in ganz großen Städten Vorkommen", sagte Duprat. „Aber es wundert mich, daß Sie hier noch keinen Besuch aus dem „Fuchsbau" empfangen haben." „Bah I Wer vermuthet solche Wohnlichkeit hinter diesen tristen Mauern und den immer geschlossenen grünen Fensterläden. Auch ich glaubte, das Haus sei ganz leer, und so wird es wohl Allen hier gehen." Dryden legte eben seinen Oberrock ab, um zum Feuer zu treten, als er plötzlich erbleickend inne hielt. „Alle Wetter!" rief, er, in seinen Taschen suchend. "Was rst denn Das? Mein Portefeuille — ich habe es, bei Gott! — verloren!" „Verloren?" riefen Riston und Duprat mit dem gleichen Entsetzen. »Ja — ja, verloren - Hölle und Teufel!" „Dasselbe, welches Du gestern Abend in meinem Hause " „Vollgepfropft mit faschen Banknoten!" rief Dryden verzweifelt. Riston warf einen erschreckten Blick auf den an- geblichen Steiner. Dieser aber sagte zu seiner Per- io5 wunderung: „Sie entsetzen sich, Riston, ich auch. - Ich weiß Alles. Aber was ist nun zu thun? Wo meinst Du es denn verloren zu haben, Dryden?" „Bei der verd......Kletterei natürlich!" rief Dieser wüthend. „Daß mich auch der Teufel plagen mußte, Dich gerade heute nach dem „Fuchsbau" zu führen." „Doch keine Legitimation darin?" fragte Riston. „Ich weiß es im Augenblick nicht genau. Ich glaube nicht; bin sonst wenigstens sehr vorsichtig; aber — halt! Duprat!" Er rief den Namen im Tone de« Entsetzens, und die gleiche Empfindung malte sich seltsamer Weise bei Nennung dieses Namens auf dem Antlitz Niston's, was die anderen Beiden aber nicht bemerkten. „Was?" fragte Duprat mit versagender Stimme. Er ahnte nichts Gutes. „Ich glaube — ich fürchte —" „Was?!" „Daß ich das Couvert des Briefes, welchen Du mir zum Lesen gabst —" „Doch nicht ins Portefeuille gesteckt hast?" vollendete Duprat. „Ich — weiß es nicht gewiß." „Nicht wissen — fürchten — glauben — nicht wisien!" raste Duprat. „Mensch, so besinne Dich doch! Meine Existenz steht ja auf dem Spiele ; unser ganzer köstlicher Plan zerfällt in Nichts. Wir sind Verbrecher, wenn das Couvert im Portefeuille steckt. Es trägt meinen Namen. Und wenn ich heran sollte —" „So würdest Du uns preisgeben?" Duprat lachte wild auf. „Warum sollte ich Dich schonen", entgegnete er, „durch dessen Unvorsichtigkeit —" Dryden, durch die verzweifelte Lage zu einem kühnen Entschlüße gedrängt, griff blitzschnell nach einem auf dem Tisch liegenden großen Messer, welches er seinem Freunde von rückwärts in den Nacken stoßen wollte. Aber Niston's Arm fuhr dazwischen und entwaffnete ihn. „Halt! Keinen Mord hier!" zischte Dieser. „Was? Mord?" schrie Duprat sich wendend. „Wer — wer wollte — — ha! Dryden — Du wolltest Deinen Freund — ermorden?" „Nicht meinen Freund", entgegnete Dryden voll ohnmächtiger Wuth. „Den Verräther wollte ich aus unserer Mitte bannen, den Strick zerschneiden, welchen Du in Gedanken schon um unsere Nacken gelegt hattest. Ich bin ein Falschmünzer und wie Riston hier zu jeder Rettungsthat bereit. Du aber bist ein Elender — ein Feigling, welcher nicht den Muth hat, die Last seines Vergehens allein zu tragen." „Meines Vergehens?" knirschte Duprat. „Nennst Du es mein Vergehen, weil ich dumm genug war, mich vyn Mx beschwatzen und in dieses Geschäft wider meinen Willen hineinziehen zu lasten? Was hatte ich nöthig, Deine falschen Banknoten bei uns einzuschmuggeln?" „Was Du es nöthig hattest?" lachte Dryden heiser. „Das hast Du ja alle Tage vor Augen, wenn Du zwischen Deinen Wohnungen in der Promenadenstraße und auf dem Psahlweg hin und her gehst. Nicht Du, aber Deine grenzenlose Eitelkeit, Dein Hochmuth und Dünke! benöthigen eines solchen Mehraufwandes; und weil Du Deinen Chef noch nicht genug in Händen hattest, um ohne Scheu schon einen Griff in seine Kasse zu t^un, griffst Du einstweilen zu den falschen Banknoten, die Du ihm für die echten hinlegtest. Ich verhalf Dir zu dem Leben eines Viton; und zum Dank dafür willst Du mich vernichten?" „Ebenso antworte ich Dir", schrie Duprat;,„ich verhalf Dir zu dem raschen Umsatz Deiner falschen Scheine. Und dafür willst Du mich tobten ? _ Tritt mir offen entgegen, und dann will ich mit Dir ringen auf Tod und Leben. Von hinterrücks trifft nur der Meuchelmörder." Dryden machte eine Bewegung gegen Duprat, aber Riston stieß ihn zurück. In seinen alten Armen wohnte eine Kraft, die ihre vereinten Kräfte noch mächtig überragte. „Keinen Kampf, sage ich!" donnerte er. „Ich will kein Blutvergießen hier." Dryden war unsanft zur Wand geflogen; er rieb sich die wunde Stelle. „Wenn nicht hier, dann wo anders", knirschte er. „Den Verräther ereilt man überall." Duprat versuchte zwar zu lachen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Er vermochte den bösen Blick Dryden's nicht zu ertragen. Zwischen Beiden stand jetzt hoch aufgerichtet Riston, nach jedem der Combattanten einen seiner gewaltigen Arme ausstreckend. „Jetzt Ruhe im Sturm!" sagte er. „Wir sind einer Gefahr mit knapper Roth entronnen, wir wollen uns in eine zweite nicht leichtsinnig stürzen. Noch ist nicht erwiesen, daß das Couvert mit Duprat's Adresse im Portefeuille sich befindet, und noch steht Duprat nicht vor feinen Richtern." „Er will uns aber verrathen', beharrte Dryden trotzig. „Und Sie, der Sie im Begriff standen, einen Menschen vom Dach zu schleudern, weil er Sie zur Strafe bringen wollte, sollten hier nicht zögern, einen falschen Bundesgenossen niederzustoßen, um sich vor dem gleichen Schicksal zu bewahren." „Duprat hat Das in der Erregung gesprochen", sagte begütigend Riston; „ich glaube dennoch nicht, daß er uns verrathen würde." „Denke ja nicht daran", bestätigte Dieser, obwohl er bei sich gerade das Gegentheil dachte. Er erkannte nur, daß er sich hier in einer Mausefalle befand und Niston's gute Meinung sich erhalten mußte, wenn er sein Leben nicht verlieren wollte. „Aber was tßue ich nur?" fuhr er fort- Ins 156 Geschäft kann ich nicht geben, aas mehreren Gründen; andererseits darf ich auch in einer auffälligen Weise nicht fortbleiben, für den Fall, daß Dryden's Befürchtung nicht eintrifft. —" (Fortsetzung folgt.) Wo» der Steife Sr. Waz. Schiff „Hrinz jlbutoert“ (je a ch privaten Briefe u.) (Fortsetzung.) Von der Colonisationsgefellschaft sollen die Acker- terrilori,n theils dem Pfluge unterworfen werden, theils zur Weidennutzung in Verwendung genommen werden und das Vieh soll über die Cordilleren nach chilenischen Märkten gebracht werden. . Montevideo treibt eiyen schwunghaften Handel mit den verschiedenartigsteil europäischen Jndustrieproducten, welche hier einen vortheilhasten Markt finden, und andererseits auch mit den reichen Bodenschätzen, welche Uruguay birgt. Wie dies schon gesagt ist, gehört eine große Reihe deutscher Firmen zu den ersten Vertretern des capitalstolzen Handelsftandes dieser Metropole. Eine so große Bedeutung Montevideo als Stapelplatz der europäischen Maaren auch besitzt, so bildet doch den größten und einflußreichsten Handelszweig das großartige Versandtgeschäft der Massenproducte der ©alabero8,_ jener „Fleischfabriken", welche, wenngleich dieselben auch in Argentinien als große industrielle Anlagen existiren, für Uruguay doch noch eine besondere Eigenthümlich- keit, namentlich in Hinsicht auf ihre einzigartig große Ausdehnung, anzusehen sind. Die Thärigkeit dieser Saladeros beruht auf dem ungeheuren Heerden- Reichthum der uruguayschen Steppen. Heerden von Millionen Rindern und Schafen weiden hier in den üppigen Steppengräsern und werden nur zu dem Zweck gezüchtet und gehegt, um in den um Montevideo be- legenen fabrikmäßig eingerichteten Schlachtereien geschlachtet und verwerthet zu werden. Die Industrie, welche mit diesem Vieh in den Saladeros, so nennt man die Schlachtereien, betrieben wird, ist eine großartig entwickelte, und in Montevideo sind es die größten Firmen, welche sich mit dem Massenan- kauf und Versandt dieser Fleisch-, Häute- und Talg- producte beschäftigen. Dampferladungsweise geht die Ausbeute der Steppenviehzucht von Montevideo seewärts nach London, Hamburg, Bremen und anderen großen europäischen Häfen, und noch von Jahr zu Jahr wächst dieser für Montevideo und das Land Millionen abwerfende Handel. Für Deutschland hat diese uruguaysche Saladero-Jndustrie ein um so größeres Interesse, als sich bekanntlich an dieselbe ein Name knüpft, der in verdientem großen Ansehen steht — wir meinen Liebig, dessen „Feeisch- extract" in den Saladeros, und zwar tu ?^ray- Bentos, einem unweit Montevideo belegsnen Städtchen, wo sich heute noch das größte Etablissement befindet, und zwar dasselbe, welches zuerst diesen Flerschextract bereitet hat, entstanden ist. Ein Ham- burger Namens Giebert, der Sohn armer Eltern, welcher sich zuerst in Brasilien niedergelassen hatte und dann nach Uruguay gekommen war, hatte die Aufmerksamkeit unseres großen Chemikers auf die Saladeros hingelenkt, um seine Ideen über eine rationellere Ausnutzung der großen Fleischmaffen bei ihm nutzbringend zu verwerthen. (Siebert hatte eine Reise nach Europa gemacht, Liebig persönlich auigesucht und war mit ihm über ein Verfahren einig geworden, unter Ausscheidung der Fleischtheile die Kraft und die Nährtheile des Fleisches concen- trirt zu gewinnen. Giebert war dann nach Montevideo zurückgekehrt und hatte hier auf Grund von Empfehlungen, die er von Liebig erhalten, ein Con- fortium zufammenbracht, das mit der Begründung eines Saladero in Fray-Bentos vorging, in welchem nun dis Fleischextractfabrikation so erfolgreich betrieben wurde, daß sich hier aus kleinen Anfängen heraus ein industrielles Unternehmen entwickelte, welches heute das größte und bedeutendste seiner Art in ganz Uruguay ist. Die Gesellschaft verfügte dermalen über ein Areal von 2 Quadratmeilen, während heute die ihr außerhalb der Stadt gehörenden Ländereien 25 Quadratmeilen umfassen. Zur Zeit der Hauptschlachtungen, welche gewöhnlich von Mitte December bis Anfang Juli dauern, sind in diesem großartigen Etablissement über 1000 Arbeiter beschäftigt, indem während dieser Zeit durchschnittlich 200 000 Rinder geschlachtet und verarbeitet werden. In der ersten Zeil nach Eröffnung der Fabrik betrug die Zahl der täglich geschlachteten Rinder 200 Stück, gegenwärtig übersteigt sie 1200 und erreicht oft 2000 und mehr Stück. Obschon die Hauptthatigkeil der Fabrik von. Anbeginn an in der Herstellung des berühmten Fleischextracts bestanden hat, so sind doch immer schon und werden auch noch Nebenproducte, große Quantitäten Guano z. B., Knochen- und Fleischmehl rc. gewonnen. Die Rinderhäute bilden, wie in allen Saladeros, so auch hier ein werthvolles Erzeugniß. Sie werden nicht gegerbt, sondern roh in Fässern versandt, nachdem sie wie Heringe eingesalzen sind. Die Art dieser Einpökelung besteht darin, daß ein erstes Fell, mit feiner inneren (Fleisch-) Seite nach oben, auf den Boden des Faffes gelegt und darüber eine Schicht Salz gestreut wird, mit dem zweiten ebenso verfahren wird und so weiter, bis das Faß gefüllt ist. Andere Products der Saladeros sind Talg, präser- virtes Fleisch, Corned beef, das ähnlich wie in Australien zubereitet wird, gekochte Zungen, Horn rc. (Fortsetzung folgt). Redaktion: A- Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.