Gießener Familienbla^ L fl 5 j| C- _ A & **2 **• ; " '“'v, f7_______________vhua^' Atr. 79» Dienstag, 9. Juli. L __________ I m I r r e n h s u s e. Roman von Emilie Heinrichs. (Schluß.) „Gott gebe, daß ihre Herzen sich jetzt finden, „flüsterte die alte Frau mit einem stillen Gebet. Einsam schwamm der Kahn auf der stillen Flnth mit ihnen dahin; Hermann legte die Ruder hin und schaute unverwandt auf Louise, die träumend in die dunkle Tiefe blickte. Sie saß am andern Ende, das kleine Steuer in der Hand; wo ihre Gedanken jetzt weilen mochten? — Vielleicht bei dem tobten Gatten? — Ein tiefer Schmerz durchzuckte sein Herz, rasch wollte er die Ruder wieder ergreifen, als sie plötzlich aufblickte; ihre Augen begegneten fich und leuchteten wunderbar in dem vollen Mondlicht, das plötzlich geisterhaft über die Wellen zitterte. „Louise I" bebte es von seinen Lippen, und von dem Strom der Gefühle überwältigt, erhob er sich und sank zu ihren Füßen, daß der kleine Kahn in ein gefährliches Schwanken gerieth. „Louise!" wiederholte er, ihre Hand ergreifend, „o sprich, denkst Du an ihn, der Dich mir einst geraubt? Weilt Dein Herz noch bei dem Tobten?" „Nein, nein," rief sie fast entsetzt, „o, könnte ich biesen schrecklichen Zeitraum aus meinem Leben löschen." „Und mir gehören, Louise! mir, den Du einst liebtest, und der Dich immer, ach immer geliebt?" So flüsterte Hermann, ihre Hand an seine Lippen, an sein Herz pressend, während Louise, von Glück und Zweifeln hin- und hergcrissen, mit ihrem Herzen rang. „Ich bin Deiner unwürdig, Hermann!" preßte sie endlich mühsam hervor, „wie kann ich es wagen, an ein solches Glück zu glauben, ich, welche Dich verrathen —" Er ließ sie nicht ausreden, sondern zog sie an sein Herz und sprach mit lauter, feierlicher Stimme! „Damals war ich Deiner reinen Liebe unwürdig, befleckt von einem wüsten Leben, mußte meine Vermessenheit, die Hand nach einer unentweihten Blume auszustrccken, bestraft werden. Jetzt sind wir Beide durch's Feuer der Trübsal geprüft und geläutert und, defl bin ich überzeugt, auch echt erfunden worden. Drum hebe Dein Auge frei zu mir empor, 'Geliebte meiner Seele! wir dürfen unser Glück jetzt unbekümmert aus Gottes Hand ent- gegennchmen." Still drückte Louise ihr Antlitz an seine treue Brust und schaute ihn dann unter Thränen lächelnd an. „O, Hermann! wie danke ich Dir," flüsterte sie, „mein Herz ist Dein in ewiger Liebe und Treue!" Magisch goß der Mond sein Licht über das glückliche Paar, das im seligsten Traume auf der ruhigen Fläche dahinschwamm. Die furchtbaren Jahre I Vni^ßioQ . -! Giessen > 314 ihr auf — denn wer ewig verfallen. iinung sanken hinunter in die Fluth und ihre Liebe knüpfte sich in stiller, sprochencr Uebereinstimmung an das Damals an. ls sie endlich nach Hause kehrten, Arm in Arm vor die Mutter hintraten, pte diese, daß Gott ihr Gebet erhört, ihre Kinder glücklich waren. Hatte uch sie genug gebüßt für ihre Schuld. , Nach wenigen Wochen schon wurde das schwergeprüfte Paar durch Pnester- hand verbunden und die kleine Villa am Genfer-See ein Tempel des reinsten, irdischen Glücks. , ,, Don dem furchtbaren Ende Bruno's erfuhren die beiden Frauen niemals ein Wort, sie wähnten ihn verschollen wie einst und sehnten sich auch Nicht darnach, ihn wiederzusehen. , , r,,, Wohl dem Unseligen, der mit einer guten That aus dem Leben geschieden, der Hölle einmal Raum gegeben in seiner Brust, ist V" n"f E i n P l a g i a r. Mexikanische Erzählung von Friedrich Gerstäcker. (Nachdruck verboten.) Erstes Kapitel. Die beiden Freunde. In der Calle de Santa Teresa, in einem der großen, noch aus der altspanischen Zeit herstammenden Häuser, die mit wunderlich geformten Giebeln versehen und mit Fliesen belegt waren, wurde heute ein großes Fest gefeiert: Die Verlobung der einzigen Tochter Dolores mit dem Sohn eines der bedeutendsten Hacienderos aus Mexiko's Nachbarschaft: Sennor Don Auzustm * Die hohen luftigen Räume erglänzten auch in wahrhaft luxuriöser Pracht, denn Sennor Ärvila gehörte zu den reichsten Minenbesitzern des weiten Landes und fand Freude daran, seinen Reichthum zur Schau zu tragen. Mexiko selber befand sich nach langen blutigen Kämpfen wieder einmal — auf kurze Zeit wenigstens - in einem Zustand der Ruhe; es ^standen sich wenigstens augenblicklich keine Heere mehr feindlich gegenüber. Die Franzosen chatten das Land räumen müssen; Der Kaiser Maximilian — em so wackerer als edler Fürst, vielleicht - und sicher der Erste und Einzige, der es wirklich treu und ehrlich mit Mexiko selber gemeint — war in Queretaro wie ein Kaiser und Held gestorben, oder gerichtet worden, und der Indianer Juarez, eine zähe, verbissene Natur, wenn auch in seiner Weise wohl ein tüchtiger Mann, hatte die Zügel dieses Volkes wieder in die Hand genommen. Aeußerlich war dadurch die Ruhe auch, wie es schien, wieder gesichert, innerlich trieb aber das unruhige und an ein geregeltes Leben nicht mehr gewöhnte Volk noch immer sein altes Spiel. Hie und da in dem weiten Land gährte und konspirirte es schon wieder, und Räuberbanden tauchten aller Orten auf, vermieden nur die gegen sie ausgesandten Truppenkörper und plundetten und brandschatzten, wo sie sich eben sicher fühlten, — aber es lag darin nichts AnßerordentUches.^e einem halben Jahrhundert keinen Frieden gesehen; die fetzige" Bevölkerung wenigstens war zwischen Krieg und Blutvergießen, wwie ewigen Revolutionen aufgewachsen, während alle friedlichen Veschaftigunge, .. 315 Bewohner fortwährend unterbrochen, Mcft Jahre lang unmöglich gemacht wurden, wie konnte es da anders sein, als daß sich der ganze Charakter der Natron auch wild und ordnungslos gestaltete? Man war es eben nicht mehr anders gewöhnt, und wre nian bei uns Unglücksfälle hinnimmt, die, eine Folge der Industrie, durch Maschinen oder Eisenbahnen verursacht werden, so hörte man dort mit der nämlichen Gleichgiltigkeit von angefallenen und beraubten Diligencen, Ermordungen in den L>traßen der Hauptstadt oder von der Plünderung kleiner Ortschaften durch eine plötzlich aufgetauchte und ebenso rasch wieder verschwundene Bande. Dergleichen tfäQe gehörten in der That mit zu den Tagesneuigkeiten und verloren sogar endlich durch ihr zu häufiges Vorkommen und mehr als etwas Selbstverständliches, ihr Interesse. , , In der Hauptstadt selber merkte n-an indesseir wenig davon, denn es^ lag dort zu viel Militair, um einer größeren Bande Raum zu gestatten. Daß die Marktleute, die Morgens noch vor Tag in die L>tadt kamen, da oder dort tii den Straßen einmal die Leiche eines Ermordeten fanden, kam nicht in Betracht. Sie selber kümmerten sich auch gar nicht darum und ließen sie ruhig liegen. Das war Sache der Polizei, sie wcgznschasten — sie hätten nur Umstände und vielleicht sogar Unannehmlichkeiten davon gehabt. „ Der jetzige Zustand des Landes konnte deshalb nur geringe Veränderung in dem Leben der Hauptstadt selber hervorbringen. Das junge, lebensfrohe Volk hatte in der Republik getanzt, und tanzte durch das Kaiserreich und die Belagerung wieder in die Republik hinein. Was lag darin auch Außerordentliches? Ein Regieriingswechsel? Der gehörte in Mexiko wenn auch i>icht zu den alltäglichen, doch jedenfalls zu den alljährlichen Erscheinungen, und man war sogar erstaunt gewesen, daß sich das Kaiserreich so lauge gehalten. Nicht einmal die alte Generation war deshalb besorgt, wie hätte man es da der jungen verdenken wollen, wenn sie leichtherzig darüber hinweg ging und den Augenblick genoß, so bald und so lange er sich ihr eben bot? In dem großen prächtigen Hause des Sennor Arvila sah es denn auch heute so glänzend aus, daß man es kaum für möglich gehalten hätte, es habe in der nämlichen Stadt noch wenige Monate vorher eine ivirkliche Hungersnoth geherrscht. Aber trotzdem mußte die kurze Frist genügt haben, Mexiko nicht allein wieder mit allem Röthigen, nein sogar mit jedem nur erdenklichen Luxus zu versorgen, und was in der That das eigene Land oder selbst die Fremde an kostbaren Genüssen oder Delikatessen bot, das fand man heute in jenen festlichen Räumen aufgespeichert. Sennor Arvila oder Don Jose, wie er der spanischen 'ssittr nach von seinen näheren Freunden genannt wurde, gehörte auch, fcer Republik zur höchsten Aristokratie des Landes, war aber trotzdem, wie sich nicht leugnen laßt, stets ein treuer Anhänger des Präsidenten Jnarez gewesen. Das geschah aber nicht etwa deshalb, weil er die Republik jeder anderen Staatsform vorgezogen hätte, obgleich diese seinen Wünschen vollkommen entsprach (unter diesem Namen versteht man nämlich in allen altspanischen Kolonieen nur die Regierung der Aristokratie, die Präsidenten wählt und absetzt, ohne das eigentliche Bolk auch nur um seine Meinung zu fragen). Nein, jede Regierungsform wäre ihm recht gewesen, so lange er selber nur prosperiren konnte, aber seine Interessen waren gefährdet gewesen, wenn er sich offen dem Kaiserreich anschloß. , ^^ine reichsten Minen lagen nämlich gerade in den Distrikten, die der vertriebene Präsident wenigstens zeitweilig besetzt hielt — in der Nähe von Chihuahua, und da er bald heraus fand, daß er vom Kaiser Maximilian Nichts zu fürchten hatte, sobald er sich nur ruhig verhielt — und er verlangte gar nicht mehr, als das zu t$uil _ so folgte er darin sowohl seinen eigenen Jntcreffen, als seiner Bequem- 316 lichkeit. Er lehnte eine ihm angebotene Stelle als Minister ab — denn es gab kein unrnhigeres Brod, als eine solche — er betheiligte sich aber auch bei keiner Verschwörung gegen das Kaiserreich. Er hielt es ebensowenig mit den Klerikalen, ja er hatte sogar einige werthvolle Besitzungen der „todten Hand" durch Kans an sich gebracht, fühlte sich aber von Anfang an darin sicher, sobald nur der Kaiser zeigte, daß er die leycs de reforma nicht aufzuheben gedenke, denn das Gesetz war von Juarez gegeben, und wer von Beiden auch Sieger blieb, der Klerus wurde deshalb um Nichts gebessert. Der Erfolg zeigte, daß er Recht gehabt. Maximilian siel und der Indianer zog wieder in die Hauptstadt ein; die Besitztitel der gekauften Kirchengüter, die einen nicht unbedeutenden Werth repräfcntirtcu, blieben dabei unangefochten, die Kirche hatte die Macht verloren, und das Staatsschiff glitt wieder eine Weile — wen kümmerte es wie lange? — sanft und ruhig dahin. Aber wer dachte heute auch an Politik? Mnsik dnrchrauschte die Prunkgemächer des Hauses, die geputzten Paare standen sich in ihrem Lieblingstanz, der Habanera, gegenüber und schöne Augen blitzten und funkelten mit den Brillanten, die ihre Nacken deckten, um die Wette. Die schönste Blume des Festes aber, wie auch heute die Königin desselben, war Dolores, Arvila's liebliches Töchterlein, und das wahre Ideal einer mexikanischen Creolin *). Schlank und zart in ihrem ganzen Bau, hatte der Körper eine nur den Südländerinnen eigene Elasticität, die blitzenden Augen wetteiferten dabei mit den seidenweichen Locken an Schwärze, während ihr Teint von Blüthenweiße war. Und diese Hände, diese Füße! Die lebhafteste Phantasie eines Bildhauers hätte sie nicht schöner und vollkommener schaffen können — es war ein Meisteiwcrk der Schöpfung — und sie wußte es- Dolores war in der That das verzogene Kind des Hauses, aber dadurch auch schon von frühester Jugend an wohl eigenwillig, doch auch selbstständig geworden. Sie fand allerdings, wie fast jedes junge hübsche Mädchen, Freude an ihrer Toilette, aber doch nicht in so ausschließlichem Maß, nm sich ihr ganz zu widmen. Heute allerdings hatte sie jede Pracht derselben entfaltet, wie um den Neid der Damen zu erregen. Sonst aber schien sie sich ebenso wohl in ihrem Hanskleid zu fühlcn, und vollständig glücklich, wenn sie im Sattel saß und ihren wackeren, nur etwas wilden Rappen konnte hinaus in das Land fliegen lassen. Ihr Vater sah allerdings diese oft einsamen Ausflüge nicht gerne, denn die Sicherheit der Straßen ließ, selbst in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt, viel zu wünschen übrig; aber Donna Dolores erklärte dann stets, sie sei „Mann genug", sich selber zu beschützen. Die beiden geladenen Revolver, die sie auch stets bei solchen Ausflügen in den Halftern trug, gaben ihren Worten dabei einen entschiedenen Nachdruck, denn daß sie die Waffen zu führen wiffe, hatte sie schon bewiesen. Es war mit einem Wort eine Mexikanerin in vollem Sinn des Worts; schwärmerisch und weich, aber auch mit heißem Blut, ein wenig kokett, aber weit mehr noch stolz und selbstbewußt; ein Wesen, das einen Mann zu rasender Liebe treiben und ihm doch zugleich auch. Furcht einflösen konnte, wie sie sich dereinst als „Herrin vom Haus" entwickeln könnte. Ein Engel in ihrer ganzen äußeren Erscheinung und doch mit zwei winzigen Dämonen, die hinter den dunklen Augensternen lauerten. (Fortsetzung folgt.) *) Creolen, die von europäischen Eltern im Land Geborenen, mit keiner Vermisch»«« indianischen Blutes. “ Auflösung des „Logogryphs" in Nr. 78 auf Seite 312 dieses Blattes: Tauber. ■hceaction, Druck und Verlag der törnhl'schcn Uni»-Druckerei (8 r Ehr. Pietsch) in Gießen.