Wc Gießener Familienblätter. k‘ >,_____ Mr. 123. Samstag, 19. October 1872. Der Ammeister von Straßburg. Historische Novelle von Emilie Heinrichs. (Fortsetzung.) „Nun," fragte Herr Dominicus langsam, „was hast Du denn draußen erfahren über Deutschland, das die eigenen Kinder grausam opfert, ohne einen Finger zu ihrer Rettung zu erheben?" Adrian runzelte finster die Stirn und schaute den Bürgermeister dann fest an. „Nichts als deutsche Schmach uud Sckande 1" versetzte er mit grollender Stimme, „an den Höfen deutscher Fürsten wälsche Sprache, wälsche Mode und Sittenlosigkeit; nur am Hose des großen Brandenburger Kurfürsten begegnet man noch echter deutscher Sitte und Einfachheit, dort ist es eine Lust zu leben und wenn irgendwo, so ruht in Brandenburg Deutschlands Trost und Hoffnung!" „Habe von diesem großen Kurfürsten genug gehört, ein echter deutscher Mann, der immerdar treu zum Kaiser gehalten und sich nie von Frankreich hat belhören lassen." „So ist es," nickte Adrian, „drum sind die Brandenburger auch deutsch und fest und kämpfen wie die alten Germanen. Sonst folgt in Deutschland Alles der französischen Mode und Ströme von Geld fließen nach Paris, — die kleinen Fürsten äffen dem Despoten in Versailles nach. An ein festes deutsches Zusammenhalten ist nicht mehr zu denken, der Kaiser ist auf seinem Throne eingeschlafen und die Fürsten dienen Frankreich, — so ist das Reich ein Spielball des Auslandes!" „Gott steh uns bei," seufzte der Bürgermeister, „seit sechszig Jahren stehen wir nun schon auf der Wacht gegen Frankreich. Wir haben alle unsere Kräfte angestrengt, nnsere Freiheit zu behaupten und sind zum Aeußersten entschlossen. In all' den Jahren arbeitet die Bürgerschaft wechselweise beständig an der Befestigung der Stadt; einige Thore werden nun schon seit Jahren nicht mehr geöffnet, an den andern befindet sich doppelte Wache und eine Magistratsperson zur Aufsicht. Ja, ja, Freund Adrian! der Bürger Straßburgs hats schwer, denn obwohl wir eine starke Garnison Soldaten halten, wie Du weißt, so muß doch der Bürger jeden dritten Tag auf Wache ziehen. Wenns Dir also um Wohlleben und Bequemlichkeit zu thun ist, Adrian, so mußt Du den Staub der Heimath abschütteln und wieder von dannen ziehen." „Ich bin heimgekehrt, als ich in Paris von der Gefahr der Vaterstadt vernommen," versetzte der junge Mann ernst, „man spottet dort des deutschen Elends und betrachtet Straßburg bereits als eine französische Stadt; ja, man prahlt damit, auf deutschem Grund und Boden ein französisches Bollwerk anzulegen. Das schoß mir wie Gift im Blut, ich schlug den Franzosen in's Gesicht und mußte, weil derselbe beini Minister hoch angesehen, sogar mit ihm verwandt war, heimlich aus der Stadt entweichen." ^„Jch kann Dich deßhalb nicht schelten," sprach der Bürgermeister ernst, „hätt s auch wohl so geniacht in der Jugend. Doch wie soll's mit Dir werden, wenn die Ltadt, was Gott verhüten möge, sich nicht länger zu halten vermag und hülflos der wälschen List erliegen muß? — Ich fürchte, mein Sohn, daß -ich - I Univ.-Bibi] 490 Dich alsdann nimmer werde schützen können, und meine Macht am Ende sein wird, wenn das Lilienbanner auf unserm Münster weht. O, Deutschland, Deutschland, wie schwer versündigst Du Dich an Deinen treuesten Kindern!" „Was meint Ihr, Herr Dominicus," begann Adrian nach einer Pause lebhaft, „wenn ich mich sogleich wieder aufmachte und nach Wien zum Kaiser ginge, ihn um Hülfe für Straßburg zu bitten?" „Eitle Hoffnung," mein Sohn! — Der Kaiser hat uns stets Ohr und Herz verschlossen." , „Oder zum Kurfürsten von Brandenburg, er wird sicherlich den Willen dazu haben." „Daran zweifle ich nicht, doch fehlt ihm die Macht, zu helfen. Ware der große Kurfürst deutscher Kaiser, unsere schöne Stadt würde niemals in Frankreichs Hände fallen. So aber sind wir einzig auf uns selber angewiesen und werden uns wehren, so lauge wir können. Der ganze Rath hält einträchtig zusammen und doch, ich fühl' es, werden wir am Verrath zu Grunde gehen." „Verrath im Innern der Stadt?" fragte Adrian erregt. „So ist es, mein Sohn! Hast Du draußen nichts von dem Verräther Obrccht gehört?" „Nein, kein Wort, Ihr meint doch nicht den Doctor Georg Obrecht, Euren Nachbar?" „Denselben, er mußte seinen Verrath mit seinem Kopfe büßen." „Großer Gott!" rief der junge Mann erschreckt, „erzählt es mir, Herr Ammeister!" Dieser blickte eine Weile düster vor sich hin. „Es sind jetzt gerade neun Jahre her, Anno 1672 wars, als jener Doctor Georg Obrecht eine Verschwörung gegen mich und den ganzen Rath anzetteln wollte, um uns allesammt, die wir echt deutsch allezeit unsere Pflicht gegen Kaiser und Reich erfüllt, in's Verderben zu stürzen, und alsdann, wenn ihm solches gelungen, die Stadt dem König von Frankreich auszuliefern. Er hatte sich durch Judaslohn bestechen laffen und gab sich absonderlich dazu her, allerhand anonyme Schmähschriften gegen mich drucken zu lassen, als sei ich der Verräther, welcher mit Frankreich heimlich unterhandle, um den Könige gegen eine hohe Summe Geldes die Stadt zu überliefern. Er wollte mit solcher boshaften Verleumdung die Menge aufrühren, Zwietracht säen, uns des allgemeinen Vertrauens der Bürgerschaft berauben und so beseitigen. Es sollte anders kommen, Gott schützte uns und brachte die Verleumdung aü's Licht. Obrecht hatte einen französischen Brief an den Minister Louvois, worin der ganze verrätherische Plan enthüllt war, verloren, und der Finder brachte denselben in die Rathsversammlung. Der Verräther wurde vor's Gericht gestellt, das ihn zum Tode verurtheilte, den er denn auch durch Henkerbeil erlitt." „So möge es jedem Verräther ergehen," sprach Adrian- „Wir durften das Urtheil nicht mildern," fuhr der Bürgermeister fort, „der erwiesene Verrath mußte um unserer eigenen Sicherheit und der Erhaltung der Stadt willen mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft werden. Ach, mein Sohn! was haben wir in dieser ganzen Zeit gelitten, und was werden wir noch leiden müssen ohne Aussicht auf Errettung ! Die beständige Kriegsrnstnng hat ungeheure Summen verschlungen; Handel und Wandel liegen darnieder; das Vermögen der Bürger schmilzt mit jedem Tage mehr zusammen; viele Quellen unserer städtischen Einkünfte sind verstopft, und eine ungeheure Schuldenlast, von welcher wir die Zinsen nicht mehr bezahlen können, raubt unserer sonst so reichen und blühenden Vaterstadt alle innere Kraft." „Das ist fürwahr ein düsteres Bild,"- sprach Adrian leise, als Jener schwieg. „Ich könnte noch schwärzer malen," seufzte Herr Dominicus, „und hart ist 491 es fürwahr, wem, unsere deutschen Nachbarn und Brüder, die zu unserem Verfall so reichlich beigetragen, uns nun zum Ueberfluß noch verächtlich und schimpflich behandeln. Da läßt zum Beispiel der Bischof von Speier die Straßburgischen Schiffe, welche auf die Frankfurter Messe fahren wollen, zu Lauterburg und Philippsburg anhalten, begegnet den Schiffern hart und zwingt sie, über die schuldigen Zinsen für jedes Schiff wegen gerichtlicher Kosten noch hundert Gulden mehr zu zahlen; ebenso der Kurfürst von Mainz, während andere Schuldner uns beim Kammergericht zu Speier verklagen. Was soll bei solcher Härte unserer Brüder und dem listigen Drängen des Feindes da zuletzt aus unserer Reichsfreiheit werden?" — , „Schande über Kaiser und Reich!" rief Adrian zornig, „wie ste uns verlassen, werden auch ste untergehen, und das Deutsche Reich zur Sage machen. Doch sagt mir, Herr Dominicus! wie nahm Frankreich den Tod des Verräthers Obrecht auf?" „O, es hat die Wälschen nicht wenig geärgert," lächelte der alte Herr wehmüthig, „bald nach seiner Hinrichtung kam ein Haufen von ihnen den Rhein herabgefahren. Sie hielten mitten unter der Rheinbrücke und befestigten hier einige Brandschiffc, welche mit dürrem Holz, Stroh, Pech und Harz angcfüllt waren. So zündeten ste die Brücke an, wodurch acht Joche abbrannten. Die Franzosen fuhren den Rhein hinunter bis in die Wagenau, wo sie mit lautem Trommelschlag an's Land stiegen, ruhig zechten, sich ihrer Heldenthaten rühmten und dann zu Fuß nach Breisach znrückgingen." „Und das habt Ihr gelitten?" fragte Adrian heftig, „habt den Mordbrennern keinen Denkzettel gegeben?" Der Bürgermeister zuckte die Achseln. „Was sollten wir dagegen beginnen," versetzte er ruhig, „dem mächtigen König von Frankreich vielleicht den Willen thun und ihm dadurch Veranlassung zu einer offenen Kriegserklärung geben? Nein, nein, guter Adrian! das Klügste war jedenfalls, sich den Frevel ruhig gefallen zu lassen, da wir nun einmal im ganzen Lande keine Hülfe fanden. Es wird oft dunkel vor meinem Blick, wenn ich in die Zukunft schaue und das schreckliche Gebahren des Franzosen bedenke, wie er mit dem übrigen Elsaß umgesprungen und kein Recht, keine Freiheit respectirt, wie er die deutschen Reichsstädte durch schreckliche Quälereien zwingt, sich ihm auf Gnade und Ungnade ganz zu ergeben. Du wirst doch von Kolmar, von Hagenau und Weißenburg gehört haben?" „ „Nein," versetzte Adrian, „ich erfuhr nichts vom Schicksal des Elsaß. „Es ist fürchterlich, wir sind also ganz von der übrigen Welt abgeschieden und der Willkür eines frechen Feindes schonungslos preisgegeben. O, Deutschland, Deutschland! klage Dich selber an, wenn Deine Herrlichkeit in Trümmer sinkt, wir thun sicherlich mehr als unsere Pflicht, in der Geduld und in treuem Aushalten, um bei Dir bleiben zu können, bei Dir, der undankbaren Stief- mutter!" „ . . Der wackere deutsche Mann verhüllte sich das Geftcht und saß einige Minuten regungslos im tiefsten Schmerz versunken. Dann ließ er langsam die Hände sinken und fuhr mit wiedergewonnener Fassung fort: „Es war ein Jahr später, Anno 1673, als der König von Frankreich die Stadt Kolmar, deren Privilegien er bis jetzt noch geschont hatte, plötzlich mit 5000 Mann überfallen ließ. Die Ueberraschung lähmte jeden Widerstand, Niemand hatte sich dessen im vollen Frieden versehen. Die Bürger wurden entwaffnet, die Posten an den Thoren und ans den Wällen mit Franzosen besetzt, alles Geschütz, Kriegsmunition und Mundvorrath der Stadt nach Breisach gebracht. Die armen Bürger mußten froh sein, einer allgemeinen Plünderung zu entgehen, und die Räuber zu sechs bis zehn Mann beherbergen. Ja, sie mußten 492 ruhig zusehen, wie dieselben ihre Kanonen, neunzig an der Zahl, wegführten, ihre Thore sprengten, die Wälle niederrissen und die Gräben ausfüllten. Kolmar ist in eine wehrlose Stadt — in ein Dorf verwandelt." Adrian sprang auf und durchmaß mit hastigen Schritten das Zimmer. „Fluch diesen Räubern!" murmelte er, die Hände im ohnmächtigen Grimm ballend, „und Fluch — — doch nein, nein!" setzte er laut und in tiefer Weh- muth hinzu, der Mutter flucht man nicht, selbst wenn sie Ehre und Pflicht vergißt und ihr eigen Kind schmachvoll verläßt!" — Fahrt in Eurer Erzählung fort, Herr Ammeister, ich möchte ein ganzes Bild dieses unglücklichen Landes haben und Ihr schildert zum Eutsetzen lebendig, Herr Dominicus!" „Wie kann ich die grause Wirklichkeit mit all" ihrem Elend lebendig schildern, wie Dir ein volles Bild unseres unglücklichen Landes geben, mein Sohn? — Ist es doch allen Reicksstädten des Elsaß außer Mülhausen und Straßburg, die bis jetzt noch erfolgreichen Widerstand geleistet, so ergangen wie Kolmar. Gehe hin nach Weißenburg und Hagenau, dort laß Dir erzählen, wie vor vier Jahren die Franzosen unter einem Unmenschen, Namens Labrosse, dort gehaust haben. Auf dem Sulzer-Wörth hat er den armen Bauern ihre wenige noch gerettete Habe vollends geraubt, viele ermordet, ihre Hütten verbrannt und nicht einmal geduldet, daß die unschuldigen Kindlein aus den Flammen gerettet wurden. Mir erzählte es ein Bürger Hagenaus, daß er selber mit angehört, wie dieses Ungeheuer, dieser Labrosse gesagt: „Es könne ihm nichts so großes Vergnügen machen, als das Prasseln der Flammen und das Gerassel einsiürzender Häuser und Gebäude." „Es wäre mir lieb, diesem Franzosen einmal zu begegnen," sagte Adrian mit dumpfer, gepreßter Stimme. „Gottes Gericht ereilte ihn noch im selben Jahre — er wurde bei St. Leonhard mit fünf Schüssen getödtet. Und so hoffe ich auch, wird es früher oder später alle diese wälschen Räuber ereilen und sie züchtigen für alle Sünden, die sie an der Menschheit schon begangen, — doch sollten wir untergeben, sollte auch Straßburg das Schicksal der elsässischen Schwesterstädte theilen müssen, so mögen unsere Nachkommen es dereinst lesen, wie tapfer wir um unsere deutsche Freiheit gekämpft und den Mnth daraus schöpfen, trotz der wälschen Ketten deutsch zu bleiben und die Hoffnung festznhalten, noch einst wieder mit der Mutter vereinigt zu werden, denn nicht möchte ich den Gedanken mit in"s Grab nehmen, daß Straßburg die uralte deutsche Stadt, dereinst so verwälscht würde, daß ihr ehrliches deutsches Antlitz nicht mehr,zu erkennen wäre." „Das verhüte Gott!" rief Adrian, „so lange Deutschland noch solche Herzen zählt, wie das Eure, Herr Dominicus, wird Frankreich seine listigen Künste vergebens an uns versuchen. — Und nun Gott befohlen-, mein theurer, väterlicher Freund!" setzte er, ihm die Hand reichend, hinzu, „ich will noch einige Gänge durch die Stadt machen, und vor allen Dingen meinen trauten Freund, das Münster besuchen." Der Bürgermeister drückte ihm die Hand und Adrian verließ rasch das Hans. Er sah es nicht, wie zwei schöne Augen ihm mit sichtlichem Wohlgefallen nachschanten, sonst hätte er es wohl nicht so eilig gehabt. Herr Dominicus schien über den lieben Besuch ganz und gar vergessen zu haben; er hatte sich einmal recht ausgesprochen und das that ihm innerlich so wohl, daß er sich ordentlich erleichtert fühlte und die Geschichte mit der Catharina ihm, als er sich derselben erinnerte, schon lange nicht mehr so erschrecklich erschien als vorhin. (Fortsetzung folgt.) »ciactien, Druck «,,» Verlag i« Brübi'iche» Uni« »Druckerei (gr. Ehr. Llen'M i» Gießen