Dienstag, 19. September 1922 172. Jahrgang SietzenerAMger General-Anzeiger für Oberheffen Druck mi» Verlag: vrühl'sche Unlv.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange. Schriftlettung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulftrahe 1. Annahme van Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v. 27 mm Breite örtlich 300 Pf., auswärts 400 Pf.; für Reklame Anzeigen von 70 mm Breite1200Pf. Bei Platz- Vorschrift 20 7„ Ausschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz' für den übrigen Teü: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Deck, sämtlich in Gießen Nr. 220 Erscheint tügltch, außer Sonn- und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GietzenerFamilienblätter Monatliche Veznaspreife: Mk. 75.— und Mk. 5.— Trägerlohn,durch dicPost Mk. 75. -, auch bei Nichterscheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech- Anschlüsse: fürdieSchrift- leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Gießen. poftscherttonto: 5ranftutt a. M. 11686. Ein neuer Weltkrieg? Während m Paris noch um die deutschen | Reparationszahlungen gewürfelt wird, donnert das Orientgewitter immer näher heran, und mancher sieht in dem fahlen Licht der Blitze bereits baS Gorgonenhaupt eines neuen Weltkrieges. Auch die Regierungen der alliierten Mächte scheinen die ungeheure Gefahr zu erkennen. Sie bestürmen das Weihe Haus in Washington, sich doch endlich wieder mit den europäischen Angelegenheiten zu befassen, um den drohenden Riesenbrand zu verhindern. In Amerika hält man anscheinend den Zeitpunkt zum Einschreiten immer noch nicht für gekommen. Denn Kontreadmiral Bristol, der amerikanische Oberlommissar in Konstantinopel, hat von seiner Regierung die Weisung erhalten, zwar gemeinsam mit den Alliierten der Rot in Smyrna zu steuern, aber keinerlei politische Verpflichtungen einzug.hen England hat denn auch in der schwierigen Lage, in die es durch die griechische Riederlage geraten ist, die ganze Last der Verantwortung auf sich genommen und einen Appell an die Dominions gerichtet. Für A u st r a l i e n wurde der Appell durch den Hinweis verstärkt, dah Tausende von australischen Soldaten auf Gallipoli begraben liegen. Man sei es diesen Toten schuldig, die heiligen Gräber des letzten Krieges nicht in die Hände der Türken fallen ;u lassen Bon Australien e -fo'gte tat ächlich eine prompte Zusage, dem Mutter iande zu Hilfe zu eilen. Kanada dagegen zögert, um) in der Südafrikanischen .Union ist man anscheinend gegen den Kreuzzug nach Konstantinopel. Jedenfalls ist der Eifer Lloyd Georges und das Riesenausgebot englischer Kolonialtruppen sehr auffallend, ebenso ausfallend, wie die übertriebene französische Mahnahme, zur angeblichen Unterstützung der britischen OHIiicrtcn Truppen aus dem besetzten Deutschland, besonders aus Koblenz und Mainz, nach dem Orient zu senden. Um die Angoratürken an der Ueberschreitung der Meerengen und an der Besetzung von Konstantinopel zu hindern, genügt doch die Artillerie der briti- chen Schiffe am Bosporus, der Kemal Pascha nichts gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Schlimmstenfalls können ja die Garnisonen von Gibraltar und Malta noch Derstärkungen liefern. Also wozu der allgemeine Aufwand? Traut keiner der herzlich Verbündeten dem anderen mehr? Das Organ Lloyd Georges, das „Daily Chronicle" betont mit merkwürdiger Schärfe, die Last neuer kriegerischer Aufgaben gegen Mustapha Kemal und Kleinasien ruhe eigentlich doch allein auf den Schaltern der englischen Armee und allenfalls derjenigen der Dominions. Aehnliches verkünden die bekannten Londoner Blätter „Daily Eppreh" u „Daily Telegraph", und die altliberale „Westminster Gazette" meint, die Haltung der Verbündeten sei bisher so „verschieden' gewesen, dah es nicht leicht sein werde, sie jetzt vor Konstantinopel unter einen Hut zu bringen. Soweit die englische Presse. Wenn also Frankreich, das mit Kemal verbündet war und es immer noch ist, Tmff)pen nach Konstantinopel entsendet, so tut es dies nicht, um gegen die bisher begönnerten Angoraleute zu marschieren, sondern um auf alle Fälle gerüstet zu fein. Zu dem Begriff ..alle Fälle" gehört natürlich auch die russische Frage. Die Orientkrise hat eine neue und gefährliche Wendung 'durch das Telegramm erhalten, das Kemal Pascha nach Moskau richtete und worin er erklärt, dah er an dem russisch-türkischen Vertrag vom 16. März 1921 festhalte. Jener Vertrag stellte eine bolschewistische-mohammedanische Front durch Kleinasien bis Persien, Turkestan und Afghanistan her und erhielt die bedeutsame Bestimmung, dah Kemal nur gemeinsam mit Moskau Orientverhandlungen mit den Entente-Westmäch- ten aufnehmen dürfe. Kemal erwartet also Mos- kaus Beteiligung an den kommenden Verhandlungen, und die Russen werden nicht zögern, ihren Vlatz am Verhandlungstisch zu beanspruchen. Seit Dem Rapallovertrag Rathenaus ist nicht ein so wichtiger Schachzug auf dem Spielbrett der internationalen Diplomatie getan worden I! Kara- chan, der z. Z. in Vertretung Tschitscherins die auswärtige Politik Sowjetruhlands leitet, hat bereits in einem Rundspruch an die Ententemächte die Sympathien Ruhlands für die Türkei und "den endgültigen Verzicht Ruhlands auf Konstantinopel erklärt. Tschitscherin, der heute noch in Berlin weilt, in den nächsten Tagen aber nach Moskau reist, wird das weitere besorgen, und es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn man jetzt von Ruhland eine Aufrollung derjenigen Fragen erwartet, die der Versailler Vertrag unerledigt lieh. So hat die Gefahr eines neuen Weltkrieges vielleicht das eine Gute, dah sie die Revision der Ergebnisse des alten Weltkrieges erzwingt. Hoffentlich nur auf diplomatischem Wege! ' Paris, 18. Sept. (WTB.) Im Anschbuh an die Reu ternote bemerkt das „Journal des Debats", dah es an seinem Standpunkt festhalte und verlange, dah Frankreich im Sinne der englischen Rote handle. Gs handle sich keineswegs Datum, Krieg gegen die Türken zu führen, sondern nur darum, ein neutrales Gebiet, das von einem Einfälle bedroht sei. militärisch: zu besetzen und im Einklänge mit den früheren genauen Verpflichtungen die Internationalisierung der Meerengen im gemeinschaftlichen Interesse aller Mächte mit Einschluß der Türkei sicherzustellen. Darin liege nichts, tvas die Türkei zur Verzweiflung treiben könnte. Es liege ebenso im türkischen wie im französischen Interesse, dah auch Frankreich in der neutralen Zone entsprechend vertreten .sei. Man toenbet ein. dah man auf die Mähigung der Türkei zählen könne, die sich hüten werde, Konflikte 'hervorzurufen. Dasselbe habe man im xMire 1914 gesagt und noch vor wenigen Tagen habe man im Quai d'Orsay versichert, dah die Christen in Smyrna nichts zu befürchten hätten und ruhig schlafen könnten. Es wäre äuherst kindisch, derartigen Versicherungen nach dem, was vorgegangen sei, zu trauen. Eine Kriegsgefahr werde nicht aus eurer Besetzung der Meerengen entstehen. Sie könnte vielmehr im Gegenteil dann entstehen, wenn infolge irgendeines Zwischenfalles die Türken sich in Gallipoli einnisten sollten und man gezwungen sei, sie daraus wieder zu verjagen. Die Antwort der Kemalisten an die Entente. Paris, 19. Sept. (WTB.) Wie der „Petit Parisien" zu wissen glaubt, hat die Angora- Regierung sich beeilt, auf den von Frankreich. England und Italien unternommenen Schritt in einem mäßigen, aber festen Tone zu antworten. Die Antwort geht dahin, dah die Zone, zu deren Respektierung die Kemalisten aufgefordert werden, in einem Dokument festgesetzt worden sei, das die Kemalisten nicht kennen, nämlich den Friedensvertrag von Sevres. Llebrigens sei dieses Dokument für die Entente auch nicht mehr mahgebend, da es nicht ratifiziert worden fei, und da die Alliierten bereits aus eigener Initiative eine Revision dieses Vertrages ins Auge gefaßt hätten. Unter diesen Voraussetzungen erkennen die Kemalisten stillschweigend die Anwesenheit der Alliierten an den Punkten an, an denen fich die Alliierten bereits seit drei Jahren festgesetzt hätten. Die Kemalisten hätten auch nicht die Absicht, auf Konstantinopel, nach Gallipoli oder nach Thrazien vorzumarschieren. Aber die Alliierten sollten die Kemalisten nicht hindern, Punkte zu besehen, an denen die Alliierten bisher nicht gewesen seien, sondern an denen bisher nur die griechische Armee stand. Wie der „Petit Parisien" weiter zu wissen glaubt, legt die französische Regierung in Anbetracht der britischen Methoden einer Regelung des Orientproblems, die sie immer verfolgt habe, Wert darauf, jede Möglichkeit eines Konfliktes zu vermeiden, dessen Folgen verhängnisvoll sein könnten. Deshalb werde die französische Regierung ihre in Tscharnak stehenden Truppen in Kürze zurückziehen und auf das Südufer der Dardanellen schaffen. Instruktionen m diesem Sinne seien bereits dem französischen Vertreter in Konstantinopel übergeben worden. Lloyd George über die Unverletzlichkeit Gallipolis. London, 19. Sept. (WTB.) Lloyd George sandte folgendes Telegramm an den Premierminister von Australien: „Wir empfingen mit tiefer Genugtuung Ihre schnelle Antwort auf unsere Anfrage wegen Entsendung von Truppen, die nötig sind, um jeder Bedrohung der Freiheit der Meerengen und der Ll n - Verletzlichkeit Gallipolis zu begegnen. Das Britische Reich kann nicht zugeben, dah die Ergebnisse der Känrpfe und Siege seiner Truppen in der Levante zerstört werden." Rußland nnd die Dardanellenfrage. London, 18. Sept. (WTB.) In Erw de ung auf die Dalfournote vom 3. Juli be;üglich der Dardanellen unS der Tätigkeit der russischen Schwarzen Meere erk ä;t der Volk k. mm ssa Ka - rachan, dah das Moskauer Sowjet das türkische Abkommen mit der Sowjetregierung über die Dardanellen und den Bosporus, das in Moskau 1922 unterzeichnet wurde, anerkenne. Er versicherte, dah alle zukünftigen Verträge unter den Rachbarstaaten, betreffend die Meerengen, den weiterentfernten Mächten fern Recht zur Einmischung geben. Der serbische Minister des Aeuhem hat nach einer Besprechung zwischen dem König von Serbien und Poinrare sowie Ferid Bey, Lord Har- dinge und dem Pariser Berichterstatter der „Sundah Expreh" erklärt, die serbische Regierung sehe die türkischen Erfolge mit Besorgnis an und würde jedes Vordringen der Türken nach Europa als ernste Bedrohung auffassen. Er selbst fahre heute nach England und werde die Frage mit Lloyd George und Lord Curzon erörtern. Der Berichterstatter will erfahren haben, dah der König von Serbien in einigen Tagen inkognito nach Rom fahren werde, um die Lage mit der italienischen Regierung zu besprechen. London, 18. Sept. (WTB.) Die „Times" meldet aus Riga, angesichts der letzten türkischen Operationen hätten die Do schewisten eine außerordentliche Konferenz des revo'uti närenMinisterrates einberufen, bei der Trotzki den Vorsitz führe. Die Verhandlungen seien geheim, es werde jedoch versichert, dah die Konferenz beschlossen habe, unverzüglich alle Streitkräfte der kaukasischen Republiken, die russischen im Kaukasus befindlichen Streitkräfte und di? Sowjetflotte im Schwarzen Meere zur Aktion vorzubereiten. Ern Korps Sow'etstre tkräfte sei bereits an der Grenze der asiatischen Türkei auf gestellt und bereit, Mustapha Kemal beim Vormärsche auf Konstantinopel zu Hilfe z u k o m m e n. Anderen Meldun }en zufolge verpflichtet ein Vertrag zwischen Moskau und Angora die Sowjetregierung, mit den türkischen Rationalisten bei der Wiedergewinnung der Dardanellen zusammenzuwirken, wofür Ruhland als Kompensation die völlige Handelsfreiheit im Schwarzen Meere erhält. Amerika und der Orient. London, 18. Sept. (Wolff.) „Sunday Expreß" berichtet aus Reuhork, dah dort den Berichten aus dem Orient das größte Interesse entgegengebracht werde. Die Vereinigten Staaten erblickten bi jedem Versuch Mustapha Kemals, nach Europa überzusetzen, eine große Gefahr. Man erwarte ein sofortiges Eingreifen Amerikas in die Orientkrise nach der Rückkehr Hughes am 24. September. Paris, 18. Sept. (WTB.) Rach einer Havasmeldung aus Athen haben die Abgeordneten Thraziens im griechischen Parlament an Lloyd George und Poincare sowie H a r b i n g Telegramme gerichtet, in denen sie inständig bitten, Maßnahmen zur Rettung der Christen Thraziens zu ergreifen. Die Hnltuug Rumäniens. London, 19. Sept. (WTB.) Reuter erfährt, dah die rumänische Regierung noch keine endgültige Erklärung über ihre Politik abgegeben 'hat. Es bestehe aber Grund zu der Annahme, daß Rumänien mit der Politik der englischen Regierung betr. Konstantinopel und dieMeer- engen durchaus einverstanden sei. Da Rumäniens einzige Verbindung mit den Alliierten durch das Mannara-Meer und die Dardanellen führe, habe es ein vitales Interesse an der Freiheit der Meerengen. Der Brand in Smyrna. London, 19. Sept. (WTB., Reuter meldet aus Smyrna, dah nach den letzten, vom Samstag datierten Berichten aus Smyrna die Meldungen über die Zähl der Todesopfer (ein Bericht sprach von 100 000 getöteten Christen) sich nicht bestätigen. Doch steche fest, daß zahlreiche Armenier sich unter den Opfern befinden. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge beträgt 200000, in der Mehrzahl Griechen und Armenier. Am Samstag dauerte der Brand der Stadt noch an. Paris, 18. Sept. (WTB.) Rach einer Meldung des „Jntransigeant" aus Smyrna soll es dort noch dreihunderttausend Menschen geben, die darauf warten, dah sie abtransportiert werden. Die Mücktlinqe. Paris, 18. Sept. (WTB.) Rach einer Havasmeldung aus Athen haben französische und italienische Schiffe gestern ungefähr 10 000 Flüchtlinge aus Kleinasien gelandet. Der armenische Bischof, besten Ermordung durch die Kemalisten gemeldet worden war, sei heil in Athen angekommen. Die griechische Regierung habe die Verstärkung der Trupperi an der thrazischen Grenze beschlossen. Die ans Kleinasien kommenden Flüchtlinge sollen von jetzt an nach Kreta und den anderen Inseln geschickt werden. Ein russisch-japanisches Abkommen. London, 19. Sept. (WTB.) Reuter meldet aus Tschangtschu, daß auf der gestrigen russisch-japanischen Konferenz die Delegierten den Entwurf für ein Abkommen geprüft hätten, das folgende Punkte umschließe: 1. Beiderseitiger Verzicht auf Propaganda und fe'ndliche Aktionen. 2. Freie Einreise und Reisefreiheit innerhalb der beiderseitigen Gebiete. 3. Garantie des Lebens und des Eigentums der Untertanen beider Länder. Ungarn in den Völkerbund ausgenommen. Genf. 18. Sept. (WTB.) Die Völkerbunds-Versammlung nahm heute einstimmig Ungarn in den Völkerbund auf, nachdem der tschechoslowakische Delegierte Osusky im Hamen der gesamten kleinen Entente noch einmal in einer längeren Rede allen Bedenken gegen die Aufnahme Ausdruck verliehen hatte. Nansens Anträge in der Völkerbunds Versammlung. Genf, 18. Sept. (Wolff) 3m Verlaufe der heutigen Sibung der Völkerbunds-Versammlung wurde ein Sch reiben Ransens verlesen, in dem dieser anregt, erstens den Flüchtlingen von Smyrna, die in Konstantinopel für die russischen Flüchttinge geschaffene Organisation zur Verfügung zu stellen, und zweitens die Vermittlungsaktion des Völkerbundes oder andere Maßnahmen zur sofortigen Einstellung der Feindseligkeiten zwischen Griechenland und der Türkei zu ergreifen. Beide Vorschläge werden dem Initiativkomitee zugehen, das über ihre Verweisung an die einschlägigen Ausschüsse der Döl- kerbundsversammlung zu beraten hat. Die Lösung der Streitfrage mit Belgien. ‘Berlin, 18. Sept. (WTB.) Rach der Rückkunft des Reichsbankpräsidenten Haven st ein aus London fand heute nachmittag eine Kabinetts sitzung statt, in der die Frage der an Belgien auszusteilenden Schatzwechsel behandelt wurde. Havenstein teilte mit, daß die Reichsbank nunmehr bereit fei, die sechs - monatigenSchahwechsel, fällig vom 15. 2. bis 15. 6. 1923, mit ihrer 11 n t e r f d> r i f t z u versehen. Das Reichskabinett nahm die Er- klärurg Havensteins entgegen und beschloß, der belgischen Regierung sofort entsprechende Mitteilungen zu machen. Der ,^Tag" bemerkt: Das Ergebnis der । Londoner Reise ist fast ein voller Erfolg; Havenstein hat an der Themse seine Absichten I beinahe im ganzen Umfange erreicht. Die Dank von England wird die Garantie für die deutschen Schatzwechsel binnen sechs Monaten übernehmen und von der Reichsbank wieder eine GarantiefürdieSchatzwechselbin- nen 18 Monaten erhalten. Berlin, 19. Sept. Die Blätter begrüßen den von dem Reichsbankpräsidenten Havenstein in London erzielten Erfolg als eine wesentliche Entspannung unserer außenpolitischen Lage. Da zu wiederholten Malen betont worden ist, dah die Reichsbank nicht gewillt sei, einen Teil ihres Goldbestandes zu verpfänden, so halten es die Blätter für selbstverständlich, daß die Besprechungen in London unter dieser Voraussetzung geführt worden sind. Die „Voss. Z t g.“ schreibt: Da nunmehr die Forderung der belgischen Unterhändler, von der deutschen Regierung Schatzwechsel mit nicht länger als sechsmonatiger Laufzeit und mit der Unterschrift der Reichsbank zu erhallen, erfüllt ist, muß der Konflckt über die Garantiefrage als beendet und die von der Reparationskommission verlangte Einigung zwischen Deutschland und Belgien als erzielt angesehen werden. Auch der „V o r to ä r t s" glaubt aus der bisherigen Haltung der belgischen Regierung, die sich anerkennenswert versöhnlich und sachlich gezeigt habe, schließen zu können, daß sie sich mit dieser Losung jufrie&en geben wird, und hofft, daß diese Lösung eine gewisse Stabilisierung des Markkurses zur Folge haben werde. Die Ausgleichszahlungen. Berlin, 18. Sept. (Priv.-Tel.) Den Blättern zufolge überwies die deutsche Regierung zehn Millionen Goldmark, Die auf Grund der letzten gemeinsamen Rote der Alliierten als Abschlagszahlung auf dic in Wirklichkeit fälligen Ausgleichszahlung e n in Höhe von 28,4 Millionen zu zahlen waren, den Ausgleichsämtern der Alliierten. Ein süddeutsches Sachlieferuugs- adkommen. (Stuttgart, 19. Sept. Die Stuttgarter Süddeutsche Zeitung teilt zu einer Blättermel.'- düng über den Abschluß eines süddeutschen Sachlieferungsabkommens mit, daß tatsächlich am 2. September ein Vorvertrag zwischen einer französischen Gruppe und der Würt- tembergischen Rohstoffgesellschaft m. b. H. unterzeichnet worden sei. Da aber noch wesentliche Voraussetzungen zur praktischen Verwirklichung fehlten, seien die Verhandlungen noch nicht endgültig abgeschlossen. Falls das Abkommen zustande kommen sollte, werde es für die toürttem-- bergische Industrie große Bedeutung haben. Es sehe die Lieferung aller erforderlichen Baumaterialien in Hohe von 200 Millionen Franken vor. Der sozialdemokratische Parteitag. WTB. Augsburg, 18. Sept. Vor der Aufnahme der eigentlichen Parteiverhandlungen begrüßte heute der Vertreter der Aaslandabordnung der russischen Sozialrevolutionäre, «Senfe n o to die bevorstehende Einigung der deutschen Sozialdemokratie. Reichstagsakgeordneter Adols Braun erstattete sodann den Bericht des Parteivorstandes: Die Schwierigkeiten für Anhänger der größten Arbeiterpartei Deutschlands sind unermeßlich. Der Grvhkapitalismus ist heute mächtiger denn je, und schwer ist der Kampf gegen feine Herrschaft. Man braucht nur an Stinnes und feine letzten Leistungen zu erinnern. Die zunehmende Geldentwertung stellt uns vor schwere Ausgaben. Man muh schon ein Redakteur der Roten Fahne sein, um zu glauben, dah man diese Aufgaben durch Revolutionen, Putsche und Flugblätter lösen könne. Die gewaltige Masse der Arbeiterschaft hat eingesehen, dah unsere nüchterne, mit den Tatsache rechnende Politik der Arbeiterschaft am besten dient. Darum folgten sie uns und nicht den Kommunisten, die sie mit politischem Schnaps berauschen wollen Mi! Gewalt wird nichts erreicht. Wir wissen, dah die deutsche Politik in hohem Grade abhängig ist vom Versailler Vertrag und vom Ausland. Aber wir wollen nicht fatalistisch den Dingen ihren Lauf lassen, sondern ohne Rast arbeiten. Wir sind nicht so wahnsinnig, aus der Verelendung der Arbeiterllasse revolutionäre Kräfte zu erwarten. Auf den Tiefstand Räteruhlands wollen wir nicht sinken. Wir beklagen diefurchtbareRot derPresse. Die sozialdemokratische Presse ist glücklicherweise seit Görlitz nicht zurückgegangen, und alle 139 Parteizeitungen bestehen fort Die Stimmung der Arbeiterschaft ist durch die schwere wirtschaftliche Rot sehr herabgedrücjt worden. Es ist aber unberechtigt, wenn dem Parteivorstand und der Reichstagsfraktion vorgeworsen wird, sie hätten nicht genug zur Linderung dieser Rot getan In Deutschland geht alle Gewalt vom Volk aus tn£ nicht von den Abgeordneten. Die Massen selbst sollten sich mehr rühren. Es ist bedauerlich, daß Heutiger Stand des Dollars 10 ilbr vormittags.: Frankfurt a. M. 140w Berlin: Telephonische Verbindung gestört rovinz Oberhessen das Qölrt schaftSleben. U Die Teuerungsznhlen in Hessen. (5460), 26. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.) r« । 7580 6945 Durch- (5235); 'DoE Dv Ma hen tun! von blei Die bet' tigt 10 Del men in E der, soll bea lum 10' Ui vm Aus Ltadt und Land. Dießen, den 19. September 1922. Notgeld für Oberhesscn. ei & übt die N er hibl Seh Sä $d fern tritt geh toäi mel die 6to 2lu gcg- ipil gern vor tzirs von fall bare tigi' Hauptzoltamt Mainz. — In den Ruhestano versetzt wurde am 10. Qlugufi 1922 der Rektor an der Volksschule zu Oppenheim QI. Maurer auf sein Rachsuchen unter Anerkennuirg seiner dem Staate geleisteten Dienste vom 1. Oktober 1922 an. Oppenheim 7847 (5321). Badingen Zrlxich 7941 (5303), Schotten 7778 Der Mangel an Zahlungsmitteln bedrohte auch in der Provinz Oberhessen das Wtrt- meh 'N folgi w ** Die Herstellung von Stark- b i e r ist jetzt verboten worden. Es darf nur Elnfachbler, Schankbier und Vollbier hergestellt werben. 0 d< Ä si- Ü- 01 11. K D b1 n fd tx 6 bet ge sch Der Qoi biq (3 an 31 De Ps< art Ai flcni ein ding N ten Ehd anb< Prinzess! a Ich - Earolat'h. geborene Prinzessin'Rcutz ältere fimie, als Gattin heimführen. gcs 6h bor chv bcd ba Ta; bötei übe, und Die Adri N\ wi| M Proto $hi Kilt aurg 3* s »en e ?iei S I bt ^tQi Si Mi nichts verlangt, als — eine Kleinigkeit für viel Sie wiederholen für uns jene kurze Szene — Sie wissen doch? . . Diese dramatische Szene — ein famoser Titel wär' Ein Drama Im Drama! Also — Sie wissen doch ich meine die Sache mit dem Messer. Wir D e Braut des Kaisers, die Prinzessin Her- mme ist am 17. Dezember 1887 als vierte Tochter deS verstorbenen Fürsten von Reust ältere Linie '' Drcit geboren. Sie heiratete am 7 Januar 1907 den Prinzen Johann Georg von Schönaich- ™ %fihcr .?cr He.rschis, Saabor in Schlesien Ihr Blaun lst am 6. AprU 1920 ge- Kall-? entstammen fünf Kinder. Dem Ä ,\tor die gjunxcifln von früher bekannt. C trLf*T ^er erst im Frühjahr d. I.. als sie cine Woche in Doorn zu Besuch weilte, näher- gctreten. Der Briefwechsel, der sich im Anschluß diesen Besuch zwischen dem Kaiser und der Prinzessin entwickelte führte zur Verlobung. Die befindet frch zur Zeit bei ihrer Tante, der Arobherzogln Louise von Baden, die zugleich d^r »»Esche Prinzessin ist, auf Branntwein aus Obst darf nicht mehr hergestellt werden. Die Landeszentralbehörden können aber für Obst, menschlichen Ernährung nicht geeig in anderer Welse nicht verwertet rr ovit, das zur geeignet ist oder erer Welse nicht verwertet werden kann, die Verarbeitung aus Branntwein zulassen. " Die Verwendung von inländischem o u cf c r zur gewerblichen Hei stellung von Sch kriade, Süßigkeiten, Drannlw.in und brannt- w.'in haltigen Getränken aller Art, insbesondere Likör und Schaumwein, sowie die Lieferung und der Erwerb von inländischem Zucker für diese 3lr>e(fc ist jetzt verboten worden. Der vor In- na;(treten dieser Verordnung gelieferte Zucker darf noch verwendet werden. Äeue Lieferungen durieu auch auf Grund von vor diesem Zeitpunkt abgeschlossenen Verträgen nicht mehr erfolgen. ** D i e Ausstellung der Gewerbe s ch u l e, die noch bis Donnerstag täglich von 10—12 und 2—5 Uhr geöffnet ist, zeigt die Arbeiten der Lehrgänge der verschiedenen Abteilungen, so für die Maschinenbauschule, b!c Bauleitung, die Berufsschule und die Scl)reinerfachschule. Einen besonderen Aeiz erhält die Ausstellung dadurch, das) Arbeiten der Klassen für schmückende Gewerbe und solche der Schreinerfachschule ausgestellt sind; letztere Arbeiten von einfachen Ge- brauchsmöbeln bis zu LuxuSstucken. Auch in der Maschtnenbauabtellung sind Arbeiten der Lehrwerkstätte, Apparate für das Laboratorium, zu sehen. Die Ausstellung zeigt, wie mil einfachen Mitteln wirkungsvoll ausgestellt werden kann, und wie in dem Schulbetrieb eüie gründliche Methode Theorie und Praxis verbindet. Der Besuch der Ausstellung ist sehr "*DieObsterntederStadtGic- tz e n soll am Donnerstag und Freitag dieser Woche versteigert werden. Näheres ist aus dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich. * Die neue Veroronu ng über die öffentliche Drotversorgung, d. h die Einschränkung der Berechtigung zum Bezug von Markenbrot. die wir in unserer Nr. 217 vom 15. September inhaltlich mitteilten, ist jetzt im „RetchSanz iger" amtlich veröffentlicht worden. Die Kommunatverbände haben den Auftrag, die Verordnung so durck^uführen, dast der Ausscblust der Nichtbezugsberechtigten vomMar- kenbrotionsum am 16. Oktober wirksam wird Die Kommt,nalverbände können bestimmen, dast die öffentliche Brotversorgung nur auf Antrag eintritt, und dast diejenigen, welch.' sie beanspruchen, den Nachweis für das Vorlim-m . . ,ie Provinzialdirektion Ober Hessen hat deshalb bet der Negierung in Darmstadt und dem NeichSftnanzmini- sterium beantragt, dieAuSgabevonNot- geld für die Provinz Ober Hessen in den hauptsächlich fehlenden Geldscheinen von 1 00 M k. und 500 M k. zu genehmigen. Diese Genehmigung ist auf telegraphischem Wege eingetroffen. Mit dem Druck des Notgeldes im Gesamtbeträge von 100 Millionen Mark wird sofort begonnen, so dast rechtzei- tigbiSEndedesMonatSNotgeld- scheine ausgegeben werden können. Sie haben eine Laufzeit von 2 Monaten, also bis Ende November, und werden im Laufe des Monats Dezember bei der Provinziaikassc in Giesten eingelöst. Die Meldung von der Verlobung des ttüheren deutschen Kaisers wird durch eine den Blättern zugegangene Mitteilung des „Generalbevollmächtigten des Königlichen Hauses" Wirklichen Geheimen Rats von Berg, be- st ä t i g t. Der Kaiser werde voraussichtlich im November dieses Jahres die verwitwete Prinzessin Hermine von Schön- Tadellose Haltung, wohllebtges Gesicht mit wrzgeschnittenem englischen Schnurrbart. Der Herr stellte sich noch einmal tönend vor, und dann, von Hein,) zum Sitzen aufgefordert' nahm er gewichtig Platz. ..©Je also sind Herr Heinz Güldewin! Eg interessiert mich ganz ungemein I Gin glänzen- beS Geschäft führt mich zu Ihnen! Sie sehen ja meine Karte — ich mache eS überall — eh — Sie haben doch ton unserer Firma gehört? Karl HanS Forster-Brand. London, Berlin Petersburg. (BMen T‘ Heinz bedauerte artig „Oh. bitte, das tut nicht«, da« tut gar nicht«! ©o leimen Sie im« eben jetzt kennen! Hab e« sollte mich recht, recht freuen, wenn aus unseren Beziehungen ein ersprießliches Zusammenwirken — eh — erblühen pürde." Heinz lächelte immer artiger. „Ob der Brillant echt ift?^ dachte er dabei. „Es handelt sich — für Sie - um eine Nfsare von ein paar lumpigen hundert Mark Haben wir (Bifolg — nun — so kann sich der Verdienst schnell bi« in die — Tausende erhöhen. Nicht« ist einer solchen Hausse unterworfen, wie unser Geschäft." Der Herr verwendete kein Auge von Heinz. Dem leichtlebigen Sänger schien Geld nicht besonder« zu imponieren - der Mienenwechsel, der bei anderen einzutreten pflegte, wenn Herr Karl Han« Forster-Brand mit dem Gelde zu klimpern begann, blieb hier au«. uÖie haben hier eine sehr hohe Gage bezogen?" Der Herr aus London-Derlin-PeterSburg- Mien änderte seine Taktik. Abei- Heinz wurde Plötzlich zu Stein und Gi«. ..Dars ich fragen, inwiefern die« von — 3n- lercffc für Sie fein kann?" „2wer gctoib dürfen Sie. mein lieber, verehrte! Herr! rief der Noble jovial. Fast hätte er 'bin eine Hand auf« Knie gelegt. Wer selbfi- torständlichl Wir bieten Ihnen nämlich da« Dop- Veite einer MonatSgage. wenn Sie sich bereit erklärten. unser Unternehmen durch 3bre — ob — werte Mitarbeiterschast zu unterstützenf" „Nun wäre ich aber wirklich gespannt" faate Heinz mit äustersiern Gleichmut ' ’ 8 C Der andere ereiferte sich. „Von Ihnen wird nicht« verlangt, als — ein^ r , Die Liga zum Schutze der deutschen Kultur veranstaltete am Sonntag auf bem Staufenberg ein Volksfest, das sich eines sehr guten 'Besuches erfreute. Männerchorgesänge, dargeboten ton den Gesangvereinen aus o taufen berq ^reis und Mainzlar. Theater- und Märchenspiele' Deklamationen, sowie die Aufführung einiger Ortginal-Dauerntänze boten den Besuchern eine abwechstungsreiche älnteihaltung. Der Ligaredner W e n d e S ermahnte in einer Ansprache die Zu- hörer. treu zusammenzustehen in diesen schweren Zeiten und alle Kräfte anzuspannen zum Wohle oe« Vaterlandes, _______ bilbhen Kunst an öie ,u verkaufen! Mag ich ein Stümper fein, mir ist sie heilig. Und nun, Der» efirtcr perr, hören Sie ohne Empfindlichkeit, wie ich mich zu Ihrem Filmzauber stelle: Ja, ja Sie haben tausendmal recht. Sie werden die Menschheit in ORaffen hinunterschlucken wie ein gefräßiger Hai! Aber unter dieser Menschheit tDtri> eS immer noch einzelne geben, die — wie ich — ein Grauen empfinden vor dem lautlosen Schattenspiel auf der Leinwand. Vor der gespenstischen Nachäffung de« wirklichen, lebendigen Lebens, vor der wortlosen Gebärde dem allen Verzerrungen der Filmlaane imtcrtoorfc- nen Mienenspiel. Erklären Sie mein Gefühl für veraltet, übertrieben, einseitig — über das Gefühl lästt sich nicht streiten! Wir haben es nicht — es hat und!" „Schade," sagte der Herr Direktor mit spitzen Lippen und verschränkte die Arme. „Verzeihung, dast ich gestört habe. Ich dachte, in Ihrer Lage “ rndessen — es wird mir ein leichtes sein, für diese Szene einen Ihrer Herren Kollegen zu gewinnen." Bitte!" sagte Heinz Güldewin höflich. $err Karl Hans Forster-Brand fuhr mtt Llmständlichkcit in seinen überaus kostbaren Pelz. „Darum also keine Feindschaft nicht! Merlen Sie sich meine Adresse! Man kann nie wissen — Achtung vor jeder Lieberzeugung!" Heinz hielt ihm die Flurtür offen „Glückliche Reise!" „Tanke verbinolichst." Der gewaltige Pelz bestieg das wartende Auto — ein Reiseauto von ehrsurchtgebietendem Umfang. Aus Len Tiefen der blauen Polster fragte eine trockene Stimme: „Perfekt?" „Den Deubel auch!" klang es grob aus dem Pel^ heraus. „Der bat noch nicht gehungert! Warten mir« mal ab. mein Jüngelchen — du kriechst ooch noch zu Kreuze!" Tas Auto glitt in elegantem Dogen um die Bordschwelle unb verschwand — — Heinz packte sehr ordentlich seine Sachen in den groben Kabinenkoffer. 5>a steckte noch ein ötüdtein Schulmeister in ihm, bab er für alles pedantisch eine nbeflimmten Platz hatte Morgen, so Gott will, dampfte er seinem geliebten Berlin entgegen! Er kannte es von der Zeit her. da er bei Meister Emmerich studierte. — Nachts um elf Ankunft am Anhalter Dahn- bof. Gleich am nächsten Morgen wollte er dann los zu den Agenten. Die Welt stand ihm ja offen! Für die ersten Woche., war er mit Geld versorgt, und bis feiner Kasse Ebbe drohte, hatte er wohl längst ein Engagement. Mitten in der Saison? Einerlei. In Berlin! Es gab ja keine Tenöre mehr! Merkwürdig, welch' neue Lebenslust ihn nach der Katastrophe beseelte. ejeniqcn, welche sie be- ... ls für das Vorliegen der Voraussetzungen hierzu erbringen. Diese Voraussetzungen sind in unserem Artikel vom 15 September genannt. Lily war überwunden. Zuweilen dämmerte ^.enes blasses Bild vor seinem geistigen Auge auf, doch ohne Reue, ohne Sehnsucht. Ta war eine grobe Oede. — Leise pfeifend legte er die Hand an fein Gepäck. Verner Tisch! Ein Dutzend kleine SchulLen hatte er noch bezahlt. So war denn sein Stern hier untergegangen. Von den Kollegen verabschiedete er sich nicht, auch von Riedinger nicht. Der ©laben hatte er geschrieben. Doch am Abend, als alle Lichter brannten, unb der Tag schmerzlich unb müde hinter der schwarzen Zetle des WaldeS zur Ruhe ging da unternahm er einen Abschieds.veg durch die Stadt, vorbei an den erleuchteten Läden, über die Promenade am Flusse — an der „Toteninsel" — rm bläulichen Wasserdunst, der ihn einst mit feinem Fieberhauch geküsst hatte. Ganz still ging er noch ein letztes Mal über die feuchten Wege: die Rasenplätze boten ihre vom Schnee befreite Grasnarbe dem herben März- wind dar — die Veilchen würden wohl bald kommen . . . Das Theater prangte im vollen Lichterschmuck. Man gab „Lohengrin". Eine festliche Menge strömte durch die drei weitgeöffneten Portale, dann wurde es brausten leer und dunkel; die groben, hinter Rauchglas brennenden, von Karya- ttden getragenen Lichtbälle warfen einen düsteren Schein über die Terrasse. Ein Katafalk! Qlur die im hellsten Licht schwimmende Front de« geisterstol.;en Baus tauchte aus dunkelsten Erdaründen in dunkelste Himmelslieien, zerschnitt die Nacht mit scharfem, wie geschlissenem Glanz. Heinz stand eng in die halbofsene Tür eines gegenüberliegenden Hauses gedrückt. Seine Auger hingen an dem Bild, und es stieg ihm heist und wallend auS der Brust in den Hals, wie eine Woge von Blut oder Tränen. Da fiel ihm ein, dast er ja sein Monstrum In der Garderobe vergessen hatte! Mochte ein anderer damit glücklich werden! Ihm hatte eS nichts mehr geholfen. Ein verlorener Ton stahl sich zu ihm herüber: „Nie sollst du mich befragen" — ernst, warnend. Langsam fiel ihm ein fremdes, salziges Nast über die Wangen. ■$cn Hut hielt er in der Hand und lieb den Nachtwind mit feinen Haaren spielen. ®a« Harrs drüben hielt ihn wie mit mag* netifcher Geivalt. Dort der Bühneneingang — wie oft batte er In geschäftiger Eile der Flügeltür einen vergnügten Stost gegeben, dast sie zurück- schoellte. andern, ebenfo Geschäftigen, in die Hände oder — an die Stirn. Man gehörte je dazu,- man war hier zu Hause! Heinz war fertig. Nun begann ein neuer Ab- fcbnltt! . . . (Fortsetzung folgt) ** Amtliche Personalnachrichten orxn<1r?nm?Urt?)Cn am l» Juni 1922 der Lehrer hivDmAi?Jr*r lr °1 ßanaen zum Lehrer an 1 AESfchule zu Leeheim, Kreis Grost-Gerau: am 30. 3um 1922 der SchulamtSanwärter Phil ntLn L-brer an der katho- llkben DolAchule zu Köngernheim, Kr. Oppen- «m 28. August der Lehrer Wilhelln ®rctm zu ErnSbach-Erbuch der Volksschule zu Böllstein. Kreis Erbach. - Ernannt wurde am 4. Sep- Dchermuly zu Giesten Amtogehilsen am Llntersuchungsamt für In- fektionslrankheiten zu Giesten. - Ernannt wur- m’f8' September 1922 Friedrich Binz 2lmtsgehllsen am landwrrt- schafUichen Instttut der LandeSunitorsität Gie- 1 au? Dosten zum Maschinisten am Phvslkallschen und Physikalisch-chemischen In- ftltut der Landesuniversität Giesten, beide mit Wulung vom 1. April 1922 an. - Ernannt tourbc der Hilssamtsdiener Ludwig ®Iod- ^^^auS^Dörnecke^E Zollwachtinelster beim gestalten sie natürlich - noch ein bistchen wirkungsvoller auS - eine unserer Damen über- ®atTOCJ? ~ ich biete Ihnen für diesen cr^cn SUm ... er studierte fein ©cgcnüocr ^rlfam — .nur taufend Mark. Haben wir .^ersiehe ich Sie recht, so beabsichtigen Sie. auS dem pernlichen Vorkommnis neulich eine ".Aufnahme zu machen? Lind Ich — ich soll mich dazu hergeben —“ »Danz recht," lächelte Herr Karl HanS Forster-Brand freundlich. .Heutzutage — be^t- zutage, mein verehrter, lieber, junger Freund — mub man aus allem Kapital schlagen! Aus allem! Zumal - er legte fein Gesicht in tiefe Kondolenzfalten — „zumal ich mit Bedauern vemom- men h«we — dast man diesen Anlast benutzt hat, einem Künstler von so hervorragenden Qualitäten - einfach zu kündigen — glauben Sie mir tolr waren alle empört! Dieser Direktor — dieser Dtrektor —" ' Der Direkwr hatte recht!" sagte Heinz mit funkelnden Augen unb erhob sich rm "r?lader andere gutmütig. Wollen Sre? Schlagen Sie ein? Gut! Lind wir fetzen sofort den Vertrag auf! Mein Sekretär wartet unten im Auto!" .. ®rr hielt Heinz die Ha^> hin. Doch Heinz stand b^itspurig da und legte bedeutsam seine beühm Hände auf den Rücken, eine nach der andern. w »Ich bebau re I“ „Wie?.' Hen' Forster-Drand wurde warm. »Solchein glänzendes Anerbieten schlagen Sie einfach ab, als wär'S ein Pappenstiel? Ich ad)tc und schätze ja Ihren idealen Sinn, vei- CÄ *7n ~ was nützen mir die Ideale, 'Bar Geld lst mir lieber! Lind kommen bk Stunfi!“^1 mU ÄUnftl 3n der Wirkung liegt „Das glaub' ich," lachte Heinz. .Na also!" 2kr Herr wühle nicht recht, woran er war. „Eingeschlagen?" tocrtn die ganze Welt ein Kintopp wäre! „Erlauben Sie mal . . Heinz setzte sich wieder. Wir beherrschen beut' die Well," sagte Herr Forster-Brand feierlich. „Wie lange wird eS noch dauern, so wird unsere Kunst die einzige em. die noch iinstande ist. d.r§ erschlaffte Nervensystem einer Menschheit aufzupeitschen, die sich aufgeriet,en hat im Kampf um« Geld und im die Ideale. (Xi, auch um die Ideale! Wir werden die Welt überschwemmen, und eine neue Sintflut wird herelnbrechen." ..Ileberfchwemmen Si.-." sprach Heinz Güldewin eisig. .Setzen Sie Ihren Triumphzag fort! AaS wlch betrifft - so können alle Rodungen Ohres Kanaan mich nicht dazu verführen, mein Wettervorausfagc für Mittwoch': Bei auffrischenden südwestlichen Winden haben wir zunehmende Bewölkung und Ne- genfälle zu erwarten. Temperatur'wenig geändert. Lieber England zeigt sich eine neue Depression, die mit großer Geschwindigkeit über Skandinavien hinwegzichen wird. Ihre Randwirbel werdeil unbeständiges Wetter Hervorrufen. LZornotizen. — Tageskale nderfürDien «tag In den Räumen des Kunstvereins 11—1 und A—5 Llhr: Ausstellung des FröbelseminarS. — Singsaal der Oberrealschule, 8 Llhr: Vortrag des Gießener Hausfrauenvereins. — MissionarHunziker aus Tokio, seit vlelen Jahren im Dienst des Allgem. Evangcl. Missionsvereins in Japan tätig lind>-als vorzüglicher Kenner von Land und Leuten des fernen Ostens anerkannt, hält heute abend einen Lichtbildervortrag in der Stadtkirche (s 2lnAeigeL- Palast-Lichtspiele: Bis einschl. Donnerstag: Das Mädchen ohne Herz. Landkreis Giesten. l_! Annerod, 18. Sept. Nach zweijähriger Pause fand gestern unter der dankenswerten Mll- wil-kung des Posaunenchors von Klein-Linden wieder ein Mlssionssest statt, dessen Besuch durch die Llngunst der Witterung etwas beeinträchtigt war. Psarrer S ch u l t h e i s aus Grosten- Linden sprach im Anschluh von Matth. 5. 14—16 über die Entwicklung und die Geisteskoast des Christenglaubens in China und Japan. Missionar Schäfer aus Hausen bei Butzbach schilderte in Anlehnung an Apostelgesch. 9, 15—16 die Persönlichkeit von Sathu ©unbar Qingli, eines k aftroUen Pioniers des Evan ic'lumS in Indien. Die Kollekte ergab 625 Ml. Missionar Schäfer steht im Dienst der rheinischen Mission und stammt auS hiesiger Gemeinde. nn. Oberbesstngen. 17. Sept. Bei der heutigen Bürger meist erwähl, tei welcher von beiden Parteien recht rührig gearbeitet wurde, entfielen 103 Stimmen auf den Landwirt und Bei geordneter Heinrich Keil, 99 auf den Landwirt Ferdinand Kühn, 1 auf Frau All- bürger-meister Kühn. 3 Stimmen waren ungültig. Krcis Friedberg. chr. Butzbach, 16. Sept. Am heutigen Samstag war der erste Tag der Butzbacher Festwoche, d. h. es fand zum Besten einer Jugendherberge eine Veranstaltung statt, bie sich aus Vokal- unb Instrumentalvorträgen. sowie Rezitationen zufammensetzte. Den Zweck der Veranstaltung setzte in einer Ansprache Herr Wagner- Werdenfels auseinander, indem er die deutsche Wanderlust, den germanischen Wandertrieb von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag als den Veranlasser der Züge der germanischen Stämme zur Zeit der Döller- wanderung, der Reisen nach dem sonnigen Süden sein lieh, aber auch das Wandern durch unsere heimischen Gaue als den Gründer und Festiger der Heimatliebe pries. — Wenn Herr Konzertmeister Nickolai in wunderbarer Weise sein Instrument meisterte, so waren bie Konzertstücke der hiesigen Dilettantenkapelle unter Leitung des Herrn Reallehrers Schweitzer nicht nur beachtenswerte, sondern geradezu prachtvolle Leistungen. - Die Rezitationen des Herrn Dr. Wämser fianben auf ber Höhe und entzückten das zahlreiche Publikum. Die Gesangvereine „Eintracht", „Harmonie" (Männer- und gemischter Chor), sowie „Orpheus" boten in schöner Abwechslung eine Reihe wundervoller Chöre, die Bezug nahmen auf unsere traute deutsche Heimat, besonders wieder auf unseren herrlichen deutschen Wald. So wurde zu schönem Zweck Gediegenes geboten. taum Der zehnte Dell der in den Griverkschasien organisierten Frauen und Männer unserer Partei angehört. Die Sozialisten und Kommunisten bedeuten noch nicht die ganze Arbelterklafie: das ist eine Selbsttäuschung. Wir müssen neben den Handarbeitern auch die Kopfarbeiter gewinnen müssen dabei aber zu neuen, besseren Agitation«m ethoden kommen. Wir müssen erst die richtige Sprache finden, mit ber toArt 8U « Masfe der Kopfarbeiter fprechen müffen. lloir follen uns auch hüten vor der Demagogie, denn damit machen wir keine Geschäfte. iln.ere Pa r t e i j o u r n a l l st e n dürfen sich nicht al« Schulmeister fühlen. Wie riesen nach ber Ermorbung Rnthenaus alle nach dem strengen Richter, aber es war eine Entgleisung, wenn eine sozlalbemokratische Zellung schrieb. „Knüppelt die deutschnationale Mörderbande nieder!" Friedrich Bartels, ber Parteikassknnr, be- riebteie dann über Agitation, Organisation und Kasse. Die Erhöhung der Beiträge sei eine Lebensfrage für die Partei. Der wöchentliche Mindestbeitrag müsse 5 Mk. betragen, aber Parteivor- ftanb unb Aus schütz mühten berechtigt fein, Ihn ber Geldentwertung entsprechend zu erhöhen. Ein ©tunbenlolyn mühte durchschnittlich als Monats- bdtrag gelten. Das auf dem Görlitzer Parteitag lieschlossene Parteiabzeichen werde sich auch nach der Verschmelzung mit der jetzigen LL S P D nicht ändern. Die G e s a m t p a r t e i hat gegenüber dem Vorjahr einen Verlust von rund 47000 Mitgliedern, das sind etwa vier «Htten. Sie zählt gegenwärtig 1 174 105 Mitglieder. 5cau Wg. Iuchacz ergänzte den Bericht durch eine Darstellung der Entwicklung der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Verlobung des früheren Kaisers. Aus dem Reiche. Sterbende Zeitungen. nr ?"lin. l9. Sept. Der im Verlag von Auxust Sck)erl erscheinende Rote Tag wird demnächst fein Erscheinen einstellen. — Auch dn» seit 50 Jahren in Triberg erscheinende „Gch o v o m W a 1 d" und bas sozialdemokratische „Schwarzwald-Gcho", sowie die „Zeller Kreiszeitung" gehen mit dem 1. Oktober ein. BaalsfempeL Vornan von Margarete v. Oertzen- F ü n f g e I b. 6211 (5199)’ a^Ier Gemeinden beträgt 7510 (5220) ®lc Durchschnttts-Teuerungszahl für bie 24 Gr- mclnbcn setzt sich auö folgenden Posten zusam- einer fünflöpsigen Familie für ao(469|15)' mchr 309 62 (132.80). Nährmittel 66V.28 (341,49), Kartoffeln 667,64 (1175 50) ^Ä\3I5J8,J366J9)' Irisch 551,84 (385:55),’ Schellfisch 95,73 (60,90), Speck 536.04 (352 24) 1505.84 (630,21). Salzheringe 43,67 (2503)' ro-°rrP«!? ^09,48 (137,83). Zucker 375 91 (19230)' ®icr 100 63 (^.49). Vollmilch 538,78 345.67),’ (390-83)- Leuchtstoffe 85.31 (68,53) Wohnung von zwei Zlmmen, unb Küche monatlichem Mietpreis 91,14 (68,46). - Im Mo^ o m fl£r?ie Teuerungswelle erheblich torftärit, bie PreiSsteiger-ung zeigt sich bei allen Lebensmckteln, mit Aufnahme der Kartoffeln Die Teuerungszahlen in 24 hessischen Gemeinden, berechnet auf Grund der Preise vom 0?. Juli) betrugen: in Mainz Darmstadt 7340 (5127), Offenbach ormö 2440 (5533), ® ich en 7197 (5105), Neu-Isenburg 7246 (4972). Friedberg 7629 (5234), Lamperißeim 7084 (5505). beim 8445 (5076), Viernheim 8075 (5323); fAEt der 10 größten Gemeinden. BenSheim 7048 (5156), Bingen Alzey 7034 (5658). Rüffelshei: C034 (5658), Rüsselsheim 7471 (5401) ^pcnbelm 6575 (4841), Dieburg 7402 (4751)’ Groß-Geräu 8240 (5104), Alsfeld 7905 (5172)’ ,/5?94],i Cautcrbacb 8373 (5352),’ Streik Schotte«. A Durkhards, 18. Sept, ©ein 9 5 1. Orgelf oitä er tDeranftaltete ber Organift 93 o n her Au aus Mainz gestern in hiesiger Kirche Au her durch Darbietungen gesanglicher Artführte sich der Künstler durch eine technisch und rnyalt- ssch auf der Höhe stehende Vortragssolge von Orgelstücken e>n. Dom Vortragenden selbst dazu gegebene Erläuterungen weckten in den Hörern das Verständnis für die Orgelmusik der verschiedensten Jahrhunderte. Kreis Lauterbach. 0 Vom südlichen Vogelsberg, 17. Sept. Di» Hühnerjagd hat bi3 letzt sehr aer nge Ergebnisse gebraht. Das Raubzug hat zu sehr den wn bebrentxrg Dezimal- und Kettenwaagen empfiehlt Karl Schmidt. Netteuiveg 42. 08913 In der teuren Zeit - billig zu sein! das haben wir uns zur Aufgabe gestellt. Daß man bei uns auch heute verhältnismäßig sehr billig kaufen kann, davon kann sich jeder überzeugen. Ohne Kaufzwang besichtigen Sie unsere Waren und Preise, bevor Sie Ihren Bedarf an Schuhwaren anderweitig decken. 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Philipp Becker u. Frau geb. Schwalb. Rödgen, Großen-Linden, den 18. September 1922. Die Beerdigung findet Mittwoch, den 20. September, nachmittags 21/, Uhr statt. (389u Obstversteigerung. Donnerstag, den 21. September vorm. 10 Uhr anfangend, soll dos der Gemeinde Bersrod gehörige Obst (be- stehend auö Äepfeln, Birnen und Zwetschen) meistbietend versteigett werden. Bemerkt wird, daß bei den Aepfeln eine Mittelernte zu verzeichnen ist. Zusammenkunft im Ort. Bersrod, den 18. September 1922. Hessische Bürgermeisterei Bersrod. üngtrtr ehrlicher I ■ ■ ■ 'eben, kaufmännisch M " der Plätxe: 3. Platz 15 Mk., Ä 2* 2. Platz 20 Mk.. 1. Platz 25 Mk., " W Sperrsitz 30 Mk., Loge 35 Mk. M GGGTWSDWGGGG Obstversteigerung. Donnerstag, den 21. September, vormtttagS 10 Uhr, soll das der Gemeinde Harbach gehörige Obst, Aepfel und Zwetschen, meistbietend versteigert werden. Zusammenkunft im Ort. Harbach, den 17. September 1922. Bürgermeisterei Harbach. __Münch. 8612D Mr. WM für 4000 Mk. zu verk. 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