l •*** des „(Si6^ qt MÄä gÄ: Ä^-Dyr ÄuvNU'M "VS1?4 ä$S« 1.80 to ft'W *"* »H iÄÄV ^-Programm n^obio’ilnildxui“.) kfurter Tenders. stoß. 29. Oktober: Nachmittagrkonzert der -nur. 6?to 6.30 Uhr Die M. Upr Qtenoorciphijcher Fortb5 Systeme, Diktat von 150 SU. ' Uhr Übertragung aus btm ms „Eine Nacht in Benebia*, Ttrauh. schaftliches. treuliche Nachricht für .st die PreiSherabschmg für er TmUicht TesÄlschast LS. Us der deutschen Seisentndu- schend kurzer Zeit Eingang tn evölkerung gefunden ww out St Handel, sondern mit HaussrauenbeiveMz Aefeamten der verschiedenst« ■tanfy empfohlen e/t/chmav/ sipnobe ße und prersverte Hr. 254 Erster Blatt fahr der Auslandkredite. Die Preisschere sei schon wieder geöffnet. Der Roggen sei dadurch zum billigsten Futtermittel geworden. Das bedeute eine große Gefahr für die Ernährung. Während die werktätige Bevölkerung einen Brotpreis bezahlen müsse, der auf den ausländischen Getreidepreisen beruhe, könne der Landwirt das Getreide, das er zu 2 Mark billiger anbiete, nicht los werden. Das sei nicht nur emc Sache des Landwirtschafts-, sondern auch vor allem des E r n ä h r u n g s m i n l- sters. Die Gefährdung der Kartoffel- Versorgung infolge der Absatzkrise sollte diesem ebenfalls zu denken geben. Bon einer Gefährdung staatlicher Gelder könne bei der Landwirtschaft keine Rede sein. Der Reichsfinanzminister müsse im eigenen Ressort mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn die Regierung versage, so sei S c l b st h i l f e das letzte Mitel. Der Reichslandbund wird unbeirrt auf dem Wege fortschreiten, durch Hebung der deutschen Landwirtschaft auch dem deutschen Volke zu dienen. Der endgültige Reichswirtschaftsrat. B e c l i n, 28. Oft. (WB.) Der Reichswirtschaftsrat ist bekanntlich auf Grund der Bestimmung der Reichsverfasiung seinerzeit nur in einer vorläufig bezeichneten Gestaltung eingesetzt worden. Inzwischen sind im Reichswirtschaftsministerium Referentenent- würfe über die neue Gestaltung des Reichswirtschaftsrats ausgearbeitet worden. Darnach gelten als Aufgaben des Reichswirtschaftsrats die B e r a t u n g von Reichsregierung, Reichsrat und Reichstaa b e i wirtfchafts- und sozialpolitischen Maßnahmen, die Anregung solcher Maßnahmen, die Vornahme von Untersuchungen auf Wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet, und die Unterstützung der Reichsregierung bei der Durchführung Wirtschafts- und sozialpolitischer Maßnahmen. Hinsichtlich der Stellung und Befugnisse ist vorgesehen, daß dem Reichswirtschasirat wirtschasts- und sozialpolitische G e s e tz e n t w ü r f e von grundlegender Bedeutung von der Reichsregierung vor ihrer Einbringung zur Begutachtung vorgelegt werden sollen, und daß der Reichswirtschaftsrat — soweit angängig — auch schon bei den Vorarbeiten zu solchen Gesetzentwürfen gehört werden soll. Für die Zusammensetzung sieht der Entwurf eine wesenüiche Verkleinerung vor. Die bisherige Zahl von 326 Mitgliedern hat sich als zu groß erwiesen. Sie soll deshalb auf 126 ständige Mitglieder herabgesetzt werden. Dazu stellen die U n t e r- nehmer 41 Mitglieder, die A r b e i t n e h m e r 41 Mitglieder, Vertreter der nicht privaten Zwecken dienenden Körperschaften 14 Mitglieder, von der Reichsregierung und dem Reichsrat ernannte Mit- gliedern nebst zwei Vertretern der T a g e s p r e s se 3d Mitglieder. Die Hauptarbeit des Reichswirtschaftsrats soll in seinen Ausschüssen geleistet werden. Die Vollversammlung soll entsprechend der bisherigen Hebung nur in Ausnahmefällen zusammentreten. Die Kohlenkrisis. Der Bergetat im Preußischen Landtag Berlin. 28. Oft. (Wolff.) Der Preußische Landtag nahm den gemeinsamen Antrag der Regierungsparteien auf weitere Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Kriegsgesehes zur Vereinfachung der Verwaltung, das u. a. eine Verkürzung des Geschäftsganges, eine anderweitige Kompetenzabgrenzung und eine 2len- derung des Beschwerderechtes »der Beamten eingeführt hatte, und trat dann in die zweite Beratung des Verghaushaltes ein. Qlbg. Franz (Soz.) erklärt, seine Partei v sehe mit Genugtuung, daß auch in kapitalistischen Kreisen Englands und Frankreichs jetzt Re- F formvorschläge hervortreten, wie der Gedanke eines europäischen Wirtschaftsverbandes, die man früher als sozialistische Lltopien verlacht habe. Bei zahlreichen Stillegungen sei nackteste Profitgier maßgebend gewesen. Die ganze Preisabbau-Aktion sei nur zu dem Zweck in Szene gesetzt worden, um die Gewerkschaften zu hindern, ihre berechtigten Bemühungen um Lohnerhöhung erfolgreich zu betreiben. Die . Grubensicherheit sei nach wie vor problematisch. Abg. Dr. v. Waldthausen (Dn.). Die heutige Absatznot ist geradezu katastrophal, mit einziger Ausnahme von Oberschlesien, wo die polnische Einfuhr seit 3mü d. 3s. gesperrt ist. Mit einer Verbesserung der Lage des inneren Marktes ist nicht zu rechnen, solange nicht auf 7>em Weltmärkte eine durchgreifende Äende- rung der Wirtschaftslage sich vollzogen hat. Für einen Abbau der sozialen ßaften trete ich nicht ein. Aber die 3ndustrie muß diese Last auch tragen können. Unter den heutigen ihn- ständen muh ein Teil dieser Lasten von der Allgemeinheit übernommen werden. Abg. Sieger (Ztr.) betonte, der Ruhrbergbau sei sehr wohl in der Lage, eine Lohnerhöhung zu tragen. Der durchschnittliche Mo- natsverdienst von 110 Mark für den Bergarbeiter reiche nicht aus. Die Behauptung, es sei eine Verbilligung der Lebensmittel eingetreten, klingt geradezu wie Hohn. Die Arbeitgeber sollten den Bogen nicht Überspannen. Abg. Dr. Pinke rneil (D.Dp.): Der Hauptgedanke eines internationalen Kohlenshndikats ist an sich gar nicht so schlecht. Aber für seine Verwirklichung dürste noch viel Zeit erforderlich sein. Die Stillegungen sind keine Willkürmaß- nahme. Gegen eine vernünftige Stillegungs- Politik wird auch niemand etwas haben rönnen, 5>enn es gilt eben, die Förderung dem Absatz anzupassen. Für Deutschland besteht die Gefahr, daß für 20 Millionen Tonnen jährlich leine Verwendung zu finden ist. Für Lohnerhöhungen auf der ganzen Linie sind auch wir. Aber höhere Löhne können nicht aus Schulden bezahlt werden, nur aus Einkommen. Abg. Hartmann (Dem.): Auf dem Wege der Vereinbarung zwischen den kohlenerzeugenden Ländern sollten Mittel und Wege gesucht werden, mit denen der in der ganzen Welt notleidenden Kohkenindustrie geholfen werden kann. (Beifall.) Durch vernunftgemäße Handelsverträge muß auch unsere 3ndustrie in den Stand ge'eht werden, die Rohstoffe, die wir vom Ausland unbedingt brauchen, zu Preisen zu erhalten, die nicht durch die Zölle überteuert sind. Die Verwirklichung des Gedanken einer europäischen Zollunion ist leider verpaßt worden. Die angekündigte Preissenkungsaktion der Reichsregierung ist bisher noch in keiner Weise spürbar. Bei den Betriebsstilllegungen im Bergbau hat sich gezeigt, daß nicht immer wirtschaftttche Rotwendigkeiten für die Sttllegung bestimmend waren. Besonders erbitternd muß es wirken, daß in vielen großen Hütten und Bergwerken gleichzeitig mit dem Abbau der Arbeiterschaft die Zahl der Direktoren und leitenden Beamten ganz außergewöhnlich erhöht worden ist. Abg. Martin (Dtschnat.) betont die Pflicht des Staates und der Gemeinden, für die Arbeitslosen helfend einzuspringey. Deshalb habe die deutschnationale Fraktion beantragt, daß allen Gemeinden Kredite für die Ausführung von Rotstandsarbeiten zur Verfügung gestellt werden, damit die Erwerbslosen endlich von der Straße verschwinden. Sozialdemokratie und Negierungskrifis. Berlin, 28. Oft. (WTB.) Der Vorstand dec Sozialdemokratischen Reichstagsfraktion trat am Mittwoch zur Prüfung der politischen Lage zusammen. Er gab nach etwa zweistündiger Verhandlung folgendes Kommunique heraus: Der Vorstand war einmütig der Auffassung, daß sich durch den Austritt der deutschnationalen Minister an der scharfen Opposition s- stellung der Sozialdemokratie gegen die Regierung Luther nichts geändert hat. Der Austritt der Deutschnationalen beweist nur, daß es unmöglich ist, mit dieser Partei eine den deutschen 3nteressen entsprechende auswärtige Politik zu führen. Die Sozialdemokratie kann nicht daran denken, die Deutsch- nationalen aus der Verantwortung zu entlassen und in diesem Reichstage den Vertrag von Locarno, in dem sie den großen Erfolg ihrer eigenen außenpolitischen Richtlinien erblickt, gegen die deutschnationalen Stimmen zu ratifizieren. Sie sieht den geeigneten Weg zur Lösung der Krise in der Befragung des Volkes vermittels der Auslösung des Reichstages. Der Fraktionsvorstand wird die Reichstagsfraktion zum Freitag, den 6. November einberufen, um zur Situation, insbesondere zur Frage des Zusammentritts des Reichstages, Stellung zu nehmen. Der Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion beschäftigte sich am Mittwoch auch mit der Wirtschafts- und der Finanzpolitik der Regierung. Er mißbilligte insbesondere die allgemeinen Steuern, die in erster Linie von den breiten Massen des werktätigen Volles aufaebracht wurden und zur Stützung großagrarischer und grotzindustrieller Unternehmungen verwendet werden. Diese Verwendung ist um so bedenklicher, als Jie ohne parlamentarische Genehmigung und öffentliche Kritik erfolgt ist. Der Vorstand erhebt ferner gegen die Absicht Einspruch, daß öffentliche Mittel auch zur Stützung verkrachter Unternehmen des Reichslandbundes und damit zur Forderung deutschnationaler Parteizwecke verwendet werden sollen. Die Kommunisten für ReichsLagseinberufung. Berlin, 28. Ott. (WTB.) Im Auftrage des Vorstandes der kornrnunsttifchen Reichstagsfraktion hat der Reichstagsabg. Stöcker an den Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion folgendes Schreiben gerichtet: Aw. gestrigen Tage hat unsere Fraktion die sofortige Einberufung des Reichstages verlangt. Diese Forderung hat der stellvertretende Präsident Dr. Rießer a b g e l e h n t, mit der Begründung, daß die Erfordernisse des Art. 24 Abs. 1 der Reichsoerfassung nicht erfüllt seien. Da dieser Artikel vorsieht, daß ein Drittel der Reichstagsmitglieder die Einberufung verlangen muß, ersuchen wir sie, unseren Antrag zu u n t e rstüt - zen, damit auf diese Weise das erforderliche Drittel hergeftellt wird und der Reichstag sofort einberufen werden muß. Die Süddeuischiand-Reise Hindenburgs. Berlin, 29. Okt. Die Süddeutschlandreise des Reichspräsidenten, die schon lange geplant war und dem Besuche der Regierungen von Württemberg, Baden und Hessen gelten soll, ist jetzt endgültig festgesetzt. Reichspräsident von Hindenburg trifft am Mittwoch, 11. November, in Stuttgart ein und wird dort bis Donnerstag bleiben. Am Donnersragvormittag wird der Reichspräsident zum Besuch der badischen Regierung nach Karlsruhe fahren, wo seine Ankunft am 12. November 11.25 Uhr mittags erfolgen wird. Abends verläßt Hindenburg Karlsruhe und begibt sich nach Darm- ftabt zum Besuch der hessischen Regierung und von dort nach Frankfurt a. M., um einer Einladung dieser Stadt zu folgen. Von Frankfurt a. M. wird der Reichspräsident nach Berlin zurückkehren. vergnechisch-bulgarischerronM Der Beschluß des Völkcrbnndsratcs. Neue Kämpfe. Paris, 29. Oft. (TU.) Als der Dölker- bundsrat gestern morgen wieder zusammentrat, gaben der griechische und der bulgarische Vertreter die endgültige Versicherung ab. daß ihre Truppen bereits die nötigen Befehle erhalten hätten, sich hinter die Grenze Aurücf- zuziehen. Der Präsident des Dölrerbunds- rates, Briand, nahm mit größter Befriedigung zur Kenntnis, daß Bulgarien und Griechenland nunmehr den ersten Teil der Aatsinstruktion ausgeführt hätten. Driand gab der Hoff- nuna Ausdruck, daß innerhalb der vom Völkerbundsrat am Montag festgesetzten Räumungsfrist von sechzig Stunden die Truppen tatsächlich zurückgezogen werden würden, und er erinnerte an seine Warnung, daß bei einer Nicht- befolgung der Ratsinstruktion bei der Wiederaufnahme des Kampfes strenge Strafen über die beteiligten Staaten verhängt werden mühten. Kein Mitglied des Völkerbundes habe das Recht zu kriegerischen Maßnahmen, selbst wenn es glaube, im Recht zu sein. Wenn eine Ration bei einem Zwischenfall sich gleich darauf besinnen würde, daß sie Mitglied des Völkerbundes wäre, so könnte die Maschinerie des Völkerbundes sofort in Bewegung gesetzt werden, und der sofort berufene Völkerbundsrat könnte unverzüglich beide Teile hören und eine friedliche Lösung ihres Streites suchen. Dor der Sitzung des VöllerbundSrats hat eine Geheimsihung stattgesunden, in der die Haltung Griechenlands einer scharfen Kritik unterzogen wurde, weil Griechenland bisher wenig Neigung zeigte, die Forderungen des Dölkerbundrats in der vorgeschriebenen Frist zu erfüllen. Die Mitglieder des Dölkerbundrats waren einig darin, daß die eventuell in der Völkerbunds-» aktion vorgesehenen wirtschaftlichen Sanktionen gegen Griechenland verhängt werden müssen. Die Mitglieder des Dölkerbundrats erklärten namentlich, daß ihre Staaten sich an einer wirtschaftlichen Blockade gegen Griechenland beteiligen, falls die griechische Regierung ich der Entscheidung des Völlerbundrats nicht unterwerfen sollte. Die „Times" berichten aus Athen, daß die griechische Regierung sofort nach dem gestrigen Zu- ammentreffen der griechischen mit den bulgarischen deneralstabsoffzieren den griechischen Truppen Be° ehl erteilt habe, sich aus dem bulgarischen Gebiet zurückzuziehen. Dagegen berichtet der „Daily Telegraph" aus Belgrad, daß die militärische Aktion trotz des Eingreifens des Völkerbundes ruhig weiter geführt werde. Der englische Attache sowie der französische und italienische Militärattache in Belgrad hätten Befehl erhalten, sich ofott an die bulgarisch-griechische Grenze zu begeben, um ihrerseits festzustellen, ob die Instruktionen des Völkerbundes durchgeführt würden. Nach einer Meldung der „Agence d'Athsnes" haben sich bulgarische Abteilungen gestern abend zwischen 10 und 11 Uhr an die griechischen Truppen des Postens Nr. 73, an der Linke Petritzfch-Kamma gelegen, herangeschlichen. Der Kamps dauert im Augenblick der Verbreitung des Telegramms noch an. Die griechische Regierung habe unverzüglich den Völkerbundsrat von diesem neuen Angriff in Kenntnis gesetzt. Die pariser Kabinettstnfis. Painlevü mit der Kabinettsbildung beauftragt. Paris, 28. Okt. (WTB.) Dec Präsident der Republik hat dem zucückgetretenen Minislecpräsi- denken Painleve die Kabinettsbildung übertragen. Painleve erklärte, daß er den Auftrag, das Kabinett zu bilden, a n n e h m e. Den wartenden Journalisten erklärte er, ec werde feine Bemühungen, das Kabinett zu bilden, heute abend noch beginnen. Er hoffe, rasch sein Ministerium bilden zu können. Auf die Frage, welche Entscheidung das Parlament treffen werde, erklärte painleve, er fei der Ansicht, daß Kammer und Senat fidj nach einer Sitzung, in der nur formelle Fragen behandelt würden, bis auf nächste Woche vertagen werden. Auf eine weitere Frage, ob ec den Sozialisten eine Teilnahme an der Regierung anbiele, antwortete painleve: Die Sozialisten haben in einer heute nach- mitiag befchloffenen Tagesordnung sich geweigert, aber ich werde mich trotzdem mit ihnen besprechen. Die Frage, ob painleve H e r r i o k an- blelen werde, in das Kabinett einzutreken, erklärte painleve: Kammerpräsident herriot fleht der Bildung des Ministeriums günstig gegenüber; aber er ist der Ansicht, daß er dec Regierung mehr nützen könne, wenn er aus seinem Posten als Kam- merpräfident verbleibe. Die parlamentarische Lage hat durch die Beschlüsse der vier LinksgrupPen, die gesondert heute vormittag im Palais Bourbon zusammengetreten waren, eine wesentliche Klärung erfahren. Bor allein scheint die Möglichkeit einer Kammerauflösung, die eingehend besprochen wurde, ausgegeben zu sein. Die Senatoren der radikal-sozialistischen Gruppe gaben eine Erklärung ab, in der sie erklären, daß sie vorbehaltlos jedem Kabinett ihre Unterstützung gewähren werden, das aus Männern des Linkskartells gebildet wird und entschlossen ist, das Programm zu verfechten, das auf dem Kongreß in Nizza angenommen wurde. Was das Verhältnis der Radikal- Sozialisten zu den Sozialisten anlangt, Jo wurde mit überwiegender Mehrheit die Ansicht vertreten, daß es den Sozialisten sreistände, an der Kabinettsbildung teilzunehmen. Die radikal- sozialistische Gruppe würde sich jedoch mit der bloßen Unter st ützungspolitik begnügen, wobei sich von selbst verstehe, daß jede der beiden Gruppen ihr besonderes Programm bewahre. Die Partei Painlevä, die republikanisch-sozialistische, hat einstimmig die Stm- munqsmache gegen den Senat verurteilt und im übrigen eine Entschließung angenommen, die die Zustimmung zu den Beschlüssen des radikal- sozialistisckien Kongresses von Nizza über die Finanzpolitik feststellt. Die Linksradikalen (Gruppe Lou- ch e u r) haben sich scharf für die Einheit der Linksparteien ausgesprochen und zum Ausdruck gebracht, daß sie bereit seien, unter annehmbaren Bedingungen diese Einheit aufrechtzuerhalten. Doch hat man sich offenbar weder für noch gegen den Plan der Kapital- abgabe ausgesprochen. Die sozialistische Kammerfraktion endlich soll in ihrer Frak- tionssihung heute vormittag über die Frage einer eventuellen Beteiligung an der Regierung und über die Unterstützungspolitik verhandelt haben. Eine Entscheidung darüber wird von dec Zusammensetzung der neuen Regierung abhängig gemacht. Schließlich wurde eine Tagesordnung von Sompere Morel angenommen, in der erklärt wird, man werde die Regierung unterstützen, die die demokratischen Traditionen des Kabinetts Herriot wieder aufnehme. 3e- doch hat man sich gegen das beschränkte Stimmrecht ausgesprochen und erklärt, daß man nötigenfalls gewillt sei, dn das Volk zu appell- lieren. Damaskus von den Franzofen geräumt? London, 22. Okt. (Sil.) Dach hier vorliegenden Meldungen ist Damaskus von den Franzosen geräumt worden. Das französische Kriegsministerium weigert sich, hierüber irgendwelche Ausklärungen zu geben. — '3m Foreign Office liegt keine offizielle Mitteilung vor. daß britische Untertanen zu Schaden gekommen "feien. Die Konsularvertreter in Damaskus zeichnen gegenwärtig das 3nventar auf, um an Frankreich als Mandatarmacht Schadenersatzford<- r ung en stellen zu können. Wettervoraussage. Keine wesentliche Aenderung der herrschenden Wetterlage. Nachtfrostgefahr. Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 13,6 Grad Celsius, Minimum 5,5 Grad Celsius. Niederschläge 0,2 Millimeter. Heutige Morgentemperatur: 9,0 Grad Celsius. Aus der Provinzialhauptstadt. Gießen, den 29. Oktober 1925. Aenderung der Lohnklassen in der Invalidenversicherung. Die Landesversicherungsanstalt Hessen schreibt uns: Nach dem Reichsgesetz vom 28. 3uli d. 3. haben sich die Derdienstgrenzen für die Zuteilung der Versicherten in die einzelnen Lohnklassen wesentlich verschoben. Vom 28. September d. 3. ab gilt hiernach das Folgende: Wochenarbeitsverdienst Lohnll. Wochenbeiir. * Dis zu 6 RM. 1 Von mehr als 6-12 „ 2 . „ ,, 12-18 „ 3 . „ „ 18—24 „ 4 „ „ „ 24-30 . 5 „ „ „ 30 Reichsmark 6 25 Reichspsg. 50 70 100 120 140 3nfolge dieser neuen Lohnklasseneinteilung werden viele Personen, die ihre seitherigen Bezüge weiter erhalten, nunmehr in die nächsthöheren Lohnklassen zu übersühren sein. Es ergeben sich z. D. folgende Verschiebungen: Wochenverdienst Seither. Ietz. * -jetziger Lohnkl. Lohnll. Wochenbeitr. Lieber 6-10 RM. 12—15 18-20 24 - 25 „ 30 Reichsmark 1 2 3 4 5 2 50 Reichspsg. 3 70 4 100 „ 5 120 . 6 140 Um unangenehme Weiterungen zu vermeiden, halten wir eS für angezeigt, die Allgemeinheit aus diese, durch das neue Reichsgesetz bedingten Aenderungen hinzuweisen, um sie zu veranlassen, die sich nunmehr ergebenden neuen Lohnklassen zu lleben. Zu dem wöchenllichen Arbeitsverdienst gehören neben Gehalt oder Lohn auch Gewinnanteile, Sach- und andere Bezüge (z. D. Kost, Wohnung, Kleidung, Heizung, Beleuchtung, übernommene Steuern und Anteile an Kranken- und 3nvalidenversicherungsbeitrügen u. dgl.), die der Versicherte von dem Arbeitgeber oder einem Dritten erhält. •• Der Provinzialausschuß der Provinz Oberhessen hält am kommenden Samstag, vormittags 8V2 Mr beginnend, im Regierungsgebäude zu Gießen eine öffentliche Sitzung ab mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des A. Groos in Friedberg gegen die Stadt Friedberg wegen Festsetzung einer Zuweisungsgebühr durch das Wohnungsamt. 2. Ortsbauplan der Gemeinde Wolfersheim-, hier: Einspruch des C. F. Ulrich in Wölfe rs- h e i m gegen die Festsetzung der Fluchtlinien an den Grundstücken Flur I Nr. 652 und 653. 3. Dürgermeisterwahl zu Münster; hier: Berufung des Bürgermeisters Ludwig von Münster gegen das Urteil des Kreisausschusses - des Kreises Frredberg vom 10. August 1925. 4. Verkündung des ^1 rteils in Sachen: Anfechtung des Beschlusses des Gemeinderats zu Büdingen vom 7. August 1925; hier: Berufung des Gemeinderatsmitglieds H i l d n e r gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Büdingen vom 30. September 1924. 5. Klage des Otto Schmidt in Gießen gegen das Kreis- amt Gießen wegen Versagung des Wandergewerbescheins. •* Die Ermäßigung der Zuschläge für Steuerrückstände ist mit sofortiger Wirkung auch auf die städ't is ch en Steuern ausgedehnt worden. Man beachte die heutige Bekanntmachung der Stadtverwaltung. ** Allgemeinverbindlichkeit der Gehaltssätze für kaufmännische Angestellte in Industcie und Großhandel. Man schreibt uns: Mit Wirkung ab 1. September hat der Reichsarbeitsminister durch Allgemeinverbindlichkeitserklärung die Gehälter der kaufmännischen und technischen Angestellten für die Provinz Oberhessen festgesetzt. Zugrundegelegt sind die Tarifbestimmungen, die der Arbeitgeberverband für Lahngau und Ober Hessen mit dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbcmd und den Angestelltenverbänden abgeschlossen hat. Ausgenommen sind lediglich die Kreise Alsfeld, Lauterbach und die Firma Bamag-Meguin, Butzbach, für die besondere Tarife bestehen bzw. angebahnt sind. Durch die Allgemein- vebindlichkeitserklärung find erstmalig alle Arbeitgeber in Industrie und Großhandel verpflichtet, die fraglichen Gehaltssätze den Angestellten und Lehrlingen zu zahlen und die Manteltarifbestimmungen anzuwenden, auch wenn sie keinem Arbeitgeberverband angehören. Die Gehaltssätze sind Mindestsätze und können durch Vereinbarungen nicht abgedungen werden. Für die Angestellten im Einzelhandel in Gießen bestehen besondere Gehaltsbestimmungen, die ebenfalls allgemeinverbindlich sind. ** Gestohlene Fahrräder. Der Pv- lizeibericht meldet: Sichergestellt wurden bei dem Polizeiamt Gießen zwei Herrenfahrräder, deren Eigentümer nicyt bekannt sind und die anscheinend von einem Diebstahl herrühren. Beschreibung ijfr Räder: a) Marke „Göricke". schwarzer Rahmenbau und gelbe Felgen, das Rad ist mit einer elektrischen Laterne versehen, b) Marke und Nummer unbekannt, schwarzer Rahmenbau, hochgebogene Lenkstange mit schwarzen Gummi- griffen. Die Bereifung ist noch gut erhallen. Die rechtmäßigen Eigentümer wollen sich bei der Kriminal-Polizei in Gießen melden. RDV. Elektrische Beleuchtung der Eisenbahnwagen. Der Ersatz der Gasbeleuchtung in den Eiscnbahnzügen durch elektrische Beleuchtung hat in letzter Zeit Fortschritte gemacht. Es sind etwa 2000 V-Wagen mit elektrischem Licht versehen worden, und an der Ausrüstung der übrigen 3—4000 Wagen wird eifrig gearbeitet. Natürlich ist auch beabsichtigt, die Wagen aller Eil- uni) Personenzüge nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Mittel elektrisch zu beleuchten. Zur Einrichtung der elektrischen Beleuchtung gehören eine Dynamomaschine und Akkumulatoren. Die Dynamomaschine versagt in dem Augenblick, in dem der Zug stillsteht,, worauf sich die Akkumulatoren selbsttätig einschalten. *• Stärkere Zunahme der Teilnehmerzahlen am Rundfunk. 3m Laufe des Monats September ist ein erneuter starker Zuwachs an Rundfunkteilnehmern zu verzeichnen gewesen, der sich für das gesamte Reichsgebiet auf mehr als 20 000 beziffert. Die Zunahme beträgt allein für Berlin rund 9000. *• Auftrieb auf dem heutigen Frankfurter Schlachtviehmarkt: 4 Ochsen, 11 Färsen und Kühe, 731 Kälber, 732 Schafe, 496 Schweine. KD. 3 ^Snunt 100 120 4 5 6 2 3 4 5 6 70 100 120 2 3 4 5 ''MWj g* Arbeitgeber oder einer Ntnbtitt. Äther. Jetz * „ *l:ij«. ÄS" vdinzialauSschuh dc » Le,n E kommeÄe ig§ 8,, Uhr beginnend, in • zu Grehen eine SssentliL lenderLagesordmnig: 1. Äla6i in Friedberg gegen bi: wegen Festsetzung einer Zc> >urip das Dohnungsamr Gemeinde Wölfersheim G.F. Ulrich inDölfers^ Festsetzung der Fluchtlinien Een Flur I Olr.652 und 653. chl zu Münster; hier; 2e- cgmneistrrs Ludwig ton >aä Urteil des KreisausschM . dberg vM 10. August IW. > Urteils in Sachen: Lisch scs des Gemeinderats zu ‘Bi- August 1925; hier: Lenismg nilgliedsHildner gegen dL ausschusses des Kreises Di »ep.'ember 1924. 5. Klage bt i Sieben gegen öaSKrei in Dnsagung des TBanbc .ähigung der Fuschläs-' ick stände ist mit sofortig us die städtischen Steuer >en. Man beachte die heutig der Stadtverwaltung, einverbindlichkeit her für rausmännischeÄntz«' >ustrie und Trohhvndet ■ Mit Wirkung ab 1. 6tptt»b'< Minister durch W* nq die Gehälter her laug™ kn Angestellten für die P« St. Zugrundegelegt sind die ebahnt,'nd. 1 un& k®r0^nadtellter|P un^ Vereinbarungen nJ? ,ll)Qnbel e •;S-äSÜ- >t: ätt faSiri»«' £ - Felgen, da- ”®"Ä«yN ZDW I)'?and6er 2lu5ru|th?iiet TE -Mb- = sich bie her Ä len jst eln^.u vA jroeW' iS: Vs» kt » 3 “ " 2 gNüfo , - 140 * .^terungen J ÄfaÄ** 140 * -?wnchr Ä9?n De- 'ni* 'M«* Ne» Bornotizen. — Tag e s ka len d er für Donnerstag. Dvrtragsvercinigung Z1/« ^lhr 2leue 21 ata där Unüocrfität: MaLrigal-Kon-ert. — Zentrumspariei, 8 Tlhr Kathol. Vereins Haus: Oesfentliche Versammlung. — Lichtspielhaus Vahnhofstrxahe: .Deutsche Helden in schwerer Zeit". — Astoria- Lichtspiele: .Drohe Lustspielwoche". — 2lus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Harry Pohlmann, der bekannte Verfasser des vielgegcbrnen Lustspieles .Der Bursche des Herrn Oberst" und anderer Lustspiele hat ein neues Werk „Den Teufel durch Beelzebub" vollendet, bas von Intendant Steingoetter für unsere Bühne zur Uraufführung erworben worden ist. Es ist noch nicht entschieden, ob nicht das Staatstheater Wiesbaden gleichzeitig die Uraufführung bringen wird, jedenfalls ist die Festsetzung des Termins der hiesigen Dühnenleitung zugesagt worden, und diese hat den 2 7. November vorgesehen. — Verband reisender Kaufleute, SektionGiehen. Morgen, Freitig, abend im Hotel Schütz Vortrag, zu dem die Kaufmannschaft Giehens eingeladen ist. Näheres in der heutigen Anzeige. 33 r für die Samstagsnummer können nur bis Freitag vormittags verbindlich angenommen werden. Zwecks wirksamer Satzausstattung erfolgen Bestellungen zweckmStzig bereits int Laufe des Donnerstags UM »es Mßmr MWs 9818D — Zwei Wohltätigkeitskonzerte zugunsten der Kriegsbeschädigten und Kriegblinden finden am nächsten Sonntag im Saalbau Sauer statt. Unsere Militärkapelle unter der Leitung von Obermusikmeister Löber wird konzertieren. (Siehe Anzeige.) Dom Provinzialausschuh. Der Prooinzialausschuß für bie Provinz Oberhessen veschäftigte sick in seiner jüngsten Sitzung mit folgenden Angelegenheiten: Klage der Oberhessischen Basalt- werke Ignatz Seipel in Mühlheim a. M. gegen das Kre isamt Büdingen auf Aufhebung des Polizeibefehls vom 15. Dezember 1924. — Durch den vorbezeichneten Polizeibefehl war dem Steinbruchbesitzer Seipel aufgegeben worden, in dem von ihm von der Gemeinde Lihberg gepachteten Steinbruch bei Meldung einer Ordnungsstrafe von 90 Mk. und unter Androhung der Schließung des Steinbruchs diesen nur noch bis zu einer Entfernung von 8 Meter von der Friedhofsmauer und dem Friedhof vorbeiziehenden Weg auszubeuten. Das Kreisamt hielt diese Maßnahme für dringend notwendig, um die Friedhofsmauer und den Weg vor Einsturzgefahr zu schützen. Der Steinbruch ist stellenweise schon in einer Tiefe bis zu 10 Meter an die Friedhofsmauer heran ausgebeutet. An anderer Stelle ist die Ausbeutung schon 15 Meter tief erfolgt, und zwar in einer Entfernung, die weniger als 8 Meter von der Friedhofsmauer weg ist. An den Friedhof stößt weiter ein Steinbruch an, der seit etwa 10 Jahren still liegt und bis zu einer Entfernung von kaum 2 Meter vom Friedhof weg aus- gebeutet wurde. In der mündlichen Verhandlung des Provinzialausschusses vom 25. April 1925 erging Beweisbeschluh dahin, daß ein Gutachten der Geologischen Landesanstalt einzuholen ist. Landesgeologe Bergrat Dr. Schottler sprach sich dahin aus, daß die vom Kreisamt Büdingen angeordneten Maßnahmen unbedingt notwendig waren, und erachtet die Friedhofsmauer und den am Friedhof hinziehenden Weg für dringend gefährdet, wenn bei weiterer Ausbeute des Steinbruchs bis zur Friedhofsmauer eine Entfernung von 8 Meter nicht mehr eingehalten wird. Der Kläger erkannte dieses Gutachten nicht an und beantragte die Vernehmung von zwei sachverständigen Zeugen, die Steinbruchbesitzer sind. In der jetzigen Sitzung wurden diese gehört. Sie sprachen sich dahin aus, daß augenblicklich eine Gefahr für den Friedhof noch nicht bestehe. Der Vertreter des Kreisamts Büdingen beantragte Abweisung der Klage und Bestätigung des Polizeibefehls, weil diese Maßnahmen auf Grund des Artikels 66 der Kreis- und Provinzialordnung mit Rücksicht auf das Gutachten des Landesgeologen für unbedingt notwendig erscheinen, um einem gefahrbringenden Z u- st a n d vorzubeugen. Die Klage wurde als unbegründet unter Verurteilung des Klägers in die Kosten des Verfahrens abgewiesen. In der Sache: Anfechtung des Beschlusses des Gemeinderats zu Büdingen vom 7. Aug. 1925: hier: Berufung des Gemeinderatsmitglieds Hildner gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Büdingen vom 30. September 1924 wird das Urteil in der nächsten Sitzung verkündet. Turbine nanlage des Freiherrn G g. Riedesel z u Eisenbach in Altenburg: hier: Berufungen gegen das Urteil des Kreisaus- schufses des Kreises Alsfeld vom 12. 3. 1925. —Der Antragsteller betrieb früher im Bach- lauf der Schwalm in der Gemarkung Altenburg ein Wassertriebwerk durch Verwendung eines ober- schlächtigen Wasserrades. Er hat diese Triebwerk- anlage durch Einrichtung einer Turbine verändert. Das Wasserrad war auf eine Leistung von 18 P. S. eingestellt, während mit der Turbine eine Wassernutzkraft von 24 P. S. erreicht werden kann. Gegen die Aenderung der Triebwerkanlage haben acht Triebwerkbesitzer der Schwalm unterhalb des Triebwerks des Antragstellers Einspruch erhoben. Der Kreisausschuß zu Alsfeld hat am 12. Januar 1925 die von dem Antragsteller nachgesuchte Konzession unter drei Bedingungen erteilt. Während der Antragsteller die eine Bedingung, wonach an dem Wehr eine Eichmarke anzubringen ist, anerkennt, verwahrt er sich im Berufiingsoerfahren gegen die Auferlegung der beiden anderen Bedingungen. Die Reklamanten halten sich durch die dem Antragsteller auferlegten Bedingungen nicht ausreichend gesichert gegen wirtschaftliche und finanzielle Schäden, da sie den Standpunkt vertreten, daß sie ihre Triebwerke und maschinellen Aushilfskräfte nicht mehr so ausnutzen können, als bei dem früheren Betrieb des Antragstellers. Beim Wasserrad sei nach ihrer Ansicht das Wasser, einerlei ob Turnen, Sport und Spiel [en, indem er über die der Gelder zurückzuerstatten, andernfalls die Angelegenheit ihren gerichtlichen Weg ginge. Der Angeklagte gab zu, den Bries geschrieben zu haben, und blieb im übrigen der Ueberzeugung, daß der Bruder den UeberfaU ausgeführt, mithin die Forderung zu Recht bestehe. Das Gericht sah von weiterer Beweisaufnahme ab und erkannte auf kostenlose Freisprechung des Angeklagten. Kirchliche Nachrichten. Israelitische Gemeinden. 2fr. ÄeNgionSgemelnde. Gottesd. l. d. Synagoge (Südanlage). Samstag, 31. Oktober 1925. Vvrabd. 5.OO, morg. 9.00, abds. 5.15 u. 5.55. Gottesdienst der isr. DeligionSgesellschaft. Sabbatfeier, den 31. Oktober 1925. Freitag abds. 4.35, Samstag vorm. 8.30, nachm. 3.30, Sabbat- ausgang 5.50. Wochengottesdienst morg. 6.45 und abds. 4.30. ewerbe getätigten Einnahmen keine Aufzeichnungen machte, obwohl er hierzu verpflichtet war. Auch hat er gegen die Ab- Q W etzla r, 28. Oki. Wegen Erpressung war Schmiedemeister Wilhelm W. von Krofdorf angeklogt. Wie die Verhandlung ergab, ist der Vater des Angeklagten vor längerer Zeit in der Dunkelheit überfallen und mißhandelt worden. Der Angeklagte Hai die hierdurch entstandenen Arztkosten usw. tragen müssen. Run hat er in einem Brief an seinen Bruder den Zeugen K. W. des Ueberfalls bezichtigt und ihn gleichzeitig aufaeforberf, ihm bis 3U einem gewissen Zeitpunkte diese verauslagten Gastwirts-Kundgebung gegen das Gemeindebestimmungsrecht * Darmstadt, 27. DfL Der Landesverband Hessen des Rhein - Main - Gastwirteverbandes hielt heute nachmittag im „Perkeo" eine Protestoersammlung unter dem Vorsitz des Stadtverordneten Schnauber- Darmstadt ab. Der Versammlung wohnten viele Vertreter von Behörden, ferner Abgeordnete und Gastwirte bei; die Kundgebung war sehr stark besucht. Zunächst sprach der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Gastwirte, Emil Köster- Berlin, über das 'Gemeindebestimmungsrecht. Dieses unterstellt die Wirtschaftskonzessionen der Abstimmung der Wahlberechtigten einer Gemeinde. Der Redner zählte eine Reihe von Gründen auf, nach denen ein solches Gesetz abgelehnt werden müßte. Hierauf sprach Studienrat Lücke rmann von der Lehr- und Forschungsanftalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Geisenheim am Rhein über Weinbau und Abstinenzbewegung. Der Redner bezeichnete als das Ziel der Abstinenten die vollständige Trockenlegung Deutschlands. Die medizinische Wissenschaft lehne in der Mehrheit ihrer Vertreter bie Abstinenz ab; auch durch die Statistik könne, nach einer Mitteilung des Reichsstatistischen Amtes, nicht nochaewiesen werden, welche Schaden durch Alkoholverbrauch verursacht würden. Beide Redner fanden mit ihren Ausführungen den lebhaften Beifall der Versammlung. Das Ergebnis der Verhandlungen wurde in einer Entscheidung niedergelegt, in der es heißt: „Die am 27. Oktober im großen Saale des „Perkeo" zu Darmstadt versammelten Gastwirte des gesamten Hessenlandes, die im Deutschen Gastwirts- verband organisiert sind, erheben Einspruch gegen die Absicht, gelegentlich der Beratung des Ge- setzes zum Schutz der Jugend gegen Mißbrauch de^. Alkoholgenusses im Reichstag, das sogenannte G e ° meindebestimmungsrecht mit einzuführen. Das Gemeindebestimmungsrecht führt zur Vernichtung des Gastwirtsgewerbes, zur Vernichtung der wichtigen Gärungsindustrie, des Weinbaues und Weinhandels, zur Vernichtung der Existenz vieler hunderttausender Angestellten und Arbeiter in diesen Betrieben, ohne daß dadurch der Zweck, den Mißbrauch des Alkoholgenusses zu verhindern, erfüllt wird. Das Gemeindebestimmungsrecht soll die Entscheidung darüber, was in bezug auf Ausschank und Kleinverkauf geistiger Getränke im Bezirk der Ge meinbe angemessen ist, nicht etwa ben Gemeindekörperschaften, nämlich Stadtverwaltung und Stabt- oerordnetenversammluny, sondern der Gesamtheit ber Wahlberechtigten einer Gemeinde übertragen. Iedes einzelne Gemeindemitglied soll ein Mitbestimmungsrecht hierüber erhalten, noch dazu, ohne daß hierbei das Alter und die Erfahrung des Betreffenden Einfluß ausüben kann. Geyen ein derartiges Verfahren erheben sich naturgemäß schwerwiegende Bedenken. Es muß darauf bingewiesen werden, wie bedenklich es ist, Volksabstimmungen zuzulassen über die Frage, ob für das Bestehen der Gast- und Schankwirtschaften im Falle des Besitzwechsels die Ausschankerlaubnis erneut werden darf ober nicht, ober ob neue Schankstätten errichtet werden sollen. Derartige Fragen können von der großen Masse der Gemeindewähler keinesfalls entschieden werden, denn man darf nicht außer Acht lassen, daß ihr die Urteilsfähigkeit für derartige Entscheidungen gänzlich fehlt. Durch diese Bestimmungen wird der Alkohol- mißbrauch nicht verhindert werden können. Eine Einführung des Gemeinbebestimmungrechtes würde, da es lediglich den Forderungen der Alkoholgegner Rechnung trüge, gleichzeitig eine Anerkennung dieser Bestrebungen im allgemeinen, und damit lediglich eine Vorstufe für eine vollständige Trockenlegung Deutschlands nach amerikanischem Muster bedeuten. Welche Wirkung das Alkoholverbot in Amerika, Norwegen und Finnland gehabt hat, ist nur allzu bekannt, und es ist bemerkenswert, daß die nor- wegische Regierung wegen der überwiegend schädlichen Folgen sogar die Wiederaufhebung des Verbotes beantragt hat. Die Ablehnung des Gemeindebestimmungsrechtes bedeutet keineswegs die Ablehnung der Bekämpfung des Alkoholmißbrauches. Es ist jedoch hierfür ein untaugliches Mittel. Der Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches enthält wichtige Richtpunkte zur Bekämpfung des Alkoholmißbrauches, die gegebenenfalls weiter ausgedehnt werden können. Niemals aber dürfen Mittel zur Bekämpfung Anwendung finden, die auch die weit größere Gesamtheit der am Alkoholmißbrauch nicht beteiligten Staatsbürger In Mitleidenschaft ziehen. Durch die Einführung des Gemeindebestimmungsrechtes würden alle Gärungsgewerbe, der schwer um feine Existenz kämpfende Weinbau sowie Weinhandel und dazu das gesamte Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe auf das schwerste geschädigt werden und einem wesentlichen Wirtschaftszweig, der eine sehr erhebliche Steuerauelle des Staates darstellt, in ungerechtfertigter Weise Fesseln auferlegt, ober derselbe gar erdrosselt werden. Derartige einschnei dende Maßnahmen bringen aber schwere Schädigungen des gesamten deutschen Wirtschaftslebens und damit des ganzen Volks- und Staatslebens mit sich. Wir fordern zwecks Bekämpfung des Alkoholmißbrauches: 1. Die Verbesserung des Schonkkon- zessionswesens unter Beibehaltung der Fragen des öffentlichen Bedürfnisses unter entscheidender Mit Wirkung unseres Gewerbes. 2. Erhöhten Schutz der Jugend gemäß des vorliegenden Strafgesetzentwurfs. Dagegen muß das Gemein debe st i mmungs recht als unbrauchbare Waffe gegen Mißbrauch des Alkohol genuffes angesehen und wegen der kulturellen, ethischen und wirtschaftlichen Schädigungen, sowie der durch Ausübung des Gesetzes entstehenden Kosten einerseits, sowie andererseits des hohen Ausfalles von Steuern, mit denen dann die anderen Gewerbe belastet werden müssen, abgelehnt werden." Effi len Mm, W sie 8« Wil! Wieviel Freude bereitet es, Kinder zufrieden und glücklich zu machen. - Sie haben es leicht, sich oft zu freuen, denn immer wird ein Kinderherz gefangen sein, wenn ein gut zubereiteter und fein angerichteter Oetker-Pudding aufgetragen wird. Glückliche Mütter wissen dies längst und bringen auch an kalten Tagen Oetker-Puddings auf den Tisch. Die Zubereitung' nach der stets aufgedruckten Gebrauchsanweisung' ist einfach und schnell, die Aufwendung dafür gering. 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Die nächstbesten Gruppen erhielten Anerkennungspreise, und zwar Kl. 1 mit 8,43 Min., Kl. 2 mit 9,09 Min., Kl. 3 mit 9,43 Min Nach langer Rast ging es dann auf die tadellos in Stand gefetzten Scheibenstände zum Schießen. Auch hier zeigte sich derselbe Eifer und Ernst aller Teilnehmer. Da dieser eport erst seit kurzer Zeit betrieben wird, so waren die Ergebnisse natürlich noch nicht solche, wie sie zweifellos verlangt werden müssen. Immerhin ergaben sich auch hier ziemlich gleiche Durchschnittsleistungen. Das beste Ergebnis zeitigte bie Gruppe Ober-Breidenbach (Kreis Alsfeld) mit einem Durchschnitt von 5,23 Ringen; sie errang hiermit den 1. Preis. Den 2. Preis erkämpfte sich der Iungschützenbund Gießen mit 4,52 Ringen im Durchschnitt. Die anschließende vaterländische Kundgebung in ber Liebigshöhe vereinigte die ganze Kampfschar noch einmal mit zahlreichen Bürgern Gießens. W. L. Werbeturnabend in Wieseck. Am Samstag veranstaltete der Turnverein e. 23. Wieseck einen Werbeabend. Ein vielseitiges und reichhaltiges Programm hatte zu einem recht zahlreichen Besuch dieser Veranstaltung beigetragen. Nach einem Gesangsoortrag der unter der Leitung des Lehrers Görlach - Gießen stehenden Gesangsabteilung des Turnvereins folgte ein Liederreigen der Turnerinnen. Hieran anschließend turnten die Schüler, Schülerinnen, Turnerinnen, Zöglinge und aktiven Turner am Baren und Pferd. Zwischendurch aufgeführte Volkstänze der Turnerinnen vervollständigten den ersten Teil der Veranstaltung. In der folgenden Ansprache des ersten Vorsitzenden, in ber eingehend auf die Bedeutung der Turnerei sowie der sportlichen Betätigung hingewiesen wurde, wurden die Besucher aufgefordert, dem edlen Sport weitere Anhänger zuzuführen. Der zweite Teil des Abends wurde ausgefüllt durch Volkstänze, Hal- tungs- und ästhetische Freiübungen der Turnerinnen und durch Turnen der Aktiven am Reck. Den Glanzpunkt des Abends bildete der von den Turnerinnen unter Mitwirkung der Gesangsabteilung aufgeführte „Tanz" von Carl Zöllner, der unter nicht endenwollendem Beifall wiederholt werden mußte. Alle Vorführungen, insbesondere die der Turnerinnen, müssen als mustergültig bezeichnet werden. Mit Genugtuung kann man wahrnehmen, daß der unter der zielbewußten Leitung von Reeh, Bernhardt und Euler stehende Turnbetrieb sich auf voller Höhe befindet. — Die am gleichen Abend vorgenommene Preisoerteilung zu dem am 20. September stattgefundenen Ab turnen ergab folgende Sieger: Fünfkampf, Oberstufe: 1. Aug. Becker, 2. Heinrich Romer, 3. Heinrich Ihm, 4. Otto Schrei- ner, 5. Robert Eisenhut. Neunkampf, Zöglinge: 1. .Karl Weller, 2. Adolf Schnabel, 3. Karl Vogel, 4. Ernst Schreiner, 5. Otto Wagner. Turnerinnen: 1. Berta Kümmel, 2. Minna Kreiling, 3. Anna Bernhardt, 4. Paula Hildebrandt, 5. Lina Bücher und Emma Schomber. Schülerinnen: Ehrenpreis Paula Bellos, 1. Anna Schäfer, 2. Minna Schäfer, 3. Minna Kümmel, 4. Anna Pausch, 5. Tilli Schreiner. Schüler, 1. Riege: 1. Friedrich Kreiling, 2. Otto Balser, 3. Wilhelm Pausch, 4. Karl Rohm, 5. Karl Weller. Schüler, 2. Riege: 1. Willi Werner, 2. Otto Deibel, 3. Ernst Mank, 4. Karl Balser, 5. Karl Post. Im Anschluß an die Preisoerteilung wurde dem Leiter der Turnerinnenabteilung Wilhelm Bernhardt als Anerkennung für die treffliche Ausbildung dieser eine Plakette überreicht. Gegen den Händler Wilhelm W. von Groß- Rechtenbach war wegen Vergehens gegen das Umsatzsteuergesetz durch Strafbescheid des Finanzamts Wetzlar auf 100 Mk. Geldstrafe erkannt worden. Hiergegen beantragte er gerichtliche Entscheidung. Die Verhandlung ergab folgendes: Der Angeklagte ist handelsaerichtlich eingetragener Kaufmann. Als solcher hatte er sich gegen § 31 des Umsatzsteuergesetzes oergange ' * im Jahre 1924 in seinem ®i Um die Bezirksligameisterschaft in Hessen-Hannover. tz. Um das Irreguläre vorweg zu nehmen: S. C. 03 Kassel, Die Elf mit der auffteigenben Form, läßt sich in Göttingen von 05, der Elf mit der absteigenden Form, 5:4 schlagen. So leisten sich bie zweifellos spielstarkeren Kasseler Mannschaften zugunsten ber Provinz manchen Schnitzer, wenn auch in diesem Spiel ein zweifelhafter Elfmeier den Vorsprung für Göttingen ergeben haben soll. Bester Typ in Lokaltreffen ist: Unentschieden. Das 1:1-Resuliat Hessen 09 gegen S p i e l o. Kassel besteht zu Recht. Die geringe Ueberlegen- heil Hessens glich Fernschild im Tor des Spv. durch besondere Leistungen aus. Ein guter Angriff sei die beste Verteidigung. Nicht immer. Ein gulerTorwächter ist aber auf jeden Fall bie Grundlage jeder Elf, denn hinter dem Mann zwischen ben Pfosten ist immer noch — das Netz. Kurhessen Kassel gegen Gießen 1 900. 9:1 war oorauszusehen. Kurhessen ist heute in ber Lage — wenn es nicht ben Kops verliert, wie bei [einer Niederlage gegen Hessen 09 —, jeden Gegner im Gau mit 4—5 Toren Differenz (mindestens!) zu schlagen. Kurhessen Kassel: bie einzige Mannschaft mit System, aber mit wackligen Nerven! Auch das Wetzlarer Spiel F. E. 0 5 gegen Sv g. @ö Hingen (1:2) entschied, unverdient für die Göttinger, ein Elfmeter. Göttingen hatte ein Plus im Zusammenspiel. Wetzlar im Stehvermögen. (Die Göttinger waren am Schluß zum Ausputzen fertig!) Gleich waren auf beiden Seiten: Technik, Eifer; g(eie b. A- lo kann w Ql Mensch g« »tn Di», d HeißarcszimiUr tZentralheizung bevorzugt», evtl, nur für tagsüber, in Kltniksnähe gesucht. Schr. Angell, unter lti739n. d.Gieß. Anz. Zu tauichen 4Zim. u.K. i. best. Lage geg 2—3 Zimmer. Sckr. Angeb. unter 08740 au den Gieß. Anz. Stellenangebot^ WÄMIck. Morgen Freitag, 30., Beginn der .Nurse: Grunvlllgell ö. Hechts Prof. mlttermaler Winterftuölen an Oer emelnr.vslanzemoelt Insv. Behnelt. Oberrealschule, 8 Ubr. Anmeldung Gesundheit»—„ ist das höchste Gut Mplio verfett aus Adler, gesucht. Schriftliche Angeb. unter 10358c an den Gieß. An«. 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Oktober fiebelten sie in ben Breisgau über. , Engelharbt konnte ben Ausgang aus St. Joseph nicht finden. Er lief im ganzen Haus umher und fragte Ruth nach hundert Gegenständen, die er nut« nehmen wollte. In den zwanzig Jahren feiner Seßhaftigkeit war er nur selten einige Tage von Rheinau weggewesen. Einige Male in Zürich unb in ben Alpen, einmal tn Stuttgart unb zuweilen in Freiburg. Den Schwarz« walb kannte er um so besser. Von der Ach bis zur Murg hatte er jedes Tal durchwandert, jede Hohe erklommen. Ruth suchte chn, denn es war Zeit, das letzte Frühstück einzunehmen. , Joseph Hotz hatte den Frühstückstisch auf der Terrasse gedeckt, wo die gelbe Oktobersonne in den dickköpfigen Dahlien glühte, bie ber Gärtner 3U einem mächtigen Strauß gebunben hatte. (Fortsetzung folgt.) Die 2* deutliche li pur yW f &iM I Mil*1 * lichen 510 ! 5*5 ff? 'iS- ihrer M f ersten ? I;. N u 11 baß f'C * jchioieriger Ider P-rso» loMkU- vi wehr beste : jurf ubget I Wch-n-,v.o eiVerbslose njininerr, i DitWd ; Personen J : mehr als S I; 21'000 tat erzeugende aus, jedoä iu der les betroffen als auch i rhein. Äi« werben bai lich ist hier beiter, die Leu, neue Wim ist ,. deutschen Aheinproo der Haupt völkerung 3,4 d. X. i Hinsicht beilsmarttt Ec- macht schärfer in nur den '21 umen durst teil, die bai geschm in allen @e zu beurteile! Lage in der Ichon ein Ule iud) für der nehr stattsir Umfanges r unb für die bei diesen E ; monchmrtc ' digkeit zuru sich die erj ; mafen c ' ioeschlutzfassur ) Eine ■ vberitali einer T.m.l Amen „Ac Marone 1 «usriuhung m O&eriloiiei ' Ahe Au ber 3 kchinensabril teteill, ; t'erungsverh. Jnb. Dem! ! öorgefd pltnig vvn SSft SHtien za t : He Hande 1 ungünstige ! ftjMj ; Eebsstil ' yMion phttel jug I 1 rönnen. -I I Eigener Dro 1 «f, ®Janf‘ I Si Z* '-'iilcreüc Minen bl-, -I Mlich ,est : Achgcbietzc Laichen L EilL iffljL 3J- 4 Metren- 6 HJ0 j,°5 Ä'Ä ’ Ho Alle für die Redaktion bestimmten QUitteL dis Da6 - e64- auf gegeben. Datum: Weitz: 6 Steine. Ke8, Dh2, Sb4, Ba6, Bd2, Bild. im 72.25 40,75 70.6' 49,L ! 11-1,13' Schritt für Schritt Terrain dort 31 57 Das entscheidende Durchbruchsmanöver. eigentliche Schwäche g6 bloh- Dan knoten. Berlin, 28 Oktbr Geld Briet Berliner Börse. 24. Kf7-g7 25. Dc7-d7 10. h5 — h4 11. h4 -113 35. 36. 37. 33. 39. 40. 22. Ke8-f7 23. Lg7-f6 auf den un- 10. f2-f3 11. Ddl-d2 12- g2-g3 0.18 90,9) 97 24 25. f3 — f4 Le3-f2 De2-a6! Td2-e2 f4xc5 e5Xf6 12. Sf6 —117 13. Sh7-f8 14. Sf8-e6 15. F7xe6 16. Dd8-c7 17. Ld7Xc6 64 •19,75 Devisenmarkt Derlm—Frankfurt a. M. Telegraphische Auszahlung. 67.5- 85' 31,5 26 95 57 <8 5* 105 5* 113,5 117.25 36.7 49.25* 12,75* 57.5 70,5 0.21 90.25 97 7.55 26. Tdl-d4! 27. Kgl-f2 28. Lg6-f5 29. Dc2-e2 30. Tfl-el 31. Lf5-g4 32. Tel-dl 33. Td4-d2 34. Kf2-gl 0.2175 0,25 0,25 l> 4 0,126 0,235 57 25.13 2.5 83,G 66 118.75 119.9 46.5 f. 4 89,75 94,5' 41.75 39* 70* 78’ 113^25 117 49 5 87 120,75 65.4 118.25 119 62,1 48,3 86 120,2 66,62 1'8,25 119,75 63,13 92 97.1 7,5 gelegt. 22 23. Le2-d3 24. Ld3xg6-t- ,55.62* 70 84 55.5 51.5 Folge Rubinstein gewinnt. 12 . 13. Tal-dl 14. Sc3-d5 15. Sd4xe6 16. Sd5-b4 17. Sb4Xc6 18. b2 — b4! 0 2175 0.2 i 0.39 0.126 0,74 1. Sgl -f3 2. C2-C4 3. d2-d4 4. Sf3xd4 5. Sbl -c3 6. e2-e4 e-iir als 25 Proz. zurückgegangen, von denen über ? : '0 tatsächlich erwerbslos sind. In der eisen- Ijesußcnben Industrie sieht es nicht ganz so schlimm ‘2® tv jedoch hat auch hier die Zahl der Entlassungen gewicht ki1 ' i,er letzten Zeit nicht unerheblich zugenommen: * ", iirDssen ist sowohl die Gegend des Siegerlandes, gMt - und im Kurse befestigt. Die Abendbörse schjM in lustloser Haltung mit Aeigung zum IiMjiifcen. Deutsche Anleihen: bproz. Reichs- a«N(h-! 0,230, Schutzgebietsanleihen 5,150, Aus- $rt$läE8t!.lx)c_ Renten: 5proz. Goldmexikaner 43,5, tz vilbermexikaner 17,5, Zproz. Silbermexi- r 13,1, 4^ 2proz. Zrrigat-.onsanleihen 27,37. j: Hauptunterstützungsempfänger 7 v. T. der Bc- ilfurung (in Essen sogar 16,3 v. T.), gegen nur 1 T. im Reichsdurchschnitt. «'insichllich der künftigen Entwicklung des Ar- iilLmarttes ist ein Optimismus nicht angebracht. (: nacht vielmehr den Eindruck, als ob die jetzt tirrfer in Erscheinung tretende Arbeitsmarktkrise stellte sich etüaö zu trinken. Wie Wirte dem Lande sind, setzte sich auch dieser an Tisch und fing ein Gespräch mit dem ihm bekannten alten Herrn an. „Kommen Sie aus Ragaz?" „Sa.“ „Sch habe gehört, der olle Moltke soll zur Kur sein, stimmt das?" Dd7-e6 Ta8-b8 De6-f7 Kg7 — f8 e7-e6 Dn-g7 Dg7-e7 Tb8-b4 Kf8-g7 Kg7 —f7 De7-c7 e6-e5 Tb4Xg4 Lc6-b7 Rach dem Fallen dieses Dauern ist der An griff nun leicht durchzüführen. bis 9.30 Uhr Uebettragmig ■ Otto-Kahse-Abend (fiinberhtto ZeitgmjM Gesangsmusik. Der schwarze Angriff ist beendet: der Erfolg ist jedoch sehr gering: man beachte, wie in der r den Anfang einer längeren Entwicklung nach darstellt, die sich ergibt aus der Notwendig- , bie Erzeugung an den verringerten Bedarf und geschwundene Betriebskapital anzupassen. Fast illen Gewerbezweigen sind die Aussichten schlecht b (urteilen. Verhältnismäßig günstig ist noch die et in der Landwirtschaft: auch hier wird jebod) n. ein Rachlassen gemeldet. Im Bergbau werden für den Fall, daß größere Entlastungen nicht in stattfinden sollten, Reueinstellungen größeren Images nicht erfolgen. Für die Eisenerzeugung für die Eisenverarbeitung ist zu bedenken, daß diesen Gewerben die bisherigen Einschränkungen inherorts noch hinter der tatsächlichen Rotwen- :'e >t zurückgeblieben sind. Im Baugewerbe machen : Sie ersten Anzeichen der Verschlechterung be- f Dar in Gestalt der Steigerung der Zahl der •cc’i-mid)enben Maurer unb Zimmerer. Beachtlich »schließlich noch, daß die Beschäftigungsmöglich- U.'ii für ungelcrure Arbeiter, die bisher hin und n )et für Gelegenheitsarbeiten vermittelt werden Inken, ständig zurückgehen. 120,4 65 118.75 119.13 62.25 84.1 56 Schwarz: 3 Steine. Ke6, Bd5, Bf5. Partie Nr. 25 Die nachfolgende Glanzpartie wurde Marienbadener Schachturnier gespielt. Zukerlort-Eröffnung. Weitz: A .Rubinstein Schwarz: R. Spielmann. ihsten W. Isiirtil 67* 86* i 30.5 I 29,75 Chemische Fabriken norm. 2B eiter Meer, verdingen (Rieder- 25 95 57 21 5 3,13 84 56 52 1. c7-c5 2. Sg8-f6 3. c5xd4 4. g7-g6 5. Lf8-g7 Büchertisch. Zum Geburtstag des Reichspräsidenten bringt die Rr. 1 des 62. Jahrgangs des „Daheim" (Derlag Delhagcn & Klasing in Leipzig) einen Aufsatz über eine Schrift des französischen Gene- ralstabSchess Duat über Hindenburg. Brat ist biö jetzt wohl der einzige Franzose, der sich zu objektivem Urteil durchgerungen hat. Das Daheim beginnt seinen neuen Sahrgang mit einem Roman „Geschichten um Sanssouci“. Die ersten Hefte sind in seiner prächtigen reichfarbigen Ausgestaltung auch textlich vorzüglich. — Dor den hessischen Kommunalwahlen erscheint rechtzeitig Ende dieses Monats unter dem Titel. „Die hessischen Verwaltung sg e f e tz e" Band 2 der Sammlung „Hessischer Dersassungs- und Derwaltungsgesehe" im Verlage 3. Diemer in Mainz, und zwar enthaltend: 1. Städteordnung, 2. Landgemeindeord- 0,215 0.2425 U.llil 0,13 ' ,23 0 21 0 215 91,8 97,1 94.75* 75,15 67 25* 85,75* 31.5 33,5 30 34 Schach-Ecke. Dea rbeitet von W. Orbach 26. 27. 28. 29. 30. 31. 32. 33. 34. 35. 36. 37. 38. 39. Run erkennt man den Sinn des Vorgehens der Bauern auf dem Damenflügel: hierdurch hat Weih die eigentliche Schwäche g6 bloß- oh» 1 0 225 . 0.253 0.2421 0.4'5 0,13 11.235 0 22 ttmtsverkün-i§'-.7,jMlat tmtsDcrfünbiflunasblfli Jftober enihal,: Die Wahlen tr oen Landgemeinden des Rreifw lauenseuche in Geilshausen, L- ifen. - Kinderarbeit in geweä - -ttaßenfperren. - Feldbere Hain, Harbach, Lauter, Nonnr trott). M-PrograW >er „Radio-Amfchm".) anksnrter Lenders. Line neue Krupp-Gesellschaft in 22t nitalien. Die Firma bestätigt bie Grünbung tirtii: @. m. b. H. italienischen Rechts unter bem i Mflicien „Italiano per I. Prozessi Krupp per la Marone Dell'Aciacco". Zweck ber Gesellschaft ist I IliLtniLgung unb Betrieb von Kruppschen Patenten. i| tfm)bttritalien. „Sa." „Wie siebt er denn aus?" „Gott, wie soll er aussehen," sagte Moltke, so wie einer von uns beiden." Auf einem Umwege ist nun die für Weih vorteilhafte Drachen Variante der Sizilianischen Partie entstanden, die den Schwarzen zu einem langwierigen Verteidigungsspiel verurteilt. 6 6. d7-d6 7. Lfl-e2 7. Sb8-c6 8. Lei — e3 8. Lc8-d7 Warum nicht 8 Sg4? falls 9. Sxc6 so 9 Sxe3 10. SxdS, Sxdl oder 9. Lxg4, Lxg4 mit Ausgleich. 9. 0-0 9. H7-H5 Diesem nervösen Angriffzug, der nur den eignen Königsflügel schwächt, ist die Hauptschuld am Verlust der Partie zuzuschreiben. SS«? bei husten, Heiserkeit, Katarrh Die Narrenkappe. Splitter und Sparren vom RedakttonStisch. MolLKe-AneKdoten. Für den trockenen Humor des Generalfelv- marschalls von Moltke sind die beiden nachstehenden Geschichten, die den Vorzug haben, wahr zu fein, bezeichnend. Moltke weilte eines Jahres in Ragaz zur Kur und machte nach dem Dorfe Pfäffers einen Spaziergang. Da es ein heißer Lag war, kehrte Moltke dort in einer Wirtschaft ein und be* 90 94* 70 17.75* 85.5* 30.6 33 27.5 31 nung, 3. Kreis- und Provinzialordnung, 4. das Gesetz vom 12. August 1922, soweit noch in Geltung, 5. das Gesetz über die Wahlen für Gemeinden und Gemeindeverbände vom 7.September 1925, mit eingehendem Sachregister. Zum ersten Male in Buchform bringt diese Ausgabe die Gesehestexte in der neuen, jetzt gültigen Fassung. Der Band, im handlichen Format der bekannten Sammlung, umfahl ca. 250 Seiten und wird allen Snteressenlen bei den Wahlen gute Dienste leisten. Er ist erhältlich bei allen Buchhandlungen oder bei dem Verlage 3. Diemer, Mainz. — „Der Alpenfreund", illustrierte Halbmonatsschrift für Reise und Tirristik (Alpen- freund Verlag A. G.. München) bringt im ersten Oktober-Heft wieder eine Fülle erlesener Aufsätze. Dr. Sojef Weingartner bringt eine prächtige Schilderung der alten Südtiroler Burgen. Zwei ausgezeichnete Arbeiten, die von Bergfahrten abseits des grohen Weges erzählen — „Aus der Bergwelt des oberen Leichltcckes" von Karl Cck- schlager und „Winter und Sommer im Warschen- eck" von Ferdinand Seidl sind zu einem Aufsatz „Stilles Bergland" vereint. Der Dilderschmuck des Heftes ist wie immer hervorragend. — ,.D e r O k k u l t i s m u s", Illustrierte Wd° natsschrift zur Aussprache und Aufklärung über alle Zweiggebiete und Auffassungen des Ottul- tismus und verwandter Richtungen (Derlag Gust. Wittler, Bielefeld). — Unter diesem Titel erscheint eine neu gegründete Zeitschrift okkult- wissenschaftlichen Snhalts. Zu ihren Mitarbeitern gehören u. a.: Univ.-Pros. Dr. Gruber, München: Gras Hermann Keyserling, Darmstadt: Univ.- Pros. A. Messer, Gießen, Univ.-Prof. Dr. Der- weyen. Bonn: Dr. Max Kemmerich, München: Regierungsrat Ubald Tartaruga, Oberpolizei- rat a. D., Direktor des Wiener Parapsychischen Snstituts: Univ.-Prof. Dr. Blacher, Riga: Chefredakteur Rene Sudre, Paris. Amerikanische Noten .... Belgische Diolen . Dänische Noten ...... Englische Noten ....... Fraö;ö>ische Noten ...... Holländische Noten Italienische Noten Norwegische Noten..... Demsch-Oesterr., ä 100 Kronen Rumänische Noten ...... Schwedische Noten Schweizer Noten . Spanische Noten Tschechoslowakische Noten .. Ungarische Noten . ... Schweinemarkl t). Gießen, 24. Oft. Zum heutigen Schweinemarkt waren 154 Schweine ausgetrieben. Der Handel war ziemlich flott. Es wurden nachstehende Preise erzielt: Ferkel, bis 10 Wochen alt, 32^-34 Mk., 10 bis 12 Wochen alt 35—40 Mk., Einleger 60-80 Mark das Stück. Frankfurter Getreidebörse. (Eigener Drahtberichi des „Gießener Anzeigers".) Frankfurt a. M., 28. Oft. Es wurden notiert: Weizen (Wetterauer) 24, Roggen „zu erhöhen. Die neuen Aktien gehen in ©arten }U Lj »reute .Hände über. Die Maßnahme ist durch das eftirnte: -W' /selber famtunürrftige Ergebnis des letzten Geschäftsjahres Ler harzM . „ur biek nmsiÄerlich geworden, das auf die umfangreiche 5 war alles wie i n ^vni.ibsstillegung zurückzuführen ist. Durch die iauaerüste aus,ve" Mkr cö DiÄns-aktton werden der Gesellschaft ausreichende 5 am Wm- f wlirbe,fK Tülle., zugefuhrt, um mit Erfolg ihr verklei- .. ~ve(5qrnnb DIW » rcetteä Fabrikationsprogramm weitersiihren zu ,r ßanbiM1- . enflelhflrbl»fülir-cn. d b MM» * Srantfurt« TOenbbSrf«. te Zukunst. 6ie ™ grüijiing * (53ixrrer Drahtbericht des „Gießener Anzeigers".) rbringen unb en Frankfurt a. M.. 28. Olt. Die heutige ^kehren- > ffreiburg Alldn^börse war für Aktienwerte fast geschäfts- nd Engelhalm l««s,Interesse bestand für feine Gruppe. Sm all- " Dü v"' lf,n * ^'•vinen blieben die Kurse auf dem erniedrig- S.ande der Mittagsbörse knapp behauptet. U ch fest lagen 5proz. Reichsanleihen. Auch llh.iebietsanleihen notierten etwas höher. Von ländischen Renten waren Mexikaner weiter *70 46.5 69* Wirtschaft. die Lage des Arbeitsmarktes. In der letzten Zeit weist der Arbeitsmarkt eine : Aiche Neigung zur Derschlechteruna auf. Diese ist tu-; zum Teil aus Gründen der fortschreitenden :«ifon zu erklären. Don größerer Bedeutung ist ; Tatsache, daß die künstliche Stützung des Ar- ^i'smarktes durch die starke Bautätigkeit der öffent- tyn Körperschaften immer mehr in Wegfall Jmmt, weil die öffentliche Hand jetzt zwangsläufig läirfer auf den Weg der Sparsamkeit zurückgeführt "inb. Den wichtigsten Grund für die Verschlechie- irtfl der Arbeitsmarktlage wird jedoch der Um- ni:b bilden, daß viele Unternehmungen, die bis in der Hoffnung auf eine baldige Gefchastsbe- Idimg ihre Betriebe unter schärfster Heranziehung rnr Reserven und ihres letzten Kredites aufrecht chulteu hakten, jetzt am Ende ihrer Kräfte sind. Jaft überall läßt sich die Beobachtung machen, ■ft die Unterbringung entlassener Leute immer hluieriger wird unb daß für bie Beschäftigung ir Personen, bie in Zukunft noch zur EnUassung Itrimen, höchstwahrscheinlich eine Möglichkeit nicht iefl:r besteht. Selbst für die Betriebe, bie schon sehr iitf abgebaut haben, läßt sich diese Feststellung Muijen. So hat z. B. im Ruhrbergbau die Zahl der £wn?rbslofen Bergarbeiter ziemlich erheblich zuge onnmen: mit den EnUassungen im September ist !c Lelegschaftsziffec im Bergbau von rund 560 000 's krönen Höchstbestand auf rund 400 000, d. h. um lungen, Lösungen usw. sind zu richten an Schachrebaktion des .Gießener Anzeigers". Problem Nr. 34. Don 3. Keim in DavvS-Plah. SWS Mr--« ............-......... Mgans i,inh.'l"VEo:.'tien: Commerzbank 94. Darmstädter Dank (onnlc Dcnflnn«ii hjt ?r'UDÜm 105, Deutsche Bank 106,50, Dresdner ir lies "N ^aenstande"' -Mr 100, Mitteldeutsche Creditbank 89,75, himder- ‘Xw^anf 135,25, Oesterreichische Kreditaktien Monianattien: Deutsch-Luxemburg Ultimo .„zig Jahre" l ^einoU ® j 7c^zacrpener 105, Rheinische Braunkohlen 127, S T-ge Vf L, E^KEDestcregeln HZ. Chemische Aktien: Badische Ära 120,37, Höchster Farben 119,12. Sndustrie- nmeiW$on AEG. Ultimo 94. Elettrisch Licht und jedes Ta- Berliner Dorfe. war J (SK^ner Drahtbericht des „Gießener Anzeigers".) e iftn- ..„.jütisch . P tri in, 28. Oft. Das Geschäft wird nach meh^ev-.„ Früh wir«)O7 von einer erheblichen Ülnsicher- p h^te o Ihr 0'lv ZzM h • 78.5* lüi* 114.9 117,25 | 3G .■ 47* ' 73.2.5* i 5?,75 70.5 j 48,5 । 70* 5% Tcutkche NcichSmileth« - ' 4% Deutsche NUckSanleihe . SV«0/* Deutsche RctchSanleihe 3% Deutsche NcichSanleihe . Deutsche Suarprämicnanlcihc 4°/o Preußische KonsolS . . . 4% Hessen . 3V?% Hetzen.......... 3% Hetzen ...... Deutsche Lertb. Tollar-Anl. dto- Doll.-Schatz-Anireisng.*) 4e/o Boatürtc»......... Wo Goldmcrikaner .... Berliner Handelsaesellschast. ^ouuncrz- und Privat-BlUtk Darmst. und Naiionalbcink . Deutsche Dank Deutsche BcreinSbank . . . . DILcouto Commandi« Metallbant Mlttctdcursckc LredUbank. . Oesterreichische Credttanstalk. Destbank ........... Bochumer Guh . ..... Buderus . . . , Caro Deutsch-Lut'cmbnra Gelsenkirchener Bergwerke. . Harpencr Beraban Kaliwerke Aschersleben. . .. Kaliwert Westeregeln b'aurahütke...... . , Obrrbedars Phouir Bergbau Nociiistahs........... Nicbeck Montau ....... TclluS Bergbau. ...... Homburg-Amerika Paket. . . Norddeutscher Llovd . . . . . Tberami-che Werke Albin . . Zementwerk Hcidrsberg . . . PhilN'v Holzmann '.1nglo-Cont°(?uano Badische Anilin........ ^hemildic Mader Alapin . . Goldschmidt b'nesbcimcr ElcciroNx. . .. Höchster Farbwerke ..... Hotzbcrkoylung tstütgerswerke ...... Scheideanstalt Allg. Elektrizitäts-Gesellschaft Bergmann Mainkrastwcrke ...... Schuckert . . . Siemens & HalSke ..... Adlerwerkc Klcyer Daimler Motoren. ..... Hevstgenftaedt . Meguin Motorenwerke Mannbeim . Frankfurter Armaturen . . . Nonservenfabrik Braun . . . MetaNgesell'chaft Frankfurt. Pct. Union A.-G Schuhlabrik Herz . ..... Sichel........ Zellstoff Waldbof Zuckerfabrik Frankenthal . . Zuckerfabrik Waghäusel . . . Nh?1 •*»& tztzrrS AW-: Sömtlichr ^hr überrniAelten htu!» ‘^Beamten Ut|h Äsende Tfichbwö^ in K* QNe herau?Ä H WiVt'f m ln hnem $Q[u _ v. iud) ber eigentliche Ruhrbezirk unb ber Rieber- l9|letiöjet Nord. kein. Auch aus der eisenverarbeitenben Inbustrie ü- 28. Dtt , i-’ti'Jcn bauernd Entlassungen gemeldet, sehr bedenk- >r wurde aus bisher ist hier, baß nicht einmal die qualifizierten Ar- 11 ^r-6eih in h.rKlo de Jan 1.722 1,726 1.725 1.729 0.635 0.637 0.639 1.641 Dien In T-' Lest, abgest Prag .... 59,12 59,26 59,085 59,225 12,43 12,46 12,42 12.46 Belgrad . . 7.42 7,46 7.42 7.44 Budapest. . ,.88 6.90 3.88 3, HO Bulgarien 3.035 1.015 3,035 3,047 Lissabon -1,175 :0.225 21 175 21,223 Danzig. . . Konst.ntin. 60,67 80.87 80 70 80.90 r,36 2,37 2, "75 2,385 Athen- . 5. 9 5.61 6.61 Canada. . . 4.197 4.207 4,197 4,207 Uruguay . . 4.255 4,26j 4.255 4.265 i.177 4.197 18,92 19,02 103.44 103.96 20.30i 20,400 17,41 17 49 168,40 169,24 16.51 11,59 85,16 85 58 58.94 59,24 112,04 112,60 80, 2 81,02 59.81 >0 11 12,38 12.44 5,81 5.88 in Gießen. 5 4 3 6 2 8 7 1 Weih ■Za matt. 8 6 5 2 l Schwarz. Weiß, und seht in drei ■ 4 3 10338a 50 50 R. Mk. 15 Modehaus Salomon, Gießen, Schulstraße Mk. Bevor Sie Schuhe kaufen Musikhaus Der Vorstand. 10359D 10344. 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November. , Für die uns anläßlich unserer goldenen Hochzeit erwiesenen Aufmerksamkeiten, besonders der Gesangsabteilung des Turnvereins für die schönen Lieder, sagen wir auf diesem Wege unseren herzlichsten Dank Theodor Speyer und Frau Trikotagen Einsatz-Hemden, Mako imitiert Herren-Hemden, ÄÄ.und Mak0.mit Herren-Unterhosen, woiigemiaoht Herren-Unterjacken, woiieemtscht mit.Futter Damen-Schlupfhosen, mit Futter Fineafv Momrlon Mako imitiert und wollge.- Cinsaiz-nemueil, mjscht, extra schwer Herren-Hemden, Herren-Unterhosen, Äi™ Qualität Herren-Unterjacken, sfXcÄr6'"™1'1, Damen-Reformhosen, u^cSißTÄd“1' Herren- und Damenhandschuhe, mit gutem Flauschfutter und Ledereinfassung.. Strick-Handschuhe, für Damen, prima mercerisiert oder reine Wolle alle modernen Farben ' Wegen / Umzugs ' nach Seltersweg Nr. 91 ’ unterstelle ich mein Lager in Herren- u. Damenstoffen einem Sonderverkauf zu enorm billigen Preisen Bauer, Tuchhandlung Gießen, Moltkestraße 22 / Telephon 1669 10341D Freitag, den 30. 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Metzen, Lindenplatz 1 1(M der len unter GietzenerAnzeiger 1750 Jubiläums-Ausgabe 1925 Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange» Gießen (Bleßen, Alte griedhosskapelle. BR M w> W ==Ü3 r .AT? < -> £.<7:1 «A« !MMEW WMm Bicß'n, Durgmanne^haus. Gießen, Blick auf die Stadtkirche. hs LWMSflW ^ÄND-UDi'’1 v^‘7-: 1 j Zum Geleit H^^^is in die vorchristliche Zeit zurück ist die Verbreitung von Nachrichten geschichtlich erweisbar. Schon die Römer gaben den Statthaltern ihres ausgedehnten Reiches die Anordnungen der Zenttalgewalr bekannt durch schriftliche Mitteilungen auf Wachstafeln und Papyrus. Im mittelalterlichen Deutschland verbreiteten die regierenden weltlichen und geistlichen Herren, sowie die großen Raufhcrren Nachrichten von ihren Höfen und „aus aller Welt", die in den Ranzleien und Schreibstuben ver- faßt, handschriftlich vervielfältigt und mir Sendboten nach allen Gegenden ihres Interessengebietes als „Neue Zeitungen" verschickt wurden, meist als Beilagen zu Briefen privater Natur. Erft später erfolgte der versand durch die poft. Daneben wurden schon im 16. Jahrhundert gedruckte „Neue Zeitungen" und Flugblätter in unregelmäßigen Zeitabständen herausgegeben. Regelmäßig erschienen die „Zeitungen" oder „Relationen" gegen Ende des Jahrhunderts halbjährlich zur Messe unter der Bezeichnung „Messerelationen". Die ersten wöchentlichen Zeitungen wurden nachweisbar 1609 in Straßburg und in Augsburg verlegt. 1615 kam der Frankfurter Verleger Egenolph Emmel mit einer wöchentlich wiederkehrenden Relation heraus, der 1617 von dem Frankfurter Postmeister des Grafen von Taxis Ronkurrenz gemacht wurde mit dem Erfolge, daß 1628 durch kaiserliches Edikt nur das Erscheinen dieser „amtlichen Zeitung" gestattet war. Die älteste hessische Wochenzeitung ist in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Darmstadt erschienen. Einige Jahre später folgte das „Giesser Wochenblatt". Uber Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Gießener Anzeigers wird in einem besonderen Aufsatze dieser Jubiläums-Ausgabe berichtet. Die äußere Erscheinung der Zeitung hat nach Form und Inhalt Schritt gehalten mit den technischen Möglichkeiten. Bis weit in das vorige Jahrhundert hinein erfolgte der Druck mittels Handpressen, deren Druckfläche nur kleinere Ausmaße zuließ. Erst mit der Einführung der— J8H zuerst von Roenig gebauten — Schnellpresse trat in dieser Hinsicht Wandel ein. Das Format wurde vergrößert, und die Drucklegung erfolgte in kürzeren Pausen. Aber auch die Schnellpresse, selbst die Doppelpresse, konnte mir der Zeit den steigenden Anforderungen an den Umfang und an die beschleunigte Ausgabe der Zeitung nicht mehr genügen. Deshalb wurde J90I bei gleichzeitiger räumlicher Ausdehnung des Betriebes eine achtseitige Rotations- oder Runddruckmaschine ausgestellt. Die andauernde erhebliche Steigerung der Auftage bedingte schon 1912 nad) Errichtung eines Druckereineubaues eine weitere sechzehnfeitige Zeitungsmaschine. Uber die zeitgemäßen Einrichtungen in der Redaktion und im technischen Betriebe zur Herstellung des Gießener Anzeigers in seiner heurigen Form wird an anderer Stelle berichtet werden. Das Lesebedürfnis wuchs während des Rrieges bedeutend, und zwar in der Heimat sowohl als im Schützengraben, und steigerte sich bis in das Jahr 1921 hinein. Der Währungsverfall und der damit verknüpfte Vermögensverlust hat dann manchen treuen Anhänger gezwungen, sein Heimatblatt aufzugeben oder mit anderen Familien gemeinsam zu halten. Mit der Geldbefestigung gegen Ende 1923 trat ein Umschwung ein, und in kurzer Zeit hatte die Auftage des Gießener Anzeigers ihre volle Höhe wieder erreicht. Der Aufstieg des Gießener Anzeigers ist natürlich nicht nur der technischen Vervollkommnung zuzuschreiben; Hand in Hand damit ging das Bestreben, den Textteil auszugestalten. Seit Oktober 1899 wurde die Mitarbeit von Berufsredakteuren herangezogen. Damir begann der Ausbau des Gießener Anzeigers zu einem Provinzblatt. Iü dieser Eigenschaft hat er nicht etwa die Aufgabe, ein Nachbildner der großen politischen Tageszeitungen zu sein. Wohl hat der Gießener Anzeiger über alle politischen Ereignisse und Begebenheiten aus der gairzen Welt schnell, zuverlässig und sachlich zu berichten, namentlich auch die Parlamentsverhandlungen entsprechend zu würdigen ; daneben hat aber eine provinzzeittmg mit ganz besonderer Sorgfalt die heimatllchen Verhältnisse zu berücksichtigen, Rommunalpolitik im engeren und weiteren Sinne zu betteiben, sowie heimatliche Rultur zu pflegen, und damit die Liebe zur engeren Heimat und letzten Endes zum deutschen Vaterlande in jedem Leser zu festigen. Die leitenden Richtlinien für den bis- herigen und weiterhin geplanten Ausbau des Blattes werden an anderer Stelle eingehender dargelegt. Daß der Gießener Anzeiger auf dem richtigen Weg ist, beweist nicht nur die Anhänglichkeit der treuen, ständig wachsenden Leserschaft, es geht auch aus der willigen, teils begeisterten Tätigkeit der vielen Mitarbeiter und aus den zahlreichen ftei- willigen Zustimmungen aus allen Schichten der Bevölkerung hervor. Auch aus den nach- folgend wiedergegebenen Glückwünschen zum Jubiläum des Gießener Anzeigers klingt die Anerkennung des Erstrebten und Erreichten heraus. Die Ausgestaltung dieser Jubiläums-Nummer ergibt sich aus der ganzen Entwicklung des Gießener Anzeigers von selbst. Es kann nur gelten, der Leserschaft die Eigenart der Heimat und LhreAultur in Wort und Bild eindringlich vorzuführen. Möchten die mannigfaltigen Anregungen und Ratschläge in den verschiedenen Aufsätzen auf ftuchtbaren Boden fallen. Es bleibt vorbehalten, auf manchen Vorschlag im Laufe der Zeit noch näher einzugehen. Den Mitarbeitern aber, die ihren Baustein zu dieser Heimatgeschichte in liebenswürdiger Bereitwilligkeit geliefert haben, sowie dem ’ ungen Rünstler, der manchen schönen Teil Gießens sowie der näheren und weiteren Umgebung mit der Zeichenfeder festgehalten hat, sei an dieser Stelle herzlicher Dank ausgesprochen. In das Gewand des Gießener Anzeigers eingekleidet und mit Bildern der Heimat geschmückt, geht diese Iubelnummer in die Hände der Leser über mit dem Gelöbnis, an dem seither Errungenen festzuhalten und den aus manchen der nachfolgenden Zuschriften heraus klingenden Erwartungen nach Rräften zu entsprechen. Immer eindringlicher soll es jedem Leser zum Bewußt- sein gebracht werden, daß der Gießener Anzeiger sein Heimatblatt ist und bleiben wird. Gießen, Heues Schloß. L. F 0 Dießen, Marktplatz und Rathaus X s M 5 Gießen, Altes Schloß. WS BA KM KM MW M WVen. *"-*•>* 0 r '.jT- -e WW KEA Seite 2 Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Erstes Blatt Der Gießener Anzeiger im Wanvel der Zeiten. Von Heinrich Bechtolsheimer. Zu den ältesten Zeitungen des Volksstaates ; Hessen gehört der „Gießener Anzeiger". Im Jahre 1738 erschien zum erstenmal in Darmstadt ein Blatt, das sich „Darmstädtisches Frag- und Anzeigungsblättchen" nannte und später zu dem heute noch bestehenden „Darmstädter Tagblatt" geworden ist. Der „Gießener Anzeiger", der im Jahre 1750 erstmalig erschien, nimmt zeitlich unter den hessischen Zeitungen die zweite Stelle ein. Wie Prälat D. Dr. Diehl m den „Gießener Familienblättern" bereits im Jahre 1909 (Nr. 110) mitgeteilt hat, so reichte der Gießener Buchhändler Johann Philipp Krieger im Dezember 1748 bei dem Landgrafen Ludwig VII. ein Gesuch ein, in dem er um die Genehmigung zur Herausgabe eines Wochenblattes bat. Geraume Zeit verging, bis die Genehmigung eintraf. Erst, nachdem die Regierung und die Universität zu Gießen gehört worden waren, erklärte man sich in Darmstadt mit dem Vorschläge Kriegers ein- verstanden, und am 3. Juni 1749 wurde ihm die Konzession erteilt. Natürlich konnte für das Jahr 1749 ein Erscheinen des Blattes nicht mehr in Frage kommen. Der erste Herausgeber des Blattes — zunächst ist nur der Jahrgang 1750 erschienen —, war der Professor der Philosophie und Mathematik Andreas Böhm, die meisten Artikel dieses Jahrgangs haben auch ohne Zweifel ihn zum Verfasser. Der Mann, der die Anregung zur Gründung gegeben hat, war Krieger. Ueber ihn unterrichten uns zunächst die Kirchenbücher der evangelischen Kirchen- gcmeinde. Im Sterbeprotokolle des Jahres 1775 heißt es, daß am 25. Mai des genannten Jahres verstorben und am nächsten Tage beerdigt worden sei „Herr Johann Philipp Krieger, Univeksi- tätsbuchhändler allhier, weiland Herrn Johann Philipp Kriegers, Hochfürstlich Weisenfelsischen Capellmeisters tn Weisenfelß und Frau Rosina Helena, gebohrner N i c o l a i n , hinterlassener Sohn. Seines Alters 82 Jahre, 2 Monate, 20 Tage." Krieger war somit am 5. März 1693 geboren. Wie der Direktor der Universitätsbibliothek, Professor Dr. Karl Ebel, dem wir so viele gründliche und interessante Darstellungen aus der Geschichte der Stadt Gießen verdanken, festgestellt hat („Der Gießener Anzeiger. Die älteste Zeitung Gießens", Gießener Anzeiger, 1900, Nr. 4—7), kam Krieger 1724 von Frankfurt a. M. hierher. Darauf deutet auch der Umstand, daß viele der Paten seiner elf Kinder Einwohner der Stadt Frankfurt waren. Krieger war von 1724 bis 1737 auch Marburger Universitätsbuchhändler. In unseren Kirchenbüchern wird er zunächst „Buchführer" genannt, das ist eine alte Bezeichnung, die Gustav Freytag in seinem Roman „Markus König" aus den Buchhändler Hannus anwendet, der im Reformationszeitalter sein Geschäft treibt. Später wird er Buchhändler, seit 1732 Universitätsbuchhändler oder auch „Buchhändler bey löblicher Academie allhier" genannt. Sein Haus lag in der Wallpförter, also in der heutigen Walltorstraße. Wer der Drucker des ersten Jahrgangs gewesen ist, kann nicht mehr mit Sicherheit festgestellt werden. Da aber der Jahrgang 1764 von dem „Canzley-Buchdrucker" Johann Christoph Schröder, in dessen Geschäft später auch der Verlag überging, gedruckt wurde, so ist anzunehmen, daß Schröder auch den Jahrgang 1750 gedruckt hat. Das Blatt trug ursprünglich den Titel „Giesser Wochenblatt auf das Jahr 17 50 mit Hochfürstlich Hessen-Darm städtischer^ gnädigster Erlaubnis". Mehrere Male wurde im 18. Jahrhundert der Titel geändert, 1777 hieß es zum letztenmal „Wochenblatt", um so merkwürdiger ist, daß im Dolksbewuhtsein bis auf diesen Tag die ursprüngliche Bezeichnung geblieben ist, \ alte Gießener sprechen heute noch, wenn sie den - längst zu einer inhaltreichen und bedeutsamen deutschen Leitung gewordenen .Gießener Anzeiger" meinen, vom „Wochenblättchen". Unter dem Titel der für den ganzen Jahrgang bestimmten Titelseite ist ein kleines Bild zu sehen, es stellt dem Ge- schmacke der damaligen Zeit entsprechend einen griechischen Tempel dar, in dessen Giebel zu lesen ist: Deo et proximo (Gott und dem Nächsten). Sehr klein unÄ bescheiden komtuns Modernen, auch wenn unsere deutschen Zeitungen nicht immer das Riesenformat ihrer amerikanischen Kolleginnen auf- weisen, das Aeußere des Blattes vor; es hatte das Format 17:22 Zentimeter und behielt, was dem Laien merkwürdig erscheinen mag, was aber in der damaligen Technik begründet war, dieses Format durch volle siebzig Jahre bei. Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß eine umwälzende Aenderung im Druckwesen sowohl im Format als auch in der Schnelligkeit des Druckes erst mit der Erfindung der Schnellpresse im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts vor sich ging, werden wir es begreiflich finden, daß beim Druck auf der Hand- presse bis dahin keine wesentlichen Veränderungen in der Größe des Blattes vorgenommen werden konnten. Die erste Nummer ist datiert Gießen, den 2. Dezember 1749. Sie enthält eine Vorrede an den „geneigten Leser". Das Blatt, so wird hier gesagt, soll jeden Dienstag erscheinen. „Den mehrstcn Raum werden kurzgefaßte Gedanken über gemeinnützige und auserlesene Vorwürfe erfüllen." Es sollen Betrachtungen aus der Weltweisheit, der Gottes- und Rechtsgelahrtheit, der Arzneiwissenschaft, außerdem Uebersetzungen und Gedichte gebracht werden. Ferner sollen die in Gießen er- scheinenden Schriften und Programme besprochen, die Polizeioerordnungen abgedruckt und die Frucht- und Marktpreise mitgeteilt werden. Das Blatt war also zunächst ein wissenschaftliches Blatt nach Art der damals erscheinenden „moralischen Wochenschriften". Keineswegs dürfen wir uns unter diesem alten Gießener Wochenblatt eine Tageszeitung nach modernem Muster vorstellen. Heute will der Zeitungsleser über die neuesten Vorgänge in der Politik, üoerhaupt über alles, was in Stadt und Land vorgeht, unterrichtet sein, und zwar sehr rasch unterrichtet sein. Bis hinein in das 19. Jahrhundert haben nur wenige Zeitungen Lokalnachrichten ge- bracht, über die Vorgänge in Petersburg und Paris, euch wenn sie um Monate zurücklagen, haben sie weit mehr geschrieben als über die Vorgänge im eigenen Lande. Die erste Nummer des „Wochen- blattes* brachte einen Artikel „Ueber die Wichtigkeit gering scheinender Handlungen" und zeigte Schriften des Professors der Theologie Johann Hermann Benner an, darunter eine mit dem merkwürdigen Titel,^)errnhuterey in ihrer Schalk- heit". Die erste Anzeige, die das Blatt ausgenommen hat, rührt von einem Kandidaten der Rechtswissenschaft her, der sich als Hofmeister für junge „Cava- liers" empfiehlt. Nummer 2 bringt einen Artikel „Don den wahren und falschen Geistern , die Ueber- setzung einer Horazischen Ode und eine Abhandlung über die Hornviehseuche. Dergleichen Artikel mit praktischer Abzweckung sind in der Folge sehr ost erschienen. Interessant ist es, wenn in einem Artikel über Kindererziehung bemerkt wird: „Die Zucht eines jungen Frauenzimmers muß hauptsächlich ihre Sitte zum Vorwurf haben. Sie müssen eingezogen gehalten werden, des Abends dürfen sie nicht der Trommel nachlaufen, noch weniger bis in die späte Nacht bey jungen Mannspersonen allein sitzen." Aber das Bedürfnis, geistige Nahrung einem einheimischen Wochenblatte zu entnehmen, scheint bei dem Gießener Publikum gering gewesen zu sein. Schon am Ende des ersten Halbjahres mußte Krieger erwägen, ob er das Blatt nicht eingehen lassen solle, da es sich nicht viele Freunde erworben hatte und von vielen geringschätzig „der Zettel" genannt wurde. Am Ende des Jahres hatte sich der Leserkreis so verringert, daß das Blatt tatsächlich einging. Auch der Herausgeber, dem nur wenige Beiträge zugmgen, scheint den Mut verloren zu haben. Erst mit dem Jahre 1764 ist das Weitererscheinen des Blattes wieder nachweisbar, es trägt nun den Titel „G i e s i s ch e wöchentlich- gemeinnützige Anzeigen und Nachrich- t e n". Interessant ist, daß schon damals die Gattung von Menschen blühte, bk den Redaktionen gern ein „Eingesandt" übermitteln. So bringt die Nummer vom 11. September 1764 folgende „eingeschickte Aufgabe": „1. Sind wohl die neueste Art von Pariser Frauenzimmerhauben, welche man Dormis nennt, in einem teutschen wohleingerichteten Lande zu dulden? 2. Kann wohl ein Frauenzimmer, dem die Natur ein schönes Gesicht gegeben, ohne Verletzung ihres Gewissens diese Art von Hauben tragen? 3. Welcher Art von Gesichtern soll man diese natürliche Art von Hauben zu tragen erlauben?" Man ist oft geneigt anzunehmen, daß es im 18. Jahrhundert noch kein deutsches Nationalgefühl gab, die hier mitgeteilte erste Frage belehrt uns eines anderen. Nun werden auch die „Ein- und Auspassierten" mit Namen angeführt, das waren die Fremden, die durch die Tore der Stadt ein- und auszogen und von den Torschreibern genau registriert wurden. Die Neugier der Kleinstädter mag sich auf diese Mitteilungen gerichtet haben, heute sind sie nicht ohne geschichtliches Interesse. Es ist nicht bekannt, wer in diesen Jahren das Blatt leitete, es muß dies aber ein Mann gewesen sein, der geistig regsam war. Die Jahrgänge 1764, 1765, 1766 und 1771 enthalten wertvolle Arbeiten aus dem Gebiete der Lokalgeschichte. Im Jahrgang 1765 wird eine interessante Beschreibung des Oberamtes Gießen veröffentlicht, und der Jahrgang 1771 enthält wertvolle Beiträge zur Gießener Kirchengeschichte, so eine Arbeit über die Entstehung der Burgkir^e und eine andere über die älteste Geschichte der evangelischen Gemeinde Gießen. Nach dem Tode Johann Philipp Kriegers übernahmen seine beiden Söhne Justus Friedrich (getauft am 3. November 1740) und Johann Christian Konrad Krieger (geboren am 26. April 1747) das Geschäft des Vaters. Dieses Zusammenarbeiten währte nur vier Jahre. Johann Christian zog im Jahre 1779 als Universitäts-Buchhändler und -Drucker nach Marburg, blieb aber der Verleger des Gießener Blattes. Auch Johann Christian Stadtkirche nach alter Weise als „Pankratiuskirche" bezeichnet wird. Dienstnachrichten, Marktpreise, verlorene Gegenstände, Versteigerungen, Neuerscheinungen im Buchhandel bilden ständige Rubriken. Häufig erscheinen Artikel aus dem Gebiete des Ackerbaus, der Forstwirtschaft und der Hauswirtschaft, so finden wir Arbeiten über die Naturgeschichte der schädlichen Waldraupen, über die Pflanzung von Wasserweiden, über die Anlage des Spargels. Ueberhaupt ist der Inhalt nun wieder reicher geworden, in einer interessanten Zusammenstellung werden sämtliche Gießener Rektoren der Universität seit 1607 aufgezählt. Im Jahrgang 1799 erscheinen auch wieder Artikel lokalgeschichtlicher Art, so Artikel über eine Lahnüberschwemmung im Jahre 1552 und über außergewöhnliche Hitze im Jahre 1614. Die Belehrung über landwirtschaftliche und hauswirtschaftliche Fragen geht weiter, es wird geschrieben über den Bau von Steckrüben und das Branntweinbrennen, ein Beweis dafür, daß die Einwohner der Stadt Gießen damals nebenher Landwirtschaft trieben. Von den großen Weltereignissen der Zeit wird in keiner Weise geredet, das Blatt war also nichts weniger als aktuell im modernen Sinne. Gedichte werden höchst selten abgedruckt, ein Beweis, daß der Herausgeber ein kluger und vernünftiger Mann war, es ist auch heute noch so, daß an dem Abdruck von Gedichten in Zeitschriften und Zeitungen oft nur einer Interesse hat, nämlich der Dichter selber. Genau mit dem Ende des 18. Jahrhunderts gab Johann Christian Krieger den Verlag auf, ein Nachfolger sand sich nicht, so entschloß sich die Gießener Fürstliche Polizei-Deputation, die erfreulicherweise Verständnis für die Presse hatte, auch wenn diese noch so bescheiden in die Erscheinung trat, die Hand über das Blatt zu halten. Unter ihrer „Autorisation und Leitung" übernahm die Schröders che Regierungs-Buchdruckerei den Druck und Verlag, das Blatt erhielt nun den Titel „Giesser Anzeigungs- Blättchen". Der neue Verleger Johann Christoph Schröder, der in unseren Kirchenbüchern als „Hochfürstlicher Hessen-Darmstädtischer Cantzley- Buchdrucker" bezeichnet wird, war der Sohn eines Bäckermeisters aus „Biberau" (vermutlich Groß- Bieberau). Am 11. Juni 1751 hatte er sich mit Charlotte Friederike Müller, der Tochter des Kaiserlichen Notars und „Hochfürftlich Hessen- Darmstädtischeu Cantzlen-Buchdruckers" und Buchhändlers Müller von yier verheiratet, er wurde am 18. Dezember 1789 zu Grabe getragen, er starb, so meldet das Kirchenbuch, im Alter von 73 Jahren „an der Auszehrung". Nach seinem Tode übernahm fein Sohn Rudolf Wilhelm Ludwig Schröder, der am 1. Februar 1786 getauft worden war, das Geschäft und behielt den Druck des Blattes bis zu seinem am 15. August 1828 erfolgten Tode. Dom 1. Januar 1801 an ist das Blatt durch volle vier Jahrzehnte auf dem gleichen Stand geblieben. Mehr und mehr verschwanden die Artikel belehrenden Inhaltes, bis das Blatt schließlich nur noch amtliche Bekanntmachungen und geschäftliche Anzeigen enthielt. Es blieb das kleine Format 17:22 Zentimeter, viele Jahre hindurch bezahlten die Gießener als jährlichen Bezugspreis 45 Kreuzer, Der Staatspräsident und Minister des Aeußern, Herr Ulrich, M. d. R. Aus Ihrem geschätzten Schreiben vom 13. d. Mts. habe ich mit besonderem Interesse davon Kenntnis genommen, daß der „Gießener Anzeiger” demnächst sein ijsfähriges Jubiläum feiern kann. Ein Rückblick auf solche große Zeitspanne in der Entwickelungsgeschichte einer Zeitung ist gleichbedeutend mit einem Rückblick auf die Geschichte der Entwickelung von Volk und Land. Denn die Zeitung ist der Schrittmacher dieser Entwickelung und zugleich ihr Künder. Je mehr eine Zeitung Anspruch darauf erheben darf, an der Ent- Wickelung von Land und Volk beteiligt gewesen zu sein, um so größer ist für sie die Genugtuung bei einem Rückblick auf ihren eigenen Entwickelungsgang anläßlich eines so stolzen Jubiläums, wie es der „Gießener Anzeiger“ jetzt feiern darf. Sind auch die heutigen Zeiten für unser Vaterland besonders hart, so dürfen wir uns doch sagen, daß wir als Volk vorwärts und aufwärts gegangen sind. Mag in der Vergangenheit so mancher Glanzpunkt stehen, das Volk in seiner Gesamtheit geht in der Bahn stetigen Aufstieges weiter; nur Tempo und Ausmaß bilden die Streitpunkte im Meinungskampfe der Volksgenossen. Mit diesem inneren Wachsen des Volkes ist auch die Zeitung, ihr Einfluß und ihr Pflichtenkreis gewachsen. Wenn sie dabei das Verantwortungsbewußtsein an die erste Stelle setzt, darf die Presse im stolzen Gefühle ihrer Machtposition beanspruchen, Führer und Diener des Volkes zu sein. In diesem Sinne entbiete ich Ihrer Zeitung zu Ihrem Jubiläum meinen herzlichsten Glückwunsch. Konrad scheint nicht in Gießen geblieben zu fein; denn die Kirchenbücher enthalten keinen Eintrag über seinen Tod. Augenscheinlich standen die Söhne dem Vater an Intelligenz und Tatkraft nach; denn genau mit dem Jahrgang 1776 wird, wie Ebel feftgeftetlt hat, der Inhalt dürftiger. Am Schlüsse des Jahres 1777 stellt das Blatt vorübergehend sein Erscheinen ein. Die literarischen Beiträge waren ausgeblieben, und die Abonnenten wollten nicht zahlen. Es ist nicht mehr genau festzustellen, wann das Blatt wieder erschienen ist, ein Bruchstück aus dem Jahre 1791 ist erhalten, mithin muß das Wiedererscheinen spätestens zu Anfang dieses Jahres eingesetzt haben, vielleicht handelt es sich auch nur um eine kurze Unterbrechung. Im Jahre 1792 hatte das Blatt abermals seinen Titel geändert, es hieß nun „Giesser In telli - genzdlat t". Ohne Zweifel ist jetzt, was den In- halt betrifft, ein Rückschritt zu verzeichnen, die mora- fischen und geschichtlichen Artikel fehlen ganz, dagegen werden die Namen der Getauften, der Getrauten und der Beerdigten mitgeteilt. Sechs Jahre später kostete das „Giesser In- telligenzblalt" jährlich 45 Kreuzer, während Krieger für den ersten Jahrgang zwei Gulden, die im voraus entrichtet werden sollten, gefordert hatte. Im Jahrgang 1798 wurden Teile aus dem bekannten Buche Hufelands „Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern" veröffentlicht. Der sonntägliche Gottesdienst wird angezeigt, wobei die während die auswärtigen Leser einen Gulden zu entrichten hatten. Ueber hauswirtschaftliche Rezepte kam das Blatt im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts nicht hinaus, 1801 finden wir einen Artikel über das Essigmachen, 1802 eine Anweisung „Bier zu brauen, das nicht rasch sauer wird". Don all den großen Weltbegebenheiten, die damals unsere Vorfahren erschütterten, wird nicht das Geringste erwähnt. Sicherlich gab der Neubau der Stadtkirche in den Jahren 1810 bis 1821 in der Stadt genug Gesprächsstoff, nicht mit einem Worte wird über diesen Bau berichtet, von der am 29. Juli 1821 erfolgten Einweihung des Gotteshauses erfahren wir nur etwas aus der gottesdienstlichen Anzeige, und diese beschränkt sich auf wenige Zeilen. Doch haben die Anzeigen lokal- geschichtliches und kulturgeschichtliches Interesse, wir gewinnen aus ihnen ein Bild von dem geschäftlichen und geselligen Leben in der damaligen Kleinstadt. Interessant ist in dieser Beziehung der Jahr- gang 1813. Regelmäßig wird angezeigt, welcher Backer frisch gebacken hat. Es gab damals in der Stadt folgende Bäckereien: Georg Noll in der Neustadt, Ratfchöff I u g h a r d an der Stadtpforte, Kirchenseniors Koch Wittib, Magnus Schwan auf dem „Selzerberg", Höring in der Neustadt, Walther in der Walltorstraße, Seip an der Stadtpforte, Kaspar L ö b e r in der Neustadt. Eine Anzeige meldet, daß in dem Hause Nr. 178 „Schar- lotten-Zwiebeln zum Spicken der Hammelbraten, der Schoppen zu 6 Kreuzer" zu haben seien. Georg Friedrich Tasche zeigt an, daß bet ihm „ein ansehnlicher Transport der neumodischen Atlas- und Krokebänder nebst einem großen Vorrat von Hauben, Hüten von Sammet, Blumen und Federn von allen Farben" angekommen sei. Der Mützenmacher Ferber, dem später der Titel „Kapperat" verliehen worden ist, meldet, daß bei ihm alle Arten von Sommer- und Winterkappen zu erhalten seien. Georg Friedrich Heyer weist auf seine Leihbibliothek, die damals 4153 Nummern umfaßte, hin. Dr. L. C. Scriba erläßt im Mai folgendes Inserat: „Ich bin willens, mein, an der Stadtpforte gelegenes Wohnhaus unter äußerst annehmbaren Bedingungen zu verkaufen oder zu vermieten. Es enthält 3 heizbare Zimmer, 3 Kammern, 1 Küche, 2 Böden. Es gehört ein kleines Gärtchen dazu, worin alles recht gut gedeiht und eine Miststätte, worin jährlich 6 Karren Mist gemacht werden können. Das ganze Haus ist hell und geräumig und paßt für jedermann, wie der Augenschein lehren wird. Dieser kann täglich präcis um 4 Uhr des Nachmittags, auch um 11 Uhr des Morgens genommen werden. Wer eine kleine Haushaltung hat, der legt sein Kapital so gut an, daß er frei wohnen (Btcßcn, jmcflerbcnl.rr.ai Oer 116er. U kann, denn drei Zimmer habe ich auf den Fall, sich kein Käufer findet, schon vermietet." An Zerstreuungen scheint in der kleinen Stadt damals, wiewohl Krieg war, recht viel geboten worden zu sein. Der Wirt auf der Badenburg teilt mit: „Nach geendigtem Gottesdienste werde ich morgen, Sonntags, den 28ten Februar, Tanzmusik halten. Kalte und warme Speisen, Kreppei und anderes Backwerk, wie auch mehrere vorzügliche Sorten Rheinwein werden sich durch Güte und billige Preise empfehlen." Ein Musiklehrer erbietet sich. Unterricht im Klavier- und Gitarrespielen zu geben. Oft fand Tanzmusik statt, hierzu kommandierte der Stadtkommandant jedesmal eine Wache, ein Beweis dafür, daß es bei diesen Vergnügungen mitunter wild zuging. Zwischen den Zeilen kann man in diesem Jahrgang auch von den großen Weltbegebenheiten lesen. Da das Blatt veröffentlichte, wer in den Gasthäusern wohnte, so erfahren wir, daß im Anfang des Jahres sehr ost Offiziere in „Kaiserlich Französischen Diensten" die Stadt passierten. Mit einem Male hört das auf, und in den Listen der „Ein- und Auspassierten" erscheinen am Ende des Jahres preußische und russische Offiziere. Die Militäreilboten Friedrich Jakob E i b e 11 und Friedrich Reiz teilten mit, daß sie zu den im Felde stehenden hessischen Truppen abgehen und Bestellungen entgegennehmen. Der Jahrgang 1826 bringt die Anzeige eines Kunstfeuerwerkers: „Ich werde mit dem hier noch nie gesehenen Werfen von Leucht- und Luftkugeln so wie auch der Granaten aufzuwarten die Ehre haben." Gleich danach macht Uhrmacher Trapp bekannt, daß er eine große Musikuhr verlosen werde. Don besonderer Bedeutung für das Blatt war das Jahr 1828; denn in diesem Jahre ging es, zunächst, was den Druck betraf, an die Firma Brühl über, die dis auf diesen Tag, wenn auch der Inhaber zweimal gewechselt hat, den „Gießener Anzeiger" herausgibt. Am 4. Dezember 1828 teilt Georg Daniel Brühl mit, daß ihm nach dem Tode Schröders von der Polizeideputation der Druck mit Wirkung vom 1. Januar 1829 übertragen worden sei. Im Jahre 1834 bezeichnete sich die Firma als „B r ü h l' s ch e Buch- und Steinbruderei". Georg Daniel Brühl war 1800 in Biedenkopf geboren, am 30. September 1827 heiratete er Margarete Fillmann, eine Gießener Dürgerstochter. Im Trauprotokoll wird er als Weinwirt bezeichnet, später als Steinbruder ober auch als Buchbruder. Inhaltlich bebeutet biefer Wechsel im Verlage für bie nächsten 20 Jahre noch keine Verbesserung. Mit bem Jahre 1840 wirb bas Format auf 20:24 Zentimeter vergrößert unb bas Blatt erhält den Titel „Anzeigeblatt der Stabt Gießen". Das Jahr 1848 brachte ben Titel „Anzeigeblatt für bie Stabt Gießen und d i e Kreise Grünberg, Gießen und Hungen". Im Jahre 1850 erfolgte die Umnennung in „Anzeigeblatt der Stabt und des Regierungsbezirkes Gieße n", 1853 in „21 n 3 e i g e b l a 11 der Stadt und des Kreises Gießen", 1856 in „Anzeige.blatt für die Stadt und den Kreis Gießen, gedruckt durch die „Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei". Im Jahre 1850 erfolgte eine Vergrößerung auf 20:27 Zentimeter, 1852 eine solche auf 20:29 Zentimeter. Dom Jahre 1844 an erschien das Blatt wöchentlich zweimal. Mit dem Jahre 1848 nimmt es mit einem Male auch inhaltlich einen bedeutenden Aufschwung, das merkt man schon äußerlich, wenn man die ver- Shiedenen. Jahrgänge mustert, der des genannten ahres übertrifft feine Vorgänger sehr an äußerem Umfang. Die politischen Bewegungen des Jahres 1848 brachten auch die Politik in das Gießener Blatt. Die Protokolle über bie Sitzungen des Ge- meinberates und bes Bezirksrates werden veröffentlicht, der Student Rudolf Fendt, der damals eine große Rolle gespielt hat, veröffenllicht Erklärungen, die Statuten der Gießener Bürgergarde werden mügeteilt, eine Sprechhalle für zeitgemäße politische Fragen ist eingerichtet. Der Gießener Kreisrat warnt vor Ruhestörungen. Nun iU bQb,n, SD BZL Z'sLr "Iw bei'?’5 Sn. »E «ÄS' '"rh,n S'JSä Ul)t bes^t^ des ö K 'rei wohnen labe ich auf den Fall, n vermietet.' An Zer- kleinen Eladt damals, riet geboten worden zu enburg teilt mit: „Nach erde ich morgen, Sonn- Tonzmcht halten. Ralle ppel und anderer Lack- orzügliche Sorten Rhein- Jute und billige Prelle er erbietet sich, llnterrich ielen zu geben. Vst fand immandierte der Slabb ne Wache, ein Bemis Vergnügungen miänutr n Zeilen kann man in >on den grohen Delilas Blatt verSsienllichu. wohnte, |o erfahren wir. res sehr oft ßffijiete in )ienften" bie vtabt pas- ört bas auf, und in den lajjierten" erscheinen am e und russische Wzrere. ich Zalod Sibeltm) mt, dab sie zu bei w i Truppen abgehen Ä nen. Der Jahrgang 1» Kunstseuerwerterr: nie gesehenen Wersen m > wie auch der Eranalen zen.' 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Leider sinkt das Blatt mit dem Jahre 1850, was die Politik betrifft, wieder auf den allen Stand zurück, dagegen wird das Feuilleton weiter gepflegt, es erscheint eine Novelle des Reise- schriftsteller- Bernd von G u s e ck. Georg Daniel Brühl starb am 1. März 1855, an seine Stelle trat sein Schwiegersohn Friedrich Christian Pietsch. Dieser war zu Gießen als Sohn des späteren Regierungsrats Friedrich Pietsch am 7. Februar 1827 geboren, er verheiratete sich am 19. Juni 1853 mit Henriette Friederike Karoline Helene Brühl und in zweiter Ehe am 24. Oktober 1872 mit Karoline Ebel. Er starb am 21. August 1890 zu Aachen, wurde jedoch hier bestattet. Friedrich Christian Pietsch hat das Blatt wie überhaupt das ganze Geschäft erfolgreich geleitet, doch erst im Jahre 1867 nähert sich das Format (fließen, Neue Universitätsaula. M -Mj l| modernen Ausmaßen, es beträgt 22:32 Zentimeter, ein auch inhaltlich modernes Blatt wird es erst im nächsten Jahre. Zwar bleiben die Lokalnachrichten immer noch aus, aber der Politik wird nun ein großer Spielraum gewährt, gewaltig sind die Anzeigen angewachsen, und die Zeitung erscheint wöchentlich dreimal. Kriminalnovellen und historische Romane werden veröffentlicht. Dem Ge- schmacke der Zeit mögen Erzählungen entsprochen haben wie „Das Testament des Großvaters" und „Better und Base, eine Familiengeschichte". Don Bedeutung ist, daß das Blatt im Jahre 1868 den Titel bekommt, den es heute noch trägt, es nennt sich von da an „Gießener Anzeiger", zunächst noch mit dem Untertitel „Anzeige - und Amtsblatt für den Kreis Gieße n". Mit diesem Jahre wurde das Format auf 27:40 Zentimeter ausgedehnt. Am 1. Januar 1868 wurde der Vertrag über die Veröffentlichung der kreisamtlichen Bekanntmachungen an der Spitze des Blattes, später, geschlossen gruppiert, an der Spitze des Anzeigenteils, weiterhin gesondert als Kreisblatt bzw. als Amtsverkündigungsblatt für den Kreis Gießen. Den großen Ereignissen der Jahre 1870 und 1871 widmete die „Gießener Anzeiger" fortdauernd seine Aufmerksamkeit. Längst hat die Geschichts- wisienschaft anerkannt, daß für sie die Zeitungen als wichtiges Quellenmaterial in Betracht kommen, das gilt, wie im Obigen schon angedeutet wurde, auch für den „Gießener Anzeiger". Seit 1870 erschien das Blatt täglich mit Ausnahme des Montags, eigentlich mit Ausnahme des Sonntags, weil jede Nummer um einen Tag vordatiert wurde. Aber noch im Jahre 1872 fehlen die Nachrichten aus Stadt und Land, 1880 tauchen sie auf, aber immer noch spärlich. In diesem Jahre wird noch wie einst in der Zeit, da die Kleinstadt noch von Wällen umschlossen war, regelmäßig mitgeteilt, welcher Bäcker mit dem Frischbacken an der Reihe ist. ym Jahre 1889 wird das Format auf 32:46, 1901 auf das jetzige Format, nämlich 32:48 Zentimeter ausgedehnt. Nachdem Friedrich Christian Pietsch verstorben war, zeichnen seit 1895 als Drucker und Verleger PietschLScheida, seit 1898 Pietsch Erben. Am 1. Mai 1898 übernahm der jetzige Verleger Richard Lange, der Schwiegersohn von Friedrich Christian Pietsch, das Geschäft und zeichnete seit 1904 als Drucker und Derleger; die alte Firmenbezeichnung „Brühl'sche Unioer- litäts-Buch- und Steindruckerei" ist oeibehallen. Im letzten Vierteljahrhundert hat das Blatt einen bedeutenden Aufschwung genommen. Die unterhaltende Beilage „Gießener Familien- blätter", die schon seit vielen Jahren besteht, in der Nachkriegszeit jedoch für kurze Zeit eingegangen war, erfreut sich jetzt wieder besonderer Pflege. Seit dem 1. Oktober 1924 erscheint Die Beilage „Heimat im Bild" und seit dem 1. Februar 1925 die landwirtschaftliche Beilage „Die Scholle". Derufsredakteure hat das Blatt seit Herbst 1899, vorher haben die Verleger, beziehungsweife Drucker auch die Redaktionsaroeit besorgt. Unter den Schriftleitern seien die Namen Paul Wittko, August Götz, Ernst Heß, Dr. Karl Neurath, Otto Braun und Dr. Reinhold Zenz genannt. Es ist ein weiter Weg, den unser Volk vom Jahre 1750 bis zum Jahre 1925 zurückgelegt hat. In diese Zeit fällt der Aufschwung des deutschen Geistes, die nationale Erstarkung unseres Volkes und sein technischer Aufstieg. Demgemäß hat auch das Gießener Blatt sich gewandelt. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem „Giesser Wochenblatt auf bas Jahr 1750" und der inhaltreichen, vielseitig ausgestalteten Zeitung, die uns heute in das Haus gebracht wird, und die als ein guter Freund in so vielen, vor allem oberhessischen Häusern erscheint. Mögen sich die Schicksale unseres Volkes im nächsten Vierteljahrhundert so gestalten, daß auch der „Gießener Anzeiger" in seiner er- fteulichen Dorwärtsentwicklung weiterschreitet! ________ Giehener Anzeiger . Heimat und Heimatzeitung. „Die Brühl'sche Unioersitäts-Buch. und Steindruckerei begeht in diesem Jahre die 175-Jahrfeier des Gießener Anzeigers, lieber fast zwei Jahrhunderte erstreckt sich die Wirkung dieser für Oberhessen so bedeutungsvollen Zeitung. Gewaltige Siriege, glückliche Friedenszeiten, Auf- und Niedergang des Vaterlandes, Nöte aller Art, Teuerungen, Mißwachs, gute und schlechte Ernten, alles was das oberhessische Volk in dieser langen Spanne Zeit erlebte, spiegelte sich in den Berichten des allbe- kannten Gießener Anzeigers. Im Kampf gegen Unkenntnis und Aberglauben, in der Förderung des Gemeinsinns, in warmer Liebe zum engeren und weiteren Vaterland war er ein getreuer Freund und Ratgeber seiner Leser. In ruhiger Zuversicht möge der Gieße- ner Anzeiger auch künftighin feinen Beruf erfüllen." Diese anerkennenden Worte, die dem Gießener Anzeiger bereits am Anfang dieses Jahres von her- vorragender Wirtschaftsseite in Hessen in einer Glückwunschadresse ausgesprochen wurden, umreißen in ar"ßen, scharf markierten Strichen die vielseitigen Aufgaben einer Zeitung, deren hohes Ziel es ist, ein Heimat- und Prooinzblatt im besten Sinne des Wortes zu fein. Und höchst wertvoll ist diese Anerkennung den Männern an der Spitze des Blattes, denen die Verkündung des gedruckten Wortes eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit ist, nicht nur vor dem Gesetz und den Mitmenschen, son- dem auch vor dem eigenen Gewissen, den Männern, die täglich aufs neue empfinden, wie groß und schwer, aber auch wie schön ihre Aufgabe ist, Führer und Helfer, Berater und Diener, Mittler und Mahner für unser Volk, für die Heimat zu sein. Die siebente Großmacht, wie die Presse gemeinhin oft bezeichnet wird, hat schon vor dem Kriege auch in Deutschland eine hervorragende Rolle gespielt. Auf allen Gebieten unseres Volkslebens hat sie sich in ihrer überwiegenden Mehrheit stets um die Interessen von Volk und Vaterland bemüht, auch dann, wenn sie die scharfe Waffe der Kritik führte. In den schweren Kriegsjahren ließ sich die Presse, ebenfalls in ihrer großen Mehrbeit, die Verteidigung der vaterländischen Interessen und der deutschen Ehre gegen eine Welt von offenen und versteckten Feinden ganz besonders am Herzen liegen, warb sie unausgesetzt bei den Volksgenossen darum, alles zu tun für die Rettung der schwer de- drohten Heimat vor dem Vernichtungswillen der Feinde. Eine starke Erweiterung ihres Aufgaben» kreises erlebte die Presse in den Nachkriegsjahren. Die geistige und wirtschaftliche Bedrängnis weitester Dolkskreise stieg immer höher, und damit wuchsen die Aufgaben der Presse, zu deren Lösung sie mit berufen war und heute noch ist, in vielfach ungeahntem Ausmaß. Man denke nur an die schwere Inflationszeit zurück, und an die Ansprüche, die damals von den Lesern in vielerlei Hinsicht an die selbst schwer ringenden Zeitungen gestellt wurden. Oder man halte sich die Tatsache vor Augen, daß viele Volks- genossen infolge der Inflationskatastrophe bis heute und bedauerlicherweise auch wohl noch auf längere Zeit hinaus nicht mehr tn der Lage sind, als Käufer von guten Büchern sich zu betätigen, oder z. B. als Landwirt, Viehzüchter, Kleingärtner ober als Haus- frau eine gediegene Zeitschrift zur Beratung und Fortbildung in ihrem Tätigkeitsfeld zu beziehen. Auf diesen und noch mancherlei anderen Gebieten, deren Jubiläums-Ausgabe______________ und im edelsten Sinne Heimatzeitungen sein, die sich bet vollster Berücksichtigung der Tagesereignisse aus allen Teilen der Welt die Pflege des Heimatsinns und des bobenftän- digen unverfälschten Volkstums mit seinen hohen Idealen zur ganz besonderen Pflicht machen. Schließlich ist noch die große Masse der kleinen Lokalblätter zu erwähnen, die ausschließlich den Interessen ihrer Heimatstadt und deren allernächster Umgebung meist in rein referierender Weise zu dienen bestrebt sind und bei dieser Arbeit zweifellos oft recht verdienstvoll wirken. Im Hinblick auf die hohe Bedeutung der Pro- vinz-Heimatpresse für breite Kreise der Volksgemeinschaft, für die Erhaltung und die Wiedererstehung eines unverfälschten, unverbildeten und heimatfrohen deutschen Volkstums sei der Tätig, feit dieser Zeitungen an dieser Stelle besonders gedacht. Das ausgesprochen auf Pflege des heimatlichen Volkstums eingestellte Provinz-Heimatblatt muß in der Schnelligkeit der Berichterstattung über alle Öffentlichen Vorgänge und, soweit erforderlich, in der Stellungnahme dazu selbstverständlich Schritt halten mit den übrigen Tageszeitungen. Es muß seine eigene Stellungnahme zu den Ereignissen bekunden, nicht etwa Nachbeter der von anderen, vielleicht sogar von Unverantwortlichen ausgesprochenen ober gern gesehenen Meinung sein. Wenn dieses Blatt mit dem offenen Bekenntnis feiner eigenen ehrlichen Absicht gelegentlich auch hier ober da keine volle Zustimmung oder gar eine glatte Ablehnung findet, fo ist das noch immer nicht so schlimm, als wenn der Leser zu dem Schluß kommen muß, das Blatt habe ja überhaupt keine Meinung, es gebe eben anderer Leute Ansicht als.die [einige aus, oder es habe nicht den Mut, offen und ehrlich zu fagen, wie es über diese ober jene Frage benfe. Das Provinz-Heimatblatt muß ferner bie verschiedenen geistigen Strömungen und die wirtschaftlichen ober heimatpolitischen Vorgänge in seinem Wirkungskreis mit größter Sorgfalt verfolgen unb alle Ereignisse unb Absichten in erster Linie nach den wohlerwogenen Interessen des Heimatgebietes, frei von allen Sonberintereffen, bewerten. Es soll weiter- hin anregenb nach ben verschiebensten Richtungen wirken, soll stets auf bie wirtschaftliche und kulturelle Hebung seines Gebietes bedacht fein und mit geeigneten Vorschlägen zum rechten Zeitpunkt nicht zu- rückhalten, dabei auf den versöhnlichen Ausgleich der widerstrebenden Interessen hinwirken, nicht etwa eine Verschärfung der Gegensätze fördern. Stärkstes Einfühlen in die Denkart und die Stimmung der Bevölkerung ist für eine solche Zeitung notwendig, wobei aber bie freie, lebiglich von sachlichen Gesichtspunkten bestimmte e i g e n e M e i - nungsbilbung nicht verloren gehen bars. Warmherziges Derstönbnis für Land unb Leute unb beren bobenftänbige Eigenart muß ein Hauptgesetz fein. Liebevolle Pflege bes heimatlichen Volkstums, wie es ganz befonbers in den Sitten und Gebräuchen des Landvolkes so lobenswert zum Ausdruck kommt, die Erhaltung, Erweckung und Vertiefung der Liebe zur heimatlichen Scholle durch Wort unb Bilb, sorg- fällige, von bem Grunbsatz unbebingter sittlicher Reinheit unb Ehrfurcht vor bem geschichtlich Ge- roorbenen geleitete Auswahl ber Unterhaltungs» lektüre, bie aber trotzbem in lebenbigftem Zu- lammenhang mit bem Schritt ber Zeit stehen muß, finb weitere vornehme Verpflichtungen einer Geltung, bie auf ben Ehrentitel „Heimatblatt ber Provinz^ Anspruch erhebt. Ein solches Blatt soll seinen Beziehern aber auch ein Ratgeber in ben mannigfaltigen Schwierigkeiten unb Bebrängnissen bie,er Zeit sein. Soweit es ihm irgenbroie möglich ist, muß es sich bestreben, burch bie Aufsätze In Der Reichsminister des Innern, Herr Schiele, M. d. R. Gerne nehme ich Veranlassung, dem Gießener Anzeiger zu seinem 175. Geburtstage meine wärmsten Glückwünsche auszusprechen. Fleiß und Tüchtigkeit, verbunden mit aufrechtem Heimatsinn, haben das Blatt in seiner langen Geschichte trotz aller schweren Zeiten, die es durchlebte, zu einem treuen und erfolgreichen Vorkämpfer bester deutscher Gesinnung und ehrlichen deutschen Kulturwillens gemacht. Gerade die vom Gießener Anzeiger mit besonderem Eifer gepflegte Ausbreitung und Vertiefung des Heimatgedankens ist die Grundlage aller nationalen Kultur, denn in der engeren Heimat lernen wir unser großes Vaterland am besten lieben. Mit beiden Füßen auf der Heimaterde stehend, aber das Ziel über sich suchend — in solcher geistigen Einstellung leisten wir das Beste, was wir unserem deutschen Vaterlande geben können. Mögen diese Gedanken auch weiterhin für das Blatt richtunggebend sein, dann wird es an seinem Teile dazu beitragen, alle guten Kräfte zum Kampfe für die nationale Erneuerung und den wirtschaftlichen Wiederaufbau wachzurufen und zu stärken. Auszählung im einzelnen hier zu weit führen würde, sind zahlreiche Tageszeitungen, darunter auch ber Gießener Anzeiger, in Erkenntnis eines schweren öffentlichen Notstanbes in bie Bresche gesprungen unb haben ihren Pflichten kreis ausgebehnt, um bem Not tanb weiter Beoölkerungskreise nach besten Krä ten entgegenzuwirken. So hat bie beutsche Pre se — in großer Gesamtlinie betrachtet — im Dienst an Volk unb Vaterlanb bisher stets mit in vorberster Linie gestanben, unb so wirb sie bas in ihrer großen Mehrheit auch künftig tun in bem Bewußtsein, burch bie Eigenart iyrer Stellung im Volksleben zuerst mit berufen zu sein zur Wahrung unb Förberung ber großen ibeellen Güter unseres Volkes unb zur Verbesserung ber wirtschaftlichen Lage aller seiner Glieder. Je nach ber Stellung unb bem Wirkungskreis ber einzelnen Zeitung wirb natürlich ber Aufgabenbereich verschieben fein. Die große politische Presse unb bie ausgesprochenen Parteizeitungen machen sich bie Reichs-, fiänber- unb Weltpolitik zum ganz besonberen Felbe ihrer Arbeit. Ein neuer Typ ber Großstabt-Presse betätigt sich gleichfalls auf bem Gebiete ber Politik, mibmet sich aber boch vor- nehmlich bem Nachrichtenbienst über Tagesereignisse in aller Welt unb bem allgemeinen Unter- Haltungsstoff, wobei leiber gar zu oft unb zu weit- gehenb ber üblen Sensationssucht unb anberen unangenehmen Eigenschaften eines gewissen Großstabt- puolikums Rechnung getragen wirb. Manche mittlere Provinzzeitunaen gehen benfetben Weg, nur in etwas eingeschränktem Maße, anbere roieber erblicken ihre Aufgabe in ber entschiebenen Abkehr von biefen Gepflogenheiten unb in ber betonten oertiefenben Einwirkung auf ihren Leserkreis; diese Provinzzeitungen wollen bewußt seinem Hauptteil, ober aber in besonberen Beilagen, wie z. B. „Die Scholle" bes Gießener Anzeigers, burch Fragekasien unb begleichen Rcttsuchenben in zuverlässig hestenber Weise an bie Hanb zu gehen, wobei es sich natürlich nicht barum hanbeln kann, etwa in Rechtssachen so eine Art Kurpfuscherei zu treiben, bei ber letzten Enbes ber Ratsuchenbe selbst in schlimmster Weise bie Zeche zu zahlen hätte. Ferner muß bie Förberung ber Vereine für Leibes- Übungen aller Art unb bamit Hanb in Hand die Arbeit an unserer Jugend ein wichtiges Aufgabengebiet ber Zeitung sein, unb ebenso aufmerksam ist darauf zu achten, daß die Interessen und Wünsche ber Frauenwelt gebührenbe Berücksichtigung finben. Enblich als strengste Richtschnur für alles Hanbeln: unbebingte sittliche Reinheit auch in ber Tages- Berichterstattung aus allen Gebieten, vornehme, sachliche Kampsesweise im Streit ber Meinungen unb größte Gewissenhaftigkeit. Auch in biefer Hinsicht heißt es, praktisch-positive Arbeit zur Wiebergesun- düng unseres Volkes zu leisten. Provinz-Heimatzeitungen, die nach diesen Grundsätzen geleitet werden, erfüllen eine hohe Mission im Dienste ihres Verbreitungsgebietes und darüber hin- aus auch bes ganzen Vaterlanbes. Wie ber Gießener Anzeiger Dem hohen Ziel, bas er sich gesteckt hat, bisher gerecht geworben ober nahegekommen ist, barüber enthalten w i r uns eines Urteils. Aber versichern wollen wir, baß es immer unser Bestreben sein wirb, im Sinne ber vorstehenben Richt- linien ben Gießener Anzeiger weiterzuführen als ein Heimatblatt für Oberhessen unb bas mittlere Lahngebiet, als ein arbeltsfreublger, hilfsbereiter Förberer zum Wohle ber engeren Heimat unb ihrer Bewohner, als ein Wächter unb Derteibiger ihrer Kultur unb geschichtlichen Eigenart. ____________________Seite 3 Urgeschichtliches aus Oberhessen. Don Dr. Otto Kunkel, Kustos ber Provinzial- Sammlung pommerscher Altertümer, Stettin. Es ist noch gar nicht so lange her, ba staunte ber Landmann, wenn er auf seinem Acker Steine von seltsamer Form — in Gestalt von Beilen ober Hämmern — fanb, manchmal sogar mit künstlich gebohrtem Schaftloch, Gebilde jedenfalls, wie sie die Natur allein nicht gejdjaffen haben konnte. Mehr noch wunderte er sich, wenn (ein Pflug etwa Gefäße zutage förderte, die offensichtlich verbrannte Knochen enthielten. Der „Donnerkeil", meinte man, sei im Blitz zur Erde gefahren als Geschoß des Gewittergottes — man bewahrte ihn daher sorglich als Talisman und Glückszauber gegen mancherlei Gefahren unb Nöte des Lebens. Don Wesen der Tiefe sollten die irdenen Töpfe herrühren, böse Geister arme Menschenkinder zerhackt und ihre Ge- deine hineingefüUt haben. Und als die Gelehrten längst schon bei den „Wilden" in Ueberfee sich ab- gefeben hatten, daß solche Bodenfunde von ben Vorfahren stammen müßten, aus früheren Stufen europäischer Kultur, gingen immer noch mancherlei Sagen um über bie Herkunft biefer Dinge, über tpre geheimnisvolle Bebeutung unb ihre übernatürlichen Kräfte. Jetzt freilich wirb schon in ben Schulen oft recht ausführlich von jenen Zeiten gelehrt, in benen noch fein Gebrauchsmetall bekannt war, wie man sich ftatt dessen vor allem des Steines bediente, wie um 2000 vor Christus bie Kupfer-Zinnmischung Der Bronze bekannt wurde, unb enblich das Gifen gar erst weitere 1000 Jahre später. So weiß Ijeute wohl jeder, daß längst vergangene Geschlechter auch unserer Heimat allerhand Geräte, Waffen Schmuckfachen, Gesäße mit Speise und Trank den Verstorbenen auf die weite Reise zum Totenland mit ins Grab gegeben haben, daß andere Funde wiederum auf alte Siedlungen deuten, manches auch zutage kommt, was in Zeiten ber Not verborgen, Gottheiten geopfert ober auch einmal von einem ganz Vorsichtigen aus Mißtrauen gegen bie Freigebigkeit ber Anoerwanbten versteckt worben ist, weil er sich fürs Künftige sichern wollte. Wenn nicht bie Bobenfunbe wären, aus benen bie Wissen- schäft so mancherlei herauszulesen vermag, könnten wir uns nicht bie geringste sichere Vorstellung über die Vergangenheit machen, von benen noch kein Schriitwort berichtet, weil bamals noch niemanb schreiben konnte. Bis in bie Eiszeiten, wo weite Teile Europas von berghohen Gletschern beberft waren, führen uns bie ältesten Reste zurück, die hierzulanbe vom Dasein bes Menschen unb von ben Anfängen seiner Kultur erzählen. In Höhlen an ber Lahn, neuer- bings vor allem unter Quarzitschollen ber Hänge des Lumbatales, bei Mainz unb anberwärts mehr bat man Geräte aus Stein unb Knochen, Herb- unb Arbeitsstellen von Zeitgenossen bes Mammuts unb der übrigen „vorsintflutlichen" Tiere gefunben. Diel reichlicher begegnen uns bie Denkmäler aus ber jüngeren Steinzeit, wo Ackerbau unb Viehzucht schon weitergehenbe Seßhaftigkeit ermöglichten: nach Tausenben zählen bie Steinbeile, bie Hämmer, Hacken unb mächtigen Pflugkeile, bie in unserem Gebiete bekannt geworben finb. In jeber Dorf- aemarfung ber Wetterau lassen sich auf ben fruchtbaren Aeckern alte Sieblungsplätze feftfteUen: bunfle Flecken mit Scherben, Hüttenlehmbrocken, Kohlen unb sonstigen Kulturspuren. Unmittelbar babel ober gar mitten in ben Gehöften kommen manchmal bie Skelettbestattungen unb bie kleinen Sranb» gröber jenes steinzeitlichen Bauernvolkes zutage, besten Wanberwege wir an ben Funben bis in bie Donaulänber zurückverfolgen können. Aber auch anbere Stämme finb bei uns bezeugt: Grabhügel, Grotzstein- unb Flachgräber mit eigenartigen Beigaben fünben von Horben, bie aus Thüringen, vom Norbwesten unseres Vaterlanbes unb von jenseits bes Rheines zu uns gekommen finb. Manches babei läßt uns ahnen, wie im Laufe ber Steinzeit aus verschiebenen Bestanbteilen ein ziemlich einheitliches Volkstum erwachsen ist, bem bie Wissenschaft ben Namen ,Lnbogermanentum" gegeben hat. Grabhügel in unseren Bergwälbern finb zahlreich als Denkmäler bronzezeitlicher Vorfahren nachgewiesen: eine Klimaschwankung regte wohl bas Verkästen bes offenen Gelänbes, ber zuerst benebelten, jetzt ausgetrockneten Steppen an, erzwang unb ermöglichte bas Bevölkern ber bisher gemte- benen Forsten mit ben feuchteren Wiesentälchen. Hänbler brachten Bronzewaren in Tausch: Sambach, Homburg, Linbenstruth, Ockstabt, Rockenberg, Steinborf beispielsweise finb bekannt als Funborte von Gegenständen, die hier, wohl im Augenblicke drohender Gefahr, von Erzgießern oder Kaufleuten verborgen worben finb. Schon bamals waren unsere natürlichen Straßen wichtige Derkehrsabern, wenn auch bie bescheibenen Jäger unb Hirten unseres ßanbes längst nicht ben Wohlstanb erreicht haben wie etwa bie Germanen im Ostseegebiete. Um 1000 vor Christus werben bie Wölber roieber öbe, ber Ackerbau im freien Gelänbe blüht wieder auf, gepflegt von einem Volke aus Südosteuropa, dessen Namen wir noch nicht kennen, das aber mit ben alten Griechen uroerroanbt ist. Wir nennen es in ber Wissenschaft nach ben Urnen- gräbern, bie es uns hinterlassen hat: in schier unübersehbarer Menge finb bie großen Gefäße mit ber Leichenasche unb ben vielen Töpfchen, Schüsseln, Schalen, Tellern, Tassen für Speise unb Trank auf ben Felbern schon ans Licht geförbert worben — meist leiber vom Pfluge zertrümmert ober von Menschen zerschlagen, bie nicht rasch genug an bie Goldstücke gelangen konnten, die sie in ihrer Einfalt darin vermuteten, bie sich aber — nach manchen Märchen, weil bie Schatzgräber ben Munb nicht halten konnten — bis jetzt immer rasch in wertlose Kohlen unb verbrannte Knöchlein „verwanbelt" haben. In großen Hügelgröberfelbern haben bie Leute ber älteren Eisenzeit, ber Zeit zwischen 1000 und 500 vor Christus, bie Reste ihrer Toten beigesetzt. Die Grabbeigaben lassen auf ein behäbiges Bauerntum schließen — boch längst nicht so reich, wie bie Sieblungen in Osteuropa, befonbers bei Hallstatt, bem uralten Bergwerksbezirke, ber biefer Kultur- periobe ben Namen gegeben hat: Bei Allenborf an ber Lahn, bei Gießen in ber Linbener Mark, bei Lich, Höchst a. b. Nibber, Muschenheim, Weber- mockstabt unb bei vielen anberen Orten liegen wichtige Friebhöfe biefer Zeit — weit mehr noch sinb ben vielen Kultureingriffen längst zum Opfer gefallen. Gegen bie Mitte bes Jahrtausends, zu Beginn ber nach Funben am Neuenburger See genannten La-Töne-Zeit taucht erstmals eine Bevölkerung bei uns auf, ber man mit einiger Sicherheit einen geschichtlichen Namen geben kann: Kelten, aber mit mancherlei Einschlägen vom Germanen« Gießener Anzeiger » Iubiläums-Ausyade Seite 4 Erstes Blatt gebiete her, das sich damals schon bis in die Gegend von Kassel südwärts geschoben hat. Und um 400 vor Christus endlich beginnen die keltischen Gallier durch die Lande zu stürmen, nicht anders, wie sie es im klassischen Süden getan haben. Auf dem Trieb bei Gießen ist das nördlichste gallische Kriegergrab gefunden worden, ausgestattet u. a. mit schwerem Eisenschwert und breiter Lanze: aus der Wetterau kennt man einige Frauengraber mit üppigem Schmuck. Kriege heben an zwischen den Galliern und den nach Süden drängenden Germanen: die Ringwälle im Tcnnus und auf mancher Höhe unserer Heimat sonst geben davon eine Ahnung, und sie beweisen, daß einheitlicher Wille und eine starke Leitung große Bolksmassen zum Kampfe zusammengefaßt haben. Aus Urnengrabfeldern des letzten vorchristlichen Jahrhunderts wissen wir, daß die Germanen siegreich geblieben und im wesentlichen auch der „Galli- fierung" entgangen sind. Nun aber setzt die römische Invasion em; am Rhein blühen die großen Garnison- und Industrie- städte auf, in unser Gebiet schieben sich Lager- und Wachttürme vor, der Pfahlgraben säumt die Grenze, Kastellorte entstehen, das Land wird zu gleichen Teilen vermessen, Gehöfte von Veteranen und Gutsbesitzern erfüllen es, prunkvolle Bäder und Villen der Reichen wachsen aus dem Boden; Märkte werden eingerichtet, Straßen gebaut — mit dem Schwerte und mit den „Segnungen" südlicher Zivilisation will man Germanien kolonisieren, seine Bewohner zähmen. Manche fremde Kultursaat geht auf, weithin er- strecken sich die Verkehrsstraßcn, von weither aber kommen auch die Heerscyaren der Germanen, die bald ins römische Heer eintreten, nicht minder oft jedoch auch den Grenzwall überrennen, die reichen Städte und Siedlungen plündern. Niemand kann daher sagen, wie die 160 Silberdenare nach Pommern gekommen sind, die ich in meinem neuen Arbeitsgebiete jüngst als Schatzfund erhielt, wie die silbernen Becher, das Bronzegeschirr, das Glas mit buntgemalten Gladiatorendarstellungen und so manches andere, was wir kürzlich germanischen Häuptlingsgräbern hier entnehmen konnten, den Weg so weit nach dem Norden gefunden hat — es mag Handelsgut, Beute, Sold ober Tribut fein. Den Chatten Kurhessens und den immer wieder an die Tore des Reiches pochenden Stämmen aus dem freien Germanien, vor allem aber den an der römischen Kraft nagenden Zerfallserscheinungen i[t es zu verdanken, daß endlich die Fremdherrschaft gebrochen wurde. Doch wieder neue Stürme durchbrausten danach unsere Heimat: die Völkerwanderung führte Alamannen ins Maingebiet, und auch die fränkische Kolonisation hat erst allmählich endgültige Verhältnisse schaffen können. Die Chatten wurden ein wichtiger Bestandteil des großen Frankenreiches, die Grenzmark gegen die Sachsen. Manches Ritterund Herrengeschlecht des Mittelalters mag von den Edelingen abstammen, deren Gräber bei Leihgestern, auf dem Trieb bei Gießen, bei Friedberg usw. über unsere Grenzen hinaus bekannt sind. — Reiches Völkerleben spricht aus den Bodenfunden zu dem, der die Sprache dieser stummen Zeugen der Vergangenheit zu beuten gelernt hat. Viel Völkerschicksal hat unsere Heimat berührt, wenn auch bie Führergestalten und die Triebkräfte des Geschehens uns meist verborgen bleiben. Wir selbst, unsere Art sind aus diesem uralten Geschehen erwachsen, und alles, was wir im eigentlichen Sinne „Geschichte" nennen, was uns die Schriftquellen berichten, bezieht sich im wesentlichen auf Menschen, die wir als unmittelbare Ahnen bezeichnen können. Wer es nicht als bloße Spielerei auffaßt, daß die alten Zeiten, die Grundlagen unserer Gegenwart erforscht werden, möge mithelsen zur Weiterarbeit, dazu beitragen, bah alle Bodenfunbe sich ber wissenschaftlichen Forschung erschließen. Er wirb dann manchmal die Freude haben können, Neues über die Vorzeit von uns zu. hören. Die Kunstdenkmaler um Gießen. Von Dr. Christian Rauch, o. Professor der Kunstgeschichte an der Universität Gießen. Inmitten von uraltem Kunstlande, umgeben von uralten Kunst ländern, besser noch gesagt, ber beutschen Stämme, bie hier Zusammentreffen, liegt unsere Lanbesuniversität Gießen. Man ifarf sagen, ein ibeal gelegener Ausgangspunkt für bas Stu- bium unb bie Erkenntnis Deutscher Kunst in den Denkmälern ihrer höchsten Entwicklung. Im Westen und Süden das M i 11 e l r h e i n - gebiet mit dem goldenen Mainz, der Hauptstadt und dem Kulturmittelpunkt des größten und reichten geistlichen Fürstentums im alten Deutschen Reiche. In diesem Gebiet ließ einst das Führergenie Karls des Großen die klar konstruierte, umfangreiche kaiserliche Pfalz von Ingelheim erstehen, die als Nervenzentrum des Weltreiches gedacht war. Im Mittelrhcingebiet werben als Denkmäler geist- licher Macht bie brei größten romanischen Dome von Mainz, Speyer unb Worms erbaut. Die Pfalz von Ingelheim freilich ist unter ber Erbe verschwunben unb mußte ausgegraben werden, aber im nahen Lorsch steht in ber Torhalle bcs Reichsklosters noch ein zierlich reich geschmücktes Bauwerk karolingischer Zeit aufrecht, einzig feiner Art unb Zeit in Deutschianb. Im Weingebiet von Bingen dort erblüht bie zarteste, zierlichste, feinst formvollenbete Blüte ber Bilbnerkunst, bie mittelrheinische Tonplastik, bie im Altar von Garben hell aufllingt; sie blüht neben der ver- geiftigten monumentalen Steinbildgestaltung, wie sie im Grabmal des Erzbischofs von Saun im Mainzer Dom sich zu unerhörter Höhe erhebt. Im Norden Niedersachsen. Bis vor bie Tore von Gießen reicht ber Einfluß ber schweren, herben niedersächsischen Kunst. War im Westen von den Römern her allezeit der Steinbau in Hebung, so dort im Lande der Eichenstämme ber Fachwerkbau, ber deutscheste ber beutschen Baukunst, bie Bauweise bes Bauern und Bürgers. Im Fachwerkbau drückt Die Zisterzienser-Abtei Arnsburg baute die schone, als Ruine in romantischem Sinne doppelt reizvolle, spätromanisch-frühgotische Klosterkirche. Ilbenstadts romanische, reich mit Bildern und Skulpturen geschmückte Klosterkirche dient heute wieder einem geistlichen Orden. In Marburg erstand durch Fürst und Deutschorden der gotische Ursprungsbau, die Grabkirche ber heiligen Elisabeth, Der älteste oolljtänbig gotische Kirchenbau auf beutschem Bobrti. Die Bauhütte bieses großen Bauwerkes wirb zur Bauschule, die Hessens gotischen Kirchenbau beherrscht: die großen Kirchen von Wetzlar und Schotten und als Krone in ber Vollenbung spätgotischen Raumibeals bie weit- unb einräumig schöne Stabtkirche zu Friebberg zeugen davon. Der spätgotische Bildhauermeister bes Deutschorbens, ber den figurenreichen Lettner ber Elisabethkirche schuf, liefert feine virtuos ge- bilbeten Werke in bie Nähe unb in bie Ferne auf ben Schiffenberg etwa unb nach Homberg a. b. Ohm, aber auch für Bielefelb unb für ben Hochaltar bes Kölner Domes. — In Cid), bem Dy- naftenfitz, schufen sich bie Herrscher bes kleinen Lanbes bie schönen Grabdenkmäler ber Frühgotik: bas älteste, bas bes Begrünbers ber Dynastie, noch wuchtig unb groß gestaltet, gotische Zierlichkeit nocy erst als Beiklang, bas Doppelgrabmal bes Ehepaares von 1335 fein zierlich gezeichnet in gotischem MUnzendera. ■WWW MMWMr sich bie (Eigenart jebes beutschen Stammes am beutlichsten aus. Im nahen ßangsborf steht noch ein niebersächsisches Fachwerkhaus, wie weiter nörblich natürlich, etwa in Marburg, noch mehr stehen. Hier in Gießen zeugen unter ben zahl- reichen zum großen Teil leiber noch immer unter späterer VerputzunH verborgene Fachwerkhäuser zwei große iknhnälcr von besonderer (Eigenart, bas gotiscye Leidsche Haus bei ber Stabtkirche, eines ber ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser üverhaupt mit hochragenbem Giebel, mit ben eigentümlichen langwuchtigen Knaggen unter ben vortraaenden Dalkenköpsen. Dann als ganz seltenes, vielleicht in seiner Art einziges Beispiel ber Verwertung bcs Fachwerkbaues zu fürstlicher Großwirkung das neue Schloß Philipps bes Großmütigen: über steinernem Untergeschoß ber langgestreckte, wuchtig aufgebaute unb zierlich gegtieberte Holzbau mit ben schonen Ecktürmen unb dem bequem breiträumigen Treppenturm. Süblich von Gießen fränkischer Fachwerkbau, in reichster eigenartiger Ausbilbung im alten Amte Hü11enberg, zu bem schon Großen- ß i n b e n gehörte. Dort bie Fachwerkbrüstungen mit ben eingesetzten geschnitzten Tafeln. Am reichsten, echt beutsch, malerisch mit Schnitzschmuck über- spönnen, Rathaus unb Bauernhaus in ben Dörfern bes Kleebachtales. Bestimmend für bie künstlerische unb kulturelle Gestaltung waren im Gebiet bes heutigen Lanbes Oberhessen, dessen Hauptstadt Gießen ist, die ehemals hier wie nirgends zahlreichen politisch kleinen unb boch geistig so wirkungskräftigen geistlichen unb weltlichen Mächte: die großen Abteien, bann bie Dynastien unb bie Stäbte. All biese Einzelmächte sind — bie letzten von ihnen im Anfang bes 19. Jahr- hunberts — von größeren aufgefaugt worben. Aber bie Kunstbenkmäler, bie sie geschaffen, blieben als Zeichen einstigen Glanzes stehen, um so besser erhalten, weil ja nun nichts Neues mehr sie ver- brängte. Schwung. — Auf bem Münzenberg, ein stolzer Dynastensitz, bie romanische Burg, bie bie Wetterau beherrscht, ein Werk, an kunstgeschichtlicher Bedeutung der weltberühmten Wartburg zweifellos überlegen, ebenbürtig ber feinen spätromanischen Kaiserpfalz im nahen Gelnhausen. Unb nun schließlich noch zu einer Gruppe von Gesamt kunftwerken, in Denen aerobe Oberhessen vielleicht unter ben deutschen Landschaften die erste Stelle einnimmt: ob ihrer wundervollen Erhaltung bes alten ©tabtbilbes im ganzen mit all seinem Inhalt dürfen wir in unserem Lande neben Friedberg und Butzbach, Marburg und Schlitz, besonders zwei rühmen, in denen sich auch die Macht, die sie entstehen ließ, zu besonderem Ausdruck gebradjt hat: Büdingen und Alsfeld. Büdingen, die rechte alte Für ft en st adt, entstanden um die Wasserburg der Dynasten. Wie Jahresringe beim Baume legen sich Schale um Schale neue Häuser und neue Befestigungen um den romanischen Kern von Bergfried, Palas und Kapelle. Der wachsenden Zahl ber Bürgerschaft errichtet der Stadtherr im 15. Jahrhundert eine weiträumige Stadtkirche, ein Rathaus im malerischen fränkischen Fachwerk, daneben stattliche Häuser für feine Ritter. Unb das Ganze wirb um bie Wenbe des 15. Jahrhunderts zusammengeschlossen durch die gewaltige Befestigung; herrlich erhalten ist dieser Rahmen bes Ganzen in rotem Stein, seltsamerweise fast, benn bie Befestigung als solche muß, weil sie noch Steinwerk war, trotzbem sie fchon für bie Berteibigung mit Geschützen eingerichtet ist, bald unwirksam geworben sein. Alsfeld, die rechte alte Bürger st adt. Ihr Kern ist der Marktplatz. Sein malerisches Gesamtbild beherrscht das monumentale Rathaus, in Fachwerk erbaut 1512/16, spätgotisch steil aufstrebend. In ähnlichem Fachwerk, aber behäbig breit gelagert, die Patrizierhäuser am Markt. Bürgerlicher Reichtum errichtet weiter 1533 den großen Steinbau bes Weinhauses, spätgotisch noch, aber ber Giebel zeigt schon bie ge= Ein Stück älterer Literaturgeschichte der Stadt Gießen. Bon Karl Semmel, Oreifsroalb. Das „Stück älterer Literaturgeschichte ber Stadt Gießen" kann an dieser Stelle unb in biejer Form auf Vollstänbigkeit insofern keinen Anspruch machen, als es nur bie Namen berjenigen Dichter unb Schriftsteller enthalten soll, die in Gießen selbst ober in feiner unmittelbaren Nachbarschaft geboren finb unb alle btejenigen übergeht, bie als reife Männer nach Gießen kamen unb einen Teil ihres Lebens in dieser Stadt verbrachten, ja ihr wohl burd) ihren Aufenthalt eine Zeitlang ein eigenes Gepräge gaben. Unb auch in dieser Reihe wird noch manch einer fein, den bie Literarhistoriker im Laufe der Jahrzehnte oergeffen haben, wenn fein Name überhaupt je in einer Literaturgeschichte stand. Auch eine eingehende literarische Würdigung von einzelnen ober Lebens- werken ber Dichter kann hier nicht Raum finben. Was diese Zeilen wollen, ist nichts weiter als eine Art chronologische Auszählung, wobei auch die Lebens- schicksale der Genannten kurz gestreift werden fallen. Vor dem Dreißigjährigen Kriege, am 1. März 1610, wurde Johann Balthasar Schupp geboren, dessen Schriften noch heute die gelehrte Welt ge- nügenb beschäftigen. Annähernb 10 Autoren haben sich im vergangenen Jahrhunbert mit Schupp befaßt und Bücher üoer ihn geschrieben. Schupp war bekanntlich Philosoph unb Theologe unb lehrte zu Rostock und Marburg. Beim Abschluß bes Westfäli- fchen Stiebens war er hessischer Friebensbelegierier, der übrigens auch in Münster bie erste Predigt nach Unterzeichnung der Präliminarien hielt. Schupp, ber auch als Kanzelredner berühmt war, starb als Pastor an ber Jakobikirche zu Hamburg am 26. Oft. 1661. Seine gesammelten Schriften gab 1663 fein Sohn Jost Burkhart Schupp in Hanau heraus. Nach feinen Schriften wird er als „feiner Publizist, gesunder Pädagog, humorvoller Satiriker, gewandter Erzähler und religiöser Dichter" gerühmt. Ein anderer religiöser Dichter unb Erbauungs- schriftsteller ber Barockzeit war Balthasar S i ° n o l b, genannt von Schütz, ber unter bem Decknamen Amabeus Kreutzberg fdjrieb. Er stammt vom Schloß Königsberg bei Gießen, wo er am 5. Mai 1657 geboren wurde. In Jena studierte er bie Rechte, bann weilte er in Italien beim Herzog von Toskana; 1704 finben wir ihn als Haushofmeister bes Grafen Reuß-Köstritz, ein Jahr später in ber gleichen (Eigenschaft bei ber Herzogin von Sachsen- Merseburg. Am 6. März 1742 starb Sinolb als Gräflich Solmsscher Geheimer Rat in Laubach. — In Nürnberg erschienen 1720 Sinolds „erbauliche Poesien, Lieber unb Epigrammata", und in Leipzig kam 1742 das Buch „Wahre Seelenruhe in ben Wunben Jesu" heraus. Gleich zu Beginn bes 18. Jahrhunderts begegnet uns Wilhelm Johann Christian Gustav Caspar- s o n, geboren am 7. September 1729. Nach einer Studienzeit in Gießen und Halle widmete sich Casparson dem Hofbienste und war an verschiedenen deutschen Fürstenhöfen ein wegen seiner Gelehrsamkeit hochgeachteter Mann. Am 3. September starb er als Rat unb „Stänbiger Sekretär der Gesellschaft der Altertümer" in Kassel. Casparson war ziemlich fruchtbar unb schrieb dramatische und lyrische Sachen, darunter auch Oben. Die Trauerspiele unb Dramen finb alle historischen Inhalts, so z. B. „Theutomal, Hermanns und Thusneldas Sohn" (1771). (Ein Mitglieb bes Göttinger Dichterbundes war der m Gießen geborene Johann Friedrich Hahn, der am 28. Dezember 1753 das Licht der Welt er- blickte. Biese vermerkt in seiner Literaturgeschichte: „Hahns Gedichte sind voll bedeutender Ansätze, von denen aber nichts ausreifte." Freilich hatte man vieles von dem Göttinger Studenten der Rechtsgelehrtheit erwartet, bod) konnte er die unbezwingliche Hypochondrie nicht besiegen. Mit 26 Jahren starb Hahn am 30. Mai 1779 in Zweibrücken in ber Pfalz unb hinterließ eine Reihe Gebichte, bie Karl Reblich in Halle 1880 neu herausgab. Allem Anschein nad) stammt auch Philippine von Mettingh aus Gießen ober besten nächster Umgebung. Ihre Oeburtsbaten sind nicht aufzufin- ben, bod) hat sie ihre erste Bilbung in Gießen erhalten. Ihr Vater war hier Fürftlich Sayn-Wtttgen- steinscher Geheimer Rat. In späteren Jahren lebte Philippine von Mettingh in Appenrobe an ber Ohm, in Frankfurt a. M. unb in Kastel. Hier würbe sie im Jahre 1862 in ihrem Gartenhaufe von Räubern überfallen unb oermunbet in ben Keller geworfen. Die schweren Wunben unb ber ausgeftan- bene Schrecken warfen sie auf ein kurzes, schweres Krankenlager, von bem sie ber Tob erlöste. Sie hinterließ eine Reihe von Schriften, befonbers Romane, Novellen und Charakterschilderungen. In einer Novelle „Die Schwarzen von Gießen" (von Harro Harring, Leipzig 1832) wurde Adolf Folien geschildert, ber, am 21. Januar 1794 geboren, burch seine Zugehörigkeit zu ben „Schwarzen von Gießen" bekannt würbe. Jollen war nach- einander Student der Theologie, Philologie unb Jura, nahm als hessischer Jäger an ben Befreiungskriegen teil, wurde Rebakteur in (Elberfelb und kam burch die bamalige Bewegung ber Burschenschaft für einige Jahre nach Berlin ins Gefängnis. Er zog dann später nach der Schweiz unb in Armut und Bedürftigkeit starb er am 26. Dezember 1855 in Bern. — Hermann Andres Krüger urteilt über ihn: Folien war ein Lyriker von echter Selben» chaft, dessen Romanzen und Studentenlieder zu einer Zett viel Beifall fanden. Auch im Epos hat ich Jollen versucht und zeichnet sich durch Anschaulichkeit und romantische Stimmungsgewalt aus. Sein Epos „Tristans Eltern" erschien 1857 zu Gießen*). *) Uebrigens war es A. Jollen, der 1846 Gottsr. Kellers erste Gedichtsammlung herausgab. lehrten Einzelformen der Renaissance, die, aus dem Süden eingefuhrt, dem gotischen Kern angefügt werden. Und weiter als Sinnbild des Stolzes und de» feftefeiernben Glückes ber Bürger das große steinerne Hochzeitshaus, für die Feste des Rates unb ber Bürgerschaft erstellt; dieser Bau von 1565 nun schon ganz mit Renaissanceornament bekleidet. Zu Seiten bes Marktplatzes, vom Rathaus in Schatten gestellt, die Stadtkirche, ein zierlicher Dau aus frühgotischem Kerne oftmals erweitert; aber ihr Turm steigt hoch empor und beherrscht das Stadtbild von weitem. In einem gewissen Gegensatz zum Reichtum des Marktviertels, wo die Patrizier wohnen, ist auf bem billigen Gelände im Viertel der Aermeren, an ber Befestigung braußen von den Augustinern ihr Kloster errichtet. Sie liegen der Seelsorge der Aermeren ob; ihre schönräumige Kirche ist eine Predigtkirche. — Wir wollen es mit diesem, wesentlich kulturhistorisch eingestellten Ausblick auf bie Kunstdenk- mäler, für die Gießen im Mittelpunkt liegt, bewenden lassen. Es kann sich ja in einem solchen kurzen Aufsatz nur um eine anreizende Auswahl handeln aus ber unenblichen Fülle in den alten Kulturlanden um uns her. Wir könnten weiter ziehen in die vier Gebirge Taunus, Westerwald, Vogelsberg und S p e f sio x.j., die unseren Horizont umringen, wir könnten das Lahn» t a l zum Rhein hinab ziehen, ober hinauf über Marburg unb Fritzlar, bie herrlichen Kunst» ftätten, gen Kassel wie im Süden gen Frankfurt, im Osten gen Fulda, überall würden wir noch die Werke hoher Kunst finden, die imitier ber feinste unb echteste Ausdruck des Wesens der Zeitalter unb ihrer Kultur waren . . . Docy es muß für dieses Mal genug fein. Der „Gießener Anzeiger" hat mit der Schaffung der Beilage „Heimat im Bild" bewiesen, daß er die hohen Werte, die in der Betrachtung unb Erkenntnis von Kunst und Landschaft diefer reichen Heimat gewonnen werden, zu würdigen weiß. Und w i e er diese so mit der großen Macht der Presse weiten Streifen vermitteln will, auch darin zeigt sich geistiger Hochstand, der für die alte Universitätsstadt ehrenvoll und ihrer würdig ist. Glückauf in diesem Sinne auf wettere viele Jahre! _______ Das historische Gießen. Von Profesior Dr. Karl Ebel, Direktor der Universitätsbibliothek in Gießen. Stell dich auf die Höhe des Rodbergs, schau hinunter auf das Häusermeer, das sich zu deinen Füßen im Sonnenglanz ausbreitet, unb laß dein Auge ruhen auf bem wuchtigen Kirchturm, ber mit feinem vieleckigen Helm bie Dächer überragt. Dann schau hinüber zu ben beiben Burgen jenseits des Flusses mit ihren zerbröckelten Mauern unb den immer noch trutzigen Türmen, die ein Jahrtausend überdauert haben, und du siehst die beiden Angelpunkte der Urgeschichte unserer Stadt. Den Gleiberg baute und auf ihm saß das Geschlecht, dem Gießen seine Gründung verdankt, unb der Kirchturm zeigt bie Stelle, an ber bie Burg, bie Keimzelle der Stadt, entstanden ist. Aus bem Geschlecht der Äonrabiner, deren berühmteste Namen König Konrad I. und sein Bruder Eberhard von Franken trugen, stammt der Begründer der Burg „zu den Gyzin", d. i. zu den Flüssen. Wie er hieß, wissen wir nicht, und bie Absicht, bie er mit ber Erbauung ber Burg verfolgte, können wir nur vermuten. Hier fließen bie beiden Flüsse zusammen, die Wieseck fallt in die Lahn, ehedem in anderem Bette als heute. In weitem Tale, dem sogenannten Gießener Becken, vereinigen sie sich. Zwei Furten, die Achstätter Furt und die Wolssfurt, erleichrerten einst den Uebergang über den größeren Fluß, und aus diesem Grunde treffen an dieser Stelle von altersher Straßen aus der Wetterau, aus dem Lahntal, vom Rhein, vom Westerwald zusammen. Darum war hier unten, nicht weit von der Grenze der Grafschaft Gleiberg, eine Stätte, wo es sich lohnte, Zoll zu heben von den Waren, bie von Frankfurt, von Mainz unb von ben Hanbelsplätzen bes mittleren Rheins nach Hessen, Thüringen und weiter nach Olten verfrachtet wurden. Vielleicht auch sprachen, wie G. Schenk zu Schweinsberg vermutet, andere Gründe für die Erbauung einer neuen Burg, Gründe, die in den Besitzverhältnissen bes Gleibergs beruhten. Hier teilten sich nach 1136 zwei Linien des luxemburaisch-gleibergischen Hauses, die seither gemeinsame Besitzer waren, in die beiden Hälften dieser Veste. Sei es nun, daß Streitigkeiten das nahe Beieinanberwohnen unerquicklich machten, ober daß ber Besitzer ber Westhälfte den etwa bei der Erstürmung bes Gleibergs 1103 gebrochenen (viereckigen) Berchfrir unb anbere zerstörte Teile nicht wieder aufbauen wollte, sei es, daß ein Witwensitz notwendig geworden war, ober baß endlich alle ui n h «ff— Ein ähnliches Geschick wie Adolf Jollen erlebte auch feinen Bruder Karl Jollen, ber, am 3. September 1795 zu Romrob geboren, gleichfalls an der Burschenschaftsbewegung teilgenommen hatte. Ein Volkserzähler war Rubolf Ludwig Oefer, ber sich bas Pfeubonym Otto Glaubrecht gewählt hatte. Oefer würbe am 31. Oktober 1807 geboren, ftubierte in Gießen Theologie, würbe Hauslehrer in Pfungstabt bei Darmstabt, später Geistlicher in Robheim unb Lindheirn in ber Wctterau, wo er am 13. Oktober 1859 starb. Ausgewählte Schriften mit seiner Biographie hat I. G. Diegel 1866 herausgegeben. — Auch Defers Sohn Hermann ist in den letzten Jahren mit Schriften herausaekommen, die bei Salzer in Heilbronn verlegt sind. Eine Dichterin, die durch Alfred Dock einen Förderer hatte, hatte Gießen in Johannette Lein, bie am 11. Juni 1819 geboren würbe. Sie war bie Tochter eines Dachbeckers und soll in ihrer Juaend von einer ungewöhnlichen Schönheit gewesen sein. Immer ist Tragik um sie gewesen. Ihren Vater verlor sie durch einen Unglücksfall, ihren späteren Gatten, einen Maler, durch die Cholera. Dann ernährte sie sich durch Nähen und andere kleine Hausarbeiten. Dabei war sie eine ausgezeichnete Dichterin. Freundinnen hatten ihre Poeme gesammelt und gaben sie zu ihrem 78. Geburtstage heraus. Jeannette Lein starb hochbetagt zu Gießen am 29. März 1903. Die Reihe ber ältesten Dichter ist beendet, die neuen Poeten des neuen Jahrhunderts gehören auf ein anderes Blatt. Abschließend sollen hier nur noch einige Namen genannt werden, deren Werke woyl noch hier und da lebendig sind, so Mathilde P l o ch (Silvia), Ernst E ck st e i n , Otto Schlapp, Otto Wissig, Emmi Behrens; die Lebenden aber überragt weit ber heute 66jährige Alfred Bock, von dem wohl noch manches starke Werk zu erwarten ist. Erstes Blatt Gießener Anzeiger • Jubiläums-Ausgabe Seite 5 Granberg. iiiau/HUfiii diese Gründe zur Erbauung der Wasserburg Gießen führten, kurz, i. I. 1197 taucht ihr Name zum erstenmal aus dem Dunkel auf in dem Titel einer Gräfin Salome, die fick nach der Burg nennt und in ihr ihren Witwensitz yot. Diese alte Burg erstreckte sich als Rechteck vom Wallenfelsischen Grundstück hinter der Stadtkirche bis -um Pfarrhaus der Matthäusgemeinde, das über ihrer Südwestecke steht. Ihre Nordwestecke wird durch x die entsprechenden Mauern des älteren Wallenfelsschen Wohnhauses gebildet und ist noch aut sichtbar, auch an der Rückseite dieses Hauses und die Reste der westlichen Palaswand mit Fensterprofilierungen vorhanden Die Ostwand zog vor der Grenze des genannten Grundstückes vermutlich parallel zur Westwand hinüber nach der Kirchstratze, wo sie im 3. B. Nollschen Grundstück mit der vom Pfarrhaus herziehenden südlichen Mauer zufammenstieß. Der innere Eingang lag nicht weit davon im Zuge der Kirchstratze. Dieser schon von Ritgen vermutete Umfang wurde durch Mauerreste, die bei der Kanalisierung der Stadt und den von ©. Schenk o. Schweinsberg und mir im 3ahre 1908 vorgenommenen Ausgrabungen zutage kamen, bestätigt. Den seither vermißten Berchfril glaube ich im Wallenfelsschen Hof nahe an der östlichen Grenze des Grundstücks vor den Schuppen gefunden au haben. Zwar weist diese bei früheren Erdarbeiten oft durchwühlte Stelle in erreichbarer Tiefe geschlossene Grundmauern nicht mehr auf, allein sie liegt höher als der übrige Teil des Grundstücks und ist angefüllt von mächtigen Steinblöcken, die nur von einem starken Befestigungswerk herrühren können. Ihre Lage spricht für diese Vermutung. Die rechteckige Kernburg wurde in weiter Ellipse umschlossen von einer Umfassungsmauer, die im Westen am heute verdeckten Stadtbach, im Norden an der Gasse „Auf der Bach", im Osten an der Ecke der Stadtkirche, dann nach der Nord- ost- und Südostecke des Kirchturms zog, die Kirch- strotze überauerle, wo das äußere Eingangstor lag. durch das I. B. Nollsche Anwesen bis zum CafS Ebel lief und sich dann bald in spitzem Bogen wieder nach dem St'adtbach wandte. Dem ganzen Zug der Mauer folgte ein etwa 10 Meter breiter Bura- graben, von dem nur der Name noch erhalten ist, dessen Lauf man aber streckenweise noch an der Flucht der Höfe hinter den Häusern des Markt- Platzes genau erkennen kann. Den gesamten Flächengehalt der Wasserburg schätzt G. Schenk v. Schweinsberg, dessen scharfsinnigen, auf Grund der Seebad) hingen des städtischen Tiefbauamts und an der Hand des urkundlichen Materials des Staatsarchivs in Darmstadt angestellten Untersuchungen ein der Wirklichkeit wohl ziemlich nahekommender Grundriß der Anlage zu danken ist, auf etwa 34 Morgen. Man kann sich eine gute Vorstellung von der Größe der Burg machen, wenn man weiß, daß sie mindestens acht Burgmannensitze umschlossen hat, von denen außer dem Leibschen Hause auch noch das frühere Cafe Ebel (heute Studentenheim), der Burgsitz der Riedesel v. Bellersheim, erhalten ist. Das war die Wasserburg Gießen, deren Entstehungszeit man nach den eingangs gemachten Darlegungen in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts verlegen darf. Ihr Ausbau folgte bann im Laufe der nächsten Jahrzehnte, die Burgsitze der Burgmannen aber wurden noch, z. T. viel später, innerhalb des Burgbezirks errichtet, soweit sie den Inhabern nicht in dem Palas selbst angewiesen werden konnten. Ein halbes Jahrhundert nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Burg wird auch die Gemeinde urkundlich genannt und sogleich als Stadtgemeinde, denn sie führt bei Jfyrem ersten Auftreten im Jahre 1248 bereits em Siegel. Steht es geschichtlich fest, daß die Stadt im An- schluß an die Burg erwachsen ist, so erhebt sich die Frage, ob sie durch willkürlichen Zuzug der Bewohner umliegender Orte entstanden, oder ob sie ein zielbewußtes Werk des Grundherrn ist. Mancherlei spricht für die letztere Annahme. In ihrer nächsten Umgebung findet sich eine ganze Anzahl Wüstungen. Aus dem linken User, am Westabhang des Rodbergs über der Furt lag das Dörfchen Achstatt, an das der „Asterweg" die letzte Erinnerung festhält. Auf der Höhe des Seltersbergs stand Selters, ebenfalls nicht weit von einer Furt, der schon genannten Wolfssurt, die heute noch tief unter ihm den Fluß durchquert. Jenseits, am rechten Ufer, doch weiter nach den Abhängen der Hardt, lag Krooback am heute noch diesen Namen führenden Wasserlauf und am Osthang der Hardt Diedelshausen (Diduldishusen) und Lenfertsrod (Lintfridisrode). Das Verschwinden dieser Dörfer hängt ohne jeden Zweifel mit der Entstehung der Stadt zusammen, denn Gießen hatte ehedem keine eigene Gemarkung, es bildete die seine aus den Marken jener Ortschaften, deren Bewohner unter den Mauern der Burg angesiedelt wurden. Betrachtet man ältere Stadtpläne, so läßt sich eine gewisse Planmäßigkeit der Anlage nicht verkennen. Nicht willkürlich und regellos, wie der Zufall den Ansiedler Besitz ergreifen ließ, stehen die Hofreiten beisammen, dieGassen laufen nichtwirr durcheinander, sondern regelmäßige Baublöcke an offenbar vorher abgesteckten Straßen scheinen sich im ältesten Kern der Altstadt von Anbeginn an erhallen zu haben. Das 13. Jahrhundert ist das klassische Zeitalter der Städtegründungen; so könnten die Pfalzgrafen von Tübingen, die um 1185 durch Heirat mit einer gleibergischen Erbtochter Besitzer der Grafschaft Gießen geworden waren und als Gründer der Stadt zu betrachten sind, ihre Anregung durch die in diese Zeit fallenden Gründungen schwäbischer Städte in Württemberg und Baden, aber auch hessischer (Mar- bürg, Grünberg) empfangen haben. Aus den verkehrspolitischen Gründen, die schon, wie wir sahen, zur Errichtung der Burg geführt hatten, war der Platz auch für die Anlage einer Stadt vorzüglich geeignet, was die spätere Entwicklung bestätigte. Bereitwillig mochten die Dorfbewohner dem Willen des Stadtherrn gefolgt sein, fanden sie dock hinter starken Befestigungen weit sichereren Schutz als hinter dem Gebück ihres Dorfes und wurden sie doch vor allem aus hörigen und zinsenden Bauern per- sönlich freie Bürger: „Stadtlust macht frei". Gern trugen sie den geringen Grundzins, den Der Grund- !err für den zur Ansiedlung überladenen Boden orderte, einen Zins, der von der Stadlgemeinde is zur Einführung der Gemeindeordnung von 1821 bezahlt wurde. Ueber den Umfang der ersten Siedlung sind die Meinungen seither darin einig, daß er nur sehr gering war. Geteilter Ansicht ist man nur über den Lauf der ersten Stadtmauer. Graben- und Mauer- reffe sind allein nicht maßgebend zur Entscheidung der Frage, sie können selbstverständlich bis zur Spur- losigkeit vernichtet und überbaut werden. Dagegen ist es Tatsache, daß da, wo der Graben um die Stadtmauer lief, bei Stadterweiterungen Gassen bleiben oder angelegt werden, ober daß der Lauf des Grabens an den Höfen der Häuser, die an und auf die Stadtmauer gebaut werden, erkennbar bleibt. Dieses Beispiel haben wir an dem Burg- graben beobachten können: die Hofe an den Hinter- fronten der Häuser des Marktplatzes, die in gerader Flucht verlaufen, werden heute noch als „Burg- graben" bezeichnet. Aehnlich ist es mit dem Zug der ersten Stadlbefestigung. Sie setzte unmittelbar an der Burgmauer am Wallenfelsschen Grundstück an, wo bei der Ausschachtung des kurz vor dem Kriege erbauten neuen Hauses zwei gewaltige Mauern zutage gefördert wurden, die fast im rechten Winkel aufeinander zuliefen. Die eine war die Burg-, die andere die Stadtmauer, die die Richtung vor den Häuiern des Kirchenplatzes, an der Front des „Einhorns" her, nach dem Lindenplage nahm, dessen südliche Seite sie begrenzte. Kurz nachdem sie diesen Platz verlassen hat, sieht man hinter dem „Lindenhof" und hinter den Häusern nach der Schloßgasse hin eine Flucht von Höfen, ehemals eine Hintergaffe, ziehen, deren Fort- fetzuna genau auf bas Knie ber Kaplaneigasse an ber Brühl'schen Druckerei stoßen würde. Diese Gasse aber fährt wiederum geraden Weges über die Schulstrahe hinweg zur Wagengasse, die jenseits der Mäusburg in der Wettergasse und bann über ber Marktstraße in ber „Bachgasse" am Pistorschen Hause ihre Fortsetzung finbet. Dort aber kommt bic Burgbefestigung vom Pfarrhaus ber Matthäusgemeinde und dem Studentenheim herüber, so daß der Ring an dieser Stelle geschlossen wird. lieber- blickt man diesen Kreis von Gassen, die meiner Ansicht nach den Lauf des ersten Stadtgrabens bezeichnen, auf dem Stadtplan, so wird man keinen Zweifel mehr hegen, daß blefer Bezirk bie älteste Stabt ist. Die von I. I. Winckelmann unb anberen überlieferte Sage, bah bas Stäbtchen ursprünglich r u n b gewesen fei, wirb hierburch auffällig betätigt Die Stabtmauer muß auf ber Innenseite bem Graben gefolgt sein, unb yrbr. Kraft, ber Verfasser ber „Geschichte von Gießen", hat noch hinter dem „Lindenhof' ein Stück ber Funbamente ber Ringmauer gesehen, bas „im Sogen nach ber Schloßgasse eingezogen" gewesen ist. Kraft läßt aber bie Fortsetzung nach ber Dreihäusergasse unb von bort nach ber Rittergasse laufen, nicht ber Wagengaffe entlang. Was er auf biefem Weg beobachtet hat, ist richtig, allein er hat eine zweite Befestigung mit ber ersten verwechselt. Im Jahre 1265 war ber täbingische Sefihanteil am gleibergischen Erbe burch Kauf an Sanbgraf Heinrich von Hessen übergegangen. Die Stabt hatte an Bevölkerung so zugenommen, bah ber enge Raum Aiir Unterbringung des Zuzugs nicht mehr ausreichte, bie neuen Ankömmlinge muhten vor den Toren an- gefiedelt werben. Landgraf Otto erteilte im Jahre 1325 ben Bewohnern ber „Neustabt" unb allen vor ben Toren Wohnenben dieselben Rechte, bie bie Innerhalb ber Ringmauer Wohnenben besahen, b. h. er nahm bie erste Stadterweiterung vor. Die Erweiterung war geringfügig, die „Neustadt" er- streckte sich nur bis zum Ende der heutigen Markt- strahe an der Abzweigung der Bahnhofstraße, und die „vor den Toren Wohnenden" waren auch nicht zahlreich. Indessen alle hatten nunmehr Anspruch auf den Schutz durch Mauer unb Graden, unb bem« entsvrechenb wurden die Befestigungen um ihre Wohnstätten herumaeführt. Graden und Ringmauer wurden in der Richtung des heutigen „alten Schlosses" weitergezogen, bogen vor diesem Sau nach Süden ab unb bann in ber von Kraft betriebenen Richtung nach ber Dreihäusergasse, wo ich bie Mauer „an ben Hlntergebäuben ber Häuser ber Mäusburg", bie teilweise auf ihr stehen, roieber festgestellt habe, bann üoer Die Mäusburg am Hause „zum Ritter" bie Rittergasse entlang. Sis hierhin trifft bie Kraftsche Führung zu, nun aber muß ber Zug ber neuen Sefeftigung burch ben westlichen Arm ber Rittergaffe nach ber Münbung ber Sahnhosstraße gegangen sein, wo bie Stall- gaffe, ein enger Durchlaß, nach ber Sachgasfe führt. Hier wird der Anschluß an bie alte Sefeftigung au suchen fein. Vor bem Eingang ber Stallgasse, zwischen ihm unb ber Münbung bes Tiefenwegs, hat im Zug ber Neustabt ein Torturm, bie alte, In ben breißiger Jahren bes vorigen Jahrhunderts abgebrochene Stadtpforte, gestanden. Sie ist ein Teil der neuen Stadtbefestigung von 1325 gewesen. Um dieselbe Zeit ist bas sog. „alte Schloß" am Sranb erbaut worben, eine Surg ber Landgrafen von Hessen mit Wohnung für den fürstlichen Amtmann und Unterkunstsräumen für Den Landesherrn. Dieses Bauwerk, anfänglich vielleicht noch von der Stadt durch die Ringmauer getrennt, ist ohne Zweifel mit der Erweiterung von 1325 in die Stadtbesestigung einbezogen worden. Lauf von Graden und Mauer, von Denen Der erstere noch vor roeniaen Jahrzehnten sichtbar war, weisen Darauf hin. Die älteste Srabt hat wohl nur zwei Tore gehabt, Die WalDpforte (heute verballhornt in „Wall- tor") unD Die Selterser Pforte. Das Walltor ist an Der Ecke Des Einhorns am Eingang zum LinDen- platz zu suchen. Ich schließe mich hierin Schenk von Sckweinsberg gegen Kraft an, Denn außer Den von Schenk ermähnten starken ©runbmauem, Die an Dieser Stelle gefunDen worDen finD, nötigt auch Der Zug ber Hauptstraße, ber immer burch bie Tore führt unb in Gießen niemals verlegt worben ist, zu blefer Annahme. Das Selterstor suchen Kraft, v. Ritgen unb v. Schenk mit Recht in ber Mäusburg, aber vermutlich hat es an Dem Plätzchen an Der Wettergasse geftanDen unD ist erst im Jahre 1325 an Die Rittergasie vorgeschoben worDen. Wenn man nicht überall Reste ber ältesten Ringmauer fest« stellen kann, so ist zu bebenfen, baß ihr Material bei ber Errichtung ber zweiten Ringmauer Ser- wenbung gefunben haben wirb. Hier an ber ©etter- gaffe aber ist Die an sich unmotivierte Erweiterung Der Gasse auffällig unD wohl auf alte, später beseitigte Torbauten zurückzuführen. Die Vergrößerung Der bis Dahin immer noch sehr kleinen StaDI ^var mit Der Errichtung Der zweiten Ringmauer natürlich nicht zum Stillstand gekommen, aber eine Dritte Erweiterung Der Befestigung fanD erst Durch Philipp Den Großmütigen statt. Bis Dahin saßen Die Zugezogenen ungeschützt auf ihren Höfen. Bis zur Anlage Der Festungswerke mögen Das Kreuz, Die Kaplansgasse, Der ReichensanD, Der einen Teil Der Bahnhofstraße bilDet, Die Wetzstein-, Zozels-, HunDsgasie unD Die Gaffe „in der Sonne", deren bezeichnenden Namen man törichterweise in „Sonnenstrahe" verschlimmbessert hat, entstanden sein. Alle übrigen innerhalb ber spateren Festungswälle gelegenen unb nach tiefen hin ziehenben Straßen würben noch beren Er- richtung gebaut. Auf ben Nachweis im einzelnen muß ich hier verzichten, Ich werbe in einem anberen Artikel barauf zu sprechen kommen. Die Festungswerke, bie ßanbgraf Philipp im Jahre 1530 bauen ließ, umspannten bie Stabt mit einem Gürtel, ber heute noch burch ben inneren Ranb ber vier, leiber nach ben Himmelsrichtungen benannten Anlagen ziemlich genau bezeichnet wirb. Sie beftanben aus Wall unb breitem Graben. Der mit grünem Rasen bebeckte Erbwall war untermauert unb hatte Kasematten. In regelmäßigen Abstänben waren Außenwerke angeorbnet, wie man es auf ben bekannten Darstellungen von Merian unb anberen beutlich sieht. Die älteren unserer Mitbürger erinnern sich noch ber Schanzen, bie von ber „Scyur", bem alten Festungsglacis, aus auf Stegen über ben Festungsgraden hinüber zu erreichen waren. Sie sind verschwunden, unb mit ihnen finb intime malerische Reize für immer vernichtet worben. Spärliche Reste solcher Werke finben sich noch in Gärten an ber Westanlage unb an ber Denning« Hoffschen Brauerei, wo bie Walltorschanze noch an ben Abzweigungen bes Grabens erkennbar ist. Die Aliceschule an ber Kirchstraße steht auf einer Schanze, bie man um sie herum sorgsam abgetragen hat, unb auch bie Erhöhung, auf ber sich das Etabttheater erhebt, ist ber Rest einer Befestigung, bie bas Neuenweger Tor schützen sollte. BUCHHANDLUNG MEISSNER IM NEUERÖFFNETEN VERKAUFSRAUM SCHULSTRASSE 6 / FERNSPRECHER 990 SORTIMENT WISSENSCHAFTLICHE WERKE / SCHÖNE LITERATUR JUGENDSCHRIFTEN KUNST* UND KULTURGESCHICHTE ANTIQUARIAT SCHULBÜCHER LESEZIRKEL / ZEITSCHRIFTEN STÄNDIGE KUNSTAUSSTELLUNG VORTRAGSAAL / LESEZIMMER VERKAUFSSTELLE DER REICH SD RUCKE 1 ZUR ZEIT AUSSTELLUNG VON REICHSDRUCKEN Seite 6 Gießener Anzeiger . 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Wehrheim Gießen /Löberstraße 17 terbu ch zu nennen, das auch unser Oberhesten um» saßt. 3n Marburo, wo der Stoff für dieses Werk gesammelt und bearbeitet wird, hat man viele Wörter in ihrer Verbreitung kartenmäßig dar» gestellt. Den beiden genannten Marburger Unter» nehrnungen, dem Sprachatlas des Deutschen Reiches und dem Hesten-Nastauifchen Wörterbuch, verdanke ich die meisten Unterlagen für die folgenden Ausführungen: Herrn Professor Wrede und seinen Mitarbeitern sage ich hierfür meinen besten Dank. Ich will im Folgenden einige Haupteigentümlich, keilen unseres Mundartengebietes besprechen, um damit einerseits das durch die gleiche heimische Sprache verbundene Gebiet gegen anoere benachbarte abzugrenzen, und um andererseits innerhalb des so umzirkelten Stückes, dem Oberhessischen, wieder kleinere Unterabteilungen herauszuheven. Denn es ist ja eine bekannte Tatsache, daß schon Äzwei Dörfern, die einander eng benach- ), mehr ober weniger erhebliche Unterschiede bestehen. Daß diese vielfach auch dem nicht dafür Geschulten auffallen, geht schon aus der erstaun- lich reichen Fülle von Reck- und Spottoerschen hervor, mit denen sich die Bewohner des einen Dorfes über abweichende Formen oder Artikulationsweisen ihrer Nachbardörfer lustig machen. Ja, diese Unter- später nach Aufkommen der wichtigen Wistenschaft von der Laut Physiologie das Hauptaugenmerk auf die genaueste Erfassung der einzelnen Laute und Formen einer Einzelmundort und ihre Hervorbringung mit den Sprechwerkzeugen gerichtet war — eine Tatsache, die es mit sich brachte, daß nur noch sehr eng begrenzte Mundarten- gebiete, meist nur einzelne Orte untersucht werden konnten — legt die Dialektgeographie den Hauptnachdruck auf die Betrachtung der räumlichen Verbreitung gewisser mundartlicher Erscheinungen und stellt diese dann kartenmäßig dar. Man gewinnt auf diefe Weise Grenzen von größerer oder geringerer Schärfe und Stärke, die zu einer Einteilung und Gliederung der Mundarten führen, man gewinnt vor allem aber auch wichtige gründ- süßliche Erkenntnisse über das Sprachleben, wie die von Dialektmischung und -ausgleich, vom Wandern _ Die vier Tore der Festung lagen ein ziemliches Stuck hinter den heutigen Torhauschen, die am Äußersten Ende der ehemaligen Torbastionen nach Schleifung der Werke erbaut wurden. So hat das oelterstor an der Wolkengasse gestanden, das Neu- städter am Oswaldsgarten. das Walltor etwa am Oppenheimerschen Haus und das Neuenweger Tor am Gebäude der Darmstädter Bank. Alle mit Ausnahme des Walltors hatten schöne Türme, wie sie uns die Bilder von Dilich und Merian übereinstimmend zeigen. Zusammen mit der alten Stadt- pforte von 1325, dem Stadtkirchturm und der Sternwarte des in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts abgerissenen Unioerfitätsgcbäubes am Branb, verliehen biefe Türme unserem Stadt- bild einstmals ein ganz anberes Aussehen, als es bie Ansichten aus bet späteren Zeit bieten. Nichts vermag ben Anblick einer Stabt mehr zu beleben unb feine Schönheit mehr zu heben als Türme unb Wasser. Ein banausisches Zeitalter hat sich verschworen, unjere Stabt beiber zu berauben. Wäre es anbers, wieviel schöner unb erhebenber wäre ein Gang durch das historische Gießen. schäft aus über 44 000 Orten Deutschlands die mundartliche Form von 40 kleinen Sätzen verschaffte, die die wichtigsten Erscheinungen der Laut- nnd Formenlehre enthalten. Die Entsprechungen der einzelnen Erscheinungen in den verschiedenen Mundarten begann er auf Karten zu übertragen unb legte bamit ben Grunbstein zu bem Sprachatlas bes beutschen Reiches, ber heute in Marburg in einem eigenen Institut schon viele hun- bert Karten umfaßt unb zur wichtigsten Grunb- lage für bie neuere Mundartenforschung geworben ist. Aber auch ber Wortgeographie, bie leiber in Wenkers Sätzen zu kurz gekommen war, wirb neuerbings in Deutschlanb Beachtung geschenkt; bie im Entstehen begriffenen Wörterbücher ber Mund- arten legen befonberen Wert auf bie Aufhellung ber Verbreitung ber Wörter, unb hier ist mit in erster Linie bas Hessen-Nassauische Wör- Die oberhessischen Mundarten. Von Dr. Friebrich Maurer, Privatbozent an ber Universität Gießen. Es ist ein erfreuliches Zeichen, baß eine Zeitung zur Feier ihres Geburtstages neben anberen Fragen, bie sich auf ihren Wirkungskreis beziehen, auch bie Tiunbarten ber Heimat kurz bargefteUt zu sehen wünscht. Es ist — hoffentlich doch — ein Beweis bafür, baß man jetzt in weiteren Kreisen bie Erkenntnis voraussetzen barf, baß bie Mund- arten große Werte in sich schließen; Werte in vaterlänbischer Hinsicht, nämlich insofern, als bie Beschäftigung mit ihnen bie Liebe zur Heimat, zum heimischen Wesen unb seinem Ausbruck weckt unb vertieft; vor allem auch Werte in wissenschaftlicher Richtung, ba ja bie Ttunbart als einzige wirklich lebenbige Sprache in unersetzlicher unb unübertrefflicher Klarheit ber Sprachwissenschaft sowohl im allgemeinen wie auch ber Germanistik im be° fonberen wertvolle Erkenntnisse vom Werben unb Wesen ber Sprache überhaupt unb ber beutschen Sprache im befonberen verschafft. Diese Erkenntnis ist noch gar nicht so sehr alt nicht über ben Anfang bes vorigen Jahrhunderts kommen wir zurück, wenn wir uns nach wissenschaftlichen Bearbeitern ber Mundarten umsehen, und erst in den letzten 50 Jahren hat umfassendere Tätigkeit auf diesem Gebiete eingesetzt Das ist aber um so bedauerlicher, als gerade in den letzten Jahrzehnten mit der fort- schreitenden Kultur, mit der Entwicklung bes Verkehrs bie Tiunbarten immermehr zurückgebrängt unb in ihrem Bestaube geschwächt werben. Die brei großen Kulturoerbreiter Schule, Kirche unb Presse, bie bis in bas kleinste Dorf ihren Weg nehmen, bringen unoermeibliche Beeinflussung ber heimischen Sprache burch bie Sprache ber Kultur, bie Hochsprache, mit sich; unb bie staubig zunehmeuben Möglichkeiten bes Verkehrs unb ber bamit fortgesetzt fteigenbe Verkehr selbst führen auf ber anberen Seite zur Ausmerzung befonberer Thmb« arteigentümlichkeiten, zur Anpassung an bie Sprache der anderen. So war oder ist es dringend geboten, schleunigst zu retten, was noch zu retten ist. Auch für Ober- Hessen ist eine ganze Anzahl von Tiunbartarbeiten entstauben, fast alle als Gießener Dissertationen auf Anregung von Geheimerat O Behaghel. Aber eine Gesamtbarstellung ber Oberhessischen Tlunb- arten fehlt noch; bie von H. Reis in seinen „Tiunbarten bes Großherzogtums Hessen" (1910) gegebene, reicht nicht aus. Außerbem fehlt meistens (außer in ben Arbeiten von G. Faber über bie Tiunbarten am Pfahlgraben, von P. Dreiling über bie Mundart um Butzbach, H. Heidt über 5le Mundarten des Kreises Alsfeld) eine Betrachtung nach der neuesten Art ber Muubartforschuug, es fehlt die Dialektgeographie. lieber die dialektgeographische Arbeitsweise muh ich zunächst einige Bemerkungen voraus- schicken. Während man in den Anfängen ber Mundartforschung die Sprache der Mundart betrachtete, wie man es etwa von der grammatischen Behandlung des Lateinischen oder einer anderen Fremdsprache her gewohnt war; während bann unb vom Zusammeuwachsen von Wörtern und Formen aus verschiedenen Mundarten, man sieht, wie die eine Mundart gegen die andere vordringt, und ähnliches, alles Erkenntnisse, die bei Beschränkung auf eine einzelne Mundart nicht gewonnen werden können. Die mundartlichen Eigentümlichkeiten der oben erwähnten Art, deren Auftreten in einem größeren Gebiet zu verfolgen wäre, kann man aus den Der- schiebensten Gebieten des Sprachlebens wählen: aus ber Laut- und Formenbildung: wo finden wir das oberhesfische weit verbreitete b r u r e r neben bru ber ober i ch sein statt ich bin? ober aus bem Wortschatz: in welchen Gebieten gilt unser Gaul, wo statt besten Roß, wo Pferb? wo sagt man für letzte Nacht haint ober hint? Man könnte ferner (Eigenheiten ber Wortbilbung, des Satzbaues, bes Akzentes zuarunbe leaen. In Frankreich hat man ber räumlichen Verbreitung der Worte befonbere Aufmerksamkeit gewibmet, ber Wortgeographie; bas Ergebnis ist ber große alias linguistique von GilliLron. In Deutschland ging man den anderen Weg und legte die Läut- und Formenentwickluna zugrunde. Georg W e n k e r war es, der in Den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts sich mit Hilfe der Lehrer- -__________________ Erstes Blatt schiede sind so zahlreich, daß man bei Berücksichtigung aller schließlich jedes Dors fast als besondere Dialektlandschast betrachten müßte Man ist genötigt, eine Auswahl zu treffen, eine Auswahl der willigsten und einschneidenDsten Kennzeichen, und nach ihnen ist bie Tlunbartengüeberung vorzunehmen. Danach ist aber ohne westeres verstäub- lich, baß biefe Glieberung verschieden ausfallen kann, ja ausfallen muh, je nachdem, welche Kriterien als bie wesentlichsten benutzt werben. Ich werbe im folgenden bie meist gebräuchlichen anwenben. Aber auch hier kommen noch Schwankungen vor, ba ja ftänbig bie Möglichkeit bes Vorrückens einet Mundart gegen die andere und des Einflusses der Schriftsprache, damit aber Entstehung neuer Mischungen und neuer Grenzen besteht. So ist es durchaus denkbar, daß manche von ben gleich zu beschreibenben Grenzen heute anbers laufen als vor einigen Jahren ober Jahrzehnten (so alt finb bie Unterlagen des Sprachatlas). Es wäre bantbar zu begrüßen, wenn Leser blcser Zeilen, bie für ihre Heimatmunbart Abweichungen von bem hier Ge- te seststellen können, bem Verfasser ober bem )en Sprachatlas in Marburg Mitteilung ba« von machten. Unser Oberhessen gehört zum hochbeutschen, nicht zum nieberbeutschen Sprachgebiet, beim by Ober- Hesse sagt: ich esse bie eier ohne peffer, nicht: ik ete die eier ohne peper. Die Grenze für biefe brei Unterschiebe: ch im In- und Auslaut nach Vokal gegenüber k, inlautenbes (meist auch auslautenbes) s (ff) gegenüber t, f (ff) im Inlaut nach Vokal gegenüber p wird burch eine wenigstens auf ber Höhe unseres Gebietes ungefähr einheitlich laufenbe Linie gebilbet, bie ich auf ber Skizze als Nr. 1 (l k / i ch) bezeichnet habe. Sie verläuft nörblich an Frankenau, Walbeck, Naumburg, Kastel, Heiligenstabt vorbei. Innerhalb bes Hochbeutschen hält sich Oberhessen zum M i 11 e 1 beutschen nicht zum Oberbeutschen, benn bieses hat pfunb, Pfeffer, apfel, währenb man in Mittelbeutschlanb appel und — je nach ber Zugehörigkeit zu einer westlichen ober östlichen Hälfte — p u n b ober funb, penning ober fennig sägt. Der Leser bemerkt selbst, baß unsere Heimat westmitteldeutsches Sprachgebiet stt, denn mir sagen peffer, penntng, plaume, p u n b. Die Linie, bie biefe Scheibung vollzieht, habe ich als Nr. 2 bezeichnet; sie zieht von Süd- osten nach Nordosten etwa bei Rieneck, Brückenau, Bischofsheim, Fulda an der Ostgrenze von Oberhessen vorbei. In ber hohen Rhön zweigt bie pund - Linie von ber appel- Linie (2a) ab. Innerhalb bes Westmittelbeutschen ziehen wir nun eine Grenze im Osten: westlich ber von mir auf ber Skizze als Nr. 3 bezeichneten Linie lauten bie neutralen Pronomina unb ber Artikel bat und wat (d o t, tp o t), östlich (dieser Linie) dos, w o s. Diese Wörtchen und noch einige andere sind es, um derentwillen ich bei Besprechung ber hoch-/ nieber- beutschen Scheibe sagen mußte, baß an ber ik- Linie inl. unb ,meist" ausl. s gegenüber nördlichem t steht. Diese bat-, wat- Formen in bem mitteldeutschen Teilgebiet sind als sog. „Rest. Wörter" oder „Reliktformen" zu werten, als Be» weise dafür, daß früher einmal das Gebiet völlig zum niederdeutfchen gehörte und erst allmählich vom hochdeutschen erobert, „überschoben" wurde. Die b a t • b a 9 - Linie teilt bas Westmitteldeutsche in das westliche Mittelfränkische unb östliche Rhein- fränkische, sie läuft zwischen Bopparb unb Nastätten hinburch nach ber Lahn, so, baß Limburg westlich, Dillenburg östlich ber Grenze bleiben; Oberhesten ist rheinfränkisch. Das Rheinfränkische schließlich zerlegen wir in eine sübliche unb eine nörbliche Hälfte; bie Linie, die fest / fescht, R e st / R e s ch t und ähnliches voneinander scheidet, bildet die Grenze. Sie verläuft südlich von Darmstadt unb Mainz nach Norbosten auf bie bat-ßinie zu (Linie 4 der Skizze). Das südlich dieser Linie liegende Gebiet nennt man oft pfälzisch, vielleicht ist südhessisch eine passende Bezeichnung; nördlich liegt das Oberhessische. Und hier ist zu beachten, daß Oberhessisch im bialett- geographischen Sinn sich nicht nur auf die Provinz Oberhessen bezieht. Die 4 Linien, durch die ich das Oberhessische einzukreisen versucht habe, laufen mehr ober weniger entfernt von ber politischen Grenze unserer Provinz. Ich könnte als Grenzen der Provinz wenigstens im Südwesten und im Süden noch zwei Linien nennen: ber Unterschied zwischen Feld und F e a l d läuft etwa an der pund Linie 1 nessj Büdim rankP broudef brouder bruder bruder u.eis u.flesch pfund apfel CD /Nflutar yfdedbc ipund a'p'pei Erklärung der Schraffierung’, .9, 9T 'Alsfeld Umburg ik •---Linie! -lCh (und Erstes Blatt Giestener Anzeiger - Iubiläums-Ausqabe Seite 7 Westgrenze des Kreises Friedberg her; mit der Süd. grenze der Provinz läuft ein Stück der gleich unten zu besprechenden Scheide zwischen b r o u ö e r/ bruber, gout/gut u. ä. zusammen. Aber die Formen f e a l d und b r o u d e r gelten wieder nicht für die gesamte Provinz. Jedenfalls ist das Oberhessische im weiteren Sinn auf die oben angewandte Weise so eingegrenzt, daß der Oberhesse jederzeit an folgendem kurzem Satz zu erkennen ist: ich esse am b e ft e(n) dos a i ohne peffer; nord- licher würde es heißen: ik ete ani besten dot ai ohne peper; östlich: i ch esse am besten das ei ohne feffer; südlich: am beschde ohne peffer (oder noch südlicher: ohne Pfeffer); westlich: ich esse am besten dot c t ohne peffer. Ich gehe dazu über, einige wichtige Linien her. auszuheben, die unsere Provinz selbst in oer* schiedene Gebiete zerlegen, Lautlinien sowohl, wie auch wortgeographische Grenzen. An Lautlinien ist zunächst der schon oben erwähnte Unterschied zwischen b r u d e r und brouder zu besprechen. Diese Linie beginnt an der dat / das - Grenze nördlich von Dillenburg, geht bei Marburg über die Lahn, läuft zwischen Homberg und Kirtorf durch nach Süden, östlich an Schotten, südlich an Herbstein vorbei, zwischen Schlüchtern und Geln- baufen durch südwestlich auf den Main zu; nach einer kleinen Ausbuchtung ins Starkenburgifche wendet sie sich wieder nördlich und zieht östlich an Mainz_unb Wiesbaden vorbei, bann im Norden dieser ötabt mit einer Wendung nach Westen wieder zur bat- Linie. Der größte Teil ber Provinz sagt b r o u b e r, brourer, das östliche Stück bes Kreises Alsfeld und ber größte Teil von Lauterbach haben bruber, brurcr. Ich nenne ferner bie Grenze, bie noch ein weiteres Stück im Nordoften unserer Provinz adschneibet, bie Linie e i s / i s. Sie kommt von der i k / i ch. Grenze her, betritt zwischen Alsfeld und Grebenau die Provinz, zieht westlich an Lauterbach vorbei und verläßt südöstlich von Herbstein Oberhessen wieder, um zwischen Fulda und Schlüchtern hindurch auf die appel/apfel- Grenze zuzustreben. Fast ganz Oberhessen hat also eis; nur der Nordostteil des Kreises Lauterbach unb vom Kreise Alsfeld die Orte Reimenrod- Schwarz und östlich davon zeigen i s. Uns Gießener geht besonders nahe die dritte zu nennende Linie an, die Grenze zwischen flasch und slesch. Diese zweigt nördlich Hillenburg von der bruber/ brouder.Linie ab, geht im Zickzack in süböst- licher Richtung auf die Provinzgrenze zu, bie sie dicht nördlich von Gießen überschreitet; hier wendet sie sich scharf nach Osten und läuft zwischen Laubach und Grünberg durch wieder auf die brouder/ bruber« Linie zu. Ich könnte noch eine Reihe anderer Lautgrenzen anführen; etwa bie Linie, die die Entsprechungen für schriftsprachliches nichts scheidet und die Kreise Friedberg und Büdingen Dom Westen nach Osten durchzieht: naut heißt es im Norden, niks im Süden einer Linie, die etwa über Ober-Mörlen, Nauheim, Steinfurth, Södel, Melbach, Dorheim, Beienheim, Dorn-Affenheim, Nieder, und Ober-Florftadt, Leidhecken, Nieder- Mockstadt, Heegheim und Glauberg als südlichste naut- Orte zieht. Oder die dreifache Teilung des westlichen Teiles unserer Provinz durch die Wiedergabe des schriftsprachlichen u n s ; u n s im Sübwest- zipfel des Kreises Friedberg, u s tm größten Teil dieses Kreises und im Kreis Gießen südlich einer Linie Großen-Linden—Watzenborn—Garbenteich— Steinbach, Nieder- und Ober-Bessingen, Röthges; nördlich dieser Linie aber o i s im Westen, i s im Osten, so daß Wieseck, Rödgen, Oppenrod östlich der o i s / i s - Linie bleiben. Aber ich wende mich zur Darbietung einiger wortgeographischen Grenzen. Da ist zunächst die südlichste Linie, die Rahm gegen nördlich Schmand abgrenzt; sie durchzieht die Provinz Oberhessen von Südwesten nach Nordosten, an Ufingen, Friedberg, Schotten. Lauterbach vorbei. Etwas weiter nördlich und mehr im Zickzack verläuft die Linie zwischen leer und lebig. In ben Kreisen Friedberg, Schotten (größtenteils), Büdingen, Lauterbach und einem Teil vom Kreis Gießen und Alsfeld ist die Scheuer ober ber Topf leer; im größten Teile des Kreises Gießen und einem Stück von Alsfeld aber ledig. Nördlich einer Linie Wetzlar—Gießen—Laubach—Schotten— Gedern—Schlüchtern heißt es Sonnabend, südlich Samstag. In der Umgegend von Gießen und im Süden der Provinz bis etwa zu einer Linie Schotten—Gedern zackert der Bauer; nördlich davon aber und östlich ber Linie Scholien—Boden- housen—Kirtorf ackert er; im nörblichen Kreis Gießen hört man statt dessen auch ehren. Der Speicher des Hauses heißt in ben Kreisen Büdingen lind Lauterbach und in Teilen von Schotten und Alsfeld Boden; in der westlichen Wetterau Speicher, im Kreis Gießen und im westlichen Kreis Alsfeld Oberlaube u. ä. Im Süden der Provinz geht der G i ck e l ober Gockel mit den Hinkeln spazieren; dann kommt ein Gebiet, wo der G i ck e l ober Gockel mit ben Hainern geht, im Norben des Kreises Alsfeld aber wieder mit ben Hinkeln; unb im Norbwesten, nörblid) einer Linie Allenborf—Homberg tut es nicht mehr ber Gickel, fonbem ber H o n e. Und zwar können sie dabei östlich einer Linie Alsfeld—Gedern- Soden—Salmünster in der Spreu oder S p r e i scharren, westlich davon aber in der <5 p r a u. In Don der Denkmalpflege in Oberhessen. Bon Geheimen Baurat Heinrich Walde, Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt Die Schriftleitung hat mich aufgeforbert, für bie uorliegenbe Festnummer einen Bericht über bie Denkmalpflege in Oberhessen zu geben. Ich tue dies um so lieber, als die Denkmalpflege nicht in gleicher Weise durch ihre eigenen Taten sprechen kann wie eine neu schaffende Kunst. Ihre Aufgabe ist es, Bestehendes zu „pflegen", also zu erhalten und in- standzufetzen. Zuweilen wird solche Pflege äußerlich überhaupt nicht sichtbar, zum Beispiel an Ruinen — bann ist sie, vom ästhetischen Standpunkt betrachtet, sicherlich gut. Andererseits ist oft bie Verwahrlosung unb Verunstaltung an alten Bauten so er» Der Präsident des Hessischen Landtags, Herr Bürgermeister Adelung. Die Geschichte einer Zeitung ist Weltgeschichte schlechthin. Alles große und kleine Geschehen des Tages findet seinen Niederschlag in den Spalten der Zeitung, jede Entwicklung in Politik, Wirtschaft und Kultur spiegelt sich wieder in der Zeitung; sie ist Chronist und gleichzeitig Kämpfer für eine Idee. Fast zwei Jahrhunderte sind seit den Anfängen des „Gießener Anzeiger“ dahingegangen, eine Zeitspanne, in der sich das Gesicht der Welt vollkommen gewandelt hat; in Wissenschaft und Technik hat der Menschengeist in ungeahntem Ausmaße neue Wege und Möglichkeiten erschlossen. Aus der Vielheit der deutschen Staaten ist ein einiges Deutsches Reich geworden. Eine neue Staatsform hat sich in Deutschland entwickelt, in der der Wille des Volkes oberstes Gesetz ist. Das deutsche Volk ringt zur Stunde um Aufstieg und Geltung; es bedarf in dieser schweren Zeit einer Presse, die ihm treuer Mentor und Wegbereiter ist. Die Demokratie hat die Verantwortung für das Staatsganze auf die Schultern der breitesten Volksschichten gelegt. Das Gefühl dieser Verantwortung muß gestärkt und die Einsicht geschult werden. In diesem Ziele trennen keinerlei weltanschauliche Gesichtspunkte. Zu dieser großen Aufgabe der Gegenwart und Zukunft entbiete ich dem „Gießener Anzeiger" an seinem Ehrentage herzliches „Glück auf“. ben meisten Gegenden ber Provinz kämmen sich bie Frauen die Haare, in Teilen des Kreises Gießen st r ä h 1 e n sie sich aber, anderwärts macyen sie die Haare ober das Haar. In ber westlichen Wetterau steht neben der Deichsel die Geisel, neben Peitsche die Gaschel. Es wären noch viele derarttge Unterschiede anzuführen; und die aus diesem an sich schon intcr« essanten Stofs gezeichneten Karten lassen noch viel wichtigere Fragen auftauchen, die Fragen der Wortwanderung und Wortverdrängung, nach Verlust und Ersatz, Kontaminationen, Restwürtern unb Neubildungen. Vor allem fragt wohl auch ber Leser dieser Zeilen: warum verlaufen diese Grenzen gerade so und wie entstehen sie? Die Mundart, geographie gibt Antwort: nicht alte Gau- ober Stammesscheiden sind es, nicht lediglich natürliche Grenzlinien, sondern die politischen Grenzen der spätmittelalterlichen Territorialgeographie geben hauptsächlich Anlaß zur Entstehung von Mundart- unterschieden. Diejenigen Leute, die zum selben Territorium gehörten, gingen zum selben Orte zu Markt und Gericht, sie heirateten untereinander. So kam es zu einer Mischung und zum Aus- gleich in ihrer Sprache. Die Angehörigen des Nach, barterritoriums machten es unter sich ebenso. Zwischen den beiden Territorien aber entstehen Unterschiede und damit sprachliche Grenzlinien. Durch jede Aenderung der politischen Grenze ver- schiebt sich der Verkehr, damit entstehen aber neue sprachliche Mischungen, neue Grenzen. Doch die Enge des zur Verfügung stehenden Raumes verbietet es, näher hierauf einzugehen. schreckend groß, daß das Eingreifen der Denkmalpflege fast einem Neufchaffen gleichkommt. Wie weit man in solchen Fällen gehen darf, ist eine Frage der Pietät und des künstlerischen Taktes. Seit dem 16. Juli 1902 gibt es ein Denkmalschutzgesetz. Denkmalpflege gibt es schon länger. Sie geht zurück in die Zeit, die ben großen geschichtlichen Umwälzungen folgte, wo auch bie Gleich- gültigfeit dem historischen Besitz gegenüber am größten war, in den Anfang des verflossenen Jahr- Hunderts. Damals gab man die Klosterkirche von Arnsburg dem Abbruch preis, legte die Liebfrauenkirche am Dom in Mainz, die Johanniskirche am Dom in Worms nieder. Da erhob sich mit Recht, wenn auch zunächst nur vereinzelt, der Unwille gegenüber solcher Beseitigung alten Kulturgutes. Im historischen 19. Jahrhundert griff der Denkmal- schutzgedanke weiter um sich und fand in Hessen schließlich seine feste Form in einem Gesetz. Der Inhalt des Gesetzes ist wenig bekannt. Man weiß in ber Regel nicht, baß ber Staat zwar bie Macht hat, den Personen öffentlichen Rechts — also den politischen und kirchlichen Gemeinden — Veräußerungen und Veränderungen an Gebäuden und Gegenständen, die Denkmalswert besitzen, zu untersagen, daß aber Privatpersonen gegenüber ein solches Recht sehr beschränkt ist. Privatpersonen haben die gesetzliche Verpflichtung, den Denkmalpfleger zu hören, unb müssen seine Entscheibung abwarten; sie sind aber, wenn die Veränderung nicht geradezu einer Beseitigung gleichkommt, an die Anordnungen des Denkmalpflegers nicht gebunden. Wird die Beseitigung eines Denkmals untersagt, so muß der Privatmann als Besitzer entschädigt werden, wenn er Schaden erleidet. Auf den ersten Blick er- scheint diese Nachgiebigkeit gegenüber dem Privat- besitz als bedenkliche Schwäche. Und doch hat sie sich bewährt. Der Denkmalpfleger ist weniger die mißliebige Aufsichtsperson geworden, bie man zu meiben sucht unb der man Maßnahmen verheim- licht, als vielmehr ber Ratgeber, den man ruft und mit dem zusammen man erwägt, wie weit den praktischen Forderungen unb wie weit denen der Denk- malpflege Rechnung zu tragen ist, unb ob nicht schließlich beibe miteinander sich vereinigen lasten. So allein war es möglich, Einfluß und Vertrauen zu gewinnen und der guten Sache in weitesten Streifen zur Anerkennung zu verhelfen. Es versteht sich von selbst, daß bie Denkmalpflege zunächst auf Mißtrauen unb Widerftanb stieß, daß sie in vielen Fällen ihren Willen nicht burchsetzen konnte. Wenn man ben realen Forbe- rungen bes Lebens, des Handels unb des Verkehrs gegenüber machtlos die Segel streichen muß, so mag das hingehen — schwieriger ist es, Entsagung zu üben, wenn man infolge offensichtlicher Verständnislosigkeit ober kleinlicher Erwerbssucht hohe Kulturwerte bahinschwmben sieht. Alles in allem aber kann man erfreulicherweise es aussprechen, baß ber Sinn für die Denkmalpflege in allen Schichten der Bevölkerung immer mehr Baden gewinnt. Wird doch der Rat des Denkmalpflegers von Jahr zu Jahr immer häufiger begehrt, zur Zelt so stark, daß den Ansprüchen nicht Genüge geleistet werden kann. Die Ausgaben der Denkmalpflege sind sehr viel- feiti$. Es geht um Kirchen und Rathäuser, um Schlösser, Bürger- und Bauernhäuser, um Burgen unb Stabtmauern, um Straßenbilder unb 'Bebauungspläne, um bewegliche Gegenstände aller Art, Skulpturen unb Gemälbe, Orgeln und Altäre, Glücken unb kirchliche Geräte, um elektrische Lichtanlagen, um Kriegerehrungen unb dergleichen mehr. Eine der segensreichsten Bestimmungen des Gesetzes ist, daß auch die Umgebungen der Denkmäler unter Schutz gestellt werden. Sie hat schon manche Beeinträchtigung von Kirchen und Rathäusern ver- hindern Helsen, zumal in jetziger Zeit, wo aller Orten auf Kirchplätzen unb Märkten Denkmäler er- richtet werben. We.m auch oft große Aufgaben in der Wiederherstellung von Kirchen und anderen großen Gebäuden gestellt waren, so wurde doch ein besonderer Wert auch auf das scheinbar Nebensächliche und doch so Wichtige gelegt: auf bie Erhaltung bes Heimatlichen, also bes für Oberhessen Typischen. Aufgaben besanbers schwieriger Art ergaben sich in der Behandlung der alten Malereien, die bei Wiederherstellung von Kirchen ans Tageslicht traten. Hier leisteten unschätzbare Dienste der Maler Hermann Veite aus Niederramstadt, und neben ihm der Maler Otto K i e n z l e aus Traisa. Sie haben — der erstere schon seit 1903, als es galt, die Bilder von Fraurombach bei Schlitz auf- zunehmen — viele alte Malereien freigelegt und in natürlicher Größe gewissenhaft ausgenommen, haben sie auch wieder zur Geltung zu bringen gewußt mit der Entsagung und Zurückhaltung, die den alten Kunstschätzen gegenüber geboten erschien. Und in dieser eindringlichen Beschäftigung mit alter Kunst hoben sie die Schule gefunden, die sie befähigte, in freiem Schaffen Kirchen und andere Räume neu auszumalen und — was nicht zu unterschätzen ist — unzähligen Weißbindern künstlerische und technische Anweisung zu geben. Die Farbe ist nicht minder wichtig als die Form, und an der Wiedergeburt so manchen Kirchenraumes ober Rathaussaales, an der guten Erneuerung so manchen Hausanstriches gebührt ihnen ein Hauptverdienst, mögen sie selbst die Arbeit durchgesührt ober nur Rat erteilt haben. Jederzeit fanden die Denkmalpfleger die regste Unterstützung bei ben Baubeamten bes Laubes. Ihnen war in ben meisten Fällen bie Ueberwachung ber Arbeiten anoertraut. Höchst erfreulich war es auch, wie verstänbnisooll bie Hüter ber zahlreichsten unb wertvollsten Denkmäler, bie Geistlichen, bas Wirken ber Denkmalpflege schätzten und förderten. Städt. Gaswerk Gießen Stadt. Gaswerk Gießen Seltersweg 58 A*~ Eingang Seltersweg u, Bahnhofftraße —Weftanlage Städt. Volksbad Gießen Städt. Volksbad Gießen Seltersweg 58 A — Eingang Seltersweg u. Bahnhofftraße — Weftanlage ERZEUGNISSE von GaS zu Leucht-, Koch-, Heiz- und Industriezwecken KokS für Zentralheizungen, Industrie und Wohnungen Teer zum Streichen von Pappdächern und Holz sowie zur Herstellung von Strasten Schwefelsaures Ammoniak mit 21°/0 Stickstoff bzw. 25% Ammoniak • Benzol für Automobile VERKAUF von GaSgeräten, wie Lampen für Steh- und Hängelicht Gasheiz- und -Badeöfen, Gasbügeleisen, Koch- und Backherde, Schweiß-, Härte-, Löt-, und Schmelzapparate für die Industrie Ausführung sämtlicher Installationsarbeiten für Gas und Wasser BADEZEITEN Schwimmbad. Montag: Damen und Sperren 8-9% Damen 9V,-tl,Herrenl1-1,DamenundHerren2V,-7.Dienstag: Damen und Herren 8 — 9% Mittwoch: Damen undHerren 8 — 9%Damen 91/2-11,Herren 11 — 1,DamenV/,—4, Damen und Herren 4-7. Donnerstag: Damen und Herren 8-9% Damen 97,-11, Herren 11-1, Damen 2'/,-4, Damen unb Herren 4-7. Freitag: Damen unb Herren 8-9% Damen 9*/,-11, Damen und Herren 11-7. Samstag: Damen und Herren 8-9% Damen 91/,—11/ Damen unb Herren 11 — 7 Wannenbad 1 .—3. Kl. und Brausebad. Montag: 2V,—7,DienStag, MlttwochundDonnerstag8-l,2*/,-7,FrettagundSamStag8-7 Dampf- oder Heißlustbad und römisch-irisches Bad für Herren: Mittwoch 10-1, Donnerstag 10-1, 21/*~7, Freitag 10-2% Samstag 10—7, für Damen: Mittwoch und Freitag 21/i-7 Medizinische Bäder werden im Wannenbad verabfolgt Schwimmunterricht während der Öffnungszeiten der Schwimmhalle Kassenschluß: 20 Minuten vor Schluß der Badezeiten Kohlensäure-, Sauerstoff-, Salr-, Fichtennadelbäder usw. Berkaus von Badematerialien • Verleihung von Badeanzügen usw. Aufbewahrung von Badewäsche M » H h IM 1 I ■ I I 1 ^GÜElS-^V f Porz eil a. Ti- ’ Steingut MoiiigSemmle. . Giessen '^^/gvantontr.l5i Edgar Äorrmann / Gießen Telephon 3?r. 165 / Neustadl Nr. 11 Eisenwaren, Werkzeuge, Lau- und Möbelbeschläge, Herde, Oefen, Haus- und Küchengeräte, Solinger Stahtwaren, Waffen und Munition, landwirtschaftliche Gerate, Alfa-laval-Separatoren Vorteilhafte Äezugeauelle für Wiederverkäufer ADOLPH LYNCKER • GIESSEN Telephon 147 Inhaber: Ad. und W. Lyncker Telephon 147 Bahnamtliche Rollfuhrunternehmer und Spediteure Spedition Zollabfertigung • Verteilung von Wagenladungen • Güterbestätterei Gegründet 1871 hie Stabtoer Stelle nicht werden mufi und wird [eil nur ein paai Flurname Atz Wiel JMhiii öl« man ged Tram über Stunde S v pier‘orb b Uen toi & M°r Flur- D Direktor Wer mi Stabt dun Slrahenjch Melaus die darau! 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Unser letzten zehn gearbeitet größte ssm „Am @rür dielen unoe Einheimis» betrieb [,e ble täglich Hn niffen ist. mi®5 -st &a ?- ft Sä A ehhrStOmi glichen W Aul-nden frt, das ftn Wetz Pianohaus ROBERT SCHÖNAU Selters weg 91 Gießen Seltersweg 91 Fernsprecher 1269 Pianos, Flügel, Harmoniums Phonola, Triphonola * Konditorei und erstes Wiener Caft Heinrich Hettler Hoflieferant Altbekannte erstklassige Konditorei Solides Kaffeehaus * Modelle fillllllllllllllllUIIIIIIIIIIIII(lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll|[||||lllllll!llllllllimLllH[H|||||l||||||| MMee-ASsstever und Rohkaffee-Lager Kakao / Schokolade / Tee Gießen Löberstraße 11 Telephon 759 Großes Lager • in Spirituosen Weißweine / Rotweine Schaumweine Medizinal- und Krankenweine Mitglied des Sdeka-Slnkanf'Verbandes, welcher sich über ganz Deutschland erstreckt und zur Zeit zirka 35 ooo selbständige Geschäfts« betriebe der Kolonialwaren- branche umfaßt zwecks gemeinschaftlichen Einkaufs Kleider Kostüme Mäntel Pelzjacken Pelzmäntel Vornehme Maßanfertigung Offenbacher Lederwarenhaus Inhaber-Adolf Wolf Äk.HGießen •> Kreuzplah/il.H FroLsnZaLwaren Lebensmittel / Feinkost Konserven / Südfrüchte Fische Spezialgeschäft in Offenbacher Lederwaren Reise- und Handkoffer Damenhandtaschen Geldschein- und Brieftaschen Portemonnaies Necessaires Zigarren- und Zigaretten-Etuis Einkaufsbeuteln Aktenmappen Schulranzen ufw. 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Sie ist eine Selbstverständlichkeit wie das Mittagessen und ein geheimes Rührmichnichtan wie das Theater: Vom Zuschauerraum aus kennen sie alle, durch den 'Bühneneingang gehen nur wenige und ihr innerer 'Betrieb steckt voll von einer gewissen Romantik, die täglich neu und täglich wechselnd ein Gebiet von tausend Möglichkeiten und tausend Geheimnissen ist. Es ist anstrengend, zermürbend, aufreibend, widerwärtig, Tag für Tag die immer neuen Wechselfälle des Tages zu registrieren, neben dem Großen das Kleine, neben dem Bedeutenden das Minderwertige, neben dem Erhebenden das Niedrige, neben dem Schönen das häßliche in unmittelbarer Nachbarschaft zu sehen und zu gestalten. Es ist herrlich, beglückend, rouschhaft schön, immer unb jeden Augenblick mitten im tollsten Wirbel des -Sebensftromes zu stehen, umbrandet von den un- «ndlichen Wellen des vielgestaltigen Schicksals, das Tausenden das Gleiche ist und doch verschieden scheint, bas in riesiger Branbung anstürmt unb in flachen Wellen zurückebbt, je nachdem der Sturm ler Ereignisse Menschen und Schicksale treibt. Denn »ichts gibt es im Leben, das nicht irgendwie und -wann in der Zeitung feinen Widerhall findet, mag r) nun der Leser gedruckt sehen ober mag es in dem Hapierkorb der Redaktionen ein stilles Ende finden. Gehen wir zusammen durch den Betrieb! Die Morgenpost bringt einen riesigen Stoß Zeitungen unb Briese, Drucksachen unb Tele- Gramme. In wenigen Minuten ist Ordnung in dem Wirrwarr geschaffen. Ein Teil mit den politischen Tageszeitungen und dem Telegrammaterial der «rohen Depeschenbureaus geht in die politische Redaktion, ein zweiter mit Briefen aus allen Teilen der Provinz geht an die Prooinzredaktion, die auch die große Menge der kleineren Lokalblätter aus der Provinz erhält. Die Lokalredaktion bekommt neben den Zeitungen am gleichen Orte die Postsachen von Vereinen, Behörden, Verbänden, Geschäftsleuten unb Privatpersonen, soweit sie in bas Gebiet allgemeiner Sntercffen fallen, ber Handelsredakteur erhält sein Börsenmaterial und die wichtigsten politischen unb Handelszeitungen, beim Sport ist es das Gleiche auf anderem Gebiet und der Feuilletonist findet in den Postsachen außer den laufend abonnierten Korrespondenzen bas gesamte zur Besprechung eingehende Büchermaterial von den Verlagen, um es an die sachverständigen Mitarbeiter ober Ressortkollegen weiterzuleiten. Dazu kommen die zahllosen Briefe mit Gedichten und Geschichten, parfümiert unb gefüttert, mit steiler Damenhand- schrift ober ungelenker Jünglingsfeber, die die Zeitung zum Sprungbrett ihrer Dichterlaufbahn (wie sie meinen) zu machen hoffen. In diesen Wust von Papier stürzt sich all- morgendlich die Redaktion. Schnell füllen sich die Papierkörbe, langsam die Manuskriptkästen, in denen das druckfcrtig gemachte Material für den Boten ber Setzerei bereit liegt. Inzwischen kommen bei der Telephonzentrale die Anrufe aus Berlin, Frankfurt unb den anderen Zentren des politischen Lebens, aus den Landeshauptstädten wie aus der Provinz und der Stadt, und immer neues Nach- richtenmaterial strömt ununterbrochen auf die Redaktionstische, nachdem es über das Stenogramm des Telephonisten durch die Schreibmaschine gegangen ist. Der Rundfunk gibt allstündlich auf der feststehenden Welle seine Berichte, örtliche Mitarbeiter bringen die Versammlungsreferate vom Abend des Vortages, die Polizei schickt ihre Angaben über die Kriminalfälle ber Woche, vom Marktplatz fliegt die Preistobelle, vom Standesamt eine Einwohnerstatistik auf die Pulle, Musik- und Theaterkritiken finden ihren Weg in die Zimmer, Gerichtsberichte heischen Aufnahme, Sportnachrichten fordern in letzter Stunde als letzte Neuigkeit ihren Platz — und in all dem tollen Ansturm der Dinge sitzen an ihren Tischen die Redakteure und schreiben mit fliegender Feder ihre eigenen Artikel zu den wichtigsten Fragen des Tages, ständig unterbrochen durch die- Klingel des Telephons oder die Frage des Auskunft heischenden, der gerade im oft un- günstigsten Augenblick die schwerstwiegenden Dinge zur Sprache bringt, ständig gewärtig eines neuen Ereignisses, ständig oorausbisponierenb mit Zeit unb Platz, ftänbig aber bereit, alles sorgsam unb Hungen. Ei •was?/.' Alte Gießener Flur- und Straßennamen. Don Professor Dr. Karl Ebel, Direktor ber Universitätsbibliothek in Gießen.' Wer mit bem Stabtplan in ber Hanb eine fremde Stadt durchwandert und aufmerksamen Auges die Straßenschilder sucht, dem werden oft unlösbare Rätsel aufgegeben, wenn er sich unter den Namen, die daraus stehen, etwas denken will. Zwar eine Goethe-, Bismarck-, Bahnhofstraße findet er überall, und er weiß, was der Name besagen soll. Er kann auch verstehen, daß man mit der Meyerstraße eine Lokalberühmtheit ehren will, und daß die Leipziger Straße nicht nach Frankfurt führt. Aber, was soll er mit einer „Blauwolkengasse", einer „Zeil", mit „Arn Grün" anfangen? Und doch steckt gerade in diesen unverständlichen Bezeichnungen, an denen der Einheimische meist achtlos und gedankenlos vor- übergeht, ein Stück (Eigenart der Stadt, ein Stück ihrer Geschichte, das dem Kundigen manches zu sagen weiß Dasselbe gilt von den Flurnamen, die der Ackerbürger braucht und gebraucht, um sich in der Feldmark zurdchtzufindcn. Aber wieviel ist an beiden gesündigt worden! Gemeinderäte und Geometer haben miteinander gewetteifert, die schönen allen Namen so zu entstellen, daß es wissenschaftlicher Forschung bedarf, sie in ihrer ursprünglichen Bedeutung zu erkennen. Oder sie haben sie gänzlich beseitigt zugunsten nichtssagender Bezeichnungen. Es ist hier gegangen wie mit den alten Häusern, die man abgerissen hat, um an ihre Stelle „der Neuzeit entsprechend" geschmacklose andere zu bauen, nachdem man die „krumme Gasse" verbreitert und geradegelegt, sie zur „Straße" gemacht und „Licht und Luft geschaffen" hat. Es soll hier wahrlich nicht zugunsten überlebter Zustände gegen bas gute Neue, gegen den wirklichen Fortschritt gewettert werden, aber ver- langt werden muß Ehrfurcht vor dem überkommenen Gut aus der Väter Zeiten, in dem so unendlich viele erzieherische unb Gefühlswerte stecken. Die alten Flur- und Straßennamen sind solches Gut. Unsere heimische Stadtverwaltung hat in den letzten zehn Jahren mit Erfolg an ihrer Erhaltung gearbeitet. Die Feldbereinigung, anderwärts ber größte Feind der Flurnamen, hat in unserer Gemarkung nicht einen einzigen beseitigt, und wenn in ber Stadt eine neue Straße zu benennen war, hat die Stadtverwaltung zuerst gefragt, ob an dieser Stelle nicht ein alter Namen haste, der erhalten werden müsse. Dieses Verständnis ist hocherfreulich imb wird seine Früchte tragen. Möge man jetzt auch roch einen Schritt weiter gehen und alte Namen, die entstellt oder ganz beseitigt worden sind, wiederherstellen! Die Mühe ist gering, unb kosten wirb es nur ein paar neue Straßenschilder. Flurnamen unb Straßennamen finb als topo- oraphische Benennungen gleichartigen Ursprungs: sie können deshalb unter einheitlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Mit ber Bedeutung, die ben alten Flurnamen gleich den Ortsnamen für die Erforschung der Urgeschichte unseres Landes, feiner Besiedlung durch verschiedene Völker zukommt, wollen wir uns hier nicht beschäftigen: dazu würden etnmologifd)e Erklärungsversuche gehören, die den Philologen überlassen bleiben müssen. Wohl aber dürfen wir aus ihnen Schlüsse ziehen auf die Beschaffenheit des Bodens und feine Kultur, auf feine Nutzung, auf die Anlagen, die sich auf ihm befanden, auf Besitz- ynb Rechtsverhältnisse u. v. a. Im ganzen geben sie uns ein Bild der Gemarkung und ihrer Entwicklung. Um sie richtig zu verstehen, muß man ihre älteste unb ihre mundartliche Form kennen, beide kommen einander am nächsten. Erst als die Tätigkeit der Geometer begann, gingen die mund- Besitz-, Rechts- und kirchliche Verhältnisse, Beschäs- tigungen der Bewohner, bauliche Anlagen u. ä., die die Namengebung veranlaßt haben. Stets aber ist ber Name nicht wie heute gesucht unb von der Behörde beschlossen worden, sondern unmittelbar im Dolksmund entstanden. Der Pressechef der Reichsregierung, Herr Ministerialdirektor Dr. Riep. Empfangen Sie zur Feier des hundertfünfundsiebzigjährigen Bestehens des Gießener Anzeigers die herzlichsten Glückwünsche. Möge Ihnen auch in Zukunft ein erfolgreiches Wirken im Dienst an Volk und Vaterland beschieden sein, die heute mehr denn je der aufbauenden Arbeit der Presse bedürfen. Der Provinzialdirektor der Provinz Oberhessen, Herr Graef. Je größer die wirtschaftliche Not unseres Volkes ist, um so größer wird die Bedeutung und der Einfluß der Presse. Da ein erheblicher Teil des deutschen Volkes sich auf allen Gebieten große Einschränkungen auferlegen muß, ist die Presse für Viele die einzige Bildungsquclle. Die Presse wird damit zum Nachrichten- und Kulturmittelpunkt vieler Menschen. Eine sich ihrer Verantwortung bewußte Presse darf diese Gesichtspunkte niemals aus dem Auge lassen, wenn sie an die Lösung der ihr gestellten Aufgaben herantritt. Je stärker der Zerselzungsprozeß der politischen Parteien fortschreitet, um so größer muß bei der Presse das Suchen nach der Wahrheit sein. Die Verantwortung der Presse war wohl niemals größer als jetzt, wo so weittragende Fragen innen- und außenpolitischer Art zur Entscheidung stehen. Wohl niemals stärker als im Weltkrieg hat sich gezeigt, daß die Presse die öffentliche Meinung formt — zur Wahrheit und zur Lüge -. Möchte die deutsche Presse gegen die in einem Teil der Auslandspresse immer noch auftretende Lüge Front machen und „den unzerstörbaren und unveräußerlichen Lebensrechten des deutschen Volkes Gehör und Achtung verschaffen“. Ich bin überzeugt, daß der Gießener Anzeiger seiner Aufgabe auf dem Gebiete der Volksbildung, der Erforschung der Wahrheit und der Wahrung deutscher Interessen jederzeit gereiht wird. artliche unb bie geschriebene Form auseinander, da der Kartenzeichner den ihm oft unverständlichen Namen ins Hochdeutsche zu übersetzen versuchte. Aber auch im Volksmund wandelte sich ein Name: seine alte Bedeutung wurde nicht mehr verstanden und er durch einen neuen verdrängt, besonders wenn die Grundlage, auf der er beruhte, weggefallen war, z. B. bei Besitzwechsel. In den alten Gassennamen haben wir teilweise noch die Flurnamen selbst. Häufiger jedoch sind es Sehr viele Flur- und Straßennamen bieten der Deutung unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten, ihr Sinn bleibt uns verborgen, bis ein glücklicher Fund plötzlich jeden Zweifel löst. Die Erklärungsversuche, bie ich im folgenden gebe, beruhen auf einem im Januar 1903 gehaltenen Vortrag, in dem ich bereits Berichtigungen zu meiner kurz vorher in den Hessischen Blättern für Volkskunde erschienenen Arbeit durch neu aufgefundenes Material beibringen konnte. Begeben wir uns zunächst einmal in die Feld- flur, um zu hören, was uns einige ihrer N amen zu sagen haben. Da gibt es eine ganze Anzahl, bie uns die Beschaffenheit des Bodens oder feine natürlichen Kennzeichen melden. Die sumpfige Lage bezeichnet im Norden der Stadt die „Schwarzlach" (1484: Swartzelache) und der „Edergraben", nach dem die Ederstraße benannt ist. Die letztere führt ebensowenig nach der Eder wie die Weserstraße nach der Weser, die ihre Ehrung nur einem Mißverständnis verdankt. „In der Pfütze am Iunkeracker" ist ein sumpfiger Fleck um den Flutgraben am Schnitt- punkt der Heuchelheimer Straße mit der Gemarkungsgrenze. „Auf das Bruch" gelangen wir da, wo der „Bruchgraben" oder Klingelbach dem Nahrungs- berg am nächsten kommt. An dem Zusammenfluß zweier Flüsse spielt Wasser eine besondere Rotte, daher haben wir die Namen „Hamm" und „Sand" zweimal in der Gemarkung, von denen der erstere schon im 15. Jahrhundert, der zweite noch früher belegt ist. Beide kommen an der Lahn und an der Wieseck vor, sie bedeuten Flußufer. Andere, ebenfalls schon im 15. Jahrhundert oorkommende (Erinnerungen an Wasser, sind ber „Waldbrunnen", der „Ceyäserborn" und die „Wolfsfurt", die ihren Namen wohl von den Wölfen führt. In den Wäldern des Dünsbergs fanden sich diese gefährlichen Raubtiere noch im 17. Iahryundert in großer Zahl: in strengen Wintern, vom Hunger getrieben, mögen sie ost bie Lahn burchschritten haben. „Schwarzacker" und „Weißerde" zeigen die Färbung des Bodens an. Die Weißerde ist der Tonboden, aus dem heute die Gailschen Tonfabriken ihr Material beziehen. Am Rande dieses Gemar- fungsteiles läuft der „Aulweg", im Mittelalter „ulnroeg" genannt. Die Bezeichnungen Aulöfen und UUner für Töpferofen und Töpfer waren in der Wetterau üblich, in einer Gießener Urkunde vom Jahre 1393 erscheint ein Cuntze Ulner, unb hundert Jahre später ein Henchen Ulner. Der Aulweg ist daher der Weg, den die Töpfer gingen, wenn sie den Ton, die „weiße Erde", zur Herstellung ihrer Waren holen wollten. Analog erklärt Karl Weigand den Ortsnamen Ulfa als das Flüßchen, an dem Töpfe gemacht werden. Die Bodenbeschaffenheft gibt auch der ,Hardt" ihren Namen, eine in Deutschland weit verbreitete Bezeichnung für festen, steinigen Boden. Trockenen, rissigen („lechen") Grund hat die .Lichtcnau". Ihr richtiger Name, wie ihn z. B. der Wiesecker aus- spricht, ist „Lechenau", 1347: kechinauwe; die heutige Form ist erst im 17. Jahrhundert ausgekommen. Die 1375 und später vorkommende leichinauwe hat zu der Annahme geführt, daß am Rodberg, wo sie liegt, ein Kamps stattgefunden (jabe, und da dort auch das „Römersloch" zu finden ist, so war man sicher, daß es sich um eine Schlacht zwischen Römern und Chatten handeln müsse. Leider ist die Erklärung viel harmloser, denn „loch" ist „lohe" und bedeutet Wald, Gehölz, das in diesem Falle sich im Besitz eines Gießener Bürgers namens Römer befand. Daß der Wald einst viel näher an die Stadt herangetreten ist, sehen wir aus den zahlreichen Namen, die auf Rodungen Hinweisen. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung mußte Ackerboden gewonnen, der Wald geschlagen werden. Eine ber ältesten Rodungen ist vielleicht der „Rodberg", an dem auch das alte Achstatt lag, er hieß ehedem kurzweg „auf dem Rodt". Andere gleichartige Namen sind „bie Rodgärten", die „Rodhohl" (an der Wil- helmstraße), das „Eichenrott" (15. Jahrhundert), genau Vorbereitete ebenso schnell wieder umzustoßen und neu aufzubauen: Der Herr des Tages — ber er am Abend er- scheint— ist am Morgen ber Sklave ber Sekunde. Das Tempo der Arbeit wächst mit den Stunden des Vormittags, bis die zweite und dritte Post herein ist, und bie Spannung unb Intensität nimmt zu, je weiter die Zeitung ihrer Vollendung entgegen- geht. Der Kampf mit d e n Z e i l e n , der anfangs vom Redaktionstisch aus geführt wurde, wird jetzt in ber Setzerei ausgetragen, wo am breiten Tisch das Heer ber bleiernen Zeilen des Befehlshabers harrt. In Tausenden von kleinen Gießformen (Matritzen), die klappernd durch die Setzmaschinen fielen, ist bas flüssige Blei zu fester Form erstarrt, und was als „Manuskript" in den Setzmaschinensaal hineinkam, verläßt ihn als gegossener „Satz". Die handgesetzten Ueberschristszeilen schieben sich zwischen die gleichförmig dahinkriechenden Blei- schlongen, Leben und Abwechslung hineinbringend unb Artikel von Artikel trennend. Langsam gewinnt der Stoff eine Form. Zwei- unb dreispaltige lieber* schristszeilen raffen einen größeren Komplex zusammen, geben ihm Farbe und schweißen ihn fest in die Gedankenkette des Inhalts. In großen eisernen Rahmen werden bie Seiten „umbräche n". Immer wieder und noch tobt ber Kamps mit ben Zeilen. Keine zuviel und keine zu wenig. Bis sich das Bild rundet und die geschlossene Seite durch den Auszug in die Stereotypie geht. Währenddessen ist der gesamte Inhalt ber Zeitung auf „Fahnen" ober „Bürstenabzügen" im Korrektorenraum gelesen, auf Fehler burch- gesehen und in allen Einzelheiten korrigiert worden. Fehlerhafte Zeilen sind zum zweiten Male gesetzt ober gegossen und in dem nun fast schon fertigen Spiegelbild ber Zeitung ausgetauscht worben. Immer mehr nähert sich die Zeitung ihrer Vollendung. Der handgesetzte Anzeigenteil geht durch andere Hände schließlich denselben Weg zur Stereotypie. Hier wird unter ungeheurem Druck von vielen Atmosphären (80—100) das Satzbild Seite um Seite in vorbereitete papierne Matern eingepreßt, die, biegsam, jetzt die halbzylin» brische Form annehmen, bie auf ber Rotationsmaschine für bie in Hartblei gegossenen Platten not- wendig wird. Das gußfertige Blei ergießt sich, durch Hebeldruck und Kolbenhub ausgelöst, in die mit der „Mater" ausgelegte Form, erstarrt im Augenblick, läuft, durch eiserne Feilen und Messer millimeter- genau hergerichtet, durch den Wasserkühler und geht so in seiner endgültigen Form zur großen Rotationsmaschine. Ein System von Walzen faßt hier das breite Papierband, führt es durch die Maschine, vorbei an den farbentragenden Platten, bie in ftänbiger, rafenber Umdrehung mit Hilfe des Druckzylinders die kilometerlange weiße Fläche schwarz bedrucken, jagen es über glatte Flächen, durch Trommeln mit schneidenden Messern und salzenden Vorrichtungen, bis endlich der Weg frei wird und die fertige Zeitung mit sechs, acht, zwölf, sechzehn, zweiunddreißig und mehr Seiten Stück für Stück sich auf dem Laufband herausschiebt. Dann rückt ber Maschinenmeister den Schalthebel auf vollen Lauf, und das dumpfe Donnern und Poltern der Maschine geht über zum tiefsten Baß, langanhaltend und schwer. Der Raum erzittert vom Rhythmus der Arbeit. Nur durch Zeichen mehr ist eine Verständigung möglich. Draußen aber in ber Abfertigung warten schon eilige Hände, die Zeitungsstöße in (Empfang zu nehmen, nach Orten der Provinz zu verteilen und gebündelt in die Säcke zu schieben, die bann im Auto ober Wagen zur Bahn gebracht werden. So fliegt die Kunde von dem Geschehen des Tages in alle Winde, bie Stadt horcht auf unb bie Straßen und die Dörfer. Vieltaufendfach vermehrt wirkt draußen bas Wort, bas im hellen Lichtkegel ber Schreibtifchlampe ber bunklen Feder entfloß, hunderttausend Augen fliegen darüber hin und denken noch einmal, was im Wettlauf mit den Minuten zwischen einem Telephongespräch und einem Ge- schäftsbrief schon einmal gedacht wurde, an Schreibpulten, Familientischen und Aushängetafeln, in Bureaus, Lesezimmern und Kaffeehäusern, während sich indessen das Rad des Tages weiterdreht und unablässig in seinem Gang verfolgt wird von den Redaktionen, auf daß morgen und übermorgen unb wieder morgen und Tag für Tag feine Spuren fest- gehalten werden: Am Tage für den Tag in nie endenwollendem Lauf. . ; Seite 10 Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Zweites Blatt I heute „Eichgärten" genannt Die Gewann „Fuchs- rode" heißt 1320 Foitxrode und bedeutet die Rodung des Dogtes. Eine weitere Bezeichnung für Rodland findet sich dann noch an der Heuchelheimer Straße, wo eine Gewann „die Schwemme" heißt, eine Umbildung aus „fwende" .(1495), „schwende" (1553). Schließlich besitzen wir im Wald eine „Stockwiese" (1463). Auf den Ackerbau bezieht sich auch der älleste unserer Flurnamen, das „Alte Feld", das zum erstenmal im Jahre 1310 und noch heute so genannt wird. Das „Gartfeld" erscheint gleichzeitig tnit den „Eichgarten" im 15. Jahrhundert. Der Weinbau hatte im Mittelalter eine viel größere Verbreitung als heute. Weit nach dem Norden und dem Osten Deutschlands war er vor- gedrungen, weil er in Kirchen und Klöstern zur Feier des Wendmahls gebraucht wurde, fein Transport aus den Weingegenden aber zu teuer war. War er auch meist ein „Saueracher", so schadete das wenig, denn er wurde gewöhnlich nur gezuckert und gewürzt, als „Würzwein" getrunken. So finden wir denn frühe in Hessen und auch in Gießen Weinberge: 1322 werden sie schon urkundlich genannt, und noch im Jahre 1554 werden auf der Hardt z Morgen Land gekauft zum Zwecke der Anlage eines Weingartens; die Stelle heißt bis zum heutigen Tage „Wingerts" („Sacke Wingert"). Stein-, Leimen-, Erd- und Sandkauten sind zahlreich in der Flur verteilt und geben den angrenzenden Gewannen ihre Namen. Auf die Bodennutzung deuten auch die beiden „Stolzen Morgen", ein Waldbezirk, dessen Name mißverstanden worden ist. Er hieß 1481 und noch lange nachher „Stelzenmorgen". Stelzen aber sind Knüppel-, Prügelholz. Die „Triesche", anderwärts „Dreesche", sind Oed- länbereien, die Weidezwecken dienen. Auf der Hardt finden wir allein deren drei, die 1554 erwähnt werden. Den .Langdriesch", der früher zur Seltersmühle gehörte, schenkte Philipp der Großmütige der Stadt, als er 1545 wegen der Festungserweiterung diese Mühle abbrechen ließ. Er sollte zur Haltung von Eseln dienen und ist zweifellos die heutige „Eselsweide" vor dem Heßler. Der „Scheidgestriesch" liegt im Schiffenberger Wald an einer Grenzscheide. Die Hardt bietet noch mehr Weideland. Wir finden hier einen „Schafstall" (15. Jahrhundert) und die „Koppelhuth", d. i. Gemeinweide, einen großen Bezirk hinter dem Hardthof, wohl die im 14. und 15. Jahrhundert genannte Kroppacher Weide. In den „Wiesenvierteln" im Osten der Stadt vor dem Philosophenwald liegt die „Eselswiese", deren Namen ehemals „Etzenwiese" lautete, von mittelhochdeutsch — etzen = weiden, was man nicht mehr verstand und deshalb mundgerecht umdeutete. Nicht weit davon stoßen wir auf den „Viehtrieb" und den „Trieb". Der Trieb ist Allmende; um ihn herum liegt Gemeindeackerland, das den Ortsbürgern an- teilweise zur Benutzung überlassen wurde, daher der Name „Triebviertel". Draußen im Wald, die „Ochsenwiese", wo sich jetzt der Flughafen befindet, verdankt ihren Namen dem Umstand, daß sie den .Lchsenbeständern", d. h. denjenigen Ackerbürgern, die die Gemeindebullen hielten, vertragsmäßig überlasten wurde. Der „Gänswinkel", nach Klein- Linden zu gelegen, und die schon im 15. Jahr- hundert genannte „Gansweide" an der Launs- bacher Grenze bedürfen keiner Erklärung und mögen diese Gruppe der Flurnamen beschließen. Don der Gestalt der Gewann leiten mehrere Benennungen ihren Ursprung her: „im Biegen" von der Stelle einer Biegung, Bachkrümmung, die „krummen Aecker" am (Bleiberger Weg und die „krummen Gräben" in der Nähe der Rodheimer Straße. Auch der Name „am Schlangenzahl" gehört hierher. Zahl ist mhd. zagel = Schwanz und kommt in der Form tzeyle, czayl, zel häufig in Orts- und Flurnamen vor. Hier in Gießen gab es 1435 eine Lage „vor dem tzeyle", 1495 einen zcayl. Der „Gänsacker" deutet vermutlich auf ein .Rechtsverhältnis, auf eine Abgabe, die in Gestalt oder im Wert von Gänsen auf Dem Acker ruhte, auf V Hoheitsrechte der Name der Gewann „am halben Zehnten" und der „Zollstock" bei den Kroppach- ,T wiesen. Die schon im 15. Jahrhundert genannte Gewann „am alten Schlag", ungefähr am Uebergang des Schiffenberger Wegs über die Eisenbahn gelegen, erinnert an eine Wegschranke, die die Straße sperrte. Sie wurde 1598 errichtet oder erneuert und seltsamerweise vom Pförtner des doch ziemlich weit entfernten Neuenwegertors bedient. Die Bauamts- rechnung vom Jahre 1610 enthält einen Ausgabeposten von vier Tieften Korn Amtsbesoldung dem Neuenwegerpförtner „vorn Schlag in der Langen Stehn uf und zu schließen". Beiläufig bemerkt: die „Lange Stehn" kommt im 15. Jahrhundert vor in der Form „in der langenstein", „in der langen stege" (stegc — Stiege); daraus haben die Geometer dann „am Langenstein" ge- macht, welcher Name heute in den Flurkarten steht, weil sie nicht wußten, daß das i nur Dehnungsvokal ist wie in eilf. Auf ein Desitzverhällnis geht zurück das schon genannte „Römersloch" in der Lichtenau, seit 1578 erwähnt. Die Familie Römer ist in Gießen von 1443 bis zum Ende des 17. Jahrhunderts nachweisbar, der zweite Bestandteil des Namens aber ist heute noch nach Familien des 17. und 18. Jahrhunderts benannt, nach den Schmalbach, Drechsel, Schenk, Busch u. a. Die „Prosessorenstücke" bezeichnen den von der Stadt Gießen Den Professoren nach der Gründung der Universität eingeräumten Anteil an der Allmende (den Triebvierteln), obgleich sie nicht das Bürgerrecht befaßen. Wir verlassen die Feldflur mit einem Blick auf die Gewanne, die nach ausgegangenen Orten genannt sind. Die ältesten sind „Urfulum", das alte Urfenheim, eine viertausendjährige Siedelung hinter dem Philosophenwald auf der Wiesecker GemarLich, Blick auf Kirche und Turm. viel älter. Die „Löberingswiese" gehörte einer Familie, die im Zinsregister von 1669 auftritt. Der „Odewars Baum", 1484 erwähnt, aber heute unbekannt, hängt mit dem Namen Odebar, Odenbahr, der jedoch erst 1610 und 1631 belegt ist, zusammen. Verschwunden ist auch die Bezeichnung „an beme Swicharte" (1379), die etwas später in der vollen Form „an beme Swykersrobbe" (am Wetzlarer Weg) vorkommt, zum Namen Swichart, Schweikarb. Desgleichen die „Kriegewiese" (1438 und 1484), zurückzuführen auf den Ritter Johann Kriege, der 1355 urkundlich genannt wird, und der „Kalbesgarten" nach dem ritterlichen Geschlecht der Kalbe, das als Burgmannen- und Schöffenfamilie im 13. und 14. Jahrhundert in Gießen heimisch war. Zahlreiche Wiesen, Aecker und Gärten sind kungsgrenze, die zuerst von Pfarrer Röschen in Winnerod im Jahre 1887 nachgewiesen worden ist, die in der Karolingerzeit bereits bekannten „Selters" und „Achstatt", die bei den Straßennamen zu behandeln sind, die im 13. Jahrhundert austauchenden und allmählich wieder verschwindepden „Kroppach" und „Leufertsrod" (1279: Liutfridisrode, zu Liut- frid), jenseits der Lahn endlich das vor der Hardt gelegene „Diedelshausen" (1323 und 1458: Dyduldishusen, zu Diethold). Alle diese Orte, Ur enheim ausgenommen, sind nicht Krieg und Pestilenz, sondern der Gründung unserer Stadt zum Op er gefallen. Wann der Aufsaugeprozeß zu Ende war, läßt sich nicht sagen. — Von den Straßennamen wollen wir nur die ältesten und die der neu« ren Zeit, die an Flurnamen anknüpfen, betrachten. Wie ich schon sagte, bewahrt die Stadtverwaltung neuerdings pietätvoll das alte Sprachgut unserer Flurnamen in der Straßenbenennung da, wo die Bebauung in die einstige Feldmark ein« dringt. Daher ist diese Gruppe recht zahlreich. Von den Namen „Auf der Weißerde" und „Aulweg", von der „Eberstraße", bein „Hamm", ben „Eichgärten" unb bem „Robberg" habe ich schon bei ben Flurnamen gesprochen. Auch wegen ber „Bruchstraße" kann ich mich auf oben Gesagtes beziehen. Die Straße „Am Kugelberg" läuft an ber Höhe, bie einst dem jüngeren Schützenhaus — bas ältere ftanb am anberen Lahnufer in ben „Schießgärten" bei ber heutigen „Schützenstraße" — als Kugelfang blaute. „Am Steg" unb „Arn Weiher", beibes jüngere Namen, erinnern an wasserreiche Gewanne jenseits bes Seltersberges, unb „An ber Warte" an bie Zeit, wo ber Bürger auf bie Sicherheit ber Stabt Bedacht nehmen mußte. Zwei „Warten" werben 1484 genannt, bie eine, bie sog. „Selterswarte", auf ber füblichen, bie anbere auf ber nörblichen Höhe, am Robberg. Von ihnen aus würbe bie Stabt bei feindlicher Annäherung gewarnt. „Seltersweg" und „Asterweg" gehören wohl zu den atterältesten Wegebezeichnungen. Der letztere ist eine Zusammenziehung aus Achstätter Weg über die Zwischenform Akster Weg; die verschiedenen Formen lassen sich urkundlich belegen. Der „Seltersweg" roa^ eine befestigte Straße. In einer Urkunde v. I. 131t wird ein Garten extra portas, quo itur versus villam Seltirsse, juxta viam lapideam erwähnt. Es führte also ein Steinweg nach dem damals noch bestehenden Dorf Selters. Der „Steinwege^ gab es mehrere vor der Stadt, es war dies bie allgemein übliche Bezeichnung für gepflasterte ober, wie wir heute sagen mürben, „chauffierte" Straßen. Die im Jahre 1306 als via 1 a P i d e a genannte, nach Wieseck führenbe Straße, ist ber heutige „Große Steinweg". Alte Flurnamen stecken ferner noch im „Erbkauterweg" unb im „Niegelpfab", besten Herkunft unklar ist. Im Ober- beutschen versteht man unter „Riegel" u. a. einen langgestreckten Bergrücken, sonst aber ein Hindernis. Beides könnte hier passen, der Weg läuft am Fuße der Anhöhe, bie stets ein „Hinbernis" bilbet, her. Aber ber Name könnte auch auf einen Personennamen zurückgehen, ber schon 1245 in Gießen burch einen Rudolfus Regil belegt ist. Die neue Straße „Im Gartfelb" bringt einen burch bie Einführung ber Hausnumerierung beseitigten, seit bem 15. Jahrhunbert bekannten Namen wieber zu Ehren. Sie führt an ber äußersten Grenze biefer Gewann, an bem Bahnkörper ber Main-Weser-Bahn hinter Stein-, Schiller- unb Weserstraße entlang. Richtiger wäre gewesen, bie Wese^straße so zu benennen, aber mir wollen gufrieben fein, baß ber Name überhaupt gerettet ist. Die „Stephanstraße" führt jeben Fremben unb auch unsere jüngeren Mitbürger mit ihrem Namen irre. Mit ihm soll keines- wegs ber erste Generalpostmeifter bes Deutschen Reiches geehrt werben, er soll nur anbeuten, baß bie Straße in ber alten „Stevhansmark" liegt, bie schon 1310 als „Stebinsmarte'' erwähnt wirb. Stebin ist munbartlidje Form für Stephan, unb marke bebeutet einen umgrenzten Besitz. Der Name „Nahrungsberg" hat wohl manchem schon Kopfzerbrechen gemacht, wenn er nicht gar aus ber Nahrung, bie bie üppigen Gärten biefer Höhe bringen, erklärt worben ist. Möglich, baß man ihn umbenannte, weil bie alte Form anstößig erschien, beim er hieß ur- sprünalich „Narrenberg". Man könnte ben Namen mit oberhessisch „Narbe", einem mulbenartigen Gesäß, in Dem bie Metzger bas Fleisch tragen (Bolle) zusammenbringen, da bie Gestalt ber Erhebung einer umgekehrten Bolle ähnelt, ober mit „Narr", einer Mißbildung ber Zwetsche.wenn früher schon bie Kultur dieses Obstes dort oben üblich gewesen wäre. Allein der Name ist einfach und ungezwungen auf wirkliche Narren zurückzuführen. Die Stadtrechnungen vom Jahre 1610, in denen er in der Form Narrnberg erscheint, enthalten zwei Ausgabeposten für ein Narrenhaus: es erhält Meister Peter (wohl der Scharfrichter) 1 Gulden „zweimal das Narnhauß zu raumen", und Johann der Zimmermann und fein Knecht 17 Albus, „haben das Narrnhauß erbeffert". Der Zusammenhang ist offensichtlich. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts erscheint diese Form, und auch ber Fälscher bes angeblich im Jahre 1646 geschriebenen Briefes, ber von bem im Nahrungsberg vergrabenen Golbschatz berichtet, gebraucht sie. Wir wissen jetzt, aus welchem Grunbe. Alle biese Straßen liegen mehr ober weniger in ben äußeren Stabtteilen, in ber inneren Stabt gehen nur ganz wenige Namen auf alte Orts- Die rühmlichst bekannten, weil glänzend bewährten und deshalb bevorzugten Magirus - Lastkraftwagen von 1 bis 2'/, t Vomag-Lastkraftwagen von 3 bis 5 t mit normalen, sowie mit allen Spezial-Aufbauten, Magirus- und Vomag-Omnibusse und -Aussichtswagen, ferner Vomag-Dreiachs-Omnibusse für Stadt- und Ueberlandverkehr, letztere bis 75 Personen fassend, liefert FernsprecherNr.298 Georg Karl Reit ■ Gießen Marburger Str. Nr. 34 Maschinenfabrik und Reparatur-Werkstätten für Kraftfahrzeuge »IS t y Di. i ältere iV'nft 2. „^Bßärtep/. y Qm NSÄ rs§.*4§ ber Hörblitben ä-? der LtzStz y ®SJJ» uthinb. v. 9 Zeitigte !° il« m,tb 5n 'ideam ettnähn vilU ;Qd) dem hl, kuhrte Herr. jj.. ^l5 noch der Stobt in®*8e* °he $6361*1' ?. mar *4?Sfö4 "' !°ni> aber em S *- der Weg n* ,em Murre* bilde? n"te auch auf einen £ der idion 12is JW ' ;r*X. enJem- daß der ■ ft Die „Slephanflrahe" auch unsere jüngeren Mit- irre. Mil ihm soll (eines- ^Meister des Hutschen ioll nur andeuten, daß die chansmarC liegt, die schon erwähnt wird. Ctebin ist c Stephan, unb marke n W Der Äame „Nah- nchem schon Kopfzerbrechen gar aus der Nahrung, bie !|er höhe bringen, erklärt man ihn umbenannte, weil erschien, denn er hieß ur- . Man könnte den Darren , einem muldenartigen Prins Fleisch tragen M Gestalt der Erheburz em lt, ober mit „Narr', ein« ,menn früher schon bie Sui-- i Mich gewesen wäre. Allein jngejwiingen auf wirkliche Ne Stabtredjnungen vom i der Form Narrnberg er- Ausgabeposten für ein Meister W stwch der .zweimat bas Narnhu-^ der Zimmermann uihm v das Narmhauß erbf-n'. offensichtlich. Bis zum w scheint diese Form, und u ich im Jahre 1646 geschn!- dem im Nahrungsberg richtet, gebraucht sie- ® chem Grunde. Alle dch oder weniger m «" in der inneren WJ ge Namen auf alte Ort .Nr. 34 srner ehr, Zweites Blatt Gießener Anzeiger . Iubilaums-Ausqabe Seite 11 bezeichnungen zurück. Zunächst die „Sanbgaste", von der es in einer Urkunde o. I. 1313 heißt: Sant- öasse supra ripam Wyske extra murosopidi Gyzen. Wir erfahren daraus, daß sie außerhalb der damaligen, fünf Jahre zuvor erwei- terten Stadt am Ufer der Wiefeck lag, woher sie auch ihren Namen hat, da Sand = Flußufer bedeutet. Die Wieseck kam damals durch den Gans- oder in der Näye des Botanischen Gartens in die Stadt herein und floß durch die Sandgasse nach den beiden Mühlgassen (die eine davon heißt seit kurzem großartiger „Mühlstraße"), wo sie Mühlen trieb. Sein jetziges Bett erhielt das Flüßchen durch den Festungsbau Philipps des Großmütigen. Der Teil der Bahnhofstraße, der an der Mündung der Mühlgasse beginnt, hieß bis zum Durchbruch der Straße 1878 „Reicher Sand". Einen „Kleinen Sand" erwähnt das Zinsbuch von 1495. Sodann die „Erlen- gaffe", ehemals ein mit Erlen bestandener Graben, 1492 erwähnt als „Jrlingraben" vor dem Neuenweg. Dagegen ist die nahe „Weidengasse" eine miß- verstandene Benennung. Ihre alten Namensformen sind im 17. und 18. Jahrhundert „Waidgasse" und „Weithgosse", vielleicht so zu erklären, daß durch sie die Herde aus der zwischen ihr und der Erlengasse gelegenen Schäferei zur Weide getrieben wurde. 21n eine „weite Gasse" ist wohl nicht zu denken. Endlich noch „Lindenplatz" und „Lindengasse". Hier haben tatsächlich Linden gestanden, vielleicht die Gerichts- linde, denn der Platz liegt unmittelbar vor der alten Stadtmauer, und möglicherweise ist die Angabe des Gerichtsplatzes ante capellam nostram, vor unserer Kapelle, in einer Urkunde der Gießener Schöffen XD. I. 1248 hierherzubeziehen, da die Kapelle, die spätere Pankratiuskirche, ganz nahe dabei stand. Die Taufprotokolle von 1596 und 1597 verzeichnen „Hans Sadler under den Linden" und „Conrad Boier under Linden", es befanden sich also mehrere dieser Bäume auf dem Platz. Haben uns diese Namen schon auf die Baugeschichte der Stadt geführt, so weisen uns andere noch energischer darauf hin. Bor allem der „Burg- graben" auf den alleraltesten Teil, die Wasierburg, ebenso das Gäßchen „Auf der Bach", das an einem anderen Stück des Grabens liegt. Der Stadtkirche gegenüber mündet die „Schloßgasse", früher „Burg- gaste" benannt, und stellt die Verbindung her mit dem sog. alten Schloß, das so oft mit der alten Burg hinter Der Kirche verwechselt worden ist und noch verwechselt wird. Die „Walltorstraße" beginnt am Lindenplatz, aber das Tor, ursprünglich Waldtor geheißen, weil es dem Wald am nächsten lag, stand an der Ecke des Einhorns. Unmittelbar vor ihm führten nach Westen drei Gassen ins Freie, als sich die Ansiebluna vor den Toren ausgedehnt hatte: die „Wetzstein"-, die .Lozels". und die „Flügelsgasse". Alle drei gehen auf Familiennamen zurück. Im An- fang des 16. Jahrhunderts heißt es „tn Wetzsteins Gassen", und im Zinsbuch von 1495 stehen Cuntz und Henne Wetzstein. In derselben Geschichtsquelle ist eine Henne Zcodezcyl mit einem Haus und Garten vor der Waldporte verzeichnet. Für die Flügelsgasse (jetzt in Dammstroße umgetauft) aber ist ein Henne Flöget schon 1373 nachweisbar. Daß die gegenüber mündende „Hundsgasse" ebenfalls auf ein altes Besitzverhältnis zurückgeht, möchte ich annehmen. Neuerdings ist versucht worden, die mit „Hund" zusammengesetzten Gassennamen in vielen Städten Deutschlands auf das althochdeutsche Hunno, das mittelhochdeutsche Hunne, Hunt usw., den Vorsteher einer Hundertschaft zurückzuführen. Auch das Vorhandensein des Stalles einer herrschaftlichen Hunde- meute hat in einzelnen Städten den Namen be- wirkt. Beides scheint für Gießen nicht zuzutreffen, dafür kommt in einer Urkunde des Grafen Wilhelm v. Gleiberg vom Jahre 1239 schon ein Johannes Canis (Hund) vor, und besitzt 1379 ein Götz Hund Güter bei Wieseck. Nach der entgegengesetzten Himmelsrichtung, nach Süden, wird die älteste Stadt abgeschlossen durch die „Mäusbura". Das hat Veranlassung gegeben, hier ein mushus, ein Waffenhaus zu suchen. Andere haben auf einen Studentenulk als Taufpaten der Straße geraten. Sicher ist, baß der Name Maus einer angesehenen Gießener Familie eignet, die vom 15. bis zum 17. Jahrhundert blühte: 1464: Reinhard Musechin, 1511: Thomas Mus, 1555: Bürgermeister Balthasar Mus usw. Das Selterstor stand zuerst an der Wetter-, vulgo Küh- aaste, bann am Haus „Zum Ritter", das erst in späterer Zeit der bei ihm beginnenden „Rittergasse" den Namen gab; früher hieß sie „Judengasse^ Die am anderen Ende dieser Gasse ihren Abschluß findende Marktstraße ist die eigentliche „Neustadt", die 1325 in die Stadtbefestigung einbezogen wurde. Das „Kreuz" blieb außerhalb, trotzdem es schon sehr frühe bebaut war. Hier stand das Haus, das Land- flraf Hermann feinem Lebensretter Eckhard Holz- schuher 1377 auf ewige Zeiten von ollen Abgaben befreite. Ueber den Ursprung des Namens kann man nur Vermutungen hegen. Da hier die Gemarkungs- grenze von Selters anftieß, könnte ein Kreuz da- gestanden haben. Man hat auch davon gesprochen, daß hier die von Tor zu Tor gezogenen Diagonalen sich schneiden. Aber die wahrscheinlichste Herleitung ist doch die von der Straßenkreuzung. Wenn man einen alten Plan der inneren Stadt, etwa einen aus dem 18. Jahrhundert überschaut, sieht man die Kreuzform nirgends deutlicher als am Treffpunkt von Seltersweg, Kaplansgasse und Neuenweg. Die „Kaplansgasse" (erwähnt 1665) mit der von ihr ab» zweigenden „Katharinengasse" erinnern an kirchliche Verhältnisse. Die Stelle des ersten nachreformato» rischen Stadtkaplans entstand 1583; um diese Zeit werden auch die Altaristenstellen des Jakobs-, Georgen- und Katharinenaltars umgewandelt. Ein Die Straße in den „Neuenbäuen", im 17. Jahr- hundert bezeugt, erklärt ihren Namen selber. Der „Brand" (nickt Brandplatz!), heute leider in Land- graf-Philipp-Platz umgetoust, und die „Brandgasse" fuhren die ihrigen von einer großen Feuersbrunst, die, am 27. Mai 1560 durch Blitzschlag verursacht, 168 Häuser einäscherte. Einige bemerkenswerte Namen finden wir in den Gassen am Seltersweg. Zuerst das „Teufelslustgärtchen< Die hübsche Sage vom Teufel, der auch in Gießen studiert hat, und seinem, in jener Ecke wohnenden Liebchen ist begannt. Aber leider ist die Herkunft des Namens prosaischer, er gehl auf den in Gießen im 17. Jahr- hundert öfter vorkommenden Familiennamen Teufel oder Teusfel zurück. Es folgen die „Löwen", und die „Wolkengasse". So verhältnismäßig jung diese Straßen sind, so sehr sind ihre Namen entstellt und ihrer ursprünglichen Bedeutung entkleidet. Die Wolkengasse nennt Th. Rambach in seinem Kommentar zu Dieterichs Beschreibung der Stadt Gießen um das Jahr 1770 „Blauwolkengasse". In Straß. Der Oberbürgermeister der Provinzialhauptstadt Gießen, Herr Keller. Der Presse ist die Freiheit verfassungsmäßig gewährleistet. Dies legt ihr Pflichten und Verantwortung auf. Die Pflichten sind vor allem: objektive Tatsachenübermittelung, Fernhalten von jeglicher Sensation, Pflege des deutschen Volkstums und Staatsgedankens und namentlich — unbeschadet der Festhaltung politischer Grundsätze — Versöhnung der Gegensätze, Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls und der Schicksalsgemeinschaft aller Deutschen. Der Provinzpresse fällt die weitere Aufgabe zu, dem Kulturleben des engeren Vaterlandes zu dienen, das Heimatgefühl wachzuhalten und den verschiedenartigen Interessen des Leserkreises ein zuverlässiger Wegweiser auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete zu sein. Ein Lokalblatt muß den Klatsch vermeiden, die Gesamtinteressen der Gemeinde fördern und den im engen Kreis häufig sich verengernden Sinn der Gemeindeangehörigen über den örtlichen Kirchturm hinausheben ins Weitere und Größere. Allen vorgenannten Erfordernissen ist der Gießener Anzeiger in seinem 175jährigen Bestehen in stets wachsendem Maße gerecht geworden. Er nimmt heute im Blätterwalde der deutschen Presse eine hervorragende Stelle ein, ist durchaus neuzeitlich geleitet und erhebt sich weit über einen großen Teil sonstiger Provinzpresse. Seine technischen Einrichtungen stehen auf der Höhe der größten Zeitungen und ermöglichen die rascheste Berichterstattung. Ich beglückwünsche den Gießener Anzeiger herzlich zu seinem 175jährigen Bestehen und hoffe, daß er die betretene Bahn einhält und auf ihr weiter fortschreitet. dem Katharinenaltar gehöriges Grundstück gab toohl den Namen für die Gasse her. Die „Kaplanei- gaffe" gegenüber der Stadtkirche dagegen, obwohl auch erst 1625 bezeugt, ist älter. In Ihr lag das älteste Pfarrhaus, das anfänglich von einem Kaplan bewohnt wurde, denn Gießen hatte erst in späterer Zeit einen Pfarrer, da die Pankratius- kapelle ein Filial der Pfarrkirche in Selters war. Der „Kanzleiberg" hat feinen Namen von dem alten Schloß, das zeitweise die fürstliche Kanzlei (Regierung) beherbergte. Er führt uns in die Straße ,Ln der Sonne", die unmittelbar vor der Staötringmauer auf der Sonnenseite der Stadt her- lief und davon ihren Namen erhielt. Die übrigen Straßen, deren noch gedacht werden sollen, gehören einer Bauperiode an, die mit Phi- lipps des Großmütigen Festungsbau beginnt. Phi- lipp hatte in den Jahren 1530—1533 die Stadt mit Wall und Graben befestigt, die Wieseck um die Stadt herum geleitet, die Kirchhöfe aufgehoben und den heutigen alten Friedhof angelegt. Nach der Schlacht bei Mühlberg (1547) und der Kapitulation des großen Landgrafen wurden die Werke durch Graf Reinhard von Solms geschleift, von Philipp aber nach seiner Freilassung aufs neue und stärker aufgebaut (1560—1564). Zwischen der ehemaligen Stadtringmauer, den vor ihr stehenden Hofreiten und dem neuen Wall blieb genügender Raum für das Anwachsen der Einwohnerzahl. Don den in dieser Periode entstandenen Straßen, die uns hier interessieren, ist nur der „Neuenweg" in seinem vorderen Teil älter, er wird bereits 1492 erwähnt. bürg gibt es eine Gasse, die denselben Namen führt und dort als Gasse der Blauwalker nachgewiesen ist. In Gießen hat das Wollweber- und Tuchmacher- aewerbe lange in Blüte gestanden; schon aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts find Geleitsbriese zur Frankfurter Messe für dieses Handwerk be- kannt. Im Jahre 1715 zählte die Zunft dreiund- dreißig Meister, und die Stadt erhob lange Zeit für das von ihr hergegebene Gelände zum Aufspannen der Tuche den Tuchrahmenzins. Wir dürfen des- halb die Straßburger Erklärung auch für unsere Stadt in Anspruch nehmen. Wie die Wolkengasse die Gasse der Walker, so ift die „Löwengasse" die Gasse der Löwer, Löber, 0. i. der (Berber. Auch dieses Handwerk war hier stark vertreten, woran der verbreitete und alte Gießener Familienname erinnert. Wir sind seither kreuz und quer durch die Straßen und Gassen unserer Stadt gezogen, nun wollen wir noch einmal den ganzen Ring der alten Festung umwandern, indem wir den Anlagen, die sie heute umschließen, folgen. Ehedem lief hier nur eine wenige Meter breite Allee von Pappeln und Linden und daneben ein breiterer Fahrweg um die ganze Stadt. Auf der anderen Seite der Allee floß tief unten der Graben. Das waren die Schoor ober Schur und der Schurgraben, an die sich nur noch unsere älteren Mitbürger erinnern. Der Name ist nie richtig erklärt worden. Die einen leiteten ihn ab vom Offizier du jour, der hier seinen Weg genommen haben soll, die anderen von dem kahl geschorenen Festungsglacis, das hier begann. Diese Deutung hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich, allein der Name haftete ursprünglich gar nicht an diesem oberen Rand des Glacis, sondern an einem Weg, der unten am Graben herfuhrtc. Das scheint mir wenigstens aus einer Stelle, die sich bei Chunrad Dieterid), Politischer Diseurs von Festungen, aus dem Lateinischen übersetzt non Johann Philipp Ebel, Gießen 1620, hervorzuheben. Dort heißt es auf S. 42: „Boschunge ober vielmehr Bes chlltzunge seynb der Underwall, darinn man von außen her die Coden, Schantz oder Laufs, graben gegen allem Anlaufs und das groß Ge- fchütz defendiren tan. Was die Deutschen Schuh oder Beschuhung nennen, heißen die Italiener Scarpa. Bey uns (seil, zu Gießen) heißt man es die „Schur". Der Zusammenhang der Bezeichnung „Eckur" mit dem Begriff „Schutz" ober bem mhb. Verbum schüren — schirmen, schützen, sichern, scheint mir banacf) gegeben zu sein. Der Name übertrug sich nach ber Schleifung ber Wälle auf ben Spazier- weg oben auf bem ehemaligen Glacis. Im Eingang bicses Aufsatzes ist ber Wunsch ausgesprochen worben, man möge bie burch neuere Umformung entstellten Straßennamen in ihrer alten Form wieberherstellen. Diesem Verlangen sei hier nochmals Nachbruck verliehen, unb es sei erlaubt, bie Namen zu nennen, bie nach biefen Darlegungen für solche Aenberung in Frage kommen. Man nenne ben Marktplatz roieber „Markt", ben Kreuz- Platz „Am Kreuz", ben Branbplatz „Am Branb, bie Sonnenstraße „In ber Sonne", bie Stephan- straße „In ber Stephansmark", unb auch den Namen ber „Schur" unb bes „Reichensanbs" bringe man wieber zu Ehren, ehe es zu jpät ist. Das Verlangen, bie Dammstraße in „Flügels- yasse", auch bie Mühlstraße unb bie Wetzsteinstraße roieber in „Gassen" zu verwanbeln, ist an- gcsichts bes zu erroartenben Wiberstanbes auf ihren „Stand" haltender Bewohner allzukühn. Aber vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der man die gute deutsche „Gaste" der von Fremden ent- lehnten „Straße" wieder vorzieht. Bis dahin wollen wir uns freuen an den alten unb trauten Namen, bie bie Zeiten überbauert haben, unb wollen sie bewahren als unser Eigenstes, bas uns von anberen unterscheibet. Das oberhessische Museum und die Gaii'schen Sammlungen in Gießen. Von Profestor Dr. h. c. Kramer unb Professor Helmke. 1. Kulturhistorisches Museum Im Alten Schloß am Lrandplah. Öls am 15. Juni 1878 in Gießen unter Vorsitz von Professor Dr. Gareis ein Ober« hessischer Verein für Lokalgeschichte gegrünbet würbe, ba entstanb gleichzeitig mit ihm ein hist 0 risches Museum; seine Unterkunft fanb es zuerst in ber Alten Anatomie (jetzt Reit- bahn), bann im Alten Rathaus (unter Otto Buchner; von 1896 an unter bem jetzigen Direktor Kramer) unb seit 1905 im Alten Schloß am Branbplatz. Die Einweihung fanb am 14. Oktober durch ben Oberbürgermeister Mecum statt. Zum Zwecke ber Erhaltung unb weiteren Entwicklung ber Sammlungen würbe 1912 eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung unter bem Nomen „Oberhessisches Museum unb Gotische Sammlungen" gegrünbet Als Gesellschafter würben eingetragen: Geheimer Kommerzienrat Dr. h. c. Wilhelm Gail, Oberhessischer Ge- schichtsverein unb Stabt Gießen. 1920 überwies bie Stabt auch bie Räume bes Droßh. Absteigequartiers im Alten Schloß dem Museum. Die Bestäube ber Sammlungen konnten sich nun ausbehnen, aber trotz bes Zuwachses an Sälen unb Zimmern zeigt sich nirgenbs Raum- Überfluß. Die moberne künstlerische Ausstellung dieser Räume (nach Plänen von Prof. Olbrich- Darmftabt) würbe nach Möglichkeit gewahrt. Seit ©rünbung bes Museums fielen ihm reiche Gaben zu, aber auch (Begenftänbe bes Großvater- Hausrats sinb hoch geschätzt; geben sie boch ein getreues Bilb von ber Vorfahren Lebenshaltung. Hier ist auch bes Mannes zu gebenken, ber bis zu seinem ßebensenbe bem Museum treu zur Sette geftanben hat. Herr Wilhelm Gail war bem Museum mit seinem gefunben Urteil, seinem groß- Zügigen Wesen unb seiner steten Opferwilligkeit ber Käufer»Gießen Kenstadt 56 * Fernsprecher 666 empfiehlt zur zwanglosen Besichtigung feine reichhaltige« LaserbestSnde in Oefen, Oevden Ueffeln, Dämpfer«, Aüdenfchneidevn landwirtschaftlichen Geräten, Gifenwaven, wevkzensen Beschlägen, Haus- nnd Küchengeräten Händler werden günstig sofort ab Lager bedient Th. Brück Möbelfabrik Inhaber: Th. Weinert Gießen Brandplatz (altes Schloß) * Haus für Mgenglafer Großes Lager in sämtlichen Manufakturwaren, Kleiderstoffen, Bettbarchenten, Bettfedern und Daunen. Herren- und Damenbekleidung in bekannt guten Qualitäten. 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Tierarztes Herrn Dr. Erb in Gießen; auch steht die Besichtigung und Überwachung derselben dem staatlichen Veterinäramt jederzeit frei Hofgut Winnerod (Kreis Gießen), Fernsprecher Grünberg 36 i i i i i i i i i i i i t i i i i i l i i i i i i i i i r i Berthold Kühne Seltersweg 26 / Fernruf 820 Gegründet 1798 durch Sattlermeister Christoph Kühne in Gießen Spezialgeschäft für Reiseartikel und feine Lederwaren Größte Auswahl in allen in das Fach einschlagenden Artikeln in bekannt guter Qualitätsware Zweites Blatt Giefiener Anzeiger - IubttaumsAusaobe Seite 13 go 1 i M! ■ äs Scholten. lung, Textilwaren: vollständig eingerichtete Bauernstube. 7. Universität: Bilder der Professoren, zahlreiche Gegenstände, die sich auf das studentische Leben beziehen, Bestände des ehemaligen Gießener Karzers. 8. Waffen Halle mit Rüstungen und Waffen, die zum größten Teil aus dem ehemaligen Gießener Zeughaus stammen, so- wie solche aus den Bauernkriegen. 9. Die v o r - und früh geschichtlichen Sammlungen. 2. Das Völkermuseum. Im Winter 1910 wurde durch Herrn Wilhelm Gail eine ethnographische Sammlung von etwa 1500 Gegenständen angekauft und damit der Grundstock zu einem Dölkermuseum gelegt. Es fand Aufnayme in dem großen Saal des untersten Stockwerks des sog. Neuen Schlosses am Landgraf» Philipp-Platz. Durch umfangreiche Ankäufe und Beteiligung an Expeditionen (Pamir und Kamerun) vermehrten sich die Sammlungen bis jetzt auf 4301 Nummern. Wertvolle Stiftungen wurden außer von Herrn Wilhelm Gail insbesondere von Frau Laubenheimer, Herrn Corl Gail» Konstanz und Herrn Hans Rausch» Romrod gemacht. kriegsmuseum. Im Jahre 1915 wurde das Kriegsmuseum, das sich in den oberen Räumen des Neuen Schlosses vefindet. durch Herrn Louis E m m e l i u s ins Leben gerufen: von ihm wurden die Heldentafeln zu Ehren der gefallenen Gießener Krieger und der Angehörigen des Inf.-Regts. „Kaiser Wilhelm" (2. Grobherz. Hess.) Nr. 116 gestiftet. Rasch wuchs die Sammlung durch Geschenke von Privaten und durch Ueberweisung von Erinnerungen seitens unserer tapferen Feldgrauen. Alles, was auf den Weltkrieg Bezug hatte, wurde gesammelt: Bekannt» machunaen: Formulare der Feldpost, Telegraphie, und Eisenbahn: Ausrüstung und Bewaffnung der Feinde: Bilder der Kampfplätze und des Lebens im Felde: Kriegszeitungen: Zeitungsausschnitte mit Berichten von Oberhessen aus dem Felde, sowie zahlreiches Notgeld. Herr Adolf Noll stiftete mehrere Kriegerfiguren, darunter einen Gießener Landsturmmann Herr Heichelheim stellte die Mittel zum Ankauf der Kriegsauszeichnungen der deutschen und mit uns verbündeten Staaten. Der Schotten, Kirche. friedhof der fränkischen Zeit. Bier mächtige Totenkisten aus Eichenholz mit Innensarg, Jrauenskelette enthaltend, standen etwa 3 Meter tief im flüssigen Ton. Die Toten waren mit reichern Schmuck aus Goid und anderem Metall, Perlen, Gefäßen, Gläsern und hölzernem Hausrat bestattet. Die Männer waren getrennt von den Frauen mit Wehr und Wafsen beerdigt. Die umfangreiche Ausgrabung fand unter Leitimg von Herrn Kramer und tätiger Mitarbeit von Herrn Siegelt statt. 4. Lindener Mark: In der Lindener Mark, einem südlich von Gießen gelegenen Wald» gebiet, liegen viele hunderte Grabhügel und Flach» gröber. Bon ihnen sind mehrere Gräber ganz oder zum Teil geöffnet worden. 5. Lumda »Tal, Kr. Gießen: Bier Grab» Hügel auf dem Homberg bei Climbach wurden 1917 geöffnet. Aus den Fundergebnissen darf man schließen, daß die Bevölkerung ehemals aus Hirten und Jägern bestand. 1919 wurden zwölf Hügel am Schabenberg bei Mainzlar untersucht und aus ihnen Funde aller prähisto» rischen Zeitstufen entnommen'). 6. M u s ch e n h e i m , Kr. Gießen: Im M u • schenheimer Dorderwold liegen geaen vierzig wohlerhaltene Grabhügel, die 1918—1920 fast sämtlich aufgedeckt wurden. Es handelt sich um ein mit der Bronzezeit beginnendes und durch alle vier Hallstattperioden weiter benutztes Totenfeld. Eine wichtige Ergänzung brachte die Auf- deckung durch die Feststellung von Latönegrübern ostgermanischen Ursprungs. Beachtlich ist sowohl die große Anzahl der Gefäße als auch die Fülle der prächtigsten Bronzegegenstände, die dem Museum zur größten Zierde gereichen, oona abgesehen von den hervorragenden wissenschaftlichen Ergebnissen, die die Grabungen gezeitigt habens. 7. N i e d e r» M o ck st a d t, Kr. Büdingen: Eine umfangreiche Totenstadt mit zahlreichen Grabhügeln, westlich des Ortes, wurde 1920—1922 durch das Oberhessische Museum gründlich durchforscht. Schon steinieitliche Bauern hatten hier ihren Sitz: in der ausgehenden Bronzezeit siedelten sich andere Stämme an. Die Hauptzahl der bisher geöffneten Gräber fällt jedoch der Hallstattzeit zu. Die Toten sind meist verbrannt. Die Ausgrabung bei Nieder-Mockstadt __'<•.. -—, i ----- Ausgrabung am Westausgang von Leihgestern. Hier stieß man auf einen ausgedehnten Reihen- theon beiletzen'). 3. Äusgesiorbene und aussterbende Hausindustrie Oberhessens: Kattundruckerei, Weberei, Flachsbereitung, Knopf» und Stecknadel-Anfertigung, Uhrmacherei, alte Schusterwerkstatt, Zunftladen und Zunftzeichen, Ofenkacheln und Anisformen. 4. Kirchlicbe Altertümer, befonders aus vorreformatoriskyer Zeit, Holzplastik war sowohl in wissenschaftlicher als auch musealer Hinsicht eine der erfolgreichsten*). Geschlossene Sammlungen des Museums: 1 Porzellan, Fayence und Steingut. 2. Kupfer st iche und Hand- zeichnungen von Johann Georg Wille. Er wurde in der Obermühle bei Rodheim an der beste Freund. Seine Sammlungen, die nach seinem Ableben 1925 der Stadt zufielen, werden bei der Mit- und Nachwelt eine dankbare Erinnerung an ihn wachhalten. Auch der Stadt Gießen i t das Museum für die wiederholte Erwerbung von Prioatsammlungen zu lebhaftem Dank verpflichtet. (Dr. Klewitzfche Münzsammlung und Meis- k i s ch e Altertumssammlung, Ulrichstein.) Eine der Hauptaufgaben des Museums ist die Erforschung des Siedlungswesens in den Kreisen Gießen, Schotten und Büdingen. Die Ergebnisse der Ausgrabungen, welche unter Leitung der Herren Bremer, Gundermann, Helmke, Kornemann, Kramer, Kunkel, v. Schlemmer und Siegert im Laufe von Jahrzehnten stattfanden, sind in der vor- und frühzeillichen Abteilung des Museums niedergelegt; sie beweisen, daß wir uns wisienschaftlichen Museen von Ruf zur Seite stellen dürfen. Nur die Hauptausgrabungen seien kurz erwähnt. 1. Eberstadt, Kr. Gießen: Aufdeckung eines steinaeitllchen Dorfes, Gräber aller Perioden bis zur fränkischen Zeit. 2. Gießen: Der Exerzierplatz (Trieb) ist ein großes Gräberfeld, das von der Stein- bis einschließlich der entwickelten fränkischen Zeit benutzt worden ist. Hügel- und Flachgräber, Skelett- und Brandbestattungen sind in großer Zahl und mit hervorragendem, wissenschaftlichem Erfolg auf» gedeckt worden. Im Gießener Stadtwald, D i st r i k t ©anbberg an der Straße Gießen— Rödgen, wurden Steinwerkzeuge, eine Wohngrube der Hallstattzeit, sowie besonders Brandgräber der römisch-germanischen Periode untersucht. Die Gewann Zollstockwald enthielt Gräber der Bronze- und Hallstattzeit, sowie eine große Anzahl eiserner Gebrauchsgegenstände, die der römisch- germanischen Zeit angehören. 3. Leihgestern, Kr. Gießen: Eine uralte Siedelung ist südlich von Gießen die Gemarkung Leihgestern. Hier wurde 1908 eine ausgedehnte Niederlassung der Steinzeit aufgedeckt. Zwei Men- schenskelette von zierlicher Gestalt lagen unter dem Fußboden einer Wohnung. 1910 wurde südwestlich des Ortes auf der Haardt eine Siedelung der Hallstattzeit gefunden und eigenartige Gefäße geborgen. Das größte Interesse beansprucht eine Der Rektor der Hessischen Ludwigs-Universität Gießen, Herr Geheimer Kirchenrat Professor D. Dr. Krüger: Dem „Gießener Anzeiger“ zu seinem Jubelfest die Grüße der Landesuniversität zu übermitteln, ist mir eine gern erfüllte Aufgabe. Als einer der ältesten und am längsten wirkenden Lehrer unserer Hochschule habe ich seine engen Beziehungen zur Ludovlciana seit Jahrzehnten verfolgen dürfen und weiß von unserem freundschaftlichen Verhältnis Zeugnis abzulegen. Eine Anstalt wie die Landesuniversität, deren mannigfach verzweigten Belange sie mit allen Seiten des öffentlichen Lebens in Stadt und Land in engster Fühlung halten, ist auf das wohlwollende Verständnis der Presse angewiesen. Schriftleitung und Verlag des „Anzeigers“ haben dieses Verständnis stets gezeigt und gelegentliche kleine Reibungen haben die Freundschaft nur stärken und festigen können. Der „Anzeiger“ hat die Universität in Freud und Leid mit warmem Wort begleitet. Wenn es Feste zu feiern galt, wenn denkwürdige Ereignisse als Marksteine unserer Geschichte zu würdigen waren, wenn einer unserer Kollegen an einem wichtigen Abschnitt seines Lebens anlangte oder der Tod ihn von uns riß, der „Anzeiger“ hat zu Gruß, Glückwunsch und Gedächtnis seine Spalten stets bereitwillig offen gehalten. Mit besonderer Aufmerksamkeit ist er der Entwickelung der Lehrstühle, der Institute, der Einrichtungen aller Art gefolgt, die, im letzten Vierteljahrhundert zumal, einen so bedeutsamen Aufschwung genommen haben. So haben wir allen Anlaß, seines Ehrentages dankbar zu gedenken und ihn mit herzlichen Wünschen in den nächsten Abschnitt seiner reichen Geschichte zu geleiten. *) Veröffentlicht durch Oberbessisches Museum und der Gailschen Sammlungen, Abt. f. Borg., Heft 2 (Kunkel, Hügelgräberseld am Homberg). ’) Teilbericht: Veröffentlichung des Oberhefsischen Museums und der Gailschen Sammlungen, Heft 2 (Helmke, Hügelgräber im Vorderwald von Muschenheim). Bieder 1715 geboren und war einer der besten Kupferstecher Europas. Er lebte und wirkte in Paris, starb dort blind und im Elend 93jährig. Seine sterblichen Ueberrefte ließ Napoleon im Pan- ’) Friedberger Geschichtsblätter 1924, 6. Heft. (Eine Totenstadt in der Wetterau von Dr. Otto Kunkel-Gießen.) und kirchliche Geräte. 5. Ansichten der Stadt Gießen. Bilder der Schöffen und Syndici aus dem 17 bis 19. Jahrhundert; Wehr, Waffen und Fahnen der Gießener Bürgerwehr aus 1848/49. 6. Reiche oberhesfifche Trachtensamm- *) Dergl. „Heimat im Bild", Beilage zum Gießener Anzeiger. Jahrg. 1925, Nr. 19. König von Bulgarien fchenkte dem Museum die bulgarischen Kriegsorden. — Nachdem am 25. September 1918 die Eröffnung stattgefunden hatte, wurde das Kriegsmuseum der Stadt Gießen übergeben. Die drei Museen verfolgen ganz verschiedene Zwecke, wie sie auch ganz verschiedenen Gründen ihre Entstehung verdanken. Am einfachsten HEINRICH HOCHSTÄTTER Brandplatz 1, gegenüber dem Alten Schloß Gegründet 1837 • Fernsprecher Nummer 36 TAPETEN • LINOLEUM DEKORATIONSSTOFFE C O M Familien-Wäsche Gardinen Schützenstraße Nr. 12 Fernsprecher Nr. 1487 LSbevstvatze 10 Fevnspvechev £03 Gebrüder Imheuser MOESER-ZIGARREN Gießen, Marktplatz 9-10 Tadellose Herren- und Damen-Wäsche 0 = 0 0 - 5 3 0 Die führende deutsche Marke! Continental-Schreibmaschine Spezial-Abteilung Kindermäntel 0 0 I ö ö ö 3 0 Versand nach außerhalb Filialen: Wetzlar, Butzbach usw. ö 5 0 - i ö 5 5 o 5 0 Reparaturen werden durch fachmännisch geschultes Personal ausgeführt Ausstellung der DarmstadterKünstlerkolonle1914: Sold. Medaille. Gewerbeausstellung Gießen 1914: Gold. Medaille und Hessische Staatsmedaille. Baltische Ausstellung In Malmö 1914: Schwedische Staatsmedaille u. a. Das Haus für moderne Damenbekleidung Alleinvertreter: Fritz A. 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Jubiläums-Ausgabe Seite 15 UWW MV ■ MW ckW WS!Ä •^Xu-N^y** WZ GKM » i;iä.;E - Schotten, Kirche. bietet die Sammlung des Völkermuseums ein unersetzliches Hilfsmittel für die Erdkunde und vermag das gesprochene und gelesene Wort des geographischen Unterrichts aus das Lebendigste zu unterstützen. Eine nicht unwichtige Bedeutung bekommt das Völkermuseum heute auch für die Politik, da es besonders gutes Material bietet, um den Wert der uns entrissenen Kolonien für Deutschland zu erweisen und uns in dem Verlangen nach Rückgabe des Raubes zu stärken. Das größte Museum an Raum und Inhalt ist dasjenige am Brandplak, das schon durch seinen Namen „Oberhessisches Museum" den Umkreis seiner Tättgkett aufzeigen will. Es ist im eigentlichen Sinne ein Heimatmuseum und will das Gefühl für den Wert unserer Heimat wachrufen und stärken: der Anblick all der Bilder, Trachten und Gebrauchsstücke soll im Beschauer das Bewußtsein wecken, daß er ein Glied in der langen Kette der Geschlechter ist, die vor ihm in der Heimat gelebt haben: er soll sehen, daß sein Dasein aufs engste mit der Vergangenheit oer- knüpft ist, er soll merken, was für eine Schicksals- gememschaft „Volk und Scholle" für den Einzelnen und für die Gesamtheit bedeuten. Bürger und Bauer, Alt und Jung, Hoch und Niedrig, Gelehrter und Arbeiter, sie alle sehen hier die Fäden geknüpft, die sie an die Heimat binden. Unsere allzu raschlebige Zeit vergißt in dem Hasten des Tages gar leicht den Wert der Vergangenheit richtig einzuschätzen: im Museum kommt einem die ruhige Besinnlichkeit wieder, hier lernt man die stille Behaglichkeit früherer Jahrhunderte verstehen und würdigen. Und wer dafür schwärmt, die großen Fortschritte der heutigen Kultur zu preisen, der kann im Museum rückschauend erkennen, aus welch einfachen Verhältnissen heraus sich die Jetztzeit entwickelt hat. So ist das Oberhessische Museum eine der wichtigsten Bildungsstätten unserer Stadt und bedarf deshalb immer von neuem der schon so oft bewährten Unterstützung aller, sei es an Geld, sei es an Gaben: es ist schon oben auf die großherzige Stiftung von W. Gail hingewiesen worden, die dem Museum durch Eingliederung seiner Sammlungen zuteil geworden ist. Auch die Stadtverwaltung, sowohl die Behörde was selbst als auch die Väter größten und schauerlichsten aller Kriege erhält, alles, was die Not der Heimat widerspiegelt, alles, die Opferfreudigkeit des deutschen Volkes in jenen furchtbaren Jahren schildert. haben in richtiger Würdigung des unschätzbaren Kulturgutes dieser Sammlungen die Mittel zu ihrer Erhaltung gegeben; möchten doch auch andere Kreise dem Museum ihr Wohlwollen zuwenden, wie es unter anderem die Provinzialoerwaltung feit Jahren tut! Ganz anders steht es beim Dölkermuseum: cs dient der Wissenschaft und soll dem Beschauer eine lebendige Kenntnis der Kultur außereuropä- ischer Völker vermitteln: daher enthält es eine Fülle von seidenen und wollenen Gewändern aus Arabien, China und Japan, aus den uns entrissenen Kolonien und Amerika, aus dem Innern der Pamirländer und Australien. Dazu kommen Gebrauchsstücke des täglichen Lebens: Schüsseln, geflochtene Körbe, Messer, Kämme, Armbänder, Federschmuck und tausend andere Dinge: eine vornehme Japanerin fährt in einer Rickscha von einem tätowierten Kuli gezogen dahin, und ein Auslegerboot zeigt uns das leichte und doch so sichere Fahrzeug der Südsee. Hier bewundern wir den prachtvollen Häuptlingsschmuck eines Indianers (auch ein Skalp ist vorhanden), dort stehen wir staunend vor den herrlichen Stickereien und Metallarbeiten Indiens. Aber auch die Kriegsgeräte fehlen nicht, mögen es nun die Speere afrikanischer Wilden oder die Bumerangs der Australneger, mögen es die Holzpanzer alter japanischer Helden oder die buntbemalten Lederschilde der Herero, mögen es die Bogen und Pfeile der Malaien oder die Baumtrommeln der Neger sein. Einen breiten Raum nehmen die Gegenstände des religiösen Kultus ein; namentlich die Tanzmasken der Priester mit ihren grausigen Fratzen lassen seelische Verfassung der und Mütter der Stadt, liegen die Dinge beim Kriegsmuseum: Es soll die Erinnerung an den großen Krieg, an die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen und in der Heimat, an die Taten unserer Feldgrauen und ihrer Führer, es soll vor allem die Erinnerung an unsere Gefallenen wachhalten. So bilden die im Vorsaal und in den Glasschränken ausgestellten Gegenstände eigentlich nur den Zugang zu den die ganze Breite der Rückwand bedeckenden beiden Tafeln, die die Bilder der toten Helden aus Gießen mit der kurzen Angabe ihres Lebensganges enthalten; die Würde der Umrahmung ist dem Ernst des Gegenstandes treffend angepaßt und spricht ergreifend zu dem Beschauer; unsere Gefallenen sollen uns unvergeßlich und lebendig sein und bleiben! In diesem Sinne ist auch der weitere Ausbau des Kriegsmuseums gedacht: Es will alles sammeln, was an Büchern und Karten, Waffen und Wehr, Bildern und Andenken das Gedächtnis an den uns einen Blick in die Heidenvolker tun. So in Frankfurt a. M. zur Seite gestellt worden, die Römisch ° Germanische Kommission, die die Aufgabe hat, die Vorgeschichte Germaniens und die Hinterlassenschaft der Romer in diesem Lande aufzuklären; die Erforschung der Kunde der Vorzeit ist zu einem Zweig der Wissenschaft geworden und aus dem bloßen Sammeln von Fund- Viele wissenschaftliche Arbeit steckt besonders in der Abteilung, die die Ausgrabungen umfaßt; hier ist in übersichtlicher Weise aufgestellt, was in mühevoller und oft entsagungsreicher Arbeit von den Museumsbeamten dem Erdboden entnommen worden ist. Die Arbeit des Spatens ist heutzutage o verfeinert und durchgebildet, daß sie eine be= andere Wissenschaft bedeutet, die nur durch lange lebung, klaren Blick und reiches Wissen gewonnen werden kann. Hat sich das deutsche Archäologische Institut früher mit je einer Abteilung in Athen und Rom begnügt, so ist ihnen seit einer Reihe von Jahren eine dritte mit dem Sitze stücken, wie es die Museen früher betrieben, herausgetreten. In diesem Sinne arbeitet das Ober- hessische Museum schon seit Jahren: Die Ausgrabungen werden unter sorgfältigster Beobachtung und der scheinbar geringfügigsten Umstände aus- geführt, Fundbeschreibungen an Ort und Stelle ausgenommen, die Funde selbst gewissenhaft geborgen und im Museum eingegliedert; dazu kommen genaue Pläne und Skizzen, sowie die Veröffentlichung in wissenschaftlichen Zeitschriften. Es darf ohne Ueberhebung gesagt werden, daß die (Sammlungen des Museums bedeutenden Ruf in der Welt der Wissenschaft genießen. Schotten, Am Nathane. Wenn nun das Oberhessische Museum seine Aufgabe auf der einen Seite darin sieht, der Wissenschaft zu dienen, so vernachlässigt es auch nicht die Pflicht, der wissensdurstigen Menge möglichst klare Aufklärung über die Fragen nach der fernen Vergangenheit unseres Landes zu vermitteln. Dazu dient vor allem die lückenlose und übersichtliche Aufstellung der Fundgegenstände nach Zeitperioden, wobei besonders auf die geschlossene Zusammen- gehorigkeit jeder Grabung geachtet wird. Ader do diese Dinge dem Laien nur wenig sagen können, so ist nicht nur jedes Stück einzeln beschriftet, sondern es sind auch überall mit knappen aber bestimmten Worten Angaben über die zeitliche Einstufung, die Eigentümlichkeiten und Merkmale, sowie besondere §unbumftänbe beigefügt. Dazu kommen ferner eidjnungen mit genauer Eintragung jebes Fund- platzes unb seiner Lage im großen Gelänbe; außer- bem ist burch zahlreiche Abbildungen von Fund- stücken aus anberen Museen die Möglichkeit zum Vergleich gegeben. Vor allem aber sehen es die Museumsbeamten als ihre vornehmste Aufgabe an, durch Führungen und Erklärungen an Schulen, Vereine, Gruppen und Einzelpersonen nach Mag- lichkeit das Verständnis für die Vorgeschichte unseres Landes zu wecken unb zu vertiefen. Es ist erfreulich zu sehen, wie gern davon Gebrauch gemacht wirb, unb wie bie Zahl berjenigen, namentlich ber Lehrer, wächst, bie nun nach empfangener unb vertiefter Aufklärung selbst bie Erläuterung übernehmen können. Ems freilich fehlt noch; bas ist ein umfafsenber Katalog, oer bem Beschauer als Wegweiser bienen kann; wenn er an Hand bes Inventarverzeichnisses verhältnismäßig leicht hergestellt werben kann, so ist er boch burch bie mißlichen Zeitumstänbe, sowie burch bie oster erfolgten Umsieblungen unb nicht zum wenigsten durch die oielseittge Jnanspruch- nähme der Museumsleitung noch nicht zur Aus- führung gelangt. Immerhin wird dies für die nächsten Jahre eine der wichtigsten Aufgaben fein. So sind die Ziele, die die Gießener Museen verfolgen, kurz umschrieben: von der allseitigen Unter- stützung wird es abhängen, ob es gelingt, ihnen immer näher zu kommen; an der Arbeitsfreudig« feit der zuständigen Beamten wird es nicht fehlen. Rannst du's nennen? von Lari Lrnst Lnodt. Leise tritt der rote Abend durch das schmale Giebelfenfter zu den Dingen, die im Stüblein seiner warten . . . Wie Gespenster stehn die Möbel, die vertrauten, an den schattentiefen Wanden. Ltwas rührt mit leisen Händen an jedwedes nahe Stück, — und weit, weit tritt es zurück. Bilder, die wie Freunde schauten, sehn mich fremd und fragend an, alles liegt in einem Dann wie Dornröschens Schloß vor Seite», und ich höre Füße schreiten durch den feierstillen Raum. Ist's der Tritt der Nacht?... Lin Traum?... * Jemand ist jetzt eingetreten! Lannst du's nennen?... Ich muß beten...! FRANZ NEUMEIER - GIESSEN Sonnenfiraße 20 das führende Haus für Straßen- und Berufs-Schuhwerk Sonnenftraße 20 Spezialität: Kamelhaar=Schuhe und Filz-Sdiuhe Damen-, Herren- und Kinder-Stiefel in jeder Ausführung Haus-Schuhe aus Stoff und Leder / -e l W - '?/ ; ' t Girkenstock & Ächneiüer > Gießen ! frankfurter Straße 29 ♦ fernsprechec 146 • Gegründet 1890 i Sauunternehmer für Hoch-, Des- unÜ Lisenbetonbou j Schlüsselfertige Übernahme aller Neu- unö UmbauarbeLten j I ■ , *■ --— — — — — — - - _ ___ < FACHMÄNNISCHE BEDIENUNG BILLIGSTE PREISE REICHHALTIGE AUSWAHL PELZHAUS A. 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STEMPEL ALLER ART Gimpel *K reut G/essen Drittes Blatt Gießener Anzeiger.Iubiläums-Ausqabe Seite 17 Alt-Gregener Familien. Von Wilhelm Koch, Oberkriegsgcrichtsrat z. D., Gießen. Schon das „Giesser Wochenblatt" hat Abhandlungen über die Vergangenheit unsrer Stadt gebracht, |o im Jahrgang 17/1 die Beschreibung der Stadt Gießen von Conrad Dieterich, der 1605 bis 1614 hier wirkte, und Beitrage zur Giesser Kirchen- gcschichte. Der Gießener Anzeiger hat die Pflege der Ortsgeschichte und fieimottunbe fortgesetzt. In der Jubitäumsnummer 1925 soll der Alt-Gießener Geschlechter und in diesem Nahmen auch einiger Gießener Charakterköpfe kurz gedacht werden. Namen der ältesten Zeit sind nur spärlich überliefert, und es fehlen die Zusammenhänge. Rechnungen sowie Gerichtsprotokoüe im Stadtarchiv, die 1575 beginnenden Kirchenbücher und andre Quellen geben über die letzten dreihundertfünfzig Jahre jedoch reichen Aufschluß. Eines der allerältesten Geschlechter sind die S t o h r, wahrscheinlich eine Gießener Burgmannfamilie. Sie waren vorwiegend Wolltuchmacher. Die Wollweberei war jahrhundertelang in Blüte und das „Gießische Tuch" geschätzt. Nicht nur bei den Stohr, sondern in ganz Gießen sind die Bornamen Kasuar, Melchior und Balthasar üblich. Der Dfei- kömgstag war als Tag der Ratswohl und der Aernterverteilung im Rate von Bedeutung. Die Ebel kommen hier schon 1469 vok und waren sehr zahlreich. Bon 1575 bis 1613 sind 82 Kinder Ebel getauft. Did meisten Alt-Gießener Familien waren kinderreich. Zwillinge sind nicht selten. 1591 werden Drillingsöhne des Ludwig Echer getauft; später, hin ist sogar eine Dierlingsaeburt verzeichnet. Mehr- ehen waren häufig; ein Burger heiratete fünfmal. Abgesehen von den Pestiahren, so 1597 und 1635 (mehr als 1500 Verstorbene), überwiegt die Zahl der Geborenen erheblich die Todesfälle. Auffallenb ist die Zahl der alten Leute Neunzig Jahre und darüber sind keine Seltenheit; Kilian Keßler wurde 107 Jahre alt. In sozialer Hinsicht ist bemerkenswert, daß junge Gießener in großer Zayl gelehrte Berufe ergriffen haben, und zwar schon vor Stiftung der Hochschulen Marburg lind Gießen, besonders zahlreich die Ebel. 3 o r g Daniel Ebel, Doktor der Rechte, Vize- fanxlcr und Kammermeister in Gießen (1601 bis 1652), ehelichte eine Tochter des berühmten Theo- logtn Winckelmann, ersten Rektors der neuen Universität Gießen. Nachkommen leben in vielen hessischen Familien, so Strack (Nachfolger des Ltabtpräzeptors in Gießen), Follenius, von Zangen, Schliephake. Professor Kaspar Ebel in Gießen (f 1664), heiratete in die 23er- vandtschoft Melanchthons. Dem Ratsherrn I o h. ^cxicziczire rasch »L f-1° merk, iher Z”gg* Nabe b Seide uN°"'k. das Länder fmblfll'1 unmet »örbtO nS Uat>« iem von hpr m,-w'01« *8Wä* fläÄ-4 Äste ? waren,? ” n!vml S ru dem ge. Jr» rJ V nicht ab. 3rt, sich zu kleiden, prak. ?°n vergleiche nur ein- eioung der Stäbkrinnen Jiten gar keine Mcksicht ian ^fle sich einmal von n- wie ihnen unter den aube das Haar zu beiden oben ist. Erkenntnis bas Ganze eichter aber kommt man intens bet Hüttenberger Allste unb iarbenreichsts lie nicht dmch unb durch i- 'Sei dem Nachiorichen, m Alkentücher unb die geftitfkn Bänder in den , entdeckte ich als letzten in Frankreich. Es scheint zu sein, daß eine bfe werbesteiß entsproß« fc Jahren mich so pth j jo nod) heute bei ein- Gegenden. Aber so im- ige die Entdeckung der :, es gibt noch mehr m, die mit austänbijdjcn chliehlich hilft die Schön- ibu öcgtommen. JM\e «beitet bet Wt Minden un\etet Sagen, ndschaften an ihnen ev n gehabt unb haben h lenn auch schon viel ur: unben ist unb immer rrL > alle Kirche, an fast jedv cbe alte Mühle knüpfen p ifarrer um, der alle» nhoss um sich sannM M t ist jemand eines saM> ib kann keine W P* bewachi noch nach s-M Wühlern Feld und M ng Stellen, wo etwas m- her einen IW* Ä Mcht S-u-r Maui t Leichenzüge emb* ten hängen an Do Leibstmörder geeM >r $Üd- von aer V M ^nmoMngen ^^"ein^berirdiW te 'M btt lornmerl^ chtigDlJcn Stern- rie erften ft Leuchte" war m M L^LZS Iff&SS eis. « X'M S" L rmor lAS :ZSK Ue. 9 utet ■ ■ Drittes Blatt Gießener Anzeiger • Jubiläums-Ausgabe Sette 19 Alsfeld. hoben, gehen sie um. Wenn man alle die Sagen sammeln wollte, es wären Bände auf Bände hcr- zristellen. Und das Seltsamste ist, daß solche „Sagen" noch heute entstehen. Ich bin selbst dafür Zeuge. Ein Trinker aus R. hängte sich an einem Baume der Landstraße bei dem Orte auf, ein junger Mensch aus H. endete im Walde zwischen S). und Fr. auf dieselbe Weise. Es dauerte kein halbes Jahr, da hatte man sie, die längst begraben waren, baumeln und vorn Winde hin- und herschaukeln gesehen. Ein Bauer, der für geizig gehalten wurde, starb — nach noch nicht vier Wochen schlich er in seiner Scheuer umyer und schaute nach dem, was fehlte. Da haben wir, was diese Sagen zum größten Teil hervorgerufen und heroorruft. Es ist der alte Glaube unseres Landvolkes, der so vieles sah, was wir nicht sehen. Ein alter Bauersmann, der jeden Sonntay- nachmittag seine Bibel las, und der sie, wie er mir sagte, schon zweimal durchgelesen hatte, sagte mir einmal, der Apostel Paulus spreche schon davon, daß es böje Geister unter dem Himmel gäbe. Wir sähen sie nicht, aber die Luft sei voll von ihnen unb unter ihnen seien viele Verdammte und Gerichtete, die zur Strafe keine Ruhe im Grabe fänden. Uralte Vorstellungen der Heidenzeit spielen noch in diese Vorstellungen mit hinein, die nicht verbunden oder in ein System gebracht sind. Von hier aus versteht man auch, was die meisten Sagen — ich rede hier nicht von den durch ein historisches Ereignis hervorgerufenen — eigentlich sind. Nichts anderes als natürliche Folgen eines Glaubens, Früchte an einem Baume, der notwendig aus seinen Blüten sie zeitigen mußte. Wer sie sammelt, der schafft eigentlich nur eine Vorarbeit, die nämlich: zu einer Darstellung des alten Volksglaubens. 3n diese Glaubenswelt ist nun die Gedankenwelt der Stadt hereingebrochen. Sie lehrt: der Glaube an Geister ist Torheit. Ueber ihn muß man wegkommen. Die Schule sagt es, die Kirche predigt es. Man denke nicht, daß der Glaube des alten Bauern sich dagegen nicht wehrt. In den bewußt christlichen Kreisen unseres Landvolkes versteht man unter dem Glauben den Glauben an Jesus als unfern Heiland und Erlöser. Ich habe im Vogelsberge oftmals das Wort im andern Sinn gehört. Man klagte den Pfarrer und Lehrer an, daß sie deshalb ungläubig seien, weil sie nicht mehr an die Welt glaubten, die der Bauer um sich sah, nicht mehr an die Geister» weit, nicht mehr an die Wirkungen der Gesahne und so manches andere mehr, das Kräfte der über» natürlichen Welt in sich trägt. Der Materialismus, der so lange die Herrschaft in den Städten gehabt und erst jetzt dort in feiner Herrschaft bedroht ist, ift in unsere Dörfer ein» gezogen. Man fängt an, sich des alten Glaubens zu schämen, man spottet und lacht über die Sagen, wenn lie einmal gelegentlich berührt werden. So verschwinden sie, wie der Schnee vor der Sonne. Nie ist mir das mehr vor Augen getreten, als bei dem Unterricht in der Schule. Wenn ich davon sprach, daß unsere Ahnen glaubten, daß das Wasser in den Quellen und Bächen in der Christnacht zu Wein werde, oder daß das in der Frühe des Dftertags geschöpfte Waffer die Kraft habe, kranke Augen zu heilen, oder daß man in der Frühe in der auf» gehenden Dfterfonne das Lamm Christum hüpfen sehen könne, dann lachten einige oder lächelten wenigstens. So weit aufgeklärt waren sie doch, an diese Fabeln nicht mehr zu glauben. Es ist sehr schwer, den Kindern klar zu machen, daß uns nicht ansteht, über die Vorfahren, zu richten, daß vielmehr alle diese Sagen getragen sind von einer großen heiligen Siebe zu Gott und Christus, und daß der Verstand nimmer allein den Weg zu ihnen findet. HI. Es scheint Unrecht zu sein, wenn man den Rückgang des Volksliedes zum Teil auch den Einflüßen des Geistes der Stadt zuschiebt. Daß es weniger blüht als vor 10, 20 Jahren, das wird man ja wohl allgemein zugeben. In den Gießen nächstliegenden Orten hört man cs weit seltener als früher. Die Hauptschuld dafür liegt allerdings m dem Niedergang der Spinnstuben. Das Volkslied ist Chorlied und bedarf zu seinem Leben und Blühen einer Menge, die es trägt und pflegt. Das sind bisher unsere Spinnstuben gewesen. Sie waren ursprünglich Arbeitsstuben, wurden dann in der Hauptsache zu Vergnügungsstuben und lösen sich heute allmählich auf. Die jungen Burschen gehen in die Vereine, vor allem in die Turn- und Sportvereine, die jungen Mädchen finden sich zusammen in Ehören, in kleineren Kränzchen, Gesellschaften, Tanzmachte nichts, ob man mit dem zu bewältigenden Quantum an Flachs 1 oder 2 Wochen früher oder später im Winter fertig war. Aber in den Fabriken ist es anders. Sowohl der Arbeiter, als auch der Arbeitgeber wollen rasche, aufmerksame Arbeit. Der Akkord spricht hier ein großes Wort mit, und das alles ist ein Gifthauch für die Pflege des Volksliedes. Es ertönt auch in den Arbeitssälen der Fabrik, aber welch ein Unterschied zwischen dem fast nie abbrechenden Singen der Spinnstube an den Winterabenden im Vogelsberge und dem zeitweiligen Singen in den Fabriken, in denen viele Alsfeld, Rathaus. kränzchen u. dgl. So ist es in den Dörfern und Orten, die dem großem Verkehr zugänglich sind. Zögernd, langsam folgen die entlegenen Orte und man kann schon die Zeit ooraussehen, in der es im Dogelsberge gerade so sein wird, wie es in der Wetterau ist. Es scheint nicht, daß die Werkstätten der Arbeiterinnen, zumal die Arbeitssäle der Zigarrenfabriken, wie man gehofft hat, dem Dolksliede eine neue Heimstätte gewähren. Gerade hier tritt der Geist der neuen Zeit zutage. Die alte Zeit kannte noch nicht das rastlose Jagen nach Gewinn. Es nur ein oder zwei Strophen mitfingen können. In dem Maße, in dem das Volkslied die Freude der Spinnstube gewesen ist, ihr Leben, ihre Unterhaltung, kann es auch nicht entfernt in den Fabriksälen heimisch werden, wenn es überhaupt da heimisch wird. Aber noch in einer anderen Beziehung zeigt sich der Unterschied. Die alte Zeit hatte ihre Freude an den Volksliedern, deren Charakter bei uns das Langsame, Getragene war. Man wendet sich heute, so scheint es, den Liedern zu, die Rhythmus, Bewegung, rasches Leben in sich tragen. Wie in die Zeit selbst ein rascheres Tempo gekommen ist, so geht auch dieses in die Lieder über. Es ist merkwürdig, was für Lieder heute mit Vorliebe in den in den Verkehr eingezogenen Orten gesungen werden! Studentenlieder, wie: 0 alte Burschenherrlichkeit, Müllerlieder, wie: Das Wandern ist des Mullers Lust, Rheinlieder, wie: Strömt herbei ihr Dölkerscharen, Gesangoereinslieder und ähnliche hört man viel, und es ist selten, wenn man am Sommerabend wie in alter Zeit einmal ein einfaches, getragenes Liebeslied zu hören bekommt. IV. Es bedürfte einer eigenen, großen Arbeit, zu zeigen, wie der aus der Stadt kommende Geist mit den oft so herrlichen alten Bräuchen und Sitten unseres Landes umspringt. Ich muß mir das für ein ander Mal ersparen. Aber an einer einzelnen, kaum jemals berührten Veränderung des Volkstums im Vogelsberge will ich hier nicht vorübergehen. Die uralte „Brait" im Junkerlande, d. h. in dem früher Freiherr Riedeselschen Gebiete, ist erloschen, und damit ein Brauch untergegangen, der meines Wissens, wie kein anderer im Deutschen Reiche die Erinnerung an die Eheschließung der früheren Jahrhunderte treu in sich bewahrt hat. Wohl ist der Name noch da, aber er bezeichnet nicht mehr, was sie eigentlich ist. Ein Gesetz hat sie untergeben lassen, das in letzter Linie auch dem neuen Geist entstammt. Aber es wird nötig sein, erst einmal auseinanderzusetzen, was die „Brait" eigentlich war. Wie auch in den an Hessen angrenzenden Teilen Kurhessens, so ist es auch im Junkerlande Brauch, daß nur ein Kind, gewöhnlich ein Sohn, den ganzen Besitz der Eltern, Haus, Hof, Garten, Felder, Wiesen, Wald, wie auch alles Vieh und Geschirr bekommt, während die übrigen Kinder mit Geld abgefunden werden. Das geschah früher nicht etwa mit dem Tode des Vaters oder der Mutter, sondern bei der „Brait", d. h. wenn der Sohn, der das Gut bekommen soll, sich verloben wollte. Der Bürgermeister als Ortsgerichtsoorsteher wurde da an einem vorher bestimmten Tage ins Haus der ins Auge gefaßten Braut gerufen und die Eltern der Braut und die des'Bräutigams verhandelten nun miteinander. Der Bürgermeister sollte eine Urkunde aufsetzen, wie viel die Braut in das Haus des Bräutigams an Geld mitzubringen hatte, wie viel künftighin die Eltern an Wohnung, Lebensmitteln und Lehrgeld zu beanspruchen hatten, und wie viel den Geschwistern des Bräutigams, in dessen Haus die Braut sich verheiratet, ausbezahlt werden sollte. Es ist falsch, wenn man diesen Akt, in dem ein Kind vor seinen Geschwistern als bevorzugt erscheint, als ganz ungerecht verdammt, wie ich das oft in andern Teilen Oberhessens hören mußte. Ich habe es nicht einmal, sondern vielmals erlebt, daß in kinderreichen Familien sich die Kinder der Reihe nach weigerten, das Gut zu übernehmen, weil sie durch den oft großen „Auszug" (= die jährliche Abgabe des Kindes an die verbleibenden Eltern), wie durch die Herauszahlung an die Geschwister sich einen großen, schweren Klotz für ihr Leben lang ans Bein zu binden fürchteten. Aber die Brait war mehr als dieser rechtliche Akt. Wenn sie „geraten" war, d. h. wenn man von beiden Seiten über die heraus- zuzahlenden Beträge einig war, erfolgte sogleich die Verlobung. Es ist nicht einmal, sondern oft vor- gekommen, daß die Brait nicht „geriet", und daß man unverrichteter Sache nach Hause ging. Damit fiel die Verlobung ins Wasser. Eine immerhin peinliche Sache, weil die ganze Verwandtschaft beider Teile vorher von der Brait benachrichtigt war und nur auf den Abschluß wartete, um sofort ins Haus zu strömen und das Ereignis zu feiern. Aber wenn die Brait ihren guten Abschluß gesunden, dann gab es im Hause der Braut ein großes Fest. Es wurde gesungen, getrunken, gegessen, die Feier dauerte die ganze Nacht hindurch. Sie war bedeutender, allgemeiner, als die ein paar Wochen folgende kirchliche Hochzeitsfeier. Sie war im Grunde genommen die eigentliche Hochzeit. Sie hieß auch „die erste Hochzeit". Denn sie gab nach den Anschau- von Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte aber gab dieses Licht an den halbgeöffneten Altar- platz weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem Bann der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer strahlenden Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie heiter sie zu sich hinüberlud. Sie spielte den Jubel ihres Lichtes gegen die dunkle Schönheit der Mitte aus und wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem Traum unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher: jeder Schritt auf diesem Boden zwischen den roten und grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm- und stillleuchtenden Marmor der Säulen war scheu, fast furchtsam: denn jedes Weitergehen war das Verlassen einer. Schönheit, in die sich gerade die Sinne gefangen hatten, und brachte eine neue, die der früheren feindlich war. Und als die Augen eben schon das wallende Licht über dem Altäre, die Wände und Kuppeln mit allem Uebermaß der schillernden Mosaikbilder, mit allem Aus- und Jnein- anberftrömen undeutbarer Farben in einer Schau zu nehmen versuchten, mußte der Blick noch einmal anhalten vor dem blühenden Steinfiligran der Altar-Schranken, in dem das reine Gold der Morgenluft flimmerte. War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Ueber meine Füße fiel der Schatten einer Säule: so mußte draußen die Sonne scheinen. Als ich die Augen wieder aufhob von den Blumen der Steinranken, von den Clematissternen, den offenen Lilien und Diclytraherzen, bebten die Lider vor der weißgoldenen Welle, die aus dem Fenster wallte und sich in die Mitte ergoß, vorbei an dem Glanz der Bilder, die alle Wände und Decken- gcwölbe dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte die ungebrochene Kraft ihrer Schönheit bewahrt hatten. Welche Glut des Glaubens hat die Erfinder dieser Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das Wunder der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben aus» gießen konnten: wenn sie die Gabe hatten, aus all diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten, diesen Zacken und Pierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus dem Gewühl dieser Blumen und Girlanden einen solchen Jubel von Anbetung zu schaffen, daß kaum noch die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind, deren Legende in der flammenden Buntheit der Ornamente ihre Sprache verloren haben. Was sind sie anders, als selbst ein Ornament, eine kaum erbebende Melodie in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet es, daß wir wissen: hier throne Christus in der Kuppel der Apsis und dort, über der linken Seitenwand, opferte Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei Mosaikbilder sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel dieses Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt den wehen Hintergrund erschließen, auf dem die mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem Untergang der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen Hofstaates, auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge, auf der anderen Theodora mit ihren Frauen. Wie ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten preisgab und als Geliebte des slawischen Abenteurers den Thron erklomm . . . wie liegen ihre kranken Sinne offen um diesen blutjungen Mund und die übergroßen, unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche zu, ihre Hände tragen ein goldenes Weihgefäß. Je tiefer der Blick sich in das Scheinbar-Tote dieser Mosaiksteine einsieht, desto erschreckender wird das Leben in den halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das in diesen strengoerhüllten Körpern auf- und niederfliegt. Die Kleider sinken, lüstern und schamlos, der HeiligenI schein um den Kopf der Kaiserin taucht in den schwachen Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen ihre heiße Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste, auf denen nur das Mal der Warze brandrot slackt. Armselige, mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr blühend ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin Theodoras zur Linken, in deinem karminfarbenen Gewand mit den breiten Goldborten und dem hellen Ueberwurf der Schultern, den deine rechte Hand fest- hält? Bist du vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche Nächte mußt du gesehen haben, wenn du es wagen darfst, dich so an die Kaiserin zu lehnen. Und du, Nächstfolgende im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen Ueberhang, du, mit den wundervollen Brauen und der schmalen Nase, mit der übersatten Frucht des Mundes und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe der Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (ober ist es eine Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu verachten?), aber deine Hand ist krank und kündet auch dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit hinabgezogen werden . . . aber deine un- willkommene Tugend hätte leicht an einer zarten seidenen Schnur enden können. Nur der einen, der allerletzten begleitenden Frau, ist ein Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem traurigen Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre Augen suchen irgendeine fremde, ausgelöschte Ferne. San Vitale! Heller Ruf des siloernen Hornes im Morgenwind . . . Der Traum des besudelten Purpurs zerstob. Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen: daß Theodora die goldene Schale zum Altäre trägt. Was war der Glaube dieser Frau, der um ihr Haupt den Schein der Heiligen wob? Die halbverschüttete Sehnsucht ihrer Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in KasteiI ung endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie den schlaffen Körper über die scharfkantigen Stufen vor dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne auf die Schnitte und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die aufftadjelnbe Kälte des Marmors preßt. Die Hände, von der Ueberzahl der Ringe gelähmt, umklammern die Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über den Rücken, an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das Blut ... Die Nüstern stehen gebläht . . . Dust und Dunst des eigenen Blutes, als Opfer dem Gekreuzigten gebracht, der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch zu süßer Kerzen niederlächelt . . . Letzter Kuß der verirrten Lippe auf den üppigen Mund des Gottes-Sohnes . . . Und viele Stunden später das Erwachen im tiefgebämpften Lichte des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die Düfte der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven auf das erste befehlende Wort der Herrin warten, deren Haupt wie leblos im Schoße der Eudoxia ruht ... 0 Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, Name einer Büßerin, die das Kreuz der Liebe trug und alle, deren Leben sie berührte, an ihrem verachteten Leiden mitleiben ließ . . . Unmerklich hatte sich bas Bild vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend ... bas letzte der Gesichte losch aus. Nur bie Seele ber Farbe gab noch Antwort unb verkündete nichts anders mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das Nebeneinander dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, das Lorbeergrün des Fußbodens und bas weiche Gold bcs angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien des Blutes, die in diesen Menschen wohnten. Sein Name ist vergessen: aber seine Liebe zur Schönheit ist ewig in ihrer zeugenden Kraft. K K lieferbar sofort und in jeder Menge zu äußerst angemessenen Preisen s | Verlangen Sie unverbindlich Offerte und Vorführung | (5i 1$ sp Bad-Nauheim FR. HEIMER&CO. 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Eine alte Frau aus Eichelheim verlangte in den ersten Zeiten meiner pfarramtlichen Wirksamkeit im Vogelsberg von mir die Taufscheine für einen jungen Mann und ein junges Mädchen. Ich fragte, wozu sie sie nötig hätte. Sie sagte, die beiden hätten „enignächt" Brait gemacht. „Was haben sie ge- mad)t?" fragte ich. „Brait" sagte sie in der sicheren Zuversicht, daß ich das verstand. Aber von Brait hatte ich n.e etwas gehört. Volkskunde treibt man auf dem Predigerseminar in Friedberg nicht. Also fragte ich weiter: „Was ist denn das? Die alte Frau sah mich an, besann sich, dann sagte sie einfach: „Sie haben heute nacht das erstemal beisammen geschlafen." Die ganze Anschauung wurzelt in alter Zeit, in der die später erfolgende kirchliche Trauung nur der Segen zu dem schon einige Zeit vorher geschlossenen Ehebunde ist. Noch deutlicher wurde mir das alles, als ich sah, daß die Spinnstuben- tameraden schon am Abend der Brait Braut und Bräutigam Ehestandslieder sangen, anstatt am Abend der kirchlichen Trauung. Bor allem wurde gern gesungen: „Mir gefällt das Ehstandsleben, besser als das Klosterziehn." Aber auch das sprach dafür, daß zur Brait eine viel größere Zahl Gäste geladen wurde als zur 5)oth;eit. Die Brait ist heute erloschen. Ein Gesetz, das dem Ortsgerichtsoorsteher verbietet, solche Ehekontrakte gültig aufzunehmen, und das die Schließung des । Möbelhaus j H. Kramer s Lauterbach i. H. \ Billigste Preise Teilzahlung gestattet > Schlafzimmer $ Speisezimmer, Herrenzimmer | {Wohnzimmer | Küchen s Alle Einzelmöbel Volstermöbel, Kinöermöbel Kleinmöbel Korbmöbel | Große Auswahl - Lieferung frei jeder Bahnstation z 1875 1925 Spezial=Ulerk|tätte für Chaiselongues • Sofas Matratzen stuf-und Umarbeitung Dampf= Uettfedern-Reinigung Karl Böhling gegründet 1875 Gehen gegründet 1875 Bergftr. 91). (früher Kaplansgaffe 14) HW. RINN GIESSEN G.M.B.H. Ostanlage 12 Telephon Nr.159 * Hoch-, Tief- und Betonbaugeschäft » Gegründet 1876 Giehener Anzeiger ■ Jubiläums-Ausgabe Vertrages vor einem Notar erforderte, hat sie vernichtet. Ein Notar ist dem Bauer nicht zur Hand wie der Dorfbürgermeister, es kostet Geld, ihn zu holen. Er versteht auch das Leben im Volke nicht, er kennt nicht so Besitz, Aecker, Wiesen und Hof, er kann nicht so vermitteln. So ist aus der Brait die einfache Verlobung geworden, zu der sich nur die Eltern und Geschwister beider Teile einfinden, wie sie überall sich findet. Nicht, als ob der Bauer des Junkerlandes nun darauf verzichtet hätte, einem Sohne allein den ganzen Besitz zu übergeben. Heute geschieht diese Uebergabe nach der Hochzeit, oft Jahre später. Ich denke mir, daß diese Regelung nicht zum wenigsten in der Klugheit des älteren Bauern begründet ist. Bei der Brait wurden mit einem Male die jungen Leute Herren des ganzen Gutes. Die Alten hatten nichts mehr zu sagen. Man kann sich denken, daß das bei herrschfüchkigen oder unfügsamen Schwiegertöchtern oft zu bösen Auftritten geführt hat. Heute übergibt der Bauer das Gut erst viel später. Er zieht sich „nickt zu früh aus". Es lernen die jungen Leute leichter, sich in die alten schicken. Sie müssen es, um das Gut einmal zu bekommen, und die alten Leute wissen, wenn sie das Gut übergeben, mit wem sie künftig zusammen leben werden. Umkreis des Vogelsberges von Lollar über Alsfeld, Lauterbach, Schlüchtern, Büdingen bis Ortenberg wesentlich roten, meist waldbedeckten Sandsteinen auf, die vielfach obgebaut werden. Selten finden sich Kalke der Muschelkalk- und Zechsteinzeit wie bei Lauterbach-Maar oder Stockheim- Büdingcn-Haingründau. Ganz andere Verhältnisse treffen wir am Westrande des Vogelsverges von Lollar über Gießen nach Süden. Teilweise sind hier die Gesteine sehr viel älter als der Vogelsbergbasalt und die roten Sandsteine; sie stammen aus der Silur-Devon- und Karbonzeit. Tonschiefer, Grauwacken, Sand st eine, Quarzite und auch Kalke sind es, die das benachbarte Rhei- niscke Schiefergebirge bilden und wie man durchweg beooochten kann (z. B. oberhessischer Bahnsteig des Bahnhofs Gießen) durch Gebirgsbewegungen zusammengestaut wurden. Gegenüber diesen besonders alten und gestört liegenden Massen haben wir in der Hungen-Friedberger Senke Schichten, die jünger sind als der Basalt; die Braunkohle ist unter ihnen besonders zu erwähnen. Don hier aus verfolgen wir durch die Wetterau und schließlich über den ganzen Vogelsberg in einzelnen Flecken eine Der Präsident des Oberlandesgerichts Darmstadt, Herr Dr. h. c. Lang. Es ist ein guter Gedanke, in einem Unternehmen nach längeren Zeitabschnitten einen Blick in die Vergangenheit zurückzuwerfen und festzustellen, ob die Entwicklung so fortgeschritten ist, daß auch die Aufgaben der Gegenwart befriedigend gelöst werden können. Wenn es nun gar 175 Jahre des Bestehens einer Tageszeitung sind, auf die man zurückzuschauen hat, so wird das geistige Auge kaum die Fülle der Erscheinungen fassen können, die sich ihm darbieten. Mögen es nun gute oder schlechte Zeiten gewesen sein, deren man gedenkt, so muß mit Stolz erfüllen, in der für Leben und Kulturentwicklung unserer engeren Heimat so bedeutsamen geistigen Führung stets das Rechte gewollt und der Wahrheit gedient zu haben. Daß dies das zielsichere Streben der Leitung des Gießener Anzeigers gewesen ist, verdient höchste Anerkennung und berechtigt, ihn zu seinem 173jährigen Bestehen aufrichtig zu beglückwünschen. Auf diesem Wege weiter fortzufahren, erheischt die Not der Zeit in besonders hohem Maße, Wenn unsere haß- und neiderfüllten Feinde das Recht beugen und Gewalt an die Stelle des Rechts setzen, so gilt es, ihnen zum Trotz unser Recht zu behaupten und freiwillig nichts davon aufzugeben. Nur dann darf der Deutsche auch in Fesseln sich frei fühlen, wenn er, zu antiker Größe sich emporreißend, dem Feinde zurufen kann: „Hab' ich das Recht zur Seite, schreckt mich dein Drohen nicht.'1 (Sophokles.) So ist doch noch ein Gutes aus dem Erlöschen der alten Brait herausgewachsen. Ob es nicht bei vielem, das mit dem alten Volkstum zugrunde geht, ähnlich ist? Man soll es hoffen und glauben, und die Jugend zumal wird es tun, wenn wir Alten auch geneigt sind, nur zu klagen und zu bedauern. Oberhessens Bodenschätze. Von Dr. Hermann Harrassowitz, 0. Prof, der Geologie und Paläontologie, Direktor des geolog. und paläontolog. Instituts der Hessischen Landesuniversität Gießen. Die „Herrschaft des Menscken üher die Natur" ist ein geflügeltes Wort geworden. Und doch ist den Fesseln der Umwelt nicht zu entrinnen. Wo der Mensch aus dem Boden keine Nahrung mehr ziehen kann, wo ihm keine Bodenschätze zur Verfügung stehen, die er veredeln und in nutzbare Form überführen kann, da hat die Kultur einen schweren Stand. Für Oberhessen gilt das glücklicherweise nicht. Die anorganische Natur läßt mancke Aus- Nutzung zu. Bietet der Boden für Land- und Forstwirtschaft auch nicht überall günstige Bedingungen, so sind doch andere natürliche Schätze vorhanden. Nutzbare Ge st eine, Mineralquellen, Erze und Kohlen stellen gerade in den jetzigen schwierigen Zeiten besonders wichtige Wirtschaftsfaktoren dar, die unsere heimische Scholle spendet. Die Provinz Oberhessen ist geologisch selten einheitlich gebaut. Vulkanischer Tätigkeit verdankt der Vogelsberg sein Dasein. Reste von Dulkanschloten und L a vast r ö m e n, dazu gewaltige, jetzt verfestigte Haufwerke von vulkanischen Auswurfsmassen beherrschen seinen Aufbau. Basalt und Tuff bewirken so das gleichmäßige Landschaftsbild. Unter diesen Gesteinen kommen in den Randgebieten (z. B. Gießen, Alsfeld, Lauterbach, Büdingen) helle Sande, Quarzite, Tone und Kiese, auch gelegentlich Kalke, zum Vorschein, die, wie der Vulkanismus, der Tertiärzeit angehören, als noch warmes Klima Palmen und Zimtbäume, Lorbeer und Myrte bei uns gedeihen ließ. Diese zusammengehörige Gruppe von Gesteinen liegt im MMMMMM IIHHIIIIIIIIIIIIIIIIIlJIMIIIhlll.il. ganz junge Ablagerung, den Löß, in der Eiszeit durch Wind angeweht, als sich gleichzeitig in höheren Teilen des Vogelsberges durch Frosteinwirkung die mächtigen, jetzt schon vielfach beseitigten Blockfelder bildeten. kalkreiche Löß bildet einen fruchtbaren wasserhaltenden Boden, dem die Wetterau ihren landwirtschaftlichen Ruhm vorzugsweise verdankt. Schon die Ansiedler der jüngeren Steinzeit wußten ibn zu schätzen, und der römische Limes endigt sehr bezeichnend mit der geschlossenen Verbreitung dieses wertvollen Bodens. In höheren Lagen des Gebirges ist er freilich entkalkt und in einen weißen, feinen, oft gelb gesprenkelten Sand umgewandelt, der zu manmen nassen, bleichsauren, „mistigen" Stellen des Ooerwaldes Veranlassung gibt (z. B. westlich Ilbeshausen) und nicht einmal für die Forstkultur recht brauchbar ist. Nährstoffarm und oft schwer zu bearbeiten ist der B 0 d e n d e s B a s a l t s, ein brauner Lehm, der aber bei geeigneter Behandlung, besonders Düngung, guten Pflanzenwuchs erzeugen kann. Er ist nämlich reid) an den Kolloiden, die zugeführte Nährstoffe soeichern können. Störend wirken bei dem Basaltooden oft die Flachgründig- feit und die erwähnte Ueberstreuung mit Blöcken. Sind letztere beseitigt, kann man im Oberwald gute Hutweiden schaffen, vorausgesetzt, daß man das neugewonnene Kulturland nicht sich selbst überläßt. Einen wenig günstigen und kaum verbesserungsfähigen Boden liefern die S a n d st e i n e, auch die Gesteine des Taunus und die unter dem Basalt liegenden Sande und Tone. Meist stehen sie nur unter Forstkultur und an der Bildung von Nohhumus und den darunter folgenden Bleichzonen erkennt der Fachmann leickt, daß hier oft eine vege- tationsschädigenoe Bodenoildung einsetzt. Ist also der aus den Gesteinen des Vogelsberges entstandene Boden zur Ernährung von Kulturpflanzen insgesamt nicht gerade günstig — abgesehen natürlich von der Wetterau — so liefern die Gesteine selbst in anderer Beziehung wertvolle Produkte. Verfügt Oberhessen auch nicht wie der Odenwald über politurfähige Hartgesteine, so liefert der Basalt, wie die zahlreichen gerade setzt neuentstehenden Steinbrüche allenthalben beweisen, ein geschätztes Steinbrucksmaterial. Oft wird die natürliche Säulenglieoerung (z. B. Bilstein (RES!) Kreuzplatz 6 Seite 21 bei Lauterbach, Gaulskopf bei Gedern) bei dem Abbau gern benutzt. Der Münzenberger Sandstein mit feinen bunten Farben hat als Grenzstein weite Verbreitung gefunden. Zahlreiche Sand- und Tongruben, zum Teil größeren Umfanges (3. B. bei Gießen oder Lauterbach), sind randlich au finden, fehlen aber leider dem Innern des Dogelsberges vollständig, Kalk (Gießen, Lauterbach, Haingründau z. B.), Ocker (Wieseck, Homberg) und See kreide (Garbenteich) werden gelegentlich gewonnen. Sehr wertvoll ist die als Dynamitbestandteil unentbehrliche Kieselgur, aus der Anhäufung kleinster pflanzlicher kiefeliger Organismen entstanden; sie kommt besonders bei Altenschlirf und Beuern in abbauwürdiger Menge vor. Besondere Beachtung gewann in jüngster Zeit der unter dem Basalt liegende Quarzit, der zur Herstellung von feuerfesten Steinen außerordentlich gesucht ist (z. B. bei Daubringen, Leihgestern, Angenrod, Homberg). Schon der Mensch der älteren Steinzeit schätzte das harte Material zur Herstellung seiner Werkzeuge, wie die umfangreichen Ausgrabungen des Geologischen Instituts Gießen in den Höhlen bei Treis a. d. Lumda beweisen. Eine besondere Eigenart des westlichen Oberhessens stellen die Mineralquellen dar, die zum Teil Weltruf besitzen, wie das prächtig ausgebaute Nauheim. Von Gießen können sie durch die ganze Wetterau bis über die hessische Grenze verfolgt werden und waren schon den Kelten und Römern bekannt. Der untergegangene Ort Selters bei Gießen (Seltersberg, Seltersweg noch jetzt daran erinnernd!) hatte feinen Namen von einer Karl Finke Gießen • Westanlage 31 Aanohandlung und Werkstätte für Pianofortebau Reparaturen und Stimmungen an Klavieren und Harmoniums in erstklassiger Ausführung Preiswerte Schlafzimmer - Speisezimmer Herrenzimmer • Küchen sowie Einzelmöbel Vollständige Betten Polster- Möbel und Matratzen eigener Anfertigung in nur la Qualität Linoleum. 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Ma Oberhessen Dort pflanzen auf ein sich das große Algen und Pilz gamen) hinzuge^ zwischen den hoi aber höchstens i Leben der Uüi< deutlicher in 6 wir von all Pflanzenwelt n vorführen fönn> bobei oud) bie t roie HtUd/tn uub Heckenrose, Buche, her ßicblinge de- scheidenden Züge i Greifen mir dazu oder Gegenden he interessanteren Pf antreffen, um so unsere Heimat in _ 3n Gießens i Lasalchöhe des einer der interessl °onde. 3n einem drängt, an vie L ober uns S-M- "5 (rfileDDt wurden Ackerunkräulem usw. Wenn m (nnhs füll V0l A-E (fbl sich vnn lc Khnl n Urwc S* Dierl blumen pfl^! erstaunen »u Wrblunien tu Zu all?7' natu* Psic bKLwub ln, her Heimo« nut btL. r P,i b mancher 4 ZL Wiens, ]onoem o bezeichnen, wc «den Herbst hi Sjii'Ä noch an wenig! doch Zeigt sich u Gießener Anze^gsr - I ibiläums-Ausgabe Viertes Blatt Seite 25 Die heimatliche Flora. Von Dr. G. Funk. a. o. Professor an der Universität Gießen. Zu oll dem, was uns die Heimat lieb und wert macht, gehört auch die Pflanzenwelt, die ihr den natürlichen Schmuck verleiht. Daß jedes Land sein besonderes Pflanzenkleid trägt, ist wohl erst dem recht zu Bewußtsein gekommen, der sich schon etwas in der Welt hat umsehen können. Im Vergleich mit der Heimat mag dem einen die Fremdartigkeit so mancher Pflanze an der Meeresküste oder im Hochgebirge, dem anderen auf den Kalkhügeln der Champagne oder in den Steppen Rußlands, dem dritten in den Wäldern Kurlands oder Serbiens aufgefallen sein, ganz zu schweigen von Südeuropa und den Ländern, die noch weiter von uns entfernt liegen. Bei aufmerksamer Beobachtung indessen wird man auch finden, daß sich jede Gegend innerhalb unseres deutschen Vaterlandes durch Pflanzen oder Pflanzengemeinschasten auszeichnet, die nur ihr eigen sind. Freilich, daß auch vieles Gemeinsame die Unterschiede der einzelnen Gaue verwischt, versteht sich von selbst. Seitdem der Landwirt die ausgedehnten Urwälder gerodet und später der Forst- mann die hierbei übriggebliebenen Wälder durch seine Tätigkeit in Kulturforste verwandelt hat, ist die ursprüngliche Pflanzenwelt stark zurückgedrängt, an vielen Stellen auch durch die absichtliche oder ungewollte Einführung fremdländischer Gewächse verändert worden. Wenn wir z. B. in fast allen Teilen Deutschlands uns einen Feld- strauß aus Klatschmohn, Rittersporn und Kornblumen pflücken können, sa wird es wohl manchen erstaunen zu hören, daß diese uns so vertrauten Ackerblumen eigentlich Fremdlinge In unserer Heimat darstellen, die mit den Getreidepflanzen vor langer Zeit aus südlichen Ländern zu uns einge» lchleppt wurden. Aehnlich verhält es sich mit vielen llckerunkräutern, verwilderten Gartenzierpflanzen !ifw. Wenn man somit in allen Teilen Deutschlands fast völlig gleich aussehende Fluren von Roggen, Weizen, Kartoffeln und anderen Kulturpflanzen antreffen kann, die die ursprüngliche Ligenart einer Gegend verändern und verdecken, Io gibt es doch wilde Pflanzen zur Genüge, die einer jeden Gegenb ein besonderes Gepräge ver- lleihen. Dieser heimischen Flora im engeren Sinne, die uns auf Wiesen, Triften und Auen, mehr aber noch in denjenigen Wäldern ent- Legentritt, die noch nicht so sehr von der gleich- inachenden Kultur beeinflußt sind, soll hier oeson- Äere Beachtung geschenkt werden. Sehen wir insbesondere zu, welche der heimatlichen Pflanzen für unser Oberhessen charakte- »istisch sind. Man wird die Gesamtzahl aller in Lberhessen vorkommenden Arten von Blüten- xslanzen auf etwa 1500 schätzen können, zu denen fick das große Heer der niederen Pflanzen, wie Algen und Pilze, Flechten und Moose (Kryptogamen) hlnzugesellt, die fast überall die Lücken zwischen den höheren Gewächsen ausfüllen, für sich ober höchstens im Herbst und Winter, wenn das Leben der Blutenpflanzen mehr oder weniger ruht, deutlicher in Erscheinung treten. Es ist klar, daß mir von all diesen Vertretern der heimischen Pflanzenwelt nur eine Auswahl der würdigsten vorführen können. Außeracht lassen müssen wir dabei auch die allgemeiner verbreiteten Gewächse, wie Veilchen und Maiglöckchen, Schlüsselblume und Heckenrose, Buche, Eiche usw., die wohl von alters- her Lieblinge des Volkes sind, aber keine unterscheidenden Züge unserer engeren Heimat bedingen. Kreisen wir dazu außerdem ein paar Oertlichkeiten aber Gegenden heraus, an denen wir mehrere der ijitereflantcren Pflanzen unserer Flora gemeinsam antreffen, um so recht zu erkennen, welche Schätze itnfere Heimat in dieser Hinsicht noch birgt! In Gießens nächster Umgebung ist wohl die Lasalthöhe des Hangelst ei ns botanisch als einer der interessantesten Punkte nicht allein Ober- Hessens, sondern auch des ganzen mittleren Lahntals ah bezeichnen, wo man vom ersten Frühjahr an bis in den Herbst hinein eine Fülle heimatlicher, nicht «trabe alltäglicher Pflanzen antreffen kann. Zwar sind die großen sog. „Hangelfteiner" Schnee- «l ö ck ch e n (Leucojum vernum), die in früheren Zeiten in größerer Menge dort wuchsen, heute nur mach an wenigen versteckten Stellen vorhanden, teod) zeigt sich uns die eigentliche Frühlingsflora, eüwa Mitte Mai, immer noch im schönsten Ge- nranbe. In einem prächtigen Tiefblau leuchten uns bann die Blüten des Steinsamens (Litho- spermum purpurco-coerulcum) entgegen, die Zahnwurz (Cardamine bulbifera) beher.fcht auf großen Flächen Öen Waldboden mit ihrem zarten Lila, oder an anderen Stellen stehen Aronstab (Arum maculatum) mit seinen saftigen schwarz- gefleckten Blättern und hellgrünen Blütendüten zu- jammen mit der Haselwurz (Asarum europaeum), wieder an anderen das gelbe Windbuschröschen (Anemone ranunculoides) neben dem gewöhnlichen weißen in dichten Gruppen beieinander. Auch einige Orchideen, wie das gefleckte Knabenkraut (Orchis maculata) oder die wohlriechende Zwei- blättrige weiße Kuckucksblume (Platanthera bifolia) schmücken den Hangelsteiner Wald, während mehr gegen den Sommer der Türkenbund (Lilium Martagon) seine stattlichen, mit großen pupurroten Lilienblüten gezierten Schäfte erhebt. Ihm zur Seite finden wir an ganz bestimmten Stellen auch den gelben Sturmhut (Aconitum Lycoc- tonum), der innerhalb Hessens nur noch im Vogels- berg anzutreffen ist. Später im Sommer, wenn Tollkirsche und Aronstab ihre verlockenden giftigen Früchte reifen lasten, fallen uns farbenfreudige Gruppen des Traubenrainfarns (Tan.icetum corymbcsum) mit feinen margheritenähnlichen Blüten ober der Sigmarswurz (Malva alcea) in leuchtendem Rosa auf. Die eigentlichen Gießener Wälder um Schiffenberg, Hochwarte und Bergwerk sind bota- ursinum) trifft man hier und da, und an recht versteckten Stellen kriecht das Schlangenmoos oder der Bärlapp (Lycopodium clavatum) mit feinen über meterlangen Sprossen auf den schwellenden Moospolstem dahin. Aeußerst reich ist die PUzflora der Gießener Wälder. Fast alle eßbaren und giftigen Arten sind darin vertreten, von botanischen Merkwürdigkeiten sind z. B. der Erdstern, Stinkmorchel, Bischofsmütze und Totentrompete zu erwähnen. Richt gerade häufig begegnet man auch dem Korallenmoos (Cladonia bellidiflora), einer kleinen Strauchflechte des Waldbodens mit leuchtend scharlachroten Köpfchen. Richt minder eigenartige Gewächse enthalten die Wälder im Biebertal, um auch einen Blick in das preußische Nachbargebiet zu tun. Was dort den besonderen Charakter der Flora bedingt, ist in erster Linie der Kalkboden, der das Auftreten gewisser Pflanzen begünstigt, denen wir sonst nicht so leicht begegnen. Größere Orchideen, wie das rote und große Waldvöglein (Cephalanthera rubra und C. grandiflora). in bunter Mischung zahlreiche Schmetterlingsblütler wie Erbsenwicke (Vicia pisiformis), Waldplatterbse (Lathyrus Silvester), Bärenschote (Astragalus glycyphyllus) und viele anderen Wickenarten, und im versteckten Gebüsch des Ebersteins die imposante Akelei- Dolde (Liier trilobum) gehören zu diesen sogenannten kalkliebenden Pflanzen. In der Richtung nach Wetzlar ist diese Kalkflora mitunter noch schöner ausgeprägt, so namentlich auf den Höhen von Oberkleen, wo eben diese Akeiei-Dolde, eine im übrigen Deutschland recht seltene Pflanze, zu- f'immen mit vielen schönbluhenden Wickenarten und blauen Anemonen ganze Hänge überzieht. Auch das Ufer der Lahn mit feinen üppigen Schilsdickichfen zeigt manche beachtenswerte Pflanze. Besonders die Seitenarme der Lahn bei Lollar führen eine interessante Wasserpflanzengesellschast, unter denen neben den gelben Seerosen und weißen schwimmenden Teppichen des Wasserhahnenfußes (Ranunculus fluitans), namentlich der Kalmus (Acorus calamus) und der in einzelnen Pflänzchen völlig frei schwimmende weihblühende Frosch- b i ß (Hydrocharis morsus ranae) zu nennen sind. In den Launsback)er Tümpeln längs der Lahn ist noch vor wenigen Jahren der Wafserfchlauch (Utrlcularia vulgaris) mit eigenartigen Fangorganen für Wassertierchen und der giftige Wasserschierling (Cicuta virosa) festgestellt worden. An den Lahnwehren in nächster Rühe der Stadt wächst neben anderen interessanten Wasierkryptogainen auch der Gliederfaden (Lemanea tornlosa), eine Notalge, deren nächste Verwandten im Meere leben. Die Wiesen in Gießens Umgegend zeigen wohl in der Hauptsache einen Blumenschmuck, wie auch sonst in ebenen Gegenden Deutschlands, doch mögen auch hier einige Besonderlichkeiten hervorruhmt aber ist der azurblaue Frühlings- enzian (Gentiana verna) von Rödgen, der nur in wenigen Teilen Deutschlands vorkommt, in den Alpen dagegen weitverbreitet ist. Schon vor über hundert Jahren hat sein merkwürdiges Vorkommen aus der Ochsenwiese bei Rödgen das Interesse der Botaniker erregt. Auf sumpfigen Wiesen sehr vieler Teile Oberhessens ist das Sumpf-Herzblatt (Pamassia palustris) mit feinen eigentümlichen weißen Blüten ziemlich häufig. In der W e 11 e r a u hat wohl jede Gemarkung die eine oder andere Besonderheit an Blütenpflanzen aufzuweisen, sei es auf Wiesen oder Ackerrändern, sei es am Wetterufer oder in Teichen, doch ist es hier unmöglich, auf alle einzugehen. Rur auf die Eigenart so manchen trockenen Hügels sei hingewiesen, auf denen sich mitunter Pflanzen finden, deren Hauptverbreitung im Osten Europas ober in Asien liegt, in den großen Steppen, namentlich ums Schwarze (Pontische) Meer, die man deswegen auch als pontische Pflanzen bezeichnet. Es sind diejenigen Pflanzen, die nach der Eiszeit aus jenen Gebieten in Mitteleuropa eingewandert sind und bei uns wie in der Steppe trockene unfruchtbare Gebiete bevorzugen. Innerhalb Hessens bilden diese pontischen Pflanzen in großer Formenfülle, vor allem im Mainzer Sandgebiet, den Hauptteil einer für ganz Deutschland höchst merkwürdigen Vegetation. Zu ihnen müssen wir z. B. die im ersten Frühjahr hervorbrechende Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris), jene große Anemone mit ihren dunlelvio.etten weichhaarigen Bluten, zählen, die auf dem Wingertsberg bei Griebel, in ber Gegend von Hungen und anderwärts vorkommt. Auch die hochragenden gelben Königskerzen (Verbascum), die Mannstreubißel (Eryngium campestre), viele andere echten Disteln, und eine Anzahl dürrer Grasarten sind in diese Gruppe zu stellen. Der Deutsche und der Gefranzte Enzian (Gentiana germanica und G. ciliata) gesellen sich an manchen trocknen Hängen ober Waldrändern hinzu. Welchen Reichtum an wildwachsenden Pflanzen z. B. die Gegend von Lau- bach ober von Büdingen autweist, darüber geben uns die Schriften von Lahm (Flora der Umgebung von Laubach 1887) sowie von Hoffmann und Grießmann (Notizen und Nachträge zur Flora von Büdingen, Bericht der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde 1908 und 1910), in weiterem Umfang auch Spilger (Flora und Vegetation des Vogelsbergs, Gießen, Emil Roth, 1903) genauere Aufschlüsse. Größeres Interesse noch beansprucht die Vegetation in der Nähe der zahlreichen Wetterauer Salzquellen, auf Wiesen rund um die Salinen und in salzhaltigen Abflußgräben bei Nauheim, Salzhausen usw. Hier finden sich Kräuter, die durch Kochsalz im Gedeihen gefördert werden und einen relativ hohen Salzgehalt des Bodens ertragen können. Die meisten dieser Salzpflanzen oder Halophyten fallen uns durch dicke fleischige Blätter und Stengel auf. Ihr wichtigstes Verbreitungsgebiet sind naturgemäß die Meeresküsten, außerdem nehmen sie aber aud) in den Salzsteppen Innerasiens riesige Flächen ein. Vielleicht sind manche Arten von dort in der Nacheiszeit zusammen mit den Steppenpflanzen zu uns eingeroanbert, anbere mögen burch Wastervögel von den Meeresküsten nach ben Salzstellen bes Binnenlanbes verschleppt sein. So wachsen an den genannten Orten Z. B. Meerstranbswegerich (Plantago maritima) und wilder Sellerie (Apium graveolens) Meerstrandsdreizack (Triglochin maritima), Milchkraut (Glaur maritima) und eine Reihe anderer Halophyten: auch das Schmalz- kraut oder der Queller (Salicornia her- bacea) mit seinen blattlosen fleischigen Stengeln war hier früher keine Seltenheit, scheint aber jetzt verschwunden zu sein. Kein Teil unseres oberhessischen Landes dürfte aber an heimischen Gewächsen ganz besonderer Art so reich fein wie der Vogelsberg. Mit stei- gender Höhe treten auf Wiesen und in Wäldern bereits einige jener Pflanzen auf, die man als Mittelgebirgspflanzen zu bezeichnen pflegt, da sie ihre Verbreitung vor allem in den deutschen Mittel- gebirgen (Schwarzwald, Thüringer Wald, Riesengebirge usw.), viele von ihnen aber auch in Skandinavien ober in ben Alpenoorbergen haben. Wer hätte nicht schon im Frühjahr bie golbencn Blüten- volle der Trollblume (Trollius europaeus) bewundert, die in unzähligen Mengen die Wiesen gleich oberhalb Schottens ober bei Herbstein zieren? Wer hätte nicht ben Reiz ber höher gelegenen Wiesen, Weiden und Waldwege beim Bilstein ober zwischen Hoherodskopf unb Geiselstein empfunden, wenn im Sommer die rotgelben Sterne von Bergwohl, verleih (Arnica montana) neben ben himmelblauen, hier oben besonders großblütigen Glockenblumen (Campanula rotundifolia) sich aus dem saftigen Grün erheben? Und wird man beim Anblick der niedlichen rosa ober weiß gefärbten Katzenpfötchen (Gnaphalium dioicum) mit ihren silberig weißbehaarten Blattrasettchen nicht lebhaft an bas Edelweiß der Alpen erinnert, mit dem es in der Tat auch nahe verwandt ist. Auf der „Breun- geshainer Heide" und den sonstigen „Oberwald- wiesen" ist es überall in Masse bis nach Herb- stein ober Gebern vertreten. Neben ihm ist auf den höchst gelegenen Weibeslächen das Isländische Mvvs (Cetraria islandica), eine charakteristische Flechte ber nordischen Länder, keine Seltenheit. Im Walde finden sich in größerer Menge auch jene Pflanzen, die wir bereits bei Gießen kennen gelernt haben: Schneeglöckchen vor allem beim Geifelftein unb lürfenbunblilien, unb sie lehren uns, baß auch in pflanzenaeographischer Hinsicht ber Hangelftein unb feine basaltigen Nachbarberge mit ähnlicher Flora als Ausläufer des Vogelsbergs zu deuten find Hinzu kommen aber im Vogelsberg noch viele andere Pflanzen mit z. T. herrlichen Blüten, wie ber weiße 6 e b i r g s - Staufenberg. ft >' W r',1 M nijch nicht so reich wie ber Hangelstein. Immerhin aber erfüllen im ersten Frühjahr bie zierlichen rosa Blütchen des S e i d e l b a st strauches manches Gebüsch mit ihrem Dust. Lerchensporn (Corydalis cava), Türkenbund und Bärenlauch (Allium gehoben sein. So findet man schon in den Klingelbachwiesen am Rande der Stadt den großen lang- blättrigen Ehrenpreis (Veronica longifolia) und in einzelnen Gräben ist die zierliche Armleuchteralge (Nitella flexilis) in dichten Rasen vorhanden. Be- gOgm I II JII I III-.« I IIIIIWI I I IHr I IIMII I«»I».MZ «u MMeMOrauMdeis und Tresovdau Fr. ^rosmann Gießen Gegründet 1882. Fernruf 1401 | Baus: Kandels- und Gewerdshans e.G.m.V.K„ Gleßeu - NoftscheE: FraEnrt a.M.SGLLÄ Kerttelttmg aller GvzeusnMe -euer-, -jedes-, ejndruch- und fchneiddvennßcherer wevtdehöttrMe Seite 26 Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Viertes Blatt Hahnenfuß (Ranunculus aconitifolius), die Ber^flockcnblume (Centaurea montana) mit ihren großen kornblumenähnlichcn Blüten- föpfen, der blau-weiße Sturmyut (Aconitum variegatum) und das weißblühenbe, schwar^- beeriae Ehrlstophskraut (Actala spicata), ja selbst der blaue Alpenlattich (Mulgedium alpinuni) neben zahlreichen Gebirgsfarnkräutern und dem Tannenbärlapp (Lycopodium Selago), die alle die Naturschönbeit des Nogelsbergs noch erhöhen. An manchen Stellen bildet der Fingerhut (Digitalis purpurea) leuchtende rote Gruppen, doch scheint dieser nicht zu den ursprünglichen Pflanzen des Nogelsbergs zu gehören, vielmehr künstlich dort anaelledelt zu'sein. Zum Glück läßt man einzelne Waldstücke, z. B. rund um den Taufstein, als Naturschutzpark in urwaldmahigcm Zustand. Prächtige alte Stämme von Buchen und Bergahorn, die z. T. von dem großen Zunder- schwamm befallen oder schon gänzlich unter dessen tödlicher Wirkung morsch zusammengebrochen sind, geben uns ein Bild von den grausamen Kämpfen, die sich selbst innerhalb der Pflanzenwelt abspielen. Man sieht mitunter an den Stämmen Dutzende jener konsolenförmigen Schwammkörper, die übrigens früher als Handelsartikel zur Fabrikation des Zunders und all der verschiedenen Zundergegen- stände gesucht waren. Wo Felsen frei zutage treten, vor allem am Bilstein, sind sie beachtenswert durch das Vorkommen zahlreicher außergewöhnlicher Flechten, wie der großen olivgrünen blasigen Nabelflechte (Umbili- caria pustulata) oder der eigenartige grüne Flecken erzeugenden Landkartenflechte (Rbizocarpon geo- graohicum). Mitten im Oberwold aber zwischen Taufftein und „Sieben Ahorn" erhebt sich auf einer von Krummholzkiefern (Pinus montana) umsäumten Fläche als schwach uhrglasformiae Wölbung, das einzige echte Hochmoor Oberhessens. An diesem abflußlosen Sattel haben Torfmoose (Sphagnum- Arten) sich im Laufe der Fahrtausende mit ihren Polstern immer weiter übereinander geschichtet, bis die untersten Lagen bei Luftabschluß und unter dem Druck der darüber liegenden jüngeren sich allmählich In Torf verwandelten, der an der höchsten Stelle eine Mächtiakeit von 2—3 Meter besitzt. Die Pflanzen auf solchen Hochmooren, an denen bekanntlich Norddeutschland, Bayern, Schwarzwald, Rhön und andere Teile Deutschlands viel reicher sind, verdienen ganz besonderes botanisches Interesse. Findet sich doch gerade auf den meist mit Wasser getränkten Polstern der Torfmoose das kleine insektenfressende Sonnentau pflänzchen (Drosera rotundifolia) und die Moosbeere (Vaccinium oxycoccus), ein allerliebstes kriechendes Zweragehölz mit fadenförmigen Aestchen, zierlichen Blättchen, Blüten und Früchten. Seine nächsten, aucy anderwärts häufig vorkommenden Verwandten, Heidelbeere, Prciheloeere und Heide- kraut stehen in Büschen zwischen den Moospolstern. An anderen, namentlich feuchten Stellen füllt das Scheidenwollgras (Eriophorum vaginatum) die Lücken, eine Charakterpflanze hochnordischcr Länder. Die Wasiertümpel des Moores sind belebt von einer Menge kleiner Organismen, vor allem aus der Gruppe der Zicralgen (Desmidiarzeen), jenen wunderbaren „Kunstformen der Natur", die uns freilich erst unter dem Mikroskop ihre Schönheit offenbaren. Mehr am Rande des Hochmoores und auf den umliegenden Moorwiesen, wo man vor Jahren bei dem unrentablen Versuch der Torfgewinnung und zur Aufforstung des Hochmoores tiefe und breite Entwässerungsgraben angelegt hat, hauen das B l u t a u g e (Comarum palustre) mit seinen düsteren Blüten und der giftige Fieber- k l e e (Menyanthes trifoliata) ihre Standorte. Auf anderen Moorwiesen des Vogelsbergs trifft man auch die kleine rosablütige Fetthenne (Sedum villosum) und die weiße Händelwurz (Gym- nadenia albida), an wenigen moorigen Waldstellen auch den weißblüttgen Siebenstern (Trientalis europaea) an. So wird schon diese flüchtige Aufzüh- lung den Leser überzeugen, daß auch die Flora unteres engeren Heimatgebtetes nicht arm an Pflanzen ist, die zu den schönsten und interessantesten Bc- tonbteilen unserer heimatlichen Natur zu zählen ind. Doch wer wie der Verfasser die Pflanzenwelt •es Hessenlandes alljährlich In zahlreichen Ex kur- Ionen beobachtet, dem wird die traurige Tatsache nicht entgehen, daß von den seltenen oder besonders schön blühenden oder durch besondere Lebens- ersckeinungen ausgezeichneten Gewächsen eines nad) dem anderen verschwindet. Schon im Laufe unserer Betrachtungen haben wir mehrfach darauf hingewiesen. Mehr aber noch offenbaren sich uns diese Verluste, wenn wir den heutigen Florabestand mit dem vor etwa 40 Jahren vergleichen, wie er z. B. in der Exkursionsflora für Hessen von Dosch und Scriba (Verlag Emil Roth 1888) ober in bem Exkurstonsjournal Hermann Hoff- manns niebergeleat ist. Es wäre eine Adhanblung für sich, alle fettbenx verschwundenen Pflanzenorten Hessens und alle in ihrer ursprünglich reichen Flora stark veränderten Punkte Oderhessens anzuführen. Unkenntnis der besonderen Eigenarten unserer Pflanzenwelt bei sonst ehrlichen Naturfreunden, andererseits auch böser Wille, vor allem bei gewerbsmäßigen Sammlern, haben schon manche der außergewöhnlichen Heimatpflanzen ausgerottet. Dies in Zukunft vermeiden zu helfen und dazu beizutragen, baß bie ursprüngliche Flora unserer Heimat erhalten bleibt, auch nicht etwa wirtschaftlichen Maßnahmen unnötig zum Opfer fällt, ist vornehmste Pflicht eines jeden wahren Naturfteundes. Diele von den hier genannten Pflanzen — wir haben sie durch gesperrten Druck heroorgehoben — sind wert, unter gesetzlichen Schutz gestellt zu haben, derart, baß zum minbesten ihr Ausgraben unter Strafe gestellt wirb. Weitere bestimmte Oerilichkeiten müssen als Naturschutzparke erklärt werden, womit vor Jahren bereits der verstorbene Geheimrat A. Hansen einen bedeutungsvollen Anfang machte, indem auf seinen Antrag em Teil des Vogelsberger Hochmoores, besten natürliche Pflanzengemeinschaft wir soeben kennen gelernt haben, unter Schutz gestellt wurde. Man, cher Waldabschnitt bes Vogelsbergs, Hangeistein, Lollarer Kopf, bie Endanwiese von Röbgen, mancher Teich ober Teile bes Lahnufers und die Wetterauer Salzpflanzenorte verdienen dos gleiche. Aber dies allein genügt nicht. Lehrer und Forst, beamte, Apotheker und sonstige pflanzenkundige Naturfreunde sind in erster Linie dazu berufen, bie Kenntnis der heimischen Pflanzenwelt unb ihres ibeellen Wertes in weiteste Kreise der Bevölkerung zu tragen. Unb um in gemeinsamer Arbeit biese gesteckten Ziele zu erreichen, sollten alle, die an ber Erhal-- tung unserer heimischen Pflanzenwelt ernstlich interessiert sinb, sich zusammenschließen unb eine Zentralstelle schaffen, damit ähnlich wie in Preußen und anberen Bundesstaaten geeignete Wege gefunden werden, um nicht allem die Kenntnis der zu schützenden Pflanzen durch Wort und Bild zu verbreiten (für Preußen existiert ein Atlas ber ge- schützten Pflanzen, herausaegeden von ber Staatlichen Stelle für Naturbenkmalpflege, Berlin, Hugo Bermühler Verlag 1924), fonbern auch staatliche unb Gemeinbebehörben zum Erlaß wirksamer Schuh* bestimmungen zu veranlaffen. Pflanzenschutzbestrevrmgen in Oberhessen. Von Dr. Ernst Küster, < Professor an ber Universität Gießen. * Je nachdrücklicher überall die Vertreter bet praktischen Berufe eine intensive Ausnützung bes Bodens fordern, um so eifriger werben die ber biologischen Erforschung seiner Produkte sich Widmenden auf Schonung und Pflege derjenigen Pflanzenformationen unferer heimatlichen Erde bedacht sein müssen, die ohne solche Bemühungen dem Untergang ausgesetzt wären. Büdingen, SHnentcs Haus (Hosonflcht). 'M »fr. ■'Är. I MW iH MM ?!§►, S1*-. ««Kr Botanisch orientierte Naturschutzbestrebungen sind in Oberhessen bereits wiederholt und mit Erfolg betätigt worden: Ihr Ziel ist nicht etwa nur, die Flora ber Heimat in ihrer bisherigen Reichhaltigkeit zu erhalten, so baß der Pflanzenfreund unb -sammler an ber ungeschmälerten Mannigfaltigkeit der von ihm studierten Erscheinungen sich erfreuen kann, sondern vor allem der naturwisten- schaftlichen Heimatkunde unb dem Studium ber Biologie überhaupt ein Forschungsmittel und ein Beobachtungsmaterial zu wahren, das nur in ber freien Natur gesucht, durch keinen Laboratoriumsoder Gartenoerfuch ersetzt werden kann. Als durch bie tm Vogelsberg vor genommene Aufforstung das auf dem Taufftein liegende, floristifch bemerkenswerte Hochmoor bedroht schien, ist vom Gießener Botanischen Institut im Jahre 1908 für eine 715 Meter über dem Meere gelegene Parzelle desselben von fast 1000 Quadratmeter Schonung eroeten worden: es handelte sich darum, die eigenartige Flora des Moores zu er* halten unb mit ihm ein Versuchsfeld zu pflanzenphysiologischen unb ökologischen Studien aller Art. Die SchuHparzelle trug rinus montana als einzigen Vertreter der Daumflora, dichte Bestände von Calluna, bie weichen Polster bes Sphagnum, bazu Vaccinium oxycoccus, Drosera u. o. a. Herr Unioersitätsgarteninspektor R e h n e l t hat sich in ber Vorkriegszeit um bie Besiedelung ber Moor- Parzellen mit allerhand ausländischen Gästen sehr bemüht: Das insektenfressende Fettkraut Pinguicufa ließ sich dort fultioieren, ebenso bie norbamerika- Nische Insektivore Sarraceria purpurea, weiterhin Primula rosea aus ben indischen Hochgebirgen, Rhododendron dahuricum aus Sibirien und mit besonders gutem Erfolge Loiseleuria procumbens (Ericaceae), die Bewohnerin ber Aktis und des Hochgebirges. Don deutschen Arien wurden noch ein Enzian, Gentiana acaulis, und ber Siebenstern (Trientalis europaea), eine schöne Pflanze der norddeutschen Wälber, dort oben kultiviert. Es liegt auf ber Hand, nach wie vielen praktischen unb wissenschaftlichen Gesichtspunkten ber Ausbau solcher Sieblungsversuche sich nutzbar machen ließe. — Die vernichtenbe Trockenheit des Jahres 1911, der Krieg unb andere Umstände machten ihnen leider ein Ende, und die meisten ber gepflanzten Arten sind inzwischen verschwunden. Im Jahre 1923 wurde gleichwohl auf Veranlassung des Verfassers bie Beobachtungsparzelle auf 3600 Quadratmeter erweitert, so daß auch Betula carpathica als Vertreterin ber Laubbaumflora in jene Büdingen, Oberhof. «\V s el >--»<; .1»; MM Mß M KONSUMVEREIN GIESSEN UND UMG. Gegründet 1901 Die moderne Dampfbäckerei liefert täglich beste Brote und We ß 'ebäck. Besondere Wünsche werden auf Bestellung ausgeführt Die eigene Sparkasse nimmt wertbeständige Spargelder in jeder Höhe im Bureau und in allen Verteilungsstellen an. Die Verzinsung beträgt für tägliches Geld 10%. Die neue Kaffeerösterei röstet stets feinste Qualitätskaffees. 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G. »n. b. & Auf langfristige Teilzahlung Die Tierwelt unserer 5)eimat ist noch nicht völlig erforscht. Unter den Säu Der Präsident des Landgerichts der Provinz Oberhessen, Herr Neuenhagen. Dem „Gießener Anzeiger“ sende ich zu seinem 175jährigen Geschäftsjubiläum meine besten Wünsche. Da ich als Gießener die Entwicklung dieses Blattes Jahrzehnte lang verfolgt habe, kann ich seinem derzeitigen Stande nur wärmste Anerkennung zollen. Möge der „Gießener Anzeiger“ wie seither auch fernerhin, getragen von dem Bewußtsein der hohen Aufgaben unserer Tagespresse, durch objektive, dem wahren Sachverhalte entsprechende Berichterstattung und Darstellung auf allen Gebieten, insbesondere auch auf den mir zunächst am Herzen liegenden, der Rechtspflege, zur Aufklärung weiter Kreise unseres Volkes zu dessen Heile sein gutes Teil beitragen! früher so häufige niederdeutsche Schaf. Aus dem Spessart wechseln Wildschweine besonders in die Schützer Gegend herüber: überall, auch in unferm Stadtwald, kommt das Reh vor, während der Edelhirsch auf einige Gebiete des Vogelsbergs beschränkt ist. Einen herrlichen Bestand an Rotwild weist da- gegen der nahe, aber schon im Preußischen liegende Krofdorfer Forst auf: Damwild finden wir gleichfalls in Hessen-Nassau, im Tiergarten des Schlosses Braunfels gehegt. Er gibt uns noch eine Vorstellung von den großartigen Wildgehegen, wie sie früher in Deutschland zu den Schlössern gehörten. Der berühmteste derartige Tierpark war derjenige des Schlosses Münzenberg in der Wetterau, der schon im Jahre 1450 erwähnt wird. Spätfliegende Fledermaus, die z. B. am Albacher Teich fliegende Wasserfledermaus und die Kleine Hufeisennase: ob noch andere Nachtflattcrcr Vorkommen, ist mir nicht bekannt. — An Insektenfressern ist häufig bei Gießen der Igel, Maulwurf, die der Fischerei schädliche Wasserspitzmaus sowie die nützliche Wald-, Zwerg- und Feldspitzmaus. — Unter den Nagetieren richten großen Schaden an Waldwühlmaus, Feldmaus, Wasserratte, Wanderratte, Hausmaus, Waldmaus, Brandmaus, Zwergmaus sowie der bei Gießen auf Feldern zuweilen vorkommende Hamster. Selten ist der u. a. gelieren, treffen wir Oberhessen sicher an die Lagev der wivtschastsrentrate für das westdeutsche .Handwerk Nnö einwandfreies Material Moderne Formen - n Artenzahl ist die Vogelwelt Nordostdeutschlands am reichsten: sie nimmt gegen Südwesten immer mehr ab. Von den 240 verschiedenen Stand-, Strich- und regelmäßigen Zugvögeln Deutschlands finden sich nur etwa 90 in Oberhessen: vor allem mangelt es an Wasser- und Sumpfvögeln, woran die intensive Kultur Schuld trägt.’ Als Gießen vor 100 Jahren noch Festung und die Lahn noch nicht korrigiert war, da gab es noch drunten am Heßler gegen Dutenhofen zu eine Kolonie von wohl hundert Reihern, häufig hörte man das stierartige Gebrüll der Großen Rohrdommel und über dem Ried schaukelte sich im Balzflug die Rohrweihe.-Dringend erwünscht ist, daß wenigstens die wenigen noch in Oberhessen vorkommenden Reiher geschützt werden, denn sonst verschwindet wieder ein schönes, unser Landschaftsbild belebendes Tier. Freilich ist der Reiher ein Fischräuber, aber man nehme sich bei uns ein Beispiel an jenen württembergischen und pommerschen Gutsbesitzern, die als Naturfreunde an ihren Fischwassern ruhig die Reiher bzw. Kormorane sich gütlich tun lassen. Lru-ettplatz Kv. 1 GieSerr an der Lahn Die heimatliche Fauna. Von vr. H. E r h a r d , Professor an der Universität Gießen. Das Landschaftsbild Oberhessens ist gar verschiedenartig! Herrliche Laubwälder wechseln ab mit üppigen Wiesen und Weiden, fruchtbaren Feldern und blühendem Gartenland. Das Land wird von zahlreichen Bächen durchrieselt; es fehlen nur größere Seen, es fehlt Steppenland sowie fast ganz Oedland und Sumpfland. Die Tierwelt Oberhessens ist dementsprechend recht abwechslungsreich: zumeist fehlen allerdings die seltenen und fremdartigen Formen, die wir etwa im Steppenland südlich von Darmstadt, an den norddeutschen Seen oder am Kühkopf am Altrhein antreffen. Herr Generalstaatsanwalt Hofmann. Ich möchte nicht verfehlen, dem „Gießener Anzeiger“ anläßlich seines 175jährigen Bestehens meine herzlichsten Glückwünsche darzubringen und insbesondere dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß es dem rührigen Verlag und einer in dem traditionellen Geiste auch weiterhin geleiteten Redaktion des Blattes gelingen möge, die angesehene, sowohl in Oberhessen wie den angrenzenden preußischen Landesteilen unbestritten führende Stellung als Tageszeitung auch fernerhin zu erhalten und seinen Leserkreis noch zu erweitern. Als treuer Abonnent des ,,Gießener Anzeigers" während meiner nahezu 13jährigen amtlichen Tätigkeit in Gießen habe ich diesen nicht nur als ein sehr gut bedientes, seine Leser schnell und zuverlässig unterrichtendes Nachrichtenblatt kennengelernt, sondern auch wegen seines sonstigen gediegenen Inhalts, insbesondere wegen der von echt vaterländischem Geist beseelten, jedem Parteidoktrinarismus abholden Behandlung der politischen Tagesfragen und wegen der besonderen Pflege, die er in den Feuilletons und in seinen Sonderbeilagen, insbesondere den ,,Familienblättern", den literarischen, künstlerischen und sonstigen kulturellen Interessen angedeihen ließ, stets hochgeschätzt. Möge es dem Gießener Anzeiger vergönnt sein, am Ende des 2. Jahrhunderts seines Bestehens mit gleicher Befriedigung auf seine Erfolge als immer einflußreicherer Träger hessischer Kulturarbeit zurückblicken zu können, wie er es heute in seinem 176. Jahrgang mit berechtigtem Stolz tun kann. inbegriffen wird. Leider sind feit einer Reihe von wahren die Wasser- und Bodenverhältnisse den hier angedeuteten Pflanzenschutzbeftrebungen nicht mehr günstig: das Moor ist sehr trocken geworden. Dazu kommt noch, daß die Soften, welche eine gründliche Bewirtschaftung der Parzelle beansprucht, allzu doch schienen, so daß alle Bestrebungen der letzten Jahre nur der Erhaltung der noch vorhandenen Pflanzenbestände gelten konnten. Ein weiteres, floristisch sehr reichhaltiges Gebiet, das im Sinne der Naturschutzbestrebungen Beachtung und Schonung verdient, sind die Salz- wiesen und S a l z s ü m p f e in der Nähe von Bad-Nauheim. Nicht nur an den salzreichen Abflußgräben, an den Gradierwerken des Badeortes selbst fallen dem Pflanzenkundigen allerhand salz- liebende Arten auf (vor allem Spergularia salina, Plantago maritima und das dickblättrige Atriplex patulum sativum), sondern auch namentlich die bei Wisselsheim sich entwickelnden, von Salzwasssr durchtränkten Wiesen sind durch ihre Flora höchst bemerkenswert. Namentlich fallen die dichten Bestände des Juncus Gerardii, die eigentümlichen Aehren des Stranddreizacks Triglochin maritima, der dichte Flor des salzliebenden Trifolium fragi- ferum und das regelmäßig beblätterte Milchkraut Glaux maritima auf, — Daneben die große Zahl von Wasser- und Sumpfpflanzen, die hier auf dem chlornatriumhaltigen Boden ebenso gut gedeihen wie anderwärts auf salzfreiem. Schon vor dem Kriege hat Herr Lehrer O ß - wald (Bad-Nauheim) auf das wissenschaftliche Interesse hingewiesen, das die Nauheimer Halo- phytenformationen für sich in Anspruch nehmen dürfen, und hat empfohlen, einen geeigneten Anteil der Wiesen in irgendeiner Form unter Naturdenkmalschuh zu stellen Nach dem Kriege sind diese Pläne verwirklicht worden, nachdem der Besitzer der Wiesen, Herr Frhr. von Loew, mit sehr dankenswerter großer Anteilnahme an der wissenschaftlichen Bedeutung der Aufgabe 1924 zwei Parzellen vom landwirtschaftlichen Betriebe ausgeschlossen hat. Damit ist nicht nur der Erhaltung einer außergewöhnlichen Pflanzengesellschaft gedient, sondern auch für die Einleitung wichtiger Versuche die Vorbedingung geschaffen worden. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die bisher reservierten Wiesenparzellen sich noch erweitern und sich auf ihnen Saatversuche in größerem Umfange wiederholen ließen, die mit Unterstützung des Verfassers schon im vergangenen Frühjahr eingeleitet worden sind. (Aussaat von Salicornia, Salsola, Samolus, Aster tripolium U. a.) Daß die eigenartigen Verhältnisse, welche im Quellengebiet von Bad-Nauheim und Umgebung verwirklicht sind, auch der Kryptogamenflora einen besonderen Zug verleihen, ist selbstverständlich. SDlit - aufrichtigem Dank für ihr Entgegenkommen ist mit- zuteilen, daß die Kur- und Badeverwal- tung von Bad-Nauheim dem Botanischen Institut zu Gießen einen kleinen Beobachtungspavillon zum Studium der Mikroorganismenflora über einem besonders salzreichen Rinnsal errichtet hat. Fük weitere pflanzenbiologische Forschungsanlagen böte selbst die allernächste Umgebung von Gießen Gelegenheit. Ein alter Wunsch des Gießener Botanischen Instituts wäre es, ein kleines Lahn- Laboratorium eröffnen zu können, das wenigstens mit bescheidenen Mitteln die Beobachtung unserer lahnbewohnenden Wasserpflanzen (Grün- und Rotalgen, Blutenpflanzen) an den na.irlichen Standorten möglich machte. Die Verwirklichung des lange gehegten Planes ist bisher an den Kosten gescheitert. An Wasservögeln kommt meines Wissens nur noch an einer einzigen Stelle in Oberhessen der Große oder Haubentaucher vor, dagegen kann man überall häufig — besonders im Winter an der Gießener Lahnbrücke — den Zwergtaucher sehen. Die Stockente und die kleine Krickente sind die einzigen hier regelmäßig vorkommenden CnMi Dem Jäger geht das Herz auf, wenn er die ersten Schnepfen puitzen hör: oder das Meckern der be- sonders am Hochmoor auf dem Vogelsberg richt seltenen Bekassinen. Im März gaukeln bei Wieseck massenhaft in der Luft die Kiebitze: auf den meisten Fischteichen schwimmen das Blaßhuhn (mit weißer Kopfplalte) und das grünfüßige Teichhuhn (mit roter Kopfplatte); seilen, doch sicher bei Laubach rorfommenb, sind Wiesenralle oder Wachtelkönig und Wasserralle, doch wage ich nicht bestimmt zu behaupten, daß sich das äußerst scheue gesprenkelte Parzellanhühnchen noch in Oberhessen vorfindet. Ein Schmuck vieler hessischer Dörfer sind die Storchennester; dasjenige in Wieseck wird wohl den meisten Gießenern bekannt sein. Recht selten sind die W 1 l d h ü h n e r geworden. Die letzten Auerhähne in der Gießener Gegend sind kurz vor dem Krieg erlegt worden, jetzt kommt dieser größte Hühnervögel nur noch zwischen Schlitz und dem Knüllgebirge vor; noch seltener ist das Haselhuhn. Fasanen wurden früher in fürstlichen Fasanerien, z. B. in Lich, gehalten; sie sind bann verwildert und überall spärlich anzutreffen; neuer* dings sind sie wieder in der Schützer Gegend ausgesetzt worden. Häufig ist das Rebhuhn, seltener die Wachtel. UeberaU in den oberhessischen Wäldern hort man das Rucksen der drei deutschen Wildtauben, der taubengrauen Hohltaube, kenntlich pm schwarzen Streif im Flügel, der mit weißem Flügelfleck versehenen Ringeltaube und der kleinen zimtfarbigen Turteltaube. Die Ringeltaube brütet sogar in einem Garten in der Südanlage, die Hohl- taube brütet u. a. in einer hohlen Buche 200 Meter südlich des Forsthauses Hochwart mit dem Schwarzspecht und der Dohle im gleichen Baum. Jeder größere Raubvogel heißt in Oberhessen em „Habch" und wird von nicht weidgerechten Jägern heruntergeholt. Meistens ist es bann ber zumeist nützliche Bussarb. An Tagraubvögeln sehen wir außerbem sehr selten in ber Alsfelber Gegenb ben etwas schlankeren Wespenbussarb, ben zu schützenben herrlichen Roten Milan ober Gabelweich, ferner Habicht, Sperber unb Turmfalk, sowie äußerst selten ben Baumfalken unb ben Wanderfalken. Den Bussard kennt man daran im Flugbild, daß er breite Flügel und breiten Schwanz (Stoß) hat, den Milan daran, daß er einen gegabelten Stoß hat: der Habicht unb ber kleinere Sperber haben breite Flügel unb schmalen Stoß; bie Falken hefigen schmale Flügel unb schmalen Stoß. Wo sich ber Fischabler in Oberhessen niebergelassen hat, sei hier verschwiegen. An Nachtraubvögeln hausen in ben Wälbern Waldohreule und Waldkauz, auf Scheunen Schleiereule, in altem Gemäuer Steinkauz, während die untertags fliegende Sumpfohreule Durchzugsvogel ist. An Klettervögeln hören wir überall im Wald den Kuckuck, häufig in Gärten Wendehals und Grünspecht; schon im Februar hort man das „Läuten" des Schwarzspechts, in den Wäldern hacken Großer, Mittlerer und Kleiner Buntspecht, in mehr bergigen Gegenden lebt ber seltenere Grauspecht. Erst Anfang Mai kommt zu uns ber bis Anfang August rastlos über Gießen fliegenbe zu den Schwirrvögeln gehörige Mauersegler; selten ist bie rinbenfarbige Nachtschwalbe in ben Bergen. An Sitzfüßlern sehen wir besonders im Winter pfeilgerade niedrig über der Lahn den Eisvogel fliegen, während der schöne Wiedehopf fast ausgerottet'ist. .Zu den Singvögeln rechnet der Zoologe auch die Raben. Im Sommer sind bei uns Saatkrähen, im Winter Rabenkrähen mit vereinzelten grau und schwarz gefärbten Nebelkrähen; Dohlen gibt es überall, doch nicht allzu häufig. Recht feiten ist die früher sehr häufige, jetzt noch an der Badenburg unb am Wettenberg uorfommenbe Elster. Im falten Winter 1923/24 tarnen bis in bie Gießener Gärten bie vielen Eichelhäher. Vereinzelt hort man im Walb bas laute Flöten bes Pirols unb auf ben Hausbüchern tummeln sich Stare. Sonst kommen vor Amsel, Singbrossel, Mistelbrossel unb (auf bem Durchzug) Wacholberbrossel, ©olbammer, Rohrammer, unb seltener bie Grauammer, namentlich im Vogelsberg ber Gimpel, in Oberhessen „Blutfink" genannt, ber hier auch gezüchtet wirb, Haus- unb Felbspatz, Hänfling, Stieglitz, Buchfink, Girlitz, am Hangelstein oorkommende zierliche mausgraue Siebenschläfer, ben man an seinem buschigen, leierförmigen Schwanz erkennt. Das Eichhörnchen kommt in ber Regel in seiner rotbraunen Abart vor; vorzüglich sinb bie Hasenjagben. — Was bie 91 a u b, t i.e r e betrifft, so wissen wohl nur wenige Gießener, baß sich schon in unserem Stabtwalb befahrene Fuchs- unb Dachsbauten befinben; ber eine Dachsbau liegt am sog. Professorenweg, ber vom Forsthaus Hochwart zu bem über bie Hochwarthöhe führenben Weg nach Annerob führt, 50 Meter rechts bes Anaerober Weges Der letzte Fischotter würbe vor etwa 25 Jahren geschossen, bagegen sinb nicht allzu selten Baummarber (mit gelbem Kehlfleck), Hausmarber (mit weißem Kehlfleck), der ber Fischerei schäbliche Iltis sowie Großes unb Kleines Wiesel. Das Große Wiesel liefert in seiner weißen Winterfärbung ben kostbaren Hermelin. — Unter ben Paarhufern interessiert uns vor allem bas genügsame rotbraune Vogelsberger Rinb, bie in Oberhessen sehr gut gebeihenbe Saanenziege sowie bas in ben letzten 50 Jahren nicht mehr wie Uisr 'rd k hetzte ist die be lammende feinere rr' -ft Veli. noch o Än ßu gelb und |'d rein 14®°' in der @e nichts über einzigen T- man u. U gleichzeitig Mchselkrot oudj die < unke. Teich Auf h' Äschere schäft, gi Oberhessen an. 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Jubilüums-Ausyabe Seite 29 Grünling, die westliche Rasse der Schwanzmeise, Kohl-, Hauben-, Blau-, Tannen-, Sumpfmeise, Rotrückiger Würger, Raubwürger und (aus dem Süden oordringend) der sehr seltene Rotkopfwürger, Baumläufer, Kleiber, selten die Wasseramsel, Zaunkönig, weiße Bachstelze, Kuhstelze, Gebirgsstelze, Feld-, Hauben- und Heidelerche, Baumpieper und (seltener, besonders am Hochmoor auf dem Vogelsberg) Wiefenpiepcr, Sommer- und Wintergoldhähnchen, Weidenlaubsänger, Fitislaubsänger und Waldlaubsänger, selten der Gartenspötter und die Heckenbraunelle, häufig das Rotkehlchen und nur in drei Pärchen an der Lahn und im Lumdatal das weih- fternige Blaukehlchen, der graue Fliegenschnäpper und (seltener) der Truuerfliegenfänger. Während die Nachtigall lahnaufwärts nur bis Gießen geht und sonst nur ganz vereinzelt, z B. in Nauheim, Schloß Eisenstein und Großen-Buseck vorkommt, sind Charaktervögel des hessischen Hinterlandes Braun- und Schwarzkehlchen, die mit dem Stein- schmätzer verwandt sind Die häufigste Grasmücke ist die Gartengrasmücke, ferner Dorn- und Zaungrasmücke: einer der schönsten Gesänge ist der des in den Wäldern lebenden Schwarzplättchens. Im Rohr klettert der knarrende Teichrohrsänger, in Feldern der Getreide- oder Sumpsrohrsänger. Zu den häufigsten Vögeln der Gießener Gärten gehören Haus- und Gartenrotschwanz, überall fliegen Mehl- und Rauchschwalben und m den Sandbrüchen an der Marburger Straße gleich nördlich von Gießen haust eine große Kolonie von Uferschwalben. Unter den Kriechtieren kommt die giftige Kreuzotter bestimmt nirgends in Oberhessen vor. Mit ihr wird die nützliche Glatte Natter, die in Oberhessen vereinzelt sich findet, verwechselt. Nicht häufig ist die "besonders in der Hungener Gegend vor- lommende Ringelnatter In Oberhessen sollten keine Schlangen getötet werden. Zu den Eidechsen rr et der Zoologe die Blindschleiche; sonst findet si. iod) bei uns Zaun- und Bergeidechse. An Lurchtieren trifft man zuweilen den gelb und schwarz gefleckten Feuersalamander an; der rein schwarze Alpensalamander wurde vor Jahren in der Gegend von Lich ausgesetzt, doch ist mir nichts über sein Fortkommen bekannt. In einem einzigen Tümpel, z. B. im Gießener Bergwerk, kann man u. U. Kammolch, Bergmolch und Teichmolch gleichzeitig finden. Selten sind Kreuzkröte und Wechselkröte, häufiger Erdkröte; im Bergwerk kommt auch die Geburtshelferkröte vor sowie die Bergunke. Teich- und Grasfrosch sind überall häufig. Auf hoher Stufe steht in Oberhessen die Fischerei und namentlich die Teichwirtschaft, gibt doch z. B. Dosch vor 25 Jahren für Oberhessen 146 künstliche Fischteiche mit 252.615 ha an. Sind auch einige von diesen Fischteichen, wie die Forellenteiche im Hohen Vogelsberg, inzwischen ganz eingegangen, oder einige, wie die unter dem Rudolf Richter Gießen, Marktstraße 24/28 •bJSiSikßMt Alleinverkauf dieser weltberühmten Marke bei Schiffenberg gelegenen, versandet, so ergibt sich doch, daß in Oberhessen neben Schlesien und der Mark Brandenburg die Teichwirtschaft wie in kaum einem anderen Lande Deutschlands entwickelt ist. Die besten Erfolge hat man hier mit der Schleien- und Karpfenzucht (erinnert sei nur an den schönen Albacher Teich und die Hungener Teiche), daneben werden auch Forellen- und Hechtteiche unterhalten. In Gießen befindet sich in der Senckenbergstraße Aal, Karausche. Rotauge, Schneider, Gresse, Brachsen, Nase, Quappe, Stichling und selten Neunauge sowie Regenbogenforelle. Im alten Lahnbett bei Ruttershausen finden sich Schleien und Karpfen. Die höher gelegenen Gebirgsbäche hat man vor etwa 25 Jahren mit dem amerikanischen Bachsaibling zu besiedeln versucht, doch hat sich dies nicht bewährt, aber die Vogelsberger Forellen stehen den berühmten Schwarzwald-Forellen kaum nach. Tübingen, Schloß. W e r.'j I eine dem Akademischen Forstinstitut gehörige Fisch- zuchtanstaU, in der jährlich Forelleneier, die aus Gemünden in Unterfranken bezogen sind, aus- gebrütet werden. In den Wildaewässern Oberhessens kommen vor: Bachneunauge, Flußneunauge (selten, z. B. in der Lahn). Aesche (selten), Regenbogen sorelle (aus Amerika vor 40 Jahren eingeführt), Bachforelle. Barde, Schleie, Karausche, Ellritze, Nase, Döbel, Rotfeder. Rotauge, Brachsen, Laube, Gresse oder Gründling, Schneider, Schlammpeitzger (nicht Schlammbeißer!), Aal, Hecht, Stichling (der Stichlingfang im Klingelbach ist ein Hauptvergnügen der Gießener Jugend), Quappe, Barsch und Groppe. In der Lahn leben z. B. Hecht, Barsch, Döbel Barbe, Was die k ü n st l i ch e Fischzucht betrifft, so muß hier der Name eines Hessen, des Rechners Wilhelm Riedel aus Erbach im Odenwald bei Vergessenheit entrißen werden. Nachdem die zuerst 1725 von Jakobi in Lippe-Detmold ausgeführte künstliche Bebrütung der Fischeier wieder vergessen war, wurde diese Methode 1848 von den Dogesen- fischern G e h i n und Remy in La Bresse neuentdeckt und in Deutschland zum erstenmal von Wilhelm Riedel 1852 in Erbach mit Erfolg aus- gefübrt. Von den wirbellosen Tieren Ober- Hessens können hier nur einige besonders bemerkenswerte genannt werden. Vom Jahre 1878 an bis in FEINE DAMENMODEWAREN • KLEINKINDERKLEIDUNG ROBERT HAAS NACHE INHABER: GEORG FALKENSTEIN GIESSEN SELTERSWEG NR. 18-ANRUF NR. 1461 KURZWAREN-WOLLE-WOLLWAREN STRÜMPFE-HANDSCHUHE die 90er Jahre wütete in Hessen, wie überall in Deutschland, die Krebspest, die unsere Flüsse entvölkerte. Obwohl der E d e l k r e b s wieder nachgesetzt ist, hat der Krebsfang lange nicht mehr die Bedeutung von früher erlangt. Flüsse und Teiche werden von mikroskopisch kleinen niederen Krebsen, vor allem Wasserslöhen, Hüpferlingen und Muschel- krebsen bevölkert, die mit anderen tierischen Kleinlebewesen wie den Rädertieren das sog. Plankton bilden, das die Hauptnahrung für die Fricdsifcho abgibt. Außerordentlich wichtig ist die Kenntnis dieses Planktons für Fischerei und Fischzucht, weil man aus seinem Charakter, dem Vorhandensein von Wasserasseln und Flohkrebsen und den Arten der Bodennahrung, vor allem der Zuckmückenlarven, einen Schluß ziehen kann, mit welcher Fischart der betreffende Teich am besten zu besetzen ist. Auch die Larven der Eintagsfliegen, Uferfliegen und Mücken, die im Wasser leben, bilden eine ausgezeichnete Fischnahrung, wogegen die größeren Libellenlaroen der Fischbrut nachstellen. Unter den Insekten schädigen Grillen, Feldheuschrecken und die in Oberhessen nichl häufige Maulwurfsgrille die Wiesen, Blasenfüße das Getreide und Gewächshäuserpflanzen, Wasserwanzen die Fischerei; Zirpen, Blatt- flöhe und Schildwanzen die Wiesen und Gärten, Wolläuse, von denen die Buchenwollaus überall häufig ist, die Forstwirtschaft. An Fichten sieht man oft die Gallen der Afterblattlaus, Chermes, einer Verwandten der Reblaus. Während sich in der Ebene, außer Sandlaufkäfern, die bunteren Käferarten unter den Laufkäfern tummeln, treffen wir im Hohen Vogelsberg bereits eine Anzahl schwarzer mehr für Gebirge bezeichnender nächtlich lebender Laufkäfer an. Der schädliche Getreidelaufkäfer ist hier feiten. Auf dem Spiegel der Gewässer kreisen Taumelkäfer, allüberall findet man Schwimmkäfer und Kolbenwafferkäser. Unter dem Heer der übrigen Käfer nenne ich nur die schädlichen Laubkäfer, zu denen der Maikäfer, Junikäfer, und der den großen hessischen Rosenkulturen manchmal schädliche Rosenkäfer gehören, die Hirschkäfer, Mistkäfer, Himbeerkäfer, die Glanzkäfer, von denen der Rapsglanzkäfer in Oberhefsen schon verheerend war, die nützlichen Borkenkäferfresser und Marienkäfer, die gesuchten Prachtkäfer, deren Larven in Holz bohren wie die Klopfkäfer, die Schnellkäfer, deren Larven als sog. Drahtwürmer die Wurzeln der Wiesen und Felder abfreffen, die im Mai erscheinenden Oelkäfer, die das spanische Pflaster liefernden Weichkäfer, und die Kurzflügler. Schädlinge find vor allem die Bockkäfer wie der Heldbock an den Eichen, der Zimmer-, Weber-, Schuster, Schneider- und Pappelbock, die Blattkäfer, $u denen das Spargelhähnchen und die Erdflöhe gehören, die Rüsselkäfer wie der Apfelblütenstecher, der Samenkäfer, Erbfenkäfer, große Fichtenrüffelkäfer, kleine Kiefernrüsselkäfer, der Buchenfpringrüffelkäfer, Hasel- Ole Wtfmirth Heilwirkungen des elektro-galvanischen Schwachstroms sind wissenschaftlich anerkannt. Überraschende Erfolge bei Rheuma, Gicht, Ischias, Lähmung, Nervenleiden usw. Garantiert schmerzlos. Probesitzung empfohlen. Behandlung aller Krankheiten nach Naturheilmethode Fr. Dikomeit, Gießen Walltorstraße 75 | ConwerkeHbendstern G.mb.rx j I Giessen-Hbendstern • Telephon 84 j - Sommer- und Mnterdetriebe I I Tagesleistung 50000 Stück Mauerziegel und Dachziegel, erstklassiges Rohmaterial. Modernste 1. ~ maschinelle Hufbereitung, daher auch nur erstklassige fabrikate, für deren detterbeständigkeit | jede Garantie übernommen wird. 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An sonstigen Hautflüglern seien genannt die schädlichen Holz- und Halmwespen, die Sandwespen, die schönen Goldwespen, die Hornissen und Hummeln, Zehr- und Hungerwespen, die Gallwespen, die u a. die Galläpfel an Eichenblättcrn und die buschigen Gallen an Rosen erzeugen, und die nützlichen Schlupfwespen, die ihre Eier in die Raupen zahlreicher Schädlinge legen. Vergeblich hat sich die Stadt Gießen bemüht, der Mucken- und Schnakenplage ganz Herr zu werden. Außer den für den Menschen lästigen Bremsen und Fliegen sei hier nur noch die der Landwirtschaft schädliche Fritfliege, die Schmeiß- fliege, die auf Säugetieren und Vögeln parasitierende Lausfliege, und die Wild und Haustiere schädigende Dasselfliege genannt, wogegen die Tachinen Nutzen stiften, weil sie ähnlich wie die Schlupfwespe mit Schädlingen aufräumen. Zu den Netzflüglern rechnet man die Flor- fliegen, deren Larven den Blattläusen nachstellen, und die Köcherfliegen, deren zierliche aus Steincken oder Holz bestehende Laroengehäuse in allen Bächen sich finden. Manche Gegenden Oberhessens, vor allem der Hohe Vogelsberg, bilden das Ziel der Frankfurter Schmetterlingssammler. Schon dem Laien fallen in Gießens nächster Umgebung die herrlichen großer Schillerfalter und Eisvögel, die Aurorafalter, Scheckenfalter, Perlmutterfalter (deren schönster, der Kaisermckntel, auf Disteln lebt), Pfauenaugen, Füchse, Distelfalter, Waldfüchse, Mohrenfalter, Tauben- schwänzchen und Bläulinge auf Sogar der Schwarze Apollo kommt an einer Stelle in Oberhessen vor. Außerordentlich lohnend ist es. Nachtschmetterlinge mit der Laterne onzulocken (leider sind die Gießener Stadtlaternen, um die sich im Juni herrliche Nacht- schmetterllnge tummeln, zu hoch angebracht) oder mit Fruchtäther zu ködern. An den stark riechenden Blüten, z. B. des Geißblatts, erbeutet man schöne Schwärmer. Leider ist Oberhessen auch manchmal von einigen gefährlichen Schädlingen besucht. In diesem Mai konnte man den Kot der Raupen des Grünen Eichenwicklers in unserem Stadtwald wie auch sonst in Oberhessen wie Regen herabrieseln hören, auch der Kiefernspanner und in manchen Gegenden die Nonne haben sich über ihren normalen Stand vermehrt. Die vielen Verkrümmungen an den Kiefern unseres Stadtwaldes rühren von dem Raupenfraß des Kiefernknospentriebwicklers her. Natürlich hat auch der Landwirt unter dem Kohlweißling, Stachelbeerspanner, Ringelspinner, Frostspanner usw. stets zu leiden. Wer durch den taufrischen Wald geht, kann die Kunstfertigkeit der verschiedenartigsten Spinnen- netze bewundern, auch u. U. einen Holzbock an seinem Hund nach Hause bringen. Krätzmilben sind glücklicherweise in unserer Bevölkerung selten, dagegen sind gefürchtet die Tauben zecken. Im Wasser tummeln sich die schönen roten Wassermilben. Zahlreiche Blattgallen rühren von Gallmilben her. Die meisten Weichtiere lieben feuchtwarme Luft: diejenigen, die dickere Kalkgehäuse haben, kalkreichen Boden: im kalkarmen kühlen Oberhessen, dessen Luftfeuchtigkeit im Sommer gering ist, ist auch die Artenzahl der Weichtiere auffallend gering. Unter den Londlungenschnecken richtet die Ackerschnecke Schaden an; häufig sind die große schwarze Schnecke Limax maxinms und die rote Wegschnecke. In Gärten findet man die gehäuse- tragenden Hain-, Garten- und Weinbergschnecken, auf Kalk selten Schließmundschnecken, auf Schilf die Bernsteinschnecke. An aßafferl ungen- schnecken finden wir in Teichen die Schlammschnecke, die Limnaea truncatula, die als Zwischenwirt für den der Schafzucht in Oberhessen sehr gefährlichen Leberegel dient, die Tellerschnecke und die in allen Bächen an Steinen angeheftete Flußnapfschnecke. Zu den Vorderkiemern gehört die lebendige Junge gebärende Sumpfdeckelschnecke. An Muscheln seien Fluß- Teich-, Kugel- und Erbs- muschel erwähnt. Auf Wasserpflanzen findet man häufig die Brutknospen von Moostierchen angeheftet: in verschmutztem Wasser lebt der Pferde e g e l, Nephelis und Clepsine; zahlreiche Ringel- würmer findet man an feuchten Stellen, be- sonders Chaetogaster; selbstverständlich kommen bei Mensch und Tier die bekannten parasitischen Würmer wie Bandwürmer, Spulwürmer, Saugwürmer und Kratzer vor, während glücklicherweise die zu den F a d e n w ü r m e r n gehörige Trichine sowie das Weizen- und Roggen- alchen äußerst selten sind. Nach dem Vorhandensein bestimmter Strudelwürmer kann man die Fischwasser einteilen. In träge fließenden etwas ver)-,mutzten Brachsenflüssen lebt Dendrocoelum lacteum, in etwas reineren Flüssen die in Hessen braune Polycelis nigra, in klaren, rascher fließenden Bächen, in die man schon Forellen einsetzen kann, Planaria gonocephala und in der Duellrcgion der Gebirgsbäche als Ueberbleibsel der Eiszeit Planaria alpina. Austrocknende Tümpel sind bisweilen grün von Vortex viridis gefärbt. Don den Rävertieren war schon die Rede. An Wasserpflanzen angeheftet lebt der braune Süßwasser polyp: im Albacher Teich kommt der Sühwasser schwamm vor. Unter den parasitischen einzelligen Tieren richten Sporentiere bisweilen großen Schaden an der Karpfen- und Kaninchenzucht an, dagegen komm' der Erreger der Malaria nicht vor, weil es für feinen Zwischenwirt, die Mücke Anopheles, bei uns zu kalt ift An frülebenbcn einzelligen Tieren feien nur die häufigsten erwähnt: Amoeba proteus in stehenden Gewässern, Amoeba terricola in Moos, die gehäusetragenden Arcellcn und ERNST SCHMIDT ARCHITEKT» B.B.A. LIESSEN ♦ BISMARCKSTRASSE 38 FERNSPRECHER 1314 SKarl 'Waltßer gießen • SfCofmannßr. 6 'ibrafjtanfißrift: SKawa gießen Fernruf 1665, SPofifdjedifionto <■Wr. 23517 Frankfurt am Main, 33an/cver6indung: SKandels- und gewerßeßanH e. g. m. 6. SIC. gießen * Generalvertretungerfter gefellfcfjaften des3n~ und&luslandes für dasgefamte ^Uerficfjerungswefen Stlypotßeßen >[Jmmo6ilien Difflugien, die Geißeltierchen Volvox und Euglena viridis, die Wimpertierchen Coleps, Colpoda, Poramaecium, Stentor, Stylonychia, Vorticella, Carchesium und das an den Kiemen der Wasser- assel lebende Saugtierchen Dendrocometes. Wer die heimische Tierwelt kennen lernen will, der kann zu jeder Jahreszeit reiche Belehrung finden. Man beginne mit tierkundigen Freunden ober allein mit einem kleinen Tierbestirnmungsbuch, etwa bem von Brohmer (Verlag Quelle & Meyer) seine Wanberungen im Winter und lerne, mit einem guten Felbstecher ausaerüftet, erst bie im Winter bei uns bleibenden Vögel bestimmen. Bei Schnee studiere man die Wildfährten. Im März und April kommen die Zugvögel zurück: Anfang März kann man schon seltene nordische Enten wie die Spießente, den Großen Säger, ferner Taucher wie den Nothalstaucher, Regenpfeifer und Wasserläufer an der Lahn auf dem Durchzug sehen. Der Mai eignet sich aud) für den Planktonfang: im Mai und Juni erregt der Vogelgesang seinen Höhepunkt. Zu den schönsten Naturgenüssen gehört es, wenn man um 2 Uhr nachts mit dem Rad an den Albacher Teich fährt, wo Anfang Juni um 3 Uhr der Dogelgefang anhebt, ober wenn man Gnbe Juni im ersten Morgengrauen ben fpielenben jungen Füchsen vor ihrem Ban zusieht. Im Juni Fobert man Nachtfalter, im Juli und August fängt man Tagschmettterlinge und Käfer. Im August ift es am schönsten auf dem Hoherodskopf. September und Oktober ist wieder Vogelzug an der Lahn, bis in den Dezember hinein kann man seltene Wasservögel an der Lahn sehen In großen Zügen fliegen Kraniche und Wildgänse durch, aber auch Seltenheiten wie die untertags fliegende riesige Schnee-Eule und sogar der Polartaucher sind in Oberhessen gesichtet worden. Ist der Winter recht kalt, so kommen nordische Schneeammern, Rauhfußbussarde, Seidenschwänze u. U zu uns. Wer Freude an Wild hat, der höre sich im Herbst im Krofdorfer Forst das Röhren der Hirsche an. Der Sportangler findet im Vogelsberg seine Freuden. Selbstverständlich unterlasse man auf zoolo- gischen Wanderungen Singen und Saitenspiel, aber auch der einsame Naturfreund schone die Natur, sammle nie unnütz und bringe olle Naturschänder zur Anzeige. Im übrigen ist die Mitarbeit einer möglichst großen Anzahl von Naturfreunden zur Kenntnis unserer heimischen Tierwelt dringend erwünscht. denn noch Bieies ist uns unbekannt und nur durch weitestgehende Arbeitsteilung kann bas Ziel erreld)t werben. Vor allem finb alle Angaben über den Vogelzug, über das Auftreten tierischer Schädlinge usw erwünscht. Wir haben nicht nur ideelles, wissenschoftliches, sondern auch ein hohes praktisches Interesse, unsere heimische Tierwelt kennen zu lernen. Der durch tierische Schädlinge in Deutschland jährlich an- gerichtete Schaden wird auf 500 Millionen Mark, der Wert der Binnenfischerei auf 50 Millionen Mark, der des Wildabschusses gleichfalls auf 50 Millionen Mark geschätzt. Für Hessen dürfte man diese Zahlen etwa mit 40 teilen. Nur wenn wir die Lebensbedingungen und Verbreitung unserer Tierwelt kennen, können wir angeben, wie nützliche Tiere zu schützen und fdjäblidje zu bekämpfen sind. In dieser sog. angewandten Tierkunde stehen wir erst in den ersten Anfängen. Möge sie auch ihrerseits dazu beitragen, die wirtschaftliche Not unserer fdjönen Heimat zu lindern! \ aw I 8*1111 • -. L., - H e n k o Henkefs Wasch- und Btottii-Soda, das Ein weich mittel. Unübertroffen für Wäsche und Hausputz! 1. Persil in kaltem Wasser auflösen! 2. Die Wäsche in die kalte Lauge tun! 3. Die Wäsche einmal kochen! So, meine Damen, sieht das richtige Waschen aus! Wenn Sie dann noch gründlich spülen, zuerst in gut warmem, danach in kaltem Wasser, haben Sie eine Wäsche duftig und schneeweiß, wie sie garnicht schöner sein kann. Nehmen Sie aber Persil allein und ohne jeden Zusatz von Seife und Seifenpulver; nur dann erzielen Sie einen vollkommenen Wascherfolg und waschen wirklich billig! Dreierlei beachten: OJÜXÖ Kohlen, Koks, Briketts und Holz iMMMkte Kartoffeln, Zwiebeln, Getreide Zourage usw. Gartenstraße 13 Bureau undZagcr: Malltorstr. 36 h. 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Deutschen Tanzlehrer-Verbandes Übernahme vonTanzkursen für Anfänger und Fortgeschrittene M»d«iS«re Nn neuestem Stil Privatunterricht zu jeder Tageszeit Einstudierung von Aufsührungstanzen jederArt,Arrangieren von Festlichkeiten und Übernahme von Balleitungen Elegante Llnterrichtsräume ❖ Bezirkssparkaffe Schotten «Öffentliche Sparkasse • Gegründet 1833 Fernsprecher 214 ♦ Postscheckkonto fimt Zranksart am Main 8447 Annahme von Spareinlagen bei täglicher Verzinsung • Kontokorrent-, Scheck- unö Ueberweisungsverkehr * Kommunaler Giroverkehr • Reise- kreöitbriefverkehr Fünftes Blatt Gießener Anzeiger • Jubiläums-Ausgabe Seite 33 Nidda. '5 M Kindheit und Elternhaus. Don Alfred Bock*). Meine Mutter erzählte, am Tag meiner Geburt habe der Himmel feine heiterste Miene gezeigt, >rotz der vorgeschrittenen Jahreszeit habe die Sonne iommerlich warm geschienen. Ich war ein zerbrechliches, schwächliches Kind, so daß der Arzt gerechte Zweifel hegte, ob er mich durchbringen könne. Diele Wochen und Monate lang hing mein Leben an tinem Fädchen. Daß ich aufkam, habe ich nur der rührenden, sorgsamen Pflege zu verdanken, mit der inich meine Mutter betreute. Diese frühzeitige schwäche habe ich noch viele Jahre schmerzlich -impfunden. Ich ward oft von Fiebern heimgesucht rund das Kalomel, das die Aerzte damals ver- chrieben, habe ich in seinen unangenehmen Nachwirkungen lange verspürt. Als dreijähriges Bürschchen erhielt ich ein .Kindermädchen aus Gießen mit Namen Luise Wonnig, eines ehrsamen Schuhmachers Tochter. -Ging sie mit mir in unserm Garten spazieren, geschah es wohl, daß ich wider den Stachel lockte. Äann verfiel sie auf ein wirksames Mittel, mir die Nucken auszutreiben: sie packte mich an den Äeinchen und stieß mich mit dem Kopf drei oder »viermal auf den Kiesboden. Völlig betäubt, war ich »un das artigste Kind von der Welt. Dieser braven Luise mußte ich versprechen, nicht zu verraten, auf oeld) strafwürdige Weise sie mit mir verfuhr. Ich war denn auch durchaus verschwiegen. Nur weiß ich, daß ich öfters schluchzend zu meinem Großvater lief, der aber nicht imstande war, den Grund meines Kummers zu entdecken. Mein Großvater lebt in meinem Gedächtnis als ein würdiger, alter Mann, dessen frische Gesichtsfarbe und straffe Körperhaltung auf vollkommene LZesundheil schließen ließen. Dessenungeachtet ward er von mancherlei Leiden heimgesucht und wurde von meiner ängstlichen Großmutter mit einer Pflege ungeben, die ihm manchmal lästig war. Professor Sogt, der Dater Karl Dogts, und der Pharma- kaloge Phoebus, der als Göttinger Student mit Heinrich Heine einen Zweikampf ausgefochten Hatte, gingen bei meinem Großvater ein und aus. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtete er in (Sieben ein Bankgeschäft. Die Stadt zählte damals nicht viel weniger mehr als fünftausend Einwohner. Der Universität gehörten vierundzwanzig Professoren unb ein paar hundert Studenten an. Die Festungs- nerfe wurden eben geschleift, die dahinter liegenden krummen und engen Gassen boten schönheitsdurstigen Seelen einen wenig erfreulichen Anblick dar. Mein Großvater erwarb in der Walltorstroße ein Haus, bas noch wohl erhalten ist. Da der Bankherr im Städtchen nur eine kleine Klientel fand, bestieg er em friedsames Rößlein und besuchte die Dörfer und Qletfcn in der Provinz, wo er eine zahlreiche und treue Kundschaft gewann. In späteren Jahren, als er sein Geschäft aufgegeben und das Haus des Orientalisten Professor s u l l e r s in der Marburger Straße erstanden hatte, kamen noch die Landleute ®i ihm, sich wegen Anlage von Kapitalien oder Auf- rrahme der Hypotheken Rats zu erholen, wie er (Denn bei ollen, mit denen er in Berührung kam, um seines strengen Rechtlichkeitssinns willen großes Vertrauen genoß. Als Bub von vier Jahren sah ich hie hessischen Bauern in ihrer kleidsamen Tracht, die Mützen in der Hand, im Arbeitszimmer meines Großvaters stehn. Meine Großmutter war von mittelgroßer Statur, fcatte blaue Augen und aschblondes Haar. Die alte Dame los mit wahrer Leidenschaft Romane. Die Melden und Heldinnnen beschäftigten ihre Phantasie unb bereiteten ihr schlaflose Nächte. Sie war eine ltreffliche Erzählerin. Wir Kinder waren glückselig, wenn wir zu ihren Füßen sitzen und ihr zuhören Bannten. Sie hatte 1813 nach der Schlacht bei Leipzig in Gießen den Einzug der Kosaken erlebt. Ein nussischcr Oberst, der bei ihrem Vater einquartiert war und an wilden Delirien litt, schrie und tobte nächtens dermaßen daß das Haus, ja die ganze Straße in Aufruhr geriet. Der Ehe meiner Großeltern war als einziges Sind mein Dater entsprossen. Ich bewahre ein Sugenbbilbnis von ihm. Es zeigt ihn als einen schönen Knaben mit wohlgebildetem Kopf, auf dem cn wahrer Urwald blonder Locken gedieh. Früh- =dtig offenbarte mein Dater eine starke musikalische Begabung. Im Alter von sieden Jahren spielte er iin größerer Gesellschaft auf dem Piano vor. Was chm von Tonstücken zu Gesicht kam, prägte sich nasch seinem Gedächtnis ein. Seine Fingerfertigkeit war schon damals so groß, daß er Kompositionen uon Field und Cramer beherrschte. Die Natur hatte iJjn zum Musiker gebildet. Nichtsdestoweniger sollte er sich, nachdem er die Realschule in Gießen durch- pemadjt hatte, dem Kaufmannsstand widmen. Der Gedanke, ihren Sohn die unsichere Laufbahn des Künstlers beschreiten zu sehen, war meinen Großstern unerträglich. So wurde der Abiturient nach Frankfurt geschickt, in einem großen Handlungs- hrus seine Lehrzeit zu bestehen. Die alte Reichstädt, die eben ihren Anschluß an den Deutschen Zollverein vollzogen hatte, machte mit ihren altertümlichen, wundersamen Bauten, ihrem immer flutenden Verkehr auf den jungen Kaufmann einen orwaltigen Eindruck. Während er bemüht war, die Zufriedenheit seiner Lehrherren zu erlangen, be- r-utzte er jede freie Stunde, sich auf dem Pianoforte vervollkommnen und studierte bei Schnyder oon Wartensee, der in Wien mit Beethoven L»rfef)rt hatte, Generalbaß und Komposition. Die Musik schien ihm das Ideal an sich, die Seele aller Sänfte zu sein. In die Heimat zurückgekehrt, ward *) Mit Genehmigung des Dichters aus dessen Autobiographie. ihm aufgegeben, sich im väterlichen Geschäft zu betätigen, was ihm wenig behagte. Sein Musikzimmer ward sein Asyl, wo er in Tönen schwelgte und sein Instrument zum Vertrauten seiner einsamen Gedanken machte In Gießen knüpfte er unter der Studentenschaft mancherlei erfreuliche Beziehungen an. Sein bester Fkeund war Hermann Weicker, der bekannte Anatom, dessen Gedichte er in Musik setzte und bei Andrö in Offenbach veröffentlichen liefe. Hoffmann, der akademische Musikdirektor, forderte den jungen Pianisten auf, bei den Veranstaltungen des Konzertvereins als Solist aufzutreten. Die Aufzeichnungen meines Vaters geben davon Kunde, daß er unter anberm auch die Begleitung der Violinistinnen Teresa und Maria M i l a n o l l o übernommen hatte, die als Wunderkinder ganz Europa in Staunen und Entzücken verfetzten. Durch den Musiker Knoop in Kassel wurde er bei Louis Spohr, dem deutschen Tartini und letzten Repräsentanten der klassischen Musikepoche, eingeführt und aufs liebevollste ausgenommen. Anfangs der fünfziger Jahre lernte er meine Mutter kennen, die auf Westfalens roter Erde geboren war und bei Verwandten in Giefeen zu Besuch weilte. Er faßte eine tiefe Neigung zu ihr und fand den Weg zu ihrem Herzen. Als heimlich Verlobte kehrte die anmutige Westfälin nach Bielefeld, wo ihre Eltern wohnten, zurück. Briefe flogen hin und her. Mein Großvater stand im Begriff, fein Geschäft aufzulösen. Wenn mein Vater seine Braut heimführen wollte, mußte er nach einem Beruf Umschau halten, der trieben und sich mit Aepfeln und Briatchen bewarfen. Mein Ordinarius in der Untersekunda war Dr. Schmidt. Er hatte rotgeränderte Augen, trug einen Spitzbart und war oon einem ständigen Husten geplagt. Er hatte eine stille sanfte Frau, die gewiß im Zusammenleben mit dem immer kränkelnden, gereizten Mann ein Martyrium auf sich nahm. Schmidt hatte den Unnamen „Hedberich", was er wohl roufete. Ihn zu ärgern, schrieben bie bösen Jungen auf Tische, Bänke unb Tafeln große lateinische ,3)". Sobald bet Aermste in bie Schul- stube trat, sah er bie verhängnisvollen Buchstaben, ergriff einen Lappen unb wischte sie mit einer wütenben Gebärde ab, wobei ihn ber Jubel ber Jungen begleitete. Ich hatte auf Schmibt ein Helden- gedicht verfaßt unb las es meinen Mitschülern unter nicht enbenwollenbem Beifall vor. Mit großer Verehrung gebenfe ich meines Lehrers Hermann O e ( e r, eines liebensroürbigen unb hochgebildeten Mannes. Er war ber geborene Pädagog, die Herzen ber Schüler flogen ihm zu. Ein Sohn bes hessischen Schriftstellers Oeser-Glau- brecht hat er sich selbst später als feinsinniger Poet bewährt. Ein Jugendbildner, auf ben ich große Stücke hielt, war Professor H a i n e b a ch. Seine Schüler hatten ihm ben Beinamen „Die Katz" beigelegt, weil sie behaupteten, er habe einen hinterlistigen Blick. In Wahrheit kam es wohl baher, baß er bie Fähigkeit besaß, mit unglaublicher Schnelligkeit einen Jungen herauszufinben, ber heimlich Allotria trieb. Wer seine Prügel von ihm bekam, konnte banach Der Generalsuperintendent der Kirchenprovinz Schlesien, Herr Professor D. Dr. M. Schi an, Breslau. Dem „Gießener Anzeiger“ zu seinem Jubiläum herzliche Wünschet Ich las den „Gießener Anzeiger“ in den schwersten Jahren der deutschen Geschichte und freute mich immer darüber, wie er mit ruhigem Wägen, aber entschlossener Haltung die nationalen Belange des deutschen Volkes wahrte. Ich las den „Gießener Anzeigersolange ich Glied der Universität Gießen war, und freute mich immer, wie er die Bedeutung der Universität für die Stadt Gießen und für das Hessenland klar erkannte und wirksam zur Geltung brachte. Ich las den Gießener Anzeiger, solange ich Gießener Bürger war, und ich freute mich oft, wie er die Stadt, die mir lieb wurde, voran zu bringen suchte. Und nun grüße ich zum Jubiläum den Gießener Anzeiger und mit ihm mein liebes Gießen, das mir durch mehr als 16 Jahre Heimat war. ihm unb seiner künftigen Familie hinreichenden UnterhaU bot. 1857 gründete er in Gießen eine Fabrik, die noch heute besteht. Als eine meiner eindrucksvollsten Jugenderinnerungen wohnt in mir das Gedenken an das harmonische Zusammenleben meiner Eltern. Beide ergänzten einander aufs glücklichste. Der ein wenig schwerblütigen Art meines Vaters begegnete das frühlingsfrische, heitere Wesen meiner Mutter. Ohne eine Schönheit zu sein, war sie mit ihren strahlenden Augen, ihren feinen, durchgeistigten Zügen eine höchst anziehende Erscheinung. Sie hatte in ihrer Heimatstadt Bielefeld eine ausgezeichnete Schulbildung genossen. Von ihrem Literaturprofessor I ü n g st sprach sie noch als alternde Frau mit größter Verehrung unb Anhänglichkeit. Schiller unb Jean Paul waren bie Lieblingsbichter bes jungen Mäbchens. Siebzehnjährig schrieb sie in ihr Album bie Worte Schillers: „Ehe noch bie Wahrheit ihr siegendes Licht in die Tiefen der Herzen sendet, fängt die Poesie ihre Strahlen auf, und die Gipfel der Menschen werden glänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern liegt." Erato und Euterpe hatten an ihrer Wiege gestanden. Nicht allein, daß ihr die Gabe der Dichtkunst verliehen war, eine sympathische Altstimme hatte Musikdirektor Dietrich in Bielefeld soweit gefördert, daß seine Schülerin befähigt war, bei Dratorienauffüferungen Solopartien zu übernehmen. Mein Elternhaus war ein Sammelpunkt geistiger, insbesondere musikalischer Interessen. Die meisten Künstler, die der Konzertverein nach Gießen entbot, sprachen bei meinem Vater vor und waren seine willkommenen Gäste. Eine innige Freundschaft verband ihn mit dem Münchener Generalmusikdirektor Hermann Levi, ber ihm bie Jbeenwelt Brahms' unb bie Kunsttheorie Richard Wagners erschloß. Auf der Höhe seines Schaffens unb Wirkens raffte eine tückische Krankheit meinen Vater hin. Unser gastfreies, geselliges Haus war mit einem Male verübet, bie Trauer richtete ihr bunkles Banner barin auf. In ihrem tiefen Schmerz war meine Mutter bie Starke, bie-üjre Kinder an das Leben und an bie Aufgaben, bie unserer harrten, wies. Ich besuchte bas Gymnasium meiner Vaterstadt. Die Persönlichkeit ber Lehrer war es, von ber mein Interesse für bie verschobenen Unterrichtsgegenstänbe abhing. Im ganzen kann ich sagen, baß ber Besuch bes humanistischen Gymnasiums auf meine künstlerische Entwicklung ben allerminbeften Einfluß aus« geübt hat. Ich erlebte noch ben alten Gymnasialdirektor Geist, ber ben Spottnamen „Pater" trug, bem Ernst Eckstein in seinem Buch „Ein Besuch im Karzer" ein Denkmal gesetzt hat. Ich entsinne mich einer Stunbe aus ber Quarta, wo Direktor Geist in Vertretung eines erkrankten Lehrers eine griechische Unterridjtsftunbe gab. Der kleine Mann mit ben ungeheuren Brillengläsern saß unbeweglich auf bem Katheber unb hatte keine Ahnung baoon, baß im Hintergrund die Jungen den größten Unfug die blauen Flecken zeigen. Hainebach war Germanist. Seine mundartlichen Forschungen sind in dem bekannten oberhessischen Wörterbuch oon Crecelius niedergelegt. Er wußte die Schüler für feine Studien zu gewinnen, hielt über Herleitung und Grundbedeutung der Wörter Vorträge, die heute noch unvergessen in meinem Gedächtnis leben. Vielleicht ward damals in mir der Grund gelegt, daß ich später mit Eifer und wirklicher Liebe den vielverschlungenen Pfaden der heimischen bäuerlichen Mundarten nachgegangen bin. Wenn man ber Schule in bezug auf bie Charak- terbilbung einen größeren Einfluß beimißt, so geschieht das meines Erachtens mit wenig Berechtigung. Der Mensch entwickelt, was ihm angeboren ist, in feiner Gemütsart liegt fein Schicksal verankert. Alle Gefühls- und Willensakte hängen im letzten tiefsten Grunde von der individuellen Be- ftimmtijeit der Seele ab. Ich glaube, daß die Schule mancherlei helfen, aber nicht als entscheidender Faktor eingreifen kann. Wohl aber sind bie Einbrücke, die bas Kinb in ber häuslichen Umgebung empfängt, Fanale, bie weit hinaus in fein Leben leuchten, fei es in gutem, fei es in bösem Sinn. Ich banke es meinen Eltern, baß sie mich nicht in ber Furcht erzogen, baß sie bes Werdenden Eigenart ehrten und sein Streben so weit führten, bis es zu eignem Leben erwachte. Meines Vaters Wesensart habe ich schon kurz zu schildern versucht. Sein Dasein war von dem Zwiespalt durchdrungen, daß er Kaufmann geworden war, während ihn die Natur zum Künstler gebildet hatte. Wohl befähigte ihn sein Intellekt, seiner Fabrik vorzustehen, auch Erfolge darin zu erzielen, doch blieben ihm trübe Erfahrungen nicht erspart. Sein Kardinalfehler als Kaufmann war, daß er jeden, der mit ihm in Geschäftsverbindung trat, für ehrlich und vertrauenswürdig hielt. Daß diese Gutgläubigkeit weidlich ausgenutzt wurde, begreift sich leicht. Gewahrte aber mein Vater, daß er hintergangen war, kannte feine Erbitterung keine Grenzen. Er ging ans Gericht, fein Recht zu verfechten, führte Prozeß um Prozefe, ohne viel zu profitieren, uon den Verlusten zu schweigen, bie er erlitt. Nach solchen Enttäuschungen saß er tagelang niedergeschlagen ba, unb meine Mutter hatte alle Mühe, ihn mieber aufzurichten. Er war keines- meg “ein Mensch, ber an bas Leben hohe Ansprüche stellte, doch liebte er eine rege Geselligkeit. Seinen Gästen konnte er mit seinem wunbervollen Klavierspiel genußreiche Stunben bereiten. Ich entsinne mich, bafe häufig gegen fünfzig Personen bei uns versammelt waren, ben musikalischen Darbietungen, die mein Vater veranstaltete, zu lauschen. Gelegentlich eines Wagner-Abends sang Marie Wittich, die spätere Hvfspernsängerin in Dresden, ein Gießener Kind, im Rheintöchterterzett bie Floß- hilbe. Niemanb ahnte, bafe bas siebzehnjährige liedreizenbe Mäbchen eine so erfolgreiche Laufbahn beschreiten würbe. Auch einen „Musikkranz" hatte mein Vater gegrünbet. Vom Klavier aus ben Chor unb bie Solisten birigicrenb, war er ba ganz in feinem Element. Mich selbst hatte er frühzeitig Aum Vierhänbigspieten herangezogen, wobei ich ben Vorteil hatte, bafe ich vom Blatt lesen unb bie feerDorragenbftcn Tonschöpfungen kennen lernte. Meine Mutter burfte ich, wenn sie fang, begleiten, so bafe ich hierin eine ziemliche Gewandt- veit erlangte. Auch bie Literatur kam in meinem Elternhaus zu ihrem Recht. Goeche war ber Lieb- lingsbichter meines Vaters. Die Werke bes Altmeisters hatte er fast täglich zur Hanb. An die Lektüre wurden mancherlei Betrachtungen geknüpft. Wortgefechte blieben nicht aus, wenn meines Vaters im Grunde durchaus religiöse Natur mit bem Rabikalismus zusammenstieß, wie er meiner jugenblichen Ueberheblichkeit entsprang. An meinen ersten bichterischen Versuchen hatte mein Vater feine Helle Freube. Würbe ich als Dichterling von meinen Geschwistern gehänselt, rief er ben Spöttern zu: „Macht's ihm einmal nach!" Den mannigfachen Wunderlichkeiten meines Vaters wußte meine Mutter mit nie ermübenber Gebulb zu begegnen. Er stellte an bie Hausfrau die größten Anforderungen. Oft kündigte er erst um die Mittagszeit für den Abend Gäste an. Meine Mutter hatte keinerlei Vorbereitungen getroffen, boch kam kein kabelndes Wort über ihre Sippen, sie setzte vielmehr ihren ganzen Stolz darein, ihrem Mann und ihren Gästen Behagen zu schaffen. Ihr war gegeben, in allen Lebenslagen ihr harmonisches Gemüt zu bewähren. Ob auch Stürme sie umbrausten, sie belaß bie nie versagende Kraft, eine Fülle von Daseinssreude in sich zu erzeugen, die wie ein wohltätiger Strom auf ihre Umgebung überging. Von den Künstlern, die in meinem Elternhaus Einkehr hielten, bewahre ich bie Erinnerung an ben Tenoristen Ruff aus Main^. Er hatte bie Gewohnheit, in feinem Zimmer bie ganze Nacht über Licht brennen zu lassen. Das begrünbete er mit ben Worten: „Ihr Leut', ich leib' an Alpbrücke unb schrei in ber Nacht Feuer. Ihr braucht aber nit zu erschrecke!" Von namhaften Sängerinnen wohnten bei uns: Marie Fillunger, Abele Afemann unb Hermine Spieß. Der ausgezeichnete Pianist Martin Wallenstein aus Frankfurt war meines Vaters guter Freund. Der Tenorist L e d 6 r e r von ber Hofoper in Darmstabt fand sich mit bem Hofkapellmeister Neswabba ein. Auch der Komponist 21 Ions Hennes war mit feinem zwölfjährigen Töchterchen, der jugendlichen Pianistin Therese Hennes, bei uns zu Gast. Wie so viele Wunderkinder, die ihre Kräfte zu früh verbrauchen, trat auch Therese Hennes bald nicyt mehr öffentlich auf. Als Syrerin am Kullakschen Konservatorium in Berlin hat sie ihre Laufbahn befdjloffen. Noch zweier wunderlichen Gestalten muß ich gedenken, des Ritters Bondi und seiner Frau, einer temperamentvollen Pianistin aus Ungarn, die in Gießen ein Konzert zu geben gedachte und mit Unterstützung meines Vaters auch gab. Der Ritter war mit einem so fadenscheinigen Anzug bekleidet, daß er es nicht wagen wollte, im Konzertsaal zu erscheinen. Mein Vater öffnete seinen Kleiderschrank. Was der Ritter anprobierte, paßte vortrefflich. In einem schwarzen Anzug meines Vaters reifte er seelenvergnügt wieder ab. Von den mancherlei Gelehrten, die in meinem Elternhaus verkehrten, nenne ich an erster Stelle den Professor der gerichtlichen Medizin, Julius Milbrand. Er war der Sohn des Gießener Professors Johann Bernhard Milbrand, dessen Briefwechsel mit Goethe ich an anderer Stelle („Goethe und Professor Milbrand" in meinem Buch „Aus einer kleinen Universitätsstadt, Gießen 1907") veröffentlicht habe. Ein Mann von weitem Wissen, war er in zuvielen Disziplinen bewandert, um in seinem Spezialfach etwas Bedeutendes zu leisten. Seinen gelehrten Darlegungen zu lauschen, war mir ein wahrer Hochgenuß. Man mochte anklopfen bei ihm, wo man wollte, gleich war er mit einer geistreichen Antwort bei der Hand unb führte bas Gespräch auf ein Höhe, wohin ihm so leicht keiner zu folgen vermochte. Er hatte das Glück, eine Lebensgefährtin zu besitzen, der man in Gießen mit Recht ben Namen „Frau Aja" beigelegt hatte. In ber Tat war es ber Geist ber Frau Rat, ber in ber seltenen Frau rounbertätig wirkte. Ihre Lebenskunst, die dem dunkelsten etwas Helles abgewann, ihre unzerstörbare Heiterkeit und Ruhe, ihre Milde in ber Beurteilung anberer Menschen, ihre immer hilfsbereite Güte erhoben sie zu einer wahren Jbealgeftalt, für alle vorbildlich, bie bas Glück ihrer Freunbfchaft genossen. Stolz unb Steifheit waren ihrem Wesen fremd. Allwöchentlich hatte sie einen Kreis kleiner Leute um sich versammelt, in deren Gefühlswelt sie ■ sich versenkte, an deren Schicksal sie innigen Anteil nahm, denen sie eine liebevolle Beraterin war. Jede ihrer freien Stunden gehörte ber schönen Literatur. Kein Werk von Bebeutung kam heraus, bas sie nicht las unb mit ihren Freunben besprach. In ihrer Begeisterung für bie Kunst fanb sie in meiner Mutter eine ebenbürtige Genossin. Die beiben waren burch bie treuste Freunbschaft miteinanber oerbunben. Bei ihren häufigen Zusammenkünften war alles öbe Geschwätz verbannt. Was sie sich gaben, blieb ihnen unverlierbarer Gewinn. Die altcrnbe Albertine Wilbranb würbe von einem schweren asthmatischen Leiben heimgesucht. Sie ertrug es wie eine Helbin. Als sie eines Abenbs bas Vorgefühl bes nahenben Tobes beschlich, sagte sie zu ihrer alten Dienerin: „Wenn mir heute nacht ettr'-u zustoßen sollte, darfst du meinen Mann nicht wecken!" Die Dienerin hielt Wort. Alberttne Wil- brand verschied, indes ihr Mann an ihrer Seite Seite 34 Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe ruhig schlief. Meine Mutter hat ihre Freundin aufs tiefste betrauert. Selten habe ich sie so erschüttert gesehen, wie an jenem Morgen, da sie die Todesnachricht der lieben Nachbarin empfing. „Ihresgleichen", rief sie, „find ich nicht wieder!" Kein Tag verging, daß sie das Andenken an die Abgeschiedene nicht durch ein gutes Wort gefeiert hätte. Zu den Freunden meines Elternhauses zählte auch Professor von R i t g e n , der das Fach der Kunstaeschichte an der Universität vertrat. Er hatte die Wartburg wiederhergestellt. Karl Alexander von Weimar lud ihn an den Hof. Mit der Prinzessin Helene von Orleans, die lange Zeit in Eisenach lebte, war er befreundet. Was er gesehen und gehört hatte, wußte er mit lebendigen Farben zu schildern. Er war Hofmann durch und durch. Seine liebenswürdige Art war mit einer großen Beherrschtheit verbunden. Sein Vater, Gynäkolog an der Hessischen Landes-Universität, hatte in Gemeinschaft mit Professor Milbrand, dem Aelteren, ein K"»lossalblatt „Gemälde der organischen Natur in ihrer Verbreitung auf der Erde" herausgegeben. Eine Besprechung darüber hat Goethe in seine gesammelten Werke ausgenommen. Der Historiker Wilhelm Dntf en, der als junger Dozent von Heidelberg nach Gießen berufen worden mir, schloß sich gleich an meine Eltern an und leistete als Tenorist bei den musikalischen Aufführungen ersprießliche Dienste. Auch den bekannten Strafrechtslehrer Franz von Liszt, einen Neffen des Komponisten, sah ich mit feiner Gattin, einer geborenen Baronin von Friedenfels, unter den Gästen meines Elternhauses: liebenswürdige, bedeutende Menschen, die nicht am wenigsten zur Belebung eines geselligen Kreises beizutragen wußten. 3n dieser Atmosphäre ausgewachsen, mußten Eindrücke mannigfaltigster Art auf die Seele des Knaben wirken. Indem all die Menschen, die sich meinem Elternhaus verbunden fühlten, geneigt waren, mir Liebes und Gutes zu erzeigen, mich zu belehren und zu fördern, begann etwas in mir zu schwingen, das mich über den Alltag hinaus auf eine goldene Ferne wies. Das Giehener Stadttheater. Don Hermann Steingoetter, Intendant des Stodttheaters. In Städten, die in ihrem Theater ein wirkliches Kunstinstitut besitzen, ist es nicht die letzte Aufgabe der Presse, die Bestrebungen der Bühne berichtend, ermunternd, fördernd zu begleiten, und so dürfte in dieser Jubiläumsnummer eine Theaterbetrachtung wohl am Platze fein. In feinem Lande der Welt verteilen sich die Bildungsstätten auf so viele kleinere Kulturzentren, wie in Deutschland. Dies gilt auch namentlich von den Theatern. Schon während des ganzen 19. Jahrhunderts waren es nicht nur die zahlreichen, durch fürstliche Zuwendungen besonders leistungsfähigen Hos - theater, die künstlerisch Wertvolles boten; auch eine ganze Reihe von städtifchen Bühnen, ja sogar Privatunternehmungen konnten Darbietungen bringen, die befruchtend auf die Kunst wirkten. In erster Linie waren es die Bühnen der Großstädte, auf die dies zutrifft. Die Bedeutung der Theater in Mittelstädten und kleineren Orten war meist mehr lokaler Natur. Eine Aenberung dieses Zustandes trat ein, als gegen Ende des vorigen und mit Anfang des jetzigen Jahrhunderts in zahlreichen mittelgroßen Städten neue Theatergebäude, meist unter direkter ober indirekter Förderung der städtischen Behörden erstanden, die der Bühnenkunst würdige Heimstätten boten. Zu diesen Städten gehörte auch Gießen, das ' im Sommer 1907, anläßlich des Unioersitätsjubi- 7 läums, fein „Neues Theater" einweihte und dadurch mit einem Schlage in die Reihe der „ernst • zu nehmenden" Theaterstädte aufrückte. Man hatte in Gießen schon jahrzehntelang Theater gehabt, das sich sogar stolz „Stadttheater" nennen durfte, weil die Stadt eine bescheidene Subvention zahlte. Der jetzigen Generation werden noch die Zeiten gegenwärtig fein, da im Cafe Leib gespielt wurde. Die Verhältnisse waren aber für die betreffenden Theaterdirektoren durch die Abhängigkeit vom Wirte des Caf6 Leib und den Umstand, daß das Theater eben nur Saisonbühne für sechs, höchstens sieben Monate war, sehr schwierig. Verdienstvolle Arbeit für eine Hebung des Gießener Theaterlebens leistete damals der Theaterverein, namentlich feit er unter Leitung von Uni- oerfitätsprofeffor Dr. Fromme stand, indem er schon unter der Theaterdirektion Kruse-Helm durch feine Vereinsvorstellungen, die meist Gastspiele in sich schlossen, beachtenswerte Kunst- leiftungen bot. Eine entscheidende Wendung zum Aufstieg konnte aber erst mit der Beseitigung der obenerwähnten Uebelstände eintreten. Dies geschah im Frühjahr 1903. Dadurch, daß es gelang, die Stadtverwaltungen von Gießen und Marburg und die hessische Regierung bzw. die Kurverwaltung von Bad-Nauheim zur Gründung eines sog. „Städtebund- 11) e a t e r s" zu bewegen. Es konnten nun wert- vollere künstlerische Kräfte gewonnen werden, da es nun möglich war, den Mitgliedern „Jahresengage- mcnts" zu bieten, und der Mißstand, daß an wichtigen Spieltagen, wie den Hauptfeiertagen das Gießener Theaterlokal anderweitig vergeben war, konnte durch Aufführungen in Marburg ausgeglichen werden. Zu gleicher Zeit trat ein Direktionswechsel ein, indem von den drei Kontrahenten des „Städtebundtheaters" der damalige Dberrcgiffeur und stellvertretende Direktor des Erfurter Stadttheaters nach reiflicher Prüfung aus 64 Bewerbern zum Direktor gewählt wurde. Man glaubte von diesem erwarten zu dürfen, daß er seine Lebensaufgabe in der Hebung der Gießener Bühne sehen würde, und diese Erwartung hat sich auch erfüllt. Direktor Steingoetter, der die ersten zwei Jahre zusammen mit seinem Bruder Franz als kaufmännischem Direktor, später allein, und zwar bis zum heutigen Tage, das Gießener Stadttheater leitete, konnte gleich mit der Eröffnungsvorstellung am 29. September 1903 ein Programm bringen, das allgemeinen und stärksten Beifall auslöfte. Es wurden damals gegeben Goethes „Geschwister", Kleists „Zerbrochener Krug" und Schillers „Wallensteins Lager", und der „Gie- stehens von mancher auswärtigen Kommission besichtigt und als vorbildlich anerkannt worden ist. Zum Betriebe des „Neuen Stadttheaters" wurde der sog. Theaterbauverein gegründet, eine G. m. b. H., bei der die Stadt in ausschlaggebender Weise beteiligt war. Die Direktion wurde dem bisherigen Bühnenleiter Hermann Steingoetter übertragen, der als Pächter 20 Prozent, später 15 und 10 Prozent der Bruttoeinnahmen zu entrichten hatte. An Ausstattung stellte der Theaterbauverein außer dem allgemeinen Inventar noch den größeren Teil der Dekorationen; alles übrige war Sache des Direktors. Dieser beschaffte an Garderobe, Möbeln, Requisiten usw. Neues und Gediegenes von ersten Firmen, wie Baruch-Berlin, Lüttkemeyer-Koburg. Viele unserer Theaterbesucher werden sich der damaligen Bühnenbilder erinnern. Das Gießener Stadttheater erlangte in den nun folgenden Jahren bis zum Kriegsausbruch in Fachkreisen den Ruf einer vornehmen, gut geleiteten Bühne. Die Mitglieder hatten durch die Verbindung mit Bad-Nauheim Beschäftigung für das ganze Jahr und wurden anständig bezahlt; sie blieben deshalb auch gern länger, so daß sich eine gewisse Tradition herausbilden konnte; an Ausstattung wurde Modernstes geboten. Die Direktion beschränkte sich im allgemeinen auf das Schauspiel und brachte nur für die Sonntage einige der damals üblichen Possen mit eigenem Personal. Die große Operette wurde in regelmäßigen Gastspielen vom Kurtheater Bad-Nauheim geboten und eine Anzahl von Operngastspielen des Darmstädter Hoftheaters brachte nebenbei der Theater- Herr Professor Dr. F. Werner, M. d. R. u. d. H. L. Oberhessische Heimat, laß deine Kinder immer in Liebe von dir sprechen! Nicht allein, weil der , Jugend Zauber für und für“ über dir ruht, sondern weil du ein Land bist, des reichsten Lebens voll. Braucht es der Worte, um deine heilenden Quellen, deine sprudelnden Wasser, deine fruchtbaren Gebreiten, deine herrlichen Obsthaine, deine einzigartigen Bergwälder, deine lieblichen Flüsse und Täler zu preisen? Von all deinen Hügeln ist keiner fremd mir, und ich kenne deine starken arbeitsfrohen Menschen in Dorf und Stadt, kenne auch die Seele voller Freude und Schalkhaftigkeit eines Volksstammes der geborenen Humoristen mit Schalksaugen und grundgütigem Herzen. Ich kenne nicht minder deine vielen Schlösser, Burgen und Klöster, Städte und Städtchen und ihr fröhliches, gastfreundliches Treiben nach den Geschäften des Alltags. Es ist kein Zufall, daß der Born der Sage und des Märchens, der Scherzlieder und der Schwänke, des Gesanges und der humoristischen Dichtung in Oberhessen so reich quillt, wie in irgendeinem Lande. Es kam gewiß nicht von ungefähr, daß der V. H. C. ays dem Wesen der oberhessischen Landschaft und ihren Menschen die Kraft sog, den Wandergedanken wie kein anderer Gebirgsverein zu verklären und zu vertiefen. Und es ist ein unvergänglicher Zauber, der aus echter oberhessischer Geselligkeit leuchtet. Gott schütze dich, Hessenheimat! Deine Kinder werden immer in Liebe von dir sprechen...... fjener Anzeiger" äußerte bald nach den ersten Vor- stellungen dem Sinn nach: Wir haben jetzt einen Bühnenleiter, wie wir ihn wünschen, wir haben künstlerische Kräfte, die auch höheren Ansprüchen genügen, nun heißt es auch derKunsteine würdige Stätte bereiten. Die Bemühungen, Mittel für einen Theaterneu. bau aufzutreiben, die schon früher eingesetzt hatten, kamen nun in regeren Fluß. Einige selbstlose Theaterfreunde, deren Namen für immer mit der Gießener Theatergeschichte verbunden bleiben werden, setzten ihre ganze Tatkraft für die Aufbringung der Mittel ein, und der Erfolg blieb nicht aus. Eine Strömung, die den Bau eines neuen Theaters mit der Errichtung eines Saalbaues verknüpfen wallte, vermochte nicht durchzudringen, und fo konnte bald an die Ausschreibung des Baues herangegangen werden. Zur Ausführung gewählt wurde der Entwurf, den die bekannten Wiener Theaterbaumeifter Fellner und Hellmer gemeinschaftlich mit dem Gießener Architekten Hans Meyer eingereicht hatten. Die Platzfrage bereitete nicht die Schwierigkeiten wie in anderen Städten, da die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister A. Mecum in weiser Voraussicht das wundervoll gelegene Schülersche Anwesen für diesen Zweck angetauft und bestimmt hatte. Eine Meinungsverschiedenheit entstand noch darüber, ob nicht eine Lage des Neubaues in der Längsrichtung der Anlagen wirtungsvoller gewesen wäre; verankert man doch auch ein Schiff nicht quer zum Strome. Jedenfalls hat sich niemand durch die jetzige Lage die Freude an dem schönen Hause beeinträchtigen lassen. Der Gießener ist mit Recht stolz auf sein Stadttheater, bas in den ersten Jahren seines Beoerein, der seine früheren Schausvielgastoorstellungen der Theaterdirektion abgetreten hatte. Daß die Bühnenleitung, indem sie ihre Kräfte und Anstrengungen auf das Schauspiel konzentrierte, den rechten Weg eingeschlagen hatte, bewies der schöne Erfolg der Vorstellungen, die sich nach Urteil der Presse wie des Publikums fast stets nicht unwesentlich über dem sog. „Provinzniveau" hielten und auch von auswärtigen Besuchern viel Lob ernteten. Bon bedeutenderen literarischen Werken, die in jenen Jahren gegeben wurden, nennen wir ohne Anführung derjenigen, die nur ein Tagesinteresse beanspruchen konnten, folgende: Egmont — Maria von Magdala — Anna von Hessen — Graf von Charolais — Condottieri — Wintermärchen — König Lear — Jungfrau von Orleans — Königskinder — Sommernachtstraum — Tantris der Narr — Salome — Vasantasena — Graf von Gleichen — Faust I. Teil an zwei Abenden — Meister von Palmyra — Julius Cäsar — Andreas Hofer — Hermannsschlacht. Von Künstlern jener Periode, die von Gießen aus den Weg an erste Bühnen nahmen ober jetzt eine leitenbe Stellung im Theaterleben einnehmen, feien folgende genannt: Fritz Achterberg — Hans Pichler — Reinhold Lüttjohann — Eduard v. d. B e cf e — Richard ©feil — Werner Krauß — Helene Achterberg — Claire Albrecht — Elfriede Bayrhammer — Toni Sylva — Gertrud Baumei ft er-Felsegg — Willi Kaiser — Alice Dagny. Da die Bühnenleitung größten Wert auf gutes Zusammenspiel legte, traten in Gießen Gastspiele mit ihren üblen Nebenerscheinungen nicht so sehr in den Vordergrund (Ealpurnta. Von Adam Carillon. ,,5’ift eine alte Geschichte. Sie ist nur um zehn Jahre jünger als ich selber bin und ich plage mich schon über siebzig Jahre auf dieser schlimmsten aller Welten herum. Trotz der vielen Tage, die zwischen dem Damals und Heute liegen, erinnere ich mich an alle Details der Geschehnisse noch so genau, als ob sie sich gestern erst vollzogen hätten. Noch sehe ich den steinernen Wegweiser in den hessischen Landes- farben von der Julisonne grell beschienen, stolz und steif vor mir stehen. So viel er sich auch Mühe gibt, die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu lenken, mein Vater und ich können ihn unbeobachtet lassen. Uns ist der Weg, der zwischen wogenden Feldern hin gegen Kocherbach führt, bekannt. Wir sehen zwischen grünen Nußbaumwolken die grauen Strohdächer von Hartenrod und sogar seinen Schäfer, der still und feierlich wie ein Komet vor seiner Herde hergezogen kommt. Er hat trotz der Julihitze seinen schwarzen Mantel mit dem Hundepelzkragen über den Schultern hängen, wohl nie.il es dem ewig Wandernden an einem Nagel fehlt. Die Entfernung zwischen ihm und uns verkleinert sich. Wir erkennen auf dem Kopf den breitkrempigen grauen Filzhut, die Schäferschippe unter seinem rechten Oberarm und überm linken Ellenbogen eine bauschige Erhöhung, dem Höcker eines Dromedars vergleichbar. Und dieser Höcker gerade war es, der wie ein Magnet die stahlblauen Pfeile aus meiner Pupille auf sich zog. Ich konnte nicht anders, ich mußte meinen Begleiter am Aermel zupfen und mit dem Zeigefinger nach des Schäfers Mantel deuten nach jener Stelle gerade, wo er zwischen Vorderarm und Rippenwand sich geheimnisvoll bauschte. Mein Vater nickte mit oem Kopf, um anzubeuten, daß er meine stumme Frage begriffen habe, schritt aber stumm fürbaß. Derweilen waren wir dem Hirten so nahe gekommen, daß ich das Stapfen seiner Schafe auf dem horten Boden hören konnte. Gleichzeitig nahmen wir beide die Mützen vom Kopf, sagten uns „Grüß Gott" und mein Vater fügte noch die Worte bei: „Geht es nach der Sommerweide?" „Gegen Paris zu", antwortete der Schäfer. „Ein weiter Wea noch für diese Vierbeinigen." „Auch für einen Zweibeinigen, zumal wenn man noch so einen Verreckling zu tragen hat", ergänzte der Hirte und schlug über seinem linken Vorderarm den Mantel etwas zurück. Und was kam zum Vorschein? Der schönste Hammelskopf, den jemals der Pinsel eines Malers unter die Engelsgesichter der Bethlehemer Krippe gezaubert hat. Noch erinnere ich mich genau, daß ich bei seinem Anblick zum erstenmal den Schlag meines Herzens fühlte, daß mir das Blut im Munde zusammenlief, und daß ich ein unbändiges Verlangen verspürte, dem allerliebsten Kerlchen einen Kuß zu geben, grabe auf die rosafarbenen stummen Lippen. Mein Vater mochte ahnen, was in meinem Inneren vor sich ging und da er nicht zu jenen grausamen Menschen gehörte, die im Verweigern jedes Lebensgenusses ihre Erziehungskünste erschöpfen, so sah er mich bedeutsam an, hob den Finger und sagte, als ob e^. eine Drohung aussprechen wollte: „Aber, aber, daß mir dann die lateinische Grammatik nicht unters Rübenfutter gerät." Ich fühlte mich bei diesen Worten bis in den siebenten Himmel hineingehoben, obwohl mich im Geheimen die Sorge quälte, daß der Schäfer einen zu hohen Preis für den „Verreckling", wie er ihn nannte, fordern könne. Doch er machte es gnädig, und das Lämmchen wanderte aus dem Mantel des Schäfers auf meine Arme, ja an mein Herz herüber. Wir trennten uns. Westwärts zog die Herde; unsere Dreieinigfek gen Osten. Zu Hause wieder angekommen, begegneten wir dem schiefen Gesicht meiner Mutter, deren Protest gegen die Betriebserweiterung aber von Seiten meines Vaters mit den Worten abgefertigt wurde: „Nur keine Fisimatenten gemacht. Wo vier Grenadiere fressen, wird wohl auch für so einen Tambour noch was übrig bleiben. Fort mit dem Hammelschwänzchen in den Stall, Kon- rädelchen, und unter den Krippentrog mit ihm." Ich ließ mich bas nicht zweimal heißen. Wie ein Gummiball wollte ich die Stiege hinunter und in den Stall hinein, unser grauer Schnarcher, Cäsar genannt, hinter mir her. Wenig neugeborenen Menschenkindern wird ein so weiches Lager bereitet sein, wie unserem Schäfchen. Nicht nur, daß ich selber die zärteften Hälmchen aus den Raufen herunterzupfte, Cäsar schleppte, was nur sein Maul zu fassen vermochte, an alten Lumpen herbei, sammelte Federn, stellte sich auf die Hinterfüße, und machte Männchen und Fragezeichen mit den Vorderfüßen, als ob er sich erkundigen wolle, ob er feine Sache gutmache und dem neuen Hausbewohner sein Bett auch weich und bequem genug fei. An den Vorderbeinen der nächststehenden Kuh sprang er knurrend empor. Ach ja, es war nötig, daß er dem tollpatschigen Zweihufer auseinandersetzte, daß hier nichts vorkommen dürfe, kein unüberlegter Fußtritt, kein Herumfuchteln mit den Hörnern oder dergleichen Pöbelhaftes. Als alles für bas Lämmchen vornehm unb bequem her- gerichtet war, gingen Cäsar unb sein junger Herr schlafen, natürlich nur, um bie ganze Nacht über von blühenben Kleeäckern zu träumen unb schneeweißen Lämmern, bie zwischen ben roten Köpfen ihrer buftenben Blumen grafen. Am nächsten Tage war die ganze Schuljugend des Dorfes mit hochgezogenen Augenbrauen um unsere Stalltür versammelt. Von Amts wegen möchte man sagen, denn es handelte sich um eine feierliche Handlung. Sogar ein Untertertianer in grüner Gymnasiastenmütze hatte sich unter die fünftes Blatt wie an anderen Orten; doch mit Künstlern von wirklich überragender Bedeutung wurde Das hiesige Publikum stets bekannt gemacht. Wir nennen in dieser Beziehung die Namen Albert Bassermann — Albert Steinrück — Ernst Possart — Rosa Poppe — Irene T r i e s ch. Die erfreuliche Entwicklung, bie so unsere Bühne genommen hatte, würbe jäh unterbrochen burch den Ausbruch des Weltkrieges. Nachdem schon Anfang August 1914 die Sommerspielzeit Bad-Nau- heim abgebrochen werden mußte, konnte die neue Spielzeit in Gießen erst am 1. November hiieber aufgenommen werden. Und nun begann eine schwere Zeit für bas Gießener Stabttheater. Da niemand bie politische unb wirtschaftliche Entwicklung über« sehen konnte, war mehr als einmal die Weiter- führung des Betriebes gefährdet. Die finanzielle Verantwortung übernahm der „Theaterbauverein", und da diesem ja keine genügenden Mittel zur Verfügung standen, war es letzten Endes doch die Stadt, die in die Bresche treten mußte. Unter diesen Umständen sollte einerseits nach Möglichkeit gespart, andererseits sollten Attraktionen gebracht werden, die finanziell Anziehungskraft auszuüben versprachen. Dies hatte zur Folge, daß Bühnenleiter wie Mitglieder sehr knappe Gehälter bezogen, ein Zustand, der sich, wenn auch mit etHigyj Aufbesserungen, bis in die Inflationszeit hinzog. Da das Publikum in der schweren Zeit mehr als früher Zerstreuung im Theater suchte, wurde zudem die moderne Tanzoperette in den Spielplan aufgenommen, die wohl finanziell den an sie geknüpften Erwartungen entsprach, aber künstlerisch bas Niveau bes Theaters unleugbar herabbrückte. Dazu kam, baß mittlere Bühnen wie die Gießener während der Kriegszeit schwer unter dem ungenügenden Personalersatz zu leiden hatten, da Herren in erster Linie für die großen Theater reklamiert wurden unb auch bie Damen vielfach ein Engagement an den zahlreichen Frvnttheatern der Ver- pflichtung in Mittelstädten vorzogen. Ungünstig auf den Theaterbetrieb wirkte es auch ein, daß' in der Kriegs- unb Nachkriegszeit bie Vorstellungen wegen Kohlenmangels auf brei Wochentage zufam- mengebrängt unb die Proben teilweise in Schulbaracken abgehalten werben mußten, baß zahlreiche Entwendungen von Fundusstücken vorkamen, und daß an einen Ersatz und an Wiederherstellungen in jenen Tagen nicht gedacht werden konnte. Auch die Verbindung mit Marburg wurde unterbrochen. Trotz dieser Schwierigkeiten, bie noch burch bas unzureichende technische Personal vermehrt würben, konnte auch in bieser Zeit eine Anzahl größerer Werke — wir erinnern an die Aufführungen von „Judith", „Agnes Bernauer", „Don Juan" und „Faust" — in würdiger Weise gegeben werben. Als mit Ueberroinbung ber Inflationszeit eine allgemeine Konfolibierung ber Verhältnisse eintrat, sollte sich diese auch auf die Verhältnisse bes Stabt- theaters erstrecken. Die Stabtverwaltung unter Oberbürgermeister Keller war schon in ben letzten Jahren vor bem Jnftationshöhepunkt de facto die maßgebende Instanz für das Stabttheater geworben; nun würbe in die Wege geleitet, daß sie in Ablösung bes „Theaterbauvereins" nach bem Vorgang anderer Städte auch de jure ganz bie Zügel ‘in die Hand nahm. Die Zeit bes Pachttheaters war, wie fast überall, auch für Gießen vorbei. Die stäbtische Theaterdeputation unter Vorsitz des Beigeordneten Kommerzienrat K l i n g f p o r zeigte weitgehendes Verständnis für eine Neugestaltung der Theaterverhältnisse, die denn auch sofort, im großen ganzen nach den Vorschlägen des Theaterdirektors, in bie Wege geleitet würbe. Die Finanz- und Verwaltungsgeschäfte bes Theaters gingen in bie Hänbe ber Stabtverwaltung über. Der Theaterbirektor hatte als städtischer Intendant vor allem die künstle- rischenJnteressender Gießener Bühne wahrzunehmen. Sein Privatfundus wurde von der Stadt käuflich erworben. Die Sagen ber Künstler würben derartig normiert, daß sie auch wieder für Kräfte größerer Bühnen einen Anreiz bildeten, nach Gießen abzuschließen. Eine Verjüngung des Personals wurde mit aller möglichen Rücksichtnahme durchgeführt. Der eigene Betrieb beschränkte sich wieder auf das Schauspiel in weiterem Sinne. Operette und Oper wurden durch Frankfurter Gast spiele gebracht. Auch die Verbindung mit Bad-Nauheim wurde auf eine andere Grundlage gestellt. Die Neuorganisation trug ihre Früchte. Schon der vergangene Winter erbrachte ben Beweis, baß bie richtigen Mittel angeroenbet worben waren, um bas Gießener Stabttheater wieber auf seine alte künstlerische Höhe zu heben. Wir brauchen für die letzte Zeit wohl weder Namen der verpflichteten Künstler noch ber aufgeführten Stücke anzuführen — bie Urteile ber Presse unb auswärtiger Fachmänner, wie bie erneute Theaterfreubigkeit bes Gießener Publikums legen genügenb Zeugnis für ben künstlerischen Wieberaufstieg unserer Bühne ab. Kinberschar verirrt. Es war ber Sohn eines Tierarztes unb eine anerkannte Autorität in bestialischen Angelegenheiten. War es ein innerer Drang, bie Schule zu schwänzen, war es Teilnahme am Erbenlos eines Lebewesens, was ihn leitete, genug er war ba unb konnte sein sachverstänbiges Urteil abgeben hier, wo es sich barum hanbelte, eine Ware zu etikettieren, bie wie ein Marzipanstengel von Hanb zu Hanb gehen sollte. Also ja keine Alltäglichkeit, keine Trivialität. Nach einer eingehenben Besichtigung bes Täuflings von hinten unb vorn schlug er vor, bem Wollenträger ben Namen Calpurnia zu geben. Als er bas befrembete Erstaunen von ben Gesichtern aller Anwesenben herunterlesen konnte über ein so seltsames Wort, ließ er sich zu der Erklärung herbei, daß ber Hunb unb bas Lamm in ber Art in ibealer Gebunbenheit ein Wieberaufleben eines alten Geschlechtes bebeuteten, benn seiner Forschung nach seien Cäsar unb Calpurnia vor Zeiten im alten Rom ein verehrungswürbiges Nachtwächterehepaar gewesen. Merkwürbig, wie biese geschichtliche Anspielung mit einem Schlage bie ganze Versammlung in ihren zaubervollen Bann schlug. Wer sich schämte, daß er so Allbekanntes übersehen konnte, war mit von ben ersten, die bem Vorschlag bes bebrillten Tertianers begeistert zustimmten. Anbere opponierten nicht, weil der Wohlklang des Namens sie entzückte, und ehe man es sich versah, war aus dem namenlosen Hammelschwänzchen eine Calpurnia geworden. O Calpurnia, Calpurnia, wer hätte es damals ahnen können, daß ber süße Tropfen römischer Klassizität im Innern deines Namens für mich einst einen bitteren Beigeschmack erhalten sollte. — Indes der Neugetaufte wuchs heran unb gebieh in jeber Weise. Unter ber strategischen Führung Cäsars lernte er halb bie Treppe hinauf zu steigen, bie von bem Stall nach ber Küche meiner Mutter führte. Seine harten Vorberfüße zeigten sich brauch- en Inflationszeit eine , der Verhältnisse eintrat, :e Verhältnisse des Stadt- ldtverwaltung unter Ober, rar schon in den letzten nshvhepunkt de facto bit äs Stabttijeatet geworben; geleitet, hagrem Wogung nach bem Vorgang anderer nj die Zügel in die Hand achttheaters war, wie inst en vorbei. Die städtische Vorsitz des Beigeordneten spor zeigte weitgehendes Neugestaltung der sse, die denn auch schrt, ch den Vorschlägen bts Wege geleitet wurde. Die waltungsgeschäs'.e 1 Hände der Stadtoer- sheaterdirektor hatte als vor allem die künstle' )et Siebener Bühne wahr- ibus wurde von bet Stabt .agen bet Wlet wurden lie auch wieder für grafte Inreij bildeten, nach Ma irjüngung des Ptt> •r möglichen RülksichlMM ne Betrieb beschrankte ft spiel in weiterem vinne. r wurden durch gebracht. Auch die Beruh eim wurde aus eine an- ^°^.da pe Eehä,§ ?^nen[eiler iuch M e3ogen, ej» "'onsjeit ^sbesse, 5e|t Mehr od°&ic?a das ® 91 des laßen Theater 'men vielfach !Än'.*Ä it die ÜJorftih bö^ ’n LrrnZ SÄ"’ba? ** “S,y.n vorkamen, und tm^'^?°^ellungenin werden konnte. Auch die r? hmUrbI ""'erbrochen. rÜf nOd) b"rd> d°s un- nonat vermehrt wurden, nVlneflr%QW größerer ”J,e Aufführungen von P' "3°n huan" und weise gegeben werden. n*i^. .-'«-«ft ÄW WL a?^'"'wicku>"d ®ls, einmal \i 9 über, bfuhrdet. Ti- r weiter. »Theaterb^'klle i e6‘e" Endes ul i"r ISsfiJÄä trug ihre Frücht--Echan d°r -adjte den Beweis, daß die idet worden waren, um da nieder aus seine alte kunst unsere^uhn^^^, -UZ: Säs [,n und vorn Ich geben. Nawen^An 0e^lcr" Wunen von» em so wie diese flj ,u[iimm|en' <, Mwens f. ä ' Uffgrtfl 0(5 .yj dew ** [6 i«n# orderfuw0 Jubilaums-Ausgabe _________________Gießener Anzeiqer । des Vereins für das musikalische Leben Gießens und Oberhessens werden am besten verdeutlicht durch die Namen von einigen der vielen Künstler von Weltruf, die der Verein als Solisten für seine Veranstaltungen, zu gewinnen gewußt hat. Genannt seien nur d'Albert, Hill, Joseph Joachim Klengel, Lilli Lehmann, Muck, Clara Schumann, August Wilhelmj, Marie Wittich und aus neuerer Zeit Künstler wie Backhaus, Elli Ney, Lamond, Theresa Careno, Ansorge, Edwin Fischer, Gieseking, Fritz Busch, Arnold Mendelssohn, Richard Strauß, Wüllner, Possart, Erler-Schnaudt, Mysz-Gmeiner, Werner- Jensen, Maria Philippi, Forchhammer, Hutt, George Walter, Lindberg, Felix von Kraus, Soomer, Alma Moodie, Henri Marteau, Szigeti, Adolf Busch, Schnabel-Flesch. Auch Kammermusik wurde durch hervorragende Quartettvercinigungen wie das böhmische Quartett, das Klingler-Wendling-, Rebner- und Amarguartett vermittelt, Madrigalmusik brachte der bekannte Dessoffsche Frauenchor. Schwierigkeiten bereitete der Vereinstötigkeit seit langem das Fehlen eines städtischen Orchesters. Während es in früheren Jahren oftmals gelang mit Hilfe des Frankfurter Palmcngartenorchesters, der Darmstädter und Meininger Opernorchester die großen Aufführungen zu bewältigen, die sich der Verein auf orchestralem Gebiet gestellt hatte, genießt der Verein zur Zeit die Unterstützung des Kurorchesters von Bad-Nauheim bei der Durchführung der gemeinsamen mit dem Akademischen Gesangverein veranstalteten Chorkonzerte und der Musikabende des aus hiesigen musikalisch geschulten Kräften gebildeten Kammer-Orchesters. Besondere Erwähnung Aufführung von Oratorien. Unter Leitung seines derzeitigen Dirigenten Albert Kasten (feit 1907) trat der Verein mit einer Reihe großer Oratorien- werke von Haydn, Schumann, Händel und Mendels- whn an die Oeffentlichkeit. Wenn auch der Krieg die Dereinstätigkeit für Jahre hinaus gänzlich lahm- legte, ,o nahm der Verein doch in den letzten Jahren mit gutem Erfolg feine traditionelle Linie wieder auf. Mit dem Namen „Bauer" eng verknüpft ist ein dritter Gießener Gesangverein, der im März 1864 als „Smgkranzchen" gegründete, im gleichen Jahre umgetaufte „BauerscheGesangoerei n". Der Vater des oben genannten Franz Bauer Hot ah erster Chormeister des damaligen „Singkränzchens" dem heute stärksten Gießener Gesangverein seinen Namen gegeben. Unter seiner und seines Sohnes Franz Leitung nahm der Verein eine gesunde Ent- Wicklung. Nach Jahren wechselnder Dirigententätig, keit gelang es 1895 dem Verein, in dem Kapellmeister Polster einen Mann zu finden, unter dessen Leitung der Verein einen bedeutsamen Auf- schwung nahm. Schon zwei Jahre später konnte der Verein aus dem ersten Sangeswettstreit in Bocken- hcim eine Reihe von ersten Preisen, Medaillen und Diplomen mit nach Hause bringen. Seitdem haben sich die „Bauern" mit nie erlahmendem Eifer an zahreichen Gesangswettstreiten in und außerhalb Hessens beteiligt, viel beachtete eigene Konzerte konnten unter Polsters Leitung veranstaltet werden, erinnert sei nur an die Feiern des 38. und 40. Stif- tungsfestes (1902 u. 1904). Ein schweres Nervenleiden zwang im folgenden Jahre Kapellmeister Polster Herr Dr. J. Becker, Hess. Finanzminister und Reichswirtschaftsminister a. D., M. d. R. Zur Jubelfeier Ihrer Zeitung gestatte ich mir, Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch auszusprechen. Die Aufgaben einer Zeitung, deren Leserkreis sich auf Stadt und Land und alle Berufsstände verteilt und schon deshalb weder einseitige Verbraucher- noch reine Erzeugerpolitik vertreten kann, sind im Wandel der Zeiten nicht einfacher geworden und infolge der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des letzten Jahrzehnts heute schwerer denn je. Ich freue mich, feststellen zu können, daß der Gießener Anzeiger bei streng nationaler, liberaler und sozialer Grundeinstellung stets für den Ausgleich der Gegensätze eingetreten ist und sich damit große Verdienste um Volk und Vaterland erworben hat. Daß es dem Gießener Anzeiger bis in eine ferne Zukunft vergönnt sein möge, in gleicher Weise weiter zu arbeiten, ist der aufrichtige Wunsch, den ich Ihnen deshalb zu Ihrer Jubelleier besonders herzlich aussprechen möchte. Fünftes Blatt______________________ Die Aufgabe des Intendanten wird es sein, diese Theaterfreudigkeit zu erhalten und weiter zu för- dern. Zu diesem Zweck wird der erprobte Stamm älterer Kräfte noch Möglichkeit erhalten, jüngere Kräfte als Ersatz Ausscheidender werben mit größter Vorsicht ausgewählt. Bei dieser Gelegenheit sei er- wähnt, daß für jüngere Künstler und Künstlerinnen, die auf eine größere Laufbahn rechnen, das Stabt» theater Gießen immer nur eine künstlerische Durch- gangsstufe zu allerersten Bühnen bedeuten wird. Da aber die Gießener Bühnenleitung in Fachkreisen dafür bekannt ist, daß sie sich gerne der Mühe unter» zieht, aufstrebende Talente ihrem Ensemble einzugliedern und künstlerisch zu fördern, besteht die Aussicht, immer ab und zu a l l e r e r st e Kräfte, roerm auch nur vorübergehend, hierher zu ziehen. Der Spiel plan soll im kommenden Winter wieder einige bedeutende Werke der Weltliteratur bringen, insbesondere solche, die hier noch nicht oder wenig gegeben worden sind. Im übrigen soll jede Gattung von Schauspiel, Komödie, Lustspiel und Schwank gepflegt und namentlich auf interessante Neuerscheinungen Rücksicht genommen werden. Oper und Operette werden wieder als Gastspiele im Spiel- plan erscheinen. Die Regie wird jedem Stück den Stil geben, den es verlangt, also in modernem Sinne geführt werden, ohne in Extreme zu verfallen. Der Inszenierung wird es zugute kommen, daß jetzt auch wieder entsprechende Mittel zur Wiederherstellung und Modernisierung von Dekorationen und Ausstattung zur Verfügung stehen. So arbeitet alles auf eine Konsolidation des Erprobten — wozu vor allem eine weitere Befestigung der Theaterverbindung Gießen—Bad- Nauheim zu rechnen ist — und eine Beseitigung unerfreulicher Kriegsüberbleibsel, hin. Da dürfte es nicht unzeitgemäß sein, einmal auf einen so in die Augen fallenden Kriegsschaden wie die Lücke auf bem Giebel unseres Musentempels hinzuweisen. Vielleicht bedarf es nur dieser Anregung, um Kräfte und Mittel für einen Ersatz mobil zu machen. Eine neue Giebelkrönung müßte ja durchaus nicht die Figur des verflossenen Musa» getes haben, sie könnte sich auch in anderer Gestalt ober aus anderem Material präsentieren. Aber hübsch wäre es, wenn mit dem inneren Wiederaufbau unseres Theaters auch der äußere Schritt halten würde. Dann könnte der Gießener künftig mit noch größerem Stolz aufblicken zu dem Bau, der ihm ist und bleiben wird: „Ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns". Gießens Musikleben. In einem Spiegelbild des kulturellen Lebens der Stadt Gießen, wie es diese Jubelnummer wiederzugeben bestrebt ist, darf auch ein Rückblick auf die Entwicklung der Musikpflege in Gießen nicht fehlen. Sie stellt sich in einer Provinzstadt mittlerer Größe, die zur Musikgeschichte selbst keinen Namen von Rang beigesteuert hat, im wesentlichen dar in der Geschichte von Vereinen und Korporationen, die sich ausschließlich ober doch in der Hauptsache der Pflege der Musik widmen. Gießen ist von jeher eine sangesfreudige Stadt gewesen. Das kann man wohl sagen, wenn man den starken Anteil betrachtet, der gerade den Musikvereinigungen aller Art am Gießener Vereinsleben zufällt. Die älteste derartige Vereinigung, der 1792 gegründete „Konzert-Verein, nimmt nun allerdings im Gießener Musikleben eine ganz besondere Stelle ein, weil er einmal — von wenigen Ausnahmen abgesehen — darauf verzichtet, seine musikalischen Veranstaltungen von seinen Vereinsmitgliedern zu bestreiten, und zum andern, weil er durch Gewinnung auswärtiger Orchester und hervorragender Solisten neben der Vokal- auch Instrumental» und Chormusik gleichberechtigt pflegt. Gegründet wurde der „Konzert-Verein" unter der Bezeichnung „Musikalisck>e Gesellschaft" 1792 von bem Unioerfitätsprofessor Thom. Die ersten sog. „Liebhaber-Konzerte" wurden im Gasthause „Zum Löwen" veranstaltet, später, seit 1807 nannte man sie „Damen-Konzerte", weil Damen frei mitgebracht werden durften, während Nichtmitglieder von dem Besuch der Veranstaltungen ausgeschlossen waren. Der als Dirigent, Komponist, Musiktheoretiker und Musikschriftsteller bekannt gewordene Dr. Ferdinand Simon Gähner stellte 1819 einen gemischten Chor zusammen und legte damit den Grundstock für den „Akademischen Gesangverei n", der noch heute in engster Gemeinschaft mit dem Konzert- Verein seinen besonderen Aufgaben der Pflege des Chorgesanges obliegt. Die Gemeinsamkeit der Interessen beider Vereine hat feit jener Zeit auch darin feinen Ausdruck gefunden, daß beide den gleichen Dirigenten haben. Als der Konzert-Verein 1892 auf die ersten hundert Jahre seines Bestehens zurückblicken konnte, war in hingebender Arbeit eine musikalische Tradition geschaffen, auf der man im letzten Vierteljahrhundert rüstig weiterbauen konnte und die ihn in den Stand setzte, auch die widrigen Verhältnisse der Kriegsjahre zu Überstehen. Die Leistungen bar, die Tür zum Küchenschrank aufzuklopfen und während die Hammelschnauze sich in das Salzfaß vertiefte, leckte hinter ihr eine Hundszunge die Teller sauber, die nach Bratensauce rochen, so daß meine Mutter sich oftmals nicht genug verwundern konnte, wie groß der Reinlichkeitssinn geworden war, der über Nacht in unser Dienstmädchen gefahren fein mußte. Uebrigens bildet sich in einer frommen Familie eines am andern und der Hund lernte das Gras kauen, derweilen das Lamm an den Kohlköpfen unseres Gartens sich widerrechtlich eine Mahlzeit holte. Wenn es dann in die Wäschetage meiner Mutter hineinregnete, so fehlte es nicht an Scheltworten für den unnützen Köter, der wieder einmal mit feiner Graßfresserei das schönste Trockenwetter verdorben hatte. Doch der Garten war nicht der einzige Schauplatz, auf dem das Verbrecherpaar verheerende Dor- fteUungen gab. Schlimmer als in Gemüsebeeten wirkte ihr Getriebe in meinen Zeugnissen. Konnte ich es doch fertig bringen, über den Cornelius Nepos hinweg auf den Kiesplatz vor unserem Hause hinaus- zusehen, wo Calpurnia die vertracktesten Luftsprünge machte und Cäsar sie am Hammelsschwanz packen mußte, damit sie nicht von der Zentrifugalkraft der Erde in die Unendlichkeit hinausgeschleudert wurde. Konnte ich doch meine Finger in die Wolle des Schafes vergraben und über Hammelzecken all die dreiundzwanzig Wörter vergessen, die trotz ihrer Js-Endigung masculini generis sind. Mein Vater hatte zu dem Weihnachtszeugnis den Kopf geschüttelt, zur Osterzensur den ganzen Körper. Mit gestrecktem Zeigefinger drohte er: „Wenn das so weiter geht, bann kannst du ein Schafhirt werden, oder es muß---" Ach, ich hatte es nur gar zu gut verstanden dieses „oder es muß". Verhüte Gott, er fing an zu bereuen, daß er Calpurnia ins Haus gebracht hatte. verdienen die mehrfachen Konzerte Max Regers in Gießen, den die Gießener Musikfreunde dank der Vermittlung des Konzert-Vereins nicht nur als Komponisten und Dirigenten, sondern auch am Flügel als feinsinnigen Interpreten Bachfcher Musik frühzeitig kennen lernen durften. Konzert- Verein wie Akademischer Gesangverein stehen seit 1896 unter der musikalischen Leitung Professor Gustav Trautmanns, dessen rastloser Arbeit es gelungen ist, beiden Vereinen eine weit über die Grenzen unserer Heimatprooinz reichende Bedeutung zu verschaffen. Der „Akademische Gesangverei n", dem Professor Trautmann seit nun schon bald dreißig Jahren seine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, hat sich die gesangliche Ausbildung der Studierenden der Landes- unioerfität vornehmlich zum Ziel gesetzt, ohne dabei aber stimmbegabte Damen und Herren nichtakademischer Kreise auszuschließen. Neben der Mitwirkung bei akademischen Festlichkeiten pflegt er alljährlich sich bei zwei großen Choraufführungen im Rahmen des Konzert-Vereins zu beteiligen. Der nächstälteste Gesangverein in Gießen ist unseres Wissens der 1837 gegründete Gesangverein „L i e d e r k r a n z", über dessen Tätigkeit vor der Jahrhundertwende nichts Wesentliches bekannt ist. Von 1900 bis zum Kriegsausbruch war Franz Bauer der musikalische Leiter des „Liederkranzes", der in dieser Zeit auch außerhalb Gießens, so 1900 in Salzhausen, 1908 in Biedenkopf mehrfach konzertierte. In Gießen selbst stellte sich der Verein, den 1919 bis zum Januar 1925 O. Gut - j a h r, seitdem W. S ch ä 111 e r leitet, bei vielfachen Festlichkeiten in den Dienst der guten Sache, stets bestrebt, durch wertvolle Darbietungen sein Teil zum Gelingen ernster und froher Feste beizutragen 1863 ist das Griindungsjahr bes „Sänger - k r a n z", der gleichfalls unter langjähriger Leitung Franz Bauers (1890—1907) als Männerchor und gemischter Chor sich eine achtbare Stellung im Gießener Musikleben erftritten hat. Im letzten Vierteljahrhundert widmete er sich besonders der Was sollte aus mir werden, wenn er sie wieder fortschaffte. Es war nicht auszudenken, wie dann mein heimwehkrankes Herz verdorren mußte. Ich strengte mich also im Sommerhalbjahr gehörig an, lernte das Confiteor auswendig und aoan- zierte zum Meßdiener. Schade, daß dies in den Hundstagen eines heißen Jahres geschehen mußte. Mariä Heimsuchung wurde gefeiert. Alle Bänke der Kirche waren zum Platzen erfüllt. Der Pfarrer hatte eine salbungsvolle Rede einftuöiert und stand mit seinem Kahlkopf schwitzend unter der Kanzeldecke. Zu ihm empor stieg der Schweißgeruch einer arbeitsfrohen Bauerngemeinde und beschlug seine Brillengläser. Er wischte mit dem Sacktuch an ihnen herum. Umsonst, die Worte des Evangeliums hörten nicht auf, vor feinen Augen zu tanzen. Verwirrt schüttelte er das Haupt, sah nach der Orgel hinüber und bedeutete mit Winken dem Organisten, daß er die Kirchentüren auflperren sollte. Es geschah und ein erfrischender Lustzug durchströmte das Gotteshaus und drang auch bis zu uns Meßdienern herauf, die wir in weihen Chorhemden über den knallroten Soutanen auf den Altarftufen lagen, in schläfriger Bereitschaft, wieder einmal eine Sonntagspredigt über uns ergehen lassen zu müssen. Noch erinnere ich mich deutlich, daß sich eine wohlige Schläfrigkeit wie eine Federdecke weich über mich wälzte so zwar, daß ich wohl noch die Worte des Predigers hörte, ihren Sinn aber nicht mehr verstand, als mich plötzlich eine ungewohnte Stille weckte. Ich hob die schweren Augendeckel und was sehe ich? Unter dem heiligen Geist des Kanzeldeckels stand der Pfarrer und schüttelte mit dem Ausdruck höchster Empörung in den breiten Gesichtszügen den fchweißperlenden Kopf. Worüber? Alsbald war es offenbar, lieber die roten Sandsteinplatten des Mittelganges kam Cal» pumia gestürmt und hatte ihren Cäsar am Hammelsbeine hängen. Ein starres Entsetzen sonst auf alle Gläubige verteilt. zum Rücktritt. An seine Stelle trat bas bisherige Ehrenmitglied O. G ö r 1 a ch, unter dessen ziel- bewußter Führung der Verein noch im gleichen Jahr 1905 auf dem großen Vildeler Sängerfest den 1. Preis und andere wertvolle Ehrenbeweise davontragen konnte. Bemerkenswert gut schnitt der Verein auch auf dem mehrtägigen Lahntal-Sänger, bundesfest in Gießen ab. Mit 113 Punkten (bei einer Höchstpunktzahl von 114) konnte er den zweiten Pl-rtz belegen. Im Jahre 1908 gab der Verein in der Neuen Aula sein erstes öffentliches Konzert, dem in den späteren Jahren eine Reihe anderer folgten, stets ein musikalisches Ereignis ersten Ranges für Gießen. Von der Beteiligung der „Bauern" an auswärtigen Sängerfeften fei nur noch der ©efangsroettftreit in Worms im Jahre 1909 erwähnt, wo er neben mehreren anderen Preisen als ersten Preis im Stundenchorsingen einen in Gold getriebenen Pokal erhielt. Der dem Fest beiwohnende Großherzog Ernst Ludwig von Hessen ließ dem Verein durch Professor Trautmann feine besondere Anerkennung aussprechen. Am 8. März 1914 konnte der Verein sein 50. Stiftungsfest mit akademischer Feier, Jubiläumskommers und Konzert feiern. Der Großherzog verlieh dem Verein das Recht, das kleine hessische Staatswappen in seiner Fahne zu führen. Der Krieg brachte auch den „Bauern" eine langjährige Unterbrechung ihrer Tätigkeit. Erst 1920 konnte wieder ein großes Konzert in der Aula ftattfinben. Seitdem hat sich der Verein wieder mannigfach bei Wohltätigkeitsfesten und Feiern befreundeter Vereine hervorgetan. Auch die alljährlichen öffentlichen Konzerte wurden wieder ausgenommen. Zugleich mit dem 60. Stiftungsfeste konnte der jetzige Ehrenpräsident Georg Todt die Feier des 50jährigen aktiven Sängerjubiläums begehen. Eine „Georg-Todt-Stiftung" deren Zinsen für die in Not geratenen Mitglieder bestimmt sind, wird seinen Namen für immer mit bem bes Vereins verdürben. Daß ber Verein auch im siebten Jahrzehnt, nach bem glücklichen Ueberstehen ber schwierigen Inflationszeit, blüht, wächst unb gebeiht, bafür Nur bei den Schulbuben, die im Chore knieten, tat das Kornische ber Situation seine Wirkung. Wäh- renb bie Lauser ihre Gesichtszüge unter einer gewißen Ohrfeigenfurcht im allgemeinen bis zu wahren Teufelsfratzen verzerrten, übermannte ben unb jenen ein innerer Lachkrampf, so baß sie losprusteten, aerobe in bem Moment, wo Calpurnia ihre Entbehrlichkeit an geweihter Stelle einsehenb mit bem Hammelschwanz einige Hochquarten schlug unb bann ben Cäsar hinter sich herziehenb schnell, wie sie gekommen war, aus bem Gotteshause roieber ver- schwanb. Das nächste, was nun geschah, war bas, baß einige Bauern erwachten, aufftanben unb bie Kirchentüren schlossen. Dann erfolgte im Chore broben von Seiten ber Schullehrer ein überreiches Verteilen von Ohrfeigen in alle jenen Gesichter hinein, bie ihre Muskulatur nicht rechtzeitig an bas Sonntagseoangelium anzupassen oerftanben hatten. Gottes Mühlen mahlen sicher unb nicht einmal langsam. Auch ich war beim Verteilen ber schulmeisterlichen Gastgeschenke nicht zu kurz gekommen, unb wenn meine linke Backe zu einem Vorgebirge an- schwoll, so war baran weber ein Erbbeben noch ein hohler Zahn schulb, sonbern sicher nur bie harten Knöchel einer vom Drbnungsfinn- erfüllten Seele. Doch was wollen körperliche Beschwerben besagen gegenüber bem Seelenschmerz, ber mir noch beoorftanb? Währenb bes Sonntagessens saß mein Vater stumm wie Moluch, ber Stammgott ber Ammoniter unb verschwanb eilig aus bem Hause gleich nach bem Tischgebet. Ich rannte auf ben Speicher, stieß ben Laben auf, um nachzusehen, wohin seine Beine ihn tragen würben. Wer beschreibt meine Seelenqualen, als ich konstatieren mußte, baß er seinen Weg zum Metzger nahm. Wehe, wehe, bie Uhr hatte ausgehoben, bie meinem Liebling die Todesstunde schlug. In der Nacht von Wendelin auf Seite 35 Dominika wälzte ich in meinem Kopfe die tollsten Projekte, wie ich meine Calpurnia vor dem Messer des Schlächters retten könne und kam zu einem kühnen Entschluß. Ich erhob mich, schlich in Bar- füßen die Stalltürtreppe hinab, um mich im Dunkeln heranzutasten an das oielgeherzte weiche Hammels- olies. Zu Eis wollte mein Blut erstarren, als meine Finger einen rauhen Strick um den Lämmerhals zu fühlen bekamen, wußte ich doch nur zu gut, was diese unbarmherzige Krawatte zu bedeuten hatte. Aber sie, bie Menschen, hatten ben Käs ohne Molken geknetet. Auf ben Reptilieneiern ihrer Bosheit brütete meine Vorsicht. Leise banb ich mein Lämmchen los, leise schob ich ben Stalltürriegel zurück unb ftanb allein mit meinem Schatten im Monbenschein. Nein, nicht allein, Cäsar war an meiner Seite. Der Himmel mag wissen, wie es ihm gelungen ist, herzukommen, aber er war ba, offenbar mit meinem Vorhaben einoerftanben, einer Welt zum Trotz. Nun fing ein Wanbern an auf schmalen Pfab ben Bach hinauf. Der Walb nahm uns auf. An rauschenben Kohlenmeilern vorüber erreichten wir bie Sieblung eines Ginöbbauern. Seinem Schutze überließ ich Calpurnia unb war am nächsten Tage roieber zu Hause, aber ein anberer, ganz ein anberer als oorbern. Ich war verbittert, verstockt, halsstörrisch wie ein Maulesel. Prügel nahm ich mit bem Gleichmut eines Märtyrers hin unb Ermahnungen erreichten nicht einmal mein Ohr, um wieviel weniger meine Seele. Ich lernte nichts mehr unb jebes Streben nach höheren Lebenszielen war in mir erloschen. Man mußte sich entschließen, mich bie selbstgewählten Pfade wandern zu lassen. Ich wanderte aus unb legte mir in Kanaba eine Farm an. Am Busen ber allbarmherzigen Natur heilte meine Herzenswunbe. Ich kam zu Ansehen, Gesunbheit unb sogar Gelb unb meine nicht barüber, baß Calpurnia meinen Wagen zum Entgleisen gebracht hat. legt ber Mitgliederbestand von 126 aktiven Sängern, 284 passiven und 18 Ehrenmitgliedern das beste Zeugnis ab. Im gleichen Jahre wie der Bauersche Gesangverein, 1864, trat auch die „Bürgcrgesell- schäft" an die Oeffentlichkeit. Wie schon ber Name anbeutet, verfolgte sie von ber Grünbuna an neben ber Pflege ber Musik auch bie ber Geselligkeit in besonderem Maße. Diesen Zweck trug auch der ursprüngliche 9lame „Gemütlichkeit" besonders Rechnung. Eine Gesangsabteilung wurde erst später unter der Leitung von Philipp Bauer eingerichtet, der 1880 die „Preciosa" auf eigener Bühne des Vereins in „Wenzels Garten" (jetzt Stadthaus) an ber Bergstraße aufführen konnte. Im folgenden Jahre übernahm ber schon mehrfach erwähnte Franz Bauer bie Leitung ber Gesangsabteilung, mit ber er in ben nächsten Jahren eine Reihe wertvoller Konzerte, zum größten Teil zu Wohltätigkeitszwecken, veranstalten konnte. 1889 übernahm ber jetzige Ehrenprälibent Martin Dorr ben Vorsitz der Bürgergesellscyast, den er seitdem ununterbrochen zum Segen des Vereins mit unermüdlichem Eifer innegehabt hat. Die Vorbereitungen zum 50. Stiftungsfest wurden durch den Kriegsausbruch jäh unterbrochen. Wie bie „Bauern" so hat auch bie „Bürgergesellschaft" 11 Mitglieber als Opfer des Krieges zu beklagen. 1919 konnten die regelmäßigen Gesangsstunden wieder ausgenommen werden. 1921 trat an bie Stelle bes bisherigen Dirigenten Gernharbt Herr Leib unb 1922 ber jetzige musikalische Leiter Anton W i cf e rt. Mit 118 Mitgliebem feierte bie Bürgergesellschaft 1924 bas 60. Stiftungsfest, auf bem 10 Mitglieber, bie 25 Jahre hinburch dem Verein treu geblieben waren, zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden unb bem Ehrenpräsibenten Martin Dörr nach 45 Jahren aktiver Sangestätigkeit bie golbene Sängernabel verliehen würbe. Auch schon auf fast ein halbes Jahrhundert ununterbrochener Pflege bes Gesanges zurückblicken kann ber 1878 gegründete Gesangverein „Heiter- k e i t", der 1899 in Ludwig Becker einen Chor- meister gewann, dessen unermüdlicher Tätigkeit in Verbindung mit reichem, musikalischem Können es gelang, ben Verein aus anfänglich nur bescheibenen Grenzen stetig aufwärts zu führen. 1908 nannte ber Verein 153 Mitglieber fein Eigen. Der Weltkrieg unterbrach auch hier bie erfreuliche Entwicklung, ba fast ein Drittel der Sangesbrüber mit ihrem Chor- meister unter den Fahnen stand. An Stelle des im Felde gebliebenen Ludwig Becker übernahm 1919 Heinrich Blaß- Großen-Linden bie musikalische Leitung bes Vereins. Seiner ruhigen, umsichtigen Führung verbankt ber Verein ein rasches Aufblühen. Eine Reihe von gutbesuchten Konzerten legte für ben wachsenben Ruf bes Vereins Zeugnis ab. Enbe 1923 legte Heinrich Blaß ber schwierigen Verkehrsverhältnisse halber den Dirigentenstab nieber. An seine Stelle trat Wilhelm Schüttler, unter besten Leitung bie Mitglieberzahl bas britle Hunbert er- reicht hat. Im bunten Kranz ber bie Musik pflegenben Gießener Vereine bürsen bie Korporationen nicht unerwähnt bleiben, bie sich bie Pflege geift- kicher Musik zur Aufgabe gestellt haben. An erster Stelle sei babei bes 1879 von Pfarrer Dr. Haupt unb Pfarrer Schlosser gegrünbete Evange - lische Kirchengesangverein genannt, der satzungsgemäß seine Mitglieder mit hervorragenden Werken der Kirchenmusik bekannt machen, durch deren Aufführung die Freude am . Kirchengesang wecken, den evangelischen Gemeindegesang heben unb ben Gottesbienst schmücken soll. Dieser Ausgabe ist er seit balb fünfzig Jahren treulich nachgekommen. Zunächst burch Mitwirkung in ben ©ottesbienften, so- bann in befonberen Aufführungen, beren er alljährlich immer mehrere veranstaltete. Dabei hat er besonbers bie Bachschcn Kantaten unb Motetten gepflegt, ebenso bie Schützschen Passionen unb andere derartige Werke. Die Ausführungen waren von 2(n= fang an grundsätzlich unentgeltlich, weshalb eine Mitwirkung zu wohltätigen Zwecken ausgeschlossen war. In der ersten Zeit dirigierte Dr. Haupt. Ihm folgte 1880—1887 Kantor Steiner, der auch die 1885 gegründete Knabenchorschule leitete. Kurze Zeit dirigierte der Lehramtsreferendar Dr. Karl Waith e r, ein Sohn der bekannten musikalischen Familie Walther. 1888 wurde Dr. Hans Haym aus SjaUe berufen, nach dessen Weggang Dr. S t o l ( b r o o E aus Mecklenburg. Dann folgte eine Zeit ruhiger, schöner Entwicklung unter ber Leitung von Lehrer Otto G ö r l a ch. Als biefer aus Gesunbheitsruck- sichten 1899 zurücktreten mußte, war es eine überaus glückliche Fügung, baß Prof. Gustav Traut- m a n n sich bereit finben ließ, bie Leitung bes Vereins zu übernehmen. Seit 25 Jahren führt er biefes Amt in gerabezu oorbilblicher Weise. Der Verein hatte sich schon sehr balb auch bie Ausgabe gestellt, bas kirchliche Musikleben in ber Provinz zu pflegen. Er veranstaltete zu bem Zweck Aufführungen hin Seite 36 Giehener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Fünftes Blatt A ii E-W R® UU Nidda, Partie an der tJHbba, zu belassen, nicht mehr vor. Schlägereien zwischen Soldaten, besonders Unteroffizieren, und Studenten, sowie ein Auszug dieser aus die benachbarten Ortschaften wurden 1821 die Veranlassung, das Regiment nach Worms zu verlegen, zur großen Trauer für Regiment wie Bürger. Es blieb nur ein schwaches Wachtkommando in dem späteren Lazarett am Seltersweg. Es stellte eine Wache im Kriminalgericht (jetzt Hauptzollamt) und unterstützte bei Bedarf die Polizei. So sah der Verfasser es eine große an der i Lohnbrücke lagernde Zigeunerbande durch fein Er- scheinen zum Abzug bringen. Als 1866 die preu- ^ßische Division Beyer, von Wetzlar her, durch Gießen nach Marburg rückte, wich das Wachtkommando rechtzeitig in die Lindener Mark aus. Nach dem Kriege von 1866 kam dann das erste Jägerbataillon (III/115) nach Gießen, auf das freudigste von der ganzen Einwohnerschaft begrüßt. Als Kaserne wurde das schon erwähnte Zeughaus, bisher als Lagerraum vermietet, umgebaut. Am 21. 9.1868 wurde das Jägerbataillon durch das Infanterieregiment 116 ersetzt. Dieses zählte damals 2 Bataillone; außer dem in Gießen errichteten leichten Jnfanterie- bataillon (1. Bataillon), das aus dem 1741 gegründeten Pirmasenser Leibgrenadierregiment entstandene 2. Bataillon (1.6.1803), sowie dem 1813 errichteten Regimentsstab. Zur Unterbringung wurde das frühere Zeughaus weiter ausgebaut. Etwa 350 Mann kamen in Bürgerquartiere. Sie wurden gern von Nidda, Mühle und Iohanniterturm. artiges, nichts, was nicht auch andere Städte gleicher Gröhe und mit ähnlichen Verhältnissen hätten. Und doch ist dies Streben und Arbeiten um idealer Werte willen in unseren Konzert und Gesangvereinen ein Stück Heimatgeschichte, das nicht nur für den Beteiligten von Interesse, sondern für die Allgemeinheit, für Volk und Staat, als ein Element des Aufbaus, des sozialen Ausgleichs von größter Bedeutung ist. Vaterländisch im besten Sinne ist das Wirken unserer Gesangvereine, wenn sie mit der Pflege des deutschen Liedes wie bisher so auch weiterhin ihren Mitgliedern die Liebe zu Heimat und Volk in die Herzen senken. Das wollen Regiment 117) wieder Gießen als Garnison. Die spätere Klinik in der Liebigstraße wurde als Kaserne erbaut. Nachdem Gießen aufbehört hatte, Festung zu fein, lag eine Notwendigkeit, in Gießen Militär Umrissen zu zeichnen versuchten, ergibt nichts Eigen- . nien besetzt. Den vorbeimarschierenden verbündeten Gießen als Garnison. Von Generalleutnant a. D. K l i n g e l h ö f f e r. Der zur Verfügung gestellte Raum läßt leider bloß einen Ueberblick zu. Man möge das Gebotene nur als einen Anhalt betrachten, in den man das Gelesene, Gehörte und Erlebte einpassen kann. Wir beginnen auch mit dem Jahre 1750. Gießen war damals Festung. In Garnison stand 1750 das Kreisregiment „Prinz Georg Wilhelm". Es war 623 Mann stark und umfaßte eine Grenadierkain- paanie, vier Musketierkompagnien und zwei Geschütze. Im „Giesser Wochenblatt auf das Jahr 1750" wird berichtet, daß der durchlauchtigste Prinz Georg Wilhelm am 27. Januar das Regiment in "Augenschein genommen habe, und daß ihm abends von den Studenten ein Fackelzug gebracht wurde. Im 7jährigen Krieg trat das Regiment zur Reichsarmee. Gießen blieb mit einigen aus dem Landesaufgebot entnommenen Garnifonkoinpag- nicht mehr vor. Die allgemeine Wehrpflicht und der Einjährig-Freiwillige ergaben die vermittelnde Brücke. Die Beziehungen zur Bürgerschaft waren immer die besten. Dies trat beim Ausmarsch 1870, mährend des Krieges 1870/71 und bei der Rückkehr besonders deutlich hervor. Zahlreich waren die Liebesgaben während des Feldzuges. Beim Einmarsch war die Stadt aufs reichste geschmückt, am Selterstor erfolgte die Begrüßung durch den Bürgermeister, jeder Mann erhielt eine Geldgabe, dem Offizierkorps gab die Stadt ein Essen. Abends erstrahlten die engen Straßen in einem Lichtmeer. Auf den Feldzug konnte das Regiment mit Befriedigung zurückblicken. Wie in allen früheren Kriegen, hatte cs sich durch Tapferkeit und Manneszucht bewährt. Schöne Erinnerungen für alle Teilnehmer, geadelt durch den Gedanken, an der Gründung des Deutschen Reiches mitgewirkt zu Haden. Dies trifft auch für das in Gießen zurückgebliebene Ersatzbataillon zu, das in entsagungsvoller Arbeit dafür gesorgt hatte, daß es dem Regiment im Felde an nichts fehlte. Das Regiment bestand damals als einziges der Armee aus nur zwei Bataillonen. 1881 wurde das 3. Bataillon errichtet. Jedes der vier hessischen Regimenter gab dazu eine Kompagnie ab und errichtete Franzosen war 1757 die geforderte Uebergabe verweigert worden. 1758—1762 mußte aber die Festung doch französische Truppen aufnehmen, eine schwere Belastung. 1790 wurde aus Abgaben des Kreisregiments und eingezogenen Rekruten ein „leichtes Jnfanterie- bataillon" neu errichtet, nach mancherlei Umbenennungen von 1813 ab das 1. Bataillon des späteren Regiments 116. Gießen blieb seine Garnison, und damit begannen die regen Beziehungen, die bis zur Beendigung des Weltkrieges die Stadt Gießen mit dem Regiment 116 verbanden. Kasernen gab es damals nicht. Die Mannschaften — einschl. der Verheirateten — lagen in der Stadt bei den Bürgern. Es war dies eine Last, welche die Garnisonstädte zu tragen hatten. Brot wurde geliefert und darauf gehalten, daß sich die Soldaten zu einer gemeinschaftlichen Menage zusammenschlossen. Das 1585 erbaute Zeughaus diente nur zur Unterbringung von Kriegsgerät. Im Seitenbau war ein Laboratorium für Geschütz- und Gewehrmunition. — Zunächst blieb das leichte Jnfanteriebataillon nicht lange in Gießen. Nachdem es gegen die Franzosen 1792—1793 den Feldzug am Main und Rhein, 1793—1795 in den Niederlanden mitgemacht hatte, wurde es nach Darmstadt verlegt. Im Krieg gegen die französischen Reoolutions- armeen war Gießen zunächst von preußischen Truppen besetzt. Von 1796—1799 kam es aber mehrfach in französischen Besitz und hatte auch unter den um Gießen herum ftattfinbenben Kämpfen sowie burch Beschießung zu (eiben. 1805 mürben bie allmählich veralteten Festungswerke geschleift. 1806 befreite Marschall Augereau bie Stabt, ber er, ebenso wie ber zum Gießener Ehrenboktor ernannte Marschall Bernabotte, sehr gewogen war, mit Rücksicht auf bie Universität, von Einquartierungen. 1813, als sich Hessen vom Rhein- bunb losgesagt hatte, würbe im November in Gießen ein „Freiwilliges Jägerkorps" aufgestellt, bas nach vierteljähriger Ausbilbungszeit ausrückte unb bis Lyon gelangte. Nach enbgültiger Nieber- roerfung Frankreichs bezog bas inzwischen „Regiment Lanbgraf" benannte Kreisregiment (nachmals ersten Jahren feines Bestehens mürbe bem Verein burch finanzielle Unterstützung einzelner gutsituierter Mitglieber bie Veranstaltung von Volks- konzerten, darunter Wiederholungen von Konzerten des hiesigen Konzertvereins speziell für Minderbemittelte gegen ganz geringes Eintrittsgeld möglich gemacht. Durch weitgehende Unterstützung hiesiger und auswärtiger Künstler konnte der Verein in jedem Winter seinen Mitgliedern und Freunden gediegene musikalische Aufführungen zugänglich machen. Auch der Pflege des Gesangs hat der Verein von jeher seine Aufmerksamkeit geschenkt. Er besitzt seit Jahrzehnten eine Gesangsabteilung, die durch ihre Darbietungen nicht nur die geselligen Veranstaltungen des Vereins verschönt, sondern auch bei geistlichen Musikaufführungen, Volksliederabenden ufro. dem Verein wertvolle Unterstützung bietet. Die Geschichte der Musikpflege in Gießen während des letzten Jahrhunderts, wie mir sie eben, auf das Ouellenmaterial der Vereine gestützt, in groben wärmsten Anteil, betätigt durch Ausschmückung ber Stadt unb jubelnbe Begrüßung. Das Regiment erhielt nun bie Benennung „Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großherzogl. Hessisches) Nr. 116" unb bas W II auf ben Achselklappen. Eine vorüber- gehenbe Vermehrung erhielt von 1893—97 bas Regiment burch ein viertes Bataillon zu zwei Kompagnien. Für bieses würbe die „Städtische Kaserne" erbaut. Zunächst dem Wald entstand dann für die neuerrichtete Maschinengewehrkompagnie noch eine weitere Kaserne. Das Offizierskasino in der Zeughauskaserne wurde erweitert, yur inneren Ausstattung gaben ber Kaiser, die Stabt unb Gönner des Regiments erhebliche Beiträge und Geschenke. 1913 vereinte eine große Erinnerungsfeier bas Regiment mit feinen alten Angehörigen, ein Fest, an bem, wie immer, Seine Königliche Hoheit ber Großherzog Ernst ßubroig, Provinz unb Stabt wärmsten Anteil nahmen. Inzwischen hatte französische Revanchesucht, englischer Hanbelsneib unb russisches Machtstreben fast bie ganze Welt gegen uns geeinigt. Im letzten Augenblick schien es zwar einer Depesche des Kaisers an ben Zaren zu gelingen, bie russische Gesamtmobilmachung rückgängig zu machen unb bamit ben Ausbruch bes Krieges zu verhinbern, boch ließ sich ber schwache Zar roieber umstimmen. So zog bas Regiment 116 am 7. August 1914 abenbs in ben Weltkrieg. Die Kasernen füllten sich sofort roieber mit wir neben ben rein künstlerischen Leistungen gewiß nicht gering anschlagen unb in ber heutigen Zeit ber Zerklüftung unb des hemmungslosen Kampfes auf allen Gebieten des politischen, wirtschaftlichen unb geistigen Lebens desonbers bankbar anerkennen. Die Musik als einende, menschenverbinbende Macht Hal hier ihre treuesten Söhne, bas Reich ber Harmonie seine besten Sachwalter. bafür eine anbere. Zur Unterbringung mürben gemietet: für bie 9. Kompagnie bas frühere Hofgericht am Branb, für bie 10. Kompagnie bas alte Schloß nm Kanzleiberg, für bie 11. Kompagnie bas alte Lazarett am Seltersroeg, für bie 12. Kompagnie bas Univerfitätsreitfdjulgebäube; boch tarnen in biefe nur kleine Teile unb bie Montierungskammern sowie Küchen. Die übrigen tarnen auch biesmal roieber in Bürgerquartiere. Der Exerzierplatz auf bem Trieb würbe erweitert, zu ben vier alten Schießstänben fünf neue im stäbtifchen Wcllbe südlich ber Bahn nach Fulba angelegt. Ersatzreserveübungen ergaben bann noch zeitweise von 1881 ab eine weitere Garnisonvermehrung. Der getrennten Unterbringung mit ihren mannigfachen Unzuträglichkeiten würbe durch ben Bau von Kasernen für zwei Bataillone am Trieb ein Ende gemacht. Regimentsstab, 1. unb Füsilierbataillon bezogen biefe 1887, währenb bas 2. Bataillon in ber Zeughauskaserne verblieb. Zu den Besichtigungen tarnen jahraus jahrein die hohen Vorgesetzten, 1883 als Armeeinspetteur der Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser Friedrich, und der greife Kaiser Wilhelm I. Als der Kaiser Wilhelm II. 1891 bie ihm von bem Großherzog angetragene Chefstelle bes Regiments angenommen hatte, kam Wilhelm II. mehrfach nach Gießen, so 1906, 1907, 1910, 1913. An ber Frcube bes Regiments nahm die Bürgerschaft stets den sich freiwillig meldenden Bürgern aufgenommen, da die Stabt zu bem Servis einen Zuschuß zahlte. Reibereien zwischen Militär unb Stubenten tarnen unb her in ben Städten ber Provinz. Seit 1911 sammelt er bie Vereine bes Detanats Gießen zu einem jährlichen Gesangsfest. Die Zahl der Mitglieber bes Vereins ist sehr roechselnb, zwischen 60 unb 80. Der Evangelische Kirchengesangverein Deutschlanbs vereinigte, nach ben letzten zugänglichen Berichten, etwa 500 Vereine mit etwa 40 000 aktiven Mitgliebern, der hessische Kirchengesangverein 220 Ortsoereine mit 4500 aktiven Mitgliedern unb 9 Chvrschulen. Die Not bes Krieges unb ber Nachkriegszeit hat ber Verein, glücklich überftanben. Dank ber Treue seines Dirigenten unb feiner Mitglieder konnte er mit kurzer Unterbrechung feinen Dienst für bie Gemeinbe tun. Außer bem Evang. Kirchengesangverein roibmet sich auch ber Evangelische Arbeiteroer- e i n feit Jahrzehnten ber Pflege vornehmlich geistlicher unb volkstümlicher Musik burch Veranstaltung von Orchesterkonzerten, Kammermusikabenben, geistlichen Musikaufführungen. Volkslieberabenben neben seinen sonstigen sozialen Aufgaben. In ben Rheinheimat. Von Karl Neurath. > Den Fuß auf der Scholle, Das Herz im All Es schien mir immer eine grobe Anmaßung, wenn junge Leute, bie eben ihre Nase in bas Leben unb bie Literatur gesteckt hatten, ihre Lebenserinnerungen erzählen, um sich unb ihr Werk mit einem artigen Glorienschein zu umgeben. Im Grunb ist es ja so gleichgültig, was einer erlebt hat, wenn er nur etwas baraus zu machen versteht. Trotz- bem finb bie ersten Erlebnisse wohl immer bie ent- scheibenben, unb wie bem einen seine Heide ober fein Meer, so.ist mir ber Rhein im tiefsten Herzen verbunden. Er leuchtet um meine Jugend wie lohende Sonne über geballten Gewitterwolken; in meine ersten Nächte rauschten seine Wasser ihr Lied, meine ersten Schritte gingen über einen Boden, ber Zoll um Zoll mit bem Blut meiner mütterlichen Ahnen getränkt ist, über bie traulich engen Gassen von Mainz, ber vom Hauch ber Geschichte seltsam umflossenen, herrlich begipfelten Stabt. Breit unb ruhig wallt ber Strom vorüber, ber uns immer viel mehr gewesen ist als nur ein großer, nur ein romantischer Fluß. Er war unser Freund, unser alles, unb wenn bie Mutter noch so sehr bangte, wenn ber Vater noch so bitter schalt, wir fliegen boch immer roieber in seine Flut, fuhren im engen Kahn heimlich burch seine Weiben- gestrüppe, tummelten uns an ben Kribben, um Fische zu fangen ober rotbäudjige Salamanber. Allmählich würbe bie Geschichte lebenbig. Die stummen Mauern rebeten, bie allen Kirchen, bie geheimnisvollen Klöster, bie mich trotz meiner protestantischen Erziehung immer besonbers fesselten. Es ist heiliger Boben hier am Rhein unb beshalb ist ein Grünen unb Blühen, ein Wachsen unb Gedeihen ohn' Ende. Ein Land voll Licht und Freude, das von der Hügelkette bes sanften Taunus rounber» fam umrahmt wirb. Er ist meine zweite Heimat. Kein Weg, kein schmaler Steg ist mir hier unbekannt, benn an feinem Fuß, in Wiesbaben, habe ich meine ganze Jugenb verlebt. Nicht vom erften Schritt, aber vom ersten Buchstaben an habe ich bort gelebt, f)abe ich meine erste Sehnsucht ins Leben getragen, berroeil mein armes Hirn in ben listigen Maschen ber lateinischen Grammatik verstrickt war unb mein unaebulbiger Geist an ben kalten Formeln einer gleichgültigen Mathematik argherzig zerschunben würbe. Aber bie Jugenb blieb boch sieghaft trotz Schule unb trotz Lehrern, unb bie Stabt ist mir teuer geblieben bis auf biefen Tag. Sie ist ganz anbers als Mainz. Keine Spur von Geschichte umweht sie. Jebes Zeichen bavon haben kurzsichtige Stabtoäter um bie Mite bes vorigen Jahrhunberts restlos vertilgen lassen. Viel Anmutiges unb Schönes ist biefer Wut zum Opfer gefallen; bie stille Vornehmheit würbe von dem wüsten Geschmack der Gründerzeit unterdrückt; aber das Wettbad entstand damals, eine ganz neue, völlig umgebaute Stabt, bie kaum in verborgensten Vierteln ein paar alte Häuslein bewahrt hatte, bicht hinter bem Schloß, bem Mittelpunkt prunkvoller Kaisertage. Die fürstlichen Besuche, bie Wiesbabens Größe schufen, waren ber wenigen Lichtblicke einer in grausam engherziger Schulzeit. Unb bie Mädchen . . . Blanke Augen, kokette Sippen, glatte Stirnen, von blonbem, braunem, schwarzem (Beträufel lotfenb umranbet . . . Mägblein, bie schnippisch lächelten unterm kecken Hutrand und doch voll waren von herber Süße; die mit Gekicher durch die Tage huschten wie bunte Schmetterlinge unter ber Sonne. Es ist ein besinnlich wehes Wanbern auf ben Wegen ber Jugenb, unb boch unenbliche Freube, benn bie glänzende Stabt ist schön. Das Schönste unb Herrlichste baran, baß ber Rhein fast an ihren Mauern strömt, bie geruhsamen Wälber bis tief in bie Stabt kommen, ber Wein schon zwischen ihren letzten Häusern himmelan wächst unb golbige Trauben in ebler Sonne zur Reife glühen. Man braucht kein frommer Mann zu jein, um anbädjtig zu werben unb sich in Demut zu neigen vor ben geistlichen Herren bes Klosters Eberbach, bie vor taufenb Jahren bie ersten Reben am rechten Ufer bes Stromes pflanzten. Schwer war bas Werk unb kümmerlich für bie zehn Mönche, bie auf ihres Abtes Geheiß bie Wilbnis robeten, Ginster unb Schlehe vertrieben, Wacholber unb Brombeerhecken verbrannten, den wilden Thymian und ben roten Fingerhut, bie in unverbroffener Arbeit harte Felsen brachen unb verwitterte Bäume schlugen. Urroalb war hier unb Sumpf, Heibe unb Debeinfamfeit. Nur bas Wilb fanb einen Weg; ber Auerochse, ber Elch, ber Eber. Unb ein Eber war es, ber ber Sage nach Bernharb von Clairvaux zu bem Bach leitete, als er schmachtenb im roilben Forst rastete. Eine Stimme vom Himmel wies ihn an, ein Kloster zu bauen noch bem Risse, ben ein Eber am Bach aufgewühlt hatte. Der fromme Abt gehorchte ber Stimme, bie wirklich eine Stimme bes Himmels gewesen fein muß, benn es gebecht kein himmlischerer Wein auf Erben als ber am Steinberg. Es geht bas Gerücht, baß keiner ber Mönche ein Brevier, aber jeher einen Stopfenzieher in feiner Tasche gehabt habe, aber bas ist nur loses Gerebe; einer hatte immer bas Brevier zu bewahren, bamit es zur Hanb wäre, wenn es Not hätte, wie bazu- mal, als ber Bischof unvermutet herüberkam. Das war ein Schreck für bie Brüber, aber mehr noch für seine kurfürstlichen ©naben, benn er mußte gewahren, bah jeber Bruber ein ganzes Oxhoft Wein für sich beanspruchen bürste, weil er selbst ben Zehnten bes Ertrags bewilligt hatte, ihren Eijer zu förbern. Der aber war so groß, baß sie Gewann um Gewann gerobet unb ben Ertrag ungeheuerlich gemehrt hatten. Heute finb keine frommen Mönche mehr im Kloster, aber zu guten Zeiten kann man bort noch einen köstlichen Umtrunk halten in ben allen Gewölben, von beren Erker man weit hinaus in bas Lanb schaut, stromauf, stromab, vom vielgetürmten Mainz bis zum steilen Nieberwalb unb zum Scharlachberg, ja bis zur blauen Harbt und zum fernen Wasgau. Es ist ein Stück Land, bas ber Himmel sicht- barlich gesegnet hat, unb wenn mich einmal bie Geschichte gelockt hat, wenn ich in biesem ober jenem Drama außer Lanbes gegangen bin, immer roieber kehre ich boch zu meinem heimatlichen Strom zurück, bem ich mich zu innerft verbunben fühle, obwohl meine Väter aus ben oberhessischen Wölbern stammen. Er war ja bas große Wunber meiner Kinbheit unb betört mich in jeber Gestalt. Im Winter, wenn sein graues Wasser bie blanken Eisrubel treibt, unb weiße Möoen schreienb über bie krachenben Schollen streichen; im Frühjahr, wenn er mit braufenbem Hochwasser lehmgelb bahersährt, im Herbst, wenn bie Nebel ihn versilbern unb an seinen Ufern ber Segen bes Jahres mit emsigem Jubel hereingeholt wird; vor allem aber im Sommer, wenn feine Fluten grüngolden funkeln, der Taunus mit feinen dunklen Bergwäldern vor bem sattblauen Himmel steht unb bas Biebricher Schloß — licht unb zierlich in Maß unb Form — unter moosgrünen Ulmen und wuchtigen Kastanien wie ein Juwel in der südlich warmen Sonne blitzt. Mitten im Park bes Schlosses, zwischen blauem Flieber unb weißem Holunber ein klarer Teich mit schwarzen Schwänen vor einem einsamen Gemäuer: bie Moosburg. Ein abenteuerliches, geheimnisvolles Versteck bem Knaben, ber nach Märchen lüstern war . . bie Insel ber Seligen, wenn man mit „ihr" winters über bas glatte Eis flog- Ich drohe, mich selbst Lügen zu strafen. Man soll eben keine Srinnnerungen nieberschreiben, wenn man noch nicht bie Reife bazu hat. Ob ich bie aber je haben werbe? Manchmal scheint es mir sehr zweifelhaft, aber vielleicht ist bas bes Lebens größte Gnade: immer in Blüte zu stehen unb erst im Tob reif zu werben. 3 NwW 19 ^bracht S?8 DQn rQt das L« ‘k ’ m,t einiqe9nmnen| M inen @'av °"r dein IN. : durch Ausschmückung der grüßmig. Las Regime/i/ eng ,Lnsanterie>S!egnncnt erzogl. Hessisches) Rr.M" tfeltlappen. Eine vorüber« t von 1893—97 das Regi- taillon zu zwei Kompag- die „Städtische Kaserne" ib entstand dann für die )ehr!omvagme noch eine izier-tchnv 'm der Zentz- ritert. M inneren Aus« :r, die Stadt und Elinnr e Beiträge und Geschenk Erinnerungsseier das Re- Angehörigen, ein Feit, an ne Königliche Hoheit^ der wig, Provinz und vtadl n. izösische Revanchesucht, eng- ?u'ssi,ches Machtstrebens - eintt Depesche des Kaiers 1, die russische Sesamtmob^ nachen und d°M' den hn* l eh lo) ne« Mwald unb R 6** „Sjarbl unb i» f"g . v., der Hiinmel sich)' rrKrr ■**tfSw* S' US den fffir meiner Qla59r°Se^NfllL 5m üd)'nn e blanten 9» es W°sser ° j d über die Moorn schrZ.hr wenn -ichen: ',^2 aheri°hl<- wasi-l l-2 ern und an edel >hn ? UDmil enrs'g-n' 1 des aber rdl vor funteln, jluten 6r5rg^älbern cor dunsten » Ajebricher ZM S$Ög Mder e'^einson'en ® , "{in'**1*'-«* ’* „„ *» &-'s ! r feilte JIhHer. Fünftes Blatt ________________ einberusenem Ersatz und begeisterten Kriegsfreiwilligen, welche nach kurzer Ausbildung im Ersatzbataillon die in blutigen Kämpfen entstandenen Lücken füllten und zur Aufstellung einer ganzen Reihe Truppenteile verwendet wurden (R. 116, L. 116, 222, 254, 186, 148 und Ersatzbataillone). Der zur Verfügung stehende Raum verbietet, auf die Taten einzugehen. Der „Gießener Anzeiger" vom 17. und 23. Dezember 1918 brachte Zusammenstellungen über das Jnf.-Regt. 116 und das Landwehrregiment 116. Ueberall zeigten sich die Deutschen ihren Gegnern überlegen. Wäre nicht die Heimat durch Entbehrungen und Verhetzungen zermürbt worden, hätte sich dies nach den großen Angriffs- erfolgen im Jahre 1918 nicht auf einzelne Teile des Feldheeres übertragen, so bestand für uns die berechtigte Hoffnung, als Sieger aus dem Weltkrieg hervorzugehen. Wir erlagen schließlich dem durch das Vertrauen auf seine Uebermncht sich stets wieder aufrichtcnden Feind. Die Revolution führte zum Zusammenbruch. Herrlich zeigte sich dann noch der treffliche militärische Geist, der in fast allen Truppenteilen steckte. Wir selbst sahen, wie stolz das Regiment 116 und das Landwehrregiment 116 in Gießen einrückten, mjt offenen Armen von der Einwohnerschaft empfangen. Mußten auch die Regimenter aufgelöst werden, die Liebe zum alten Regiment, in dem deren Angehörige so unendlich Schweres durchgemacht, aber auch so Unübertreffliches geleistet hatten, ist geblieben. Das beweisen die drei Regimentstage in Gießen mit der Denkmalseinweihung für die unvergeßlichen tapferen Gefallenen. Gießen als Garnisonstadt hat für das Regiment 116 einen Ersatz erhalten, der bereits Gelegenheit hatte, sich zu bewähren, indem er, besonders in Sachsen lind Thüringen, die sehr schwer gestörte Ordnung Herstellen half. Die Truppenteile, aus denen die jetzige Garnison heranwuchs, waren: Hessisches Freikorps, das aus diesem heroorgegangene 1. Bataillon Reichswehr-Jnf.-Regts. Nr. 36, nach Um- formierung 3. Bataillon Reichswehr-Schützen-Regiments Nr. 22 und schließlich nach Bildung des 100 000-Mann-Heeres vom 1. Januar 1921 ab das 1. (hessische) Bataillon 15. Infanterie-Regiments. Jeder seiner vier Kompagnien wurde die Aufrechterhaltung der Tradition je eines der hessischen Jnfanterieregimenter 115—118 übertragen, die des Regiments 116 der 2. Kompagnie. Außerdem blieb der Regimentsstab hier, bis er im Frühjahr dieses Jahres nach Kassel, dem Mittelpunkt seiner Bataillonsgarnisonen, verlegt wurde. 57 Jahre hatte er in Gießen gestanden. Sein Kommandeur hatte stets die engsten Beziehungen zu den Behörden, der Universität, der Stadt aufrechterhalten. Das Scheiden wurde allgemein aufs tiefste bedauert. Dabei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß jede Garnisonoerminderung das Erwerbsleben schädigt. Als Landeskommandant von Hessen wurde nun an Stelle des Regimentskommandeurs der Kommandeur des 1. Bataillons Inf.-Regts. Nr. 15 ernannt. — Mögen für Gießen bald die schönen Zeiten vor dem Weltkrieg wiedcrkehren! Die Landwirtschaft in Oberhefsen. Von Dr. Otto Wagner, Gießen, Geiieralsekretär des Landwirtschaftskammer- Ausschusses für Oberhessen. Die Gestaltung des landwirtschaftlichen Betriebs ist in erster Linie durch die natürlichen Pro- duktionsbedingungen, den Boden und die klimatischen Verhältnisse, bestimmt. In Oberhessen weisen diese große Verschiedenheiten auf. Der Landwirt in der gesegneten Wetterau wird seinen Betrieb anders einrichten können und zur Erzielung von Höchsterträgen auch einrichten müssen, wie der Landwirt im hohen Vogelsberg, der unter den ungünstigsten Verhältnissen sich durchringen muß. Die Natur schreibt dem Betriebsleiter vor, welchem Betriebszweig er seine größte Aufmerksamkeit widmen muß. Die Landwirte der W e t t e r a u haben demgemäß schon immer ihr Hauptaugenmerk auf den Ackerbau gerichtet, während der Vogelsberg, wo insbesondere wegen der ungünstigen klimatischen Verhältnisse hochgezüchtete und ertragreiche Kulturpflanzen nicht gedeihen, die Heimstätte der Viehzucht ist. Neben den natürlichen Produktionsbedingungen sind es vor allem die Verkehrs- und Absatzverhältnisse, die für die Einrichtung des landwirtschaftlichen Betriebs maßgebend sind. Hier sind die von der Natur schon (Siebener Anzeiger - begünstigten Landstriche Oberhessens ebenfalls besser gestellt, wie die von ihr vernachlässigten. Die Groß, stadt Frankfurt a. M., die Universitätsstadt Gießen und die Badestädte Nauheim und Homburg sind gute Abnehmer für landwirtschaftliche Erzeugnisse aller Art, insbesondere auch für Frischmilch, Gemüse, Frühkartoffeln usw., die einen weiten Transport nicht vertragen. Deswegen sind die landwirtschaftlichen Betriebe in der Nähe der Städte vornehmlich auf die Erzeugung dieser besonders wertvollen Nahrungsmittel eingestellt. Zuverlässige Angaben über die Betriebsgrößen und die Bodenbenutzung der Provinz finden wir in dem Bericht der Landwirtschaftskammer vom Jahre 1912, zusammengestellt auf Grund der Betriebszählung im Jahre 1907. Hinsichtlich der Betriebsgrößen weist die Provinz eine gesunde Mischung von Klein-, Mittelund Großbetrieb auf. Von 100 Hektar landwirtschaftlich benutzter Bodenfläche kamen auf die nachstehenden Größenklassen: Bis 5 Hektar 27,9, 5—20 Hektar 53,3, 20—100 Hektar 12,8, über 100 Hektar 6,0 Das gesamte Ackerland der Provinz betrug 122 889 Hektar, von denen auf die Kreise Gießen 24 822 Hektar, Alsfeld 20 329 Hektar, Büdingen 19 052 Hektar, Friedberg 32 555 Hektar, Lauterbach 14874 Hektar und Schotten 11259 Hektar entfielen. An Wiesen und Weiden waren 53 735 Hektar vorhanden. Die Wiesen verteilten sich auf die einzelnen Kreise wie folgt: Gießen 8123 Hektar, Alsfeld 11 656 Hektar, Büdingen 6350 Hektar, Friedberg 4165 Hektar, Lauterbach 11 807 Hektar und Schotten 11 634 Hektar. Auf 100 Hektar Gesamtfläche kommen in Oberhessen Kulturarten: Kreise Gießen. . Alsfeld. . Büdingen Friedberg. Lauterbach Schotten . Ackerland Äektar Gartenland Lektar Wiesen Lektar Weiden Lektar fovfnv. benutztes Land Lektar Sonstige Flachen Lektar 58,6 1,2 18,4 0,8 18,2 2,8 48,1 1,2 25,9 1,7 20,0 3,1 56,7 1,3 18,2 0,7 20,7 2,4 - 79,9 1,4 10,0 0,2 6,4 2,1 - 31,3 0,7 22,9 1,9 41,1 2,1 • 30,2 0,9 28,4 2,9 36,1 1,5 Diese Zahlen reden eine deutliche Sprache. Sie bestätigen uns das, was bereits oben gesagt ist. lieber f der Bodenfläche im Kreise Friedberg wird ackerbaulich benutzt, es folgen Gießen mit 58,6 Proz. Ackerland, Büdingen mit 56,7 Proz., Alsfeld mit 48,1 Proz. und zuletzt die Kreise Lauterbach und Schotten, denen, besonders in den Höhenlagen, Wald, Wiesen und Weiden ihr Gepräge verleihen. In der Vorkriegszeit ließen es die oberhessischen Landwirte an nichts sehlen, um die Bodenerträge auf das Höchste zu steigern. Es wurden Ernten erzielt, die in früheren Jahrzehnten niemand geahnt hätte. Die Feldbereinigung, die unerläßliche Vorbedingung für eine intensiv betriebene Landwirtschaft, verbunden mit Meliorationen aller Art, fand immer mehr Einführung, zweckmäßigere Maschinen und Geräte wurden beschafft, der Boden besser bearbeitet, ertragsfähigere Sorten wurden angebaut, und nicht zuletzt wurden durch die vermehrte und sachgemäßere Anwendung der künstlichen Düngemittel die Erträge auf das Höchstmaß gesteigert. Diese günstige Entwicklung wurde durch den Krieg unterbrochen. Greise, Frauen und Kinder bestellten die Felder, es mangelte an tierischen Arbeitskräften. Die Zwangswirtschaft, deren Einführung gewiß zu verstehen war, wirkte produktionsvermindernd. Stickstoff- und phosphorsäurehaltige Düngemittel fehlten in der Kriegszeit und den ersten Jahren der Nachkriegszeit. Es wurde Raubbau mit dem Boden getrieben, er verarmte an Nährstoffen. So konnte es nicht ausbleiben, daß die Erträge des Ackerlandes von Jahr zu Jahr zurückgingen. Erst in letzter Zeit war es dem Landwirt wieder möglich, seinen Boden in den Zustand zu setzen, daß man hohe Erträge von ihm erwarten konnte. Wir haben, wie bekannt, in diesem Jahre eine Ernte zu verzeichnen, die an die Erträge der Vorkriegszeit heranreichen dürfte. Die Felder erhalten wieder Dolldüngung, zahlreiche von der Landwirtschaftskammer und den Landwirtschaftsämtern in der ganzen Provinz durchgeführte Sortenanbauoers uche unterweisen den Landwirt, welche Sorte der verschiedenen Kuluturpflanzen für seine Gegend die beste ist. Die landwirtschaftlichen Schulen, die in Oberhessen in der Nachkriegszeit um vier vermehrt und deren Lehrkräfte verstärkt wurden, sorgen dafür, daß Jubiläums-Ausgabe Seite 37 jedem Landwirt Gelegenheit gegeben ist, sich über die neuzeitlichen Lehren der Landwirtschaftswissenschaft zu unterrichten. Von der Landwirtschafts, kammer veranstaltete größere und kleinere Vortrag s k u r s e und die vielen Vorträge, die diese in dem ganzen Land halten läßt, verfolgen das gleiche Ziel. Die Maschinenindustrie hat weitergearbeitet an der Verbesserung d e r landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte. Mit der Einführung des Motors in der Landwirtschaft ist noch eine bessere Bodenbearbeitung gewährleistet, als sie früher durch die tierischen Arbeitskräfte verrichtet werden konnte. So ist die feste Hoffnung begründet, daß die Erträge der Vorkriegszeit nicht nur bald wieder eingeholt, sondern vielleicht noch überholt werden. Mit den Wiesen und Weiden verhielt es sich ähnlich wie mit dem Ackerland. Hier wirkte vor allem das Fehlen der bereits in der Vorkriegszeit in reichem Maße zur Anwendung gekommenen Düngemittel in der Kriegs- und Nachkriegszeit ertragmindernd. Auch hier hat wieder eine intensive Düngung eingesetzt. Trotzdem liegt noch vieles auf dem Gebiete des Wiesen- und Weidebaues im Argen. Wiesen und Weiden werden auch heute noch vielfach als Stiefkinder der Landwirtschaft behandelt. Deswegen ist es mit Genugtuung zu begrüßen, daß der ins Leben gerufene Grünlandverein in Hessen in engstem Zusammenarbeiten mit den zuständigen Behörden sich der Verbesserung der Wiesen und Weiden in besonderem Maße annimmt. Die Erfolge werden nicht ausbleiben. Die Pferdezucht der Provinz stand bei Kriegsausbruch in großer Blüte. Die Züchtung eines mittelschweren Belgiers war das gemeinsame Zuchtziel fast aller oberhessischer Pferdezüchter, so daß damals die Absicht bestand, nur die Zucht des belgischen Pferdes als einzige anerkannte Zuchtrichtung in der Provinz einzuführen. In der Kriegszeit hat sich die Landwirtschaftskammer die größte Mühe gegeben, für die von der Heeresverwaltung bei der Mobilmachung und im Laufe des Krieges beschlagnahmten Pferde Ersatz au schaffen. Ein vollwertiger und ausreichender Ersatz der vielen wertvollen Pferde, die der Provinz verloren gingen, konnte es nicht sein. Die Demobilmachung brachte wohl sehr viel Pferde nach Oberhessen, mehr, als es gut war. Ein Durcheinander aller möglichen Pferderassen, von den verschiedensten Kriegsschauplätzen stammend, überflutete die Provinz. Heute können wir bereits eine erfreuliche Besserung in der Pferdezucht beobachten. Der Handel hat die oberhessische Landwirtschaft wieder mit wertvollen Zuchtpferden versorgt und wie vor dem Kriege sehen mir auch heute, daß sich das belgische Pferd durchsetzt und die andersrassigen Pferde verdrängt. Auch mit der Rind Viehzucht ging es in der Vorkriegszeit bergauf. Regierung und die mit der Förderung der Tierzucht beauftragten Körperschaften wiesen der noch in den 80er Jahren gänzlich verfahrenen Rindviehzucht in Oberhessen die Wege, die zum Erfolg führten. Dem Durcheinander der verschiedenartigsten in den früheren Jahrzehnten gehaltenen Viehrassen wurde durch einheitliche Zuchtziele gesteuert, die für die Viehzucht der Provinz ausgestellt wurden. Vor Kriegsausbruch lagen die Verhältnisse auf dem Gebiete der Rindviehhaltung in Oberhessen etwa folgendermaßen: Die größeren Betriebe hatten fast allgemein A b m e l k w i r t s ch a f t, ebenso die bäuerlichen Betriebe in der Nähe von Frankfurt am Main. Sie kauften hochtragende oder frischmelkende Kühe der verschiedenen Niederungsrassen in den norddeutschen Zuchtgebieten an und behielten diese io lange, bis mit dem Abnehmen der Milchergiebigkeit eine weitere Haltung unrentabel wurde. Bei intensivster Fütterung waren die Kühe unterdessen fett geworden und wurden zum Schlachten verkauft. In den Gegenden, die von der Natur noch begünstigt sind, die aber zu weit von den Verbrauchsmittelpunkten für Milch liegen, hatte sich allgemein die Zucht des Simmentaler Rindes ausgebreitet. In den Höhenlagen verdrängte zum Schaden der Züchter das Simmentaler Rind das dort seither gehaltene Vogelsberger Vieh. Kein Zweig der Landwirtschaft hat unter dem Kriege so gelitten, wie die Rindviehzucht. Das Fehlen der ausländischen Kraftfuttermittel, auf deren Beifütterung unser hochgezüchtetes Vieh angewiesen war, die Zwangswirtschaft, welcher die Zukunft der Viehzucht, die Iungrinder geopfert werden mußten, nicht zuletzt auch die Knappheit an Raufutter schädigten die Viehbestände sowohl zahlenmäßig als auch besonders hinsichtlich ihrer Güte. Das Vieh | hat in Deutschlands schwerster Zeit noch mehr gehungert wie der Mensch. Zu allem legte nach Kriegsende der Feindbund Beschlag auf das wenige gute Vieh, das uns aus der Not des Krieges noch verblieben war. Nicht genug damit, auch die früher unter Aufwendung großer Mittel erreichte einheitliche Zucht- richtung ist durchbrochen. Als nämlich die oder- hessische Landwirtschaft bei besser werdenden Futter- Verhältnissen die Rindviehbestände wieder zu ergänzen suchte, war Höhenvieh kaum zu haben, wäh- rend Niederungsvieh in jeder gewünschten Menge und Qualität von dem Handel jederzeit geliefert werden konnte. Die im allgemeinen größere Milch- ergiebigfeit des Niederungsviehes, das im Gegensatz zu unserem Höhenvieh nur auf zwei Leistungen — Milch und Fleisch — gezüchtet ist, und die damaligen hohen Milchprcise waren außerdem für viele Landwirte bestimmend, der Zucht des Höhenviehes den Rücken zu kehren und Niederungsvieh einzustellen. Man wird es den Landwirten, die günstige Absatzgelegenheit für Milch haben, nicht verdenken können, wenn sie diesen Weg gingen. War doch die Einnahme aus der Milchwirtschaft für viele landwirtschaftliche Betriebe in dem vergangenen Wirtschaftsjahr mit seiner verregneten Ernte fast die einzige Einnahmequelle. Veranlaßt durch den Unterschied im Preis zwischen Nutz- und Schlachtvieh sind nun die größeren Güter meist dazu übergegangen, das für ihre Wirtschaft benötigte Nutzvieh selbst heranzuziehen. Sie haben die Vorbedingung für eine erfolgreiche Zucht des Niederungsviehes in der Anlage ausreichender Viehweiden geschaffen und werden es wohl auch erreichen, ein der Heimat in Leistung und Formen annähernd gleiches Rind zu züchten. Die bäuerlichen Halter des Niederungsviehes suchen das Beispiel der größeren Güter nachzuahmen, auch sie wollen Niederungsvieh züchten. Diese Zucht hat hier schlechte Aussichten, ihr muß der Erfolg versagt sein. Da der bäuerliche Betrieb in den meisten Fällen nicht in der Lage ist, Weiden anzulegen, werden die nachteiligen Folgen einseitiger Stallhaltung nicht ausbleiben. Das in seiner Heimat an den ständigen Aufenthalt im Freien gewöhnte Niederungsvieh wird unter diesen Verhältnissen in seiner Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten aller Art, insbesondere die Tuberkulose, nachlassen. Des- wegen wehrt sich die Landwirtschaftskammer, die für den Werdegang der Tierzucht mit verantwortlich rft, dagegen, die Zucht des Niederungsviehes anzuerkennen, trotz der Vorwürfe, die ihr gerade von landwirtschaftlicher Seite gemacht werden. Ein ähnlicher Stroit um die zu haltenden Vieh- rassen wurde in der Vorkriegszeit in den höheren Lagen der Provinz ausgefochten. Hier handelte es sich um die Einführung des Simmentaler Rindes in Gegenden, in welche diese Kulturrasse nicht hin- gehört. Auch hier widersetzte sich die. Landwirtschaftskammer und erfreulicherweise auch die anderen mit der Aufsicht der Tierzucht betrauten Stellen den unermüdlichen Anträgen zahlreicher Landwirte und Gemeinden im Vogelsberg auf Einführung des Simmentaler Rindes. Heute, wo die Landrassen wegen ihrer Genügsamkeit, ihrer Gefmidhcit und ihrer im Verhältnis zu ihren Ansprüchen und ihrem Körpergewicht großen Leistungsfähigkeit allgemein bevorzugt werden, sind die Landwirte im Vogelsberg dankbar dafür, daß man, seinerzeit ihren Wünschen nicht nachgekommen ist. Damit das Höhenvieh den Wettbewerb mit dem Niederungsvieh erfolgreich bestehen kann, ist es Aufgabe der Landwirtschaft5,kammer und der Züchteroereinigungen, den anerkannten Höhenrassen höhere Milchleistungen anzuzüchten. Milch- leiftungsprüfungen, die sich immer mehr emburgern, sind der beste Weg zur Erreichung dieses Zieles. Allgemein muß wieder eine bessere Aufzucht der Jungtiere, das A und O jeder erfolgreichen Züchtung, Platz greifen. Hier muß der Hebel an- gesetzt werden, wenn das Vogelsberger Rind schwerer werden und das Simmentaler Rind wieder das Gewicht der Vorkriegszeit erreichen soll, nicht durch tue von einzelnen Züchtern gewünschte Ein- fuhr von Zuchtvieh aus der Schweiz, deren Erfolg nach den vorliegenden Erfahrungen ja doch nur vorübergehend ist. Aus den harten Lehren d-s Krreges sollte man gelernt haben, daß eine Vieh- Zucht, die immer wieder auf die Einfuhr von Zucht- fieren aus dem Ausland angewiesen ist, keine Existenzberechtigung hat. Abgesehen von einigen Zuchten mit aus. gesprochenem Zuchtziel wie Hosgiill, Hof-Graß, Nonnenhos, Hof-Aulenhiebach, Hos-Wickstadt sowie GIESSENER STADTTHEATER \ Vielseitiger Spielplan, zahlreiche Neuheiten •> Befondere Berücksichtigung von Werken erster Autoren Gefamtfpielplan im Viertage=Abonnement, und zwar am Dienstag, Mittwoch, Freitag und Sonntag Hervorragendes ständiges Enfemble * Gaftfpiele des Opernhaus-Ensembles zu Frankfurt am Main Preife der Plätze: Volkspreise 30 Pfennig bis 3 Mark, Schauspielvorstellungen 50 Pfennig bis 4 Mark, Operettenvorstellungen 1 Mark bis 6 Mark, Opernvorstellungen 2 Mark bis 12 Mark über 800 Sitzplätze Mit allen neuzeitlichen Errungenschaften ausgeftattete Bühne <• Zentrale Lage inmitten der Stadt INTENDANT: HERMANN STEINGOETTER Spielzeit von Anfang Oktober bis Ende April Im Sommer Bad^Nauheimer Kurtheater, Gaftfpiele in Gießen Seite 38 Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Fünftes Blatt den Schweinezuchtvereinen Lang-Göns, Nieder- Weisel, Ober-Hörgern, Stangenrod, Lauterbach und anderen wird die Schweinezucht in der Provinz in der Hauptsache als Gebrauchszucht betrieben. Es wäre zu begrüßen, wenn die Schweinezucht, besonders in den höher gelegenen Kreisen Alsfeld, Lauterbach und Schotten einen größeren Umfang nehme, damit die Provinz nicht dauernd auf den Ankauf von Ferkeln aus nichthessischen Zuchlgebieten, die uns leider nur zu oft die gefürchtete Maul- und Klauenseuche mitbringen, angewiesen ist. Infolge der starken Vermehrung des «chweins hat sich die Schweinezucht sehr rasch von den bekannten Schädigungen der Kriegszeit wieder erholt. Auf dem Gebiete der Ziegenzucht ist Hessen und mit ihm die Provinz Oberhessen tn ganz Deutschland führend. Ein Kampf der Rassen blieb auf dem Gebiete der Ziegenzucht erspart, welchem Umstand in der Hauptsache der hohe Stand der Ziegenzucht in Oberhessen zu verdanken ist. Einziges Zuchtziel ist die Zucht der weißen Saanen - z i e g e. Die glänzenden Erfolge des Verbandes der oberhessischen Ziegenzuchtvereine auf den Ausstellungen der D. L. G. in Nürnberg und Hamburg beweisen am besten, daß dieser Zweig der Tierzucht auf einer besonders beachtenswerten Stufe ongelangt ist. Die Ziegenzucht hat im Kriege nicht gelitten, da das genügsame Tier nur geringe Mengen Futter, das zum großen Teil noch aus Abfällen der Wirtschaft besteht, verzehrt. Die S ch a f z u ch t, die in den letzten Jahrzehnten der Vorkriegszeit ständig zurllckging, hatte im Krieg und den ersten Jahren der Nachkriegszeit einen starken zahlenmäßigen Aufschwung zu verzeichnen. Die Zahl der in der Provinz gehaltenen Schafe verdoppelte sich fast gegenüber der Vorkriegszeit. Die beiden letzten Jahre haben der Schafzucht wieder außerordentlich zugesetzt. Der strenge und schneereiche Winter 1923/24 wies die Schafe zum Nachteil des übrigen Viehes fast völlig auf das in der Wirtschaft erzeugte Futter an, wodurch die Schafhaltung unrentabel wurde. Der nasse Sommer 1924, der insbesondere durch das Auftreten der Leberegelseuche zahlreiche Opfer unter den Schafen forderte, trug ebenfalls dazu bei, daß die Schafhaltung wieder stark zurückgegangen ist. Viele Gemeinden, die in der Zeit der Wollknappheit Herden angeschafft hatten, denen aber die erforderlichen Futterflächen fehlten, haben die Schafhaltung wieder aufgegeben. So ist die Schafhaltung wieder in ständigem Rückgang begriffen und es wird nicht lange dauern, bis sie nach vorübergehendem Anstieg wieder auf dem Stand der Vorkriegszeit angelangt ist. Die Geflügelzucht, die durch das Fehlen der Körnerfrucht und die Folgen der Zwangswirtschaft im Kriege stark zurückgegangen war, hat den Stand der Vorkriegszeit wieder eingeholt. Einige Zahlen über den Werdegang der gesamten Viehhaltung der Provinz in der Vorkriegszeit und nach Beendigung des Krieges, verglichen mit dem heutigen Stand dürften von Interesse sein. In der Prvoinz wurden gehalten: Jahr s. a ■ Rindvieh Schweine Ziegen Schafe Gcflllgel 1914 15838 1^6580 177111 36902 39700 590012 1918 15385 13^911 77984 37697 47536 388333 1922 22768 13?735 132680 39121 57814 519459 1924 24658 14M25 143308 42895 51977 589979 So sehen wir, wie die oberhessische Landwirtschaft auf allen Gebieten bemüht ist, die Schäden der KrieZszeit wieder wett zu machen. Aufgabe des Staates ist es, durch Gewährung von langfristigen Krediten, deren Zinsfuß nicht höher sein darf, wie cs die Rentabilität des landwirtschaftlichen Betriebes verträgt, die ihrer Betriebsmittel durch Inflation und Mißernte des Vorjahres beraubte oberhessische Landwirtschaft in Fluß zu halten und durch einen ausreichenden Schutzzoll sowie Herabsetzung der Steuern auf ein erträgliches Maß die Rentabilität der Landwirtschaft sicher zu stellen. Die Geschichte hat gelehrt, daß einst mächtige Staaten zugrunde gegangen sind, wenn sie die Landwirtschaft, die Grundlage des Staatswesens, zugrunde gehen ließen. Mögen die verantwortlichen Stellen und mit ihnen das gesamte deutsche Volk aus der Geschichte vergangener Völker die nötigen Lehren zieyen, an der Landwirtschaft wird es dann nicht fehlen. Unsere oberhessischen Landwirte werden ihrem schweren und verantwortungsvollen Beruf mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften Nachkommen und zu ihrem Teil dazu beitragen, daß unser verarmtes Vaterland wieder besseren Zeiten entgegengeführt wird. Der Wald unserer oberhessischen Heimat in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Line wirtschaftspolitische Betrachtung. Von Dr. Karl Weber, Konradsdorf. Wenn jemand die Frage nach den ältesten und größten Wäldern Oberhessens aufwerfen wollte, so müßte man ihn auf das Gebiet der Erdgeschichte verweisen. In der geologischen Periode, die man die „Tertiärzeit" nennt, in der gewaltige Lavamassen als Vulkane an den Bruchspalten der oberhessischen Tiefebene emporquollen und die nach Ansicht Sachverständiger etwa die Höhe des Aetna erreicht haben sollen, herrschte in unserem Gebiet tropisches Klima, das einen üppigen, mächtigen Pflanzenwuchs hervorbrachte. Unter gewaltigen Stürmen und Regengüssen mit elektrischen Entladungen wurde diese Pflanzenwelt in erdgeschichtlichen Zeiträumen zusammengeschwemmt und von Erdmassen oder auch Lavaströmen überdeckt. So entstanden rings um die Höhen der Vogelsbergvulkane große Braunkohlenlager, die aber durch Abspülung wieder vielfach abgetragen wurden und nur dort erhalten geblieben sind, wo Lavaströme oder starke Erdüberdeckungen sie gegen Abtragung schützten. Nach dieser tropischen Zeit traten große Veränderungen des Klimas ein und es begann die sogenannte „E i s z e i t", die in mehreren Perioden alle Pflanzen- und Lebewesen mit ungeheuren, aus dem Norden vorrückenden Gletschern überdeckte. Abermals wich diese Gletscherperiode der Wärme und Sonne. Mildere klimatische Verhältnisse ließen in der nun folgenden sogenannten Zwischeneiszeit den Menschen auf den Plan treten. Mit ihm hält auch die heutige Pflanzen- und Tierwelt Europas ihren Einzug in unsere Gebiete. In jener Zwischeneiszeit wird ganz Deutschland und auch die Höhen unseres Vogelsberges von gewaltigen Sandstürmen heimgesucht, die aus Norden und Westen wie feinkörniger Schnee das ganze Gebiet Mitteldeutschlands überdecken: oft durch Wind, wie jetzt die Schneewehen, meterhoch aufgeschichtet. Dieser feinkörnige Sand ist der Löß unserer oberhessischen Heimat, dem die Wetterau und die Südwestabdachung des Vogelsberges ihre Fruchtbarkeit im wesentlichen verdanken. Er ist nicht allein ein landwirtschaftlicher, sondern auch ein forstwirtschaftlich vortrefflicher Boden, wo er LW.PIank, Gießen, Neustadt Telephon 1426 Geschäftsgründung 1866 Manufaktur-, Weißwaren, Trikotagen Beste Bezugsquelle für Konsum-Vereine, Wiederverkäufer und Händler Anerkannt beste Qualitätsware nicht durch kohlensäurehaltige Wasser den Kalk verloren hat oder durch Schwemmung verhärtet und undurchlässig geworden ist. Selbst auf den höchsten Höhen des Vogelsberges finden sich noch Spuren von Löß und geben dem Basaltverwitterungsboden vollständig veränderte waldbauliche Eigenschaften. Vor kurzem wurde in der „Deutschen geologischen Gesellschaft" von einem hervorragenden Geologen über einen wichtigen prähistorischen Fund berichtet, der aus der Zwischeneiszeit stammt und von Sachverständigen als ein untrügliches Beweis für das Vorhandensein des Eiszeitmenschen angesehen wird. Auf einem Bergwerk der Gesellschaft Phönix bei Hörde wurde in etwa 2 Meter Tiefe ein Bohlenweg entdeckt, der aus 35 Zentimeter starken, der Länge nach aufgespalteten Eichen- stämmen herrührte. Da der Mensch damals nur Steinwerkzeuge kannte, muß dies als eine ungeheure Leistung bezeichnet werden, die für die hohe Intelligenz der Steinzeitmenschen spricht. Die Eichen hatten durchschnittlich eine Mittelstärke von 35 Zentimeter. Das Alter dieser Anlage wird auf 50 000 Jahre geschätzt, liegt also 40 000 Jahre vor der Errichtung der ägyptischen Pyramiden und 45 000 Jahre vor der Bronzezeit. Neben der Eiche werden in jenen Zeiten die frostharten Hölzer wie Aspe, Erle, Birke, Linde usw. als Hauptholzarten wohl allgemein aufgetreten fein. Erst später ist die Buche in die Wälder unserer oberhessischen Heimat eingewandert und nach ihr — von Osten und Süden — die Nadelhölzer: Kiefer, Fichte, Weißtanne und Lärche. Genauere Kunde über den Zustand unserer heimischen Wälder erhalten wir erst durch römische Schriftsteller um Christi Geburt. Die Mittelgebirge Deutschlands sind mit ausgedehnten Urwäldern bedeckt, in denen auf den Höhen Eiche, Buche, Ahorn, Esche, Linde, Aspe und Erle die Hauptrolle spielen. In den Niederungen herrschen Sümpfe mit Torfmooren, die von niederem, frosthartem Gestrüpp wie: Weiden, Hainbuchen, Birken, Erlen und Aspen buschartig und in stärkeren Gruppen durchstellt sind. Diese Niederungen werden zeitweilig durch die anschwellenden Flüsse überschwemmt. Nebel und häufige Regengüsse machen die Luft nebelig und feucht, die Wolken verdecken die Sonne und die kurze Vegetationsdauer in diesem rauhen, sumpfigen Waldgebiet, in dem der klimatisch verwöhnte Römer kaum einen frostfreien Monat findet, löst Schilderungen aus, die die Bewohner seiner Heimat mit Schrecken erfüllen. Nur die fruchtbaren Niederungen, wie die Wetterau, waren waldfrei und von den nomadisierenden Germanenstämmen bereits besiedelt. Tausend Jahre später sind die meisten dieser Wälder gerodet, die germanischen Stämme haben von dem deutschen Boden Besitz ergriffen und in Oberhefsen hat der von Norden her eingewanderte Chattenftamm, als ein Teil des großen Frankenstammes, die Wälder gerodet und Dörfer gegründet. Nur an der Grenze der Dorfgemarkung bleibt der gemeinsame Wald (Markwalo) bestehen und liefert Brenn- und Nutzholz für die örtlichen Bedürfnisse der Bewohner. Er ist zugleich auch Schutzwall und Mark, d. h. Grenze. Die Wälder haben ihren Charakter aus der Urzeit hinsichtlich der Holzarten im wesentlichen bewahrt. Denn erst von 1800 ab bringen in die Laubholzgebiete Oberhessens Kiefer, Fichte und Lärche durch künstlichen Anbau ein. Abgesehen von den Gebieten des Buntsandsteins im nordwestlichen Teil der Provinz Oberhessen, in welchem wohl schon früher an Stelle des Laubholzes von Norden her die Kiefer sich ausgebreitet hatte, ist Oberhessen als ursprüngliches und reines Laubholzgebiet zu betrachten. In friedlichen Zeiten gedeiht der Wald: Krieg und Revolution zerstören ihn. „Jede Revolution", sagte der Kulturhistoriker W. H. Riehl, „brandet zunächst gegen den Wald". So wird der Wald- zustand, sowie sein „Gedeih und Verderb" zu einem Spiegelbild der Geschichte des deutschen Volkes Der 30jährige Krieg zerstört ihn: die Wirren am Cnde des 18. Jahrhunderts und die Not der Be- völkerung lassen von unseren oberhessischen Wäldern um 1800 nur noch Trümmer zurück. Die Furcht vor Holznot ruft um diese Zeit eine große Bewegung zugunsten des Waldes in Deutschland hervor. Forstliche Hochschulen werden ge- grundet, so auch in Gießen, und es treten Manner auf, die als Staatsbeamte und Hochfchul- lchrer für die Gestaltung der deutschen Forst- Wissenschaft und Wirtschaft von ausschlaggebender Bedeutung geworden sind. Gg. Ludwig H a r t i a aus Gladenbach, Carl Heyer aus Darmstadt, Anx u? b?.s $ a 9 e n aus Hanau find in Westdeutschland die Begründer unferer heutigen Forstwissenschaft. Um 1900 haben in Deutsch- land und, auch in Oberhessen die Waldbestände ihren größten Massenreichtum, und ihre üppigste Entfaltung erreicht. 31 , W e l t k r i e g schlägt dann auch unseren oberhessischen Waldern tiefe W-tt!Ur.en Was hat der Wald in diesem vierjährigen Krieg und in den folgenden Not- zelten nicht alles geleistet und wie schwer hat er in dieser Zeit gelitten ! Alle stärkeren Holzer werden aus unseren älteren Beständen herausgeschlagen, um in die Schützen- graben zu wandern: der U-Bootkrieg verschlingt die stärksten Buchen, die Fichte liefert das Pulver, die im Walde stockenden Nadelholzbestände werden als Harz, als unentbehrlichen Kriegsrohstoff genutzt. Reiche Samenjahre der Buche während des Krieges verschaffen, als zufälliges Geschenk der Natur, der darbenden einheimischen Bevölkerung die entbehrten Fettmengen: die jüngeren Bestände werden 3U Brennzwecken herangezogen: Laub und Reisig werden als Streumittel benutzt, sogar die Buchenblätter müssen den unentbehrlichen Tabak ersetzen und getrocknete Zweige dem Vieh als Futter dienen. Das Wort von Felix Dahn, das er in feiner „Urgeschichte der germanischen Völkerschaften" über die Römerzeit schreibt, mag als Vorbedeutung für die Zukunft dienen: „Es hat der Wald unser Volk nicht nur ge- rettet, er hat es auch frisch, urwüchsig, gesund an Leib und Seele erhalten, so daß es den abgelebten Römern in der Tat als jugendlicher Erbe der Wettherrschaft, als Träger der Zukunft entgegenschreiten konnte." Laßt uns auch heute dieses Dahnsche Wort beherzigen und mit Vertrauen zu unseren Heimat- lichen Wäldern hinaufschauen! Nun gilt es den aus tausend Wunden blutenden Wald zu heilen. Selbst der oberhessische Wald, der auf kräftigem Boden stockt, hat schwer gelitten! Vieh- eintrieb hat vielerorts Bodenoerhärtung hinterlassen und die Bodentätigkeit, die von der Durchlüftung • abhängt, zerstört. Mit der Wegnahme von Streu und Humus sind die Lebensträger im Boden vernichtet worden und mancherorts Wuchsstockungen eingetreten. In den gelichteten Beständen wuchert Gras und Unkraut, das am Mark des Waldes zehrt. Alte wuchskräftige Bestände find durch Nutzung oder Frevel gelichtet oder vernichtet. Die Natur verweigert dem verwilderten und herab- gekommenen Boden die natürliche Wiederver- lüngung. Die Bestände der jüngeren und mittleren Altersklassen haben aus Mangel an Pflege not» gelitten. Man hat sich an hohe Holznutzungen und Carl bange nachfolger • Bremen Fernruf Roland 1116 und 8340 • Drahtanschrift <• Papyrus« Papiergro^handlung Abteilung I: Feinpapier für Buchdruckereien und Verlagsanffalfen Abteilung II: Packpapier und Pappe l r eignem System. Lieferwagen aller Art Verlangen Sie jederzeit kostenlos meine fachmännische und technische Beratung. Fernsprecher Nummer 1239 ♦ i i i i i i Meine Firma ist noch jung, aber fünfzehn Jahre praktische Tätigkeit in den größten Automobilfabriken Deutschlands bürgen für solide und moderne Ausführung. Spezialität Karosserien abnormaler Bauart, für jeden Bedarf. 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Dor allem: Bodenpflege durch Lockerung und Mischung des Humus mit dem Mineralboden, Belassung der Streu und des dünnen Reisigs im Walde, Vermeidung schädlichen Vieheintriebs und Anpflanzung bodenbessernder Holzarten, die dem Waldboden zur neuen Straft verhelfen. Sorgfältige Erhaltung des Wassers im Walde durch geeignete Maßnahmen, stufenweiser Aufbau der Bestände, Schaffung und Erhaltung des bodenschüßenden L’nterftanbcö, sowie Wiederbegründung der früheren Mischbestände. In den großen Laubholzbeständen des Vogelsberges und feiner Vorberae find geeignete Nadelhölzer wie Fichte, Kiefer, Lärche und Douglastanne einzeln und gruppenweise einzusprengen. Durch rechtzeitige Pflege sind die vorhandenen Bestände 3ii kräftigen und zu Nutzholzbeständen zu erziehen. Derartige Maßnahmen erfordern jedoch finanzielle Fürsorge und Opferwilligkeit der maßgebenden Stellen, sowie Arbeitsfreudigkeit und Zuverlässigkeit de> Beamten und Arbeiter. Die Stetigkeit der Wirtschaftsgrundsätze, unter Vermeidung aller unsicheren und zweifelhaften Maßnahmen, sichert die Zukunft des Waldes und feine Entwicklung. Nicht kleinliche Ersparnismaßnahmen können eine höhere Rente erbringen, sondern Steigerung der Holzerzeugung! Die Voraussetzung eines jeglichen Zinsgenusses bildet ein Kapital. Das ist im Walde der Fall. Wer Stämme von 40 Zentimeter Mittendurchschnitt verkaufen will, muß zunächst Holz von 35 Zentimeter Durchmesser erziehen. Die Holzmassen von geringerer Stärke bilden das Kapital, den Zins- genuß stellen, nach Maßgabe des Jahreszuwachses, die jährlichen nachhaltigen Nutzungen dar. Um den Vorrat, der heute vielfach herabgewirtschaftet ist, wieder aufzuspeichern, müssen Opfer gebracht werden. Nicht allein vom Waldeigentümer, auch von den Beamten und Arbeitern, sowie von der ortsansässigen Bevölkerung und vom Staate, wenn der Wald wieder erstehen soll in seiner alten Schönheit, Gesundheit und Kraft! Noch fehlt es allenthalben an diesem einheitlichen geschlossenen Willen. Die Landwirtschaft treibende Bevölkerung will auf die Streunutzung und die erhöhten Holznutzungen noch nicht verzichten, der Waldarbeiter trotz erhöhter Löhne oft die Ordnung der Vorkriegsregeln nicht einhalten, wie sie der Schutz und die Pflege des Waldes fordern. Aber trotz alledem: die Linien auswärtiger Bewegung deuten sich an; die organisierte Landwirtschaft hilft nunmehr die Streufrage durch Förderung des künstlichen Düngerbezugs und damit Erhöhung der Streuerzeugung, sowie durch Beschaffung von Torfstreu lösen. Als Voraussetzung jeglichen harmonischen Zusammenarbeitens zwischen Waldeigentümer und Arbeiterschaft sind die Lohnfragen durch einheitliche Zusammenfassung und Schlichtung im Forstarbeits- amt des Landes schon seit 1919 in friedliche Bahnen gelenkt worden. Die hessischen Domanial- und Kommunalforstwarte sind durch Erlaß von Forstverwaltungsgesetzen seit 1923 zu einem einheitlichen Berufsstande zusammengefaßt und als Staatsbeamte in die Reihen der mittleren Beamten überführt worden. Als Forstbetriebsbeamte genießen sie in der neu gegründeten Försterschule in Schotten eine einheitliche und sachgemäße Ausbildung durch einen hierzu besonders ausgewählten Lehrkörper. So besitzt nunmehr die Provinz Oberhessen die beiden forstlichen Bildungsstätten des Landes. Wenn auch durch die dermalige, aber vorübergehende Ueberfüllung der höheren Forstloufbahn noch mancherlei berechtigte Klagen unter den Kriegsteilnehmern herrschen, so wird die Zeit auch diese Wunden bald ausheilen. Der kommenden Generation der höheren Forstbeamten fällt die schwere Aufgabe zu, den hessischen Wald wieder auf seine alte traditionelle Höhe zu führen, auf die die großen Begründer der Forstwissenschaft ihn vor mehr als hundert Jahren emporgehoben hatten. Das erfordert aber harmonisches Zusammenwirken der Oberen Forstbehörde mit der Beamtenschaft und besonders mit den Vertretern der Wissenschaft auf unserer forstlichen Hochschule, die einer einheitlichen und geschlossenen Zielsetzung des akademischen Lehrkörpers Geltung verschaffen und als Führer der Fachschaft der forstlichen akademischen Jugend dem Blühen und Gedeihen des hessischen Waldes alle ihre Kräfte werden zuwenden müssen, roer.n die Wunden, die der Krieg und die Nachkriegszeit dem hessischen Wald geschlagen haben, rasch und dauernd zur Heilung gebracht werden sollen. Mit diesem Wunsche und in dieser Hoffnung wollen mir ohne Zagen, im Vertrauen auf ein altes, deutsches Wort, getrost in die Zukunft sehen: Gott verläßt keinen Deutschen; er schütze und erhalte dem deutschen Volk den deutschen Wald. Die optische Industrie Wetzlars. Von Dr. Ernst Leitz, Wetzlar. Unter den Industrien unserer engeren Heimat, auch noch Westdeutschlands, hebt sich die optische Industrie in Wetzlar durch ihre Eigenart hervor. Sie verdankt ihre Entstehung Karl Kellner, der aus Hirzenhain stammte und nach dem Besuch einer Lateinschule in Braunfels bei Sartorius in Gießen die erste praktische Ausbildung erhielt. Seine schon früh sich zeigende große Begabung für Mathematik konnte er gleichfalls in Gießen pflegen, wo ihn Dr. Stein, Lehrer und späterer Direktor der Realschule, zur Hand ging, so daß er in der Lage mar, selbständig sehr brauchbare Objektive zu berechnen. Im Jahre 1849 ließ er sich in Wetzlar nieder, um sich zunächst mit dem Bau von astronomischen und terrestrischen Fernrohren zu befassen und später zur Herstellung von Mikroskopen überzugehen. Kellner, der sein Geschäft in kleinem Umfange durchaus handwerksmäßig betrieb, mürbe damit der Begründer der heutigen L e i tz -W e r k e. Leider erreichte er nur ein Alter von 29 Jahren. Sein Betrieb wurde von feinem Mitarbeiter Be11hle fortgeführt, bei dem im Jahre 1863 Leitz als Gehilfe eintrat und 1865 als Teilhaber. Nach dem Tode Belthles im Jahre 1869 ging die Firma ganz auf den Namen Leitz über, den sie bis heute beibehalten hat. Aus der damals Kellnerfchen Firma haben sich auch noch zwei andere optische Betriebe Wetzlars entwickelt, die es zu besonderer Bedeutung gebracht haben, und zwar die Firmen H e n s o l d t und Seibert, deren Begründer Mitarbeiter von Karl Kellner waren, namentlich mar Moritz H e n s o l d t als Mechaniker dessen mertvollste Stütze. Außer diesen Firmen sind heute noch eine ganze Anzahl mittlerer und kleinerer Betriebe in Wetzlar vorhanden, die alle ihren Ursprung indirekt auf die Gründerfirma Kellner zurückführen. In der Hauptsache werden in der Wetzlarer optischen Industrie Mikroskope und deren Nebenapparate angefertigt, und zwar in einem Maße, daß in dieser Spezialität die Wetzlarer optische Snbuftrie an der Spitze der Weltproduktion steht. Außerdem hat die Fabrikation von Fernrohren und Projektionsapparaten usw. und ähnlichen optischen Instrumenten eine sehr beträchtliche Entwicklung genommen. Die unmittelbare Nähe der G i e ß e n e r Universität war und ist besonders vorteilhaft für die Entwicklung dieser Industrie, da sie in der Hauptsache Instrumente baut, die der wissenschaftlichen Forschung dienen und dauernder Befruchtung von dieser bedürfen. Bis zu den 70er Jahren bewegte sich die Wetzlarer optische Industrie, wie die Deutschlands, in sehr bescheidenem Rahmen. Mikroskope für wissenschaftliche Arbeiten wurden bis zu dieser Zeit in der Hauptsache von einer deutschen Finna fjartnarf in Paris hergestellt. Die infolge des 70er Krieges erfolgte Ausweisung Hartnacks aus Frankreich setzte dieser Industrie in Frankreich ein Ende. Hartnack begann zwar in Potsdam von neuem, doch ist diese Firma nie wieder zur Bedeutung gekommen. Die nun entstandene Lücke in der Belieferung der Instrumente brachte die Wissenschaftler dazu, es mit deutschen Instrumenten zu versuchen, wobei sich herausstellte, daß diese in der Qualität den aus Frankreich bezogenen mindestens ebenbürtig waren. Hinzu kam, daß während man bisher genötigt war, viele Monate zu warten, bis die Lieferung eines Instrumentes erfolgte, man zur allgemeinen Ueberraschung nunmehr erfuhr, daß namentlich von der Firma L e i tz in Wetzlar gute Mikroskope innerhalb weniger Tage geliefert wurden. Hierzu war die Firma imstande, weil sie schon in diesen kleinen Anfängen Teilarbeit cingetichtet hatte, ein Umstand, der für damalige Zeiten und für den Bau solcher Objekte ganz außergewöhnlich war, und gerade diese Tatsache hat auf die Entwicklung des Werkes entscheidend eingewirkt. Unterdessen steigerte sich der Bedarf, namentlich durch die Entwicklung der Bakteriologie, von Jahr zu Jahr, die Industrie wandte sich ebenfalls immer mehr dem Gebrauch des Mikroskopes zu, und es gibt heute kaum eine Industrie, die zur Untersuchung ihrer Produkte und der Behandlung ihres Arbeitsprozesses das Mikroskop nicht benutzte. Es ermöglicht, die feinsten Strukturverhältnisse irgendwelcher Stoffe zu erforschen und die Einwirkung der Behandlungsmethoden auf dieselben zu beobachten, um entsprechend Verbesserungen ihrer Behandlung einzuführen. Der stetigen und ruhigen Entwicklung setzte der Weltkrieg ein Ende. Die einzige Firma, die sich bis dahin mit dem Bau kriegstechnischer Instrumente in Wetzlar befaßte, war die Firma Hen- s o l d t, die sich infolgedessen sofort voll betätigen konnte. Die anderen Firmen, die nur auf Friedens- urbeit und Export eingestellt waren, mußten sich um andere Arbeit bemühen. Tüchtige Arbeitskräfte und maschinelle Einrichtungen standen zur Genüge zur Verfügung, und es gelang, in großem Maße Kriegsarbeit zu leisten, zunächst in der Herstellung von komplizierten Zündern, die derart in Teilarbeit angefertigt wurden, daß ungelernte Frauen in der Lage waren, die Arbeit zu verrichten. Im Laufe des Krieges wurden auch in erhöhtem Maße optische kriegstechnische Instrumente hergestellt, dabei sind aus Wetzlarer Betrieben vielerlei neuartige Instrumente geschaffen worden zum Schutze des Vaterlandes. Nach Beendigung des Krieges war die Arbeit der Umstellung zu leisten. Die Maschinen waren außerordentlich verbraucht, die alten Einrichtungen meist nicht mehr vorhanden, doch aus der Kriegsarbeit hatte man auch große Erfahrungen in rationeller Fabrikation gewonnen. Die wurden nun beim Winderaufbau in erhöhtem Maße nutzbar gemacht, infolgedessen haben die Fabrikationsmechoden in dieser Industrie große Fortschritte erlebt. Die Nachkriegszeit brachte durch die Nichtbelieferung des Auslandes während des Krieges einen großen Bedarf an Instrumenten mit sich und auch die folgende Zeit der Inflation trug zur vollen Beschäftigung bei. Erst mit der Stabilisierung unserer Währung wurde der bis dahin fieberhaften Arbeit ein Ende gesetzt. Der jetzt eingetretene hohe Geldstand erschwerte den Absatz. Das Unkostenkonto, welches in der letzten Zeit kaum eine Rolle spielte, wurde mit allen Mitteln verringert, sparsame Wirtschaft in jeder Hinsicht griff Platz, und vor allem mußte mit Hochdruck an der Verringerung der Produk- t i o n s f o ft e n gearbeitet werden durch Verbesserung der Produktionsmethoden. Die Preise der optischen Artikel blieben, im Gegensatz zu den meisten Gegenständen des täglichen Bedarfes, unter den Vorkriegspreifen, durch die gesteigerten Konkurrenzverhältnisse im In- und Ausland. Vor dem Krieg waren nämlich die meisten größeren optischen Betriebe mit der Herstellung von iriegstechnischcn optischen Instrumenten beschäftigt; dem machte, wie bekannt, das Versailler Diktat ein Ende, das die Herstellung solcher Instrumente, wie aller Kriegsarbeit, in Deutschland verbietet. An und für sich auch ziemlich unsinnig, denn während des Krieges empfanden unsere Gegner ganz besonders ihre Rückständigkeit in der Herstellung ihrer optischen Ausrüstung, die sie zum Teil von Deutschland bezogen hatten. Nach dem Krieg suchten sie bas alles nachzuholen; sie haben fast alle ihre Kriegs- Industrie durch Zollerhöhungen besonders geschützt, staatliche Unterstützungen gegeben usw. Infolge- dessen haben verschiedene Länder auch manchen deutschen Ingenieur und Facharbeiter an sich gezogen, mit deren Hilfe sie ihre Leistungen ent- wickeln, wodurch sie fid) in zukünftigen Kriegen gegenseitig viel gefährlicher werden können (z. B. Japan gegenüber England und bergt.), als wenn man Deutschland diese Industrie belassen hätte. Der nunmehrige Zustand brachte durch alles dieses in unserer Industrie sehr gesteigerte Konkurrenzverhälttlisse im In- und Ausland. Hinzu kamen die gewaltigen Steuer- leistungen. Die Folgen waren Arbeiter- und Angestellten-Entlassungen in vielen Betrieben, Kurzarbeit und vorübergehende Arbeitseinstellungen. Die Not war jedoch auch bei der optischen Industrie der beste Lehrmeister; in feiner Zeit vorher sind in derselben, namentlich auch in der Wetzlars, so viele neuartige Instrumente erschienen und nie haben die Methoden zu rationeller Bearbeitung derartige Fortschritte zu verzeichnen gehabt, wie in diesen Jahren. Es hatte den Anschein, als ob es wieder vorwärts ginge, wenn die nun kommenden Erschwerungen im eigenen Land durch die neueste Zollgesetzgebung nicht wieder allzu große Schwierigkeiten bereiten, von welchen jede mit dem Auslande arbeitende Veredlungsindustrie in erster Linie betroffen wird. Es wäre dringend zu wünschen, daß unsere gesamte Wirtschaft, so wie die optische Industrie in der Hauptsache es tut, sich immer mehr auf S« lbst - Hilfe cinfteUte und auf die Hilfe durch staatliche Mittel verzichtete, damit wir zu einer wirklichen Gesundung unseres Vaterlandes wieder gelangen. CARL KRAIL1NG, GIESSEN Kunst- und Bauschlosserei mit elektrischem Betrieb, Südanlage 22 19 GIESSEN 14 MAMfUG- GBfRKAUSSmiUNt i.cOBfRHESSENvw AMlRtHZlNtEtEBItli' Gewerbe-Ausstellung Gießen 1908 Vertreter von Wellblech- und Holz-Rolladen, Jalousien, Heizkörper-Vorsteller, Anfertigung von Blitzableitern, Markisen, Laden-Fronten, Einfriedungen, Tore, Bronze-Arbeiten * Fernsprecher Nr. 1558 Gegründet 1825 Künstler-Ausstellung Darmstadt 1908 ’RINNtRl DENFUEROERERN VON lÄINSIueKUmMR«/ Der beste £cim ist der billigste hautleitn in tafeln und flocken in unübertroffenen Qualitäten fabriziert i>tz. Carl weißleimfabrlR Sefellfchaft mit beschränkter haftung • haiger (DilUtreis) • ergründet 1815 Lager bei friedr. C. weiß, Orünbcrg in besten • fernfpretfjer Nr. 10 I BEZIRKSSPARKASSE GIESSEN JOHAN NESSTRASSE 5 öffentliche Sparkasse mit Gemeinöehastung. Gegrünöet 3834. ffernsprech-Anschluß Nr. 64 Drahtanschrift: Sparkasse Gießen. Postscheckkonto Nummer 5979 Krankstert am Main. Reichsbankgirokonto. Konto bei öer hessischen Girozentrale in Darmstaöt KASSENTAGE IN EICH (OBERHESSEN) Annahme von Spareinlagen bei täglicher Verzinsung. Anlagestelle für Münöelgelö. Kontokorrent-/ Ächeck- unö Überweisungsverkehr. Verwahrung unö Verwaltung von Wertpapieren. Vermittlung öesAn- unö Verkaufs von Wertpapieren. Vermiewng von Schrankfächern. Aufbewahrung von Sparkassenbüchern. Ausgabe von Geschenkspacbüchern für Neugeborene. Schulsparkasse. Pfennigsparkasse/ Äammelstellen in öer Staöt Gießen unö in Üem LanÜbezirk. tzeimsparkassen. Ausstellung unö Einlösung von Reisekreöitbriefen. 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Fittingsfabrik, Gießen Fernsprecher 1175, 1176, 1177 3, Die Jtol jjon dann auch ' intinde werk erh' Werke aus seien, dacht' bestehenden Mühlen u- den Stadl' »°d ti in unmini sorgen koi das R Hel schles'i- war es । zuleiten, u schlesien oll Begründun dichte W für die Uel ehte ein ' biete eir gangen wo gekommen, Lerteilunm worden. 3' Vorteile hi crzeugungs! die Ersindu Dorbedingu werke. Glei vollkommu Ein weitere der lleberll Metallfaden! um 70 Proz Elektromotoi 3n diese Ansang Diel' akut wurde sorgung der unterne mit eigener berufen gen Landes mit hielten. Die waren insosei Ausnahme < eigene Werk, und somit i EleltriMv Schon nähe, Grenzen, unk Verteilung i tauchte zuers krasj im Plan begegni die Masserir unterworfen weihern in über die o hätte also x werden mü Mgrkosten Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Sechstes Blatt Seite 41 W Md WÄ K nung zu errichten, die das Vertei- w t Laubach, Schloßterrage. ;ro= Verfügung flehen, können im zusammen jährlich 5 765 000 oder 4 240 000 Kilowattstunden den Betrieb zur günstigsten Fall Pferdekraftstunden liefern. So erfüllt die vom Wasserschloß zu den Turbinen sührende Trieb- leitung mündet im Tal der Nidder in das Kraft- Haus ein, in dem zwei Spiralturbinen mit einer Normalleistung von je 1000 P. S. Ausstellung gesunden haben, die bei 750 Minutenumdrehungen mit je einem Drehstromgenerator von IGOu Kilo- ooltampere-Leistung direkt verbunden sind. Die Dynamomaschinen erzeugen eine Spannung von 5000 Volt und sind unmittelbar mit je einem 1000 Kilovoltampere Drehstrom-Oeltransformator durch Kabel verbunden, die die Spannung von 5000 Bolt auf die Spannung des Hochspannungsnetzes mit 20 000 Volt hinaufsetzen. Um dem Wasserkraftwerk feine Aufgabe, mit dem staatlichen Kraftwerk in Wölfersheim parallel auf das Hochspannungsnetz der Provinz zu arbeiten und vorzugsweise die durch die Lichtspitze entstehende Belastung des Dampfwerks zu über- nehnien, zu ermöglichen, sind zwei Staubecken für den Tagesausgleich gebaut, und zwar dasjenige bei Hirzenhain mit 35 000 Kubikmeter und das im Hillersbachtal mit 120 000 Kubikmeter Inhalt. Die Wafjermengen der Nidder und des Hillersbachs bei 80 Quadratkilometer Einzugsgebiet, die für schwarze und die weiße Kohle, sich gegenseitig ergänzend, ihre Aufgabe im Dienst der oberhessischen Bevölkerung. Kohle ist gut als Schwelkohle geeignet und kann wie die im mitteldeutschen Braunkohlenrevier geförderte zu Teer, Grudekoks, Gas usw. verarbeitet in einer großen Ueberlandzentrale im Gegensatz zu einem städtischen Werke, das in seiner wirtschaftlichen Ausnutzung viel günstiger gestellt .ist, die Verteilungsanlagen besonders hohe Aufwendungen erfr dern, einerseits verursacht durch den Kapitaldienst, durch die nur mit großem Personal aufrecht zu erhaltende Unterhaltung, andererseits durch die in den langen Leitungen, den zahllosen Trans- formatoren usw. entstehenden Verluste an Energie, müssen in den Ueberlandwerken, um die Konkurrenz bestehen zu können, die Produktionskosten der Energie so niedrig wie möglich gehalten werden. Wenn der niedrigst mögliche Satz heute noch nicht hat erreicht werden können, so liegt das teilweise in den Arbeitsverhältnissen begründet, tellweise aber auch in dem zu geringen Verbrauch. Die Mittel, die zur Verfügung stehen, um den ständig noch anwachsenden Pr. duktionskosten ein Gegengewicht zu bieten, sind nur Haltung so schwankend und ungleichmäßig, daß man in wasserarmen Zeiten nicht auf sie bauen kann. So ist es nur möglich, die aus Wasserkraft erzeugte Energie in Ergänzung mit Dampf st rom auszunutzen. Der Dampfstrom, der zur Versorgung der Provinz Oberhessen dient, wird durch das staatliche Kraftwerk in Wölfersheim erzeugt, das auf den staatlichen Braunkohlenfeldern in den Jahren 1912/13 errietet worden ist. Die Braunkohlenfelder Oberhessens, die sich von Hungen aus nach Süden verzweigen, um bei Wölfersheim wieder zu- sammenzutreffen und sich gegen Weckesheim zu verbreitern, weisen unter einem Deckgebirg von 30 bis 70 Meter Mächtigkeit nach dem Stand der neueren Bohrungen einen zunächst nachweisbaren Vorrat von ungefähr 40 bis 50 Millionen Tonnen abbaufähiger Kohle auf. Damit ist das Vorkommen noch nicht erfaßt, das sich auf noch nicht erschlossene und untersuchte Gebietsteile erstreckt. Wenn man bedenkt, daß z. Z. für die Elektrizitätserzeugung und den Bedarf Oberhessens jährlich 150000 Tonnen verwandt werden, so läßt sich leicht berechnen, auf wieviel Jahrhunderte der Vorrat ausreichen wird. Die Braunkohle wird überall unter Tag gefördert; Versuche, Tagbau zu treiben, sind wieder aufgegeben worden. Die Kohle ist von wechselnder Beschaffenheit; etwa ein Drittel der geförderten beschränkt. Abgesehen von technischen Verbesserungen im Kraft- und Bergwerk, die die Steigerungen für persönlichen und sachlichen Aufwand ausal-ichen müssen, kommt der Ausbau von Wasserkraftwerken in Frage, deren Betrieb von derartigen Schwankungen im allgemeinen unabhängig ist. Aber der Bau und Betrieb von Wasserkraftwerken kann nicht ohne weiteres als das Allbeilmittel für Verbilligung der Energie an- gesprochen werden. Die wirtschaftlichen Verhältnisse liegen augenblicklich derart, daß der aus neu zu erbauenden Wasserkraftwerken zu gewinnende Strom keine Verbilligung gegenüber dem Dampfstrom bringen würde, ganz abgesehen davon, daß das Baukapital kaum zu beschaffen wäre. Als besonders günstiger Umstand kommt für Oberhessen in Betracht die Derschwelbarkeit der Braunkohle aus den staatlichen Gruben. Wertvolle Versuche sind darüber im Gange und lassen nach dem seitherigen Ergebnis auf einen vollen Erfolg hoffen. Wenn so von feiten der Versorgungsunternehmungen alles getan wird, um nicht nur den Absatz zu heben, sondern auch zu verbilligen, und zwar nicht nur in dem Sinne, daß die Preise trotz ungünstig werdender Verhältnisse aufrecht erhalten bleiben, sondern darüber hinaus gesenkt werden können, so muß die Bevölkerung und gerade die Landbevölkerung dazu verhelfen, den vielgestaltigen Produktions- und Derteilungs- apparat durch ständige Mehrung des Konsums wirtschaftlicher als seither zu gestalten. lungsnctz speisen sollte, das die Provinz auf ihre Kosten zu bauen bereit war. Damit sind bereits die Kraftquellen gestreift, die in Oberhessen zur Verfügung stehens Wasser und Braunkohle. Für die Volkswirtschaft ist es natürlich von größtem Vorteil, die Kohle, wo immer es möglich ist, durch andere Kraftquellen abzulösen. Dafür kommt in erster Linie die Wasser- kraft in Frage, die sich nicht erschöpft. Leider sind die Wasjerkräfte Oberhessens nicht so bedeutend, daß sie allein imstande wären, dauernd und gleich- mäßig den Bedarf an Elektrizität zu erzeugen. Ge- rade die kleinen Wasserläufe sind in ihrer Wasser- in 530 Transformatorenstationen 358 Gemeinden und über 100 größere Einzelanlagen mit Energie versorgt. Der vorläufig allein zur Verwendung kommende Wasser st rom wird in dem der Provinz gehörigen Nidderkraftwerk erzeugt, das in den Jahren 1921 bis 1923 gebaut wurde. Die Nidder weist zwischen den Orten Hirzenhain und L i ß b e r g ein Gefälle von 68 Meter auf 3 Kilometer Länge auf; es wurde in der Weise ausgenutzt, daß die Nidder in einem Staubecken bei Hirzenhain gefaßt wurde, von dem aus ein geschloffener Werkkanal nach dem oberhalb Liß- berg gelegenen Wasserschloß führt, das eine Triebleitung nach dem im Tal gelegenen Turbinenhaus entsendet. Das Nutzgefälle vom Wasserschloß beträgt 63,5 Meter. Neben der Nidder ist durch den H i l l e r s b a ch ein weiterer Zuschuß an Triebwasser gewonnen und das günstig gelegene Tal des Hillersbachs zur Anlage eines zweiten Staubeckens benutzt worden. Die Verbindung zwischen dem Werkkanal im Niddertal und dem Staubecken im Hillersbachtal wird durch einen Stollen hergestellt, der, durch den die Täler werden. 2)ie_ als Schwelkohle geeignete enthält bis zu 2700 Wärmeeinheiten, die schlechtere wird zur Kesselschüttung verwendet. Sie wird durch zwei Drahtjeilbahnen den Aufbewahrungssilos zugeführt, fällt durch Schieber unmittelbar aus den Sllos auf die Treppenroste der Kessel, wo sie verbrennt und den Dampf in den Kesseln erzeugt. Durch ausgedehnte Rohrleitungen wird der durch in die Kessel eingebaute Ueberhitzer auf etwa 350 Grad Celsius überhitzte Dampf den Dampfturbinen im Maschinenhaus zugeführt. Die Dampfturbinen stellen eine Leistung von 9000 Kilowatt — 14 500 P. S. dar. Sie laufen mit 3000 Um» drehungen in der Minute und sind mit den Dreh- strom-Dynamomaschinen, die die clektrisckie Energie mit einer Spannung von 5000 Volt erzeugen und deren Erregerdynamos direlt gekuppelt. Die durch die Dynamomaschinen erzeugte Energie von 5000 Volt Spannung wird teils mit dieser Spannung, teils mit einer auf 20 000 Volt hinauf, transformierten dem Hochspannungsnetz der Pro- vinz zugeführt das mit etwa 1050 Kilometer Hochspannungsleitungen ganz Oberhessen überzieht und wären. Da von dieser Zentrale aus auch nur ein Heiner Bezirk hätte versorgt werden können, der Betrieb aber dessen ungeachtet einen jährlichen Zuschuß von etwa 50 000 Mark erfordert hätte, stellte man das Projekt zugunsten einer besseren Lösung vorläufig zurück. Eine solche fand sich, als der hessische Staat seine Absicht kundgab, zur besseren Verwertung der hessischen Braunkohlenlager eine Kraftzentrale auf der Grube Lud- Der weitaus größte Teil des Provinzgebietes wird durch das provinzielle Ueberlandwerk mit Elektrizität versorgt. Ausgenommen sind die Stadt Gießen, die bekanntlich jetzt ihren Anschluß an das preußische Kraftwerk in Borken erklärt hat, die Stadt Lauterbach, die ein eigenes Werk betreibt, und eine Reihe von kleineren Gemeinden, die ihren Energiebedarf in kleinen Wasserkraftwerken s e l b st erzeugen. Mit den leistungsfähigeren dieser kommunalen Wasserkraftwerke ist das Ueberlandwerk zusammengeschlossen, das ihren überschüssigen Wasserstrom aufnimmt» und andererseits ihnen in wasserarmen Zeiten auWlft. Soweit das Ueberlandwerk unmittelbar (Energie abgibt, hat sich fein Gesamtabsatz auf 14 260 000 Kilowattstunden im Jahre 1924 gesteigert. Das elektrische Licht ist die Lichtquelle geworden. Der Elektromotor hat sich in einem Siegeszug ohnegleichen die Welt erobert; er ist zum unentbehrlichen Mitarbeiter im Bergbau, in Industrie und Handwerk geworden. Verhältnismäßig langsam hat er sich bei unserer Landwirt f ch a f t Eingang verschafft. Immerhin sind auch hier gute Ansätze vorhanden, die eine stärkere Ausnutzung des Elektromotors erwarten lassen, besonders auch, weil der Landwirt in Anbetracht des Arbeitsmarktes dem maschinellen Betrieb mehr als je seine Aufmerksamkeit zuzuwenden gezwungen sein wird. Damit ist das Arbeitsgebiet der Elektri- zität jedoch noch keineswegs erschöpft. Immer neue Betätigungsfelder eröffnen sich ihr. Ihre Verwendung im Haushalt hat sich angebahnt. Die elektrische Küche wird einst das Ideal der Hausfrau werden. Die große Bedeutung der Technifie - rung unserer Landwirtschaft für ihre Entwicklung und Zukunft und für die Unabhängig- feit vom Ausland zwingt dazu, die Elektrizität mehr als je für sich in Anspruch zu nehmen. In den landwirtschaftlichen Betrieben wartet die Elektrizität noch auf ihre Einführung für Feldberegnungsanlagen, Konservierung des Grünfutters, landwirtschaftliche Kochkessel und Backöfen, Viehftitter- und Kartoffeldämpfer und wie alle die täglich neu hinzukommenden Fortschritte heißen. Die Wärme- und Warmwasseraufspeicherung während der Nacht hat sich besonders in der Schweiz viele Anhänger erworben. Ein sehr großes Gebiet, das der Elektrizität noch Vorbehalten ist, liegt in der Elektrisierung der Voll - und Vorortbahnen. Bayern marschiert hier innerhalb Deutschlands bei weitem an der Spitze. So sehen wir auf der einen Seite ein noch großes Betätigungsfeld, ungeahnte Absatz- und Anwendungsmöglichkeiten für die elektrische Arbeit, auf der anderen Seite hemmenden Kapitalmangel, schreiende Kreditnot, die der Verbreitung der Elektrizität oorläufia noch im Wege stehen. Eine besonders schlimme tage für ein Versorgungs- Laubach, Blick aus die Kirche. Die schwarze und die weiße Kohle in Oberhessen. Don Prooinzialrat Wolf, Gießen. 2Us am 25. September 1891 die erste Energiewelle aus der 170 Kilometer entfernten Kraftanlage in Lauffen unsichtbar die dünnen Drähte von Lausfen nach Frankfurt durcheilend hier ein Meer von Licht verbreitete, schien das Problem der Uebertragung von Energie auf weite Strecken gelöst. Eine ungeahnte Verbreitung der Elektrizität als Arbeitskraft und Beleuchtungsmittel war die Folge. Zuerst fetzten die Bergbaubetriebe mit der allgemeinen Verwendung der Elektrizität em; bann folgten »die Fabrikdctriebe. Gleichzeitig entstanden die Elektrizitätswerke zur Energieoerteilung in den Städten. Den Entwicklungsschritt, den wir später in Gestalt der sog. Ueberlandzentralen sahen, suchte die Elektrorechnik schon in den 90er Jahren zu machen. Die damaligen Versuche schlugen aber in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht fehl. Man stellte sich die Sache damals so vor, daß nach dem Vorbild der großen Städte zunächst die mittleren, bann auch die kleineren und schließlich , e d e Gemeinde ihr eigenes E l ektrizitäts- werk erhalten würde und nur, wo selbständige Werke aus wirtschaftlichen Gründen nicht angängig seien, dachte man die Stromerzeugungsanlagen mit bestehenden Fabrikbetrieben, mit Sägewerken, Mühlen und dergleichen zu. verbinden. Höchstens den Städten mit Drehstromwerken traute man zu, daß sie über den Stadtbereich hinausgreifend die in unmittelbarer Nähe gelegenen Gemeinden versorgen könnten. Da kam der Umschwung durch bas Rheinifch-Westfälifche und das Ober- schlesische Elektrizitätswerk. Für sie war es verhältnismäßig leicht, die Umkehr ein» zuleiten, weil in Rheinland-Westfalen und Oberschlesien alle Vorbedingungen für eine erfolgreiche Begründung von Ueberlandanlagen gegeben sind: dichte Besiedlung und Kohle am Ort. Damit kam für die Ueberlandzentralen eine neue Zeit. Alsbald setzte ein Wettrennen um die Absatzgebiete ein. Das Jahrzehnt, das inzwischen vergangen war, war dem technischen Fortschritt zugute gekommen, besonders die Betriebssicherheit der Berteilunasanlagen war wesentlich vervollkommnet worden. Zu diesen Fortschritten kamen die großen Vorteile hinzu, die auf dem Gebiet der Energieerzeugungsanlagen erreicht wurden. Tatsächlich war die Erfindung der Dampfturbine gewissermaßen die Vorbedingung für die Errichtung der großen Kraftwerke. Gleiche Fortschritte zeigten sich bei der Vervollkommnung der Kessel- sowie der Schaltanlagen. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Entwicklung der Ueberlandzentralen war die Erfindung der Metallfadenlampen, die eine plötzliche Verbilligung um 70 Prozent brachte, ferner die Verbilligung der Elektromotoren und der Installationen. In diese Lage sah sich die Prooinzvertretung im Anfang dieses Jahrhunderts versetzt, als die Frage akut wurde, ob sie selb st die Elektrizitätsversorgung der oberhessischen Bevölkerung in die Hand nehmen oder sie anderen überlassen wolle. Als andere tarnen damals fast ausschließlich Privat- unternehmungen in Frage, da die Städte mit eigenen Elektrizitätswerken, die In erster Linie berufen gewesen wären, die Versorgung des flachen Landes mit zu übernehmen, sich ganz passiv ucr- hielten. Die Voraussetzungen in Oberhessen waren insofern nicht ungünstig, als bas Gebiet mit' Ausnahme einiger weniger Stäbte, bie bereits eigene Werke hatten, noch unbeackert war, unb somit einer einheitlichen Durchführung ber Elektrizitätsversorgung nichts im Wege staub. Schon näherten sich auch hier bie Drähte den Grenzen, unb es hieß zufassen, um bei ber letzten Verteilung nicht ausgeschaltet zu werben. So tauchte zuerst bas Projekt auf, eine Wasserkraft im Vogelsberg auszubauen. Dieser Plan begegnete jeboch großen Schwierigkeiten, weil bie Wasserkraft ber Nibbcr großen Schwankungen unterworfen ist unb auch bie Anlage von Stauweihern in zwei Tälern nicht genügt hätte, um über bie wasserarme Zeit hinwegzukommen. Es hätte also gleichzeitig eine Dampfreserve geschaffen werben müssen, wodurch die Anlage- und Erzeugungskosten sehr ungünstig beeinflußt worden Laudach, Marktplatz mit Schloß. trennenden Bergrücken von 70 Meter Höhe getrieben, das beim Aufstau überschüssige Wasser der Nidder nach dem Staubecken im Hillersbachtal abführt, ober aber während der Tätigkeit des Turbinenwerks das im Stauweiher aufgespeicherte Wasser in den Werkkanal leitet, der das Wasser . - beider Staubecken dem Wasserschloß zuführt. Die unternehmen, das feine Abnehmer größtenteils verstreut auf dem platten Lande aufsuchen muß. Da Seite 42 Gießener Anzeiger * Jubiläums-Ausgabe Sechstes Blatt Handwerk und Gewerbe in Giehen. Bon Oberstudienrat Professor Dr. G. Krausmüller, Giehen. Die geschichtliche Entwicklung unseres einheimischen Gewerbewesens ist aufs engste mit der Geschichte des hiesigen Gewerbevereins verbunden. Dieser wurde als einer der ältesten Bereine 1840 gegründet und war ein Glied des Hessischen Landesgewerbeoereins, der feine Tätigkeit bereits 1835 begonnen hatte. Die zahlreichen Sitzungsprotokolle aus den 30er und 40er Jahren zeigen, daß er an allen Fragen, die damals für die Förderung der Gewerbe im Bordergrund standen, energisch mitgearbeitet hat. Unter diesen waren es vor allem die Fragen der Arbeitsbeschaffung und der Ver- besserung der beruflichen Ausbildung. Mit berechtigtem Stolze kann das Handwerk in Gießen aus den ältesten Akten des Gewerbevereins feststellen, daß in den Bereinssitzungen neben dem Gewerbe- treibenden der Gelehrte saß, der seine Wissenschaft hier gern der Praxis dienstbar machte, sicher nicht zum Schaden dieser Berufsstände, daß z. B. Professor Dr. Justus Liebig zu seinen Gründern gehörte und lange Jahre Mitglied des 2. Ausschusses des Landesgewerbeoereins war, dem die Behandlung der Fragen der chemischen Technik oblag. In diesem Ausschuß wurde z. B. auf, Antrag von Liebig beschlossen, „um jungen Handwerkern die Möglichkeit zu Reisen ins Ausland zu verschaffen, um sich in den dortigen Industrien nützliche Erfahrungen zu sammeln und hierdurch dem Vaterlande Vorteile zu bringen, Reisestipendien festzusetzen". Die Bedeutung dieses Antrags wird man heute nicht ganz ermessen, wo man weiß, daß deutsche Wissenschaft, deutscher Fleiß und deutsche Gründlichkeit für sich Erzeugnisse geschaffen haben und schaffen, die m der Welt obenan stehen. Vor nahezu hundert Jahren war das anders. Das geht aus der Begründung eines Antrags verschiedener Landtagsabgeordneter (Fritz Schenk, Ernst Emil H o f f m a n n und E l w e r t) im Jahre 1833 hervor, der die Gründung eines Gewerbevereins bezweckte. Dieser sagte u. a.: „Deutschland kann mit Recht den Stolz in sich tragen, daß seine Bewohner nicht allein an wahrer Volksbildung, sondern auch in den meisten Fächern der Wissenschaften allen Völkern Europas entweder gleichstehsn oder sie in mancher Beziehung übertreffen. Allein es war immer ein Hauptfehler in unserem Vaterlande, daß die Wissenschaften nur abstrakt behandelt und daß sie nicht, um größeren Wohlstand und größeres Glück im Volke zu verbreiten, benutzt wurden. Wie anders ist dies in England und Frankreich. Dort werden die Wissenschaften nicht bloß für sich getrieben, sondern insbesondere für das Leben in nützliche Anwendung gebracht, und dies mag eine Hauptveranlassung sein, daß England und Frankreich dem sonst mit so vielem Geistigen versehenen Deutschland in den meisten Zweigen der Industrie vorangeeilt sind. Das vorzüglichste Mittel, der gewerbetreibenden Klasse die Vorteile zuzuwenden, welche sie aus den Wissenschaften ziehen kann, möchte die Bildung eines Gewerbevereins fein. Es ist von den patriotischen Gesinnungen der Hessen zu erwarten, daß sich diesem Wunsche nicht allein Gewerbetreibende, sondern vorzüglich die Männer des Großherzogtums anschließen werden, welche durch die Art ihrer wissenschaftlichen Bildung den Gewerben die aus den Wissenschaften zu ziehenden Vorteile zuwenden können, und auf diese Weise möchte es gelingen, aus der Blüte der Wissenschaften Früchte für die Gewerbe zu erringen. Wenn nun die Sitzungsprotokolle des hiesigen Gewerbevereins in den verschiedenen Jahrzehnten neben Liebig die Namen S ch m i t t h e n n e r, Buff, Zamminer, von Ritgen, Will, Knapp u. a. aufweisen, so beweist dies, daß der Ruf jener Landtagsabgeordneten nicht vergeblich erklungen war, und daß das Handwerk jener Zeit sicher gut beraten war, eine Tatsache, an der das Handwerk unserer Tage nicht achtlos vorübergehen sollte. Sehr interessante Ausführungen über „die geschichtliche Entwicklung und den jetzigen Zustand der Gewerbe in Gießen" machte in der Generalversammlung der Mitglieder des Landesgewerbe- vereins am 7. September 1881 der damalige Vorsitzende des hiesigen Gewerbevereins, Prof. Dr. von Ritgen. Er streifte zunächst in der Einleitung die Verhältnisse in Gießen durch die verschiedenen Jahrhunderte hindurch von seiner Gründung im 12. Jahrhundert an und wies sodann darauf hin, daß mit der Schleifung der Festungswerke (1805—1810) erst mit der gesunderen Luft die Einwohnerzahl zunahm und Handel und Gewerbe sich reier regten. In einer Statistik aus 1829 finden ich über die Verhältnisse in Gießen folgende Aus- uhrungen: „Die Bevölkerung von Giehen beträgt mit Einschluß der Studenten und Gymnasiasten 7224 Seelen in 766 Häusern. Die Hauptnahrungszweige sind Acker- und Gartenbau, Viehzucht, einige Fabriken, Handwerke, die Straßengewerbe, der Handel, die Provinzial- und Bezirksbehörden und die Universität. Die Stadt hat zwei Rauchtabaksfabriken, die viele Hände beschäftigen, Liqueur- und Essigfabrikanten, Seifenmacher und Lichterzieher, Strumpfweber, Hutmacher, Roth- und Weißgerber, Büchsenmacher, Messerschmiede, Gold- und Silberarbeiter, mehrere Bierbrauer, wovon auch einer englisches Porterbier macht. Buchhandlungen hat Gießen 3, Buchdruckereien 2, ferner 1 Mahl-, i Oel- und 1 Walkmühle." Im Vergleich mit anderen Städten war der Handwerkerstand in Gießen weit zurückgeblieben. Pros. v. Ritgen führte diese Tatsache daraus zurück, daß, „während an anderen Orten die jungen Handwerker weite Reisen unternahmen und sich in großen Städten zu unterrichten und auszubilden suchten, der Gießener Handwerksbursche hübsch in der Nähe blieb, das väterliche Gewerbe, wie es war, übernahm und es ebenso mangelhaft und un= verbessert sortführte, wie es der Vater betrieben hatte." Insbesondere waren die Bauhandwerker weit hinter denen anderer Städte zurückgeblieben, weil für sie geeignete Schulen fehlten. Die ganzen Verhältnisse änderten sich mit einem Schlag mit der Erfindung der Eisenbahnen und Dampfmaschinen und insbesondere mit der ungeheuren Entwicklung der chemischen und technischen Wissenschaften. Welche ungeheueren Umwälzungen wurden hierdurch bedingt, welche unglaublichen Fortschritte auf kulturellem Gebiet wurzeln in dieser Zeit! Die Denkschrift der Hessischen Zentralstelle für die Gewerbe zum 75. Jubiläum des Landesgewerbeoereins (1908) weift auf diese Zeit des größten Um- und Aufschwungs unseres Wirtschaftslebens hin, indem sie sogt: „Wer aber im zwanzigsten Jahrhundert auf eine solche Zahl von Jahren als Mitwirkender Umschau halten kann, der hat an Kulturfortschritten genossen, was sich sonst nur im Verlauf von Jahrhunderten zu vollziehen pflegte, für den ist die Zeit mit Sieben- meilenftiefeln vorangeschritten. Vor 75 Jahren noch keine Eisenbahnen, kein Verkehr von wesentlicher Bedeutung! — Und heute welche Erfolge, welche Fortschritte! Vor hundert Jahren noch die verbesserte Buchdruckerpresse der Nachfolger Gutenbergs, und heute die Rotationsmaschine, die Galvanoplastik und das Papier ohne Ende! Vor hundert Jahren der alte historische, wenig verbesserte Webstuhl, und heute der elektromechanische Stuhl mit Jacquards geistreicher Erfindung. Das Jahrhundert der Chemie mit allen ihren Einwirkungen auf Landwirtschaft, Handel und Gewerbe: die Entdeckung der Spektralanalyse, die Wunder der Physik in ihrer praktischen Verwertung; die Dampfkraft, die Elektrizität, die Fortschritte von der Legung des transatlantischen Kabels bis zur Telegraphie ohne Draht; die unglaublichen Erfolge der Wechselwirkungen von Chemie und Physik, von der Entdeckung der Grundgesetze bis zu den X-Strahlen und den Geheimnissen des Radiums und Heliums!" Die hiermit einsetzende Entwicklung des einheimischen Gewerbes glaubt Prof. v. Ritgen am besten dadurch dartun zu können, daß er neben die oben mitgeteilten Zahlen aus 1829 die von 1881 (Zeit seines Vortrags) setzt und vergleicht. Er sagt: „1830 gab es in Gießen noch keinen selbständigen Bauunternehmer und keinen Privatarchitekten, gegenwärtig haben wir 7 Bauunternehmer und 10 Prioatarchitekten ohne die Staatstechniker. Den Herren Hoch, Adami und Petri verdanken wir viel schöne Häuser. Statt dreier Backsteinfabrikanten bestehen gegenwärtig 16, statt dreier Steinhauermeister 7, nebst 3 Steinplatten-Händlern. Statt 15 Schreinern jetzt 59, und darunter einige sehr ausgezeichnete; 1 Dampfschreinerei von Stückrath. Statt 6—7 Schlossern jetzt 15, von welchen einige sehr geschickte Arbeiter sind, z. B. I. Kreiling und Karl Stohr. Statt 3 Dachdeckern jetzt 8. Statt 3 Zimmermeistern jetzt 6. Am weitesten zurück unter den Bauhandwerkern waren früher die Weißbinder, jetzt wetteifern sie mit den Frankfurtern, und gibt es deren 17 Meister in Gießen. Spengler haben wir 12, Lackierer 18, darunter viele sehr geschickte; Karl Leib zeichnete sich auf der Ausstellung in Offenbach aus. Glaser find 8, und Heinrich Keck mit einem Geschäft von großer Ausdehnung. Unter den Fabriken Gießens stehen der Zahl und der Ausdehnung der Geschäfte nach die Tobaks- und Zigarrenfabriken oben an. Vor allem Georg Carl Gail, Inhaber der 1812 gegründeten Fabrik und Firma Georg Philipp Gail. Dann Georg Heinrich Schirmer, beide Fabriken mit weit ins In- und Ausland gehenden Rauchtabaken. Georg Carl Gail aber auch mit Zigarren. Diese Fabriken haben auch Filialanstalten in den benachbarten Dörfern, so daß die 20 vorhandenen Fabriken jetzt über 3000 Arbeiter beschäftigen. Wir erwähnen nur kurz die bedeutenderen Firmen: Fr. Bender & Louis Wallenfels, Siegmund Bock, Burk & Stork, Georgi & Klingspor, Arnold Müller, I. B. Noll (Inhaber Adolph Noll). Zu den Zigarren gehört das Bier, deshalb mögen hier die Brauereibesitzer folgen. Es find ihrer in Gießen 9. Darunter haben wohl die Aktienbrauerei (Vorstand: Georg Heß und Georg Noll) und dann Friedrich Textor auf der Hardt das größte Geschäft, auch in Exportbier. Im Anschluß an die Brauereien gibt es jetzt 17 Küfermeister in Gießen. Ein noch ziemlich neuer, aber gleichwohl schon ausgezeichneter Betriebszweig in unserer Stadt sind 4 Maschinenfabriken Heyligenstaedt & Co. zeichneten sich schon bei der Ausstellung in Offenbach durch ihre landwirtschaftlichen Maschinen aus. Auch Mengel und Nenzel sind bekannte Firmen. Großes Verdienst und weithin bekannte Namen haben sich die Baumwoll- und Leinwaren- fabrikation Gießens erworben. Es sind die berühmten Firmen: Homberger, Gebrüder & Söhne, Hornberger & Löwe, Jughardt & Ottens. Ein bedeutendes Unternehmen ist die Margarethen- hütte unweit des Bahnhofs, Eisenhütte mit Hochofen; sie stand in der ungünstigen Eisenzeit eine Zeit lang still, ist aber jetzt in Besitz der Gebrüder Buderus übergegangen und seitdem wieder in voller Tätigkeit. Bergwerks Ixej itzer sind: Balthaser Emmerich, E. W. Fernie," das große Braunsteinbergwerk, dessen Hauptergebnis aber gegenwärtig nicht aus dem Braunstein, sondern aus dem gleichzeitig vorkommenden Eisenstein gewonnen wird. Ferner der Hessisch-Rheinische Bergbau-Verein, und die 'Herren Louis Petri II. und Ludwitz Rübsamen, — Buchdruckerei- Besitzer gibt es jetzt 5 in Gießen; sie alle arbeiten mit Schnelldruckpressen. — Verlagsbuchhandlungen haben wir jetzt 6, und von diesen sind 3 zugleich Sortiments-Handlungen: Fehsenseld, W. Ferber und Anton Franz Ricker. — Eine Industrie besonderer Art hat sich feit Liebigs und Buffs Anregung bei uns erhalten; es ist die Herstellung von chemischen Wagen und Gewichten und von anderen physikalischen Apparaten; N. Hosch, Liebrich, Möller, Chr. Jung und Staubinger & Co. liefern Arbeiten von wahrer Unübertrefflichkeit. — Chirurgische Instrumente werden ausgezeichnet verfertigt von Heinr. Schmidt und Jakob Schellenberg. — Chemische Fabriken sind die von Georg Throm, neben der Margarethenhütte und die Farbenfabrik von Dröscher & Simon. — Daran reihen sich 6 Färbereien und Druckereien, 3 Essigsabriken und das Gießener Gaswerk, zwei Kunstwäschereien, 4 Lackfabriken, 3 Mineralwasser- Fabriken, 4 Gerbereien. — Ferner besitzen wir in Gießen: 1 Stereotypengießerei der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei, 3 Steindruckereien: Brühl, Loos und Wenzel. 1 Drechslerwarenfabrik von Christ. Daudt und 9 Drechsler; von diesen beteiligten sich Moritz Gregori & Sohn an bei Offenbacher Ausstellung. 1 Feilenhauer: Gust. Rögener. 1 Fabrik feuerfester Kassenschränke von Rudolf Wolf. 2 Gelbgießer. 2 Handschuhfabriken: K. F. Niekau unb W. Wirsig. 1. Korsettenfabrik: Koch & Patz. 1 Drahtflechterei. 7 Korbmacher. 2Lampew- fabriken: Kaufmann & Co. unb Fr. Habenicht. 3 Kupferschmiebe. 2 Gürtler. 2 Kammacher. 9 Kappenmacher. 2Bürsten- unb Pinselfabrikanten. 5 Pumpenmacher. 2 Schirmfabrikanten. 12 Sattler. 11 Schmiede. 4 Seiler. 5 Stuhlflechter. 13 Buch- binber. 49 Schneiber. 96 Schuhmacher; dieses surr QUALITATSB1ERE rrrrrrrrrmrrrrrrmttrmrrrrmrrrrrrrrrttW Kommanöit-Gesellfihast Lich, Oberhessen Gegründet 1854 empfiehlt ihre hervorragenden BRAUEREI JHRING-MELCHIOR Gießener Anzeiger • Jubiläums-Ausgabe Seite 43 und Frankfurt am Main-West > Berlin-Heinersdorf mit Zweigniederlassung Düsseldorf, Birkenstraße 2a Schmidtfarben sind unübertroffen für 8 Fabriken im Ausland Telegramm-Adresse: Farbenschmldt X Der neue Reichskommissar für Handwerk und Kleingewerbe, Ministerialrat Dr. Hoppe, hat bei seinem Dienstantritt in diesen Tagen auf diese schwierige Lage hingewiesen und u. a. gesagt: „Allgemein wird als nötig anerkannt, daß es erforderlich ist, durch Schaffung einer festen Organi- sationslage, durch Stützung seines Kreditwesens dem deutschen Handwerk wieder die Möglichkeit zu geben, seine wirtschaftlich notwendige Stellung im Produktionsprozeß auszufüllen." Wer die Verhält- niffe des gewerblichen Mittelstandes kennt, kann nur hoffen und wünschen, daß es bald möglich werden möge, diese programmatischen Ausführungen des Reichskommissars in die Tat umzusetzen zum Heil für den in ehrlicher Arbeit um seine Existenz schwer ringenden Handwerkcr- Gewerbestand. Zeitungsdruck • Steindruck • Buchdruck ■ Prägedruck Offsetdruck • Lichtdruck -Tiefdruck Gebrüder Schmidt 6. m, b. H Druckfarbenfabriken lJul ’d) eit PiPhinC , , l|« «Ä; U i Ifi* [Jen Apparaten; R. $""9 und Gtaubinoer & (fn UnüberÄ^ ,‘yente "nifc W1 unb Fabriken sind "eben der Margarethen, °on Lröschrr & Simon. v°rbereien und Druckereien a-Giebmer lga-werk A ichnbrllen, 3 Mineralwasser. 7- Ferner besitzen wir in Jngiefjerei dec Briihlh'chen 3 Eteindruckereien: Brühl, 1 DreMlerworenfabrik von Drechsler; von diesen be. -gort & Sohn an der Offen« jeilentjauer: Gust. Rogener. Kassenjchränke von Rudolf handschuhsabriken: K. F. g. 1. Korsettensabrik: koch 1 Korbmacher. 2 Lampen- & Co. und Fr. habenicht. 2 Gürtler. 2 Kammacher, ürsten- und Pinlelsabrikanlen. Echirmsabrikanten. 12 Call- eilet. 5 Stuhlslechter. 13 Bich r. 96 Schuhmacher; diese, Steincn und Erden gewesen, welche seit undenklichen Zeiten bis zur Gegenwart mit immer steigender Bedeutung dem gewerblichen Leben teilweise das Gspräge gegeben haben. Weiter waren es die Wasserläufe, welche zum Gewerbefleiß anreizten. Die zahlreichen Bäche und Flüßchen des Vogels- gebirges, welches in einer Ausdehnung von 80 Kilometer Länge und 50 Kilometer Breite den größten Teil von Oberhessen einnimmt, bildeten in einer Zeit, wo man die Kraft des Dampfes, der Elektri- zität und die gleichmäßige Erfassung der Wasser- träfte in Talsperren noch nicht kannte, mit ihrem mehr oder minder starken Gefälle die einzige Kraftquelle für gewerbliche Anlagen wie Hammer- und Pochwerke. Eine nicht minder bedeutsame Rolle spielte ferner schon in den frühesten Zeiten der Waldreichtum seines Gebietes. So darf es auch nicht Wunder nehmen, daß das waldige Bergland des Vogelsgebirges verschiedenen Gewerbezweigen un- entbehrliche Roh- und Hilfsstoffe in Gestalt von Holz und Holzkohle lieferte und die Grundlage für ihre gewerbliche Tätigkeit abgab. Und nicht zuletzt sand die Entfaltung des Gewerbefleißes eine wirk- fame Unterstützung und Förderung in der Erschließung des Verkehrs durch die Anlage von Wegen und Straßen. Roch heute kann man an den verschiedensten Stellen der Provinz, z. B. in der Wetterau, Spuren von Handelsstraßen finden, auf denen schon in römischer Zeit der Verkehr sich bewegte und abwickelte. So konnte es bei dem Vorhandensein aller dieser natürlichen und historischen Grundlagen nicht ausbleiben, daß auch in der Provinz Oberhessen ein mannigfaltiges und reiches Gewerbeleben schon früh entstand, im Laufe der Zeit, unterstützt von den Errungenschaften der Technik und den Fortschritten des Verkehrs der jüngeren Gegenwart, sich immer mächtiger entfaltete und heute eine beachtenswerte Stellung in der Gesamtwirtschaft des Hessenlandes und darüber hinaus des deutschen Volkes einnimmt. Wohl den besten und beredtetften Beweis für die Mannigfaltigkeit und die Leistungsfähigkeit des oberhessischen Gewerbefleißes hat die im Jahre 1914 veranstaltete Gewerbeausstellung in Gießen erbracht. Drei Arten von Bergbau*) sind es, welche von alters her in Oberhessen betrieben worden sind *) Es kann natürlich nicht Aufgabe dieser Abhandlung sein, nun alle in Oberhessen vorhandenen Zweige von Industrie und Handel ausführlich und lückenlos zur Darstellung zu bringen. Sie soll viel- mehr nur in einem skizzenhaften Ueberblick die wirtschaftliche Struktur dieses hessischen Gebietsteiles zeigen. Wenn dabei einige Industriezweige herausgestellt worden sind, so ist dies deshalb geschehen, weil sie vor anderen schon an Zahl heroor- ragen und auch durch ihre Anhäufung an bestimmten Plätzen dem Wirtschaftsleben der Provinz bis zu einem gewissen Grade ihr Gepräge gegeben haben. Solche Hauptindustrien sind der Bergbau, die Industrie der Steine und Erden, die Textil- und die Holzindustrie, die Eisenindustrie und "die Metallverarbeitung und schließlich die Tabak- und Zigarrenindustrie. — Da die historische Entwicklung des oberhessischen Bergbaues und seine Bedeutung in der Gegenwart Gegenstand einer besonderen Betrachtung im Rahmen der Festschrift sein wird, so ist in dieser Abhandlung nur das Wichtigste vom Bergbau in gedrängtester Form gesagt worden. und in der Gegenwart mit besonderer Intensität gepflegt werden: die Gewinnung von Erzen, Kohlen und Salzen. Was zunächst die Gewinnung von Salzen anbetrifft, so braucht man nur die schöne und berühmte Bäderstadt Nauheim und die Orte Groß-Karben, Salzhausen, Selters und Vilbel zu nennen, um die heutige wirtschaftliche Bedeutung dieses Zweiges des oberhefpschen Bergbaues in seiner vollen Größe zu ermessen. Für die Bedeutung des Eisenerzbergbaues ist es bezeichnend, daß Oberhessen mit seiner Förderung von Eisenerzen an vierter Stelle unter den deut- schen Landesteilen steht. Von den verschiedenen Eisenerzbergwerken besitzen z. Z. die in den Gruben bei Gambach, Griedel, Ober-Roßbach, Lang-Göns, Pohl-Göns und Leih, gestern gewonnenen Stückerze, die eijenmangan- haltigen Erze in der Gießener und Großen- Lindener Gemarkung sowie die Basalteisensteine bei Nieder-Ohmen und Ilsdorf erhöhte wirtschaftliche Bedeutung. Der Braunkohlenbergbau ist der geschichtlich jüngste Zweig des oberhessischen Bergbaus; er kann auf eine erst hundertjährige Vergangenheit zurückblicken und feine Lebensdauer wird auf noch 200 Jahre berechnet. Die bedeutendsten Gruben, welche die junge Wetter- auer Kohle abbauen, sind die Gruben bei Hungen, Wölfersheim, Weckesheim und Lubmigsl) Öffnung. Schließlich sei noch eines Vorkommens im oberhefsischen Boden gedacht, nämlich des Bauxits. Wie der Eisenerz- und der Braunkohlenbergbau im Weltkrieg eine ganz außerordentliche Bedeutung gewonnen hat, so waren und sind noch heute auch die Bauxitvorkommen des Vogelsberges für die Aluminium- und Tonerde- Industrie stark begehrt. Der sonstige Reichtum an Steinen und (£ r b e n ist bie Grunblage für eine weitverzweigte und hochentwickelte bodenständige Industrie geworben. An erster Stelle ist bas Basalt- und Steinbruchgewerbezu nennen, das sich vornehmlich an den Gehängen des Vogelsbergs und seiner Ausläufer — stellt doch der Vogelsberg mit einer Fläche von 230 000 Hektar das größte Basalt- gebiet Europas dar — angefiedelt hat. Säulen- bafalte, in ihrer ganzen Länge ober gebrochen, bas gesamte Material für den Straßen- und Wegbau, für den Unterbau der Eisenbahnen wie Pflaster- steine. Grenz- und Bordsteine, Kleinschlag, Schrott, Splitt, werden hier gewonnen und weit über die nähere Umgebung hinaus, in Friedenszeiten sogar bis nach Holland, zum Versand gebracht. Aus dem Quarzit als Urgestein werden Schamottesteine und Dynamobürften hergestellt. Während erstere vor- nehmlich in Hüttenwerken Verwendung finden, werden die letzteren als Speziakität im aus- gesprochenem Sinne hauptsächlich in Elektrizitäts- werken, von Straßenbahnen und in der gesamten chemischen- und Schwerindustrie gebraucht. Die In- dustrie der Erden baut sich auf das reiche Vorkommen von Ton auf. Die ursprüngliche und auch einfachste Form der Verwendung des Tons ist die Fabrikation von Ziegeln. Als Rohstoffe der Ziegelei dienen im allgemeinen die geringeren, unter dem Namen Lehm bekannten Tonarten. In den Betrieben der Sein Ferami f, die mit den neuesten Maschinen für die Tonzubereitung ausgeftattet sind, werden Verblendsteine in den verschiedensten Farben, Drainröhren, Bauterrakotten, Glasuren, Fliesen Platten und Wandbekleidungen hergestellt, Die' Handel und Industrie in Oberhessen. Don Handelskammer-Syndikus Dr. Zeidler, Gießen. Wenn man das wirtschaftliche Gebilde eines Landes oder eines seiner Gebietsteile erfassen und zur Darstellung bringen will, dann reicht hierzu die bloße Kenntnis von den verschiedenen Beschäftigungsarten seiner Bewohner nicht aus. Zum lieferen Verständnis von Land und Leuten muß man vielmehr die Ursachen zu erforschen suchen, welche für den einzelnen Menschen bestimmend gewesen sind, warum er gerade diesem oder jenem Erwerbszweig zur Befriedigung seines Lebensbedürfnisses sich gewidmet hat. Fragt man sich nun einmal, welches die natürlichen und historischen Grundlagen gewerblicher Betätigung in Oberhessen gewesen sind, so kann man feststellen, daß es zunächst die Bodenverhältnisse in diesem nördlichsten Teile des ehemaligen Großherzoatums Hessen waren, welche von alters her gewissen Gewerbezweigen günstige natürliche Vorbedingungen geschaffen haben. Und zwar sind es die mannigfaltigen und reichen Bodenschätze des Vogelsberges, wie Erze, Kohlen, Salze, die verschiedensten Arten von xteibetacr S| ?let- beS Runter Gs ft d- ei'* fe ,5 euer Qfj_ ^tzi äSä toor6en. (Jsjjfttoareib 'er9er, 0Chr5fJnb die be, V°-di ’U die fDhr n 6l" be. "Ns, ^"fl> en C 9e" unb fÄ-m Gruber ^weck w'-dtt in 6. ® sÄ” r* * te, ” 8,-6- ' dem Sroiin't«-n aber "kommenden &J0 nöer" der I)eföf(h,Lft!1ftc,n ge- 'M 6, und^onÄnft Handlungen: gehfenf ih ’S (Mai bis August 191 4)" erinnern, die vom Gewerbeverein Gießen auf dem Gelände der Alten Klinik durchgeführt wurde. Diese Ausstellung, die zwei Tage vor ihrem feftgelegten offiziellen Ende geschlossen werden mußte, hatte einen vollen Erfolg. Sie hatte den vielen Tausenden Besuchern gezeigt, daß von unserem einheimischen und oberhessischen Gewerbe- stand Qualitätsarbeiten geschaffen werden konnten, Arbeiten, durch die gezeigt wurden, daß auch in der kleinsten, mit den einfachsten Hilfsmitteln ausgestatteten Werkstatt die Kunst zu Haus sein kann. Leider konnte ein Plan der Ausstellungsleitung, eine kleine Dauerausstellung handwerklicher Arbeiten hier in Gießen einzurichten, infolge des Krieges und seines unglücklichen Ausgangs nicht zur Ausführung kommen. Diese Einrichtung hätte weiten Kreisen unseres Kleingewerbes sicher von großem Nutzen sein können. Die Lage unseres Gewerbes in der Jetztzeit ist im allgemeinen, einzelne Zweige ausgenommen, sehr schwierig. Geringste Absatzmöglichkeit als Folge der ungeheuren Geldknappheit und größte Schwierigkeit in der Kreditbeschaffung lasten schwer auf ihm wie auf unserem ganzen Wirtschaftsleben. Sechstes Blatt Handwerk war von alten Zeiten her in Gießen blühend, und wurde viel für die Jahrmärkte gefertigt. 30 Metzger, von denen einige recht elegante Läden besitzen 4 Wagner. — Wenden wir uns schließlich noch zu den Kunstgewerben, so war Eießen daran lange Zeit sehr arm, und wer etwas Schönes kaufen wollte, mußte sich nach Frankfurt wenden. Seit dem letzten Jahrzehnt aber ist das anders geworden. Mit Stolz blickt der Gießer auf seinen Bild- unb Elfenbein-Schnitzer Julius Bach und seinen Prachtladen, der des Verlockenden gar Vieles bietet; auf seinen Bildhauer und Kunstschreiner Wilhelm Barthel; auf seine Büchsenmacher August Dickors und Heinrich Engel. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß wir 6 Photographen, 2 Porzellanmaler, 5 Vergolder, 21 Tapeziere und Dekorateure und 14 Konfektionsgeschäfte besitzen." Diesen interessanten Ausführungen von Prof, v. Ritgen aus 1881, in denen er eingehend die Entwicklung der einheimischen Gewerbe während fünf Jahrzehnten bartut, sei nur einiges aus ben letzten Jahrzehnten angefügt. In diesen haben sich wesentliche Aenderungen in der Zusammensetzung des Gewerbes in Gießen nicht ergeben. Einzelne Berufe sind zurückgetreten, andere sind hinzugekommen ober haben sich wesentlich erweitert. Dies zeigt deutlich eine Zusammenstellung der Berufsbevölkerung in Gießen aus den Jahren 1882, 1895 und 1907. Die Zahl der in dem betr. Berufe Beschäftigten war in Gießen z. B. für (1882 — a; 1895 — b; 1907 — c); Gärtnerei: a) 77, b) 167, c) 232; Ziegelei: a) 34, b) 149, c) 215; Grobschmiede: a) 90, b) 136, c) 150; Schlosser: a) 463, b) 703, c) 731; Maschinen: a) 67, b) 168, c) 676; Bäcker: a) 256, b) 323, c) 411; Metzger: a) 259, b) 328, c) 421; Mälzerei und Brauerei: a) 146, b) 285, c) 318; Tabak: a) 295, b) 504, c) 594; Schneider und Schneiderinnen: a) 367, b) 685, c) 773; Bauunternehmung: a) 419, b) 292, c) 1193; Tüncher: a) 191, b) 188, c) 312. Zurückgegangen sind: Schuhmacher: a) 594, b) 526, c) 432; Zimmerer: a) 69, b) 43, c) 32. Das Gewerbe in Gießen hat insgesamt durch Vergrößerung der Betriebe an Bedeutung gewonnen und ist für unser kommunales Wirtschafts, leben ein nicht zu unterschätzender Faktor geworden. Nach der Berufszählung vom 12. 6. 1907 finden sich insgesamt hier 2253 Gewerbebetriebe, die 8616 männliche und 2134 weibliche Erwerbstätige (zusammen also 10 750) umfassen. Der Gewerbestand in Gießen hat insbesondere, trotz der schwierigen Verhältnisse, die ihn in den letzten Jahrzehnten nicht hochkommen ließen, bei zwei Unternehmungen gezeigt, daß er Verständnis auch für höhere Aufgaben, die nicht in der Alltagsarbeit lagen, hatte. Im Jahre 1908 waren es Gießener Gewerbetreibende, die den Gedanken der „Errichtung eines Oberhessischen Hauses auf der Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst in Darmstadt" aufgriffen und mit Fachkollegen aus der Provinz zur Ausführung brachten. Das „O b e r h e f f i f ch e Haus" oben auf der Mathildenhöhe, nur von oberhefsischen Gewerbetreibenden errichtet und vollständig aus- gestattet, bildete einen markanten Teil jener Landesausstellung. Und wer wird sich nicht heute noch mit Stolz der „Gewerbeausstellung für Ober- Hessen und angrenzende Gebiete Seite 44 Gießener Anzeiger * Jubiläums-Ausgabe Sechstes Blatt ständige technische Vervollkommnung hat es aber mit sich gebracht, daß die Grob- und Feinkeramik sich nicht nur auf dem Gebiete der Massenproduktion ausgedehnt hat, sondern auch in baukünstlerischer Beziehung ganz Hervorragendes leistet. Bezüglich der Absatzverhältnisse sei gesagt, daß Ziegel wegen der hohen Frachtkosten nur in der näheren Umgebung, die Erzeugnisse der Feinkeramik hingegen nach allen Teilen Deutschlands, sogar nach dem Auslande, abgesetzt werden. Schließlich sei noch der Kalk- und M ö r t e l i n d u st r i e , der Zement-, Zementwaren-, Schmirgel- und Erdfarbenfabrikation (Ocker), die in zahlreichen Betrieben vertreten sind, Erwähnung getan. Insgesamt wurden in der Industrie der Steine und Erden, welche sich über alle Kreise der Provinz Oberhessen mehr oder minder stark verbreitet, im Jahre 1924 rund 3500 Personen in 142 Betrieben beschäftigt. Das Oberhessische Textilgewerbe ist sehr alt: seit urdenklichen Zeiten wurde in den weltabgeschiedenen Teilen des Vogelsberges Flachs gebaut und in den Städten und Dörfern Leinwand gewebt. Jahrhundertelang wurde die Weberei als Haus- und Einzelindustrie gepflegt, d. h. jeder Weber arbeitete auf eigenem Webstuhl in seiner Behausung und auf eigene Rechnung. Der mittelalterliche Kaufmann entwickelte aus der städtischen und bäuerlichen Privathausweberei die Derlagshausindustrie, und die Einführung des mechanischen Webstuhls um die Mitte des 19. Jahrhunderts ließ den neuzeitlichen Fabrikanten entstehen. Noch in den Zunftzeiten war die Leinen- und die Wollweberei in ganz Oberhessen verbreitet; mit der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts vollzog sich aber hierin eine allmähliche und bemerkenswerte Wandlung. Es bildeten sich nämlich bestimmte Bezirke heraus, in denen der eine oder der andere Zweig der Weberei vorherrschend wurde. So ist heute östlich des Nogels- bcrges in den Kreisen Alsfeld und Lauterbach die Leinenfabrikation überwiegend vertreten, welche sich mit der Herstellung der verschiedensten Arten von Rohleinen, wie Wattier- und Sackleinen, Leinwandtüchern, Vorhangstoffen, groben Handtüchern und als Spezialität Scheuer- und Putztüchern befaßt. Daneben werden hervorragend seine Leinen für Leib- und Tischwäsche aus Edelflachs, vereinzelt auch altdeutsche Tischdecken in mittelalterlichen Dessins angefertigt. Im Gebiete des westlichen Vogelsbergs sind in den Orten B ü - dingen, Grünberg und Schotten die Wollweberei und Strickerei beheimatet, im geringerem Maße auch die Wollspinnerei verbunden mit Wollweberei. Deren Erzeugnisse bestehen hauptsächlich aus halbwollenen Herren- und Damenklciderstoffen, Loden und Decken. In der Wette rau (Kreis Friedberg) verschwand das Textilgewerbe fast ganz mit der Umstellung der landwirtschaftlichen Betriebe auf intensivere Feldbestellung und mit der damit verbundenen Abnahme des Flachsbaues. Wie die gesamte deutsche Textilindustrie ist auch die oberhessische Weberei bezüglich des Absatzes der Weltkonjunktur unterworfen, welche bedingt wird von der herrschenden Mode, dem Ausfall der russischen Flachs- und der amerikanischen Baumwollernte und letzten Endes von dem langen Produktionsweg des Fabrikates vom Erzeuger bis zum Verbraucher. Die oberhessischen Textilerzeugnisse werden, vielleicht mit Ausnahme des Ostens in ganz Deutschland abgesetzt, und innerhalb des Reichsgebiets sind es vornehmlich zwei Hauptgegenden, welche einen großen Teil der oberhessischen Produktion aufnehmen, nämlich Rheinland-Westfalen und das rhein-mainische Wirtschaftsgebiet mit seinem Mittelpunkt Frankfurt a. M., welches schon Jahrhunderte hindurch mit der oberhessischen Weberei aufs engste verbunden ist. Doch auch der Export wird sorgfältig gepflegt, und zwar hauptsächlich von der Leinenweberei; als Exportländer kamen vor dem Kriege namentlich Amerika, die Schweiz und der Balkan in Betracht. Der Krieg hat auch in der oberhessi- schen Textilindustrie tiefgehende Spuren gezogen, welche nur allmählich verwischt werden können. Handelt es sich doch für die Zukunft nicht nur darum, Rohstoffe und Halbfabrikate wieder zu erhalten, sondern auch den Auslandmarkt wieder zu gewinnen, denn die Textilindustrie ist eine ausgesprochene Ausfuhrindustrie. Wohl hat man während der Kriegszeit, durch den Mangel an Textilfaser hierzu gezwungen, die Pflege des Flachsbaues im Inlands und die damit verbundene Errichtung von Faser-, Röst- und Aufbereitungsanstalten erneut sich angelegen sein lassen, doch die erzielte inländische Produktion genügte ja nicht annähernd dem Bedarfe der Textilindustrie. Unter den Nöten der Gegenwart — Steuerüberlastung und Kapitalmangel — hat natürlich auch die oberhessische Weberei, Spinnerei und Strickerei schwer zu leiden. Auch der Zusammenschluß der großen Spinnereien mit den Webereien in der jüngsten Vergangenheit und die dadurch bedingte Beherrschung des Garn- marktes erschweren den kleineren und mittleren Betrieben die Existenz, er hat auch schon dazu geführt, daß manche Betriebe nach dem Kriege die Produktion gar nicht wieder ausgenommen haben, sondern sich ganz auf den Handel legten. War im Verlaufe des Krieges auch der letzte Rest der Hausweberei infolge der Zwangswirtschaft von Textilien völlig verschwunden, so hat nach dem Kriege ein allerdings verschwindend geringer Teil von Handwebern die Tätigkeit wieder ausgenommen. Das oberhessische Textilgewerbe beschäftigte in 1924 insgesamt 754 Personen in 31 Betrieben. Es besitzt in der im Jahre 1897 gegründeten Webschule zu Lau- t e r b a ch eine vorbildliche Einrichtung. mit der Erschließung des Landes durch Eisenbahnen entwickeln. Und zwar hat sie sich vornehmlich in zwei Richtungen entfaltet. So finden wir im Gebiet des Vogelsberges zahlreiche Sägewerksbetriebe, von kleinen Wassermühlen anfangend bis zum modern eingerichteten Großbetriebe, verbunden mit Hobelwerk und Kistensabrikation. Als Hauptstandorte dieser holzbearbeitenden Industrie sind Alsfeld, Butzbach, Friedberg, Lauterbach, Lollar, Mücke und N i d d a zu nennen. Der Präsident der Handelskammer Gießen, Herr Kommerzienrat Schirmer. „Jede Nummer eines großen Tageblattes“ so sagt der bekannte Leipziger Nationalökonom Karl Bücher in einer Betrachtung über das Zeitungswesen, „ist ein Wunderwerk der kapitalistisch organisierten volkswirtschaftlichen Arbeitsteilung und der maschinellen Technik, ein Mittel des geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs, in dem sich die Wirkungen aller anderen Verkehrsmittel: der Eisenbahn, der Post, des Telegraphen und des Fernsprechers wie in einem Brennpunkte vereinigen. In ihm spiegelt sich die hohe Politik, die staatliche und kommunale Verwaltung, die Rechtspflege, die Kunst in allen ihren Äußerungen, die Technik, das wirtschaftliche und soziale Leben in seinen mannigfaltigen Ausstrahlungen ab; auch ein guter Teil der schöngeistigen und selbst der wissenschaftlichen Produktionen mündet seit der Ausbildung des Feuilletons in diesem großen Strom des sozialen Geisteslebens der Gegenwart aus“ In diesen Worten findet die ganze Machtfülle und die ungeheuere Bedeutung der Tagespresse unserer Zeit ihren beredtetsten Ausdruck. Sie schließen gleichzeitig die riesengroße Verantwortung ein, welche die Presse Tag für Tag übernimmt, wenn sie sich zum Träger und Interpreten der Nachrichten über alle wichtigen Vorgänge im Leben des eigenen Volks wie der fremden Völker macht. Eine ganz besonders hohe und schöne Aufgabe erwächst aber der Tagespresse in unseren, von tiefster seelischer Not erfüllten Tagen: sie soll unser Volk heraus- und emporführen aus dieser Not, indem sie ihre Spalten zu einer Pflege- und Pflanzstätte opferbereiter Vaterlands- und Heimatsliebe macht; sie soll im besonderen, wie es jüngst der Reichskanzler Dr. Luther gegenüber Vertretern der deutschen Presse treffend ausgesprochen hat, „die Stärkung unseres eigenen politischen Volksbewußtseins als höchstes Ziel beständig im Auge haben.“ Daß auch der „Gießener Anzeiger“ sich willig in den Dienst dieser hohen sittlichen Aufgabe gestellt hat, sei ihm an seinem Ehrentage, an welchem er auf eine 175jährige Vergangenheit mit Genugtuung zurückblicken darf, gern bezeugt. Der Präsident der Hessischen Handelskammer Friedberg für die Kreise Friedberg Büdingen und Schotten, Herr Kommerzienrat Langsdorf. Das 175jährige Bestehen des „Gießener Anzeigers“ ist für dieses Zeitungsorgan selbst als auch für die ober hessische Wirtschaft ein großes Ereignis. Tritt doch in dieser Zeit, in der das für unsere einheimische Wirtschaft so bedeutungsvolle Sprachrohr in seinem 176. Jahrgang erscheint, klar zutage, welche aufsteigende Entwicklungstendenzen sowohl der „Gießener Anzeiger“ als auch Oberhessens Wirtschaft verfolgt haben. Mit der wachsenden Stellung der oberhessischen Wirtschaft innerhalb des deutschen Wirtschaftslebens hat die Bedeutung des „Gießener Anzeigers“ gleichen Schritt gehalten. Nur auf der Grundlage einer aufstrebenden, gedeihenden Wirtschaft konnte ein solches Zeitungsunternehmen erstehen, das, aus kleinen Anfängen hervorgegangen, zu einem der wichtigsten Kulturgüter, sogar über die Grenzen Oberhessens hinaus, geworden ist. Als Übermittler des Neuen, als Vermittler des Angebots und der Nachfrage im oberhessischen Wirtschaftsleben, als Sprachrohr der öffentlichen Meinung, ist auch der „Gießener Anzeiger“ zum Nachrichtenvermittler für unser Handelskammergebiet geworden. So ist es erklärlich, daß ein enger Zusammenhang zwischen diesem Zeitungsorgan und der Industrie, des Handels und Gewerbes des Kammerbezirks Friedberg besteht, wie überhaupt ganz allgemein gesprochen, ein enger Konnex zwischen Wirtschaft einerseits und Presse andererseits ’festgestellt werden kann. Auf dem Gedeihen der deutschen Volkswirtschaft beruhte und beruht auch in Zukunft zum großen Teil die sichere und stetige Aufwärtsentwicklung des deutschen Zeitungswesens, wie umgekehrt die hervorragende Bedeutung der deutschen Presse für unser Wirtschaftsleben nicht verkannt werden darf. Wie die Weberei, so kann auch die oberhessi- sche Holzindustrie auf eine lange Vergangenheit zurückblicken; wie jene wurde auch die Holzoer- arbeitung in den frühesten Zeiten als Hausgewerbe betrieben. Naturgemäß konnten kunstvolle Gegenstände nicht hervorgebracht werden. In der Hauptsache waren es Erzeugnisse, welche ausschließlich für den bäuerlichen Bedarf bestimmt sind, wie Rechen, Sensenstiele, Besen, Schindeln, Dächsel- bretter, Löffel, Holzschuhe. Zu ihrer heutigen Gestalt konnte die oberhessische Holzindustrie sich erst Zum Gedeihen der jungen Industrie trug auch wesentlich die vorteilhafte Lage zum Rohstoffbezugs- gebiet bei. Der Rundholzbedarf konnte zum größten Teil aus den oberhessischen Waldungen gedeckt und nur geringe Mengen von Nadelhölzern brauchten aus den benachbarten Waldgebieten beschafft zu werden. Nicht so einfach und leicht lagen die Verhältnisse bezüglich des Absatzes der Sägewerks- Produkte, als welche vornehmlich Schnitthölzer, alle Arien von Brettern, Bohlen, Latten, Bauholz usw. in Betracht kommen. Durch die günstige Transportlage gelang es den Betrieben, ihren Erzeugnissen bei den holzverbrauchenden Industrien des Lahn- und Dillgebiets, des Siederlandes, des rheinisch- westfälischen Industriegebiets Eingang zu verschaffen und festen Boden zu gewinnen. Einzelne Sägewerke, die sich mit der Herstellung von Tele- graphenstangen und Eisenbahnschwellen als Spezialartikel befaßten, hatten im Auslande (Holland, Spanien) Abnehmer gefunden. Der infolge der Ver- forgung des Heeres und der Kriegsindustrie mit Bohlen und Bretterwerk außerordentlich gestiegene Bedarf an solchem Material hatte auch eine Vergrößerung und Vermehrung der oberhessischen- Sägewerksbetriebe zur Folge. Bei der nach dem Kriege einfetzenden Zwangsbewirtschaftung des Holzes, welche besonders in Hessen sehr streng durch- geführt wurde, kam den oberhessischen Sägewerksbesitzern ihr Zusammenschluß zu der „Vereinigung Hessischer Holzindustrieller" mit dem Sitze in Alsfeld sehr zu statten; die Vereinigung zählte in 1921 insgesamt 48 Sägewerke mit 1042 Arbeitern. Die andere Richtung, in der sich die oberhessische Holzindustrie bewegte, ist die der H 0 l z Verarbeitung zu Möbeln und sonstigen Holz- und Schnitzstoffartikeln. Auch hier kann man feststellen, daß in jahrzehntelanger Entwicklung aus kleinen handwerksmäßigen Betrieben Unternehmungen von Ansehen und Bedeutung entstanden stndr die erstklassige Waren Herstellen. Als Spezialunternehmungen im Rahmen der holzverarbeitenden Industrie verdienen besondere Erwähnung: die Alsfelder Möbelfabrik, welche Stühle und andere Sitzmöbel aus gebogenem Holze herstellt, die Friedrich-Hütte in Ruppertsburg, welche sich mit der Erzeugung von Holzkohlen und der Gewinnung anderer Produkte der trockenen Destillation des Holzes wie Hoszgeist, Essigsäure und Holzteer besaßt, und eine Unternehmung in Alsfeld, welche Tabakpfeifen aus Bruyöreholz fabriziert. Im Jahre 1924 wurden in der holzbe- und holzverarbeitenden Industrie Ober- Hessens rund 1900 Arbeiter in 131 Betrieben beschäftigt. Vollwertig und ebenbürtig reiht sich den vorgenannten Industriezweigen die E i s e n i n d u - strie und Metallverarbeitung an. Die neuere Entwicklung der ersteren hängt aufs engste mit dem Werden des Hauses Buderus zusammen; hervorragende Zeugemhierfür sind die Zweigniederlassungen der Buderusschen Eisenwerke in Hirzenhain und Lollar, die als reine Roh- eisenwerke aus eine lange und große Vergangenheit zurückblicken können. Die mannigfaltigen Erzeug- nifse dieser beiden Werke, wie Zimmeröfen, Herde, Badewannen, Heizkessel und Radiatoren genießen Weltruf. Eine außerordentliche Bereicherung fand die Eisenindustrie in Oberhessen in jüngster Zeit durch die Verlegung der bekannten Meguin- werke von Dillingen nach Butzbach; in diesem Unternehmen — heute mit den Bamag-Wcrken vereinigt —, welches weit über 1000 Arbeiter beschäftigt, werden Aufbereitungsanlagen für Kohlen, Koks, Gne, maschinelle Anlagen für Hütten-, Gas- und Wasserwerke, Eifenkonstruktionen und dgl. her- gestellt. Die M a s ch i n e n i n b u ft r i e, teilweise mit Eisengießerei verbunden, ist namhaft vertreten. Einstmals kleine, mehr für den örtlichen Bedarf und einen engeren Bezirk Angeschnitten, haben sie sich tm Laufe der Zeit zu größeren Unternehmungen entwickelt und mit ihren Erzeugnissen sogar den Weltmarkt erobert Ihre Erzeugnisse sind gar mannigfaltig; so werden z. B. in Gießen Werkzeugmaschinen aller Art hergestellt, in Butzbach und L i ch der Bau von landwirtschaftlichen Maschinen gepflegt. Die Metallverarbeitung, welche sich ebenfalls über ganz Oberhessen erstreckt, ist so mannigfaltig und spezialisiert, daß eine Beschreibung nach einheitlichen Gesichtspunkten nicht möglich ist, man müßte denn jedes einzelne Unternehmen aufführen, um seiner Bedeutung gerecht zu werden; dies aber würde über den Rahmen dieser Abhandlung hinausgehen. Es fei deshalb nur auf die Haupterzeugnisse hingewiesen. Von einer Firma, die auf eine fast 100jährige Vergangenheit zurückblicken kann und sich aus einer kleinen Metallgießerei zu einem Unternehmen ersten Ranges entwickelt hat, werden Bade- und sonstige sanitäre Einrichtungen hergestellt; eine Spezialität dieser Firma ist die gesamte technische Einrichtung von Schwimm-, Volks-, Kur- und Heilbädern wie auch Warmwasferbereitungsanlagen nach eigenem System. Spezialartikel eines anderen Unternehmens ist die Fabrikation von Fitttngs, das sind Verbindungsstücke für Gas-, Wasserleitungen, Zentral« Heizungen usw. aus Weichguß und Schmiedeeisen. Einen ebenfalls guten Ruf weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hat sich die Industrie von feinmechanischen Apparaten und Instrumenten für wissenschaftliche Zwecke erworben. Es sind ferner vorhanden Fabriken für Kassen- und Eisschränke, Metallbeschläge für feine Lederwaren, Tafel- und Rauchgeräte, Heizverkleidungen, Veleuchtungs- körper, Blechwaren und Verzinkereien, Aluminiumguß. Nicht unerwähnt seien auch die zahlreichen, teilweise großen Reparaturwerkstätten für die Auto- unb Fahrrabinbustrie. , -ETF"0" F.Guhl & Cs Graphische KunstanstaltFrankfurta.M rschast,fur A'ageS-u.Eachzertschvifken, sowie Retuschen u. Zeichnungen. em-u.mei u.Ml V I ■ 1 I ■ k Sechstes Dlatl Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Seite 45 So bietet die Eisenindustrie und Metallverarbeitung in Oberhessen ein gar reiches und buntes Bild; von ihr wurden in 1924 rund 4000 Arbeiter beschäftigt. Gerade die Beschränkung auf verhält- nismäyig wenige Typen in der Herstellung, die ständig Durchbildung und Verbesserung und die äußerte Präzision in der Ausführung haben den einzelnen Unternehmungen zu dem jetzigen Ansehen und Erfolg verhalfen. Dabei blicken die meisten von ihnen auf eine Entwicklung zurück, die sich, von Ausnahmen abgesehen, selten über 50 Jahre erstreckt. Durch den unglücklichen Ausgang des Weltkrieges ist das organische Wachstum dieses oberhessischen Industriezweiges aufgehalten worden. Für die meisten der Firmen war die Umstellung aus der Kriegs- und die Friedenswirtschaft mit nicht geringen Schwierigkeiten verknüpft. Und auch die Wiedergewinnung des Auslandmarktes kann nur in langer und zäher Arbeit in Angriff genommen werden. Die Tabak- und Zigarrenindustrie ist in den Kreisen Gießen, Schotten, Alsfeld und Lauterbach vertreten; ihr Haupl- standort ist Gießen, das heute einer der hervorragendsten Plätze dieses Industriezweiges überhaupt genannt werden darf. Als am 16. Januar 1812 der Dillenburger Kaufmann Georg Philipp Gail mit einigen Karren von Rohtabak seinen Einzug in Gießen hielt, ahnte niemcmd, daß er der Bahnbrecher für eine stattliche Industrie werden würde, welche Gießen und seiner näheren und weiteren Umgebung ihren Charakter und den Grund für das wirtschaftliche Ansehen und den Wohlstand der ganzen Gegend legen sollte. Gail begann seine Gießener Fabrik am 27. Januar 1812 mit 8 geschulten Arbeitern, die er von Dillenburg hatte kommen (offen ■ und durch die er andere Arbeiter aus Gießen und Umgegend unterrichten ließ, so daß er bald über ein hinreichend zahlreiches, gelerntes Personal verfügte. Im Jahre 1913 beschäftigte die Gießener Tabak- und Zigarrenindustrie, zu welcher sie sich im Laufe der hundert Jahre aus der Rauch- und Kautabakindustrie entwickelt hatte, 4500 Arbeiter in 70 verschiedenen Betrieben. Diese hohe Zahl der Betriebe erklärt sich aus verschiedenen Umständen. In der Zigarren» industrie ist nämlich die Frauenarbeit vorherrschend; bei dem Mangel an weiblichen Arbeitskräften in der. Stadt selbst, suchte man sich die vielfach brach liegenden Arbeitskräfte auf dem Lande dienstbar zu machen. Man gründete also auf den umliegenden Dörfern Filialen. Dadurch ersparte man diesen Frauen und Mädchen den oft weiten Weg zur Fabrik in der Stadt und genoß weiter den Vorteil, daß die in den Filialen beschäftigten Personen mit dem Rohmaterial weit sparsamer als im Hause umgingen. Es darf aber aus dem letzten Umstande nun nicht etwa der Schluß gezogen werden, daß die Fabrikarbeit aus der Heimarbeit entstanden ist. Dies trifft auf die Gießener Zigarrent n du st rie nicht zu; die Heimarbeit ist erst später aufgekommen und hat niemals ausschlaggebende Bedeutung erlangt. Nun gibt es in der gesamten deutschen Industrie kaum einen Zweig, über welchen von Anbeginn bis in die jüngste Gegenwart das Damoklesschwert von Zöllen und Steuern so geschwebt hat, wie über der Tabak- und Zigarrenindustrie. So haben dann auch die ständigen und harten Kämpfe um das Monopol und die unzähligen Steueroorlagen von den Zeiten des Zollvereins bis zur kleinen Finanzreform der Gegenwart diesen Erwerbszweig niemals so recht zur ruhigen und steten Entfaltung kommen lassen. In diesem fortwährenden und aufreibenden Abwehrkampf hat die Gießener Tabak- und Zigarrenindustrie immer mit in der vordersten Linie gestanden und sich als starkes Bollwerk bewährt. Auch während des Weltkrieges hat sie sich als ein wertvolles Glied der deutschen Zigarrenindustrie erwiesen. Unter zielbewußter und sicherer Führung erlebte die gesamte oberhessische Zigarren- industrie einen gewaltigen Aufschwung. Es kam ihr dabei der Umstand zu statten, daß in ihr die Frauenarbeit vorherrschend ist. So stieg in der Kriegszeit die Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte auf rund 6500; die Menge der beim Zollamt Gießen abgefertigten Rohtabake stieg von 13184 auf 20 000 Doppelzentner; der Wert der Zolleinnahmen betrug fast 5* Millionen Mark gegen 3 Millionen Mark zu Kriegsanfang. Die Ursache dieses gewaltigen Aufschwungs waren die großen Heeres- lieferungen, an denen alle Fabriken des Bezirks nach der Bedeutung ihres seitherigen Betriebes beteiligt waren. Allerdings erfuhr diese Lage der Industrie gegen Ende des Jahres 1916 einen ganz gewaltigen Rückschlag durch das Einfuhrverbot für Rohtabake und die dadurch bedingte Zwangsbewirtschaftung des Rohmaterials. Die Zahl der Arbeitskräfte sank ständig und ging sogar unter den Stand von 1913 zurück. Mit Aufhebung der Kontingentierung vollzog sich wieder ein Umschwung zum Bessern, der sich aber im Jahre 1923 wieder ins Gegenteil verkehrte. Die allgemein ungünstige Wirtschaftslage traf auch die oberhessische Zigarrenindustrie, was darin zum Ausdruck kam, daß 1000 Zigarrenarbeiter ohne Beschäftigung waren. Unter der gegenwärtigen allgemeinen Not — Uebermaß der Steuern und Mangel an Betriebskapital — leidet auch die Zigarrenindustrie des Bezirks schwer. Diese Lage wird noch verschlechtert dadurch, daß durch die kleine Finanzreform auch der Tabakkonsum eine weitere Belastung erfahren hat. Im Jahre 1924 wurden von der oberhessischen Tabak- und Zigarrenindustrie, zu welcher sich in jüngster Zeit eine Zigarettenfabrik hinzugesellt hat, rund 2500 Personen in 60 Haupt- und Nebenbetrieben beschäftigt. Als Hilfsgewerbe dieses Industriezweiges ist die Zigarrenkistchen- und Etikettenfabrikation zu nennen, die in mehreren namhaften Betrieben vertreten ist und Hervorragendes leistet. Wenn im vorstehenden aus den tn der Anmerkung erwähnten Gründen etwas näher, wenn auch keineswegs vollständig und erschöpfend auf diejenigen Industriezweige eingegangen morden ist, welche infolge ihrer historischen Entwicklung und durch eine gewisse Anhäufung an einzelnen Orten in diesen eine charakteristische Bedeutung erlangt ober gar einer ganzen Gegend teilweise ihr Gederen Erzeugnisse, teilweise Spezialartitel, weit über Deutschland und sogar in einzelnen Fällen über Europa hinaus den besten Ruf genießen. Im Jahre 1924 wurden insgesamt von der Industrie Ober- Hessens rund 17 000 Personen tn 578 Betrieben beschäftigt. So darf abschließend gesagt werden, daß im Verlaufe der letzten 50 Jahre Oberhessen sein Ansehen wesentlich verändert hat. Aus einem überwiegend ländlichen Bezirk mit einem beachtlichen handwerksmäßigen und heimindustriellen Gewerbe ist ein Gebiet mit starkem mittel- und groß- industriellen Einschlag geworden. Hierbei ist nicht einseitige Orientierung, sondern Vielseitigkeit das Kennzeichen seiner wirtschaftlichen Struktur. Der in Oberhessen vorhandene Großhandel hat für das gesamte Wirtschaftsleben der Provinz Oberhessen eine erhebliche Bedeutung, auf die hinzuweisen in einer Zeit allgemeiner' Unterschätzung des Zwischenhandels angebracht erscheint. Vielfach ist unter den Erfahrungen des Krieges anerkannt worden, von wie hohem volkswirtschaftlichem Werte Der Präsident der Hessischen Handwerkskammer, Herr No hl. Der Gießener Anzeiger kann in diesem Jahre auf ein ijsfähriges Bestehen zurückblicken. Für eine Tageszeitung gewiß ein seltenes Ereignis. Aus kleinen Anfängen hat sich die Zeitung in zäher Kleinarbeit zu einem beachtenswerten führenden Unternehmen für weite Gebietsteile Hessens und darüber hinaus emporgeschwungen. Trotzend aller Schwierigkeiten, den schwankenden Konjunkturverhältnissen, den Kriegs- und Wirtschaftsstürmen, hat das Blatt es verstanden, sich zu behaupten, ohne Änderung seiner Grundanschauung, den deutschen Gedanken, die Liebe zur Heimaterde immerwährend hochgehalten. Die Entwicklung des Blattes, die sich in der stets wachsenden Leserzahl wiederspiegelt, läßt erkennen, daß die hierin vertretenen Tendenzen bei den großen Massen unseres Volkes, insbesondere auch in den werktätigen Schichten, im Handwerk und Mittelstand, dauernd Anklang finden. Die Pflege, insbesondere auch des engeren Heimatgedankens, die Liebe zur eigenen Scholle, kommt zum Ausdruck in den beiden Beilagen „Gießener Familienblätter„Heimat im Bilde". Diese Grundanschauungen besonders sind es, die das Blatt für die große Zahl von Handwerksbetrieben begehrenswert und nutzbringend erscheinen läßt. Ist es doch neben dem Bauernstand das Handwerk, das als Berufsstand am meisten bodenständig ist, das Handwerk, dem die Liebe zur Heimat, zum eignen Herd, von seinen Uranfängen anim Blute liegt. Ist es aber doch auch das Handwerk, das im wahrsten Sinne des Wortes staatserhaltend ist, dem eine große geschichtliche und kulturelle Aufgabe übertragen ist, das aber gerade in den Tageszeitungen Organe miterblicken muß, die immer die Bedeutung dieses Berufs für die deutsche Wirtschaft der Öffentlichkeit vor Augen führen. Tageszeitungen, die wie der Gießener Anzeiger die Abhandlungen und Notizen der Handwerksvertretungen aufnehmen, selbst mit aufklärenden Ausführungen heraustreten und durch ihre Grundeinstellung die Ideale und Ziele einer gesunden, sich seiner Verantwortung bewußten Handwerksbewegung fördern, dienen damit den Bestrebungen auf Anerkennung und innere Festigung des Handwerks und Gewerbes. Es darf daher dem Gießener Anzeiger zur Jubelfeier auch seitens des Handwerks herzlichster Glückwunsch ausgesprochen werden mit dem Wunsche, daß auch weiterhin in der vorbezeichneten Weise die Bestrebungen des Handwerks eine eifrige Förderung finden. präge verliehen haben, so darf damit nicht die Schilderung der wirtschaftlichen Struktur Ober- Hessens als abgeschlossen angesehen werden. Im Gegenteil, Industrie und Handel sind in Oberhessen so mannigfaltig vertreten und einzelne Betriebe haben eine Bedeutung erlangt, welche sie weit über den engeren Kreis des Bezirkes hinaushebt. Angesichts ihrer Vielgestaltigkeit kann diese nur in großen Zügen nach bestimmten Erwerbsgruppen dargesiellt werden. An erster Stelle ist die N a h r u n g s» und Genußmittelindustrie zu nennen, welche außer der Zigarrenindustrie noch folgende Zweige aufweist und je nachdem in einem oder mehreren Betrieben vertreten ist: Brauerei und Mälzerei, Branntwein-, Likör- und Essigfabrikation, Apfelweinkelterei, Mineralwasserfabrikation, Mühlen, Molkereien, Nudel-, Nährmittel-, Zucker-, Konserven- unb Wurstfabrikation. Die Bekleidungs- i n b u ft r i e umfaßt Kleider-, Wäsche-, Korsetten-, Hut- und Schirmfabriken. Zu der chemischen Industrie im weitesten Sinne zählen die Betriebe der Lack-, Farben-, Oele-, Fett-, Seifen-, Leim- und Düngerfabrikation, sowie Arzneimittel. Gerbereien, Lederwaren, Handschuhe, Schuhwaren und Geschirrfabrikation machen die Lederindustrie aus. Zur Papierindustrie zählen die Papier-, Pappen-, Preßspan- und Tütenfabrikation. Last not least sei die Gummiwaren- und die Stempelfabrikation genannt. Wie schon angebeutet, befindet sich unter den eben genannten Industriezweigen eine nicht geringe Anzahl von Unternehmungen, welche auf eine lange und große Vergangenheit zurückblicken können und ein verantwortlicher, reibungslos arbeitender Verteilungsapparat, wie ihn der Großhandel darstellt, im Räderwerk der Volkswirtschaft ist. Als Hauptplätze, in denen vornehmlich die verschiedenen Gruppen des Großhandels ihren Sitz haben, kommen Gießen und Friedberg in Betracht. Die intensiv betriebene Landwirtschaft in Oberhessen bedingt einen bedeutenden Handel mit landwirtschaftlichen Produkten. Er befaßt sich mit dem Vertrieb sämtlicher Erzeugnisse der einheimischen Landwirtschaft und versorgt diese wieder mit Futtermitteln inländischer und ausländischer Herkunft sowie mit künstlichem Dünger. Ihm zur Seite steht der Handel mit S ch l a ch t - und Zuchtvieh sowie mit Pferden. Die Gießener Dieh- und Pferdemärkte, die von weither besucht werden, haben Berühmtheit erlangt, womit keineswegs die Bedeutung der zu bestimmten Zeiten des Jahres an kleineren Plätzen Oberhessens für einzelne Gattungen abgehaltenen Viehmärkte verkannt werden soll. Nicht minder groß ist die Bedeutung des Kolonial- und Materialwarengroßhandels, dessen hauptsächlichste Artikel, Zucker, Kaffee, Reis, Hülsenfrüchte, Mühlenfabrikate, Ge- würze, Oele, Heringe, Drogen und Materialwaren aller Art sind. Sein Absatzgebiet erstreckt sich weit über die Provinz Oberhessen hinaus. Auch der Großhandel mit Wein und Spirituosen ist durch namhafte Firmen vertreten. Mit dem Handel von technischen Deien und Fetten, Chemikalien, Drogen, Lacken und Farben befaßt sich eine Reihe alter und leistungsfähiger Firmen. Der Handel mit Baumaterialien, welcher ursprünglich mehr oder weniger auf die örtlichen Verhältnisse zugeschnitten war, hat es verstanden, sein Absatzgebiet immer weiter auszudehnen. Der Handel in Eisen und Eisenwaren unterhält reich- haltige Lager in den verschiedensten Sorten Eisen, Röhren, Blechen, Oesen und Kleineisenwaren und ist so jederzeit in der Lage, den Bedürfnissen der Kundschaft gerecht zu werden. Der Handel in Textilwaren aller Art, ursprünglich ebenfalls in der Hauptsache den totalen Bedürfnissen dienend, hat seine Beziehungen weit über die Grenzen Oberhessens ausgedehnt. Der Buchhandel, welcher ein besonderes Charakteristikum der Stadt Gießen ist, genießt weit über die Grenzen des Landes hinaus hohes Ansehen. Last not least sei das Bankgewerbe genannt, das durch eine Anzahl von Großbanken und leistungs- fähige Provinzbanken vertreten ist und an der Entfaltung des oberhessischen Wirtschaftslebens keinen geringen Anteil hat. Das letzte Glied in der Wirtschaftskette, welches im unmittelbaren Verkehr mit dem Verbraucher steht, und sich vom Großhandel weniger durch den Umfang als durch die Art des Geschäftes unterscheidet, ist der Einzelhandel, dem das offene Ladengeschäft eigentümlich ist. Es braucht wohl nicht besonders betont zu werden, daß der ober- hessische Kleinhandel alle Branchen ausweist, welche der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen. Die Verhältniszahl zwischen Bevölkerung und Ladengeschäften läßt sich schwer feststellen; wenn auch in einzelnen Branchen, namentlich der Lebensmittelbranche, die Zahl der Kleinhandelsgeschäfte seit Kriegsende eine Zunahme erfahren hat, so kann die Verteilung des Einzelhandels auf das gefumte oberhessische Gebiet im großen und ganzen nicht als ungesund bezeichnet werden. Gewissermaßen als eine Selbstverständlichkeit darf hierbei gesagt werden, daß in den größeren und kleineren Städten der Provinz alt eingesessene Geschäfte vorhanden sind, welche sich vornehmlich auf die Befriedigung der Lebensbedürfnisse der ländlichen Bevölkerung eingestellt haben; das trifft hauptsächlich auf die Manufaktur- und Schnittwarenbranche zu. Am Schlüsse dieser — es mag noch einmal wiederholt werden — skizzenhaften Darstellung soll im Hinblick auf das 175jährige Bestehen des Gießener Anzeigers noch ein Wort über das Zeitungsgewerbe und im Zusammenhänge damit über die Bedeutung der Tagespresse gesagt sein. „Die Presse einer bestimmten Landschaft ist wie jede andere Kulturerscheinung in ihrem Aufbau, ihrer Art von allen denjenigen Erscheinungen ihrer Umgebung bedingt, die das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben ausmachen." Das, was hier gesagt ist, gilt auch von der Zages» Öder Provinz Oberhessen. Mit dem ständigen stum der oberhessischen Wirtschaft ist auch die Zahl der Tageszeitungen gestiegen und heute kann Oberhessen eine nicht kleine Anzahl von Blättern aufweisen, darunter von solchen, welche auf eine mehr als 100jährige und sogar auf eine nahe an das zweite Jahrhundert herankommende Vergangenheit, wie z. B. der Gießener Anzeiger, zurück» blicken können, eine Tatsache, die mit dem regen geistigen Leben der Provinz mit seiner Haupt- und Universitätsstadt Gießen in Verbindung zu bringen ist.DieTagespresse derProvinzOberhessen ist natürlich in erster Linie eine Provinz- und Lokalpresse; der redaktionelle Teil der größeren Tageszeitung ist jedoch heute auf einer solchen Höhe, daß der oberhessischen Presse in ihrer Gesamtheit eine nicht geringe kulturelle und auch wirtschaftliche Bedeutung zugesprochen werden muß. Die wirtschaftliche Bedeutung einer Zeitung zeigt sich zunächst einmal darin, daß ihr Verleger ein selbständiges Glied der Volkswirtschaft ist, indem er einer bestimmten Anzahl von Angestellten und Arbeitern Verdienstmöglichkeiten schaftt. Er ist ferner industrieller Verbraucher, und zwar Großverbraucher, denn sein Hauptrohstoff, den er verbraucht, ist Papier; neben Papier benötigt er ober auch noch andere Hilfsartikel von Bedeutung, wie Maschinen, Schriften, Metalle und Farben. Von der jeweiligen wirtschaftlichen Lage des Zeitungsgewerbes hängt also bis zu einem gewissen Grads auch das Wohlergehen einer ganzen Reihe von anderen wichtigen Industriezweigen ab. Man hat weiter die Tagespresse oft die siebente Großmacht genannt, nicht so ganz mit Unrecht, denn die Presse ist aus unserem heutigen Wirtschaftsleben nicht wegzudenken. Sie ist, wie es der berühmte und bekannte Nationalökonom Bücher einmal treffend ausgesprochen hat, eine Verkehrseinrichtung und ein wichtiges Stützorgan der heutigen Volkswirtschaft. Aus dieser Tatsache erwächst aber der Tagespresse eine große und verantwortungsvolle Aufgabe, der sie nur gerecht werden kann, wenn sie engste Fühlung mit der Wirtschaft und ihren berufenen Vertretungen sucht und diese dauernd aufrecht erhält. Damit dient sie zugleich am besten auch der Allgemeinheit. Daß die oberhessische Tagespresse sich die Pflege des Heimatgedankens mit liebevoller Sorgfalt angelegen sein läßt, sei auch an dieser Stelle hervorgehoben und ihr angesichts der inneren Zerrissenheit unseres Volkes als besonderes Verdienst angerechnet. Fritz Dümpelmann • Düsseldorf 57 F einpapier gr oßhandlung Fernruf Nr. 4309 Telegramm-Anschrift: „Papierfritz“ Gegründet 1909 B WILH. FERTSCH&Co., KOMM.-GES., FRIEDBERG i. H. Gegründet 1817 0 ♦ ♦ r W F. Wulf-Aktiengesellschaft Kaiserallee 27 Telephon 1348 ♦ e* !« « « 4 * |iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii@ | August Schäfer G. m.b. h. ♦ Hungen iGberh.) | holzhanülung, Dampffägewerk und Aimmergeschäst D g begründet 1883 W | Sauholz nach Lifte geschnitten g = Lager in: Eichen-, Kiefern-, Achten- und Suchenblockdielen, Srettern, Latten, g | Spalierlatten, Nahmen und Hobeldielen V 1 Ausführung von Zimmerarbeiten D SiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHii >» >e- e e> 'S U u fr >s »s> » SKeinricfj ßfafjn gießen SSafjn/jofftraße, 8<ße eWolRengaffe Telephon EMr. 1403 Sfrcot-, cWeiß- und &ein6äcßerei STluguftSNoll „3m Stern" gießen, 3Yläus6urg12 Telepfjon 210 Warmwasserbereitungen / Lüftung / Abwärmeverwertung / Bäder / Installationen für Gas, Wasser und Elektrisch Bohrungen / Wasserversorgungen und Kan al bau Agesundheitstechnische Anlagen, GlEßCLl Großes Lager und ständige Ausstellung sanitärer Gegenstände, Beleuchtungskörper, elektrischer Koch- und Heizapparate Chr. 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Piketts "Anthrazit tenbrechkoks ^b/pe h . ^"zerfg tr Art lotzx c ^'serallee o W261 Gießener Anzeiger - Iubiläums-Ausaabe Siebentes Blatt Leite 49 trotz wesentlich Ortenberg, Schlohtnrm. Orlenberg. Der Superintendent der Provinz Oberhessen, Herr Oberkirchenrat Wagner. Kirche und Presse sollten stets in Beziehung zueinander stehen. Sie haben ein großes Ziel miteinander gemeinsam, unser Volk zu erziehen, daß es ein innerlich starkes und gesundes Volk sei und bleibe. Beide haben dazu im letzten Grunde dasselbe Mittel: die Wahrheit. Weil ich mich darin mit der Leitung des „Gießener Anzeiger“ einig weiß, nehme ich gerne Anteil an dem Jubiläum, das er begehen kann, und verbinde mit dem Danke für das, was er zur Weckung und Pflege von Heimatsinn und Vaterlandsliebe, von Treue und Pflichtgefühl, von sittlicher Lebensauffassung und Weltanschauung bisher geleistet hat, den herzlichen Wunsch, daß es ihm vergönnt sein möge, auch für die Zukunft in allem Wechsel der Zeit auf der eingeschlagenen Bahn weiter zu arbeiten zum Segen für unser deutsches Volk, insbesondere auch in unserer oberhessischen Heimat. Leider ist dieser Gesichtspunkt in der Nachkriegs, zeit mehr und mehr außer acht gelassen worden. Tatsache ist, daß die heutigen Eisenerzfrachtsätze — je noch der jeweils für den Versand zum Hüttenwerk in Betracht tonimcnben Entfernung — um 21 bis 25 Prozent, die Ausnahmefrachtsätze für den Brennstoffbezug der Hüttenwerke um mehr als 40 Prozent über den Vorkriegssätzen liegen. Tatsache ist weiter, daß der Frachtanteil an den Ge» samtkosten der Erze loko Derbrauchsstation im Ruhrgebiet heute 27L bis 31 Prozent ausmacht gegenüber nur 22 bis 25 Prozent der Vorkriegszeit, während gleichzeitig gestiegener Selb st fabrikation geliefert hat. Erst etwa seit dem vorgenannten Zeitpunkte setzte eine stärkere Förderung des Brauneisensteins an seinen verschiedenen Lagerstätten im Lahngebiet und Oberhessen und seine um- fangreichere Verwendung im Eisenhüttenbetriebe ein. Eine verhängnisvolle Wendung für den Absatz der Lahn- und Dillerze brachte die Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre erfolgte Einführung des Thomas-Gilchrist-Verfahrens in den Hüttenbetrieb mit sich, das die massenhafte Verwendung der bisher als unbrauchbar angesehenen phosphorhaltigen Erze ermöglichte. Mit einem Schlage war dem Rot- und Brauneisenstein in der billig zu gewinnenden Lothringer und Luxemburger Minette und dem wohlfeilen schwedischen Erz ein gefährlicher Wettbewerb erwachsen. Eine arge Krise brach über das Lahn- und Dillgebiet herein, und die dringenden Notschreie der Bergbautreibenden hatten schließlich das Ergebnis, daß im Jahre 1886 von es auch, daß die Hochofenwerke der Margarethen- Hütte in Gießen im Jahre 1898 und der Main- Wcscr-Hulle in Lollar im Jahre 1907 wieder aus- geblasen werden mußten. Infolge dieser Verschiebungen kam eine Verhüttung der gesamten Eisen- erzförderung innerhalb des Produktionsgebietcs nicht mehr in Betracht, nur ein Viertel bis ein Drittel davon vermögen die gegenwärtig vorhan- denen Hochofenwerke in Wetzlar, Burgsolms, Oberscheld und Haiger aufzunchmen. Der Versand der Erze nach dem Ruhrrevier und später auch nach dem Saargebiet gewann dagegen erhöhte Bedcu- tung. Andererseits hatten noch vor 50—60 Jahren die manganhaltigen Brauneisensteine des Lahn- und Dillgebietes bei den Hüttentechnikern noch wenig Beachtung gefunden: man hielt sie ihrer zu- meist mulmigen, d. h. erdiaen, nicht stückigen Be- schaffenheit und ihres verhältnismäßig hohen Phos- phorgchaltes wegen für die Verhüttung für wenig geeignet. So erklärt es sich, daß z. B. das Gießener Draunfteinbergwerk in der Lindener Mark bei Gießen früher jährlich 75 000 bis 90 000 Doppel- Zentner sauerstoffreiche Pyrofulite für die Chloranderer Seite dorthin gemachte Zugeständnisse empfindlich gestört werden kann, also eine Zwischen- lösung unter dem Damoklesschwert! Etwas anderes tut hier not! Wie in Zeiten größter wirtschaftlicher Bedrängnis der Kohlenbergbau an der Ruhr sich durch festen Zusammenschluß im Kohlensyndikat eine Waffe schmiedete, die ihn durch alle Fährnisie der folgenden Jahre hindurchfiihrte, wie jetzt die Eisenindustrie in Rheinland-Westfalen und in Oberschlesien unter dem Zwange der herrschenden Absatznot durch engeren Zusammenschluß eine Rationalisierung ihrer Produktion zu erreichen sucht und erreichen wird, so wird dem Eisenerzbergbau — und zwar nicht nur im Lahn- und Dillgebiet, sondern in ganz Deutschland — nur Gemeinsamkeit des Handelns zur Wahrung ihrer Produktions- intereffen die ersehnte Gesundung bringen können. Allerdings sind die Voraussetzungen für eine Syndizierung im Eisenerzbergbau die denkbar unaiin- stigsten. Trotz wiederholter Versuche in dieser Richtung ist der Zusammenschluß der Eisenerzgruben des Lahn- und Dillgebietes zu einer einheitlichen Ver- koufsvereinigung birher nicht gelungen: die allzu große Mannigfaltigkeit in der Zusammensetzung und den Gehalten der einzelnen Erze stand ihm hindernd im Wege. Um wie viel größer sind aber die Schwierigkeiten bei der Bildung eines das Reichsgebiet umfassenden Syndikates! nommen, daß ein einheitlicher, nur das Gesamtinteresse fördernder, totkräfttger Wille der Bergbau- treibenden auch alle diese Schwierigkeiten zu überwinden wüßte, so wäre damit erst halbe Arbeit getan: der gewünschte wirtschaftliche Erfolg, die Steigerung des Absatzes auf feinen früheren Umfang und darüber hinaus, würde erst eintreten, wenn gleichzeitig eine Eindämmung des Wettbewerbs der Auslanderze durch entsprechende Kontingentierung der Erzeinfuhr erreicht würde. Freilich könnte es sich hier nur um eine den jeweiligen Bedürfnissen der deutschen Eisenindustrie sich anpassende, also eine elastische Kontingentierung handeln, die nicht ohne weiteres auf dem üblichen Verordnungswege bewirkt werden kann. Inwieweit diese Bedürfnisfrage zu bejahen wäre, müßte stets vorher eingehend geprüft werden: jedenfalls kann es zweiselhaft erscheinen, ob heute angesichts des ausgesprochenen sprang der Absicht, für eine stärkere Verarbeitung der Eisenerze innerhalb des Produktionsgebietes selbst eine breitere Basis zu schassen. Wenn auch diese kleinen Frachtoorteile sich infolge weiterer Zu« geständnisse an den unter viel ungünstigeren wirt« schafllichen Voraussetzungen arbeitenden Minette, bergbau nur unvollkommen auswirken konnten, so kann doch immerhin zugestandcn werden, daß während der ganzen Vorkriegszeit für Ausmaß und Gestaltung der Notstandstarise für Lahn, Dill und Sieg und deren jeroeiligen Wandlungen die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der lothringisch-luxem, burger Minette und gegenüber den Auslanderzen maßgebend war. Nähe der Eisenbahnlinie Gießen—Fulda am Nordrande des Dogelsberges und an bet Gießen—Geln- hausener Bahnstrecke am Sübrande des Dogelsberges. Der noch vorhanbene und wirtschafttich gewinnbare Gesamtoorrat an Brauneisenstein im Lahngebiet und in Oberhessen wird auf 25—30 Mil- honen Tonnen geschätzt. — Als Dergleichsmaßstäbe hierzu seien folgende Zahlen genannt: Die höchste Eisenstein-Jahresförderung des Lahn- und Dill- ?ebietes einschließlich Oberhessens während der Dor- riegszeit belief sich auf annähernd 1,5 Millionen Tonnen: unter dem Drucke des Hindenburg-Pro- gramms wurde sie während der Kriegsjahre auf an- nähernd 2 Millionen Tonnen gesteigert. Die ganze deutsche Eisenerzgewinnung betrug in 1923 insgesamt 5,12 Millionen Tonnen: im Jahre 1913 hatte sie — auf das damalige Reichsgebiet bezogen — 28,6 Millionen Tonnen erreicht, wovon 7,3 Millionen Tonnen auf das jetzige Reichsgebiet entfielen. In diesen Ziffern fpiegelt sich die veränderte Bedeutung der Eisenerzvorkommen im Lahn- und Dillgebiet für die deutsche Volkswirtschaft. Der Verlust gestiegener Selb st ko st en (Materialien, Steuern, Sozialversicherung) die Verkaufs, preise des Eisensteins (offizielle Richtpreise des berg» und hüttenmännischen Vereins in Wetz, lar) um 10 Prozent unter den Durch- f dinittsertöf en des Sommers 1914 liegen. Tatsache ist ferner, daß bei Verhüttung von Minette und anderen hochwertigen Auslanderzen für die Ruhrhütten, wie auch die Hüttenwerke im Siegerland, auf die Eiseneinheit bei der heutigen Frachtlage wesentlich niedrigere Selbst, kosten entfallen als bei Verwendung von Rot- ober Brauneisenstein aus dem Lahn- unb Dillgebiet. Daß unter solchen Umständen für die günstig zur Waster- ftraße liegenden niederrheinisch-westfälischen Hütten der Anreiz zur Verwendung hochwertiger Ausland- erze, die obendrein einen niedrigeren Koksverbrauch oufweisen, noch erheblich größer ist, und bei den heutigen Eisenbahnfrachtsätzen ein Wettbewerb der Lahn-Dillerze mit ihrem relativ hohen Kieselsäure- gehakt und dem hierdurch bedingten höheren Brenn- stofsverbrauch ausgeschlossen erscheint, ist klar. Ist es daher verwunderlich, daß der grötzte Teil der Lahn, und Dillgruben heute still liegt und die Gesamtbelegschaft einschließlich Oberhessens auf knapp ein Drittel der Vorkriegszeit zurückgegangen ist? Dennoch wurden alle Anträge auf Wiederherstek. lung der alten Vorkriegs-Ausnahmetarife von der Verwaltung der Reichsbahn mit dem Hinweis ab, gelehnt, daß der Betrag, um welchen die Selbst, kosten je Tonne den erzielbaren Erlös überfteigen, ZU hoch fei, um allein durch Senkung der Frachtsätze einen Ausgleich dafür zu schaffen: es müsse auch von anderen Stellen des Reiches und besonders der beteiligten Länderregierungen nach Kräften zur Beseitigung der Notlage beigetragen werden, nachdem die Reichsbahn infolge des Londoner Abkommens nach kaufmännischen Grundsätzen verwaltet werden müsse und dieser Umstand der Einführung weiterer nicht gewinnbringender Ausnahmetarife im Wege stehen. Diese Erklärung hat dann auch gewisse Erwägungen und Untersuchungen der in De- tracht kommenden Reichs- und Staatsstellen darüber ausgelöst, ob und wie geholfen werden könne. Ein materielles Ergebnis ist leider bis heute nicht zu erkennen. Das Reichsfinanzministerium hat die not- leidenden Betriebe hinsichtlich etwaiger steuerlicher Erleichterungen seines wohlwollenden Entgegen- kommens versichern lassen, Entscheidungen aber noch nicht getroffen. Auch die preußische Finanzverwaltung nimmt noch eine abwartende Haltung ein, die auf eine Ablehnung hinauszulausen scheint, während das hessische Finanzministerium knapp und ohne Bedauern abgelehnt hat. Der wirtschaftliche Zukunftshorizont für den Eisenerzbergbau und die mit ihm auf Gedeih und Verderb verbundene heimische Eisenhüttenindustrie ist düster und scheint sich mehr und mehr verfinstern zu wollen. Mangelnde Entschlußfähigkeit, zum Teil auch wohl mangelnde Bereitwilligkeit bei den maß- gebenden Stellen lassen die Aussicht auf wirklich durchgreifende staatliche Hilfe nur gering erscheinen. der reichen lothringischen Minettelager und weiterer Eisenerzvorkommen in Ostoberjchlesien haben bewirkt, daß bei der Nachkriegsinventur unserer deutschen Eisenerzvorräte das Lahn- und Dillgebiet fast an die erste Stelle gerückt ist. Trotz erheblichen Rückganges gegen die Vorjahre belief sich 1923 die Förderung im Lahn- und Dillgebiet einschließlich Oberhessens auf rund den sechsten Teil der deutschen Gesamtförderung, während sie im Jahre 1913 nur etwa den 19. Teil der Reichsförderung ausgemacht hatte. Ueberhanpt haben die durch Fortschritte auf dem Gebiete der Eisenhüttentechnik bedingten Wechsel der volkswirtschafllichen Bedeutung bet in- ländischen Eisenerzeugung auf die Entwicklung des Eisenerzbergbaues im Lahn- und Dillgebiet eine sehr verschiedene Rückwirkung ausgeübt. Während ursprünglich die hier gewonnenen Eisenerze zunächst in Rennfeuern und später in zahlreichen Holzkohlenhochöfen, z. B. in Audenschmiede, Aßlar, Lubwigs- hütte im Kreise Biedenkopf, Nievern, Oberndorf, Kreis Wetzlar, usw. restlos auf Eisen verhüttet wurden, also innerhalb ihres Produktionsgebietes selbst Absatz fanden, änderte sich das Bild, als in den Kohlenproduktionsgebieten, vornehmlich aber im Ruhrgebiet, Koksöfen mit viel größerem Fassungsraum und entsprechend vergrößerter Leistungsfähigkeit entstanden, deren Wettbewerb die kleinen Holzkohlenhochöfen nicht gewachsen waren. Sie mußten deshalb nach und nach sämtlich stillgelegt werden, unb man versuchte burch Erbauung einiger Kokshochöfen auch im Lahn- unb Dillgebiet Ersatz dafür zu schaffen. Diese waren bem Ruhrgebiet gegenüber insofern im Hintertreffen, als ihnen burch die Brennstoffherbeischaffung von weicher eine nicht unbebeutenbe Vorbelastung erwuchs, bie sich um so wehr auswirkte, je ungünstiger frachtlich ber be- treffende Hochofen zum Kohlenrevier lag. So kam der preußischen Staatsbahnverwaltung ermäßigte Notstandstarife für den Eisenerzversand nach dem Ruhrgebiet und dem Siegerland bewilligt wurden, um den Absatz dorthin wieder zu heben. Der Erfolg dieser Maßnahme blieb zwar nicht aus, doch wurde er in ber Folge wesentlich baburch beeinträchtigt, baß man auch bem Minettebergbau auf feine Berufungsanträge hin billige Staffeltarife einräumte. Die preußische Staatsbahnverwaltung sah sich baher halb genötigt, ber aufs neue heraufbeschworenen Absatzkrise im Lahn- unb Dillgebiet — ebenso wie im Siegerlanb — burch Einräumung weiterer Frachtzugestänbnisse Rechnung zu tragen. Diese bestauben einmal in einer nochmaligen Herabsetzung ber Frachtsätze für Erz ira Dersanb nach ber Ruhr unb nach bem Siegerlanb unb sobann in ber Einführung verbilligter Brennstofftarife für bie Eisen- v - I Hütten bes Lahn- unb Dillgebietes. Letztere ent« Alle bisher von biefer Seite eingeleiteten ober in Aussicht gestellten sogenannten Hilfsmaßnahmen werben bestenfalls Stückwerk bleiben, bie wohl Er- r""" leichterung bringen, bas liebel aber nicht mit ber Wurzel beseitigen können. Im günstigsten Falle wirb bamit ein labiles Gleichgewicht geschaffen, bas jeben Augenblick burch allerlei auf Berufunaen von iBet) trafie er Staötpoff illjaus äljlroaren ijmiebe iferei iperkfta'tte ’itigwig !d)tuten(iüen r fedjtboben to to Danach jjnb also die Eisenerz-Vorkommen bie wichtigsten Lagerstätten innerhalb bes Wirtschaftsgebiets. Von befonberer Bebeutung finb Roteisenstein unb Brauneisenstein. An ber Spike steht ber Roteisenstein. Seine bauroürbigen Vorkommen lassen sich in mehrere Gruppen teilen, beren wichtigste bie ehebem zahlreichen Roteisenerzgruben bes Dilltals umfaßt. Heute beschränkt sich ihr Betrieb im wesentlichen auf bie Umgebung bes Scheibetals östlich von Dillenburg. Eine weitere Gruppe umfaßt bie Roteisensteingruben bei Löhnberg, Weilburg, Gräoeneck, Fachingen: eine weitere Gruppe von Eisenerzlaaerzügen verläuft von Philippstein über Braunfels, Dbcrnborfr Albs- Hausen unb Nauborn bis nach Wetzlar. Nach neueren Schätzungen ist, auch wenn nur eine Lautiefe von 100 bis 250 Meter angenommen wirb, doch mit einem Vorrat von 85 Millionen Tonnen Roteisenstein zu rechnen, wovon etwa je die Hälfte auf bie Dill- unb auf bie Lahnmulbe entfallen. Die manganhaltigen Brauneisenstein- oorkommen finb in ihrer Verbreitung im wesentlichen auf bie Ranbzonen ber großen Kalkzüge bes Lahngebietes unb am Oftranbc bes Gebirges bei Gießen, Butzbach unb Oberrosbach beschränkt. Daneben ist noch ber manganarme Brauneisenstein mit weniger als 4 Proz. Mangangehalt — ber so- genannte Vogelsberger Basalteisenstein — zu er- wähnen, besten Abbau im letzten Jahrzehnt vor bem Weltkriege eine rasche Entwicklung genommen hatte. Seine wichtigsten Probuktionsgebiete liegen in ber Helnnjcher Bergbau und Hüttenbetrieb. Don Dr Hans Metschke, Wetzlar. Bergbau unb Hüttenbetrieb in ben heute gemeinhin als Lahn- unb Dillgebiet bezeichneten Lanbstrichen sinb uralt Die älteste uns über ben Eisenerzbergbau erhalten gebliebene Urtunbe stammt aus bem Jahre 780 n. Ehr. Doch ist bekannt, baß bereits bie Römer, als sie am Limes bes Reiches Wacht hielten, jene Erze zur Eisen- unb Waffenherstellung oerroenbeten. Das Lahn- unb Dillgebiet bilbet ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet. Es besteht größtenteils aus Dera- land, unb es gehören ihm zu ber hohe Wefterwalb, mit Ausnahme seines Norbabhangs, bie nörblichen Abbachungen bes Taunus unb ber größte Teil bes Vogelsberges, beren höchste Erhebungen 600 bis 880 Meter über bem Meeresspiegel unb nur 60 bis 80 Meter weniger hoch über bem Spiegel bes Rheines liegen. Das Gebiet gehört zu ben walb- reichsten bes Reiches; gleichwohl ist es ziemlich bicht bevölkert. Die natürlichen Voraussetzungen für eine Erschließung unb Nutzbarmachung ber Dobenschätze waren also gegeben unb haben sich auch, wie geschichtlich feststeht, burch Jahrhunberte bis in Die jüngste Zeit hinein zu Nutz unb Frommen ber ein» gesessenen Bevölkerung ausgewirkt. Heute gilt biefe ganze Gegenb als Notstanbsgebiet! Woher ber jähe Wanbek? Sinb etwa bie Lagerstätten erschöpft, bie Bobenschätze abgebaut? Die Frage muß entschieben verneint werben! Einen Ueberblicf über bie heutige Gewinnung unb bamit die wirtschaftliche Bedeutung der einzelnen bauwürdigen Mineralien gibt folgende, sämtliche fünf in Betracht kommenden Bergreviere (Diez, Dillenburg, Oberhessen, Weilburg, Wetzlar) umfassende Förderstatistik für die Jahre 1923 und 1924: 1923 1924 Roteisenstein 527 519 to 326 955 Brauneilenstein 314 000 „ 163 105 Spateisenstein 3 452 „ 7 434 Manganerze 3 976 „ 4 265 Phosphorit 2 311 „ 2 576 Kupfererze 1 642 „ 2 919 Zinkerze 4 891 „ 14 100 Blei- und Silbererze 1 708 „ 5 381 Schwerspat 26101 „ 22 212 Braunkohlen 797 318 „ 517 684 Ton- unb Walkerbe 104 465 „ 237 557 Bauxit 5172 „ 158 Oker 724 „ 360 Kieselgur 9 560 „ 3 969 Ges. Bergwerksprobukt. 1 802 839 to 1 306 498 1 Seite 50 Giehener Anzeiger - Iudilaums-Ausgabe Kohlenüberflusses eine geringfügige Kohlen- e'rsparnis mindestens für die in den Kohlengebieten selbst liegenden Hochofenwerke allein ausschlaggebend sein soll, dem Auslanderz den Vorzug vor dem inländischen zu geben und die für einen geregelten Verhüttungsprozeß notwendigen, im Jnlanderz hinreichend vorhandenen, im Auslanderz aber nur spärlichen Schlackenbildner durch besondere Zuschläge (z. B. Baggcrsand) zu ersetzen. Im Jahre 1924 belief sich die deutsche Einfuhr an ausländischen Eisenerzen auf mehr als 3 Millionen Tonnen, ihr Wert auf 65,8 Millionen Reichsmark. Wenn auch nur ein Bruchteil davon durch Inland- crze ersetzt werden könnte, wäre schon viel gewonnen. Voraussetzung für einen solchen Terraingewinn wäre aber das Vorhandensein einer Organisation. welche nicht nur die gesamte Eisenerzförderung. sondern auch die Eisenerzeinfuhr kon- trollieren könnte. Staatliche Eingriffe in die Pro- duktions- und Absatzoerhältnisse einzelner Industriezweige sind bisher allerdings erst in wenigen Fällen erfolgt, zuerst durch das preußische Kaligesetz vom Mai 1910, später wiederholt durch Androhung der Bildung von Zwanassyndikaten für den Ruhr- kchlen- und den oberschlesischen Steinkohlenbergbau im Falle des Nichtzustandekommens der Syndikats- Verträge im Wege der freien Vereinbarung. Wäre aber bei der katastrophalen Lage im ganzen deutschen Erzbergbau für die Reichsregierung letzt nicht der Augenblick gekommen, hier einzugreifen, um auf die Bergbautreibenden wie auch den Einfuhrhandel in ähnlicher Weise richtunggebend zu wirken? Wohlgemerkt, keinerlei Zwangswirtschaft, sondern lediglich Forträumung der Hindernisse vom Wege zu einer freien Organisation! Als Korrelat zu solcher Organisation könnte zur Wahrung der berechtigten Interessen der Hüttenindustrie und zwecks stärkerer Verankerung des nationalwirtschaftlichcn Gesichtspunktes in ihrer Geschäftsführung daneben eine Art Verwaltungsrat als Beratungs- und Begutachtungsorgan geschaffen werden — ähnlich dem Reichskohlenrat: ihm könnten neben den Vertretern des Erzbergbaues und Vertretern des Einfuhrhandels auch Vertreter des Reichswirtfchoftsministeriums und der einzelnen Länderregierungen wie auch Vertreter der Hochofenwerke und eisenverarbeitenden Industrie angehören. Die Lage des Eisenerzbergbaus kann bereits als verzweifelt gelten, die Not der Gruben ist groß. Videant consules! Die Ausgaben des neuzeitlichen Städtebaues. Don Dr.-Jng. Ernst Hamm, Beigeordneter der Stadt Gießen. Der neuzeilliche Städtebau umfaßt alle Aufgaben der Wirtschaft, des Verkehrs, der Hygiene, der Aesthetik. der kulturellen und sozialen Maßnahmen. soweit sie das Stadtbild und den Stadt- organismus in irgendeiner Form beeinflussen. Um verstehen zu können, wie der Städtebau heute im einzelnen begriffen sein will, müssen wir zunächst sehen, wie sich unsere Städte im 19. Jahrhundert entwickelt haben. In diesem Zeitabschnitt ging bekanntlich Deutschland vom Agrar- zum Industriestaat über. Die Industrie besiedette entweder selbständig günstige Verkehrswege und Punkte, wo sich leicht Rohstoffe gewinnen ließen, oder sie schloß sich an Städte mit guter Verkehrstote an. Hatte die Erfindung der Dampfmaschine die Industrialisierung ermöglicht, so wurde sie beschleunigt ourch Dampfschiff und Eisenbahn. Das ausgebaute Verkehrsnetz förderte die In- dustriehäufung, da nichts mehr im Wege stand, die nötigen Rohstoffe und Lebensmitel aus der ganzen Welt zu beziehen und die Halb- oder Fertigwaren überall hin zu versenden. Fortgesetzt strömten des- halb im 19. Jahrhundert Arbeitermassen den Städten und Fabrikorten zu. die ihnen Arbeit und Unterkunft gewähren mußten. Der nach der Stadt drängende Arbeiter schichtete sozial die städtischen Bewohner um. Er forderte Unterkunft wie der Bürger und Handwerker: während dieser aber seine Arbeitsstätte vornehmlich im Haus hatte, lag die des Arbeiters in der Fabrik. Er brauchte nur eine Wohnung, und zwar die Kleinwohnung. Wohn- und Arbettsstätte hatten sich getrennt Als um das Jahr 1860 in Deutschland dieses verschärfte Wachstum der Städte eintrat, hätte sich der Städtebau auf den überlieferten Einrichtungen und Bauformen durchaus gesund weiterentwickeln können. Der eigene Hausbesitz des Arbeiters war auch in den Industrieorten stark verbreitet Miets- wohnungen befanden sich im Kleinhaus, die großen Hausformen für die Kleinwohnungen wurden kaum, die Mietskaserne überhaupt nicht angewendet. Die Städte, welche die zuströmende Be- völkerung unterzubringen hatten, waren durch ihre weitgehende Selbstverwaltung imstande, das Problem rechllich und wirtschaftlich vorteilhaft zu lösen. Demgegenüber war das tatsächliche Ergebnis durch- aus kläglich. Anstatt auf dem deutschen vorhandenen System aufzubauen, ließ man sich von dem fron» zösischen beeinflussen, vergaß dabei aber, daß es unter anderen Voraussetzungen entstanden war. Dort hatte Napoleon III. vor allen Dingen die Stadt Paris zu sanieren erstrebt. Diese städtebau- ttche Sanierungsarbeit ersteckte sich auf große Durchbruchs st raßen, um Raum für den wachsenden Verkehr zu schaffen, und auf Platzanlagen, um Licht und Luft in die Altstadt von Paris zu bringen. Es entstanden imposante Straßenzüqe und Plätze, die mit prächtigen Häusern geziert waren War das Pariser Straßenbau- system als Sanierungsmaßnahme für die Altstadt von Paris durchaus berechtigt, so wurde es zum Fehler, als man es in Deutschland auf die Stadt- erroeiterung, also auf die Neubaubezirke übertrug: der Unterschied zwischen Innenstadt und Stadterweiterung wurde dadurch verwischt. Um neuer Straßenzüge willen baute man die Städte. Der Städtebau wurde zum .Kultus der S t r ß e". Der Bebauungsplan hörte auf, der menschlichen Besiedelung zu bienen, er wurde zu einem Schema von Baublockfiguren, zu einem geo- metrischen Ornament. Durch diesen Straßenluxus wurden die Bodenpreise hochgetrieben, denn die Straßenkosten werden auf die Baustelle nach der Länge, mit der diese die Straße berührt, umgelegt. Je teurer eine Straße, desto teurer der Bauplatz. Dieses System führte zu einer schlechten Haus- form. Um möglichst wenig von den teuren Straßenkosten aufgebürdet zu bekommen, machte man die einzelne Baustelle an der Straße schmal und nach dem Innern des Baublocks (Baublock = der von Straßen umsäumte Komplex von Baustellen- l Cheodor Erb • Capezlermeilter I 8 Slshsn, Sonnenttrafoe 12 g 2 Übernahme von allen in das Fach einlchlagenden Arbeiten | 2 Z 2 Capezier-,Polffer- und Dekorafionsgefchaff | Z i 2 Z GnSG'SG'S 6<96n w>B ^läufig «SE?» l'Ä» - SniS» M ‘.“>2 m enStpnW ? ,h 2-hmZtt LSZ KsV Mn darunter ein wohl. $’bQ5 nad) (einer Nchtjg. rmtn toi dten und M HM, Mch )3 I M !M Ausgaben gestassetl muh: en und ihre Vahnhöse.dE Lagen, 21u5|aU(traben WM- Migs|trafoen (örtliche M- e5 Netz werden die «M ,, Gewerbe., Handels- W et Die moderne BaupoA isgebiete unter sich.rembch werden für 3* mnstige wirtschaftliche 2e L Lhngebieten hie um fer g^annSn AM" ,n. Jjir können jP J’e er'alshieLerkehrsftrabenge. ■fflÄffis MW :®!Sä den fiiw. .^i-benswerte §'S.KK 1U oerwlrru^j ' . eine da- polif^gbamit oer- e y®otti atW ent‘ «^♦’sjUetuUW i VtM, “hot im Srd- jützern l0^en'naeniein übliche ^iö,1Ätenaw'ebeVUK itgen 3-0re fgohen h« ’S6» «#>* Ziehende" * flhort auch^hefonhel' und, D05 e5 einer ve>M. w *?&■ “nb T* ■Ä?i? Ssjjs!» n dn§ Siebentes Blatt Stenn heute die Sanierung unserer Altstädte aus hygienisch-baupolitischen Gründen gefordert wird, — die Berechtigung dazu kann mancherorts nicht bestritten werden — so müssen wir vorsichtig abwägen, was aus unabänderlicher Notwendigkeit geopfert werden muß und was erhalten werden kann. Unter den Begriff Baupolitik fällt natürlich auch die künstlerische Gestaltung unserer Städte. Haben wir einer Stadt Ziel und Richtung im „Generalbauplan" gegeben, dann haben wir die Grundlage geschaffen, alle Bauten in den Gesamt- Organismus glücklich einzufügen und die großen kirchlichen und profanen Bauten als wertvolle Akzente im Stadtbild zu verwenden. An künstlerisch geschulten Kräften fehlt es gewiß nicht, in dem gegebenen Rahmen Gutes zu leisten. Was den Wohnbau anlangt, so hat die Bau- Politik nicht nur Wohnungen xu schaffen und ihren Platz im Rahmen gesamter städtischerEntwicklung fest- zulegen, sondern auch Art und Bauweise zu berück- sichtigen, um nicht wieder in den Fehler des städtebaulichen Systems vom 19. Jahrhundert zu ver- fallen. W o wir Wohnungen bauen sollen, hängt vom obenerwähnten Gesamtsiedelungsplan ab. W e l ch e r A r t die meisten Wohnungen sein werden, ob Klein-, Mittel- oder Großwohnungen, geht aus der Ueberlegung hervor, daß durchschnittlich 85°/o aller Stadtbewohner — die Zahl schwankt natürlich für die einzelnen Städte — sich nur die Kleinwohnung leisten können. Die Kleinwohnung wird also den Wohnvierteln unserer Städte in Zukunft das Gepräge geben. Entsprechend sind Gebiete für Klein-? Mittel- und Großwohnungen auszusondern und zu planen. W i e gebaut werden muß, im Flachoder Hochbau, kann nicht grundsätzlich entschieden werden. Die Frage darf überhaupt nicht lauten: Hoch- ober Flachbau, sondern w o Hoch- und wo Flachbau. Beide Arten sind wirtschaftlich und städtebaulich an der ihnen zukommenden Stelle im Stadt- Organismus berechtigt. Sie richtig anzuwenden, ist eben eine Aufgabe der Baupolitik. In groben Strichen habe ich versucht, die Auf- gaben einer neuzeitlichen Baupolitik und damit eines Billigste Bezugsquelle in feinen Ambacher Lederwarm MllMSMll Ssmenhgndtsschm ßleisekoffer Aimich salk fllarHUrafie 25 neuzeitlichen Städtebaues zu zeichnen. Ein ganz besonders schwieriges Problem nach dieser Richtung bilden unsere Großstädte. Ich habe verzichtet, darauf einzugehen und nur die Punkte heroorgehoben, die für eine Stadt von der Größe Gießens wichtig sind. Das Geschilderte wird gezeigt haben, wie viel- seitia der neuzeitliche Städtebau aufzufassen ist, und wie5iele Berufszweige er berührt. In ihm sammeln sich Aufgaben des Ingenieurs, des Architekten, des Geometers, des Historikers, Statistikers, Derwal- tungsbeamten, Juristen, Hygienikers, Handels- und Jnduftrietreibenden. Ist das 19. Jahrhundert da- durch gekennzeichnet, daß die städtebaulichen Aufgaben sich in Berufsgruppen zersplitterten und infolgedessen ungelöst geblieben sind, erstrebt der Städtebau des 20. Jahrhunderts, sie unter einer gemeinsamen Willensrichtung zusammenzufassen, der alle kleinlichen Sonderinteressen zum Wohl der Allgemeinheit untergeordnet werden müßen. Die Betriebswirtschaft der Stadt Giehen. Don Dr. Ernst <5 e i b , Beigeordneter der Stadt Gießen. Es ist heute in weitem Umfange der Fall, daß Städte die in ihrem Eigentum stehenden Werke (Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerke) in eigener Regie, d. h. durch städtifche Beamte und Angestellte für eigene Rechnung im Rahmen der öffentlichen Der- waltung betreiben; und doch ist diese Entwicklung erst in den letzten 50 Jahren in der Hauptsache erfolgt. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts etwa setzte die Tendenz, daß die Städte Betriebe von öffentlichem Interesse selbst bewirl- fdjafteten, stärker ein. Der Anfang wurde meist mit den Wasserwerken gemacht, da die Wasser- Versorgung von jeher weniger als gewerbliches Unternehmen, sondern mehr als öffentliche Aufgabe betrachtet wurde. Die gemachten Erfahrungen und die allgemeine Meinung veranlaßten die Städte, auch auf anderen Gebieten ähnlich oorzugehen. So wurden zahlreiche Gaswerke, die fast durchweg private Gründungen waren, in den 80er bis 90er Jahren verstadtlicht. Aehnliches gilt von den 23er- kehrsuntecnebmungen (Straßenbahnen), soweit sie damals schon bestanden. Bei der später einsetzenden Elektrizitätsversorgung war der Gedanke der städtischen Betriebswirtschaft in öffentlich-rechtlicher Form schon so weit durch- gebrungen, daß die meisten Elektrizitätswerke als städtische Gründungen in die Erscheinung getreten sind. Bor 1914 ging wohl die überwiegende Meinung dahin, daß die Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen Leistungen von öffentlichem Interesse (Wasser-, Gas-, Stromversorgung, Verkehrs- Unternehmungen) am zweckmäßigsten durch die Städte selbst in eigener Regie erfolgt. Der 1918 eingetretene politische Umsturz und die Jnflations- fahre rührten auch die alte Streitfrage „Kom - Gießener Anzeiger - Iubiläums-Ausaabe Sette 51 munalbetricb oder P r i v a t b e t r i e b" von neuem auf. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Die Inflationszeit mit dem Schwinden des Geldwertes von heute auf morgen erforderte große Beweglichkeit der Werke, sie machte rasches Zu- greisen beim Einkauf der erforderlichen Rohstoffe und Materialien notwendig. Ferner zwang die ständig und immer rascher fortschreitende Geldentwertung dazu, die Abnehmertarife dieser einigermaßen anzupassen, wenn die städtischen Werke nicht ganz unter die Räder kommen sollten. Der so geforderten Beweglichkeit waren die städtischen Körperschaften im allgemeinen naturgemäß häufig nicht in dem wünschenswerten Maße gewachsen. Dazu kam noch, daß in vielen Städten die politische Zusammensetzung der Gemeindevertretung sich wesent- lief) verschob und daß damit der eingelaufene Gang der Derwaltunasmaschinerie durch innere Reibungen eine gewisse Störung erfuhr. Ferner zeigten 'die Gemeindevertretungen sich häufig sehr abgeneigt, die Tarife der Geldentwertung auch nur einigermaßen anzupassen. Denn es war eine nach außen sehr undankbare Aufgabe, die Bevölkerung dauernd mit scheinbar erhöhten Preisen zu belasten; das zurückgebliebene Einkommen weiter Volkskreise war mit den Erfordernissen einer gesunden Wirtschaftspolitik der Werke in der Tat häufig nur schwer in Einklang zu bringen. Diese Erscheinungen führten dazu, daß die Stimmen sich mehrten, die eine Herausnahme der städtischen Betriebe aus dem Bereich der Stadtverwaltung und der städtischen Körperschaften und die Ueberführung in privatrechtliche Formen verlangten. Diese Bestrebungen hatten auch einen gewissen Erfolg. Eine Reihe von größeren Städten ging dazu über, ihre städtischen Betriebe aus der öffentlich-rechtlichen Gemeindeverwaltung mehr ober weniger herauszunehmen. Es bildeten sich verschiedenartige, im wesentlichen auf das Handelsrecht aufgebaute Organisationsformen heraus, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Erwähnt sei noch, daß der nach dem Umsturz aufgetauchte Sozialisierungsgedanke, der auch auf die im städtischen Besitze befindlichen Werke Anwendung finden sollte, praktische Weiterungen nicht gezogen hat; seit Jahren ist davon kaum noch die Rede. Mit der Stabilisierung der Währung und der Festigung der Wirtschaftslage hat sich auch dieser Meinungsstreit beruhigt. Die allgemeine Auffassung dürfte jetzt wieder mehr und mehr der Führung städtischer Betriebe in eigener 9tegie zuneigen. Die damit verbundenen Vorteile liegen auf der Hand. Zunächst erwachsen der Stadt durch den Besitz und Betrieb von Werken erhebliche finanzielle Vorteile. Die Werke müssen durchweg nennenswerte Ueberschüsse an die Stadtkasse abliefern, die bei den Voranschlägen säst aller Städte eine wesentliche Rolle spielen. Man wird nicht ohne zwingende Notwendigkeit auch nur Teile dieser Ueberschüsse der Allgemeinheit entziehen und sie in die Hand Privater leiten. Die Gebiete, auf denen sich durchweg die Städte betätigen — Gas, Wasser, Elektrizität — haben einen monopolartigen Charakter. Es unterliegt schweren Bedenken, die damit verbundenen weitgehenden Möglichkeiten zur Beeinflussung der Wirtschaftslage nicht nur einzelner, sondern ganzer Gewerbe- und Industriezweige (Tarife!) in die Hand von Privatpersonen ohne ausreichende Kontrolle zu legen. Ferner sind Städte in ganz anderem Maße wie Privatgesell- schäften in der Lage, den Betrieb ihrer Werke auf gemeinnütziger Basis unter Berücksichtigung sozialer Momente zu führen. Es fei neben der Regelung des Arbeitsverhältnisses nur daran erinnert, daß so der Weg für eine Tarifpolitik offen ist, die den wirtschaftlich schwächeren Kreisen entgegenkommt. Privatgesellschaften werden nur solche Strecken anlegen und betreiben — Straßenbahn, Gasleitungen, Stromleitungen — die einen Gewinn abwerfen. Den Ausbau unrentabler Strecken werden sie ablehnen. Die Stellungnahme öffentlicher Körperschaften hierzu wird eine andere sein; sie werden im Interesse der Versorgung auch ungünstig gelegener Stadtteile entsprechende Opfer bringen. Dieser Gesichtspunkt muß bei der Prüfung der Rentabilität öffentlicher Betriebe im Vergleich zu Privatbetrieben mit berücksichtigt werden. Vor 1914 befanden sich die städtischen Betriebe in ruhiger, aufsteigender Entwicklung. Sie waren durchweg in der Lage, dem auftretenden Bedarf zu genügen. Die Kriegsbeil brachte wie in fast allen Betrieben erhebliche Schwierigkeiten. Zunächst wurden zahlreiche Arbeiter und Beamten eingezogen. An deren Stelle mußten neue, vielfach körperlich wenig leistungsfähige Personen (aus diesem Grund waren .sie vom Militärdienst befreit) eingestellt werden. Der dauernde Wechsel des Personals und die vielen Zugänge von nicht eingearbeiteten Kräften machten sich unliebsam und störend bemerkbar. Dazu kam, daß während des Krieges an fast alle städtischen Betriebe bedeutend erhöhte Anforderungen gestellt wurden. Das Hindenburg-Programm veranlaßte die gesamte Industrie zu den äußersten Anstrengungen; deren starke Beschäftigung wirkte auch auf die städtischen Betriebe, insbesondere Elektrizitätswerk und Gaswerk, zurück. Die vorhandenen Maschinenanlagen mußten bis zum äußersten ausgenutzt werden. Dabei waren die zur Reparatur und Unterhaltung erforderlichen Materialien oft nur schwer und in minderwertiger Beschaffenheit erhältlich. Das Ueberholen der Maschinen konnte wegen dauernder Inanspruchnahme häufig nicht rechtzeitig und in genügendem Umfange erfolgen. Hierdurch wurden die Maschinenanlagen der Werke stark in Mitleidenschaft gezogen, was durch häufigere Störungen zum Ausdruck kam. Trotzdem bis zum Januar 1919 der Dollar von 4,20 Mark auf 8,19 Mark gestiegen und ein allgemeines Sinken der Kaufkraft der Mark eingetreten war, fand eine Aenderung der Tarife nicht statt. Das Aufhören der Kriegslieferungen der Industrie brachte vorübergehend eine Senkung der Leistung der städtischen Betriebe mit sich. Bald aber wirkte sich die neu auflebende Jnfla- t i o n 5 f o n j u n 11 u r des Wirtschaftslebens auch bei den städtischen Werken aus; die von ihnen beanspruchten Leistungen zeigten erhebliche Steigerungen. Ihre finanzielle Lage verschlechterte sich jedoch mit zunehmender Inflation ganz außer- ordenllich. Zunächst war es nicht möglich, mit den Tarifen der Geldentwertung auch nur einigermaßen zu folgen. Tariferhöhungen stießen aus leicht begreiflichen Gründen häufig auf Wider- stände. Es war auch technisch kaum durchführbar, mit den in dem letzten Jnflationsjahre fast täglich erfolgenden erheblichen Rückgängen der Kaufkraft der Mark Schritt zu halten. Dazu litten die städtischen Betriebe selbst sehr stark unter der Inflation dadurch, daß ihre erheblichen Rücklagen und Erneuerungsfonds der Geldentwertung zum Opfer fielen. Die Vctriebsführung als solche gestaltete sich äußerst schwierig; nicht nur war cs häufig schwer, die erforderlichen Materialien und Betriebsstoffe geliefert zu erhalten, sondern cs trat auch eine starke Knappheit an verfügbaren Geld- Mitteln ein. Diese wurde einerseits veranlaßt durch ungenügende Einnahmen infolge zu geringer Tarife, andererseits dadurch, daß die Werke Betriebsmittel (Kohlen, Del, Kupfer usw.) auf Vor- r a t kaufen mußten. Sie waren hierzu gezwungen, wenn sie sich nicht der Gefahr ausfetzen wollten, den Betrieb aus Mangel an Kohlen usw. stilllegen zu müssen. Es sei beispielsweise angeführt, daß das Gaswerk sich jetzt nur noch für etwa 4 Wochen mit Kohlen eindeckt. In der Inflationszeit reichte der Bestand häusig für 10—12 Wochen; dagegen waren auch zeitweise kaum für den nächsten Tag die ersorderlichen Kohlen vorhanden. Diese im ganzen Wirtschaftsleben von allen Seiten als notwendig durchgeführte Anschaffung von Materialien und Kohlenoorräten über den laufe n b e n Bedarf hinaus legte nicht nur die flüssigen Geldmittel fest und veranlaßte dadurch eine Geldknappheit, sondern sie rief auch eine künstliche Warenknappheit hervor, die sich auf allen Gebieten sehr störend bemerkbar machte. Dieser Umstand sowie die Tatsache, daß durch die Besetzung des Ruhrgebiets die Lieferungsmög- lichkeit durch die seither kohlenliefernden Zechen beseitigt wurde, führten dazu, daß erhebliche Mengen schlesischer Kohlen bezogen werden muhten, die einen wesentlich weiteren Transport und daher höhere Transportkosten bei geringerer Qualität verursachten, die Not zwang zu diesem Verfahren trotz seiner Unwirtschaftlichkeit. Die Beendigung der Jnflationsperiode brachte neue Schwierigkeiten, die jedoch ohne größere Störungen überwunden werden konnten. Die Werke wurden in finanzieller Hinsicht selbständiger gestellt und ihnen die Ablieferung bestimmter Beträge an die Stadtkasse vor- geschrieben. Hinsichtlich der einzelnen Werke ist folgendes zu bemerken: 1. Wasserwerk: Die Anlagen, auf denen die Wasserversorgung der Stadt Gießen beruht, sind in den Jahren 1886/94 gebaut worden; im Jahre 1890 wurden 214 000 Kubikmeter Wasser gefördert. Der Verbrauch erreichte seinen Höhepunkt im Jahre 1918 mit 2,259 Millionen Kubikmeter. Seitdem ist er etwas zurückgegangen. Er- heblich beteiligt an dem Verbrauch war während der Kriegsjahre das Kriegsgefangenenlager. Ferner spielte die Trockenheit der einzelnen Jahre eine gewisse Rolle. Im Vergleich zum Jahre 1914 ist die Förderung um etwa 500 000 Kubikmeter gestiegen; sie belief sich 1924 auf 2,541 Millionen Kubikmeter. Während früher der Kubikmeterpreis 25 Pf. betrug, beträgt er jetzt 15 Pf. 2. Gaswerk: Das Gaswerk, das am 24. Dezember 1856 von einer Privatgesellschaft eröffnet wurde, wird seit dem 1. Oktober 1886 durch die Stadt betrieben. Seit diesem Zeitpunkt hat bas Werk eine wesentliche Steigerung der Gasabgabe zu verzeichnen. Während 1890 rund 700 000 Kubikmeter erzeugt wurden, sind 3,239 Mill. Kubikmeter für 1924 zu verzeichnen. Dies ist die höchste Menge, die seit Bestehen des Gaswerks erzeugt wurde. Die während der Kriegsjahre eingetretene gleichmäßige Steigerung war nicht sehr erheblich. Dies erscheint auffällig, da während dieser Zeit viele Fami- lien mit Rücksicht auf die Kohlenknappheit zum Kochen mit Gas in verstärktem Maß übergingen. Abgesehen von verschiedenen Ursachen (Einschrän- kung der Straßenbeleuchtung, Ausdehnung der elektrischen Beleuchtung) dürste der Hauptgrund in den damals eingeführten „Sperrstunden" zu erblicken sein, die den Absatz zwangsweise niedrig hielten. Für Jndustriezwecke wird Gas in nicht sehr erheblichen Umfang verwandt. Dagegen zeigten die Jahre 1920 bis 1922 einen verstärkten Gasverbrauch, der nach einem im Jahre 1923 erfolgten Absinken im Jahre 1924 wieder um ein geringes überholt wurde. Der Gaspreis, der früher 21 bzw. 22 Pf. betrug, war 1911 auf 17 Pf. herabgesetzt worden. Zur Zeit beträgt er 22 Pf. 3. Elektrizitätswerk: Das Elektrizi- tätswerk wurde in seinen Grundlagen im Jahre 1900 geschaffen. Heroor^uheben ist, daß im Jahre 1912 eine Ueberlanboerforgung mit z. Z. 48 Oemeinben angeschlossen unb baß vom Jahre 1919 ab neben der Eigenerzeugung auch Strom von anderen Elektrizitätswerken bezogen wurde. Die Entwicklung der Versorgung war eine durchaus günstige. Während 1902 etwa 600 000 Kilowattstunden erzeugt wurden, stieg der Strombedarf in 1914 auf 3,148 Millionen und in 1924 auf 4,432 Millionen Kilowattstunden. In den Kriegslagen und in der Nachkriegszeit wurden Leistungen von über 5 Millionen Kilowattstunden erreicht. Während anfänglich der Lichtstromoerbrauch, der mit Rücksicht auf die kurze Zeit der Inanspruchnahme eine ungünstige Belastung darstellte, das Uebergewicht hatte, hat sich dies in den folgenden Jahren zugunsten des Kraftstromverbrauchs geändert. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren stieg der Lichtstromverbrauch trotz zahlreicher neuer Hausanschlüsse nur unwesentlich, während der Kraftstromverbrauch erhebliche Steigerungen auf- mies; er betrug in bieten Zeiten etwa bas Dreifache bes Lichtstroms. Dieser hat in 1924 sich um etwa 50 Proz. gegen 1914 burch bie Zunahme bet Beleuchtung (neue Hausanschlüsse, Lichtreklame, Straßenbeleuchtung) gesteigert, währenb der Kraft- ström sich etwa verdoppelt hat. Der Strompreis für Licht, ber früher 50 Pf. unb später 45 Pst betrug, ist z. Z. auf 51 Pf. festgesetzt. 4. Straßenbahn: Die Straßenbahn würbe im Jahre 1909 in Betrieb genommen. Im ersten vollen Betriebsjahre würben 1 200 000 Fahrgäste beförbert unb 427 000 Wagenkilometer gefahren. Es entfielen bemnach auf bas Wagenkilometer runb 2,8 Fahrgäste. In ber Kriegszeit erlebte bie Straßenbahn, insbesonbere burch bas Kriegsgefangenenlager, einen starken Aufschwung. Die höchste beförderte Personenzahl belief sich im Sabre 1918 auf 4,3 Millionen Personen bei 479 000 Wagenkilometer. Es kamen bamals rund 9 Personen auf das Wagenkilometer. Mit dem Jahre 1921 setzte ein starker Rückgang der Straßenbahn ein, der im Jahre 1923 zur Stillegung führte. Die Bahn war vom 27 Oktober 1923 bis 28. Juni 1924 außer Betrieb. In dem restlichen Tell bes Rechnungsjahres 1924 (9 Monate) würben 911000 Fahrgäste beförbert unb 295 000 Wagenkilometer gefahren. Es entfielen auf bas Wagenkilometer runb 3 Personen. Der Stanb von 1914 war somit wieder annähernd erreicht. Es ist darauf hinzuweisen, daß die Zahl der gefahrenen Wagenkilometer die Grundlage für die Ausgaben bildet; es richten sich LUDWIG KLING $000000000000000000000000000000OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO" Täglich: Erltklaffiges Künfiler^Konzert 3 Minuten vom Bahnhof $ $ o $ o $ $ $ $ $ O o $ <7 <7 <7 O O o $ O $ O <7 o o l ooooooooooooooo OOOOO 0000000000-0 o o000000000000000000000000000000 2 o 4 --------—___- - - — o Moderner Billardfaal mit 2 Meifter-Match und 4 Normal-Billard Konditorei und CafeAmend Fernfprecher Nr. 152 -GIESSEN- Bahnhofltraße Nr. 66 Inhaber: Willy Amend Spezialität: Beltellungsgefchäft in allen Zweigen der feineren Konditorei am Platze und nach auswärts Inhaber Karl Kling Stein- und Bildhauerei / Wieseck-Gießen Anfertigung und Lager von Grabdenkmälern in allen Natursteinarten, auch in Granit- und Muschelkalkimitation. Eigene Entwürfe Eigenes Schriftgebläse. Billigste Berechnung I I j wich. 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Im Anschluß hieran seien kurz die Vieh- markte in Gießen erwähnt. Schon im Jahre 1442 wurde der Stadt Gießen das Recht verliehen, jährlich zwei Jahrmärkte, mit denen auch Viehmärkte verbunden waren, abzuhalten. In den ,30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden S zweitägige Jahrmärkte abgehalten, die einen erheblichen Auftrieb an Vieh (z. B. am 2. und 3. Juli 1833: 93 Pferde, 1718 Stück Rindvieh und 2129 Schweine) aufroiefen. Dom Beginn der 50er Jahre an wurde monatlich ein Markt abgehalten. Seit Anfang dieses Jahrhunderts finden regelmäßig alle 14 Tage ein Rindviehmarkt und am darauffolgenden Tage ein Schweine- und Schlachtviehmarkt statt. Pferdemärkte, und zwar einer im Frühjahr und einer tm Herbst, sind seit dieser Zeit ständige Einrichtungen. Der Auftrieb an Rindvieh ist gegen früher bedeutend zurückgegangen. Während in 1914 mit durchschnittlich 1350 Stück Rindvieh und 215 Schweinen zu rechnen war, sind diese Zahlen im Jahre 1924 gesunken auf 516 und 120. Es darf aber wohl erwartet werden, daß der Auftrieb mit stärkerer Viehhaltung und zunehmendem Fleischverbrauch wieder ein größerer wird. » Der in den letzten Jahren eingetretene gesteigerte Verbrauch macht es notwendig, die Gas- und Stromversorgung auf neue Grundlagen zu stellen, um den weiter zu er- wartenden Steigerungen entsprechen zu können. In der Elektrizitätsversorgung ist dies durch einen Anschluß an d i e Kraftwerke Oberweser im lausenden Jahre geschehen. Diese sind in der Lage, auch einen erheblich sich steigernden Bedarf der Stadt zu decken. Die städtische Kraftanlage, deren Leistungsfähigkeit üoerfchritten rmd deren Maschinenanlage veraltet ist, wird in der Hauptsache stillgelegt werden können. Das Gaswerk hat durch die fortschreitende Bebauung eine unzweckmäßige Lage fast mitten in der Stadt erhalten. Abgesehen hiervon wird in absehbarer Zeit auch die Grenze seiner Leistungsfähigkeit erreicht werden. Es wird daher erwogen werden müssen, es außerhalb der Stadt an eine geeignete Stelle zu verlegen. Der Ausbau der Straßenbahn hat in den letzten Monaten die Oeffentlichkeit beschäftigt, ohne Ergebnisse zu zeitigen. Die Schwierigkeiten der Finanzierung des erforderlichen Kapitals durften ohne Sicherstellung der Verzinsung und Tilgung nur schwer in heutiger Zeit zu überwinden sein, da die finanziellen Kräfte der Straßenbahn hierzu nicht aus- reichen. Die Wasserversorgung dürfte auf absehbare Zeit ausreichend sein. Dagegen erscheint es erwägenswert, die Frage der Schaffung eines zeilentsprechend eingerichteten V r e h y o f s (Gleisanschluß, Seuchenställe) zu prüfen. Der Betrieb der der Stadt gehörenden Unternehmungen in städtischer Regie dürfte sich im allgemeinen bewährt haben. Grundsätzlich dürfte gesagt werden müssen, daß den Betrieben rechtzeitig die Möglichkeit gegeben werden muß, technische Verbesserungen einzuführen, damit sie hin- - sichtlich ihrer Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit - (Tarife!) auf der Höhe bleiben; daneben ist eine 9 bewegliche und mit entsprechenden Befugnissen aus- . geltattete Verwaltung erforderlich. Einer weiteren günftiaen Entwicklung der städtischen Werke darf mit Zuversicht entgegengesehen werden. Der Eiehener Stadtwald. Don Oberforstmeister vr. E. S ch ü z, Gießen. Der Gießener Stadtwald, mit einer Gesamtfläche von 1334 Hektar, ist der größte Kommunalwald in her Provinz Oberhessen und ist von erheblicher Bedeutung für die Stadt Gießen, für deren Einwohnerschaft und für die Bevölkerung der umliegenden hessischen und preußischen Orte. Er gliedert sich in den unmittelbar an die Stadt anstoßenden Hauptteil den „großen Stadt- w a l b", durchzogen von der Licher, Grünberger und Rödger Straße —, den hiermit in Verbindung suchenden, östlich von Annerod gelegenen Fernerwald und den abgetrennt zwischen Wieseck und Lollar gelegenen ,J) a n g e l ft e i n". Der „große Stadtwald" und „Fernerwald" sind in 3 Förstereien eingeteilt (mit Sitz in Gießen, Forsthaus Hochwart und Rödgen), denen noch der Anneröder und der Rödgener Gemeindewald zugeteilt sind. Der „Hangelstein" ist der Försterei Wieseck zugeteilt, zusammen mit dem Wiesecker und Lollarer Gemeindewald. Die Bestandsverhältnisse des Stadtwaldes sind sehr verschiedenartig und abwechslungsreich. Von den Hauplholzarten nehmen ein die Eiche 175 Hek- tar. Buche 332 Hektar, Kiefer 339 Hektar, Fichte 415 Hektar, Esche und Erle 3 Hektar Der Flächenrest von 70 Hektar entfällt auf Waldwege, Pflanzgärten, Steinbrüche, Sand-, Kiesgruben usw Die Holzartenoerteilung hängt eng mit der Bodenbeschaffe/iheit zusammen. In dem westlichen Teile des „großen Stadtwalds" — zunächst der Stadt — bilden tertiäre Ablagerungsschichten von Tonen, Kiesen und Sanden den Untergrund. Hier ist hauptsächlich die Kiefer zu Hause und standorts- gemäß neben Fichte und Eiche. Im östlichen Teil des „großen Stadtwalds", sowie im „Fernerwald" herrscht der Basalt im Untergrund vor; hier finden wir hauptsächlich die Buche neben Eiche und Fichte. — Reines Basaltgebiet ist derhangelstein" mit fast lusschließlicher Buchenbestockung und der typischen Zasaltflora. Während „großer Stadtwald" und „Ferner- coald" meist ebene oder wenig geneigte Bobenober- fläche haben, weist der „Hangelstein", als altes Eruptionsgebiet, schroffe Hänge auf mit malerischen Felsgruppen und schönen Ausblicken. Wenn auch im allgemeinen die Holzartenver- teilung sich nach den Bodenverhältnissen regelt, so wirkt sie doch keineswegs eintönig. Es wechseln Alt- und Jungbestände, Nadel- und Laubhölzer in erwünschter, vorteilhafter Mischung ab, was als Schutz gegen Brände und waldoerwüstende Insekten von erheblicher Bedeutung ist. Der waldbauliche Zustand des Stadtwaldes kann als befriedigend bezeichnet werden, wenn auch in den letzten 4 Jahren durch Borkenkäferfraß ein beträchtlicher Teil der Fichten-Althölzer vernichtet und durch Wiederaufforstung der hierdurch entstandenen großen Kahlflächen eine unvorhergesehene und störende Hemmung der Betriebsführung verursacht wurde. Der Wiederaufforstung stehen große Schwierigkeiten, besonders auf den aus tertiären Ablagerungen entstandenen Tonböden entgegen. Sie find schwer mafserdurchlässig; nach einigen Regentagen stehen sie unter Wasser, nach einer zwei- bis dreiwöchigen regenlosen Zeit wird der Boden stein- hart; beide Zustände wirken tödlich für das zarte Die Brennholzversteigerungen werden von Ein- wohnern der meisten umliegenden hessischen und preußischen Orte besucht, die ihren Holzbedarf gern in dem Gießener Stadtwalde decken. Der durchschnittliche jährliche Reinerlös aus den Holzverkäufen beträgt etwa 100 000 Mk. und bedeutet einen nicht zu unterschätzenden Einnahmeposten im städtischen Haushalt. Zu dieser regelmäßigen Einnahme kamen in den letzten Jahren noch erhebliche Einnahmen aus außerordentlichen Fällungen, die während der Inflationszeit oft eine willkommene Hilfe für die Stadtverwaltung waren, wenn die Auszahlung der Gehälter und Löhne zeitweise Schwierigkeiten bereitete. Der Provinzialrabbiner der Provinz Oberhessen, Herr Dr. L. Hirschfeld. Er gleicht dtm Baume, gepflanzt am Wasser, und es bleibt grün sein „Blatt“ (Jeremia 17,8). 175 Jahre — welche drängende Fülle politischer, wirtschaftlicher, kultureller Umwälzungen! Wenn eine Zeitung in allen Stürmen dieser Zeitläufte bis heute allen Wandel und Wechsel der Erscheinungen sieghaft überlebte und in der Gegenwart alle Probleme des Tages bis in ihre feinsten Verästelungen mit umfassendem Blicke sorgsam und anschaulich behandelt, so hat sie den Anspruch auf die Anerkennung und die Glückwünsche nicht nur ihrer ausgebreiteten Lesergemeinde, sondern auch aller Freunde vaterländischer Kulturarbeit. Und weiter grüne das „Blatt'* als kraftvoller Bote der Zeitereignisse im Dienste eines wiedergesundenden Deutschlands. Wurzelsystem der jungen Holzpflanzen. Es wird neuerdings versucht, einen ph^ikalisch besseren Bodenzustand durch maschinelle Bodenbearbeitung herzustellen. Auch wird bei der Bestandsbegründung in den der Stadt zunächst gelegenen Waldteilen trotz entgegenstehenden Schwierigkeiten erstrebt, dem dort vorherrschenden Nadelholz die Buche aus wald- baulichen und ästhetischen Gründen beizumischen. Neben den Nutz- und Brennhölzern liefert der Stadtwald jedoch noch zahlreiche sonstige Nutzungen. Steine, Kies, Sand aus den in städtischer Verwaltung befindlichen Brüchen und Gruben, sowohl für die städtischen Bedürfnisse wie auch für die Einwohner der umliegenden Orte. Gras und Gras- famen von den Wegen und aus den jüngeren Kulturen, sodann Zierbäumchen und Zierreisig für alle Ortenverg. "./n Einen großen Vorteil für die Bewirtschaftung des Stadtwaldes bietet das gut ausgebaute Wegenetz. Dank der vorausschauenden Tätigkeit der Forstverwaltung in den letzten vier Jahrzehnten und der verständnisvollen, mit den erforderlichen Geldmitteln nicht kargenden Stellungnahme der Stadtverwaltung sind die Waldwege in einem Umfange chauffiert, wie es kaum in einem anderen Walde gleicher Größe der Fall fein dürfte Neben den Holzabfuhrwegen ift noch eine Reihe von Fußgängerftegen vorhanden. Deren Anlage und Unterhaltung nicht unerhebliche Kosten verursachen. Die Beftandszusammensetzung des Stadtwaldes ist dank der seitherigen konservativen Bewirtschaftung eine recht günstige. Die Fläche der älteren, über 60jährigen Bestände überwiegt die Fläche der jüngeren Bestände erheblich. Demgemäß kann auch ein sehr beträchtlicher jährlicher Holzeinschlag erfolgen, und zwar von 10 000 Fstm., d. i. 8 Fstm. je Hektar Holzbodenfläche. Der Einschlag wird zu Festlichkeiten, sowie für die Gärtnereibetriebe, Deck- reisig für die Einwohnerschaft uiw. — Wenn die Anforderungen in letzterer Beziehung auch oft die Leistungsfähigkeit des Waldes überschreiten, so werden sie doch nach Möglichkeit immer bereitwillig erfüllt. Von erheblicher Bedeutung für einen Teil her Gießener Einwohnerschaft ist noch die Leseholz- nutzung. War sie doch, besonders während der Inflationszeit, für so manche, hart mit dem Leben ringende Familie eine willkommene Unterstützung. Selbst wenn die Forstoerwaltung im Einver- nehmen mit dem Waldbesitzer bei den Holzhauereien das geringwertigere Reisig nicht aufarbeitete und den Leseholzsammlern überließ, fand das gesamre Holz dankbare Abnehmer. Die Armut und das Elend der damaligen schweren Zeit spiegelte sich wieder tn den Hunderten von Handwägelchen jeglicher Art, die damals vom Der Provinzialrabbiner der Provinz Oberhessen, Herr Dr. Sander. „Wer von seinem Nebenmenschen auch nur eine einzige Lehre empfangen hat, muß diesem Ehre erweisen und ihn Lehrer und Erzieher nennen,“ so lautet ein Talmudwort. Der „Gießener Anzeiger“ hat Anspruch auf die Ehre eines Lehrers der sechs Geschlechter, denen er Kenntnis und Erkenntnis der Wirklichkeit übermittelte, Verständnis für geistiges Ringen, menschliches Bedürfen und Verlangen eingepflanzt hat. Zu jener Zeit begründet, die man die Aufklärung nennt, hat er begonnen, reichhaltiges Wissen in die Häuser zu tragen, in denen damals das Buch noch eine Seltenheit, die Kunst des Lesens noch keine Selbstverständlichkeit war. Er hat gejubelt mit den Freudigen, getrauert mit den Schicksalsgeprüften, die Menschen zur Menschlichkeit hingeleitet und das einigende Band der Duldsamkeit um Stände, Religionsbekenntnisse und Weltanschauungen geschlungen. Darum Dank, Ehre und Glückwunsch diesem greisen Lehrer und erprobten Führer bei seinem Eintritt in das letzte Viertel seines zweiten Jahrhunderts. etwa Z auf dem Wege der Durchforstung, zu | als Hauptnutzung in den älteren Beständen gewonnen. Der Holzverwertung kommt der gute Zustand der Waldwege sehr zustatten. Aus den größtenteils chauffierten Wegen kann die Holzabfuhr jederzeit ftattfinben, was eine große Anziehungskraft auf die Holzkäufer — auch aus der weiteren Umgebung von Gießen — ausübt. Die Holzpreise sind daher für den Waldbesitzer sehr günstig und stehen meist an der Spitze der oberhessischen Holzpreise. An den Nutzholzverwertungen beteiligen sich neben den einheimischen holzverarbeitenden Gewerben die Baugewerbetreidendcn aus der näheren und weiteren Umgebung von Gießen sowie zahlreiche auswärtige Holzindustrien. Kinde bis zum ältesten Mütterchen bei Regen und Schnee hinaus in den Wald gezogen wurden, um eine spärliche Last Holz nach Haus zu befördern. Erwähnt sei noch die Beerenernte des Stadtwaldes. Wie manchen Einwohner lockt sie hinaus in den sommerlichen Wald, um neben Bereicherung feiner Lungen mit frischer Waldluft die süßen Beeren als willkommene Beute mit heim zu bringen. Zwar die Hüter des Waldes verwünschen gar oft die Zeit der Beerenreise; denn Gatter und Hegeschilder bilden kein Hindernis für die eifrigen Beerensammler, und manche junge Pflanze fällt ihnen zum Opfer. Aber trotzdem möchte man die süßen roten Beeren im Sommer-Walde nicht missen ober gar vertilgen. . — Siebentes Blatt Auch die Pilzsammler können bei einigermaßen günstiger Witterung im Stadtwalde reiche Beute machen. Steinpilze, den leckeren Eierschwamm und so manche anderen eßbaren Pilze können die kundigen Sammler im herbstlichen Walde in Menge finden. Was wäre aber ein deutscher Wald ohne die Tierwelt insbesondere die Singvögel und das Wild? und unser Stadtwald beherbergt sie in erfreulicher Menge. Die verschiedenen Taubenarten, Spechte — auch der scheue Schwarzspecht —, Drosseln und die meisten kleinen Singvögelarten kommen in beträchtlicher Menge vor, und die Stadtverwaltung bemüht-sich durch Anlage von Vogelschutzgehölzen, Aushängen von Nistkästen Anlage von Vogeltränken, Fütterung im Winter die Dogelwelt zu pflegen und zu vermehren. Auch der Wildbestand ist befriedigend trotz der Unruhe, die begreiflicherweise in einem Walde in nächster Nähe einer größeren Stadt herrscht und trotz der Verluste, welche die Not der Zeit unserem deutschen Wilde leider allgemein gebracht bat. Aus vorstehender kurzer Beschreibung des Gießener Stadtwalds ersieht wohl jedermann, einen wie wertvollen Besitz er für die Stadt, ihre Bewohner und für die Umgebung ojm Gießen darstellt. Für den Waldbesitzer ist er ein kostbares, wert- volles und wertbeständiges Kapital, aus dem er eine sichere jährliche Rente zieht, aus dem er in Zeiten der Not auch einmal außerordentliche größere Einnahmen erzielen und das er äußersten Falls auch beleihen kann. Sie schlimmen Zeiten, die wir durchlebt, haben ja so deutlich gezeigt, wie vergänglich aller nicht wertbeständige Besitz ist. Aber unsere deutschen Waldungen sind wertbeständig, sogar im Werte steigeiid infolge des großen Waldraubes, den der verlorene Krieg uns gebracht. Wie für jeden Waldbesitzer, so ist es auch für den Besitzer des Gießener Stadtwaldes Pflicht und eigenstes Interesse, seinen Besitz in jeder Weise zu pflegen und zu vervollkommnen. Die Stadtverwaltung ist sich auch dieser Pflicht bewußt und kargt nicht mit Mitteln, die von der Forstoerwaltung als notwendig angeforbert werden, um den Wald in gutem Zustande zu erhalten und feinen Zuwachs und seinen Wert nach jeder Richtung zu fördern. Aber nicht nur der materielle Wert des Stadt-, waldes ist es, der feine Förderung und Pflege gebietet; ebenso wichtig ist fein idealer Wert für die ganze Einwohnerschaft. Welcher Einwohner von Gießen wollte ihn missen, den schönen Wald vor den Toren der Stadt? Wie vielen Tausenden, die während des ganzen Tages ober der ganzen Woche im Geschäfte, in den Bureaus, in den engen Wohnungen, in schlechter verbrauchter Luft seufzen, gewährt er Erholung, Erfrischung, Kräftigung den Nerven unb der Gesundheit. Wie weitet sich die Brust bei dem würzigen Duft in den Nadelwaldungen und in den schattigen Laubwäldern; wie leicht vergessen sich die Sorgen des Alltags beim Rauschen des Waldes und beim Gesänge der Vögel! Wie schön ist es, an ruhigem, verschwiegenem Plätzchen auf einer der vielen Bänke zu sitzen, die ein Wohltäter der Menschheit gestiftet, und nur der Natur zu lauschen! Das ist Erholung für Körper und Seele. Der Gelegenheiten sind ja so viele in dem großen Stadtwald, um sich zu ergehen; ein jeder kommt zu seinem Rechte. Sei es, daß er nur einen kurzen Gang auf bequemen Fußsteigen am Nizza, dem Akten Steinbacher und Alten Schisfenberger Weg ober dem „Dutterweg" machen, ober den Weg weiter ausdehnen und sich auf den Schiffenberg, den Forstgarten, ober in Annerob beim Aepfelwein stärken will. Oder fei es, daß es den Wanderer von den meist begangenen Fußsteigen seitwärts auf einsamere Waldwege abzieht nach der Hochwart, dem Annaberg, ober dem Fernerwalb mit seinen schönen Waldoilbern. UeberaU winkt ihm reiner Genuß unb wohltuende Erfrischung. Welch hohen Genuß bietet ein Frühjahrsgang durch den Annaberg nach dem Blattausbruch in den Buchenwaldungen mit ihrem frischen, saftigen Grün! Oder ein Morgengang durch den Stolzen- morgen im Sommer mit dem Blick auf die weiten grünen mit Blumen besäten Wiesenflächen bei dem «lange der Kirchenglocken aus den umliegenden Orten! Oder ein Herbstgang nach dem Hangelstein durch den Buchenwald in seinem bunten, herbstlichen Schmucke! Wem das Herz noch nicht im Leibe verdorrt ist, dem muß es da aufgehen angesichts der wunderbaren Natur, und Freude und Andacht muß ihn eri füllen. So müßte auch nach dieser Seite der Stadtwald immer mehr gepflegt und vervollkommnet werden. Aber nicht nur der Waldbesitzer ist hierzu berufen; er wendet schon alljährlich eine erhebliche Geldsumme auf, um die Fußsteige und die zahl- reichen Ruhebänke in gutem Zustand zu erhalten. Auch die Einwohnerschaft selbst sollte mithelsen, und zwar am einfachsten durch zahlreichen Eintritt in den hiesigen Verschönerungsverein und durch Unterstützung desselben mit Geldspenden. Auch beim Schutze der Anlagen kann jeder mithelfen durch Belehrung der unverständigen Jugend, deren überschüssiges 'Kraftgefühl sich leider 'noch öfters Luft macht in Beschädigungen von Ruhebänken, sinnlosem Abreißen und Wegwerfen von Zweigen und Blüten usw. Helfen Belehrungen in Schule und Familie nicht, so sollte jedermann bas Forstpersonal unterstützen und mithelfen, daß uni verbesserliche Rohlinge zur Anzeige und Bestrafung kommen. Nack mancher Richtung könnte der Stadtwald als Erholungsstätte der Einwohnerschaft noch aus- gebaut werden. Es könnten noch Fußsteige neu angelegt, manches idyllische Plätzchen als Anlage aus- gebaut und mit Ruhebänken versehen, manche Quelle gefaßt und noch einige regensichere Unter- stellräume geschaffen werden. Für manchen Verein, und deren gibt es ja so viele in Gießen, böte sich da Gelegenheit, sich ei» dauerndes Denkmal zu setzen und damit zugleich dem Gemeinwohl zu bienen. Möge in dieser Hinsicht das Beispiel der Altersvereinigung 1874—1924, welche die schöne Anlage am „Hirtenbrunnen" gemeinsam mit der Stadtverwaltung geschaffen, aneifernd wirken. Alles, was gerade jetzt zur Zeit der Wohnungsnot mit ihren für so viele Familien ganz ungenügenden Wohnungsverhältnisfen geschieht, um der Bevölkerung den Aufenthalt In der gefunden, staub- und keimfreien Waldluft anziehend und angenehm zu machen, ist Dienst an der Bolksgesundi heit. Der Gießener Stadtwald ist nach seiner Lage hervorragend geeignet, diesem außerordentlich wichtigen Zwecke zu dienen. Die grünen Hallen des Gießener Stadtwaldes bienen ia schoo so manchen Zwecken. Für die ?*w?¥S TÄ? LM ■". 11 WJ, ®eii?i^ebW troh l Ä,^ .*< Vbtt &* mib )' töotji |A rUnÖ bes @[e, !*WsSft ** "■Swjfift -rt. 'At, aus bfmS.,meine feerorbenUitbJ! -? Seiten 15 er ÖÄ &^ ™<" Seiten iSeli?\,ud’ * SSTCrfÄ ;.S9ÄM*- cr äUOo!beVy \r stetes nen ft 8\er^I,en nen ®ert "ach jeher Rich. materleUe Wert des Stabt, üorberung und Pflege ge- 1 le,n idealer Wert für die von Tießen wollte ihn 1den Toren der Stadt' La ^^nddes ganzen Woche ,m Tefchäfle, in 8en iotjnungen, in fchlechlcr ver- gewahrt er Erholung, (Er« i Nerven und der Gefunb- ! Brust bei dem würzigen >ngen und in den schattigen t vergessen sich die Sorgen chen des Waldes und beim ie schön ist es, an ruhigem, ' len aus einet der vielen n Wohltäter der Menschheit Natur zu lauschen! Lar ist inb Seele. sind ja so viele in btm sich zu ergeben; ein jeder . 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Möchten sie nun außerdem noch werden eine große, weite Dolks-Gesundheitshalle für die an Raum», Lust- und Lichtmangel leidende Beoölke- runa. So ist der Gießener Stadtwald von größter Bedeutung einerseits als wichtiges Wertobjekt für die städtische Finanzwirtschaft, andererseits für die gesamte Einwohnerschaft durch seine Eigenschaft als Förderer und Mehrer der -Volksgesundheit. Möchten Stadtverwaltung, Stadtparlament und Einwohnerschaft sich immer bewußt bleiben, welch kostbares Gut sie in ihrem Stadtwald besitzen und es immer als heilige Pflicht betrachten, dieses Gut zu mehren, zu fördern und den kommenden Generationen unversehrt zu erhalten. Die Wohlfahrtspflege in Stadt und Kreis Gießen. Von vr. F r e y , _ Beigeordneten der Stadt Gießen. Wer ohne fremde Hilfe das Leben nicht meistern kann, dem beizustehen ist Pflicht der Familie. Fehlen Angehörige oder können sic trotz äußerster Einschränkung der eigenen Lebenshaltung nicht Helten, so beginnt das Gebiet der Wohlfahrtspflege. Von Natur hilfsbedürftig Ist Jugend, Alter und Siechtum. So ergoven sich als ihre Hauptaufgaben: Kindern und Jugendlichen zu dem körper- liehen und sittlichen Grundstock und den Kenntnissen zu verhelfen, deren sie bedürfen, um im Leben auf eigenen Füßen zu stehen, Alte und Kranke zu stützen, für die Hebung der Volksgesundheit besorgt zu sein, um die Zahl der nur durch dauernde Krankheit Hilfsbedürftigen zu vermindern. Nur wer von Natur hilfsbedürftig, also arbeite- unfähig ist, kann Schützling der Wohlfahrtspflege fein. Nichts also hat sie mit dem voll arbeitsfähigen Menschen zu tun, der erwerbslos ist, weil die Wirtschaft ganz oder teilweise darniederliegt. Ibn über Wasser zu halten, ist Sache der Wirtschaft, die seiner in besseren Tagen wieder bedarf. Der Wey ist die soziale Versicherung, die ja bereits Sorge trägt, datz nicht oorübergebenoe Krankheit, die jeden Menschen einmal trifft, ihn zum Wohlfahrtspflegling macht. So wird auch die Erwerbslosenfursorge in Kürze als Zweig der Sozialversicherung ausgebaut werden und die ihr schlecht anstehenden Reste der Unter» stüflungsfiirsorge abwerfen. Sinnlos ist es aber auch, wenn Aur Zeit noch oollerwerbsfähige Menschen nach Ablauf einer bestimmten Frist aus der Erwerbslosenfürsorge atisjcheiden und als hoff» nunaslose Fälle der Wohlfahrtspflege überwiesen werden. Hunderte von Familien fallen so in Städten von der Größe Gießens restlos der Stadt zur Last, Familien, deren Not nur eine Folge der Wirtschaftskrisis ist und die die Wirtschaft wieder aufnimmt, sobald es ihr besser geht. Das widerspricht dem Grundgedanken der Wohlfahrtspflege. Aber man hat sich in den letzten Jahren um die Gesetze der Logik keine übermäßige Sorge gemacht, wenn es galt, den Gemeinden Lasten aufzuerlegen. Andere sitzen einen Stuhl höher, und den Letzten beißen die Hunde. Im folgenden soll dargestellt werden, wie man in Gießen im letzten Menschenalter versucht hat, die Aufgaben der Wohlfahrtspflege zu erfüllen. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß Erwerbslosen- sürsorge und Arbeitsnachweis nicht in den Kreis dieser Darstellung gehören, ebensowenig die soziale Versicherung. Es gilt in Deutschland als Zeichen wissenschaftlicher Gründlichkeit, auch bei der Behandlung kleiner Ausschnitte aus der Vielgestaltigkeit des Lebens mit den ältesten Zeiten zu beginnen. Auch hier soll deshalb ein Rückblick in die Urzeit nicht fehlen, denn ungern setzt man sich in einer Universitätsstadt dem Verdacht mangelnder Gelehrsamkeit aus. Die älteste Wohlfahrtseinrichtung war die Keule. Mit ihr erschlug man Alle und Kranke, die dem Stamm lästig fielen, mit ihr tötete man Kinder, die überzählig erschienen. Es war so am bequemsten und billigsten. Die Psychoanalytiker ober Tiefenpsychologen, wie sie sich jetzt nennen, rechnen mit seelischen Rückfällen in solche längst vergangene Zeit. So gibt es auch in unseren Tagen noch Leute, bie, ohne gerabe zur Keule zurückkehren zu wollen, doch Die billigste Wohlfahrtspflege schlechthin als die beste anseyen. In Gießen natürlich nirijt; Anwesende sind immer ausgenommen. Hier ift man vielmehr umgekehrt der Meinung, daß die beste Wohlfahrtspflege, mag sie zunächst auch große Mittel erfordern, doch letzten Endes die billigste ift Ist es z. B. wirklich billiger, für ein verlassenes Kind nur durck Almosen zu sorgen, die es vor dem Verhungern schützen, es aber bann zeitlebens unter der Schar ber eroiaen Kunben des Wohlfahrtsamtes zu Haden, ba es fürs Leben nichts lernen konnte, ober ist es billiger, etwas aufzuwenden, um bas Kind einen Berus lernen zu lassen, traft dessen es später auf eigenen Füßen steht? Soll man ber lungenkranken Mutter Siechtum durch Almosen und Lebensmittelspenden um Weniges verlängern ober ist es nicht wirtschaftlicher — vom Sitllichen hier zu schweigen — ihr eine Erholungskur zu bewilligen, wenn der Arzt wesentliche Hoffnung auf Wiederherstellung gibt? Sicher ist keine Kur so kostspielig, daß sie nicht wirtschaftlich wäre, wenn sie eine Mutter ihren Kindern erhält. Die mutterlos verwahrlosten Kinder würden ein Diel- faches kosten. In einem freilich könnte der Urmensch Recht behalten: Geschieht nicht mitunter ein wenig zu viel in ber Erhaltung lebensunwerten Lebens? Mehr als unserer Rasse zuträglich ist? Wenn hier gegensätzliche Auffassungen scharf herausgcarbeitet würben, so soll bas nicht bedeuten, baß sie heute noch miteinander innerhalb der öffentlichen Fürsorge im Kampfe ständen. Dieser Kampf — und es war weniger ein Kampf als eine Entwicklung — ist längst entschieden. Nur wer der Wohlfahrtspflege ganz fern steht, neigt wohl noch zu der alten Auffassung, der Bekehrung gewärtig, sobald er nur besser unterrichtet ist. Aber der Gegensatz zeigt, wie sich im letzten Menschenalter ber Geist ber Fürsorge gewandelt hat, in unserer Stadt wie in der ganzen Kultur west. Als die öffentliche Fürsorge aus einer Armenpflege zu einer Wohlfahrtspflege wurde, ba zog sie nicht mit dem neuen Namen nur ein besseres Kleid an, ba würbe sie innerlich eine anbere als sie vorher war. Da lernte sie zweierlei von ber ärztlichen Kunst: Daß Vorbeugen besser ist als Heilen, und daß es die Krankheit zu heilen gilt und nicht allein die Symptome zu lindem. Und wenn sich die öffent» liche Armenpflege mitunter dem Hilfsbedürftigen mit Gisherier Anzeiger - Iubilüums-Ausqade Seite Sb die große Zahl ber eheoerlasienen Frauen erinnert. So konnte man aber nicht wagen, bie Kriegsnot- leibenben der Armenpflege zu überweisen. Man richtete für die Familien der Einberufenen eine be> sondere Fürsorge bei den Gemeinden auf Reichs- kosten ein. Für die Kriegsbeschädigten und -Hinter- bliebenen entstanden ebenfalls besondere Fürsorge- stellen, angegliedert an die Versicherungsämter. Schon hatte aber das Kriegselend auch die Zahl der offensichtlich unverschuldeten Armenunterstützungsempfänger gewaltig anwachsen lassen, und die Verwahrlosung der Jugend Drängte zu durchgreifenden Maßnahmen, die ihren Niederschlag im Reichs-Jugendwohlfahrtsgesetz fanden. Wohnungselenb und in feinem Gefolge Tiefstand her Fräulein Maria Birnbaum, M. d. L. Vor einigen Monaten feierte der Mainzer Anzeiger sein ysjähriges Bestehen, ein Ereignis, dem von allen Seiten gebührende Beachtung geschenkt wurde, die in zahlreichen Glückwünschen ihren Ausdruck fand. Wir aber dürfen noch ioo Jahre weiter zurückblicken bei der Feier, der dieses Erinnerungsblatt gilt und dem Gießener Anzeiger zum 175jährigen Jubiläum die herzlichsten Glückwünsche darbringen, zugleich damit den Dank verbindend für das, was er uns allzeit gewesen und auch jetzt noch ist. Von seinem Werdegang, wie er aus kleinen Anfängen sich allmählich zu der heutigen Höhe emporgearbeitet hat, wird uns von berufener Seite erzählt werden. Wir aber, die wir wachen Auges die Entwicklung der letzten Jahrzehnte miterlebt, wissen, daß er weit über die Bedeutung eines einfachen Lokalblattes hinausgewachsen ist dank der rührigen Tatkraft und dem Weitblick seiner Leitung und deren Mitarbeiter, die den Stoffbereich stetig erweitert und immer mehr Gebiete in den Kreis ihrer Behandlung einbezogen haben. Der Weltkrieg hat uns die Erkenntnis gebracht — eine Erkenntnis, die wir mit tausend Schmerzen bezahlen mußten —, welch ungeheure Macht die Presse besitzt, wie verderblich aber ihre Macht wirkt, wenn sie nicht mit dem Gefühl der Verantwortlichkeit gepaart ist, die ihrer Feder Richtung geben muß, soll sie wirklich zum Guten mit- bestimrrtend, lenkend, führend die geistigen Strömungen in ihrem Leserkreis beeinflussen. Jedes Blatt aber, mag sein Kreis eng oder weit gezogen sein, muß von dem Bewußtsein dieser Verantwortlichkeit durchdrungen Sein, muß das starke Gefühl der Verantwortlichkeit gegen Volk und Vaterland pflegen und fördern, muß versuchen, Brücken zu schlagen über die trennenden Gegensätze und das Einigende hervorzuheben, um alle Kräfte des Volkes zu sammeln zu gemeinsamer Arbeit im Dienste des Volkes und des Landes, deren wir heute mehr denn je in der schicksalsschweren Zeit unserer gemeinsamen Not bedürfen. Dieser Aufgabe eingedenk, behandelt der Gießener Anzeiger, ohne seine Grundeinstellung preiszugeben, mit Gründlichkeit und strenger Sachlichkeit die politischen Fragen, sowohl die der großen Politik des Reiches wie die unseres Landes. Dabei läßt er es auch an der „Fixigkeit“ nicht fehlen, was von seinen Lesern besonders dankbar begrüßt wird, denn wie rasch haben wir Sonderberichte von den Verhandlungen des Reichstags, so daß die großen Zeitungen uns gar oft nur die Wiederholung dessen bringen, was wir bereits im „Gießener“ gelesen haben. Daß neben der Tagespolitik die ausgezeichneten Artikel bewährter Forscher in der Kriegsschuldfrage Aufklärung über das uns zugefügte Unrecht, die Quelle aller unserer Not, in die weiten Kreise der Leser bringen, ist unschätzbarer Dienst in dem Kampf um die Befreiung vom Makel der Verantwortung am Weltkrieg. Ein beredtes Zeugnis von der regen Tätigkeit und dem Bestreben, die Leser an allen bemerkenswerten Ereignissen des In- und Auslandes teilnehmen zu lassen, legen die Sonderberichte ab, die durch das Selbsterleben des Verfassers uns in lebendiger Schilderung ein so unmittelbares Bild des Geschauten und Erlebten übermitteln. — Daß auch die Stadt für ihre Belange, ihre Nöte, Wünsche und Forderungen auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet im Gießener Anzeiger stets ein verständnisvolles und williges Sprachrohr findet, bedarf wohl kaum der Erwähnung — braucht doch eine jede Stadtverwaltung unbedingt die Unterstützung der Presse, um in der Bürgerschaft die Erkenntnis für die Bedeutung ihrer Arbeit und die Notwendigkeit ihrer Forderungen zu wecken, deren Erfüllung gar häufig nicht nur von der Zustimmung, sondern auch von der Bereitwilligkeit zu geldlichen Opfern abhängt. Aber auch die kleinen Ereignisse des täglichen Lebens in Stadt und Land werden mit liebevoller Sorgfalt gebucht — goldene und silberne Hochzeiten, besondere Familienfeiern, Jubiläen — kurz alles, was ein echter, rechter, mit seiner Zeitung verwachsener Leser aus seinem Heimatsort und dessen Umgebung zu wissen begehrt! So werden die feinen Fäden gewoben, die das ganze Land durchziehen und durch die Pflege so vieler menschlicher Beziehungen auch diejenigen seiner Leser, die irgendwo anders im lieben deutschen Vaterland ihre Heimat gefunden und ihren „Gießener“ mit hingenommen haben, mit festem Band an die alte Heimat knüpfen. Heimat! Wie wunderlieblich werden uns die stillen, heimlichen, oft verborgenen Schätze unseres Hessenlandes offenbar in der „Heimat im Bild'1. Mit Entzücken versenken wir uns in die künstlerischen Wiedergaben in Bild und Schilderung; Erinnerung an so manche Wanderung, so manche fröhliche Radfahrt durch die Wälder und Fluren des Vogelsbergs oder des Taunus, durch die Ortschaften im Sonntagsfrieden wird in uns wach; Heimatzauber umfängt uns, und tiefer uns bewußt erfüllt uns heiße Liebe zur Heimat die Seele, lebt in uns das Gefühl, verwurzelt zu sein in unserem Hessenland. Und ist nicht Liebe zur Heimat Liebe zum großen deutschen Vaterland! „Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat so liebt wie Du“ — wie wahr ist dieses Dichter- und Sängerwort! — Wie viel noch wäre zu sagen von allem Wertvollen für Herz und Geist, was uns die lieben, vertrauten „Familienblätter“ bringen, die wir so manchmal schon in unseren Kinderjahren lesen durften! Doch zuviel des Raumes will ich nicht beanspruchen, und so schweige ich von so manchem Schönen oder Nützlichen, was „Das Reich der Frau“, die „Bücherschau", „Die Scholle“ uns bieten, und fasse die Wünsche für das Blühen und Gedeihen des Gießener Anzeigers und für sein segensreiches Weiterwirken in den nächsten 25 Jahren bis zum 200jährigen Jubiläum zusammen in einem herzlichen GLÜCK AUF! Volksgesundheit stellen neue Aufgaben. So fingen auch die Armenämter an, andere Bahnen zu wandeln. Sie wuchsen an ihren Aufgaben, befruchtet durch die Erfahrungen, die man auf dem Gebiete ber Kriegerfürsorge frei vom Ballast alter Heberliefe« rungen gemacht hatte. Sie würben zu Wohlfahrtsämtern. Als in ben Jahren nach 1920 bie Gelbentwertung bie Kleinrentner und die Ren- tenempfänger der Sozialversicherung der öffentlichen Fürsorge anheimfallen ließ, war es nichts Un- erhörtes mehr, sie bei den Wohlfahrtsämtern in Pflege zu nehmen. Allerdings traten sie nicht zur Armenfürforge. Sie genoffen eine besondere hervor- gehobene Fürsorge, ähnlich ber Kriegerfürsorge, bie ihren eigenen gesetzlichen Bestimmungen folgte. AllFamilien der Einberufenen könnte man hierbei denken. Aber sie hörte mit Kriegsende auf und konnte deshalb nachhaltige Wirkung nicht ausüben. Wohl aber gilt dies für die Betreuung der Kriegsbeschädigten und Krtegshinter- bliebenen, zu denen in der Inflationszeit die Rentner traten. Die alte Armenpflege behaftete ben „Almosenempfänger" mit einem Makel. Sie ging von ber stillschweigenden Voraussetzung aus, er sei selbst schuld an seiner Notlage. So entzog sie ihm einen Teil ber bürgerlichen Rechte, z. D. das Wahlrecht, unb schränkte seine Freizügigkeit wesentlich ein. Sie übersah babei, baß unter den Armen nicht wenige waren, bie burch unverschuldete Schicksalsschläge in Not geraten waren. Es sei an der Miene des Polizeibüttels nahte, so soll die Wohl- sahrtspslege ihr mit der Miene und Gesinnung des Arztes entgegentreten. Die bargestellte Entwicklung gehört der neuesten Zeit an. Starke Ansätze bazu finden sich schon in ber Vorkriegszeit. Auch ohne den Krieg wäre sie wohl eingetreten. Aber ber Krieg hat ihr einen mächtigen Anstoß gegeben unb sie stärker beschien- nigt, als bie Verfechter der neuen Gebanken je zu hoffen aeroagt hätten. Den Ausschlag gab, daß eine öffentliche Fürsorge notwendig wurde für Menschen, die auch nicht der Schein eines Vor- rourfs traf, ihre Not selbst verschuldet zu haben. Denen im Gegenteil bie Allgemeinheit ihrerseits stark oerschulbet war. An bie Fürsorge für Die mählich lernte man nun einsehen, baß alle die ver- schiedenen ^Betätigungen Der Fürsorge ihrem Wesen nach nicht so verschieben sind, baß sie eine solche Zersplitterung gerechtfertigt hätten, wie sie als Ergebnis Der Entwicklung vor uns stand. Man sand keinen rechten Grund mehr für die verschiedene Behandlung Notleidender je nach der Ursache des Notstandes, wenn es sich um Menschen von wirtschaftlicher Lebensführung unb rechtlicher Gesinnung hanbelte, denen doch auf gleichem Wege zu helfen war. Getrennte Behandlung hielt man nur noch angemessen für Die unsozialen und antisozialen Elemente, jenes Lumpenproletariat, auf Das Die alte Armenpflege zugeschnitten war unb für das ber Gießener Den AusDruck „Schlammbeißer" geschaffen hat. Die Frucht Dieser Erkenntnis ist Die Reichs- oerorDnung über Die Fürsorgepflicht vom 13. Februar 1924, in Kraft getreten am 1. April bes gleichen Jahres. Sie bestimmt für alle Fürsoraearten gleichmäßig, welche öffentliche Körperschaft zu unter- stützen hat, unb orbnet bie Rechtsbeziehungen ber hierzu berufenen untereinanber. Wie aber unter» stützt werben soll. Das sagen die Reichsgrundsätze über Voraussetzung, Art unD Maß Der öffentlichen Fürsorge vom 4. Dezember 1924. Damit hat bas Reich im Sinne einer Vereinheitlichung ein Gebiet georbnet, bas bisher Der Lanbesgefetzgebung ober Dem freien Ermessen ber Gemeinben unterftanb. Auch Die ReichsgrunDsätze stellen gleichmäßige Vorschriften für alle Fürsorgearten auf. Daneben freilich enthalten sie noch Sonberbeftimmungen für Rentner, Kriegsbeschädigte unb Kriegerhinteroliebene, zum Leibwesen Des raDikalen Flügels ber Einheitsvorkämpfer. Aber eine volle Verschmelzung ber Fürsorgearten scheitert baran, baß man ben Opfern bes Kriegs und Der Gelbentwertung nicht bie hervor- gehobene Fürsorge entziehen kann, die sie jetzt genießen unb bie bas Allerminbeste ist, was sie billig verlangen können, baß man anbererfeits ober auch aus Mangel an Mitteln bie hervorgehobene Fürsorge nicht auf alle anberen mit Ausnahme Der Unsozialen ausDehnen kann. Auch hat man, was im Rahmen ber alten Armenpflege völlig unbenfbar gewesen wäre, den Organisationen der Kapital- unb Sozialrentner wie ber Kriegsbeschäbigten unb Kriegshinterbliebenen eine Mitwirkung bei ber Verwaltung ihrer Fürsorgeangelegenheiten sehr mit Recht gewährt. Das bebingt aber ebenfalls verwaltungsmäßig eine gewisse Abtrennung. Diese kann jeboch ohne Verletzung des Grundgebankens burch- geführt werben, ba eine gewisse Einteilung ber Unterstützten ja doch bei jedem nicht ganz kleinen Amte nötig ist. Die alte Armenpflege kannte zunächst eine besondere Jugendfürsorge nicht. Daß ein Kind nicht eben verhungerte, war ursprünglich ihre einzige Sorge. Der Gedanke der erzieherischen Einwirkung setzte sich durch mit dem hessischen Gesetz über die Zwangserziehung Minderjähriger vom 11. Juni 1887, oder, wie es ursprünglich hieß: „Die Unterbringung jugendlicher Üebehäter unb verwahrloster Kinber betr." Entscheibenbe Stelle war das Vor- mundickiaftsgericht. Aber ben Anstoß gab meist Die Armenverwaltung Der Oemeinbe. So ist es auch jetzt, nachbem die Zwangserziehung der Fürsorgeerziehung des Reichsgesetzes für Jugendwohlfahrt Platz ge- rnacyt hat. Der Jugenbfürsorgegedanke fand weiter Ausdruck im hessischen Gesetz üoer die Anstaltsvormundschaft vom 15. August 1905. Hiernach konnten Gemeinden ein Ortsgesetz erlassen, nach dem ein Beamter Vormund aller öffentlich unterstützten, in Familien- oder Anstaltspflege befindlichen Minderjährigen wurde, soweit sie rechtlich eines solchen bedurften. Dies war besonders wesentlich für die Unehelichen, bie ja immer Stieftinber bes Schicksals waren. Aber biefes Gesetz hatte sich noch nicht ganz zu dem Gedanken einer Jugenofürsorge um ihrer selbst willen durchgerungen. Wer nicht unterstützt wurde, um den kümmerte es sich nicht. Der Anstaltsober Berufsvormund war eben hauptsächlich dazu bestimmt, die Unterhaltsansprüche des Mündels besonders gegen den außerehelichen Vater zu verfolgen und dadurch die Unterstützungslast zu verringern. Insoweit hat sich diese Einrichtung auch trefflich bewährt und überall ein Vielfaches ihrer Selbstkosten eingebracht. Vorgeschrittene Aemter, zu denen sich auch das der Stadt Gießen rechnen darf, haben trotzdem schon immer auch an bas persönliche Wohl unb bie Zukunft ber Kinber und Jugendlichen ijedacht. Es bedurfte für sie nicht des Jugendwohl- ahrtsgesetzes, das mit den Worten beginnt: „Jedes eutsche Kind hat ein Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen unb gesellschaftlichen Tüchtigkeit," unb bas weiter bie Erziehung unb Erwerbs- befähigung zu bem notwendigen ßebensbebarf rechnet, der im Falle der Hilfsbebürftigkeit zu gewähren ist. Dieses Gesetz vom 14. Juni 1922 hat nun eine allgemeine, gesetzlich geregelte Jugenbfür- sorge geschaffen. Es ordnet die Errichtung von Jugendämtern in den Städten und Kreisen an. Auf seinen Inhalt näher einzugehen, würde zu weit führen. Leiber ist es z. T. ein Opfer der Sparnotwendigkeit geworden, und durch die foaenannte Sparverordnung vom 14. Februar 1924 stark beschnitten worden. Immerhin ist eine brauchbare Grundlage geblieben. Fürsorgeämter bedürfen nicht nur der Kanzleien, sondern auch eines Stabes geeigneter Persönlichkeiten für den Außendienst, die in den Wohnungen der Hilfsbedürftigen oder der Familien, in denen mit Erziehungsmaßnahmen vorgegangen werden muß, Erörterungen anstellen unb mit Rat ober Ermahnung auf sie einwirken. Es hatte sich ba wohl In fast allen Stäbten bas sogenannte Elberfelder System eingebürgert. Hiernach wurde dieser Dienst ausschließlich von ehrenamtlich tätigen Männern und Frauen versehen, ben Armen- Pflegern. Die Armenpfleger jebes Bezirks traten zur gemeinsamen Beratung unter bem Vorsitze eines Bezirksoorstehers ober Obmanns zusammen. Das beschloßene Gutachten war bann bie ©runblage für bie Entschließung Des Amtes. Auch heute noch kann auf diese ehrenamtliche Mitwirkung nicht verzichtet werden. Sie ist von unschätzbarem Werte für das Amt, und die Mitbürger, Die sich dieser nicht immer leichten und dankbaren Aufgabe unterziehen, erwerben sich ein großes Verdienst um das öffentliche Wohl. Aber die Wohlfahrtspflege ist so vielgestaltig unb umfangreich geworden, ist durch so viele Gesetze unb Verordnungen des Reichs und der Länder geregelt und steht in so engen Beziehungen zu ben großen Fragen unb Aufgaben ber Volksgesunbheits- pflege, bah zu ben ehrenamtlichen Kräften heute hauptamtliche, fachlich.oorgebilbete Persönlichkeiten als notwenbige Eraänzung hinzutreten müssen. So ist man zum Zusammenwirken beiber, zum „Stratzburg-FrankfurterSyste m", gekommen. Dem stehl auch bie gebotene Sparsamkeit nicht entgegen. Hat boch ber Deutsche Stäbte- tag im Sommer dieses Jahres ausdrücklich fest« gestellt, daß „die Heranziehung fachlich gut ye- schütter, wenn auch teurer Strafte durchaus rationell für die Verwaltung ist unb bie Aufwendung Seite 54 Siebentes Blatt ium neuen System vollzog sich, als lütter» und Säuglingsfürsorge in vom CCCCCCC STÄ* C» s? s durch 61 Ä'.» Die 9' .30 Jahre kann do' wie,oo" ist die " Segenle" ein Nf‘ ttnd sie I ein genn Aauptbeu spricht oi Wunden Ium 9C'C vor öun b"! für und feine? lt,PPe, in d-r Ä'°" für >ur7^°"°nimen^A'?' M Arb- , . ^rden. «s merÄ1 Unj Der- ‘"95 der N -h>- der ZK bet Te- und SKtk^ung, einst, cher ^erSn T'^'Unq Weit bidet^.jy en SetwohSHoben ^eroorgetreten 3 ? in ;'$tun9l>eflnbeetbtelin Stifts $$$& I? .höchst werivoL non r le,fte,L Des Berel! I°r9eunb des Kind " h» heteir ^dachl. Lieser l/n?ff-<5d,0p,et der jetzt 5f; ^'nen Zweiten Sin. Art unterhalt derAlice. 'ndung mit seinem Fröbel- ^u len in denen Klein, laroniffen lagsuberBe M. -rpstegung finden, werden unterhalten, in der Diez. ■r ®c9- Beide stammen er 'st nach der Platz, der er Dekanats - Er. >u gedenken, die sie in chen der Pilegebesahlenen en, besonders durch Der- >ung von PfiGellen aus rein sür Kranken- Acholische Schwesternhaus, phs-Krankenhaus und der tation für Hauskranken- riegszeit hatte der Verein d)tet Der Jugendfürsorge 'gründete Ortsgruppe bes utsche Juaendher- : Herberge aus dem Hobe- rd die Gegner Herberge lallen lucht. Die allgemeine schwerster Geldentwertung ährten zu einem losen Zu- lern und Frauen aus allen Gießener Winter- mt der Hilfsbereitschaft der irofee Mengen von Lebens- ' an die Notleidenden Der- Zwei Volksküchen wurden der ProvinzialvslegMstalt, 1923 bis 31. 3amiat 1924 bete im ehemaligen Tann- Minder 1923 bis 31. A' d dort gespeist wordeiu Es >cn, baß ohne diese• W Gießen kaum vor schwe n ien wäre. Denn große M damals faktisch o ne lebe wen und Renten, bestimmt, ig zu unterhalten, reichten schen Quäkern tN * " SW** ÄML idle itririeli Siebentes Blatt (Siebener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Seite 55 der freien Wohlfahrtspflege zu gedenken, dos die Mt in Arbeiterkrcifen durch Hilfe aus diesen Kreisen selbst lindern will, des Ausschusses für Arbeiterwohlfahrt, nach dem Kriege int Anschluß an die freien Gewerkschaften entstanden. Die künftige Entwicklung der öffentlichen Wohlfahrtspflege in dem hier dargestellten Sinne ist vorgezeichnet durch neue Satzungen. 9m Landkreis ist die neue Satzung bereits in Kraft. Für die Stadt ist eine solche durch einstimmigen Beschluß der Stadtverordneten vom 13. Mai 1925 aufgestellt worden. Sie harrt noch der Genehmigung durch die zuständigen Ministerien. Sie soll die längst veralteten Bestimmungen vom 3. Oktober 1690 ersetzen. Die gesamte Wohlfahrtspflege ist in den letzten 30 Jahren innerlich eine andere geworden; man kann dar von der freien vielleicht ebenso sagen wie von der behördlichen. An äußerem Umfange ist die freie Wohlfahrtspflege kaum gewachsen. 9m Gegenteil sieht sie sich durch den Dermögensoerlust noch immer schwer gehemmt. Anders die öffentliche Fürsorge. 9hre gesetzlichen Aufgaben sind auf ein Vielfaches der Vorkriegszeit gewachsen. Während sie früher im Gemeinde- und Staatshaushalt ein geringfügiger Posten war, ist sie heute dessen Aauptbelaftung. Aber die gestellte Aufgabe entspricht an Bedeutung dieser Last. Es gilt die Wunden zu Hellen, die der Krieg unserem Volkstum geschlagen hat. Es giü, das verarmte Alter cor Hunger und Elend zu schützen, Menschen vor dem Aeußersten zu bewahren, die einst wertvolle Mitglieder des Gemeinwesens waren. Es gilt, denen zur Seite zu stehen, die das Leben des Ernährers, die ihre Gesundheit geopfert haben, um die Heimat zu schützen. Es gilt, den tief gesunkenen Stand der Volksgesundheit zu heben und vor allem die schweren körperlichen und sittlichen Entwick- lungsstörungen auszugleichen, die die Leiden des Krieges und seiner Folgezeit über unsere 9ugend gebracht haben, die doch unsere Zukunft ist. Jahr- zehnte werden vergehen, ehe die Wohlfahrtspflege wieder auf ihre gewöhnliche Aufgabe sich beschränken kann, den Schäden abzuhelfen, die Schattenseite jeder Zivilisation sind. Möchte eine gedeihliche Entwicklung der Wirtschaft es ermöglichen, die große Aufgabe der Gegenwart zu lösen. Dom evangelisch-kirchlichen Leben in Oberhessen. Bon Pfarrer Dr. Heymann, Nodheim a. d. H. Oberhessens Volk ist aufs Ganze gesehen autq- chthon. Mögen in den Zehntlandrücken der Wetterau römische Splitter zurückgeblieben sein, mögen die Alemannenstürme vom 3. bis fast ins 6. Jahr- hundert ihre Spuren hinterlasien haben — im großen und ganzen siedelt zwischen Rhön und Taunus der chattische Menschenschlag seit sicher zwei 9ahrtausenden. Es ist selbstverständlich, daß in einer derart bodenständigen Bevölkerung eine durchaus konservative Gemütsart sich bildet, natürlich nicht im Sinne eines politischen Parteibekenntnisses: nein, konservativ in der ganzen Welt- und Lebensauffassung, hinsichtlich des ganzen geistigen Wesens. Wenn wir es also in Oberhessen mit einem konservativen Menschenschlag zu tun haben, so kann das nicht ohne nachhaltigen Einfluß bleiben auf die konservativste Macht, die sich innerhalb unseres Volkslebens betätigt, auf die christliche Kirche. Sie erhebt ja den Anspruch, die berufene Hüterin urältester Menschheitsgüter zu sein. Man kann also annehmen, daß da, wo diese konservative Kirche auf eine ebenso konservative Volksart stößt, bald ein lebensvolles Jnemcmder- klingen zustande kommt. Das ist in der Tat der Fall. Die Provinz Oberhessen gehört zu den kirch- lichsten Gegenden des evangelischen Deutschland. 9n ihr steht der Turm der Kirche trotz schwerster Zeitstürme vollkommen unerschüttert da. 9a wir gedenken zu zeigen, daß sie dabei ist, ihr altes Haus wohnlicher zu gestalten oder erforderliche Neubauten anzufügen. 9ede Kirche, in der kraftvolles Leben pulsiert, tritt mit dem Anspruch auf, Trägerin der Offenbarung zu sein, also die Verkünderin absoluter, ewiger Wahrheiten, nach denen das ganze Leben sich einheitlich orientieren kann. Solange diese absoluten Wahrheiten allgemeiner Anerkennung sich erfreuen, kann daraus ein so wundervoll t nischer Lebensstil sich entfalten, wie wir ihn im deutschen Mittelalter sehen. Werden aber jene Offenbarungssätze weithin angezweifelt, erschüttert, fo muß notgedrungen eine schwere Disharmonie des ganzen Kulturlebens entstehen. Das ist im 19. Jahrhundert weithin geschehen. Der Rationalismus und sein mißgestaltet Kind, der Ma- terialismus, haben gefährlich gerüttelt an der Kirche. Die Zeitspanne, die wir heute zu über- schauen haben, das erste Viertel des 20. 9ahr- Hunderts, bedeutet für unser Oberhessen eine Periode der Auseinandersetzung zwischen dem weltanschauungsmäßigen Materialismus und der christlichen Offenbarungsreligion. Mag dieser Kamps auf dem theoretischen Gebiet der reinen Wissenschaft bereits entschieden fein, soweit wir urteilen dürfen, zugunsten der Absolutheit des Christentums — hier kümmert uns nur der Austrag des Kampfes im praktischen Leben unseres oberhessischen Volkes. Und da muß man sagen, daß wir noch mitten im Streit stehen, wenngleich auch deutliche Anzeichen, von denen noch die Rede sein wird, den Schluß zulassen, daß auch hier die Wagschale des Sieges sich auf die Seite der Offenbarungsreligion neigt. Wir wiesen auf die konservative Wesensart der Oberhessen hin; sie wird noch verstärkt durch den Umstand, daß es sich in der weitaus großen Mehr- beit um ländliche Bevölkerung handelt — von einer Mittelstadt abgesehen, haben wir nur Landstädtchen, in denen die Bodenständigkeit auch dem Fremden auffällt. Dieses bodenständige Landvolk von Bauern und schollengebundenen Arbeitern oder Gewerblern erfaßte die neue Lehre des Materialismus langsamer, als es bei einer fluktuierenden Bevölkerung der Kall gewesen wäre. Gar zu stark ist es an seine Vergangenheit gebunden — meist ihm unbewußt. Darum zog die Weltanschauung des Materialismus erst in breitem Strom ein, als die Oberhessen durch die grandiose Völkerwanderung des Krieges unter Menschen aus aller Herren Ländern zerstreut, von ihrem heimischen Wesen losgerisien wurden. Und erst die schweren inneren Erschütterungen des Krieges — Zwangswirtschaft! — und der Umwälzung — Zerbrechen der alten Autorität! — ließen die Saat des Materialismus merkwürdig rasch reifen, nachdem sie lange Zeit im Boden gelegen Demgegenüber war die evange- lische Kirche bei Beginn des Kampfes, also etwa um die 9ahrhundertwende, dem Ansturm des Ma- terialismus gegenüber zunächst verhältnismäßig wehrlos. Auch das lag in ihrer konservativen Wesenheit begründet: beharrende Mächte sind nicht elastisch und gewandt genug, um neuen Geistesbewegungen sogleich erfolgreich entgegentreten zu können. Besonders hat die Kirche allgemein, so auch in Oberhessen, nicht rechtzeitig verstanden, dem industriellen Volksteil die hohen Werte des Evangeliums eindringlich genug zu gestalten. Darum haben wir in dem Teil Oberhessens, der in der Peripherie und dem geistigen Umkreis des Main- gaues liegt, einen starken Rückgang des kirchlichen Lebens zu verzeichnen. Es handelt sich in der Hauptsache um das Dekanat Rodheim a. d. H. Wenn man diesen Rückgang in Zahlen ausdrücken will: der durchschnittliche Kirchenbesuch der Erwachsenen betrug dort im 9ahre 1899: 24,8 v. H., 1910: 17,8 v. H., 1923: 16,5 v. H. Oder ein anderer Gradmesser, die Teilnahme am Heil. Abendmahl, die in unserem Volksleben außerordentlich fest verwurzelt ist: 1899: 82,6 v. H. der Erwachsenen, 1910: 65,9 v. H., 1923: 57,8 v. H. Natürlich wissen wir, daß sich inneres Leben nicht in Zahlen erfassen läßt, nicht einmal kirchliche Gesinnung. Aber wir haben nun einmal keinen anderen Gradmesser als die Zahlen, um das Fallen ober Steigen kirchlichen Interesses festzustellen. Darum feien noch einige Zahlen für die ganze Provinz angegeben, um die sinkende Verbundenheit der Bevölkerung mit der evangelischen Kirche nachzuweisen. Der durchschnittliche Kirchenbesuch der Erwachsenen betrug 1899: 32,2 v. H., 1910: 30,4 v. H., 1923: 27,7 v. H. Die Teilnahme am Sakrament des Altars in Hundertsätzen der Erwachsenen: 1899: 125,6 v. H., 1910: 114,6 v. H., 1923: 114,8 v. H. 9n der Provinzialhauptstadt Gießen, Kirchenbesuch 1899: 13,3 v. H., 1910: 15,7 v. H., 1923: 11,2 v. H. Abendmahlsfeier 1899 : 33,1 o. Sy, 1910: 30,2 o. H., 1923 : 29,3 v. H. Aus fast all diesen Zahlen geht ein langsames Sinken des kirchlichen Sinnes hervor. Wohl würde man beinahe in der ganzen norddeutschen Tiefebene in diesen Zahlen eine für derartige Verhältnisse großartige Beteiligung am kirchlichen Leben erblicken: wir aber müssen der Tatsache ins Auge sehen, daß in ihnen sich ein Rückgang des kirchlichen Sinnes ausdrückt, wenn auch zunächst vielleicht nur der formalen Kirch- lichkeit. Nachdem man auf kirchlicher Seite die ganze Gefahr für das Volksleben, die in dem praktischen Materialismus liegt, erkannt hatte, sah man sich nach Bundesgenossen um und nach neuen Waffen, die zum Sieg über den gewaltigen Gegner führen können. Den stärksten, treuesten Bundesgenossen fand die evangelische Kirche in der konservativen Wesenheit ihrer oberhessischen Glieder, denn dieser Konservativismus hat als fein lebendiges Kleid in jahrhundertelanger Webarbeit die kirchliche-religiöse Sitte gewirkt. Dieses Kleid ist von so dauerhaftem Stoff, daß in den meisten Gemeinden Oberhessens alle Stürme der Zeiten ihm nur wenig anhaben konnten. Die Sitte ist aber ohne Zweifel deshalb so unerschüttert, weil in ihr das vberhessische Volks- tum und die Kräfte des Evangeliums eine innige Verbindung geschlossen haben. Schon die oben genannten Zahlen beweisen das. Wir fügen noch einige an, um dieselbe These su erhärten. Taufverweigerungen gab es in Oberhessen 1899: 0, 1910: 2, 1923: 5. Konfirmationsverweigerungen 1899 bei 4965 Konfirmanden: 1, 1910: bei 5417 Konfirmanden: 2, 1923 bei 5821 Konfirmanden: 2. Trauungsverweigerungen : 1899 bei 2072 Eheschließungen Evangelischer: 3, 1910 bei 1946 Eheschließungen Evangelischer: 15, 1923 bei 2428 Eheschließungen Evangelischer: 20. So stark ist bei uns die kirchliche Sitte. Dem kirchlichen Amt, das sich nicht aufs stärkste auf diesen gewaltigen Bundesgenossen stützen würde, gehörte ein Vormund gesetzt. Nun hat es sich aber deutlich gezeigt, daß in dem schweren Geisteskampf der Gegenwart die bloß beharrende Sitte nicht genügt, ja daß sie in der Abwehr widerkirchlicher Gesinnung eine stumpfe Waffe ist, weil jedes in feste Formen gelegte Leben in der Gefahr der Erstarrung, Versteinerung schwebt. Darum mußte die evangelische Kirche nach neuen Wegen suchen, ohne dabei die bewährten alten Gleise zu verlassen. So bedeutet denn der Zeitabschnitt 1900—1925 das Aufkommen neuer Arbeitsmethoden im kirchlichen Leben. Die alte Formel des Augsburgischen Bekennlniffes „Wort und Sakrament" genügte nicht mehr. An ihre Seite trat eine neue, aus dem Geist der Zeit geborene Formel: Lebendige Gemeinde n", die, obwohl dem demokratischen Zug der Gegenwart abgelauscht, doch in der Tiefe des reformatorischen Erbes begründet war, in Luthers allgemeinem Priestertum aller Gläubigen. Mas geschah also, um lebendige Gemeinden im Kampf gegen die widerkirchlichen Tendenzen zu bekommen? Es galt zunächst, das große Erbe des vorigen Jahrhunderts zu vertiefen, die Innere Mission. Getragen von der Organisation „OberVornehme Wohnräume Volfltändiger Innenausbau Einzelmöbel jeder Art und Ausführung auch nach gegebenen Zeichnungen • Ladeneinrichtungen Künftlerifche Bearbeitung ■ Man verlange Angebot O WETZLARER MÖBEL-WERKSTÄTTEN ARCHITEKT E. WAGENGUT TELEPHON NR.473 G.M.B.H. LANGGASSE54/56 WETZLAR AN DER LAHN hessischer Verein für Innere Mission" und der Liebe der Gemeinden, wurden erhalten, erweitert oder neubegründet: das Arnsburger Rettungshaus, die Herberge zur Heimat in Gießen, das Evangelische Schwesternhaus dortselbst, die Arbeiterkolonie Neu- Ulrichstein, die Kinderheilanstalt Elisabeth-Haus in Bad-Nauheim. Eine oder die andere dieser An- stallen gingen an den Staat über; aber sie alle werden in gesegneter Wirksamkeit erhalten durch die Kraft der Heilandsliebe. Neben sie stellt sich würdig die H e i d e n Mission, für jede Religion em unerläßlicher 'Bernets innerer Lebenskraft. Am weitesten verbreitet ist in unserer Provinz die Fürsorge für die Baseler Mission, deren Anhänger im „Oberhessischen Verein für Baseler Mission" zusammengeschlossen sind. Zwei Reiseprediger, von denen der eine von Hersfeld aus den Norden, der andere von Frankfurt aus den Süden unseres Gebietes bedienen, sorgen da- für, daß die Missionsliebe nicht erkalte. Daneben sind noch einige andere Mifsionsgesellschaften tätig. Daß diese Arbeit nicht vergeblich ist, beweisen neben den ansehnlichen Gaben eine Reihe von Oberhessen, die für ihr Evangelium im Heidenland tätig waren. 2n manchen wesentlichen Zügen nahe verwandt mit den beiden vorgenannten Arbeiten ist ein ganz lunger Zweig am Baum der oberhessiscyen Kirche: die V o 1 k s m t s s i o n , die mit den Metyvden der Erweckung an die Menschen herankommen will. Organisiert in der „Oberhessischen Volksmission" hat sie den Herzschlag ihrer Tätigkeit in der Arnsburger Pfingslwoche und in einem seit zwei Jahren bestehenden Bibelkurs in Friedberg. Zahlreiche Eoangelisationswochen oder -vorträae, für die drei Dolksmifsionare zur Verfügung stehen, arbeiten in ohne Zweifel erfolgreichem Dienst dieser Bewegung. Jene drei missionarischen Bewegungen, die Innere Mission, die Heideitmission, die Volksmission, tauchen die Wurzeln ihrer Kraft alle in eine und dieselbe Quelle: der Pietismus mit feiner wett- überwindenden Heilandsliebe. Dieselbe Kraftquelle beobachten wir bei einer weiteren religiösen Bewegung unseres Gebietes, die eine erstaunliche Lebensfähigkeit bewiesen hat: die land es kirchliche Gemeinschaft Chrischona. Schon ist sie in vielen Orten eingewurzelt und erobert sich in kühnem Tatendrang neue Gebiete. Ihren Mittel- punkt hat sie im Bibelheim zu Flensungen, die literarische Versorgung liegt bei der Buchhandlung der Pilgermission in Gießen. Separatistische Ten- denzen liegen in der Gemeinschaftsbewegung verborgen, darum sind Grenzstreitigkeiten mit der Landeskirche nicht selten: aber die kirchliche Ver- tünbigung hat von der Gemeinschaft und ihrem Geist auch schon manchen Segen gehabt. Die vielen Bibelstunden und Bibelkränzchen, die entstanden sind, gehen letztlich auf pietistische Anregungen zurück. Denken wir nun noch an die ausgedehnte Arbeit der Frauenoereine, besonders für die Krankenpflege, an die lebhafte Tätigkeit des Guftav-Adolf-Vereins, die zahlreichen Kirchengesangvereine und Posaunenchöre, vor allem aber an die fröhlich aufblühende Jugendbewegung, in der die Jünglinge im „Hessenbund", die Jungfrauen in dem „Verband der evangelischen weiblichen Jugend Deutschlands" zusammengeschlossen sind, so sieht auch der Laie, daß innerhalb der evangelischen Kirche heute eine gewaltige Fülle von Arbeit geleistet wird. Das moderne geistliche Amt verlangt von seinem Träger eine Vielseitigkeit, daß die beschauliche Landpfarrhaus Idylle einer ver- Mungenen Sage gleicht, ja, daß von den Geist- llchen eine Betriebsamkeit erwartet wird, die mitunter noch an das Geschäftsmäßige streift. Auch in die Mauern der evangelischen Gottes- Häuser selbst ist die neue Zeit eingedrungen und heischt andere Formen des Gottesdienstes. Die Alleinherrschaft des lutherischen Predigtgottesdienstes ist gebrochen. Das ursprünglich so sormenreiche deutsche Volk, das heute in seinem technischen und gewerblichen Leben allenthalben die Symbole und Erfolge seiner Arbeit sicht, will auch seinem Gott begegnen in reicheren Formen, die dem Auge, dem Ohr, dem Gemüt Genüge leisten. So haben wir eine Bereicherung der gottesdienstlichen Formen bekommen, die fast unübersehbar ist. Wir nennen nur: Weihnachtsspiele, Passionsgottesdienste, Karfreitagsliturgien, Abend- gottesdienfte, Waldgottesdienste, Erntefestspiele u. v. a. Diesem Streben leistet zumal die liturgische (hochkirchliche) Bewegung Vorschub, die sich vor kurzem organisatorisch verbunden haL---- So tobt heute um die oberhessische Kirche und ihr Evangelium wohl der Kamps: noch ist dieser Kampf nicht entschieden, aber zweierlei ist gewiß: nachdem zunächst die Kirche schwere Einbuße erlitten hat, gelang es ihr im Jahr 1918/19 den im (Befolge der Umwälzung heranbrausenden Sturmangriff siegreich abzuweisen. Zweitens aber steht sie nun in schimmernder Wehr auf den Zinnen der bedrohten Feste und kann dem Fortgang des Kampfes in wachsender Zuversicht entgegenschauen. Den Endsieg zu geben — das steht freilich bei dem erhöhten Herrn der Kirche. Vezirkssparkasse Grünberg Öffentlich-rechtliche Sparkasse unter Garantie van 40 Gemeinöen Gegrünöet 1840 Relchsüank-Slcokonto: ; Y. Y Y Y Y Y L i Y) f (X V Y) & J. 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Ungebrochen durch die Schicksalsschläge kann sie im sichern Vertrauen der Zukunft entgegensehen, im festen Bewußtsein, durch die Pflege ihrer Tradition, der freien Forschung, nicht allein der Wissenschaft, sondern zugleich dem Vaterlande und der ganzen Nation, ja der ganzen Menschheit zu dienen. Die höheren Schulen Oberhessens. Von Oberstudiendirektor Prof. Dr. Karl Roller. Das äußere Leben der höheren staatlichen Schule hat im großen und ganzen etwas Stetiges, Unver».ückbares und Unwandelbares an sich. Äas zeigt sich schon an den Verordnungen und Ver- ftigungen, die um ihretwillen erlaßen werden, die ihren Gang regeln und immer für eine ganze Anzahl von Schulen zugleich bestimmt sind, und die oft genug in 20, 30 und mehr Jahren keine Aenderung erfahren. Sie geben der höheren Schule nach außen hin etwas Starres, Traditionelles, Unpersönliches und jeder Neuerung Unzugängliches. Alles geht jahraus jahrein auf Jahrzehnte lang denselben Gang. Die Gründe hierfür liegen bei uns in Deutschland z. T. wenigstens in dem Cha- ralter unseres Landes als Bundesstaat, wonach jedes Glied wohl seine selbständige gesetzgebende Schul- behörde besitzt, wo man aber um der gegenseitigen Anerkennung der einzelnen Schulen des Reiches unter einander willen doch an eine gewiße äußere feste Struktur gebunden ist, die Anordnungen in größerem Mahstabe mindestens erschwert, wenn nicht ganz und gar unmöglich macht. Die Gründe liegen aber auch darin, daß unsere Schule nicht zum Spielball ungereifter reformatorischer Einzel- launen gemacht werden darf, die kaum nach ihrer Verwirklichung sich als undurchführbar erweisen würden. Sie braucht vielmehr bei ihrer verant- wortungsvollen Aufgabe einer ruhigen Entwicklung, und alle neu einzuführenden Ideen müßen wohl durchdacht werden Wenn sich dem oberflächlichen Beschauer sonach Jahrzehnte lang äußerlich gleichsam dasselbe Bild bietet, so wird doch der im Schulleben Stehende manchen Wandel im Innern feststellen können, der nicht nur in dem Wechsel von Leitern und Lehrern seine Ursache hat, sondern der auch bedingt sein mag durch die Zeitströmungen, denen sich der einzelne, an der Arbeit der Schule Beteiligte, nicht gut entziehen kann, wenn er nicht als rückständig gelten will. Und so gewinnt innerhalb einer scheinbaren Starrheit und Gll.chmäßigkeit die Arbeit der Schule doch wieder etwas Lebendiges und Persönliches. Es wird sich aus dem Gesagten leicht ergeben müssen, daß in den letzten 25 Jahren — und über diesen Zeitraum ungefähr wollen wir berichten — sich in unserer Stadt und unserer Provinz überwältigende Geschehnisse in der Entwicklung unserer höheren Schulen nicht gerade jagten. Wo sie dennoch eintraten, waren sie meistens veranlaßt durch die gleichlaufende Entwicklung in den übrigen maßgebenden Bundesstaaten im Reiche. In diesem Sinne ist auch die einschneidende Schulreform um die Wende des Jahrhunderts zu verstehen, die mit dem Monopol des humanistischen Gymnasiums als der alleinigen Dorbereitungsanstalt für die Hochschule brach und zunächst dem Realgymna- sium und darnach der Oberrealschule den Weg zu allen Universitätsstudien freigab. Die unmittelbare Folge davon war, daß der Besuch des Gymnasiums abnahm, ja daß altgewordene Gymnasien eingingen oder sich anders einstellen mußten (Laubach), und daß auf der anderen Seite die Realschulbewegung mit mächtiger Stoßkraft ein- setzte, was sich darin äußerte, daß eine ganze Anzahl höherer Bürgerschulen in Real- schulen und danach eine Anzahl Realschulen in Oberrealschulen verwandelt wurden. In der Provinz Oberhessen wirkte sich diese Bewegung in folgender Weise aus: Die höheren Bür- gerschulen in Bad-Nauheim (gegründet 1905), Grünberg (gegt. 1877), Lauterbach (gegr. 1897) und Schotten (gegr. 1898) wurden im Jahre 1914 und die höheren Bürgerschulen in Nidda (gegr. 1880), Schlitz (gegr. 1900) und Vilbel (gegr. 1899) an Ostern 1925 in Realschulen umgeroanbelt. Ferner wurden die Realschulen in Friedberg im Jahre 1923, Alsfeld (gegr. als Realschule im Jahre 1909) und die Realschulen zu Butzbach (höhere Bürgerschule seit 1876, Realschule seit 1891), zu Bad-Nau- heim und G r ü n b e r g an Ostern 1924 endgültig zu Oberrealschulen ausgebaut. Die einzigen höheren Bürgerschulen Oberhessens befinden sich noch in Hungen (gegründet 1877) und Homberg a. d. Ohm (gegr. 1873, bzw. 1888). Sie führen die Schüler bis zur Obertertia und sind vor- wiegend Dorbereitungsanstalten für die Real- und Oberrealschule. Einschließlich der Oberrealschule in Gießen haben wir somit heute in unserer Provinz 6 Oberrealschulen mit der Berechtigung zum Hochschulstudium mit im ganzen 2138 Schülern, darunter' 249 Schülerinnen, und 5 (mit Lau - bad) 6) Realschulen mit der Obersekundareife (610 Schulkinder darunter 237 Mädchen). Eine besondere Entwicklung hat die Realschule in Laubach genommen. Sie wurde 1875 als humanistisches Gymnasium (Friedericianum), von dem Grafen Friedrich zu Solms-Laubach gegründet und im Jahre 1922, 3 Jahre vor ihrem 50jährigen Bestehen, in eine Realschule mit Prorealgymnasium (das letztere als Vorbereitungsanstalt für die Obersekunda des Realgymnasiums) verwandelt. Humanistische Gymnasien bestehen nach dem Eingehen des Gnmnasiums in Laubach in Oberhessen 3: zu Gießen (gegr. 1605), Friedberg (gegr. 1543) und Büdingen (gegr. 1601). Die Drei Anstalten sind bei weitem die ältesten Schulschöpfungen Oberhessens und des Landes überhaupt. Sie wurden ursprünglich als Gelehrtcschulen gegründet; Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sie großherzoglich. Das B ü • dinger Gymnasium nimmt insofern eine befon- dere Stellung gegenüber den anderen beiden Anstalten ein, als die Schule im Jahre 1923 in ein Reformgymnasium mit neusprachlichem Unterbau umgewandelt wurde, was für die Schülerzahl sehr vorteilhaft war. Insgesamt betrug die letztere an den drei Gymnasialanstalten zu Ostern 1925 656, darunter 71 Schülerinnen. Nur ein einziges Mal ist, wie in den übrigen hessischen Provinzen, das Realgymnasium (349 Schüler an Ostern 1925 mit einer Schülerin) vertreten. Wir sehen also in Oberhessen einen Reichtum an höheren Knabenschulen auf einen verhältnismäßig kleinen Raum zusammengedrängt, und man mag sich die Frage vorlegen, ob sich eine solche Fülle von Anstalten rechtfertigen läßt. Jedenfalls sollte man zur Zeit an ihrem Bestände nicht rühren, wo der bescheidenste Derwaltungsbetrieb und sozusagen jedes kaufmännische Unternehmen hinsichtlich der Aufnahme seines Beamtennach- Wuchses Dorbildungsforderungen stellen, die es kaum noch dem mit der Obersekundareife einer höheren Lehranstalt abgegangenen Schüler ermög- lichen, eine Stelle zu bekommen. Gegenüber den Knabenschulen finden wir bei den Mädchenschulen ein ganz anderes Bild. Besteht einerseits für die Knaben sowohl hinsichtlich der Anzahl der Schulen eine gewisse lieber» reichlichkeit, und ist ihnen auch außerdem noch die Möglichkeit geboten, sich den Schultyp zu wählen, der für ihre Veranlagung oder für ihre Neigung am besten paßt (Gymnasium, Realgymnasium oder Oberrealschule), so liegen die Verhältnisse für die Mädchen viel ungünstiger. Wirkliche ausgesprochene höhere Mädchenschulen, die chren Besucherinnen gewisse beschränkte Berechtigungen verleihen, gibt es in Oberhessen nur 2. Die eine ist die Schillerschule in Friedberg (gegr. 1905, aus der erweiterten Mädchenschule, 1905—1918 höhere Bürgerschule, 1918 höhere Mädchenschule) und die höhere Mädchenschule in Gießen. Die Anstalten tragen den Charakter des 7klassigen Lyzeums mit Französisch und Englisch als Fremdsprachen und verleihen mit 16 Jahren, also nach 10 Schuljahren, ein Jahr später wie die gleichwertigen höheren Knaben- schulen, die Reise für Obersekunda. Mädchen, die das Maturum machen wollen, müssen in den Oberbau der Oberrealschule übertreten. An den übrigen Orten der Provinz, mit Ausnahme von Als- feld, wo eine kleine höhere Bürgerschule für Mädchen besteht, sind die Mädchen ausschließlich auf den Besuch der höheren Knabenschulen ange- mieten (Koedukation). Friedberg hat 1919 auf die Schillerschule eine zweijährige Frauenschule aufgebaut und hat dieser 1915 einen Fröbelkinber- gnrten angeschlossen. In Gießen hat man seit Ostern 1925 durch das Aufsetzen einer Obersekunda auf die höhere Mädchenschule den Grundstein für die Studienanstalt gelegt. Im Jahre 1928 wird Herr Oberstudiendirektor Dr. Keller, M. d. L., Büdingen. Es will schon etwas heißen, wenn eine Zeitung wenige Monate nach Goethe das Licht der Welt erblickt hat und sich immer noch ihres Daseins erfreut. Es will erst recht etwas heißen, wenn sie heute gesünder und lebensfähiger dasteht als je, während — Gott sei’s geklagt! — Deutschlands Dichterfürst trotz aller Literaturgeschichte für die Masse seines Volkes so tot ist wie Hinz oder Kunz. Es ist ganz gewiß ein Verdienst, wenn eine Zeitung während so vieler Geschlechterfolgen Jahr für Jahr und Tag für Tag begierige Leser über tausend Dinge auf dem Laufenden hielt; größer aber ist ihr Verdienst, wenn sie das Wesentliche nicht im Neuen, sondern im Bedeutsamen gesucht hat, wenn sie sich der großen sittlichen Aufgabe stets bewußt blieb, daß sie Belehrung und edle Ergötzung für hungrige Seelen auf jeder ihrer Seiten bieten soll. Aus aller Welt müssen die Nachrichten stammen, die die Spalten einer wohlgeleiteten Zeitung füllen; denn jeder Mündige und Unmündige will heute durch ein, wenn auch noch so enges, geistiges Guckloch über Gottes weite Erde hinschauen können; ich aber lobe mir das Blatt, das über die Welt nicht der Heimat vergißt, das alte und neue Züge heimischen Wesens nimmermüde den Landsleuten verlebendigt und ohne fachwissenschaftliche Ansprüche Denkmalpflege und Stammeskunde in Wort und Bild für weiteste Kreise betreibt. Man sagt, wir lebten im Zeitalter der Zusammenballung der großen Betriebe, die mit fast unbegrenzten Geldmitteln den Markt beherrschten und die mittleren und kleinen auf saugten oder verdrängten. In gewissem Sinne mag das auch für das Schriftwesen gelten; wir kennen ja die mächtigen Verlagskonzerne, die Zeitungen und Wochenschriften dutzendweise und in Millionenauflagen unter die Massen werfen. Manche politische, wirtschaftliche und künstlerische Tagesgröße gebraucht sie als Sprachrohr seiner Meinung, die großen Telegraphenbureaus dienen ihnen, gewiegte Börsianer stellen dort ihre Geschäftskenntnissc im Handelsteile zur Verfügung und geben Winke, die sich freilich oft als trügerisch erweisen, und jede technische Neuerung vergrößert das Übergewicht dieser großstädtischen Unternehmungen. Was bleibt da dem gediegenen Provinzorgan? Bei aller Pflicht, sich geistig und betrieblich der Zeit anzupassen, doch vor allem eines: die weise Erkenntnis, daß es das pflegen soll, was seine Stärke ist und sein unantastbares Eigengebiet: das Bodenständige, das Wurzelechte, das Heimatliche! Selbstverständlich baut auch das Provinzblatt seinen weltpolitischen und reichspolitischen Teil aus nach Vermögen, selbstverständlich nutzt es jede Gelegenheit, die ihm flotteres Arbeiten und blitzschnelle Veröffentlichung der Geschehnisse gestattet. Kann es dabei nicht völlig mit den Riesengeschwistern der Hauptstadt Schritt halten, so hat es dafür den Vorteil, daß es auf kürzerem Wege in die Hände seiner Bezieher gelangt, denen überdies eine verständige Stoffauswahl gemäßer ist als die schillernde Vollständigkeit des Weltblattes. Aber das Entscheidende ist das nicht, mindestens nicht das allein Entscheidende. Der Blick des Lesers wandert rasch vom „Politischen" zum „Lokalen". Er verweilt mit Muße auf der Chronik der Stadt, er mustert mit lebhafter Anteilnahme die Namen der Ortschaften des Kreises und der Provinz, und was darunter an gewiß nicht sensationellen, aber für ihn gar nicht bedeutungslosen Ereignissen verzeichnet steht. Er überschlägt keine der Spalten, auf denen die altbekannten und neugegründeten Geschäfte der Gegend ihre Waren und Preise bekanntgeben, er vergißt weder den Tageskalender noch den Wetterbericht, der am Platz freilich häufiger stimmt als der Berliner. Und er hat seine helle Freude an den sehnsüchtig erwarteten hübschen Beilagen, die zumeist das Wochenende bringt, und bei denen er halb unbewußt spürt, daß sie ihn klüger und praktischer und berufstüchtiger machen, ohne daß er sich geschulmeistert fühlt. Warum hat der „Gießener Anzeiger" so viele andere große und kleine Zeitungen überdauert? Was ließ ihn schlimme Zeiten überstehen und gedeihen in guten? Was sichert ihm eine Zukunft, die seiner Vergangenheit würdig ist? — Doch sicher vor allem das, daß er den Dingen da draußen zwar volle Aufmerksamkeit widmete, in jeder Stunde aber Heimatblatt blieb! So ward er alt und blieb doch neu, Er wahrte Treu', drum fand er Treu7 Achtes Blatt zum ersten Male eine Reifeprüfung an einer höheren Mädchenschule in Oberhessen abgehalten werden. Es soll nickst vergessen werden, daß sich fast aller- orts, wo höhere Schulen bestehen, die Gemeinden bemüht haben, die «Schüler auch würdig unterzubringen. Eine ganze Anzahl Neubauten sind errichtet worden und andere sind in Vorbereitung (Gießen: Höhere Mädchenschule und Oberrealschule; Friedberg: Augustinerschule und Schillerschule in Vorbereitung; Laubach, Butzbach, Bad-Nauheim u. a. m). Was nun die höheren Schulen Gießens im Besonderen angeht, so beträgt ihre Zahl 4: 3 Knabenschulen (das Landgraf-Ludwigs- Gymnasium in der Südanlage, das Realgymnasium in der Ludwigstraße, die Ober- r e a l s ch u l e in der Stephcmstraße) und eine Mädchenschule (das Lyzeum sHöhere Mädchen- schulej mit S t u d i e n a n st a l t in der Nordan- läge). Das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium wurde am 10. Oktober 1605 als Pädagogium illustre von dem Landgrafen Ludwig dem Getreuen ungefähr zu gleicher Zeit wie die Universität gegründet. Es war ursprünglich eine Gelehrtenschule, die in engster Verbindung mit der Universität stand und aus der diese ihren ftuben- t'schen Nachwuchs bezog. Im Lauft-der Jahrhun- dcrte und ganz besonders unter dem Einfluß der geistigen Strömungen am Ausgang des 18. Jahr- Hunderts entwickelte sie sich zu einer allgemeinen Bildungsanstalt, dem humanistischen Gymnasium, das, seiner Ueberüeferung folgend, sich vorwiegend der Pflege der alten Sprachen widmete, einer Aufgabe, der es bis auf den heutigen Tag getreu geblieben ist. Die Anstalt feierte im Oktober 1907, im gleichen Jahre wie die Universität, das Jubiläum ihres 300jährigen Bestehens. Mit der Schule ist das von ihrem früheren Leiter dem Geheimen Oberschulrat Dr. Hermann Schiller begründete pädagogische Seminar verbunden (das erste in Hessen), das dem Zwecke dient, die von der Unioerfität mit der Fakultätsprüfung für das höhere Lehramt ab- gangenen Anwärter für den höheren Schuldienst in den praktischen Lehrberuf und zugleich in die Theorie der Erziehungswissenschaften einzuführen. Die Anstalt wurde in den letzten 25 Jahren von folgenden Herren geleitet: Geh. Schulrat Dr. Schädel (1899—1906), Geh. Schulrat Dr. Hensel! (1906—1920), Oberstudiendirektor Dr. Baur (seit 1920). Die Geschichte des Realgymnasiums steht in engster Verbindung mit der der Oberreal- schule. Beide Anstalten leiten ihren Ursprung auf die im Jahre 1837 gegründete -Massige Realschule zurück, die 1869 zu einer öklassigen Anstalt erweitert wurde. Von Ostern 1878 an wurde damit begonnen, die Anstalt in eine Realschule 1. Ordnungmit Lateinisch, das nach den Jahres- berichten übrigens schon seit 1853 wahlfrei, wenn auch mit wenigen Wochenstunden, unterrichtet wurde, und eine Realschule 2. Ordnung ohne Latein zu spalten. Die beiden Lehranstalten blieben in einem Gebäude unter einem Leiter und die Lehrkräfte waren an beiden Anstalten beschäf- tigt. Die erste Reifeprüfung der Realschule 1. Ordnung fand Ostern 1880 stall. Herbst 1884 erhielt die Realschule 1. Ordnung den Namen R e a l g y m - n a f i u m. Mit Beginn des Schuljahres 1902/03 be- ga»Ä der Ausbau der lateinlosen Realschule 2. Ordnung zu einer Oberrealschule, derselbe war 1904 beendigt. Durch die jährlich zunehmende Schülerzahl (am Schlüße des Schuljahres 1913'14 waren es mit der Vorschule nahezu 1000) wurden im Laufe der Jahre die Räume für die Riesenanstalt unzulänglich, und mit Beginn des Schul- jahres 1914/15 wurden die beiden Anstalten, Realgymnasium und Oberrealschule, räumlich getrennt. Gleichzeitig trat der seitherige gemeinsame Leiter derselben, Geh. Schulrat Dr. Rausch, in den Ruhestand. Das Realgymasium verblieb im alten Gebäude in der Ludwigstraße, die Oberrealschule bezog mit ihrem ersten selbständigen Leiter, dem Oberstudiendirektor Dr. Schnell das neue, in den Jahren 1912—1914 errichtete Haus in der Stephan« strahe. Die den beiden Anstalten gemeinsame Vorschule verblieb bei der Oberrealschule. Die Nachfolger Dr. Rauschs am Realgymnasium waren Oberstudiendirektor Dr. Baur (1914—20), Ministerialdirektor Urftabt (1920—21), von da ab vertretungsweise Oberstudienrat Weimar bis Januar 1923; seit 1923 Oberstudiendirektor Henk. Erster Leiter der Oberrealschule war Oberstudiendirektor Dr. Schnell von 1914—23, ihm folgte 1923 Ober» studiendirektor Dr. Roller. Auch mit der Oberrealschule ist ein pädagogisches Seminar verbunden, das von Oberftubien« direkter Dr. Schnell im Jahre 1914 begründet wurde. Die Geschichte der Höheren und Erweis terten Mädchenschule, des jetzigen Lyzeums, reicht in das Jahr 1841 zurück. Im Jahre 1880 vollzog sich die Trennung der Schule in eine 7klassige höhere (bis zum Alter von 16 Jahren) und eine 5klassige erweiterte Mädchenschule, mit Mittelschulcharakter (bis zum 14. Jahre). Beiden Schulen ging eine Zklassige Vorschule voraus. Die Schulen blieben unter einer Leitung in einem Gebäude. Noch heute bestehen sie, die erweiterte Schule allerdings nur noch im Abbau mit einer Klasse. Seit der Trennung der An« statt in zwei Schulen bezog sie auch nach längeren Irrfahrten ihr neues Schulgebäude in der Schillerstraße (jetzige Stadtmädchenschule). Durch die stetige Zunahme der Zahl der Schülerinnen erwies aber auch dieser Bau mit der Zeit als unzureichend, und man errichtete in den Jahren 1905 bis 1907 ein neues Schulgebäude in der Norb- anlage, das feit Sommer 1907 die beiden Anstalten beherbergt. Einen selbständigen Leiter hatte die Schule erst vom Jahre 1869 ab. Die Leitungsgeschäfte besorgten bis dahin die jeweiligen „Dirigenten des Schulvorstandes". Seit den letzten 25 Jahren wurde die Anstatt geleitet von Geh. Schulrat Dr. <51 ö r i E o bis 1917, von Oberftubien- OBERHESSISCHES KORBWARENHAUS HEINRICH HESS GIESSEN, Schulstraße, Ecke Sonnenstraße ♦ KOBLENZ, Neue Passage GRÖSSTES SPEZIALGESCHÄFT in Korbmöbeln, Kleinmöbeln, Korbwaren, Liegestühlen und Leitern Lieferant der Hessischen Bad- und Kurverwaltung Bad-Nauheim, vieler staatlicher Kliniken, Hotels, Caf6s, Sanatorien usw. DK M?üni ifiL UM ein, «Mi.n1*« -«-dL taSuh“i“s^3i"'* !°ber I605 ak p.^mnQ. -uiuDiQ8dhag0giu® e>d)tr 3eif TfX °em Oe. Dl^ ur|prünnii*^e ^n™er. :n9ltet ißerbinx^ einc ®e. ^ÄS mit* [9. 9m S'^n ftuben. ders unter ^hrhun. \ l'ch zu einer on5 W ^monistjich^ gemeinen -pra-ien wid2 ^'^"d den heutigen ein” W gierte im Otto&Ä e Univerfitä, hn= « .. ■,m ehsns. M t h ' Ji ^'läum Leiter L ist dar Schiller fS™cn ^er. iunben ld"e§"^??°' S?G- fhßL r £. Schulrat Dr. L®J- Schulrat Dr. f»en. oerstudiendirektor Dr. 8 a u c m?Ql,Umä W enmr.?er?r ?berreal. fn. leiten ihren llrfprung aus gründe e Massige Realschul! ,e'ner .yiiflen Anstalt er. I’em 1878 an wurde damit u. m eine Realschule teinifdj, das nach den &e?- )n (eit 1853 wahlfrei, wenn Wochenstunden, unterrichtet ealschule 2. Ordnung “• Die beiden Lehranstalten Gebäude unter einem Leiter en an beiden Anstalten be|chä(.' rüsung der Realschule 1. Orth 80 statt. Herbst M erhielt die ag den Namen Realgym. in des Schuljahres 1902,03 de- lateinlosen Realschule 2. Orb rreal/chule, derselbe war f) bie jäljrlid} }imd)menbt iffe des Schuljahres 1913 l< (schule nahezu IW) würben die Räume sür die Riesen- und mit Beginn des Schul- m die beiden Anstalten, Real- inealschule, räumlich getrennt seitherige gemeinsame Leiter julrat Dr. Rausch, in den algnmasium verblieb im allen idwigstraße. die Oberrealschule sten selbständigen Leiter, dem )r. Schnell das neue, in ben rrichtete haus in der Stephanen Anstalten gemeinsame M- r Oberrealschule. Lie> Rachso ger Igymnasium waren Oberstud en (1914-20), Mmstmaldireltor m. von da ab oeW gn.imar bis Januar 192d, mar Dberitubieniireftor Vr. 5, iH-W- M »'■ JÄ« b,«rW w 184,rf®*" sich 6,1 M- M” ähere (bl® Serie 3Räb iratelschulcharak" ( Schule" JL 'unter einer )ie Schulen blieve" Gebäude/ach chule aßerbtifls ber Anse. Se" d«r Tttnn7»,zngere- n bezog Schiller' y: ti«eS ,s «Ä be»<" » Sir* 5 6«t % •rstefl* • i t o bis iyi - säSSSB® Achtes Blatt Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Seite 59 direktor Dr. 31 o 11 e r von 1917—23, und von Oberstudiendirektor Dr. Kalbfleisch seit 1923. Da die Stadt Gießen den größten Teil der Kosten für die Unterhaltung der Schule selbst trägt, so sind ihr bei der Erörterung, insbesondere finanzieller Fragen, und auch bei der Besetzung der Stelle des Leiters durch die Staatsregierung gewisse Rechte eingeräumt worden, die durch ein Kuratorium ausgeübt werden. Wiederholt war in den letzten Jahren die Errich. tung einer Studienanstalt angeregt worden, aber die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse waren schuld daran, daß der Ausbau erst in aller- jüngster Zeit zustande gekommen ist. Wie der im August 1914 beginnende Weltkrieg auf unser gesamtes inneres und äußeres Leben den nachhaltigsten Einfluß ausgeübt hat, so ist er auch an der höheren Schule nicht spurlos vorübergegangen. Zunächst machte er sich dadurch bemerkbar, daß an allen Anstalten ein großer Teil der Lehrerschaft, man kann sagen durchschnittlich die Hälfte, ins Heer einberufen wurde, und daß dadurch der Unterricht in die empfindlichste Notlage geriet. Es war nicht immer leicht, geeigneten Ersatz für die Weggehenden zu finden, und zum ersten Male hielt in dieser Zeit auch in unserer Stadt die Leh- rerin ihren Einzug in die höhere Knabenschule. Aber auch die zur Verfügung stehenden weiblichen Lehrkräfte reichten nicht immer aus, und man mußte oft zu Hilfskräften seine Zuflucht nehmen, die dem Lehrberufe seither ferne gestanden hatten. Wo nicht genug Lehrer aufzutreiben waren, mußten Klassen^ zusammengelegt werden. Dazu kam der weitere Uebelstand, daß infolge des Durchzuges der Truppen und später auch infolge des Mangels an Heizmitteln die Schulen auf kürzere ober längere Zeit geschlossen, oder daß wiederholt zwei höhere Schulen für eine Zeitlang in demselben Gebäude untergebracht werden mußten, ober enblich, baß auf längere Zeit hin, wie bei bem Rückmarsch ber Truppen, ber Unterricht oft getrennt in verschie- denen, räumlich auseinander liegenden Gebäuden, in UniDerfitätsinftituten, Kirchengemeindesälen usw. gehalten werden mußte. Zugleich mit den Lebrern zagen aber auch bie Schüler ber Ober» klassen hinaus in ben Kampf für bie Heimat. Zahl- reich war bie Zahl berer, bie sich freiwillig mel- beten, anbere, die das militärpflichtige Alter erreicht hatten, stellten sich an chre Seite. Durch das Entgegenkommen ber Regierung würbe es ben Schülern gestattet, vor Dem Verlassen der Schule noch die Notreifeprüfung abzulegen, oder es war ihnen ermöglicht, durch die Einrichtung von Dor- bereitungshirfcn für Kriegsteilnehmer während ihrer Dienstzeit die Reife zu erwerben. Viele ber jungen Menschen sinb als Opfer auf bem Schlacht- fclbe geblieben, aber auch viele ihrer Lehrer sinb nicht wieder nach Hause in die Heimat zurück- gekehrt. Abgesehen von diesem Ausscheiden einzelner Schüler durch ben Krieg, waren bie Klassen meist vollzählig besetzt, obgleich sich mit ber langen Dauer des Krieges bie Ernährungsfrage in ben meisten Familien bei dem Mangel an den notwendigsten Nahrungsmitteln oft recht schwierig gestaltete. Aber mit der Zeit litten die Kinder doch durch die Not, bie erst gelinbert wurde, nachdem nach Beendigung des Krieges die amerikanischen Quäker auch für die Schüler ber höheren Schulen ihr großzügig angelegtes Hilfswerk, bie Quäterfpeifungen, ins Leben riefen, bie bis ins Jahr 1924 fast ununterbrochen in Wirksamkeit waren. Schließlich waren bie körperlich verkümmerten Kinber nicht mehr den Anforderungen des Unterrichts gewachsen, bie Slnforberunaen mußten heruntergeschraubt werden, und auch durch die Schulbehörde wurden entsprechende Erlasse an die Schulleitungen hinausgegeben. Man darf es offen sagen, daß auch heute noch in dieser Hinsicht die Nachwirkungen bei unserer höheren Schuljugend zu spüren sind, und daß die Klassen nach nicht wieder das Niveau der Vorkriegszeit erreicht haben. Dazu kam weiter, daß auch infolge der langen Abwesenheit der Väter im Felde und durch mancherlei Wandlungen, die die Anschauungen infolge der Kriegsnot erfuhren, die Zucht unter der Jugend gelockert wurde, was auch die Arbeit der Schule nicht günstig beeinflußte. Und doch hat die schreckliche Zeit auch erziehlich ihre guten Seiten an sich gehabt, zwang sie doch ganz von selbst die Jugend zur Besinnung auf ihre sozialen Pflichten, sowohl denen gegenüber, die für die Heimat kämpften, als auch denen gegenüber, die zu Hause litten. Von diesem Gesichtspunkte aus ist auch das große Sammelwerk zu beurteilen, das mit großem Erfolge mit Hilfe der Behörden in Betrieb gefetzt wurde: ich meine hier das Zusammenbringen von Goldgeld, Juwelen, Altmaterial, Wäsche, ferner die Teilnahme der Schüler am Sammeln von Laubheu, Bucheckern, Brenneffeln, Arznei- und Teepflanzen, Wildgemüse usw. Viele Schüler und Schülerinnen stellten sich auch für Hilfsdienste jeder Art zur Verfügung, kräftige Schüler der Oberklassen halfen beim Einbringen der Ernte u. a. m. Es kam die Revolution. Wie allenchalben staatliche Umwälzungen mit ihren Reformbestrebungen Ihre WWe r für öcn i | Wjl- M winterbeW r sollten Sie nicht eher tätigen, bevor Sie sich von meiner Leistungsfähigkeit in i Herren- unö MbenbeklMung | | sowie Milchen MsnuMr- ; MenunWWluiMrlikeln » i Überzeugt haben | | Reellste Bedienung! j Nur beste Qualitäten! vorteilhafteste Preise! { I Car! Horn»Giessen « ä bekannt gediegenes Kaufhaus für Stadt und Land i Marklstr. 28 • ZernruflZyö • Marktstr. 28 • an bestehenden Einrichtungen rütteln, so hatte auch die Revolution des Jahres 1918 für das gesamte Schulwesen, im besonderen aber auch für die höhere Schule einschneidende Veränderungen im Gefolge, doch vollzogen sie sich in unserem Vaterlande nicht in radikaler Weise; z. T. sind sie heute noch erst in der Entwicklung begriffen, und es wird geraume Zeit vergehen, bis sie feste Gestalt angenommen haben. Für die äußere Organisation der höheren Schulen ist als einschneidendste Veränderung das Eingehen der Vorschulen und ihr Aufgehen in der Einheitsschule oder richtiger, ihre Verschmelzung mit bem Unterbau ber Volksschule, ber sogenannten ® runb- schule, zu verzeichnen. 'Mit biefer Maßnahme würbe ein alter Vorkriegswunsch bes Allgemeinen Deutschen Lehreroereins in bie Wirklichkeit umgesetzt. Es war nicht zu verwunbern, baß bie For- berung ber Einheitsschule zu einem parteipolitischen Kampfmittel würbe. Während sie von ben aus ber anbererseits ber Arbeitsunterricht als Hanb - arbeitsunterricht für bie Mäbchen fast fo alt wie bie Mädchenschule selber ist unb als Werkunterricht unb Experimentier- unterricht (physikalische, chemische unb diolo- S'sche Hebungen) für bie Knaben auch schon auf eine ahrzehnte alte Geschichte zurückblickt, 'so ist es boch das Verbienst ber pädagogischen Bestrebungen ber letzten Jahre, bem Arbeitsunterricht eine allgemeinere Beachtung verschafft und feine Durch- führung in allen Schulbetrieben angebahnt zu haben. Auch die neuen Lehrpläne für die höheren Schulen Hessens, die von Ostern 1926 ab zur Ein- führung kommen sollen, tragen dem Arbeitsprinzip im Unterricht besonders Rechnung. Weitere Er- rungenschaften der letzten Jahre in unterrichtlicher Hinsicht sind die verbindliche Einführung ber Staatsbürgerfunbe von Unterfefunba ber höheren Schule ab unb bie ber philosophi - fchen Propädeutik von Prima ab. Herr Bürgermeister Dr. Niepoth, VI. d. L. Wenn eine Zeitung wie der Gic cner Anzeiger ihr ijsjähriges Bestehen feiert und dabei auf eine Entwicklung vom kleinen Lokalblatt bis zu ihrer jetzigen Höhe und Bedeutung zurückblicken kann, so haben Verlag und Schriftleitung alle Ursache, mit Stolz und Befriedigung erfüllt zu sein. Jeder Politik - kennt die außerordentliche Macht der Presse und weiß, welche große Verantwortung ihrer Leitung obliegt. Unbeeinflußt von persönlichen Rücksichten, soll sie sich jederzeit für die Interessen der gesamten Bevölkerung einsetzen. Der Gießener Anzeiger war sich dieser hohen Aufgabe stets bewußt. Er stand immer in vorderster Reihe, wenn es galt, nationale und liberale Ideen zu vertreten und ihnen zum Siege zu verhelfen. Der ständig wachsende Leserkreis ist ihm der beste Beweis dafür, daß er sich auf dem richtigen Wege befindet. Ich kann daher heute an dem Jubeltag ihres Unternehmens Verlag und Schriftleitung zu dem bisher Erreichten nur beglückwünschen und gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß ihrer Arbeit auch weiterhin sichtbarer Erfolg beschieden sei zum Wohle unseres Volkes, zum Wohle unseres engeren und weiteren Vaterlandes. Herr Oberst Fett, Kommandeur des 15. Infanterie-Regiments. Die Provinzialhauptstadt Oberhessens, die im Lahntal gelegene ehrwürdige Universitätsstadt Gießen, gehört zu den 5 Garnisonen des 15. Infanterie-Regiments. Wir, die Nachfolger der ruhmreichen kaiserlichen Armee, rechnen es uns zur Ehre • an, daß wir die Überlieferung des stolzen ehemaligen Gießener Regiments, des Infanterie- Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großherzogi. Hess.) Nr. 116, in unserer 2. Kompagnie pflegen dürfen. Der Regiments-Stab des 15. Infanterie-Regiments, bis vor kurzem in Gießen garnisonierend, ist im Mai ds. Js. nur ungern aus der liebgewordenen Garnison geschieden. Ein Abschiedsgeschenk der Stadt Gießen, ein Ölbild mit den Wahrzeichen des Lahntales, dem hochragenden Bergkegel des Dünsberges, mit den stolzen Burgen Gleiberg und Vetzberg, wird dazu beitragen, in uns die Erinnerung an unsere alte, liebe Garnisonsstadt wachzuhalten. Der Regiments-Stab und das I. Bataillon, dessen Kommandeur gleichzeitig Landeskommandant in Hessen ist, verknüpfen die herzlichsten Verbindungen mit Stadt und Land. Es gereicht uns zur besonderen Freude, feststellen zu können, daß auch unsere Beziehungen zum Verlag des „Gießener Anzeigers“ stets die besten gewesen sind. Wir wünschen dem „Gießener Anzeiger“ anläßlich der Feier seines 175jährigen Bestehens das Beste für die Zukunft und günstigste Fortentwicklung. Möchte auch weiterhin seine auf Pflege nationaler, vaterländischer Gesinnung gerichtete Arbeit von Erfolg begleitet sein, zum Wohl unseres heißgeliebten VaterlandesI Revolution hervorgegangenen Regierungsparteien propagiert wurde, stieß sie bei den rechtsorientierten Parteien auf den heftigsten Widerstand, der auch heute noch nicht beseitigt ift,. zumal bas Grunb- schulgesetz bie Kinber erst nach bem vierten Schul- lahre in bie höhere Schule zuläßt, währenb aus ber Vorschule ber höheren Lehranstalten bie Kinber schon nach 3 Jahren in bie höhere Schule übertreten konnten. Mit ber Durchführung ber Grunbschule steht Hessen zeitlich unter ben führenben Staaten. Zum ersten Male würben an Ostern 1919 keine Schüler mehr in bie unterste Vorschulklasse ausgenommen, unb an Ostern 1921 waren bie Vorschulen enbgültig abgebaut, boch gestattete man für bie Jahre 1921 unb 1922 noch ben Kinbern unbeschränkt nach breijährigem Besuch ber Grunbschule ben Uebertritt in bie höhere Lehranstalt. Dieses Recht hat man aber von 1923 ab etwas eingeschränkt, unb an Ostern 1925 sinb nur noch verhältnismäßig wenige Grunbschüler, bei benen gewisse Anforderungen an Alter, Gesundheit unb Leistungen gestellt würben, nach brei Jahren in bie höhere Schule gekommen. Das durch das Eingehen der Vorschulen befürchtete Ueberhand- nehmen von Privatzirkeln und Prioatschulen hat sich erfreulicherweise nicht verwirklicht. Neben organisatorischen wurden auch unter- rich11iche Fragen in den Jahren nach der Revolution erörtert. U. a. setzte eine sehr lebhafte Propaganda für die Arbeitsschule ein. Wenn wir auch behaupten dürfen, daß diese als Prinzip jeglichen Unterrichts für jeden Lehrer eine ganz selbstverständliche unb uralte Forberung ist, unb wenn Erfreulicherweise hat auch bas Jnteresie ber Elternschaft an bem Leben ber Schule zu- genommen, man hat Elterndeiräie gewählt, unb an verlchiebenen Anstalten unserer Stabt haben sich wieberyolt bie Eltern unserer höheren Schüler unb Schülerinnen, sei es zu Unterhaltungsabenben ober Zur Aussprache über Schulfragen mit ihren Lehrern zufammengefunden. An bie Stelle ber alten Schulseste sinb neue getreten: bas Jugenbsest: EnbeJuni, bas zum ersten Male von ber gesamten Schuljugenb Gießens 1921 gemeinsam gefeiert würbe, unb bas in ben folgcnben Jahren befonbers vorbilblich von bem Lyzeum ausgeftaltet würbe, bie Derfassungs- feier am 11. August unb bie Totengebächt- n l s f e i e r Enbe November. Mehr wie früher hat sich neuerbings bie höhere Schule ber Pflege der Gesundheit ihrer Schütz, linge gewidmet. So hat bei ihr das Aufblühen des Sportes feine Wirkungen nicht verfehlt. Alljährlich im Herbst findet sich die Gießener Schuljugend zu den Reichjugendwettkämpfen zusammen; in ben höheren Schulen ist man im Begriffe, bc» sonbere Sportabteilungen einzurichten, ber verbinbliche Spielnachmittag hat Eingang gefunben, unb seit bem vorigen Jahre gehen unsere Schüler unb Schülerinnen, bank ber liebenswür- bigen Mitwirkung bes Leiters bes Gießener stäbti- schen Schwimmbabes, klasienweise mit ihren Lehrern zum Schwimmen, unb es soll hier anerkannt werben, baß wir gerabe in bezug auf ben letzteren Sport bei ben Eltern unserer Schulkinber bas größte Verstänbnis gefunben haben. Schuhhaus Eduard Windecker ■ Lieh Größtes Spezialgeschäft am Platze Nur erstklassige Qualitätsschuhwaren von dem schwersten Arbeitsschuh bis zu dem feinsten Luxusschuh Achten Sie auf die Firma Der Höheren Schulen in Oberhessen Bei Gießen, Gymnasium unb Lyzeum ist bei ber Schülerzahl bie Vorschule mitgerechnet, bei Gießen, Realgymnasium unb Oberrealschule nicht. Gründlings- jahr Schülerzahl 1900 1914 1917 1919 1925 Gießen Gymnasium . . 1605 387 349 340 379 201 Gießen 1837 Realgymnasium . 1878 252 263 248 299 349 Gießen 1837 Oberrealschule 1902 333 546 630 693 780 Gießen 1841 Lyzeum unb 1880 580 794 822 950 659 Stud.-Anstaltcn . 1925 Alsfeld 1909 Oberrealschule 1914 126 220 276 285 220 Bad-Nauheim 1905 Oberrealschule 1914 — 179 194 254 284 1924 Büdingen Gymnasium . . 1601 157 181 160 182 295 Butzbach 1876 Oberrealschule . 1891 111 127 164 206 248 1924 Friedberg 1543 167 Gymnasium . . 1909 403 418 435 514 Oberrealschule 1923 363 Friedberg 1905 Höh. Mädchensch. 1918 — 213 245 271 455 Grünberg 1877 Oberrealschule . 1914 32 134 159 187 264 1924 Homberg Höh. Bürgersch. . 1888 38 25 33 54 42 Hungen Höh. Bürgersch. . 1877 33 28 36 44 49 Laubach 1875 Realschule . . . 1922 169 105 92 90 81 Lauterbach 1897 Realschule . . . 1914 84 100 128 151 128 Nidda 1880 Realschule 1925 41 77 139 137 108 Schlitz 1900 Realschule . . . 1925 38 36 56 69 92 Schotten 1898 Realschule . . . 1914 46 105 135 128 100 Vilbel 1899 Realschule . . . 1925 52 66 76 152 117 Das Volksschulwesen. Don Kreisschulrat Fischer, Gießen. Eine Ueberschau über bie Entwickelung des Dolksfchulwesens im letzten Vierteljahrhundert und über seinen geaenwärtigen Stand im Verbreitungs» gebiet dieser Zeitung verzeichnet sehr bemerkenswerte Fortschritte; daneben zeigen sie freilich auch in den Jahren ber Kriegsnot unb ber Nachkriegszeit sehr erhebliche Rückschläge und schwere Erschütterungen. Die dem letzten Dierteljahrhundert voraus- gehenden drei Jahrzehnte, die Zeit nach 1871, hatten auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens weitgehende Umstellungen gebracht. Die Aufrichtung des Reichs hatte den Weg freigemacht zu neuen Formen des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens, bie unserem Volke bis bahin verschlossen gewesen waren. Staatliche Notwenbigkeit, wirt- schaftlicher Aufschwung unb eine vorwärtsbrängenbe Reformfreubigkeit schufen so in ben 70er Jahren eine neue Grunblage für Staat unb Wirtschaft, bie uns dann im wesentlichen bis zum Ende des Weltkrieges erhalten geblieben ift Don dieser Neuordnung der Dinge ist auch das Volksschulwesen kräftig erfaßt worden. Es war auch nötig. Die letzte vorausgegangene gesetzliche Siegelung in Fragen der Volksschule lag um mehrere Jahrzehnte zurück (Hessen 18321), und was bie Zwischenzeit auf bem Verorbnungswege gebracht hatte, war größtenteils mehr unerfreulich als für bie Dolksbilbung förberlich; man braucht nur an den Geist ber fünfziger Jahre zu benken, ber auf bas Leben in ber Volksschule in Preußen wie in Hessen überaus verhängnisvoll gewirkt hat. Demgegenüber bebeutet nun die neue Schulgesetz- gebung der 70er Jahre einen außerordentlichen Fortschritt. Es bedeutet doch etwas, daß die damals geschaffenen Gesetze — in Preußen von 1872, in Hessen von 1874 — sich bis in die Jahre des Weltkrieges als brauchbar erwiesen haben. — Drei Bestimmungen sind es hauptsächlich, die jener Gesetzgebung bas Gepräge geben. Einmal: die Volksschule ist noch ausschließlich Lande s s a ch e. Die Verfassung des neuen Reichs ver- zichtet noch vollständig darauf, Richtlinien ober allgemeine Bestimmungen über Schulwesen und Volksbildung für das ganze Reich aufzustellen und die Länder zu Mindestleistungen zu verpflichten. — Sodann: in Hessen unb in Nassau wirb zur normalen Schulform die S i m u 11 a n s ch u 1 e. Es war boch eine außerorbentliche Leistung ber 20000000000000OOOOOOOOOOOOOOOOOOQOOOOOOOQ Kari Riebet Generalvertreter öer ^Deutschen Kunsts München Giessen - Markt iS Driginal-Genwlüe Bilüer / Graphik Bücher Keine Briefpapiere Einrahmungen * Gkehener Anzeiger * IubilSums-Ausgabe Seife 60 Achtes Blatt 01 0 lZöü* \ 8 ■ Gebern. VERLANGEN SIE ■ W l iiiutninuiwig üiiiUHimii'iiiuTil -WL WW müssen den T rauben hat un besinnr gaben. 4 ♦ l ♦ ♦ ♦ i ♦ ♦ s i I bitte unsere Preise für die chemische Reinigung Leiter b Der beste 1 seines 1 ausldni nicht d vorzog. ©roftfa. mH bti id)äfts> t italienisch bnidctlu Praktijchi big, die I/i. KWiinnn/t bern aud Liese Ar Zeil der gerlich-pr ringerer oarqs männijc lünb. sator um b kausmör heute er düng mir sch !ast un Wt barf ’ Befriedigung und auf die Dauer einen zuverlässigeren Ertrag. So barf, wenn auch manche übertriebene Forderung ruhig neben liegen bleiben wird, doch gesagt werden, daß die Antriebe, die dis Schularbeit in den letzten Jahren gesunden hat, wertvoll und förderlich gewesen sind. II ll > i I - I I I diese j- e> oerb her J,‘l untß« nennen burfter Aecht Einen besonders wertvollen Fortschritt darf man erblicken in der Ausdehnung der Foribildungssckul- pflicht auf die 14° 7' ..... .. Daß auch o bildung lt SB-! So bilbun( Heu, in der 6c geh'- ' Wiederholungsschule ist überwunden; die Zielsetzung aus den Beruf der Schüler, die in der Stadt nichts Neues ist und sich hier leicht durchführen ließ (in München gibt es x. D. besondere Klassen nur für Schornsteinfegeri), beherrscht den Unterricht auch auf dem Lande. Man darf hoffen, daß in wenigen Jahren, wenn uns neue Rückschläge erspart bleiben, auch kleine Landgemeinden ihren stark landwirtschaftlichen Unterricht mit Versuchsfeld (wohl für mehrere Gemeinden gemeinsam) haben werden, und daß die geringen Widerstände, die sich den jüngsten Fortschritten im Fortbildungsschulwesen enlgegengefetjt haben (weit geringer als z. B. 1900 bei Einführung des Tagesunterrtchts) bald vergessen sind. Es kann nur begrüßt werden, daß die Regle-' rungen auch in einer Zeit schwerer finanzieller Belastung fick dafür einsetzen, daß jedem heran- wachsenden Landwirt, Handwerker und Arbeiter (auch auf dem Lande) d i e Schulbildung wird, die der Daseinskampf von unseren Jungen einmal fordern wird. Wenn auf dem begonnenen Wege fortgeschritten wird, so wird man in einigen Jahren sehen, daß eine zeitgemäße Gestaltung der Fort- bildungsschule in Stadt und Land doch richtiger ist, als das, was man oft forbem hört: Weg mit der Fortbildungsschule und dafür ein 9. Schuljahr für alle Dolksschüler. reform* ist wohl an keiner Einrichtung und an keinem Unterrichtsfach spurlos oorübergegangen. Große Städte haben „Versuchsschulen" eingerichtet (Bremen, Hamburg, Berlin) mit dem Zweck, einmal auszuproben, was eine mit allen Konsequenzen durchgeführte neue Zielsetzung verbunden mit einem neuen Lehrverfohren, für die Schule zu leisten vermöchte. Manches von dem garenden Most kann heute als überwunden angesehen werden. Aber umsonst ist die Bewegung keines- wegs gewesen. — Zunächst ist das Bewußtsein all- gemein geworden, daß uns eine weit eindringlichere Pflege der Leibesübungen nottut. Auf diesem Gebiete ist eine letzte befriedigende Form noch keineswegs gefunden. Die heute amtlich geforderte Einrichtung von verbindlichen Spielnach- Mittagen und die Einrichtung der Reichsjugendwettkämpfe sind ein guter Anfang, reichen aber nicht aus. Verglichen mit Frankreich, find wir auf diesem Gebiete weit zurück. Es muß dahin kommen, daß bet jedem Dorfe ein Spiel- und Sportplatz für Schuljugend und Erwachsene ist, daß unsere Jugend schon vor der Schulentlassung noch mehr als jetzt von den Turn- und Sportvereinen angezogen roiro, und daß es für sie bann eine Selbstverständlichkeit ist, baß sie in biese Vereine alle gleichsam hinein- wachsen. Der körperliche Zustand unserer Heranwachsenden, der Wegfall des Heeresdienstes, der für unser Volk körperlich unleugbar von hohem Wert war, zwingen dazu, der Pflege der Leibesübungen in Stadt und Land die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Im inneren Betrieb der Schule ziett die moderne Schulreform auf größere Intensivierung des Unterrichts ab. „Los vom ffiortr — »Heran an die Dinge" — „Selbsttätigkeit" sind Forderungen, die der Schularbeit ein besonderes Gepräge geben. Die Einführung des Werkunterrichts, eine feit 2 Jahrzehnten erhobene Forde- rung, der Schülerversuch, die Selbstbeobachtung durch das Kind, erhöhte Selbsttätigkeit im sprachlichen Unterricht, Unterricht im Freien, Ver- wertung des Erlebnisses der Kinder geben dem Unterricht, mie wir ihn heute fordern, eine tiefere Begründung, für Lehrer und Schüler eine größere hnung der Fortbildunassc vis 17jährigen Mädchen. i e Mädchen, deren Eltern an eine Ausbildung ihrer Kinder in einer Frauen- oder Haus- haltunasfchule nicht denken können, jetzt eine gründliche Einführung in selbständiges Handarbeiten und Hauswirtschaft, insbesondere in bas Kochen er- halten, ist ganz besonbers zu begrüßen. Wie viele Familien sind daran unglücklich geworden, daß es die Frau nicht verstanden hat, ihrem Haushalt Ordnung und Häuslichkeit zu verschaffen, und daß sie ihrem Mann den Aufenthalt im Hause nicht angenehm und lieb zu machen wußte. Darf man sich in einem solchen Falle wundern, wenn der Mann Noch ein Wort zur Fortbildungsschule, ioweit ihre Behandlung nicht in eine besondere Dar- tellung gehört. — Stellt ihre erste Einführung in >en siebzraer Jahren nur einen bescheidenen Versuch dar (nur in Hessen besteht sie seit 50 Jahren als Pflichtschule auch für die kleinsten Gemeinden), so hat das Jahr 1900 einen ersten bedeutenden Fortschritt gebracht, indem der Unterricht auf die Tagesstunden verlegt wurde und damit wesentlich bessere Arbeitsbedingungen geschaffen worden sind. Nach dem Kriege ist der Ausbau fortgesetzt worden. In Hessen z. B. ist der Unterricht auf das ganze Jahr ausgedehnt worden, die längst notwendige Loslösung von der Volksschule ist oemerkenswert fortgeschritten, größere Gemeinden haben Haupt- - Lehrer, besondere Leitung und besondere Schulhäuser erhalten. Der Unterricht ist stark auf den Beruf der Schüler abgestellt. Der Bann der Staat, gezwungen durch seine finanzielle Bedrängnis, daran ging, rücksichtslos Sparmaßnahmen zu ergreifen, mußte natürlich auch die Schule dem Abbau Opfer bringen. Diese Opfer waren beträchtlich. So mußten in einem einzigen Landkreise 12 Schulstellen aufgegeben werden; in den Städten, in denen die Anpassung an steigende und zurück- gehende Schülerzahl leichter möglich ist als in Land- gemeinden mit kleinem Schulkörper, waren die Opfer noch bedeutend schwerer. Werden diese Klassen bei wachsendem Bedarf angesichts der finanziellen Lage der Länder sofort wieder eingerichtet werden können? — Besonders bedauerlich war cs, daß der Abbau auch auf die Lehrkräfte ausgedehnt werden und daß mancher ältere Lehrer vor der Zeit aus der Berufsarbeit ausscheiden muhte. Hat man in der Folge die Ueberzeugung gewinnen können, daß das von dem Reich verlangte Opfer, das die Beamtenschaft dem Staat in dem Avbau hat bringen müssen, den erwarteten Erfolg gehabt hat? Das aufwühlende Ereignis des Weltkrieges hat den Reformeifer wie auf allen Gebieten auch in der Volksschule neu angeregt. Der Ruf „Schul- tretung von Lehrern aus Nachbargemeinden aufrecht erhalten werden, zum Teil auch durch Verwendung von Hilfskräften, die sich zur Verfügung stellen. Aber alle diese Kriegswirkungen werden verhältnismäßig willig hingenommen; man ist |a des Glaubens, daß mit dem Ende der Feindseligkeiten alle Not ein Ende habe und der Zustand der Vorkriegszeit in kurzem wieder hergeftellt fein werde. Aber es kommt ganz anders. Die wahren Krieas- wirkungen zeigen sich erst nach dem Kriege. Zu- nächst noch einige recht störende Zuckungen: Schul- räume werden durch Wochen hindurch von den zu- rückkehrenden Truppen als Ouartier in Anspruch genommen und dabei nicht immer pfleglich behandelt; der Unterricht fällt deshalb entweder ganz aus ober wird behelfsmäßig und durch Zusammenlegung roeiterfpfüijrt; die Kohlennot bringt in den ersten Winterri nach dem Kriege weiteren Ausfall an Unterricht. Aber das alles sind doch nur vorübergehende Störungen. Bald zeigt sich, was als dauernde Wirkung der Kriegszeit geblieben ist, und diese Bilanz ist überaus traurig. Es war noch nicht das Schlimmste, daß die Lücken in den Kenntnissen der Kinder sich als sehr empfindlich erwiesen, und daß es mehrerer Jahre bedurfte, bis der Stand der Vorkriegszeit wieder erreicht war. Bedenklicher waren Folgen sittlicher Art, die auch die Schul- juaenb und insbesondere die fortbildungescyul- pflichtige Jugend ergriffen hatten. Die jahrelange Abwesenheit des Vaters, die starke Belastung der Mutter durch die Sorgen des Tages und vielleicht gar durch Arbeit in der Fabrik hatten die sich selbst überlassene Jugend zu einer Zügellosigkeit geführt, die zu schweren Sorgen Anlaß gab. Die Möglichkeit, früher als sonst und reichlicher als in andern Zeiten zu verdienen, hatte bei unseren Vierzehn- bis Siebzehnjährigen Bedürfnisse heroorgerufen (Zigaretten, Likör!), die man früher bei diesem Lebensalter kaum kannte; und als endlich der Währungsverfall in den Jahren 1922 und 1923 unserem wirtschaftlichen Denken und unserem Sinn für Wirt» schaftlichkeit den Boden wegzog, da war auch bei der Fortbildungsschuljugend die moralische Wirkung verheerend; der Sparsinn war bei unserer reiferen Jugend in wenigen Jahren völlig verschüttet worden. Ganz besonders waren die Wirkungen der Kriegs- und Nachkriegszeit auf die Gesundheit unserer Schulkinder. Wer Gelegenheit gehabt hatte, den Ernährungszustand der Kinder in der Vorkriegszeit zu sehen, war immer wieder erschüttert, wenn er nach 1918 die Wirkungen der Hungerblockade an unseren Heranwachsenden Kindern beobachten mußte. Gewiß war der Grad der Unterernährung nicht überall gleich; auf dem Lande hatte es hier und da Plätze gegeben, in denen die Ernährung erträglich geblieben und das Aussehen der Kinder nicht übermäßig zurückgegangen war. Aber das waren Ausnahmen. In den größeren Gemeinden, besonders in der Nähe der Staate selbst, waren die Folgen des Hungerkrieges furchtbar. Als besonders bedenklich muß dabei angesehen werden, daß diese Schäden so schwer zu heilen sind. Auch heute, sieben Jahre nach dem Ende des Krieges, begegnen wir in den Schulklassen noch unverhältnismäßig vielen unter- ernährten, bleichsüchtigen und skrophulösen Kindern, und wenn auch mit Schulspeisungen und Badekuren in anerkennenswerter Weise kräftig ein- gegriffen worden ist, so bleibt doch das Bild bei den jüngsten Kindern, die die Jahre der Entbehrung in ihrer frühesten Jugend durchleben mußten, auch weiterhin ernst. Weit bester sieht es in vielen Land- gemeinden mit überwiegender Landwirtschaft aus. Es ist wohltuend, in den Schulen dieser Dörfer feststellen zu können, daß es doch noch gut ge- nährte, kräftige Knaben und Mädchen gibt, und daß der Wiederaufbau unserer Volkskraft marschiert. Was schon vor dem Kriege richtig war, daß der Hauptboden für die Volksgesundheit das Dorf ist, trifft heute noch viel mehr zu als damals. Sehr tief hat in das Schulleben der Rückgang der Geburtenziffer in und unmittelbar nach dem Kriege etngegrtffen. In den größeren Gemeinden sind die Kriegsjahrgänge so schwach geworden, daß Klassen zusammengelegt werden mußten; in kleinen Landgemeinden gibt es Klassen, in denen einzelne Jahrgänge überhaupt nicht ver- treten sind. So gibt es z. Z. einklassige Schulen mit Lutdesetzten oberen Abteilungen und ganz schwachen Jahrgängen in den ersten Schuljahren. Diese Tatsache kam einer Maßnahme entgegen, die sich im Sommer 1924 als notwendig erwies. Als der Männer, die damals die Simultanschule durch- gssetzt haben, daß sie über starke Widerstände hinweggeschritten sind und den Mut gefunoen haben, die Kinder ~'ler Bekenntnisse zusammen auf dieselbe Schulbank zu setzen. Sie haben damit viel zur konfessionellen Entspannung beigetragen und haben Verhältnisse geschaffen, um die die „Simultan- schulländer" (außer Hessen und Nassau nur noch Baden!) jahrzehntelang beneidet werden konnten. — Endlich ein Drittes: die Gesetzgebung wendet ihre Aufmerksamkeit zum ersten Male entschieden dem nachschulpflichtigen Alter zu; die Fort- bildungsschule für die Vierzehn- bis Sieb- zehnjährigen entsteht. Gewiß noch in unentwickelter, nicht sehr leistungsfähiger Form (Unterricht in den Abendstunden, — der Unterricht in der Hauptsache Wiederholung der Stoffe aus der Volks- schule), aber immerhin ein Unterricht, der ein Lebensalter erfaßt, das der erziehlichen und unter- nchtlichc», Beeinflussung noch so dringend bedarf. Auf dem durch die Schulgesetze der siebziger Jahre gelegten Grunde hat sich bann das Volks- fchulwefen bis über die Jahrhundertwende hinaus fräftig entwickelt, und wenn auch die Zeit allmäh- lich über manche Einzelheit jener Gesetzgebung hin- ausgewachsen ist (Schulaufsicht!), so war doch der Boden tragfähig genug, um eine vertiefte und erweiterte Jugendbildung zu gewährleisten. Die Zeit von 1900 bis zum Kriegsausbruch bewegte sich im wesentlichen in den Bahnen der vorhergehenden Jahrzehnte, aber sic war doch auch, äußerlich wie innerlich, eine Zeit weiterer Fortschritte. Dor allem ist sehr diel für die Verbesserung der äußeren Arbeitsbedingungen in der Schule geschehen. Eine sehr große Anzahl zeitgemäßer, zum Teil hervorragend schöner und zweck- mäßiger Schulhäuser entstand. Das Bewußtsein hat sich dabei entschieden durchgesetzt, daß die Kinder, die im Elternhause oft unter unbefrie- digenden äußeren Verhältnissen aufwachsen, doch wenigstens tn der Schule Luft und Licht reichlich finden, und daß sie hier täglich einige stunden der Freude erleben sollen, die ihnen im Elternhause nicht immer beschieden sind. Es verdient Anerkennung, daß selbst sehr kleine Gemeinden sich in der Errichttmg zeitgemäßer Schulhäuser erhebliche Opfer auferlegt haben. Es gibt Landgemeinden mit nur 2 Klassen, die 2 neue Schulhäuser kurz nacheinander errichtet haben mit Garten und Spielplatz, so daß die Kinder in der Schule alles finden, was billigerweife erwartet werden darf. Daß unter den wenigen Gemeinden, die auf diesem Gebiete zurückgeblieben sind, gerade die Stadt obenan fteht, die das Verbreitungsgebiet dieses Blattes beherrscht, ist eine peinliche aber notwendige Feststellung. Man muß entschieden wünschen, daß auch hier die Kinder aus der Enge der Altstadt, die Kinder mit ungenügender Ernährung und blutleeren Gesichtern, endlich aus Schulräumen herauskommen, die längst auch bescheidenen Ansprüchen nicht mehr genügen. Auch die innere Seite des Schul- betriebe hat in den Jahren der Sammlung und des Ausbaus, von denen wir sprechen, Erweiterung und Bereicherung erfahren. Erst vorsichtig und nur mit einer gewissen Behutsamkeit, dann aber sehr bestimmt hat sich die Unterrichtsform der Volks- schulen aus dem Bann einer pädagogischen Richtung gelöst, in der sie mehrere Jahrzehnte fast widerspruchslos sestgehalten worden war. Diese pädagogische Auffassung war einmal für Unterricht und Erziehung in der Volksschule von epochemachender Bedeutung. Aber sie ist überholt worden, und gerade die Zeit von 1900 ab ist eine Zeit eifrigen Suchens nach neuen Formen geworden. Die neue Bewegung hat auch dem äußeren Bilde des Unterrichts freundlichere Noten zu geben vermocht: Kunst tn der Schule, — künstlerischen Schmuck im Schulsaal und in den Unterrichts- 'Mitteln, — Ueberwindung einer allzu sehr ver- . standesmäßig gerichteten Lehrweise, — endlich eine t freiere Form des Unterrichts, bis zu der heute y kaum noch bestrittenen Forderung einer Lehrform, für die die pädagogische Welt den Begriff der „Arbeitsschule" geprägt hat. In diese bedeutsame Zeit unverkennbarer Dor- wartsentwicklung im Schulleben bricht nun die gewaltige Erschütterung des Weltkriegs hinein. Die Einwirkung des Kriegs auf Leben und Arbeit in der Schule find vom ersten Tage an überaus einschneidend. Die Lehrer werden in großer Zahl zum Heere einberufen, in größeren Gemeinden werden Schulhäuser zu militärischen Zwecken in Anspruch genommen, im zweiten Teil des Krieges kann der Sd)ulbetrieb oft nur noch durch Stellver- seine Zeit lieber in der Kneipe als bei seiner Familie verbringt? Unsere Frauen — und besonders gilt das für die Mütter von morgen — haben alle FÄRBEREI BRAUBACH & FISCHER Gießen, Seltersweg 79a, Telephon 627 • Zentrale: Butzbach, Telephon 24 Läden in Bad-Nauheim, Darmstadt, Frankfurt am Main, Friedberg, Hann.-Münden, Offenbach am Main und Wetzlar Ihrer Garderobe,Teppiche, Möbelstoffe, Decken, Vorhänge usw. 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Handwerker und Arbeiter d I e Schulbildung wird, die unseren Zungen einmal for- bem begonnenen Wege fort» ’rb man in einigen Zähren näfce ßeftaltvng her Sort- l und Land dach rWger oft svrdem t)M: Dey mit und dastr ein 9. Schuljahr erholten Forkschriü darf man hnung der Forkblldunasschui- bis 17jährigen Mädchen, n, deren (Ellern an eine Sus» n einer Frauen- oder Haus- nken können, jetzt eine gründ- lbständiges Handarbeiten und sondere in da» Kochen er« ders zu begMen. Wie mir unglücklich geworden, dah es landen hat, ihrem hEhck hkeit zu verschassen, und dah llusenthalt im Hause nicht jn* machen wußte. Dars man sch e wundern, wenn der M°m der Kneipe als be sein . .Irre grauen - mid besonderer von morgen - hoben alle jr die jung iUSW. ausfallen :u machen 1dWetzlar Achtes Blatt Giehener Anzeiger - Jubilaums-Ausgabe anstatten, wie die des Dompredigers Hecker in Berlin, die mit der Stuttgarter Karlsschule ver» bundene Handelsschule, an der Hofrat Dannenberg e r als Lehrer wirkte, weiter die kausmänni- schen Klassen am Philantrapin in Dessau u. a. m. Erwähnt seien noch die Beziehungen Maria The- resias zu dem Hamburger Handelsschulmann Büsch, dessen Schüler auch Alex. v. Humboldt war, und die Bemühungen dieser Kaiserin, nach Büschs Plänen die Wiener Handelsakademie auf- zubauen. Ein weiterer Einblick in das schnelle Wachstum der Handelsschulen muß hier unterbleiben. Bier Faktoren haben nun auf die Berufs- erziehung im vorigen Jahrhundert fordernden Einfluß gehabt: das neue Staats- und Wirtschafts- leben, die neue Technik, die neue Gesellschaft und der neue Bildungsbegriff. Was den letzteren betrifft, so haben gerade die neuesten pädagogischen Forschungen eines K e r s ch e n st e i n e r, Spran- ger, A. Fischer, W. Stern, Natorp, Messer u. a. durch die Kennzeichnung der beruf- lichen Bildungsarbeit und ihre Bedeutung für die allgemeine menschliche Bildung unter BerücksichVeranlassung, die Kunst zu erlernen, mit kleinen Mitteln im Haushalt auszukommen, aus Abgelegtem noch Brauchbares selbst herzustellen und einen Tisch zu bereiten, der nicht allzuviel kostet und dach nahrhaft und wohlschineckend ist, kurz, daß Wirtschaftlichkeit und Behaglichkeit im Hause herrschen. Man darf mit Genugtuung feststellen, und es wäre traurig, wenn es anders wäre, daß die Einsicht in diese Tatsache sich sehr rasch durchgeletzt hat. Und es verdient bemerkt zu werden, daß die Einführung der Mädchenfortbildungsschule, die doch für Stadt und Land ein nicht geringes Opfer darftellt, ohne nennenswerten Widerstand möglich war. Wir durften cs erleben, daß Landgemeinden, die das Recht hatten, den Unterricht in den landwirtschaftlichen Klassen während der Sommermonate aus«- zusetzen, von diesem Recht im vorigen wie in diesem Sommer keinen Gebrauch gemacht haben. Diese Feststellung bedarf keiner weiteren Würdigung. So darf der Uederblick über Volks- und Fort- dildungsschule im letzten Vierteljahrhundert schließen, indem die Tatsache festgestellt wird, daß trotz der Schwere der Zeit es vorwärts und aufwärts geht. Man wird unserer Zeit einmal zugestehen Ulrichstein. MW IW müssen, daß unser Volk sich durch Druck und Leiden den Mut, an die Zukunft zu glauben, nicht hat rauben lassen. Die Sorge um die Lasten des Tages hat unser Geschlecht nicht abgehalten, sich auch zu befinnnen auf seine geistigen und sittlichen Aufgaben. ________ Das öffentliche Handelsschulwesen. Don Univ.-Dozent Dr. Feld, Leiter der Oefsentlichen Handelslehranstalt Gießen. Der deutsche Kaufmann des Mittelalters sah die beste Vorbereitung für den kaufmännischen Beruf seines Sohnes'darin, daß er ihn frühzeitig in die ausländischen Kontore der Hansa schickte, falls er nicht das damals sehr handelsrührige Oberitalien vorzog. Aber mit dem stärkeren Aufkommen des Großkaufmanns, Ratsherrn und Stadtschreibers, mit der Einführung der Muttersprache im (Be- schüfts- und Urkundenstil, der arabischen Zahl, der italienischen Buchführungstechnik und der Buck- druckerkunst machte sich eine aufs Kaufmännisch. Praktische gerichtete schulische Bildung notwendig, die von den Latein-, Schreib- und Rechen- schulcn dieser Zeit vermittelt wurde. Die Zünfte sorgten für eine nicht nur beruflich gerichtete, son- dem auch für eine allgemeine menschliche Bildung. Diese Art der ständischen Erziehung wurde in der Zeit des Merkantilismus noch mehr nach der bür» gerlich-praktischen Seite hin ausgewertet. Kein Geringerer als L e i b n i tz erkannte bereits die Notwendigkeit einer fdjulmäßigen Ausbildung für die Erwerbsberufe. Zu feiner Zeit war Jacques Sa- varys Schrift „Le parfait n6gociant“ für kauf- männifche Ausbildung maßgebend, auch in Deutsch- land. Der große kaufmännische Schulorgani- sator Paul Jakob Marperger hotte bereite um das Jahr 1700 einen Aufbau des kaufmännischen Bildungswesens vorgesehen, wie er heute erst zur Tatsache wird. Zur Zeit der Grün« düng unfereoJubiläumsblattes finden wir schon anerkannte kaufmännische Bildungs- tigung des typischen Lebens- und Interessengebietes der Jugend erst die innere Berechtigung der Berufsfchultypen erwiesen und ihre Gleichstellung neben entsprechenden Schul- typen anderer Bildungssysteme gefordert. In an- deren Ländern, insbesondere Amerika und Eng- land, hatte man schon früher den Wert beruflich gerichteter Bildungstendenzen erkannt und die Dr- ganisation des Schulwesens danach gestaltet. Die Erlasse der deutschen Regierungen in den letzten drei Jahrzehnten haben die Erfassung sämtlicher kaufmännisch tätigen Jugendlichen angebahnt, wo- bei die rührige Tätigkeit des Deutschen Verbandes für das kaufmännische Bildungswesen (Braunschweig) stets anregend wirkte. Magdeburg war im Jahre 1900 die erste Stadt mit kaufmännischer Pflicht- schule, Esten folgte als letzte Großstadt 1911. 1913 führte Berlin die Schulpflicht auch für die kauf- männischen Lehrmädchen ein. Durch die neue Verfassung ist die Möglichkeit gegeben, die ganze deutsche Jugend schulisch bis zum 18. Lebensjahr zu erfassen. Jn Hessen hatte die im Volksschulgesetz von 1874 angeordnete Fortbildungsschule keinerlei Bedeutung für die kaufmännisch -berufliche Aus- bildung. Erst die beruflich interessierten Kreise, wie Innungen, kaufmännische Vereine und Handels- kammern, sorgten für eine Besserung. In dem Maße, wie die Initiative der öffentlichen Behörden und Verbände fehlte, hatten die privaten Han- delsschulen die Lücke auszufüllen gesucht und an ihrem Teil günstig auf die weitere Entwicklung eingewirkt. Nachdem sich nun ein allgemeines, öffentliches, beruflich gerichtetes Bildungsbedürfnis herausgestellt hatte, wurde es Pflicht Der öffentlichen Körperschaften, hier abzuhelfen, da all- gemeine Bildungsnotwendigkeiten über den Rahmen privater Bildungsanstalten Hinausgehen. Dieses Bildungsbedürfnis in Gießen früh- zeitia erkannt au haben, bleibt das große Der- dienst des hiesigen Kaufmännischen Ver- eins, der trotz großer Schwierigkeiten im Jahre 1893 unter Mithilfe der Handelskammer eine kaufmännische Fachschule ins Leben rief und ihr vier Jahre später einen für die damaligen Verhältnisse stattlichen Neubau zur Verfügung stellte, in dem heute die öffentliche Handelslehr- anstalt untergebracht ist. lieber die erste Entwick- lung dieser Fachschule des Vereins unterrichtet ein- gehend die aus Anlaß der zehnjährigen Grün- dungsfeier dieser Schule von ihrem langjährigen Leiter, Rektor Knauß, herausgegebene Festschrift, auf die ich hier verweise. Die Schule wurde im Lahre 1922 auf Grund des neuen hessischen Schul- gefeßes staatlich und erhielt den Namen Kauf- männische Fortbildungsschule. Der Versaster übernahm ein Jahr später die Leitung des neuen Schultyps. Es wurde von ihm gleich als Mangel emp- funden, daß außer der kaufmännischen Pflichtfort, dildungsschule keine öffentliche kaufmännische Bil- dungsmöglichkeit bestand. Die günstige Verkehrs, und Wirtschaftslage der Prooinzialhauptstadt Gie- ßen drängt direkt zur Ausweitung kaufmännisch- wirtschaftlicher Bildungsmöglichkeiten, zumal ein geräumiges Hinterland einschließlich Wetzlar sein natürliches Bildungszentrum in Gießen findet. Man mußte hier um so mehr den Rückstand empfinden, als andere hessische Schwesterstädte schon längere Zeit ihre voll ausgebauten Handelslehr. anstalten hatten, wie Mainz und Offenbach. Die Mainzer Handelslehranstalt, bestehend aus Handelsklassen für Knaben und Mädchen und einer Höheren Handelsschule, galt dank dem großen Interesse Der dortigen Handelskammer bereits vor dem Kriege als Muster einer deutschen Handels, schule. Der Verfasser fand bei den hiesigen maß- gebenden Stellen volles Verständnis für die Notwendigkeit eines Ausbaues Der Schule unD konnte mit namhafter Unterstützung seitens Der Handels- fammer unD des Kaufm. Vereins Ostern 1924 eine Oeff entliche Höhere Handlesschule errichten, die nur Denjenigen zugänglich ist. Die auf GrunD Der erlangten mittleren Reife eine kauf- männisch-wirtschastlich gerichtete WeiterbilDung er- streben. Der Abschluß Der Schule berechtigt nach mehrjähriger kaufmännischer Praxis zum vollen wirtschaftswissenschaftlichen Studium an Den Deutschen Handelshochschulen und Den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten Der Universitäten Frankfurt unD Köln, falls währenD Dieses Studiums eine Ersatz- reifeprüfung abgelegt wird. Bei zweijährigem Besuch Der höheren HanDelsschuIe treten beDeutenDe Erleichterungen für die Ersatzreifeprüfung ein, weshalb her Ausbau Der höheren HanDelsschuIe zur zweijährigen vorgesehen ist. Eine entsprechende Ab- kürzung der Lehrzeit bei so vorgebildeten Schülern ist bereits überall zur Gepflogenheit geworden. Daß für den Unterricht an dieser Höheren Handelsschule nur akademisch vorgebildete Diplom- Handelslehrer in Betracht kommen, ist selbstverständlich. Die Schule untersteht direkt dem Dezernenten für das höhere Schulwesen in Hessen, Ministerialrat Dr. D o r f e l d. Um einem weiteren Bedürfnis zu entsprechen, mußte auch für die volksschulentlassene Jugend eine über den Rahmen Der Fortbildungsschule hinausgehende kaufmännisch-wirtschaftliche Ausbildungsmöglichkeit erstrebt werden. Deshalb wurde Ostern 1925 die öffentliche zweijährige Handelsschule errietet, zu deren Zustande- kommen außer Handelskammer und Kausm. Der- ein auch die Stadtverwaltung durch ihre dankenswerte finanzielle Unterstützung wesentlich beitrug. Die Schule trat gleich mit zwei Anfangs, klassen ins Leben. Die Volksschüler erhalten hier eine umfassende theoretische Berufsausbildung, neben der die allgemeine Bildung aber nicht oernach- lässigt wird. Die Bestrebungen gehen in verschiedenen Ländern dahin, den so vorgebildeten Schülern die Beamtenberufe zugänglich zu machen, falls sie nicht direkt die kaufmännische Tätigkeit wählen, auch die übrigen Berechtigungen Der mittleren Reife Den Schülern mitzugeben. Für die spezifischen Erfordernisse der Mädchenbildung ist in Den Lehrplänen der Schule gesorgt, insbesondere die Berücksichtigung her hauswirtschaftlichen Unterrichtsfächer im zweiten Jahr. Beide Handelsvollschultypen sind unter dem Titel „Oefsentliche Handelslehranstalt" ver- einigt und sind vorläufig im Kausm. Vereinshaus untergebracht, wodurch der Verein bewiesen hat, daß er auch weiterhin für die kaufmännischen Bil- bungserforberniffe zu großen Opfern bereit Ist. Ein Kuratorium ist aus den die Schule unterstützenden und für sie interessierten Verbänden und Behörden unter dem Vorsitz des Handelskammerpräsidenten gebildet. Es überwacht statutengemäß _______________________ Seite 61 Leitung und Verwaltung der Anstatt. Selbstverständ- lich sind auch Möglichkeiten der W e i t e r b i l d u n g Erwachsener im Rahmen der Lehranstalt ins Autze gefaßt. Es wirb von bem Zuspruch dieser abhängen, ob Abendkurse in den gewünschten Fächern ins Leben treten werden. Die vorstehend geschilderte schnelle Entwicklung des Handelsschulwejens ist auch dadurch begünstigt worden, daß die S ch r i f 11 c 11 u n g unserer Jubiläumszeitung stets in entgegenkommendster Weise für die neuen Bildungsideen etngetreten ist und ihre Spalten bereitwilligst für die Aufklärung eines weiten Interessentenkreises zur Verfügung gestellt hat. Dieses Verdienst soll am heutigen Ehrentage besonders heroorgehoben sein. Nun noch einige Schlußgedanken zur zukünftigen Entwicklung. Mit Rücksicht auf die finanzielle Not unserer Zeit muß die bisherige Entwicklung als hrchbefriedigend angesehen werden. Darüber hinaus muß aber das Ziel fein, daß die neue Schule in kürzester Zeit ganz in städtische Träger- schäft kommt. 385 deutsche Städte sind uns darin vorangegangen, in Hessen Mainz, Offenbach, Darm- stadt und Worms. Die oberhessische Provinzialhauptstadt darf da nicht zurückbleiben. Weiter ist es Sache des Landesbildungsamtes, das für die berufliche Ausgestaltung des Fortbildungsschulwesens viel getan hat, daß das kaufmännische Schulwesen in allen Typen unter eine einHeitliche Organ i f a t i o n gebracht wird, genau so wie das auch von den gewerblichen Schulen zu verlangen ist. Daraus folgt, daß auch die kaufmännische Lehrlingsschule aus dem Rahmen der allgemeinen Fortbildungsschule und aus ihrer Verankerung im Dolksfchulgesetz herauskommen und künftig die untere Stufe der selbständigen, vertikal gegliederten Handelsschulorganlsalion darstellen muß, deren obere Stufe die höhere Handelsschule darftellt, die zu einer dreijährigen, mit der Hochschulreife abschließenden Wirtschaftsoberschule auszubauen ist. Dann haben wir im Sinne der Einheitsschule ein kaufmännisches Schulsystem, das in den deutschen Schulaufbau organisch eingeordnet ist, bei dessen Teilen Uebergangs- und Durchgangsmöglichkeiten bestehen. Damit jeder Befähigte zu der ihm gemäßen höchsten Bildung kommen kann, auch in kaufmännisch-wirtschastlicher Richtung. Endlich ist für diese dreigliedrige Handelslehranstalt ein eigenes städtisches Handelsschulgebäude zu errichten, in bem bei einheitlichem Lehrerkollegium unb einheitlichem Lehrmittelmaterial unter einheitlicher Leitung alle Belange bes kaufmännisch- wirtschaftlichen Bilbungstvesens her Stabt Gießen unb Umgegenb zur Durchführung kommen können. Berussschulgedanke, gewerbliche Fortbildungsschule und Gewerbeschule. Von Gewerbeschulrat Dlpl.-Jng. Dr. Bünnings. Die Wesensart bes beruflichem Schulwesens ist keine gewollte, fonbern sie ist oebingt burch bie Entwickelung unseres Wirtschaftslebens. Betrachtet man unsere Berufsschulen von tiefem rein naturgemäßen Stanbpunkt aus, her eine absolute Not- wenblgkeit in sich schließt, so werden manche Wider- stänbe innerhalb her beteiligten Kreise schwinden. Arbeitgeber werden bann vielleicht zu her Einsicht kommen, baß sie burch die Arbeit Der Berufsschulen nicht nur eine Hebung Der ProDuktion unD Der Rentabilität erwarten Dürfen, fonDern Daß Die berufliche und staatsbürgerliche Erziehung den Arbeiter Einsicht in bie Zusammenhänge her Probuktion gewinnen läßt unb so einsichtsvolle Arbeiter schafft, hie sich als ©lieber einer Probuktions- unb auch Lebensgemeinschaft fühlen. „Verstänbnis unb Ein- sicht oerbinben besser als Zwang unb äußere Ad- hängigkelt." Auch wirb sich burch tiefe Erkenntnis bie Antwort auf die Frage, warum ein wesentlicher Teil her Berufserziehung in die Schule verlegt werden mußte, von selbst finden. Die für einen Handwerk- lichen Beruf erforderlichen Kenntnisse und Fähig- ketten haben sich derart vielseitiger und in ihrem inneren Zusammenhang schwieriger gestattet, das; man heute einer Persönlichkeit, beispielsweise bem Meister, nicht mehr zumuten barf, in all diesen Fragen ein Meister zu sein unb alle Wissenszweige voll zu beherrschen, bie bei her beruflichen unb staatsbürgerlichen Erziehung notwenbig sind. r j SÄMTLICHE BANKMÄSSIGEN GESCHÄFTE WERDEN BESTENS ERLEDIGT DURCH I - » Commerz^ und Privatbank • Aktiengefellfchaft FILIALE GIESSEN a Poftfcheckkonto: Frankfurt am Main 19330 / Telephon: 393—395 • Darmftädter und Nationalbank • Kommandit^Gefelllcbaft auf Aktien ZWEIGNIEDERLASSUNG GIESSEN । Poftfcheckkonto: Frankfurt am Main 1151 / Telephon: 174—177 J e 1 Direction der Disconto-Gefellfdiaft ZWEIGSTELLE GIESSEN Poftfcheckkonto: Frankfurt am Main 25491 / Telephon: 242, 243 J \ Handels- und Gewerbebank e.G.m.b.H. • Gießen * Poftfcheckkonto: Frankfurt am Main 2105 / Telephon: 293, 294 j ; Mitteldeutlche Creditbank ! ‘ FILIALE GIESSEN } I Poftfcheckkonto; Frankfurt am Main 782 / Telephon; 224 - 228 4 Seite 62 (Siebener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Achtes Blatt Daß früher bei dem verhältnismäßig eng begrenzten Umfang eines Handwerks die Erziehung nur durch den Meister genügte, wird klar zu erkennen sein. Das war in der Zeit, in welcher mit dem Entstehen der Stadtwirtschaft innerhalb der Zünfte die berufliche Standeserziehung einsetztc, möglich. Eine schulmäßige Ausbildung außerhalb der Lehre war auf dieser Stufe nicht erforderlich. Diese kam allmählich mit Neuem auf geistigem und technischem Gebiet. Und zwar zeigt sich diese Notwendigkeit in den kaufmännischen Berufen eher als in den gewerblichen. Die Trennung von Berufs- und Standeserziehung, welche bedingt wurde durch die Idee des Verfassungsstaates, die Forderung der Gewcrbefreiheit und Freizügigkeit, bedingte eine Bcrufserzichung, deren Träger nicht mehr der Stand war. Wir sehen daher in der Zeit des Ueberganges vom absoluten Staatssystem mit seinen Ständen zum Lerfassungsstaat die Wurzeln des Berufsschulgedankens, mit dem Staat als Träger, und hierauf aufbauend die allmähliche Entwicklung von Fortbildungsschule zur reinen Fachschule und letzten Endes zu der erzieherisch eingestellten Berufsschule. Dazu kommt, daß berufliche Schulen erst in einer Zeit entstehen konnten, in der die allgemeine Schule als Erziehungsform schon vorhanden war. Deshalb konnte erst im 16. bis 17. Jahrhundert, in welchen Städte und Staaten den Schul- zwang einzuführen begannen, der Gedanke an eine schulmäßige Fortbildung neben der beruflichen Erziehung aufkommen. So sehen wir in dieser Zeit die erste Stufe der Fortbildungs- schule. Zunächst kennt man allerdings nur eine Fortbildung auf religiöser Grundlage (Zeitalter der Gegenreformation), die S o n n t a g s s ch u l e. Nur langsam tritt neben diesem Unterricht die Unterweisung in weltlichen Fächern hervor, eine Art Wiederholungsstunde. Gleichzeitig erscheinen hier neben dieser Soitntagsschule, bedingt durch die Anfänge der fabrikmäßigen Erzeugungsform, Anfänge zu fachlich eingestellten Schulen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts finden wir dann infolge des Ar- beits- und Wirtschaftsrationalismus eine reine Entwickelung der Fachschule, die absieht von allgemeinen Bildungszielen. Jedoch ist die Grundlage, auf der diese Schulen basierten, wenig einheitlich und auch unzureichend, weil nicht der Staat Träger dieser Schulen war, sondern Gemeinden und Körperschaften. So wurde auch der Besuchszwang durch Ortsstatut geregelt. (Reichsgewerbeordnung von 1872.) Allmählich reifte jedoch die Erkenntnis, daß eine Verpflichtung besteht, dem Jugendlichen in seinen Entwicklungsjahren erzieherisch zu Hilfe zu kommen. Doch erst seit 1900 hat auch der Staat aberkannt, daß es seine Pflicht ist, Mittel für diese Erziehung, die doch von wesentlichem staatsbürgerlichen Interesse ist, zur Verfügung zu stellen. ^.-Ler erst die Weimarer Verfassung legte in ihrem Artikel 145 die allgemeine Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr fest und gab so eine Grundlage, das Berufsschulwesen in unsere Bildungsmöglichkeiten einzugliedern. Auch in Hessen können wir diese Entwicklungslinie verfolgen. Zunächst die Sonntagszeichenschule mit ihrem rein fachlichen Unterricht, daneben die Abendschule und allgemeine Fortbildungsschule, die ohne sachlichen Einschlag lediglich eine Wiederholungsschule war. Die weitere Entwicklung führte zur Verlegung des Zeichenunterrichts auf den Werktag. Verbunden wurde mit diesem ein Wieder- holungsunterricht in Deutsch, Rechnen, Geometrie tisw. Erweitert wurde letzterer späterhin noch durch die Fächer: Buchführung und Gesetzeskunde. Dieser gesamte Unterricht wurde in 4 Wochenstunden er- iedigt, 2 für Zeichnen, 2 für die allgemeinen ' Fächer, wahrend früher in der Sonntagszeichen, schule wenigstens 4 Zeichenstunden gegeben wurden. *• Daß in diesem kurzen Unterricht von jährlich 160 t Stunden der Stoff nur oberflächlich behandelt werden konnte, ist erklärlich. Daß immerhin etwas geleistet wurde, war dem Umstand zuzuschreiben, daß die Schüler aus Interesse an diesem Unterricht teil« nahmen, da der Besuch freiwillig war. Dazu kam, daß den Schülern in dem sogenannten offenen Zeichensaal an den Sonntagvormittagen noch Ge- legenheit zur weiteren Ausbildung gegeben werden konnte. Doch erst die neue Berufsschule gab mit ihren acht Stunden die Möglichkeit, den Stoff etwas eingehender und den Unterricht vom erzieherischen Standpunkt aus zu behandeln. Nur dadurch, daß das Berufliche in den Mittelpunkt des Unterrichts gestellt wird, daß der Stoff sich an den Beruf des Schülers anlehnt, können Interessen geweckt werden. Durch diese Neugestaltung der Fortbildungsschule, die sich ordnungsmäßig in das gesamte Erziehungswesen eingliedert, wird auch der Aufbau erleichtert, so daß sich eine folgerichtige Entwickelung ergibt von der Volksschule zur Fortbildungsschule und von da zur Fachschule. Für diese letztere gilt das gleiche wie für die Fortbildungsschule, auch sie mußte zeitgemäß ausgebaut werden. Vor allem durfte sie nicht nur für c i n Fach in einseitiger Weise Bildungsmöglichb a u s ch u l e ausbauen ließ. Hier wird der Nack- wuchs an Betriebstechnikern herangebildet. Gleich, zeitia entstand eine Schreinerfachschule, in welcher Werkmeister, Zeichner usw. ausgebildet werden. Im November 1924 wurde in Gemeinschaft mit der Interessengemeinschaft der Schuhmacher- Innungen von Oberhessen, Hessen-Nassau, Kreis Wetzlar und Westfalen eine Schuhmacherfachschule mit halbjährigen Kursen eingerichtet. Im Herbst kann eine Töpferfachschule eröffnet werden, nachdem das HRinifterium für Arbeit und Wirtschaft und das Landesamt für das BildungsFrau Stadtverordnete Wilhelmine Kramer, erste Vorsitzende des Alicefrauenvereins, Landesfrauenverein vom Roten Kreuz. An dem Ehrentage des ,,Gießener Anzeigers“ will ich nicht vorübergehen, ohne meinen herzlichsten Dank dem geschätzten Blatte auszudrücken für das Entgegenkommen, das Verständnis, das seit der Gründung des Alicefrauenvereins uns stets entgegengebracht wurde. Die eingehenden Berichte in der Zeitung haben unser Wohlfahrtsbestreben gefördert und die Leser auf die Bedeutung der Karitas aufmerksam gemacht. Wir bitten, auch ferner unser vaterländisches Werk, wie bisher, zu unterstützen. I. ««werbt.ssort- II. Gewerbe, bllbungsfdjule und Maschlnendauschut« Jahr GonntagS» j zeichenfchulel ftottbü- 1 binigäfdjule g Gewerbeschule Malerfach II klaffe und II Scbrelner- II fachklaffe II Ma- fchinen- bau- Ichule Cchuh- macher- fad). schule i r 1 S = E 5 £ G A ty s 5) K C> 8 1900 177 13 78 91 1901 191 16 75 91 1902 172 24 67 91 1903 175 16 77 93 1904, 166 13 63 76 1905 223 8 51 59 1906 221 4 67 ri 1907 212 10 77 87 1908 208 15 79 94 1909 196 11 83 94 1910 224 10 69 79 1911 219 5 69 4 1912 161 7 86 93 1913 156 7 82 89 1914 169 6 57 63 1915 188 — 36 36 1916 194 — 31 - . 31 1917 203 — 32 3 2 1918 214 — 55 f 5 1919 450 30 72 — — — 15 — __ 117 1920 586 39 49 15 22 24 61 210 1921 587 10 53 7 23 77 50 220 1922 626 15 84 12 36 45 85 277 1923 682 26 54 14 20 52 67 233 1924 735 11 100 6 36 101 114 — 23 381 1925 841 15 - 16 — 125 — 25 — Frau Stadtverordnete Minna Naumann. Mit die ersten meiner Erinnerungen aus der Kinderzeit sind mit dem Gießener Anzeiger, dem damaligen „Wochenblatt“, aufs engste verknüpft. Ich weiß noch genau, wie ich als kleine ABC-Schützin am Familientisch die erlernte Lesekunst nicht aus dem Schulbuch zum Besten gab, sondern stolz, wie ich es von den Großen gesehen, das Wochenblatt entfaltete und einige Sätze herausbuchstabierte. Wie mögen Eltern und Geschwister im Stillen über meinen Eifer gelächelt haben! In den späteren Kinderjahren mußte ich unserer augenleidenden Großmutter sehr oft das Wochenblatt vorlesen, und zwar von A bis Zf Das fand ich furchtbar überflüssig; mir hätten die Anzeigen auf der letzten Seite schon genügt; aber Großmutter wollte alles wissen, hören, auch das, was „über dem Strich“ stand. Vielleicht ist damals in meinem Unterbewußtsein das Interesse für Politik, zumal für Lokalpolitik, angeregt und festgehalten worden. In späteren Jahren, die ich fern dem lieben, alten Gießen verlebte, hat außer Familienbriefen der Anzeiger die Verbindung mit meiner Heimatstadt lebhaft aufrecht erhalten. Wie interessierten wir uns in dem Lokalblatt von den Fortschritten, dem Aufstieg der Vaterstadt lesen zu können. Als vor fast 20 Jahren uns unser Weg nach Gießen zurückführte, stand die Frauenbewegung in vollster Blüte; mit ihrem Drängen nach besserer Frauenbildung, aber auch mit den Auswüchsen, die die Bewegung mit sich brachte. Nie hat der Gießener Anzeiger die letzteren, die Schattenseiten, kritisierend hervor gezerrt, um die ganze Bewegung lächerlich zu machen, wie es andere Blätter taten. Vollstes Verständnis haben wir Frauen mit unseren Arbeiten allezeit gefunden, mochte es sich um Geistes- oder um hausfrauliche Bildung handeln, für die Besprechung aller Frauenfragen standen und stehen uns stets des Blattes Spalten offen. Möchte der 200. Jahrgang des Gießener Anzeigers der Frauenarbeit noch das gleiche Interesse entgegenbringen, wie es heute der Fall ist1 keilen schaffen, sondern mußte sich auf die lokalen Bedürfnisse einstellen im Interesse der am Ort und in der Umgebung befindlichen Handwerks- und In- dustriezweige. Am besten kann dies an der Entwicklung der Gießener Gewerbeschule gezeigt werden. Diese war vor dem Krieoe eine Anstalt, in welcher neben der Fortbildungsschule im Winter den Bau- Handwerkern die Möglichkeit gegeben wurde, sich die für den selbständigen Handwerker nötigen Kenntnisse anzueignen. Der Unterricht erstreckte sich auf 3 Winterhalbjahre. Lehrwerkstätten waren nicht vorhanden. Nach dem Kriege wurde zunächst eine Abteilung für das Metallgewerbe eingerichtet, die sich bald zu einer viersemestrigen Maschinen- wesen die Mittel für die Einrichtung der Werkstätte genehmigt haben. Diese bildet gleichzeitig die Der- suchswerkstätte für das geologische Institut der Landesunioersität. Verhandlungen mit anderen Innungen schweben noch, doch ist mit Gewißheit anzunehmen, daß mit der Zeit, wenn der von der Stadt geplante Neubau erstellt ist, auch noch für andere Berufsgruppen Bildungsmöglichkeiten ge« schaffen werden. Lehrwerkstätten sind vorhanden für Schreiner, Scklosser, Dreher, Schmiede, Elektriker, Töpfer, Schuhmacher. Ferner eine zur Zeit noch außerhalb der Anstalt befindliche Werkstätte für Flugzeugbau. Zahlenmäßig zeigt sich die Entwicklung der Anstalt seit 1900 wie folgt: Die Volkshochschule Gießen, ihre Entwicklung und ihre Ziele. Don Dr. H. Werner. Die Volkshochschule Gießen hat sich in den nunmehr 6 Jahren ihres Bestehens einen festen Platz im geistigen Leben unserer Stadt erarbeitet, so daß es wohl angebracht ist, in diesen Spalten neben so mancher altehrwürdigen Einrichtung auch auf ihre Geschichte einen kurzen Blick zu werfen. Im Sommer 1919 wurde der Verein Volkshoch, schule Gießen, der heute rund 300 Mitglieder zählt, ins Leben gerufen. Er stellte sich die Aufgabe, auch in unserer Stadt eine Volkshochschule einzurichtev und zu unterhalten. Ein Ausschuß, dem Männer und Frauen aus allen Kreisen und Ständen angehörten, leistete eine ausgedehnte und ins Einzelne gehende Vorarbeit mit großem Nachdruck. Einige Monate hindurch folgten sich fast allwöchentlich arbeitsreiche Sitzungen, so daß schon im Oktober 1919 die große Eröffnungsfeier in der neuen Aula der Universität stattfinden konnte. Die eindringliche Festrede, in der Prof. Dr. G. Koch damals den Sinn und Geist der Volkshochschularbeit entwickelte, wird noch bei den Teilnehmern, die den Saal bis auf den letzten Platz füllten, in bester Erinnerung sein. Oberbürgermeister Keller und Der damalige Rektor, Professor Kalbfleisch, begrüßten die junge Gründung. In dem Mit- wirken des Bauerschen Gesangvereins kam auch zu einem Teil das Interesse Der Bürgerschaft zum Aus- druck. Für ihre Entwicklung kam es der Volkshochschule zugute, daß In Gießen bereits eine gewisse Tradition In der ihr eigenen Form der Erwachsenenbildungs- arbeit bestand. Ja, man kann sagen, daß sie zum Teil aus dieser Tradition herausgewachsen ist. Gemeint sind die „Studentischen Unterrichts- kurse für Arbeiter und Unterbeamte", die schon lange vor dem Kriege an der Universität bestanden. Sie hatten allerdings in erster Linie die Absicht, rein praktisches Wissen (Sprachkenntnisse, Rechnen, Buchführung usw.) zu vermitteln. Aber schon bald waren aus manchen Kursen tiefergehende Arbeitsgemeinschaften geworden, die von ihrem begrenzten Stoff aus allgemeinere Fragen in den Kreis der Betrachtung zogen. Besonders war das bet den Sprachkursen der Fall. Nach der Unterbrechung durch den Krieg wurden im Sommer 1919 diese Studentischen Unterrichtskurse wieder ausgenommen. Diesmal standen aber den Wünschen der Teilnehmer entsprechend allgemeinbildende Fächer, besonders Heimatkunde, Geschichte und Literatur inz Vordergrund. Fabrikmarke Dlalyt '■'fifcv; 1 ? W Ä HENSOLDT-WERKE SPEZIALFABRIKA JE: DIALYT PROTAMI das bekannte lichtstarke Jagdglas mit das neue Klein-Mikroskop für Ärzte Hensoldt-Dachprismen • Deutsches und Institute - Vergrößerungen bis Reichs-Patent 1450 X • D. R. P. Mikroskope, Klein-Mikroskope, Winkelprismen, Kreuzvisiere, Prismenfeldstecher, Zielfernrohre, Lupen, Entfernungsmesser, Fernrohre für Geodäsie und Astronomie Fabrikmarke Protaml IO WJ * *:i ■■ fr11-. tbrlkmarke Aule Sieben, “•Älung und : Ziele. ft Werner. Äe,ncUcl,en N in erarbeitet, Io U n1; IS*n neben ÄÄ" aui ?«‘Ä S'JJ* einzurichtee Ausschuß, dem Männer und in und Ständen angehärten, !in gehende Nachdruck. 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IlubllSums-Ausqabe Seite 63 dunstige Genies len Kneipen, in überfüllten Kinos oder im >en von Erholung bietet ■ OIIIOIIIOIIIOIIIQIIIOIIIOIIIOIIIOIIIQIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIIOlinOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIIOIIII Reihe 0 = 0 5 3 5 ö = 2 5 ö ö 3 0 5 Bankgeschäfte jeder Art Annahme von Spareinlagen. Depots- und Vermögensverwaltung Vermietung von Schrankfächern Wilhelm Klee Nachfolger Gießen • Inhaber Adolf Deibel • Marktftraße 2 Papierwaren, Bureau» und Schulbedarfs»Bü '.Irlich. *a(s »• ^SFSs »U't«1 tft r'KtzZL rr?L'b tz-LKL •>*$&*« FsAtz-^r5 älBsÄSii "'E.rr -r ermaßt,tenh”l5 »«• " und die S.ll‘ Erhal. auf t die laufenbe Z ?’ "? 'en. Wenn Z.?*8 der e heutiqe ffrhnk eincr!^s die «Meil * ftÄtk ta Don der 'iJliinhi e er ®f: itSB NrrsL sä«»?« fAsas l- unb nach voller EnUvicklunq Proz. verzinsen. Mag Wiesbaden hat einen 1,8 Millionen beschlossen: wie fingen der Lausumme ans ba- en, die Provinzen und tlei= auf die Industrie usw. verteilt cortern ist hier um so weniger isamlnensassende, umfangreiche alvereins vom Frühjahr IM zur Prüfung vorliegt. Eines schon sagen, daß gegen Kirch- stsneid, Ressortpartilularismlls- olten versuche, die Last anderen r die Vorteile zu genießen, nur nb Aussprache eines jeden, enseo des ganzen Volker hlln, >efe Werk unserer Väter endliit das Erbe erworben werden 'irdje lanbete her gefjtimni«- des Lubentius; vom VvNi einen muß die Bewegung iu: cmachuna der Lahn gehen, für ,erndes Werk der Technik, bo= eimat neuen Wohlstand, neues ZÜGE ;te Modelle l auf seiner Stelle : kräftig regt 7 s, daß man die Welle n in Fesseln legt. find chre Tücken; e fließt so sacht it aus geduldigem Men ffe schwer von Flacht- wo sie's gehkißen, ie in Schaum rind GW ischen kreisende Eisen, ,s zu Kraft und Licht- Jlaurer, mir,die Kelle! Mein ug zur Hand- m dich, ff»* Ist dem Palerland.___ :ni „45; s»r“ MM** .serdicht, m a'le" Uäniel -8S$ >ppen;^ * ;utter,^er$ Neuntes Blatt ________________ Das Stratzenwefen in Oberhessen. Im Gründungsjahre dieser Zeitung waren selbst in Gießen, der schon damals größten Stadt der jeßigen Provinz Oberhessen, nur wenige Straßen mit Pflaster, keineswegs solchem erster Sorte, ver- sehen, der größte Teil des städtischen Straßennetzes jedoch unbefestigt oder mangelhaft chauffiert, wenn man die damaligen Wegeversteinungen überhaupt Chaussierung nennen darf. Noch hundert Jahre später liefen die Schweine frei auf allen Straßen herum. Das ist inzwischen wesentlich anders geworden, und statt der Schweine Haven wir heute die Automobile. Daß die Autofahrer, vielleicht weniger innerhalb der Stadt Gießen, aber desto nachdrücklicher innerhalb der Provinz Oberhessen, sich trotzdem über die „Schweinerei" beschweren, die auf den meisten Straßen herrscht, und lieber von einem Straßen« Unwesen, statt von einem Straßenwesen reden, liegt daran, daß die Straßenpflege lediglich in den letzten Jahrzehnten nicht Schritt gehalten hat mit der Verkehrszunahme und der Vervollkommnung der Transportmittel. Ehe wir hierauf näher eingehen, wollen wir einen kurzen Rückblick werfen auf die Entwicklung des Straßenwefens im allgemeinen, wie sie sich bezüglich der Provinz Oberheffen behaupten oder vermuten läßt. Wie überall, so waren auch bei uns die ältesten Derkebrsoerbindungen Erdwege, von den Benutzern allmäylich festgetreten oder eingefahren. Wo sie bei nasser ^Witterung unbenutzbar wurden, verschoben sie sich in geeigneten seitlichen Abbiegungen oder wurden später, als der Fuhrwerksverkehr sich weiter entwickelte, durch Einwerfen von Erde, Steinen, in Wäldern auch von Holz, an den schlechtesten Stellen einigermaßen passierbar gehalten. Eigentliche Kunststraßen mit bestimmter Lage und fester Fahrbahn sowie mit den erforderlichen Nebenanlagen, wobei allerdings die Gräben öfter fehlten, wurden erst zur Römerzeit in Deutschland und speziell in Oberhessen, durch das der römische Grenz- wall zog, bis zu diesem ausgeführt. Die Fahrbahnen bestanden entweder aus einer einfachen Pflasterung auf dem Gelände oder aus einer Unterlage von größeren Steinen mit aufgestampftem Kies oder Kleinschlag ähnlich unserer heutigen Chaussierung, oder aus mehreren Lagen von behauenen oder unbehauenen größeren Steinen in Mörtel, Lehmschichten und Kies oder Kleinschlag in Mörtel als Oberschicht in einer Gesamtstärke von einem Meter, wie noch Ueberreste römischer Straßen in Westfalen zeigen. Die Straßen lagen in der Regel auf Erddämmen von 5 bis 6 Meter Kronenbreite und in der Ebene 3 bis 4 Meter Höhe. Einschnitte wurden, auch in hügeligem Gelände, nur in Notfällen angelegt, da man auf eine gute Uebersichtlichkeit großen Wert legte. Wir ersehen hieraus, daß die Römer für ihre Straßen mitunter wesentlich höhere Aufwendungen machten, als wir sie heute gewohnt sind. Allerdings sind die neuzeitlichen Straßenkonstruktionen nicht nur einfacher und an sich wirtschaftlicher, sondern auch für den Verkehr praktischer. Zahlreiche heute nod) mit „Römerstraße" bezeichnete oberhessische Verkehrswege deuten wenigstens die Lage eines Teiles jener alten Straßen an. Mit dem Verfall des römischen Reiches verschlechterten sich auch die Wege, und während des ganzen Mittelalters hat wohl in Oberhessen, abgesehen von einigen Stadtgebieten, keine einzige ordnungsmäßig unterhaltene Kunststraße mehr bestanden. Auch die von Karl dem Großen in Deutschland betriebenen Straßenoerdesierungen dürften das Gebiet Ober- hesiens kaum berührt haben. Und was noch bis in den Anfang des abgelaufenen Jahrhunderts hinein eine merkliche Verbefferung der Straßenverbin- dungen verhindern half, war die Angst vor Truppendurchzügen. Auch die schlauen Vogelsberger konnten nach einem schmunzelnden Blick auf ihre „sogenannten" Straßen die Hauptgreuel der Kriege beruhigt in sicherer Ferne vorüberziehen sehen. So waren noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die aus Oberheffen nach Frankfurt führenden Verbindungen meist unbefestigte Erdwege, und es kam, wie ältere Leute noch von ihren Großeltern wissen, nicht selten vor, daß die Bewohner eines Landortes nach der „Frankfurter Straße" zogen, um einem steckengebliebenen Fuhrwerk wieder auf festeren Boden zu helfen. Größere Fortschritte brachten erst die Napoleonischen Kriege und die darauf folgende Erhebung Deutschlands, und erst seit jener Zeit datiert der Anfang eines bescheidenen Kunststraßennetzes in Gießener Anzeiger • Jubiläums-Ausgabe Sette 67 Oberhessen. Jedenfalls wurden damals die Straßenfahrbahnen in Ooerhesien nach dem in Frankreich bereits feit 1775 eingeführten Packlageverfahren hergestellt. Zu den Straßen aus jener Zeit gehören die in möglichst langen geraden Linien ausgeführten, früher mit Pappeln bepflanzt gewesenen Alleen, bei denen man die Kosten Hoyer Dämme und Einschnitte nicht scheute. Die später bis zum Inkrafttreten des Hessischen Kunststraßengesetzes von 1896 vom Staate gebauten Straßen zeigen eine wesentlich sparsamere Linienführung. Auch wurde bei ihnen seit 1860 bezüglich der Fahrbahnen die hannoversche Bauweise angewandt, eine aus dickeren Steinen bestehende Unterschicht von 10 bis 12 Zentimeter Stärke und eine etwa ebenso hohe Deckschicht aus Kleinschlag, überfanbet und in der ersten Zeit mit Pferdewalzen, später mit Dampfwalzen befestigt. Daneben wurden zahlreiche Dizinalwege in geringerer Breite als die Staatsstraßen von den Kreisen und Gemeinden, teils nach dem hannoverschen, teils nach dem Packlageoerfahren ausgeführt, und das Kunststraßennetz Oberhesiens in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu einer beträchtlichen Ausdehnung gebracht. Mit dem genannten zweigten Kunststraßennetz, wie es kaum ein anderer Teil Deutschlands mit so geringer Beoölkerungs« dichtigteit aufzuweisen hat, die Straßenunterhaltung den gegenteiligen Weg gegangen ist. Die heutigen oberhessischen Landstraßen haben fast durchweg chaussierte Fahrbahnen. Und solche werden bei dem größten Teil des Straßennetzes auch noch für absehbare Zeit ausreichen. Nur für den kleineren Teil der oberhefsifchen Straßen ist heute oder auf absehbare Zeit die einfach chauffierte Fahrbahn nicht wirtschaftlich und allmählich, je nachdem die erforderlichen Mittel aufgebracht bzw. durch Kapitalaufnahme beschafft werden können, durch eine widerstandsfähigere oder auch weniger Staub bildende Decke zu ersetzen, mitunter wird eine gewöhnliche Teerschotterdecke ausreichen und das Flicken der Fahrbahn mit teer- oder asphalt- gemischtem Steinmaterial gute Dienste leisten. Bei starkem Verkehr, insbesondere Autoverkehr, ist das Aufsetzen einer besseren Teer- und Asphaltschotter- decke, von Klein- oder Vollvflaster auf die tadellos hergerichtete Chaussierung nötig und rentabel. Soll das Pflaster staubfrei fein, so vergißt man die Fugen mit Asphalt oder dgl. Beschreibungen der Der Präsident der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M., Herr Dr. Stapff. Seitdem die preußisch-hessische Eisenbahngemeinschaft ins Leben trat, ist die Provinz Oberhessen mit ihrer Hauptstadt Gießen in engste Beziehungen zur damaligen Eisenbahndirektion, jetzt Reichsbahndirektion Frankfurt (Main), getreten. Fast der ganze Lahnbezirk, auch so weit er über Oberhessen hinausragt, ist eisenbahnwirtschaftlich ebenfalls der Fürsorge der Frankfurter Direktion anvertraut. Diese Regelung war natürlich und deshalb zweckmäßig, weil wirtschaftspolitisch ganz Oberhessen dem südwestdeutschen Wirtschaftsgebiet zuneigt, für das der Welthandelsplatz Frankfurt (Main) den historisch gewordenen Mittelpunkt bildet. Oberhessen mit seiner blühenden Wetterau ist für Frankfurt (Main) die Kornkammer, und Frankfurt (Main) seinerseits gibt dafür reiche Gaben an die Nachbarprovinz zurück. Diese Wechselbeziehungen zu pflegen und zu fördern, soweit es auf dem Eisenbahngebiete mit seinen besonders starken Einwirkungsmöglichkeiten irgend geschehen kann, ist die verantwortungsvolle Aufgabe der Reichsbahndirektion Frankfurt (Main). Sie unterzieht sich dieser Aufgabe nicht bloß aus dem Gefühl ihrer Verantwortung heraus, sondern nicht minder aus Liebe zu einem der schönsten Teilgebiete unseres deutschen Vaterlandes. Ganz überwiegend sind es zudem hessische Landeskinde•, die im Dienste des Reichs, teils in der örtlichen Verwaltung, teils an der Provinzialstelle, gleichzeitig ihrem engeren Heimatlande mit Freude und in leidenschaftlicher Liebe ihre Kräfte widmen. Gesetz wurde die Verwaltung aller Kunststraßen innerhalb eines jeden Kreises diesem übertragen und ihm neben den nötigen mittleren Baubeamten ein Akademiker zur Leitung des Straßenwefens beigegeben. Damals durfte Hessen und besonders Oberhessen stolz sein auf feine Straßen, die zu den besten in ganz Deutschiand zählten. Wenn man auch oei der damaligen Beurteilung hauotsächlich an die ehemaligen Staatsstraßen im Vergleich mit den preußischen Prooinzialstraßen dachte, so konnte doch der aufmerksame Beobachter recht wohl feststellen, daß auch bezüglich der Dizinalwege im allgemeinen dasselbe Verhältnis bestand. Inzwischen hat nun wohl ein weiterer, anerkennenswerter Ausbau des oberhessischen Kunststraßennetzes stattgefunden, und es fehlen nur noch verhältnismäßig wenige Ortsoerbindungen, aber die Art der Straßenunterhaltung ist während der letzten drei Jahrzehnte fast überall in der Provinz hinter den Ansprüchen des gesteigerten und geänderten Verkehrs zurückgeblieben. Auch die Anlage von Kleinpflaster auf einzelnen Straßenstrecken ist auf das Gesamtbild ohne merklichen Einfluß, und so zählen die oberhefsifchen Straßen heute nicht gerade zu den guten in Deutschland. Auch die Anstrengungen, wie sie beispielsweise seit etwa einem Jahr im Kreise Friedberg zu bemerken sind, können erst nach mehrjähriger Fortsetzung ein wesentliches Resultat ergeben. Es ist bedauerlich, trotz des Aufschwungs, den das privatwirtschaftliche Leben und so manche staatliche und kommunale Einrichtung während der letzten drei Jahrzehnte in Oberhessen erfahren hat, feftfteUen zu müssen, daß bei einem so gut ververschiedenartigsten Straßendecken, wie sie für den jeweiligen Verkehr ausreichen, sowie Besprechungen ihrer Rentabilität und ihrer besonderen Vorzüge sind in der einschlägigen Literatur zu finden. Nicht so einfach ist die Durchführung einer die Sache fordernden Gesamtorganisation des Strahen- roefens. Statt der bestehenden Kreisstraßen etwa Pro- vinzialstraßen zu schaffen, wäre, wie gelegentlich der öffentlichen Besprechungen des dem vorigen Landtag vorgelegten Gesetzentwurfs über das Straßenwefen in Hessen hinreichend bargetan wurde, eine Verschlechterung des jetzigen Zustandes, während kleine Verbesserungen des bestehenden Kunststraßengesetzes, worüber ebenfalls Vorschläge gemacht worden sind, unter Beibehaltung des Systems der Kreisstraßen sich recht wohl ermöglichen ließen. Einen wesentlichen Fortschritt konnte nur die Uebernahme sämtlicher Kreisstraßen auf den Staat bringen. Die Stärkung der Selbstverwaltungen, d. h. der Kreise und Gemeinden, so sehr sie auch im allgemeinen berechtigt sein mag, ist doch in manchen, Spezialfachkenntnisse erfordernden, wirtschaftlichen Angelegenheiten durchaus unangebracht und selbst den am meisten Interessierten nur nachteilig. Das gilt besonders für die Straßenpflege, und zwar in immer steigendem Maße, je mehr der Durchgangsverkehr den Lokalverkehr überwiegt und je mehr der Autoverkehr selbst in die entlegensten Orte oor- bringt. Ebensowenig wie bie Wasserstraßen unb bie Eisenbahnen können auch bie Kunststraßen für den Ueberlandoerkehr ein geeignetes Objekt für die Selbstverwaltung fein. Nur die Regierung eines größeren, finanzkräftigeren, mit den besten technischen Verwaltungsorganen versehenen Bezirks, vielleicht mindestens voii der Größe Gesamthessens, ist in der Lage, die Straßenunterhaltung unter den heutigen, immer schwieriger werdenden Verhältnissen diesen einigermaßen entsprechend zu besorgen. Bei den Eisenbahnen hat man sogar das ganze Reichs- gebiet in eine Hand zusammengefaßt. Es ist außerordentlich bedauerlich, öffentlich auf die Ungerechtigkeit Hinweisen zu müssen, die darin läge, daß man, wie beispielsweise im Provinzial- straßengesetz vorgesehen war, nur einen Teil der Straßen dem größeren Verbände, bie übrigen aber ben Gemeinden übergeben würde. Sollten die Vogelsberger ihre Ortsverbindungen, die von Offenbacher, Gießener und andern Automobilen mit ruiniert werden, allein unterhalten, aber für die Unterhaltung der Gießener und anderer Straßen, die sie selbst nie benutzen, Steuern zahlen? Auch die Aengstlichkeit, mit der man die Straßenpflege aus dem Staatsbudget fernzuhalten sucht, ist in der Hauptsache nur eine Kurzsichtigkeit. Ob man nun Staats- oder Reichsstraßen schafft, bie Verwaltung würbe nur bann auf der Höhe der Zeit stehen, wenn man ihr eine allgemeine Verkehrssteuer zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse zur Verfügung stellte und sie von der Gesamtverwaltung in ähnlicher Weise unabhängig machte, wie es heute bie Reichsbahn ist. Der einzige wirkliche Nachteil ber Staatsstraßen gegenüber den Reichsstraßen wäre bie Ungleichheit ber in ben einzelnen ßänbern (ober in Preußen der Provinzen ober Regierungsbezirke) in Betracht fommenben Derkehrssteuersätze, da beispielsweise wesentlich mehr nassauische Fahrzeuge bie oberhessischen Straßen benutzen, als oberyessische bie nassauischen, aber bie Steuer nur am Wohnort bes Fahrzeugbesitzers erhoben werben kann. Hoffen wir, baß im wahren Interesse der Sache bald alle Sonberinteressen unb alle kurzsichtigen unb fortschritthemmenden Ideen zum Schweigen gebracht werben, baß bie maßgebenben Faktoren recht bald eine Verbesserung ber Organisation des Straßenwesens ernstlich wollen und durchzusetzen verstehen, und baß wir in Hessen, insbefonbere in Oberhessen, bzgl. ber Straßen wieder zu unserem früheren guten Rufe kommen! Daß wir dabei mit den Vorkriegsmitteln, die uns bei einwandfreien Straßenunterhaltungsmethoden wesentlich weiter gebracht hätten, künftig nicht mehr ausreichen werden, ist bei dem immer mehr zunehmenden Verkehr selbstverständlich; daß aber die erforderlichen Mittel jederzeit rentabel angelegt sind und durch eine allgemeine Derkehrssteuer aufgebracht werden können, sowie daß die Rentabilität nicht mit der Höhe der Mittel ab-, sondern mit der Verkehrsstärke zunimmt, ist fast ebenso selbstverständlich. Statistisches über Oberhessen. Don Dr. Heger, Darmstadt. Oberhessen ist von den beiden anderen hessischen Provinzen durch einen Streifen preußischen Gebiets getrennt und yebt sich schon dadurch scharf von dem übrigen Hessen ab. Seiner Fläche nach (3286 Quadratkilometer) ist es die größte der hessischen Provinzen; Startenburg, bie zweitgrößte, umfaßt nur 3027 Quabrattilometer. Seiner Einwohnerzahl nach steht es aüerbings erst an britter Stelle. Sie betrug nach ber biesjährigen Zählung (vorl. Ergebnisse) 335 173 Personen. Demgemäß hat es auch eine geringere Volksdichte als bie anberen Provinzen. Auf einen Quabrattilometer tommen in Oberheffen 101 Personen, in Startenburg unb Rheilchessen über 200. 1910 wohnten in Oberhessen 75 Proz., 1919 68 Proz. unb 1925 immer noch 62 Proz. ber Be- oölterung in länblichen Oemeinben (mit weniger als 2000 Einw.). Gemeinden mit über 2000 Einwohnern gibt es 19, davon haben nur 6 mehr als 5000 Einwohner. Die einzige Gemeinde mit über 20 000 Bewohnern ist Gießen (33 292 Einw.), die Hauptstadt der Provinz. Vergleicht man die Bodenbenutzung in Oberhessen mit Startenburg, so ergeben sich aus ben wenigen Zahlen bereits genügend Anhaltspunkte zu einem Schluß auf die eigentümlichen Merkmale Ober- Hessens. Provinzen Bon der Gesam entfallen au fläche Acker- und Gartenland Wiesen und Weiden Waldungen °/o . u/o Oberhessen . . . 42,9 18,4 33,3 Starkenburg . . . 40,4 11,8 42,1 Preiswerte Schuhe für den Herbst! Herren-Rindbox- derbystiefel Zwischensohle, bequeme Form, sehr gutes 4 050 Fabrikat 14.50 . IU Herren-A rbeits- stiefel kräftige Qualität mit schwerem Beschlag und Absatz- Q95 eisen 12.50 . . . U /mit. Kamelhaar- Niedertreter Filz- u. Ledersohle 070 Or. 36-42 5.75,3.95 L Damen-Boxkalf- Spangenschuhe moderne Form . ß90 Nur solange Vorrat! Besondere Vorteile für Wiederverkäufer! Wir bitten um unserer Fenster ! Fußballstiefel Gießen Bahnhofstr. 58 Fulda Marktstr. 17 Seltener Gelegenheitskauf iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Herren-Halbschuhe schwarz und braun, eleg. 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Mit einer Flächenbedeckung von etwa 2300 Quadratkilometer stellt er die größte Basaltmasse Deutschlands dar und weist im Gegensatz zu anderen Gebirgen keine Gliederung auf. Die Unterlage des Vogelsberges besteht aus Buntsandstein, über den mehrere Schichten Basalt — stellenweise mit zwischenliegenden Braunkohlenablagerungen — gebreitet sind. Klimatisch gehören die höheren Gegenden des Vogelsberges, sowie die nördlich und nordöstlich von ihm liegenden Teile der Provinz, zu den kältesten Gegenden Hessens. Die Niederschlagsmenge beträgt bis zu 1200 Millimeter jährlich (gegen stellenweise 500 Millimeter in Rheinhessen). Die Aufblühzeit einzelner Pflanzen liegt im Vogelsberg bis zu vier Wochen später als in den am meisten begünstigten hessischen Gegenden. Westlich des Dogelsberges dehnt sich die Wetterau aus, eine fruchtbare, wellige Landschaft, die im Südosten durch die Dorhügel des Dogelsberges, im Westen durch die Ausläufer des Taunus begrenzt wird. Sie ist noch durch häufiges Dorkommen von Salzen und Kohlensäurequellen ausgezeichnet. Vogelsberg und Wetterau find die beiden Ge- bietsbestandteile, die der Provinz ihr Gepräge geben: Mehr oder weniger extensiv betriebener Ackerbau, ausgedehnte Großvieh- und Schafzucht, Braunkohlen- und Erzbergbau, hinsichtlich^ der Bevölkerungsentwicklung normaler Geburtenüberschuß, aber starker Wanderungsverlust. Fügt man noch hinzu, daß dank der vorkommenden Mineralien und Quellen Oberhessen in Bad-Nau- Heim ein Weltbad ersten Ranges sein eigen nennt, daß es in seiner Hauptstadt die Landesuniversität mit bedeutenden Kliniken beherbergt, und daß dank seiner Erze und Braunkohlen eine nicht zu unterschätzende Industrie sich entwickelt, so ist das Oberhessens bereits in groben Zügen festgehalten. Bevölkerung. Eheschließungen, Geburten und Sterbefälle in Oberhessen sind für die Jahre 1906, 1913 und 1923 in dem folgenden Tabellchen zusammengestellt: Oberhesien Ehe- fchließungen Geborene*) Gestorbene*) 1906 2378 8528 4733 1913 2225 7739 4407 1923 2898 7193 4305 *) einschließlich Totgeborene. Eine abweichende Tendenz von den übrigen Provinzen zeigen die oberhessischen Zahlen nicht, doch sind sie im allgemeinen konstanter. Die geringeren Schwankungen der Zahlen deuten auf die landwirtschaftliche und damit konservativere Struktur der Provinz. Die relativ geringere Abnahme des Geburtenüberschusses in Oberhessen zeigen die folgenden Zahlen: _________________ Jahr Geburtenüberschuß in Starkenburg Ober- Hessen Rheinhessen 1906 9168 3795 4694 1913 8282 3332 3837 1923 5704 2888 2513 Die Zunahme der ortsanwesenden Bevölkerung beträgt für die Zeit vom 1. Dez. 1910 bis 16. Juni 1925 rund 26 000 Personen (oorl.). Da in dieser Zunahme die zur Zeit der Zählung in Oberhessen (Bad- Nauheim) weilenden Fremden mitenthalten sind, dürfte die Wohnbevölkerung Oberhessens sich um etwa 19 000 Personen vermehrt haben. Der vom 1. Dezember 1910 bis 16. Juni 1925 errechnete Wanderungsoerlust beträgt unter Zugrundelegung der vorläufigen Ergebnisse für Oberhesien ohne Bad-Nauheim insgesamt 5475 Personen. Im einzelnen läßt sich in Gießen eine Mehrabwande- rung von rund 1300 Männern und eine Mehr z u - Wanderung von etwa 400 Frauen feststellen. Im übrigen Oberhessen (ohne Bad-Nauheim) ist eine Mehrabwanderung von 2000 Männern und zirka 2400 Frauen vorhanden. Nimmt man an, daß in Bad-Nauheim unter den vorübergehend anwesenden Personen auch eine Anzahl Oberhessen steckt, so würde sich der Wanderungsoerlust um deren Zahl verringern. Die noch verbleibende Mehrabwanderung erklärt sich zum Teil aus der Verringerung der Garnison Gießen, zum Teil aus dem starken Zug nach benachbarten Großstädten, Frankfurt. Eine gewisse Rolle spielt dabei auch die bei der landwirtschaftliche Bevölkerung übliche Alleinerbfolge, welche die nachfolgenden Geschwister veranlaßt, ihr Brot in der Fremde zu suchen. Nach der Berufszählung 1907 entfielen in Oberhessen vom Tausend der Bevölkerung auf die Be- rufsabteilungen: Landwirtschaft 412,5, Bergbau und Industrie 336,4, Handel und Verkehr 115,7, häusliche Dienste und Lohnarbeit 5,8, öffentlichen Dienst und freie Berufe 54, ohne Beruf 75,6. Beim Vergleich mit den Zahlen für Starkenburg und Rheinhessen, wo vom Tausend der Bevölkerung 212,5 bzw. 259,3 in der Landwirtschaft tätig waren, zeigt sich abermals, wie stark in Oberhessen die landwirtschaftliche Tätigkeit überwiegt. Naturgemäß sind die übrigen Berufsabteilungen entsprechend schwächer besetzt. Landwirtschaft. Landwirtschaftlich benutzt sind in Oberhessen (1921) 201 614 Hektar, darunter 60 544 Hektar Wiesen und Weiden. Obwohl die landwirtschaftlich benutzte Fläche Oberhessens größer ist als in Starkenburg, wurden bei der diesjährigen Zählung nur 47 728 landwirtschaftliche Betriebe ermittelt gegen 65 091 in Starkenburg. Der einzelne landwirtschaftliche Betrieb ist daher in Oberhessen durchschnittlich größer als in Starkenburg und Rheinhessen (4,2 Hektar gegen 2,4 bzw. 3,2). Am häufigsten sind die Betriebe unter einem Hektar (44,1 Proz. der Betriebe überhaupt); die Betriebe von 2 bis unter 5 Hektar umfassen 21,8 Proz. und die von 5 bis unter 20 Hektar 22,1 Prozent aller Betriebe. Als Anbaupflanzen sind für Oberhesien charakteristisch: Winterweizen, Hafer, Hülsenfrüchte, Misch- frucht, Hanf und Flachs, deren Anbauflächen sämtlich ZNURN Md so lang ich leb! Schokoladen Pralinen Desserts, Fondants, Liköre Zuckerwaren Back- und Puddingpulver Steeb & Co., Würzburg Verkaufsstellen durch unsere Plakate gekennzeichnet größer sind als in Starkenburg und Rheinhessen zu- fammen, dann noch Futterrüben und Klee. Bedeu- tend ist auch der Anbau von Winterroggen, Sommergerste, Kartoffeln und Obst, besonders Zwetschen. V i e h st a n d. 1922 wurden in Oberhesien 22 768 Pferde, 132 735 Stück Rindvieh, 57 814 Schafe, 132 680 Schweine und 39121 Ziegen gezählt. Gegen 1914 Haden die Bestände an Pferden, Schafen und Ziegen zugenommen. Von je 100 Tieren in Hessen entfielen auf Oberhesien 1922: Pferde 39, Rindvieh 49,1, Schafe 74,9, Schweine 43,3 und Ziegen 25. Die Schafzucht tritt gegenüber dem Viehstand der anderen Provinzen stark hervor, die Ziegenzucht dagegen zurück. Bergbau und Industrie. Als wichtigste bergbauliche Unternehmungen sind zu nennen: Braunkohlenbergwerke in 7 Gemeinden, Eisenbergwerke in 21 Gemeinden und Bauxitgruben in 15 Gemeinden (vornehmlich Kreis Gießen). Erwähnenswert sind einige Betriebe für Ocker- und Kieselgurgewinnung. Auch mit dem Bergbau in engem Zusammenhang stehende Betriebe wie Braun» kohlenpreßwerke und Eisengießereien hat Oberhessen mehrere aufzuweisen. In staatlichem Besitz sind die Braunkohlengruben „Ludwigshoffnung", Wölfersheim und Weckesheim (sämtlich im Kreise Friedberg). Die dort geförderte Menge Braunkohlen ist stark im Steigen begriffen. Das Werk Ludwigshoffnung förderte 1921 1,5 Mill. Hektoliter gegen 444 000 Hektoliter im Jahre 1904. Die Förderung in den (1916 neu erworbenen) beiden anderen Werken ist bis 1921 von 290 000 Hektoliter auf 435 000 gestiegen. Im Zusammenhang mit diesen Gruben ist das staatliche Kraftwerk Wölfer-heim zu nennen. Dieses Kraftwerk wandelt mittels Dampfkraft (12 000 P. S.) Braunkohle in elektrische Energie um, die über $ s $ s Sl s l s $ § $ t $ ( $ $ $ i 5 $ $ $ Werkstätte für orthopädische Schuhmacherei Maßarbeiten und Reparaturarbeiten Reparaturen werden auf Wunsch abgeholt Gchuhharrs 4. $etnM Gketzen Schulstraße 10 * Telephon 1435 Filiale Sroßen-Linben Kaiserstraße 34 * Telephon 12 Alleinverkauf der Dr. Diehl-, Haffia- und Salvator-Stiefel zu den billigsten Preisen s s $ Friedrich Baumann ■ Gießen Fernsprecher 1026 • Neuenweg 7 Spezialgefdiäft für Elektrotechnik Beleuchtungskörper Heiz» und Kochapparate • Radio=Apparate • Telefunken» und Schneider-Opel Inltallations-Material die ganze Provinz und über deren Grenzen hinaus, durch ein großzügig angelegtes Leitungsnetz, ver breitet wird. Die jährliche nutzbare Stromabgabe beträgt rund 16 Millionen Kilowattstunden (gegen 2 Millionen Kilowattstunden im Jahre 1913). Die Verteilung geschieht durch die Ueberlandanlage der Provinz Oberhesien. An sie sind, abgesehen von den Gemeinden, die von dem Städtischen Eelektrizitäts- werk Gießen und anderen örtlichen Werken versorgt werden, alle oberhessischen Gemeinden mit nur einer Ausnahme angeschlossen. Die ötrombelieferung in Oberhessen bietet der Landwirtschaft und der Industrie die Möglichkeit und den Anreiz zu rationeller Betriebsweise. Verhältnismäßig stärker als im übrigen Hessen ist die Industrie der Steine und Erden, die Textilindustrie und das Baugewerbe in Oberhessen vertreten. Beachtlich ist noch die Zigarrenfabrikation und die neuerdings kräftig sich entwickelnde Ma- schinenindustrie. Hausindustrie (Weberei und Zigarrenmacherei) wird in einigen Gegenden, vor-, nehmlich in den Kreisen Alsfeld, Gießen und Lau-' terbach betrieben. Genauen Aufschluß wird die Auf- Personen auch eine Anzahl Oberhessen steckt, so würde hat sich dadurch um zwei vermehrt. Bäder. Von den beiden Bädern Oberhessens, Bad-Nau- Heim und Bad Salzhausen, hat das erstere zur steigenden Bedeutung Oberhessens zweifellos stark beigetragen. Die Frequenz Bad-Nauheims, das schon lange als Weltbad anerkannt ist, hat sich seit 1900 etwa verdoppelt und betrug schon vor dem Krieg rund 34 000. Die Höchstzahl der gleichzeitig anwesenden Kurfremden hat verschiedentlich schon einen Stand von 8000 erreicht. Es ist klar, daß die gesamte Bevölkerung der Stadt sich auf den Kur- fremdenoerkchr eingestellt hat und den Bedürfnissen der Kurfremden weitestgehend entgegenkommt. Da diese zu stark einem Viertel Ausländer waren, hatte der Krieg der Stadt Bad-Nauheim starke Ausfälle und besonders schwere wirtschaftliche Schädigungen gebracht. Nach dem Krieg sanden sich zwar die Aus- länber zahlreicher als je ein; erst seit Stabilisierung unseres Geldes hat ihre Zahl wieder nachgelassen. An vorübergehend anwesenden Personen wurden bei der diesjährigen Zählung in Bad-Nauheim rund 7000 ermittelt; davon wohnten in Anstalten (Hotels, Sanatorien, Pensionen) über 5000. Mit wenig Ausnahmen handelt es sich dabei um Kurgäste und Saisonbedienstete. Verglichen mit Bad-Nauheim spielt Bad Salzhausen eine geringere Rolle. Immerhin erfreut es sich einer steigenden Besucherzahl. Sie hat 1922 mit rund 2000 das Doppelte des Standes von 1912 erreicht. Bildungswesen. Die über 300 Jahre alte hessische Ludwig s u n i d e r f i t ä t hat in den letzten Jahren durch Bildung einer besonderen Abteilung für Staatswissenschasten einschl. Betriebswirtschaftslehre und Nedendisziplinen und durch Vermehrung der Lehrstühle an Bedeutung gewonnen. Die Zahl der Studierenden, die pm 1900 gerade das erste Taufend überschritt, betrug 1923 rund 2000. Nachdem inzwischen auch die letzten Kriegsteilnehmer ihr Studium wohl beendet haben, ist der Besuch der Universität wieder etwas zurückgeganqen. Die Stärke des Lehrkörpers betrug 1923 132 Lehrkräfte gegen 68 zu Beginn des Jahrhunderts. Die Zahl der höheren Lehranstalten in Oberhesien ist relativ hoch (beeinflußt durch die vielen kleinen Landstädtchen) und hat feit 1900 zu- gettommen. Es waren 1923 vorhanden: 3 Gymnasien, 1 Realgymnasium, 2 Oberrealschulen, 7 Real- chulen, 6 Höhere Bürgerschulen, 2 Höhere Mädchen- chulen (davon eine mit Lehrerinnen-Seminar). Von hnen sind innerhalb der letzten 15 Jahre neu hin- zugekommen bzw. durch Umwandlung vorhandener Lehranstalten entstanden: 1 Oberrealschule, 5 Realschulen, 1 Höhere Mädchenschule (mit Seminar). Weggefallen, ausschl. der umgewandelten Anstalten, sind 3 Höhere Bürgerschulen. Inzwischen ist die Umwandlung in Anstalten einer höheren Kategorie weiter fortgeschritten; die Zahl der Oberrealschulen hat sich dadurch um zwei vermehrt. Die Schülerzahl der höheren Lehranstalten ist bis 1923 auf stark 4100 gestiegen. Die Gymnasien und höheren Bürgerschulen haben abgenommen, dagegen haben die Oberrealschulen um 100 Proz., die Realschulen um 150 Proz. ihres Schülerbestandes 1908 zugenommen. Hoch ist die Zahl der landwirtschaftlichen Fachschulen: 9 von den 18 hessischen Landwirtschaftsschulen befinden sich in Oberhessen. UnsereFirma befaßt sich seitmehr als 21 Jahren mit der Lieferung sämtlicher, für das graphische Gewerbe in Betracht kommenden Maschinen, wie Druckmaschinen aller Art (Rotations- und Flachformmaschinen, Tiegeldruckpressen, Offsetpressen, Steindruck, schnellpressen unddendazugehörigenHilfsmaschinen),Buchbindereimaschinen, Maschinenfür die gesamte Kartonagenfabrikation und Papierverarbeitung (Heftmaschinen für Broschüren und Buchheftung,Liniermaschinen,Schneidmaschinen, Stanzmaschinen, Prägepressen tu a. m.) * Die namhaftesten ältesten Spezial-Lieferanten-Firmen Deutschlands, wie: Koenig & Bauer A.-G., Würzburg, Karl Krause A.-G., Leipzig, Faber & Schleicher A.-G., Offenbach a. 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Jubiläums-Ausgabe Seite 71 1922 wurden sie von 328 Schülern besucht. Man sieht daraus, daß auch die landwirtschaftliche Bevölkerung Oberhcssens den Wert einer theoretischen Vorbildung — besonders für Obstbau und Viehzucht — erkannt hat. Gewerbeschulen besitzt Oberhessen in Friedberg und Gießen mit einer durchschnittlichen Schülerzahl von 200. In Lauterbach besteht außer« dem eine W e b s ch u l e. Seit 1901 ist in Friedberg ein Polytechnikum mit Abteilungen für Maschinenbau, Elektrotechnik, Vauingenieurwesen und Architektur. Seine Besuchsziffer steigt, besonders stark seit 1919, unfr hatte mit annähernd 600 schon 1923 das Dreifache des letzten Vorkriegsstandes überschritten. Zwei Drittel der Besucherzahl studieren Maschinenbau. 9tur ein Sechstel der Studierenden sind Hessen, fast zwei Drittel stammen aus Preußen, ein Zeichen des guten Rufs, dessen sich die Anstalt auch außerhalb Hessens erfreut. Zeitungen erscheinen in Oberhessen in den Kreisstädten, ferner in Grünberg, Hungen, Nidda, Bad-Nauheim, Butzbach, Vilbel und Schlitz, und zwar in Gießen 5, in Friedberg und Bad-Nau- heim je 2, in den übrigen Städten je 1. Von diesen Zeitungen sind Tageszeitungen: Der „Gießener Anzeiger" (älteste), die „Oberhessische Volkszeitung" (Gießen), die „Oberhessische Zeitung" (Alsfeld), der „Oberhessische Anzeiger" und die „Neue Tageszeitung" (Friedberg), die „Bad-Nauheimer Zeitung", die „Butzbacher Zeitung" und der „Lauterbacher Anzeiger . (Darunter 3 parteilos.) In die neuere Zeit fallen nur die Gründungsjahre der „Oberheffifchen Volkszeitung (1894, sozialdemokratisch) und der „Neuen Tageszeitung" (1907, rechtsgerichtet); die übrigen können alle auf ein langes Bestehen zurückblicken. Theater besitzt Oberhessen in Bad-Nauheim und in Gießen. Das letztere (1907 gegründet) verdankt seine Entstehung freiwilligen Spenden der Bevölkerung. Es ist nicht nur, wie seine Inschrift besagt, „ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns', sondern auch ein Zeugnis für das Höherftreben der oberhesfischen, speziell der Gießener Bevölkerung. Trotz der eigenartigen Struktur Oberhessens und seiner räumlichen Trennung von dem übrigen Hessen, sind dennoch die Fäden, die sich infolge wirtschaftlicher und verwandtschaftlicher Beziehung oder Wohnsitzwechsel (Beamtenversetzungen, Hochschulbesuch) 'hinüber- und herüberspannen, so zahlreich, daß sie zu einer Brücke werden, die Oberhessen mit Starkenburg und Rheinhessen verbindet. Die Bäder und Mineralquellen Oberhessens. Von Dr. med. Alfred Martin, Bad-Nauheim. „Es ist eine gesunde Luft im Lande, auch gute, beide süße und Sauerbrunnen", schreibt unter anderem Erasmus Alberus der Wetterau, seinem Vaterlande zu Ehren, „daß die Einwohner Gott danken und loben um das schöne gute Land, das er ihnen gegeben hat". Ja, die Wetterau ist wirklich mit Sauerbrunnen gesegnet, in einer Zahl, wie sie kein anderes Stück Erde auf gleichem Raume aufweisen kann. Zwar hat sich keiner zu einem bedeutenden Trinkkurort, wie Spa, Langenschwalbach oder Pyrmont entwickelt, dafür sind einige als gute Tafelwässer in der ganzen Welt getrunken worden. Ihres milden Geschmacks wegen wurden sie schon im 16. Jahrhundert vor anderen „räsen" (scharfen) Sauerbrunnen hervorgehoben. Die Römer kannten sie natürlich und tranken sie. Nirgends ist eine Vorrichtung zum Baden entdeckt worden, wenn man auch eine solche in Vilbel vermutete, weil dort der kostbare, im Darmstädter Museum aufbewahrte Mosaikboden mit Tritonen- darst-llungen gesunden wurde, der den Grund eines Wasserbeckens bildete. Am heutigen Selzerbrunnen bei Groß- korben fand man 700 Meter vom römischen Kastell eine Niederlassung und in beiden Scherben von Sauerbrunnenkrügen, die durch eine besondere Vorrichtung als solche kennbar sind. Die gleichen Krüge fand man am heutigen Ludwigsbrunnen bei Großkarben, im Römerbrunnen bei Echzell, dem einstigen Grundschwolheimer (hier mit römischen Münzen zusammen) und am Rosbacher Sauerbrunnen in einem in den Fundamenten aufgefundenen Brunnenhause. Am einstigen Faßbrunnen im Schwal- heimer Brunnengebiet bei Bad-Nauheim lag ein gepflasterter Platz, der wohl beim Krug- füllen benutzt wurde, hier fand man Bruchstücke von Gefäßen mit römischen Töpferftempeln. Dicht dabei lag der Perlbrunnen, der 36 römische Münzen bara^ und etwas weiler ab, im heute noch benutzten Schwalheimer Sauerbrunnen fand man bei mehreren Reinigungen insgesamt gar über 100, Opfergaben, die den Dank an die Quellnymphe für den gespendeten Trank ausdrücken. Weiter zurück läßt sich der Gebrauch wenigstens der Nauheimer Solquellen nachweisen, aber nicht zum Bad (auch nicht zur Zeit der Römer, wie man das irrtümlich aus deren Badefreudigkeit geschloffen hat), sondern zur Gewinnung von Speisesalz. Nauheim hatte die größte Sudsaline der sogenannten La Töne-Zeit, die im 1. Jahrhundert vor Christus ihren Untergang fand. Für einen Gebrauch der Solquellen Oberhessens, auch zur Salzgewinnung, seitens der Römer ist nirgends ein Anhalt gefunden worden. Im Laufe der Jahrhunderte hat Oberhessen 5 Salinen gesehen, die bedeutenderen zu Nau- ncnnt. Es sind die heutigen: Selzerbrunnen und Ludwigsbrunnen bei Groß-Karben, der Rosbacher und der Schwalheimer Sauerbrunnen. 1584 hören wir in der Vorrede des Neu-Wasserschatz von Dr. Jakob Theodor von Bergzabern (Tabernaemontanus), Amtsarzt in Worms, zum ersten Male von tatsächlichem Gebrauch eines hiesigen Sauerbrunnens zu Heilzwecken. 1569 hatlö der Bischof Marquard von Speyer gegen seines Leibes Blödigkeit in Frankfurt den Fülfeler (Vil- beler) Sauerbrunnen kurgemäß zu trinken angefangen, eine gewichtige Empfehlung des Schwal- bacher Weinbrunnens bewirkte jedoch, daß er mit diesem die Kur zu Ende führte. Sonst weiß Tabernämontanus 1584 vom Fülfeler Sauerbrunnen zu berichten, daß bei Regen- weiter die Nidda hineinfließt und ihn ungenießbar macht, und daß das Landvolk ihn in Krügen in großen Mengen nach Frankfurt bringt. Auch den Stavener und die vier von Winter beschriebenen Sauerbrunnen nahm Tabernämontanus in sein Werk auf. Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte der einzelnen Sauerbrunnen Oberhessens zu bringen. Im allgemeinen werden sie von den Einwohnern der Umgebung getrunken, dem armen Mann er- Heinrich Hoecker Mikrostopisches Institut ♦ Metzlar a. ü. Lahn empfiehlt mikroskopische Präparate aus allen Gebieten öer Naturwissenschaft in Sammlungen unö einzeln Das Institut besteht seit $o Aahren Preisliste XXV aus Wunsch heim, Wisselsheim, Salzhausen und die kleinen zu Büdingen und Treis-Horloff. Nur die Nauheimer ist noch in Betrieb. Ihr Zweck ist heute nicht mehr allein die Gewinnung von Kochsalz, sondern auch von Salz und Mutterlauge zu Badezwecken. Zum Bad durfte die Sole Jahrhunderte lang nicht benutzt werden. Den Ueberschuß der Quellen, der nicht versotten werden konnte, ließ man weglaufen. Erst die Autorität des großen Arztes Hufeland bewirkte die Freigabe zu Badezwecken. So find die Solbäder wenig mehr als ein Jahrhundert alt. Im Mittelalter hören wir nur von einem Sauerbrunnen in Oberheffen, der „6 u r e b u r n e" bei Groß-Karben (der heutige Ludwigsbrunnen) wird 1411 urkundlich erwähnt. Der schon genannte Erasmus Alberus gedenkt des Sauerbrunnens von Staben, und 1548 tritt der Schwalheimer Sauerbrunnen bei Nauheim in die Geschichte ein. Es besteht Streit zwischen der Gemeinde Schwalheim und der Friedberger Bürgerschaft, die wegen des unentgeltlichen Gebrauchs des Brunnens Geld zum Reinigen geben soll. Der Friedberger Burggraf einigt die Parteien dahin, daß Friedberg jährlich 4 Gulden an Schwalheim zahlt, „dagegen ein Jeder gaistlichs ober welt- lichs stanbs, es seien burger, burgerfen, ober die beisassen Judden, so den oonnoetten, zu gebrauchen macht haben sollen". Die Erfindung der Buchdruckerkunft zeitigte im 16. Jahrhundert auch verhältnismäßig zahlreiche Bücher über Bäder und Mineralquellen. Daß die Wetterauer Sauerbrunnen darin Beachtung finden, zeugt für ihr Bekanntfein. Allerdings hat — und bis ins 18. Jahrhundert hinein — meist ein Schriftsteller vom anderen abgeschrieben. Sie übernehmen gewöhnlich wörtlich den Bericht aus dem lateinisch geschriebenen Kommentar über Bäder und Heilwässer van Johannes Winter (Guintherius) van Andernach, der 1565 in Straßburg erschien und vier ausgezeichnete Sauerbrunnen unseres Gebietes setzen sie den Wein. Auch gegen Fieber gebrauchte man sie, natürlich nur als durstlöschenden Trank. Eine größere Bedeutung gewannen nur die Sauerbrunnen ober ihr Quellgebiet, bie über größere Wassermengen verfügten. Allmählich bildete sich ein in weite Ferne gehender Versand heraus. Um 1722 ließ die Burg Friedberg den stark ver- finterten „Dfarber Sulzbrunnen" (heutigen Selzerbrunnen) durch den Nauheimer Salzmeister Joseph Todesco neu fassen, gab ihm einen geschmackvollen Auslauf in 12 Röhren mit gärtnerisch schöner Umgebung, die in einem Kupferstich fest- gehalten wurden. Der Brunnen ging viel nach Frankfurt, wo er mit dem dort beliebten Tönnis- fteiner in scharfen Wettbewerb trat. Von 1827 an ließ ein angesehener Offenbacher Kaufmann bie verfallenen Anlagen instand setzen und brachte einen jährlichen Versand von mehreren Tausend Krügen zustande, der hauptsächlich nach Bayern, der Schweiz und Frankreich ging. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war der Brunnen nach ein beliebter Ausflugs- und Versammlungsort. Seit den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde auch der in der Nachbarschaft gelegene „Großkarber Sauerbrunnen" versandt, der auf den Krügen nun den Namen Ludwigsbrunnen führte. 1872 nahm man eine dritte erbohrte Quelle dieses Gebietes, den Taunusbrunnen, in Betrieb. Taunus- wie Selzerbrunnen hatten vor dem letzten Kriege einen starken Versand und gingen als Tafelwasser viel ins Ausland. Die weiteste Verbreitung fand wohl der Ros - b a d) e r Brunnen. Er war vor dem Kriege seit 1901 im Besitz des Lord Dewar, durch dessen Werbetätigkeit ein jährlicher Absatz von rund 1 Million Krüge im Inland und rund 2 Millionen Krügen im Ausland erzielt wurde. Viel traf man im Ausland auch den Römer- brunnen an, über den unter dem Namen des Grund-Schwalheimer Brunnens 1742 eine Gießener medizinische Dissertation herauskam. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Schwalheimer Sauerbrunnen bei Nauheim ein Liebling heimischer gelehrter Kreise. Die Deröfsent- lidjungen berichten, baß unmittelbar vor bem Revo- lutionskriege ein Absatz über Bremen, Hamburg unb Lübeck nach Hollanb, Englanb, selbst nach dem Kap der guten Hoffnung zustande kam. 1856 wurde am Brunnen van dem bekannten französischen Hydrotherapenten Fleury eine Kaltwasserheilanstalt errichtet, die kurzen Bestand hatte. Eine Trinkkur am Ort kam — wie auch bei dem schon angeführten Sauerbrunnen — nicht in Gang. In neuerer Zeit erbohrte man dicht beim alten Brunnen die Löwenquelle. Beide gelten nicht nur als gute Tafelwässer, sondern ihres Eisengehaltes wegen auch als Heilwässer gegen Blutarmut. Eine dritte im Gebiet gelegene Quelle, der Germaniabrunnen, kommt nur als Tafelwasser zum Versand. Die ungünstigen Verhältnisse des alten Vilbel e r Sauerbrunnens an der Nidda gaben die Veranlassung zum Graben und Erbohren neuer Brunnen, die zum Teil wieder eingingen. Jetzt sind dort fünf in Benutzung: Brobscher Sprudel (früher Viktoria - Melitta - Sprudel), H a s s i a - Sprudel, E 1 i s a b e t h e n q u e 11 e , Lud- roigsbrunnen, tiuifenbrunnen. Von diesen Sauerbrunnen wirb ber 1900 erbohrte Brodsche Sprudel zum Baden benutzt. Die Zahl der jährlich abgegebenen Bäder stieg in den Jahren 1900 bis 1905 von 200 auf 5000, wozu das größere Bad- Nauheim 9 Jahre brauchte: ein guter Anfang, über dessen Fortgang leider nicht berichtet wird. Damit bin ich bei den Badeorten Ober- Hessens angelangt. Zwei gingen aus Salinen hervor, Nauheim unb Salzhausen. Die schwach salzhaltigen Quellen ber einstigen Wisselsheimer Salinen würben nur vorüoergehenb von Nauheimer Kurgästen (in ber ersten Zeit des Babes) zum Trinken benutzt. Der Oebraudj ber Sole zum Bab ging aus ber Kaltwasserbehandlung hervor, welche Fluß- unb Seebäber zeitigte, unb bie Ähnlichkeit ber Sole mit bem Meerwasser gab bann van selbst bas Solbab, bas zum Rettungsanker für manchen Salinenort mit schwachprozentiger Sole wurde, ber nicht bas Glück hatte, mit bem Bergbohrer hochprozentige Sole ober Steinsalz zu erschließen. Die hessen-darrnstäbtische Saline Salzhausen kränkelte sehr, schon 1826 gesellte sich das Solbab zu ihr, 1864 ging sie ein. Die kurhessische Saline Nauheim war bebeutenber (im 18. Jahrhunbert sogar bie bebeutenbfte Subsaline Deutschlands mit schwachprozentiger Sole), aber auch sie litt unter dem Umstand, daß die Bohrungen nicht bie Hoffnungen auf hochprozentige Sole ober gar Steinsalz erfüllten. 1835 bekam auch Nauheim sein Solbab. Beibe entwickelten sich zunächst wie anbere Solbäder, wurden gegen Skrophulose, Hautleiden, Rheumatismus und Frauenleiden gebraucht. Salzhausen ist heute noch Solbad, es unterscheidet sich von der großen Menge der anderen dadurch, baß es kein ausgesprochenes Kinberbab würbe. Nauheim ging zu einem Teil den üblichen Weg, unb heute hat es vier Kinderheilstätten, wie es benn überhaupt bas erste Bab Deutschlands an sozialer Fürsorge ist. Daneben entwickelte sich ein zweites, bas zuerst in ber Spielbank bestand, Nauheim teilweise zu einem Luxusbad machte, das dann vom Herzbad abgelöst wurde. Dies war durch Arbeiten des damaligen 1. Brunnenarztes Dr. Friedr. Wilh. B e n e k e , des späteren Marburger Professors, so vorbereitet, daß das Verschwinden der Spielbank keine Lücke hinterließ. Beneke trat in seinen Arbeiten unermüdlich für die Behandlung Herzkranker in Nauheim, zunächst nur im Anschluß an Rheumatismus, ein. Das bewirkte aber, daß Herzkranke jeder Art nach Nauheim strömten. Die Aerzte I. G r ö d e l, Aug. Schott, Sigurd ©räupner u. a. suchten unb fanden auch für die Herzleiden nichtrheumatischer Art einen wissenschaftlich begründeten Heilplan mit Nauheimer Bädern, bei denen sie als hauptsächlich wirksamen Bestandteil der Quellen die reichlich vorhandene Kohlensäure ansahen. Die alten Heilanzeigen ber Solbäber bestehen weiter, burdj seine natürliche Wärme, seinen hohen Chlorkalziumgehalt hat Nauheim einen wesentlichen Vorteil gegenüber anderen Solbädern. Der Kohlensäuregehalt hat es auch zum Bad für Nerven- unb Rückenmarkskranke gemacht. Butzbach, Kasernenhof. 3 W ■ Hatte schon bie Spielbank bas Aeußere des Bades Nauheim durch Anlage eines neuen Kurhauses und des Parkes günstig beeinflußt, ergab die steigende Besucherzahl den Anlaß zu weiteren Neubauten, so daß heute Nauheim in seinen Einrichtungen von wenigen Bädern erreicht wird. Nicht vergessen sei das junge Bad Selters bei Ortenberg, das in seinem Benediktussprudel eine kalte, verhältnismäßig kohlensäurereiche sdjwachprozentige Solquelle hat. Beachtenswert ist bie Tatsache, daß sich der Gehalt der Quellen von Nauheim, Salzhausen, Selters an Chlorkalzium und Gips im Verhältnis zum Gesamtgehalt ber festen Stoffe nach Südosten zu so ändert, daß das Chlorkalzium ab-, der Gips zunimmt, die Quellen, je mehr sie nach Süboften liegen, vom Nauheimer Charakter ab- unb bem Kissinger zurücken. Ich stelle kurz zusammen, über was für Bäber Oberhessen verfügt: Einfache Solbäber: Bab-Nauheim (durch die Gradierwerke entgast, enteisent und entkalkt), Salzhausen (mit geringem Kohlensäuregehalt). Schwachsalzhaltige tohlensäurereiche Bäder, die gewärmt werden müssen: Vilbel, Selters, Bad-Nau- Heim. Vilbel hat den geringsten Salzgehalt, Selters bie wenigste Kohlensäure. In Bab-Nauheim nennt man sie Brunnenbäder. Die 3 naturwarmen Sprudel Bad-Nauheims. Sie sind kohlensäurereiche chlorkalziumhaltige Stahl- foltfjermen, untereinander verschieden durch Salzgehalt und Wärme, im Kohlensäuregehalt durch direkte Leitung in bie Wanne ober Stehenlassen im luftdichten ober offenen Behälter abftufbar. Die Trinkquellen Bad-Nauheims, Salzhausen, Selters unb Vilbels sollen nicht unerwähnt bleiben, wie auch bas Inhalatorium Bab-Nauheims unb bie jetzt gern als Freiinhalatorium bezeichneten Gradierwerke zu Bad-Nauheim unb Salzhausen. Vilbel hat nur ein Badehaus, Selters unb Salzhausen finb kleine ruhige, ibyllisch gelegene Kurorte. Bab-Nauheim hat sich zum Weltbad empor« geschafft und bietet alles, was dazu gehört. Etwas Einhalt in den vom Zeitgeist beherrschten Treiben würde seinem Heilbad zugute kommen. Die meisten Kurgäste hatte es im Jahre 1912, es waren 35 876 anwesend, die 486 157 Bäder nahmen. Am 24. Juli 1911 wurde die höchste Bäderzahl an einem Tage, 4456, erreicht. Der Krieg hat die Bäder arg geschädigt. Ein allmähliches Aufblühen ist zu bemerken. Mögen die alten Verhältnisse bald wieder erreicht sein. Butzbach, Korngasfe. ■« e i * * ADI *< T ♦ 1 SPlocfißtraße 7 Telephon 1323 FARBENFABRIK FISCHER, NAUMANN & CO ILMENAU I.THUR GEGRÜNDET 1837 ■ I ♦ t - Wurst-, Fleischund Dauerwaren Versand nach auswärts Prompte Bedienung r i i I \ FABRIK VON SCHWARZEN UND BUNTEN BUCHDRUCK-, STEINDRUCK- UND OFFSETFARBEN, FIRNISSEN, WALZ EN MASSE MS st Bl-" Flimm & Eckert Walltorstr.63 Gicßd! 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Und machten sich gegründete gelangen so über solche Weck seien dergleichen Markt, fori rertragen; < ammen mb rung Ser na lanb tzerki Augias ange Vorschlag, m leiten, um ,4 blieb auch da Ähre spater wegen irgend Aertelsahr h graben zu fäi lich nur wen stände beigel blieben alle der, vbrigkeil Unjlätherei i werden, troß g'erung zu ( l'ger Stobt denen3öi ausläuft, wc Nachbarn ei leiten empüi Sangenen füi weidung ohr halb vier A dem ollhiest ^befehlen, t Jw» * Anfang solle' ch Ech in| omtes in Ehlich bie wenn auch Wile vert mobernen ( wann der f- Wten j örunbuno e K". Artikel flchl'gen 6j fc.Nfe 40r* in her Walter j),jer .^linden : 2 Mich jjntan un SS? ipÄJ LA' SS, "Wkckwnk.- "lor NS-» l°8-r (5r d. * H Zehntes Blatt (Siebener Anzeiger Jubiläums-Ausgabe Seite 73 Das städtische Gesundheitswesen in Vergangenheit und Gegenwart. Von Medizinalrat Dr. W a l g e r. Die Bevölkerung der Stadt Gießen bestand, da Gießen früher befestigt war, ursprünglich aus Burgmannen und Bürgerschaft und erhielt durch wechselnden Zuzug von Soldaten, Offizieren, Händlern und Flüchtlingen in Kriegszeiten allmählich einen gemischen Charakter. Dunkelblondes Haar und mittelgroßer Körperbau der Männer, einnehmende Gesichtszüge und schlanker Wuchs der Frauen bieten den Durchschnittstypus dar. Am Ende des 15. Jahrhunderts finden wir in Gießen rund 240 Wohnungen mit ungefähr 120U Einwohnern. Bei Beginn des 30jährigen Krieges war die Einwohnerzahl auf 3000 angewachsen, wurde aber infolge der unheilvollen Kriegsbeil wieder erheblich vermindert. Jni Jahre 1635 starben in Gießen allein an der Pest 1503 Menschen. Ihre Nahrung fanden die Bewohner im Mittelalter und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hauptsächlich in Ackerbau und Viehzucht. Auch standen Handwerk und Handel in Blüte. Letzterer spielte sich vorzugsweise auf den jeweils acht Tage währenden soa. Messen sowie auf den Jahr-und Wochenmärkten ab. Die Zunahme der Bevölkerung Gießens schritt früher niq: langsam, später aber schneller vorwärts: Im Jahre 1804 zählte man erst 4946 Einwohner. ♦ 1816: 6107 Ew. 1880: 17 000 Ew. 1840: 7209 „ 1890: 20 570 „ 1860: 8992 „ 1900: 25 564 „ , 1870: 10 223 „ 1924 : 33 000 „ Auf je 1000 Einwohner entfallen im Jahr 1924 in Gießen 17,5 Lebendgeburten, indem von einheimischen Müttern in dem genannten Jahr 576 lebende Kinder geboren wurden. Die Gesundheitsverhältnisse der Stadt Gießen galten von jeher für sehr günstig. Schon Merian nennt sie in seiner Topogr. Hassiae 1646 eine „Statt mit einer gesunden Lusft und das Land herumb mit Fruchtbarkeit und Lustbarkeit, davon und dem Tuchmochen die Bürger insonderheit sich nehren". 150 Jahre später rühmte der Professor Renatus Karl von Senckenberg, daß „nur die Gegend von Neapel und Biebrich a. Rhein derjenigen von Gießen vorzuziehen sei". Allerdings würde der moderne Hygieniker in bezug auf die gesundheitlichen Verhältnisse der Innenstadt Gießens zu Zeiten Merians und Senckenbergs einem so enthusiastischen Loblied keineswegs zugestimmt haben. Zahlreiche Düngerhaufen mitten in den Straßen, stinkende, vor Unrat unzugängliche Winkel und viele elende Häuser führten, vom Festungs- wall beschützt, ein geruhsames und beschauliches Dasein. Und auch sonstige gesundheitliche Mißstände machten sich breit. Kaum war die im Jahre 1607 gegründete Universität, die schnell zu hohem Ruhm gelangen sollte, ein Jahr alt, so mußte ihr Senat über solche liebel lebhafte Klagen führen: Brot und Weck seien nicht ausgebacken; Fleisch, Fische und dergleichen Nahrungsmittel kämen nicht auf den Markt, sondern würden nach Frankfurt und Wetzlar vertragen; es fehle an einem Gasthaus! An Hebammen und an Badestuben; und wohlan Erinnerung der klassischen hygienischen Methode, die weiland Herkules zur Reinigung der Ställe des Augias angewendet hatte, machte der Senat den Vorschlag, man solle die Lahn durch die Gassen leiten, um „hen Unflat abzuführen". Wie so ost, so blieb auch damals alles beim Alten, und als fünfzig Jahre später der Wasenmeister von Königsberg wegen irgendeines Vergehens verurteilt wurde, ein Vierteljahr lang den Stadtkanal und den Bach- graben zu säubern, da hat diese Maßnahme sirber- iich nur wenig zur wirklichen Besserung der Mißstände beigetragen, lieber ein Jahrhundert lang blieben alle gesundheitspolizeilichen Anordnungen der Obrigkeit ohne besondere Wirkung. Auch „die llnflätherei in der Stadtbach" konnte nicht beseitigt werden, trotzdem im Oktober 1702 die fürstliche Regierung zu Gießen verfügte: „wasmaßen in allhiesiger Stadt und Vestung der U n f l a t h aus denen Winkeln sehr auf die öffentliche Straße ausläuft, wodurch dann die Vorübergehenden und Nachbarn einen Übeln Geruch und 'Beschwerlichkeiten empfinden — daß somit ein jeder den ergangenen fürstlichen Verordnungen gemäß bei) Ver- meidung obnausbleibl. Straffe den Unslath innerhalb vier Wochen ausfiibren lassen solle. Auch ist dem allhiesigen Wasen-Meister ausdrücklich an» zubefehlen, daß er die Winkel ohne Unterschied, sie mögen zukommen, wem sie wollen, säubern u. den Anfang in den Neuen Säuen machen solle" usw. Erst infolge energischen Eingreifens des Kreisamtes in den 1840er Jahren verschwanden allmählich die Misthaufen aus den Straßen der Stadt, wenn auch die anderen Mißstände noch eine gute Weile verhinderten, daß Gießen das Bild einer modernen Stadt hätte gewähren können. Da gewann der Humor und die Satire eines angesehenen praktischen Arztes, der im Jahr 1865 anläßlich der Aründung eines Verschönerungsvereins einen löst- lichen Artikel im „Anzeigeblatt" veröffentlichte, einen wichtigen Sieg: „Der Verschönerungsverein möge eine Tätigkeit zwischen den Häusern beginnen Dort in der Höhe hängt die Freiheit! Die Unmasse uralter Dzierzons (Bienenstände) sehen mit ihren halbblinden Augen gar traurig drein. Diese in recht niedliche Miniatur-Schweizerhäuschen um- giroanbeln und somit in der Stadt eine aroße Anzahl anmutiger Durchsichtspartien zu schaffen, wäre tine recht dankbare, idyllische Aufgabe. Auch könnte ter Verschönerungsverein sich selbst und der Stadt dn bleibendes Denkmal schaffen, nämlich durch eine lolibe Fassung unserer kothsauren Schwele laue! le am Neuen Weg, etwa in Form eines «rhaocnen Monuments ä la I. M. Farina, mit tiner oben offenen, Gase ausströmenden Urne. Vorübergehende und Kranke könnten dann diese Herz- liärkung in concentriertester Weise einatmen." usw. „Die oberirdische Kanalisation in specie in den "leuen Säuen ist schön und zweckmäßig, denn nach ■einem Gewitterregen sicht sofort jeder Laie, wo's Klroa fehlt." In diesem Sinne ließ der Verfasser seiner «$ulen Laune ihren Lauf, und es wird berichtet, Laß der Aufsatz vortrefflich gewirkt hat. Einsicht und Energie der Behörden, Aufklärung und guter Wille «wf feiten der Bürgerschaft haben es dann auch erreicht, daß Gießen heute in bezug auf Reinlichkeit und Schönheit des Straßenbildes, sowie auf Zweckmäßigkeit der Stadthygiene einen der ersten Plätze unter den Städten Deutschlands von ana» Coger Größe und Bedeutung einnimmt. Wer unter uns hätte nicht schon mit Freude und Stolz ver» was wahrscheinlich in keiner anderen Stadt Deutschlands wieder zu finden sein dürfte. Vielleicht ist es für manche von Interesse, einmal eine kurze Uebersicht der Gegenstände zu lesen, auf welche sich die von den drei Medizinalbeamten geübte öffentliche Gesundheitspflege erstreckt. Es sind dies 1. die schulärztliche Tätigkeit an den Volks- schulen, die von dem Leiter des Untersuchungsamtes ausgeübt wird. Sodann die von den beiden Beamten des Kreisgesundheitsamtes bearbeiteten Gegenstände des städtischen Gesundheitswesens, als da sind — ohne daß diese Aufzählung erschöpfend fern soll — 2. Unterstützung und ärztliche Beratung des Wohlfahrtsamtes. 3. Ueberwachung der Prosti- tution. 4. Ueberwachung des niederen Heilperjonals; Teilnahme an den Prüfungen der Wochenpflege- rinnen und der Hebammenschülerinnen. 5. lieber- wachung des Hebammenwesens, der Fortbildungs- kurfe der Hebammen, Kontrolle ihres Jnstrumenta- riums, Vorträge bei ihren Versammlungen. 6. Handhabung der Maßnahmen gegen Kurpfuscherei. 7. Ueberwachung des Apothekenwesens. 8. Beaufsichtigung der Drogengeschäfte und des Handels mit Arzneien und Giften. 9. Ueberwachung der Ge- sundheitsoerhältniffe der Stadt im allgemeinen und Beobachtung der Sterblichkeit der Bevölkerung. Wöchentliche, monatliche und jährliche Aufstellung nommen, welches Lob fremde und erfahrene Besucher diesen Vorzügen unserer Stadt spenden? Auch an unlauteren Elementen, die die Ausbeutung der leidenden Mitmenschen durch Kurpfuscherei gewerbsmäßig betrieben, hat es in früheren Zeiten ebenso wenig gefehlt, als heute. Damals wie heute verstieß solches Gebühren gegen die Bestimmungen einer zum Wohl der Kranken festgesetzten Medizinalordnung; damals wie heute schwindelten solche Pfuscher denen, die auch heutzutage noch „nicht alle geworden sind", vor, daß ihren „Heilmitteln" kein Leiden, welcher Art es auch sei, widerstehen könne, und enorme Summen stossen in ihre Taschen. Da preist im Jahr 1724 ein gewisser R o meiser „Chirurgus Chymicus, und in der Medizin sehr wohl geübter Practicus' seine „Güldene Schmertz-stillende und stärkende Pillen" an, und beruft sich daraus, daß er „durch Gottes Seegen sehr vielen Menschen zur Gesundh^ und geraden Gliedmaßen wieder verhalfen, auch son- lich vielen in elenden Kindsnöten elendiglich gelegenen armen Weibs-Personen geschicklich das Leben errettet und sich in große Renornrne gefetzt habe". Kurze Zeit danach richtet „die aus Türckstchern Stamm und Geblüt entsprossene, ungebohrene, weil aus der Mutter Leib herausgeschnittene, durch große Euren hochberühmte Türckische Doctorin Maria Vilbel. Francisco de Voeoina ein „Avertissement" an alle Kranke. Diese „Ungebohrene" erkennt alle Leiden „besser, als die Kranken es offenbahren können". „Alle Mängel und Gebrechen der Augen, item Hauptschmertzsn, Ohrenbrausen und verlohrenes Gehör, schwache Gedächtnis, Schwindel, Schlagflüß, vor die fallende Sucht, Jammer oder schwere Noth, Lungen-Schwind- und Wassersucht" heilt die Medizin dieser türckischen Doctorin durch eine „Artzney dergleichen Medizin in Deutschland nicht zu finden seyn". Die Gießener Medizinische Fakultät, die dazumal manche amtliche Obliegenheiten zu versehen hatte, die heutzutage dem Kreisgesundheitsamt zukommen, mußte einen langen und schweren Kampf führen, bis es gelang, den Beweis zu erbringen, „daß diese Frau eine Ertzbetrügerin war, welche vor einem jahr schon auf denen Dörffer herumbgepfuscht hat, und daß sie weiter nichts als eine vagabunda war, die die Leute durch große policitationes ums gelb bringt". Tatsächlich steht Gießen in heutiger Zeit — trotz ber schweren Not, bie der Weltkrieg selbstverständlich auch über uns gebracht hat — mit Recht in bem Ruf, eine ber gesündesten Städte zu fein. Einen ber wichtigsten Maßstäbe hierfür gewinnt man aus ber Zählung ber jährlichen Sterbefälle Im Jahr 1924 starben in Gießen 350 einheimische Personen. Selbstverständlich dürfen nur diese Einheimischen zur Beurteilung dienen, denn bei der großen Bedeutung der .Universitätskliniken und der sonstigen Krankenanstalten werden zahlreiche Kranke aus der Umgegend und weither aus den Nachbarländern nach Gießen geführt, wo sie Genesung suchen. Wollte man nun auch solche auswärtige Personen, die infolge Unheilbarkeit ihrer Leiden in Gießen sterben, zur Statistik heranziehen, so müßte dadurch ein ganz falsches und sehr ungünstiges Bild des Gesundheitszustandes unserer Stadt entstehen. Es starben also im Jahr 1924 gemäß ber oben erwähnten Zahl 350, also pro Tausend Einwohner nur 10,6 Einheimische, was eine sehr günstige Sterblichkeitsziffer im Vergleich zu vielen anderen Städten bedeutet. Innerhalb des ersten Lebensjahres starben 53 Kinder; 39 Personen starben an Altersschwäche; 22 Gestorbene hatten das 80. und zwei das 90. Lebensjahr mit 95 bzw. 97 Jahren überschritten. Die Ueberwachung der öffentlichen Gesundheitspflege der Stadt Gießen liegt in den Händen des Kreisgefundheitsamtes, das aus dem Kreisarzt, als bem Vorstand des Amtes, und aus bem ihm beigegebenen Amtsarzt besteht. Außerdem arbeitet mit diesen beiden Medizinalbeamten Hand in Hand der Vorstand des Untersuchungsamtes für Infektionskrankheiten. Somit ist Gießen in ber günstigen — auch für bie ftäbtifdien Finanzen günstigen — Lage, in bezug auf fein Gesundheitswesen jeberzeit brei staatliche Medizinalbeamte zur Verfügung zu hoben. ber statistischen Erhebungen über Sterblichkeits- unb Krankheitsbewegungen in ber stäbtischen Bevölkerung unb in ben Krankenanstalten. 10. Vor- beugungs- unb Bekämpfungsmahnahmen zum Schutz gegen anftetfenbe Erkrankungen; Desinfektionswesen; Mitwirkung bei ber Gewerbehygiene. 11. Maßnahmen gegen gesundheits chäbliche Wohnungen. 12. Armen- unb Siechenver orgung, Unterbringung von Geisteskranken, Blöb innigen, Taubstummen, Epileptikern. 13. Hygiene ber Nahrungs- unb Genußmittel. 14. Das öffentliche Impfwesen. 15. Ueberwachung ber Leichenschau, bes Begräbnis- wesens. 16. Ausstellung amtsärztlicher Zeugnisse für stäbtifche Behörden unb Dienststellen. 17. Mitwirkung bei ber speziellen Bekämpfung ber Tuberkulose, ber Geschlechtskrankheiten, des Mißbrauchs geistiger Getränke, Mitwirkung bei der Mutter- unb Säuglingsfürsorge. 18. Belehrung der Abiturienten der Höheren Schulen über bie Gefahren bes Alkoholmißbrauchs unb der Geschlechtskrankheiten, Beratung in schulärztlichen Bedarfsfällen bei den höheren Schulen. Wer Einblick hat in bie entfprechenben Zahlen ber Statistik ber letzten anberthalb Jahrzehnte, wirb bas erfreuliche Ergebnis gewinnen, baß sich die Stabt Gießen mit ben Erfolgen ihres öffentlichen Gefunbheitswefens unter allen Stäbten Deutsch- lanbs durchaus sehen lassen kann. Die ungeheure Belastungsprobe des Weltkrieges wurde glänzend bestanden. Keine ber üblichen Kriegsseuchen konnte in Gießen Boden fassen. Während Flecktyphus, Pocken und Ruhr in zahlreichen andern Städten und Landorten zum Teil recht erhebliche Aus- dehnung gewannen, wurden diese Krankheiten in Gießen schon sehr schnell im Entstehen unterdrückt. Auch die Ruhr im Jahr 1917 blieb auf einzelne Fälle beschränkt. Welch großes Verdienst dem hochgebildeten, allezeit auf voller Berufshöhe sich haltenden Aerzte - stand gebührt, und wieviel Dank die Einwohnerschaft Gießens auch den unermüdlich und selbstlos arbeitenden Kranken- und Fürsorgefchwe- stern schuldig ist, das haben Unzählige am eigenen Leib oder an ihren Angehörigen erfahren. Es bedarf keiner besonderen Schilderung. So ergibt unsere kurze Betrachtung des öffentlichen Gesundheitswesens ber Vergangenheit unb ber Gegenwart in Gießen ein fürbasHeute erfreuliches Bilb. Aber jebermann sei babei eingedenk, daß jedes Geschlecht auf den Schultern eines früheren ruht, und daß jeglicher Fortschritt einer Gegenwart seine Wurzel in der Arbeit ber Väter hat. Auch auf unfern Schultern werden zukünftige Nachfahren stehen unb weiter blicken, als wir es jetzt vermögen. Niemanb rühme sich über Gebühr. Wohl uns Heutigen, wenn zukünftige Geschlechter auch unseres Wirkens freundlich unb segnend gedenken, ,. , Die Fürsorge für unsere Jugend. Unter besonderer Berücksichtigung der Evangelischen Dekanatserztehungsvereine. Von Pfarrer Nies-Ettingshausen, Leiter des Eoang. Erziehungsoereins im Dekanat Grünberg. Fast täglich können wir es bei uns und unseren Mitmenschen erleben, daß Vergleiche gezogen wer- den zwischen bem „Einst" und bem „Jetzt". Je nach dem Standpunkt des Beurteilenden wird dann die eine Zeitepoche als das goldene Zeitalter hingestellt, und die andere in den dunkelsten Farben geschildert. E'ne gerechte Beurteilung findet sich äußerst selten. Das ist verständlich, denn bei diesen Vergleichen spricht nicht nur der überlegende Kopf sein Urteil, sondern auch das Herz redet ein gewichtiges Wort nut Aber was menschlich begreiflich ist, ist darum noch nicht gerecht und auch nicht ungefährlich. Wie vst vermißt man doch die Gerechtigkeit bei ben barten Urteilen, die von beiden Seiten aus gefällt werden, so sehr, daß man fast daran zweifeln muß. daß der Urteilende gerecht sein will. Und wem ist noch nicht die Gefahr zum Bewußtsein gekommen, die in der Einseitigkeit ber Betrachtungsweise liegt ? Der unbedingte Lobredner einer dahingesunkenen Vergangenheit hat es vergessen, wie viele Mißstände auch in den früheren Zeiten zutage traten und — vielleicht von ihm selber — beklagt wurden. Er idealisiert die Vergangenheit, denn in seiner Er- mnerung sind nur die Sonnentage haften geblieben und die Regentage hat er vergessen. Das ist allgemein menschlich; man braucht nur einmal zu beobachten, wenn alte Schulkameraden sich gelegentlich von ihren Schulerlebnissen unterhalten, ober toenn Erinnerungen aus ber Solbatenbienstzeit er- öeihlt werben. Wie man in biesen Jahren auch seine Plage gehabt hat, ist vergessen, benn sonst könnten bte Augen bes Erzählers nicht so glänzen und sein Mund nicht so herzlich lachen. Aber so harmlos das auch aussehcn mag, so gefährlich ist es. Wie kann der, ber sich in bie „gute, alte Zeit" so hinein- geträumt hat, ber bie Vergangenheit so verklärt, daß bie Unstimmigkeiten ber Gegenwart wie aller- dunkelste Finsternis erscheinen muß, ben Mut unb die Kraft aufbringen, seine Arbeit in ben Dienst des .Heute" zu stellen? Er kann ja nicht an die Gegenwart „glauben". Unb wo „ber Glaube" fehlt, gebricht es stets an Mut unb Kraft zum Wirken. Die ganze seelische Einstellung muß lähmenb auf den Willen wirken, wenn biefer Wille nicht auf die Unmöglichkeit gerichtet ist, das, was unwider- bringlid" dahin ist — bei manchem kann man doch auch zugeben, daß es ein Glück ist, daß es ver- schwunden ist — einfach zu restaurieren. Umgekehrt steht derjenige, der ohne Kritik die neue Zeit preist, m der Gefahr, die in aller Kritiklosigkeit liegt. Offenbare Schäden der Gegenwart werden nicht gesehen, weil man sie nicht sehen will. Es entsteht das Vorurteil, als ob das Alte nur schlecht und das Neue nur gut wäre. Dem so Voreingenommenen fehlt s an der Fähigkeit oder an dem guten Willen — oft auch an beidem —, Mißstände einzugestehen und zu beseitigen. Und doch sind nicht alle „Errungenschaften" so ganz einwandfrei. Und doch wäre es wünschenswert, wenn auch da eine ehrliche unb gerechte Beurteilungsweise einträte. Würbe bei gutem Willen ber „Alten" unb ber „Neuen" auch nicht mancher Riß in unserem Volksleben ver« schwinben? Wenn in ben folgenben Zeilen von einer be» fonberen Art ber sozialen Fürsorge bie Rebe ist, Jo barf es sicher als eine begrüßenswerte Tatsache der Gegenwart bezeichnet werden, baß bie Wohl- fahrtspslege in viel höherem Maße bas Interesse ber Oefsentlichkeit beschäftigt, als es früher der Fall war. Gewiß ist bas auch baburch mitoerursacht, baß bie sozialen Schöben heute nicht so leicht über« sehen werden können. Sie lassen sich in ihrer Größe einfach nicht mehr übersehen. Es ist aber auch nicht zu bezweifeln, daß bas Gefühl für soziale Verantwortlichkeit gewachsen ist, unb baß immer mehr Menschen es begreifen, baß bie vorhanbene Not ihr Helfertum aufruft, so baß man nicht mit Unrecht von einem „sozialen Zeitalter" redet. Dabet barf man aber nicht so tun, als ob soziale Fürsorge einzig ein Kinb unserer Zeit wäre. Auch schon vorher gab es sozial sühlenbe Menschen unb Taten — ja Großtaten — in sozialer Fürsorge. Die Namen Bodelschwingh unb Bethel — um gleich besonders klingende zu nennen — sind allbekannt. Die frühere Zeit hat — nicht zuletzt unter Führung ber Inneren Mission — bie Pionierarbeit getan, ohne bie die heutige Wohlfahrtspflege nicht benkdar wäre. Unb wo man heute weitergekommen ist in ber Wohlfahrtspflege, wo man ben Zustanb ber theoretischen Besprechung, der Kongresse unb ber taftenben Ver- suche, beren bauernde Erfolge noch abzuwarten sind, überwunden hat, arbeitet man praktisch nach den Losungen, die die Führer ber kirchlichen Wohlfahrtspflege schon vor Jahrzehnten ins Volk hinein- gerufen haben. Dabei barf unb muß zugegeben werben (unb bie Ueberroinbung biefes Zustandes ist eine begrüßenswerte Neuerung), daß früher häufig kirchlich führenbe Stellen nicht stets ein volles Verständnis unb besonderes Wohlwollen für bie Tätigkeit der in ber sozialen Arbeit stehenben Pfarrer hatten, unb deren Wirken öfter als ben „Frieben ftörenb" beurteilten. Die „Weltkonferenz für praktisches Christentum in Stockholm", bie in ben letzten Wochen bas Interesse ber Oefsentlichkeit beschäftigte, ist ein Beweis für bie große Umwälzung, bie sich auf kirchlichem Gebiet vollzogen hat, unb für bie Tatsache, bah heute bas kirchlich organisierte Christentum entschloßen ist, seine ganze Kraft in ben Dienst ber sozialen Tat zu stellen, unb in ihr das Einigungsband neben den dogmatischen Divergenzen zu finden. Das in ben Lanbeskirchen vereinigte Christentum arbeitet schon lange Hanb in Hanb mit den Organen ber öffentlichen Wohlfahrtspflege, unb es ist eine Ironie ber Geschichte, baß gerabe die Tage, bie burch bie unfreundlich gemeinte Losung „Trennung von Staat unb Kirche" gekennzeichnet waren, ein so intensives Zusammenarbeiten von staatlichen oder kommunalen Behörben und kirchlichen Organen der Wohlfahrtspflege brachten, wie es in ber Zeit bes „Staatskirchentums" nicht vorhanden war. Besonbers kommt das zum Ausdruck in der Jugendfürsorge. In ihr sucht kirchliche und staatliche Wohlfahrtspflege Hand in Hand Herr zu werden über eine große Volksnot, die uns allenthalben entgegentritt. Wenn bie staatliche Gesetzgebung für Die „freie" Wohlfahrtspflege (bas ist kirchliche in erster Linie) nicht nur Raum vorsieht, sondern sogar bestimmt, daß sich die Organe ber „öffentlichen" (das ist bie staatliche unb kommunale) Wohlfahrtspflege sich ber Mithilfe ber ersteren zu be» bienen haben, so liegt barin nicht nur eine An» 1 Seite 74 Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe gehnles Blatt erkennung des Wertes dieser Arbeit, sondern auch das Zugeständnis, daß mein den großen Aufgaben überhaupt nicht gerecht werden könne ohne diese Mitarbeiterschaft, die über einen Stab geschulter Helfer, über praktisch bewährte Einrichtungen, Anstalten usw. verfügt. Und tatsächlich geschieht — wenigstens was die staatlichen Stellen anlangt — diese Zusammenarbeit in schönster Harmonie. Wenn diese bei den Kommunen noch zu wünschen übrig läßt, wenn dort vielfach Methoden der sozialen Fürsorge bestehen, die sehr kritisck zu beurteilen sind, so dürfen die Leser dieser Zeilen versichert sein, daß sich diese Einschränkung nicht aus das Gießener Wohlfahrtsamt bezieht, mit dem es sich gut arbeiten läßt. Aber wo die Arbeit in der Einigkeit des guten Willens getan wird, in strenger Sachlichkeit Hilfe in der Not zu leisten, da bestätigen die Erfolge dieses Zusammenwirkens, daß Staat und Kirche nutzbringende Arbeit leisten für das Wohl unseres Volkes, dem beide mit allen Kräften dienen wollen. Gerade in der Jugendfürsorge zeigt sich das. Diese Sozialarbeit ist wohl die wichtigste. Sie gilt unseres Volkes kostbarstem Gut, der Jugend, die heute mehr als je gefährdet und in Not ist. Jugendarbeit ist aber Arbeit an der Zukunft — heute die heiligste Arbeit. Nach dem neuen Reichsgesetz für Iugendwohl- fahrt ist die Jugendfürsorge neben der Jugendpflege ein Teil der Jugendhilfe, „die alle Maßnahmen zur Förderung der Jugendwohlfahrt umfaßt". Zum Unterschied von der „Jugendbewegung", die, wie der Name schon sagen will, von der Jugend selber ausgeht, Arbeit der Jugend an sich selber leisten will, sind Jugendpflege und Jugendfürsorge Veranstaltungen der Erwachsenen, um die Heranwachsenden zu erziehen. Das Wort „erziehen" ist hier im weitesten Sinne gebraucht. Bis in die letzten Jahrzehnte hatte man für diese Arbeit das Wort „Jugendfürsorge". Seit etwa 20 Jahren begann man aber auch schon im Sprachgebrauch zwischen .Jugendpflege" und „Jugendfürsorge" zu unterscheiden und bezeichnete mit letzterem Namen die Arbeit, die an der körperlich, geistig oder sittlich geschädigten oder doch gefährdeten Jugend geleistet wird. Diese Jugendfürsorge geht zurück bis in die ältesten Zeiten der christlichen Kirche. Aus diesen Tagen sind Nachrichten überliefert über die Einrichtungen von besonderen Waisen- und Findelhäusern, über Fürsorge für verlassene und ausgesetzte Kinder usw. Dies sei nur gesagt, um das hohe Alter und den kirchlichen Ursprung der Jugendfürsorge zu erweisen. Es würde zu weit führen, die Entwicklung der Jugendfürsorge im Mittelalter (Tätigkeit der Orden) zu verfolgen. Doch kann man nicht an dieses Arbeitsgebiet denken, ohne an die Stiftung A. H. Franckes in Halle erinnert zu werden, durch die Tausende von Kindern betreut wurden, ohne die Jugendrettungsarbeit zu erwähnen, die in den „Rettungshäusern" geschah, deren berühmtestes das „Rauhe Haus" in Horn bei Hamburg ist, die Gründung des „Vaters der Inneren Mission" Johann Heinrich Wichern. (Hier darf auch einem weitverbreiteten Mißverständnis entgegengetreten werden. „Rauhes Haus" heißt eigentlich „Ruges Haus", das Haus des Rüge. Der norddeutsche Name „Rüge" ist unser Name „Rau". Rauhes Haus ist also nicht eine Stätte, an der es rauh hergeht, sondern es ist das Haus, das nach seinem früheren Besitzer „Rüge" oder „Rau" genannt wird. Das sei denen gesagt, die sich Für- vllWßvereilislsiökMberg eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht Gegründet 1862 Eröffnung laufender Rechnungen mit und ohne Kredit Vrovisionefreier Scheck- und Ueberweisungsverkehr Diskontierung von Geschästswechseln Gewühiung von Darlehen und Beleihung von Wertpapieren Annahme von Spareinlagen gegen günstige Verzinsung, M. gabe von Heim Sparkassen Annahme von langfristigen Kapitalien fln- und verkauf von fremden Geldsorten Jl.i« und verkauf von Wertpapieren Vermietung von Schrankfächern unter Selbstverschluß des Mieters Geschästsstunden: Täglich von 8-12 Uhr vormittags und von 2-4 Uhr nachmittags Samstagnachmlttags geschlossen sorgeerziehung ohne Prügel nicht vorstellen können.) Im Jahre 1847 — und damit kommen wir auf hessische Verhältnisse zu sprechen, von denen weiterhin allein die Rede sein wird — errichtete der Graf Solms in Arnsburg eine „Rettungsanftalt für sittlich verwahrloste Kinder", in der im ersten Jahre 8 Kinder Aufnahme fanden. Noch heute besteht das „Rettungshaus Arnsburg" und ist in den fast achtzig Jahren seines Bestehens eine Segensguelle für viele Menschenkinder, die ohne es verloren gewesen wären, geworden. Arnsburg ist heute noch die einzige Anstalt für gefährdete Mädchen, während die Rettungshäuser in Hähnlein, Jugenheim in Rheinhessen und die „Aumühle" bei Wixhausen nur Knaben ausnehmen. Diese Rettungshäuser waren anfangs allein die Träger der Jugendfürsorge, und auch heute noch ist die Anstaltserziehung unentbehrlich. Aber es hat sich doch die Anschauung durch- gesetzt, daß die Familie die natürliche und deshalb gottgewollte Stätte der Kindererziehung ist. Findet das Kind in der eigenen Familie nicht die Möglichkeit einer rechten Erziehung, so hat die Jugendfürsorge die Aufgabe, geeignete Familien aufzufinden, in denen das in Pflege gegebene Kind die Erziehung bekommt, die es im Elternhaus aus irgendwelchen Gründen nicht haben kann. Es ist das bleibende Verdienst des Dekans Otto Röschen, Herr Telegraphendirektor Tetzlaff. Presse und Telegraphie — beides Dienerinnen an der hohen Aufgabe der Förderung der Volkswohlfahrt auf allen Gebieten der Wirtschaft, des Verkehrs, der Wissenschaften, wie des gesamten öffentlichen Lebens — sind aufeinander wechselseitig stark angewiesen: Die Presse als Verkünderin allen Geschehens und Werdens auf unserem Weltenstern, die Telegraphie einschl. der Telephonie als'Zubringerin der Nachrichten über alle Ereignisse und schöpferischen Gedanken von Pol zu Pol. An der äußersten Auswirkung dieser großen, allgemeinen Ziele arbeiten die örtlichen Tageszeitungen: Hier hat es jetzt seit 175 Jahren der „Gießener Anzeiger“ getan — nach meiner Kenntnis in erschöpfender, stets aufstrebender, entwicklungsfreudiger Weise. Trotz mancher naturgemäß vorhandenen Reibungsflächen war die gegenseitige Einstellung zwischen Anzeiger und Telegraphenamt stets sehr gut und vertrauensvoll, wozu die entgegenkommende und weitherzige Leitung des Blattes nicht wenig beigetragen hat. Möge es dem Gießener Anzeiger vergönnt sein, in der gleichen Weise ohne Hemmungen und Rückschläge dauernd weiter zu wirken, zum Wohle der Einwohnerschaft unserer guten Stadt und der Provinz, und damit auch unseres deutschen Vaterlandes. Hierzu: Glückauf und guten weiteren Erfolg! triben, des Turnlehrers ist, nur indirekt angeht und der vor allem die Gesundheit des Zöglings zu überwachen hat. Der nächste Schritt führte von der vorbeugenden Leibespflege zur Heilgymnastik, welcher sich die griechischen Aerzte mit außerordentlichem Erfolge bedient haben. Da die Trainer der Berufsathleten den Gym- nastentitel für sich in Anspruch nahmen, so schufen die Aerzte, welche die Gymnastik vom medizinischen Standpunkte immer weiter erforscht und zu einem selbständigen Zweige der Heilkunde ausgebildet hatten, um ihre Rechte zu wahren, für dies Spezialgebiet den Namen Hygiene und stellten den Hygieniker als Vertreter dieses umfassenden Wissenszweiges dem Gymnasien gegenüber. Andererseits bezeichnete man den Teil der ärztlichen Kunst, der sich mit der Heilung der Krankheit befaßte, als Therapie. Entsprechend dem hohen Stande der griechischen Heilkunde war das Facharztwesen stark ausgebildet, und es gab, wie uns Philostratos in seinem Buche „Ueber Gymnastik" berichtet, Wundärzte, Augenärzte, ferner Aerzte für Fiebernde und für Schwindsüchtige. Der Ruf der griechischen Aerzte ging weit über die Landesgrenzen hinaus; sie standen besonders in der Weltstadt Rom in hohem Ansehen. Die großzügigen Kanalisations- und Wasserversorgungsanlagen in Rom sind fraglos den Anregungen griechischer Aerzte zu danken. Gymnastik und Bad wurden in der vornehmen römischen Well ein selbstverständliches Erfordernis und gehörten sozusagen zum guten Ton. Von einer nationalen Gymnastik kann dagegen in Rom keine Rede sein. Das Volk verlangte nach Wettkämpfen und Spielen aber nur als Schaustellung; für die Pflege der Leibesübungen hatte der Durchschnittsrömer keinen Sinn. Im römischen Zirkus rang nicht wie im griechischen Stadion die Blüte der Nation um den Siegeskranz, sondern hier zeigten berufsmäßig und gegen Entgelt die Gladiatoren ihre Künste. Das Berufsathleten- und spätere römische Gla- diatorentum wurde von den griechischen Philosophen und Aerzten verachtet und bekämpft und seine Einseitigkeit und gesundheitsschädigende Wirkung gebrandmarkt. Ebenso wie der Philosoph Gymnastik und Volksgesundheit. Von Professor Dr. Hnntemüller, a. 0. Professor der Hygiene und Leiter der Med. Abteilung des Instituts für Körperkultur an der Hessischen Landesuniversität. Es ist allgemein bekannt, welche hervorragende Stellung die Leibesübungen in der Blütezeit der griechischen Kultur eingenommen haben. Das Volk der Philosophen und Künstler sah in der harmonischen Ausbildung von Körper und Geist seine Kulturaufgabe. Lehrer und Aerzte leiteten die Erziehung der Jugend zu dem erstrebenswerten Ziele menschlicher Gesundheit und Schönheit. In Griechenland trieb man die Leibesübungen nackt (yupöc) und nannte die Kunst, die sich damit befaßte, Gymnastik. Denn zu einer Kunst war die Pflege der Leibesübungen im Laufe der Zeit geworden und umfaßte neben der Körperübung vor allem auch die Leibespflege durch Massage, Bäder, richtige Ernährung uff. Der Gymnast, der Vertreter dieser Kunst, wird als Gesundheitskünstler aufgefaßt, er ist der medizinisch gebildete Trainer, den die praktische Turnkunst, welche Sache des Päda- fricher in Freienjeen bei Laubach, jetzt im „Wichern- hcim" bei Arheilgen, daß er diese Arbeit organisiert hat durch die Gründung der evangelischen Dekanats- erziehungsvereine, die zu einem ganz Hessen umfassenden Landesverband, den der Gründer heute noch leitet, zusammengeschlossen sind. Während natürlich im Anfang noch die Anstaltserziehung überwog, hat sich allmählich die Sachlage geändert. Vor dem Kriege war das Verhältnis so, daß etwa zwei Fünftel der Fürsorgezöglinge in Anstaltspflege, drei Fünftel in Familienpflege sich befanden. In Ober- Hessen sind die Zahlen günstiger; es befanden sich 82 Proz. der Zöglinge in Familienpflege, in Starkenburg überwog die Anftaltspfleye (52 Proz.). Daß in Rheinhessen wieder Die Familienerziehung das Uebergewicht hatte, ist dem Wirken des jetzigen Kreisdirektors Wolff in Worms zuzufchreiben, der an der Gründung der Dekanatserziehungsvereine in feinem früheren Amte als Beigeordneter der Stadt Gießen beteiligt war, und auch in feinen späteren Stellungen als Leiter des Kreisamtes Oppenheim und Worms feine Sympathie den Erziehungsvereinen bewahrte und die Zöglinge in beiden Kreisen der Fürsorge der Erziehungsoereine anoertraute. Wenn nun auch der Krieg und die erste Nachkriegszeit einen Rückschlag brachte, da in diesen Jahren es aus leicht verständlichen Gründen fast unmöglich war, Häuser für Zöglinge zu finden, so daß die Zahl der Zöglinge der Erziehungsvereine herabsank, so zeigen die letzten Jahre wieder aufsteigende Zahlen. Eine ganze Anzahl von Vereinen betreut wieder eine fast gleiche Zahl von Pfleglingen wie vor dem Kriege, so daß heute fast 1000 hessische Kinder in Familienerziehung untergebracht sind. Wenn sich das Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt vom 9. Juli 1922 in Verbindung mit dem Jugend- gerichtsgefetz vom 16. Februar 1923 noch weiter auswirkt, wird den Erziehungsvereinen ein noch größeres Feld für ihre Arbeit sich öffnen. Denn die Bestimmungen dieser Gesetze werden in Hessen nur ausgeführt werden können mit Hilfe dieser Vereine, die dem Staate gern ihre Organisation und ihre Arbeitskräfte zur Verfügung stellen, die in den Jugendämtern mitraten und in der Ausführung der Beschlüsse gern mitarbeiten wollen zur Gesundung unserer Jugend und zum Heile unseres Volkes. Platon tadelt der Arzt Galen die Unverwendbarkeit der Athleten im praktischen Leben. Galen, der nicht nur ein berühmter Arzt, sondern auch ein gewandter Schriftsteller war, hat sich mit der Gymnastik von seinem Standpunkte als Arzt sehr eingehend beschäftigt. Seine Schriften, die uns er halten geblieben sind, geben Kunde von dem hohen Stand der damaligen Heilkunde, ihrem Sonder- zweige, der Hygiene, und der ihr zugehörigen Gymnastik. Mit dem Niedergange des römischen Weltreichs schwanden auch die Errungenschaften der griechischen Kultur; griechische Kunst, griechische Wissenschaft und griechische Gymnastik gerieten in Vergessenheit. Die mittelalterliche Kulturwelt verachtete den Leib und seine Pflege und legte nur Wert auf geistige Bildung. Erst in den Zeiten der Renaissance, wo griechische Wissenschaft und Kunst wieder zu Ansehen gelangten, redeten die Humanisten auch der ßeibesbilbung wieder das Wort. Den ersten Versuch zu einer Wiederbelebung der Gymnastik auf wissenschaftlicher Grundlage machte der Arzt Hieronymus Merkurialis (1530—1606). Er geht auf Galen zurück und unterscheidet drei Arten von Gymnastik: 1. Die rechte Gymnastik, die als Zweck den gesunden, harmonisch durchgebildeten Körper hat und allgemeines Wohlbefinden erzielt. 2. Die kriegerische Gymnastik, die Knaben und Männer in den Stand setzen will, das Vaterland vor den Feinden zu schützen. 3. Die fehlerhafte ober athletische Gymnastik, bie ben Menschen stark machen unb ihn befähigen will, im Wettkampfe zu siegen und Siegespreise zu aewinnen. Bei der letzteren wirb oft bas Körperliche im Menschen zu sehr auf Kosten ber geistigen Bilbung entwickelt, so baß die Athleten ihrem Vaterlands selten positiven Nutzen bringen konnten. In Frankreich war es Montaigne unb in England später John Locke, die beide auf Grund kritischer Forschung unb wissenschaftlichen Denkens die Pflege des Körpers als Grundlage für die Erziehung verlangten. Die Träger biefer Gebauten in der beutfchen Schulerziehung waren Bafebow unb Pestalozzi, ber Begrünber bes heutigen Bolksfchul- wefens. Auf Bafebow geht Gutsmuths zurück, ber Vorläufer Jahns. Er will eine echte Gymnastik auf physiologischer Grunblage aufgebaut wissen. Bei dieser Forderung ist er fraglos durch den Arzt Johann Peter Frank beeinflußt worden, der in feinem „System einer vollständigen medizinischen Polizei" (1779) zum erstenmal eine scharfsinnige Darstellung schulhygienischer Forderungen gibt. Gutsmuths setzt auch auf das Titelblatt feiner „Gymnastik für die Jugend" (1793) die Hygieia, die Göttin ber Gesundheit. Aus seine Anregung verlegte sich dann P. H. Ling auf bas Stubium von Anatomie unb Physiologie unb würbe ber Begrünber ber schwedischen Gymnastik, bie als Heilgymnastik zu großem Ansehen gelangt ist. Die Entwicklung bes beutscheu Turnens ist unter bem Druck der politischen Verhältnisse andere Wege gegangen, die nicht im Sinne seines Begründers Friedrich Ludwig Jahn lagen. Jahn verstand unter Turnen die Leibesübungen in ihrer Gesamtheit, er rechnete dazu Laufen, Springen, Werfen, Wandern, Schwimmen, Rudern, Segeln, Reiten, Fechten, Schießen, Spiele und Wettkämpfe. Die Leibesübungen waren für ihn ein Mittel zu einer vollkommenen Volksbildung, und er erstrebte von An- KarlRömer Mechanische Werkstätte Lollar (Hessen) * Bau und Vertrieb von Bundfunkanlagen Nähmaschinen Zentrifugen Fahrrädern * Reparaturen prompt und billigst Ludwigsplatzdrogerie und Neustadtdrogerie bürgen für gute Qualitäten bei reicher Auswahl und soliden Preisen in Parfümerien, Verbandstoffen, Photoartikeln Krankenpflege- und Gummiartikeln Feinkost, Spirituosen Autobetriebsstoffen Technischen Artikeln, Ölen und Farben Gießen Hans Noll Fernruf 626 Wir wissen, daß wir bei Hahn in Lieh gut und billig kaufen, sagen viele meiner Kunden halten sie beim Einkauf am Guten fest und denken Sie daran, daß gute Ware die billigste ist, dann bleiben Sie mir als Kunde treu und wir werden stets gut zusammen auskommen. Größte Auswahl in Steingut-, Glas-, Emaille-, Porzellan-,Ton-, Blech-, Zink- u. 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".seiner „Gymnastik für die )9'eifl, die Göttin der Qejunb ung verlegte sich dann P.H. u von Anatomie und Physik Begründer der schwedischen »eilgymnastik zu großem An- er deutschen Turnens ist unter chen Verhältnisse andere Weg! im Ginne seines Begründer- hn lagen, üahn verstand unter mngen in ihrer Gesamtheit, er , Springen, Wersen, Wandern n, Segeln, Reiten, Fechten nd Wettkämpfe. Sie Leibern ein Wittel zu einer völlig, unb er erftrebte von An Römer ; ehe Werkstätte r (Hessen) ♦ und Vertrieb von Ifunkanlagen hmasdiinen mtrifugw ihrrädern , prompt wri billigt en«ele*"8fK“*' edUbiH»516'51, Zehntes Blatt____________________ fang an nicht nur die Pflege des Körpers, sondern auch die der Seele und des Geistes. „Volkserziehung soll das Urbild eines vollkommenen Menschen, Bürgers und Volksgliedes in jedem Einzelwesen verwirklichen." Die Reaktion unter Metternich hat dieses frisch, fromm, fröhlich, freie Turnen von den Turnplätzen vertrieben. Es mußte sich hinter verschlossene Türen flüchten und führte hier ein stets bedrohtes, kümmerliches Dasein. Als endlich die Leibesübungen als ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und in den Kreis der Volkserziehungsmittel ausgenommen wurden, war das Turnen zu einem reinen Hallenturnen geworden. Don den Turnvereinen hatten nur zwei, die Hamburger Turnerschaft von 1818 und der Mainzer Turnverein von 1817, die Zeit der Turnsperre von 1820 bis 1842 überdauert. Rach ihrer Beseitigung entstanden überall neue Vereine, die sich zusammenschlossen und im Jahre 1868 in Koburg die Deutsche Turnerschaft gründeten. Die von Turnvater Jahn hochgehaltenen Ideale sind in der Deutschen Turnerschaft stets lebendig geblieben, neben den Leibesübungen haben deutsche Freiheit und deutsche Einigkeit in ihr stets eifrige Verfechter gefunden. Der Krieg von 1870/71, der das Deutsche Reich schuf, ließ den Traum F- L- Jahns von Deutschlands Einheit, wenn auch in engeren Grenzen, zur Wirklichkeit werden. Aber nur langsam konnte der Turnbetrieb sich von den ihm aufgezwun- genen Fesseln befreien Das deutsche Turnen beschränkte sich noch jahrzehntelang auf Ordnungsübungen, Freiübungen und Geräteübungen. Diese drei Uebungsarten wurden auch in das deutsche Schulturnen übernommen, dessen Einordnung in den Lehrplan wir Adolf Spies verdanken, der von 1848 ab in Darmstadt wirkte. Doch vermochte diese auf rein pädagogischer Grundlage aufgebaute Methode, die den physiologischen Wert der Hebungen zu wenig berücksichtigte, keine harmo= Nische Körperbildung zu erzielen, wie wir es vei den Griechen in so vorbildlicher Weise gesehen haben. Wohl wurden Knochen und Gelenke, Sehnen und Muskeln der Jugend gekräftigt und zum Wachstum angeregt und neben Kraft auch Geschicklichkeit und Gewandtheit erzielt, dagegen wurden lebenswichtige Organe, wie Herz und Lunge zu wenig geübt und daher nicht bis zu ihrer vollen Leistungsfähigkeit entwickelt. Besonders wurde aber ein Organ, die Haut, auf deren Pflege die Griechen ganz besonderen Wert legten, stiefmütterlich behandelt. Die Haut ist nicht nur die äußere Schutzdecke, sondern besorgt auch die Wärmeregulation des Körpers und macht die Sonnenenergien, worauf man erst in neuerer Zeit aufmerksam geworden ist, für den Körper dienstbar. Das Turnen wurde auch in den Schulen, obwohl es als Pflichtfach eingeführt war, meist sehr lasch betrieben und selbst wohlgemeinte Verordnungen konnten es nicht aus seiner Aschenbrödelstellung emporheben. Auch die Aerztewelt war sich über die Notwendigkeit gesunder Leibesübungen für unsere Heranwachsende Jugend meist nicht genügend klar, wofür die häufigen Turnbefreiungen auf Grund ärzllicher Anordnung Zeugnis ablegen. Insonderheit machte sich bei unserer Jugend in den immer größer werdenden Städten und Industriezentren der Mangel an ausreichender Bewegung in frischer Luft unangenehm bemerkbar. In Eng- Li eher Bank e. G.m. b. H. Lieh Wir vergüten für Spareinlagen bis auf weiteres 8-10% Kassentage: Dienstag und Freitag von 8—12 und 2—6 Uhr Postscheckkonto 67 827 Frankfurta.M. Telephon 32 Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe land hatten sich diese Mißstände eines Industrielandes schon weit früher bemerkbar gemacht und deshalb auch zu bewußten bzw. instinktiven Gegenmaßnahmen geführt. Der Volkssport war in England schon weit entwickelt, als das junge Deutsche Reich seinen industriellen Aufschwung zu nehmen begann. Bald nach 1870 entstand Sportverein um Sportverein, um die achtziger und neunziger Jahre sind die Gründerjahre der deutschen Volkssportverbände, des Ruder-, Radfahrer-, Eislauf- und Schwimm- verbandes und der Deutschen Sportbehörde für Athletik. Der Spielerlab des preußischen Ministers von Goßler vom Jahre 1882, der wohl in erster Linie auf den Einfluß Max von Schenkendorffs, des späteren Vorsitzenden des Zentralausschusses zur Förderung der Volks- und Jugendspiele, zurückzu- führen ist, brachte deren Einführung in die Schule. Wohl fanden sich an einzelnen Anstalten Turnlehrer, die sich mit Feuereifer der körperlichen Erziehung unserer Jugend widmeten, im großen und ganzen aber hatte Der Erlaß nur wenig Erfolg. Auch in der Deutschen Turnerschaft konnte sich die Spielbewegung nur langsam Geltung verschaffen und trat erst um die Wende des Jahrhunderts mehr in den Vordergrund. Das Jahr 1900 ist auch das Gründungsjahr des Deutschen Fußballbundes. Dieses Kampfspiel hat sich mit den Jahren zu einem wirkoerbunben. Ein Sportlaboratorium unter Leitung von Dr. med. Mallwitz führte unter Benutzung eines ausgedehnten wissenschaftlichen Rüstzeugs die ärztliche Untersuchung von Sportleuten durch. Neben Turnen und Sport begann sich zu Be- ginn des neuen Jahrhunderts vielfach in schroffem Gegensatz zu diesen, besonders gegen das seelenlose Schulturnen, die rhythmische Gymnastik zu entwickeln. Zunächst waren es Jacques Dalcroze (Hellerau) und Isadora Duncan mit ihrer Schwester Elisabeth (Darmstadt), die den Weg zu einer mehr künstlerischen Körperschulung wiesen, welche sich frei hielt von krampfhaften, auf Kommando ausgeführten Massenübungen, das Streben nach Höchst- leiftungen verwarf und den Hauptwen aus stiebende Körperbewegung legte, die angeregt durch Musik oder inneres Erleben im Spiel und Tanz ihren Ausdruck finden. Die Erneuerung des Lebensund Körpergefühls, das sie anstreben, soll der Mechanisierung unserer Zeit entgegenwirken und nicht nur den Körper, sondern vorzüglich auch die Seele bilden. Aus ähnlichem Geist heraus ist kurz vor der Wende des Jahrhunderts die Wandervogelbewe- gung entstanden, die sich gegen Schule und Eltern- haus wandte, gegen Autorität und gesellschaftliche Moral Sturm lief und dem Intellektualismus, der einseitigen Geistesbildung, den Krieg erklärte. Das Friedberg, Tellanstcht. n lieben deutschen Volksspiel entwickelt. Aus den 60 Gründunasvereinen wurden im Zeitraum von 13 Jahren 2000 Vereine mit rund 200 000 Mitgliedern, und heute gibt es wohl wenige ländliche oder städtische Gemeinwesen, in denen nicht dem Fußballspiel gefrönt wird. Der Reiz des Wettkampfes hat aber nicht nur die Spieler, sondern vor allem auch die Zuschauer erfaßt, so daß sich zu den Fuß- ballwettspielen stets eine schaulustige und begeisterte Menge drängt. Auch die leichtathletischen Wettkämpfe erfreuen sich neuerdings mehr und mehr der ® - -'•tung der Volksmasfe. Die leichtathletischen Uebungen: Lauf, Sprung, Speerwurf, Diskuswurf sind die Hauptübungen der griechischen Gymnastik und werden heute auch bei uns nach Möglichkeit nackt ausgeführt. Sie gestatten, besonders wenn noch als Fünftes das Ringen, das zur Schwerathletik gerechnet wird, hinzukommt, eine harmonische Ausbildung des Körpers. Leider legen unsere Sportvereine hieraus noch viel zu wenig Gewicht. Das Streben nach Höchstleistungen geht ihnen vor der allseitigen körperlichen Ausbildung ihrer Mitglieder und wir sehen nicht feilen, daß für ein Spezialsportgebiet gut veranlagte junge Leute nur dieses betreiben, um es auf diesem Gebiete zur möglichsten Vollendung zu bringen. Häufig fehlt ihnen aber die Aus- dildung lebenswichtiger Organe, deren volle Leistungsfähigkeit erst Höchstleistungen auf diesem Spezialgebiete ermöglichen. So wird bei uns z. B das Fußballspiel meist ohne vorherige genügende körperliche Durchbildung betrieben, bevor noch die Organe die nötige Leistungsfähigkeit erlangt haben, so daß es im Eifer des Wettkampfes zu lieber« anftrengungen und Gesundheitsschädigung kommen kann, besonders im jugendlichen Alter, bevor das Wachstum abgeschlossen ist. Demgegenüber sahen wir in Griechenland Fachleute die körperliche Ausbildung der Jugend leiten und sich auch die Aerzte mit der Gymnastik beschäftigen. Schon vor dem Kriege haben weitblickende deutsche Aerzte auf die Notwendigkeit gesunder Leibesübungen hingewiesen. Vor allem ist der Hygieniker Hueppe für eine richtige körperliche Erziehung und einen vernünftigen Betrieb der Körperübungen durch alle Lebensalter hindurch im Rahmen einer zielbewußten aufbauenden sozialen Hygiene eingetreten. Mit der Hygieneausstellung in Dresden 1911 war auch eine Sportausstellung Wandern, das der Bewegung den Namen gab, wurde zwar eifrig betrieben, doch liegt das Haupt- gewicht dieser Jugendbewegung weniger auf körperlichem als auf seelischem Gebiete. Es war das Aufbäumen einer gefunden Jugend gegen das seelenlose System, die Auswüchse der Zivilisation und die Unmoral der heutigen Gesellschaft. Sie bekannte sich im Gegensatz zu dem Immer mehr überhand nehmenden Luxus au einfacher Lebensweise, zu derber Kost und grober Kleidung, wandte sich gegen Alkohol und Nikotin und suchte fernab von den Wegen der Kultur und der Wirklichkeit durch Schwärmen und Wandern, Singen und Tanzen sich ihr Leben am Busen der Natur zu gestalten. Ihren Höhepunkt hat die Wandervogelbewegung mit der Jugendtagung auf dem Hohen Meißner im Jahre 1913 erreicht. Da sie kein posi- tives Ziel vor Auaen hatte, beginnt sie seitdem allmählich zu verebben, doch werden ihre Spuren nicht verwehen, denn sie hat auf Jugenderziehung unb Jugendpflege weitgehenden Einfluß geübt, und es ist zu hoffen, daß der gute Kern, der ihr inne- wohnt, noch Blüten und Früchte treiben wird. Das Bedürfnis, gegen die die Gesundheit schädigende Wirkung der sitzenden Lebensweise, zu der ein großer Teil unserer Bevölkerung heute gezwungen ist, ein Gegengewicht zu schaffen, hat weiterhin eine ganze Anzahl Gymnastiksysteme ins Leben gerufen. Das bekannteste ist wohl „Mein System" von I. P. Müller, das später auch für Frauen und Kinder erschienen ist und bei uns in Deutschland viele Anhänger zählt. Ferner sind zu nennen „Die Körperkultur der Frau" von Beß Mensendieck und „Kindersport" von Neumann-Neu- rode. Während I. P. Müller als Däne von der schwedischen Gymnastik ausgeht, folgt das Mensen- diecksystem hauptsächlich amerikanischen Vorbildern. Andere Zimmergymnastiksysteme, deren es eine ganze Anzahl gibt, hier aufzuzählen, erübrigt sich. Jedenfalls sehen wir, daß besonders seit der Jahrhundertwende auch in Deutschland der Körperpflege ein vielseitiges Interesse entgegengebracht wird und daß dabei völlig neue Gesichtspunkte auf= getaucht sind. Während des Weltkrieges ruhte der Turn- und Sportbetrieb in der Heimat fast ganz, dagegen wurden hinter der Front sehr eifrig turnerische und sportliche Wettkämpfe ausgetragen. Die Schäden, die der Weltkrieg und die Hungerblockade der deutschen I ______:_____________t_________ Seite 75 Volkskraft und insonderheit unserer Heranwachsenden Jugend zugefügt hat, haben die Notwendigkeit einer durchgreifenden Körperbildung auf hygienischer Grundlage auch weiteren Kreisen tlargemacht. Und gerade als ob der an sich gesunde Volkskörper gegen die ihm drohenden Gefahren selbst Front machen und Abhilfe schaffen will, hat die Pflege der Leibesübungen nach dem Kriege einen ungeahnten Aufschwung genommen und zu Turnen, Spiel und Sport strömt die Jugend in Scharen. Von Berufenen und Unberufenen, die wohl den guten Willen, aber häufig weder die pädagogischen noch biologischen Kenntnisse mitbrachten, wurde eine ganze Reihe neuer Gymnastiksysteme und -schulen gegründet, die mehr oder weniger Anhänger fanden. Hier Spreu vom Weizen zu sondern, wird die Auf- gäbe der nächsten Zukunft sein müssen. Glücklicherweise beginnen endlich auch Staat und Kommune sich ihrer Pflicht auf diesem wichtigen Gebiete der Volksgesundheit bewußt zu werden. Leider fehlen vielfach Turn- und Spielplätze, wo die Jugend in Licht und Luft ihrer. Körper bilden unb pflegen unb zu gefunben, kräftigen Volksgenossen heranwachsen kann. Vor allem aber macht sich ber Mangel an gut ausgebilbeten Turnlehrern unb Aerzten geltend, die, wie einst im alten Griechen- land, die Erziehung unserer Jugend auf physiolo- gischer Grundlage leiten können. Um hier Abhilfe zu schaffen, hat der Deutsche Reichsausschuß für Leibesübungen die Deutsche Hochschule für Leibesübungen ins Leben gerufen, die in sechssemestrigen Kursen Turn- und Sportlehrer hauptsächlich für den Bedarf ber ihm angeschlossenen Vereine ausbilbet. Der preußische Staat hat aus ber Preußischen Turnlehrerbilbungsanstalt in Spanbau eine preußische Hochschule für Leibesübungen gemacht. Ebenso haben bie anberen großen bentschen Bundesstaaten, Bayern, Sachsen unb Baben, bie hochschulmäßige Ausbilbung ihrer Turnlehrer geregelt. Hessen, bas schon seit dem Jahre 1920 ein Institut für Körperkultur an ber Landesuniversität besitzt, kann sich leider noch immer nicht entschließen, diesen Weg zu betreten und die Turnlehrerausbil- bung im mobernen Sinne zu regeln. Den Kandi- baten für bas höhere Lehrfach ist an vielen beut« schen Universitäten bie Möglichkeit gegeben, das Turnlehrerexamen zu machen. Doch entspricht ber akabemische Turnlehrerkursus keineswegs ben An- forberungen, bie man an bie Ausbilbung eines Turnlehrers heute stellen muß. Der befruchtenbe Einfluß biologischer Kenntnisse auf bie körperliche Erziehung ber Jugend macht sich schon bemerkbar. Der kürzlich nach München berufene Privatbozent Dr E. Matthias, ber sich als erster für bas Fach ber Körpererziehung an einer beutschen Universität habilitierte, hat die gegenwärtigen Unterrichts- und Erziehungsmethoden einer eingehenden Betrachtung im Lichte der Biologie unterzogen Das neue österreichische Volksschul- turnen ijt von Gaulhofcr und Streicher auf völlig biologischer Grundlage aufgebaut und bedeutet einen großen Fortschritt auf dem Wege zu einer harmonischen Körperbildung. Gerade für die Volksschüler, die später meist werktätigen Berufen zuströmen, ist eine gute körperliche Durchbildung dringendes Erfordernis in dem jetzt so schweren Kamps ums Dasein. Neben der Heranbildung eines vollwertigen Turnlehrerpersonals brauchen wir aber Aerzte, die XXXXXtOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXXDOOOOOOOOOOcr Wilhelm Rübl | öroßen=Bufeck \ fernfpred)er JTr. 1 l * l Gut fortierks Lager in J ■ Baumaterial, eifemen Trägern, alle ■ Längen oorätig, Stab= unb Runb- elfen, fichfen, Cifenmaren Großes Lager in ■ Öfen unb fjerben, Kupferkeffeln fornie fjausljaltungsgegenftänben, lanb= unb hausroirtfdjaftlidjen JHafdjinen unb Geräten : Lebens-, futter- unb Düngemittel : OOOOOCOOOXXXXXIOOCOOOOOOOOOCXXXXDOCXDCXXXXX^ Gasthaus zur alten Post, Nidda Besitzer: Rud. Ringshausen / Fernsprecher Nr. 3 Amt Nidda Bestbekanntes Haus mit anerkannt guter Küche Warme und kalte Speisen zu jeder Tageszeit ff. 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Die Idee des Kräftemessens, die Freude an der persönlichen Leistung, der Sportgedanke, war schon immer vorhanden, wo frische fröhliche Jugend sich tummelte. „Es ist alles Unsinn! Unsere Vorfahren haben gut und lange ohne sportliche Hebungen gelebt und wir selbst haben, Gott sei Dank, keine Ursache, uns zu beklagen." Die Bedenken, denen seiner Zeit ein hoher Würdenträger in diesen drastischen Worten Ausdruck gab, klingen heute noch hier und da wieder. Der Sport ist jedoch zunächst in seiner modernen Ausprägung eine Begleiterscheinung der Industrialisierung, ja sogar ihr notwendiges Gegengewicht. Das beweist seine Entstehung im „Mutterlande" des Sports, im ersten Industrieland der WeU, in England, das zuerst Spielfelder angelegt und Sportspiele mit festen Regeln und durchgeistigter Technik geschaffen hat. Als in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der moderne Rasensport seine Wurzeln in Deutschland zu schlagen begann, da fanden sich auch die ersten Ansätze des Fußballfports im Hessenlande, die dann zur Gründung des ältesten Sportvereins an der Lahn führten, des Gießener Sport-Clubs von 1900. Mit diesem Club ist auch die Geschichte des Rasensports, gemessen an seinen Erfolgen, eng verknüpft. Ein mächtiger Gegner auf dem grünen Rasen entstand ihm in dem Verein für Bewegungsspiele. Diesem Konkurrenzverhältnis entsprangen dann auch die spannendsten Fußballkämpfe in der Stadt, die mit wechselseitigem Erfolge bald diesen „himmelhoch jauchzend , bald jenen „zu Tode betrübt" sahen. Doch schon vorher gründete sich 1904 der Ballspielklub, der sich heute als Spieloereinigung 190 4 zur Kreisliga emporgeschwungen hat und ebenfalls tief in die Fußballereignisse eingriff. Die fortschreitende Organisation des Fußballbetriebes brachte die Gründung des Deutschen Fußball-Bundes, und unter dessen Ver- wallung eine genaue Klasieneinteilung nach Leistungen, für die Gießener Vereine unter Zugehörigkeit Elektrische Licht- und Kraftanlagen Billigste Preise und kulanteste Zahlungsbedingungen Kostenlose Beratungen und Voranschläge Rheinelektra Dom Turnen in und um Gießen. Von Rektor Bach, Großen-Linden. Das turnerische Leben in Gießen und seiner näheren Umgebung wird gegenwärtig von drei großen Verbänden beeinflußt, von der Deutschen Turnerschaft (Sitz Berlin-Charlottenburg), dem Ar- beiterturn- und Sportbund (Sitz Leipzig) und dem Allgemeinen Deutschen Turnerbund (Sitz Essen). Zeillich an erster Stelle stehen die Vereine der Deutschen Turnerschaft. Mit der Jahrhundertwende same Linie in dem räumlichen Aufbau der turnerischen Organisationen dar. Rur der Gau Hessen der D. T. reicht bis nach Rieder-Wöllstadt hinab und umfaßt mit seiner Ausdehnung nach Norden bis zur Eder, westöstlich von der Dill bis zum Niddertal und nach Schlitz, ungefähr die Gebiete der onberen entsprechenden Verbände, deren Bestand er mit rund 13 000 Mitgliedern in 148 Vereinen reichlich beikommt. Der Gau Wetterau, dessen Ehrenvorsitzender der Reichstagsabgeordnete Dorsch (Wölfersheim) ist, zählt in rund 50 Vereinen um 4000 Mitglieder, in der Hauptsache aus der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung; er reicht von Leihgestern südlich bis Rendel, von Bisses und Bleichenbach bis östlich zur Landesgrenze und enthält weder preußische noch städtische Vereine. _ Bei den beiden letztgenannten Gauen, Lahn- Dünsberg und Wetterau, sehen wir in der Nachkriegszeit das Bestreben, aus ihrer seitherigen Ao- geschlossenheit und Vereinzelung herauszukommen durch Anschluß an einen größeren Verband. Vor etwa vier Jahren schlossen sie sich mit noch zwei anderen Gauen in Starkenburg (Main-Rodgau und Jahngau) zum Südwestdeutschen Turnerbund zusammen, der ein Glied des Allgemeinen Deutschen Turnerbundes (Sitz Essen) bildet. Damit haben sie ihrer turnenden Jugend unstreitig einen förderlichen Dienst erwiesen; denn wenn auch die größere Or» nicht zur Verflachung führt, hat sich bei den großen Wettkämpfen und Meisterschaften gezeigt, und es ist sicherlich ein großer Vorteil für die turnende Jugend, daß sie nach vielen Richtungen hin Leibesübungen treibt; denn dadurch kommen wir dem allen und ewig neuen Ideal der harmonischen Ausbildung des Körpers näher. Und so gewiß die Gipfelleistungen einzelner auf einzelnen Gebieten anzuerkennen und zu würdigen sind, so gewiß ist es auch ein wertvolles Ziel, die Jugend in ihrer Gesamtheit im Gerät und Spiel, in Sport und Freiübung körperlich durchzubilden. In diesem Sinne sehen wir die Turnvereine in und um Gießen bei verschiedener Richtung und Schichtung eifrig am Werk, zur körperlichen Ertüchtigung ihrer Jugend nach Kräften beizutragen und damit unserem Volke in seiner Gesamtheit zu dienen. Alles das aber erfordert viel hingebende, opferfreudige Arbeit, und die Männer, die ihre Zeit und Kraft werktäglich und sonntäglich in idealer Gesinnung zur Verfügung stellen, haben Anspruch auf Dank und Anerkennung vonseiten aller Volksgenossen, die es mit unserem Volk und seiner Jugend wohlmeinen. ganisation mehr Geld kostet, so gibt sie dafür doch auch weit reichere Anregungen der verschiedensten Art, weitet den Blick und hebt insbesondere die turnerischen Leistungen durch den schärferen Wettbewerb, In allen turnerischen Verbänden in und um Gießen hat sich das Gebiet der Leibesübunaen wesentlich erweitert. Aus der Kriegszeit haben unsere Soldaten auch die Freude am Sport und Spiel mitgebracht, und der allgemeine Ruf nach körperlicher Ertüchtigung unserer Jugend nach den Entbehrungen der Kriegszeit und dem Fortfall der allgemeinen Wehrpflicht hat der Pflege der Leibesübungen einen mächtigen Auftrieb gegeben. Neben den Sonderverbänden für einzelne Spiel- und Sportarten haben es sich die vorhandenen turne- rischen Verbände angelegen sein lassen, den Anforde- rungen der Zeit entsprechend ihren Betrieb auszubauen, neue Uebungsarten sich anzugliedern. Der Arbeiterturnerbund (Sitz Leipzig) wird zum Ar- beitertum- und Sportbund, unb eine nicht geringe Anzahl von Turnvereinen, insbesondere in den Städten, erweitert ihren Namen zu Turn- und Sportvereinen; der seitherige Turnwart in Verein, Bezirk, Gau usf. reicht an Zeit und Lehrkraft nicht mehr zu, er umgibt sich mit einem Stab von Son- derturnwarten (für Volksturnen, Spiel, Frauenturnen, Männerturnen, Schwimmen, Wandern usw.) und nimmt als Oberturnwart die Leitung in die Hand. Zu der Angliederung neuer Uebungsarten kommt die Abgliederung nach Altersstufen und Geschlecht, und insbesondere der Jugend wird sorgsame Pflege zuteil, nicht nur in körperlicher, sondern auch in geistig-seelischer Beziehung. Daß die Erweiterung des Uebungsgebietes in den Turnvereinen auf dem Gebiete der Gymnastik bewandert sind. A. Bier, der bekannte Berliner Chirurg und Rektor der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, hat auf diesen Punkt besonders hingewiesen, und seit dem Sommersemester 1922 regelmäßige Aerztekurse in der deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin abgehalten. Er selbst schätzt die „Gymnastik als Vorbeugungs- und Heilmittel" außerordentlich und hat sie seit langen Jahren in (einer Klinik ein- geführt. Schon aus Berufsinteresse sollten die Aerzte sich mit den Leibesübungen beschäftigen. „Die Zeichen der Zeit weisen darauf hin, daß bald die Gymnastik in unserem Volke eine große Rolle spielen wird, und die Gesunden in dieser Beziehung einen Berater, die Kranken einen Helfer nötig haben. Wer wäre dazu berufener als der Arzt?" Wie wir oben sahen, ist nicht nur die ärztliche Ueberwochung der Zöglinge in den Schulen, sondern auch der Jugend in den Vereinen ein dringendes Erfordernis, um eine gleichmäßige Ausbildung der Organe zu ihrer vollen Leistungsfähigkeit zu gewährleisten und eine schädigende Wirkung des Betriebes der Leibesübungen auszuschließen. Der neugegründete deutsche Aerztebund zur Förderung der Leibesübungen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Behörden und Verbänden in allen Fragen der Körperhygiene einschl. Spielplatzgesetz, tägliche Turnstunde u. a. m. zu beraten und im Einver nehmen mit den großen Sportverbänden den sportärztlichen Unterstichungsdienst in den Vereinen durchzuführen. Die fortschreitende Entwicklung wird ebenso wie im alten Griechenland dazu führen, daß wir Aerzte (Fürsorgeärzte) für die Gesunderhaltung (Prophylaxe) und andere (Heilärzte) für die ausgebrochenen Krankheiten (Therapie) unterscheiden werden. Die Schaffung von Fürsorgeärzten ist in der heutigen Zeit ein soziales Erfordernis! Friedberg, Adoissturm. konnte in der Stadt der Turnverein 1846 bereits 54 Jahre, der um vieles jüngere Männerturnverein 15 Jahre erfolgreicher turnerischer Arbeit aufweisen, und es ist bekannt, daß schon aus Friedrich Ludwig Jahns Heroldsruf vom ersten deutschen Turnplätze in der Hasenheide bei Berlin (1811) auch aus den Mauern Gießens ein lebhaftes, tatenfrohes Echo zurückkam. (Die sog. „Gießener Schwarzen" mit Karl Fallen an der Spitze.) Nachdem sich die beiden Turnvereine in turnbrüderlicher Gesinnung zur „Gießener Turnerschaft" zusammenfanden (1896) und insbesondere der Männerturnverein kurz vor dem Weltkrieg unter der tatkräftigen Führung von Rechtsanwalt C. Kaufmann (gefallen am 2. September 1914 bei Vitry) ein Jahrzehnt aufsteigender Entwicklung erlebt hatte, ist es verständlich, daß trotz aller Hemmungen der langen und schweren Kriegszeit der durch lange Tradition gefestigte Turnbetrieb nicht zum Erliegen kam. Darüber hinaus aber ist die Gießener Turnerschaft dem Zusammenhalt und dem turnerischen Leben des Gaues Hessen in diesen schweren Jahren eine außerordentlich wirksame Stütze gewesen dadurch, daß sie, unterstützt durch ihre günstige Verkehrslage im Gaugebiet, sechs Jahre hindurch (1915—1920) einfache Gauwetturnen vorbereitete und erfolgreich durchführte. Daß sie trotz der Schwierigkeiten der Nachkriegszeit dank altbewährter Führung im Vorstand und auf dem Turnplatz ihre alte Spannkraft bald wiedergefunden hat, hat uns der Mut zur Uobernahme des großen 32. Mittelrheinischen Kreisturnfestes, seine sorgfältige Zurüstung und tatkräftige Durchführung in Den ersten Augusttagen d. I. gezeigt. Mit über 1000 Mitgliedern und hervorragenden Siegen ihrer Turner und Turnerinnen auf fast allen Gebieten der Leibesübungen nimmt die Gießener Turnerschaft eine beachtenswerte Stellung unter den Vereinen des Hessengaues und des Mittelrheinkreises der D. T. ein. Ebenso sehen wir die Vereine in der näheren Umgebung von Gießen in aufsteigender Entwicklung und in turnbrüderlicher Zusammenarbeit mit der Stadt. Neben der Gießener Turnerschaft steht die „Freie Turnerschaft" im Verband des Arbeitersportkartells !u Gießen. Mit der Entwicklung der Arbeiter» ewegung in der Vorkriegszeit wurde sie im Anfang dieses Jahrhunderts (1902) gegründet und umfaßt gegenroärtig rund 200 Mitglieder. Als erster Slrbeitertunwerem in unserem Gebiet hat sie tatkräftig und erfolgreich zur Neugründuntz von Vereinen angeregt. So finden wir in der näheren Umgebung von Gießen in fast allen Orten Arbeiterturnvereine, und ihre weitere Ausbreitung machte es möglich, daß von hier aus der Aufbau eines neuen, des dritten Bezirks im 9. Kreis des Ar- beiterturn- und Sportbundes erfolgen konnte. Der Bezirk reicht von Leihgestern bis nach Marburg, von Herborn bis nach Alsfeld, und umfaßt in etwa 40 Vereinen rund 4000 Mitglieder. Kurz vor dem Kriege konnte die Gießener Freie Turnerschaft ein größeres Bezirksfest durchführen; während des Krieges ruhte die turnerische Arbeit des jungen Vereins im großen und ganzen, bewegt sich aber in der Nachkriegszeit wieder in aufsteigender Linie. Außerhalb der Mauern Gießens finden wir noch zwei turnerische Verbände, die ihrer Entstehungs- zeit nach auch an die Jahrhundertwende gehören. Der Lahn-Dünsberg-Gau mit rund 4000 Mitgliedern in etwa 40 Landoereinen umfaßt in der Mehrzahl hessische Orte, insbesondere im Kreise Gießen, und dehnt sich auch auf preußisches Gebiet um den Dünsberg aus. Seine südliche Grenze ist 'MACKE*?* Leder- Artikel. ODer-und enteder DD gleichen Ort beginnt der , _______sein Name anbeutet, die Jugend dieses Landstriches turnerisch zusammenfaßt. So stellen die Gemeinden Großen-Linden und Leihgestern, die südlich von Gießen allmählich zu einem Wohnplatz von etwa 4500 Einwohnern zusammenwachsen, mit ihren fünf Turnvereinen eine bedeut- r D G r la Näh und« Binde einem D ® . ia/A/aAa ö BUCHDRUCKER die die moderne Technik kennen, arbeiten nach wie vor nur mit LINOTYPES die sich in nahezu 70000 Exemplaren in den Buchdruckereien der ganzen Erde glänzend bewährt haben Alleinige Lieferantin und Inhaberin der Patente: Mergenthaler Setzmaschinenfabrik G. m, b. 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Es würde zu weit führen, alle die hier zu nennen, die sich als Persönlichkeiten dem Fußballsport zur Verfügung stellten und in rastloser Mühe und unter großen eigenen Opfern den zugleich mit der Einführung des Fußballs einsetzenden Stampf gegen die kurzen Hosen und „blanken" Knie zähe und siegreich überwanden, und die noch heute ihre nimmermüde Kraft der guten Sacbc widmen. Eines Mannes Mühen und Wirken steht mir da besonders vor Augen: Adolf M ü n k e r. Er dürfte den Löwenanteil an Ausbau, Erhaltung und Förderung des edlen Rasensportes für sich beanspruchen können. Seine Leistungen auf dem Spielfeld und in der Verwaltung gebührend anerkannt zu haben, ist mir eine angenehme Pflicht. Die Nachkriegszeit hatte nun durch den Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht ein vielleicht zu starkes Ausblühen des Sports zur Folge, mit dem die Behandlung der Fußballsache organisatorisch und in punkto Befruchtung des Spielbetriebes in technischer und taktischer Hinsicht nicht immer gleichen Schritt halten konnte. Dennoch nahm die Bewegung ständig zu und dürfte in ihrer Ausdehnung, wenigstens was Fußball betrifft, ihren Höhepunkt erreicht haben. Im Anschluß hieran erwähne ich noch das Bestehen der jüngsten Gießener Klubs, des Ballspiel-Clubs 19 2 0 und des Militärsportvereins,Hesse n", die ebenfalls der Verbreitung des Rasensports ihr Zeugnis ausstellen, und ferner die zahlenmäßige Ausdehnung des Fußballs: Gießen hat heute 23 ständige Fußballmannschaften, Alte Herren, Aktive und Jugendliche, zusammen, also 253 Spieler, deren Zahl sich aber mit Ersatzleuten aus ein Tausend erhöht. Die Begebenheiten auf dem grünen Rasen sind so mannigfaltiger Art, daß auch hier Einzelheiten den zulässigen Raum überschreiten. Die Wertung der besten Leistung, die man herausgreifen könnte, erscheint schwierig. Noch heute hört man in Gießen vielfach den Ausspruch der Alten Herren: „Unserem Vorkriegsfußball könnt ihr nicht das Wasser reichen!" Das gefühlsmäßig oder ansichtsartig zu entscheiden, maße ich mich nicht an. M. E. ist die Leistung abhängig von dem jeweils gerade modernen System und das hat sich mit der Zeit und mit der Regel sehr verändert. Ich denke zunächst noch an die Uranfänge des deutschen Fußballs, der in falscher Auffassung der eigenen Stürmerreihe verbot, die eigene Spielhälfte zu betreten und der eigenen Verteidigung des Gegners Hälfte. Ich denke weiter an das primitive kick and rush (hoch nach vorne mit dem Ball und dann hinterher), an die Kombinationspaßfolge und zuletzt die Husarentaktik (die im Hamburger Sport-Verein sha Es Baus, dem größten deutschen Fußball-Klub mit allein 42 spielenden Mannschaften, das Licht der Welt erblickte), die heute ihre eigentliche Daseinsberechtigung durch die neue Abseitsregel feiert. Doch eins ist nicht Hinwegzuleugnen: „Die Technik, wie sie die Alten hatten, der freuten wir uns, wenn wir sie heute noch hätten." — Doch zur Sache der Begebenheiten. Aus die b e st e der Leistungen, relativ beste, kann ich mich nur beschränken. Das war, als der S. C. 1900 in der höchsten Klasse des W. S. V., in der Gauliga 1923 im Lahnkreis die Gauoertretung im entscheidenden Spiel gegen 1860 Marburg mit 1:0 errang und ihm dann Kurhessen Kassel mit 1:4 den Weg zu weiteren höhen versperrte. Um aber ehrlich zu sein: Der Gießener Fußball stagniert heute (die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse bedingen es, aber nur zum Teil). Stillstand bedeutet hier wie überall Rückgang, dessen Ursachen hier im besonderen nicht aufgedeckt seien, im allgemeinen aber zu dem Hinweis berechtigen: „Schafft mehr ideelle Werte, werdet innerlicher und — fleißiger: nur durch Training zum Kampf, denn nur nach Kampf der Sieg." — Roch im Entstehen begriffen und nicht abgeschlossen ist die mächtig und unaufhaltsam aufstrebende leichtathletische Bewegung. Ihre Seele ist der olympische Gedanke, der neu auferstanden ist. Ihre Ausführung ist und bleibt die Grundlage allen Sports. Ihr Ziel ist Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer in höchstem Ausmaß als äußerliche Merkmale, und Hand in Hand damit eine Willens- sckulung, die ihresgleichen sucht, eine Willensschulung fürs Leben. Ihre deutsche Entwicklung kam mit dem Rasensport: sie geht aber nicht mit ihm, denn ihre Zukunft liegt ferner und weiter. Ihre Geschichte ist das hohe Lied des Sports. Die Vorkriegszeit brachte in Gießen nur wenig Bemerkenswertes auf diesem Gebiete. Das volkstümliche Turnen war nicht mit ihr zu vergleichen. Es war zu beengt, zunächst in der Kleidung, dann auch metrisch und chronometrisch, es war — es ist es nicht mehr. Doch in den Jahren nach dem großen Weltkriege brach die Leichtathletik auch in Gießen sich Bahn, und 1921 war es, da zeigte das 1. Nationale Meeting des auch hier führenden G. S. C. 1900 mit der Klaffe der Teilnehmer, wie Berliner Sport-Club, Mannheim, Kassel usw., wes Geistes Kind die deutsche Athletik ist. Damals wurde auch der Grundstein gelegt zum ständigen Bestehen derselben. Vorher nahm sie niemand recht ernst. Und dann kam Sieg auf Sieg in die Gießener Stadt, von großen und bedeutenden Veranstaltungen mit Leistungen, die das Land aufhorchen ließen, heute nun dürfte die Zahl der Athletiker in den städtischen, Leibesübungen treibenden Vereinen mit mehr als } Tausend nicht zu hoch gegriffen sein. Die Geschehnisse auf diesem Gebiete gipfeln in der Hauptsache in den alljährlich wiederkehrenden Nationalen Wettkämpfen des S. C. 1900. In den letzten Jahren ist die Veranstaltung der Großstaffel „Rund um die Anlagen" (auf Anregung des Schreibers dieser Zeilen) 12 Läufer über 4 Kilometer als Werbeveranstaltung hinzugekommen. Es ist nicht ratsam, den Veranstaltungsbetrieb, auch im Hinblick auf die Teilnahme an auswärtigen Kämpfen, bei denen Gießens Name einen guten Klang hat,^ weiter auszudehnen. Mehr Arbeit im Verein, besonders an der Jugend, wird mehr Früchte tragen. Erft die ganz reife Leistung sollte sich vor anderer Augen zeigen. Als Ergänzung für die mangelnde Tätigkeit des Athleten im Freien im Winterhalbjahr schuf man neben der Hallengymnastik das Handballspiel, das sich neuerdings großer Beliebtheit erfreut, hier sind besonders die Reichswehr und die Universität eifrige Förderer dieser Bewegung, die im vergangenen Jahr auch Eingang in den c. C. 1900 sand. Eine genaue Organisation des gesamten Handballspielbetriebes fehlt jedoch in Gießen noch, um so mehr, als diese dem Handball sicher zu weiterem Gedeihen verhelfen würde. — Alles in allem steht heute nach einem Viertel- jahrhundert die Sportbewegung in der Gießener Stadt im Rohmen des deutschen Sports kraft- und bedeutungsvoll da, bereit, weitere Sprossen auf der Leiter zu erklimmen, die zum Letzten, Endlichen führt, zu dem Ziel: auch den Fernstehendsten für die gute Sache gewonnen, ihn überzeugt zu haben davon, daß die Natur ihn schon dazu bestimmte, seinen Leib nicht verkümmern zu lassen, je früher (in der Jugend), desto besser (fürs Aller), bereit zu dem Gelöbnis, auch weiterhin in der deutschen Sportsache In Gießen ist man sich immer über die ge- fundheitsfördernde und heilende Kraft des Schwimmens und Bodens in den weitesten Kreisen klar gewesen. Ein Beweis dafür sind die mustergültigen Anlagen der hiesigen Flußbadeanstollen und die verhältnismäßig recht frühe Errichtung unseres Volks- bodes. Als sich in den letzten Jahren vor dem Kriege, nachdem die Entwicklung in den Großstädten Deutschlands schon etwas früher eingesetzt hotte, auch in den mittleren und kleineren Städten der Provinz Bestrebungen, die Pflege des Schwimmens auszubauen, immer stärker geltend machten, wagte es eine Anzahl von langjährigen Badegästen der M ü 11 e r s ch e n B o d e o n st a 11, einen Schwimmsportverein in Gießen ins Leben zu rufen. Das war damals ein Wagnis, und cs hat viel Arbeitsfreudigkeit und Hingabe der Gründer gekostet, den jungen Sportverein lebensfähig zu machen, heute, wo der hohe Wert des Sportschwimmens in weitesten Kreisen erkannt ist, muß man derer mit Anerkennung gedenken, die im Jahre 1913 den Schwimm- und Wassersportverein v. 1913, Gießen ins Leben riefen und dadurch den Grundstein für die Schlitz. die hohe Mission des Sports zum Besten der Heranwachsenden Generation zu erfüllen, zum Wohle für Stadt und Land. Denn wer die Jugend Hal, der Hot die Zukunft. Bietzen und der Schwimmsport. Wenn eine große, segensreiche Bewegung nach jahrzehntelangem Kampf mit allen möglichen Widerwärtigkeiten sich endlich ihren Platz erobert hat, dann ist es auf einmal jedem selbstverständlich, daß ein klein wenig mehr Verständnis, ober auch nur Anteilnahme hohe Ziele und große Werte früher und müheloser hätten erreichen helfen. So ist es auch der deutschen Sportbewegung ergangen, heute gilt sie als ein Faktor, mit dem alle, der 'Staat und der Einzelne, rechnen. Nach Alter sowohl, wie nach Geltung steht mit an der Spitze der deutschen Sportbewegung der Deutsche S ch w i m m d e r b a n b (D. S. V.). Unter den Sportverbänden hat er in 38jähriger Arbeit an dem Aufstieg der deutschen Sportpflege einen hervorragenden Anteil. Als im Jahre 1886 die Vertreter von 9 Schwimmsportvereinen in Berlin sich zusammenfanden und den D. S. V. gründeten, sah der Verband die gesundeste und freieste Leibesübung, das Schwimmen, in seine Hand gelegt, und baute es im Laufe der Jahre so aus, daß fein Name heute in der sportlichen Welt überall mit Achtung genannt wird. Ein starker gemeinsamer Wille und die unermüdliche Arbeit von Männern, die, man darf wohl sagen, ihre Lebensaufgaben in dieser Richtung sahen, haben aus dem D. S. V. der 80er Jahre einen Sportverband mit hohen sittlichen Zielen werden lassen. Der Erfolg dieser Arbeit ist gerade für den Schwimmsport um so höher anzuerkennen, als, so unwahrscheinlich es heule klingen mag, kleinliche Vorurteile in bezug auf Sitte und Schicklichkeit in den weitesten Kreisen die Ausbreitung des Schwimmens außerordentlich erschwert haben. Die immer weiter vordringende Erkenntnis von dem Wert des sportlichen Schwimmens führte zur Gründung von Schwimmvereinen in allen Teilen des Reiches. Die Mitgliederzahl des D. S. V. betrug i. I. 1900 schon über 5000, i. I. 1910 bereits 34 000 und steht heute mit etwa 200 000 in einem festgefügten Verbände mit an führender Stelle unter den deutschen Sportverbänden. Entwicklung des Schwimmsports in unserer engeren Heimat legten. Wie eifrig in dem jungen Verein gearbeitet wurde und welch schöne Früchte die sportliche Tätigkeit trug, zeigt sich darin, daß es schon im Juni 1914 möglich war, unter starker auswärtiger Beteiligung und bei regstem Besuch ein größeres Schwimmfest zu veranstalten, bei dem verschiedene Erfolge durch die Gießener Mannschaft erzielt wurden. So blieb u. a. der Wanderpreis der Stadt Gießen, ein silberner Pokal, im Besitze des Vereins. Der Ausbruch des Krieges setzte, wie überall, auch dem Ausstieg und der Weiterentwicklung des jungen Schwimmsports in Gießen ein schnelles Ende. Nach den langen Jahren des Stillstandes fand die nach 1918 stärker einsetzende Ausbreitung der Sportbewegung auch in Gießen lebhaften Widerhall, und, wie in allen Zweigen des Sports, ging man nun auch in der Schwimmfache sofort wieder an die Arbeit. Einige ältere, vornehmlich aber jetzt herangewachsene jugendliche Mitglieder des Vereins von 1913 ließen sich die Pflege des Schwimmens als Leibesübung angelegen sein. Zunächst im Rahmen des damals sehr vielseitigen Gießener S. C. v. 1 900, und feit 1921 als dessen selbständige Unterabteilung begann man in regelmäßigen Uebungsftunben eine begeisterte Schwimm und Wasserballmannschaft heranzubilden. Die starke Anteilnahme aller Gießener Kreise am Sport, besonders aber die Begeisterung der Jugend, richtete sich zunächst mehr auf den damals sehr aufblühenden Fußball- und Rasensport und beachtete die Arbeit auf schwimmerischem Gebiet vorerst weniger. Trotz einer verhältnismäßig geringen Auswahl an Kräften wurde aber eifrig an der sportlichen Ausbildung gearbeitet, und im Sommer 1921 waren die Gießener Farben erstmalig bei auswärtigen Schwimmwettkämpfen vertreten. In Limburg, Wetzlar und hcmau wurden die ersten Staffel- und Einzelsiege errungen; die Krone der sportlichen Siege in diesem ersten Jahr war aber der Sieg im Schwimmen „2000 Meter quer durch Ems" am 21. 'August 1921, der besonders im Hinblick auf die starke Konkurrenz alter kampferprobter Vereine aus dem Rheinland dem Können der Gießener Mannschaft das beste Zeugnis ausftellte. Jetzt war draußen endgültig bekannt, daß man in Gießen eifrig im Schwimmsport tätig war, und vor allem war damit der Ansporn für die hiesigen gegeben, ihr junges Werk weiter auszubauen. Die MitFeinsteTafelbutter - Feinste Tafel käse, vollfett, klein ca.125 gr • Feinste Tafelkäse, vollfett, groß 6teilig ca. 250 gr in Staniol- und Spanschachtelpackung • Landeier ■ Frisch milch lief erung Molkereigenossenschaft e.G. m.b.H. Gegründet! 883 Alsfeld (Hessen) Gegründet 1883 Bankverbindungen: Alsfelder Vorschußverein Alsfeld (Hessen), Commerz- und Privatbank Alsfeld (Hessen) • Postscheckkonto Frankfurt a. M. 10123 • Fernsprecher 38 • Telegramm- Adresse : Molkerei Alsfeldhessen gliederzahl, die zu Anfang nur 23 betragen hatte, stieg, und die neue Saison fand den Gießener Schwimmsport stärker und wohlgerüstet, was sich auswärts sowohl, wie auch bei den im August 1922 hier in Gießen veranstalteten verbandsoffenen Wettkämpfen erwies. Nachdem im Juni 1923 die Schwimm- abteilung des Gießener S. C. v. 1900 zum zweitenmal in Gießen mit einem verbands- offenen Fest an die Deffentlidjfeit getreten war und sich noch weiter vorwärts entwickelt hatte, war in Gießen dem Schwimmsport die Stellung gesicherter. Der nächste Schritt war die Verselbständigung der Schwimmabteilung unter Austritt aus dem Gießener S. C. v. 1900. Es wird von den Gießener Schwimmern und auch von all denen, für die später die Entwicklung des Sportschwimmens in Gießen segensreich geworden ist, nicht vergessen werden, daß die Schwimmsache dem Gießener S. C. v. 1900 Dank dafür schuldet, daß durch sein Entgegenkommen und seine Mitarbeit der jungen Bewegung der Weg bereitet wurde. Die Entwicklung hatte zu einer Trennung gedrängt, es war ja übrigens immer als selbstverständlich vor- gesehen, daß bei weiterer Ausdehnung nur ein selbständiger Verein erfolgreich im Sinne der Richtlinien des Deutschen Schwimmverbandes arbeiten könne. Auf beiden Seiten herrschte eben nur der Wunsch, dem Schwimmen den Platz unter unseren heimischen Sportzweigen zu schaffen, der ihm seiner Bedeutung nach zukommt. So war es denn nur mehr oder weniger Formsache, als am 23. Juli 1923 der Gießener Schwimm verein gegründet wurde. Eingereiht unter die Vereine des Gaues I (Frankfurt) Kreis V im Deutschen Schwimmverband und als Mitglied der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft hat der Verein die Erwartungen und Hoffnungen, die bei seiner Verselbständigung an sein Wirken geknüpft wurden, bis heute vollauf erfüllt. Das ständige Wachsen des Mitgliederbestandes — bei der Gründung zählte man etwa 40, heute über 200 Mitglieder — und die unermüdlich geleistete Arbeit innerhalb des Vereins, für die die großen Ver- anftaltungen jedes Jahres, auswärts veranstaltete Werbefeste und vieles sonst Zeugnis ablegen, erbringen den besten Beweis für. den Stand des Vereins. Dem unermüdlichen Streben nach Ausbau und Aufwärtsentwicklung eines Sportzweiges kann naturgemäß nur das der unerläßliche Rückhalt fein: Die Arbeit an der sportlichen Ausbildung des einzelnen Mitgliedes und damit das Streben nach Geltung und Ansehen nach außenhin. An solcher Arbeit hat es im Gießener S. D. nicht gefehlt. Nur in großen Zügen -,läßt sich hier feftftellen und würdigen, wie in der kurzen Zeit von zwei Jahren aus einer nach Zahl und Leistung geringwertigen Mannschaft eine Sportmannschaft geworden ist, von der man überall mit Achtung spricht. Senioren- wie Jugendmannschaft haben die blau-weißen Farben in allen möglichen Städten zum Sieg geführt, ein Mitglied der Damenabteilung hak durch feine hervorragenden Leistungen den Namen des Gießener Schwimmsports sogar über die Grenzen des Deutschen Schwimmverbandes hinaus zu Ansehen gebracht. Neben zahlreichen erfolgreichen Starts in Frankfurt, Köln, Rheydt, Aschaffenburg, Mannheim, Offenbach, Darmstadt, Hanau und Madgeburg wurde der G. S. V. in Öen beiden vergangenen Jahren bei den deutschen Meisterschaften in Berlin bzw. Bremen, wie bei schwimmsportlichen Veranstaltungen von höchster internationaler Bedeutung in Leipzig, Breslau, Magdeburg und Bochum mit bestem Erfolg vertreten. Sowohl 1924 als auch im Jahre 1925 veranstaltete der Verein in Gießen jeweils großzügig angelegte Wettbewerbe, die die breitere Öffentlichkeit von den Fähigkeiten des Vereins überzeugen konnten. Für die Vorwärtsentwicklung auf sportlichem Gebiet sprechen einmal die Zahlen, die eine lieber« sicht über die errungenen Erfolge in den einzelnen Jahren ergibt — 15 erste, 10 zweite und ein dritter Sieg im Jahre 1923 —, 28 erste, 16 zweite und 12 dritte Siege im Jahre 1924 — Zahlen, die für 1925 schon jetzt, obwohl die Saison noch nicht abgeschlossen ist, weit überholt sind. Am beredtsten aber sind die Erfolge des Nachwuchses, wie sie gerade in diesen Sommermonaten errungen wurden, und auch die rein zahlenmäßig erfreuliche Stärke der Jugend- abteilung. Der Gießener S. V. sieht in dem sportlichen Hochstand seiner Jugendmitglieder den höchsten Lohn für die nicht geringe Mühe und Arbeit, die es in den vergangenen Jahren gekostet hat. Es ist auch nicht zu verkennen, daß durch feine rastlose Tätigkeit das Gebiet der Leibesübungen in unserer engeren Heimat durch einen der wertvollsten und segensreichsten Zweige körperlicher Hebung bereichert worden ist. Seit kurzer Zeit hat die Schwimmsache auch in dem Gießener Turnverein v. 1846 Eingang gesunden, der zum erstenmal bei dem hier stattgefundenen Mittelrheinischen Kreisturnfest mit feiner Schwimmabteilung an Die Oeffentlichkeit trat. Doch dürften diese Bestrebungen, vor allem hinsichtlich ihres nur das Turnen ergänzenden Charakters wegen kaum ins Gewicht fallen für die Feststellung, daß die Entwicklung des Schwimmsports in Gießen eng zusammenfällt mit der des Gießener Schwimmvereins. Nur als ein kleines Glied in der großen Sportgemeinschaft strebt der Gießener S. V. danach, den Zielen und Richtlinien seines Verbandes immer und überall gerecht zu werden. Die jetzt endgültig erfolgte Einführung des Schulschwimmunterrichtes auch hier in Gießen, wie überhaupt das auflebende Interesse der Behörden sind gewiß als Erfolge der schwim merischen Arbeit anzusehen. Naturgemäß ist viel opferfreudige Hingabe erforderlich, und es wird nötig sein, eifrig Arbeit im Kleinen zu leisten, die reiche Früchte trägt und geadelt wird durch das hohe sittliche Ziel, dem sie gift: Der Kräftigung und Erstarkung unseres Volkes und Vaterlandes. W. M. Mäntel u. Kostüme für starke Damen Unsere Spezial-Abteilung für starke Frauengrößen haben wir bedeutend erweitert. Mäntel, Kostüme, Kleider etc. haben wir bis zu den größten Weiten in allen neuen Stoffarten und Farben in flotten Formen vorrätig. Die Hauptpreislagen sind Mark 39.- 49.— 58.- 69.- 78.- 89.- 98.- 115.- Ersfes Spezialhaus für Damenbekleidung Wagener & Schlötel Frankfurt a. M. ♦ Goethestraße 9—11 A gl MÜHLSTEINE^ JEDER ART —==^ FÜR ALLE FRUCHTARTEN — MITTELDEUTSCHE SCHMIRGEL-WERKE ; . BUTZBACH iW Gil.“ s! MITTELDEUTSCHE SCHMIRGEL-WERKE ÄKTIEH6E$tlUCMATT BUTZBACH *>t ;v ICH WÜRDE DIE SCHLEIFSCHEIBEN NUR NOCH sei BEiTCiiEN, HERR DIREKTORt Verkaufslager der Allgemeinen Oelhandelsgesellschaft 6. m. b. H. 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Die das 16. hch Stabt in ihre sehen von he Gebäude am der Stadt bil 1538 un. nwnb ,j)er ! morden. Auch Wait stamm ff “i» in je mcbsomen, t i Son Bürg' Wenn mc östlichen 1 Heimat Ober! alte >\W Norden un|e Begrisse hau Icute sremch ist, bie ober, fermer faßte, erobert Dies seid, am Nori Als man in Stadt Alsseld alter, stolzer Sassen und rischen 3ßint älteste Warner lich, wie der aus dem Fell alter sehr h Giedelung e slngcnicurvcfuchc und Koftcnuoranfdtjlägc vcrcittvMW Arbeitcpil)ol)lfal)rtscinrid)tungen: Bade», Wascheinrichtungen Speisewärrneschrätcke, Kaffeekocher, Arbriter-Kleiderschränke Betriebsfcrtigefanitäre und technische Linrichtungenvon Schwimm^ und BolRsbädcrn, Kurbädern, Sanatorien, Krankenhäusern Ozeandampfern unter Berückstchtigung der aller neue ft en Crrungenfdjaftcn der Lechnik. Offene Sommerschwimmbäder für sportliche Deranpaltungcn, auch als Warmbadeanstalten Apparate jur Wiedergewinnung von Abwärme, wie Segern ström-Vorwärmer, Oegcnftrom-Apparate, lOärmeaustaufd? 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H.Kaeß Nachfolger, Gießen lSnbabmr: Wilhelm Som») Fernsprecher Nr. 173 / KvSUrplatz IS / Fernsprecher Nr. 773 Manufaktur- und Modewaren Wäsche- und Ausfiattungsartikel Herrenkonfektion und Sportbekleidung Gießener Anzeiger • Jubiläums-Ausgabe elftes Blatt Sette 81 Ankersturm. Lauterbach. Schloh (Elfenbad). M\ liW’li Alsfeld. Don Bürgermeister Dr. Dölsing, Alsfeld. Wenn man im Rahmen einer historisch-wirtschaftlichen Würdigung ein Bild unserer engeren Heimat Oberhessen geben will, dann darf darin eine (Ute hessische Kulturstätte nicht fehlen, die im Norden unserer hessischen Heimat geborgen, für die Begriffe hauptsächlich unserer rheinhessischen Landsleute freilich nicht gerade das Ziel ihrer Wünsche ift, die aber, wie kürzlich ein auswärtiger Kunstkenner sagte, die Herzen aller Besucher im Sturm erobert. Dies ist die altehrwürdige Kreisstadt Als- seid, am Nordabhange unseres Vogelsbergs gelegen. Als man im Jahre 1922 die 700-Jahrfeier der Stadt Alsfeld feierte, da ging es wie ein Rauschen alter, stolzer Erinnerungen durch die winkeligen Gassen und Gäßchen der Stadt mit ihren male- rischen Winkeln und altertümlichen Bauten. Die «Hefte Namensform Adelesfelt, Adelsfelt zeigt deutlich, wie der Name zu erklären ist: Die Siedelung «uf dem Felde des Adolo. Adalo ist ein im Mittel- «ltec sehr häufiger Personenname. Wann diese «Siedelung entstand, ist freilich nicht mehr festzustellen. Im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts Erscheint Alsfeld als Stadt in der Geschichte. Mit 1er Entwickelung des deutschen Städtewesens im H3. Jahrhundert begann eine einschneidende Wen- Lung der deutschen Geschichte. Neben die bisherigen alleinigen berechtigten Klassen: Adel und Geistlichkeit, stellte sich eine neue, das Bürgertum. Die Grundbedingung für das Aufblühen der Städte war ler Handel, der gesicherte Plätze erforderte, in denen man die Handelswaren aufbewahren und umsetzen tonnte. Das Kennzeichen einer damaligen Stadt rvar die Befestigung, die Umwallung, die Mauer. So besah auch unser. Alsfeld schon im 13. Jahrhundert einen starken Mauerring, den wir heute noch verfolgen können. Aus schlichten Anfängen blühte die Stadt im 14. und 15. Jahrhundert mächtig auf. Die Quelle des Wohlstandes wurde der Marktoerkehr. Der Kaufmann begann seine Tätigkeit. Kaufleute und Handwerker bildeten den Kern der städtischen Bevölkerung. So bietet Alsfeld schon im 14. Jahrhundert das Bild einer wohlhabenden, man kann fast sagen, einer reichen Stadt. Es war zeitweilig sogar am Ende dieses Jahrhunderts die Residenz des Landgrafen Hermann des Gelehrten, der sich in Alsfeld ein Schloß erbaute. In derselben Zeit entfaltete sich auch eine rege Bautätigkeit in der Stadt, 1365 wurde der Friedhof auf dem Frauenberg angelegt und die Kapelle daselbst erbaut, 1386 tiurbe der Leonhardsturm errichtet, gleichzeitig wahrscheinlich auch das älteste Rathaus, an dessen Stelle dann 1512 das heute noch stehende trat. 1393 begann man mit dem Umbau der Walpurgiskirche in großem Stil. Die Stadt schlug damals eigene Münzen und von Alsfelder Währung ist in Ur- Runden des 16. Jahrhunderts im Stadtarchive noch tic Rede. Die Zeit der größten Blüte Alsfelds war las 16. Jahrhundert. In dieser Zeit bekam die «Stabt in ihren ältesten Teilen ungefähr das Aus- 'sehen von heute. Die drei prächtigen öffentlichen •ßebäube am Marktplatz, die heute noch den Stolz iler Stadt bilden, das Rathaus 1512, das Weinbaus 1538 und das Hochzeitshaus 1565, im Volksmund „der Bau" genannt, find damals gebaut morden. Auch viele schöne Privathäuser in der 'Altstadt stammen aus dieser Zeit. Das Bild, das tfid) uns in jener Zeit bietet, ist das einer be- ttriebfamen, wohlhabenden und lebenslustigen T3ürgerfd)aft, die besonders einen guten Trunk 1 '(bähte. Das wichtigste Ereignis in Alsfelds Gerichte in diesem Jahrhundert war die Einführung ioer Reformation. Alsfeld führte als erste hessische Stadt die neue Lehre durch den ehemaligen Augustinermvnch Tilemann Schnabel ein. Im ganzen 16. Jahrhundert hatte Alsfeld keinen Feind vor seinen Toren gesehen, dies sollte im 17. Jahrhundert anders werden. Der 30jährige Krieg brachte unsägliches Elend über die Stadt, der Wohlstand der mehrmals von der Soldateska heim- gesuchten und ausgeplünderten Stadt war dahin, sie stand am Rande des Unterganges. Der schwerste Stoß, den die vielgeprüfte Stadt erlitt, war ihre Belagerung und Eroberung durch die Niederheslen im Jahre 1646 im Streite der beiden hessischen Linien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt um die sogenannte Marburger Erbschaft. Die Hessen-Darmstädtische Besatzung der Stadt mußte nach fünftägiger schwerer Beschießung, wobei ein großer Teil der Stadt abbrannte, trotz tapferster Gegenwehr, nachdem sie mehrere Sturmangriffe der Nieder- Hessen abgeschlagen hatte, schließlich wegen Munitionsmangels kapitulieren. Vierundzwanzig Stunden lang wurde die Stadt geplündert, alle Vorstädte wurden vom Feinde geschleift und dabei 160 Häuser und Scheunen eingerifsen. So bietet Als- seid in der zweiten Hälfte des 17. und im ganzen 18. Jahrhundert ein Bild des Niederganges. Die Drangsalierung mit Einquartierungen und Kontrikunstsinniger, heimattreuer Arbeit der Gegenwart legt das von dem Alsfelder Geschichte- und Altertumsverein in jahrelanger, unermüdlicher Arbeit eingerichtete Heimatmuseum im Hochzeitshaus beredtes Zeugnis ab. Von den in Angriff genommenen wirtschaftlichen Unternehmungen der Stadt konnte die Erbauung der neuen Hochdruckwasserleitung, da die in den neunziger Jahren erbaute Leitung nicht mehr genügte, noch vor Ausbruch des Weltkrieges durchgeführt werden, während hingegen die allgemeine Kanalisation der Stadt, die beschlossen und für die Jahre 1914—1916 vorgesehen war, infolge des Kriegsausbruchs aufgeschoben werden mußte, nachdem man gerade mit dem ersten Los der Arbeiten begonnen hatte. Der weltgeschichtliche 1. August 1914 bedeutete auch für die Geschicke der Stadt Alsfeld einen einschneidenden Wendepunkt. Die Nöte der Kriegszeit von 1914—1918 und die Ungunst der wirtschaftlichen 'Verhältnisse der Nachkriegszeit lasten auch hemmend auf 'unserer Stadt. Schwere Blutopfer brachte die Stadt im Weltkriege, sie hat 189 Gefallene zu beklagen, die den Heldentod starben. Ihr Gedächtnis ist in der als Ehrenhalle würdig ausgestalteten Friedhofskapelle Der Kreisdirektor des Kreises Schotten, Herr Geh. Regierungsrat Boeckmann. Dem „Gießener Anzeiger1' beehre ich mich zum 175jährigen Bestehen herzlichen Glückwunsch auszusprechen. — Welche Überfülle erfolgreicher Arbeit und mit Ehren bestandener Kämpfe durch die Wechselfälle der Geschichte schließt dieser Zeitraum ein, der zurückreicht bis zur Geburt Goethes und in die friederizianische Zeit vor Beginn des Siebenjährigen Krieges! und welchen Segen an Kultur für ein weites Heimatsgebiet! Von der Höhe seiner heutigen Leistung und Bedeutung darf er mit Befriedigung und Stolz auf diese Entwicklung zurückblicken, und mit Vertrauen in die Zukunft hinausblicken. - . butionen, welche die Stadt im 7iährigen Kriege, besonders in 1760 und 1761 erdulden mußte, war fürchterlich. Neue Einquartierungen von Franzosen, welche den letzten Besitz aus den gequälten Bürgern in den Jahren 1797 und 1798 herausholten, und die Kriegslasten der Freiheitskriege ließen die Stadt nicht emporkommen. Die Kriegsrechnungen im Stadtarchive reden eine erschütternde Sprache. Erst ganz allmählich und langsam begannen die schweren Kriegswunden der Stadt zu heilen, von den Jahren 1860 ab begann der Wohlstand in der Stadt wieder zu steigen, wenn auch damals die Bautätigkeit noch gering war. Das lebte Vierteljahrhundert bildet den eigentlichen Wiederaufstieg der Stadt. Ein frischer, auf- strebender Zug ging durch die Stadtverwaltung und die Bürgerschaft. Als eine der ersten oberhessischen Städte schuf sich Alsfeld in 1900 ein eigenes Elektrizitätswerk, 1907 erstand ein moderner Schlachthof, 1908/09 wurde nach Umwandlung der Realschule zu einer Bollanstalt als Oder-Realschule der stattliche Neubau der Ober-Realschule in der Schillerstraße errichtet, 1911/12 der mustergültige Neubau der Volksschule mit Volksbad in der Dolkmar- ftraße. Das in Verfall geratene Rathaus wurde von 1910—1912 unter der ausgezeichneten künstlerischen Leitung des damaligen Regierungsbaumeisters Kuhlmann wiederhergestellt und zu einem Schmuckkästlein gestaltet, das heute die Bewunderung aller Besucher erregt und den Stolz der Stadt bildet. Im Anschluß hieran erfuhr auch die altehrwürdige Walpurgiskirche im Innern eine vollständige Renovierung, so daß sie heute eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt bildet. Bon festgehalten. Die durch den Krieg und d.c Inflation eingetragene allgemeine Verarmung einerseits und dis Verteuerung der Produktionskosten andererseits führten wie überall zu einer Stockung des Wirt» fchaftslebens. Eine weitgehende Arbeitslosigkeit trat ein, die ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des berüchtigten Jnflationsjahres 1923 erreichte. Der Umstand, daß Alsfeld heute über eine ganze An- za bl gutbeschäftigter Webereien verfügt, hat es mit sich gebracht, daß die Erwerbslosenziffer zur Zeit ganz gering ist, während hingegen ein anderer Hauptzweig der Alsfelder Industrie, die Holzindustrie, noch unter der Ungunst der allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse zu leiden hat. Ein Versuch der Stadt, das Bauhandwerk neu zu beleben tunb die private Bautätigkeit durch Gewährung eines 100 000-Mark-Kredits an Baulustige nach bestimmten Richtlinien zu fördern, trägt hoffentlich zur Linderung der auch in Alsfeld sehr drückenden Wohnungsnot bei. Daß man daneben auch tultu» teile Bedürfnisse, soweit es die Finanzen einer kleinen Stadt zulasjen, nicht in den Hintergrund treten läßt, beweist die Erbauung einer neuen. Fest- halle, die in diesem Jahre vollendet wurde, sowie die Errichtung eines modernen Saalbaues mit einer Bühne, der zur Zeit im Bau begriffen ist, nachdem der in der Stadt noch vorhandene einzige große Saal vor einigen Jahren in industrielle Hände übergegangen war. Wenn der allgemeine Wiederaufbau unseres gesamten Wirtschaftslebens einmal kommt, woran wir nicht zweifeln, dann wird hoffentlich auch die alte hessische Kulturstätte im Norden unserer engeren Heimat Oberhessen sich ihren gebührenden Platz an der Sonne zu sichern wissen. Lauterbach. Don Stadtpfarrer Schlösser, Lauterbach. Lauterbach, die Kreisstadt des nordöstlichen Teiles des Hessenlandes, im alten „Buchonien" gelegen, kann auf eine mehr denn 1100jährige wechselreiche Geschichte zurückblicken. Als die Siedelung entstand, aus der es hervorgegangen ist, da konnte wohl mit Recht von dieser Gegend gelten, was dem Bonifatius und seinem Schüler Sturmius in den Mund gelegt ward: „Es ist ein ödes, von Menschen entblößtes Land, in dem man lange wandern kann, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen." Die von Sturmius gegründete Abtei Fulda nahm nach und nach Besitz auch von dem westlich und nördlich von Fulda gelegenen Landstriche und machte ihn sich lehnspflichtig. In diesem Zusammenhänge wird auch zum ersten Male in einer Urkunde „Lauterenbach" genannt. In dieser Urkunde werden die Natural- und Dienstleistungen der wenigen hier ,Lielpflichtigen" aufgezählt. Die Lage des Platzes war nicht zu einer schnellen und gedeihlichen Entwicklung angetan. Das war wohl auch nie im Sinne der Fuldaer Siebte gewesen. Zum befestigten, mit Ringmauer und Türmen versehenen Ort wurde Lauterbach erst in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Ein Teil dieser Mauer ist heute noch vorhanden. Ein Hemmnis für die Ent- Wicklung des Ortes waren zweifellos die sich immer wiederholenden Verpfändungen im 14. und 15. Jahrhundert, wozu sich die Siebte durch ihre beständigen Kämpfe und Fehden genötigt sahen. Im Jahre 1329 war Lauterbach an den Ritter Johann von Eisenbach verpfändet. Nachdem das Pfand verschiedentlich in andere Hände übergegangen war, war es 1428 wieder im Besitz der Herren von Eisenbach und ging im folgenden Jahre mit dem Erlöschen der männlichen Linie dieses Geschlechtes auf den Erden, den Ritter Hermann R i e b e f e l, über. Wichtige Rechte wurden der Bürgerschaft im Jahre 1453 in dem heute noch vorhandenen sog. „Freiheitsbrief" des Abtes Reinhardt, Grafen von Willnau, verliehen. Bis zum Jahre 1684 blieb Lauterbach in fuldifchem Besitze. In diesem Jahre verzichtete die Abtei Fulda auf die Stadt. Herren von Lauterbach und des umliegenden Gebietes wurden nun die Herren von Riedefel, die es auch bis 1806 blieben, da Lauterbach und das ganze Riedefelfche Land an das Großherzogtum Hessen fiel. Die Herren von Riedefel waren, das muß gesagt werden, stets für das Wohl ihres Landes und seiner Bewohner treubesorgte Landesherren gewesen, wie ja auch heute noch ihr Geschlecht mit ihrem ehemaligen Herrschaftsgebiete aufs innigste verwachsen ist. Sie waren Berater und fjelfer in den schweren Zeiten, als die Stürme des 30jährigen und des 7jährigen Krieges über das Land dahin- brauften, in den Jahren, da Hunger und Pest das Land durchzogen. Von mancher schweren Bedrückung und Brandschatzung haben sie infolge ihres Einflusses bei den kriegführenden Parteien ihre Stadt Lauterbach und ihr Land bewahrt. Auch von den Schrecken und Drangsalen der Koalitionskriege (1792—1805) blieb unsere Stadt und ihre Umgebung nicht verschont. Besonders drückend war die Zeit, in der die Franzosen unter General Soult hier ihr Unwesen trieben. Von den Kriegswirren des 19. Jahrhunderts hat die Stadt und ihre Umgebung nicht viel erfahren. Truppendurchzüge, Einquartierungen und Requisitionen fanden sich des öfteren. Das Jahr 1848 brachte den „Kriegszug" der Bauern gegen, die Herren von Riedesel, die Zerstörung und Plün- derung der Riedeselschen Burg und Gebäude sowie die Demolierung der in der Stadtkirche befindlichen Grabdenkmäler der Freiherren Niedesel und ihrer Angehörigen. Aus dem Archiv wurden damals SM EIGENTUM DER STADT * ERÖFFNUNG AM !♦ DEZEMBER 1925 0 Umgebaut und vollständig neu eingerichtete Fremdenzimmer. Fließendes kaltes und warmes Wasser Zentralheizung. Elektrisches Licht. Bad im Hause. Autogarage. Stallung für Pferde. Erstklassiges Restaurant. Moderner, neuerbauter großer Saalbau, auch für größere Theateraufführungen usw. geeignet ALSFELD HOTEL DEUTSCHES HAUS eine Menge wertvoller Akten geraubt und verbrannt. Während des Feldzuges 1866 sah die Stadt große Truppendurchzüge der Württemberger und Hessen in der Richtung nach Fulda. Zur Zeit des Feldzuges 1870/71 war im Burgschloß ein Lazarett mit 70 Betten eingerichtet. Nach dem siegreichen Feldzüge, der (Einigung der deutschen Stämme, des raschen wirtschaftlichen Aufschwungs des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts, folgte auch für Lauterbach eine Zelt gedeihlicher Entwicklung und Aufblühens. Die Besserung des Verkehrswesens belebte Handel und Gewerbe. An Stelle der seit 1826 bestehenden Fahr- post trat die Eisenbahn. 1869/70 wurde die ober- hessische Bahn gebaut und 1901 die Vogelsbergbahn Lauterbach—Stockheim eröffnet, die jetzt bis Frankfurt durchgeführt ist. Lauterbach war seit der Einführung der Re- f o r m a t i o n eine fast durchweg evangelische Stadt. Mit der immer größer werdenden Freizügigkeit kamen auch Andersgläubige hierher und wurden seßhaft. So bildete sich mit der Zeit eine katholische Gemeinde und eine jüdische Religionsgemeinde. Die erstere baute sich im Jahre 1905 eine Kapelle und erhielt in 1925 einen eigenen Pfarrer. Die jüdische Gemeinde erbaute 1908 ihre Syna- goge. Die Einführung der Reformation verdankt Lauterbach und das ehemalige Riedeselsche Land Hermann Riedesel zu Eisenbach. Sie erfolgte schon im Jahre 1527. lieber die Einführung der neuen Lehre im Riedcselschen Gebiete schreibt sein Sohn Hermann, „daß Hermann Riedesel zu Eysenbach, Erbmarschall in Hessen und Statthalter an der Lahn, die evangelische Religion in das Riedeselsche Gebiet gebracht und fortgepflanzt habe und daß sein Bruder Theodorus Riedesel zu Eysenbach mit ihm in Uneinigkeit gelebt habe, darum daß sie nicht einer Religion, denn er katholisch, sein Bruder Hermann aber, der Statthalter, lutherisch gewesen." Aus einem noch vorhandenen, im Jahre 1532 an Johann Riedesel gerichteten Briefe geht hervor, daß Luther selber mit der Familie Riedesel in naher persönlicher Beziehung gestanden hat. Es hat von Fulda aus nicht an Versuchen gefehlt, den alten Glauben wieder einzuführen. Sie waren vergeblich. Lauterbach blieb, wie seine Landesherren, evangelisch. Die jetzige Stadtkirche, die an der Stelle der alten gotischen Kirche steht, in der einst der Pfarrer Hackenberg die erste evangelische Predigt hielt, ist in den Jahren 1763 bis 1764 in reinem Barockstil erbaut worden. Sie gehört wohl mit zu den schönsten Kirchen im Hessen- lande und macht nach ihrer kunstverständigen Wiederherstellung im Jahre 1906 auf den Besucher einen unvergeßlichen Eindruck. Von ihrem Turm erklingen des Sonntags und bei einem Sterbefall die Choräle der Stadtkapelle über die Stadt. Ein Danklied erschallt, wenn ein Gewitter gnädig über die Fluren dahingezogen ist. Hier wird nach alter schöner Sitte am Christabend „das Christkindchen gewiegt". Etwa aus derselben Zeit wie die Kirche stammt das „H o h h a u s", das sich in Riedelelschem Besitze befindet. Die akten Gasten und Gäßchen mit ihren Winkeln, ihren Giebelhäusern, den alten Inschriften und geschnitzten Haustüren reden von alter Vergangenheit, aber auch von einem kunst- verständigen, geschickten Handwerk, das hier bodenständig war. Wohl sind Zweige davon noch heute vorhanden. Aber die Maschine, Dampf und Elektrizität haben auch hier zerstörend gewirkt. Weit de- rühmt und geschätzt waren die Arbeiten der Lauter- bacher Messerschmiede und Töpfer, gesucht die Erzeugnisse der Weder. Diese letzteren brachten ihre Waren weithin. In Frankfurt a. M. besaßen sie ein eigenes Haus, das ihnen als Warenniederlage diente. Sie pflogen lebhafte Handelsbeziehungen mit Hamburger Kaufleuten und Bürgern. So kam es auck, daß die Ham- burger zum Bau der Stadtkirche einige hundert Taler „Bauunterstützung" sandten. Wachstuch« sobrikation, Lohgerberei und Färberei wurden betrieben. Die beiden ersten Zweige sind ganz ein- gegangen. Musiker, Glaser und Schreiner, Schlosser und Schmiede standen wegen ihrer gediegenen und geschickten Arbeit weithin in gutem Rufe. Neben der Ausbildung zu tüchtigen Handwerkern und Geschäftsleuten, wozu in neuerer Zett die kaufmännische Schule, die Hand- werter- und Webschule dienten, wurde auch jederzeit Wert gelegt auf die geistige Ausbildung des Heranwachsenden Geschlechtes. Eine wichtige, überaus segensreiche Einrichtung war die „lateinische Schul e", von der aus nicht nur Schäler auf's Gymnasium gingen, sondern selbst Universitäten besuchten. Die Liste der hier wirkenden Schulmeister und Rektoren geht bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts zurück. Eine Schulreform, von der das von dem damaligen Rektor der lateinischen Schule Johannes Buch verfaßte sog. „grüne Schulbuch" redet, wurde im Jahre 1743 durchgeführt. Infolge der zunehmenden Schülerzahl wurden die Schulstellen von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach und nach vermehrt. Don den Rektoren und Konrektoren wurde in Verbindung mit Hilfslehrern ein konfefsioniertes gemischtes Institut von Knaben und Mädchen vornehmlich gebildeter Stände unterhalten. Ein Kuratorium verwaltete dieses städtische Institut, das im Jahre 1897 in eine höhere Bürgerschule und in 1914 in eine Realschule umgewandelt wurde. Neben dem genannten städtischen Institute unterhielt der Stadtpfarrer und nachmalige Oberpfarrer Friedrich K u l l m a n n ein Prioatinstitut, in dem keine geringen Anforderungen gestellt wurden, dessen großen Segen aber viele Bürgerssöhne in ihrem Geschäfte und heute noch in Amt und Würden stehende ehemalige Schäler erfahren haben. Das Volksschulwesen wurde der hohen und wichtigen Aufgabe entsprechend in verständnisvoller Weise gefördert und geleitet. Im Jahre 1868 wurde die frühere Wirtschaft und Post zum „Goldenen Esel" von der Stadt erworben und zur Schule umgebaut. 1907/08 wurde der Anbau der Volksschule bezogen. Dem Vereins- und Schul- turnen trägt die zur selben Zeit von dem Turn- verein in großem Stil erbaute Adolf-Spieß-Halle Rechnung In die fortschreitende, gedeihliche Entwicklung des städtischen Gemeinwesens brachte der Weltkrieg einen Stillstand. Zu Hunderten standen die Männer der Stadt im Dienste des Vaterlandes. 150 haben ihr Leben zum Opfer gebracht. Zu ihrem ehrenden Andenken errichtet z. Z. die dankbare Bürgerschaft auf dem Friedhöfe eine schöne und würdige Gedächtnishalle. Während des Krieges bestanden hier zwei Lazarette, das eine in der Spieß-Turnhalle, das andere im Krankenhaus. Die Beschäftigung und Verdienstmöglichkeit der Frauen durch Anfertigung von Säcken, Wäschestücken und Strümpfen hatte die Bürgermeisterei mit dem hiesigen Frauenverein in die Hände genommen. Der Kartoffelbedarf für die minderbemittelte Bevölkerung wurde während der Kriegs- und Nachkriegszeit bis zum Herbst 1924 durch die Stadt uer- mittelt und hierbei die weitgehendsten Zahlungsstundungen eingeräumt. Je größer die Notstände wurden, um so lebhafter und erfolgreicher hat sich unsere weitblickende und zielbewußte Stadtverwaltung auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge betätigt. In den Winterhalbjahren 1922/23 und 1923/24 setzte eine Winternothilfe ein, die an die Bedürftigen Bekleidung, Brennmaterial, bares Geld und Naturalien ausgab. An diesem Hilfswert hatte sich die gesamte Bürgerschaft beteiligt. Um der besonders großen Not im Winter 1923/24 zu steuern, wurde außerdem eine Volksküche eingerichtet, aus der sechs Monate hindurch täglich durchschnittlich 100 Personen mit warmem Mittagessen versorgt wurden. Dieses Liebeswerk wurde durch städtische Zuschüsse, die Hilfe dec Freiherren Riedesel und die Liebesgaben der Bewohner der Stadt und des Kreises ermöglicht. Im Herbste 1922 begann die Fürsorge der Stadtverwaltung für die Aus Schotten und dem Vogelsberg. Von Bürgermeister E. M e n g e I, Schotten. Im Glanz der sinkenden Sonne bin ich hinauf- geftiegen auf unsere „hohe Wart", dort wiegen und biegen sich 75 Linden im Winde, schaurig und traurig, — ich weiß wohl warum. Es sind die Gedächtnisbäume unserer im Weltkrieg gefallenen Söyne des Städtchens Schotten. Hier im Heldenhain, der als Ehrenplatz für alle gefallenen Oberhessen, als Provinzialyeiligtum und oberhessische Nationaltrauerstätte von der Provinzialverwaltung ausersehen war, raunt und rauscht es vom Werden und Vergehen, eine feieroolle hehre Stimmung überkommt den stillen Beschauer. Hier bist du mitten im Herzen der Heimat deines Vogelsbergs. Hier standen einst die Altäre der Heidengötter, Böcklins Priesterinnen scheinen im heiligen Hain zur Opfer- feier daherzuschreiten. Und dort drüben reckt sich, wächst empor und stemmt sich der Bergstock auf, der Hoherodskopf mit seinen Gesellen. Welch wunderVorläufige Nachricht von einem Kochen-Wlak, welches zu Giessen vsü öm Anfang des 1750™ Jahres cm jeden Dunsirag ausgegeben werben soll dtp dem Verleger Johann Philipp Krieger, Universität^ - Buchhändler, Geneigter Leser! Er b»n dem innerlichen Werthe einer wehl eingerichteten Wochen-Schrift iu urkheilen nicht fähig ist, den muß der allgemeine Bevfall, womit dergleichen an vielen L>ke„ inn, und ausserhalb Deutschlande« bißher ausgeg-beo« Blätter bißher beehret worden, von der Gräfe ihres Putzens überführen. Man findet sich hiesigen Ortes eben s» wohl verbunden, als fähig, nach dem B-ysp'-l lobwürdiger Vorgänger durch Aufsätze dieser Art tum Vortheile deS menschlichen Geschlechts beyjuti agen. D->r>hal- ben ist man entschlossen , von dem Anfänge deS nachstkunfttgen ,7roten Jahre« an, jede Woche Dienstkags einen Bogen unter dem Tuul: Gresser Wochen-- Blav, an daS Licht zu stellen. @8 ist in dieser Absicht vor näthig gehalten worden, nicht nur durch gegenwärtige vorläufige Zeilen dem geneigten Leser daS gute Vorhaben bekannt zu machen , und von dessen Einrichtung gebührende Nachricht zu ertheilen ; sondern auch dieselbe samt jedesmahl beygefügten neuen Proben im letzten Monath dieses Iah« «S viermahi ohne Entgelt ausjugeben. Einladung $um Bezug?des „Giesser Wochenblat" aus dein 3a:,it 17.9. Sozial- und Kleinrentner, die in Darunterstutzung, Dtaturalien und Brennmaterialien besteht. Es werden jetzt noch monatlich an rund 80 Empfänger Unterstützungen ausgezahlt. Mit der Not ging die Arbeitslosigkeit Hand in Hand. Die Zahl der Arbeitslosen, die unterstützt werden mußten, betrug bis zu täglich 200. Es wurden Notstandsarbeiten ausgeführt, wie z. B. Herstellung der Feldwege, Neuanlage von Straßen, Bachregulie- rungsarbeiten, Erweiterung des Kanal- und Wasserleitungsrohrnetzes, Brechen und Klopfen von Stein- material. Eine große Sorge, die auch heute noch nicht behoben ist, bereitete die Wohnungsnot. Trotzdem feit 1918 von der Stadt Lauterbach 20, vom hessischen Staat 6, vom Kreis 4, von der Heimstättenbaugesellschaft 35, von der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. und der Provinz Ober- dessen je 4 und von Privaten 33 Wohnungen gebaut worden sind, ist immer noch eine große Zahl Wohnungssuchender vorhanden, für die Wohnung zu beschaffen außerordentlich schwierig ist, da alle oerfügbaren Räume bereits ersaßt sind. Die Zahl der Einwohner ist in den letzten 5 Jahren von 4400 auf 4800 gestiegen. Zu den bereits vorhandenen Aemtern sind 1922 das Zollamt und 1925 das Bureau des hessischen Feldbereinigungs- kommissars neu hinzugekommen. Die Industrie, insbesondere die Blechwarenfgbrik, die Damenhutfabrik und die Stein- und Holzindustrie haben sich in den letzten Jahren außerordentlich entwickelt und durch Neubauten sich vergrößert. Die erwähnten Industriezweige beschäftigen z. Z. je über 100 Arbeiter. Der Zunahme der Bevölke- rung hat die Stadtverwaltung Rechnung getragen durch die Eröffnung neudr Straßen, die Erschließung größerer Baugelände in der Nähe des Südbahnhofes, durch den Ankauf der Stadtmühle und Ausbau derselben als Wasserkraftwerk, die Erweiterung des städtischen Wasserwerkes. Nach all dem Gesagten wollen wir hoffen, daß Lauterbach, das eine reiche aber auch schwere Vergangenheit hinter sich hat, auf dem seither gegangenen Wege unter der Leitung seiner umsichtigen Stadtverwaltung auch tcilnehmen wird an dem Ausstieg, den wir unserem Volk und Vaterlands wünschen. barer Wald thront dort ringsum auf den Gipfeln! Hier ist so der rechte stille Ort, von dem du so tief in das ernste, feierliche Antlitz des Dogeisberges schauen kannst. „So ganz als wollt' er öffnen sich", offenbart er sich hier der suchenden Seele. Und vor uns tief im Tal, im Mutterschoß unseres Vogelsbergs wohl geborgen, lebt, atmet und arbeitet unser liebliches Heimatstädtchen Schotten. Schottische Mönche haben vor über 1000 Jahren dieses idyllische, geschützte Plätzchen ausgesucht, um den Grundstein zur Kirche und Stadt zu legen. Zwei schottische Prinzessinnen, Rosamunde und Dicmudis, sollen etwa 200 Jahre später auf die Kunde vom Verfall der ersten Kirche einen Neubau betrieben haben. Die Errichtung der heutigen Stadtkirche, der „Liebfrauenkirche", das wertvollste Baudenkmal und Wahrzeichen Schottens, verlegt man um das Jahr 1350. Recht verwickelt sind die folgenden Rechts- und Eigentumsverhältnisse von Kirche und Ort Schotten. Den Breubergern, Eppensteinern und Trimbergern hot es längere Zeit gehört. Weil sie dem Kaiser Karl IV. die Treue hielten, verlieh er dem Dorf 1354 Stadtrechte, Gerichtsbarkeit, Marktrecht, Stadtwappen — ein weißer Falke auf blauem Grund. In diese Zeit fällt die Stadtbefestigung. Die Herren von Schenk zu Schweinsberg und die Roden- fteiner, auf die Amt und Stadt Schotten überging, führten ein reichliches Luder- und Raubritterleben, bis der rheinische Städtebund ihre Schottener Burgen erfolgreich berannte. Die Schlösser wurden zerstört, die Festungswerke geschleift, nur mühsam blieb die wertvolle Liebfrauenkirche erhalten. Die Freiherren von Niedesel sind einige Zeit Herren der Stadt, bis diese in der Mitte des 15. Jahrhunderts in den Besitz der Landgrafen von Hessen übergeht und von nun an die Geschicke des landgräflich hessischen Hauses teilt. Die kommenden Kriege (besonders der 30jährige) schlagen der Stadt schwere Wunden, aber die Zeit heilt sie wieder. Sparsamkeit, Arbeitsamkeit, gewerblicher Fleiß bringen das Städtchen durch alle Fährnisse der Jahrhunderte hindurch. Die Zünfte bilden sich, die Tuchmacher bringen es zu besonderer Blüte. Die Wälder ringsum liefern Holz, das in einer Reihe von gewerblichen Betrieben bearbeitet wird. Die Nidda, das Flüßchen, an dem sich das Städtchen entlang zieht, treibt auf ihrem Weg durchs grüne Tal über ein Dutzend Mühlwerke. Das kerElftes Blatt nige Vogelsberger Geschlecht, das drinnen im Städtchen waltet, hat sich von der Zeiten Not nicht unterliegen lassen. In Fleiß und Regsamkeit, fern den ungesunden Erregungen, der Nervosität der großen Städte lebt man in gesundem Frieden. Wer hier Wurzel gefaßt hat und bleibt, weiß, daß auch seine Kinder so weiterleben können, daß ihnen der gesunde Friede, die kraftspendende Gelassenheit des Lebens nicht gestört wird. So ist das Städtchen im Lauf der Jahre wohl etwas erweitert und neuerdings farbenfroh auf- gefrischt, innerlich aber unverändert geblieben und zu dem geworden, was es Jein will, ein biederes, echt- deutsches, oberhessisches Landstädtchen, eingebettet in ein herrliches Stückchen Natur, bereit, an seiner bescheidenen Stelle mitzuhelfen am Wiederaufbau unseres Vaterlandes. Die da draußen haben meist den Vogelsberg verachtet, Spottgeschichten vom hessischen Sibirien erzählt. Es ist anders geworden. Höhen und Wälder, die herrliche Natur, sie locken-Touristen und Sommerfrischler in Scharen zu uns, unsere Heimatschönbeit ist wieder bekannter geworden. Zu dieser Erschließung hat Gießen seinen Teil beigetragen. Wir gedenken hierbei besonders dankbar der beiden Zweigoereine Gießen und Taufstein vom Vogelsberger Höhenklub, des Schiklubs „Wintersport" und aller wackeren Männer, die unserer Gegend Lob und Preis draußen verkündet haben. Wir statten auch unserem Jubilar, dem „Gießener Anzeiger", an dieser Stelle unseren warmen Donk für fein Vorkämpsertum der Schönheit unserer Vogelsberger Heimat ab. „Der Gießener" ist ja für uns Oberhessen das gemeinsame, uns umschlingende Familien- dand. Mit Freuden genießen wir allabendlich die geistige Kost, die uns der „Gießener" aus allen Teilen der Welt, ganz besonders aber aus unserer engeren Heimat in vielfältiger Auslese bringt. Dadurch macht uns der liebe „Gießener" unsere Heimat und ihre lieben Menschen immer vertrauter und bekannter und hilft mit unseren Spruch verwirklichen: „Mir Owerhesse kenne sich, mer stelle sich net vor!" Darum nochmals innigen Dank für diese Arbeit im Dienste unserer oberhessischen Heimat, einen schönen, freundnachbarlichen Gruß aus Schotten und dem Vogelsberg, sie wünschen seinem lieben „Gießener Anzeiger" und der Provinzialhauptstadt weiteres Blühen, Wachsen und Gedeihen! Büdingen. Von Professor Dr. O. Dingeldein, Büdingen. Unter den Städten Oberhessens nimmt das kleine Büdingen eine eigenartige Stellung ein. Abseits von der großen Heerstraße, die Butzbach, Friedberg, Nauheim, Vilbel berührt, ohne die Zweigbahnen, die von Lauterbach, Alsfeld, Hungen, Nidda ausstrahlen und verkehrsfördernd wirken, liegt es weltabgeschieden, still und friedlich im Schutze seiner altersgrauen Mauern und Türme. Zwar ist die Stadt, zumal auf der Westseite, beträchtlich über diese Schranken hinausgewacysen; aber das Innere bietet im wesentlichen auch heute noch in erfreulicher Unberührtheit das Bild einer spätrnittelalterlichen Stadt. Büdingen ist aus einer Ansiedlung erwachsen, die sich an das €> d) l o angliederte. Diele Jahrhunderte haben diesem ebenso malerisch wie architektonisch interessanten Bau, nicht immer zu seinem Dorteil, ihren Stempel aufgedrückt. Neben rein romanischen Teilen, die in das 12. Jahrhundert hinaufreichen, wie das Portal der älteren Kapelle, sind auch Gottk, Renaissance und Barock vertreten. Das ehrwürdige Gebäude gilt als das älteste, noch jetzt dauernd bewohnte Schloß Deutschlands. Aus noch früherer Zeit stammt Die Remigiuskirche (jetzt Friedhofskapelle) im Stadtteil Grossendorf, einst Pfarrkirche für mehrere Ortschaften. In der Karo- lingerzeit erbaut, ist sie unzweifelhaft das älteste Gebäude Oberhessens und tritt in Wettbewerb mit der Steinbacher Einhard-Basilika und der Kloster- torhalle in Lorsch. Die Erbauer des Schlosses, die Grafen von Büdingen, übten nach der gewöhnlichen Annahme als Lehensleute des Königs den Forstbann aus im „Büdinger Wald", der auch heute noch das geräumige Dreieck zwischen Büdingen, Gelnhausen und Wächtersbach erfüllt; mit der Zeit wurden sie, wie das häufig vorkam, selbständige Besitzer. Schon 1250 erlosch der Mannesstamm mit Gerlach II., dessen Tochter Heilwigis mit Ludwig von Dsenbuxg vermählt war, und seitdem finden wir dies rheinische Geschlecht im Besitz der Grafschaft. 1317 wird Büdingen noch Dorf (villa) genannt; 1321 erschein! es zuerst als Stadt. Wie klein indessen diese Stadt noch war, der Kaiser Ludwig der Bayer Markt- recht und alle Privilegien verlieh, wie sie die Reichsstadt Gelnhausen besaß, lehrt die großenteils noch jetzt vorhandene Umfaffungsmauer. Die Altstadt schloß nach Norden mit der Karlspforte ab, jo bafi der heutige Marktplatz schon außerhalb der Mauer lag. Erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstand die Neustadt. Etwa 100 Jahre später, nämlich um 1500, wurde die wahrhaft großartige neue Befestigungslinie auf der Westseite der Stadt geschaffen. Die nahen Sandsteinbrüche lieferten ihr wie dem Schloß und anderen Monumentalbauten das treffliche Material. In einer Stärke, die es ihr ermöglicht, geräumige Gärten auf ihrem Rücken zu tragen, zieht sich diese Mauer, von massigen Türmen überragt, bis zum südwestlichen Eckturm. Von hier läuft sie in geringerer Stärke, weil hier der Bach einigen Schutz gewährte, ostwärts bis in die Nähe des Schlosses. In dieser Umgebung hat sich keine Spur einer Abschlußmauer finden lassen; offenbar bot der ausgedehnte Sumpf, der sich hier an die Wasserburg anschloß, genügende Sicherheit. Für die neue Befestigung war augenscheinlich nicht das Bestreben maßgebend, neues Baugelände zu erschließen, denn zwischen der alten und neuen Ringmauer standen und stehen nur ein paar Häuser, sondern die Notwendigkeit, gegenüber den verbesserten Feuerwaffe« die Stadt auf der offenen Talseite wirksamer zu schützen. Hier befindet sich auch das einzige nod) erhaltene Stadttor, das prächtige Unter- oder Jerusalemer Tor (1503); vom Mühltor sind noch Spuren am „Steinernen Haus", vom Obertor beträchtlichc Neste zu sehen. Diese Ringmauer, die ein unregelmäßiges Viereck von wenig mehr als 300' Meter Seitenlänge umschloß, bezeichnete für Jahrhunderte die Grenzen der Stadt; das Grossendorf, das eine selbständige Gemeinde bildete, und die dorfähnliche „Hinterburg auf dem linken Bachufer waren niemals in die Stadtbefestigung einbezogen. Erst im 18. Jahrhundert entstand außerhalb der Mauer die sog. Vorstadt, im 19. die Gymnasiums- (jetzt Hindenburg-! Straße; die Verbindungswege beider sind Schöp fangen der allerneuesten Zeit. Unter dem großen Kriege, der von 1618—4' Deutschland heimsuchte, hatte auch die Grafschaf! tte” 3n.S> ’ n "n Pont x WM Ä^* ,e"Qm®'äKt ^°^heW?n°L^«S «r •WIS J.&** uns, unter» «J® bllin, ii 9to°rb fcäAs **.tt;®** s ir, dem ®ut Dir tot^ tzn roafi'jÄ'S»- ö.-TÄ :SÄr':* ää£S ite***™ ?$*®äsä X?°fi -,Ut bie'e Arbeit ir »ntantmnfö» ,S™J f 5 6d,otkn und btr '$tn ik'nem heben Jiebenn b ®5?“*M «*» Gingen. °- Dingeldein, Bübinor ;n Oberhelfens nimmt da» Ibr artige Stellung ein. 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Auch die übliche Begleiterin der Kriege, die Pest, blieb nicht aus. Ihr sollen im Jahre 1635 allein in Büdingen 400 Menschen zum Opfer gefallen sein. Als en. .ich der Friede geschlossen wurde, war die Bevölkerung auf ein Drittel zusammengeschmolzen. Von Grossendorf und Hinterburg standen kaum noch ein paar Häuser, und der aus Urkunden bekannte Vorort Wenigendorf war so gründlich vertilgt, daß man heute nicht einmal seine Lage mehr festzustellen vermag. Die Grafen suchten durch weitgehende Vergünstigungen materieller Art (Stellung von Bauholz, Gewährung von Abgabenfreiheit u. dgl.) sowie durch einen damals seltenen Grad von Toleranz fremde Ansiedler mit Erfolg herbeizuziehen. So fanden sich Sektierer aller Art hier ein; am bedeutungsvollsten ward die Niederlassung der Herrnhuter (1736) auf dem naben Herrenhaaa. Hier entstand eine blühende Kolonie, doch infolge von Streitigkeiten mit der gräflichen Regierung wanderten sie nach einigen Jahrzehnten aus. Wahrend Rothenburg ob der Tauber sich weit ausgreifend am Rand der Hochebene ausbreitet und so den Eindruck einer weit größeren Stadt erweckt, drängen sich im „hessischen Rothenburg" die Häuser in schmalen Gassen auf engstem Raum zusammen, und während dort stattliche Privatgebäude von erheblichem Wohlstand der reichsfreien Bürger zeuaen, weisen hier die durchweg höchst bescheidenen, fast ärmlichen Häuser auf eine in kleinbürgerlich-beschränkten Verhältnissen lebende Bewohnerschaft hin. Einer um 1900 beginnenden regen Bautätigkeit, die zahlreiche schmucke Villen schus, machten Krieg und Inflation ein jähes Ende. Für größere gewerbliche Unternehmungen boten in früherer Zeit die engen Mauern des Städtchens, bei geringer Wasserkraft, keinen Raum, und den paar später im Bahnhofsviertel entstehenden Fabriken war kein rechtes Gedeihen beschieden. So verharren noch jetzt alle Handwerker wie die meisten Geschäftsleute und kleinen Beamten in jenem Zu- stände, den Goethe in „Hermann und Dorothea" als den idealen preist: „Heil dem Bürger des kleinen Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürger- gewerb paart! Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket; ihn verwirrt nicht die Sorge der vielbegehrten Städter." Der Kunde freilich, dessen Geduld zur Erntezeit oft auf eine harte Probe gestellt wird, findet diesen Zu- stand nicht immer ideal; indessen hat er den Bürgern die Nöte der Kriegszeit wesentlich erleichtert, wie auch der Brennstofimangel den 400 Leseholz- berechtigten weit weniger fühlbar war. Im übrigen hat natürlich das Städtchen von der Schwere der Zeit sein redlich Teil empfunden. Bei Ausbruch der Revolution machte sich eine Handvoll Soldaten zu Herren der Lage, und geraume Zeit herrschte hier mancherlei Willkür, wenn es auch zu größeren Ausschreitungen und Blutvergießen nicht kam. Immerhin war die Gärung, zumal in den umliegenden Dörfern, zeitweilig so groß, daß die Entsendung einer Maschinengewehr-Abteilung von Gießen für notwendig erachtet wurde. Die politischen Verhältnisse, welche die Revolution hier vorsand, waren eigenartig. Wie die Bewohner der meisten großen und kleinen Residenzen waren auch die Büdinger herkömmlicher Weise stark radikal gesinnt. Das zeigte sich bei den Wahlen, die stets — mit alleiniger Ausnahme der Hindenburg-Wahl — eine starke (sozial-)demokratische Mehrheit ergaben, tat aber der Anhänglichkeit der Bürgerschaft an das einheimische Fürstenhaus keinen Abbruch. Die traditionelle Leutseligkeit der Ysenburger tat dazu das Ihre; so erfreute sich besonders der 1906 verstorbene Fürst Bruno einer beispiellosen, wohlverdienten Beliebtheit. Sie kam auch seinem von dxr Revolution überraschten Sohn Wolfgang zugute, der weniger in die Öffentlichkeit trat. Er wurde persönlich kaum angefochten. Der weit verbreitete und künstlich genährte Landhunger wußte von den fürstlichen Pächtern bedeutende Flächen zu erlangen. Inzwischen haben die meisten eingesehen, daß sie die Feld- und Gartenerzeugnisse billiger kaufen, und der Ruf nach „mehr Land" ist so ziemlich verstummt. Die Einwohnerzahl Büdingens war stets sehr bescheiden; mehr als einmal wurde sogar, eine bei Landstädtchen nicht seltene Erscheinung, das langsame Wachstum durch eine rückläufige Bewegung unterbrochen. Sie betrug 1820: 2300; 1843: 3007; 1871: 2510 (!); 1925: 3513. Eine industrielle Ent- Wicklung des freundlichen Städtchens ist wenig wahrscheinlich und vielen nicht einmal erwünscht; es wird vorwiegend Kleinbürger- und Beamtenstadt bleiben. Der hohe landschaftliche Reiz ihrer Lage und Umgebung, die sehenswerten altertümlichen Bauten ziehen fortgesetzt Ausflügler, Historiker und Künstler an, und mancher Rentner wird auch in Zukunft finden, daß es sich hier ganz angenehm leben läßt. Friedberg. Don Bürgermeister Dr. Seyd, Friedberg. Friedberg, die Perle der goldenen Wetterau und zweitgrößte Stadt Oberhessens, einst die nordöstlichste römische Stadt auf germanischem Boden, erhielt bereits anfangs des 13. Jahrhunderts (1232, 1240, 1257) Stadtrechte durch die Hohenstaufen. Hier im Mittelpunkt eines der fruchtbarsten Landstriche Deutschlands erblühten Handel und Gewerbe. Die Stadt zerfiel seit 1245 in zwei Teile, in die Freie Reichsstadt und in die Freie Kaiserliche Burg; beide wurden im Jahre 1834 vereinigt. Schwer zu leiden hatten die Stadt und ihre Bürger durch den 30jäh- rigen und die folgenden Kriege (1618—1815). Als Wahrzeichen einstiger Macht und Größe bilden die große Liebfrauenkirche (1250), die breite Kaiser- ftrafje, das Judenbad (1260) sowie die Burg mit dem Adolfsturm (1347) und dem Schloß (1610) heute die Hauptsehenswürdigkeiten aus der Vergangenheit der Stadt. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts setzte erneut ein Aufschwung ein. Als wichtiger Eisenbahnknotenpunkt (6 Bahnlinien) und Umschlagsbahnhof für den Güterverkehr wurden die Bahnhofsanlagen dauernd vergrößert. Am 10. August 1913 konnte der neue Bahnhof in Betrieb genommen werden. Auf 11 200 Einwohner der Stadt entfallen allein etwa 2000 „Eisenbahner" mit ihren Familien. Im Süden der Giehener Anzeiger » Jubiläums-Ausgabe Seite 83 Stadt ist ein neues Viertel erwachsen, dessen Ausbau durch den Krieg jäh unterbrochen wurde. Eine Reihe stattlicher Neubauten entstand (Blindenanstalt, Post, Gewerbeschule, Oberförsterei, Hochbauamt, Finanzamt). Die Stadt baute ferner ein neues Gymnasium, ein Zollamt, ein modernes, den Anforderungen der Neuzeit entsprechendes Hospital (130 Betten) und war Dank des großen Opfersinns der Bürgerschaft in der Lage, einen stolzen Schwimmbadbau zu errichten. Dem von Frankfurt a. M. hierher verlegten Reichsbahnbetriebsamt wurde ein modernes städtisches Gebäude zur Verfügung gestellt. Das Jahr 1913 brachte der Stadt, in welcher sich bis 1870 ein hessisches Gardejägerbataillon befunden hatte, wieder Garnison, und zwar das 3. Bataillon des 5. Großh. Hess. Infanterie-Regiments Nr. 168. Alle Bemühungen der zuständigen Stellen, nach dem Kriege wieder Garnison nach Friedberg zu legen, scheiterten am Einspruch der Entente, da Friedberg sich innerhalb des Bannkreises der von den Franzosen besetzten ehemaligen Festung Mainz befindet. Als Er- satz für die Garnison erhielt die Stadt die 2. Abteilung Hessischer Schutzpolizei in Stärke von etwa 280 Mann in die frühere Militärkaserne. Die Stadtverwaltung hat seit einigen Jahren den Grundbesitz der Stadt planmäßig vergrößert, insbesondere wurde für die Industrie geeignetes Ge- lande angetauft. Die in der Vorkriegszeit bestehende Ansicht, tfrieöberg solle für ewig die Beamtenstadt bleiben und die geräuschvolle Industrie mit ihren teilweise unangenehmen Nebenerscheinungen fernhalten, ist heute von der Mehrheit einsichtiger Männer als veraltet, unzeitgemäß und entwicklungshemmend über Bord geworfen. Wenn auch augenblicklich angesichts der schlechten wirtschaft- lichen Lage der Industrie und der allgemeinen Geldnot an Errichtung neuer Fabriken kaum zu denken ist, so wird doch ein Umschwung sofort nach Eintreten besserer Verhältnisse erwartet. Eine der wichtigsten Fragen, die Arbeiterfrage, läßt sich unschwer lösen. Tausende gelernter und ungelernter Arbeiter der ganzen Wetterau fahren noch heute täglich in die Frankfurter Fabriken. Daß diese Arbeiter eine Beschäftigung in dem ihrer Heimat näher gelegenen Friedberg vorziehen würden, braucht wohl, nicht besonders erwähnt zu werden. Musik, Literatur und Kunst werden nach wie vor eifrig gepflegt. Ergänzend treten die Theater und icsser auf das Jahr 17 $o. Wit Hochförstl. Hcssmdarmstädnfcher gnädigsten Erlaubm'ß. MM Giessen, bey Johann Philipp Krieger. Titelseite des ersten Jahrgangs des »Giesser Wochenblatt" Der Krieg hat auch unserer Stadt schwere Wunden geschlagen. Trotzdem geht sie, wobei ihr allerdings durch'die heute nur spärlich zur Verfügung stehenden Mittel enge Grenzen gezogen sind, ziel- bewußt den für die Weiterentwicklung der Stadt als notwendig erkannten vorgezeichneten Weg. Friedberg, „die Stadt der Schulen und Behörden" — wohl kaum eine zweite Stadt von der Größe Friedbergs besitzt eine gleiche Anzahl solcher Einrichtungen — kann und darf, um so mehr, da ihm größere Industrie heute noch fehlt, nicht an einen „Abbau" von Schulen denken. Im Gegenteil: nach dem Krieg wurde die Realschule aur Oberrealschule ausgebaut, der höheren Mädchenschule wurde eine Frauenschule mit Fröbelkindergarten angegliedert, das staatliche Lehrerseminar wurde in eine Aujbau- schule umgewandelt, und die Verlegung einer landwirtschaftlichen Haushaltungsschule nach Friedberg ist beschlossen. Das Städtische Polytechnikum wurde nach Durchführung einschneidender Reformen weiter ausgebaut. Heute zählt es bereits 650 Studierende. Es kann mit Stolz auf seine Leistungen blicken, wurden doch bei dem kürzlichen Preisausschreiben zur Erlangung von Entwürfen für den Neubau des Polytechnikums durch das Preisgericht, in welchem auch Darmstädter und Offenbacher Baufachmänner von Ruf sich befinden, die beiden höchsten Preise einem Dozenten sowie einem ehemaligen Studierenden des Polytechnikums zuerkannt! Das städtische Museum, Archiv und Bibliothek erfuhren unter der sachkundigen Leitung der Professoren Dr. Blecher und Dr. Dreher weiteren Ausbau. Da durch den Wegfall der militärischen Erziehung die gesundheitliche Heranbildung der Jugend, Deutschlands Zukunft, nicht mehr genügend gewährleistet ist, unterstützt die Stadtverwaltung alle auf Hebung der Gesundheit und körperliche und geistige Erstarkung gerichteten Bestrebungen; sie stellte für mehrere Sportplätze bas Gelände zur Verfügung. Neue Anlagen wurden geschaffen, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk ausgebaut. Der Stadt mangelt es leider — es ist dies eine Versäumnis früherer Jahre — an einem modernen Kanalsystem. Angesichts der ungeheueren Kosten konnte vorerst nur die etappenweise Ausführung in Angriff genommen werden. Konzerte der Nachbarstädte Bad-Nauheim, Gießen und Frankfurt a. M. hinzu. In Friedberg befinden sich heute 19 Aerzte, bar- unter mehrere Spezialärzte; Handelskammer, Reichs- bank sowie eine Reihe weiterer Gelbinstitute sorgen für bie Interessen bes Hanbels, bes Gewerbes, ber Jnbustrie unb der Landwirtschaft. Zur Behebung ber Wohnungsnot unb Förde- rung bes einheimischen Hanbwerks stellte bie Stabt vor kurzem ben Betrag von 326 000 Mk. als Bau- barlehen an Private auf bie Dauer von 15 Jahren zu dem mäßigen Zinsfuß von 5 Proz. zur Verfügung. Leiber fehlen z. Z. bie Mittel, um bringend notwendige Schulneubauten sowie eine ebenso notwendige geräumige Stadthalle und ein Schlachthaus zu errichten. Zusammenfassend kann mit Befriedigung trotz der Nöte der Zeit, trotz der beschränkten Mittel und trotz ber heutigen steuerlichen Schröpfung ber Bür- gerschaft auf allen Gebieten ein gesunder Fortschritt festgestellt werden. Friedberg wird seine Schulen und Behörden nach wie vor als kostbares Kleinod hüten, es wird die Industrie, weil lebensnotwendig, fördern und wird vor allem auch — diese These ist für Friedberg als natürlichen Mittelpunkt der Wetterau mit Naturnotwendigkeit vorgezeichnet — stets den Grundsatz vertreten und vertreten müssen: „Stadt und Land, Hand in Hand!" Der Wiederaufbau muß und wird kommen! Marburg an der Lahn. Von Oberbürgermeister Dr. Voigt in Marburg. Die Entwicklung der Stadt Marburg in den letzten 25 Jahren zu beschreiben, wird mir nicht leicht fallen, da ich erst seit kaum 25 Wochen in Marburg tätig bin. Vorher habe ich von Marburg wohl gewußt, daß sie bie Stadt zahlreicher Kongresse ist, an denen ich selbst mehrfach sehr befriedigt teilgenommen habe, auch fyabe ich öfters gehört, daß Freunde der Natur und Kunst bei ihrer Durchreise durch bas Lahntal angesichts bes wunbervollen Aufbaues ber Stabt an dem vom Landgrafenschloß gekrönten Berge ihre Reise unterbrochen haben, um die Schönheiten näher zu betrachten. Die Eigenart ber Stabt, ben Stanb ihrer Kultur und Wohlfahrtspflege und ihre wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten zu durchschauen, bedarf es aber embrin- genber Tätigkeit in längerer Zeit. In ber Tat ist in Marburg vieles eigenartig, nicht zum wenigsten die soziologische Schichtung seiner Bevölkerung. Grund dafür ist die bas Leben in ber Stabt be- herrschende P h i l i p p s - U n i v e r s i t ä t, bie erftc protestantische Hochschule in Deutschland, die kurz vor ihrem 400jährigen Jubiläum stcht. Sie übt einen so starken Einfluß auf bie Zusammensetzung der Bevölkerung aus, daß z. B. genau so viel Klassen höherer Schulen eingerichtet werden mußten, wie Volksschulklassen bestehen. Die Stadt muß natürlich ein humanistisches Gymnasium und ein Real-Gymnasium ebenso besitzen, wie eine Oberrealschule und ein Oberlyzeum. Als eine Folge des Bestehens der Universität ist hier vom Bezirksver- bande Kassel eine große Lanbesheilanstalt gegründet, deren Direktor dem Lehrkörper der Universität an- gehört, ferner ein Krüppelheim und endlich zwei eigenartige Institute, die „Deutsche Burse für bas Deutschtum im Auslanbe", bereu umfangreiche und nützliche Tätigkeit stetige Erweiterungen nötig macht, und bie im Kriegsjahre 1917 gegrünbete Hochschulbücherei, Stubienanstalt unb Beratungs- stelle für blinbe (Stubierenbe, eine Anstalt, bie nicht allein tiefgehenbes Interesse ber Fachleute unb ber Akaberniker, sonbern eines jeben M-mschenfreundes erregen muß. Wie sehr in ben letzten Jahrzehnten bie Universität auch bie bauliche Entwicklung beeinflußt hat, geht baraus hervor, baß in bieser Zeit eine Anzahl großer Universitäts-Neubauten entstanden ist Da das architektonisch bemerkenswerte hochragende gotische Universitätsgebäude, bas vom Altmeister Schäfer erdacht, im Jahre 1878 aus dem Felsen gewachsen ist, bie stetig fteigenbe Zahl der Studierenden nicht mehr aufnehmen konnte — sie wuchs von 1200 im Jahre 1900 auf 2220 im letzten Semester — mußte ein großes neues Auditoriengebäude, das „Landgrafenhaus" erstellt werden, bas auch einen Teil ber Universitäts- Verwaltung ausnahm. Ferner entstauben ein neues Physikalisches Institut, ein Zahnärztliches Institut, eine Kinderklinik, eine Neroeuklinik unb eine Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Zur Zeit wird ber Neubau einer Hals-, Nasen- unb Ohrenklinik begonnen, unb bie Pläne für ein kuusthift 0 - risches archäologisches Institut sind bereits fertig, woburch bie Marburger Bevölke- rung auch in ben Genuß von modernen M u • feumsräumen kommen wirb, in benen burch Wauberausstellungen nicht allein Spitzenwerte früherer Kunstepochen, sonbern auch bas Kunst- schaffen ber Jetztzeit gezeigt werben soll. Auch die wertvollen heimatkundlichen Sammlungen des Hessischen Geschichtsoereins und des Marburger Altertums- unb Kunstvereins werben bort eine bleibenbe Stätte finben. In ganz Deutschlanb unb namentlich bei ben beutschen Akabemikeru ist bekannt, welch re-es unb fröhliches Stubentenleben im alten, schönen Marburg herrscht, bas namentlich von ben ersten Semestern als Universitätsstabt gewählt wirb. Nicht in gleichem Maße ist bekannt, wie opferwillig bie „Alten Herren" ber altberühmten Marburger 23er- binbungen für bie Korporationshäuser sorgen. Nicht weniger als 9 H ä u f e r in größen Ausmaßen finb in ber Berichtszeit entstauben, bas Allemannen- haus, das Teutonenhaus, das Arminenhaus, das Korpshaus Guestphalia, das Korpshaus Hasso- Nassooia, dis Häuser der Hasso-Borussen, Phi- lipinen, Friderizianer und des Akademischen Turnvereins, alle architektonisch unb in ihrer Inneneinrichtung bemerkenswert, meist herrlich an ben grünen Beraabhängen gelegen. Außer den öffentlichen Schulen, zu welchen in der letzten Zeit auch noch eine Gewerbeschule für Mädchen hinzugekommen ist, dienen dem Unterricht unb der Erziehung unserer Jugend „Dr. Müllers Wissenschaftliches Institut", das Knaben und Mab- chen für bas Abiturienten-Examen vorbereitet unb von mehreren hunbert Schülern besucht wirb, bie zum Teil im Alumnat leben, ferner eine Anzahl Pensionate für junge Mäbchen. Einige von diesen in schön gelegenen Villen untergebracyten Anstalten sind weithin bekannt. Daß die Universität auch auf das kulturelle Leben in der Stadt ausstrahlt, ist natürlich. Nur in wenigen Städten, auch in solchen, die größer sind als Marburg, wird die Bürgerschaft so viel Gelegenheit haben, Vorträge über Kunst, Wissen- schäft und Kultur anzuhören, wie die Marburger. Für den großen Teil der Bevölkerung, der sich, früher in höherer Berufsstellung, Marburg als Ruhesitz erkoren hat, ist dies ein wichtiger Faktor, zumal da auch die Musik — wiederum unter Beeinflussung des hervorragenden und rührigen Universitätsmusikdirektors — sick einer besonderen Pflege erfreut. Die „Stadtsäle , ein im wesentlichen der Stadt gehöriger, in privatwirtschaftlicher Form verwalteter Saalbau, geben nach ihrer geschmackvollen Wiederherstellung den Rahmen für die bekannten Konzerte des „Marburger Konzertvereins" unb heroorragenber Solisten, bie fast alle auf ber Reise von Frankfurt nach Kassel bie Marburger mit ihrer Kunst erfreuen. In biefem Saale muß auch z. Z. noch Theater gespielt werben. Das Gießener Stabttheater hat sich freundlichst bereit erklärt, bie besten ber in Gießen aufgeführten Stücke auch ben Marburgern ju Gehör zu bringen. Die Aufführungen finben in stäbtischer Regie statt, nachdem bie städtischen Körperschaften bie erforber- lichen Mittel für bie Einrichtung bes Theaters und für die Aufführungen bewilligt haben. Zur Aufnahme größerer Versammlungen dient die F e st h a l l e, auf der Bürgerwiese gelegen, die im letzten Sommer das Mitteldeutsche Sänger» bundesfest mit seiner prächttgen, volkstümlichen Kunst und seiner liebenswürdigen Fröhlichkeit und viele andere Veranstaltungen ausgenommen hat. Daß sich mit der geistigen Kultur die Körperpflege namentlich der Jugend verbinden muß, hat in der Nachkriegszeit auch in Marburg feinen Ausdruck dadurch gefunden, daß ein großes, nach neuesten sportlichen Grundsätzen angelegtes Stadion — auch wieder gemeinsam von Universität und Bürgerschaft — erbaut wurde. Trotz ungünstiger Wasserverhältnisse wird der Schwimm- und Rudersport, der Reitsport unb natürlich auch bas Fechten eifrig betrieben unb geförbert. Der Bau einer Schwimmhalle darf und wird nicht lange auf sich warten lassen. Wer sich im anmutigen Lahntal erholen will, findet dazu Gelegenheit in dem vortrefflich angelegten „Ludwig-Schüler-Par k", der in der 'Frühlingsblüte dieses Jahres der Blütenpracht bes Frankfurter Palmengartens kaum nachstand. In ihm steht ein Denkmal von feinster finniger Architektur zum Andenken an die Gefallenen des Marburger Jägerbataillons, dessen Traditionen — auch die des freundlichsten Zusammenlebens mit der Marburger Zivilbevölkerung — von dem jetzt hier Seite 84 Giehener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe Elftes Blatt stehenden Ausbildungsbataillon Nr. 15 ausgenommen sind und auf das sorgfältigste gepflegt werden. Besonders günstig liegt Marburg für das Wandern. Die Wälder reichen bis in die bewohnten Teile der Stadt hinunter und führen meilenweit ins Land hinein über das oberhesfische Bergland. Zum Dank für diese Gunst der Natur hat die Stadt eine Jugendherberge gebaut, die durch ihr Aeußeres und ihre gute Einrichtung viele im Lande übertrifft. Wenn die Wanderer nach den Höhen streben, so halten sie wohl zunächst an dem Schloß, um diese schönste mittelalterliche Burg mit ihrer kunsthistorisch interessanten Kapelle und dem „Rittersaal", der, nach Aufgabe seiner jetzigen Bestimmung, dereinst ein vornehmer Kongreßsaal zu werden verspricht. In dem Schloß ruhen die Schätze des Hessischen Staats- archivs. Dom Schloßberg geht es durch den von einem tüchtigen städtischen Gartenkünstler angelegten Stadtgarten zum „Dommelsberg". Don den Höhen dieser eichenbestandenen Kuppe genießt man unvergeßliche Blicke ins Lahntal und Marbachtal. Am Ausgang des Marbachtals ragt die wuchtige Eli- sabethkirche empor, das Juwel deutscher Frühgotik, bei deren Anblick ein empfängliches Gemüt wie von einem Haendelschen Chor ourchzittert wird. Die vielen Besucher von auswärts kommen auf der Hauptverkehrsstrecke Frankfurt—Kassel, aber auch auf den Eisenbahnstrecken Marburg—War- bürg, Marburg—Biedenkopf—Erndtebrück oder durch die Marburger Kreisbahn aus dem Ebsdorfer Grund hierher. Sie finden auch zum Verkehr innerhalb der Stadt eine städtische Straßenbahn. Sie ist dadurch bemerkenswert, daß sie von den Bahnen kleinerer Städte eine der wenigen war, die während des Krieges ihren vollen Betrieb aufrecht erhalten hat und die, insbesondere wohl infolge des Fremdenverkehrs, jährlich mehr als II Millionen Personen befördert. Ihre Triebkraft bezieht sie aus einem städtischen Elektrizitätswerk, das unter Hinzunahme von Strom aus dem staatlichen Elektrizitätswerk Borken nicht allein die Stadt, sondern auch den ganzen Landkreis Marburg mit elektrischer Energie versorgt. Die Ergänzung des Verkehrs soll demnächst durch eine Anzahl Postautolinien erfolgen. Wie überall in Deutschland, so haben die Bemühungen, den Verkehr zur Stadt und in der Stadt zu heben, durch den Krieg und die Nachkriegszeit eine starke Unterbrechung erlitten. Auch sonst ist naturgemäß durch die unglückliche Zeit die frühere Wohlhabenheit der Marburger Bevölkerung stark beeinträchtigt. Zur Zeit sind 15—20 Proz. der städtischen Bevölkerung unterstützungsbedürftig. Marburg hat 360 Sozialrentner, ober noch mehr Kleinrentner, nämlich 450, eine Zahl, die im Ver- hältnis zu seiner Einwohnerzahl sehr groß ist. Auch die Zahl der Erwerbslosen ist nicht gering, da in der Stadt wenig Arbeitsgelegenheit vorhanden ist und viele Arbeiter, die auswärts beschäftigt waren, dort feine Arbeit mehr finden und jetzt beschäf- tigungslos zu Hause sind. Wohl hat Marburg auch einige Industrien im Stadtbezirk, und zwar nicht unbedeutende: Die bekannten Behring-Werke A. G., ferner eine der größten Tapetenfabriken, Schreibwarenfabriken, Maschinenfabriken und Kunst- töpsereien u. a. Im Vergleich zu anderen Städten ist aber die Zahl der beschäftigten Arbeiter gering. Der Grund hierfür ist die natürliche Schönheit des Stadtbildes, zu deren Erhaltung man glaubte große Industriegebäude ausschließen zu müssen, und nicht zum wenigsten die Rücksichtnahme auf die Universität, deren Angehörige begreiflicherweise das Leben in einer reinen Wohnstadt oorziehen. Solche Rücksichtnahme war wohl nötig, aber sie hat dazu geführt, daß namentlich bei der Entwicklung der Steuergesetzgebung, welche die großen Gemeinden und namentlich die Gemeinden mit großen In- dustriebetrieben stark begünstigt, die Mittel zur Er- füllung der kulturellen und sozialen Pflichten der Stadt allzu knapp bemessen sind. Neuerdings sucht der preußische Staat in der Erkenntnis dieser Ungleichheit Abhilfe durch Ein- richtung von Ausgleichsfonds zu schaffen, gegen die aber die großen Städte, da sie an ihnen nur aktiv beteiligt sind, eine große Abneigung haben. Am wirksamsten ist natürlich in solcher Lage die Selbsthilfe. Wenn in richtiger Lage und in an- gemessener Entfernung von den Wohnstätten geeignete Industrien anzusiedeln sind, so ist das zu erstreben. Freilich dürfen gerade mit Rücksicht auf die Unterbringung von Industrie in geeigneter Lage der Vergrößerung d»s räumlich viel zu kleinen Stadtgebietes nicht solche Schwierigkeiten entgegengesetzt werden, wie das bisher der Fall war. An der Beseitigung der namentlich durch den Krieg entstandenen Schwierigkeiten zu arbeiten, entspricht aber dem tatkräftigen und zähen und doch bescheidenen Charakter der Marburger Bürger. Alle Nöte des Krieges und der Nachkriegszeit, die großen Verluste an Vermögen und die starken Beschränkungen des Einkommens des größten Teiles der Bevölkerung haben niemals vermocht, die Liebe zur Heimat einzudämmen. Der Gedanke, am Aufbau des Vaterlandes mitzuarbeiten, ist nirgends stärker als hier. Im Rahmen eines Zeitungsartikels läßt sich nicht eine Stadtgeschichte schreiben, nur die Grundlinien der Entwicklung können angebeutet und einzelne Besonderheiten können hervorgehoben werden. Daß die Redaktion des „Gießener Anzeigers" dies angeregt hat, ist sehr verdienstlich. Das gegenseitige Interesse der Nachbarstädte an ihren Einrichtungen, an ihren Vorzügen und an ihren Schwierigkeiten wird geweckt und gestärkt und es wird wahrscheinlich ein Fragen hinüber und herüber entstehen, wo man etwas besseres vermutet, als das ist, was man selbst besitzt. Wenn dadurch die hessischen Städte und ihre Nachbarn in ihrer Entwicklung gefördert werden, so wird das der Heimat und dem Vaterlande nützen. Dies mit allen Mitteln zu erstreben, ist Pflicht der Städte. Mit der Erfüllung vieler Pflicht wird auch der Wunsch des „Gießener Anzeigers" erfüllt, der in den 175 Jahren seines Bestehens so gern und erfolgreich der Heimatpflege und der Heimatliebe gedient hat. Wetzlar. Don Bürgermeister Dr. Kühn, Wetzlar. Wenn von der Entwicklung eines Gemeinwesens in den letzten 25 Jahren gesprochen werden soll, wird man insbesondere die wirtschaftliche und kommunalpolitische Seite derselben berücksichtigen müßen. Mauern und Türme sind gefallen, die alte städtische Kriegsverfassung, welche durch das Gegen- einander der Städte, der weltlichen und geistlichen Herren bedingt war, ist verschwunden. Die staatliche, kapitalistisch-liberale Epoche hat dem Städtebild ihren Stempel aufgedrückt. Dieser Entfaltungs- prozeß prägt sich im Stadtbilde Wetzlars deutlich aus. Nach allen Seiten hat das Leben über die Mauern Wetzlars hinausgedrängt. Jndu- strielle Werke, Schienenwege, Dillen und breite Straßen haben sich der wehrhaften Altstadt vorgelagert. Sie selbst in ihrer historischen Ehrwürdigkeit wird immer mehr zum Hemmnis in jeglicher Hinsicht. Das Jahr 1900 sand unser Gemeinwesen mitten in diesem wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß, welcher sich dann in ungleich weiteren Ausmaßen vollzog, als in den benachbarten Städten und Kreisen. Mit einer Bevölkerungszunahme von 21,69 Proz. in der Zeit von 1890—1910 stand der Kreis Wetzlar übet den Kreisen Limburg (14,86 Proz.), Unterlahn (5,35 Proz.), Oberlahn (1,47 Proz.) und Westerburg (0,85 Proz.-). Die Ein- wohnerzahl der Stadt Wetzlar Vtrug am 1. Dezember 1900: 8906 Köpfe, am 15. Oktober 1913: 14 513 Köpfe. Schon 1899 übertraf der Eisenbahngüterverkehr Wetzlars denjenigen Gießens erheblich. 1913 stand es mit einer Güter-Umfchlagsziffer von 748 282 Tonnen (442 233 i. I. 1899) bereits an zweiter Stelle im Direktionsbezirk Frankfurt a. M. Die entsprechenden Ziffern für den Personenverkehr betragen 250 777 Fahrkarten (1900) und 421 431 Fahrkarten 1912. Diese wirtschaftliche Vorwärts- entwicklung wurde weiter durch steigende Produk- tions-, Arbeiter- und Vermögensziffern, durch stan- dige Betriebserweiterungen, insbesondere der Walz- Werksanlagen und der optischen Industrie, gekennzeichnet. Die Eisensteinförderung im Kreise Wetzlar stieg von 256 499 Tonnen i. I. 1900 auf 351 610 Tonnen i. I. 1911. Die Roheisenerzeugung von 105 820 Tonnen (1900) auf 143 205 Tonnen (1911). Die Zahl der Bergarbeiter im gleichen Zeitraum von 1778 auf 2092, der Hüttenarbeiter von 349 auf 2878. Diesem Gange der Dinge mußten die öffentlichen Anstalten und Einrichtungen folgen. Unabweisbar erwies sich die Erweiterung des Bahnhofs, welche in langen Jahren von 1905 ab mit einem Kostenaufwande von 4 Millionen Mark be- werkstelligt wurde. Im übrigen ging man nach den damals herrschenden Grundsätzen der unbedingten Sparsamkeit ziemlich behutsam vor. Eine Unzahl von Bauprojekten tauchte auf, namentlich war das Verlangen nach besseren lokalen Verbindungen innerhalb des Kreises und der Stadt stark, auch trug man sich bereits mit dem Gedanken der Lahn- fanalifierung. Aus alledem schälte sich als Faktum der Bahnbau Wetzlar—Ufingen heraus (eingeweiht 1. November 1912). Der Vermittler aller dieser Wünsche wurde die 1900 gegründete Handelskammer für den Kreis Wetzlar. Der Kommunal- verwaltung erwuchsen aus der Bevölkerungs- Zunahme (Eingemeindung von Niedergirmes 1903), Der sozialen Umschichtung und dem Anwachsen des Verkehrs und Verbrauchs zahlreiche Aufgaben. Wir würden heute wünschen, man hätte damals noch größeres Gewicht auf die gestaltenden Aufgaben gelegt, ohne daß das Geleistete verkannt werden soll. Den gesteigerten Bedürfnissen des Verkehrs diente der Ausbau zahlreicher Straßen (Frankfurter-, Frieden-, Brühlsbach-, Turm-, Bannstraße, Schwanengasse und Dillbrücken). Die Licht- und Kraftver- forgung wurde durch den Bau eines neuen Gaswerks (1907) und eines Elektrizitätswerks mit Ueberlandzentrale (1911) zureichend gelöst. Das Wasserwerk mußte erweitert werden. Auch wurden die Straßenreinigunasmittel und die Feuer-Alarm- einrichtungen verbessert, die Anlagen verschönert, insbesondere aber der Volksgesundheit durch die Errichtung eines großen, modern ausgeftatteten Volks- bades mit Schwimmhalle, Wannen-, Brause- und Heilbädern ein großer Dienst erwiesen (1908). An größeren Bauten entstanden neu die Christus- kirche in Niedergirmes, das Lehrerseminar, das Bezirkskommando, das Amtsgericht und besonders die Unteroffizierschule, welche auf wiederholtes Er- suchen seitens der Stadt von Biebrich nach hier verlegt wurde. (Einweihung 1. April 1914.) Das großzügig angelegte Werk der Wiederherstellung des altehrwürdigen Domes fand am 10. und 11. Dezember 1910 nach lOjähriger Arbeit seinen Abschluß. Diese .wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung sand durch den Krieg, was die hauptsächlichsten Pro- duktionszweige anbetrifft, eine starke Förderung. Sie fanden in der Lieferung für den Heeresbedarf erschöpfende Beschäftigung und lohnenden Gewinn. Wenige Zahlen mögen dies erhellen. Die Eisensteinförderung der Buderusschen Eisenwerke stieg von 1914—1917 von 255 877 Tonnen auf 302 793 Tonnen, bte Roheisenerzeugung im gleichen Zeitraum von 125 298 Tonnen auf 192 116 Tonnen, die Erzeugung von elektrischem Licht für fremde Abnehmer von 1691 114 Kilowattstunden i. I. 1914 auf 6 993 166 Kilowattstunden i. J^ N48, die An- gestellten- und Arbeiterzahl von 8000 auf 9000 und der Umsatz von 24 375 000, im Jahre 1914 auf 60 536 822. M. i. I. 1918. Nicht ungünstiger stand die optisch-mechanische Industrie, die Leder- und die Kugellaaerindustrie da, hatte sich doch die Arbeiterzahl des größten damals anwesenden Lederwerks von 1914—1919 mehr als verdreifacht. Einzelne Fabrikationszweige hatten naturgemäß unter dem herrschenden Rohstoffmangel sehr zu leiden, so bie Handschuh, und Filzfabrikation. Desgl. waren der Groß- und Kleinhandel, namentlich in Lebensmitteln und Textilien, durch die Zwangswirtschaft in der Ausdehnung ihrer Geschäfte stark beschrankt, fiel doch z. B. der Umsatz des Konsumvereins e. G. m. b. H. von 979 138,66 i. I. 1913/14 auf 686 151,91 Mark in 1916/17 bei steigender' Mitgliederzahl. Diese exorbitante Entwicklung während der Kriegsbeil fand durch die Revolution und den ungünstigen Friedensschluß eine starke Beschränkung. Das Aufhören des Heeresbedarfes, der Abtransport der Gefangenen, die trostlose Derkehrs- lage der Eisenbahnen, der Rohstoffmangel, die natürliche Ermüdungsaktion nach dieser übermäßigen Kräfteanspannung und die anarchisch- revolutionäre Psychose brachten zunächst starke Produktionsrückgänge und Absatzstockungen. Die Eisenerzgewinnung der Buderusschen Werke ging bereits 1918 um 25 Proz. zurück, die Kalksteingewinnung um 15 Proz., von 5 Hochöfen brannte im November 1919 nur noch einer, desgl. ein Siemens-Martin- Ofen von dreien. Auch in der Folgezeit wurden die Verhältnisse in der Schwerindustrie nicht besser. Große Streiks und die Ruhrbesetzung führten zu Stillegungen von Gruben, Stembrüchen und den damit verbundenen Arbeiterentlassungen. Die Stabilisierung der Währung zeigte bij? übermäßig gesteigerten Selbstkosten und damit die Konkurrenzunfähigkeit unserer heimischen Industrie in einem hellen Lichte. Man beklagt sich insbesondere über die hohen Frachtensätze und die billige Kon- kurrenz der Franzosen und Belgier, welche infolge des Tiefttandes ihrer Wahrungen unter den deut- •Dreischneider- Ecken- MASCHINENFABRIK LEIPZIG-REUDNITZ KOHLGARTENSTRASSE RÜG UST FD MM konto: All Bahnhof - KONTOR: KOHLGARTENSTRASSE NR. UND LUTHERSTRASSE NR. gemeine Deutsche Creditanstalt- Bahnstation: Telegramm-Schlüssel: ABC-Code Ausgabe Ritzen, Rillen, Nuten und Biegen von Pappe Fernruf Nr. 21139 und 24174 • Postscheckkonto Nr. 3142 • Bank- .eipzig, Dresdner und VI, Mosse- Code, Hillgers Depeschenkürzer, Staudt & Hundius Telegramm-Adresse: Maschinfomm Blind- und Farbdruckpressen ■ Spezialmaschinen für Buchbindereien, Buchdruckereien, Geschäftsbücherfabriken -Ausstanzmaschinen- Packpressen, Steindruckhandpressen, Walzwerke • Maschinen zum Schneiden, nd Ausstoßmaschinen-Schlitzeinschneid- Faltschachtel-Stanzmaschinen W MG kauf von gut Molkerei mit gehoben. Au Jahres 1917 1800 Liter a Kartoffeln un Missionen auf verteilt, die Kc Stadt oorberc Liefervagsver und Trvckena mäßige Dich Die Mhm'iil scheu übrig, l lieserung seit angewiesen i Hindu ng mit zuglich der £ die 'Jelie/en GiäbtejnMfx von dort-für cblllge Versag, die Stadl 191’ hoses schreiten, heute aut bew vergrögert wi gleich zu Krie bewilligt zur von Kriegstei schlissen, Beih teln usw.), o Pachtung vai mit dem Sr hier eines „ für bie Kric 1014 wurde neten stehenl waren es n Mittagspvrti der reger T durch 6inrid genehmen Ä Arbeiter mal H Die Q mH 1916 n MW«, Ntn der Le '/Wiege Ä 'n MW ZL Lj N W» T. m. ■Ole neue ® Teschostrjah von 532315 r. gesa [panntefte |, öobnfen, in R der flrC Sh $ & I?e,er und L'hler des 3hr ?°Ier (auf Uzen fr A"ge, die 7 greine, Qr: StadtZ M mit s Ä* Ä E%|tenUfl| elftes Blatt Seite 85 n Der Kreisdirektor des Kreises Alsfeld, Herr Dr. Stammler. Seit vielen Jahren bringt der „Gießener Anzeiger“ in seinem lokalen Teil die neuesten Nachrichten aus allen sechs Kreisen der Provinz Oberhessen. Er erfreut sich deshalb in der Provinz, insbesondere auch im Kreis Alsfeld, immer zunehmender Beliebtheit, als einer Tageszeitung, die über das Wissenswerte auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet rasch und sicher orientiert. Die Sonderbeilagen „Heimat im Bild'‘ und „Die Scholle“ sind unserer, Landwirtschaft treibenden, mit Liebe am angestammten Heimatboden hängenden Bevölkerung besonders wertvoll. Der „Gießener Anzeiger“ kann mit berechtigtem Stolz auf seine Entwicklung in lysfähriger Arbeit zurückblicken und mit den schönsten Hoffnungen der Vollendung des zweiten Säkulums seines Bestehens entgegensehen. Giehener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe und Karton jinschnei^ Eigentums, wie die Verfassung gewährleistet, gesichert erscheinen. Inzwischen hatte die Stadtverwaltung ihre umfangreichen Pläne der Wirklichkeit entgegengeführt, ohne die durch die Nöte der Zeit verursachten besonderen Maßnahmen zu vernachlässigen. Einige Zahlen mögen einen Begriff von dein Ausmaß der Entwicklung Wetzlars in Dieser Zeit geben. Der Etat fand 1900 mit 191553,06 Mk. seinen Ausgleich, 1914 mit 1 501 162,05 Mk., 1925 mit 4 553 063 Mk. Das Steueraufkommen betrug 1900: 144 166,32 Mk., 1913: 525 134,15 Mk., 1925: 1865 712 Mk. Das Vermögen der Stadt stieg von 1913 bis 1924 von 9 053 538 Mk. auf 12 203 681 Mk. Geldnot, Wohnungsnot, Arbeits- lostgkeit und Verarmung der Kleinrentner erforder- ten schnelle Abhilfe. Dem ständig steigenden Geld- notenbedars konnte nur durch umfangreiche Notenausgabe der Stadtbehörde, des Kreiskommunalverbandes und der größeren industriellen Werke Genüge geschehen. Die Stadtverwaltung gab allein vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 1923 2254 Billiarden in 19 Werten heraus (ca. 20 Billionen Papiermark auf den Kopf der Bevölkerung vom 1. 9. 1922 ab bis 1. 12. 1923), welche in künstlerisch vollendeter Form lokal-historische Begebenheiten festhielten und für welche ein reges Sammlerinter- esse bestand. Eine Reihe von neugegründeten Ausschüssen (Wohnunas-, Arbeits. und Erwerbslosen- fürsorgeausschuh) hatte im Einvernehmen mit dem Bürgermeister über die zu treffenden Maßregeln zu befinden. Man suchte das Gute mit dem Nützlichen zu verbinden, indem man in der Weise der produktiven Erwerbslosenfürsorge die Arbeitslosen im Straßen- und Wohnungsbau beschäftigte. Zur Behebung der Wohnungsnot wurden umfangreiche Bauten in eigener Regie und durch den örtlichen Spar- und Bauverein mit wesentlicher Unterstützung der Stadt ausgeführt. Ganze Stadtteile, die sog. Kolonien, erstanden neu. Besaß die Stadt 1914 9 eigene Mietwohnungen, so 1925 deren 249, wozu noch 113 neue Wohnungen des Spar- und Bauvereins treten. Der Ausbau von Straßen wurde in der umfassendsten Weise durch- geführt. Eine schöne Leistung neuzeitlicher Städte- Fünft stellt in dieser Richtung die durch die Heber- tunnelung des Wetzbachs bewirkte Neuschaffung eines großen Platzes, des Solmferplatzes, dar. Die Bepflanzung der neuen Straßen nimmt die im Jahre Sich. Von Bürgermeister Völker, Ltch. „L i c h i, ist ein lustiges Gräfflich Solmi- schcs Staettlein / In der Wetteraw / an der Wetter / gar seboen gelegen / so nicht viel vber drey hundert Jahr alt/vnd anfaeng- lich von etlichen Dorffen in diesem Bezirdc zusammengezwungen worden / wie Dili- chius pag. 68. redet. Hat einen Thum / vnnd ist das Schloß /"darinn theils Graften von Solms Hoff halten; wie auch außer dem Staettlein nicht gar ein halbe Meyl wo! zu sehen das schoene vnnd reiche Closter Amspurg / welches bey diesen Kriegs-Vnruhen gantz spolirt /die Orgeln da rau ß genommen, vnnd die Bibliothec dis- trahirt worden.“ So schildert Matthias Merian im Jahre 1646 unsere Stadt in seiner „Beschreibung der vor- nembsten Städte und Plätze in Hessen vnd den benachbahrten Landtschaften“. Nach Roeschen (Vogelsberg und Wctterau, Marburg 1910, S. 42) wird Lich unter der Form „Licham", auch „Leoche" zum erstenmal in den Jahren 788 und 790 genannt, war aber Jahrhunderte hindurch ohne besondere Bedeutung. Im 11. Jahrhundert erscheinen die Herren von Arnsburg als Besitzer von Lich. Kuno von Arnsburg, der letzte seines Stammes, war ein Juaendgesährte Kaiser Heinrichs IV., der 1064 seinen Besitz in der Wetterau vermehrte. Seine Tochter ©ertrube heiratete einen Eberhard von Hagen. Der Sohn dieses Ehepaares benennt sich Konrad von Hagen und Arnsburg. Von ihm flammt Kuno, der zwischen 1151—1166 die gewaltige iftsbücher- Steindruck- Schneiden, mssE NR.4 5 , qi42-Bank' •nzifl Dresdner idiu5 Lauterbach, hersturm. zu wünschen übrig. Es fehlt vor allem auch ein angemessen großer Saalbau. Die Kommune hat die weltergehende Besserung der noch rückständigen Einrichtungen mit regem Eifer in Angriff genommen und ist fest gewillt, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Der künftigen Entwicklung der Stadt muß im Rahmen eines weitausholenden B e b a u u n as- planes beizeiten Rechnung getragen werben. Die Ausschreibung dieses Wettbewerbs zeitigte eine Reihe von guten Entwürfen, au» denen in die Tat umzusetzenbe Gedanken für die Neugestaltung des Stadtgebietes entnommen werden können. Es bedarf hier der Heberwindung unendlicher Schwierta- fetten, soweit die wasserwirtschaftlichen Fragen, die evtl. Lahnkanalisieruna, in Frage kommen, und nach deren Lösung wird die umfassende Umaeftaltuna der Bahnhossoerhöltnlsie mit Anschlußgleisen nach einem neu anzulegenden Jndustriegelönde die Hauptaufgabe sein. Mit der Lösung dieser Fragen geht Hand In Hand He Festlegung der durchgehenden Derkehrsstraßen, sowie die Verteilung der Siedlungsgebiete innerhalb des Stadtgebiets. Um allen diesen Ansprüchen einer künftigen Entwicklung gerecht werden zu können, werden sich auch umfassendere Eingemeindungen von Nachbarorten oder Teilen dieser Gemarkungen nicht umgehen lassen. DieDerkehrsfragen stehen ebenfalls Im Vordergrund des Interesses für die nächste Zukunft. Die Entwicklungsmöglichkeiten Wetzlars müssen, sobald die Aufschließung ausreichenden Jndustriegeländes mit Gleis- und Wasseranschlüssen erzielt ist, als durchaus günstige bezeichnet werben. Die Beseiti- gung der Hochwassergefahr Hand in Hand mit der Lahnkanalisierung wirb das Lahnbecken um Wetzlar, insvesondere stromaufwärts, zu einem umfangreichen Industriegebiet werden lassen, wenn erst bas Heranholen ber Kohle auf dem Wasserwege eine billigere Produktion und eine Konkurrenzfähigkeit mit jenen Industriegebieten, die an der Quelle dieser Kraft liegen, zuläßt. Dazu kommt, daß die Elektrifizierung in einem Maße voranschreitet, die über >rs Land Nassau und feine Nachbargebiete ein großes Stromnetz ausbreitet, das eine billigere und von jeden Störungen unabhängige Kraft- Ileferung gewährleistet. Jedenfalls kann diese Entwicklung, in welche auch die Ausschließung eines in landschaftlich hervor- ragender Gegend befegenen Wohngebietes einzubegreifen ist, wenn die heuttge schwere Zeit nicht ein kleines und verzagendes örtliches Geschlecht findet, beschleunigt und in ganz anderen Ausmaßen, als wenn man den Dingen ihren freien Lauf läßt, gefördert werden. Zeitspanne i. I. 1916 das Hofgut Allenberg. Gleich, wohl nistete sich in der Zukunft eine weitgehende Hnzusriedenheit bei der Menge der unter den Verhältnissen In erster Linie Notleidenden ein, welche mehrfach in die Erscheinung trat. Gewisse anarchisch - diktatorische Strömungen flössen jedoch, trotz des Sieges der demokratischrepublikanischen Richtung, gewissermaßen als Unter- wasser weiter. Die Inflation nährte den trüben Fluß. So ging es über zunehmende öffentliche und heimliche Wühlereien jenen denkwürdigen Oktobertagen 1923 entgegen, an denen der Mob unter eifriger Beteiligung unselbständiger und leichtgläubiger Elemente seinen Instinkten in umfangreichen Plünderungen und Demolierungen freien Lauf ließ. Erst das rücksichtslose Durchgreifen eines starken Schutzpolizeiaufgebots — ein Teil davon ist heute noch hier stationiert — konnte eine Atmosphäre schaffen, in welcher die Freiheit der Person und des Lauterbach, Schloß (Elfenbad). kauf von gutem Milchvieh und die Errichtung einer Molkerei mit Kühlanlage quantitativ und qualitativ gehoben. Auf diese Weise konnte im Laufe des Jahres 1917 die Milchbelieferung der Stadl von 1800 Liter auf 2600 Liter täglich erhöbt werden. Kartoffeln und Fleisch wurden von städtischen Kommissionen auf die Kleinhändler bzw. die Metzger verteilt, die Kartoffel^ außerdem in großen, von Der Stadl vorbereiteten Kellern aufgenommen. Durch Lieferungsverträge und die Errichtung einer Dörr- und Trockenanlage wurde eine gute und gleichmäßige Versorgung mit Gemüse und Obst erzielt. Die Nährmittel- und Futterversoraung ließ zu wünschen übrig, da die Stadt hierin lebigltd) auf die Belieferung seitens der Bezirksstelle der ZEG. in Köln angewiesen war und die selbsttätig angeknüpfte Verbindung mit der Lebensmitteleinkaussgesellschaft bezüglich der Schlüsselware lösen mußte. Doch erfolgte die Belieferung mit freier Ware seitens Dieses Slädlezweckverbandes bis 1920; im ganzen wurde von Dort für 2 221 246 Mk. Ware bezogen. Das völlige Versagen der privaten Fuhrunternehmer ließ die Stadt 1917 zur Errichtung eines eigenen Fubr- dofes schreiten, welcher sich als Dauereinrichtung vis heule gut bewährt hat uno durch mehrere Lastautos vergrötzert wurde. Für die Kriegsfürsorge wurde gleich zu Kriegsbeginn ein Kredit von 50 000 Mk. bewilligt zur Hntersttitzung bebürftiger Familien von Kriegsteilnehmern (Gewährung von Mietszu- schüssen, Beihilfen zur Beschaffung von Lebensmit- teln usw.), obwohl hierzu keinerlei rechtliche Verpflichtung vorlag. Später suchte man in Verbindung mit dem Kreise durch die bekannten Nagelungen, hier eines „Eisernen Brunnens", zusätzliche Mittel für die Kriegsfürsorge flüssig zu machen. Bereits 1914 wurde eine unter Leitung eines Stadtverordneten stehende Volksküche mit Speiseraum — später waren es mehrere — ins Leben gerufen, welche Mittagsportionen zu 10 Pf. verabfolgte Und von der reger Gebrauch gemacht wurde. Ebenso wurde durch Einrichtung von Wärmestuben für einen angenehmen Aufenthalt der zahlreichen auswärttgen Arbeiter während der Mittagszeit im Winter gesorgt. Die (£rrld)tung einer Kinderkrippe erwies sich 1916 mit der immer weitergehenden Berufstätigkeit der Frauen als notwendig. Die An- statten der Lebensmittelversorgung, der Kriegswohl- fahrtspflege und die städtischen Eigenwirtschaften hatten sich im Verlaus des Krieges derartig ausgewachsen, daß es sich als notwendig erwies, im In- tereffe der Klarheit und des leichteren Arbeitens diese gesamten Organisationen aus dem ordentlichen Etat herauszunehmen und in Form einer G. m. b. f). (Städtische Warenversorgung und Eigenwirtschaft G. m. v. H.) zu verselbständigen (1. 4. 1918). Die neue Gesellschaft zeigte am Schlüsse des ersten Geschäftsjahres (1. 4. 1919) ein Gesamtvermögen von 532 315,44 Mk. an. Die gesamte Bevölkerung war auf das Angespannteste im Dienste des Heimatheeres tätig. In Fabriken, Vereinen und Organisationen, im Roten Kreuz und im vaterländischen Hilfsdienst suchte man sich der großen nationalen Sache dienstbar zu machen. Insbesondere waren es auch die Schulen, welche sich durch Einsammeln von Laub und Metallen, als Erntehelfer, durch Kriegsanleihezeich- nungen und Goldabgabe hervortaten. Die Kriegs- anleihezeichnungen der Stadt, der Hnlernehmer, Arbeiter und Beamten gingen hoch in die Millionen. 513 ihrer besten Söhne verlor die Stadt durch den Krieg. Ihr Andenken wird durch zahlreiche Denk- mäler (auf dem Friedhof, im Dom) und in den Herzen der Lebenden festgehatten. Heber alle diese Dinge, die Tätigkeit und Erlebnisie der Behörden, Vereine, Organisationen und Hnternehmungen hat die Sladlverwattung die Herausgabe einer Kriegs- chronik mit Bildern vorbereitet. Die Revolution fand auch hier in der Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten, Bürger-, Bauern- und Beamtenräten ihren politischen Ausdruck. Während des Krieaes waren die sozialen Zustände, was das friedliche Zusammenleben der Arbeitnehmer und Arbeitgeber anbetrifft, wenigstens äußerlich durchaus gute. Man lehnte die Streikparole im Januar 1918 ab. Auch waren ja die Werke ihrerseits bemüht, die materielle Lage ihrer Arbeitnehmer in jeder Weise zu heben. Buderus richtete, um ein Beispiel zu nennen, zur Sicherstellung der Versorgung ihrer Belegschaften große Lebensmittelverkaufsstellen (Bu- derus-Haushalt) ein und pachtete auf eine größere errichtete Volkshochschule fand in den Räumen der zu einem „Volkshaus" hergerichteten katholischen Volksschule Unterkunft. Sie wird durch Beiträge Der Stadt lausend unterstützt. Die wahrend des Krieges und nach dem Kriege immer mehr sich verbreiternden Wohlfahrts- und Unterftüfcungsaufgaben fanden eine organische Zu- sammensassung im Wohlfahrtsamt, welches durch Personalunion mit dem Jugend- und dem Gesundheitsamt verbunden ist. Daneben ist ein ,.S 1 adtamt für Leibesübungen" neu begründet worden, welches einem städtischen Sport- lehrer untersteht, der auch Turnunterricht an den Schulen erteilt. Gerade auf Hefen Punkt der körperlichen Ertüchtigung ber Jugend, der Pflege von Sport und Spiel, hat die Stadt in richtiger Erkenntnis der Forderungen des Tages Gewicht gelegt. Dies kam einmal in der Herrichtung eines Stadions auf der Spildurg (1924) zum Ausdruck, welches, sowohl was die Ausgestaltung als auch die Lage anbetrifft, den Neid vieler größeren Städte Hervorrufen kann, »um andern in ber oerwallungs- organisatorischen Heraushebung dieses Aufgaben- f reife - in dem schon genannten Stadtamt für Leibesübungen. In die gleiche Richtung weisen die Zuwendungen, welche den Jugendherbergen und für die Kindererholung in Wegscheide gemacht werden. Ein neues Krankenhaus entstand 1923/24 in den Räumen des ehern. Lehrerseminars. Die Sladtsparkasse wurde vergrößert und zur Stadtbank ausgebaut. Eine außerordentliche Zuwendung an die Feuerwehr diente zur Be- schafsung einer Motorspritze und -leiter, sowie zur Herstellung einer Feuer-Alarmanlage, wodurch die lästige Oessentlichkeit des Feueralarms beeinträchtigt und die sichere Mobklisieruna ber Mannschaften besser gewährleistet erscheint. Zur Besserung ber Orientierungsmöglichkeiten namentlich für Kraftfahrzeuge würben bie Straßen- unb Wegemarkie- rungen gemäß Wettbewerbsersolg erneuert. In noch manch anderer Hinsicht wurden die kommunalen Einrichtungen gehoben, man denke etwa an die Anlagen- und Denkmalspflege, an bie Pflege historischer Stätten unb ber Slabtgeschichte überhaupt (Loltehaus unb stäbtisches Museum). Vieles würbe so gcrabe in den Nachkriegsjahren erreicht, doch noch lange nicht alles. Die Straßen- und Verkehrsverhättnisse, die Wohnungs-, Hotel- und Schlachlhosverhältnisse lassen i5l4Qm^NejleC Ser ÜrbMund ifSj H'lenmerf ft *’ srfsSft t'ÄÄSS 18. -licht auf lnbku|,ri?bie tt8et M hatte Ito ? x Uno die i 3 ign ljmDerein5 e. ®, SsBS» DLsr: ’ „7Iul «ine starke Be- rcn ber heeresbedarser her Mjiojtmangel, bie °ftlon M dieser über- 2 Unb ..bic °n°chsch. Absatzstockungen. Die 6i|en, Sf v ®erte, W bereits bie KalksteingewinniW Wen brannte im Nooembr WS0L ein Siemens-fKartr. in der Folgezeit wurden lu Schwerindustrie nicht btfitr. b bie Ruhrbe/etzung ' i von Trüben, Steinbrüchen ibenen Arbeitereniiassunaen. Währung zeigte tet übet- 'stiosten und damit die Ron- ' irer heimischen Wirte in ton beklagt sich insbesondere ensötze und die billige Äon- unb Belgier, welche insch Währungen unter Den beul' )ld-,Hoch-, chinen für schen Selbstkosten liefern können Die opttsch-mecha- nische Industrie hat nach vorübergehender Belebung ihres Geschäftes in der Inflation seit ber Stabili- Gerung ber Währung unter einem starken Rückgänge ber Nachfrage zu leiden. Einzelne Betriebe mußten bie Tore schließen. Die hohen Steuern unb bie Rrebitreftriftionen ber Reichsbank werben schwer empfunben. Daneben haben sich bis heute bie Shigel- logerinbustrie, einzelne Großhanbelszweige, beson- ders ber Fell- und Kohlenhandel, gut entwickelt. Im Ganzen betrachtet, hat unsere heimische Wirt- feyaft auch weiterhin eine beträchtliche Ausdehnung erfahren. Diese Tatsache ist in erster Linie auf die Ansiedlung eines neues großen Edelstahlwerkes, der Firma Röchling-Buderus, zurückzuführen, welche Neugründung aus einem Vertrage der Buderusschen Eisenwerke mit Den weltbekannten Stahlwerken von Röchling-Völklingen hervorgegangen ist unb durch welche bas weile Gelände zwischen den Buderusschen Werken und dem Dorfe Hermannslein vollständig bebaut wurde. Nicht zum geringsten Teil ist die Beoölkerungszunahme Wetzlars von 13 387 Köpfen (1. 12. 1910) auf 16 603 Kopfe (15. 6. 1925) auf diesen willkommenen Zuzug zurückzuführen. Der großen Fülle der verschiedenartigsten Aufgaben, welche an die Stadtverwaltung von 1914 bis 1925 herantraten, suchte dieselbe eifrigst nach- Aufommen. Es galt vor allem, bie öffentlichen Verhältnisse, Einrichtungen unb Anstalten Wetzlars an ben Stand ber Dinge heranzuführen, welcher einer Stadt von der Entwicklungsstufe Wetzlars entsprach. Der ausbrechende Krieg, welcher mit einer Fülle neuer Aufgaben die verminderte Beamlenzahl ber Stabtoerroaltung völlig in Anspruch nahm, ver- hinberte bie Inangriffnahme biefer Pläne. Die Leistungen aus bem Gebiete der Kriegswirtschaft unb ber Kriegsfürsorge, welche sich nunmehr entfcheibenb in ben Vorbergrunb stellten, würben mit Eifer unb Gewissenhaftigkeit vollzogen. Allerbings galt bie Stabt nicht als Kommunalver- band im Sinne bes Gesetzes; bie Aufgaben ber Vorratsfeststellung, Beaufsichtigung unb Beschlagnahme usw. fielen baher bem Kreiskommunaloer- banb zu. Der Stabt verblieb zunächst bie Organisation ber Hebernahme unb Verteilung ber vom Kreiskommunalverbanb zugewiesenen Lebensmittel, boch entfaltete sie eine äußerst rührige Tätigkeit, um durch Errichtung eigener Produktions- und Ver- arbeitungsftätten, durch Lieferungsoerlräge und den gärtnerei mit Baumschule vor, welche, in unmittelbarer Nähe des Friedhofs liegend, erstklassiges Blumenmaterial zur Bepflanzung der Gräber bereit hält. Der 1881 hergerichtete Friedhof wird gegenwärtig in weitfchauenden Ausmaßen erweitert. Gleichzeitig ist der Bau einer neuen Kapelle und eines Krematoriums begonnen. Die mißlichen Schulverhältnisse der Stabt fanden eine vorbildliche Umgeftaltung in dem Ausbau der ehern. Hnteroffizierschule zu Schulzwecken, Die Spilburg, wie sie jetzt — an eine alte Gewannbezeichnung an- lehnend — heißt, beherbergt in ihren veilen, luf- Ilgen Räumen, großen Spielplätzen und mutter- gültigen Turnhallen einen großen Teil der Wetzlarer Schulen einschl. ber It. Vertrag mit bem Fis- kus 1922 neugeschaffenen Aufbauschule („Deutsche Oberschule") unb ber bem Lyzeum neu angeglle- berten Frauenschule. Die nach dem Kriege ebenfalls freien Handel die Lebenshaltung ihrer Bürger zu verbesiern. Die Milchversorgung wurde durch An- ‘' 1919 gegründete, im Jahre 1922 erweiterte Stabt- € ii u1 lrJ mvw rtKVt Sette 86______________________________ Burg Münzenberg erbaute und sich Kuno j)err von Münzenberg benannte. Er war ein getreuer Ministeriale des sagenberühmten Kaisers Barbarossa. Auf einem Brakteaten (einseitig geprägten Silbermünze) ist er als Dynast mit Schwort und Lilienzepter dargestellt und als CVNO DE LICHE bezeichnet. Im Jahre 1255 kam Ltch durch Erbfolge unter die Herrschaft der Falkensteiner. Nun brach eine Zeit schöner Blüte und stolzen Auf- schwungs an. Dank seines freundschaftlichen Verhältnisses zu dem Kaiser Albrecht erreichte es Philipp von Falkenstein, das; das Dorf Lich am 10. März 1300 zur Stadt erhoben wurde und damit „das Recht einer Bürgergemcinde und alle Freiheiten „verliehen bekam", wie sie andere Städte des Reichs und ihre Einwohner Defifocn". In dieser Zeit wurde Lich durch Vereinigung mit mehreren Dörfern der Umgebung bedeutend vergrößert, es wurde eine neue Kirche gebaut und die erste Befestigungsanlage ge° schassen. Damals entstand die Gemarkung Lich, wie auch der bedeutende Waldbesitz der Stadt in dem Umfange, wie wir ihn heute vorfinden. Philipp III. von Falkenstein ist der Stifter des heute noch bestehenden, der Kirche und der Schule dienenden begüterten Manenstists. In den Jahren 1364—66 tobte ein heftiger Kampf zwischen Philipp IV. von Falkenstein und Ulrich HL von Hanau, der mit den vier wetterauischen Reichsstädten Frankfurt, Friedberg, Wetzlar, Gelnhausen verbündet war. Die ganze Gegend wurde entsetzlich verheert. Doch wehrte sich Philipp tapfer gegen die Uebermacht. Vergeblich wurde er in seiner Feste Warnsburg belagert. Er blieb unbezwungen. Die Li eher Stadtbürger hielten treu zu ihm. Auch schossen sie ihm 1500 Gulden vor, wofür der Stadtherr sie am 11. November 1366 von Steuer (Bede und Schatzung) befreite. Nach dem Tode des letzten Falkensteiners kam Lich 1418 an die Johanneslinie des Hauses Solms, deren ältester Zweig als S o l m s - 5) o h e n s o l m s ° L i ch bis auf den heutigen Tag in Lich feinen Sitz hat. Freude und Leid hat diese Familie mit der Stadt Lich geteilt; sie hat manchen bedeutenden Mann hervor- gebracht und für die Stadt Lich und ihre Bevölkerung wertvolle und nützliche Einrichtungen geschaffen. Mancher Sturm ist in den letzten fünf Jahrhunderten über unsere Stadt Hinweggebrauft. Furchtbar wütete der Schrecken des 30jährigen Krieges und der vielen anderen Kriegszüge, noch furchtbarer die Pest, die im Jahre 1635 während der kurzen Zeit von 8 Monaten über 1200 Menschen dahinraffte und ganze Straßen vollständig entvölkerte. Erst nach den Befreiungskriegen kam ein Aufatmen in die vorher schwer heimgesuchten deutschen Lande. Heute ist Lich ein gern besuchter Ausflugsort, dessen enge Gassen und altertümliche Gebäude die Erinnerung an vergangene Jahrhunderte lebendig halten. Der Besucher findet viel Sehenswertes. Allen voran der massige trutzige Wehrtum, auf dem in früheren Zeiten der Wächter saß, um mit schmetterndem Trompetentone das Nahen von Freund und Feind zu verkünden. Der gewaltige, 58 Meter hohe Turm, weithin die Gegend beherrschend, gibt der Stadt ihr Gepräge. Eigenartig in seiner quadra- tischen Form und seinem anmutigen belieferten Helm bietet er dem Wanderer, mag er kommen von welcher Seite er will, stets ein erhebendes Bild alten Kunstsinnes und der Wehrhaftigkeit früherer Jahrhunderte. Wenige Schritte davon steht die prächtige Marienstistskirche, im Anfang des 16. Jahrhunderts erbaut. Der gotische Stil, in dem das Bauwerk gehalten ist, ist nicht überall einheitlich durchgeführt; recht oft finden sich noch Anklänge an die romanische Zeit. Besonders beachtenswert sind die Grabsteine des Philipv III. von Falkenstein, des Johannes, Philipp, Reinhard und Otto von Solms. Gemalte Fenster, zum Teil aus alter Zeit stammend, und zahlreiche Grabsteine der Grafen von i Solms, größtenteils von künstlerischen und geschicht- lidjem Wert, zieren das Gotteshaus. Das inten * effantefte Stück der inneren Einrichtung der Kirche ist die altertümlid)c Kanzel mit prächtigen Holzschnitzereien und den Holzbildwerken von vier Kirchenvätern, während hoch oben über der Kanzel das Bildnis Mose, der die Gesetzestafeln in den Händen hält, sich befindet. Die Kanzel stammt aus der Kirche des Klosters Arnsburg und ist ein eigenartiges Zeugnis mittelalterlicher Kunst. Angelehnt an die Kirche, nahe dem Hauptein- gange, hat im Jahre 1923 das Denkmal für die Opfer des Weltkrieges feinen Platz gefunden. Das Steindenkmal enthält neben der Widmung in wirkungsvollem Relief die Darstellung des Kampfes des Erzengels Michael mit dem Drachen. Es ist ein Werk echter Hrssenkunst, von dem bekannten Bildhauer Huber aus Offenbach gesdiaffen. Die Namen der 92 Gefallenen finden sich beiderseits des Gedenksteines auf den Pfeilern der Kirche. Bon alten Zeiten reden viele Fachwerkhäuser, teils mit hübschen Erkern geschmückt und mit Inschriften versehen. Wir finden sie besonders in der Unter- und Oberstadt, in der Kirchgasse, Schloßgasse und Hintergasse. Das prachtvollste der alten Häuser unserer Stadt ist zweifellos das 1632 erbaute sog. Hellwigsche Haus auf dem Kirchenplatz. Hier finden mir Holzschnitzereien von seltener Schönheit. Lich war schon im Mittelalter eine starke Feste. Durch R ein harddenA eiteren (1491—1562), den Kaiserlichen Truppeninspektor, der aud) die F e st u n g Ingolstadt erbaut hat, wurde um 1540 die Festung in gewaltigen Maßen ausgebaut. Gegen Süden bot die Wetter mit ihrem sumpfigen Wiesengelände einen starken natürlichen Schutz. Trotzdem hat man noch einen großen Erdwall mit starken Bastionen aufgeworfen, hinter dem sich, an die Stadtmalier anschließend, ein tiefer Graben hinzog, der im Bedarfsfälle mit Wasser gefüllt werden konnte. Leider sieht man heute nur noch wenige Ucberrefte dieser sehr interessanten Befestigungsart. Auch die drei Stadttore (Oberpforte, Unterpforte und Röderpforte) sind der Zeit zum Opfer gefallen. Dem schönsten von ihnen, dem Doertor? ist es vergönnt, im Bilde als Stadtwappen weiterzuleben. Diesen Zeugen aus alter Zeit stellt fick) das fürstliche Schloß mit dem herrlichen Schloßpark würdig zur Seite. Das Schloß birgt reiche Kunstschätze. In seinem Erdgeschoß, nahe dem Hauptportale, steht das Modell des in Ingolstadt errichteten Denkmals des obengenannten Grafen Reinhard des Weiteren (1491—1562). Vor dem Schloß, auf dem sog. Schloßplatz, ist das Denkmal des 1880 verstorbenen Fürsten Ludwig ausgestellt, eines geistig hochstehen- den Mannes, der fid) durch seine philosophischen und theologischen Schriften einen Namen gemacht hat. Nicht vergessen wollen wir die durch landschaft- liche Reize allerlei Art sich auszeichneilde Umgebung der Stadt mit ihren bewaldeten Hügeln und ihren in saftigem Grün prangenden Wiesen- gründen, oftmals durchbrochen von Teichen und murmelnden Bächen. Gießener Anzeiger - Iubiläums-Ausqabe Den Hauptermerbszweig der Bevölkerung bildet die Landwirtschaft. Ackerbau und Viehzucht stehen in schöner Blüte. Um ihre Hebung bemühen sich besonders das Landwirtschaftsamt und die landwirtschaftliche Schule. Die fürstlichen Hofgüter Lich und Eolnlausen kann man als landwirtschaftliche Mustergüter bezeichnen, die oftmals das Ziel von Studierenden der Landesuniversität sind. Daneben finden wir reges Geschäftsleben. Als Mittelpunkt des Amtsgerichtsbezirks Lich wird unsere Stadt für dieses Gebiet auch zum geschäftlichen Mittelpunkt. Recht umfangreich ist der Handel mit Landesprodukten und der Viehhandel. Zur Hebung des Geschäftsverkehrs dienen sechs Märkte, der Fastnachts-, Oster-, Sommer-, Kirchweih- und Weihnachtsmarkt, um deren Ausbau sich die Stadtverwaltung seit Jahren bemüht. Reiche Existenzmöglichkeiten für die arbeitende Bevölkerung bieten verschiedene aufstrebende Industrien, zwei Brauereien, deren größte, die Brauerei Jhring-Melchior, in den letzten 3 Jahren eine bedeutende Erweiterung erfahren hat und die größte Brauerei Oberhessens ist, ferner Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen, Orgel-, Harmonium- und Klavierbauanstalten, eine große Ringofenziegelei, Faßfabriken, zwei Sägewerke, eine Eisschrankfabrik u. a. Allenthalben begegnen wir regem Aufschwung. Neben umfangreichen Straßenbauten im Anschluß an die vor kurzem beendigte Feldbereinigung plant die Stadt die Errichtung größerer Gebäude, eines Schulhausneubaues, der sehr notwendig ist, einer Viehzuchtstation, die Gestüt und Faselstall aufnehmen soll, einer großen Dreschhalle u. a. in. In Anbetracht der Nähe Gießens finden wir m Lich feine höheren Schulen, wohl aber Fachschulen, wie die Landwirtschaftliche Schule, und eine beruf- lich gegliederte Fortbildungsschule. Die Volksschule ist erweitert durch Klassen mit höheren Lehrzielen und Klassen für schwach Begabte. So sehen wir dank der Unterstützung der Schulbehörden einen sehr erfreulichen inneren Ausbau unserer Schule, die zu einer Musteranstalt werden wird, sobald die Geldverhältnisse es gestatten, ihr ein neues Heim zu schaffen. Das Vereinsleben ist stark entwickelt; man pflegt den Gesang, den Turn- und Wandersport und nicht zuletzt die Kameradschaftlichkeit bei Kriegsteilnehmern, Schützen» und Altersgenossen. Die Turnhalle des Turnvereins erfährt in diesem Jahre eine bedeutende Erweiterung, die sie zum größten 23er» sammlungssaale Lichs macht, und auf Die der herein mit berechtigtem Stolz blicken darf. Nicht unerwähnt lassen wollen wir die Freiwillige Feuer- wehr, die unter zielbewußter Leitung auf der Höhe steht und im Jahre 1927 das Fest ihres 50jährigen Bestehens zu feiern gedenkt. Als gemeinnützige Vereine seien weiterhin genannt: Der Volksbilbungs- verein, der eine stattliche Bücherei unterhält, wie sie kaum eine andere Stadt in der Größe Lichs aufzuweisen hat, und der Verkehrs- und Verschöne- rungsoerein. Ueberschaut man Lich im Blick auf das große Ganze, dann findet man Landwirtschaft und Industrie, Gewerbe und Handel in gesunder Mischung neoeneinanber. Fleiß und Arbeitsamkeit des Bauern und geschästige Betriebsamkeit des Bürgers reichen sich die Hand; mag aud) Kriegs- und Inflationszeit manches zerstört und vieles gehemmt haben, man steht und spürt es überall: Es geht wieder vorwärts! Gott gebe, daß zum Pflügen und Säen von heute eine gesegnete Erntezeit folgen möge! Landmaschinen nnö Geräte aller Jirt <• Ersahteillagec für Mähmaschinen usw. Gut eingerichtete Reparaturwerkstatt für Landmaschinen fiutogenschweißerri - Nähmaschinenhandlung und -Reparaturen Lagerbesichtigung erwünscht ❖ Zrieörich C. weiß Fernruf 10 Grünberg Zerncus 10 Maschinenschiosserei - Fabrikation Hungen. Von Bürgermeister Fendt, Hungen. An der nördlichen Grenze der oberhessischen Kornkammer, der gesegneten 2Betterau, dort, wo die Landschaft in sanften Steigungen zu den Höhen des Vogelsbergs überleitet, wo der Limes oder Pfahlgraben weit nach Norden ausbog, liegt in einstens germanischem Grenzgebiet das ehemals befestigte Landstädtchen Hungen. Nur wenige, infolge bergbaulicher und industrieller Anlagen dem Uneingeweihten nicht mehr erkennbare Reste an der Ge- markungsgrenze Hos-Graß sind noch stumme Zeugen der ehemaligen römischen Besestigungen. Und ebenso wie diese Bollwerke und die in ihren Fundamenten vor einigen Jahrzehnten nochmals blohgelegten Wachttürme den Weg alles Zeitlichen genommen, so zeugen auch andererseits von der späteren Befestigung der Stadt nur noch Bruchstücke von Wall, Graben und Mauer. In welche Zeit die Gründung Hungens fallen mag, läßt sich nicht nachweisen, auf das Vorhandensein von Siedelungen in grauer Vorzeit in seiner Nähe deuten indessen mit ziemlicher Bestimmtheit eine größere Gruppe und mehrere einzelne Hügelgräber hin. Aus der „Stätte des Hoho" leitet man den Namen Hoinaen, später Houngen und zuletzt Hungen ab. Urkundlich wird der Name Hoinge erstmals 782, und zwar als Lehen des Klosters Hersfeld erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte es mehrfach seine Besitzer; so kam es im 12. Jahrhundert an Münzenberg, etwa in der Mitte des 13. Jahrhunderts an Falkenstein und 1419 an das Haus Solms, das noch heute in seiner Braunfelser Linie die Standesherrschast bildet. In der Zeit vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis 1678 bildete Hungen mit einer Anzahl Ortschaften, die noch heute zum evangelischen Dekanat Hungen gehören, eine selbständige Grafschaft, welche nach dem Tode des letzten Grafen Moritz zu Solms-Hungen an Solms-Greifenstein und Solms-Braunfels überging. Mit der im Jahre 1361 .erfolgten Verleihung der Stadtrechte durch Kaiser Karl IV. erhielt Hun- gen sein Wappen: ein Wasserturm im weißen Feld mit Ranken und rotgolbenem Schilbe, sowie Umschrift auf blauem Grunbe. — Das Schloß ber Herren von Hungen befanb bzw. befinbet sich auf ber Höhe im süblichen Teile bes Ortes unb wirb zum ersten Male als bie Burg derer von Falken- ftein im Jahre 1383 erwähnt unb von 1454 bis 1456 einem Umbau unterzogen, währenb es seine heutige Gestalt im Jahre 1701 erhielt. Ebenso wie das Schloß auf ber Höhe, welches Angehörigen des Hauses Solms-Braunfels als bauernber Wohnsitz dient, beherrscht bas Stabtbild bie unweit von jenem gelegene evangelische Stabt- kirche, bie nach Prof. Walbe (vgl. Denkmalspflege VIII., Jahrgang Nr. 15 v. 1911) ben Vorzug hat, der erste ausgesprochen protestantische Kirchenbau zu sein. Ihr Bestand reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück, doch besteht von dem ursprünglichen Bauwerk nur noch der Turm, während ber östlich an biegen anschließenbe, als Grabstätte ber ehemaligen Grafen von Hungen bienenbe gotische Chor kurze Zeit später erbaut würbe. Bei ber im Jahre 1907 vorgenommenen grünblichen Renovierung ber gesamten Kirche stieß man auf alte kunstvolle Malereien, bie von Künstlerhanb wieberhergestellt würben. Das Schiff ber Kirche, in seiner Schlichtheit echt reformierten Charakter zeigenb, würbe in ben Jahren 1597—1601 erbaut. Mit befonberer Liebe hängt besonbers bie Althungener Einwohnerschaft an ihrem allseits anerkannt schönen unb bes- halb in einzelnen Stücken selbst ber Stabt Frankfurt a. M. vor Zeiten begehrenswert erscheinenben Kirchengeläute, das ebenso, wie es ben Gefahren bes 30jahrigen Krieges entgangen, auch erfreulicherweise währenb bes Weltkrieges nicht bas Los so vieler anberer Kirchenglocken zu teilen brauchte unb auch fernerhin ein befonberer Stolz bes Stäbichens sein wirb. Wie an viele Kirchenglocken, knüpft sich auch an bie größte ber hiesigen, aus bem Jahre 1452 ftammenbe Glocke mit Bezug auf ihre Her- tunft die Legende. Dank feiner günstigen Lage an der alten, durch den Hungener Stadtwald ziehenden Heerstraße Friedberg—Alsfeld konnte das Städtchen in ver- gangenen Jahrhunderten mehrfach eine rasche Entwicklung erleben, blieb aber mit feiner Umgebung auch andererseits infolge der vielfachen Unruhen, des Fehdewefens, des 30jähriyen unb später ber Napvleonschen Kriege von Rückschlägen unb Bedrängungen aller Art nicht verschont, wie das Eingehen einer Reihe von Ortschaften sowie die alten Stadtrechnungen bezeugen. Auch eine kleine Baum- gruppe auf der Hohe neben ber Kreisstraße nach Nonnenroty, bie Kaiserlichen genannt, bie sich über ben Gräbern einer größeren Anzahl Krieger aus ben 90er Jahren bes vorletzten Jahrhunberts erhebt, mag als ein Erinnerungszeichen an bie Leiben, benen die Gegend ausgesetzt gewesen, erwähnt sein. Auch bie inneren Unruhen in ber Zeit von 1830 bis 1848 blieben nicht ohne Einfluß auf bie Stabt, ihre Einwohnerschaft, ihre Entwicklung unb Ausgestaltung, bis bann gegen Mitte bes verflossenen Jahrhunberts eine Auswärtsbewegung langsam in bie Erscheinung trat. Der sich um Die Stadt legende Befestigungsring wurde gesprengt, die Mauern an verschiedenen Stellen niedergelegt, die Wälle geschleift und der Wallgraben oerebnet; die beiden Tore allerdings waren schon nahezu 50 Jahre zu- vor teils eingestürzt, teils wegen Baufälligkeit abgebrochen worden. Mit der Sprengung des alten einengenöen Gürtels war zum ersten Male der Ausdehnung des Gemeinwesens ber Weg geebnet; es begann ein neuer Zeitabschnitt. Noch ertönte bas Horn ber Post nach ben verschiebenden Richtungen hin, bis auch biefes letzte ibyllische Stück einer ba- hin"ilenben Epoche bem neuen Verkehrsmittel, ber neuen Zeit weichen mußte unb Hungen im Jahre 1869 Eisenbahnstation ber Linie Gießen—Gelnhausen würbe, von ber aus seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts bie Seitenlinien Hungen— Laubach — Mücke, Hungen—Ruppertsburg—Frieb- richshütte und Hungen — Friedberg abzweigen. Leider ist dem ersten Bahnbau infolge des Mangels eines Naturdenkmalschutzgesetzes einer der malerischsten Plätze der Stadt, der mit Eichen und Buchen bestandene Schloßwall, auf dessen Hohe in alten Zeiten bie Lokalfeste abgehalten wurden, ganz unnötigerweise zum Opfer gefallen. Die natürlichen Folgen des Bahnanschlusses zeigten sich alsbald in ber Entwicklung ber Industrie. Verschiebens, bis bahin nur in mäßigem Umfange betriebene Brauneisensteingruben unb Braunkohlenbergwerke erweiterten ihre Betriebe, erhielten später bireften Bahn- ober Seilbahnanschluh, eine Brikettfabrik, bie einzige in Hessen, erftanb; Basaltsteinbrüche taten sich Hadeka-Haus Damen-und Kinderkonfektion Kurz-, Weiß- und Wollwaren Große Auswahl Billigste Preise Philipp Kropp Nachff. Grünberg Elftes Blatt auf, unb heute hort man außer ihnen das Arbeiten von Sägewerken, bemerkt man die Schlote der Dampfziegelei, durchfahren aus allen Richtungen die Milchwagen der Dampfmolkerei die Stadt, be- obachtet man den regen Betrieb in Zementwarenfabriken u. a. m., sämtlich Unternehmen, die Hunderten von Angehörigen eines eifrigen Arbeiter- ftanbes Arbeits- unb Verbienstmöglichkeit bieten. Daneben ist aber auch ber anbere wichtige Faktor im gesamten Wirtschaftsleben, bie besonbers in ber Wetterau durch bie Gunst ber Bobenverhältnisse von altersher naturgemäß stark entwickelte Lanbwirt- schaft, nicht im Rückstände geblieben. Rechtzeitig die Forderungen der Neuzeit erkennend und sich deren wissenschaftliche Errungenschaften für die Praxis zunutze machend, dank der vorbildlichen Tätigkeit größerer wie kleinerer Landwirte, dank der segensreichen Einwirkungen staatlicher Bildungsanftalten zeigte sich auch hier eine allgemeine Aufwärtsbewegung. Erinnert sei nur an die Feldbereinigung, die die Möglichkeit zu einer Vereinfachung und Erleichterung der Wirtschaftsweise bietet unb bie in hiesiger Gemarkung bereits vor etwa 20 Jahren durchgeführt wurde, dabei nicht nur bie Belange ber Landwirtschaft treibenden Bevölkerung förderte, sondern auch infolge der Schaffung öffentlicher Anlagen, von Marktplätzen und vor allem -iwrd) die Erschließung neuer Bauguartiere der Allgemeinheit dient. Zum zweiten Male war hiermit der Weg zur Stadtausdehnung geebnet. Das Erstehen eines ganz neuen Stadtteils auf Grund eines besonderen Ortsbauplans ist damit zur Tatsache geworden. Unter den Neubauten des letzten Vierteljahrhunderts nimmt die Bildungsstätte der Hungener Jugend, das neue Schulhaus, den ersten Rang ein, das sowohl ber Volks- als auch ber Höheren Büruerichuie als Heim bient unb mit allen neuzeitlichen Einrichtungen, u. a. auch mit Schüler- unb Volksbab versehen ist. Es erhebt sich in ber Nähe bes alten, einem Slraßenburchbruch zum Opfer gefallenen städtischen Brauhauses, eines ehemaligen Klosters, während das alte Schulgebäude in der Schloßgafse, in dem der ehemalige Fürstlich Solmsische Forstmeister, nachmalige preußische Staatsrat und Oberlandforstmeister Georg Ludwig Hartig die erste deutsche Forstschule gründete, heute Zwecken der Bürgermeisterei dient. Das lange Jahre in demselben Hause untergebrachte Steuerkommissariat, nunmehrige Finanzamt Hungen, hat vor zwanzig Jahren einen staatlichen Neubau im neuen Stadtteil bezogen. In seiner Nähe ist die vor mehreren Jahren hierher verlegte Finanzkasse in einem Neubau untergebracht. Außer diesen Aemtern besitzt Hungen noch ein Amtsgericht und Vermessungsamt, auch war es von 1841 bis 1848 Sitz eines Kreisamts. Eine katholische Kirche wurde im Jahre 1907 erbaut. Wie dem allenchalben zu Beginn des Jahrhunderts einsetzenden Aufschwung der Weltkrieg ein gebieterisches Halt entgegensetzte, so mußte auch in Hungen ein Stillstand eintreten, um bas Schwergewicht aller Maßnahmen auf die Kriegshilfe unb bas soziale Gebiet zu legen. Sofort nach Kriegsausbruch mürbe bas erst kurz zuvor feiner Bestimmung übergebene Schulgebciube in all seinen Raumen als Reservelazarett bes Roten Kreuzes eingerichtet, bem sich in bankenswerter Weise eine Anzahl bereits im Frieben ausgebilbeter einheimischer Helferinnen zur Verfügung stellte. Dagegen diente Das städtische Krankenhaus, die sog. Fenbtsche Stiftung, als Unterkunftsstätte ber hier beschäftigten französischen Kriegsgefangenen mit Ausnahme derjenigen auf Grube Abendstern, für welche bie Buberusschen Eisenwerke ein vesonberes Lager eingerichtet hatten. Für bie nichtschulpflichtigen Kinber wurde mit Kriegsbeginn eine vornehmlich durch I. D. Prinzessin Hermann zu Solms-Braunfels unterhaltene Kleinkinderfchule eingerichtet, um deren Erhaltung eine Reihe junger Mädchen sich bemühte. Weiter verdienen die zur Förderung der Belange der Kriegsteilnehmer und ihrer Angehörigen abgehaltenen Frauenabende Erwähnung, und dankbar mußte die auch dann nicht aussetzende Liebestätigkeit anerkannt werden, als sich die Beschaffung von Mitteln immer schwieriger gestaltete, eine Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten ber Kriegsfürsorge, beren Aufzählung im einzelnen hier zu weit führen würbe. Mancher von ben vielen ins Felb gezogenen Söhnen ber Stabt sollte biese nicht mehr wieber- sehen, ober nur als stillgeworbener Mann erreichen, um in heimatlicher Erde seine letzte Ruhestätte zu sinben. Ihr Anbenken burch bie Errichtung eines Denkmals zu ehren unb bannt auch nach außen hin bie Dankbarkeit zum Ausbruck zu bringen, ist beschlossen unb wird sich nach Fertigstellung der zur Zeit in Ausarbeitung befindlichen Entwürfe verwirklichen. Waren bie Kriegszeiten von einer kaum noch auszuhaltenden Schwere hauptsächlich für die um Angehörige bangenden Familien, so stellten sich nach Kriegsbeendigung nicht minder große Schwierigkeiten anderer Art ein. Vor allem zeigten sich diese auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes unb des Erwerbslebens. Die anderwärts mitunter katastrophal erscheinende Erwerbslosigkeit trat in unserer Stabt infolge frühzeitiger geeigneter Vorbeugungsmaßnahmen erfreulicherweise in verhältnismäßig geringem Umfange unb erst ganz spät zutage, als sich eine Anzahl größerer bergbaulicher Unternehmungen zur vorübergehenben Einstellung ober Einschränkung ihrer Betriebe entschließen mußte. In ungleich höherem Maße machte sich dagegen neben ber einsetzenben Inflation, burch bie namentlich bie Kleinrentner in empfinblidjer Weise getroffen würben unb benen es nun in schonender Weise zu helfen galt, die früher hierorts nie gekannte unb darum um so empfindlichere Wohnungsnot fühlbar, eines ber schwierigsten Probleme für eine Gemeinbeoerwaltung. Wohl entstauben eine Anzahl Neubauten — seit dem Jahre 1920 sind es etwa 30 —, wohl wurden in bereits bestehenden Häusern neue Wohnungen eingerichtet oder früher nicht vermietete Räume freiwillig zur Verfügung gestellt, allein trotz alledem vermochte der Bedarf an Wohnungen bisher nicht gedeckt und dem Uebel nicht in ausreichendem Maße gesteuert werden. Die lange Zeit hindurch zu niedrig gehaltenen Mieten, die durch den Krieg vielfach zurückgestellten Eheschließungen, das infolge des Wegfalls des Militärdienstes in Erscheinung getretene Heiraten in noch jugendlichem Alter, die Rückkehr Ausgewiesener, sowie auch der leicht den Unwillen erregende gesetzliche Zwang auf bem Gebiete bes Wohnungswesens bürsten vielfach als bie Ursache des Wohnungsmangels bzw. ber Schwierigkeiten ber Wöh» nungsbeschaffung sein. Es wirb beshald bie Hauptaufgabe ber in Betracht kommenden Stellen fein müssen, durch Forderung der Wohnungsbautätigkeit auf jede Weise ben Mangel zu beheben. Es ist begrüßenswert, baß am hiesigen Platze zur Zeit roicber 13 Neubauten im Entstehen begriffen siäb, wobei mit einem Doppelhaus unb zwei Einzel- } QÜ6n fte d-r htei d>e A > b m i,JD|Qot, be. •SfcSt '»- °L S*. 'E?« Faktor O enD?rha fh'('tn nt®iÄle»on 'eben. MNrl, -nenbu7ftbit n für bie £ .bertn lbildlich^W5zn. 'l-, boFAk» * fifts* V:S ?SK KLL ,ren ^üraet|äuk ols ^°itliL?Einrj7 Khn.1$,!l5b,hD"' oetn650 fn'eincn' 9qaUenen täbtifan «=" «*», q! ber TchloßM, . Staatsrat unb Ober. >9 Martin bie .' ^ute Zwecken her W Sabre in bem- SteuerlommiflariQi, )en, Hot vor zwoM bau im neuen Stabt >f‘ die vor mehreren az'asfe in einem Neu. lesen ülemtem besiß unb Sermeffunoeami 848 Sih eines Kreis mürbe Im Jahre U Beginn bei Ich. mg ber Weltkrieg ein te, fo mußte auch in en, um bas Schweres bie Sriege- ju legen. Sosort noch ch kurz zuvor seiner utgebaube in all seinen des Men Kreuzes ein- «erter Weise eine Slnjabl Jeter einheimischer heb eilte. Dagegen bient? iie sog. Fenblsche 5tii- ber hier beschäftigten en mit ütuenatjmi [fern, für welche V iefonberes Lager er n fiinber würbe mit h burch 3. D. Prin- raunsels unterhalten! um deren Erhaltung bemühte. Weiter ver- Velange ber Kriegs- Hörigen abgehaltenen nb dankbar muhte bie ie aiebestaligteit an- Deschassung MM- Itete, eine läügteil aus jerkriegssürsarge, bereu r zu weit führen würbe, n ins Feld SE iefe nicht mehr w^ jrbener Mann emchr ine letzte Ruhestätte f ch bie Errichtung emb lamif auch nach lusbrucf zu bringen, f i&n 6«** * „on einer tauin «"* 'S®«'. S-2 :-<3l i be ent chließen ß- V lation, durch y empfindlich. rxonCn^ , (5 nun >n m » fr^r H'L/Ä io «^ÄbW uns. VL 1920 g f'Ö** °LK S*£Ä w %* wS iäeS Vtz'SZ ^ngsb<’ jt ber ^^beheben- ® y npel Platze fess* ihaus W Grünberg. Aon Lehrer i. R. L a u b e r, Grünberg. Zu den Städten in Hessen, die in den letzten 15u Jahren zu Landstädtchen herabgesunken sind, gehört auch Grünberg. Seine Bevölkerung, die gegenwärtig 2193 Seelen beträgt, hat sich im letzten Jahrhundert in diesen Grenzen gehalten, während andere Städte infolge ihrer günstigen Lage durch die Entwicklung der Industrie und die Anlage neuer Verkehrswege zu großen Städten sich entwickeln konnten. Doch hat auch Grünberg im Lause der Zeiten Glanzperioden und Zeiten der Not und des Niedergangs gehabt, die im allgemeinen durch das Wohl und Wehe des Vaterlandes bedingt wurden. Im Jahre 1922 begingen die Bewohner in festlicher Weise die 7OO°Jahrseier der Stadt. Grünberg verdankt seine Entstehung der Burg auf dem grünen Berge, die 1186 von Ludwig 111., Landgraf von Hessen und Thüringen, erbaut worden ist. Die schützende Burg lud zur Ansiedelung ein, und so bezeichnet uns schon eine Urkunde vom Jahre 1222 (Brünberg als Stadt. Am Heerwege vom Rhein zur Eder und Weser gelegen und entsprechend dieser handelspolitischen Bedeutung mit seinem Durchgangsverkehr aus dem südlichen nach dem nördlichen Deutschland blühte es im weiteren Verlaufe des 13. Jahrhunderts zu einer der ersten Städte Hessens auf. Die Glanzperiode hielt aber nur bis Mitte des nächsten Jahrhunderts an. Hemmungen verschie- dcner Art: Fehden, Streitigkeiten der Bürger und besonders zwei große Feuersbrünste erschütterten das junge Gemeinwesen. In das Jahr 1481 fällt die Stiftung des Gallusmarktes, der heute noch das Städtchen über die Grenzen des Hessenlandes hinaus bekannt macht. 1495 wurde die erste Wasser- Icitung gebaut, die als ein Wunder der Technik in der damaligen Zeit galt und die noch in Schul- büchern vom Jahre 1850 als Sehenswürdigkeit Grimbergs genannt wurde. Luther wohnte auf feiner Rückreise von dem Reichstage in Worms in Grünbergs Mauern, ein Jahrzehnt später wurde die Reformation eingeführt und die Klöster, deren es rnige besaß, aufgelöst. Unter Philipps des Großen Cohn, Ludwig Iv., gelangte unsere Stadt wieder zu Wohlstand. Der Aufschwung, die zweite Glanz- Scriobe, wurde unterbrochen durch das schwerste nglütf, den 30jährigen Krieg. Grünberg zählte an seinem Ende nur noch die Hälfte seiner Bewohner, und in den Jahren nach dem Friedensschluß wurden noch 140 Häuser wegen Undewohcktseins nieder- gerissen. Nur langsam erholte sich das Städtchen, der Handel lag darnieder, Grünberg wurde ein ackerbautreibendes Städtchen. Auch im 7jährigen Kriege hatte die Stadt schwere Drangsale zu erdulden. In dem Gefecht auf der Atzenycn'ner Heide 1761 fand der hannöverische General Ernst Friedrich von Reden den Tod und wurde in der Kirche zu Grünberg beiaeletzt. Das Grabmal hinter der Kirche und die Tafel an der Mauer derselben halten die Erinnerung daran wach. Nicht minder hatte die Stadt durch die Kriegsstürme der französischen Revolution zu leiden. Erwähnt sei noch der Einsturz des Kirchturms im Jahre 1816, der die alte schöne Kirche in Trümmer legte. Nur langsam hob sich die Gesundung des Gemeinwesens nach den Befreiungskriegen, nur allmählich gelang es den Handwerkern, die Erzeugnisse ihrer Arbeit auf den Märkten in (Brünberg und der näheren und weiteren Entfernung abzufetzen. Die Schuhmacher z. B., deren es viele hier gab, besuchten sogar die Märkte in Vilbel und Hom- burg o. d. H. Besser waren in dieser Hinsicht die Landwirte daran. Sie konnten ihre Produkte auf den Fruchtmärkten der Stadt, die auch aus der nahen und fernen Umgebung stark befahren wurden, zum Verkauf anbieten. Eine Umwälzung auf diesem Gebiete erzwang die Einführung der Maschinen. Während sie den landwirtschaftlichen Betrieben vielfach Erleichterung brachte, dezimierten sie sehr die Zahl der Handwerker und erzeugten das Anwachsen des Arbeiterstandes. An Fabrik- betrieben seien nur die Anlagen, die Terilwaren Herstellen, hervorgehoben. Ihre Erzeugnisse sind weit über die Grenzen des Hessenlandes vorteilhaft bekannt. Leider verloren die Frachtmärkte durch die Erbauung der Eisenbahnen — die Teilstrecke der Linie Gießen—Fulda von Gießen nach Grünberg wurde im November 1869 eröffnet — ihre Be- k e. tung und gingen schließlich in den 90er Jahren l-jnt ein. Für die geistige und körperliche Ausbildung des Heranwachsenden Geschlechts sorgt die 5klassige Volksschule. Nach dem Volksschulgesetz vom Jahre 'b74 wurde die Rektoratsstelle, die ein Geistlicher inne hatte, der zugleich Mitprediger war, aufgehoben und einem Lehrer übertragen. Die Volksschule bekam im Jahre 1888 ein neues Heim. In der Nachkriegszeit wurde auch der schulentlassenen Jugend größere Aufmerksamkeit gewidmet. Man kam zur Ueberzeuguna, daß mit einer bloßen Wiederholung des Dolksschulpensums den jungen Menschen nicht gedient sei. Neue Ziele wurden auf- gestellt, und die Fortbildungsschule auch bei uns entsprechend ausgebaut. Daneben besteht noch eine Ober-Realschule, die aus der Höheren Bürgerschule hervorgewachsen ist. Vordem vermittelte das Institut und die Lateinschule die erweiterte Bildung. In den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfreute sich letztere eines guten Rufes. Die Realschule, deren Elftes Blatt_________________________ Häusern die Gemeinde beteiligt ist. Man läßt sich dabei von dem Gedanken leiten, feine großen Mietshäuser, sondern Kleinwohnungsbauten für Höchstens zwei Familien zu errichten, um sie, wie Bereits bet den vor mehreren Jahren errichteten Wohnungsneubauten geschehen, unter günstigen Bedingungen an geeignete Liebhaber abzugeben. Hoffentlich wird auch auf dem außerordentlich schwierigen Gebiete der Wohnungsfürsorge das onzustrebende Ziel durch geeignete Maßnahmen er- reicht, um bann wieder zu normalen Verhältnissen zu gelangen, die es ermöglichen, anderen für ein Gemeinwesen ebenso wichtigen Fragen näher- zutreten. Für die Stadt Hungen, die ihre eigene durch Wasserkraft und durch Benzinmotor betriebene Wasserleitung seit mehreren Jahrzehnten besitzt und für die sie vor einigen Jahren die elektrische Kraft in einem zweiten Werke dienstbar machte, kommt für die nächste Zeit u. a. auch besonders der weitere Ausbau der zum Teil schon bestehenden Kanalisation i.i Betracht. Der Anlage eines offenen Schwimm- Labes konnte burch ben Erwerb von zwei fürstlichen Weihern nähergetreten werden, sie befindet sich regenmärtig im Bau unb bürste ihr Teil zur Ge- j ndheitefördcrung beitragen und damit dem Zwecke Menen, der heute mehr denn je oberstes Gesetz fein soll unb muß unb sich in bem einem Wort ausdrück t: Volkswohlfahrt! Seite 87 bad), deren Nutznießung der Kirche zufiel. Landgraf Heinrich von Hessen fällte 1344 in Homberg ein Urteil. 1348 verpfändete Landgraf Heinrich II. Homberg unb Neustabt dem Johann von Eisenbach und Volprecht von Dernbach wegen einer Schuld. Ueberhaupt wurde in biefer Zeit Homberg öfters von den Landgrafen verpfändet. Am 27. März 1349 setzte Henne Schausuß, Schultheiß des Gerichts Homberg, Heinrich von Ehringshausen auf feine Klage gegen Henne von Umfingen in die ihm von demselben für 186 (Bulben verpfändete Hube zu Oppertshausen ein. In der Mitte des 14. Jahrhunderts ist ein Teil der Kirche erbaut roorben, an einem Chorbogen steht bie Jahreszahl 1361. Am 14. Dezember 1361 bekennt Johann Niedcsel unb feine Frau, baß Lanbgras Heinrich von Hessen ein Drittel feiner Schuld wieder zurückbezahlt hat und damit ein Drittel von seinem Schloß roicbcr frei sei. Hermann von Schweinsberg bekennt am 12. November 1365, baß die seiner Zeit von Landgraf Heinrich ihm verkauften Gerichte und Dörfer zu Homberg von Landgrafen Heinrich wieder zurück- gekauft sind. Am 20. Januar 1367 verkaufte Johann Kesselring, Burgmann zu Homberg, an Pete? von Hirzenhain, alle seine Güter zu Einhausen. Am 8. Juni 1370 bekennt Johann Riebcsel, Ritter, und seine Frau,, baß Landgraf Heinrich bei ihm Burg unb Stadt Hobinburg versetzt hat auf sieben Jahre. Milcheling Schutzger, Ritter, unb feine Frau bekennen, daß Landgraf Heinrich das halbe Teil, das er Johann Riedefel versetzt hatte, für 3540 Pfund Heller bei ihm auf 7 Jahre versetzt habe. Am 2. April 1371 bekennen Curt und Otte, Brüder von Erfurtshaufen, das; sick) Landgraf Heinrich mit ihnen gütlich verglichen, sie und ihre Erben zu Burg- mannen gemacht und ihm Homberg zu Burglehen gegeben habe. Am 3. Mai 1371 schenkt Sibold Rotz- mull, Psarrer zu Homberg unb Kaplan bcs Landgrafen Heinrich, mit dessen Bewilligung 2 Bene- sizien für Altäre in ber Walpurgiskirche in Alsfeld. Die miteinander verwandten Geschlechter Schaufus; und Rotsmule (Rotsmann) gehörten 1514 der hessischen Ritterschaft an. Die Familie Rotsmann wurde später in den Freiherrnstand erhoben. 1372 nahm Landgraf Heinrich II. Hermann den Gelehrten als Mitregenten an. Damals hielt Heinrich II. einen Landtag der getreuen Städte in Oberhessen unb Niederhessen zu Marburg ab, wo auf dem Markte sämtliche Abgeordnete der Städte, darunter Alsfeld, Gießen, Homberg, Ulrichstein, Romrod unb Altenburg erklärten, „baß sie Leib und Leben bei ihrem Dienst einfetzen und tüt und lebendig bei ihm bleiben wollten". Am 17. Juli bekannte Dietrich Schutzger, Ritter, daß Landgraf Hermann ihn zu seinem Amtmann ernannt habe mit Schloß Grünberg unb Homberg als Amtssitz. Er beschwor, baß er alle Bräuche in Homberg treulich halten wolle. Am 3 September 1397 hat Landgraf Hermann mit Hennen von Eisenbach einen Vertrag abgeschlossen, wonach er von verschiedenen Schlössern ihm einen Geldbetrag zukommen läßt, so auch von Homberg (50 (Bulben). 1114 hat Homberg bem zwölfjährigen Landgrafen Ludwig die Erbhuldigung geleistet. Landgraf Ludwig I. belehnte im selben Jahre ben Peter von Hirzenhain mit einem halben Hof von Oberofleiden unb gab ihm zu Burglehen 4 Pfb. des Geldes von einer Mühle bei Homberg, 1 Pfd. Heller von einem Gut zu Nicderohmen, ein Gut zu Fri manen (a. O.) unb ben Burgsitz zu Homberg. 1458 verleiht Landgraf Ludwig zu Hessen bem Heinrich von Ehringshausen bas früher von Wigand Foch besessene Burglehen zu Rumeraide und einen Burgsitz auf ber Burg Homberg. 1459 verleiht Landgraf Lubwig zu Hessen ben Brübern unb Vettern Hengkeln unb Hennen, Schenken zu Schweinsberg, ein Burglehen von 9 Pfb. Geldes zu Homberg. Am 5. Mai 1470 „freiet" Landgraf Heinrich dem Konrad von Ehringshausen seinen Burgsitz zu Homberg. Das Rathaus ist 1539 auf bem Markt erbauet worden. Landgraf Philipp der Großmütige zu Kassel verlieh am 20. August der Stadt zwei freie Jahrmärkte, den Johannis- und Simonismarkt. Es soll dabei auf dem Rathaus eine Fahne herausgehängt werden, wie das in anderen Städten auch geschieht. Dom 29. Dezember 1572 sind erläuternde Berichte über Stadt- unb Lcmbgebräuche von verschiedenen Orten, so auch von Homberg. Darin werden hauptsächlich Erbangelegenheiten festgelegt. Im Jahre 1597 brannte ein großer Teil ber Stadt ab. Darüber heißt es in Merians Topographie Hassiae: „Im Jahre 1597 in der Erndten Zeit ist in der Stadt ein Feuer aufgegangen und fast ber halbe Teil gegen ber Stadtpforten von ber Untergaffen an bis hinausf- werts gegen dem Schloß eingeäschert worden, wobei denn dieses besonders notabel, daß die Stärke in wehrendem Brandt, zu einem Hauß, woraus sie ihr Nest gehabt, Wasser im Mund herbeigesührt, und in ben Brand abgespeyet, gleichfamb baburch ihre Her- berg zu falöiren." Bis zu Anfang bcs 19. Jahrhunberts war bie Altstabt mit Ringmauern umgeben. Reste bavon sinb nod) vorhanben. Die Tore und die 4 Türme find im Laufe des 19. Jahrhunderts beseitigt worden bis auf einen Turm, den Brauhausturm. In der Dorstadt befanden sich zwei Pforten: die Trankpfort und Georgenpfort. Am Vortor war die Lindenpfort. Das Hohe Tor muß sick) da befunden haben, wo jetzt bas Volksschulgebciude (1830 erbaut) steht. Neben bem Brauhausturm befinbet sich bas ehemals städtische Brauhaus, auf besten Giebelseite bas städtische Wappen ist. Der Brauhausturm ist das Wahrzeichen der Stadt und findet sich auch im städtischen Wappen. In früheren Zeiten diente er In seinem unteren Teile als Haftlokal. In der Nähe des erwähnten Brauhausturmes befindet sich ebenfalls ein sehr altertümliches Gebäude, bas in früheren Zeiten als ein Mönchskloster benutzt würbe, welches, weil aus Stein erbaut, dem großen Brande von 1597 nicht zum Opfer fiel, wie auch bas Rathaus unb bie Kirche. Das Schloß ist heute noch von Rinamauern umgeben, bie sich früher an die der Stadt cmschlosten. 1836 wurde es renoviert. Der große Pferbestall, westlich des Schloßhofes, welcher bis in bie vierziger Jahre bes vorigen Jahrhunderts als Fruchtfpeicher diente, sowie die südöstlich gelegene Scheuer mit Stall wurden zu Ende der sechziger Jahre abgebrochen. Die nordöstlich stehende sogenannte alte Kirche wurde zu derselben Zeit bis in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ebenfalls als herrschaftlicher Fruchtspeicher benutzt unb bann in Defonomiegebäube umgeroanbelt. Der sübwestlich gelegene große Wehr- unb Wachtturm ist im Jahre 1646 bei einer Belagerung von ben Hessen in bie Lust gesprengt worben. In ber Nähe Hombergs lagen mehrere Orte, bie jetzt nicht mehr vorhanden sind. Ost wird behauptet, sie seien im 30jährigen Kriege zerstört worden, was jedoch nicht für alle zutrifft, denn die meisten davon waren schon bei Beginn des Krieges nicht mehr zu finden. Die meisten ihrer ehemaligen Bewohner sind nach Homberg gezogen, wo sie hinter ben hohen Ringmauern Schutz vor den räuberischen Ueberfäöcn der Raubritter unb Vagabunben fanben. Gießener Anzeiger « Iubiläums-Ausyabe Schülerzahl sich durch bie Rührigkeit ihrer Direktion unb bie günstigen Zugverbindungen mit den um- liegenden Orten rasch vergrößerte, erhielt 1911 ein neues Heim. In die Nachkriegszeit fällt bann bie Errichtung einer landwirtschaftlichen Schule. Sie ist gut besucht, hat aber bis heute noch kein eigenes Herrn, sondern ist im Volksschulgebäude untergebracht. Für anderweitige Räume wird die Stadtverwaltung In der allernächsten Zeit Sorge tragen müssen, wenn auch die Geldbeschaffung hierzu gegenwärtig auf die größten Schwierigkeiten stößt. Alle diese Einrichtungen zeugen von einem großen Bildungstrieb weiter Kreise der Bevölkerung (Brünbergs und der Umgebung. Möge mit ihrer Hilfe ein neudß Geschlecht heranreifen, das befähigt ist, mit dazu beantragen, die Ernährung bcs Volkes auf eigene Füße zu stellen, das Nationalbewußtsein zu heben und Deutschland aus seiner Not zu befreien. Homberg in grauer Vorzeit. Don Lehrer Allendorffer, Homberg a. d. Ohm. Homberg an der Ohm, im Kreise Alsfeld gelegen, nach der letzten Volkszählung 1414 Einwohner zäh- lend, ist ein sehr altes Städtchen. Gelegentlich der Dölk"rwanderung haben sich die Selten an ben Ufern ber Ohm niedergelassen, was heute noch manche Namen beweisen. Der Name Ohm ist keltischen Ursprungs, wie der Amöneburgs. Auch die Hünengräber, Steinwaffen und andere Werkzeuge bezeugen uns, daß bie Kelten in hiesiger Gegend wohnten. Die in ber Nähe gelegene Hunnenburg war eine keltische Niederlassung. Die Germanen drängten später die Kelten nach Westen und nahmen deren Land in Besitz. Die fischreiche Ohm, sowie bie ausgedehnten Wälder, in denen Bären, Auerochsen und anderes Wild hausten, gaben ihnen reichlich Nahrung. Die Vorfahren ber Hessen, bie Chatten, ursprünglich zwischen Main, Rhein, Lahn, Eber unb Fulba wohnenb, würben in ben Kriegen mit ben Römern wieberholt in ihr Lanb zurückgeworfen, zur Seßhaftigkeit gezwungen und genötigt, Ackerbau zu treiben. Durch Trockenlegung ber Sümpfe unb Ausroben ber Wälder schufen sie sich brauchbaren Boben. Im 8. Jahrhundert muß sick) durch das Auftreten des Bonifatius lehr reges Leben entfaltet haben. Er hatte im nahen Amöneburg fein erstes Kloster gegründet. Das Christentum war zwar in hiesiger Gegend schon bekannt; denn irische Mönche hatten oorgearbeitet, unb Bonifatius fand im Jahre 722 zu Amöneburg schon Christen vor. Er gewann diese für sich und besetzte das von ihm gegründete Kloster mit mehreren Benediktinermönchen aus seiner Begleitung. Reicher Segen strömte von diesem Kloster aus, denn die Mönche waren nickst nur in geistiger Hinsicht ein Vorbild, sondern leisteten auch Ersprießliches in der Landwirtschaft. Homberg wird schon im Jahre 1065 urkundlich erwähnt. In diesem Jahre schenkte König Heinrich IV. der Abtei Hersfeld aus Bitten seiner Mutter 10 Machen zu Hohumburch, im Oberlahngau gelegen. Im Jahre 1146 schenkte König Konrad III. an die Abtei Hersfeld weiter die Hälfte seines Allods in Hohumburch mit allem Zubehör, aber mit Ausnahme des Berges Hohumburch selbst, woraus sich schließen läßt, daß damals auf diesem als Reichsburg eine Befestigung stand. Homberg verbau» einer Burg feine Entstehung. Als nämlich im Jahre 1124 bie Üanbgrafen von Thüringen in ben Besitz von Hessen gelangten, kam es oft zu Streitig- feiten zwischen diesen und den Erzbischöfen von Mainz. Diese machten als geistliche Oberhirten von Hessen Ansprüche auf einen großen Teil Hessens. Die Streitigkeiten dauerten viele Jahre fort, und ihr Haupttummelplatz war Hessen. Zur besseren Ver- teibigung bauten bie Landgrafen Burgen, und so mag auch die Burg Homberg entstanden sein. Die Burgmannen lagen zur Verteidigung darin, mußten abwechselnd eine Zeit lang dort wohnen und wurden dafür mit Burggütern belehnt. Nun geschah es, daß manche aus niederem Adelstande, gemeine Freie, selbst Leibeigene innerhalb ober in ber Nähe der Burg ihren Wohnsitz aufschlugen, weil sie hier ben Schutz derselben genossen. Die Herren ber Burg erlaubten dies gern, weil sic im Notfälle dadurch die Verteidigung der Burg verstärken konnten. Die um die Burg Wohnenden wurden später durch eine Mauer mit letzterer verbunden. Erhob sich eine Burg zur Stadt, so blieben bie sog. Burgrncmnen nicht nur Schirmherren derselben, sondern sie bildeten auch zum größten Teil ben Rat ber Stabt, inbem aus ihrer Mitte Bürgermeister unb Schöffen gewählt würben. Wann Homberg zur Stabt erhoben würbe, läßt sich nicht mehr ermitteln. Am 6. November 1234 wirb bie Stabt zum ersten Male erwähnt. Vermutlich erhielt sie in den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts Städterechte. Wir hären 1254, daß Landgräfin Sophie, als sie jährlich 400 Mk. an den Herzog von Braunschweig zu zahlen hatte, hiervon 10 Mk. auf Homberg ausschlug. Nach einer Urkunde aus dem Jahre 1289 schlichteten Ritter unb Burg- männcr zu Grünberg, Merlau unb Homberg mit einigen Schössen von (Brünenberg einen Streit bcs Klosters Werbers mit Ruprecht von Langenstein über bie von besten Eltern ihm verkauften Güter zu Blibenrob. ßanbgraf Heinrich I., ber erste hes- fische Landgraf, verzichtet auf einen gewissen Teil von Hessen und erhält dafür einen Teil des Waldes zu Hohindurg. Am 26. März 1314 gebieten die Richter des Mainzer Stuhles den Pfarrern von Ehringshausen und Homberg, den gebannten Edelknecht Johann von Ehringshausen allsonntäglich in verschärfter Form für exkommuniziert zu erklären. Aus einer Urkunde vom 18. November 1314 ersehen wir, daß Heinrich von Ehringshausen, Bürger zu Homberg, dem Kloster Haina einige Güter zu Hole an dem Ohm übergibt. Dies geschah wahrscheinlich, um sich bei der Kirche wieder in ein gutes Licht zu stellen. Im Jahre 1328 errichtete Landgraf Heinrich II. von Hessen zu Marburg in ber hiesigen Burgkirche St. Georg einen Altar, ber Jungfrau Maria unb der heiligen Elisabeth zu Ehren, unb begab ihn mit Gütern zu Homberg, Ehringshausen, Appenrod, Oberndorf, Riedergemünben und Hain- + LEBENSMITTEL FEINKOST SPIRITUOSEN WEINE KAFFEE-GROSSRÖSTEREI WM MMW 2 ■ to iMIWlO Jernruf M Jahre 812r rrrrr::r:«ttttnttttrrttrrrr:ttrinn!?rr:ttrrrr:rruruuuuru:r Während an eine weitere ungeheuere -m Grohhnzoo ELEKTRIZITÄTSWERKE GIESSEN 1902. 1912 . 1922. 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Als Lehen des Stiftes Fulda bildeten Burg, Stadt und Gericht Schlitz — das Schlitzerland — von jeher eine Ein- heil, eng verbunden durch Sprache, Sitte und Tracht. Schon Ende des 14. Jahrhunderts erwirbt Schlitz Stadtrechte, doch erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts fühlen sich die Herren von Schlitz stark genug, dem Stift Fulda gegenüber ihre völlige Unabhängigkeit zu betonen und als Mitglieder der freien Ritterschaft Anspruch auf Neichsunmittelbar- feit zu erheben; ein Recht, das mit dem Ende des 30jährigen Krieges von keiner Seite bestritten wird und das erst im Jahre 1807 durch Aufnahme der Grafschaft Schlitz als Standesherrschast in das Großherzogtum Hessen endet. Schlitz gehörte damals nach Gießen und Alsfeld und vor Friedberg zu den größeren Städten Oberhessens und soll nach den Angaben eines mir vorliegenden Geographie-Lehrbuchs von Cannobich 2980 Einwohner gehabt haben, während die letzte Volkszählung nur 2754 Seelen auswies. Eine Gegenüberstellung dieser beiden Zahlen zeigt, welch ungleich größere Bedeutung Schlitz im Anfang des vorigen Jahrhunderts gehabt haben muß. Schon "damals war die Leinenweberei das bodenständige Gewerbe. Die Äunft des Leinenwebens war Gemeingut der Kleinbauern und Kleingewerbetreibenden, die alle' den selbstgezogenen und selbstgesponnenen Flachs am eigenen Webstuhl, den man deshalb bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts in fast jedem Haus fand, zu eigenem Gebrauch und Verbrauch verarbeiteten. Aber die Entwicklung schritt weiter. Kaufleute, die Vorfahren heute noch bestehender Firmen, beschränkten sich nicht darauf, die über den eigenen Bedarf der Erzeuger hinaus hergestellten Waren zu kaufen, sie schlossen mit den Hauswebern Arbeitsverträge, liefertet? das Rohmaterial und nahmen die daraus hergestellten Waren gegen Zahlung eines Weblohns zurück. Die Leinenweberei war damit zu einer Hausindustrie geworden. Das Jahr 1848 brachte der Stadt Schlitz keine nennenswerten Begebenheiten, dagegen scheinen die wirtschaftlichen Verhältnisse damals sehr schlecht gewesen zu sein. Viele Familien, eine große Zahl schasfensfroher Männer verließen Heimatstadt und Heimatland, um sich in dem gelobten Land jenseits des Ozeans eine neue und, wie sie hofften, bessere Lxistenz zu gründen. Die Nachkommen vieler dieser Familien sind verschollen, nur die Namen im wapptmgeschmückten Rathaussaal geben Zeugnis oon ihrer früheren Bedeutung im öffentlichen Leben ihrer Vaterstadt. Kinder und Enkel anderer Auswanderer kehren gern hin und wieder nach Schlitz zurück, ohne daß man von besonderen Reichtümern, Die sie erworben, gehört hätte. Während andere Städte und Städtchen Ober- Hessens in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- .Hunderts einen bedeutenden Aufschwung nahmen, ging die Einwohnerzahl oon Schlitz zurück. Der Grund lag sicher in der für Schlitz ungünstigen Linienführung der damals neuerbauten Eisenbayn- Itrecken. Die Strecke Frankfurt—Bebra—Berlin -folgte von Fulda ab nicht etwa, was das Natürliche gewesen wäre, dem Laufe der Fulda, sondern benutzte das Haunetal,-um nach Hersfeld zu gelangen. Das geschah, obwohl der damalige Graf non Schlitz nicht nur die kostenlose Stellung des ihm gehörigen und innerhalb der Standesherrschast benötigten Geländes zugefagt, sondern sich auch erboten hatte, die notwendigen Eisenbahnschwellen für die im Schlitzerland verlaufende Strecke kosten- los abzugeben. Das Entgegenkommen wurde abgeschlagen, das Schlitzerland wurde umgangen, nur weil es im Gegensatz zu Fulda-Hünfeld-Hersfeld zum Grobherzogtum Hessen gehörte. Auch die ober- hessische Bahn Gießen—Fulda wurde, wie man lagt, nicht ohne Schuld von Schlitz, das bett Wert einer Bahnverbindung noch nicht genügend erkannt hatte, 8 Kilometer an seiner Gemarkungsgrenze vorbei über Salzschlirf geführt. bedingung für andere Industriezweige (Seifen- fabrik, Bierbrauerei), vor ollem für ausgedehnte Bleichereien, deren Anlagen mit dem Bilde unseres Städtchens untrennbar verbunden sind und die wie ein weißer Schnee den Wiesengrund der Schlitz Sommer wie Winter im lichten Weih schimmern lassen. Mit dieser eben skizzierten industriellen Entwicklung hielt die der Stadt als solcher gleichen Schritt. Eine Quellwasserleitung wurde gebaut und durch mehrfache Erweiterung dem stets wachsenden Verbrauch angeoaßt. Es entstanden neue öffentliche Gebäude: Amtsgericht, Post, Volksschule, höhere Bürgerschule, jetzt Realschule. Allenthalben regle es sich: Der Schützer Hand- werter zeigte, daß der Gewerbefleiß nicht erloschen, daß die Kunst der Väter in Söhnen und Enkeln wieder auflebte. Im Gegensatz zu früheren Jahren erkannte die Schützer Bevölkerung jetzt den Wert einer guten Bahnverbindung und erstrebte deshalb mit aller Energie die Durchführung der Bahn Salzschlirf—Schütz nach Hersfeld. Die zähen Bemühungen führten zum Ziel. Die Strecke wurde 1912 in Angriff genommen und gerade noch zur Vollendung gebracht. Do kam der Krieg, und statt einer festlichen Einweihung, bei der Festausschüsse auf blumengeschmückter Lokomotive die Strecke abfuhren, rollten Truppentransporte über die Schienen. Der Zweck war aber erreicht. Schlitz hatte die Verbindung mit den zu feinem Bezirk gehörenden Dörfern des unteren Fuldagrunds und den Anschluß an die Berlin—Frankfurter Hauptstrecke. Wie überall in deutschen Landen, herrschte auch in Schlitz in den entscheidenden Augusttagen 1914 trotzige Begeisterung und der feste Wille, den aufgezwungenen Kampf siegreich zu beenden. Es sollte anders kommen. Von den Hunderten, die auszogen, Deutschlands Boden zu verteidigen, kehrten 121 nicht mehr zurück. Ein Ehrendenkmal am Friedhof und die mit den Namen der Gefallenen in stilvoller Weise geschmückte Sandkirche zeigen, daß die Vaterstadt ihrer Toten gedenkt. Alle Nöte und Leiden, die Krieg und Nachkriegszeit mit sich brachten, hat auch Schütz spüren müssen. Nahrungsmittelknappheit zwang auch hier zur schärfsten Rationierung, immerhin soll nicht verschwiegen werden, daß die Bevölkerung von Schütz, das zusammen mit dem Schlitzerland ein lieber» schußgebiet bildete, die ihr zustehenden geringen Mengen von Fleisch, Mehl, Fett und Kartoffeln auch wirklich erhielt und daß deshalb nicht die Not aufkommen konnte, die in den Großstädten für die Gesundheit des Nachwuchses so schwerwiegende Folgen zeitigte. Die überall in Deutschland als Kriegsfolge einsetzende Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot stellten dagegen gerade die Schützer Stadtverwaltung vor eine schwer zu bewältigende Aufgabe, da Schütz im Gegensatz zu den meisten Gemeinden keinen Wald und kaum eignes Grundvermögen hat, zur Deckung der Ausgaben daher ausschließlich auf die Steuerkraft seiner Bevölkerung angewiesen ist. Es war oon jeher das Ziel der Stadtverwaltung, den Arbeitslosen nicht nur Erwerbslosenunterstützung, deren Empfang gerade bei Jugendlichen auf die Dauer demoralisierend wirken muß, zu geben, sondern sie zu beschäftigen; und mit Befriedigung kann heute rückblickend gesagt werden, daß dieses Ziel mit verschwindenden Ausnahmen erreicht worden ist. Der Wohnungsnot suchte man durch Gründung einer gemeinnützigen Heimstättenbaugesellschaft, an der die Stadt maßgebend beteiligt ist, entgegenzuwirken. Diese Gründung hat sich als außerordentlich segensreich er- wiesen, und so konnte sich die Stadt als solche, von der Errichtung eines Beamten- und eines Gemeindehauses, abgesehen, eigener Bautätigkeit enthalten. Von dem Gedanken ausgehend, daß es volkswirtschaftlich richtiger ist, von der Errichtung städtischer Häuser, deren Unterhaltung und Verwaltung unverhältnismäßig teuer ist, abzusehen und dafür dem strebsamen, arbeitsfreudigen Wohnungssuchen- den den Bau eines eigenen Heims zu ermöglichen, wendet die Stadt verhältnismäßig erhebliche Mittel zur Unterstützung der Baulustigen auf. Sie hat den gemeinnützigen Baugesellschaften für zunächst acht Wohnungen je 5000 Rm. Darlehen, von denen je 1000 Rm. zu 2 Proz. und je 4000 Rm. zu 5 Proz. Herbstein. So war es denn kein Wunder, daß Schlitz im Wettbewerb mit anderen verkehrstechnisch günstiger gelegenen Konkurrenten unterlag. Dazu kam, daß eine andere Möglichkeit, die einen Aufschwung Der Stadt hätte herbeiführen können, versäumt wurde. Graf Friedrich Wilhelm von Schlitz, der nachmalige Begründer des Bades Salzschlirf, hatte Die Absicht, die Salzschürser Quellen, deren Heilwert oon ihm zuerst erkannt worden war, durch eine Kohrleitung nach Schlitz zu führen. Die Mitwelt verkannte die Bedeutung eines solchen Planes, und io blieb das Projekt des weitsichtigen Grafen, das Die Entwicklung oon Schlitz sicher in neue Bahnen zelenkt hätte, unausgesührt. Erst um die Jahrhundertwende gelang es den Lemühungen der Schützer Bevölkerung, die lang» ersehnte und für die geschäftliche Entwicklung unentbehrliche Bahnverbindung zu erhalten. Die Kebenbahn Schlitz—Bad Salzschlirf wurde 1898 Dem Verkehr übergeben. Wenn sich auch manche Hoffnungen nicht erfüllten — das Kalioorkommen im Schütztal, ebenso wie die Eisenerzlager im Eisenberg erwiesen sich als nicht abbauwürdig —, so gab Die bessere Verkehrsmöglichkeit der Entwicklung Doch einen kräftigen Antrieb. Mechanische Webereien von Weltruf entstanden, die Leinenhausindustrie verschwand. Die außerordentlich waldreiche Umgebung bildete die Grundlage einer sich immer nehr entwickelnden Sägeindustrie und das weiche, talfarme, völlig eisenfreie Wasser schuf die Vorverzinslich sind, zur Verfügung gestellt und ist damit weiter gegangen als viele, ja wohl die meisten Stadtverwaltungen mit ähnlich gelagerten Verhältnissen. (Eine weitere Kriegsfolge, die Kohlenknappheit, wirkte sich in unserem Bezirk besonders kraß aus. Die waldreiche Umgebung, die, was den Hausbrand anlangt, eine ziemlich gesicherte Brennstoffversorgung gewährleistete, war andererseits Grund genug, daß der Reichskohlenkommißar das Kohlenkontingent oon Schütz auf ein Minimum herabsetzte. Die nur auf Kohlenfeuerung eingestellten industriellen Werke kamen fast zum (Erliegen und konnten ihren Betrieb durch Verwendung der minderwertigsten Ersatzbrennstoffe nur notdürftig auf- recht erhalten. Damals erkannte man den Wert einer Wasserkraft und ging mit Eifer ans Werk, die ungenützten Energiequellen der Schlitz und der Fulda in unserem an Bodenschätzen sonst nicht reichen Tal nutzbar zu machen. Kein Müller, der damals nicht das unwirtschaftlich arbeitende Wasserrad durch die die Kraft besser ausnützende Turbine ersetzt hätte. Was die Müller im Kleinen als richtig erkannt hatten, führte die Stadt im Großen aus. Es bleibt ein stetes Verdienst des Gemeinderats, mit klarem Bück und rascher Entschlußkraft die Bedeutung def ihm vorgelegten Pläne zur Nutzbarmachung der Wasserkräfte für die Elektrizitätsver- forgung des Bezirks erkannt und ihre Ausführung genehmigt zu haben. Schon im Jahre 1908/09 war nach den Plänen des jetzigen Beigeordneten Ritsert in Darmstadt am Ufer der Schlitz ein kombiniertes Dampf- und Wasferkraft-Gleichstromwerk mit einer Maschinen- leiftung oon 90 P. S. erbaut worden. Als die Brennstoffnot des Krieges auch die größten Freunde der Petroleumlampe und des Benzinmotors bekehrt hatte und steigende Arbeitslöhne alle Handwerker zwangen, vom Hand- zum Äraflbetrieb überzugehen, erwies sich die Maschinenanlage bald als zu klein und nötigte im Herbst 1921 zum weiteren Ausbau des Werks. Zunächst ging man daran, die als Reseroekrast ungeeignete Dampfmaschine von 50 P. S. durch zwei stets betriebsbereite Diesel- motoren von zusammen 130 P. S. zu ersetzen. Gleichzeitig sicherte man sich die zum Mahlbetrieb nicht notwendige firdft der Hohmühle bei Schlitz mit etwa 30 P. S. Damit war der dringendste Bedarf gedeckt, und man konnte sich in Ruhe dem Ausbau der vorhandenen Wasserkräfte zuwenden. Die bedeutendste Wasserkraft des Schützerlandes — die Fuldamühle bei Rimbach — wurde erworben. Da die Stadt Schütz daran dachte, nicht nur das eigene Stadtgebiet, sondern den ganzen Bezirk mit Strom an wie ein vergeßenes Stück Mittelalter, das in der weltabgelegenen Stille des allen Buchoniens oder Buchenlandes den Wechsel und Wandel der Menschen und Städte verschlafen und feine Zeit verträumt hat. Und doch wohnt in der alten fuldischen „festen Stadt und Burg Herbstein" ein Bauern- und Hand- werkeroölkchen, das bei allem treuen Festhallen an Glaube und Sitte und Arbeitsweise der Väter sich den Fortschritten der modernen Kultur und Technik nicht verschließen konnte. Nähert man sich Herbstein mit der Dogeisbergbahn, die sich auf dem die Stadt im Osten und Süden umgrenzenden Höhenzuge hin- schlängell, und betritt durch die von dem Mühl- graben und der alten „Michelnbach" und „Kröten- bach" durchfloßenen Talsenke die Dorstadt, die in doppelter, langgestreckter Häuserreihe sich den Berg hinanzieht und nach Westen hin aus*itct, bann'oer- kündet uns das eigenartige Maschinengeratter einer Webfabrik, daß auch hier die Maschine die ehemals fast in allen Häusern stehenden Handwebstühle verdrängt hat. Noch pflügen zwar viele Bauern ihren Acker nach alter Däter Weise mehr oberflächlich als tiefgründig und wollen von moderner Tiefkultur und Marburg. •hUülU- KW zu versorgen, andererfeits auch eine Derwertungs- mogüchkeit für den bei fast jedem Wasserkraftwerk anfallenden überschüssigen Kraftstrom suchte, wurden Verhandlungen mit der Provinz Oberhessen als Eigentümerin des Ueberlandwerks ausgenommen. Unter Mitwirkung des leider zu früh verstorbenen Provinzialdirektors Matthias, eines tatkräftigen Förderers unserer Bestrebungen, wurde eine Form des Zusammenschlusses, die den Interessen aller Beteiligten, der Stadt Schütz, der Provinz Oberhessen und der Dorfgemeinden, entsprach, in einem Zweckverband „Ueberlanbanlage Schützerland" gefunden. Die Fuldamühle bei Rimbach wurde zu einem Kraftwerk von 250 P. 8. ausgebaut, vier weitere Wasserkräfte mit zusammen 150 P. S. durch die Eigentümer ausgebaut und zur Stromlieferung vertraglich verpflichtet. Die Provinz Oberhessen übernimmt, besonders nachts, den überschüssigen Strom, übernimmt aber auch die Reservebeüeserung der Anlagen des Zweckoerbandes, falls die (Eigen- erzeugnng nicht ausreicht. Die der Stadt Schlitz durch ihre Beteiligung an dem Zweckverband zu verhältnismäßig billigem Preis zur Verfügung stehende Strommenge, die in normalen Jahren 1 Million Kilowattstunden betragen dürfte, schuf die Vorbedingung für die fast völlige Elektrisierung der Schützer Industrie. Die billige Kraftquelle setzte aber auch weniger kapitalkräftige, sonst aber in gesunder Aufwärtsentwicklung befindlichen Firmen in den Stand, zum mechanischen Betrieb überzugehen. Die Stromabgabe des städtischen Elektrizitätswerkes ist in steter Zunahme begriffen, was durch folgende Zahlen illustriert wird: Abgabe 1914 .... 60000 „ 1920 .... 140000 „ 1924 .... 300000 „ 1925* . . .500 000 * Nach dem Verbrauch April/Juli geschätzt. Wenn es auch eine Selbstverständlichkeit ist, daß die Stadtverwaltung alles tun wird, um die industrielle Entwicklung weiter zu fördern, so muß man sich bei objektiver Beurteilung doch darüber klar fein, daß Schütz niemals eine Industriestadt werden kann. Große Zukunftsmögüchkeiten liegen dagegen in der Entwicklung von Schlitz zum Luftkurort, da hierfür alle Vorbedingungen gegeben sind. Das mittelalterliche Stadtbild, der Burgenring auf steiler Hohe bietet an und für sich schon viel Sehenswertes. Der große gräfliche Park, der wie alle übrigen Anlagen für den allgemeinen Besuch freigegeben ist, bietet ideale Spazierwege, und die waldreiche Umgebung mit idyllisch gelegenen Ausflugsorten die Möglichkeit zu ausgedehnten Wanderungen. Wer einmal den Weg nach Schlitz gefunden hat, der bestätigt das, was ein früherer Schützer Oberpfarrer, der Kinderüederdichter Gg. Ehr. Diefenbach in die Verse kleidet: Im weiten Deutschen Reiche, da liegt ein Städtlein klein, Im Ring von grünen Bergen, ein heller Edelstein, Ein klarer Fluh umspielet des trauten Städtleins Fuß, Und feine Hohen senden dem Himmel frohen Gruß. Stadt und Burg Herbstein. Ein Beitrag zue Geschichte ihrer Entstehung und ihres Werdeganges. Don Pfarrer Zinn, Pfungstadt. Der Wanderer, der von Lauterbach kommend durch das anmutige Eisenbachtal nach dem hohen Vogelsberg feine Schritte lenkt, ist, wenn er nach eineinhalbstündigem Marsche auf der Rixselder Hohe anlangt, überrascht von dem eigenartigen Landschaftsbild, das sich da vor ihm auftut. Dom 700 Meter hohen Gipfel des Gebirges strahlenförmig auslaufenden, meist mit herrlichem Buchenwald bestandenen Höhenzug ist ein 400 Meter hoher, fanftanfteigenber Berg vorgelagert, der ringsum von wasserreichen Wiesengründen umgeben ist. Und diesen Berg krönt ein etwa 1600 Einwohner zählendes Städtchen, dessen höchstgelegener Teil ringsum von gut erhaltenen, hohen, mit Türmen flankierten Mauern umgeben ist. Malerisch drängen sich zwischen den Mauern und Türmen, zu denen sich brüder- lich der der evangelischen Kirche gesellt, altersgraue Häuser und Dächer und Giebel traulich aneinander, alle überragt von dem wie ein trutziger Bergfried in der Mitte stehenden wuchtigen Turm der altehr- würdigen katholischen Kirche. Das ganze mutet uns den Lehren und Erfindungen der neuen Agrarchemie und Technik nichts wissen, aber in vielen Hoireiten sieht man neuzeitliche landwirtschaftliche Maschinen von der Sämaschine bis zur Dampfdreschmaschine, und die Geräte und Werkzeuge, die der Schmied verfertigt und bessert, zeigen, wie auch der Handwerker „mit der Zeit geht". Metzger und Gastwirte suchen auch den verwöhnten Ansprüchen der zahlreichen Sommergäste, die die reine und ozonreiche Höhenluft und die schöne Umgebung Herbsteins aUfommer» lich in wachsender Zahl genießen wollen, zu befriedigen. Eine modern eingerichtete Dampfmolkerei versteht es, die Milch, das Hauptprodukt der mehr auf Viehhaltung als Körnerbau angemiefenen Landwirtschaft, einwandfrei zu verwerten und in die Großstadt zu bringen. (Eine Wasserleitung spendet reines und erquickend frisches Gebirgswasser in ausreichender Menge. Der Not der Nachkriegszeit sucht man zu begegnen, indem man uralte, mit Basalt- finblingen überstreute Deblänbereien, bie von alters her nur roeibenben Rinbern- unb Schasherben kümmerliche Nahrung boten, „melioriert" ober in fruchtbares Ackerlanb oerwanbelt. Eine elektrische lieber» lanbleitung versorgt bie Straßen unb Häuser ber Stabt mit Licht unb Kraft, unb Radiohörer vermitteln allen, bie sie hören wollen. Wissen unb Kunst ber Großstabt. Doch bavon wollen wir jetzt nicht reben, wie ber Geist ber neuen Zeit auch in bie Mauern bcs altersgrauen Stäbtchens Herbstein einzog unb einzieht, sonbern was biese Mauern uns aus alter Zeit vom Werbegang bes Stäbtchens zu erzählen haben. Wir verlaßen bie Dorstabt unb Neustabt, bie im wesentlichen im 14. unb 15. Jahrhunbert unb später unter bem Schutze ber Ringmauern sich anfiebelte unb nur mit Wall unb Graben unb Hecken unb Zäunen sich umhegte, unb betreten bie heute noch von Mauern umgebene Altstabt, durch bas Untertor ober „Niebere T o r", in bas auch bie van rechts fommenben alten Lauterbacher unb Fulbaer Straßen, jetzt Rixselber unb Bachgasse genannt, in bie Stabt einmünben. Das Tor selbst würbe leider 1850 abgebrochen unb ber barauf stehenbe Schutzpatron Jakobus vor bie Kirche gestellt, aber bie Mauern sind ringsum noch gut erhalten. Nur Wall und Graben, die außen die Mauer umzogen, hat man eingeebnet, z. T. als man vor 100 Jahren die neue Lauterbacher Straße baute und dafür Raum gewinnen wollte, zum Teil schon früher, um Bauplätze und Gärten zu gewinnen für die Dorstadthofreiten. Im Norden verrät noch der Name „Wallweg", daß auch dort einst Wall und Graden die Stadtmauern zu weiterem Schutze umgaben. Wir treten durch die Mauerlücke, die wie eine klaffende Wunde neuzeitlicher Unverstand dem ehrwürdigen Baudenkmal aus der Väter Zeit geschlagen hat, als man das Niedertor abbrach, das einzige Tor, das ehemals den Verkehr der Stadt mit der Außenwelt vermittelte und in das alle alten Zufuhrstraßen einmündeten. Die jetzige oft „Obertor" genannte Mauerdurchfahrt beim Haftlokale sowie bas „Neutor" finb, wie schon bie,er Name sagt, erst später entstauben, unb ber Durchbruch burch bie Stabtmauer zwischen ber evangelischen Kirche unb bem Hause bes Herrn Rechtsanwalts Domm würbe erst beim Bau ber neuen Lauterbacher Straße gemacht, um biese auf kürzestem Wege in bie Stabt einzuführen. Der untere Teil ber ummauerten Stabt, ber bie alte Wanggasse, bie Abolfsgaße, bie Amtsgasse unb ben Postberg umfaßt, bietet uns wenig Anziehen- bes, feitbem er größtenteils in bem großen Branbe oon 1907 abgebrannt ist. Nur bie Hälfte ber zuvor auf engstem Raum bicht zusammengebrängten Holz- fachwerkhäuser hat roieber auf ber Branbftätte auf- gebaut werben bürfen. Jeber zweite Bürger hat sich bamals in ber Außenstabt anfiebeln müssen, um ben Zurückbleibenben mehr Lust unb Licht unb Bewegungsfreiheit ums Haus zu lassen. Zweifellos hat bie Gesunbheit unb Wohlfahrt der Menschen ba- burch gewonnen, aber bie Romantik bes Stabtbilbes verloren. Noch ursprüngliche Altertümlichkeit verrät der obere Teil ber Altstabt, ber ben Marktplatz unb bie katholische Kirche umfaßt, mit bem ganz eigenartig sie umgebenben hoppelten Häuserring. Die charaktervolle, breischifsige gotische Kirche samt Chor unb vorgesetztem mächtigen Turme stammt allem Anschein nach aus bem 13. Jahrhunbert unb enthält in ihren Heiügenbilbern, ihrer Kanzel unb ihrem Taufsteine viele wertvolle Dokumente alter religiöser Volkskunst. Der Marktplatz fällt angenehm auf burch seine für ein befestigtes altes Lanb- städtchen ungewöhnliche räumliche Ausbehnung. In ber kleinen 1882 erbauten evangelischen Gustav- Seite 90 Adolf-Kirche befindet sich eine sehenswerte, kunstvoll geschnitzte und bemalte Kanzel, die aus der ehemaligen Lauterbacher Totenkirche stammt. Beim Bau dieser Kirche stieß man auf so viele Mauer- rcste und Kellerräume, daß man seine liebe Not hatte, das flau5 zu fundamentieren. Vom Garten des Amtsgerichts her führt ein zugemauerter Keller- eingang in die Stützmauer des höhergelegenen Vorplatzes der Kirche, der noch nicht geöffnet und unter- sucht wurde. Das Merkwürdigste aber ist, daß der Turm in der Stadtmauer hinter der evangelischen Kirche viel stärker ist und einen viel größeren Durchmesser hat als die drei anderen Türme, die die Stadtmauer flankieren, und daß das von Norden her an den Turm anstoßende und organisch mit ihm verbundene Stück der Stadtmauer fast die doppelte Stärke hat als die übrigen Partien der Ringmauer, und nach oben treppenartia sich verjüngt. Auch auf der entgegengesetzten südlichen Seite dieses Turmes hat der Abbruch des oberen Teiles der an den Turm stoßenden Stadtmauer so tiefe Zapfenlöcher im Turm hinterlassen, daß anzunehmen ist, daß dieser Teil der Stadtmauer fest mit dem Turm ver- ankert war und wohl mit dem Turm gleichalterig ober älter ist. Eine Jahreszahl ober sonst ein Kenn- zeichen für das Alter dieser Mauern und Türme findet sich nirgends eingemauert. Ader wir erinnern uns, daß Herbstein eine feste Stadt und Burg der ehemaligen Fürstadtei Fulda war, und vermuten, daß uns die alten Urkunden des Klosters und Stifts Fulda vielleicht Aufschluß geben über die Baugeschichte dieser Stadt und Burg. Unsere Vermutung trügt uns nicht. Der alte Gelehrte Schannat, ein hervorragender Kenner der fuldischen Urkunden, schreibt in seinem 1724 zu Leipzig erschienenen Buche „Buchonia vetus" (b. h. „Das Buchcnlonb") auf Seite 357, baß ber Ort, betreute ,,f) e r b e ft e i n" heiße, früher „Heribrahtes- husun" genant worben fei und feinen Namen vielleicht damals etwas geändert habe, als der Abt Heinrich „den mit Mauern und Gräben umgebenen Ort ungefähr um das Jahr 12 61 auch durch ein castrum (Schloß ober Burg) befestigte". Uebereinftimmenb mit Schannat berichtet Thomas in feinem „System aller fuldischen Privatrechte", Fulda 1788, Band 1, § 72, S. 127, daß Abt H e i n - r i ch IV. den schon mit Mauern und Gräben umgebenen Ort mit einer Burg versehen habe. Es war die Zeit des Faustrechts. Das Fehlen einer kaiserlichen Zentralgewalt öffnete allen Freiheitsbestre- düngen und jeder Habgier Tür und Tor. Mehr als einmal mußte der Abt Heinrich IV. von Erthal den Abtsftab mit dem Schwerte vertauschen upb an ber Spitze seiner getreuen Mannen und bewaffneten Knechte gegen den buchonischen Sibel kämpfen und seine wirklichen ober vermeintlichen Herrschaftsrechte verteidigen und Ordnung schaffen. Sein gefährlichster Gegner war Graf Botho von Ziegenhain, der sich zum Schutzpatron aller fuldischen Vasallen aufwarf, die unter dem Vorwande, die einst von ihnen und ihren freien Vorfahren dem Abt geschenkten und wieder als Lehen empfangenen Güter zurückzufordern, ihre Reichsunmittelbarkeit erstrebten und sich 1252 in der Feste Bimbach eingerichtet hatten und von da aus ein Schreckens- regiment mit Raub und Gewalttat verübten. Abt Heinrich IV. vertrieb die Raubritter von dort und schlug sie wiederholt. Zum Schutze und zur kräftigen Wahrung seiner Belange in ber Abtei befestigte er alle wichtigen Plätze. Bimbach unb Biber- stein, Wacha unb Gammelburg, Mackenzell unb Neuhof unb die Stadt Brückenau befestigte er aufs neue. „Noch vor feinem Tode restaurierte er bas Schloß Stolzenberg unb erweiterte den Flecken ober das Städtchen Herbstein mit der Burg daselb st." So erzählt der bekannte fuldische Geschichtsforscher Schneider im 3. Band feiner „Buchonia“, S. 55 ff. Alle diese Nachrichten über Herbstein gehen, wie mir scheint, zurück auf den gelehrten Jesuiten Brower, einen auch in Einzelheiten zuverlässigen Kenner der Geschichte der Abtei Fulda. Im Jahre 1620 gab dieser in Antwerpen ein vicrbändiges Geschichtswerk heraus mit dem Titel Antiquitates Fuldenses (Fuldische Altertümer). In dessen viertem Buche schreibt er auf Seite 308 zum Jahre 1258: Condere iam arcem et oppidum Herebrachs- husanum Henricus coeperat et ditionis suae sedes ac propugnacula ad bellum (?) usum impendio explicare, cum hisee curis brevi absolvendus ad aliam vitam evocatur, salutis anno MCCLX1 (Schon hatte Heinrich begonnen, die Burg und Stadt von Herebrachshusen zu begründen, unb bie Wohnsitze unb Bollwerke feiner Botmäßigkeit zum Gebrauche im Kriege um ein Bebeutenbes zu erweitern, als er von biefen Sorgen bald erlöst unb in ein anberes Leben abgerufen wurde, im Jahre des Heils 1261)". Hält man die obigen interessanten Nachrichten alter fuldischer Chronisten zusammen mit der Tatsache, baß von biefer Zeit an in allen fuldischen unb Herbsteiner Urtunben nicht mehr von einem Heredrachts- ober Heribertshusen bie Rebe ist, sondern nur noch von einer „stabt Herber- steyn, Herbirsteyn ober Herbesteyn" stets in Unterscheidung von der „Burg" oder dem „slosce, slosze, castrum" gleichen Namens, so darf man mit Sicherheit annehmen, baß der tatkräftige sulbische Abt Heinrich IV. (von Erthal) anfangenb unb sein ebenfalls kriegstüchtiger Nachfolger Bertho II. voll- endend zwischen 1258 unb 1271 das alte Berg- börfdjen Herdrahteshusen (Heridrahteshusun), das sich zu seinem Schutze schon vorher mit Mauer unb Graben umgeben hatte, größer gebaut, ftär» ter und zeitgemäßer befestigt unb zu weiterem Schutz und zur Wahrung ber Rechte und Freiheiten des Sttsts Fulda durch eine Burg gestützt haben. Die Burg nannte man in Anlehnung ari den alten Namen des Orts „Herberstein" (Stein- Burg wie in Ulrichstein, Biberstein u. a.). Die dominierende Bedeutung, die bie Burg gewann, brachte es mit sich, daß ber Name ber Burg auch auf Das alte, nun zur „Stabt" (oppidum) erhobene Dorschen Hcrbratshusen überging unb ben alten Namen schließlich ganz verdrängte. Zu klären bleibt nur noch die Frage, wo bie von Abt Heinrich geplanten unb von ihm unb seinem Nachfolger gebauten neuen Stabtbezirke unb bie neue Burg zu suchen sind. In ersterer Hinsicht dürste es mehr als wahrscheinlich sein, daß ber westliche Teil ber Oberstadt unb die katholische Kirche mit ber sie umgebenden hoppelten Häuserreihe damals von genannten Siebten neu gebaut wurde. Das dortige Stadtbild ist so einheitlich unb sinnvoll gebacht unb so planmäßig durchgeführt, daß man feine Entstehung nicht anders denken kann. Dazu stimmt auch bas Alter der Kirche, bie nach dem Urteil von Sachverständigen im 13. ober spätestens 14. Jahrhunbert gebaut worben sein muß. Es wäre nun noch zu untersuchen, auf welchem Platze die Burg Herbstein gestanden hat. Auf dem höchsten Punkte von Herbstein, dem sogenannten „Hain" ober, wie ber Dolksmund sagt, dem Hä oder Hä'-che, darf man sie nicht suchen. Dieser ursprünglich „hac" ober „Hag" Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe genannte Platz liegt außerhalb der Ringmauer unb ist von alters her ber Malplatz des alten Herbsteiner Zentgerichts gewesen. Von ihm schreckst 1541 ber sulbische Schultheiß Paul Spangenberg in einem Bericht an den Fürstabt: „Wer von Eurer Fürstlichen Gnaden den Stap (b. h. ben Gerichts- stab, das Symbol richterlicher Gewalt) unb bie Oe» bott hat, der hat ben Hayn, bie Stadtzciun, Hege unb Schlag zu verbessern und zu strafen by V Spie- lingen, die geboren einem Schuolthißen von Amptswegen." Auf dem Gipfel dieses „Hains" erkannte ich vor Jahren noch deutlich die Reste eines länglid) runden Erdwalls, der eine muldenförmige Vertiefung umschloß, also durch Slushub der Erde aus dem umhegten Plag entstanden war. In ber Nähe finbet sich ber barauf hinweisende Flurname „Moldenhain" vulgo „am Molthai'che" (= molt- hagen ober Einfriedigung aus Erde). Daraus ergibt sich, daß dieser Berggipfel niemals eine von Menschenhand gemauerte Burg getragen hat, ab- gesehen davon, daß er dafür auch gar nicht Raum genug bot. Als altehrwürdigen Gerichts- und Versammlungsplatz, vielleicht noch in die Heidenzeit zurückreichenden Kult- und Opferplatz*) hat man ihn pietätvoll von jeher unbebaut gelassen. Es bleibt also als Standort Der ehemaligen Herbsteiner Burg nur noch ber östliche Bezirk der Oberstadt übrig, bie Gegenb, wo jetzt ber Marktplatz, bie evangelische Kirche unb bas Dommsche Haus sich befinben. Diese Vermutung wirb gestützt burch bie schon erwähnte von ber übrigen Stadt- befeftigung abweichenbe, massivere Struktur bes Turmes unb bes anstoßenden Mauerstückes hinter ber evangelischen Kirche unb bie bort beim Funba- mentieren bes Kirchbaus gefundenen Gewölbe unb Mauerreste. Auch bei ber Durchführung ber Lauterbacher Straße burch bie Stabtmauer soll man viele solcher Mauerreste bort gefunben haben. Die urkundliche Bestätigung unserer Vermutung finde ich in der aus dem Jahre 1441 stammenden Stiftungs- Urkunde des alten Hospitals in der Angabe, daß dieses Hospital zwischen den beidenToren aus ber Beschaffenheit bes Bobens, so vor allem in der sog. „Laubach", noch heute feftstellen läßt. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, bah bie Wetter unb ihre zahlreichen Zuflüsse ursprünglich dieses Tal füllten, in rein westlicher Richtung der Lahn zuflossen und erst später an ber Stätte bes heutigen Bessingen sich ben Durchbruch zu Nibba unb Main eröffneten. Eine Urtunbe bes Breviarium des Heiligen Lullus (geft. 786) melbet, daß hier „Freie Leute" dem Kloster Hersfeld Güter überweisen. Eine alte Sage berichtet, daß Laubach aus 3 Höfen entstanden sei. Der Kern dieser Ueberlieferung ist durchaus nicht abzuweisen. Wir haben uns die alte „vilfa“ L 0 ubahe jedenfalls als ein „Haufendorf" vorzustellen. Der sog. „Alte Hof" lag außerhalb des Festungsgürtels, aber dicht dabei. Jedoch betrug, wie sich nach den alten Güteroerzeichnissen berechnen läßt, bereits um das Jahr 900 das bebaute Gelände etwa 250 bis 300 Morgen. Schon 1057 hören wir von einer Kirche zu Laubach. In ber zweiten Hälfte bes 13. Jahrhunberts treten bie Herren von Hanau als Inhaber von Laubach auf. In bemfelben Jahrhunbert noch werben uns Befestigungen in Lau- bad) genannt. 1335 erscheint bie „bürg L 0 u ° p a ch". Im Anfang bes 15. Jahrhunberts beginnt bas „Haufenborf" lich zu einem „Reihenborf^ zu entwickeln. 1405 erscheint Laubach als „oppidum" (Stabt). Unter ber s 0 lmsischen Herrschaft, bie 1418 anfängt, wird bie Weiterentwicklung in ge« beihlicher Weise geförbert. 1420 verliehen bie Grafen wertvolle Freiheiten, so die Befreiung von Weg- unb Schlaggeld, von Mäher« unb Kuygslb. Kaiser Friebrich III. erteilte zu Köln am 20. September 1475 bem Grafen Kuno z u Solms bie Erlaubnis, Schloß unb Stabt Laubach mit Kemnaben, Türmen, Gräben, Mauern, Zäunen unb auf jebe Art zu bauen unb zu befestigen „umb der ge- treuwen annem unb nützlichen dienst willen, so er uns bem heiligen Reich, und sunberlich in den vergangenen Kriegsleusfen wider den Hertzogen von Burgundi gethan". Der Landrat des Kreises Wetzlar, Herr Geh. Regierungsrat Dr. Sartorius. Zu Ihrem 175jährigen Jubiläum spreche ich Ihnen meinen Glückwunsch aus und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß es dem Gießener Anzeiger auch in Zukunft gelingen wird, der Leserschaft, zu der auch zahlreiche Einwohner des Kreises Wetzlar gehören, ein vom vaterländischen Geiste eingegebenes, von Sachkunde getragenes Urteil über Tagesereignisse sowie Kultur- und Lebensfragen zu vermitteln. zu Herbstein gelegen sei. Da dies Hospital zweifellos mit dem heutigen Amtsgericht identisch ist und das eine der beiden Tore ebenso zweifellos das alte „Niedere Tor" ist, das südwestlich vom Hospital in die Stadt einführt, so muß das andere Tor ebenfalls in ber Nähe bes jetzigen Amtsgerichts, unb zwar norbwestlich bavon, gesucht werden. Da ein zweites Tor in der äußeren Stadtmauer für diese Gegend nickst in Betracht kommen kann, so muß es ein Stadttor in einer inneren Mauer gewesen fein, und zwar einer Mauer, die an dieser Stelle Stadt- unb Burgbezirk von einanber schied. Und etwa vom dicken Turm hinter der evangelischen Kirche ausgehend, über die Stützmauer des Kirchengartens laufend, ben jetzigen Häuserblock des Rathauses unb Stadtwirtshauses unb ihrer Nachbar- gebäube durchfchneibenb in bie Stützmauer des katholischen Pfarrgartens eingelaufen ist. Es ist also anzunehmen, baß bie heutige vom Untertor ben Postberg hinanführenbe Straße in ihrem weiteren Verlaufe in ber Nähe bes Amtsgerichts, des alten Hospitals, durch ein zweites Tor in die Oberstadt auf einen freien Platz vor ber Burg einmünbete unb so bie Verbinbung mit ber Kirche unb Der Ringstraße ber Oberstadt herstellte. Vermutlich hat auf diesem zweiten, bedeutsamen Tore ber zweite Schutzpatron ber Stabt, Johannes ber Täufer, ge- ftanben, ben man nach der Zerstörung ber Burg unb bem Abbruch des Obertors in bie Nähe bes schon erwähnten späteren Neutors postiert hat. Wann biefe Zerstörung ber Burg geschah unb burch wen, habe ich bis jetzt nicht feststellen können. Aber schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts dehnte sich in ber Gegenb ber alten stäbtischen Burgmauer ein „freier Platz" aus, ber „Burgplatz" genannt, auf bem vom Fürstabt ber Stadt ein Bauplatz für die Erbauung eines Brauhauses, wohl bes alten, an der Stelle des jetzigen gelegenen Stadtwirtshauses, überlassen wurde unter ber Bebingung, daß Bür- germeifter, Rat unb Gemeinbe sich verpflichteten, bas Haus wieder abzuschaffen, wenn Fürstliche Regierung den Platz wieder nötig habe. So viel Wert legte man damals auf dieses Fleckchen (Erbe. Offenbar hat man damals noch in Fulda ernstlich mit bem Wiederaufbau der Burg gerechnet. Es ist nicht mehr dazu gekommen. Die Zeit ber Zwingburgen war für immer vorbei. Vielleicht waren es die Nachkommen ber Bürger unb Bauern, zu deren Schutz einst die Burg begründet wurde, selber, die sie im Bauernkriege zerstörten, daß man heute ihre Stätte nicht mehr kennt. Möge das Alte, was seine Zeit überlebt hat, zerfallen und sterben und neues Leden blühen aus den Ruinen. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb' in Ewigkeit. •) Noch heute endigt das altheidnischem Feuerbrauch entsprungene, alljährlich am Hutzel- fonntag von ber Jugenb veranstaltete Hälbrennen mit einem Fackelzug nach bem Hain, wo man zuletzt bie Fackeln zusammenwirft unb verbrennt. Laubach. Von Professor Dr. August R 0 eschen , Laubach. Els Jahrhunderte, bis in die Tage Karls des Großen, führt uns die Geschichte ber Stabt Laubach zurück. Jedoch beweisen Funde, daß schon vor Jahrtausenden diese Stätte besiedelt war. Im nahen Schloßgarten wurden Bronze- sachen und Tonscherben der Hall- (tatter Zeit gefunden. Mit höchster Wahrscheinlichkeit können wir auch Pfahlbauten auf der Südseite der Stadt annehmen, links des sog. Schmelzpfades. Hier wurden Im Garten des Bürgermeisters Bohm vor einigen Jahren in einer Tiefe von 20 Metern beim Graben eines Brunnens behauene Baumstämme und Bohlen gefunden. Das dortige Gelände war wahrscheinlich von einem See bedeckt, sicherlich von einem tiefen Sumpfe, wie sich Die Erhebung Laubachs zu einer reiche- gräflichen Residenz, zur Haupt st a d t der Reichsgraffchast Solms-Laubach, die aus den Aemtern Laubach, Utphe und Münzenberg bestand, ist von besonderer Bedeutung für die Entwicklung ber Stabt. Die Begründung dieser Reichsgrafschaft erfolgte zwischen den Jahren 1544—48. Der erste Reichsgraf zu Solms-Laubach, Friedrich Magnus, ein Halbbruder Philipps des Großmütigen, war ein tüchtiger Regent. Er baute Laubach zu einer starken Festung aus, begründete eine L a • t e i n f d) u l e unter Beihilfe Melanchtons, bie von weither besucht wurde und zeitweise über 100 Schüler hatte, unb führte bie Reformation ein. Auch erteilte er ben Bürgern verschiedene Befreiungen, hob die Entrichtung des „Desthaupts" auf, erließ nützliche Verordnungen für ben Betrieb ber Lanbwirtschaft unb der Gewerbe usw. Unter seiner Regierung hob sich die Beoölkerungsziffer bedeutend. Während wir uns Laubach noch in ber zweiten Hälfte bes 15. Jahrhunberts als ein größeres Haufenborf von etwa 6—800 Bewohnern vorstellen müssen, können wir bie Bevölkerung von 1590 auf gegen 1500 Bewohner berechnen. Bereits 1559 finden wir 87 Pferde in Laubach; das bebaute Land betrug gegen 800 Morgen. Auch hatte sich das Gewerbe, vornehmlich durch die Bedürfnisse ber Hofhaltung, gebeihlich entwickelt. Be- sonbers blühte bas Brauereigewerbe. Am Ramsberg unb auf ben Hohen an ber Licher Straße würbe Hopfen in großer Menge gezogen. Der berühmte Erasmus Alderus (geb. zu Sprenblingen in ber Dreieich, aber erzogen in Nibba), ber als Pfarrer in Staben wirkte (von wo aus er am 24. August 1543 unter Luthers Vorsitz in Wittenberg bie theologische Doktorwürbe erwarb), sagt in seiner Beschreibung ber Wette rau: „Man brauet auch in ber Wetterau gut Bier zu Butzbach, Nibba, Laubach, Hoch weise!, Gießen, Grünberg unb Frankfur t." Dieses blühenbe Gewerbe behauptete sich in ßaubad) bis über bie Mitte bes vorigen Jahrhunderts. Auch in Laubach unterbrach ber 30jährige Krieg bie Entwickelung des Gemeinwesens; die Beoölkerungsziffer sank um fast zwei Drittel. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts unb unter ber Regierung bes Reichsgrafen Friedrich Ernst (1696—1723), ber als ber tüchtigste Regent biefes Reichsgebietes gelten muß, besserten sich allmählich bie Verhältnisse. Auch erfolgte unter biefem Reichsgrafen bie erste Erweiterung ber Stabt außerhalb des Festungsgürtels durch Anlage Der „Vorstadt" an der Schottener Straße. Er hob bas Forstwesen, bie Köhler- und Eisenindustrie, deren Anfänge sich schon in ben 80er Jahren bes 16. Jahrhunberts sest- scellen lassen. (Bereits im Jahre 1507 war Philipp Graf zu Solms, der Großvater jenes Friedrich Magnus, von Kaiser Maximilian mit bem Erz- und Bergwerk-Regal belehnt worden.) 1704 legte er einen Hochofen auf ber Friedrichshütte an. Der 7jährige Krieg, bie Revolutions- unb Befreiungskriege brachten roieber schwere Schöben. Doch erholte sich bereits in ber ersten Hälfte bes vorigen Jahrhunberts bas Städtchen wieder, vornehmlich durch die gemeinnützige Tätigkeit des Grafen Otto. Die durch die Kriegsjahre sehr geminderte Bevölkerungsziffer war schon im Jahre 1823 auf 2098 Bewohner, im Jahre 1840 auf 2151 gestiegen. Graf Otto fand beim Tooe des Vaters (1822) bie Grafschaft so verschuldet, daß er das Majorat zuerst gar nicht zu übernehmen sich getraute. Die persönliche Tüchtigkeit des jungen Mannes verschaffte ihm jedoch Kredit. Er rechtfertigte das Vertrauen, war persönlich sehr mäßig, bescheiden, fleißig und sparsam, ohne jedoch in Beiträgen zum öffentlichen Wohl knickerig zu sein. In vorbildlicher Weise betrieb er die Landwirtschaft, war in hervorragendem Maße an der Orünoung des „Landwirtschaftlichen Vereins" beteiligt unb hinterließ bei seinem Zwölftes Blatt Tode (1872) seinem Sohne Friebrich wohlgeordnete wirtschaftliche Verhältnisse. So konnte dieser seine sozialen Pläne verwirklichen und die Gründung des Gymnasiums im Jahre 1875 durchführen, wo- durch ein sichtbares Aufblühen des Gemeinwesens erfolgte. Die Stadt, bie bisher außerhalb bes Festungsgürtels nur burch bie „Vorstadt" erweitert worden war und auf bem anstoßenden Gelände nur wenige, ganz vereinzelte Häuser hatte, dehnte sich nun nach allen Seiten aus. Die Licher, Hungener und Schottener Straße, die Bahnhofs- unb Friebrichsstraße unb ber ganze „H a i n" wurden ausgebaut. Graf Friedrich erwarb an der Schottener Straße ein größeres Anwesen mit großem Gelände unb errichtete hier ein 21 r m c ft - unb Krankenhaus. Diese Anstalt erweiterte sich immer mehr unb bedeutete einen wahren Segen für die Stadt unb die nähere und weitere Umgegend. Hierdurch fanden bie Bauhandwerker und auch die übrigen Gewerbetreibenden Gelegenheit zu gutem Verdienst. Einzelne Gewerbe sind allerdings, da sie mit dem Fabrikbetrieb nicht mehr wetteifern konnten, zurückgegangen, ja verschwunden, fo bie blühenbe Industrie ber L 0 h - unb Weißgerber, der Küfer, ber Gelbgießer, ber Kn 0 vfmacher^. ber Dreher, Der Weber, der Müller; 2 Luhmühlen, 3 Mahlmühlen, 1 Windmühle unb eine Knopfmühle waren früher hier in Betrieb. Auch mürbe bis in bic Mitte bes vorigen Jahr- hunoerts hier viel Tabak unb Hopfen gepflanzt. Sogar die Seibcninbuftrie war hier byrchaus nicht unbebeutenb; noch vor brei Jahrzehnten sah man hier zahlreiche Maulbeerbäume. Die Mediatisierung der Reichsgraf, schäft bedeutete für Laubach einen schweren Verlust. Am Hof waren nicht weniger als 80—90 Personen bedienstet. Außerdem lag eine nicht unbeträchtliche Besatzung in ber Stabt. In ber Mitte des 18. Jahrhunberts wurde hier ein Bataillon errichtet. Noch heute finden dagegen viele Leute lohnende Beschäftigung in den gräflichen und städtischen Waldungen. Verschwunden ist auch bie Porzellan - Jnbustrie, bie im vorigen Jahrhunbert brei Jahrzehnte hier blühte. Dagegen hat sich neuerbings die Tabak-Jnbustrie verhältnismäßig recht günstig entwickelt. Im Jahre 1848 eröffnete ein Christian Bär eine kleine Tabakfabrik. Dessen Geschäftsführer, Joh. Konr. Michel, begrünbete 1868 ein eigenes Geschäft, bas gedeihlichen Fortgang nahm. Heute sind gegen 60 Arbeiter hier in diesem Industriezweig tätig. Der Weltkrieg brachte auch unserer Stadt mehr ober weniger nach oerschiebenen Seiten schwere Schädigungen. Man suchte nach Kräften bie Not zu linoerh. Im gräflichen Schlosse wurde unter Oberleitung ber Gräfin Mutter ein größeres Lazarett eingerichtet, das vortreffliche Verpflegung bot. Die Ernährungsverhältnisse waren, abgesehen vom Herbst 1916, im allgemeinen nicht ungünstig, dank ben kaufmännischen Talenten des Bürgermeisters Ritter (geft. 1922). Auch richteten viele Leute, selbst Beamte, eine Zwergökonomie ein, schafften sich Ziegen unb Hühner an und mästeten Schweine. Ebenso ging, auch bei ben ärmeren Klassen, bic Inflationszeit durch die Umsicht des Bürgermeisters und Gemeinderats, sowie bie Mildtätigkeit der Landwirte, erträglich vorüber. 1500 Zentner Kartoffeln wurden beschafft, von denen der fünfte Teil bar bezahlt, die übrigen durch Holztausch entrichtet wurden; auch wurden im Jahre 1923 10 Säcke Mehl angefauft unb an bie Armen verteilt, wozu der Graf ein Darlehen gewährte. Durch die Ettlingsche Molkerei unb wohltätige ßanbmirtc würben täglich 25—30 Liter Milch an arme Kranke und Kinder verabreicht. Durch allgemeine Sammlungen und hervorragende Teilnahme ber Geschäftsleute wurden ben Armen Del, Fett, Kolonialwaren unb sonstige Lebensmittel in hinreichendem Maße ohne Entgelt geliefert. Der schwerste Schlag, der Laubach als Kriegsfolge traf, ist ber Untergang bes Gymnasiums im Jahre 1922. Die Anstalt hatte sich unter ben Direktoren Windhaus unb Hensell herrlich entwickelt; im Jahre 1898 betrug die Schülerzahl 191. Seit 18$ (Direktion Balser) begann sie zu sinken; im Jahre 1901 betrug sie 125, im Jahre 1905 nur noch 101. Der unglückliche Ausgang des Krieges besiegelte ben Untergang Der segensreichen Lehranstalt. Dio Beoölkerungsziffer Der Stadt, bie im Jahre 1919 auf 1887 Einwohner herabgesunken war, hat im Juni dieses Jahres bie Zahl 2033, also den Stanb vor einem Jahrhunbert (siehe oben), wieder erreicht. Schloß und Stadt Ulrichstein. Don Pfarrer Wilhelm Kornmann, Ulrichstein. Das VogelLbergstäbtchen Ulrichstein ist sicher recht alt, älter jedenfalls als die erste urkundliche Erwähnung ben Anschein erweckt. Schon 1279 wird In einer Merlauischen Urkunde ein Bodo scultetus (Schultheiß, Schulze) von Ulrichstein unter den Zeugen genannt. Daß Ulrichstein damals schon Stadtrechte gehabt habe, ist sehr zu bezweifeln; ver- läßlid) ist bic Tatsache, daß im Jahre 1347 Landgros Heinrich II. seinen Schwager, Kaiser Ludwig den Bayer, zur Erteilung eines Freiheitsbriefes für den Drt Ulrichstein bewog, wodurch dieser „mit allen Rechten unb Freiheiten der Reichsstadt Friedberg, mit einem Markt unb dem Rechte, 6 seßhafte Juden auszunehmen, begnadigt und also zur Stadl erhoben wurde". Das Schloß befand sich damals in Eisenbachschem Besitz. 1604 kam es an Hessen- Darmstadt, das eigene Amtleute und Rentmeister bort einsetzte. Das Schloß trägt wohl auch die Schuld daran, daß Ulrichstein so viel unter Kriegen zu leiben hatte. Die Heerscharen Des 30jährigen Krieges wurden sicher durch bas Schloß nad) Ulrichstein gelenkt; bie Stabt hatte bamals 5 Torc. Wachtposten waren auf bem sog. Koppel, bem Hauderg und anberswo aufgestellt. 1622 wurde ft Stabt durch halberstädtisches Kriegsvolk Überfalls und bie Bevölkerung grausam behandelt; elf ft sonders schwere Fälle werden in den Aufzeichnungen bes damaligen Rentmeisters Johann Kays« erwähnt, nämlich: Foltern, jämmerliches Schlagen und zu Tode martern. Auch der sog. „Schweden- trunt" spielte eine große Rolle; ein einäugiger Dbrift hat sich durch Oreucltatcn besonders „ausgezeichnet". Ein Geistlicher z. B., ber von auswärts mitgeschleppt worden war, wurde vor dem Pfarrhaus schwer mißhandelt und ihm dabei zugerufen: „Hör, Pfaffe, such dein Geld, oder sieh zu, mic bir's gehen wird!" Nach mündlicher Ueberlieferung sollen in ber Nähe Ulrichsteins mehrere Ortschaften gewesen fein, die im 30jährigen Krieg zerstört wurden, so eine namens Ruß- oder Roßdorf. Ulrich' stein jedenfalls hatte unter dem genannten Krieg sehr zu leiden; Im Sommer 1635 herrschte cm großes Peststerben, und am 25. Januar 1648 begann noch einmal eine zehntägige Plünderung durch (eine W und flj Schloß l: um JJ ^ch W u j Sora« fei&' And oer- £ OedEU abM ooin t ihre i tWl.$b gerne!« § die Siro war kn Februl dst 3 oben n L-K eineS«“ ,™.gl Arandungiu tendenWen der Stadt Ul Stadt mur e nid) Stadtschre'ber G eigener Kraft zu Deutung sehr Aus ber weit wähnenswert, 0 kommend, auf w Nacht 00m 2. zu nachtet hatzunte viele russische Os auch zahlreiche nenb für deren . Pfarrers Raab, i 1814 schreibt:^ das Blüchersche erste Tat der Ru des -ostores am ( zu Holzzwecken. , erneut russische T, Bon da an be Zeit der stillen hessische „Amt Uli erhielt hie Stadt et geeicht (1879 Amts ein alter Gerichtss zeichnung „Mulstw zudeuien scheint. Vit einer Gericht auch ein PMat hat dort seinen S Fährverkehr nach 1875 in eine zu Bahnstation Müd 1866 ()atte bie & es tarn über nid» 1872 tarn ein pre Selgenhof bei Ulrii ausgehoben. 1900 a richtet, bis dahin, lassen entstanden, d sog. „Dreihausen". Ortsteil eine bebeu dort auch die Mo heutigen Tag werd enichtet. Der Schlotzberg unb zwar mit der die Schlvtzgebäude bruch verlaust w Ruine, nach ihrer bruch, wieder zu Zeit hat es bann tempeldjen erricht! wie Schloßbergkc Sammlung an b wurde der Grund lsSt, und am 2, £ emgeweiht. Die Einwohner Hutung; sie be: Jann, besonders wnetila in ber 5 M betrug sie "^Verluste 836 n2et>triea‘ 8ben der Gemeir re r?.un ln Kriegs Wsung von ! Anfang Wrz^g sW rentof EtSti äSVs 1*188 upd 1914Q*. «ach Dft' nöle »toi thea erh n t d-r Wi'-ä ben aQs gNier igiQ ?U®1 QUf „V-netd] bachl n. andere •W- au deren , t'mt ^toctQötonomle r , unb Hühner an unb mäflü ' |ing, auch bei den ärmer nszeit durch die Umsich! / Zemeinderale, sowie die Sö irte, erträglich vorüber. W lurben beschosst, von denen b ifjlt, bi? üb rißen durch fr )en; aud) wurden im maetauft unb an die 21? aas ein Darlehen genr: » Älolierei und woM ägiich 25-30 Liter M' Binder verabreicht. Durch-l en und hervorragende u teufe wurden den Armen v. und lonftigi Leben-mittel" ohne Entgelt geliefert. laq, der Laubach als W ittrgana des Gymnasiums if lalt hatte hch unter den Me HM herrlich entMelt.rr )ie LchülerM M.StA« eqann sie zu srnlen. M M Jahre W nur noch ! ^ganq des Krieges bG- StadtMrichstei' In, Sornmcnn. ** Urkund-,unter n ) »nnLLmols!S H ulnd,|t Limeifeln;» obe. iß ft1!.? W 2* ®** ÄhMft ( rng eines 6 w sSgÄl -O.H UlkiW'^en )ie «cersAren t cher J amal» »7d,mß-,FL --KW ’W znch de/, link r'd" • 1 cbrt. , QUiflebaui 'CJS r a n t P n k 0 Ctr'd)t?tE k; ,?->dt und bi n$ e ei"r üh? l°nden je ^ngen ®ewert?a!^ ^indmN?ühle- en früher hlleiun^lh! "e Mitir des n? !8etr"! °bak w?!».** i,1beninbu(tri?Ln * !UlEnb' nn* r e ttor ?r ■ÄS«“. s-M f b“9«s Hufnägel Schreinerbedarfsartikel aller Art Verzinnte Geschirre (Lauterbacher Fabrikat) Weise zu wirken. Auf dem Gebiet des Wohnungswesens gebührt an dieser Stelle auch der sozialen Wirksamkeit des Gemeinnützigen Bauoereins Dank und Anerkennung, wenn auch seine Tätigkeit durch die KARL LORZ, NIDDA TELEPHON NR. 231 Fernsprecher 110 Gegründet 1836 Modernstepreßlufi-Gußanlage Paul Sauer, Berliner Buchdruckwalzen- Gießanstalt und Walzenmaffe-Iabrik KsAmasm & GvisH, MaeEurLa.MMn Gi-mbetmev Lamdstvatze 3S « SevrrsvveÄov Warngau 6166 Lm Srr- rmd AusScnds tmüLsvtvoRstte Evfolsst Lester Leweis für unsre nur prima reine Glyzen'n-Gslatme-Walzenmaffe Ä "'an Ort W W mH J DÄben I-Hl M (ecclesia sankte cruci. et sankt garete. 1.. bei#« , (öqL die 13» w Aeban in Orten ©lieber (einer p in Hayn Lißpei fersborn quam englischen ®roM bet Jungfrau M -irche aW °ltt 1848 wirb Die «I rühmte Altarbild Schule von unjd Galerie 5um G- krieg, im 3ubeliai schloßen, die Kt Fonds von 7000 aber leidet wie' Opfer fiel. So wechselvol auch die der Pf erwähnt wird, l dort gehörig, fli Anfang des 15. 5} bald über, an des ridjtsbcrfeil für d radsdorf, glaubet bad), Ufenbom un Nach der Reforn ersten eoanaelifch Stehenbach, bald bet älteste bekannt laÄutj (1555). eine reformierte die Union ein. flammt aus dem Grabstein aus li Bon [onliiatr %att)aus ertoüljni. in ftintr fallt i geriet, dessen alit erhalten sind. Auch bestanden zu Haber Psarrgesälle aus d der Ausdruck .Jjinte Das Schloß in | um die Wende bei Bau war, nach alt, stattlicher und schär Opfer gefallen. SiatürlfA wat Hunderten befestig gut erhalten und e 1,90 Meter. Don (Obertot, Untertoi unb Festtagen de schloffen blieben, anderen wie aut "iedergeleat, da s wirtschaftliche Gni heute scheint es rrigen Mauern eii (allen. Daß M das Ctadtchei verständlich. Bon «r Einwohner wii M $ °an i Stennerei bestand schaftticbe Not stark beeinflußt worden ist. — Um im Anschluß hieran auch ein kurzes Wort über die bauliche Entwicklung der Stadt Nidda im Laufe des letzten halben Jahrhunderts zu sagen, so ist hervorzuheben, daß in dieser Zeit völlig neue Stadtteile herangewachsen sind, und sich nach längerer, sehr begreiflicher Pause nun wieder ein ganz außerordentlicher Baueifer geltend macht, so daß Nidda im laufenden Jahr allein 12 Neubauten zu verzeichnen hat und die Errichtung weiterer Wohnhäuser sowie eines Realschulgebaudee und einer stattlichen zeitgemäßen Turnhalle unmittelbar beoorstebt. Jedenfalls steht eine wesentliche Minderung der Wohnungsnot zu erwarten, was um so mehr zu begrüßen ist, als auch in bevölkerungspolitischer Hinsicht Nioda in stetem Aufstieg begriffen ist, Infolge der starken Mehrung der Eheschließungen in der Nachkriegszeit und durch den Zuzug vieler fremden Personen aus An- laß der Erweiterung des Personalbestandes der meisten einheimischen Behörden und der Industrie- betriebe ist die Devölkerungsziffer in fortschreiten« dem Wachstum begriffen. Gegenüber einer Einwohnerzahl von 1822 im Jahre 1900 ist diele nach der letzten Volkszählung auf 2350 emporgestiegen. Während damals nach Konfessionen gegliedert 1682 Evangelische, 49 Katholiken und 91 Israeliten vorhanden waren, zählt heute die Statt 8816 Evangelische, 83 Katholiken und 51 Israeliten. Auch über die Geschichte Niodas während des Weltkrieges und in der Nachkriegszeit wäre gar vieles zu sagen, worauf indessen mangels Raums in diesem Aufsatz verzichtet werden muß. Nur andeutungsweise sei gesagt, daß auch unsere Stadt an begeisterungsvoller Opferwilligkeit und Ovferfreu« digkeit, an Spendung von Liebesgaben, Derwun- detenpflege u. o. m. Großes, ja in vieler Hinsicht Vorbildliches geleistet hat. Was in dieser Hinsicht ge> scheheu ist, wird ein unvergängliches Ruhmesblatt in der Geschichte unserer Stadt für alle Zeiten bilden. Die schmerzlichsten Opfer aber, die sie dem Vaterland hat bringen müssen, sind die 59 braven todesmutigen Heldensöhne, die im männermordenden Streit ihr Leben haben lassen müssen oder an den Folgen des unseligen Weltkrieges gestorben sind. Und nun zum Schluß noch ein Wort über Geist, Charakter und Eigenart des Niddavolkes. Seine vornehmlichen Wesenseigenschaften sind: seine ausgesprochen friedsame Gemütsart, ein stark ausgeprägter Heimatsinn mit einem oft rührenden Am hänglichkeitsgesiihl an alles Heimatliche, Menschen wie Dinge, und ein für das Religiöse, Edle, Gute empfindliches Gemüt. Dabei ist der Niddaer vor Grund seines Wesens zur Geselligkeit und harmloser Fröhlichkeit geneigt. Trotz aller politischen Parteiunterschiede vollzieht sich der gesellige Verkehr alle zeit in harmonischer Weise. Standes- und Klassengegensätze kennt man in Nidda nicht. Und die Gast lichkeit der Stadt erfreut sich eines nicht minder guten Rufs als die Güte seiner Gasthäuser und die gewinnenoe, entgegenkommende Wesensart seiner Bürgerschaft Fremden gegenüber, von denen Nidda immer mehr als eine Stätte wohliger Rast auf; gesucht zu werden pflegt. — Wer Nidda noch nicht kennt, versäume nicht, ihm einen Besuch abzustatten, er wird ihn nicht zu bereuen haben. Dem „Gießener Anzeiger" aber, dem wir zu seinem 175jährigen Jubiläum auch an dieser Stelle die herzlichsten Glückwünsche entgegenbringen, wisien wir es Dank, daß er dieses howerfreuliche Ereignis zum Anlaß genommen hat, in so feinfinniaer Weise durch Herausgabe dieser Festschrift der lieben ober« hessischen Heimat ein dauerndes Denkmal zu er« richten. Er hat sich dadurch selbst ein unvergängliches Ehrenhenkmal gesetzt, durch das er, deß sind wir gewiß, sich zu dem großen Heer seiner Leser und Gönner viele neue Freunde hinzugewinnen wird. Semper in melius! Ortenberg. Von Pfarrer Kahn, Ortenberg. Der Namen des Städtchens begegnet dns in alten Zeiten in der verschiedensten Schreibweise als Orthen-, Orthin-, Ortemberch, Ordembergc (so auf einem Denar des Rosemann von Kempenich um 1260); die einen Forscher leiten den Namen von dem keltischen ordan = steil ab, andere wieder glauben, daß er soviel bedeute wie „zum Berge des Ortho gehörig ', eines alten Ritters der gleichnamigen Burg. Jedenfalls kommt der Name schon 1166—1176 in unmittelbarem Zusammenhang mit „den Herrn von Büdingen" vor. Bereits im Jahre 1266 besitzt Ortenberg Stadtgerechtigkeit, in demselben Jahre soll auch das noch heute stehende Obertor gebaut worden {ein. Aus diesem Jahre stammt auch das älteste in Urkunden erwähnte Stadtsiegel, welches eine Pforte mit Mauern und Zinnen, Hauptturm und zwei (Seitentürmen zeigt und die Umschrift „Sigillum Divium De Ortenberg“ trägt. Im Laufe der Zeit wechselte Ortenberg oft feine Besitzer, die Herren von Breuberg, Trimoerg, Hohenlohe, Brauneck, Eppenstein, Wertheim und Weinsberg werden als solche genannt. Im Jahre 1357 teilen sich durch einen Vertrag (siehe O. Buch) Konrad von Weinsberg, Konrad von fthuhuDctren, Auch in sozialer Hinsicht hat Nidda im Lauf der Jahre bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Eine wohlgeordnete Armenpflege in Verbindung mit der Wirksamkeit des Vereins „Krankenpflege" und einer sehr lobend anzuerkennenden Prioatfürsorgetätigkeit haben Jahrzehnte hindurch, auch während der Kriegszeit, eine überaus dankenswerte Tätigkeit in unserer Stadt entfaltet, ebenso wie ihr auch die im Jahr 1879 ins Leben gerufene Kleinkinderschule zu großem Segen gereicht. Auch zweier Stiftungen aus alter Zeit darf hier nicht vergessen werden, der sog. Krugschen Stiftung von Kriegsgerichtsrat Earl Wilh. Krug aus 1763, der fein gesamtes Der- Mögen — 6000 Gulden — für charitative und gemeinnützige Zwecke hinterlassen hat, und die Hospitalstiftung von dem Kammermeister Reinhard Abel und seiner Frau aus dem Jahre 1876. Wenn die erstgenannte Stiftung auch infolge der Inflation ihre Bedeutung verloren hat, wirkt die letztgenannte dock heute noch in sehr segensreicher Weise. Sie ist bestimmt, fromme, betagte Leute, auch Kranke, für den Rest ihres Lebens aufzunehmen und tzu erhalten. Nicht vergessen werden darf auch die Fülle von Wohltaten und Segnungen sozialer Art, die im Lauf vieler Jahrzehnte von Der Bezirkssparkasse Nidda in Stadl und Bezirk hinausgegangen sind. Dies muß man ihr Dank willen, auch wenn sie z.Z. infolge der allgemeinen Geldnot nicht mehr in der Lage ist, in gleicher früher bedeutsame Berufsarten allmählich ver- fdpvunben, wie z. B. die Zünfte der Leinweber, Sttumpswirker, Häfner, Seiler, Bierbrauer, Leim- fieber, während anbere Gewerbe sich durch zähen Fleiß und Eifer und hervorragende Tüchtigkeit zu hoher Blüte aufgeschwungen haben. Das gilt am meisten wohl von der Niddaer Metzgergilde, die sich weithin des besten Rufs erfreut und namentlich hinficktlich des Fleischwarenversands nach auswärts manche der oberhessischen Schwesterftädle überflügelt hat. Auch die Bäckereien, die sich in letzter Zeit zum Teil zu Feinbäckereien und Konditoreien entwickelt haben, stehen auf zeitgemäßer Höhe, selbst ein treffliches Casö fehlt nicht am Platz, ebenso wie sich die Niddaer Gasthäuser und Wirtschaften mit Recht großer Beliebtheit erfreuen. Gleich dem wirtschaftlichen, insbesondere auch dem gewerblichen und geschäftlichen Leben hat auch die kulturelle Entwicklung der Stadt mehr und mehr zeitgemäße Fortschritte gemacht. Die seitherige Höyere Bürgerschule ist zur Realschule avanciert, auf deren Zukunft man große Hoffnungen setzt. Achtung und Anerkennung in weiten Kreisen erfreut sich auch die Gewerbeschule, die als Bildungsstätte für einen gediegenen Handwerkerstand für Nidda und Umgegend von besonderer Bedeutung ist. Auch die nun mit sechs Lehrkräften besetzte Volksschule ist in steter Aufwärtsentwicklung begriffen. Daß es auch an ernster Pflege der Kunst, insbesondere auf musikalischem und gesanglichem Gebiet nicht fehlt, ist bei dem töne- und liederfrohen Nidda- völklein selbstverständlich, wenn auch die vor- hanbenen Kräfte noch mehr, als es gesd)ieht, nutzbar bau aus etwa bem Enbe bes 16. Jahrhunderts mit schönem Portal im Renaissancestil, ehedem der Sitz der Grasen von Nidda, jetzt der Amtsgerichtsbehörde dienend. — Außer diesen wichtigeren Bau- Denfmälern weisen auch noch der alte Friedhof, Reste der alten Stadtmauer, die Vorstadt „Raima" und zahlreid)e, meist hochgiebelige, im Innern architektonisch interessante altehrwürdige Bürgerhäuser auf das hohe Alter des Städtchens unzweideutig hin. Man sieht es nicht allzuviel, was die Stürme der Jahrhunderte Und der Zahn des großen un» erfättlid)en Nagetiers „Zeit" in unterem Städtchen aus der Urväter,^eit übrig gelassen haben, und doch ist es für besinnliche Gemüter genug, um sich immer wieder einmal von dem geheimnisvollen Zauber der Altehrwürdigkeit fesseln zu lassen. Zahlreich und viel fad) erschütternd waren auch die Geschicke mancherlei Art, von denen im Lauf der Zeiten Nidda heimgesucht worden ist. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle näher über sie zu berichten. Das Furchtbarste, was der Stadt und ihrer Bevölkerung wohl widerfahren ist, war die Pestepidemie, von der die letztere in den Jahren 1634—1638 befallen wurde. Grausige Bilder werden aus jener Zett durch den Chronisten berichtet. Im Jahre 1635 wird die Zahl der dem tückischen Würgengel zum Opfer gefallenen Personen auf 3—4000 geschätzt, an manchen Tagen wurden 12—18 der Seuche erlegene Personen bestattet. Unter den Toten waren 9 Pfarrer von Nidda und der Umgegend. Da es zuletzt an Särgen fehlte, wurden die Leichen oft nur notdürftig mit Stroh umwickelt in Massengräber verscharrt. Doch genug von dieser Epoche der Schrecken und Verheerung, die eins der traurigsten Kapitel der Altgeschichte unserer Stadt bildet. Wir wenden unsere Aufmerksamkeit nunmehr dem neuzeitlichen Nidda zu und betrachten in ge» ttängter Kürze seine Entwicklung im vorigen und brefem Jahrhundert, insbesondere in den letzten 50 Jahren. Nidda war seit 1821 Sitz eines Canbratsamts und seit 1832 Sitz eines Kreisamtes, das im Sturm« fahr 1848 durch eine Regieningskommission ab« gelöst wurde, bis 1852 das Kreisamt wieder in feine Rechte trat. Infolge der Neuorganisation des Verwaltungswesens im Jahre 1874 ging Nidda feines Kreisamtes verlustig. Daß diese Tatsache, mit der zugleich der Wegfall verschiedener mit dem Kieisamt zusammenhängender Nebenämter, jo z. B. bes Kreisbatiamts, des Kreisveterinäramts ufw. verbunden war, die Entwicklung des städtischen Gemeinwesens ungünstig beeinflussen mußte, liegt auf der Hand. Der Verlust der Kreisbehörde ist bei der Bevölkerung heute noch nicht völlig verschmerzt, und in der Tat ließen wichtige Umstände, jo insbesondere die zentrale Lage der Stabt im Mittelpunkt des Kreises und ihre guten Bahnverbin- düngen nach vier Richtungen hin, Nidda als Kreisstadt ganz besonders geeignet erscheinen. Indessen, trotz dieses Verlusts und mancherlei stiefmütterlicher Behandlung, die Nidda feit jener Zeit erfahren hat, barf es boch heute auf eine im allgemeinen erfreuliche Entwicklung zurückblicken unb hat, auch ohne Kreisstadt zu sein, doch eine ganze Reihe von behördlichen Drganifationen auf- zuweifen. Es besitzt an Reichsbehörden: Eisenbahn- amt, Postamt, Finanzamt, Zollamt; an staatlichen Behörden: Amtsgericht, Notariat, Finanzkaffe, Forstamt, Kreisvermesiungsamt, Landkrankenkasie für den Kreis Büdingen, Kreisltraßenwartei; an Schulen: Realschule, Gewerbeschule mit Fortbil- dungsschule und Volksschule; an kirchlichen Behörden ein en. Pfarramt mit zwei Pfarrern, ein kath. Pfarramt unb eine israelitische Religionsgesellschaft, außerbem besteht eine sog. lanbeskirchliche Vereinigung der Chrischona mit eigenem Vereins« chaus. Die freien Berufe sinb vertreten durch zwei Rechtsanwälte (von denen der eine zugleich Notar llt), drei praktische Aerzte, einen Zahnarzt, einen Dentisten. Trägt hiernach Nidda bis zu einem ge- < wissen Grade den Charakter einer Beamtenstadt, . so gibt ihm boch bie Tatsache, daß der größere Teil der Bevölkerung Landwirtschaft betreibt, ein im wesentlichen landwirtschaftliches Geprcig?. Der Betrieb der Landwirtfchaft geschieht von den durchweg eifrig vorwärtsstrebenben Grundbesitzern zumeist nach rationellen Gesichtspunkten unb unter fleißiger Benutzung neuzeitlicher technischer Hilfsmittel. Großgrundbesitzer find nur vereinzelt vorhanden und nicht etwa mit den „ostelbischen" Berufs« genoffen vergleichbar, während andererseits bie Kleingrunbbesitzer vielfach irgenbein Hcmbwerk im Nebenberuf (bisweilen auch alsHauplberuf) betreiben. Durch bie in den letzten Jahren durchgeführte Feld- bereinigung haben die landwirtschaftlichen Betriebs« Verhältnisse eine bemerkenswerte Besserung erfahren. Besonderer Beachtung würdig erscheint der Niddaer Handwerker- unb Gewerbestand, der sich im Lause der Zeiten zu einer sehr erfreulichen, Achtung gebietenden Höhe emporgearbeitet hat. wenn auch von dem allgemeinen wirtschaftlichen Elend gerade auch dieser Stand in schwere Mitleidenschaft gezogen worden ist. Zwar sind einige bryi'ncr 6uchdruckvolltn y gelte 98 mm Frdr.Teipel-Gießen Markt 16 Bahnhofstraße 45 Hillebrandstraße 2 Gegründet 1882 / Fernruf 188/ Gegründet 1882 Textilwaren- Groß- und Kleinhandel ■ G B SS INNENAUSBAU Qual/tJts 'Möbel Giehener Anzeiyer - Iubiläums.Ausqabe .«« Ä m _ n. liefern die KUNST9EW- WERKSTJStrreN NIDDA IN OBERHESSEN nberg. kühn, Drftnfitrg. lädichens begegnet m orrMechen ctytWt Drtembet^, Otbembttgt w Mtmann von rompemü Forscher leiten ben W jn = (teil ab, andere wieder i bedeute wie SW nes alten Ritters der 9 «J -olls kommt der Ame i.in Aus die em W' "Jrfimi» ne mit öauOT un» N® * SfefftfC i f* «13*» Für Herbst und Winter empfehle reichhaltig sortiertes Lager in: Unterzeugen, Strumpfwaren, Handschuhen, Westen Sweater,Knabenanzügen, Kleidchen, Kittel, Schürzen Herren- und Damenwäsche, Krawatten Neuheiten in Kinder-Kleidchen, Häubchen, Mänteln Shawls und Garnituren Kinderwäsche, Erstlingsausstattungen Nur erstklassige Fabrikate ■ Billige Preise Gothaer Versicherungsbanken Versicherungen jeder Art Gehr. Jullmann • Gießen Bahnhofstraße Nr, 65. Telephon Nr.1542 Bad-Nauheim. Don Heinrich O ß w a l d, Bad-Nauheim. Im Gegensatz zu den anderen oberhessischen Städten und Städtchen, die infolge günftlger Verkehrslage oder als Sitz einstiger Herrscherhäuser schon in früheren Jahrhunderten zu wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkten geworden waren, ist unsere hessische Badestadt eine noch ganz fugendliche Stadtgründung. Zur Zeit, da die meisten yelsischcn Schwesterstädte schon eine glanzvolle Entwicklung hinter sich hallen, war Nauheim noch ein bescheidenes Dorf. Aus feinen Ackerfluren und Wiesengründen wuchs erst In den letzten zwei Menschenaltern die sich eng an die alte Siedlung anlehnende Badestadt empor, nachdem die Heilkraft der Quellen erkannt und Nauheim mit einmal das „Herzbad^ der Welt geworden mar. Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht auch Nauheim eine abwechslungsreiche Geschichte habe. Die Landschaft um Nauheim ist im Gegenteil altes Siedlungsgebiet. Die auf den Verwerfungsspalten am Taunusrande emporfteigenben Solquellen, dann aber auch die bevorzugte Verkehrslage an der hessischen Senke lockten bereits die vorgeschichtlichen Völker zu vorübergehender oder dauernder Niederlassung an. Zahlreiche Bodenfunde find Beweis dafür, daß die im Ufatale natürlich ausfließenden Quellen, zumindest seit der La-TLne-Zeit, zur Salzgewinnung benutzt worden sind. Die Salzsiederei war dann neben dem Ackerbau auch die Hauptbeschäftigung der mittelalterlichen Dorssiedlung, die als „Neues Heim" (Nauheim) 1231 zum erstenmal urkundlich genannt wird. Die Saline war, nachdem der Staat die unrentablen Kleinbetriebe der Söderzunft käuflich erworben und in einen Großbetrieb umgewandelt hatte, bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts der eigentliche Lebensnerv des Ortes, erst unter hanauifdjer, später unter kurhesslscher Herrschaft. Wie sehr sie unter staatlicher Regie aufgeblüht sein muß, das geht aus der raschen Zunahme der Einwohnerzahl Nauheims hervor, die 1380' noch 500 betrug, um 1618 aber bereits auf 1000 Seelen angewachsen war. Auch nach dem wirtschaft- die Kanalisation und 1913 an die elektrische lieber- lanbanlage angeschlossen. Durch eine rege Propaganda wird Ortenberg zum vielbesuchten Luftkurort, Frankfurter Familien nehmen in eigen» dafür erbauten Dillen ihren ständigen Sommeraufenthalt, im benachbarten Selters wird der Benediktussprudel crbohrt (21. März 1903), der jetzt der Mittelpunkt des jungen mächtig aufstrebenden Badeortes bildet. Im Jahre 1910 nimmt Graf Kuno zu Stolberg- Roßla mit seiner Familie als Vertreter der Stan- desherrschaft feinen dauernden Wohnsitz im hiesigen Schloß, ein Ereignis, das für das geschäftliche und gesellschaftliche Leben Ortcnbcrgs von großer Bedeutung wird. Ein 1906 am Gaulsberg angelegter und in Betrieb genommener Steinbruch (die jetzigen Ohmtalbasaltwerke) und das sich zum größten In- dustriewerk Oberhessens auswachsende, 2 Stunden entfernt liegende Eisenwerk Hirzenhain geben vielen Männern Arbeit und Verdienst. Rein äußerlich drückt sich diese aufsicigende wirtschaftliche Entwicklung in den Zahlen der verschiedenen Sparvereine und den steigenden Bilanzen der beiden Sparkasien aus. Die Summen der durch die beiden Sparvereine angelegten Gelder erreichten in den Jahren 1886 bis 1912 die stattliche Höhe von 84 000 Mk., die beiden Sparkasien erleben eine stetig auffteigenbe Entwicklung. Dieser erfreulichen wirtschaftlichen und sozialen Aufwärtsentwicklung bot der ausbrechende Welt- krieg leider ein ehernes Halt. Die meisten Männer wurden im Verlauf desselben zu den Waffen ein- gezogen, zuletzt standen von hier 200 Männer im Feld, den sie ausübenden keine allzu großen Verdienste, der größte Teil der Einwohner nährte sich tümmer- lich von der steinigen und mageren Scholle oder als Abhängige der verschiedenen Herren. Immerhin war Ortenberg als Sitz eines Landgerichts, als Inhaber der Marktgerechtigkeit wie auch heute noch so früher der Mittelpunkt der ganzen Gegend: von hier aus fuhren die Postwagen nach Gedern, Büdingen, Brlebberg, ja selbst nach Nieber-Wöllstadt, bis der ostwagen aus ber alten gemütlichen Zeit in bem Augenblick verschwanb, als Ortenberg Bahnstation bet 1888 neuerbauten Linie Stockheim—Gebern wurde, die dann später als Dogeisbergbahn bis Lau- terbach durchgebaut wurde. Man kann wohl sagen, daß Ortenberg von diesem Zeitpunkt an erfreulicherweise einen langsamen, aber stetigen Aufschwung erlebte. Zwar blieb Ortenberg hinsichtlich ber Zahl seiner Einwohner immer klein (letzte Volkszählung 1026), aber räumlich und wirtschaftlich blühte es empor. Die räumliche Ausbehnung vollzieht sich natürlich in ber Nähe bes neuen Bahnhofs. Es entsteht hier eine ganz neue Straße mit vielen schönen Häusern (die sogenannte Dorstadt), eine Reihe öffentlicher und amtlicher Gebäude wird errichtet, so das stattliche Schulhaus (1899), dessen Errichtung an ber verkehrsreichsten Stelle sich gerabe jetzt burch ben gesteigerten Auto- und Motorradverkehr immer mehr als ein Fehler herausstellt, das Postamt, die Bezirks- sparkasie (als Ludwig- und Mathilbenstiftung schon seit 1868 bestehend), ber Vorschuß- und Crebitverein (1874 gegrünbet), die Bezirkskasie u. a. m. Die Gemeinde wird 1904 on die Wasserleitung, 1909 an Irimberg unb Eberhard von (Eppenftein in den Besitz von Orten berg, Konrad von Irimberg verkauft 1359 wieder einen Teil an Hanau. Al» 1535 Georg von (Eppenftein als letzter feine» Hanfes stirbt, geht fein Besitz an Ortenberg auf die Grafen von Stolberg über, mit welchem Hause dann die Geschichte unserer Stadt bis heute innig verknüpft bleibt. 1578 wurden durch einen Vergleich Ortenberg, Hirzenhain, Konradsdorf zu gleichen Teilen zwi- sch-» Stolberg, Hanau und Isenburg, das in- zwischen ebenfalls mit in ben Besitz eingetreten war, geteilt, ebenso 1601 die Orte des Gerichts Ortenberg unter die genannten drei Herrschaften, jedoch blieben schließlich Stolberg unb Hanau die alleinigen Besitzer von Schloß und Stadt Ortenberg, und zwar ersteres mit j, letzteres mit |. 1806 gelangte die Stadt von Stolberg unb 1810 von Hessen-Kassel, welches Hanaus Anteil 1736 geerbt hatte, an Hessen-Darmstadt, zu dem es noch jetzt gehört. Noch heute sind einige alte Gebäude stumme und doch so verebte Zeugen von Ortenbergs ereignisreicher Geschichte. Das älteste bieser Gebäude ist die baugeschichtlich interessante und bedeutende Kirche. An ber Stelle ber heutigen Kirche ftanb ursprünglich eine schon 1219 erwähnte Marienkapelle, an bie noch einzelne Teile unserer Kirche erinnern. Ein Teil ber jetzigen Kirche muß bereits 1324 erbaut gewesen fein, denn in einem alten Inbulgenzbrief (1324 in Avignon ausgestellt! wirb unsere-Kirche erwähnt (ecclesia sankte Marie in Ortenberg ac sankte crucie et sankte Marei ac Elisabeth et Margarete alt^ria) und scheint demnach mehrere Altäre besessen zu haben. 1385 wird bie Kirche erweitert (vgl. die 1385 vorn Probst zu Konrabsborf an ben Pleban in Ortenberg ergangene Aufforderung, alle ©Heber seiner Parochie unb deren Umgebung (tarn in Hayn Lißperg, Nuvendorf, Krumrnelbach, Er- kersborn quam in Ortenberg) zur Entrichtung bes Englischen Groschens für ben Bau ber zu Ehren der Jungfrau Maria in Ortenberg zu errichtenden Kirche anzuhalten) und nach und nach ausgebaut. 1846 wird die Kirche renoviert, 1866 leider das berühmte Altarbild, ein Gemälde der mittelrheinischen Schule von unschätzbarem Werte, der Darmstädter Galerie zum Geschenk gemacht. Mitten im Welt- Bim Jubeljahr ber Reformation 1917 würbe be- en, bie Kirche grünbltd) zu renovieren, ein s von 7000 Mk. war bereits gesammelt, ber aber lelber wie so viele andere der Inflation zum Opfer fiel. So wechselooll wie die Geschichte der Stadt ist auch die ber Pfarrei Ortenberg, die bereits 1310 erwähnt wird. Ursprünglich zum Sprengel Roßdorf gehörig, gingen die erzpriesterlichen Rechte Anfang bes 15. Jahrhunderts an ben Abt von Seel- dold über, an bcssen Kloster 1407 die geistliche Gerichtsbarkeit für bie Stabt Ortenberg unb für Kon- rabsborf, Glauberg, Selters, Bleichenbach, Rohrbach, Usenborn unb Düdelsheim übertragen wurde. Nach der Reformation erhielt Ortenberg feinen ersten evangelischen Prediger 1536 in Konrad Stetzenbach, bald wurde auch eine Schule errichtet, ber älteste bekannte Lehrer war Anton Nigidius von Marburg (1555). 1748 teilte sich die Gemeinde in eine reformierte unb lutherische, aing jedoch 1817 bie Union ein. Das älteste erhaltene Kirchenbuch stammt aus dem Jahre 1619, ber älteste erhaltene Grabstein au» 1382. Don sonstigen älteren Oebäuben sei noch das Rathaus erwähnt, da» um 1600 erbaut worden ist, in seiner Halle tagte Im Mittelalter das Stabt- geeicht, beffen alte Gerichtsbücher noch von 1540 ab erhalten finb. Auch eine alte Münzstätte scheint hier beftanben zu haben, benn in einem Verzeichnis der Pfarrgefälle aus dem 17. Jahrhundert befindet sich der Ausdruck „hinter der Müntz". Das Schloß in seiner fetzigen Gestalt entstand erst um bie Wenbe bes 19. Jahrhunderts, ber frühere Bau war, nach alten Stichen zu urteilen, bebeutenb stattlicher unb schöner, war aber einem Branbe zum Opfer gefallen. Natürlich war bas Städtchen in früheren Jahr- Hunderten oefestigt. Die alte Stadtmauer ist noch Sjut erhalten unb erreicht stellenweise eine Breite von 1,90 Meter. Don den 3 vorhandenen großen Toren tDbertor, Untertor und Mühltor), die auch an Sonn- imb Festtagen ber besseren Sabbathruhe wegen geschlossen blieben, steht nur noch bas Obertor, bie anberen wie auch Teile ber Stabtmauer würben niebergeleat, ba sie auf bie Dauer bie bauliche unb wirtschaftliche Entwicklung ber ©emeinbe hinderten, -heute scheint es unverständlich, daß innerhalb der -engen Mauern einst 1300—1400 Menschen gewohnt Haven sollen. Daß bei einer solchen Raumbeschränkt- leit das Städtchen sich nicht entwickeln konnte, ist verständlich. Don einer allgemeinen Wohlhabenheit Her Einwohner wirb deshalb auch nirgends berichtet, Hagegen oft von viel Not unb Armut; sogenannte Vatrizierhauser, wie wir sie sonst in manchen hes- fischen Städtchen finden, konnten hier nicht erbaut werden, dazu fehlten ben Bewohnern die Mittel. Wohl blühten einzelne Gewerbe und Zünfte, wie z. B. die Gerberei, bie Weberei, bie Schuhmacherei, auch eine für damalige Zeiten große Brauerei unb Brennerei bestand, aber alle diese Gewerbe brachten eL l'orken W'ffer in LWf n. Gegenüber 1 Matzke 1900 :r, 8^er BW ^^Än^6 -ÄF rohes in ^nvun. KW Opfer aber, bie rle nfi n -RQnnermorbtnkr •offen müssen ober an ben 3 notf) em Dort über (Mi rt der Mboooiker. 5 piNen finb: leb,, m Semutsart ein stark aut. ' e'ne,m °ft rührenden ia£$ Heimatliche, Aensh- ‘ das Religiöse, Edle, ifc tobel ist ber Mbaer m r Geselligkeit unb hannlch dtz aller politischen Pom der gesellige Verkehr fj itfe. Standes, unb » Nidda nicht. Unb die (?- eines nicht mi-K feiner Gasthäuser und hi nmenbe Wesensatt /tim genüber, von denen Nidda statte wohliger Nast aus- - - Wer Mba noch nicht m einen besuch obMtten, eutn haben. beiger* aber, dem wir ju lilärnn auch an dieser Steüi nsche entgegenbringen, ttrifr ieses hochersreullche ©reignh hat, in so feinsinniger ®eii - Festschrift ber lieben ober- dauernde- Denkmal zu o illrch selbst tln unoergh1 etzt, durch das er, beh fr i groben Heer seiner Lese re Freunde hinzugewiM ___________________ Zwölftes Blatt die Arbeit hn Handwerk und in der Landwirtschaft mußte notdürftig von den zurückbleibenden alten Männern und Frauen und ball» einziehendcn Kriegsgefangenen verrichtet werden. Für die Pflege der Verwundeten forgte ein hn Schloß errichtetes Lazarett, für die Verjorgung der Drtenbergcr Soldaten im Feld mit Lebensmitteln und Liebesgaben wie für die Kriegsfürforge im aOgemelnen der schon feit 1871 bestehende rührige Zweigverein vorn Roten Kreuz unb der 1915 infolge ber Kriegsnot gegrün- bete, noch heute in segensreicher Tätigkeit wirkenbe Frauenoerein. Im Vergleich mit anberen kleineren Gemeinden forderte ber Weltkrieg von hier nicht solch große Opfer als anberwärts, es starben zwölf Ortenberger Männer und Söhne ben Helbentob fürs Vaterland. Die bankbare Gemeinde errichtete ihnen in ber Kirche eine schöne, von Künstlerhand geschaffene Gedenktafel, ein Denkmal soll demnächst auf bem Marktplatz erstehen, wo sich auch ba» schöne Denkmal für bie Gefallenen unb Mitkämpfer von 1870/71 befindet. Die verderblichen Folgen des Krieges zeigten sich auf allen Gebieten unb würben noch vergrößert durch oae unglückliche Kriegsende unb bie immer krasser sich auswirkenbe Inflatton. Immer leerer — unb bas ist für Ortenberger Verhältnisse ber beste Grabmesser — würbe der im hiesigen Wirtschaftsleben eine hervorragende Rolle spielende und weithin im deutschen Land bekannte „Kalten Markt". Dieser wird schon seit Jahrhunderten (etwa 1650) in den letzten Oktobertagen hier als Pferde-, Fohlen-, Rindvieh- und Krammarkt abgehalten und erreichte in früheren Jahrzehnten eine solche Ausdehnung, daß die Verkaufsbuden bis an Link» Mühle standen, immer drückender wirkte sich die Notlage der vielen alten Leute aus, die um ihre Spargroschen gebracht wurden, Immer größer wurde auch hier die Wohnungsnot. Oeffentliche Fürsorge mußte die schlimmste Not lindern und abwenden. Wie ein befreiendes Aufatmen ging es durch die Bevölkerung, als endlich mit der Rentenmark die Stabilisierung eintrat. Schon beuten manche Anzeichen aus einen neuen wirtschaftlichen Ausstieg hin: die Baulust regt sich wieder: eine neuerstandene Kunststeinfabrlk, ein wieder in Betrieb gesetzter Sandsteinbruch mit vorzüglichem Material, das aufstrebende, i Stunde entfernt gelegene Bad Selters, vor allem die zu nie geahnter Blüte gekommene Basaltindustrie sowie das wieder in Gang gesetzte geschäftliche und gewerbliche Leben bieten neue Arbeits- unb Derbienstmöglich- feiten. Auch bie sozialen Gegensätze scheinen sich glücklicherweise nach und nach etwas auszugleichen. So fiept zu hoffen, bah ber fo oft im Lauf ber Geschichte bewährte bürgerliche Gemeinsinn, ber in mancher noch härteren Zeit gestählte Glaube unb der in viel Kampf unb Not anerzogene Arbeitswille sich auf ben wirtschaftlichen Trümmern der Vergangenheit eine neuere schöne Zukunft bauen wirb. So möge es weiter schallen in bessere Zeiten hinein: ,,In lichter Schönheit, wunderbar und traut, so hat dich Gott, mein Ortenberg, gebaut." (Hessen) rnsprecherU» isprechBrNr.4I Jessens »Isen ;he ifte fnä?el •r Art A rFabriKat> \ Wetzlar MM ■tfvETZLAR' H. Oehler Optische Werke M ikroskope und Nebenapparate Achromatische Objektive • Semiapochromate Apochromate • Lupen Preisliste kostenlos DORAMADI ■ die Zahnpasta mit Heilwirkung durch Radi um-Ausstrahlung • gibt biendend weiße Zähne : und gesundes Zahnfleisch - 60 Pf. dieTube, 4 Wochen ausreichend llllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllH Zu haben in den Friseurgeschäften andernfalls direkt durch Firma Carl Both in Wetzlar - ■■■■■■TI I ■ Zwölftes Blatt Gießener Anzeiger » Jubiläums-Ausgabe Seite 94 «Jit zur jjeb Kolonialwaren und Lebensmittel • Schuhwaren Herren-, Damen- und Kinderstiefel ■ Jagd- und Sportstiefel mit der im im Die bare Wald u bachs als Kasseler Kurfürsten erfreuen konnte, sofort einem starken Aufschwung. Es wuchs die Zahl Kurgäste von 95 im Jahre 1835 auf 1080 Jahre 1850, während die Bevölkerungsziffer gleichen Zeitraum von 1400 auf 1700 nnftieg. Mes Jahrhi Jurten, mejei »Miefe (Em um zuregen. Fertiggestellt wurden bis jetzt 15 Wohnungen von Privaten, 25 weitere befinden sich augenblicklich im Bau. An Baubeihilfedarlehen zahlte die Stadt seit vorigem Herbst allein nahezu 300 000 Mk. Von größeren städtischen Leistungen, die im Interesse des allgemeinen Volkswohls ausgeführt wurden, soll hier nur die Errichtung des Schwimmbaoes erwähnt werden, das als Musteranlage in diesem Sommer eröffnet wurde. Noch sind nicht alle Wunden geheilt, die Krieg und Inflationszeit dem Wirtschaftsleben der hessischen Badestadt geschlagen haben. Aber es kann heute schon, ohne zu übertreiben, gesagt werden, daß Kräfte des Ausbaus erfolgreich an der Arbeit sind und ein weiteres Aufblühen von Stadt und Bad verheißen. Bad-Nauheiw ist eine Stadt der 10 000 geworden, und auch die Frequenz des Bades steht nahezu schon wieder auf gleicher Höhe wie in den Jahren vor dem Kriege. So dürfen Stadt und Bad vertrauensvoll in die Zukunft schauen, müssen sich aber stets dessen bewußt bleiben, daß ihnen die verantwortungsvolle Verwaltung kostbarster Naturschätze und Heilkräfte im Interesse der leidenden Menschheit anoertraut ist. _________ Gebieten des städtischen und staatlichen Hoch- und Tiefbaus ein emsiges Schaffen. Im Rahmen dieses Aufsatzes ist es leider nicht möglich, auf Einzelheiten näher einzugehen. Neue Badehäuser mußten erbaut werden. Die Straßen wurden erneuert, der Ausbau der Bürgersteige kam zur Durchführung. Das K a n a l n e tz breitete sich bald über das ganze Stadtgebiet aus. Weit vor den Toren der Stadt entstand die Kläranlage zur Aufnahme der Abwässer. Wenige Jahre vor dem Kriege ging man bereits dazu über, die vorhandene Kanalanlage durch Einführung des Trennsystems zeitgemäß auszubauen. In den jenseits der Ufa gelegenen Stadtteilen ist man mit diesem großzügigen Unternehmen schon ein gutes Stück vorangekommen. Hand in Hand damit erfuhr auch die Wasserversorgung eine wesentliche Verbesserung. Die 1899 angelegte, 1904 bedeutend erweiterte städtische Wasserleitung wurde 1907 an die staatliche Quellwasserleitungsanlage (Lauter) angeschlossen. Jur Gasbeleuchtung gesellte sich von 1906 an das elektrische Licht. Es spricht für den fortschrittlichen Sinn von Stadtverwaltung und Bevölkerung, daß man im ganzen Stadtkreise nicht ein einziges Haus mehr antrifft, das nicht durch den Anschluß an die Kanalisation, an Wasser-, Gas- und Lichtleitung ein bequemes und gcsundheitfördemdes Wohnen ermöglicht. Große öffentliche Gebäude sind in der Zeitspanne des zweiten großen Aufschwungs als Schmuck der Stadt entstanden. Erwähnt seien nur: Die neue Stadtschule (1902), die jetzt zur Oberrealschule aus- gebaute Ernst-Ludwig-Schule (1907/08), der Neubau des Ende der 60er Jahre für unbemittelte Kurgäste errichteten Konitzkystifts (1896/97), die englische Kirche (1899), die evangelische Dankeskirche (1906), die katholische Bonifatiuskirche (1904), das Postamt (1904), der Neu- und Erweiterungsbau des Bahnhofs (1911/12). Wie bereits angedeutet, verlangsamte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Tempo der privaten Bautätigkeit, das im vorausgegangenen Jahrzehnt den großen baulichen Aufschwung bedingt hatte, ganz wesentlich. In der weiteren Entwicklung des Stadtgebietes trat wieder ein Stillstand ein, trotzdem der Aufstieg des Bades weiter ging. Er drückt sich in der Zahl der Kurgäste aus, die 1905 auf 26 197, 1910 auf 33 302 anstieg. Die alte Badeanlage, zuletzt aus 7 Badehäusern bestehend, genügte in den Monaten der Hochsaison nicht mehr den an sie gestellten Anforderungen, und in den Jahren 1905—1910 wurde unter einem Aufwand lichen Niedergang, den der 30jährige Krieg im Gefolge hatte, erholte sich unter dem Einfluß der Saline das Gemeinwesen wieder rascher als anderorts, wenn auch mehr als ein Jahrhundert nötig war, bis die alte Bevölkerungszahl 1000 wieder erreicht werden konnte. Für die Dauer tonnte, sich jedoch auch der Großbetrieb nicht auf der Höhe halten, trotzdem der Salzgraf Waitz von Eschen ganz bedeutende technische Verbesserungen eingeführt hatte. Das Steinsalz war ein beachtenswerter Konkurrent geworden, gegen den die Salinen mit schwachprozentiger Sole nicht mehr ankämpfen konnten. Nauheim griff, dem Beispiele anderer Salinenorte folgend, zum Rettungsanker und errichtete am 1. Juli 1835 eine Solbadeanstalt. Mit diesem Tage beginnt die Geschichte des Bades Nauheim, die aber nie zu dem ungeahnten Aufschwung der Badestadt geführt hätte, wenn ein gewaltiges Naturereignis des Jahres 1846 nicht von umformender und grundlegender Wirkung für die weitere Entwicklung des dis dahin noch kleinen Dorfes gewesen wäre. Als eine der köstlichsten Weihnachtsgaben, die je der Menschheit beschert worden sind, wurde in der Nacht vom 21. zum 22. Dezember „auf Gottes Geheiß" der Große Sprudel „aus der Tiefe geboren". Ihm gefeilten sich später noch zwei weitere Quellen als Ergebnis tiefgehender Bohrungen zu, 1855 der Friedrich- Wilhelm-Sprudel, 1900 der Ernst-Ludwig-Sprudel. Als warme, salzhaltige, kohlensäure- und eisenreiche Quellen schleudert dieser „Dreibund" täglich nicht weniger als 24 Millionen Liter Wasser zur Erde empor, damit nicht nur die Abgabe von 6000 Bädern am Tage ermöglichend, sondern auch noch reichlichen Ueberschuß zum Betrieb einer neuzeitlichen Saline bietend. Das neue Bad begann seine Geschichte, trotzdem es sich nicht der besonderen Fürsorge des 100hm- x ir Mein cs" üßer eine Les hecht' \ >1« 7 irifi-ih-*”: w'ä fltjier aller üLcid'S Äf' bescheidenen örtlichen Einrichtungen standen aber einem weiteren Aufblühen hinderlich im Wege. Für Besserung der Verhältnisse war die Regierung in Kassel jedoch erst zu gewinnen, nachdem das Revolutionsjahr 1848 die der Entwicklung angelegten engen Fesseln gesprengt hatte. Drei neue Bade- Häuser wurden im Lause der Jahre erbaut, und außerhalb der Mauern und Tore des Dorfes gab man Raum für neue Besiedlung frei. Ganze Straßenzüge, wie die Johannis- und die Schnur- ftrahe, wuchsen aus dem Boden, die Fürstenstraße sowie die Kurstraße erstanden, mit der Bebauung der Parkstraße wurde in den 50er Jahren begonnen. So war die sich vor der Revolution noch empfindlich bemerkbar machende Wohnungsnot vorerst behoben, und für die mit jedem Jahre wachsende Besucherzahl des Bades standen angemessene Unterkunftsmöglichkeiten bereit. Auch die am 1. Dezember 1850 erfolgte Eröffnung der Eisenbahn blieb nicht ohne günstigen Einfluß auf den vermehrten Zugang der Kurgäste und im Zusammenhang damit auf die räumliche Weiterentwicklung des Bades. 1854 bereits bekam Nauheim Stadtrecht. Im gleichen Jahre hielt eine französische Gesellschaft ihren Einzug und errichtete eine Spielbank. Deren Schattenseiten wurden reichlich ausgewogen durch die entschiedenen Vorteile, die der Spielbankbetrieb in den nächsten zwei Jahrzehnten dem an sich mittellosen Bade zugute kommen ließ. Das heutige Kurhaus und den einzig schönen Park, den die Gartenbaukünstler Gebrüder Siesmeyer schufen, hat Nauheim u. a. den französischen Pächtern zu danken. Ein weiterer Markstein in der Geschichte des Bades, das inzwischen in die Reihe der großen Bäder eingerückt war, wurde dann das Jahr 1 8 66. Durch Austausch kam Nauheim an Hessen- Darmstadt, wozu es schon einmal während der Napoleonischen Kriege kurze Zeit gehört hatte. Der hessische Staat gab dem kostbaren Neuerwerb am 7. Juni 1869 die amtliche Bezeichnung „Bad-Nauheim" und ließ nach Aufhebung der Spielbank im Jahre 1872 dem Staatsbade eine ganz besondere Fürsorge angedeihen. Wohl führten die wirtschaftlichen Folgen des Krieges 1870/71 und die Schließung der Spielbank einen Rückgang der Besucherziffer vorübergehend herbei, aber die vorzüglichen Heilwirkungen der Quellen verbreiteten in den ' nächsten Jahren den Ruf Nauheims als „Herzbad" immer mehr und bewirkten zusehends ein neues, rascheres Steigen der Fremdenkurve. Einige Zahlen mögen für die Bedeutung sprechen, die Nauheim als Bad in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens gewonnen hat. Die Zahl der Kurgäste ist hinter den im folgenden genannten Jahresklassen in Klammern angegeben: 1855 (2525), 1860 (3066), 1865 (3866), 1869 (4046), 1870 (3112), 1875 (4479), 1880 (4495). 1885 (5248), 1890 (8555). Die Zunahme der Wohnbevölkerung hielt mit diesem Aufstieg gleichen Schritt. Von 1700 im Jahre 1855 war die Einwohnerzahl 1875 auf 2527, 1890 auf 2934 ange- wachsen. Im räumlichen Wachstum der Stadt war nach der ersten Epoche des großen Aufschwungs in den 50er Jahren zunächst ein Stillstand eingetreten. Im wesentlichen erfuhren nur die sich dicht an den alten Dorfkern anlehnenden neuen Häuserviertel einen stetigen weiteren Ausbau. Erst mit dem Jahre 1890 setzte bann wieder eine zweite große Bauperiode ein, die ganz neue Stadtteile erstehen ließ und zu Anfang des neuen Jahrhunderts in der Hauptsache ihren Abschluß sand. Die Frequenzzahlen von 1895 (14 274) und 1900 (22 017) erklären die Notwendigkeit weiterer räumlicher Ausdehnung. Dem steigenden Besuch des Bades und der ständig wachsenden Einwohnerzahl (1900: 4501, 1905: 5053, 1910: 5694) trugen Stadt und Staat durch Förderung der kulturellen Entwicklung sowie durch Verbesserung der sanitären Einrichtungen mit Umsicht und Weitblick in vorbildlicher Weise Rechnung. Gleichzeitig mit der Neubelebung der privaten Bautätigkeit zu Beginn der 90er Jahre begann auf den von 10 Millionen Mark vom hessischen Staat das Bad von Grund auf umgestaltet. Sprudelbecken, Badehäuser, Verwaltungsgebäude, Trinkkuranlage, Kolonnaden entstanden in künstlerischer und technischer Vollendung, mit allen Errungenschaften der medizinischen Wissenschaft ausgestattet. Die staatlichen Neubauten setzten der baulichen Entwicklung die Krone auf. Das Bad war jetzt dem stärksten Andrang gewachsen, und auch die Stadt hatte sich baulich so weit entwickelt, daß Wohnraum für die im Jahre 1914 etwa 6000 Seelen zählende Einwohnerschaft und eine jährliche Besucherzahl von 40 000 und mehr Kurgästen geschaffen mar. So hatten bis zum Beginn des Weltkrieges Stadt und Bad einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die Kriegsjahre selbst ließen eine Weiter- entwicklung nicht zu. Der Kurbetrieb ging zwar weiter, aber die Zwangswirtschaft lastete schwer auf der Hotelindustrie. Die Ernährung der Kurgäste war mit ganz besonderen Schwierigkeiten verbunden, denen die städtische Verwaltung mit allen Kräften zu begegnen suchte. Wie im Kriege 1870/71 tarnen die Einrichtungen des Bades Tausenden und Abertausenden von verwundeten und kranken Soldaten zugute, denen eins der größten Reseroe- lazarette besonders fürsorgliche Behandlung angedeihen ließ. 4500 Betten standen dem Lazarett, für das das Militärkurhaus die Verwaltungszentrale war, zur Verfügung. Nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges war Bad-Nauheim in feiner Eigenschaft als Badestadt mehr als andere Orte dazu berufen, die Not lindern zu helfen, von der weite Streife unserer Volksgenossen so hart betroffen worden sind. Der sehr starke Bevölkerungszustrom nach dem Kriege bewirkte, daß die an und für sich weiträumige Badestadt bald unter beträchtlichem Wohnungsmangel zu leiden hatte. Die private Bautätigkeit ruhte zunächst ganz. Aber die Stadtverwaltung suchte durch eine großzügige Wohnungspolitik die Wohnungsnot nach Kräften zu beheben. Durch Umbau von käuflich erworbenen Pensionen und durch Neubauten hat die Stadt zusammen 101 Wohnungen seit Kriegsende geschaffen, zehn weitere werden in nächster Zeit vollendet. Außerdem wurde durch die Baugenossenschaft „Gemeinwohl", von Stadt und Meguin A. G. gegründet, ein neuer Stadtteil am Eleonorenring erbaut, wo in 14 Doppelhäusern 56 behagliche Wohnungen eingerichtet werden konnten. Daneben sucht die Stadt durch weitgehende Unterstützung die private Bautätigkeit anleine Wx. umgebra^11 fort. Droben ehemaligen M «**, - Die Stur Jahrhunderts los vorüber, mutzte seine . Well em he uDb 1870. 5 gi wandelten hner, die IP manch Buht für des Lai Die Orünbu: von den M froh begrüßt nahm auch r Werfen n Wicklung Bul finden wir treibenden t entwickelten, insbesondere lich zu dem Als dann in ging, nahm i Strumpfwirk freilich nur bedeutenden her vorhande liche hilfsm wesentlich zu wird in den h erprobter Wei lohe durchgeh erzeugt. Leist natürliche Fol des besten Nu An Hand Eteuerlisten l hindurch eint seWellen. Er ist eine längs merkbar. Zie telsahrhunder eine ganz erl Ibng in 1902 Gina offner fei der Ieoölleru. Haushaltungen 615 houshM den, so stieg d tungen und Ursachen nach, allgemeinwirlsc ZUr Folge hott wie die Lede sich wesentlich ^mische Ms. sabrik ihre ' neue Maschin Karl Dörr - Grünberg in Hessen Marktplatz 8 ■ Fernsprecher 41 Butzbach. _ Von Stadtverordneten Rudolf P l o Butzbach. Uralter Kulturboden ist es, auf dem das heutige Butzbach steht. Die ersten Urkunden über Butzbach stammen aus dem 8. Jahrhundert. Damals, im Jahre 773, schenkte ein Bewohner namens Thiulf dem Nazariuskloster in Lorsch 8 Morgen Landes in dem im Gau Wettereiba (Wetterau) gelegenen Dorf Botisphaden, und ein anderer Bewohner namens Alolach dem gleichen Kloster im Jahre 778 alles, was er im Gau Wettereiba, und zwar in der Weiseler Mark und in dem Dorf Botinesbach an Feldern ufw. befaß. Botisphaden und Botinesbach dürften nicht weit voneinander gelegen haben, da in späteren Abschriften dieser Urkunden die Bezeichnung Botisphaden durch Botinesbach ersetzt worden ist. Aus diesem Botinesbach ist dann späterhin durch Kürzung Botisbach, Butisbach und in der neueren Zeit Butzbach entstanden. Aber schon lange vor dieser Zeit hatte Butzbach geschichtliche Bedeutung. Zwar bestehen hierüber keine schriftlichen Urkunden, wir entnehmen diese Kenntnis aus den zahlreichen vorgeschichtlichen Funden, die anläßlich von Ausgrabungen in der näheren Umgebung unseres Heu- tigen Städtchens gemacht worden find. Diese Funde geben uns sicheren Aufschluß über die früheren Bewohner und sagen uns, daß bereits im Jahre 500 v. Ehr. unweit der Stadt eine keltische Niederlassung war, sie bezeugen uns, daß in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts v. Ehr. oben im Zipfenwald sich eine germanische Siedelung befand. Sie erzählen uns ferner von einer stark befestigten römischen Niederlassung im sog. Hunneburgsfeld. Und her durch den Zipfenwald und über den Schrenzerberg ziehende römische Grenzwall, der Limes, sagt uns, daß da oben römische Legionäre in ihrem unweit davon gelegenen, in jüngster Zeit wiederhergestellten nachgebildeten Wacht-Turm scharsen Ausguck nach. dem nordöstlich gelegenen Germanen-Gau hielten. Alle diese Funde und die Aufdeckung von Straßen legen ein beredtes Zeugnis dafür ab, daß hier schon in sehr früher Zeit größere Niederlassungen waren, daß hier ein lebhafter Verkehr geherrscht hat. Dem Germanenansturm unterlag der Römer. Die Germanen vertauschten Speer und Schwert mit Pflug und Spaten und siedelten sich in der frucht- baren Gegend an. Auf den Trümmern der römischen Kolonie wurde in dem nächsten Jahrhundert, vermutlich angeregt durch tätige und fleißige Mönche, eine neue Siedelung gegründet. Sie erhielt, wie eingangs bereits erwähnt, den Namen Botinesbach (d. h. zum Bache der Botino). Nach und nach wuchs die Siedelung, wurde eine Ortschaft, die wohl in der Obhut des Klosters Lorsch gestanden haben dürfte. Aus dieser ging dann das Dorf in die weltliche Obhut der Herren von Münzenberg, später in die der Herren von Hanau über. Das Dorf wurde befestigt, mit Mauern und Wehrgängen umgeben, von denen heute noch stattliche Reste vorhanden sind. Im vierzehnten Jahrhundert ging dann die Herrschaft an die Falkensteiner über, und diesen verlieh Kaiser Ludwig der Bayer 1321 für das Dorf Butspach Stadtrechte, und zwar dieselben Rechte, wie sie der „Stadt Franchenfurt" zuerkannt worden waren. Im Mittelalter stand, wie überall, so auch in Butzbach die Kirche, die Religion im Vordergrund des Interesses. In dieser Zeit ließen sich hier die „Brüder vom gemeinsamen Lebe n", ihrer kugelförmigen Kopfbedeckung wegen die Kogel- ober Kugelherrn genannt, nieder. Sie gründeten das St. Markusstist und gliederten diesem die schon bestehende Schule an. Durch ihre emsige Tätigkeit, durch Erteilung von Unterricht, Pflege des Studiums, Ausübung der Krankenpflege ufw. wirkten sie segensreich in dem Städtchen. Auch verstanden sie es, ein stattliches Vermögen zu erwerben. Dieses Vermögen, der sog. Kugelhausfonds, wirkte bis in die jüngste Zeit segenspendend für die Kirche und für die städtischen Schulen. Im Laufe der Jahrzehnte ging Butzbach in die Obhut verschiedener Herren über, bis es zuletzt an Hessen-Darmstadt fiel. Anfang des 17. Jahrhunderts übertrug dec Landgraf Ludwig von Heffen-Darm- stadt feinem Bruder Philipp die Verwaltung des Amts Butzbach. Dieser, ein geistig hochstehender und hervorragender Fürst, der als Landgraf Philipp III. die Landgrafschaft Hessen-Butzbach regierte, der Kunst und Wissenschaft pflegte, trug trotz der Wirren des 30jährigen Krieges in hervorragender Weife zur Hebung und Förderung der Stadt bei. Mit ihm zog reges Leben in Butzbach ein. An Stelle des im Jahre 1603 niedergebrannten Schlosses erbaute er ein neues, schmückte es sinnreich aus und umgab es mit einem herrlichen Park, dem sog. Lustaarten. Durch seine Klugheit blieb Butzbach vor schweren Schickfalsschkägen während des 30jährigen Krieges bewayrt. Er brachte es sogar fertig, daß der Heerführer Tilly ihm einen Freibrief ausstellte, der heute noch in unserem <'ntt guten ' Bä «Ä >'ch bis zum 1 Wfhe: P ward l Kn die Kr .ruft hallt jh rwacht nicht S3 Gießen, Seltersweg 91 9.75 und schnitt, große Auswahl 8.90, 7.90 und Damen-Lack-Spangensclwhe mit und ohne Schnalle, Comt.-Abs., reizender Tanzschuh............................... Damen-Leder-Spangenschuhe Durchbrochene Spangen, eleganter Blatt-Aus- Herren-Halbschuhe elegante Form, auf Rand gedoppelt, braun 10.90 schwarz.................................. Herren-Rindbox-Stiefel auf Rand gedoppelt............. 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Bis zur Inbetriebnahme der Main-Weserbahn hatte sich Bllbel zu einem ansehnlichen und allgemein bekannten Verkehrs - Durchgangs- platz entwickelt. Es war zu einer Haupt-Etapven- ftation für die Fahrpost, Kaufleute, Privat- und Last- wagen auf der Stecke Gießen—Friedberg—Frankfurt geworden. Das Gastwirtsgcwerbc stand in hoher Blüte und bildete neben der Landwirtschaft und der Leistung von Borspanndicnsten einen Haupt- erwerbszweig der Bevölkerung. Rach Jnbetricb- nähme der Stockheimer Bahn ging der Fuhrwcrks- oerkehr noch mehr zurück. Die seitherigen Wirts- räume mußten in weitem Umfange anderen Zwecken dienstbar gemacht werden und die Bevölkerung zu anderen Berufen übergehen. Die Essig-, Branntwein- und Likörfabriken standen bis zum Kriegsausbruch und bis zur Errichtung des Branntweinmonopols in bester Entwicklung. Besonderen Ruhm unter diesen Erzeugnissen erlangte der noch heute weitbekannte Bilbeler Doppelkümmel. Bon der übrigen Industrie seien die Aepfelweinkeltereien, Müllereibetrieb, die Rudelsabrikation, die Kohlen- jäurewerke, die Portefeuilleindustrie und die Herstellung von Ringofensteinen erwähnt. Don besonderer Bedeutung für Vilbel sind seine Mineral - und Heilquellen. Während das aus dem Hafsiafprudel, der Luisen- und Ludwigs- quelle sowie dem Elisabethenbrunnen gewonnene * Mineralwasser durch eine größere Anzahl Händler als Tafelwasser in den Handel gebracht wird, dient der Brodsche Sprudel als Heilquelle. Sachverständige stellen den Drodschen Sprudel gleich mit den kohlensäurehaltigsten Quellen des Kontinents. Im Jahre 1914 konnten bereits 8000 Bäder an Heilung- uchende verabfolgt werden. Die gasförmige Stahlen- äure der Quelle wird in dem. Frankfurter Kohlen- äurewerk der Gewerkschaft Wahle I komprimiert und vertrieben. Die Inhaber des Hassia-Sprudels haben ein gleiches Werk und eine Eisfabrik nach dem Kriege eröffnet. Während des .Krieges hat auch in Vilbel der meliere wirtschaftliche Ausbau geruht. Die öffent- lichen Körperschaften hatten alle Hände voll zu tim, um die Rot zu mildern, die sich in .Kriegs- Zeiten in Ortschaften mit überwiegend werktätiger Bevölkerung herausstellte. Das gleiche trifft für Die Nachkriegszeit in noch erhvhtercm Maße zu. Zeit- roeilig waren 6—700 Erwerbslose und 3—400 Kurz- arbeitet vorhanden, so daß mit deren Familienangehörigen und den Klein- und Sozialrentnern über zeitweise ß der Bevölkerung auf die öffent- liche Fürsorge angewiesen waren. Lebendig steht mir heute noch ein Bild aus der großen Notzeit vor Augen, das ich nie vergessen kann. Bei der Einführung der Sozial- und Kleinrentnerunterstützung konnten einige verschämte Arme, die durch die Inflation ihre Lebensmöglichkeiten eingebüßt hatten, es nicht über sich gewinnen, die öffentliche Fürsorge, auf die sie einen Rechtsanspruch hatten, anzugehen. Als die Leute belehrt wurden, das; es keine Armenunterstützung sei, die ihnen gewährt werden sollte, lehnten sie trotzdem mit Tränen in den Augen mit den Worten ab: „Wir wollen nichts von der Gemeinde." Sie wurden mit dem Rat entlassen, später wiederzukommen, wenn es nicht mehr gehe. Einer dieser Leute, ein über 70 Jahre alter Mann, nahm sich einige Tage später das Leben. Die Tat war ein Ausfluß falscher Scham, aber sie war ein Zeichen dsr damaligen Zeit unb spricht Bände über das seelische Empfinden der Personen, die ihre sichere Existenz durch die Inflation verloren hatten und nun aus der allgemeinen Fürsorge leben sollten und muhten. Die Arbeiislosen wurden 1923/'24 größtenteils durch Notstandsarbeiten beschäftigt, dadurch wurden viele Kulturarbeiten ausgeführt, die sonst vorläufig unmöglich gewesen wären. Daneben wurde in den letzten Jahren zu der bereits bc- stehenden Wasser- und Gasversorgungsanlage während der Inflationszeit das Ortsnetz der elektrischen Lichtanlage und mehrere Wohnhäuser erbaut, nach der Stabilisierung der Mark das Städtische Krankenhaus und Realschule mit Zentralheizung versehe» und neu renoviert, die Höhere Bürgerschule zur Realschule um- und ausgebaut und der Wohnungsbau wesentlich gefördert. Zum 1. Aügust 1925 waren zwanzig Dreizimmerwohnungen bezugsfertig und weitere acht dürften bis zum 1. November 1925 zu beziehen sein, wozu noch ein Beamtenhaus mit 6 Wohnungen kommt. Bllbel Hot sich, nachdem das .Kreisamt im Jahre 1874 aufgehoben und Dilbel mit Umgebung dem Kreis Friedberg angegliedert wurde, mit der in- dustriellen Entwicklung Frankfurts au einem Dorortstädtchen herausgebildet, dessen Interessen aufs engste mit Frankfurt a. M. verbunden sind. Es hatte im Jahre 1800: 1200, 1850: 2800 und jetzt 5778 Einwohner, die sich aus 2882 weiblichen und 2896 männlichen Personen zusammensetzen. Vilbels Grundbesitz umfaßt 4174 hessische Morgen mit rund 800 Morgen Stadtwald, der in allen Teilen schön angelegt und von gepflegten Wegen durchzogen ist. Verantwortlich für den Textteil: Dr. Fr. W. Lange und E. Blumschein, für den Anzeigenteil: H. Iüstel, Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange, sämtlich in Gießen. Die Federzeichnungen fertigte Maler Sigurd Lange- Dedekam. Ausgabetag: 31. Oktober 1925. Alle Arten Landmaschinen in großer Auswahl Landmaschinen-Handlung Stephan Großen-Buseck - Telephon Nr. 33 Zwölftes Blatt_____________________ kleinen Museum zu sehen ist. Der Landgraf starb kinderlos. Butzbach fiel wieder an Heffen-Darm- stadt zurück. Bis zum Jahre 1741 wurde das Schloß von Mitgliedern der Darmstädter Linie bewohnt. Dann stand es bis zum Jahre 1804, in welchem es in eine Kaserne umgebaut wurde, leer. Wer eine kurze Schilderung Butzbacher Geschichte schreibt, bet kann an der Person des kühnen, edles Recht, Freiheit und Menschenwürde ersehnenden Dichters und Rektors Friedrich Ludwig Wei- big nicht oorübergehen. Weidig lebte im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Er war einer von den Vorkämpfern für deutsche Einheit und Freiheit. Die Butzbacher Schule wurde unter feiner Leitung eine wahre Musteranftalt. Aus ihr gingen charakterfeste Menschen hervor, tüchtige, gediegene Meister aller Gewerbe wurden in ihr erzogen. Weidig wurde in den Reaktionsjahren wegen angeblicher staatsfeindlicher Gesinnung in Unter- fuchungshaft genommen, aus der er nicht mehr lebend herauskam. Es wurde vermutet, daß er, durch feine Gegner zur Verzweiflung getrieben, sich selbst umgebracht habe. Sein Gedächtnis lebt heute noch fort. Droben auf der Schrenzerhöhe zeugt ein von ehemaligen Schülern gepflanzter Gedächtnishain von Weidigs unvergeßlichem Wirken und Streben. Die Sturmzeiten der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts gingen auch an Butzbach nicht spurlos vorüber, manch freiheitsliebender Butzbacher mußte seine Heimatstadt oerlasien, um in der neuen Welt ein Heim zu suchen. Es kamen die Jahre 1866 und 1H70. Aus dem längst in eine Kaserne um- gewandelten schönen Schloß zogen die Cheveau- leger, die späteren Dragoner, und in ihren Reihen manch Butzbacher Sohn mit hinaus ins Feld, um für des Vaterlandes Ruhm und Ehre zu kämpfen. Die Gründung des neuen Deutschen Reiches wurde von den allzeit vaterländisch gesinnten Butzbachern froh begrüßt. An dem darauffolgenden Aufschwung nahm auch Butzbach Anteil Werfen wir hier einen Blick zurück auf die Entwicklung Butzbachs in wirtschaftlicher Beziehung, so finden wir, daß sich in dem ursprünglich ackerbautreibenden Städtchen schon frühzeitig die Gewerbe entwickelten. Hauptsächlich waren es die Zünfte, und insbesondere hier die Wollweberzunft, die wesentlich zu dem Emporblühen der Stadt mit beitrugen. Als dann in späterer Zeit die Wollweberei zurückging, nahm die Leder- und Leimindustrie sowie die Strumpfwirkerei und Färberei zu. Man konnte freilich nur von kleineren Betrieben reden. Einen bedeutenden Aufschwung hat jedoch die von alters her vorhandene Lederindustrie genommen .Neuzeitliche Hilfsmaschinen und Einrichtungen haben wesentlich zu diesem Aufschwung beigetraaen. Jedoch wird in den hiesigen Gerbereien nodi nach alter und erprobter Weise die Gerbung des Leders mit Eichenlohe durchgeführt und ein erstklassiges Fabrikat erzeugt. Leistungsfähige Schuhfabriken sind als natürliche Folge entstanden, deren Erzeugnisse sich des besten Rufs erfreuen. An Hand der fast lückenlos noch vorhandenen Steuerliften läßt sich durch das ganze Mittelalter hindurch eine Einwohnerzahl von rund 2000 Seelen feftfteUen. Erst feit Anfang des vorigen Jahrhunderts ist eine langsame Steigerung der Einwohnerzahl bemerkbar. Zieht man hierbei lediglich das letzte Vier- ieljahrhundert in Betracht, fo ergibt sich für dieses eine ganz erhebliche Steigerung. Bet der Bolkszäh- lung in 1902 wurden 3943, bei der in 1925 5253 Einwohner festgestellt. Entsprechend der Steigerung der Bevölkerungsziffer wuchs auch die Zahl der Haushaltungen und der Gebäude. Waren 1902 nur 615 Haushaltungen und 402 Wohngebäude vorhanden, fo flieg die Zahl in 1925 auf 1181 Haushaltungen und 685 Wohnhäuser. Geht man den Ursachen nach, so ist zunächst festzustellen, daß die allgemeinwirtschaftliche Lage sich stetig besserte, was zur Folge hatte, daß die hier ansässigen Industrien, wie die Leder-, Leimleder- und Schuh-Industrie sich wesentlich vergrößerten, daß die Kalkwerke, die chemische Wäscherei und Färberei sowie die Farben- fabrik ihre Betriebe erweiterten, daß weiterhin neue Maschinen-, Papierwaren-, Nudel- und Kon- seroen-Fabriken entstanden. Eine Nebenbahnlinie wurde durch das Wettertal gebaut, die einige Jahre später ihr Netz durch Zweiglinien vergrößerte und mit zur Hebung des Verkehrs beitrug. Abgesehen hiervon trugen aber auch die schöne und gesunde Sage, der nahe, auf schattiger Allee leicht erreichbare Wald um Alt-Butzbach, die Bedeutung Butz, bachs als Garnisonort, und die neuzeitlichen Errungenschaften, wie Wasserleituna, Kanalisation und elektrische Beleuchtung, die bereits anfangs dieses Jahrhunderts ausgeführt und eingerichtet wurden, wesentlich zur Hebung und Förderung bei. Alle diese Errungenschaften und ein anerkannt gutes Bildungswesen, bestehend aus einer Realschule, die in jüngster Zeit in eine Oberrealschule umgewandelt wurde, einer neuzeitlich ausgebauten Stadtschule mit fremdsprachlichem und Haushaltungs-Unterricht, unb einer guten Fortbildungsschule sowie einer landwirtschaftlichen Schn haben wohl auch die Ansiedlungsfreudigkeit auswärtiger Kreise angeregt und in den letzten zwei Jahrzehnten jenseits der Dahn eine hübsche Gartenstadt erstehen lassen, die fid) bis zum Wald hinaufzieht. Diese friedliche stetig aufwärtsstrebende Entwicklung ward durch den Weltkrieg jäh unterbrochen. Wenn die Kriegstrompete zu gerechtem Kampf aufruft, hallt ihr Klang in aller Herzen wieder. Es erwacht nicht nur der Haß und die Empörung über den Friedensstörer, sondern aud) die Liebe, nicht die sehnende, hoffende, sondern die Liebe, die dem Nächsten helfen, die ihn trösten und die seine Nöte lindern will. Wie überall, so traten auch hier Frauen und Männer ohne Unterschied der Stellung, der politischen unb religiösen Anschauung zusammen, um den Nöten bes Krieges zu steuern, zu Helten und zu wirken, soweit dies möglich war. Unter Mithilfe des Alice-Frauenoereins und des Roten Kreuzes wurden eine Kinderkrippe, eine Volksküche, eine Näh- und Flickftube eingerichtet. Drei Hilfslazarette entstanden und eine Freiwillige Sanitätskolonne trat in Tätigkeit. _________________(Siebener Anzeiger « Die Revolution ging auch hier nicht spurlos Darüber. Radikale Umzüge in den Straßen fanden mehrfach statt, dank der besonnenen Haltung der Bllrgerschast verliefen jedoch alle ohne weitere Folgen. Allmählich beruhigte unb besonn man sich. Es galt den Nöten ber Nachkriegszeit zu steuern. Um dem Wohnungsmangel abzuhelfen, würbe neben ber bereits bestehenden Eigenheimbaugenoffenschaft eine neue Baugenossenschaft gegründet. Die Stadtverwaltung gina mit gutem Beispiel voran und baute eine größere Anzahl Wohnhäuser, die an Kriegerwitwen und Kriegsbeschädigte abgegeben wurden. Auch einige größere Firmen, wie Stumpf & Sohn unb insbefonbere die Meguin A. G., erstellten zur Unterbringung ihrer Angehörigen eine Anzahl Häuser. Letztgenannte Firma, welche ihren Sitz im Saargebiet in Dillingen hatte, mußte, um ihre Tätigkeit in alter Form aufrecht erhalten zu können, nach Friedensschluß ihren Sitz aus wirtschaftlichen unb politischen Grünben in das unbesetzte Gebiet verlegen. Sie trat an unsere Stadtverwaltung heran, und diese stellte ihr aus wohlerwogenen Gründen ein größeres Gelände zur Verfügung. Im Jahre 1919 wurde nordwestlich der Stadt, an der Straße nach Gießen, der Grundstein zu den neuen Fabrikanlagen gelegt. Da, wo früher Aecker und Wiesen waren, erheben sich heute riesige Fabrikhallen, mit den neuzeitlichsten Maschinen ausgerüstet. Auch die Stadtverwaltung blieb nicht müßig. Sie richtete, um den Nöten der Nachkriegszeit zu steuern, ein besonderes Wohlfahrtsamt ein. Sie gliederte, um zukünftig eine einheitliche Bauweise in ber Gemarkung burchsühren zu können, ber Stabt- ocrroaltung ein besonderes Stadtbauamt an. Die Städteordnung wurde beantragt und wurde am 1. Oktober d. Js. unter einem kürzlich gewählten Berufsbürgermeister eingeführt. Möge cs diesem gelingen, das wieder aufstrebende Gemeinwesen aus den derzeitigen Nöten heraus einer besseren Zukunft entgegenzuführen. Aus der Geschichte Vilbels. Von Bürgermeister N e ch t h i c n, Vilbel. Die Gemarkung Vilbel hat schon vor unserer heutigen Zeitrechnung den Menschen als Niederlassung gedient. Der mächtige Germanenstamm der Chatten bewohnte nach dem römischen Geschichts- sck)reiber Tacitus die Wetterau, roorauf heute noch einige Ortsnamen Hinweisen. Erst zur Zeit ber Römerherrschaft, als die Holzhütten ber Germanen durch feste Bauten ersetzt wurden und auf den Höhen des benachbarten Taunus kunstvolle Jubiläums-Ausgabe______________ Festen und Burgen entstanden, trat auch Vilbel mehr in den Vordergrund der Geschichte. U. a. lieferten damals die Bilbeler Steinbrüche auch die Steine, die zur Erbauung der bekannten „Saalburg" verwendet wurden. Wenn auch der Name Vilbel fälschlicherweise öfters von „Villa bella", d. h. „die fd)öne Villa", abgeleitet wird — nach Ur- künden aus dem 7. und 8. Jahrhundert lautete der Name Vilbels damals „Felwile" oder „Detweiler" und muß hiernach alemannischen Ursprungs sein —, so steht doch fest, daß Vilbel nicht nur eine römische Niederlassung, sondern ein größerer Flecken und Herrensitz mar, wofür die zahlreichen Funde aus der Römerzeit sprechen. Hier sei nur auf den beim Bau der Main-Weser-Bahn ausgegrabenen Mo- saikboden hingewiesen, der sich heute im Museum zu Darmstadt befindet und eines der schönsten unb wertvollsten Kunstschätze dieses Museums aus vergangener Zeit darstellt. Der Boden war ohne Zweifel ein Bestandteil eines römischen Luxusbades. Die Römer wurden von den zu dem Bund der Alemannen zusammengeschlossenen Germanenstämmen aus ber Gegend vertrieben. Aber auch den Alemannen gelang es nicht, in den eroberten Gebieten seßhaft zu werden. Die früheren Bewohner, die Chatten, verdrängten sie im Verein mit den Franken aus ihren Wohnstätten unb nahmen nach 400 Jahren wieber Besitz von ihren ursprünglichen Nieberlasiungen. Auch die nun folgende Zeit brachte der Bevölkerung Vilbels keine Rübe. In buntem Wechsel stand es bis zum Jahre 1816, als Vilbel zu Hessen- Darmstadt kam, unter der Herrschaft der Herren von Münzenberg, Hanau, Faltenstein, Eppstein, Königstein, Stolbera-Königstein und Kur-Mainz. Sechs Jahre lang herrschten sogar zwei Herren über Vilbel, die von Falkenstein-Hanau bzw. Kur-Mainz. Das R i 11 e r g e s ch l e ch t „von Vilbel", das sich wohl aus einer Wildhuberfamilie, die in dem damaligen Wildbann „Dreieid)", zu dem Vilbel ge- hörte, seßhaft war, herausgebildet hat, läßt sich in der Geschichte von 1143 bis ins 16. Jahrhundert verfolgen. Der Bekannteste unter den Rittern von Vilbel ist Bechtram, der nach einem stürmischen, bewegten Lebenswandel als Raubritter durch den Rat der Stadt Frankfurt a. M. zum Tode verurteilt und am 27. August 1420, auf dem sogenannten „Schütt" in Frankfurt mit seinen beiden .Knechten hingerichtet wurde. Die Burg Vilbel wurde zweimal zerstört. Das erstemal waren es die Herren von Falkenstein-Münzenberg, am 18. Juni 1399, und das zweitemal, nachdem Werner von Falkenstein die Burg 1414 durch Frondienste der benachbarten Dörfer wieder aufgebaut, der französische General ö'° am billi9sfen?e7< Fernsprecher Nr.7 :t Telegr.-Ad resset Schieferstein Kartoffelroder Kartoffelsortiermaschinen und •Waschmaschinen Obstmühlen Obstkeltern usw. Häckselmaschinen Rübenschneider Schrotmühlen Jauchepumpen Kreis- u. Bandsägen Viehfutter-Dämpfer Transmissionsteile und kompl. Kraftbetriebsanlagen Motorpflüge Dreschmaschinen Lokomobilen Strohgebläse und Höhenförderer Melkmaschinen usw. usw. Waschmaschinen fürHand-u.Kraftbetr. 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