Gießeuer Familienblätter. ‘t ' K/L) — 1 g fr 2/, % ¥ Mr. 84. Samstag, 20. Juli. 1872. E i n P i a g i a r. Mexikanische Erzählung von Friedrich Gerstäcker. (Fortsetzung.) „Nein, Chiquita," lächelte der Vater indem er langsam mit dem Kopf schüttelte, aber trotzdem ihrem Blick nicht lange begegnen mochte. „Ich habe Dir schon gesagt, sorge Dich nicht nnnöthiger Weise, denn wenn Dein Inan Dich heute noch nicht besucht hat, so wird er seine triftigen Gründe dafür und wahrscheinlich desto mehr an Dich gedacht haben." Arvila's Hausdiener steckte in diesem Augenblick den Kopf in die Thür. „Sennor! Don Augustin ist eben gekommen und in Ihr Zimmer gegangen." „Ah, bueno!“ rief Don Jose, indem er rasch von seinem Stuhl aufstand. „Wir haben noch einiges über Geldangelegenheiten zu verhandeln; also seit so gut und stört uns nicht, Kinder!" und ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und schritt über den Corridor hinüber, seiner eigenen an der andern Seite desselben gelegenen Arbeitsstube zu- Frau und Tochter ließ er aber nichts weniger als beruhigt zurück, denn sein ganzes Betragen war sowohl ungewöhnlich wie erregt, und dann auch konnten sie sich nicht denken, was diese geheime Unterredung mit Juan's Vater bedeutete. Geldangelegenheiten? Gewiß nicht — die waren alle längst und leicht geregelt worden; weshalb also jetzt das Gcheimuiß, wenn nicht irgend etwas recht Außergewöhnliches vorlag, was sie mit betreffen mußte oder man hätte ihnen nicht verschwiegen, um was es sich handle. Fünftes Kapitel. Der Brief. Don Augustin erwartete in der That in dessen Sludirzimmer den Freund, aber er ging mit unruhigen Schritten darin ans und ab und sein Antlitz sah bleich und verstört aus, seine Lippen waren znsammengedrückt, nnd nur dann und wann entrang sich ein tiefer, arigstgepreßter Seufzer seiner Brnst. Erst als sich die Thür öffnete, drehte er sich hastig danach um und stand im nächsten Augenblick Don Jose, der aber vorsichtig die Thür wieder hinter sich schloß und den Riegel vorschob, gegenüber. „Don Jose," stöhnte er und brachte die Worte kaum über die Lippen, „was ist mit Inan geschehen? Er ist die Nacht nicht nach Hause gekommen und diese Zeilen nur erhielt ich heute Morgen mit dem ersten Zug." Mit zitternden Händen griff er in seine Brnsttasche und holte dort ein ziemlich zerknittertes Papier heraus, das aber nur die wenigen, freilich inhaltschweren Worte enthielt: „Sennor! Ihr Sohn ist in unseren Händen — es soll ihm Nichts geschehen, wenn Sie sich unseren Bedingungen fügen; im anderen Fall sehen Sie ihn nie wieder. Bereden Sie sich mit Sennor Arvila. Er weiß das Nähere. Los descontentos." 334 Don Jose nahm den Zettel und überlas ihn flüchtig. „Und Don Juan ist die Nacht nicht nach Hause zurückgekehrt?" frug er endlich. „Nein," sagte Don Augustin mit zitternder Stimme. „Anfangs sorgten wir uns auch nicht deshalb. Wir glaubten, er hätte nur den letzten Zug versäumt, und da er kein Pferd mitgenommen, vorgezogen, die Nacht hier in irgend einem Hotel zu verbringen. Wir erwarteten ihn deshalb in aller Ruhe mit dem ersten Zug. Statt dessen aber kam dieser Brief und ich bin jetzt in Todesangst hereingeeilt, um das Nähere von Ihnen zu erfahren. Weiß denn Ihre Frau — Ihre Tochter?" „Nein, Nichts!" sagte Don Jose. „Sie fühlen sich nur beunruhigt, daß Juan heute Morgen nicht gekommen ist, und Sie statt seiner. Sie ahnen auch wohl, daß irgend etwas vorgefallen, aber nicht das Richtige. „Und was ist vorgefallen?" rief Sennor Guitierrez in furchtbarster Aufregung; „um der heiligen Jungfrau willen, Don Jose, spannen Sie mich nicht noch auf die Folter, sondern lassen Sie mich Alles wissen." '„Sic müssen Alles wissen," sagte Arvila ruhig; „denn nur dadurch kommen wir zu einem Ziel. Hier diesen Brief erhielt ich heute Morgen. Bitte, lesen Sie ihn ruhig durch — ich glaube auch noch immer, daß es nur ein Schreckschuß ist, denn die ganze Sache scheint mir zu undenkbar, aber lesen Sie nur." Don Augustin suchte in allen Taschen nach seiner Brille. Er befand sich in einer so furchtbaren Aufregung, daß er sich nicht einmal auf seinen Füßen Balten konnte, sondern einen Stuhl suchen mußte. Endlich fand er seine Gläser und las jetzt mit halblauter, mir von einzelnen erschreckten Ausrufungen unterbrochenen Stimme, das mit fester und entschiedener Hand geschriebene Schriftstück. Es lautete: „Sennor I Wenn es der Unterzeichnete wagt, Ihnen mit einer Bitte zu nahen, so geschieht es nur in der festen Ueberzeugung, daß Sie, wie Ihr Freund und baldiger Verwandter, Sennor Guitierrez, dieselbe mit allen Nebenbedingungen auf das Sorgfältigste und Prompteste erfüllen werden. Doch lassen Sie mich zur Sache kommen: Sennor Don Juan Guitierrez, der Bräutigam Ihrer einzigen Tochter Dolores ist in unserer Gewalt. Wie sich das gemacht hat, thut hier Nichts zur Sache. Wir bedauern es vielleicht jetzt selber, denn es war ein etwas gewagtes Spiel und wir werden, wenn wir ihn wieder freigebcn, zu gleicher Zeit unser Heimathland, unser schönes Mexiko verlassen müssen, um uus nicht späteren Unannehmlichkeiten auszusetzen. Zu diesem Zweck brauchen wir aber Geld — viel Geld, denn wir sind gewohnt, anständig zu leben, und dürfen unserem Vaterland im Ausland keine Schande machen. Wir ersuchen Sie deshalb, uns in guten und in Vera-Cruz schon acceptirten Wechseln, so daß wir sie in irgend einer anderen amerikanischen Hafenstadt verkaufen können — und zwar in verschiedenen Wechseln 100,000 Pesos, also jeden Wechsel zu 25,000 Pesos zu überliefern. Ich bemerke Ihnen dabei, daß wir mit der Unterschrift der verschiedenen großen Häuser in Mexiko und Vera-Cruz nicht allein selber vertraut sind, sondern hier auch noch Freunde haben, bei denen wir uns Gewißheit verschaffen können." „Erst wenn wir darüber vollkommene Sicherheit haben, wird Don Juan freigegeben werden, und wir sind dabei überzeugt, daß Sie, mit einigem guten Willen, das ganze Geschäft in acht Tagen sehr leicht reguliren können, damit der arme junge Manu den Armen seiner sich vielleicht um ihn ängstigenden Braut zurückgegeben wird." „Glauben Sie auch ja nicht in anderer Weise irgend etwas zu seiner Befreiung beitragen zu können. Er befindet sich, wenn diese Zeilen in Ihre Hände gelangen, schon außer dem Bereich Ihrer Nachforschungen und in den Gebirgen. Sollten Sie uns aber gar in der Zahlung täuschen wollen, oder noch schlimmer, mit polizeilicher Hilfe unsere Spur zu finden suchen, so — es thut mir wirklich 335 leid das Wort aussprechen zu müssen — so stirbt Don Juan, denn wir sind gezwungen ihn zu tödten, unserer eigenen Sicherheit wegen." „Wir haben heute den 5. und wollen Ihnen Frist bis zum 12. geben. Am 12. Nachts mit dem Schlag 12 Uhr muß ihr Bote mit den Wechseln die Calzada de Gnadalupe passiren, und wenn er einem Fremden begegnet das Wort veridad zweimal sprechen; — empfängt er dann die Antwort por siempre, so mag er dem Fremden getrost die Papiere übergeben, denn sie werden in die richtigen Hände gelangen. Nach Prüfung derselben aber, und wenn sie für gut befunden sind, soll Don Juan seine Freiheit erhalten, und zwar sobald die Betreffenden genügenden Vorsprung gewonnen haben, um sich nicht mehr gefährdet zu sehen." „Sollten Sie, verehrter Sennor, aber eine List gebrauchen, um deu Empfänger der Wechsel in Ihre Gewalt zu bekommen — was außerdem sehr schwer sein würde, da wir Hilfe bei der Hand haben, so könnte Ihnen das erstlich gar nichts nützen, da der Mann nichts weiter weiß als daß er eben etwas Geld und einige Schriftstücke überliefert bekommt, und dann würde es den sofortigen Tod Don Juan's zur Folge haben." „Dem Ueberbringer der Wechsel ersuchen wir Sie nämlich nur noch 200 Unzen in Gold mitzugeben, damit wir Reisegeld in Händen habe», um Mexiko so rasch als möglich zu verlassen, und dann erst später durch Unbetheiligte, unsere Wechsel einzukassiren." „Ich glaube, damit ist Alles erschöpft, was ich Ihnen sagen könnte. Seien Sie versichert, daß wir jede Vorsichtsmaßregel getroffen haben, und daß das Leben Ihres künftigen Schwiegersohnes jetzt allein von Ihrer Diskretion und Liberalität abhängt." „Es ist heute Morgen ein Brief an Sennor Guitierrez in Tacubaya abgegangen, der diesen Herrn auffordert, sich mit Ihnen in's Vernehmen zu setzen. Wollen Sie also das Glück Ihres einzigen Kindes, so folgen Sie genau der Ihnen hier gegebenen Weisung. Dieses räth Ihnen treu und aufrichtig un amigo.“ Don Augustin ließ den Brief, als er geendet, erschöpft auf sein Knie niedersinken, und nur die Worte „mein Sohn — mein Sohn!" rangen sich krampfhaft ans seiner Brust. Don Jose ging indessen mit raschen Schritten und gesenktem Haupt durch das Zimmer. Wie er endlich wieder vor dem Freund stehen blieb, sagte er mit bewegter aber immer noch halb unterdrückter Stimme: „Wie er jenen Buben in die Hände gefallen ist, begreife ich nicht. Er verließ gestern Abend, wie gewöhnlich und noch vor völlig eingebrochener Dunkelheit, unser Haus, um den letzten Zug nach Tacubaya zu benutzen. Die Straßen sind in dieser Zeit ja noch belebt, und der Zug selber hält nirgends unterwegs au." „Und wenn er den Zug nun versäumt hat und im Begriff war, den nicht übermäßig langen Weg zu Fuß zurückzulegen?" sagte der Vater, angstvoll zu dem Freund aufsehend; — „oh, ich habe ihn so gebeten, das nie zu thun, und lieber hier in Mexiko in irgend einem Hotel zu übernachten." „Das wäre der einzig mögliche Fall," nickte Don Jose nachdenkend mit dem Kopf. „Wir leben ja hier jetzt in so verzweifelten Zuständen, daß man es kaum am hellen Tag wagen, darf, die Stadt allein zu verlassen. Aber was dann? dann haben sie den unglücklichen jungen Mann auch wirklich — woran ich noch zweifelte — in die Berge geschleppt und cs wird uns nichts übrig bleiben, als die Summe einfach in der angegebenen Weise zn zahlen." „Und denken Sic an den neulichen Fall," sagte Guitierrez entsetzt, „wo die Buben einen solchen Unglücklichen zwangen, den Brief an seine Eltern zu schreiben und sie um Lösegeld zu bitten, um ihn dann mit kaltem Blut zn ermorden. Oh, um Gott! um Gott! vielleicht lebt mein armer unglücklicher Sohn schon gar nicht mehr." „Unsinn," sagte Arvila, unwillig mit dem Kopf schüttelnd; „welchen Ge- 336 Lanken geben Sie sich jetzt hin! Dem Gesindel ist es darum zu thun, Geld zu gewinnen und keine weitere Gefahr dabei zu laufen; der Fall aber gerade, den Sie erwähnen, hat jenen Herren bewiesen, daß sie doch nicht ungestraft Alles thun können. Sie wurden erwischt und gehangen, und das war jedenfalls eine gute Lehre für den Rest. Nein, eine Wiederholung dieser wahrhaft teuflischen Grausamkeit haben wir, eben nach jenem einen Beispiel, nicht so leicht zu fürchten. Ich möchte nur nicht den Canaillen das Gold in den Rachen stopfen, wenn ich eben einen anderen Ausweg sähe." „Aber was können wir thun?" klagte Guitierrez. „Ich war vorhin beim Polizeidirektor," sagte Arvila. „Um der heiligen Jungfrau willen!" rief Don Augustin erschreckt; „wenn die Buben das erfahren, und sie haben überall ihre Spione, so ist mein armer Sohn verloren." „Haben Sie keine Angst," sagte Arvila, „ich mußte ihn doch um Rath fragen, und bat ihn dabei, hier in der Stadt alle möglichen Plätze, wo etwas Aehuliches ausgeführt werden könnte, sorgfältig überwachen zu lassen. Dabei aber haben wir selber gar nichts weiter zu thun, oder wären in irgend einem Entschluß , den wir fassen wollen, behindert." „Und was gedenken Sie zu thun? — purissima! wenn meine Frau eine Ahnung von dem Entsetzlichen bekommt, muß ich das Schlimmste furchten, denn sie war in der letzten Zeit schon so außergewöhnlich aufgeregt." „Ich weiß es in diesem Augenblicke noch nicht," sagte Arvila, indem er sich in tiefem Sinnen die Stirn rieb; „das Alles ist so rasch, so furchtbar rasch gekommen, und die Entscheidung drängt dabei so, und gibt uns kaum Raum zum Ueberlegeu. Lassen Sie uns nur ein paar Stunden wenigstens die Sache überdenken, — ich will Bastiani aufsuchen. Er ist von Allen, die ich kenne, der Tüchtigste und am meisten Praktische, und kennt auch so viele Menschen in der Stadt —" „Und was soll das uns nützen?" „Ich weiß es selber nicht, aber wenige Stunden können jetzt und dürfen keinen Einfluß haben, denn wir müssen uns vor allen Dingen vorsehen, um nicht unüberlegt zu handeln." „Und wenn wir nun zum Präsidenten selber —" „Nein," unterbrach ihn Arvila; „Juarez würde außer sich sein und alle Kräfte in Bewegung setzen, um die Räuber ausfindig zu machen, dadurch aber vielleicht gerade Juau's Leben gefährden, und was nützt es uns dann, wenn auch Jene hernach ihre Strafe erhalten?" „Nein, Sie haben Recht!" rief auch Guitierrez jetzt rasch. Der Präsident ist zu hitzig und starrköpfig — er könnte nur Alles verderben; — oh, mein Gott, mein halbes Vermögen wollte ich ja mit Freuden geben, wenn ich den Jungen wieder wohl und sicher in meiner Wohnung hätte — Mexiko! Mexiko! das schönste Land der Erde, und nichts als eine Höhle für Mörder und Räuber — oh, daß ich fortgezogen wäre, schon lauge, lauge in ein anderes, friedlicheres Land." (Fortsetzung folgt.! R ä t h s e L Wenn Du im Sturme der Leidenschaft das Erste bist; so verdienst Du den Namen des Zweiten und bist würdig ein Enkel des Ganzen zu sein. Auflösung in nächster Nummer. Nedacriyn, Druck und Verlag der Brüül'schen Uulv-Druckerei (Fr Chr. Pr et sch) in Gießen.