Nr. 243 Erstes Blatt 179. Jahrgang Mittwoch, f6. Oktober $929 Erich« mi läglich,außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte _ Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle Monatr-Vezugrprelr: 2.20 Reichsmark und 30 Neichspfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. .tsernsprechanschlüffe unterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnachrichten^ Anzeiger Gießen. Postscheckkonto: Frankfurt am Main 11686. GWimAnzeiger General-Rnzeiger für Oberhessen Druck und Verlag: vrühl'sche Univerf!1S1§-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange in Gießen. 8chriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7. Annahme von Anzeige» für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher, preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re- Klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20° . mehr. Chefredakteur: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Or.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen. Fürund wider dasVottsbegehrendesMichsausschuffes Das Gebot der Stunde. Der Abgeordnete von Ziardorff ruft zur Sammlung des Bürgertums auf. Berlin, 15. Oft (prio.-IeL) Die Börsenzeilung veröffentlicht einen Artikel des volksparieilichen Bizepräsidenlen des Reichstags, v. 6 a r ö 0 t f f, in dem es nach einer Kritik des Volksbegehrens, aber auch des Abwehrkampfes u. a. heißt: Rad) meinem Dafürhalten ift die Voraussetzung für die Annahme des Zoung- planes eine durchgreifende Reform unserer gesamten Finanzgebarung und eine Reichsreform zugleich. Bringen wir unsere Finanzen in Ordnung und weisen wir unseren Gegnern nach, daß wir trotz sparsamst er wirtschaft nicht in der Lage sind, die uns auferlegten Forderungen zu erfüllen, so werden wir mit der Möglichkeit einer Revision des Houng- planes rechnen können. Treiben wir dagegen w e i - f e r diejenige unverantwortliche Finanzwirtschaft, die wir seit der Stabilisierung der Mark getrieben haben, und sagen wir dann unseren Gegnern, daß wir nicht mehr zahlen können, so wird die Folge die sein, daß man uns unter Kuratel, unter eine dette publique, stellt. Die pslicht und die Ausgabe der Deutschen Volkspartei wird es fein, die bürgerlichen Parteien, die gewillt sind, positive Arbeit in diesem Sinne zu leisten, z u einer sesten und engen Arbeitsgemeinschaft im Reichstage zusammenzuschließen. Mit dem Augenblick, wo Volksbegehren und Volksentscheid der Vergangenheit angehören, wird man hoffen und erwarten müssen, daß auch die siaatsbejahenden Kreise der Deutsch- nationalen Volkspartei bereit sein werden, sich an einer solchen Arbeit zu beteiligen, sei es in der Regierung, sei es in Form einer verantwortungsbewußten Opposition. Rur ein geschlossenes Bürgertum wird Jeine berechtigten wirtschaftlichen Forderungen, fei es im Einvernehmen mit der Sozialdemokratie, sei es im Kampf gegen sie, durchzusehen vermögen. Ein sich gegenseitig befehdendes Bürgertum wird bei jeder Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie den Kürzeren ziehen, wer die einzelnen bürgerlichen Parteien kennt, wird mir recht geben, wenn ich sage, daß die Gegensätze zwischen ihnen in den maßgebenden wirtschaftlichen und politischen Fragen keine unüberwindlichen Hindernisse für eine positive Zusammenarbeit mehr bieten. Die Pflicht und die Aufgabe der Deutschen Volkspartei wird es {ein, dke Führung zu übernehmen und alle diejenigen Parteien zu einer festen Arbeitsgemeinschaft zusammenzuschließen, die gewillt sind, die bessernde Hand an unsere Reichsversassung und unsere Finanzgebarung zu legen. Zusammenfassend möchte ich sagen: Deutschlands Schicksal ist unser aller Schicksal; es geht um unsere und des Reiches Zukunft. Darum schließt die Reihen? Das ist das Gebot der Stunde. Gin Ausmf Augenbergs an die deutschnationale Partei. Berlin, 15. Oft. (TU.) Der Vorsitzende der Deutschnationalen Volfspartei, Dr. H u g e n - berg, erläßt einen Aufruf an die Mitglieder und Wähler seiner Partei, in dem es heißt: „Auf zwei Menschenalter hinaus soll nach dem Willen der jetzigen Parteiregierung das deutsche Volk für das Ausland fronen. Mit ständig wachsender Uebersremdung seines Besitzes und mit zunehmender Verschuldung und Verelendung aller Berufs st ände soll es einen Tribut bezahlen, der mit der Lüge von Deutschland s Schuld am Kriege begründet wird. Der Schutz für die deutsche Wärung soll preisgegeben werden. Deutschland soll die Unterschrift unter einen neuen Vertrag geben, von dessen Unerfüllbarkeit und Untragbarkeit jeder Deutsche überzeugt ist. Eine solche Unterschrift ist nicht nur unehrlich, sondern auch töricht und gefährlich, weil sie Deutschland neuen Sanktionen aussetzt. Das deutsche Volksbegehren soll den Tributplan verhindern und das deutsche Volk vor seinen Gefahren bewahren. Die derzeitige Regierung hat das Volksbegehren zulassen müssen. Damit ist es zu einer gesetzlich erlaubten Abstimmung geworden, an der teilzunehmen das verfassungsmäßige Recht jedes Deutschen ist. Um ihre Politik nicht als verfehlt entlarven zu lassen, kämpft die Regierung mit allen Mitteln eines schlechten Gewissens gegen das Volksbegehren. U nter Mißbrauch der amtlichen Propa- ganbamittel, insbesondere des Rundfunks, und unter kostspieliger Einschaltung des Staatsapparates läßt sie einseitige und fische Darstellungen ins Land gehen. Sie versucht, die von ihr Abhängigen unter unerhörten Druck zu setzen. Das Volksbegehren, der nach der Verfassung gesetzmäßige Ausdruck des Volkswillens, wird als Bruch der Verfassung bezeichnet. Beamte die dafür stimmen, werden beschimpft. Herr Hor- sing droht mit dem Terror. Die Regierung führt ihn bereits aus. indem sie Beamte, die für das Volksbegehren eintreten, verfassungswidrig durch Disziplinarverfahren verfolgt. Aus fadenscheinigen Gründen und in klarer Verletzung der Verfassung werden Verbände aufgelöst, die die Bewegung des Volksbegehrens tragen, um damit das Volksbegehren selbst zu schädigen. Diese rechtswidrige Kampfesweise wird nur das Gegenteil ihres Zweckes erreichen. Lüge und Terror werden nur die Zahl derjenigen verstärken, die durch Eintragung in die Listen ihren sachlichen Willen und den Widerspruch gegen solche Kampfmethoden zum Ausdruck bringen. Ich rufe die Deutschnationale Volkspartei auf, hierbei in vorderster Linie zu stehen." Zentrum und Vayensche Volks- partet, gegen das Volksbegehren. Berlin, 15. Oft. (WB.) Der Vorsitzende der Deutschen Zentrumspartei Dr. Ludwig Kaas und der erste Vorsitzende der Landesvorstandschaft der Bayerischen Volfspartei Schäffer veröffentlichen folgende gemeinsame Erflärung: „Die Deutsche Zentrumspartei und die Bayerische Volfspartei erblicken in dem am 28. September ein- gcbrachten Volfsbegehren gegen den Poungplan feinen geeigneten Weg, das deutsche Volf von dem Unrecht der Kriegsschuldlüge und von den Ketten des Versailler Diftats zu befreien. Sie sehen in dem Volfsbegehren vor allem in seiner verhetzendzugespitzten Formulierung einen verhängnisvollen Schritt zur weiteren Zerreißung des deutschen Volkes im Inneren und eine verurteilenswerte Ausnutzung des deutschen Freiheitswillens für die Zwecke einseitiger Parteiagitation. Der in dem Volfsbegehren gewählte Weg ist nach der gemeinsamen Ueberzeu- gung beider Parteien nur geeignet, die in hartem und mühseligem Ringen erfämpsten Ansätze zu einem Aufstieg Deutschlands zu hemmen und eine rückläufige Entwicklung hervorzurufen, für deren Gefahren fein besonnener Staatsmann die Verantwortung übernehmen kann. Beide Parteien lehnen daher sede Unkerstützung des Volksbegehrens mit Entschiedenheit ab und fordern ihre Anhänger auf, ihm mit allen Kräften entgegenzuwirfen. Zu gleicher Zeit erklären sie dem deutschen Volke und dem Auslande, daß sie nach wie vor entschlossen sind, den geistigen und politischen Kampf gegen die Kriegsschuldlüge und für den friedlichen Aufstieg Deutschlands zu nationaler Freiheit und internationaler Gleichberechtigung unentwegt w e i t e r z u s ü h r e n." * Der am Dienstag veröffentlichten Kundgebung des Fürstbischofs von Breslau Kardinal Bertram gegen das Volksbegehren hat sich der gesamte Episkopat angeschlossen. Es haben sich somit sämtliche deutschen Bischöfe gegen das Volksbegehren erklärt. Gtahthelmverbot und Volksbegehren. Grzeftnski erklärt: Ein großes Mißverständnis trotz ansdrücklichcr Instruktionen. Berlin, 16. Oft. (Wolfs.) Amtlich wird mit» (geteilt: Der preußische Innenminister hat in seiner Antwort an die Stahlhelmleitung, die Einspruch gegen das Verbot der Gaue Rheinland und Industriegebiet erhoben hatte, daraus hingewiesen, daß nach den gesetzlichen Bestimmungen keinRaum für einen Einspruch bestehe. Auch eine Rachprüfung des Verbotes komme nicht in Frage; ebenso sei ein Einspruch bei den Reichsbehörden ausgeschlossen, da diese vorher über die Maßnahmen des preußischen Innenministers unterrichtet gewesen seien. Der Einspruch werde daher zurückgewiesen. Auf die Behauptung des Reichsausschusses für das deutsche Volksbegehren, daß die ausführenden Polizeibeamten Anweisungen hatten, auch das Material der örtlich e n A u s s ch ü s s e für das Volksbegehren zu beschlagnahmen, hat der preußische Innenminister geantwortet, daß im Gegenteil die Beamten besonders daraus hingewiesen worden sind, daß die Auflösung des Stahlhelms mit dem Volksbegehren in keinem Zusammenhang stehe. Wenn irgendwo ein Beamter gesagt haben soll, auch das Material für das Volksbegehren sei zu beschlagnahmen, so kann dies nut auf einem Mißverständnis beruhen. Irgendein schriftlicher Befehl kann überhaupt nicht vorgelegen haben, da es vermieden worden ist, um ein vorzeitiges Dekannt- toerben der Maßnahmen zu verhindern, schriftliche Anweisungen herauszugeben. Wenn wirklich ein Beamter eine derartige Aeußerung getan haben soll, so wird dies vom preußischen Innenministerium mißbilligt. Bezugnehmend auf die weitere Behauptung, daß der mehrfach genannte Major Heiden, bei dem ebenfalls eine Haussuchung vorgenommen ist, nicht Mitglied des Stahlhelms sei, ist dem Reichsausschuh für das deutsche Volksbegehren geantwortet worden, daß Major Heider wiederholt in stahlhelmamtlichen Bekanntmachungen a I s Sportreferent der örtlichen Stahlhelmorganisation bezeichnet worden ist und bei allen Veranstaltungen des Stahlhelmes, so auch bei der beanstandeten Sport- Übung, führend beteiligt gewesen ist. Die Haussuchung bei Maior Heider stand nicht im Zusammenhang mit Der Tätigkeit Hei der s für das Volksbegehren. Beamte und Volksbegehren. Eine Erklärung der dcutschnationalcn Beamtenschaft. Berlin, 15. Oft. ($11.) Der Reichsausschuß der d e u t sch n a t i 0 n ale n Beamtenschaft gibt eine Entschließung bekannt, in der es u. a. heißt: Gegenüber den Cinschüchte- rungsversuchen der Reichs- und der Preußischen Staatsregierung wird festgestellt, daß Artikel 73 der Reichsverfassung jedem deutschen Staatsbürger das Recht gibt, sich an einem Volksbegehren zu beteiligen. Die Beamten sind von diesem Recht nicht ausgeschlossen; auch eine Einschränkung etwa derart, daß Beamte sich nur an einem der Regierung und den hinter ihr stehenden Parteien genehmen Volksbegehren beteiligen dürfen, kennt die Verfassung nicht. Dieses verfassungsmäßige Recht der Beamten wird weder durch das Reichsbeamtengesetz noch durch das Gesetz über die Pflichten der Beamten zum Schuhe der Republik beschränkt. Dieses letztere Gesetz verbietet den Beamten nur, in Der Oefsentlichkeit gehässig oder aufreizend Bestrebungen zu fördern, die gegen den Bestand der Republik gerichtet sind. Mit der Staatsform hat das Volksbegehren nichts zu tun. Es erstrebt lediglich die Befreiung des deutschen Volkes von jahrelanger Tributtnechtschaft. Rach alledem steht ein Beamter, der sich für das Volksbegehren einzeichnct, auf unantastbarem Rechtsboden, ihm kann kein Härchen gekrümmt werden, solange Die Regierung die Verfassung achtet und Deutschland Anspruch darauf erhebt, ein Rechtsstaat zu sein. Eine Rede des preußischen Ministerpräsidenten Braun. Berlin, 15. Oft. (WTD.) Der preußische Ministerpräsident Dr. Braun hielte heute abend im Runds unk eine Rede, in der er sich gegen das Volksbegehren wandte und zur Stellung der Beamten folgendes erklärte: Wer schon jetzt das Volksbegehren zerschlägt, indem er es ablehnt, sich in die Listen einzuzeichnen, handelt wahrhaft im Interesse des deutschen Volkes. Daß mit der großen Mehrheit der Bevölkerung auch die Staatsbeamten so handeln werden, erwarte ich mit Bestimmtheit. Ich würde es für unverständlich halten, wenn Beamte sich für das Volksbegehren mit der schimpflichen Forderung der Zuchthausstrafe für Minister und andere Beamte, die im wohlverstandenen Interesse Deutschlands handeln, einsehen würden, wo es um die Lebensinteressen des Volkes und des Staates geht, wo die Autorität der Regierung und ihrer leitenden Staatsmänner in Frage steht, Die Vorbereitung der zweiten Haager Konferenz. Oer Vorsitzende Ministerpräsident Zaspar drängt auf Beschleunigung der Arbeiten der Organisationsausschüsse. Paris, 16. Off. (WTB. Funkspruch.) „pclil purisien" berichtet von einem Schritt des belgischen Ministerpräsidenten 3 a f p a r in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Haager Konferenz. Er habe gestern an die Vorsitzenden der verschiedenen im Haag beschlossenen Organifationsaus- fchüsse ein Schreiben gerichtet, in dem er die Aus- fchußmilglieder dringend auffordere, alles zu tun, um mit den Arbeiten gegen den 24. Oktober zum Abschluß zu kommen, damit d i e zweite Haager Konferenz zum 15. November einberufen werden könne. Das Blatt führt als Begründung für diesen Schritt an, man habe den Eindruck, daß wenigstens gewisse Organisationsausschüsse ein wenig langsam voran k ä m e n , vor allem scheine der Ausschuß für die Liquidierungen, in dem es wegen der L i- quiDietung deutschen Besitzes in polen zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den deutschen und den polnischen Delegierten gekommen sei, seit der zweiten Septemberhälfte nicht mehr getagt zu haben. Der Ausschuß für die Ostreparationen warte anscheinend noch die Antwort auf die den Vertretern Oesterreichs, Ungarns und Bulgariens überreichten Fragebogen ab, die er brauche, um die finanzielle und wirtschaftliche Lage der drei Länder klären zu können, weit sie in dem ersten Memorandum nicht genügend klargelegt worden sei. Mehrere Regierungen hätten sich über dieses langsame Verfahren erregt. B r i a n b habe die Reise des Präsidenten der Republik nach Brüssel zu einem Meinungsaustausch mit seinem belgischen Kollegen über diese Frage benutzt. Beide hätten anerkannt, daß es notwendig sei, einen Druck auszuüben, damit die Verhandlungen beschleunigt würden, um so mehr, als ein Meinungsaustausch zwischen den Regierungen, und wäre es auch nur über d i e internationale Zahlungsbank, noch vor Zusammentritt der zweiten Haager Konferenz stattfinden müßte. Deshalb habe sich 3aspar entschlossen, zu handeln. Wie die Memland-Amneslie aussehen wird In Koblenz hat in den letzten Wochen eine deutsch- französische Kommission getagt, deren Aufgabe Darin bestand, die Möglichkeit und Durchführbarkeit einer Begnadigungsaktion zugunsten der Opfer Der französischen Kriegsgerichte zu prüfen unD entsprechenDe Vereinbarungen zu treffen. So war es jeDenfaUs im Haag vereinbart worDen, nachDem sich Der französische Ministerpräsident BrionD hartnäckig geweigert hatte, Durch einen FeDerstrich Die Urteile Der Militärgerichte aufzuheben. Wir wissen nicht, warum er sich zu Dieser Geste nicht aufzuraffen vermochte, obwohl sie Frankreich nichts gekostet, eher außenpolitischen Gewinn gebracht hätte. Aber .Herr BrianD, Der „FreunD Des FrieDens unD Der VerstänDigung", wollte nicht, er war nur bereit, eine Kommissionsberatung zuzugestehen. Sie hat auch stattgefunDen, ist aber Doch so ergebnislos geblieben, Daß es in Der Tat notwenDig erscheint, sic nicht ganz kommentarlos Der Berges,enhrit anheim,allen zu lassen. Was wir verlangt haben, war lediglich Die Oeffnung Der Gefängnisse und Zuchthäuser. Unsere Beauftragten haben Den französischen Delegierten in allen Tonarten und mit allen nur irgendmöglichen Begründungen die Rotwendigkeit einer breit angelegten Begnadigungsaktion. etwa so wie das nach dem Abbruch des passiven Widerstands und der Annahme des Dawes-Plans der Fall war, aus- einandergeseht. Die Franzosen blieben taub, sie erklärten sich nur bereit, keine neuen Verfahren mehr einzuleiten, im übrigen bleiben die Gefangenen ihrer Freiheit beraubt. Sie werden lediglich am 30. Juni nächsten Jahres den deutschen Behörden übergeben, wobei noch die Frage unbeantwortet ist. ob nicht vor der endgültigen Unterzeichnung dieses Abkommens die Franzosen uns die Pflicht aufzuerlegen versuchen werden, nach der Räumung keine Amnestierungen vorzunehmen. Das würde ganz zu ihrem bisherigen Verhalten passen. Die deutschen Staatsbürger also, die nur zu oft wegen Richtigkeiten zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt worden sind, werden von der neuen „Verständigung" zwischen Frankreich und Deutschland keinen Gewinn haben. Sie bleiben dort, wo sie find, für sie gibt es feine Verzeihung durch die Franzosen, keine Begnadigung, keine Freilasfung. Wir wissen alle, daß die wenigsten von ihnen etwas begangen haben, was einer gerichtlichen Verfolgung wert gewesen wäre. Die meisten sind doch nur eingekerkert worden, weil sie das Deutschlandlied gesungen oder an Schützenfesten teilgenommen haben, bei denen Pfeifer- und Trommlerkorps mitwirkten. Wieviel belfer haben es doch da die rheinischen Separatisten, die während des passiven Widerstandes mit Terrorakten sondergleichen die Bevölkerung am Rhein in Angst und Schrecken verfetzten. Sie wurden aus Frankreichs Drängen durch das Londoner Abkommen von 1924 amnestiert, sie sind ihrer Freiheit für alle Zeiten sicher, obwohl sie in die Zuchthäuser gehörten. Dasselbe Frankreich hat aber von einer Begnadigung derjenigen, die nicht dauernd die tückischen Bestimmungen Der berüchtigten Ordonnanzen in Erinnerung hatten und deshalb eine leichte Beute der französischen Militärjustiz wurden, nichts wissen wollen. Also kommt die Rheinlandainnestie nur Frankreichs Trabanten, Den Separatisten, zugute. Verlegung des Reichskommiffariats nach Wiesbaden. Berlin, 15. Oft. (TU.) Der Reichsminister für Die besetzten Gebiete hat nunmehr wegen Des künftigen D i e n st s i tz e s Des Reichskommissariats für Die besetzten rheinischen Gebiete in Koblenz, Dessen V e r l c g u n anläßlich Der Räumungsmaßnahmen notwenDig wirb, Bestimmungen Dahin getroffen, Daß Das Reichskommissariat unterentsprechenDer Einschränkung^einesPersonalbestan- D e s im Laufe Des Monats Dezember D. I. nach WiesbaDen verlegt wirD. Gleichfalls wirD Der Amtssitz Des PräsiDenten Der Reichs- oermögensverwaltung für Die besetzten rheinischen Gebiete im Dez.'mber von Koblenz nach WiesbaDen verlegt werDen. würde er gegen seine De amten Pf licht verstoßen, wenn er das Volksbegehren unterstützen wollte. Oie Finanzlage der Arbeitslosenversicherung. Wann wird der Neberbrückungskredit beansprucht? Berlin, 15. Dtf (Priv.-Tel.) Nach der Verabschiedung der vorläufigen Reform der Arbeitslosenversicherung wurde von einem sogenannten Ueber- brückungskredit in der Höhe von 120 bis 150 Millionen Mark gesprochen, der der Reichsanstalt vom Reich zur Verfügung gestellt werden sollte, wenn aus laufenden Mitteln und Reserven ihre Leistungen nicht mehr zu decken sind. Die Arbeitslosigkeit'steigt langsam an. Aber es scheint, daß man etwa für die nach st en 1 i Monate aus eigenen Kräften die Versicherung weiterführen kann. Zurzeit ergeben sich sogar noch geringe Ueber- schüsse, so daß man mit einer Reserve von etwa 20 bis 30 Millionen Mark rechnet, aber da bei den Landesarbeitsämtern die Betriebsmittel, die ständig vorhanden sein müssen, ziemlich zusammengeschmolzen sind, hat die Reserve der Zentrale keine allzu große Wirkungsmöglichkeit. Man rechnet deshalb damit, daß dieser Ueberbrückungs- kredit, der im strengen Sinne allerdings gar keine „Ueberbrückung" bedeutet, da ja das Reich nach den gesetzlichen Bestimmungen verpflichtet ist, die Reichsanstalt durch Darlehen finanziell zu unterstützen, und hier irgendwelche Einschränkungen nicht gemacht worden sind, etwa Ende November in Anspruch genommen werden muß. Selbstverständlich werden nicht die ganzen 150 Millionen, sondern erst einzelne kleinere Beträge abgerufen werden. Von unterrichteter Seite verlautet, daß die bei der letzten Versicherungsreform vertagten Fragen, wie vor allem die Beitragserhöhung, wohl erst dann erneut Gegenstand parlamentarischer Beratungen werden, wenn im Zusammenhang mit dem Noungplan überhaupt die Finanzreform entschieden wird. Oie Balkanfahrt des „Graf Zeppelin". Friedrichshafen, 15.Oft. (WB.) Der heutige Start des Luftschiffes „Graf Zeppelin" Aur Balkanfahrt gestaltete sich zu einem außcrgewöhn- lichen Schauspiel angesichts des dichten Bodennebels, der den ganzen Tag schon über dem Bodensecgebiet gelagert und sich gegen Abend noch verstärkt hatte. Die Nebelschwaden, die durch das zur Abfahrt geöffnete Osttor in das Halleninnere eindrangen, waren so dicht, daß man kaum von einem Ende zum anderen Ende der Halle sehen konnte. Zur Unterstützung der Aufstiegsmanöver waren am Osttor der Halle Scheinwerfer postiert. Das Herausbringen des Luftschiffes aus der Halle ging trotz der schlechten Sichtoerhältnisse ohne jede Schwierigkeit vonstatten, zumal das M o n d l i ch t inzwischen einigermaßen zur Geltung gekommen war. Auch der Aufstieg ging glatt vor sich. München wurde um 22.25 Uhr erreicht und um 23.30 Uhr die Ortschaft Ostermiething an der österreichisch-bayrischen Grenze überflogen. Das Luftschiff passierte um 0.30 Uhr die Stadt Wels, flog dann südlich an Linz vorbei, wo viele Tausende den Zeppelin erwarteten und sehr enttäuscht waren, daß er die Stadt selbst nicht überflog. Die Fa^rt ging dann donauabwärts. Um 1.35 Uhr überflog das Luftschiff St. Pölten und setzte seine Fahrt dann längs der Westbahnstrecke über den Wiener Wald nach Wien fort, das es in der Zeit von 2.05 bis 2.15 Uhr in knapp 100 Meter Höhe überflog. Bei dem schönen warmen, etwas dunstigen Wetter mit immerhin ziemlich günstigen Sichtverhältnissen hatten sich viele Tausende auf den Straßen, Häusern und freien Plätzen, besonders auf dem Stephansplatz in Erwartung des Luftschiffes eingefunden. Ebenso viele andere verfolgten die Fahrt des Luftschiffes zu Hause nach den Meldungen des Radio. Der „Graf Zeppelin" setzte seine Fahrt in Richtung Preßburg fort. Oie Regentschastskrisis in Rumänien. Königin Maria greift das Kabinett an. Bukarest, 15. Oft. ($11.) Die rumänische Nationalversammlung hat auf Vorschlag der Negierung den Rat am obersten Kassationsgerichtshof Sarazeanu zum Mitglied des Regent- schastsrnts gewählt. Der „Universal" berichtet nun, daß die Regierung an Stelle Sarazeanus mit der Kandi da tur der Königinwitwe einverstanden gewesen wäre, wenn Prinz Nikolaus dafür zurückgetreten wäre. Das Blatt veröffentlicht hierzu eine Erklärung der Königinwitwe, aus der hervorgeht, daß die Königin diesen Wechsel im Regentschaftsrat als ^Kuhhandel" abgelehnt hat. Sie habe im übrigen nicht die Absicht gehabt, im Regentschaftsrat der Dynastie die bevorstehende Rolle zuzuschanzen, sondern habe lediglich beabsichtigt, den Prinzen Nikolaus durch ihren Rat zu unterstützen. Wenn die Regierung die Absicht habe, den Regentschastsrat zu beherrschen, so möge sie dies deutlich erklären. Die Erklärung der Königinwitwe Maria hat großes Aufsehen hervorgerufen. 3n Regierungskreisen wird diese Stellungnahme der Königinwitwe als beispiellos bezeichnet und erklärt, daß das Parlament durch ein Mitglied der Dynastie, das „feine amtliche Funktion bekleide", beleidigt worden sei. Die Regierung werde die Auslassung der Königinwitwe nicht unwidersprochen lassen. Ministerpräsident Maniu führte in der Angelegenheit auch sogleich längere Besprechungen mit dem Hofminister und verschiedenen anderen Ministern. Menschenschmuggel an der polnischen Grenze. Warschau. 16. Oft. (WTB. Funkspruch.) Nach einer Meldung des „Kurier Poranny" sind i n $ h o r n mehrere Personen verhaftet worden, die sich damit beschäftigt haben sollen, deutsch stämmige Militärpflichtige aus Polen über die Grenze nach Deutschland zu schmuggeln. An der Spitze des Unternehmens soll ein im Grgänzungs- bezirkskommando Thorn beschäftigter polnischer Wachtmeister gestanden haben. In Eine württembergische Schuhfabrik von -en Sklareks schwer geschädigt. Aufdeckung neuer Betrügereien. St u 11 g a r t, 15. Oft. (WB.) Die Gebrüder Sfla- rek standen auch in Verbindung mit der Tuttlinger Schuhfabrik E. Reichte, die nun einen Buchverlust von über 100 000 Mark erleidet, der sich aber durch Versicherung auf etwa 50 000 Mark ermäßigt. Die Sklareks haben, wie erst jetzt festgestellt wird, diese Geschäftsverbindung zu großen Betrügereien benutzt. Nach dem Sklarekschen Kassenbuch sollen in der Zeit vom 2. bis 19. September d. I. 1,5 Millionen Mark andieTuttlingerSchuhfabrikgezahlt worden sein. Von diesem Betrage ist jedoch in Tuttlingen nicht ein Pfennig eingegangen. Dieser verbuchte Betrag Übersteigt den Umsatz der Fabrik mit den Gebrüdern Sklarek um ein Vielfaches, da dieser Umsatz nur etwa 250000 Mark erreichte. Das gleiche Betrugsmanöver ist auch mit anderen Firmen gemacht worden. Dieser Tage weilten zwei Berliner Kriminalbeamte in Tuttlingen, die das Sklareksche Kassenbuch mit dem Reichleschen verglichen und feststellten, daß die angegebene Summe in Tuttlingen tatsächlich nicht eingegangen ist. Die Berliner Kriminalpolizei ist nun dabei, aufzuklären, wohin die Gebrüder Sklarek die 1,5 Millionen Mark verschoben haben, und wie hoch der Betrag ist, von dem sie später in Ruhe zehren wollten. Der Betrieb der Tuttlinger Schuhfabrik wird wahrscheinlich aufrechterhalten werden können, zumal noch reichlich Aufträge vorliegen, und auch die Stadt Berlin mit der Schuhfabrik in Verbindung getreten ist, um die weitere Belieferung der Berliner Bezirksämter durchzuführen. Oie Gefängnispost. Reger Kafsiberverkehr der Sklareks. Berlin, 15. Oft. (TU.) Die Untersuchung gegen die drei Brüder Sklarek wegen der Durchstechereien hat allerlei interessante Dinge ergeben, die dazu führen dürften, daß man auch im Untersuchungsgefängnis selbst die Aufsicht erheblich strenger durchführen sollte, als es bisher der Fall gewesen ist. Wie jetzt bekannt wird, haben die Sklareks, denen natürlich darum zu tun war, sich über ihre Aussagen vor dem Vernehmungsrichter zu verständigen, sich bei den Beamten beliebt zu machen gesucht Zu diesem Zwecke gaben sie reichliche Zigarrenspenden und suchten auch auf andere Weise sich das Wohlwollen des Aufsichtspersonals zu erringen. Da es ihnen jedoch zu gefährlich erschien, mit Hilfe der Beamten einen Verständigungsverkehr einzurichten, machten sie sich an die Kalfaktoren, also an andere Gefangene, die innerhalb des Gebäudes Dienst verrichten und eine gewisse Bewegungsfreiheit besitzen. Offenbar von diesen haben sie den Rat erhalten, schriftliche Mitteilungen in der Form weiterzugeben, daß sie sich gegenseitig Zigarren und Zigaretten sandten, in die die Kassiber geschickt eingefügt waren. So hatte man z. D. bei den Zigaretten am oberen Ende den Tabek zu Zweidritteln aus der Zigarette entfernt, den Geheimbrief hineingesteckt und die Zigarette oben wieder mit Tabak gefüllt, so daß dem Uneingeweihten diese Art der „Gc- fängnispost" kaum auffallen konnte. 3n ähnlicher Weise wurden auch die Zigarren präpariert. Vorüber hinaus haben die drei Sklareks versucht, sich mit Lehmann in Verbindung zu setzen. Auch hier wurde wiederum die Hilfe der Kalfaktoren in Anspruch genommen. 3n - Die Sklareks im Gefängnis. diesen Briefen haben die Sllareks zwar in sehr höflicher, aber doch in unverhüllter Form Lehmann davor gewarnt, etwa allzuviel „auszupacken". Sie drohten damit, daß auch in ihrer jetzigen Lage ihre Machtmittel durchaus noch nicht erschöpft seien. Die Gebrüder hatten jedoch das Pech, daß Lehmann sich durch die Drohungen nicht einschüchtern ließ, sondern von dem Kas- siberverkehr Mitteilung machte, so daß durch verschärfte Aufsicht den drei Sklareks das Driefschreiben im Untersuchungsgefängnis jetzt einigermaßen erschwert worden ist. Oie Amerikareise des Oberbürgermeisters. Deutschnationale Kritik im Rathaus. Berlin, 15. Oft. (WTB.) 3n der Berliner Stadtverordnetenversammlung lag von deutschnationaler Seite eine 3nterpellation vor, in der die Frage aufgeworfen wurde, ob der Besuch des Berliner Oberbürgermeisters in Neuhork, der so große Ko st en verursachte, nötig gewesen sei. Weiter wurde gefragt, ob die gleichzeitige Abwesenheit des Magistrats- dirigenten und dreier Stadträte mit der jetzigen Geschäftslage Berlins vereinbar sei, und aus welchem Fonds die Reise- ko st en b e st ritten werden. Bürgermeister Scholz wies darauf hin, daß der Bürgermeister von Neuyork, Walker, in Berlin durch das Auswärtige Amt und die amerikanische Botschaft eingeführt worden sei. Der Gegenbesuch der Berliner Stadtvertreter könne daher nicht als private Angelegenheit betrachtet werden. Die Reise solle deutsche und amerikanische Städte einander näherrücken. Sie werde 75 bis 80 000 Mark kosten. Da die Fahrt eine Angelegenheit der laufenden Verwaltung sei, habe man die Stadtverordneten Nicht vorher befragt. Die Reisespesen würden als Dienstreisekosten verbucht und, wenn notwendig, aus Vorbehaltsmitteln bestritten werden. Die Kosten für die an der Reise teilnehmenden Damen würden von ihren Gatten getragen werden. Nach einer ziemlich bewegten Sitzung wurde eine ganze Reihe von Anträgen angenommen, die mit der Angelegenheit Sklarek in innerem Zusammenhang stehen, so ein sozialdemokratischer auf Veröffentlichung der Sklarek- s ch e n K u n d e n l i st e n, ein demokratischer, wonach künftig die Vergebung von Aufträgen nur im Wege der freien Ausschreibung erfolgen soll und ein kommunistischer, wonach auf die Herbeischaffung der in der Angelegenheit SNarek veruntreuten Millionen eine Belohnung ausgesetzt werden soll. A b - gelehnt wurde dagegen ein kommunistischer Antrag, daß die in der Angelegenheit Sllarek kompromittierten Magistratsmitglieder ihre Aemter niederz ulegen hatten. Der Berliner Bezirksvorstand der Sozial- d em otratischen Partei hat den Bürgermeister Schneider nach beendigter Prüfung beigebrachten Materials aus der Partei ausgeschlossen und ihn aufgefordert, sein Amt als Bürgermeister niederzulegen. — Die deutschnationalen Reichstagsabgeordneten Wolf und Bruhn wurden aus der Fraktionsgemeinschaft beurlaubt. die Affäre sei auch ein höherer Beamter der Starostei Mlawa verwickelt, der für hohe Geldsummen den nach Deutschland flüchtigen Stellungspflichtigen Pässe und Grenzübertrittsscheine eusgefolgt hat. Wie „Kurjer Poranny" behauptet, sind Anzeichen dafür vorhanden, daß sich die Angeklagten auch mit Spionage beschäftigt haben. Frankreichs Heeresreform. Die Einberufung der Reserven ohne Mobilmachung. Paris, 15. Oft. (WTB. Funkspruch.) Kriegsminister Painleve hielt in der Sorbonne eine Rede anläßlich der Tatsache, daß die in den nächsten Tagen einrückenden Rekruten zu dem Kontingent gehören, das als erstes nur ein 3ahr lang dient. Painlevö erklärte, diese Reform stelle einen großen wirtschaftlichen und sozialen Nutzen dar. Sie beweise außerdem den Friedenswillen Frankreichs, das niemals die 3nitiative zu einem Krieg ergreifen werde. Wenn aber ein Angriff Frankreich zwingen sollte, zu mobilisieren, dann würde das neue französische Heer durch Zahl und Ausrüstung ein mächtiges Offensivwerkzeug sein. Die Vorbedingungen für die Einführung der einjährigen Dienstzeit, nämlich Schaffung von entsprechend starken nordafrikanischen und Kolonialtruppen, Einstellung von 106 000 Berufssoldaten und Wiedereinführung des CinsteUungs- alters der Rekruten von 21 3ahren seien bereits erfüllt oder würden bis 1930 erfüllt sein. Der Kriegsminister wies den Vorwurf, daß der französische Mobilisierungsplan zu schwerfällig sei, zurück, und führte aus, eine der wesentlichen Bestimmungen des französischen Mobilisierungsplanes sei die Möglichkeit, ohne Mobilisierung durch individuelle Einberufung einen Teil oder die gesamten verfügbaren Reserven, d. h. die ersten drei Reserveklassen, einzube- rufen, was weniger als drei Tage Zeit beanspruchen würde. Eine dann etwa an- geordnete Mobilisierung werde rascher vonstatten gehen und die dadurch geschaffene unmittelbare Deckung stärker sein, als im 3ahre 1914. Dre Verantwortung der Regierung im Falle der Einberufung der drei Reserveklassen werde beträchtlich vermindert durch die gesetzliche Der» pfllchtung, diesen Beschluß dem Völkerbund mitzutcilen. Painlevö bezeichnete dann die Hypothese eines plötzlichen Angriffes eines 100 000 Mann starken Berufsheeres (Deutschland) als die am wenigsten wahrscheinliche und am wenigsten gefährliche. Denn eine völlige Niederlage wurde gewiß eine derartige Verwegenheit bestrafen. Minister Delacroix -f. Der Delegierte Belgiens im Baden-Badener Organiiationskomitee plötzlich verstorben. Baden-Baden, 15.Oft. (Telun.) Arn Dienstagmorgen ist der belgische Hauptvertreter im Organisationsausschuß der Banf für Internationale Zahlungen, der ehemalige Minister Delacroix, an einem Herzschlag plötzlich verstor- den. Delacroix, der mit seiner Gattin im Hotel Stephanie wohnte, wurde heute früh gegen 5 Uhr von einem Unwohlsein befallen und verschied, ehe ein Arzt zur Stelle war. Die Leiche wird nach Paris übergeführt werden, wo der Heimgegangene seinen ständigen Wohnsitz hatte. Heute abend findet im Sterbezimmer des Heimgegangenen Ministers für die Delegationen eine furze Trauerfeier statt. Zu Beginn der üblichen Besprechung des Organisationskomitees der internationalen Banf gedachte der Vorsitzende, der Präsident der First National Bank of New York, Reynold, des unerwartet Verstorbenen. Auch der französische Delegierte Morret würdigte den Heimgegangenen belgischen Delegierten. Reichsbankpräsident Dr. Schacht führte u. a. aus: Mit dem Minister Delacroix ist ein Mann dahingegangen, der nach dem Kriege durch feine ruhige Hand viel a u r Ent- fpannung der Gegensätze zwischen den europäischen Völkern beigetragen hat. Mit klarem Blick erkannte er, daß die wirtschaftlichen Nöte der Nachkriegszeit nur durch gemeinsame verständnisvolle Zusammenarbeit behoben werden. Bereits im Jahre 1920 hat er der Brüsseler Finanzkonferenz ein Gutachten zur Gründung eines internationalen Finanzinstituts oorge- legt. Delacroix war ständiger Vertreter der belgischen Regierung in der Reparationskom- Mission, und wir wissen, daß er es war, der für eine mildere und ruhigere Verhandlungsart eintrat. Wir kennen ihn in Deutschland weiter aus feiner Tätigkeit a l s Treuhänder für die Eifenbahnobligatio- nen. Auch dieses Amt hat er mit großem Takt und Verständnis ausgeübt. Wir alle schätzen seine große Arbeitskraft — er hat neben diesem Komitee auch noch dem Organisationskomitee für die Reichs - banf angehört — und vor allem (ein konziliantes Wesen und seine Persönlichkeit. Aus aller Welt. Einweihung des Deutschen Musikheims. In Frankfurt a. d. O. wurde das Musikheim für Volksmusik eingeweiht. Zu dieser Feier waren in großer Zahl Vertreter der Behörden, von Kunst und Wissenschaft und aus Kommunen erschienen. Das Musikheim soll der Mittelpunkt der deutschen Dolksmusikbewegung und in der Haupt- fache von der deutschen Jugendbewegung oe- fragen werden. Es ist dazu bestimmt, der Pflege des Volksliedes, der Volksinftrumentalmufik und auch der neuen Kulturbewegung zu dienen, die sich im Tänzerischen bemerkbar macht. Jedes Jahr sollen in drei Zweimonatskursen d i e Volksschullehrer je eines preußischen Regierungsbezirks im Musikheim Frankfurt zusammengezogen und von Georg G ö t s ch , dem Leiter des Heims, in die Ideenwelt der Volksmufikbewegung einge- führt werden. $n den übrigen sechs Monaten jedes Jahres soll das Heim zu gleichen Zwecken der Jugendbewegung und ähnlichen Bewegungen zur Verfügung stehen. Kultusminister Prof. Dr. Becker erläuterte das Wesen und das Neuartige am Frank- furter Musikheim, das dazu bestimmt fei, in enger Verbindung mit der Akademie für Kirchen- und Schulmusik bahnbrechend im Sinne der neuen Mu- fifbcmegung zu wirken. Der UeberfaU im Grünewald. — Trofeffor v. Linstow gestorben. Der Landesgeologe Professor Wilhelm von Linstow, auf den, wie gemeldet, im Grünewald« ein Revolveranschlag verübt wurde, ist heute nachmittag seiner schweren Verletzung im Krankenhause erlegen. Für die Ergreifung des noch unbekannten Täters hat die Kriminalpolizei für Meldungen aus dem Publikum eine Belohnung von 1000 Mark ausgesehll Leipact operiert. Der frühere Staatsminister und Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerk- schaftsbundes, Theodor Leipart, der bei einem Autounfall auf der Avus einen schweren Schädelbruch erlitten hatte, ist am Dienstagnachmittag im Hildegard-Kranfenhaus operiert worden. Die Operation ist befriedigend verlaufen. Das Befinden ist jedoch nach wie vor ernst, wenn auch die Aerzte bestimmt damit rechnen, den Verunglückten am Leben zu erhalten. Schwere Explosion in Paris. Infolge der Explosion eines Gasbehälters ist eine große Automobilwerk st att in der Nähe von Paris z e r st ö r t worden. Da der Unfall während der Arbeitszeit erfolgte, ist die Zahl der Opfer beträchtlich. Dis jetzt sind die Leichen von vier Arbeitern aus den Trümmern hervorgeholt worden: etwa 30 sind verletzt worden. Heber die Ursache des Unglücks sind zwei Versionen im Umlauf. Nach der einen soll ein Behälter mit komprimierter Luft im Keller explodiert sein, nach der anderen soll es sich um die Explosion eine- Gemisches von Luft und Kohlenstoff handeln, der aus dem Heizkessel abgesondert worden war, Der Sachschaden soll bedeutend sein, kann aber noch nicht genau angegeben werden. Etwa 300 Arbeiter werden auf zwei Wochen ohne Beschäftigung sein. Deutscher Kompaß auf einem englischen Kriegsschiff. Wie der englischen Oeffenllichkeit erst jetzt bekannt wird, ist das Prunkschiff der englischen Marine, das neue Linienschiff „N e l s o n", mit einem deutschen Kompaß ausgerüstet. Dies hat ein Mr. Brown, der Erfinder eines englischen Kreiselkompasses entdeckt. Die „Nelson" war wie andere englische Kriegsschiffe in der soeben zu Ende gegangenen Marinewoche für den Besuch durch das Publikum freigegeben. Hier machte Drown die obige Feststellung und beschwert sich jetzt in der englischen Presse über diese Zurücksetzung der englischen Erfinder. Der auf der „Nelson" eingebaute Kompaß ist der deutsche Kreiselkompaß der Firma Anschütz aus Kiel. Oie Wetterlage. •Jan Mayen- -Ktot- 11 V4' 2« Dicnstaq, 15.Oktot>. 19297° 10 nambo. O n Hör. ----NoMöyan" '/7S----zX © woinemos. O neuer. 3 naib DtdecM. 3 wonug. ch oedecia • Regen * Schnee a Graupeln, e MeDel R Gtwu:er.(g)wind$tilie.«O- sehr «icnte- 0$i ^5 -nissige» Südsüdwest q sturmiscner «ordwesl Oie »lene fliegen mit dem winde. Die Beiden Stationen stenenden Zahlen gehen die Temperatur an. Die Limen verenden Orte mit gleichen} *m< Meeresniveau umoertcnneien Lulldruck Wcttervo caussage. Das Hochdruckgebiet hat feit gestern an Stärke verloren. Da das Barometer stark fallende Tendenz zeigt, so ist mit einem weiteren Abbau zu rechnen. Dadurch wird dem über den britischen Inseln neu erschienenen Druckfallgebiet ein Weg gebahnt. Seine Warmluft, die bereits über Irland Regen bringt, wird auch über Deutschland hinwegziehen und Eintrübung verursachen. Die Temperaturgegensätze zwi- schen Tag und Nacht werden dadurch mehr behoben. Auch sind bei dem Aufgleiten der Warmluft späterhin Niederschläge nicht ausgeschlossen. Wettervoraussage für Donnerstag: Stellenweise Frühnebel, sonst meist wolkiges Wetter, Temperaturen zwischen Tag und Nacht sich mehr ausgleichend, zunehmende Niederschlagsneigung. W i 11 e r u n g s a u s s i ch t e n für Freitag: Unsicheres Wetter mit vereinzelten Niederschlägen. Lufttemperaturen am 15. Oktober: mittags 15,7 Grad Celsius, abends 7,1 Grad: am 16. Oktober: morgens 5 Grad. Maximum 16,6 Grad, Minimum 4,8 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 15. Oktober: abends 16 Grad: am 16. Oktober: morgens 9,6 Grad Celsius. — Sonnenfcheindauer vier Stunden. aM 45V. ß Ffcrf ftriM yOfect» S£?. figi fi*"® . H ß; I SHELL BENZIN SHELL AUTOOELE MN riieriage. 1 \ .-.•MS? ■säS£ lechz einqt. "lkr $roflj Tn 3ur ua<°'i>fl 8erftrr rb^"I,,l*tt.tln|lot, ^roMfor Di^, gemeldet, im ScIm N 1[Qg verüb! ^renDe^,^. Ut 5üt «Tfe -aters hat \;0 &9.rei*Un9 «rf auigckit. m “® operiert ^er unöQJ0tfift.n. ä„.e“‘MenÄ, »L's »»•- oSh9,b^”'*‘S befrie- ’ Tesmden ist jedoch " auch die iffZ 1 ^tunglüdten am 2c* Von in Daris. , W Gasbehälters ist Hltojrtftatt in der o tt worden. Da der ist rkachtich. Diz jeyt ^bbeitern ans gepolt worden; etwa 30 über die Ursache des Un< neu im Umlauf. Aach der er mit komprimier* explodiert sein, nach der dieExplosion eines lst und Kohlenstoss Heizkessel abgesondert chschaden soll bedeutend cht genau angegeben wer* ■ werden auf zwei Wochen n. inem englischen Kriegsschiff. Öffentlichkeit erst jetzt be* DrunWff der englischen lienschiff .Aelfon", mit ah ausgerüstet. Dies hat Erfinder eines englischen ft. Die .Aelfon" war wie sschisse in der soeben zu merooche für den De* lilum freigegeben. > obige SeftftcIIung und r engfifäen treffe über mglischen Erfinder. Der ibaute Kvmhah \\t der >t Firma Anschütz aus ZäS- „ U)iwrutt )ocaussaS^' gtärft “ für®’?,"!®'11“'' HskK- » '■* Motoren mit hoher Kompression werden restlos ausgenutzt durch das kraftvolle SHELL SPEZI AL- GEMISCH DYNAMIK erhältlich an allen mit blauem Querstreifen gekennzeichneten Shell-Pumpen. Das Gebot der Wirtschaftlichkeit ober verlangt, daß Sie für alle Motoren mit normaler Verdichtung zur Erzielung der Höchstleistung SHELL den überlegenen Betriebsstoff der Millionen, tanken. Oer Aufmarsch zur Wahl in in in in in gestorben. Bornotizerr u. a dann geben Sie sie bitte spätestens im Laufe des Mittwochs beziehungsweise Donnerstags In der Geschäftsstelle auf 16. August Schneider, Reichsbahnobersekretär in Friedberg. 17. Heinrich Deesenmeher, Apotheker in Gedern. 18. Edwin Hamburger. Pfarrer in Staden. dienst zusammengeschlossen hat, reichte zur Pro» vinzialtagswahl für Oberhessen folgenden Wahlvorschlag ein: 1. Professor Dr. Georg Koch, Oberbibliothekar in Gießen. 2. Dr. Otto Jansen, Bürgermeister in Butzbach. 3. Bolbrecht Hagel IV., Landwirt in Stamm- Heim. 4. Johannes Germ er II., Kreisbaumwort i.R. in Klein-Linden. 5. Wilhelm Lemp. Steuersekretär in Gießen. 6. Heinrich Blank, Oberlokomotivführer L R. in Friedberg. 7. Heinrich Hauert, Schlosser in Dad-Aau- heim. 8. Heinrich Kneipp, Landwirt in Burkhards. 9. Professor Heinrich Keller, Oberstudienrat Chopin in Paris gestorben; — 1887: der Physiker Gustav Robert Kirchhoff in Berlin gestorben; — 1893: der Komponist Charles Gounod in St. Cloud Form eines Psadfinderhindernis-MannschaftS- lauss ausgetragen. Der Pfadfinderhorst Gießen errang dabei überlegen den Wanderpreis, eine eiserne Hindenburgplakette. — TageskalenderfürMittwoch. Stadt* theater: „Vasantasena", 20 bis 22.15 Uhr. — Stadt- mifsion: Vortrag: „Folgenschweres Unrecht", 20.15 Uhr, Löberstraße 14. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Herzog Hansel" und „Der Befehl zur Ehe". — Astoria-Lichtspiele: „Der Teufel von Texas" und „Jagd auf Phantome". — Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die heutige Vorstellung „Vasantasena" beginnt um 20 älhr (nicht 19.30). Die dieswöchentliche Freitagsvorstellung findet wegen der gemeinsamen Uraufführung nicht am Freitag, 18., sondern Samstag, 19. Oktober, statt. Um der Geschäftswelt Rechnung zu tragen, beginnt die Vorstellung erst 20.15 Uhr. 3n Szene geht die Uraufführung von Georg Kaisers „Hellseherei", Gesellschaftsspiel in drei Akten. Spielleitung hat Intendant Dr. P r a s ch. Die Regie ver ucht die theatralische Wirkung in der Inszenierung möglichst auszunutzen. — Der Goethe-Bund schreibt uns: Der zweite Vortrag des dieswinterlichen Vortragsprogramms wird einem kunstgefchichtlichen Thema gewidmet sein. Der von seinem früheren Gießener Vortrag noch bestens bekannte Kunsthistoriker Dr. Oskar Schürer aus Prag wird an Hand prächtiger und einzigartiger Lichtbilder, vorgeführt auf zwei Apparaten, um Beispiel und Gegenbeispiel zu zeigen, über Prag und das bauliche Schicksal dieser Stadt sprechen. (Siehe heutige Anzeige.) in Friedberg. 10. Eugen Seidel, Reservelokomotivführer Friedberg. 11. Wilhelm Schmitz, Derlagsbuchhändler Gießen. 12. Heinrich Anton Thönges, Parkarbeiter Steinfurth. 13. Karl Rusteberg, Lokomotivführer Gedern. 14. Ferdinand Heßler, Oberrangiermeister Bad-Rauheim. 15. Otto Einbrodt, Stadtrat in Butzbach. Wenn Ihre Empfehlungsanzeige in der Freitags- oder in der Samstagsnummer des Gießener Anzeigers durch sorgfältige, wirksame Satzausstattung werben soll DieListederDeulschen Volkspartei Für die Gießener Stadtratswahl. 1. Wilhelm Horn, Kaufmann, Stadtratsmitglied. 2. Frau E. Sch u d t, Hausfrau. 3. Richard Appel, Oberreallehrer. 4. Wilhelm L o e b e r, Bäckerobermeifter, Stadtratsmitglied. 5. E. Schneider, Rechtsanwalt und Notar. 6. Fr. Wenzel, Dreher i. R., Stadtratsmitglied. 7. Th. Schmieder, Rentner, Stadtratsmitglied. 8. Fr. Hirsch, Prokurist. 9. K. Kreiling, Schlosfermeister, Stadtratsmit- glied. 10. R u m p f, Landgerichts-Registrator. 11. D. Wintcrhoff, Kaufmann. 12. Hch. Hoch stä11er Kaufmann. 13. Dr. med. Ploch, Ärzt. 14. Fr. Gros, Amtsgerichtsrat. 15. Frl. C. Birnbaum, Lehrerin. 16. Ernst Pfeiffer, Bauunternehmer. 17. L. Lembke, Kaufmann. 18. Herm. Will, Bücherrevisor. 19. Dr. M o n n a r d, Oberoeterinärrat. 20. Dr. Ehr. Müller, Studienrat. 21. Frau E. Riebel, Hausfrau. 22. Rob. Gärtner, Schneidermeister. 23. Gg. Albrecht, Obermafchinenmeister. 24. C. Rust, Bauingenieur. Die Gvang. Volksgemeinschaft zur Provinztaltagswahl. Die Evangelische Volksgemeinschaft, welche sich in diesem Frühjahr mit dem Christlichen Volksgenannten Zeitpunkte ab gelten sie nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel, und niemand ist mehr außer den mit der Einlösung beauftragten Kassen zur Zahlungsannahme verpflichtet. Die Geldstücke werden noch bis zum 30. November 1931 bei den Reichs- und Landeskaffen zu ihrem Nennwert, sowohl in Zahlung als auch zur Umwechslung angenommen. Auf durchlöcherte und andere als durch den ge° Aus der pwvinzialhaupistadi. Gießen, den 16. Oktober 1929. Oie Eintragung zum Aolksbegehren. Die Hessische amtliche Pressestelle teilt mit: _ Aus einem Ausschreiben des Staatspräsidenten an die Kreisämter betreffend das Volksbegehren „Freiheitsgesetz" sind folgende Bestimmungen über das Eintragungsverfahren auch für die breitere Oeffentlichkeit beachtenswert: Die Ausrüstung der Gemeinden mit den für die Eintragung nötigen Eintragungslisten, unter Umständen Anhänge- oder Einlegebogen, ist Sache der Antragsteller. Die Eintragungsfrist beginnt mit dem 16. Oktober und endigt mit dem 29. Oktober 1929. Die Eintragungs stunden sind so zu legen, daß alle Eintragungsberechtigten der Gemeinde die Möglichkeit haben, innerhalb der Eintra- gungsfrist sich in die Listen einzuzeichnen. Die Eintragung selbst läßt sich schon um deswillen nicht a l s geheim behandeln, weil dem Cintragenden die seiner Unterschrift etwa vorausgehenden Unterschriften nicht verborgen bleiben können. Dem Eintragenden wird auch der Wunsch, das im Kopfe der Liste abgedruckte Begehren durchzulesen, nicht vorenthalten werden können. Er wird damit ohne weiteres die dem vorgedruckten Begehren unmittelbar folgenden ersten Eintragungen zu Gesicht bekommen. Eine förmliche Ueberwachung des Eintragungsverfahrens durch Beauftragte der Antragsteller wäre jedoch mit den Bestimmungen der Reichsstimmordnung nicht vereinbar. Eine dauernde Besetzung der Eintragungsräume mit Obleuten von Parteien kommt hiernach nicht in Frage. Cs bestehen aber keine Bedenken, wenn Beauftragten der Parteien auf Wunsch allgemeine Auskünfte über den Fortgang der Eintragungen gegeben werden. Eine Zurücknahme der einmal in der Eintragungsliste abgegebenen Unterschrift ist ebensowenig zulässig, wie bei einer Wahl die Stimmabgabe zurückgezogen oder geändert werden kann. Eintragungsscheine sind von den Bürgermeistereien bis zum Ablauf der Eintragungsfrist (29. Okt. 1929) auszustellen. Verlorene Eintragungsscheine werden nicht erseht. Weitere Bestimmungen regeln die Feststellung des Eintragungsergebnisses. Zum Schluß wird bemerkt: Die Reichsregierung legt großes Gewicht auf äußerlich glatten und reibungslosen Verlauf des Volksbegehrens. Riemand darf Anlaß zu berechtigter Klage haben, daß ihm die Ausübung des verfassungsmäßigen E ntragungsrechts durch mangelhafte Maßnahmen unmöglich gemacht oder unbillig erschwert worden sei, andernfalls muß aber jeder mittelbare oder unmittelbare Zwang, sich am Eintragungsverfahren zu beteiligen, unterbleiben. Gänsestopfen ist Tierquälerei! Der Gießener Tierschuh-Verein. Kaiserallee 1, teilt uns mit: Das Stopfen oder Rudeln der Gänse einige Wochen vor der Mast ist ein mittelalterlicher Mißbrauch, den man dem aufgeklärten Sandmann heutzutage kaum mehr zutraut. Trotzdem findet man ihn auch heute noch, in menchen Gegenden nur vereinzelt, in anderen als allgemeine Sitte. Die Gänse sollen fett und die Lebern groß werden. Hm das au erreichen, achtet man weder Leben, noch Leiden der Tiere. Man entreißt sie den natürlichen Bedingungen, nimmt ihnen Bewegung, Licht und Luft, überfüttert sie lange Zeit hindurch gewaltsam durch Stopfen mit der Hand oder mit Maschinen mit fettbildender Bohrung und macht sie auf diese Weise künstlich krank. Denn ein an Verfettung und Leberder- arößerung leidendes Tier ist krank, so krank, daß es bis au Erstickungsanfällen kommt. Daß das undurchblutete, undurchfonnte, angemästete Fett und die Leber solcher Tiere der menschlichen Gesundheit nicht zuträglich fein kann, liegt auf der Hand. Soll die Gans schon- fett werden, dann nur durch natürliche Freimast, bei der sie mit gequelltem Hafer und mit Milch angerührtem Drei von Gersten- oder Hafermehl gefüttert, aber nicht überfüttert wird. Reuerdings macht man in großen Mastanstalten gute Erfahrung mit Licht- freimaft, wobei die Gänse rasch fett werden. Man hat beobachtet, daß Licht den Appetit der Gänse steigert. Deshalb erleuchtet man nachts die Ställe, wodurch die Gänse zu einer freiwilligen reichlicheren Futteraufnahme veranlaßt werden. Daten für Donnerstag 17. Oktober. Sonnenaufgang 6.26 Uhr, Sonnenuntergang 17.04 Uhr. — Mondaufgang 16.56 Uhr, Monduntergang 4.46 Uhr. 1815: der Dichter Emanuel Geibel in Lübeck geboren; — 1849: der Komponist Friedrich Franz gesuche. ** Schulpersonalie. Ernannt wurde der Studienrat an der Realschule zu Lauterbach Georg Bentz zum Studienrat an der Oberrealschule zu Gießen. ** Die hessische Lebensrettungs- medaille. In den nächsten Tagen wird vom hessischen Minister des Innern zum erstenmal die neugeschaffene hessische Medaille für Lebensrettung verliehen werden. Es liegen etwa 150 Bewerbungen um die Medaille vor. Nach den Vorschriften zur Verleihung wird die Medaille jedoch höchstens 50 Männern überreicht werden können, weil „die Ge° fahr'hierbei für den Retter besonders groß" gewesen sein muß. In den übrigen Fällen wird die schriftliche Auszeichnung mit der Geldprämie erfolgen. ** Keine alten 5 0 ° Pf.- Stücke mehr. Nach einer Mitteilung im Reichsgesetzblatt verlieren mit Wirkung vom 1. Dezember 1929 ab die alten Reichspfennigstücke aus Aluminium* b r o n 3 e im Werte von 50 Pf. ihre Gültigkeit. Vom ** Eineöffentliche SitzungdesStadt- r a t e s findet, wie schon kurz berichtet, am nächsten Freitag, um 16 Uhr beginnend, im Sitzungssaal im Stadthaus, ^ergstraße, statt. Die Tagesordnung ent- ,. folgende Vorlagen: Errichtung eines neuen ochbehälters bei Annerod, Neufestsetzung des wöhnlichen Umlauf im Gewichte verringerte sowie auf verfälschte Münzstücke findet die Verpflichtung zur Annahme und zur Umwechslung keine Anwendung. *• Handarbeitsausstellung. Dieser Tage veranstaltete das Haus der Handarbeit (Salomon) im Saale des „Hotel Prinz Carl" eine Handarbeitsausstellung, die sehr starkes Interesse bei unserer Damenwelt fand. Der Besuch war an den beiden Ausstellungstagen ständig außerordentlich rege. 2n der geschmackvoll her- gerichteten Scheu konnte man, übersichtlich gruppiert, eine Fülle von Erzeugnissen Der verschiedenartigsten Handarbeiten bemerken, u. a. reizende Filetdecken, Kaffeedeckchen der versch ebensten Art, feine Decken für Herren- und Musikzimmer, seidene Kissen, Gobelins, prächtige Irak- und Kelim-Wandbehänge und-Tischdecken, Lochstichund Wickel-a-jour-Decken, gestickte Handtaschen, Buntstickereien, Kissen aus Kunstseide, Pariser Handstickerei auf Tüll, Tafeltücher in der verschiedenartigsten Au Führung, Handklöppeleien usw. Die Ausstellung bot den Besuchern einen interessanten Ausschnitt aus dem Geschäftsbereich der Firma, wobei man, von den einfachsten bis zu den vornehmsten Sachen geschmackvolle und gediegene Arbeit zu schauen bekam, die den besten Eindruck machte. ** DeutscherPfadfinderbund, Horst Gießen. Man berichtet uns: Am 12. und 13. Oktober fand in Greifenstein die Weihe eines Pfadfinderlandheims in der „alten Münze" des Schlosses statt. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die alljährlichen Wettkämpfe des Gaues Oberhessen des Deutschen Pfadfinderbundes in Oie Kochkunst-Ausstellung in Frankfurt WEN. Frankfurt a.M., 15.Oft. Die 3n- ter nationale Kochkunst aus st ellung scheint den Veranstaltern einen vollen Erfolg zu bringen. Die Ausstellung hatte am Sonntag rund 15 000 zahlende Besucher aufzuweisen, und auch am Montag war der Andrang außerordentlich stark. Die Aussteller sind schon jetzt mit dem geschäftlichen Erfolg zufrieden, obwohl die ausländischen Gäste erst in Viesen Tagen erwartet werden. Die Ausstellung dauert noch bis zum 23. Oktober. Don Gießener Firmen hat das Piano- haus Schönau aüf dieser Ausstellung den ganzen Kaiserpavillon für seine Schau belegt. Es sind dort eine große Anzahl elektrische Pianos, Flügel und Orchesterwerle feinster Technik aus der bekannten Firma Leipziger Pianoforte- und Phonola-Fabriken Hupfeld Gebr. Zimmermann ausgestellt, ferner kombinierte Rundfunk-Sprechmaschinen mit Telefunken-Vier- röhren-Empfänger der gleichen Firma, daneben noch eine Anzahl Handspiel-Flügel und -Pianos erster Marken. Das Interesse des Publikums an dieser Schau kam bisher durch starken Besuch zum Ausdruck. Einbrecher-Könige. WSR. Frankfurt a. M., 15. Okt. Den beiden von der hiesigen Kriminalpolizei festgenommenen D i l l e n e i n b r e ch e r n, die in der älm- gegend von Frankfurt zahlreiche Diebstähle verübt hatten, sind bis jetzt 118 Einbrüche nachgewiesen worden. Bei der Ausführung ihrer Diebstähle gingen sie oft mit großer Dreistigkeit vor. Als sie in Königstein bei der Begehung einiger Einbrüche überrascht und verfolgt wurden, sich aber der Festnahme entziehen konnten, machten sie von ihren mitgeführten Schußwaffen Gebrauch und schossen auf ihre Verfolger. Schlangenbad und Idstein wurden von ihnen schwer heimgesucht. Von Frankfurt aus fuhren sie u. a. in das Kinzigtal, besuchten hier die Orte Bad Orb, Wächtersbach, Langenselbold, Gelnhausen und Fechenheim. Auch das weiter entfernt gelegene Marktheidenfeld, das im letzten Jahre besonders oft von Frankfurter Einbrechern aufgesucht wurde, haben sie unsicher gemacht. Dem Frankfurter Einbruchskommissariat gelang es bereits vor acht Wochen, eine andere Einbrecherbande hinter Schloß und Riegel zu bringen, die mit einem Auto in Marktheidenfeld verschiedene Einbrüche in Güterhallen ausgeführt hatte. Inzwischen hat sich das Lager der entwendeten Sachen auf dem Polizeipräsidium merklich gelichtet. Viele Bestohlene haben ihr Eigentum anerkannt und abgeholt. Ein großer Teil des Diebesgutes konnte aber bis jetzt noch nicht untergebracht werden. Es handelt sich um Herrenmäntel, Grammophon- platten, Stoffe, Wäschestücke, eine Standuhr aus Bronze, Bestecke Photoapparate, Aerytebücher, Damenuhren uno einen Teppich. Es rst daher anzunehmen, daß die Täter noch andere, bis jetzt unbekannte Orte besucht haben. öooooo M. Fehlbetrag der Stadt Hanau. WSR. Hanau, 15. Oft. Die Stadt Hanau befindet sich in außerordentlichen Finanzschwierigkei ten. Aus dem Jahre 1928 ist ein Fehlbetrag von 150000 Mark vorhanden, der im Etat 1929 nicht gedeckt worden ist, und der diesjährige Etat wird mit einem Fehlbetrag von 450 000 Mark abschließen, so daß ein Gesamtfehlbetrag von 600 000 Mark vorhanden ist. Zur Deckung eines Teils dieses Defizits (300 000 ML) hab die Stadtverwaltung Vorlagen ausgearbeitet, die die Erhöhung der Werkstarife und Steuern vorsehen. Diese Vorlagen sind im Magistrat angenommen worden, im Finanzausschuß aber zur Ablehnung gelangt. Runmehr sollen sich die Stadtverordneten am Donnerstag mit den Vorlagen befassen, deren Schicksal noch ungewiß ist. Aus dem Amtsverkündigungsblatt. * Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 75 vom 15. Oktober enthält: Prüfung von Lichtbildvorführern; Erste Anlegung der Handwerksrolle; Reichssteuerüberweisungen; Die Eröffnung des ordentlichen Lehrganges 1929/30 an den landwirtschaftlichen Schulen; Gedenkbuch „Deutsche Einheit — Deutsche Freiheit"; Dienstnachrichten. Litthende Ählbee sind der Ehrgeiz aller Eltern. Ernähren SleZhrKind mit „Kufele"! Sie werden bald sehen, wie eS aufblüht. Nicht dick und aufgedunsen, sondem kemgesund und fröhlich wirb Ihr Kind bei un6 ÄMO. Wasserhochbehälters bei , . . . _ _ Wasserpreises für Großverbraucher, Benennung von Straßen, eine Reihe Dergebunacn von Arbeiten und Lieferungen, Baugesuche und Schankkonzessions- Winter-Ulster 334 U Gebrüder Stamm TRAGT DIE GUTE SCHMÜCKER-KLEIDUNG 7US5A Launsbach, den 14. Oktober 1929. 06346 werden. 06653 bei zu verkaufen. 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Linlragungsfcheine, die nach §79 der Reichsstimmordnung für besondere Anlässe ausgestellt werden können (z. B. wenn ein Eintragungsberechtigter aus zwingenden Gründen während der ganzen Eintragungsfrist sich außerhalb seines Wohnortes aufhält) find nur bis zum 29. Oktober bei der obengenannten Stelle erhältlich. Der Eintragungsberechti§te hat den Grund zur Ausstellung eines Ekntragungsfcheines auf Anfordern glaubhaft zu machen und über feine Berechtigung, den Antrag zu stellen oder den Eintragungsschein in Empfang zu nehmen, sich gehörig auszuweisen. Gießen, den 15. Oktober 1929. Der Oberbürgermeister. I. V.: Dr. Seid. Achtung Fichtendeckrciser Welle 60 Pfennig Letzte Bestellungen nehme ich bis zum 25. Oktober 1929 im 06d4> Oberhessischen Samenhaus Hesemann Telephon 3851, Lindenplatz, entgegen. Geis, Lehnheim. Städtische Lieferung erfolgt nicht. fnitUen Tannen Zu haben in Apotheken, Drogerien und wo Plakate sichtbar. 8488V werden auch beim Rauchen nicht abgestumpft. Siebeseitigen mit 1 bis 2 Kaiser’s Brust-Caramellen den unangenehmen Nikotingeruch, verhüten rauhen Hals und kräftigen Ihre Sprechorgane. Bei Husten. Heiserkeit und Katarrh sind sie das rasch und sicher wirkende Mitte). Mehr als 15 000 Zeugnisse. Beutel 40 Pfg. Dose 90 Pfg. Nehmen Sie nur Kaisers Brust-Car eilen Verkäufe Herren- und Damenfahrrad 4-5-3immer- Bohnung mit Zubehör, auch bcfchlagnabmefrci, gesucht. Schriftliche Angeb. unter 8552D an d. Gieß. Anz. erb. Bekanntmachung. Betr.: Volksbegehren „Freiheitsgesetz". Nachdem die Zulassung des Volksbegehrens mit dem Kennwort „Freiheitsgefetz" genehmigt worden ist, findet das Eintragungsverfahren hierzu in der Zeit vom 16. bis einschließlich 29. Oktober 1929 statt. Während dieser Zeit liegen im Stadthaus, Bergstraße 20, Zimmer 13, an Werktagen van 11 Uhr vormittags bis 7 Uhr nachmittags, an den beiden Sonntagen (20. und 27. Oktober) von 10 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags die Eintragungslisten zur Abgabe von Unterschriften offen. Eintragungsberechtigt ist jeder Stimmberechtigte, der in Gießen das Wahlrecht zum Reichstag hat oder einen besonderen Eintragungsschein besitzt. Durch die Eintragung wird das Begehren ausgedrückt, dem Reichstag einen Gesetzentwurf gegen die Versklavung des deutschen Volkes zu Danksagung. Für die uns bei dem Heimgang unseres lieben Entschlafenen in so reichem Maße erwiesene Anteilnahme sagen wir auf diesem Wege unseren innigsten und herzlichsten Dank. Insbesondere danken wir der Firma Emst Leitz, Wetzlar, allen Vereinen sowie Alters- und Arbeitskollegen für die zahlreiche Beteiligung und die dem Verstorbenen gewidmeten ehrenvollen Nachrufe. Danken wollen wir auch Herrn Pfarrer Capell für die trostreichen Worte und dem Gesangverein „Liedertafel“ für den erhebenden Gesang am Grabe und allen denen, die den Verstorbenen mit Blumen- urtd Kranzspenden so reich bedacht haben. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Frau Katharine Rinn, geb. Forbach. 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Oktober in •Berlin abhielb, stellte er die Erörterung wichtiger sozialpolitischer Probleme in ihrer Wirkung aus die Hauswirfchast. Der Direktor des Landesberufsamts Berlin, Dr. Liebenberg, behandelte die Fragen der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung für die Hauswirtschaft. Er betonte, daß auch heute noch die Berufsncigung der schulentlassenen jungen Mädchen sich nur in geringem Mähe der Hauswirtschaft zuwende. 'Beispielsweise meldeten sich im Fahre 1928/29 nur 84 Mädchen für hauswirtschastliche Arbeit, gegen 562 für die Schneiderei und 1133 für kaufmännische Berufe beim Landesberufsamt 'Berlin. Der sachlichen Ausbildung zur Hausgehilfin im Privathaushalt, wie sie von verschiedenen Hausfrauenverbänden organisiert worden sei, ziehen die Mütter im allgemeinen die Ausbildung in Hauswirtfchafts- schulen vor. Dr. Liebenberg befürwortete dringend eine sogenannte „Bor lehre", wie sie in Frankreich und in Basel sich mit .Erfolg einzu- bürgcrn beginne; d. h. ein Fahr, in dem der Fugendliche die Möglichkeit haben soll, sich erst für einen Beruf zu entscheiden. Die praktische Auswirkung dieser „Vorlehre" geht folgender- mahen vor sich: im ersten Halbjahr hat der I Jugendliche, der in dem von ihm zuerst gewählten Berufe sich nicht heimisch fühlt, nach sechs Wochen Gelegenheit, sich für eine andere Lehre z,i melden, ja auch ein drittes und viertes Mal. Erst für das zweite Halbjahr muh er sich endgültig entscheiden, und wird nun für die eigentliche Berufsarbeit vorgebildet. Für die Mädchen sieht er in einem Vorlehrjahr, das wenigstens zu einem Teil der hauswirtschaftlichen Ausbildung gewidmet werden soll, einen wichtigen Faltor. Die Finanzierung dieses Dorlehrjahres sei in Frankreich durch eine gestaffelte Lehrlingssteuer ermöglicht. Fräulein Clara Mleinek, Dorstandsmitglted der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung gab über den Aufbau der Reichsan st alt und ihre Aufgaben einen Heberblicf. Sie bezeichnete das Verbleiben der Hausgehilfen in der Arbeitslosenversicherung als notwendig. Waren die Teilnehmerinnen der Arbeitstagung in dieser Frage auch anderer Meinung, so stimmten sie der Vortragenden doch gerne zu, als sie auf die Rotwendigkeit hinwies, in allen Gremien des verzweigten Aufbaues der Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung Fraueneinfluh geltend zu machen. Das Gesetz selbst gibt nur eine Sollvorschrist für die Besetzung der Ausschüsse mit Frauen, der durchaus ungenügend Rechnung getragen werde. Die einzelnen weiblichen Abteilungen, die die Arbeitsvermittlung hie und da haben, zeigen ein durchaus erfreuliches Bild und arbeiteten vielfach sehr viel genauer gegen den Mißbrauch der Arbeitslosenunterstützung. In der Diskussion wurde besonders auf diese Mißbräuche verwiesen, die die Schulden der Reichsanstalt, unter denen die Steuerzahler zu leiden haben, verschuldeten. Es wurde eine schärfere Kontrolle und Herausnahme aller berufsüblichen Arbeitslosigkeit aus der Versicherung verlangt. Hatte der Vormittag die Beratung dieser sehr umstrittenen und schwierigen sozialpolitischen Fragen gebracht, so war die Versammlung um so dankbarer, am Rachmittag Frau Hildegard M a r g i s über ihre Eindrücke von einer Ame- rikareise sprechen zu hören, die sie als „Amerikanismus und wir" formulierte. Sie hat drüben mit freundlichen, aber doch auch kritischen Augen die Lebensverhältnisse studiert, hat die amerikanische Hausfrau bei ihrer häuslichen Berufsarbeit aufgesucht, hat die technische und ästhetische Ausgestaltung der amerikanischen Wohnung auf sich wirken lassen und kam zu dem Schluß: wir haben keinen Grund, uns Amerika gegenüber als unterlegen zu empfinden. Auch unser Haushalt ist ja nicht mehr die unermüdlich rasselnde und knarrende Maschine, in deren Bedienung sich die Hausfrau verzehrt, auch wir haben gelernt, Kräfte zu sparen und rationeller zu wirtschaften. Aber selbst wenn wir im Vergleich zur Amerikanerin auch heute noch der Hauswirtschaft mehr Zeit und Kraft geben, so haben wir dafür auch ein Heim, eine Wohnstätte, die uns nicht nur eine Schlafgelegenheit ist, sondern ein Rahmen unserer Persönlichkeit, ilnö was drüben so oft blendet — der große Umsatz, die hohen Löhne —, ist nicht einfach auf unsere Wirtschafts- und Kulturstruktur zu übernehmen. Wir stehen geistig, seelisch und wirtschaftlich unter anderen Bedingungen. Von ihnen aus gesehen, dürfen wir uns getrost an die Seite der amerikanischen Hausfrau stellen. Daß wir gerne lernen und vom Austausch unserer Erfahrungen Brauchbares übernehmen wollen, ist gewiß. Aber nicht kritiklos gepriesene Reuerungen übernehmen, die uns gut dünken, nur weil sie von drüben kommen. Gememdefinanzen und Finanzausgleich. Don Dr. Paul Momberi, 0. ö. Professor der Staatswissenschasten an der Universität Gießen. ii*). 3. DerkommunaleKredit. Cs sind zwei Fälle, in denen unsere öffentlichen Körperschaften auf dem Wege der Kreditaufnahme die Mittel von Geld- und Kapitalmarkt in Anspruch nehmen. Wenn sich ein sog. Kassendesizit ergibt, also to:nn Ausgaben und Einnahmen nicht zusammenfallen und vorübergehend zur Bestreitung gewisser Ausgaben die Mittel fehlen, bann wird in der Regel ein kurzfristiger Kredit ausgenommen. Das RKch be- giebt zu diesem Zwecke Schahanweisungen, die Gemeinden nehmen in der Regel kurzfristige Mittel bei Banken ober Sparkassen auf. Das sind Rotwendigkeiten, vor welche sich öffentliche Körperschaften immer wieder gestellt sehen. Etwas ganz anderes ist es, wenn es sich um ein sog. budgetmäßiges Defizit handelt, d. h. wenn nach dem Voranschlag die Einnahmen zur Bestreitung der Ausgaben nicht ausreichen. Wo das der Fall ist, da kann man den Kreditmarkt in Anspruch nehmen, wenn es sich um außerordentliche Ausgaben oder um Ausgaben für werbende Zwecke handelt. Liegen solche Ausgaben jedoch nicht vor, dann muß man entweder in den Ausgaben zurückhalten oder zu ihrer Deckung für ordentliche regelmäßige Einnahmen Sorge tragen. Aber auch bei außerordentlichen Ausgaben ist immer zu beachten, daß bei der Ausnahme einer Anleihe die folgenden Fahre mit den Zinsen und Tilgungsquoten dafür belastet werden. Das ist vor allem in der Gegenwart zu beachten, in der die Gemeinden im allgemeinen 9 und mehr Prozent Zins für ihre Anleihen bewilligen müssen. Man hat deshalb gerade neuerdings von kompetenter Seite immer wieder daraus hingewiesen, daß sich die Stadtgemeinden bei der Aufnahme von Anleihen d i e allergrößte Zurückhaltung auferlegen müffen. Wenn man die Aufstellungen betrachtet, die das Statistifche Reichsamt über die Kummunalkre- dite in den letzten Fahren vorgenommen hat, dann erkennt man, daß diefe Zurückhaltung doch nicht überall in dem wünfchenswerten Maße stattgefunden hat. Betrachten wir zunächst einmal die Entwicklung des Kommunalkredits in neuerer Zwecke: Zeit. Von 1000 Mark der aufgenommenen Kredite in den Jahren 1924—27 entfielen bei den Gemeinden mit über 10 000 Einwohnern auf nebenstehende Mk. 1. Ausgaben für werbende und wirtschaftliche Zwecke 625 Darunter: Mk. Wohnung und Siedelung 213 Straßen, Wege und Wasserstraßen 125 Verkehrsunternehmungen 78 Versorgungsbetriebe 144 Sonstige Unternehmungen und Betriebe 65 2. Ausgaben f/r Vermögensverwaltung und Grundbesitz 106 3. Sonstige Aus. iben für Verwaltungszwecke und dergleichen 269 Dis zum 1. März dieses Jahres hatte die Reu- verschuldnug der Gemeinden mit über 25 000 Ein- * Vgl. Artikel in Nr. 240 vom 12. Oktober 1929. wohnern nahezu wieder 4 Milliarden Mark erreicht. Aber in der Zunahme dieser langfristigen Schulden liegt nicht das einzige Problem der kommunalen Anleihepolitik. Für die Aufnahmen von Anleihen lagen in den letzten Jahren in Deutschland aus bekannten Gründen die Verhältnisse äußerst ungünstig. Demgegenüber war bei dem Mangel an ordentlichen Einnahmen der Bedarf der Gemeinden nach der Aufnahme von Anleihen ziemlich groß. Man hatte vielfach damit gerechnet, daß nach der Einigung in der Repara- tionssrage die Kapitalbeschaffung wieder leichter würde, und hatte, in der Hoffnung, in nicht allzu langer Zeit mit langfristigen Anleihen die Mittel zu ihrer Rückzahlung zu erhalten, bei Banken, Sparkaffen und dergleichen kurzfristige Kredite aufgenommen. Am 31. März dieses Jahres betrug diese kurzfristige Verschuldung der deutschen Städte mit über* 25 000 Einwohnern 824 Millionen Mark. Die Hoffnung dagegen, durch Ausgabe langfristiger Anleihen diefe kurzfristigen Schulden zurückzahlen zu können, hat fich für die meisten Städte nicht erfüllt. Damit ergeben sich für eine ganze Reihe von Städten beträchtliche Schwierigkeiten. Man hat fchon von der Gefahr einer Entkommu- nalisierung der deutschen Städte gesprochen und in einer Reihe von Städten zeigen sich deutliche Ansätze dazu. Andere Städte — wie neuerdings sogar Berlin — haben aus Mangel an Mitteln ihr Dauprogramm erheblich einschrärcken müssen. Aus diesen Gründen ist bei der Aufnahme von Anleihen, vor allem von kurzfristigen Schulden, vonseiten der Gemeinden die allerfchärsste Selbstdisziplin nötig. Man hat eine gemeinsame kommunel:SelbstkonlroUe vorgeschlagen, ohne daß aber auf diesem Geb.ele k is'er etwas P si.iv s erreicht worden wäre. Wo diese Selbstdisziplin fehlt, dort wird man mit staatlichen Eingriffen und einer weiteren Einbuße der gemeindlichen Selbstverwaltung zu rechnen haben. Es ist auch durchaus mit der Gefahr zu rechnen, daß eine unvorsichtige Finanzpolitik zur Aufgabe von Eigenbetrieben zwingt und daß damit vieles verloren gebt, das in den letzten Jahrzehnten auf diesen Gebieten erreicht wurde. Freilich, wenn unsere Gemeinden heute in so ausgedehntem Maße kurzfristige Mittel aufnehmen, so hängt dies ebenfalls wieder zum Teil damit zusammen, daß die laufenden Einnahmen zur Deckung der gestellten Ausgaben nicht genügen. Auch unter diefem Gesichtspunkt stößt man demnach wieder auf das Problem der Ausgaben und Einnahmen. So führt uns diese Betrachtung vor allem zu der Frage hinüber, auf welchen Wegen die ordentlichen Einnahmen der Städte erhöht werden können. Es handelt fich hier um das Problem des fog. Finanzausgleichs. 4. Der Finanzausgleich. Bei dem Finanzausgleich handelt es fich um die gegenfeitige Abgrenzung der Steuerhoheit, vor allem zwischen Reich, Ländern und Gemeinden. Vom Standpunkt der Städte aus handelt es sich hier in erster Linie um die Einkommens- und Körperschafts st euer. I Das Verlangen der Städte geht dahin, das Recht zu erhalten, zu der Einkommensteuer in I selbständiger Weise einen Zuschlag zu erheben. Es besteht kein Zweifel darüber, daß sich bei der endgültigen Regelung dieser Frage in sten Monaten um diese Forderung ein lebhafter Kampf entspinnen wird. Dieser Wunsch der Städte nach einem solchen Zuschlagsrecht wird vornehmlich mit der starken Anspannung ihrer Finanzen und ferner damit begründet, daß allein auf Grund eines solchen Zufchlagsrechtes em Abbau der s 0 hochangespan nie n Real steuern möglich sei. Man hat auch schon darauf hingewiesen, daß damit die finanzielle Selb st Verantwortung dor Gemeinden einen Zuwachs erfahre und daß gerade mit dem Maß dieser Selbstverantwortung in den Gemeinden ein Antrieb zu größerer Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit entstehen müsse. Demgegenüber werden vor allem gegen diese Forderung der Gemeinden zwei Lieberlegungen ins Feld geführt. Man weist einmal darauf hin. daß die Einkommenssteuer, besonders auch in Len mittleren und höheren Einkommensstufen, so stark angespannt sei, daß Zuschläge daraus sich nicht mehr durchführen liehen. Hören wir doch auch gerade, daß die Reichsregierung sogar einen Abbau der Einkommenssteuer in den höheren Stufen beabsichtigt. Das zweite Argument, das gegen diese Forderung vorgebracht wird, beruht darauf, daß man glaubt, infolge der politischen Zusammensetzung der meisten Gemeindeparlamente sei mit der Gefahr eines gewissen «Steuer* radi kalismus zu rechnen. Denn es sei unvermeidlich, daß diejenigen Gruppen der Bevölkerung, die nur toeng Einkommenssteuer zahlen, über die Zuschläge zu den höheren Einkommen beschließen würden. Das sind in der Hauptsache die Gründe, die man für oder gegen diese «Sortierung anführt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf ihre Berechtigung genauer einzugehen. Cs sei nur darauf hingewiesen, daß es immerhin gewisse Möglichkeiten gibt, zu einem Ausgleich dieser gegensätzlichen Standpunkte zu gelangen und daß es auch den Anschein hat. als ob die kommende Reichssteuerreform diesen Weg einschlagen werde. , Es handelt sich dabei darum, daß derartige Zuschläge der Gemeinden zur Einkommenssteuer nicht in progressiver Form erfolgen, sondern entweder proportional alle Einkommen in gleicher Weise treffen oder daß sogar ein sog. kopfsteuerartiger Derwaltungszu- schlag auf alle Schichten der Bevölkerung m gleicher Weise, wie er bereits in Bayern besteht, allen Stadtgemeinden zugestanden wird. Dann würden auch die Schichten der Bevölkerung, die über die Steuern mitbeschliehen, an diesen Steuern mitzuzahlen haben. Das sind jedenfalls Möglichkeiten und Vorschläge, über die es noch zu lebhaften Auseinandersetzungen kommen wird. Denn es ist nicht zu bezweifeln, daß solch kopfsteuerartige Zuschläge sozial ihre recht bedenklichen Seiten haben. Allerdings ist mit der Lösung dieser Probleme die Frage des kommenden Finanzausgleichs noch nicht erschöpft. Es handelt sich hierbei auch um Fragen, deren Bedeutung im allgemeinen in der größeren Öffentlichkeit nicht immer genügend gewürdigt wird. Gemeint ist hier die Frage eines interkommunalen Lastenausgleichs. Der Schlüssel, nach dem heute bestimmte Steuern an die Länder und Gemeinden verteilt werden, bemißt sich auch in hohem Maße nach den Beträgen, die aus den Einzelgemeinden selbst für die betreffenden Steuern geleistet worden sind. Run gibt es besonders leistungsschwache Gemeinden, deren Bewohner nur relativ wenig an diesen Steuern zahlen können, Gemeinden, die also auch einen relativ geringen Anteil an den Steuern wiedererhalten. Es sind das vielleicht die gleichen Gemeinden, die als Folge der besonderen Zusammensetzung ihrer Bevölkerung, wie wir oben sahen, sehr große Ausgaben haben. Bereits das geltende Finanzaus- gleichsgeseh hat vorgesehen, daß die Länder auf bestimmten Gebieten der Ausgaben einen inter- kommunalen Lastenausgleich herbeiführen sollen. Das ist bis heute für wichtige Gebiete noch nicht in ausreichendem Maße geschehen und in der Eine bayerische Geschichte. Don Franz Carl Endres. (Nachdruck verboten.) Irgendwo in den bayerischen Bergen, wo sich dunkle Tannenwälder in blauer Seeflut spiegeln, steht auf halber r -rgeshöhe das Haus, vor dem sich in meiner Jugend ein sehr merkwürdiger Vorfall abspielte. Das Haus lag zwischen der Villa, in der meine Eltern wohnten, und dem Bauerngehöft, in dem ich meine Ferien zubrachte. Ganz einsam zwischen Weideland und Wald liegt dieses Haus, in dem vor Zeiten drei sehr schöne Mädchen mit ihrer alten Mutter wohnten. Ich kam oft an dem Hause vorüber, scherzte wohl auch gern mit den Drei und lieber noch mit einer, aber es geschah alles in Ehren, und mein Herz war damals in München viel zu stark gefesselt und verpfändet, als daß ich regelrecht verliebt gewesen wäre in eine der Drei. Das muß ich vorausschicken, sonst glauben mir meine Leser diese wahre Geschichte nicht. Ich kam jede Nacht, so um die zwölfte Stunde, wenn ich von der Villa nac Hause ging, dort vorbei. Aber ich habe nie „gefenfterlt". Beim Barte des Propheten I Das Haus der drei Mäderln lag jedesmal schwarz und stumm und still zu meiner'Linken, wenn ich heimwanderte. Es war ein einsamer und nachts vielleicht für nervöse Gemüter etwas unheimlicher Weg. Einmal, es war ein gewittriger Abend gewesen, und die Nacht war nur ab und zu vom Mond, den immer wieder Wolken verhüllten, etwas erhellt, und ging ich in tiefen Gedanken diesen Weg. Da war es mir, als ob ein Mensch in meiner Nähe sei. Ich siihle das meist, bevor mich meine schlechten Augen vergewissern. Ich blickte auf und sah an der kleinen Brücke, die einen Bergbach überquert, etwas Schwär- zes kauern. Gehe darauf zu, und im selben Augenblick springt mir ein Mensch mit erhobenem und gezogenem Messe, an die Kehle. „Du mußt hin werden", rief er freundlich und vielversprechend aus. In solchen Augenblicken fragt man den anderen nicht, warum man denn nun eigentlich „hin werden" soll. Auch ich tat das nicht, sondern schwang meinen schweren Stock und wirbelte ihn dem Kerl mit solcher Gewalt auf den Kopf, daß ich nur einen Schrei und ein Unstollen ber G-stolt feltltcllen konnte. Ein Raubanfall also, dachte ich mir, und da ich nicht wußte, wieviel an der Sache beteiligt waren, so kümmerte ich mich nicht um den Niedergeschlagenen, sondern ging durch den großen, gerade an dieser Stelle beginnenden Wald meiner Behausung zu. Sehr gemütlich war mir nicht zu Mute. Ich weckte meinen Bauern, und wir nahmen seinen Hund mit, gingen zurück und suchten die Stelle ab. Es war nichts mehr zu finden. Die Spur ging in den Bach, wo sie der Hund verlor. „Ja, ja," sagte der Bauer, „dös Fensterln hat seine Mucken, wenn der andere dazukimmt." Ich versicherte ebenso lebhaft wie vollkommen vergeblich, daß ich nicht gefenfterlt hätte. „Kannst es ruhig sagen," war des Bauern Antwort, „mir gefallt dös Madl auch." Er war nicht zu bekehren. Am anderen Tage traf ich die Resel, die hübscheste von den Dreien. Die sah mich etwas scheu, aber mit sichtlicher Bewunderung an. Und nach acht Tagen waren wir so weit, daß ich hätte fensterln können. Mein zu Ende gegangener Urlaub rettete unsere gemeinsame Tugend. Es war das letzte Jahr, in dem ich den. Sommer in meiner Bergheimat zubrachte. Als ich wieder tarn, waren zwanzig Jahre vergangen. Ich besuchte mit einem wehmütigen Empfinden alle Stätten meiner Jugenderinnerungen. Meine Eltern waren tot, fremde Leute in der Villa, überall fremde Gesichter. Es war die alte Heimat nicht mehr. Ich saß beim Bootsbauer am Strand und sah auf den blauen See hinaus. Ein Bauer saß neben mir, mit sonnenverbranntem Gesicht und Runzeln um den schmallippigen Mund. Wir tarnen ins Gespräch. Ich fragte nach den Drei Mädchen. Sie sind alle drei verheiratet, sind behäbige Bäuerinnen und haben eine Unzahl von Kindern. Da fällt mir auch die Geschichte von dem Ueberfall ein, und ich erzähle sie dem Bauern. Der schaut mich von unten ganz schief an und schmunzelt. „Hast du nit gefenfterlt damals?" fragte er. „Aber gewiß nicht," sage ich, „ich bin nur jede Nacht an der Resel ihrem Haus vorbeigekommen, weil es zwischen der Villa und meinem Bauern log. „Ganz dösselbe sagt die Resel auch," sängt der Bauer nach einer Zeit der Uebcrlegung wieder an. „Und ich hab's ihr geglaubt. Na wird's fcho stimmen." „Die Resel?" frage ich. „Ich habe doch gheiratet die Resel", sagt der Bauer. „Ja — und —" Mir schwant etwas. „Ich bin berfelbige gewesn, den du so damisch verschlagen hast, du Sakradi," lacht der Bauer. „Aber es is hübsch lang her, und du hast ganz recht qhabt, i hätt di derstochen, weil i a so schandbare Wut auf dich ghabt hab." Der Bauer reckt mir seine Hand hin. „Drei Wochen bin i mitn Kopfoerband rumglaufen und hab nix sagen dürfen, denn sonst hätt mich die Polizei auch noch verwischt. Du, sag, hast du heut noch die Kraft von damals?" „Probieren mir's!" rufe ich und werfe die Joppe ab zum Ringen. „Damischer Teufi," lacht der Bauer, „mir sand doch alte Leut gewordn. Trink mer liaber a Maß zsamm." Und so geschah es, und alles ist vergessen, und wir sind gute Freunde. Studium der Laudwrrtschast. Zu dem Artikel „Was kann man studieren?", in der HochschiUbeilage vom 12. d. M., wird uns ergänzend aus hiesigen Hochschulkreisen geschrieben: Hinsichtlich der Möglichkeit, das Studium der Landwirtschaft zu betreiben, wäre einiges hinzuzufügen: Landwirtschaft wird nicht nur an den mit Jmmatrikulativns- und Promotionsrecht ausgestatteten und daher selbständigen vier landwirtschaftlichen Hochschulen — Berlin, Bonn-Poppelsdorf, Hohenheim und Weihen- stephan — studiert, sondern außerdem an neun Llniversitäten — Königsberg. Breslau, Kiel, Halle, Leipzig, Jena, Göttingen, München, und nicht zuletzt Gießen. Diese Universitäten sind also mit landwirtschaftlichen Instituten ausgestattet, die in derselben Weise zur Alma matcr gehören, wie jedes andere Llniversitäts-Jnstitut. Beide Einrichtungen, die selbständigen Landwirtschaftlichen Hochschulen sowohl, als auch die Landwirtschaftlichen Universitäts-Institute haben ihre Vorzüge. — Bei der ersteren sind die Hilfsoder Grundwissenschaften (Chemie, Physik, Botanik, Zoologie, Geologie, Mineralogie) durch eigne Lehrkräfte vertreten, und es werden diefe Fächer, besonders auf die Landwirtschaft zugeschnitten, vorgetragen. An den Universitäten mit landwirtschaftlichen Instituten besuchen die der Landwirtschaft Beflissenen zunächst die auch von anderen Studierenden benötigten, genannten Vorlesungen der Grundwissenschaften, welche an jeder Universität gelehrt werden, um dann nach dem Dorexamen die Hauptwissenschaften, für die Vertreter eben an jedem Landwirtschaftlichen Institut vorhanden sind, zu hören. Die an einer Universität Landwirtschaft Studierenden haben daher Gelegenheit, die Möglichkeiten einer Universitas litcrarum zu genießen und andere sie interessierende und für die Allgemeinbildung bedeutsame Vorlesungen zu belegen. Ganz besonders günstig ist man ja auch in Gießen daran, insofern als die den Landwirt angehende Tiermedizin und Forstwissenschaft, welche hier so hervorragend vertreten sind, geboten wird. Auskunft. Wenn man in Berlin W noch einer Straße fragt, kratzt sich der Gefragte gewöhnlich erst am Kopfe, besinnt sich, wie er uns die schwierige Sache explizieren könne. In Württemberg stieg ein dicker Herr, um mir einen richtigen Weg zu beschreiben, sogar über einen Gartenzaun... und in Neapel unterbrach ein Mann, der auf einem Briefkasten Toilette machte, sogar seine Rasierarbeit und wies mir mit dem Stamm die Richtung, die sich später zwar als falsch erwies. Soviel Zeit hat ein Berliner nicht. Er hat es immer eilig, aber ist immer bereit, Auskunft zu geben. Es tann ja nicht jeder in Berlin geboren sein... Nicht wahr? Es darf nur keine Minute Zeit kosten... Ich bin leider selbst nicht von hier! Diese höfliche Ausrede hört man hier nicht... Der Berliner belehrt gern; es ist eine Leidenschaft von ihm, andere zu unterweisen. Er gibt die Auskunft knapp, wie aus der Pistole geschossen, und wenn man sie nicht sofort begreift, hält er Sie für einen Schwachsinnigen... und läßt Sie stehen. Aber er hält auf Ordnung, auch beim Auskunftgeben. „Dafor is der Jriene da", sagte mir ein Straßenkehrer und wies mit seinem Besen über die Straße, wo ein Schutzmann stand... Und das Telephonfräulein ist höchst indigniert, wenn man etwas nicht versteht... Wann fährt der erste Zug nach Oberhof, Fräulein? ... Um halb sieben Uhr ... Ach, so früh?... Ist das vielleicht früh?, kommt es in verweisendem Ton zurück... Oder man meldet: „Fräulein, das Postamt antwortet nicht!" — „Da kann i ch doch nicht dafür!" tönt es zurück. Im allgemeinen geben die Berliner gern Bescheid, und wenn er falsch ist, lieber, als daß sie sich nachsagen lassen, sie kennen Berlin nicht wie ihre Westen- wjche... Liesbet DiU. 2 Teller Abturnen -es Turnvereins 1846 Jahren. Durchführung dieser Aufgabe liegt eine weitere Aufgabe der kommenden Steuergesetzgebung. Es wurde oben der Ausdruck ..endgültiger Finanzausgleich" gebraucht. Die letzten Finanz- ausgleichsgesetze waren immer nur vorläufig und wurden nur $ür relativ kurze Zeit beschlossen. Das Halle seine wesentliche Ursache darin, daß die Finanzen des Reiches selbst in den letzten Jahren noch keine definitive Ordnung erfahren konnten, weil die Höhe der Reparationsleistungen in chrer Gesamtsumme noch unbekannt waren. Rach der Annahme des Poung-Planes wird das anders sein und wir werden im nächsten Jahre mit einem gründlichen Um- und Neubau der Reichssteuergeleygebung zu rechnen haben. Don dem. was hier beschlossen und neu geschaffen wird, muh in entscheidender Weise die Art des Finanzausgleichs abhängen, wie sie dann zustande kommen wird. Finanzen und Steuern von Reich, Ländern und Gerne mden stehen eben bei uns in einem inneren organischen Zusammenhang. Man spricht davon, daß es zu Senkungen der Einkommen» und Realsteuern kommen wird, und dafür starke Erhöhungen, besonders der Alkoholbesteuerung, eintreten werden. Auf dieser Grundlage ist es durchaus möglich, daß damit auch andere Einnahmemöglichkeiten, z. B. Zuschläge zu den Alkoholsteuern, für die Gemeinden geschaffen werden. Mit dieser kommenden Neuordnung der Reichsfinanzen hängt es zusammen, daß es heute noch nicht möglich ist, sich ein geiraueres Bild der neuen Einnahmen zu machen, die dann unseren Gemeinden zufallen. 26 P. Schüler von 12 bis 14 Döpfer, 106 P.; 9. Hans Habicht, 104 P.; 10. Reinh. Klotz, 99 P.; 11. Erich Euler, 94 P.; 12. Heinz Decker. 85 P.: 13. Willi Balzer, 83 P. Turnerinnen: Ehrensieg R. Philipp 149 P.; 1. Sieg Tilly Hammel, 147 P; 2. Emmy Münnich und Martha Decker, je 144 P.; 3. Hedwig Döcher, 135 P.: 4. Käthe Preist, 131 P.; 5. Emmi Schupp, 122 P; 6. Else Leinweber, 115 P.; 7. Erna Schäfer und Anni Schmidt, je 114 P; 8. Elisabeth Seifert, 112 P.; 9. Derta Döcher, 109 P., 10. Käthe Fuchs, 103 P. Schülerinn en. l.Sieg Agnes Schneider mit 153 Punkten; 2. Helena Schneider mit 145 P.; 3. Else Wagner mit 133 P: 4. Erika Honig und Liselotte Herbert mit je 126 P.; 5. Anni Kampf mit 118 P.; 6. Käthe Müller mit 116 P.; 7. Wilma Leipold mit 114 P.; 8. Gustel Balser mit 112 P.; 9. Else Kompf mit 110 P.: 10. Emmi Ellermeier mit 107 P.; 11. Johanna Koch, Hedwig Schneider und A. Theis mit je 104 P.; 12. Charlotte Dogler mit 100 P. Mehrkampf: Schwimmen u. Springen. Schüler von 9 b i s 12 Jahren. l.Sieg Heinz Köhlinger mit 39'/2 Punkten; 2. M. Münnich mit 35'/, P.; 3. Erwin Horeyseck mit 32'/» P-: 4. Erich Henkel mit 30 P.; 5. C. Doller mit 29'/2 P. Schülerinnen von 9 b i s 12 Jahren. l.Sieg Kompf mit 40'/, Punkten; 2. Funke mit 1. «Sieg Ernst Weeg mit 33 Punkten; 2. Kompf mit 24 P. Schülerinnen von 12 bis 14 Jahren. l.Sieg Kompf mit 30'/, Punkten. Jugendturner von 15bis16 Jahren. 1. (Sieg Hans Stommel mit 34'/, Punkten; 2. Karl Doller mit 26'/° P. Jugendturnerinnen von 16 bis 17 Jahren. 1. Sieg Herta Graulich mit 33 Punkten; 2. Elisabeth (Sied mit 31 P.; 3. Marie Schardt mit 25'/, P. Jugendturnervon 16bis17 Jahren. 1- Sieg Otto Kern mit 39*/2 Punkten; Fritz Werner mit 54 P. (außer Konkurrenz). 2 Dahnen Dru st schwimmen. Iugendturnerinnen von 16 bis 17 Jahren. l.Sieg Elisabeth Schmitt mit 38,5 Sekunden; 2. Herta Graulich mit 40,5 Sek.; 3. Gertrud Schwarz mit 40,8 Sek.; 4. Elisabeth (Sied mit 42,5 Sek.; 5. Marie Schardt mit 44,8 Sekunden. Dolksturnen. Turner (Sechskampf). 1. Sieg Erich Dil- ges mit 236 Punkten; 2. Willi Reitz mit 182 P.; 3. Franz Müller mit 181 P.; 4. Walter Loh mit 173 P. Jugendturner (Sechskampf). l.Sieg Otto Jüngst mit 198 Punkten; 2. Dagobert Lehrmund mit 135 P.; 3. Wolfgang Brehm mit 117 P.; 4. Wilhelm Hanke mit 94 P. Turnerinnen (Dierkampf). l.Sieg Mathilde Koch mit 96 Punkten; 2. Ria Philipp mit 91 P.; 3. Friedel Münnich mit 81 P.; 4. Emmi Münnich und Käthe Preis mit je 78 P.; 5. Lotti Mohr mit 70 P.; 6. Toni Hardt mit 68 P.; 7. Anna Schmidt mit 61 P. Das diesjährige Abturnen des Turn- Dereins von 1846 Gießen fand am Sonntag statt. Die Sch w i mm k ä mp f e , sowie das Volksturnen aller Abteilungen fanden bereits am Donnerstag abend im Dolksbad bzw. am Samstag nachmittag auf dem älniver- sitäts-Turn- und Sport-Platz statt. Da dem Leiter des Abturnens, Oberturnwart Erb, genügend Kampfrichter zur Verfügung standen, wickelte sich der am Sonntag vormittag in der Turnhalle stattgesundene Gerätewettkampf in verhältnismäßig kurzer Zeit reibungslos ab. Weil nahezu der gesamte Vorstand des T.--V. 1846 bei. der Durchführung des am Nachmittag in der Dolishalle stattfindenden Kunstturn-Wettkampfes der Turngaue Frankfurt, Rhein-Mosel und Hessen tätig sein mußte, war die beschleunigte Abwickelung notwendig geworden. In den Turnabteilungen waren erstmalig in diesem Jahre zwei Abteilungen, Altersturner bis 45 Jahre und 46 Jahre unZ) darüber, eingegliedert worden. Diese Neuerung wurde beifällig ausgenommen. Am Abend fand in der Turnhalle des Vereins 1846 eine kleine Abschlußfeier mit anschließender Siegerverkündung statt. Als Gauvertreter war Turner Schneider (Butzbach) anwesend. Der 1. Sprecher begrüßte die Festversammlung; mit großer Befriedigung wurde die Mitteilung ausgenommen, daß der Gesamtvorstand beschlossen hatte, den Gauvertreter Schneider zum Ehrenmitglied des T.-D. 1846 Gießen zu ernennen. Mit bewegten Worten dankte dieser für die hohe Ehre. Außerdem überreichte der Gauvertreter Schneider — der mit dem 1. Zwölfkampfsieger des Deutschen Turnfestes 1928, Karl Reuter, mehrere Wochen in Amerika weilte — eine diesem zugedachte goldene Medaille des Nordamerikanischen Turnerbundes. Im übrigen war der Abend ausgefüllt mit turnerischen Vorführungen, Musikstücken und anschließendem Tanz. Die Sieger der einzelnen Wettkämpfe sind: Altersturner: 46 Jahre und älter (Vierkampf): Ernst Jung, 1. Sieg (50 Jahre), Emil Marx, 2. Sieg (55 Jahre), Louis Vogt, 3. Sieg (47 Jahre), Robert Bouffier, 4. Sieg (45 Jahre), Wilhelm Erle, 5. Sieg (58 Jahre), Wilhelm Dapper, 6. Sieg (70 Jahre), Hermann Euler, 7. Sieg (57 Jahre). Altersturner, 35 bis 45 Jahre alt (Vierkampf): 1. Sieg Peter Grimm (35 Jahre) und Franz Sauer (35 Jahre), je 89 Punkte; 2. Karl Müller (37 I.), 73 P.; 3. Gustav Pfeiffer (39 I.), 67 P.; 4. Ludwig Petri (39 I.), 59 P. Auster Wettbewerb: 1. Hermann Neuster. 98 P.; 2. Karl Strack, 89 P.; 3. Ernst Freitag, 77 P. Jugend: 1. Sieg Otto Kern, 157 Punkte; 2. Max Hardt. 156 P.; 3. Ludwig Lotz. 144 P; 4. Karl Schöndorf, 141 P.; 5. Frdch. Brück, 139 P.; 6. L. Herbert. 134 P.; 7. Karl Habicht, 133 P.; 8. Hrch. Herbert, 125 P.; 9. Karl Schäfer, 104 P. Schüler: 1. Sieg Willi Ellermeier, 155 P.; 2. Willi Habicht, 145 P; 3. Hans Happel, 136 P.; 4. Helmuth Fleischmann, 127 P.; 5. Heinrich Happel, 125 P.; 6. Erwin Horeyseck, 119 P.; 7. Heinz Köhlinger, 113 P.; Walter | Aus der provinzialhauptstadt. Gießen, den 16. Oktober 1929. •* Der Bund f ü r koloniale Erneuerung, Ortsgruppe Gießen, veranstaltete am Donnerstagabend im Kaufmännischen Vereinshaus einen Vortragsabend, bei dem Regierungsrat Dr. Donnert- Berlin über „Die gegenwärtige kolonialpolitische Lage" sprach. Der Redner erläuterte zunächst die Art und Weise, wie man s. Zt. Deutschland die Fähigkeit absprechen wollte, seine Kolonien ordnungsmäßig zu verwalten, wie man insbesondere mit allen Mitteln versuchte, unsere Kolonien auf immer zu annektieren. Da dies dank der vortrefflichen Haltung der deutschen Farmer und teilweise auch der Eingeborenen nicht möglich war, habe man unsere Kolonien zunächst als Mandatsgebiet er- klärt, mit dem bestimmten Ziel, die Annektion mit Hilfe der dortigen Bevölkerung doch durchzusetzen. Zunächst habe man versucht, mit einer Abstimmung zum Ziele zu kommen, die aber infolge der günstigen Stimmung für Deutschland abgebrochen wurde. Auch die versuchte Einführung von arbeitsscheuen Elementen in Südwestafrika, die Wegnahme der deutschen Schulen, sowie die Zahlung von Prämien für den Besuch englischer Schulen hätten dank der Zähigkeit der deutschen Farmer nicht zum Ziele geführt. Allerdings seien die durch ein solches Vorgehen auf kulturellem Gebiet bestehenden Gefahren außerordentlich groß. Auch durch die Sperrung der Grenzen seien die dortigen Farmer wirtschaftlich schwer geschädigt und teilweise gezwungen, die Bewirtschaftung der Farm Frau und Kind zu überlassen und zur Beschaffung von Bargeld als Arbeiter zu gehen. Der Redner wies dann weiter auf die ungerechte Behandlung der Ausländsdeutschen in unseren früheren Kolonien gegenüber den Engländern und Duren hin, die sich besonders beim Wahlrecht auswirke und den Zweck habe, im Parlament entscheidenden englischen Einfluß auszuüben, mit dem Ziel der Annektion der Kolonien. Dieses Destreben könne nur verhindert werden, wenn Deutschland sich mit aller Macht für seine Kolonien einsehe. Der Redner besprach dann die Frage: „Sind es unsere Kolonien wert, daß wir für deren Wiedererlangung kämpfen?", und stellte fest, daß die Kolonien, abgesehen von der Beschaffung von Rohstoffen, der Erschließung weiterer Absatzgebiete und der weiteren Möglichkeit der Auswanderung, reiche Schätze besitzen, die dazu beitragen, daß keinerlei Zuschüsse für die Kolonien zu leisten seien. Im übrigen sei damit zu rechnen, daß die Möglichkeit der Rohstoffbeschaffung und des Absatzes von Fertigfabrikaten für Deutschland immer geringer werde, so daß wir für die Folge noch mehr als seither auf unsere Kolonien angewiesen seien. Der Redner schloß mit dem Hinweis, daß der Kampf unserer deutschen Brüder in den Kolonien nicht an der Lauheit des deutschen Volkes scheitern dürfe. An den Vortrag schloß sich eine interessante Aussprache an. ** DerAlicefrauenverein vom Roten Kreuz veranstaltete in Verbindung mit dem Bund „Haus und Schule" am letzten Samstag einen Vor- trasabend im großen Hörsaal unserer Universität, tjrau d o n Glan aus Pinneberg in Schleswig- Holstein, die zweite Verbandsvorsitzend« des Nord- verbandes des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes, sprach über das Thema: „Erziehung in der Familie als Schutz gegen Immoralität". Sie stellte die Frau und Mutter als Hüterin von Sitte und Sittlichkeit in den Mittelpunkt ihrer Rede, indem sie etwa folgendes ausführte: Unsere Zeit sei vollkommen materialistisch eingestellt. Dieser Umstand führe notgedrungen zu einem Zerfall des „Jchs". Wenn Goethe einst sagte: „Höchstes Glück der Erdenkinder ist die Persönlichkeit", so müsse uns ein Blick in die Erzeugnisse unserer heutigen Literatur eines anderen belehren. Ein Buch wie „9m Westen nichts Vleues sei nicht wert, daß es in die Hand eines jungen Mädchens oder jungen Mannes, einer Frau oder eines Mannes komme. Die Art, in der in die- -U • gotisch« Dinge herangebracht würden, übersteige jegliches Maß der Schamlosigkeit. Ebenso sei em Buch wie „Die Kameradschaftsehe" zum mindesten unchristlich und antisozial. Solch« Bücher forderten zum schärfsten Protest der deutschen Frauen heraus. Dem Zerfall des „9chs" folge der Zerfall der Gemeinschaft. An Stelle der Gemeinschaft trete die Masse. Letztere sei hier nicht als istand aufzufassen, sondern zur Masse gehör« jeder, ob hoch oder niedrig, ob gebildet oder ungebildet, der seine Persönlichkeit verloren habe. Die Masse stehe infolge des Jchzerfalls in natürlicher Feindschaft gegen Gott. Darum müsse der Gottesglaube in unserem Volke geweckt und gepflegt werden. Mit dem Zerfall der Gemeinschaft gehe weiter der Sexualzerfall Hand in Hand. Di« Ehe sei gepflegte Geschlechtsgemeinschaft. Das Eheleben unserer Tage sei im Zerfall begriffen. Ehescheidungen und Geburtenrückgang reden in dieser Beziehung eine deutliche Sprache. 9m 9ahre 1880 kamen auf 1000 Ehen 307 Geburten, im Fahre 1926 nur noch 138. Dieser Geburtenrückgang müsse zu einer Bevölkerungsabnahme führen, die sich in 30 bis 40 9ahren auswirken und weitere ungünstige Folgeerscheinungen für unser Volk zeitigen müsse. Gegenwärtig sei in Deutschland ein Frauenüberschuß von 2 Millionen vorhanden, in etwa 35 Jahren werde umgekehrt ein etwa doppelt so großer Ueberschuß von Männern eintreten. Schwere wirtschaftliche Kämpfe beider Geschlechter, bei denen die Frau aus der Berufstätigkeit herausgedrängt werde, könnten nicht ausblei- bcn. Dazu komme die Ueberalterung unseres Volkes. 1927 waren 31 Millionen alte Leute, das sind solche über 65 9ahr«, in Deutschland vorhanden, in etwa 30 Jahren werde die Zahl auf ungefähr 81 Millionen steigen. Diese angemessen zu versorgen werde auch der geschicktesten sozialen Gesetzgebung nicht mehr gelingen. Zu dieser Ueberalterung werde endlich eine Uebcrfremtuing treten. Einer unausbleiblichen Ueberflutung durch die gelben Völker Asiens mit ihrem Geburtenüberschuß würden wir nicht standhalten können. Mit einem warmen Appell an die Anwesenden, doch alles zu tun, was diese Zerfallserscheinungen aufhalten könne, schloß die Rednerin ihren Vortrag, der, von hohem sittlichen Ernst getragen, einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer machte. ** Der Gesangverein „Heiterkeit" hielt am Samstagabend in der Turnhalle einen Familienabend ab. Der prächtig dekorierte Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das reichhaltige Programm brachte zunächst eine Reihe guter musikalischer Darbietungen der Kapelle Weller-Cinbrod. Der Vorsitzende Berber wies in seiner Begrüßungsansprache auf die in jahrzehntelanger Zugehörigkeit zum Verein bewiesene treue Anhänglichkeit zahlreicher alter Mitglieder hin und forderte die jüngere Generation zur Nacheiferung auf. Der prächtige Chor des Dereins, der sich in den letzten Iobren aufier. ordentlich günstig entwickelt hat, brachte unter Leitung seines Chormeisters Schüttler Lieder von Schubert (Die Nacht), Silcher (Ein deutsches Lied), Hansen (Posthorngrüße) und Othegraven (Ein Heller und ein Batzen) einwandfrei zum Vortrag und erntete dafür wohlverdienten reichen Beifall. Reben den Darbietungen des Chores trugen Einzelaufführungen wesentlich zur Verschönerung des Abends bei. Recht nett war dabei der musikalische Wettstreit nach dem Text: „Guter Mond, du gehst so stille", ebenso auch ein komisches Duett: „Auf dem Steueramt" (beides vorgetragen von den Herren Hbe und Fenster), allerliebst ein von Fr. B r u s i u s und Herrn Fenster gebotenes Gickel-Gackel-Gockel-Dnett. Den Glanzpunkt des Abends bildete ein von Damen und Herren des Vereins gebotenes Liederspiel: „Des Glückes Schmied", bei dem die Mitwirkenden sowohl gesanglich, wie auch theatralisch gute Leistungen boten. Aus Anlaß seiner 25jährigen Zugehörigkeit zum Verein wurde das Mitglied Karl Roth zum Ehrenmitglied ernannt und ihm vom Vorsitzenden eine Ehrenurkunde überreicht. Ein 62jähriges Geburtstagskind des Vereins wurde durch ein Geburtstagslied geehrt. Den Abschluß der Veranstaltung bildete ein Ball. ** D i e Sperrzeit für Tauben zum Schutze der jungen Aussaat ist auf die Zeit vom 15. Oktober bis 15. November festgesetzt worden. In dieser Zeit müssen die Tauben in den Schlägen behalten werden. Oberheffen. Oer Ladenschluß auf dem Lande. Man schreibt uns vom Lande: Durch die vor einigen Tagen im „Gießener Anzeiger" erschienenen Zuschriften über den Ladenschluß auf dem Lande kann die Meinung entstehen, daß der gesamte Handel des Landes die dort vertretenen Anschauungen teilte. Dem ist nicht so. Da auf dem Gebiete des Ladenschlusses in Orten, wo er formell noch auf 9 Uhr fest liegt, vielfach die reinste Anarchie besteht, da ferner der einsichtige Kaufmann abends auch Feierabend haben will, wie jeder Angestellte und Arbeiter, sind die Bestrebungen für den 7-Uhr-Ladenschluß auch auf dem Lande lebendig. Auch der Handeltreibende auf dem Lande ist ein Mensch und hat das Bedürfnis, abends, nachdem er zu Rächt gespeist, noch eine Stunde im Kreise seiner Familie in Ruhe zu verbringen, oder sie seinen Lick HolNü" copyr»'by9 iss«*:, SSiiS LtzS SM -je bracht k sich nicht ru^ ' s? kniete n, wandte er chr sam in den & den Daumen Alix Surnfl: über to W Hände leucht w Sie Lropsen «. Langsam, zurück. Er toußi er wußte nur Käthe liebte Als er den t allein dock fand und fragte, wa. er ihr seine Li ihre Hilfe. ,L . Frau Adelhei Ich weih !- Sie liebt, Felik icm. Dir dar Eie ihr Zeit - beit, daß 2hrc Wissen, daß ich gönne als Ohr ich bin cs scha in Geduld!" Damit gab _ kühle beide Hä er sich zurüch rrchh hinaus 51 Kleidsan strdpaz Ausfühi wddak Gute M Jhren erfül kurzsichtiger Geschäftsmann wird die scheinbaren Bedürfnisse des Publikums so in den Vordergrund stellen, wie das in den beiden Zuschriften geschehen ist. Es ist offenbar nur eine Frage der Erziehung des Publikums, welche in den meisten Fällen, nachdem der 7-Llhr-Ladenschluh eine gewisse Zeit bestand, gelungen ist. Ferner ist es doch so, daß der Teil der nach 7 älhr Kaufenden ein so geringer ist, daß in den meisten Fällen der noch erzielte Gewinn nicht die Kosten für £id)t und Heizung deckt. Man sollte die Frage des Ladenschlusses auf dem Land; etwas mehr vom kaufmännischen Standpunkt aus betrachten. (Das Für und Wider in dieser Angelegenheit dürfte nunmehr genügend bargelegt worden sein. Deshalb schließen wir die weitere Aussprache an dieser Stelle. D. Red.) Landkreis Gießen. * Großen-Linden, 15. Oft. Der 21- jährige Turner Richard Seth vom Turnverein Großen-Linden war bei den am Sonntag in der Volkshalle zu Gießen nbgehalteneni Kunst-Turnwettkärnpfen der beste Geräteturner ganz Hessens. > Daubringen, 15. Oft. Eine 'weit über unser Dorf hinaus bekannte Einwohnerin, Frau Susanne Opper Wwe., aus Villingen gebürtig, konnte vor einigen Tagen bei guter körperlicher Gesundheit und geistiger Frische ihren 8 0. Geburtstag feiern. Roch täglich geht sie in Daubringen und den umliegenden Dörfern ihrem Hausiergewerbe nach. Sie ist zur Zeit die älteste Bewohnerin unseres Dorfes. !—! Staufenberg, 15. Oft. Der jetzige Pächter unserer Burg, Herr Bier au, läßt jetzt neben dem Rittersaal noch einen geräumigeren Saal bauen. In diesem Winter soll der Reubau noch in Benutzung genommen! werden. Bg. Großen-Buseck, 15. Okt. Nachdem von Turm und Schiff unserer Kirche die Gerüste der Weißbinder und Dachdecker entfernt worden sind, stellt sich die Kirche — wohl die älteste im weiteren Umkreise — in ihrem neuen, freundlich wirkenden Gewände dar. Das Dach des Turmes ist fast vollkommen erneuert worden. Der untere Teil des Turmes wurde, entsprechend den Anregungen des Prof. W a l b e, nicht überworfen. Die massigen behauenen Steine wurden hell verfugt und treten infolgedessen deutlich hervor. Leider weisen viele bereits starke Spuren der Verwitterung auf. Sehr schön wirkt ein nun deutlich in Erscheinung tretender ! Bogenkranz. Nachdem man sich jahrelang über den für das vorgesehene Gefallenendenkmal zu wählenden Platz nicht einigen konnte, ist man nun dahin übereingekommen, das Ehrenmal vor der Kirche zu errichten. Zu diesem Zweck soll das an den Krieg 1870/71 erinnernde Kriegerdenkmal auf die Südseite versetzt werden, um reichlichen \ Raum zu gewinnen. Es ist zu erwarten, daß man sich nun über di« Art der Ausführung rasch einigen wird, damit im kommenden Jahre die Einweihung stattfinden kann. — Im gut besetzten Saale des Gastwirts W. Wagner veranstaltete das Kuror- chester Neuwied-Oberbieber a. Rh. ein Konzert, nachdem es am Vormittag im Gottesdienste mitgewirkt hatte. Musikdirektor Knirsch hat seine Schar gut in Führung. Sowohl die Märsche, wie die Kompositionen der alten und neuerer Meister wurden exakt und klangrein zu Gehör gebracht. Recht beachtenswertes Können zeigte Herr Paeper als Solist für Trompete. Die dankbaren Zuhörer spendeten reichlichen und wohlverdienten Beifall, der zu mancher Zugabe Veranlassung gab. Das Orchester, dem auch zwei Söhne unserer Gemeinde, die Gebrüder Nikolai, angehören, kann mit dem musikalischen, wie mit dem finanziellen Erfolg zufrieden sein. Kreis Alsfeld. Alsfeld, 15. Oft. Die Winterspiel- zeit des Gießener Stadttheaters in unserer Stadt wurde am Sonntagabend durch die Aufführung des Volksstückes „Katharina Knie" von Karl Zuckmaher eröffnet. Die Vorstellung war ein voller Erfolg. Das dicht besetzte Haus spendete den hervorragenden Darbietungen der Mitglieder des Gießener (Stabt- theaters stürmischen Beifall. Die bei dem Alsfelder Theaterpublifum in gutem Ansehen stehenden Gastspiele des Gießener Stadttheaters haben mit der in allen Teilen vorzüglichen Aufführung eine neue, wesentliche Stärkung erfahren. Erfreulicherweise hat auch die Zahl der Äbon- nenten für die Gastspielvorstellungen im Vergleich zum vorigen Jahre eine Steigerung erfahren. Man darf unserer Stadtverwaltung Dank wissen, daß sie es ermöglicht hat, ihren Einwohnern wirklich gute Theaterfunst auf diese Weise zu verschaffen. Rachdem die Vorstellungen bereits im vierten Winter Jtattfinben, darf angenommen werden, daß diese Einrichtung eine dauernde bleiben wird, da die Finanzierung des älntemehmens auf der seitherigen Grundlage durchaus möglich erscheint. Briefkasten der Redaktion. (Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.) Stammtisch Greilich. Die Beantwortung Ihrer Anfrage ist im Rahmen des Briefkastens nicht möglich. Es kommen für die Steuerpflicht in dem angenommenen Fall« eine ganze Anzahl Voraus- fetz un gen in Betracht, über die in Ihrer Zuschrift keine Angaben gemacht sind, bereu Erorte- rung im Briefkasten aber auch zu weit führen wurde. Am besten erkundigen Sie sich direkt beim t-rinanzaint, das Ihnen gerne Auskunft erteilt. »frll VÄ keln H0S,e‘Srn=' fr Hltzed„br?h be,leht »„ n.d b und a,esol fäcAen Sie MAGG!S Sunnen: ^fie Sparen «Xüfie, Seit und QeCd. Und die Hauptsache: Oeder ißt sie mit befragen. Tide Porten wie: &6s. Weis m. ^omaten.^umenkoM^umford. ifparqeC, dier-Tludeh tun Donnefeldts M und MeibtderBesteriCß Keine Gratiszugaben .dafür Q u al ität! ’/l* ■JSiffeÄ Dan fo-ru Kosten & ein Land? »f^t€ Stage -«KS '^letzen. rd 6et?ti; Der 21, Qt bei den am’r ^Utn< Tietzen «? ?°nntaa ^r beste^EeA ens. 1 e Geräte. lnle°|n&Wtäbei **. 5?te &« ern. 2?0(f. 'S* u>ren 'seres Dorfes Herr Ä' ®er ^tzige fÄ-tÄ " M™ ®nÄ et Kndje bie Gerüste LÄrnl- w°tb°a wohl die älteste im Än*eFvireunb[i) ■ÜQS Dach der Turiner ist Der untere Teil sprechend den Anregungen ?tLbCI'Yrfen' D>e masst, urben hell verfugt und tre- hervor. Leider weisen viele /. ^rwitterung aus. Sehr lch m Erscheinung tretender sich jahrelang über den sallenendenkmal zu nigen konnte, ist man nun das Ehrenmal vor :«n. Zu diesem Zweck soll <1 erinnernde Kriegerdenk. !G werden, um reichlichen 1 ist zu emarten, daß man r Aursührung rasch einigen den Lahre die Einweihung n gut besetzten Saale der veranstaltete dar Kuror- Iberbieber a. 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Sein schönes Gesicht hob sich zu ihr empor, und die Augen, die Käthe immer gdiebt hatte, blickten fie an, voll unaussprechlicher Liebe, so sehnsuch- tig bittend, daß sie von neuem erbebte und nahe daran war, ihn zu sich emporzuheben und ihm alles zu sagen, was in ihr war: Daß sie ihn liebte, seit sic ihn gesehen hatte, dah sie das Mcklichste Weib auf Erden sein würde, wenn er sie als seine Gattin heimfuhren wollte. Sie brachte kein Wort hervor. Sie vermochte sich nicht zu rühren, und die Stimme ihres Herzens ward übertönt von einer anderen, die gebieterisch sagte: „Du darfst nicht! Du bist eines anderen Mannes Frau! Nie wirst du deinem Herzen folgen dürfen — nie!" Unb ehe Felix Turn au wußte, was geschah, hatte Käthe sich losgerissen und lief, als würde sie gehetzt, durch den Park dem Hause zu. Er kniete noch vor der Dank. Nur das Haupt wandte er ihr nach unb sah sie versinken gleichsam in den Schatten der Nacht, die nun zwischen den Bäumen unb Büschen hervorkroch. Felix Turnau stand langsam auf und strich sich über die Augen, Und dabei spürte er, dah seine Hände feucht waren von Käthes Tränen: er kühle die Tropfen einzeln hinweg. Langsam, ganz langsam kehrte er ins Haus zurück. Er wuhte nicht, ob er sich freuen dürfte, er wuhte nur, was er ganz klar gesehen hatte: Käthe liebte ihn! Als er den Salon betrat und Frau Dottrup allein dort fand, als sie ihn betroffen anschaute und fragte, was ihm geschehen sei, da bekannte er ihr seine Liebe für Käthe und bat sie um ihre Hilfe. Frau Adelheid antwortete leise: „Ich weih schon längst, dah mein Kindchen Sie liebt, Felix! Aber sie ist so scheu, so schüchtern. Wir dürfen nicht in sie dringen: lassen Sie ihr Zeit — Sie können es ja in der Gewitztheit, datz Ihre Liebe erwidert wird, Ilnb Sie wissen, dah ich das herrliche Geschöpf niemand gönne als Ihnen, Felix. Ich wäre so froh — ich bin es schon. Aber warten Sie, warten Sie in Geduld!" Damit gab Felix Turnau sich zufrieden. Er küßte beide Hände der gütigen Frau. Nachdem er sich zurückgezogen hatte, stieg Frau Dott- rupp hinauf zu dem Schlafzimmer Käthes._____ fortschicken. Vielleicht kommt er einmal zur rechtet zu ihr gewesen war, ihr nicht helfen könnte. Zeit wieder. Aur weine und sorge dich nicht Ihm als Detektiv muhte es ein leichtes sein. mehr, Kätherle, es ist ja gar nicht so schlimm.. .* festzustellen, was aus Berndt Klausen geworden war, ob er noch lebte oder zu den Toten zählte. Ilnb wenn Dodenstein sie fragte, warum sie das wissen wollte? Ob sie sich ihm würde an» vertrauen können? Sie zweifelte. Sie marterte sich mit diesen Gedanken und kam zu keinem Entschlüsse. Käthe Itoar Tante Adelheid unaussprechlich dankbar, diese mit keinem Wort an den Vorfall rührte, als sie die übrigen Gäste, die es nach der 216» :eise Turnaus für ihre Pflicht hielten, sich eben» alls zu entfernen, nicht zurückhielt. Nun waren die beiden wieder allein in dem tillen Aonnenwerth. Unb Käthe lieh Tante Adelheid gern davon schwärmen, wie schön es werden würde, wenn sie demnächst nach Wiesbaden gehen würden, vielleicht auch nach der Schweiz... „Ich "muh dir doch noch so vieles von der Welt zeigen, Kind!" sagte die gütige Frau oft. .Sie ist so schön!" . „Wenn man reich ist!" dachte Käthe bet stch mit einiger Bitterkeit und erinnerte sich, wie sie schon die Menschen beneidet hatte, die in jene rühren. „Still, still, mein Mädelchen!" flüsterte si „Niemand wird dich zwingen, ich am wenigste, Und ich will tun, was du wünschst: ich will ih, fortschicken. Vielleicht kommt er einmal zur rechtet kleine Sommerfrische hatten reisen und sich dort vergnügen können, wo sie mit der harten -Sann gelebt hatte. , „ . „ Niemals hatte sie sich träumen lassen, dah sia einst selber sehr reich sein und einen vornehmen Namen führen würde. Aber sie hätte beides hin- gegeben für das Dewuhtsein, frei zu fern, ©te kam sich vor wie eine Gefangene, bte an et nee unsichtbaren Kette gehalten wurde einer Kette, von der sie niemand befreien konnte! Wenn sie damals hätte ahnen können, was das Leben ihr noch bringen würde! Aber sie war noch ein Kind gewesen, töricht und unerfahren! Und muhte nun dafür das Glück ihres Herzens opfern! Eines Tages sah sic mit der Tante auf bei Terrasse, als ein N ei ter in den Hof sprengte, dessen Pferd schaumbedeckt und sichtlich erschöpft war. , _ Frau Adelheid stand erschrocken auf: auch Käthe erhob sich. Eine unerklärliche Beklemmung lieh sie erbeben, sie muhte sich aus die Stuhllehne stützen, um nicht niederzusinken. Der Mann, ein Neitknecht, kam die Trepp« herauf, zog tief die Mütze und verbeugte sich. Dann aber keuchte er: „ „Gnädige Frau, eine dringende Botschaft... Warum in aller Welt hat man nicht da« Telephon benutzt?" fragte Frau Adelheid Der Mann lächelte verlegen und schaute aus weiß nicht, ob ich vor dieser Dam« sprechen darf?" „ _ Da schritt Käthe auch schon wankend hinweg. Aber sie hörte noch, wie der Fremde sagte: „Ich komme von Werdenfels, gnädige Frau, von Frau Baronin von Turnau.. / Da prehte Käthe eine Hand auf das Herz, das jäh sein Schlagen fast einen Augenblick einstellte. ilnb totenbleich lehnte sie sich an eine der hölzernen Säulen, bie das Dach der Terrasse ^on Felix' Mutter! Unb dah ein Unglück geschehen war — ihm! —, das stand für sie fest. Sie hörte nicht, was der Reitknecht noch meldete: sie vernahm nur einen Schreckensruf der Tante und seinen Namen! „Felix?" schrie Frau Adelheid. Was war geschehen? Dann sprach Tante leise einige Worte bent Manne, der die Treppe wieder hinabstieg. Schritte erklangen, weiche Arme umschlangen Käthe, und diese hörte hinter sich eine sanfte Stimme: „Liebe Käthe, erschrick nicht! Etwas Schreckliches ist geschehen: Felix ist verunglückt bet einet Fahrt mit einem neuen Motorrad. Man hat es nicht telephonisch melden wollen, um uns nicht zu sehr zu ängstigen." (Fortsetzung folgt/)_________________ Jetzt aber... Ach, sie sah ja immer und immer wieder, im Wachen und Träumen, das schöne Gesicht, die strahlenden, um Liebe bettelnden Augen Sur» naus. Sie hörte die Worte, die er zu ihr gesprochen hatte. Nicht ein einziges hatte sie vergessen, denn sie waren wie mit feuriger Schrift in ihr Herz gegraben! Wie selig, ach, wie unbeschreiblich selig hätte sie sein können, wäre nicht jenes entsetzliche Geheimnis in ihrem Leben gewesen! Unb nie, nie würde sie es bannen können! Nie! In ihrer großen Herzensnot kam ihr der Gedanke, ob Herr von Dodenstein, der so ritterlich Da lächelte Käthe, während heiße Tränen aus ihren Augen rannen. Käthe verbrachte schreckliche Tage unb noch schrecklichere Nächte, seit Felix Turnau Nonnenwerth verlassen hatte. Um so schrecklicher, als sie niemand hatte, dem sie sich anvertrauen konnte. Unb sie mußte sich doch das große Geheimnis vom Herzen sprechen, sonst würde sie daran zugrunde gehen — sie wußte es! Warum, ach, warum nur hatte das Schicksal so grausam mit ihr gespielt? Was hatte sie denn damals von Liebe gewußt, als sie Berndt Klausen nach London gefolgt und seine Frau geworden war? Sie wußte nur das eine: Dah sie nie Liebe für ihn empfunden hatte, denn sonst wäre sie nicht immer zurückgebebt, wenn er nur in ihre Nähe kam: sonst wäre sie ihm nicht so dankbar dafür gewesen, daß er keine Zärtlichkeiten von ihr verlangte, ihr feine erwies! Sie lächelte nur, als sie das junge Wädan vor dem Bett knien sah, den Kopf in die Kisti vergraben. Leise, ganz leise trat sie näher legte Käthe eine Hand auf das Haupt. „Käthekind!" sagte sie voll unendlicher Lief, Da fuhr das junge Mädchen herum, schau aus verweinten Augen zu ihr auf, umklammer mit beiden Armen ihre Tante und stieß hervo „Du weißt alles, Tante? — Ach, ich bitte dic schicke ihn fort! Er soll nie wieder so zu m sprechen — nie wieder! Hörst du, Tante? Da mußt du ihm sagen..." „War denn das fo schrecklich, was er di anvertraut hat, Kind?" Sie sah, wie Käthes Augen strahlten trotz de Tränen, die noch in ihnen standen. Sie hofst schon, da riß sich das junge Mädchen auch vo ihr los. „Tante, ich bitte dich, quäle mich nicht! Sax ihm, datz ich nie heiraten, nie einen Mann liebe werde.. „Bestimmt nicht, Käthekind?" fragte Fra Adelheid lächelnd. „Ganz bestimmt, Tante! Ich weiß, du glaub mir nicht, aber es ist mir bitter ernst zumute. ilnb bann warf sie sich doch wieder an bi Brust der Tante unb preßte ihren Kopf an berc Schulter. Sie erbebte dabei in so heftigem Schmer daß bie erfahrene Frau wußte, sie bürste nu mit keinem Worte mehr an das Geschehni Sie streichelte bas blonde Haar Käthes unb redete ihr noch lange zu, bis sie sich von ihr auskleiden ließ unb sich niederlegte. Noch in der gleichen Stunde bat Frau Adelheid den jungen Baron zu sich und sagte ihm schonend, daß es besser sei, wenn er für einige Zeit abreifen würde. Ihr Lächeln verkündete dem Bestürzten, dah nichts verloren sei. Er hatte Mühe, nicht laut aufzujubeln. Am nächsten Morgen war er abgereist, ehe einer der anderen Gäste erwachte. Als Käthe die Augen ausschlug, unb sich an alles erinnerte, was gestern geschehen war, als sie beglückt wieder seine Worte zu hören berat einte, als aber auch all die Angst jäh wieder in ihr wach wurde, bie sie dabei empfunden hatte, da wurde bie Tür geöffnet. Tante Adelheid tarn zu ihr und sagte leise: „Er ist fort, Käthekind! Er läßt dich noch grüßen und bittet um Verzeihung, weil er dich | so erschreckt hat!" _______________________ Audienz Gute Schuhe für wenig Geld! erfüllt im Kleidsame Formen strapazierfähige Ausführung und daieiw Einheitspreise &210.212» 14.” Für Damen - und Herrenschuhe Alleinverkauf: Schuhhaus Meyer FrauWiiCfcr sajrt Onkel Mollig schmunzelnd, als er Ihren neuen „Frankenia“. OfenXah Das s? wirklich ein Ofen, wie man ihn jeder Hausfrau Sr K J. B. H'AUSER. GlfuSSEN AM OSWALDSGARlEN Gießen. Bahnhofstraße 30. nn* Meine Sonder-Abteilng Handarbeiten bringt in diesem Jahre gnz besonders schöne Modlle in allen modernen Arbeim Aparte Neuheiten in Woll Häkelei » Größte Auswahl Alle Materialien ............ j LIEBHABER-ARBETEN \ (moderne Geschenkartikel in tt)lz) i für Kerbschnitt und Holznalerei ! """....."'iiiiiT J. H. Fuhr Sonnenstraße 25 sssoa GMWMWWllg M Ml Win Donnerstag, den 17. Oktober, unb Freißg, den 18. Oktober 1929, sollen die leihfällig cwordenen Grundstücke der Stadt Gießen öffentlich meistbietend an Ort und Stelle auf weitere sechs Jahre verpach'et werden, und zwar: 8483G Donnerstag, den 17. Oftobecl929. a) 9 Uhr, Zusammenkunft in der Straße ^Am Nahrungsberg bei der Gärtnerei Lieh: . 3 Gartenstücke, Flur IV, bei der Getneret Ließ. 1 Gartenstück bei der früheren Obeyessllchen Werkstatt. b) 9% Uhr, Zusammenkunft bei br heyligenstaebtschen 2°b6rabftütfe, Flur XII, rechts amOhlebergsweg. 16 Grabstücke, Flur XII, link - am 2/rlweg bei ber „Schonen 2 Grabstucke, Flur V, neben der schönen Aussicht". c) 14 Uhr (2 Uhr nachmittags), Zusmmenkunft Ecke Aulweg öl^Gra^bstücke^Fwr VII, Auf dm Aulweg hinter dem 9 Grabstücke, Flur IX, Am Schlayenzahl auf dem Aulweg -rreilag, den 18. Oktodr 1929. a) 9 Uhr, Zusammenkunft in der Rdheimer Straße bei dem ^Gr^bstÜcke. Flur XXXVIII, 2Uf der Hohleich hinter dem 1 Ackers Flur^XXXVIII, Auf ir Hohleich hinter dem 2 GnibA?F!lur XXXIV, Aus der Hardt, vor der Koppelhut. ^2^G?abstücke? Flur' II, „In der Ähwarzlach an der Eder- straße" b) Ä^UHr ^nachmittags 254 Uhr), Zusammenkunft an der Wirtschaft „Zum Philosophenwald 34 Grabstücke, Flur XX, Bor der Wirtschaft „Zum Philo- sophenwald". _ . , , . . 9 Grabstückö, Flur XVIII, In »er Sandgrube bei der Liebigshöhe. Gießen, den 11. Oktober 1929. Der Oberbürgermeister. I. Di Dr. Hamm. i/Mi (Q), dfc wundervolle Arbeitserlrid» terung, die Irrt Nu dit Fett- und Speisenreste vönl Geschirr fort, cpüh die alles mit herrlichem Ganz umgibt darf In Ihrem Haushaft nicht fehlen! ® ist zugleich ein ideales Reinigungsmittel für alle stärk beschmutzten Gegenstände aus Glas, Porzellan Metall Stein Besen, Marmor, Hotfusw. © isf so ergiebig, daß Sie nOT 1 Eßlöffel auf 10 Liter heißes Wässer • 1 EfitStr Ztr ffehmen brätrchen. Siehaben Freude am Reinigen durch Henkels Spül- und | Reinigungs -Mittel für Haus- und Küchengerät /Herqestellt in den Persil - Werken Donnerstag, den 17. Oktober 1929, nachmittags 2 Uhr, versteigere ich im „Löwen", Neuenweg, dahier, zwangsweise gegen Barzahlung: drei Divane, drei Vertikos, zwei Kassenschränke, einen Glasschrank, einen Rollenschrank, einen Silberschrank, zwei Bücherschränke, zwei Klavier:, zwei Kredenzen, drei Eisschränke, einen Gasherd, sechs Büfetts, eine Bitrine, vier Sofas, vier Regulatoren, drei Tische, zwei Spiegel, sechs Schreibtische, vier Schreibmaschinen, acht Chaiselongues, eine Garnitur Korbmöbel, 41 Stühle, sechs Haus truhen, einen Käseschrank, einen Gartenschirm, vier Registrierkassen, sieben Reisekörbe, zwei Stehleitern, einen Bilderschrank, drei Grammophone mit 30 Platten, 14 Rohrsessel, acht Warenschränke, zwei Ladentheken, zwei Klet- derschränke, einen Heißwasserapparat, einen Waschtisch, zwei Nähmaschinen, ein Damenfahrrad, 433 verschiedene Puppen, 20 m Mantelstoff, 80 m Futterstoff. 85600 Bestimmt: eine Schneidkluppe, ein Pta- nino, eine Stanze, fünf gestrickte Damenkleider, wollene Kinderanzüge, Kinderwesten, Pullover und Damenjacken, drei neue Tennisschläger. Dem Gerichtsvollzieher in Gießen Steinstraße 13 — Fernruf 4101. Schellfisch o.L.Kabeljauo.K. Rotzungen, Seehecht Wch-Wet Lebende Karpfen und Schleien Irische Bülklinge usw. C.G.Meinhenn Bahnhofstraße 59 / Telephon 3866 Bekanntmachung. In unser Handelsregister, Abteilung B, wurde am 11. Oktober 1929 bei der Firma Commerz- unb Privatbank Aktiengesellschaft Filiale Gießen in Gießen folgendes eingetragen: Den stellvertretenden Direktoren Ludwig Liebmann unb Franz Zeller, beide in Gießen, ist für die Filiale Gießen in der Weife Gesamtprokura erteilt wor- den, daß jeder einzelne berechtigt ist, die Firma der Filiale Gießen in Gemeinschaft mit einem Vorstandsmitgliel oder mit einem anderen für die Filiale bestelllen Prokuristen zu zeichnen unb zu vertreten- Die Prokura des Direktors Otto Apel ist erloschen. delsdienst auf Erkundigungen bei maßgebender Stelle, daß trotz der unbestreitbar wenig günstigen allgemeinen Wirtschaftslage die Entwicklung des Unternehmens einen selbst die Erwartung der Verwaltung übersteigenden günstigen Verlauf genommen hat. Gegenüber den an der Börse aufgetauchten Versionen, wonach die Verschuldung des Konzerns 150 Millionen Mark betrage, sei festzustellen, daß diese für das Engrosgeschäft, sowie für die Rnschlußkundschaft alles in allem insgesamt 100 bis 110 Mill. Mk. betrage, der aber 25 Mill. Mk. Bankguthaben gegenüberstünden. Die Umsätze des Detailgeschäfts des Konzerns beliefen sich bis jetzt auf rund 450 Millionen gegen 300 Millionen in der entsprechenden Zeit des Vorjahres. Für 1929 sei mit der gleichen Dividende wie im Vorjahr (12 Proz.) auf ein unverändertes Kapital von 80 Mill. Mk. zu rechnen. * Waggonfabrik H. Fuchs, A. - G., Heidelberg. Sn dem Vierteljahrsbericht der Handelskammer Heidelberg berichtet die Gesellschaft über die letzten drei Monate, die sie als Wiederaufbaumonate betrachtet. Der Betrieb wurde Ende Mai mit etwa 200 Arbeitern wieder ausgenommen, und die Belegschaft inzwischen auf 550 Mann erhöht. Außer den noch vorhanden gewesenen Reichsbahnaufträgen hat das Werl einen größeren Quotenauftrag erhalten, nach dem der 100°Millionen°Kredit der Waggonindustrie zu- stände gekommen ist. Der vorliegende Auftragsbestand gibt für die augenblickliche Belegschaft Beschäftigung bis zum nächsten Frühjahr. Sn- landsaufträge von Straßenbahnen und Privatfirmen gingen infolge der schlechten Wirtschaftslage dieser Unternehmungen kaum ein. 3m Ausland macht nach wie vor die Höhe der Erzeugungskosten im Verhältnis zu den von ausländischen Firmen gestellten Preisen fast jeden Wettbewerb unmöglich. * Philipps A. - G., Frankfurt a. M. Die außerordentliche Generalversammlung beschloß die durch den Verkauf des Frankfurter Die Meiismarktlage in Oberhessen. Weitere Verschlechterung im September. Dem Bericht des Arbeitsamts Gießen über die Entwickelung der Arbeitsmarktlage im September entnehmen wir folgendes: Die Arbeitslosigkeit ist im Berichtsmonat wiederum gediegen. Die Verschlechterung machte sich besonders in den von der Saison abhängigen Außenberufen bemerkbar. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger in der Arbeitslosenversicherung und in der Krisenfürsorge stieg in der Derichtszeit auf 1450. Rotstandsarbeiten wurden von 177 Personen ausgeführt. Heber die einzelnen Derussgruppen ist wie folgt zu berichten: 3n der Landwirtschaft war die Rachfrage nach Arbeitskräften infolge der Kartoffel- und Obsternte eine sehr rege. Es konnten im De- richtsmonat 550 Arbeitsuchende in her Landwirtschaft eingestellt werden. Die Rachfrage nach weiblichem landwirtschaftlichen Personal hält weiter an. 3m Bergbau hat sich der Beschäftigungsgrad verschlechtert. Betriebseinschränkungen brachten einen Zugang von 51 Arbeitsuchenden. Die 3 n d u st r i e der Steine und Erden hat im Derichtsmonat zahlreichere Entlassungen vorgenommen als im Vormonat. Der Hauptgrund der Entlassungen ist auf die Absatzstockung und auf die damit verbundenen De- triebseinschränkungen zurückzuführen. Die Zahl der Arbeitssuchenden ist von 304 auf 392 gestiegen. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, daß im kommenden Monat mit einem Zugang von über 100 Arbeitsuchenden zu rechnen ist. Der Beschäftigungsgrad in der Metall- industrie ist durch Auftragsmangel sowohl bei der 3ndustrie, als auch im Handwerk weiterhin gesunken. Größere Entlassungen stehen noch bevor. Wenn auch aus der Reihe der Unterstützungsempfänger 40 Personen in verschiedenen Berufszweigen der Metallindustrie untergebracht werden konnten, so ist doch die Zahl der Unter- stühungsempfänger von 196 auf 223 gestiegen. Die Entwicklung des Arbeitsmarktes in der Spinnstoffindustrie muß als ungünstig bezeichnet werden, zumal verschiedene Betriebe infolge schlechter Geschäftslage kurzarbeiten bzw. Entlassungen von Arbeitskräften angekündigi haben. 3n fast allen Berufszweigen des Holz- und Schnitz st ofsgewerbes macht sich ein Rach- lasscn des Beschäftigungsgrades bemerkbar. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist von 77 aus 101 gestiegen. Die Arbeitsmarktlage im Bekleidungsgewerbe ist trotz vorgeschrittener Saison als ungünstig zu bezeichnen. Das kauflustige Publikum hält, begünstigt durch das lang anhaltende gute Wetter, mit feinen Einkäufen zurück. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist die gleiche wie die des Vormonats. Die saisonmäßige Verschlechterung im Baugewerbe schreitet weiter vor. Die Zahl der arbcit'uchenden Facharbeiter beträgt 258. Weitere Entlassungen von Facharbeitern, angelernten und ungelernten Arbeitern des Baugewerbes stehen bevor. Infolge der günstigen Witterung kann die Lage des Arbeitsmarktes im Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe (Kurorte) als gut bezeichnet werden. 3n den nichtsaisonmäßigen Betrieben ist sowohl tüchtiges männliches, als auch weibliches Fachpersonal gesucht. 3m Verkehrsgewerbe wurde der Arbeitsmarkt kurch Einstellungen und Entlassungen von Zeitarbeitern ausgeglichen, so daß die Gesamtlage eine befriedigende ist. 3n der Berufsgruppe häusliche Dienste besteht zur Zeit eine große Rachfrage nach gutem ständigen Personal. 3n der Lohnarbeit wechselnder Art überwogen im Berichtsmonat die Zugänge die Abgänge an Arbeitsuchenden. Zwar konnten 192 Arbeitsuchende ku'z ristig untecgevracht werden, doch waren die Entlassungen in den einzelnen Beru'sarten zu groß, um nur einigermaßen einen Ausgleich zu schaffen. Die Arbeitfuchendenzahl stieg von 472 auf 648. 74 HauptunterstützungsempfLugern wurde im Monat September wegen Arbeitsverweigerung (hauptsächlich landwirtschaftliche Arbeiten) die Unterstützung gesperrt. Die Berufsberatungsabteilung hat für den Monat September 86 Beratungen zu verzeichnen. Zum größten Teil handelte es sich um Schulentlassene und ältere Ratsuchende, die umberaten und betreut werden mußten, da sie aus irgendeinem Grunde in ihrer Lehrstelle versagten, oder überhaupt erst in eine Lehre eintreten wollten. Unter den Ratsuchenden befinden sich auch schon solche, die erst nächstes Jahr zur Schulentlassung kommen. Werks an die R. V. Philips Radiofabrike in Eindhoven (Holland) erforderliche Sitzverlegung nach Aschaffenburg und Aenderung des Firmennamens in „Piano- und Orgelwerke Philipps A.-G.". Wie mitgeteilt wurde, liegt der Verkaufspreis des Frankfurter Betriebs über eine Million Mark. Die Bilanz der Philipps A-.G. werde durch die Transaktion mit der holländischen Firma eine starke Bereinigung erfahren». Bedeutsam bleibe allerdings noch die Rotwendigkeit zur Abstoßung der großen Lagerbestände, die die Bilanz nicht unbeträchtlich belasten. Frankfurter Börse. Frankfurt, 16. Okt. Tendenz: schwächer. — Die Tendenz war zu Beginn der heutigen Börse allgemein schwächer, da an verschiedenen Märkten nicht unbeträchtliches Material angeboten war. Anderseits war die Aufnahmelust gering, so daß namentlich Spezialwerte merkliche Kurseinbußen erlitten. Man war verstimmt über die Diskussion zwischen dem A.E.G.- und dem Siemens- Konzern. Außerdem war man in Börsenkreisen verschiedentlich nicht zufrieden mit den Umständen der gestrigen ersten Festsetzung des I.-G.-Bezugsrechtkurses. Auch heute wurde das Angebot der J.-G.- Farben-Bezüge von Bankseite zum Kurse von 5 v. H. ausgenommen, obwohl die Farben-2lktie 1,25 d. H. niedriger eröffnete. Größere Abgaben des Auslandes sollen aber am Elektromarkt vorgenommen worden sein, an dem namentlich Licht und Kraft, Elektrische Lieferungen, Schuckert und Siemens angeboten und 2 bis 5,5 v. H. abgeschwächt waren. Vor allem waren jedoch Chade-Aktien weiter flau und 13 Mk. niedriger. Starke Kursrückgänge hatten ferner Deutsche Linoleum minus 8 v. H. und Glanzstoff, die 6,5 v. H. verloren. Montanaktien eröffneten 1 bis 2 v. H. niedriger. Nur Harpener blieben behauptet. Am Markte der Zellstoffwerte gaben Waldhof 3,75 v. H. nach. Bank-Aktien waren bis 1 v. H. gedrückt. Von heimischen Werten verloren Holzmann 1,25 v. H., während Metallgesellschaft sich behaupten konnten. Einiges Interesse bestand lediglich für Schiffahrtswerte, bei leicht anziehendem Kurse, in Erwartung beschleunigter Freigabe. Nach den ersten Kursen hielt besonders am Elektromarkt das Angebot an, was man in Zusammenhang mit dem Freitod zweier Chemnitzer Großhändler brachte, die große verfehlte Effektenspekulationen vorgenommen haben sollen. Siemens gaben erneut 3 v. H. nach. Deutsche Anleihen waren behauptet. Türkische Renten weiter gebessert. Im Verlaufe blieb die Stimmung unsicher, bei allgemein stiller werdendem Geschäft. Nur in Farben fanden noch einige Umsätze zu 0,5 v. H. niedrigerem Kurse statt. Siemens weitere 1 v.H. gedrückt. Am Geldmarkt trat für Tagesgeld eine Erleichterung ein. Der Satz war auf 7,5 v.H. ermäßigt. Am Devisenmarkt nannte man Mark gegen Dollar 4,1906, gegen Pfund 20,405, London gegen Kabel 4,8670, gegen Paris 123,86, gegen Mailand 92,95, gegen Madrid 33,80, gegen Holland 12,0975. Berliner Börse. Berlin 16. Okt. Auch heute eröffnete der offizielle Verkehr entgegen den Erwartungen des Vormittags in schwächerer Haltung. Bei Abgaben für schweizer Rechnung lagen besonders Chade-Aktien erheblich niedriger. Die Gründe für diese Bewegung sind zwar noch nicht genau bekannt, in der Hauptsache aber wohl in Brüssel zu suchen. Anscheinend hat der Beschluß der Verwaltung, keine Kapitalerhöhung in nächster Zeit vorzunehmen, zu Differenzen mit der Heinemann-Gruppe geführt. Auch daß die Brüsseler Börse ausfallend schwach liegt, fand Beachtung, zumal auch hierfür noch unsichtbare Gründe maßgebend zu sein scheinen. Das Geschäft mar heute in einigen Spezialwerten ziemlich lebhaft. Schiffahrtswerte lagen auf die Hoffnungen hinsichtlich baldiger Freigabezahlungen etwas fester. Auch Spritwerte und Farben fanden trotz niedrigerer Kurse etwas mehr Beachtung. Karstadt verloren, da man die Verwaltungserklärung als mangelhaft ansah, weitere 2 v. H., Tietz, hierdurch beeinflußt, minus 5,75 v.H. Eine ganze Reihe von Werten hatten über den Durchschnitt von 1 bis 2 0.H. hinaus Verluste bis zu 4 v.H. auszuweisen. Bemberg und Glanzstoff, Polyphon lind Siemens verloren 5 bis 7 v. H. Bei letzteren verstimmte sicherlich die scharfe Erwiderung der A.E.G. Viel Beachtung sand and) der erneute Kursrückgang der Schubert & Salzer-Aktie (minus 6 v. H), die man mit Exekutionen der Chemnitzer Häutefirma '21. Beck in Zusammenhang brachte. Deutsche Anleihen schwächer. Besonders für Altbesitzanleihen hat das Interesse nach dem Auslojungstermin wesentlich nadj» gelassen. Der Kurs stellte sich 0,5 v. H. niedriger. Ausländer behauptet. Pfandbriefe ohne größeres Geschäft, aber ziemlich gehalten. Der Geldmarkt war unverändert. Im Verlaufe gaben die Kurse ziemlich allgemein um 1 bis 2 v. H. nach. Man sprach von schwad)en Auslandbörsen. Am Elektromarkt verstimmte natürlich die bekannte Streitigkeit zwischen Siemens und der A.E.G. Mit besonders starken Rückgängen fielen Berger minus 4,25 v. H., Svenska minus 4 Mk. und Siemens minus 3,5 v. H. auf. Frankfurter Getreidebörse. Frankfurt a. M., 16. Okt. Der Produkten- marlt verkehrte heute in stiller Haltung. Lediglich für Weizen bestand, kleines 3ntercffc, bei gut behaupteten Kursen,' während in Roggen verstärktes Angebot an den Markt kam. Ruch Gerste und Mais waren weiter rückgängig. Rur für Weizenmehl bestand etwas 3ntereffe, bei einer Besserung von 25 Pfennig. Futtermittel stark vernachlässigt. Es wurden notiert: Weiten 25,75 bis 25,90, Roggen 19,25 bis 19,10, Sommergerste für Brauzwecke 20,75, Hafer, inlänb. 19, Mais (gelb) für Futterzwecke 19,75, Weizenmehl, süddeutsches Spezial 0 38.25 bis 38,75, Roggenmehl 27,50 bis 28,50, Weizenkleie 10,65 bis 10,50, Roggenkleie 10,50. Tendenz ruhig. Rundfunkprogramm. Donnerstag, 17. Oktober. 12.15: Schallplattenkonzert: Zigeunermusik. 15.15 bis 15.45: Stunde der Jugend: Märchen und Geschichten von Helene Brehm, vorgetragen von Rektor K. Wehrhan (für Kinder vom 8. 3ahre ab). 16.15 bis 18: Don Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.10: 3up Drelt- bach. Vorlesung aus eigenen Werken. 18.35: Von Kassel: Fünfzehn Minuten Ratschläge für den Gartenfreund von Garteningenieur Karl Hinze. 18.50: Von Kassel: Stunde der Landwirtschaftskammer Kassel: „Arbeitsparende Verfahren in der Landwirtschaft", Vortrag von Landwirtschaftslehrer Kummrow. 19.15: „Rach der 3agb", Reportage aus einer Krähenhütte. 20: Von Stuttgart: Hörspiel. 21.30 bis 22.30: Von Stuttgart: Unterhaltungskonzert. 22.45 bis 24: Don Stuttgart: Tanzmusik. Freikag, 18. Oktober. 12.45 bis 13.30: Don München: „Sudpfanne und Maßkrug". Reportage aus der Löwenbrauerei, München. 15.15 bis 15.45: Führung ins Berufsleben. 16.15 bis 18: Rach Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.10: „Die Bedeutung des 18. Oktober im alten Frankfurt", Vortrag von Konrad Hub, Frankfurt a. M. 18.40: Schachstunde. 19: Zwanzig Minuten Fortschritte in Wissenschaft und Technik. 19.20: Film- Wochenschau. 20: Don Stuttgart: Klavierkonzerte der Klassiker. 21.45 bis 22.45: Von Stuttgart: Tschechische Lieder. 23 bis 24: Von Stuttgart: Konzert. Samstag, 19. Oktober. 10.40 bis 11.10: Schulfunk: Französisch. 13.30 bis 14.30: Schallplattenkonzert: Italienische Lieder. 15.15 bis 15.45: Von Kassel: Stunde der 3ugend. Aus dem deutschen Liederkranze. Bürgerschule 10, Kassel. Chorleiter: Lehrer 3os. Hornung. 16.15: Von Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. 18: Von der Peterskirche Frankfurt a. M.: Frankfurter Motette. Kontate von 3oh. Seb. Bach. 18.45: Briefkasten. 18.55: Stenographischer Fortbildungskursus (Diktat von 60 Silben aufwärts). 19.10: Stunde des Arbeiters: „Hygiene der Arbeit", Vortrag von Medizinalrat Dr. Ascher. 19.30: Stunde des Frankfurter Bundes für Volksbildung: „ Unter Afghanen", Vortrag von Diplomingenieur Frank. 20: Rach Stuttgart: „Bühne und Leinwand". Heitere literarische Veranstaltung. 21 bis 22.30: Don Mainz: Funkschaubrettl. 22.45 bis 0.30: Rach Stuttgart: Tanzmusik. Kurszettel -er Berliner und Frankfurter Börse. Die hinter den Papieren angeführten Ziffern geben die Höhe der zuletzt befchlostenen Dividende an. - Reichsbankdiskont 7,5 Prozent, Lombardzinsfuß 8,5 Prozent. Frankfurt a l'i. Berlin Lchluß-l KnrS 1 i-Ubr Kurv Schluß- Kurs Ansang. Kurs Datum 15.' • 16 in. 15-1 - 16.10. 5% Dt. ReichSanieihe v. 1927 . Dl. 8Inl.-SU>lö|.»Gd)ulb mit AuS> 87,5 50,55 50,25 87,5 50,75 50,25 los.-Rechlen........ DeSal. ohne AuSlos.-Rechte . . 7% Franks Hyp °Bl. Goldpf. un kündbar bis 1932...... 9,75 9,7 9,7 9,6 85,5 76,5 — - - f?Kelnumnter2 anl«^a (Q. Erahn' De Der!'", A l $ei