Samstag, 9. März 1929 179. Jahrgang Nr. 58 Erster Blatt daß nach dem augenblicklichen Stand der Verhand- Nach anderthalbftündiger Unterredung mann. haben. Nach Beendigung ihre» zweiten Besuches, der nur zwanzig Minuten dauerte, besteht der Eindruck, der heutigen Dormiilagssihung des Dölkerbundsrats standen der Bericht des Finanzkomitees de» Völkerbundes, ferner Vorschläge der schweizerischen Regierung für Errichtung und Betrieb einer Radiostation, die unter gewissen Bedingungen in Krisenzeiten dem Völkerbund zur Verfügung gestellt werden soll, und schließlich die vorliegenden Minderheitenbe- f ch werden aus Oberjchlesien. Rach etwa einstündiger öffentlicher Sitzung wurde bekannt, dah sämtliche oberschlcsische Fragen von der Zage»- orduung abgefeht werden und erst in der nächsten Sitzung, die Samstag früh ftattsindet, zur ll l i h , mit dem auch der gestern abend ersolgie Besuch des in Genf weilenden polnischen Gesandten in Berlin, Knoll, in Zusammenhang gebracht wird, und über die Behandlung der Beschwerde des Deutschen Volksbundes gegen seine Verhaftung noch n i ch t einigen konnte. Auch die Verhandlungen über die Restpunkte der großen Schulbcschwerde des Deutschen Volksbundes vom 3uni vorigen Jahres in bezug auf die von der polnischen Regierung vertragswidrig eingesetzten Anmeldekommissionen für die deutschen Minderheitenschulen und das persönliche Erscheinen der Erziehungsberechtigten zur Anmeldung ihrer Kinder und zur Nachprüfung ihrer Sprachenerklärung konnten noch nicht abge- f ch l o s s e n werden. Die Verhandlungen über die deutsch-polnischen Streitfragen waren den ganzen Abend noch in vollem Gange. Generalsekretär Sir Lrik Drum- m o n d und Anlergeneralsekrekar S u g i m u r a, weltbeherrschendes Finanzinstitut von . . schen Ausmaßen entstehen würde. Auf den ersten Dlick mag dieses grandiose Projekt besonders für uns Deutsche manch Bestechendes haben. Gerade das, was wir immer und immer wieder verlangt an eine Beteiligung der großen Privatbanken, so daß, wenn man noch die gewaltige Summe in 'Betracht zieht, die es hier umzulegen gilt, ein phantasti- der Leiter der politischen Abteilung des Völker- bundssckretariats, weilen seit 22 Ahr am Sih der haben sie sich kur; nach 23.30 Ahr von Dr. Strese- mann verabschiedet, um sich anschließend sofort ;um polnischen Außenminister Zaleski zu begeben, mit dem die Verhandlungen forigeseht wurden. Sir Erik Drummond und Sugimura suchten kur; nach Mitternacht Reichsminister Dr. Streftmann ;um zweiten Male auf, um ihm von dem Gang ihrer Besprechungen mit dem polnischen Außenminister Zaleski in Kenntnis zu sehen. Die Minderheitenbebatte im Genfer Bölkerbundsrat hat mit einem Kompronnß geendet, das uns Deutsche kaum zu befriedigen vermag. Reichsauhenminister Dr. S t r e s e - mann hatte in einer groß angelegten, offenbar auf die besondere Genfer Atmosphäre zugeschnit- ienen Rede das Minberbeitenproblem in fernem Verhältnis zum Völkerbund eines historischen Rückblicks gewürdigt und Anregungen von weit- sagender Bedeutung für die künftige Behandlung der Minderheitenbeschwerden durch dre Organe des Böllerbunds gegeben. Die Bede Strese- manns klang akademischer, als man sie toopl allgemein, auch bei uns in Deutschland, nach dem scharfen Zusammenstoß zwischen dem deutschen Ratsmitglied und seinem polnischen Kollegen auf der letzten Ratstagung erwartet hatte. Rach Berichten aus Genf lag hierin vielleicht der Grund ihrer Wirksamkeit. Man fand keinen Anlaß zu heftigen, unsachlichen Erwiderungen und war genötigt, sich an die Materie selbst zu batten. So darf man es wohl als ersten Meinen Erfolg buchen, dah der Rat sich überhaupt bemüht, statt die Frage noch in der gleichen Sitzung tot zu reden, wie eS die Polen und ,hr windercheitenfreundlicher Anhang am liebsten ge- Mnnaöme von Anzeige» für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher, preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 ram Breite örtlich 8, auswärts 10 Neichspsennig; für Re- blameanzeigen von 70 mm Breite 35 Neichspsennig, Playvorschrift 20°/, mehr. Chefredakteur: Dr. Friede. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. tz.Thyriot; für den übrigen Zell Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen. I lungen, die Angelegenheit Ullh eine l Lösung finden kann, in der der deutsche Standpunkt ;um Ausdruck kommt, ! ohne dah ein Scheitern der Verhandlungen eintrilt. Es steht zu erwarten, dah Zaleski eine Erklärung abgeben wird, wonach et für dle Oeffentlichkelt das verfahren gegen Ulitz im Rahmen der polnischen Gesetzgebung und für die Beschleunigung dieses verfahren» ; Sorge tragen will. Reichsminister Dr. Strefemann 1 würde in diesem Falle den deutschen Standpunkt Er ich «int täglich,außer Sonntags und Feiertag». Beilagen Die Illustrierte Gießener Famllienblätter Heimat im Blld Die Scholle. Bezugspreis für 2 Wochen: 1 Reichsmark und 15 Reichspfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Stehen. Postscheckkonto: Sranlfnrt am Main 11686. Was wir denken. Gigantisch zwar, aber nicht neu ist der Plan, der sich nun endlich nach langem ungeduldigem Rätselraten aus dem geheimnisvollen Halbdunkel der Pariser Reparationskonferenz abzuheben beginnt. Die Sachverständigen wollen, toerm man den vorliegenden Berichten Glauben schenken darf, das vom Daweskomilee eingesetzte, zweifellos komplizierte System der Treuhänder zur Kontrolle der deutschen Reparationszahlungen durch ein großes Clearinghouse ersehen, eine Art Weltbank, die alle, mit der Reparationsfrage zusammenhängenden Geschäfte rein bankmäßig, also auf privatwirtschaftlicher Grundlage abwickeln würde. Reben den Zentralnotenbanken der interessierten Länder denkt man auch Oer Kall Lllih vor dem Völkerbundsrat. Kein Erfolg der Beschwerde -es Oeutschen Bolksbundes in Ostoberschlesien? Wird Deutschland -en Ratsbericht ablehnen? Behandlung kommen sollen. Die Vertagung ist notwendig geworden, weil man sich über den Fall sehen hätten, über das Verhältnis von Minderheiten und Völkerbund ein klares Bild zu go» Winnen. Leider ist man sich dabei dem alten Grundsatz des Völkerbundes, asies Unbequeme und Unangenehme in kleinen Konventikeln zu erörtern, um dann mit einem fertigen Ergebnis die Oeffenllichkeit zu überraschen, auch hier treu geblieben. Aus den Vertretern Japans — als dem gegenwärtigen Berichterstatter des Rats — Englands und Spaniens ist ein Komitee gebildet worden, das alle Aenderungsvorschläge, Anregungen und Denkschriften, mögen |te nun schon vorliegen, oder dem Rat von interessierter Seite erst zugehen, sammeln und zu einem Bericht verarbeiten soll, der dann dem v o r der nächsten regulären Ratstagung als Komitee, also unter Beschickung durch Sachverständige, zusammentretenden Rat vorzulegen ist. Von der Abfassung dieses Berichts hängt natürlich für die Weiterbehandlung des Minderheitenproblems vor dem Völkerbundsrat außerordentlich viel ab. Es wird uns deshalb schwer, den Optimismus zu teilen, der aus der offiziösen Auslassung der deutschen Delegation in Genf spricht. Schon der allzu enggezogene Kreis dieses Dreierkomitees, das mit der Berichterstattung beauftragt wurde, scheint uns bedensiich, noch bedenklicher seine Zusammensetzung. Q u i n o n e s de Leon, der spanische Botschafter in Paris und Spaniens ständiger Ratsdelegierter, hat sich in den vielen Zähren als allzu zuverlässiger Parteigänger der französischen Politik bewährt. Er wird zu nichts seine Hand bieten, was seinem Freunde Briand und dessen östlichen Trabanten unsympathisch sein konnte; und das in der Minderheitenfrage um so weniger, als er der Vertreter einer Ration ist, die in den Katalanen selbst eine höchst unbequeme Minderheit besitzt. Chamberlain, der britische Delegierte, galt bislang als Anhänger der famosen Assimilationstheorie des von Kenntnis europäischer Verhältnisse unbeschwerten Brasilianers Mello Franco, den man von Rats wegen zum Hüter europäischer Minderheitenrechte gemacht hatte und der als solcher die seltsame Ansicht vertrat, der Minderheitenschutz habe nur solange Berechtigung, bis die Minderheiten von dem Staatsvolk aufgesogen seien. Sir Austen hat seine frühere Haltung nun zwar für ein Mißverständnis erklärt, aber doch mit besonderer Betonung die Rotwendigkeit der Loyalität der Minderheiten gegenüber dem Staat, zu dem sie geschlagen wurden, unterstrichen. Das sind ja, soweit die deutschen Minderheiten jedenfalls in Frage kommen, selbstverständliche Dinge, die nie Dieser im ersten Augenblick sehr einleuchtende Gedanke löst nun doch bei näherer Ueberlegung manche Zweifel unb Besorgnisse aus. Wie wird , , — . - - - - - sich einmal Amerika und das amerikanische deutschen Delegation bei Reichsminister Dr. S 1 r e f e - Großkapital dazu stellen? Da mit John Pier- " ........ pont Morgan einer seiner hervorragendsten Ver- } tretet im Sachverständigenausschuß selbst sitzt, wird also wohl von dieser Seite lein Einwand zu erwarten sein. Um so größer scheint uns die Gefahr, dah sich das amerikanische Großkapital bei der Gründung der Reparationsbank durch hohe Beteiligungsquoten und Inanspruchnahme umfangreicher S. immrechte einen überragenden Einfluß auf dies neue Finanzinstitut größten Ausmaßes sichern wird. Wer aber diese Reparationsbank beherrschen wird, wird auch den Geldmarkt der Welt beherrschen, und dies an sich rein wirtschaftlich aufgezogene Institut würde damit über Rächt wieder zu einem — und zwar dem wirksamsten Instrument der Politik, von der man das Reparationsproblem ja gerade lösen wollte. Wenn man es auch zweifellos versuchen wird, so wird es doch in der gegenwärtigen Situation äußerst schwer halten, gegen diese drohende Weltdiltatur des amerikanischen Finanzkapitals ausreichende Sicherungen einzubauen. Zulänglicher Sicherungen bedarf Deutschland im besonderen auch für eine gerechte Durchführung des Clearing in dem Sinne, daß sich die Organisation des Zahlungsausgleichs vor allem auch für Deutschland, als dem wirtschaftlich schwachen, erst im Wiederaufbau begriffenen Schulbnerlanb günstig auswirkt. Heute schon zu einem abschließenden Urteil zu kommen, ist angesichts der mageren Mitteilungen aus offizieller Quelle unmöglich, unmöglich auch namentlich deshalb, weil die Pariser Sachverständigen sich anscheinend bis- her darauf beschränkt haben, die Umgestaltung des technischen Apparates zu erörtern, den es nun mit schwerwiegenden Zahlen auszufüllen gilt. Erst wenn hierüber Authentisches vorliegt, wird man sagen können, ob die Hoffnungen, die Deutschland auf die Pariser Reparatwns» konferenz gesetzt hat, Aussicht auf Erfüllung wird. Polens Feldzug gegen das Oeuifchtum. Schwere Borwürfe im Warschauer Senat. Warschau, 8. März. (TU.) In der Senats- aussprache über den Haushalt des Innenministeriums führte Senator H a s b a ch , einer der bewährtesten Führer deS Deutschtums in Polen u. a. aus, daß sich der Einfluß des Innenministeriums sowohl in der Schulpolitik der polnischen Regierung, wie überhaupt auf dem Gesamtgebiet Der Minderheitenbehandlung entscheidend geltend mache. Jedes Mittel und jeder Vorwand zur Entwurzelung deS Deutschtums sei den Behörden recht. So biete daS Innenministerium die nötigen Handhaben für die Liquidationdes deutschen Grundbesitzes, indem es bodenständigen Menschen ganz unbegründet die polnischen Staatsbürgerrechte abspreche. In gleicher Weise werde die sogenannte Agrarreform zu national- politischen Kampfzwecken gegen das Deutschtum ausgenuht. In bezug auf Pommerellen habe man in diesem Jahre 5520 Hektar deutschen Landbesitzes auf die Enteignungsliste gesetzt, während der polnische Besitz nur mit 500 Hektar heran» gezogen werde. Deutsche Musterwirtschaften würden schonungslos aufgeteilt, um in Pommerellen polnische Siedlungspolitik betreiben zu können. Dabei vergüte der Staat dem deut- jchen Tesitzer nur ein Viertel bis ein Drittel des tatsächlichen Bodenwertes und mache beim Weiter- verkauf sehr gute Geschäfte. Selbst in zur Debatte standen. Ob grade Chamberlain also seiner ganzen Einstellung nach für eine unvoreingenommene Prüfung des Minderheitenproblems daS geeignete Ratsmitglied ist, mag füglich bezweifelt werden. Auch die Zeitspanne bis zur nächsten Ratstagung scheint unS im Hinblick auf das riesenhaft angeschwollene und sich durch die zu erwartenden Denkschriften der interessierten Parteien noch ständig vermehrende Material sehr kurz bemessen zu sein, um eine wirklich sachgemäße und unparteiische Tlntersu- chung durchzuführen, die doch allein den Minderheiten nützen könnte. So können wir einige Besorgnis über den Ausgang dieses Experiments nicht unterdrücken. Wir möchten nur wünschen, daß recht viele Mitglieder des Rats wie der Vollversammlung zeitig zu der Einsicht kommen, an dem Minderettenproblem einen Prüfstein für die Existenzberechtigung des Völkerbunds vor sich zu haben. Aus dieser zunehmenden Erkenntnis heraus, zu der Stresemanns Vorstoß zweifellos wesentlich beigetragen hat, mag schließlich doch noch etwas Befriedigendes für die vierzig Millionen Europäer emporwachsen, die heute meist erst durch die Pariser Friebens- diktate gezwungen sind, in Staaten fremder Rationalität um ihre unveräußerlichen Menschenrechte, um Sprache, Kultur, Sitte und Glauben einen erbitterten Kampf zu führen. Dor dem Kriege hatte Deutschland durch die Ueberlegenheit seiner Wissenschaft — auf medizinischem, chemischem und technischem Gebiete vor allem — eine sichere Weltstellung in kulturpolitischer Beziehung. Diese Stellung hat es zwar trotz aller Boykottmaßnahmen der Kriegsund ersten Nachkriegszeit nicht ganz cingebüßt, aber es befindet sich als kulturpolitische Vormacht mindestens in einem scharfen Wettbewerb mit verschiedenen anderen Mächten, vor allem Frankreich, neuerdings auch Italien, die beide von jeher viel größere Mittel für ihre Kulturpropaganda im Auslande aufgewandt haben unb heute wieder aufwenden. Man kann Kulturpropaganda als eine Art nationalen Luxus betrachten und auf dem Standpunkt stehen, daß unsere materiellen Verhält- Nisse uns es zur Zeit nicht gestatten, dafür Mil- lionen-Summen aufzuwenden; man vergißt aber bei dieser Betrachtungsweise, daß unsere kulturelle Auslandarbeit sich stets als eine Pioniertätigkeit, in erster Linie für die Wirtschaft, nebenbei aber auch für die Politik erwiesen hat. Dem Arzt und dem Chemiker, die in Ueberfee durch die Qualität ihrer Leistungen sich Ruf und Ansehen erworben haben, folgt die chemisch-pharmazeutische Industrie mit Gegenden unb Ortschaften, wo das Deutschtum 90 v. H. der Bevölkerung darstelle, würden die Angehörigen der deutschen „Minderheit" syste- ma.i'chvom kommunalenDerwaltungS- dienst und Staatsdienst ausgeschlos- s e n. Aehnliche Hcbergriffe nach rein national- politischen Gesichtspunkten seien auf allen Gebieten des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens an der Tagesordnung. Zum Etat des Justizministeriums erklärte der oberschlesische Senator Panter: Wie ich schon einmal nachzuweisen versucht habe, dient bei und die Justiz nicht der Gerechtigkeit, sondern dem krassesten Rationalismus. Ich erachte' es aber für notwendig, auf die Ausführungen des Iustizministers Car im HaushaltsauLschuß zum Falle Tllitz zu antworten Tllitz ist, wie ich damals ausgeführt habe, nicht etwa deshalb verhaftet worden, weil er sich gegen irgendein Gesetz vergangen hat, sondern well er der Leiter des Deutschen DolkSbun- deS ist und der Deutsche Volksbund als eine Organisation der deutschen Minderheit den Verwaltungsbehörden bei ihren ©ntnationalifie- rungsmaßnahmen unbequem ist. Durch die Verhaftung des Abgeordneten Alitz glaubt man, die Tätigkeit dieser Organisation lahmge- l e g t oder wenigstens die deutsche Minderheit eingeschüchtert zu haben. In dem Verfahren gegen unS stützt man sich auf ein gefälschtes Dokument. Selbst der Marschall des schlesischen SejmS und der weitaus größere Teil des früheren schlesischen Parlaments haben diese Auffassung vertreten. Warum fürchtet man sich, dieses Dokument von einem objektiven Fachmann auf seine Echtheit prüfen zu lassen. In dem Prozeß gegen ein zweites Mitglied des Deutschen VolksbundeS hat man sich ebenfalls auf ein Dokument gestützt, dessen Fälschung leicht nachzuweisen ist. Aber nicht nur das; es wurde sogar eintoegenllr- kundenf äl schung von polnischen Gerichten zur Verantwortung gezogener Mensch a l S Hauptbelastungszeuge zugelassen und unter Eid vernommen. Auf diese von mir vorgebrachten Tatsachen ist der Justiz- Minister überhaupt nicht eingegangen, so daß man beinahe Den Schluß ziehen könnte, daß Derartige unmoralische Mittel bewußt angern e n D et werden. Bei und in Oberschlesien herrscht Die äleberjeugung unD nicht nur bet Den Deutschen, daß in Diesem Falle nicht Die Justizbehörden das ilrteU fällen, sondern Die politische Abteilung Des Innenministeriums in Warschau und daß Die Urteile sestgelegt wurden lange bevor daS Verfahren eingeleitet war. haben. Die Herausnahme des gesamten Reparationsproblems aus der politischen Atmosphäre unb seine Abwickelung nach rein wirtschaftlich- finanzpolitischen Gesichtspunkten, scheint ja dieser Plan einer Weltreparationsbank zu gewährleisten. Die fast ausschließlich politisch orientierte Reparationskommission, die sich allzuoft als ein williges Werkzeug in der Hand unserer macht- und beutelüsternen Gegner erwiesen hat, würde verschwinden und an ihrer Stelle hätte es Deutschland ausschließlich mit dieser von Richtsals- sinanzleuten geleiteten Bank zu tun. Ihre Aufgabe würde es bann in Zukunft allein sein, Teile der deutschen Reparationsschuld auf den Markt zu bringen, Deutschlands Zahlungen in Empfang zu nehmen unb an bie Gläubiger- länber zu verteilen, bamit also die besonders schwierige Aufgabe der Transferierung zu bewerkstelligen, aber auch Kontrolle unb Verteilung der Sachlieferungen in bie Hand zu nehmen. Also ein Riesenprogramm, dessen Abwickelung künftig von einer einzigen Stelle aus vonstatten gehen würde. j resümieren unb nötigenfalls die Gründe dafür an- । geben, warum Deutschland sich bei der Abstimmung über den Bericht der Stimme enthalten Schwierige Vorverhandlungen. | Genf, 8. Mär;. (IDID.) Auf der Tagesordnung ihren Waren; dem Konstrukteur unb Wegebauer, dem Bergmann und Geologen folgen die Maschinenfabriken, die Waggon- und Lokomotiofabriken mit um so sicherer Aussicht auf Erfolg; und selbst der deutsche Lehrer ist ein Bahnbrecher für Das deutsche Buch, das rtur da tm Auslande gekauft werden kann, wo die Bevölkerung die deutsche Sprache versteht und für deutsches Geistesleben zuvor interessiert worden ist. Kulturpropaganda ist also kein Luxus, und wenn ihr Nutzen auch vorwiegend auf politischem Gebiet liegt — denn Verständigung kommt von Verstehen, und Verstehen ist nur mög- sich, wo die Grundlage dazu von Kulturpionieren gelegt worden ist — so kann man doch ganz gut die gesamte kulturelle Mrbeit des Deutschtums im Auslande als „W e r b u n g s k o st e n der Firma Deutschland" als eines wirtschaftlichen Konzerns verbuchen. Es ist deshalb außerordentlich bedauerlich, daß bei der Etatisierung der hierfür notwendigen Mittel gewöhnlich von dem Gesichtspunkt ausgegangen wird, daß es sich um eine Luxus-, nicht um eine werbende Anlage handle. Auch jetzt wieder hat man an dem ohnehin beschränkten Etat für kulturelle Aufwendungen im Auslande Streichungen versucht, und Preußen hat im Reichsrat unter Berufung auf die Unzulänglichkeit seiner eigenen Schuloerhältnisse In Teilen Ostpreußens und Der Eifel eine Verminderung der Aufwendungen für die Auslandschulen um 500 000 Mark beantragt. Dabei haben diese Schulen im Gegensatz etwa zu Denjenigen der sehr rührigen Alliance Franyaise, die man vor allem in der Levante, im Balkan und in Dftafien findet, für Deutschland eine doppelte Aufgabe zu erfüllen: nicht nur diejenige der Werbung für die deutsche Sprache und Kultur bei fremden Völkern, sondern vor allem auch die Erhaltung des Deutschtums bei den deutschen Minderheiten unb in Den zahlreichen Einsprengseln Deutscher <5ieDelungen, die fast über die ganze Welt verbreitet sind. Die deutsche Hochschule in China hat dieses Jahr etwa zehnmal soviel Anmeldungen von Chinesen gehabt, als sie aufnehmen konnte, in Madrid mußte Die Oberrealschule, die 500 Schüler umfaßt, Bewerber ablehnen, in fientngrab mußte die einzig übrig gebliebene deutsche Schule, Die freilich 5000 nur zum Teil deutsche Schüler enthält, reduziert werden. Deutsche Musik unb beutscher Sport, beut- sches Theater und beutscher Film sind wichtige Mit- tel der Kulturpropaganda, die nichts ober wenig kosten; aber deswegen darf doch auf die übrigen nicht unb nirgends verzichtet werden; denn es gilt, nicht nur zu erhalten, sondern Neues auf friedlichem Wege zu erobern! - Neheim Anzeiger General-Anzeiger für Oberheffen vruöund Verlag: Vrühl'sche Univerfitütr-Vuch- und Steindruckerei R. Lanze in Sieben. Schriftteitung und Seschastrstelle: Schulftrabe 7. Mb - fi SL- ""5 3D vM'» s" Die Beschwerden des Saargebiets. Gegen die französische Schule und die Werbung zur Fremdenlegion. Genf. 8. März. (WB.) Die parlamentarische Saardelegat.on, bestehend aus Geheimrat Röchling. Rechtsanwalt Leoocher. Schmoll und Sartorius, hat heute offiziell dem Bölkerbundssekretariat zwei Aufstellungen über die französische Schul nolitik und die Anwerbung für die Fremdenlegion im Saargebiet übergeben und die Aufze.chnungen mit mündlichen Erläuterungen ergänzt. In der ersten Aufstellung wird an verschiedenen Beispielen dargelegt, daß neuerdings bie französische Saargrubenverwaltung wieder einen Zwang zum Besuch der französischen Schulen ausübt. In der zweiten Aufstel- lun werden die Namen von 57 Saarländern angegeben, die in der Fremdenlegion dienen, von denen einer bereits in Marokko gestorben ist. Unter diesen Angeworbenen befinden sich 2 3 Min- derjährige im Aller von 17 bis 20 Jahren. Die Gesamtzahl der saarländischen Fremdenlegionäre werde etwa 150 bis 180 Mann betragen. Revolutionskämpfe an der amerikanischen Grenze. Washington unterstützt die rechtmäßige Regierung N e u y o r k, 8. März. (TU.) Die Kämpfe um die mexikanische Grenzstadt Iuarez interessieren hier außerordentlich, da dauernd die Gefahr besteht, daß eine Grenzverletzung durch die Kämpfenden Amerika zwingen würde, bewaffnet einzugreifen. Freitag mlltag gelang es dann den Aufständischen, ganz Iuarez au besetzen, nachdem bei den Rcgie- rungstruppen Munitionsmangel eingesetzt hatte. Die Amerikaner konnten vom gegenüberliegenden E l - paso aus die Kämpfe genau verfolgen. Die Auf- ständischen hotten sich anscheinend in der Nacht in den Besitz von Iuarez gesetzt, wurden dann wieder hinausgetrieben, um bald darauf zwischen Iuarez und der amerikanischen Grenze ein Zollhaus zu erobern, von wo aus sie neue Angriffe begannen, die damit endeten, daß die Regierungstruppen sich auf den Damm links der Grenze zurückzogen. Nach dem Waffenstillstand wurde vereinbart, daß die besiegten Bundestruppen nach Elpaso gebracht und dort interniert werden. Außer einem sechsjährigen Knaben wurde ein spielendes zweijähriges amerikanisches Mädchen verwundet. Das Mädchen erlag bald darauf seinen Verletzungen. Der amerikanische General M o f e l e y suchte die Aufständischen im Hauptquartier auf, teilte ihnen mit, daß zwei Kinder verwundet worden seien, da die mexikanischen Geschütze in Richtung des Gebietes der Vereinigten Staaten aufgestellt worden seien und verwarnte die Führer der Aufständischen. DaS amerikanische S.a.tsdepartement giot bekannt. daß das Embargo auf die Ausfuhr von Handelsflugzeugen nach Mexiko, das im vergangenen Mürz aufgehoben wurde, jetzt wieder in Kraft gesetzt worden sei. Fortan dürfen also Waffen, Munition und Flugzeuge jeder Art nur auf Grund einer besonderen Ausfuhrerlaubnis, die für jede einzelne Verschickung beim Staatsdepartement nachgesucht werden muh und nur für Ankäufe seitens der mexikanischen Regierung erteilt wir), von den Vere'.nigt.Staaten nach Mexcko ausgcführt werden. Die mexikanische Regierung ersuchte den Präsidenten Hoover um den Verkauf überflüssigen Kriegsmaterials. Der Kriegsminister wurde ermächtigt. diesem Wunsche nach Möglichkeit zu entsprechen. Etatberatung in Hessen. Der zweite Tag vor leerem Hause. Darmstadt, 8. März. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Etatsberatung. Als erster Redner erhäll vor nur schwach besetztem Hause des Landtags das Wort Abg. Keller- Büdingen (D. Vp.): Angesichts der schweren Wirtschaftslage aller Volksschichten, der katastrophalen Arbeitslosigkeit und der schwierigen Absatzverhältnisse warnt er vor einer lieber- > sckätzung der kleinen hessischen Nöte und der zwi- I schen der Regierung und den Regierungsparteien ' und der Opposition bestehenden Meinungsverschiedenheiten und mahnt zur Einigkeit. Seine Partei treibe keine Opposition um derVpposi- t i o n willen. Demnächst werde der Spar- ko m m i s s a r die Rolle der verantwortlichen Oppo- sition übernehmen und zu schwerwiegenden Ent- I schlössen zwingen. Einer zweijährigen Etatisierung' stehe feine Partei nicht ablehnend gegenüber. Der Optimismus des Finanzministers sch'ine ihm etwas zu groß. Er begrüßt die baldige Klärung der Beziehungen zwischen Staat und Kirch c. Die Kirche dürfe aber nicht vergewaltigt werden. Die Regierung werde bei ihren Ansprüchen an das Reich die Unterstützung seiner Partei finden. Den von dem Abg. Kaul vorgeschlagenen Sparmaß. nahmen auf dem S ch u l a e b t e t stehe er zum Teil ablehnend gegenüber. Auf dem Gebiete des Wohnungswesens sei Hessen das rückschrittlichste Land Deutschlands. Der Redner kritisiert scharf die von den Koalitionsparteien geübte Personal- Politik unter Anführung einzelner Fälle. Seine Partei werde die Regierung in allen berechtigten Fragen unterstützen, aber stets gegen Parteieigen, nutz unter Mißbrauch des Wortes Republik und g"gen Vorgänge, die der Gerechtigkell ins Gesicht schlügen, vorgehen. Abg. Schreiber (Dem.) begründet die Forderungen der Demokraten zum dezentralisierten Einheitsstaat. Er fordert Uebertragung der Iüftiz auf das Reich. Eine Stärkung der Reichsaufsicht bei der Slufgabenverwaltung sei notwendig. Der Parlamentarismus schaffe in den Ländern häufig nur Leerlaufarbeit. Für die Leuschnerschen Dor- schlage in der rhein-mainischen Frage könne er sich nickt erwärmen. Abg. Golm (Komm.) erinnert daran, daß die Kommunisten als erste den Einheitsstaat verlangt hätten, um ein finanzielles Verbluten zu verhindern. Trotz stundenlanger Reden und spaltenlanger Ar- tikel hätten die einheitsstaollich eingestellten Parteien gar nicht den inneren Drang zum (Einheit*, staat und zur Aufhebung der Kleinstaaterei: sonst müßte dex Einheitsstaat schon längst verwirklicht fein. Der Redner lehnt den nach seiner Ansicht unsozialen Etat der Regierung ab. Auch eine für Deutschland günstige Regelung der Reparaiions- lasten werde nur die arbeitende Klasse belasten, deren Herrschaft allein die Aufhebung des Versailler 1 Vertrages durchsetzen könne. In der Wohnungs. frage habe die Regierung vollkommen versagt. Sie habe aber wohl dafür gesorgt, daß ihr Derwal- tungsapparat gut geschmiert sei. Me Widerstände gegen eine Aeparaiionsbank. Französische Bedenken.—Gegenden endgültigen DerzichtausweitereForderungen Paris, 8. März. (WD.) Die Havasagentur beschäftigt sich in einer Auslassung mit der zu gründenden Zentralbank, über die die Reparationskonferenz heute in zwei Sitzungen beraten hat. Diese Zentralbank würde nach Ansicht der Sachverständigen eine gewisse Anzahl von Dedingungen erfüllen müssen. Dor allem vertreten die Sachverständigen die Ansicht, daß dieser neue Organismus ein unabhängiger Vermittler zwischen Deut chlr.,0 unJ ten ehemaligen alliierten und assoziierten Mächten fein müsse, daß ferner, um den Parteien sämtliche Garantien zu geben, die interessierten Mächte darin in einem grundsätzlich ihrem 3n- teresse entsprechenden Verhältnis vertreten sein mühten und endlich, dah der geplante Organismus derart gebildet werden mühte, dah er gleichzeitig einerseits als Verbindungsglied zwischen Den verschiedenen Emissionsbanken dienen und anderseits eventuell im Hinblick auf die Regelung der interalliierten Schulden nutzbar gemacht werden könnte. Es scheint also, dah entgegen den in der Presse der verschiedenen Länder zum Ausdruck gebrachten Befürchtungen, ein derartiger Organismus nicht den politischen Ginsluh haben könne, den gewisse französische und ausländische Spezialisten anscheinend befürchtet hatten. Auch das »Journal des Dsbats" bespricht den Plan der Scha,fung einer Zentralbank. Das Blatt schreibt — und beweist damit, dah ein Wider» stand gegen die geplante Zentralorganifation in französischen Kreisen sich bereits geltend macht: Welche Haltung würden die Regierungen einnehmen gegenüber einem Versuch, ihnen die Reparationen völlig aus der Hand zu nehmen? Man darf voraussehen, dah eine derartige Lösung sie wenigstens veranlassen wird, um so größere Garantien zu fordern, da alsdann jeder weiteren Forderung die Tür verschlossen wäre. Hat man nicht schon von der Aufhebung der Reparationskommission gesprochen? Derart durchgreifende Maßnahmen ins Auge fassen, heißt vergessen, dah das Problem der deutschen Reparationen nur einen der Gegenstände der Betätigung der Reparationskommission ausmacht, die auch mit der Liquidierung aller durch den Krieg in Mitteleuropa aufgeworfenen Fragen betraut ist. Nichtsdestoweniger muh schon die Voraussetzung einer so schwerwiegenden Abänderung des Versailler Vertrages ernstlich die Aufmerksamkeit der alliierten Regierungen in Anspruch nehmen. Was die Aufnahme des neuen Planes seitens der alliierten Regierungen betrifft, so ist es klar, dah sie in weitem Matze bestimmt wird durch die Zah - l e n, die der Ausschuß an einem der nächsten Tage sich entschließen muh, an die Stelle Der unbekannten H^he der Amruitäten zu sehen. Es ist daher klug, abzuwarten, bevor man ein Urteil fällt. Oer Transferschuh. Politischer oder wirtschaftlicher Charakter der Konferenz. pari», 8. März, (havas.) Die heutige voll- sihung des Sachverständigenausschusses dauerte von 11 bis 13 Uhr. Ls fand eine Generaldiskusjion übet den plan der Schaffung einer Zentralbank statt. Der Lachoerständigenausschuh hat weiter die Frage geprüft, wie der Mechanismus der geplanten Zentralbank beschaffen sein könnte. Der Ausschuß hat insbesondere die Schlußfolgerungen de» unter dem Vorsitz von Sir Josiah Stomp stehenden Transfer • Unterausschusses studiert, am die Modalitäten der S ch u tz k l a n s e l zu definieren und festzustellen, wie der geschützte Teil der deutschen Annuität nach und nach in den ungeschützten Teit übergehen könne. Das würde natürlich den Zweck haben, nach und nach eine Kommerzialisierung vorzunehmen und die Schutzklausel für den geschützten Teil der Schuld ganz oder teilweise zu beseitigen. 3n den letzten Tagen sind In der ausländischen Presse, so u. a. in der englischen, Aeußernagen veröffentlicht worden, denen zufolge nur ein Provisorium erreicht werden soll, hierzu wird deutscherseits erklärt: Die englische Ansicht sei, daß auch diese Konferenz st arten politischen Lin» schlag trage, und daß es noch 3ahre dauern könne, bis eine rein wirtschaftliche Konferenz zustande- komme. Die Auffassung der City, dah e» sich nur um die Vorbereitung eines Provisoriums handele, erkläre sich aus dieser Tatsache. 3m Gegensatz hierzu wird betont, daß das Bestreben der Delegierten weiterhin daraus ausgehe, eine endgültige Regelung zu treffen. Es sind außerdem auch Ziffern in der Presse genannt worden, u. a. der Betrag von acht Milliarden Dollars. Es handele sich hierbei, so wird erklärt, um eine 10 bis 14 Tage alte aus der amerikanischen Presse übernommenen Mel- düng, die um so mehr al» unwahrscheinlich bezeichnet werden könne, als keine offizielle Diskussion über die Ziffern stattgefunden habe. Oer Notetat des Reichskabinetts. Zünfhundertmillionenkredit für die leere Reichskasse. Berlin, 9. März. (Prio.-Tel.) Der Gesetzentwurf zur vorläufigen Regelung des Haushaltes (der sogenannte Rotetat), den dos Reichskabinett jetzt den gesetzgebenden Körperschaslen überwiesen hat, sieht eine Ermächtigung der Reichsregierung f ü r hie Dauer von drei Monaten vor. die Einnahmen und Ausgaben nach Maßgabe des bleiartigen Etat» für 1928 zu regeln. Dabei ist die Einschränkung getroffen, dah in der Zeit vom 1. April bis 30. 3uni die Gesamtausgaben den Betrag eines Viertel» der Etolsansätze für das Oe- samljahr 1928 29 nicht überschreiten dürfen, dah aber auch in den einzelnen Posten die Elatsansühe im Entwurf für den haushalt des 3ahres 1929 nicht überschritten werden sollen. Angesichts der sehr schwierigen Lassenlage des Reiches ist in dem Gesetzentwurf vorgesehen. dah zur Stärkung der Betriebsmittel der ReichLhauplkasse zunächst 5 0 0 Millionen auf dem Kreditwege aufgebracht werden dürfen. 3m Hinblick auf den neuen hanpt- etat hat das Reichvkabinett beschlossen, diesen Etat in der ursprünglichen Fassung, wie ihn da» Kabinett seinerzeit einschliehlich der Steuergesetze verabschiedet hatte, dem Reichstag neben der vom Rcichrrat beschlossenen veränderten Fassung als Doppelvorlage zukom- men zu lassen. Abstriche am Etat. Die KiirzungSwiiusche der BolksParLci. Berlin, 8. März. (Priv.-Tel.) 3n Verfolg der durch Indiskretion in der Presse wenigstens in größeren ilmriffen bekannt gewordenen Kür - zungsaktion der Deutschen Volkspartei am ReichchauSaltsplan für das kommende Rechnungsjahr wird uns aus volksparteilichen Kreisen noch mitgeteilt, dah die Partei sich zwar Im einzelnen ein Programm der möglicherweise vorzunehmenden Abstriche am Etat gemacht hat, das sich sogar noch nach ihrer Ansicht erweitern ließe, daß sie aber zunächst einmal sowohl an die Parteien des Reichstages wie vor allem auch an den Deichsfinanzminister mit der grundsätzlichen Frage herantreten will, ob man sich bereit findet, die Balancierung des Desizitetats nicht durch neue Steuern, sondern durch Kürzungen herbeizuführen. Weiter wird die Partei an den Leichsfinanzminister die prinzipielle Fraae richten, ob er bereit ist, seinen Etatsvoranschlag entsprechend der volk-parteilichen Wünsche v ö l l i g u m- zuarbeiten. Die im einzelnen vorgesehenen Streichungen sollen erst dann gewissermaßen als Anregung in die Diskussion geworfen werden. Dem Vernehmen nach sollen sich die volksparteilichen Kürzungen am Etat auch auf die produktive Erwerbslofenfürsorge erstrecken, die nach der Ansicht der Volkspartei gerade in Anbetracht des Notjahres und des damit verknüpften Sparsamkeitszwanges dringend einer Umorgan i° f a t i o n bedürfe, da sie finanzpolitisch überhaupt nicht mehr tragbar wäre. Irgendwelche sozialen Posten find aber von dem Streickungsprogramm, wie man uns aus oolksparteilichen Kreisen ausdrück, lich erklärt, nicht erfaßt worden. Inwieweit der Etat des Reichswehrmini st eriums in Mitleidenschaft gezogen worden ist, läßt sich noch nicht überblicken. Die Initiative zur KurzungsalUon wird dem Hansa-Bund überlassen, der morgen voraussicht'ich mit feiner Denlschrift her- auskommt, woraufhin auch von parlamentarischer Seite weitere Schritte erfolgen werden. Wenn nun auch in verschiedenen parlamentarischen Kreisen erklärt, daß es eine Kleinigkeit wäre, Vorschläge für Kürzungen am Etat zu machen, so läßt sich immer noch nicht erkennen, ob damit die Steuererhöhungen, die geplant sind, ganz oder wenigstens zu einem ansehnlichen Teil aus der Welt geschafft werden können. Abg. v. d. S ch m i 11 (Komm.) kritisiert auf Grund der marxistischen Lehren die Orientierung der deutschen Wettpolitik. In heiliger Dreieinigkeit belasteten Staat, Unternehmer und Gewerkschaften das Proletariat zur Stärkung des Kapitalismus. Den Einheitsstaat lehnt er ab. Den Sozialdemokraten macht er zum Vorwurf, daß sie dem Zentrum in den kulturpolitischen Fragen die Führung überlassen hätten. — Da nur noch ungefähr zehn Abgeordnete im Haufe anwesend sind, vertagt Vizepräsident Blank die Sitzung auf Dienstag: Weiterberatung des Etats. Ein feiner Herr. Bonn, 8. Marx. Die Verhandlung gegen den wegen schwerer Urkundenfälschung in Tateinheit mit übler Nachrede und Beleidigung angeklagten und verurteilten ehemaligen Syndikus eines Kölner Werks, Dr. Heinrich Schmuck, über die bereits berichtet wurde, brachte neues Material über die Beziehungen Dr. Schmucks zu den Franzosen lind Separatisten. So erklärte ein Beamter des hiesigen Arbeitsamtes, man habe während der Besatzungs- zeit beim Erscheinen des Angeklagten auf dem Besatzungsamt gerufen: „Vorsicht! Spitzel!". Der Angeklagte habe erklärt, er werde den Rufer schon herausbekommen, denn er gehe bei den Besatzungsbehörden ein und aus. Ein Dolmetscher, der in französischen Diensten gestanden hab«, hat einen Zeugen vor Dr. Schmuck gewarnt, da dieser „ein Lump und Verräter" sei. J£in anderer Zeuge, der Leiter des Werftamtes, bekundete, ein französischer Angestellter habe einmal au ihm gesagt, er solle doch die Stadtverwaltung vor dem Angeklagten warnen, der aus beiden Seiten intrigiere. Selbst der ehemalige französische Stadtkommandant habe sich abfällig über Dr. Schmuck geäußert. Ein als Zeuge vernommener Kriminalbeamter erklärte, ein Dolmetscher habe ihm einmal gesagt, der Angeklagte habe den Franzosen die Wohnungen rcchtsst^ender Persönlichkeiten angegeben, damit di« Woh- nungen beschlagnahmt würden. Aus aller Welt. Der ehemalige Reichskanzler Luther tritt in die Direktion der Gemeinfchaftsgruppe deutscher Hypothekenbanken. In den Aufsichtsratssihungen der Deutschen Hypothekenbank Meiningen und der Preußischen B v d e n k r e d i t - A k t i en- bank wurde Reichskanzler a.D. Dr. Hans Luther zum Mitglied des Vorstandes der beiden Danken bestellt. Er tritt damit in die Gemeinschaitsdirekftvn der Gemeinschaftsgruppe Deutscher Hypothekenbanken ein. Dr. Luther hat die Wahl angenommen. Wie dazu aus Kreisen des Bundes zur Erneuerung des Reiches verlautet, bleibt Dr. Luther Vorsitzender des Bundes und wird nach wie vor an der Durchführung der Reichsreform, in der er das grundlegende Staats Problem der deutschen Gegenwart sieht, mitarbeiten. Rclchsarbeilsmlnister wissell Ehrendoktor von Siel. Eine Abordnung der Kieler Universität überbrachte dem Deichsarbeiksminister WisseN a n seinem 60. Geburtstag die Ernennung zum Eh.e.rdoktor der Rechts» und Siaatswissen- schaftlichen Fakultät der älniversität Kiel. Wissell hat seinen Ausgang als Sozialpolitiker von Kiel und Friedrichsort genommen, wo er lange Zeit als Maschinenbauer arbeitet«. Ueberschwemmung In Andernach. Die Stadt Andernach am Rhein wurde plötzlich vom Hochwasser überrascht. DaS Wasser ergoß «sich in reihenden Sturzbächen durch die Stadt und Überschwemmte die Straßen vollständig. Besonders betroffen wurden die Pro- vinzial-Heil- und Pflege-Anstalt und die Vereinigten Möbelwerke, die einen Meter unter Wasser standen. Sämtliche Keller sind überflutet. Der Schaden ist noch nicht zu übersehen. Schwerer Schneesturm In flonftanflnopet Durch einen heftigen Gchneesturm wurden zwei Häuser, ein Wagenschuppen und zahlreiche Mauern zum Einstürzen gebracht. 3n einem Hause brach Feuer au8 und zwei Personen kamen in den Flammen um. Dynamilexplofion in Amerika. 3n der Rähe des Städtchens Scribner am Elkhorn-Fluh (Rebraska) explodierten während eines Brandes auf der Farm eines Kreisbeam- ten «i n D u tz e n d K i st e n D Y n a m i t, di« in einer Scheune lagerten und zur Sprengung der EiSmassen benutzt werden sollten, das sich an den Brücken gestaut hatte. Vi«r Personen wurden getötet und mehr als dreißig verletzt, davon einundzwanzig schwer. Schwere» Lxploflonsunglück In Rumänien. Bei einer Petroleumbohrung in der Nähe der Ortschaft Moreni wurden durch eine Dampfkessel- explosion neun Arbeiter und ein englischer Ingenieur getötet sowie acht Arbeiter schwer verletzt. Kindesentführung Im Flugzeug. Die Staatsanwaltschaft des Landgerichts I ht Berlin ist mit der Verfolgung einer Kindesentführung beschäftigt, die um so größere- Aufsehen erregt, als die Entführung unter den abenteuerlichsten Umständen vor sich gegangen ist. Die Hauptinhaberin des VerlageS Ehsler & Eo., die mit dem Berliner Bankier Tobolski verheiratet ist, Frau Helga Shs- ler-Tobolski, hat ihr Kind aus ihrer ersten Ehe mit dem Großgärtnereibesitzer Dr. Hellmut Späth In einem Flugzeuge entführt. Sie hält sich zur Zeit mit dem Kinde im Auslande verborgen. Oie Wetterlage. Freitag, d.B. Harz 1929^ 7* apds. y vcmrtiflÄ O wiro.»nit» ecettwt a wenv e t*o«n •”<•<• • Seen« a trauern e fUPci K •tnif» O» eawgt' Sudsuowtn 'h $tur"Wi'O ’ordwcj» •n dient mtotn »n dem wiw« Pit MI ar» lunontn $wt><*dta Ze» en gesen die Tcmptraiur m pit Limen eerdmoee QrU eH QIC«*** •ei n-treieivre» umarrrcee#tr» lefldrwt Wettervoraussage. Fast in ganz Deutschland lagen die Temperaturen heute morgen über Rull Grad. 3n de» Maingegend erreichten sie schon 5 Grad und in unserem Bezirk durchweg 3 Grad. Dur Königsberg und Friedrichshafen meldeten noch leichten Frost. Da eine wesentliche Aenderung der Druckverteilung nicht stattgefunden hat, so ist für unser Gebiet mit Fortdauer der herrschenden Wetterlage zu rechnen. Wettervoraussage für Sonntag: Wol.ig mit Aufheiterung, trocken, Temperaturen nachts um null Grad, tagsüber mild. Wettervoraussage für Montag: Wenig Aenderung der Wetterlage. Lufttemperaturen am 8. März: mittags + 6,6 Grad Celsius, abends -f-0,8 Grad: am S. Marz: morgens + 3,3 Grad. Maximum + 7,4 Grad, Minimum —1,2 Grad. — Erdtemperaturen am 8. Marz: abends —0,5 Grad: am 9. März: morgens —0,6 Grad Celsius. — Sonnenscheindauer 6X Stunden. wlnlerfporknachrlchlen der Hess. Wetterdienststelle. Vogelsberg (Hobcrods.opf): Hei er, Temperatur minus 1 Grad, 35 Zentimeter Schnee, etwas verharscht, Ski und Rodel gut. — Herchen- hainer Höhe: Heiter, Temperatur plus 3 Grad, 20 Zentimeter Pappschnee, Ski und Rodel ziemlich gut. Sauerland (Winterberg): Heiter, Tem-- peratur pluS 2 Grad, 35 Zentimeter Schnee, etwas verweht, Ski mäßig, Rodel gut Schwarzwald (Feldberg): H« ter, Temperatur PluS 2 Grad, 88 Zentimeter Schnee, gekörnt, Ski und Rodel sehr gut. 2llpen (Garmisch-Partenlirchen): Heiter, Temperatur minus 2 Grad, 25 Zentimeter Schnee, etwas verharscht, Ski und Rodel gut (Berchtesgaden): Wolkig, Temperatur plus 4 Grad, 45 Zentimeter Schnee, stark verweht, Ski und Rodal sehr gut. Nervöse, abgehetzte Menschen llllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll Walltorstraße 35 2171D Große Bleiche 12. 2i63D flllillllllUllllllllllllllllllllllllllllllIlllllllllllllllllUllllllllllH Bet Grippe, Influenza u. a- 4rtaitung$tranthtUtn Haden sich Togal-Ta. bktten hervorragend bewährt. 3m knfangrstadium genommen, verschwinden die ttrankheltrerscheinungen sofort, laut notarieller Betätigung sind innerhalb 6 Monaten mehr als 1500 Lutachtcn allein ans flrjte» kreisen «ingcgangen, darunter von namhaften Prof, u. aus ersten Kliniken v. Krankenanstalten, über, raschendc «Erfolge! Stagen Sie 3hren ßrjt! Togal ist in allen Apotheken erhältlich. Preis TtL 1.40 V.124 Llth-O.«>ChtDln. 74J Add. aceLsal. ad 100 atnyl Zahnärztliche Artikel Eine in Gienen ti Umnebunn sehr aut etnnei. »druia bcabüdji. -iiederlaae au erricht. ES kam. nur Herren i. ,-rage. dre in. den , irchleu en vertonl. deka, ni sind ii. e. cntioi.. 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Kreu-vlaß L fried' berg: Enael-Avoibele Nidda: Avotheke Ntdda. em ganz anderer Mensch geworden und füblc mich wie neu gebo en. gez. Ludwig Botsky, Ntkikch-Lchacht. . . . Der Tee ist vorzüglich er stärkt und beruhigt die 'Jicruen, tch ka n viel besser schlafen. gez. x)ob. Neuner, Mevrsteuen. . . . daß meine Neroenkovischuier zen nach Gebrauch eines PakeiS vollständig geschwunden und. ge*. R. Nernebr, Trier. rfu dem am 27., 28., 29. Juli fintt- findenden Bczirkskriegerselt des Stri.» ficru reins Gonterskirchen sollen die IutkevfiSnre, iKavtrssett uns «Schießbuden vergeben weiden. (SdirtMidie Angebo e 'ollen bls »um 1. Avni an dm ersten Bor- fitzenden Herrn Wilhelm fHobtt einge- rercht werden. LiÄll) ttrrcgervcrcin Gonterskirchen. sollten weder Dobnenkafiee noch schwarzen Tee innken! Die darin enihalienen Gifte uetneben du- Nerven nod) mehr nut und ra den den wertvollen Schlaf Wer ner öS ist und schwache 'J>cnen hat. m.r an Sd.latloiigkeit, Schwächezusiändm, Mopf- sch'nerAen Nervenuberretznna. Schwindelanlällen nervösen Magen und Darmleiden. Angsnnilai'den und Melindtolie leitet, folhe on (Stelle dieser Ge- tvnntc lieber den aroniarifchen berubtgin'en und e* Prof. Dr. Gundermann zum Chefarzt des Friedberger Krank en Hauses gewählt. Wie aus Friedberg gemeldet wird, wurde von der zuständigen städt.sch?n Kifrpcr- scha t Prof. Dr. Gundermann (Siejen), der langjährige Assistent des Leiters der Gießener Chirurgischen Klinik, zum leitenden Arzt des städtischen Kran'enhau es in Friedberg gewählt. ** Eine Kundgebung gegen die Kriegsschuldlüge roirb auf Veranlassung der Arbeitsgemeinschaft der Militär- und Regimentsvereine in Gießen am Donnerstagabend im Cafe Le b stattfinden. Oberst a. D. Kleinhans wird über „Die ncucsten Forschungen auf dem Gebiete der Kriegsschuldlüge" sprechen. Der E ntritt zu der Kundgebung ist für jedermann frei. Man darf wohl hoffen, daß diese bedeutsame Veranstaltung aus allen Kreisen der Bürgerschaft den gebührenden starken Besuch finden wird. Man beachte die heutige Anzeige. ** Der Wasserrohrbruch in der Reust a d t, der schon vor etwa 14 Tagen festgcstcllt wurde und bisher trotz wiederholter Bemühungen nicht beseitigt werden konnte, ist nun an der richtigen Stelle ermittelt worden. De Bruchstelle des Rohres liegt gegenüber der Gastwirtschaft von Sauer. Aus dem geborstenen Rohre drang das Wasser in einen neben diesem Rohr liegenden alten Rohrkanal ein, Mges Fräulein welches nut Schreib mas < ine schreib'n kann, von aro em Aabrittontor, sofort über per 1. Avnl g sticht. Schitstli be Slnnebote mit Gehaltsan, fprüdien un er 218UD an den Gießener Anzeiger erbeten. Gesucht sofort 9,sv an allen Orten tletüine. sttebsame Per fonen zur Ueueinabme einer Tnkolagen-n.S!Ttin)plstricKerei auf unterer .seininaünämnL ine.. eich« ter und bober Veidieuit. Günstige Be- öiniimnen. Boikenntnisse mcht erfoi- derlich. Prosoek gratis und franko Trikota^en- und Strumpffabrik Neher & Fohlen, Saarbrücken 3 Aus der provinzialhauptsiadi. Gießen, den 9. März 1929. ^Oas lasse ich mir nicht gefallen!" Das war eine böse Geschichte. Auf dem Schulwege hatten sich die Jungen gebalgt. Dabei hatte ein wilder Strick einen kleinen schwachen Buben unter sich liegen und wollte seinen Zorn an ihm auslassen. Ein vorübergehender Herr stand dem kleinen Opferlamm bei und gab dem angreifenden Schlingel, den er gut kannte, eine gehörige Ohrfeige. Heulend kommt der Junge heim und erzählt, wie ihn Herr M., ohne jeden Grund natürlich, geschlagen habe. Die Mutter, gleich bereit, ihrem Söhnchen beizustehen, rückt sofort in das Haus der Frau M., mit der sie sowieso noch eine Kleinigkeit zu regeln hat. ,Lch lasse mir einfach nicht gefallen, daß Ihr Mann meinen armen Zungen auf der Strohe halb tot prügelt ..so fängt es an. Einige liebliche Zwischenbemerkungen von Frau M. folgen, und noch einer halben stunde ist die Beleidigungsklage fertig. Zwei Rechtsanwälte hatten zu tun. Trotzdem lief die Geschichte noch ziemlich glimpflich ab, da beide Parteien ihre Entgleisungen bedauerten, außerdem war erklärt worden, daß Herr M. wohl berechtigt gewesen war, dem Lausbuben einen Denkzettel zu geben. Ein Vergleich kam zustande. Die Kosten allerdings mußten getragen werden. Wenn man solche „Fälle" hört ober liest, möchte nwn aus der Haut fahren. Richt nur einzelne Per- Ionen, sondern Bereine ja halbe Dörfer verklagen ich wegen irgendeiner Kleinigkeit, sagen wir's rutsch: wegen eines Drecks! Persönliche Feindschaft, Parteizwist und Erbitterung, die darauf lauern, dem andern „eins auszuwiscben", sind die Triebfeder. Wenn man diese Anzeigesüchtigen hört, handelt es sich natürlich um ihr Rechtsgefühl. Das wird aber nur entflammt, wenn die „andern" etwas gemocht hoben. Haben erst die Behörden die Sack-e in der Hand, bann kann nichts mehr rückgängig gemacht werden. Alles muß feinen Gong gehen und ordnungsgemäß erledigt werden. Welche Menge Zeit, Arbeitskraft (man denke an Zeugenverhöre von mehr als zwanzig Personen, wegen einer geringfügigen lieber» tretung!), werden oft vergeudet! Gar mancher möchte während der Verhandlung zurücktreten und alles ungeschehen machen. Aber sie rollt. Viel später kommt bann die Einsicht: „Wenn ich bas geahnt hätte!" Und wie leicht wäre es gewesen, durch ein paar gütige Worte die ganze Sache zu erledigen! Ich halte es auch für ganz verkehrt, wenn der Doter zu feinen Sprößlingen sogt: „Wenn euch einer etwas tut, bann laßt euch ja nichts gefallen!" Wie oft hört man diese Worte auch von Erwachsenen tagtäglich, bei jedem Quark müssen sie herhalten. Da ist es kein Wunder, wenn sich Prozesse und Beleidigungsklagen häufen. Es gibt aber Menschen, die bas Wort Rochgeben in ihrem Wörterbuch nicht haben. Alle bie, die bei der harmlosesten Sache auffahren unb schreien: „Was wollen Sie damit sogen? Dos brauche ich mir nicht gefallen zu lassen!" nennt man auf dem Lande „Unleib". Wir kennen sie wohl, diese Herrschaften, und am besten heißt es bei ihnen: Drei Schritt vom Leib! Denn da helfen auch freundliche Worte nickt viel, manchmal aber ein starker Scherz. Bei Gelegenheit verabreichte ich einmal einem grünen Jungen von siebzehn Jahren für eine unflätige Bemerkung eine kräftige Ohrfeige. Wütend sprang er auf und rief: „Ich lasse mir das nicht gefallen, ich brauche mir keine Ohrfeige geben zn lassen!" Mit erhobenen Fäusten stand er vor mir. Ich sah wohl die Gefahr, blieb aber äußerlich ruhig und erwiderte: „Was willst du denn? Du hast sie ja schon!" Ein schallendes Gelächter der Anwesenden lenkte den Zornigen ab, er setzte sich verwirrt auf feinen Platz. So wird auch oft dos Ehrgefühl bei unfern Kindern ins Maßlose gesteigert. Jedes Wort, jeder Name muß auf die Goldwaage gelegt werden, besonders, wenn es „der" ober „bie" gesagt hoben. Ich werde ba immer an eine Begebenheit aus meiner Schulzeit erinnert. Der Lehrer hatte mich — ich war schon sechzehn Jahre alt — etwas unsanft angefaßt, und dabei waren einige kräftige Worte, wie Kindskopf usw. gefallen. Ich war mir meiner Schuld bewußt und schwieg. Aber wer nickst schwieg, bas waren meine Mitschüler. In der Pause drängten sie sich um mich und reizten mich mit der angeführten Ueberschrift so lange, bis ich nachgab unb mich noch an demselben Tage zu dem Lehrer verfügte und ihn aufforberte, bie schlimmen Worte vor ber Klasse zurückzunehmen! Mein Ehrgefühl sei ver- letzt worden! Der Lehrer, sonst ein guter Mann, saß am Fenster und schaute manchmal auf bie Straße, bann wieder nach mir unb sagte lange nichts. Endlich aber, als ich noch aufgeregt und er- wartend vor ihm stand, beutete er auf einen Stuhl unb sagte freundlich: „Wollen Sie sich nicht erst einmal setzen?" Verblüfft nahm ich Platz. Und nun fing er an und stellte mir noch einmal mein Be- nehmen am Morgen vor Augen, ganz freundschaftlich und väterlich. Er gab sich gar nicht als hoch» fahrender Pädagoge, sondern einfach als Mensch. Eingesandt. (f V Form unb Inhalt alle- unter dieser 9xubiu stehenden Artikel übernimmt bie Redaktion dem ublikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) wohnuagsgeldzuschuß an städtische Ruhebeamte. Die Mainzer Stadtverordnetenversammlung hat in ihrer Sitzung vom 30. Januar 1929 beschlossen, „daß als Bestandteile des Ruhegehaltes ber Woh- nungsgeldzuschuß nach ber Ortsklasse des jeweiligen Wohnsitzes, mindestens jedoch der Ortsklasse B und h chstens noch der für Mainz jeweilig gültigen Klosse zu erfolgen habe" (zur Zelt Klasse A). Dieser Beschluß durchbricht in vollem Umfange die Grundsätze ber seitherigen reichsgeietzlichen Be- ftimmungen unb zeigt gleichzeitig volles Verständ- nis für die schwere Lage ber me.ften Ruhestänbler. Die Auswirkung bieses Beschlusses ist aber nicht allein günstig für bie Ruhestanbsbeamten, sondern auch für bie Stadt Mainz. Denn manchem Ruhe- ftanbsbeamten wirb es nunmehr nicht allzu schwer fallen, seinen Wohnsitz auch auswärts zu nehmen, woburch ftäbtifdje Wohnungen frei werden. Daher dürste die Mainzer Neuregelung auch den anderen größeren Stadtverwaltungen zur eingehenden Prüfung unb Einführung empfohlen fein. X. Srieffoften der Redaktion. (Rechtsgutachten finb ohne Derbinblichkeit der Schriftleitung.) D. C. JL 1. Die Anleihen der Stadt Gießen vom 10. Juli 1923 sind bereits durch Bekanntmachung ber Gießener Stadtverwaltung vom. 3. August 1926 zur Barablösung aufgerufen worden. Obwohl die Frist längst verstrichen ist, nimmt die Stadtverwaltung aber auch jetzt noch die Barablösung vor. Wenden Sie sich unter Vorlegung der Anleihestücke direkt an die Gießener Stadtkosse. 2. Für einen Studenten über 21 Jahre, den der Vater noch zu unterhalten hat, kann im allgemeinen die Lohnsteuer nicht gekürzt werben. Es sind jedoch durch § 56 des Einkommensteuergesetzes Ausnahmeregelungen zugelassen, die aber eine wesentliche Bedürftigkeit voraussetzen. Einen entsprechenden Antrag müssen Sie an das dort zuständige Finanzamt richten, wo Sie auch weitere Auskunft erhalten werden. Amtsgericht Gießen. Wie berechtigt bad Mißtrauen gegen bettelnde Zigeuner unb das unnachsich ige behördliche Vorgehen gegen diese ist, beweist folgender Fall: 3m März 1925 verließ eine Frau aus der Roro- anlagc, die allein zu Hause war, auf kurze Zeit wegen ihres Hundes die Parterrewohnung. Während dieser kurzen Zeit betraten zwei Zigeunerweiber die Wohnung, angeblich als Epihenver- täuferinnen, in Wirklichkeit aber als Bettlerinnen, mit der Nebenabsicht, Gelegenheitsdiebstähle auszuführen. Die Frau traf sie bei ihrer Rückkunft in der Küche an. Ungefragt beteuerten sie nach Zigeunerart sofort, nichts weggenommen zu haben; die Frau schenkte ihnen schließlich em paar abgetragene Schuhe. Bald wurde sie aber inne, daß sie von den Zigeunerinnen bestohlen worden war. Es fehlten in der Küche und in dem Schlafzimmer bares Geld und Echmucksachen in bedeutendem Werte. Die eine der beiden Zigeunerinnen, damals 17 Jahre alt, nach der fast vier 3ahre vergeblich gefahndet worden ist, vorgeführt, erklärte auf der Anklagebank, nicht sie, sondern ihre vier Jahre ältere verheiratete Begleiterin, unter deren Einfluß sie gestanden, sei die Diebin, diese habe ohne sie die Wohnung rasch durchsucht und den Diebstahl begangen, der von ihr auch in Zigeunerkreisen eingestanden worden sei. Das Gericht hat auf Grund der Aussagen der Bestohlenen die Ueberzeugung gewonnen, daß entweder beide Zigeunerinnen gemeinschaftlich die Gegenstände gestohlen haben, oder daß eine von beiden mit oder ohne Wissen der anderen, wahrscheinlich mit deren Wissen, die Täterin war. Es muhte aber mit der entfernten Möglichkeit rechnen, daß die Verhaftete tatsächlich die Wahrheit gesagt hat, wenn auch gewichtige Verdachtsmomente und die gerichtsnotorischen Zigeunergewohnheiten für eine gemeinschaftliche Begangenschaft sprechen. Vach alledem mußte das Gericht auf Freisprechung wegen nicht völlig ausreichenden Beweises erkennen und die Angeklagte aus der Haft entlassen. •0MMeo9tteooeooMim«f Heizungen aller Art bei führt preiswert aus RudoliRödiger Als er geendet hatte, fragte er mich: „Verlangen Sie immer noch, daß ich die paar harten Worte zurücknehme?" Ich verneinte unb ging nicht so stolz aus feinem Zimmer wie ich eingetreten war. Meinen Kameraden, bie gern einmal gesehen hätten, daß ber „Magister" klein beigeben mußte, sagte ich nur: „Die Sache ist in Ordnung". Es waren wohl einige darunter, die etwas von Feigling murmelten, aber bie Sache schlief bald ein. Ich kenne allerdings auch Fälle, in denen der Lehrer Abbitte tun mußte. Die Folgen waren aber für die Schüler, denn auch bie Lehrer sind Menschen, nicht gerade rosig. Mir hat es jedenfalls nichts geschadet, daß ich mir einmal „etwas gefallen ließ". W. Vornotizen. — Lageskalender für Samstag. D. H. V.: Monatsversammlung, 8 33 Uhr, im Hotel Köhler. — G. D. A.: Monatsversammlung, 8,33 Uhr, Cisenbahnhoiel „Hopfeld". — Reichsverband der Zivildienstberechtigten: Monatsversammlung, 21 Uhr, »Stadt Ltch". — Bauerscher Gesangverein: Herren-Kommers zur Feier des 65. Stiftungsfestes, 8 Uhr, „Universitätsrestau- rant“. — Lichtfpielhaus, Bahnhofstraße: „Mein Herz ist eine Jazzband", abends 1 0,45 Uhr: Gastspiel „Das Auge der Welt". — Astoria- Lichtspiele: „Diebe". — Tageslalender für Sonntag. Stadttheater: „Die Tanzgräfin". 18 bis 21 Uhr. — Evangelische Stadtmisfion, Löberstrahe 14: „Jugend- unb Familienabend mit Li^tdilder» bortrag“, 8 Uhr. — Bienenzüchterverein Gießen unb Umgegend: Versammlung, 3 Uhr nachm., Doller, Vahnhofstraße. — Deutscher Stenographenbund: Fe^nwettschreiben, vormittags 13 Uhr in der Pestalo-z.schule. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Mein Herz ist eine Jazzband": barm. 11,15 Uhr: Frühvorstellung. Gastspiel „Das Auge der Welt". —Astoria-Lichtspiele: „Diebe". — Stadttheater Gießen. Aus dem Stadttheaterlmreau wird uns geschrieben: Die morgige Fremdenvorstellung beginnt um 18 Uhr. „Die Tanzgräfin", Operette in 3 Sitten von Leopold Jakobson unb Robert Bvbansch. Ermäßigte Operetlen-Preise. — Für Freitag, 15. März, wird Dernard Shaws „Cäsar unb Cleopatra" vorbereitet. Es wird für das Gießener Theater- Publikum sicher von großem Intereise sein, wieder einen Shaw auf ber hiesigen Bühne zu sehen. — Tie kommende Woche bringt am Dienstag, 12. März, bie erste Wiederholung von Heifer- mans „Hoffnung auf Segen" und am Mittwoch ein Gastspiel des Reuen Operettentheaters Frankfurt mit der vollkommen modern ausgestatteten und sehr originell inszenierten Operette „Der Mikado". — Ber Goethe-Bund bittet uns, mitzu- feilen, daß das für Montag im Rahmen des zusammen mit dem Stadttheater veranstalteten Kammerspiel hflus vorgesche.'.e Gafts-iel von Anna Bahr-Mildenourg info.gr plötzlicher Grippecrkrankung der Käuferin verschoben werden muß. Gelöste Karten behalten ihre Gültigkeit. (Siehe heutige Anzeige.) — EvangelischeStadtmission, Löber- straße. Morgen, Sonntag, abend Jugend- und Familienabenb mit Lichtbiibervortrag: „Das Leben bes Apostels Paulus". Näheres in ber heutigen Anzeige. — DasLichtfpielhausBahnhofstraße bringt von nächsten Montag ab ben Film „Waterloo" zur Aufführung. Otto Gebühr wirkt babei afe Blücher m t. Siehe heutige Anzeige. — D. H. V. - F i l m. Die Vorführung dieses Filmes findet, wie berichtigend tnilzuteilcn ist, nicht am nächsten Sonntag, sondern erst am Sonntag, 17. März, im Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, statt. ber schon lange außer Betrieb gestellt ist. Durch ben alten Kanal strömte bas Wasser eine ganze Strecke weiter unb trat bann in bem K ’ler eines Hauses ber Neustabt zutage. Hier ergoß es sich fo lange in ben Keller, bis bie Leitung ab.,estellt wurde. Die In- standsetzung des Rohres ah ber Schadenstelle ist heute morgen in Angr.fs genommen worden. Um bie Be- schädigung zu finden, mußte an verschiedenen Stellen die Straße vergeblich aufgebrochen werden. ** Eine Ausstellung von Schüler- Zeichnungen hat das Realgymnasium im Zeichensaale ber Anstall hergerichtet. Die Ausstellung ist heute bis 6 Uhr nachmittags unb am morgigen Sonntag von 10 Uhr vormittags bis 6 Uhr nachmittags für jebermann geöffnet Siehe gestrige Anzeige. Hineingefallene Schwindler. Am Mittwochabend gegen 8 Uhr erschienen, wie der heutige Polizeibericht mitteilt, bei einem hiesigen Arzt zwei Männer mit dec Angabe, mit dem Auto verunglückt zu fein. Der eine behauptete, er habe sich dabei innere Verletzungen am Bein zugezogen und könne nicht gehen. Der Arzt rief Die Sanitätskolonne zum Krankentransport herbei, diese legte den angeblich Verletzten auf die Tragbahre, brachte ihn mit dem Sanitätsauto zum Evangelischen Schwesternhaus und dort auf der Tragbahre nach einem Zimmer der ersten Klasse, wo er untecgebracht wurde. Der zweite Mann ging bei dem ganzen Vorgang treu und brav nebenher. Während sich der herbeigerufene Krankenhausarzt mit der Untersuchung des angeblich Verletzten abmühte, erklärte piöhlich der andere Fremdling einer Krankenschwester, daß die ganze Eefchichke nur Schwindel sei, sie hätten weder einen Autounfall gehabt, noch hätte sich sein Begleiter auf andere Weise Verletzungen zugezogen. Ratürlich wurde sofort die Polizei verständigt, die die beiden Brüder festnahm. Run stellte sich heraus, daß der angeblich -Verletzte in einer Butzbacher Wirtschaft beim Bier gewe sen hatte und dort mit dem anderen, der von Offenbach gekommen war und sich in der Zellenstrafanstalt in Butzbach zum Stras- anlri.t melden wol te, Dekanats .^ft gc..;au)i i> t e. Beide begossen die neugebackene Freundschaft kräftig, der Offenbacher „vergaß" die Strafanstalt, und miteinander gondelten sie in einem Butzbacher Auto nach Gießen, wo auch hier beim Vier weiter gefeiert wurde, bi 3 die Moneten restlos k eingcschlagen waren. Dann sollte die Autofahrt nach Marburg fortgesetzt werden, allein der Chauffeur verlangte erst Bezahlung, die er aber von den nun mittellosen Fahrgästen nicht mehr erhielt. Er ließ sich vorschwatzen, der eine sei Metzgermeister in Frankfurt und werde ihm das Geld schicken. Mit dieser Deruhigungspille fuhr der gutmütige Autolenker nach Butzbach zurück, und die beiden Zechkumpane blieben hier, wo sie nun unter der Angabe eine3 Autounfalles sich ein recht schönes und bllliges Äachtquatier erschwindeln wollten. Der angeblich Verletzte ist ein vielfach vorbestrafter Betrüger, der erst vor drei Wochen aus der Strafanstalt entlassen wurde. Sein (Begleiter, der eine fünfmonatige Gefängnisstrafe zu verbüßen hat, wurde unter sicherer Bedeckung nach Butzbach gebracht, damit er nicht wieder beim „Abschied,schoppen von der Freiheit" die Wohnung mit den eisernen Gardinen vergesse. Fest genommene Viehdiebe. Der Po'.izeibericht. meldet: Am 7. März wurden hier drei Personen feftgenommen, die zwei Stück Rindvieh an den Mann bringen wollten. Sie gaben an, die Tiere in Münster (Eifel) gekauft zu haben. Mittels Lastkraftwagens haben sie die Tiere hierhergeschafft. Die sofortigen Ermittlungen ergaben, daß das Vieh einer armen Witwe in Hümmel (Eifel) aus dem Stall gestohlen worden ist. Die beiden Haupttäter sind zwei der Kölner Polizei belarnte Persönlichle.ten, die schon mehrfach mit dem Strafgesetz in Konflikt gestanden haben. Auch jetzt werden beide wieder wegen anderer Strafsachen, darunter wegen eines Einbruchs in einen Güterbahnhof, von der Kölner Kriminalpolizei gesucht. Die Beiden und auch der Kraftwagenföhrer wurden dem Amtsgericht zu- gesührt und dort unter Haftbefehl gestellt. ** Der Butzbacher Faselmarkt, der — wie schon kurz gemeldet — am 21. März stallf.ndet, wird mit einer Verlosung verbunden fein, bei der wertvolle Gewinne der verschiedensten Art zur Ausspielung kommen sollen. Der Reit- und Fahrverein Bugbach und Umgegend wird erstmalig am Nachmittag des Markttages ein Reitturnier abhallen. Man beachte die heutige Anzeige. *• Frankfurter Pferdemarkt. Am kommenden Montag findet in Frankfurt a. M. Pferdemarkt statt, für den wieder eine zahlreiche Beschickung mit Pferden aller Rassen angemeldet ist. Jnteresfenten seien auf die heutige Anzeige besonders hingewiesen. (Weitere Lokalnachrichlen im zweiten Blatt) Sprechstunden der Redaktion 11.30 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstag nadjm.ftag geschlossen. 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"Saimiü" Serelnigung 1879-1*129 »jiiiammenknnft am ronncrStoS, bem 11.MM. abrnbö?, Udr pünktiich m der Rciiauraiiu ..-inm Andtt^ WÄ»5 &V5&S sHr' Stadttheater SS®®? jÄ< '"flöbett u;K0e.Ll2.iVar» . $itHSii , zj.si^ r ! voN^'M KZ , *>*$£*»■ I ■ *01* ÄÄ> “«'äVotÄ Gölüt *&•« Samstag, 9. März 1929 Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Ur. 58 Zweites Blatt Staatsführung. Don Gottfried Reinhold Treviranus, M. d.R. Wer sich der historischen Bedingtheit des deutschen Menschen bewußt ist, wird bewahrt bleiben vor einem Wolkenflug der Einfälle und Gedanken über die Entwicklung des deutschen Staates. Niemand wird dem typischen Deutschen mit rationellen Erwägungen eine unitarische Form für die Dauer aufreden oder aufzwingen können. Gewiß gibt cs revolutionäre Neben, lautes Murren an der Bieroank. Aber man muh schon etwas tiefer hineinhorchcn in unser Volk, um sich vor Traumbildern zu hüten. Den deutschen Stämmen liegt weder eine Vergötterung von Menschen, lwch der Begriff von Staat und Nation im Stute. Sn Deutschland ist darum kein Naum für einen Faszismus. Wie stehen die Dinge heute? Wir haben auch jetzt die Souveränität eines bureau- kratlschen Absolutismus, einer Bureau- kratie, die hinter der Kulisse der Parlamente regiert. Minister kommen und gehen und werden wie die Volksvertreter von der Bureaukratie so intensiv beschäftigt, daß zu einem politischen,Re- giment schon allein die Zeit fehlt. Wir sind von einer verfassungspolitischen Befriedung unterer Nation weit entfernt, aber auch nicht zuletzt in der Freiheit des politischen Handelns beschränkt. Können wir unter diesen Hmständen die Hoffnung haben, daß mit einem anderen Absolutismus, einer persönlichen Diktatur die Aufgabe, Landfrieden zu schaffen, erfüllt wird? Wir wol- । len ganz davon absehen, ob eine Diktatur nicht Degbereitung für den endgültigen Sieg des Sozialismus in Deutschland fern würde. Wir neigen dazu, jedes System, jede Organisation, jedes In- Itrument zum Selbstzweck werden zu lassen. Sitzt uns nicht der Kompetenzstreit, der Ressortgeist in Fleisch und Blut, wenn wir uns ehrlich prüfen? Der Deutsche ist durchaus abgeneigt, einem Führer unbeschränkte Vollmacht zu geben. Er drängt zur Selbstverwaltung, will Auffassungen unb Beschlüsse der Führer begründet sehen. Das erkannt zu haben, bleibt das unvergängliche Verdienst des Freiherrn von Stein. Gerade der konservative Deutsche, der eine organische Gliederung fordert, ist dem Zentralismus und Hnitaris- mus, aus verfälschten liberalen Ideen geboren, im Innersten abhold. Unö wenn in der Verbitterung über die Verelendung des Volkes und der Wirtschaft der Nuf nach Remedur in ehrlicher Leidenschaft ertönt, so wünscht er keine schematische Diktatur, keinen Zentralismus, sondern Anerkennung des eigentlichen deutschen Führerprinzips: die Klarstellung der Verantwortlichkeit der Führer. Er sieht im gegen- j »artigen System keine Möglichkeit für politische Menschen, wahre Verantwortung zu übernehmen, | »eil unter der falschen Souveränität anonymer Millionen kein Führer Zeit und Platz für ein | Negieren findet. Das Behelfsmittel des Art.165 ! der Ncichsverfassung mit dem Torso eines Gut- j achterparlaments im Reichswirtschaftsrat geht an Dem Kernproblem vorbei. Der richtige Instinkt treibt wachsende Volkskreise zu der Forderung, -em Absolutismus des Massenparlaments, das von der Bureaukratie als Deckmantel benutzt wird, als Gegengewicht eine Vertretung der bodenständigen Führer gegenüber» au ft eilen. Ein Senat, eine Erste Kammer »bet Staatenhaus muß natürlich mehr als gut- «chtliche Tätigkeit haben. Eine Beteiligung von Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern hat nur bann Zweck, wenn diese guten Willens sind, die natürliche Kameradschaft des Berufs über parteipolitische Beziehungen oder Verbundenheit zur Geltung kommen zu lassen. Daß die Träger der -Kultur, die Vertreter geistigen Schaffens mehr 5u sagen haben müßten als in einer dritten Abteilung des vorläufigen Neichswirtschaftsrates, Darüber dürfte ebenfalls kein Zweifel bestehen, »enn man willens ist, statt eines Mehr an neuen Gutachten oder Instanzen einen Ausdruck 3”j organischen Lebens unseres Volkes zu finden. Die nationale Bewegung ist der Aus- 11 u 3 des letzten Restes deutscher Selbstherrlichkeit. Zeitungshändler in Neuyork. Don Peter Prior. Ich sah in Hoboken gegenüber dem Bureau des Norddeutschen Lloyd und frühstückte. Es gab in Dem Lokal einen ganz ausgezeichneten Frühstücks- lisch: Gulasch, Austernsuppe, umsonst! Nur das s “Bier und der Schnaps mußten bezahlt werden. Nempi passati! Jetzt ist's vorbei. Da kam ein Bekannter daher, mit dem ich öfter einmal im „Weihen Rössel", einem deutschen Lokal in Neuyork, Tarock gespielt hatte. „Ha!" rief er. „Du bist mein Mann! Ich fahre morgen nach „Iuropp" und werde dir meinen Zeitungsstand überlassen. Zahlst — na, wieviel denn? — eine Flasche Wein, und bist Besitzer des besten Zeitungsstandes Neuyorks, Ecke 3. Avenue, 73. Street. Hast keine Sorgen: das Geschäft geht von selbst! Eingeschlagen?" Ich überlegte eine Minute, und —■ schlug ein. Wir fuhren zusammen hinüber nach Neuyork, gingen aus die dem Stand meines Freundes zunächst gelegene Polizeiwache, wo der Stand notiert war. Ich bezahlte einen Dollar Heber» nahmegeaühr, bekam einen Ausweis und war 1 Zeitungshändler. Das „Geschäft" selbst bestand aus einem wackeligen Tisch, der notdürftig mit Draht an einem bfeiler der Hochbahn befestigt war, damit er nicht umfiel. Gleich neben ihm ging die Treppe i einer Station hoch, und dieser Hmftanb war s, der den Stand wertvoll machte. Gegenüber jon ihm befand sich eine nette Bar. Ich bezahlte eine Flasche Wein, und noch eine. Drüben am Stande waltete der Sohn des frühe- acn Besitzers seines Amtes. Er las Zeitungen. Die Leute kamen unb gingen, nahmen ihr Blatt, toarfen einen oder zwei Cent hin und ver- * schwanden. Der Junge sah gar nicht auf. Mein Freund weihte mich noch in die Geschäftstricks unb Geheimnisse des Handwerks ein, , unö wir schieden brüderlich. Es war ein ungeschriebenes Gesetz in Neuyork. daß derartige Stände an der Straße, besonders Zeitungsstände, nicht verkauft werden durften. Sie muhten umsonst abgegeben werden, weil sie sich direkt auf ; ter Straße befanden. Anders mit den Zeitungs- siänden in den Hausfluren. Die wurden oft feuer verkauft. Man traf oft in den Straßen Sie kann nicht ander- al- in Gegnerschaft zur heutigen Verlagerung des Staatsaufbaues stehen, weil sie die Nation in die Mitte des Staates stellen muh. Dies Ziel könnte eine große Klammer um die vielverzweigten Teile geben, die in Bünden, Verbänden, Parteien und Gruppen auch heute noch — trotz zehnjährigen politischen Anschauungsunterrichts — ohne das ganz tlarc Bewußtsein der gemeinsamen Aufgabe: „Kampf für die Befreiung und Befriedung der Nation" um» und gegeneinander gehen. Aus dieser Hn- klarheit des letzten Zieles stammen die ungleichen und zu Zeiten wechselnden Parolen. „Hinein in den Staat" war ebenso schief gesehen wie „Haß gegen den Staat". Hah macht ebenso blind wie materielle Sorge um den Tag. Durch die Zersplitterung der nationalen Front ist der Kampf des letzten Jahrzehntes um die Nation in den Anfängen steckengeblieben. Der äußere Druck der Wirtschaftslage hat hier und dort neue Sonderungsgelüste an die Oberfläche getragen. Im Landvolk wie im gewerblichen Mittelstand hat man wechselnde Hoffnungen auf parlamentarische Aktionen und Regierungsbeteiligungen gesetzt. Die Partcibildungen der nationalen Opposition haben auf dem parlamentarischen Kampffeld unter dem geltenden Gesetz der Zahl nicht die Möglichkeit gehabt, Hoffnungen unb Wünsche ihrer Wähler zu crfütlen. Auch sie haben sich nicht freihalten können von psychologischen Fehlern der Massenpropaganda, aber sie unterlagen dem Gesetz der Zwiespältigkeit unb einer baraus reful- tierenben Hnsicherheit, bah sie nicht Opposition um jeben Preis machen konnten, obschon sie bas herrschende System verneinen muhten. Die Hn» Zufriedenheit im Lande wirkte sich bei diesen Parteien in einer Verflüchtigung des Fluidums aus, das über die Kerntruppen der eingeschriebenen Mitglieder hinaus das Geheimnis der politischen Anziehungskraft der Parteien wie Bünde ausmacht. Auf die Programmatik kommt es am wenigsten an. Eine Geschlossenheit der Auffassung über die zweckmäßigste Methode, über notwendige Entwicklungen wird schon im kleinen Kreise bei der ererbten deutschen Freude an eigener Individualität schwer zu erreichen sein. Jede Führung steht darum immer vor neuen Entscheidungen, wie weit man der notwendigen Freiheit der Gedanken unb Einfälle Raum lassen muß ober darf, ohne eine der Voraussetzungen des Magnetismus auf andere, die Geschlossenheit der Kerntruppe, aufs Spiel zu sehen. Andererseits muh jede Führung Sorge tragen, dah eine Verbindung zu anderen Parteien, mit denen für die Durchsetzung nationaler Arbeit gerechnet werden muh, vorhanden ist oder hergestellt werden kann, obschon gerade die Nachbarparteien als Wettbewerber im Kampf um die Stimmen oft wenig liebenswert erscheinen. Diese Aufgabe ist um so schwieriger, weil viele mihtrauisch meinen, es werde ihnen zugemutet, Grundsätzliches preiszugeben, wenn man anstrebt, die Oppositionssront zu verbreitern. Herr von Heydebrand wußte, weshalb er zuzeiten erklärte, daß man sich nicht darauf beschränken dürfe, konservative Männer in einer Partei zu sammeln, sondern daß man sie auch in den anderen Parteien suchen und unterstützen müsse. Ist überhaupt unter deutschen Verhältnissen ein Kampf um die Alleingültigkeit oder Mehrheitsherrschaft einer Partei praktisch aussichtsreich? Die Geschichte unseres Volkes spricht ebenso dagegen wie die Erfahrungen der letzten zehn Jahre. Damit gewinnt die Frage nach der Aufgabenteilung zwischen Parteien und nationalen Verbänden für uns entscheidende Bedeutung. Jedes taktische Zusammenspiel wird von der persönlichen Stellung der Führer zueinander abhängen. Ein unvermeidlicher Organisationssanatismu; darf die Führer nicht hindern, sich über die Begrenzung der Erfolgsmöglichkeiten und die Abgrenzung der Tätigkeit einig zu werden. Die Bünde sind der Jungbrunnen für die Parteien. Nehmen sie selbst Partei, so verlieren sie die Qualifikation, das Gewissen der nationalen Opposition zu sein. Werden sie dieser großen Aufgabe gerecht, dann hindern sie die Schädigung der gesamten Bewegung durch den naturgegebenen häuslichen Wettbewerb verschiedener Parteien. Eie grben Wertmesser für die Bewertung der nationalen Arbeit, fangen Enttäuschte auf, verhindern Erschlaffung der Widerstandskraft bei den Massen, die des Tageshandels überdrüssig aus der Arena zu flüchten geneigt sind. Sie vermögen zum anderen zu verhindern, dah aus der Tagesverärgerung der Parteien miteinander eine Schwächung der Zukunftsarbeit erwächst. Hnd zum dritten: sie können der nachwachsenben Jugend nichts Besseres geben, als ihr den Sinn der Verantwortlichkeit für die nationale Zukunft klarzumachen unb zu erhalten. Diktatoren kommen im allgemeinen, ohne daß sie gerufen werben. Sie brauchen das Vertrauen der zu Betreuenden im deutschen Volke notwendiger als irgend etwas anderes, weil es die einzige Mach', ist, auf die sie sich stützen können. Ernst Moritz Arndt hat 1815 in seinen „Phantasien zur Berichtigung der Hrteile über künftige deutsche Verfassungen" unserem Volke gesagt: „Nicht durch Verfassungen und Gesetze, auf Pergament und Papier geschrieben, nicht durch Ministerbefehle, nicht durch Siege und Nieder- lagen wird die Geschichte der Völker entschieden, nein, durch die ungeschriebenen und unbeschreiblichen Gesetze im Innersten der Herzen, durch die Befehle, welche stolze Seelen ihnen selbst geben, durch die Siege, die der geistige Mut täglich erfechten muß." Was wir heute brauchen, ist nichts anderes: das Vertrauen einer Führerschaft lebendiger Deutscher, die ihr Leben richtig leben, zueinander und zu Führern, die einander deS Vertrauens für wert halten. Es ist die Frage, ob solche unabhängigen Deutschen heute in unserem Volke zum Regieren kommen können: Damit aber beantwortet sich die Frage nach der deutschen Zukunft! Hoovers Friedensbotschaft. Außenpolitische Umschau. Don Dr.Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. D. Nun hat man ja am 3. März in Brüssel einen Mann verhaftet, der gestanden hat, die vom „Ht red) ter Tageblatt" veröffentlichten Dokumente gefälscht zu haben. In Frankreich wie in Belgien sitzt man auf hohem Pferde und läßt es nicht an scharfen Bemerkungen gegen Holland und natürlich auch nicht an den üblichen tendenziösen Spitzen gegen Deutschland fehlen, und tut dabei, als sei damit die ganze Affäre als Fälschung nachgewiesen und erledigt. Indes wird kein Unbefangener der Meinung fein, daß die Sache vollständig geklärt fei. Es ist auch durchaus nicht Leichtgläubigkeit gewesen, wenn man überall sofort bereit war, den Inhalt der Dokumente für wahr zu nehmen. In Amsterdam hat der belgische Sozialist Huhsmans versucht, in einer Versammlung holländischer Sozialisten die große Unruhe zu besänftigen, die in ganz Holland aus der Sache entstanden ist. Da hat man ihm aus der Versammlung zugerufen, daß man dann überhaupt Schluß machen solle mit der belgisch-französischen Militärkonvention! Das ist ein sehr richtiges Gefühl. Daß diese Konvention von 19 20 besteht, wird nirgends bestritten. Dah über sie und ihre praktische Durchführung im Falle der Anwendung d i c beteiligten General st äbe miteinander sprechen und auch Abreden für alle Fälle festlegen, das ist doch in sich so wahrscheinlich, daß selbst der vollkommene Beweis einer Fälschung, der wie gesagt durchaus noch nicht ganz erbracht ist, die aus der Verbindung Frankreichs mit Belgien und mit seinen anderen Anhängern in Curcpa hcrvcrg.h n'.e dauernde Beunruhigung des europäischen Friedens nicht aufzuheben vermag. Und dieser Zustand ist es schließlich, der in einem so unlösbaren Widerspruch zu alledem steht, was nach außen mit der Miene des Friedenswillens in Genf betrieben wird. * Der neue Präsident der Vereinigten Staaten, Hoover, hat in den üblichen Formen am 4. März sein Amt angetreten. Die Geschichte wird seinem Vorgänger C o o 1 i d g e, der ja durch einen Zufall — den Tod des vorherigen Präsidenten 1923 — in seine Stellung gekommen ist, vermutlich gerechter werden, als es die Gegenwart tut, der er als ein wortkarger, einfacher, wenig bedeutender Mann erschien. Blickt man auf die 5 Jahre und 7 Monate im ganzen zurück, in denen Coolidge seines Amtes gewaltet hat, so sind die Erfolge und die Ergebnisse seiner Präsidentschaft nicht ganz gering. An erster Stelle steht die Säuberung der Zentralregierung von all den Skandalen, die aus der Zeit seines Vorgängers herübergekommen waren. In feine Regierungszeit fällt ferner die Ordnung der alliierten Schulden durch die bekannte Reihe der Abkommen, in denen Amerika zwar auf feinem Schein bestand, aber wenn der Schein anerkannt wurde, gleich mit einem erheblichen Nachlaß der Schulden einsehte. Dem Nachfolger hinterlassen hat er den letzten Abschluß dieser ganzen Aktion mit Frankreich, das sich immer noch gegen die Ratifikation seines Schuldenabkommens sträubt. Dann ist gleichfalls unter Coolidge endlich die Freigabe des deutschen Eigentums in Amerika erfolgt. Außenpolitische Aktiva für ihn sind: China und der K e 11 o g g p a k t. Hngelöft geblieben ist das Problem der Beziehungen zu England und zu Rußland. Ein Passivum ist eigentlich nur das Verhalten gegenüber Lateinamerika insonderheit zu Nikaragua und zu Mexiko. In dieser Beziehung ist die Präsidentschaftszeit Coolidges kein Ruhmesblatt, ist er gegen Einflüsse von außen nicht so widerstandskräftig gewesen, wie sonst. Daß sich das Verhältnis zu England so sichtbar verschlechtert hat, das ist nicht seine Schuld, sondern in vollem Maße die Schuld der englischen Regierung. Europa im ganzen sagt natürlich im Augenblicke des Wechsels, daß die Politik des amerikanischen Präsidenten in diesen fünf Jahren gegenüber dem europäischen Problem passiver, zurückhaltender, lethargischer war, als es Europa recht war. Aber auch da sieht die Sache in Ruhe betrachtet etwas anders aus. Mit dem Namen Coolidge ist verbunden der Versuch, Amerika i n den Weltschiedsgerichts Hof in den Haag zu bringen, der — auch ohne die Schuld von Coolidge — scheiterte: weiter die Seeabrüstungskonferenz von 1927, an deren Mißlingen er ebenfalls nicht schuld war: sodann der Dawes» p l a n und der Kellogg»Pakt. Man kann nicht behaupten, dah Europa im ganzen, d. h. die in ihm maßgebenden Sieger des Weltkrieges den Gedanken und Absichten der amerikanischen Politik in diesen Jahren Coolidges besonders entgegengekommen wären. Wenn er selbst nicht weiterging. so lag das daran, daß seine öffentliche Meinung durchaus nicht weitergehen wollte, dah sie ihn zurückhielt und hemmte. Hnd: die eigentliche Bedeutung des jetzt zurückgetrete- nen amerikanischen Präsidenten liegt darin, daß sie absolut dem Durchschnitt des amerikanischen Volkes entsprach, daß er genau das verkörperte, was der durchschnittliche Bürger der Vereinigten Staaten denkt, wünscht und will. Eine Führernatur die darüberhinaus das Volk mitreibt ist Coolidge nicht gewesen. Aber was er war und ist, stellt mit feinem starken Rechtsgefühl, seiner puritanischen Sauberkeit und natürlich auch Einseitigkeit ganz gute Seiten des amerikanischen Volkes und gute Heberlieferungen in ihm dar. Wir denken, dah die Geschichte nicht mit Bewunderung und Begeisterung aber mit Respekt von diesem Präsidenten sprechen wird. Neuyorks verlassene Zeitungsstände, deren Besitzer irgend etwas anderes angefangen hatten und ihren Tisch einfach stehen liehen. Bald hatte sich ein anderer Händler auf ihm eingenistet, wenn man den Tisch mittlerweile nicht gestohlen oder der frühere Händler ihn nicht mitgenommen hatte. Arn nächsten Tage begann mein Geschäft. Früh, gegen vier Hhr, war ich auf dem Posten. Leer war der Tisch: der Junge hatte das letzte Magazin mitgenommen, obwohl ihm der Vater auf die Seele gebunden hatte, mit wenigstens einige Zeitungen zurückzulassen. Aber da kam schon der Wagen der Staatszeitung. „Na, Landsmann!" rief eine Stimme. „Wieviel?" — „Zweihundert!" lautete meine Antwort. Ein Paket mit Zeitungen, frisch nach Druckerschwärze riechend, flog auf die Strahe. Eine Hand streckte sich aus, die das Geld in Empfang nahm, und fort ging der Wagen zum nächsten Stand. Hnd so kam der „Neuyork Herald", die „Sun- dah Times", ein chinesisches und japanisches Blatt, eine tschechische und eine ungarische Zeitung, drei andere deutsche Tageszeitungen. Sie alle warfen ihre Ballen und Paketchen herab und strichen das Geld ein. Natürlich gehörte auch zu einem solchen Hnternehmen, wie ich es hatte, ein ganz klein wenig Handgeld. Aber fünf bis sechs Dollar genügten zum Anfang. Hin 4.30 Hhr begann das Geschäft. Die Blätter gingen reihend weg. „Nanu! Wo ist denn Karlchen?" fragte einmal eine Stimme nach dem alten Besitzer. Aber ich kam gar nicht dazu, eine Antwort zu geben; der Frager wartete nämlich nicht eine Sekunde. Karlchen war fort, basta! Bis die Vormittags-, Mittags- und Nachmillags- ausgaben der Zeitungen kamen, war mein Stand schon ausverkaust. Das Geschäft rih nicht ab. Cs war ja nur ein Pfenniggeschäft: aber es waren Tage darunter, an denen ich für 35 Dollar Leitungen und Zeitschriften absehte. Dos bedeutete einen Gewinn von zehn bis fünfzehn Dollar, von dem ich, außer den obligaten Kognaks für die Polizisten, keinen Cent an Steuer zu entrichten brauchte. Die war in den Zeitungen einbegriffen. Bei schlechtem Wetter ging das Geschäft langsamer. Ich setzte mich dann in die Dar und sah hinter den Spiegelscheiben zu, wie meine Kunden sich selbst bedienten Ich habe nie bemerkt. dah jemand eine Zeitung wegnohm. ohne das Geld dafür hinzulegen. Ja. sogar das Wechseln besorgten die Leute selbst. Als der Winter kam, wurde mir die Sache ungemütlich. Ich war noch nicht lange genug im Lande, um den furchtbaren Hnbilden eines amerikanischen Winters gewachsen zu fein. Hnd ich schenkte meinen Stand einem deutschen Buchdrucker, borgte ihm auch noch das Anlagekapital dazu, das er mir prompt zurückgezahlt hat. Hoffentlich ist er heute schon Millionär. Chinesisches Festessen. Das alte China ist dem Untergang geweiht, und damit wird auch so manches verschwinden, was die feinste Blüte dieser uralten Kultur bedeutet hat. Wenn wir jetzt die unbegreiflichen Schönheiten betrachten, die auf der chinesischen Kunstausstellung in Berlin zu sehen sind, so ahnen wir. dah eine solche Vollendung des ästhetischen Ee chmacks nur einem Volk beschieden war, das auch in dem rein sinnlichen Geschmack eine außerordentlich? Verfeinerung erreicht hatte. Der beste Beweis für diese Feinheit des altchinesischen Geschmack.inns ist d.e chmesi'che Kochkunst, von der wir meist nur allerlei Seltsames und Kurioses erfahren, während sie doch in jahrtausendelanger Entwicklung einen Höhepunkt kulinarischer Veredlung erreicht hat. Einen Hymnus auf dieses Feinschmeckerparadies des alten China enthält die Schilderung eines Gastmahls, die ein Mitarbeiter der „Ostasiatifchen Rundschau" bietet. Er nahm in Peking an einem Essen teil, das der Koch d es Kaisers Kuang-Hsü bereitet hatte. Den Auftakt dieser Ce'chmackssymphonie bildeten feine kalte Sachen, die gleichsam das „Stimmen der Instrumente" darstellten. Die Rervensibern werden dadurch in schwingende Erregung versetzt, um dem Reiz des Kommenden gewachsen zu sein. Der erste Gang, das L llegro. brachte Schwalbennester: „Es ist der hell?, sch cinjige, an der Lust erhärtende Speichel, oen die Salanganen an die Wände stiller Meeresklüfte kleben, um ihre Nester zu bilden. Ein Gewirr hrllsilbrig zarter Fasern, so schwimmt es in golden klarer Geflügelbrühe. Wer Glück hat. findet vielleicht, wenn kein Haar, so doch ein Federchen in dieser Suppe, ein Zeichen der Echtheit. Einige zarte Gemüseblättchen. leicht rötliche, hellgrüne, gaukeln in der Flut. Man löffelt vorsichtig, man schlürft, man läht diese luftigen Gebilde auf der Zunge zerfließen, es ist die Berührung weicher Vogel» schwingen." Darm folgt ein Krebsragout auf Schnitten von geröstetem Weißbrot, der nächste Gang bringt Wasserkastanien mit Champignons: „Cs sind die Knollen von Wasserpflanzen, milchweiß, mit violetten Tönungen, saftig und doch zart, und diese Wasserfrische haltenden Nüsse durchmischt mit Edelpilzen und ihrem Dodenhauch. Cs ist. als genösse man am Rande des Gartenweihers das Fächeln des Sommerwindes." Dann wird etwas Festeres aufgetischt, ein Auflauf von Huhn und Ei. und danach kommt eine Schale Mandelmilch: „Die bittere Süße loscht die Erinnerung an alled, was wir bisher empfunden, sie legt sich als Dämpfung auf die noch schwingenden Saiten. Hnd zugleich macht sich die pharmakologische Wirkung der Blausäure geltend, die sie enthält: die Schleimhaut wird neu gereizt, die Organe werden aufnahmebereit gemacht für den zweiten, den langsamen Satz." Dieser besteht in gebackener Ente mit kleinen Kuchen. Die Ente ist nur ganz kurz am Spieß geröstet, und die knusprigen Stückchen werden in den dünnen Mehlfladen gehüllt zur fertigen Pastete. Dann folgt wieder etwas ganz Leichtes: Kürbis mit 2unte. Zur Herstellung dieses Gerichts hat der Koch allein zwei Stunden gebraucht und nie werden wir erfahren. was er in dieser Zeit mit dem Kürbis gemacht hat, dessen zartes Gewebe wie ein Dust auf der Zunge zergeht. Die Tintenfischeier, die nun gereicht werden, sind „kleine runde Scheibchen, die wie Goldmünzen, dicht gedrängt, in der Brühe schwimmen". Hnd an sie schließt sich ein Aepfelgericht, das nicht wie bei uns „Aepfel im Schlafrock", sondern „Aepfel im Staatsgewand" heißen müßte. Nun drängt alles zum Finale, denn bisher gab es nur Vorspeisen. Das Essen besteht aus Reis. Die Diener setzen Teller mit gepickellen Gemüsen: nach soviel Leckerem will man etwas Herzhaftes. Scharfes auf der Zunge haben. Der Reis bringt das erlesenste Korn von südlichen Lagen, zu weißen Flocken Tausch nee verkocht, darüber schimmert die perl« graugoldene Brühe. Der Hausherr nötigt: man nimmt noch eine Schale. Dann: „Zahnstocher. Mundwasser, heiße Tücher, .Zigaretten, und man erhebt sich, nicht ganz leicht, zum Tee am benachbarten Tisch." In mancher Beziehung hat er daS Feld frei gemacht für die Arbeit eines Größeren. der ihm nun folgt. Amerika ist fest überzeugt und die Welt erwartet und hofft, daß Herbert Hoover dieser Größere sein wird. Die Eigenschaften dazu hat er. Die Antrittsrede ist der ganze Mann. Wer in die Dinge tiefer hineinblickt fühlt auch daS, was diesem sogenannten hunderprozentigen Amerikaner schon von der heutigen Generation unterscheidet und über sie hinauZführt. Die Antrittsrede ist eine Friedensbotschaft. Sie stellt ferner das Programm einer wirtschaftlichen Demokratie auf. Eie ist schließlich von einem konstruktiven Idealismus getragen, der, wie gesagt, und ohne daß das die heutige öffentliche Meinung in Amerika bereits vollkommen erfaßt, in die Zukunft hineinweist und sü)rt. Was das praktisch bedeutet, drinnen und draußen, in Landwirtschaft, Handelspolitik, Verhältnis von Kapital und Arbeit drinnen — internationaler Gerichtshof, Abrüstung, Südamerika, Kelloggpakt usw. draußen, davon wird nun bald mehr zu sprechen sein. Der Präsident hat sein Kabinett um diesen mißverständlichen Ausdruck zu gebrauchen, zusammengesetzt. Es ist so ausschließlich guter Durchschnitt und nicht mehr, daß man deutlich spürt, Hoover wolle die Hauptsache selber machen. Heber das Durchschnittsmah ragen Wohl nur der Finanzminister Mellon, den Hoover vorläufig aus dem alten Kabinett beibehalten hat, und der neue Innenminister hervor, zu dem er seinen nahen Freund W i l l b u r, den Präsidenten der Stanford-Universität, gemacht hat. Der Außenminister S t i m s o n kennt Europa so gut wie gar nicht. Das beweist wohl ganz deutlich, daß der Präsident die europäischen Fragen s i ch s e l b st zur Behandlung vorbehält. Zu dem Kabinett im ganzen aber zitieren wir einen immerhin recht bedeutungsvollen Satz, der sich in einem in der „Heuen Zürcher Zeitung" veröffentlichten Artikel von Hoover selbst findet: „Von den zwölf Männern der Kabiüetts, dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten und den Mitg'iedern haben sich neun ihren Lebensweg ohne irgendwelche Erbschaft gebahnt und acht von ihnen haben sogar als Handarbeiter begonnen." Dicht nur die Vollständigkeit gebietet hinzuzusehen, daß unter diesen zwölf Männern, die heute das Kabinett bilden, eine große Anzahl sehr reicher Leute ist, das eine wie das andere gehört gleichmäßig zu dem Bild. Die neue mexikanische Revolution und die Konferenz der Sachverständigen in Paris stellt den neuen Präsidenten unmittelbar vor außenpolitische Aufgaben. Er braucht in beiden sich nicht besonders zu exponieren, aber er wird an beiden zeigen können, was er will und wes Geistes Kind er ist. Aus der provinzialhaupistadt. Gießen, den 9. März 1929. Oie Hessen im Weltkriege. Der im Hessenlande und weit darüber hinaus bekannte Major a. D. D e i ft, int Kriege Da- taillonssührer im Infanterie-Regiment Hr. 168, der schon im Iahre 1926 die militärischen Kreise durch sein groß angelegtes Werk „Das deutsche Soldatenbuch", Deutschlands Wehr und Waffen im Wandel der Zeiten von den Germanen bis zur Reuzeit erfreut hat, und der wohl als einer der besten Kenner des deutschen Uniform- und Waffenwesens bezeichnet werden kann, hat im Verlag von Dr. Wilhelm Glaft & Co., Berlin- Charlottenburg, ein neues Prachtwerk herausgegeben. „Die Hessen im Weltkrieg" (127). Es handelt sich hier nicht um ein kriegs- wissenschaftliches Werk, es soll kein Konkurrenzunternehmen für das vom Reichsarchiv heraus- gcg.bene Werk „Der Weltkrieg 1914 bis 1918“ ober die von der gleichen Stelle veröffentlichten Einzelschritten „Die Schlachten des Weltkriegs" fein, sondern ein Volksbuch im eigentlichen Sinne des Wortes. Seift hat in übersichtlicher und klarer Weise auf Grund eines ungeheuren Materials, das vielfach nur mühsam zu beschaffen war, einmal eine Liebersicht über sämtliche Truppen und Behörden in den Kriegsformationen im Bereiche der früheren Groß- herzogtich Hessischen 2Z. Divilion gegeben — eS wurden nicht weniger wie 405 verschiedene Formationen in diesem Divisionsbereich aufgestellt — und ferner von 27 Kriegsformationen eingehende Darstellungen über Entstehung, Zusammensetzung, ferner eine Fülle von Berichten über einzelne Knegsbandlungen und Kriegserlebnisse gebracht, die nicht nur von Offizieren aller Grade, sondern auch von Mannschaften geliefert wurden und oft in dramatischer und erschütternder Weise die gewaltigen Taten widerspiegeln, die unsere Hessen im Weltkrieg vollbracht haben. Eine auf eingehendem Quellenstudium beruhende Wiedergabe der Schlacht bei Reuchäteau macht das Buch noch besonders wertvoll. Hier ist ein Buch geschaffen worden, das in bisher wohl einzig dastehender Weise eine Zusammenfassung alles dessen gibt, was ein deutscher Dolksstamm an Zahl der Truppen und an Leistungen im Felde vollbracht hat. Es handelt sich hier nicht um ein Buch voll trockener Zahlen und Darstellungen von Gefechtshandlungen, sondern um ein Gedächtnis- und Crinnerungsbuch, daS voller Leben ist und mit dem Herzen geschrieben wurde, dos man immer wieder zur Hand nehmen kann, ohne es jemals voll auszuschöpfen. Reben der Fülle von Tatsachen und Erlebnissen bringt das Werk aber eine Fülle vorzüglicher Photographien und mehrere Kunstdruckblätter, die so sinnig ausgewählt sind, daß sie das Leben des Feldioldaten im Graben. Gefecht, in der Ruhe und im Quartier wiedergeben. Mancher Kriegs- teilneftmer wird sich selbst ober Kameraden, mit ftenen er zusammen war, wieder erkennen, oder Orte finden, an die sich für ihn Erinnerungen ernster oder heiterer Art knüpfen. Diese« wunder- volle Buch sollte eigentlich in keiner Volks- ober Vereinsbibliothek, ja in keinem Haus fehlen, in dem sich ein Kriegsteilnehmer des Hessenlandes befindet, zumal auch die vorbildliche Ausstattung, die der Verlag dem Werke angebeiften lieft. eS zu einem Schmuckstück jeder Bücherei macht L. G. Tretet btm Tierschuh-Derein bei! Der Gieftener Tierschutz-Verein, Kaiserallee 1. schreibt uns: Ein überladener Wagen an einer schwierigen Stelle deS Weges, keuchende, verängstigte Pferde, bemüht, das Unmögliche zu leisten, über die abgekämpften Tiere em Regen von Plllschenhi ben und Schimpsworten... Wer kennt es nicht, dies Bild der alltäglichsten Tierquälerei? Wem schlägt nicht das Herz schneller und wem steigt nicht der ehrliche Wunsch auf: „Wenn ich helfen könnte, daß das endlich anders würde!" Aber wie? Der einzelne kann so wenig tun: Zeit, Erfahrung, Einfluß. Geschick fehlen. DieS Bild ist nur eines und längst nicht daS schlimmste aus der langen, traurigen Kette tierischer Leiden. Schon lange arbeiten die Tierschutzvereine daran, den Tieren Recht und Erleichterung zu schaffen, sie zu schützen vor Mißhandlungen. Ausnutzung. unnZt'.ger Todes ein und den zahllosen Qualen, die ihnen aus gewohnheitsmäßiger Hn- überlegtheit der Menschen zugesügt werden. I m Verein wird auch die schwache Kraft des einzelnen stark. Deshalb bittet der Gießener Tierschutzverein alle, die ein liebendes und ritterliches Herz für die wehrlose Kreatur haben, sich der wachsenden Tier- schuhbewegung nicht zu verschließen und ihn durch Mitgliedschaft zu unterstützen. Daten für Sonntag, 10. März. Sonnenaufgang 6.27 Uhr, Sonnenuntergang 17.55 Uhr. — Mondaufgong 6.40 Uhr, Monduntergang 16.44 Uhr. 1788: der Dichter Joseph von Eichendorff in Lubo- witz geboren; — 1873: ber Romanschriftsteller Jakob Wassermann in Fürth geboren. Daten für Montag, 11. März. Sonnenaufgang 6.26 Uhr, Sonnenuntergang 17.57 Uhr. — Mondaufgang 6.56 Uhr, Monduntergang 18.03 Uhr. 1544: der italienische Dichter Torquato Tasso in Sorrent geboren. Gießener Wochenmarktpreise. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 150—180, Matte 30—35, Wirsing 40 bis 50, Weißkraut 30—35, Rotkraut 35—40. Gelbe Rüben 20—25. Rote Rüben 20—25, Spinat 80, Hnter-Kohlrabi 10—15, Grünkohl 45—50, Ro- senkohl 75—SO, Feldsalat 250—300, Endivien 150, Tomaten 80—90, Zwiebeln 25, Meerrettich 50—120, Schwarzwurzeln 90—100, Kartoffeln 7, Aepfel 30- 40, Dörrobst 35-40, Hüffe 70 bis 80, Honig 40—50, junge Hähne 100—110, Suppenhühner 100—120, Tauben 80—85 Pf. das Pfund. Käse 10 Stück 60-140 Pf. Eier 20 bis 22, Blumenkohl 80—160, Salat 40—45, Lauch 25 bis 50, Rettich 20—30, Sellerie 20—100 Pf. das Stück. Radieschen 40 Pf. das Bund. Kartoffeln 6,50 Mk. pr. Ztr. » ** Personalien. Ernannt wurden: Der Kreisarzt, Med.-Rat Dr. Eduard Balser in Alsfeld zum Kreisarzt des Kreisg.sur.d^eitsamtes Bübingen, der Amtsarzt Med.-Rat Dr. Richard Schad in Worms zum Kreisarzt des Kreis- gesundheitsamtes Alsfeld unter Belassung ihrer Amtsbezeichnung als Medizinalrat; der Genbar- meriemeifter Franz Szczerbowski in Lauterbach zum Ocnoarmcrictommiffar, dieGendarmerie- hauptwachtmeister Wilhelm L i st m a n n zu Grebenau und Heinrich Wilhelm L i h i u s zu Wenings zu Genbarmeriemeistern; der Polizeihaupt- waa)tmeister Fritz Rust zu Bad-Rauheim zum Polizeimeister. •• Anmeldung versicherungspflichtiger Betriebe und Tätigkeiten. Las Versicherungsamt der Stadt Gießen verössentlicht im heutigen Anzeigenteil eine Bekanntmachung über die Anmeldung unfallversicherungtpslichti- ger Betriebe und Tätigkeiten. Die Anmeldung muß spätestens bi- zum 15. April erfolgt fein. Höheres über die wichtige gesetzliche Vorschrift ist aus der Bekanntmachung zu ersehen. ** Den Frühjahrs-Pferdemarkt in Gießenam 20. März betrifft eine Bekanntmachung ber Stadtverwaltung im heutigen Anzeigenteil. Interessenten feien auf diese Veröffentlichung besonders hingewiesen. " Die Museen sind am Sonntag zwischen 11 und 1 Uftr geöffnet. •* Reichswettkochen. Der vom städtischen Gaswerk unter Mitwirkung ber ®i;ßencr Frauenvereine geplante Gaskochwetlstreit im Cafe Leib am 12. und 13. März hat bei der Gießener Frauenwelt das größte Interesse hervorgerufen. Da die Gießener Damen etwas Aehnliches noch nicht erlebt hatten, waren sie bei den Meldungen anfangs etwas zaghaft. Bei Meldeschluß war jedoch die gewünschte Zahl von Teilnehmerinnen überschritten. So werden an den beiden vorgesehenen Tagen 22 Damen zum „Start" antreten und ein „heftiges Rennen um den Sieg" liefern, zumal wertvolle Preise in Aussicht stehen. 'Auch bas schaulustige Publikum — Damen sowie Herren — soll auf feine Kosten kommen. Konzert, Preisraten und lustige Filmvorführungen, sowie manche nette tlleberraschung werden in zwangloser Reihenfolge beim Gaskochwettstreit angenehme und schöne Stunden bieten. Siehe heutige Anzeige. Ei n neues Gewächshaus für den botanischen Garten. Der hessische Minister für Kultus und Bilbungswesen hat dem Landtag eine Vorlage über Errichtung eines neuen Cewächshauses für den botanischen Garten der Landesuniversität zuaehen lassen, in der es u. a. heißt: Die Landesunwersität hat die Errichtung eine« neuen Gewächshauses für den botanischen Garten in Gießen beantragt. Auf die Notwendigkeit einer neuen Anlage ist von der Direktion des botanischen Gartens schon früher hingewiesen. von ber Anforderung der hierfür erforderlichen Mittel ist jedoch bisher mit Rücksicht auf die durch die Finanzlage des Landes bedingte Rückstellung anderer neuer Bauvorhaben Abstand genommen worden. Da eine Beseitigung ber an dem seitherigen Gewächshaus fort- schreitenden Mängel kostspielige Reparaturen erfordern würde, die bei ihm sonst noch vorliegenden Mißstände dadurch aber nicht behoben würden. kann eine gründliche Abhilfe zweckmäßiger Weise nur durch ein neues Gewächshaus geschaffen werben, zu dessen Errichtung ich nunmehr im Einvernehmen mit dem Herrn Finanzminister die Bereitstellung der Mittel im Rs. 1929 erbitte. Zur Begründung meine« Antrages beehre ich mich, bas Folgende darzulegen: DaS vorhanbene Gewächshaus sicht schon über 70 Iahre. Dieses Alter allein macht e« schon verständlich. baß die Baukonstruktionen erncuerung«bcbürfiig geworden sind und die ganze Anlage für einen zeitgemäßen Garten- und Lehrbetrieb nicht mehr geeignet ist. Die Einrichtungen (Stellagen, Galerien usw.) sind zum großen Teil verrostet und baufällig und bedrohen dadurch Leben und Gesundheit der im Gewächshaus beschäftigten Personen, sowie der in den Räumen anwesenden Besucher. Die alte Doppelfensterverglasung macht die Räume in hohem Maße lichtarm. Der Heizbetrieb — es werden fünf Kessel geheizt — ist umständlich und zu teuer. Eine Regelung der Temperaturen in einer dem Wachstum der Pflanzen dienlichen Weise ist nicht möglich. Durch diese und andere Mißstände werben die gärtnerischen Leistungen herabgesetzt, wissenschaftliche Arbeiten überhaupt unmöglich gemacht. Zu der nicht mehr länger aufschiebbaren Einrichtung einer Zentralheizung kommt die Hottoenbigleit der Errichtung — nach Cage der Verhältnisse — unterirdischer Arbeitsräume, die den Vibrationen des Straßenverkehrs entzogen sind und feinere mikroskopische Unterfudjungen und Meßarbeiten zulassen. Die Gesamtkosten ber neuen Anlage sinb von dem Hochbauamt Gießen auf 64 000 Mk. veranschlagt. •• Befähigungsnachweis für die Bühnenlaufbahn. Zwischen dem Deutschen Dühnenverein und der Genossenschaft deutscher Bühnenangchörigen wurde ein Abkommen getroffen, wonach Schüler, die von Privatlehrern oder Privatschulen ausgebildet sind, nur in den Bühnenberuf ausgenommen werden, wenn sie einen Befähigungsnachweis seitens einer Prüflings stelle besitzen. Zuständig für den hiesigen Bezirk ist die Prüfungsstelle in Frankfurt a. M. "DerDauerscheGesangiereinha e wie man uns berietet, feine -tüitgueoer unu auswärtigen Gast: am verflossenen Sonntag, im Anschluß an das öffentliche Konzert am Ha^mit- tag, ßu einem Familienabend in das Katholische Dereinshaus geladen, der sehr gut besucht war. Der erste Vorsitzende, Bell off, sprach nach kurzer einleitender Begrüßung über Zwecke und Ziele des deutschen Männergesanges und dessen Entwickelung in den letzten Jahrzehnten, wobei er feine in nahezu 40jähriger aktiver, führender Tätigekit als Sänger gewonnenen Eindrücke verwertete. Seinen Ausführungen wurde mit regem Interesse gefolgt. Eine angenehme Ueberraschung wurde den Anwesenden zuteil, als ber beliebte und bekannte Heimat- und Dialektdichter Georg Heft einige feiner hervorragenden Mundartdichtungen zum Vortrag brachte. In seinem erst am Rachrnittag entstandenen «Gruß den Dauern und Hachklänge zum Konzert" schllderte er in ausgezeichneter Weife die Verbundenheit der Dauern auf dem Land und der „Dauern" In der Stadt, wobei er dazu in geschickter Weise den Leitgedanken des am Nachmittag gesungenen Chores „Im deutschen Geist und Herzen sind wir eins" und aus „Deutschland mein Vaterland" den Satz: „Allüberall wo Deutsche wohnen, soll der Geist der Eintracht thronen", verwendete. Ungeteilter Beifall wurde Herrn Heß für seine Kunst in Dichtung und Vortrag gezollt. Wie schon öfters, hatten sich aktive Mitgileder vorn Mandolinen- und Gitarrenverein „Reapolita" zur Uebernahme eines Teiles der musikalischen Unterhaltung bercitgefunben. Auch sie ernteten, wie immer, für ihre gewählten Darbietungen reichen Beifall. Weitere gesangllche Vorträge eines be» freunbeten Bariton, sowie bie Ueberraschung mit bem „Vetter aus Bremen" gestalteten ben Abend noch abwechselungsreicher. Der Familienabenb wird allen Beteiligten in guter Erinnerung bleiben. "DerAllgemeineDeutsche Frauen« verein, Ortsgruppe Gießen, widmete seine Märzsihung den Fragen ber Berufswahl. Herr Bues, feit Dezember 1928 Vorsitzender des Gieftener Arbeitsamtes, sprach über das Thema „Berufsberatung und Berufsausbildung". Er behandelte zuerst die historische Entwicklung der Arbeitsnachweise und der Arbeitslosenversicherung, und erläuterte dann die Ziele und Methoden der Berufsberatung. -Dic.c Einrichtung ist vor allem bestrebt, den richtigen Menschen auf den richtigen Platz zu bringen. Hier muß auch die Schule vorbereitend eingreifen, indem sie zur Beruf-ethik erzieht und in die Berufskunde einführt. Hauptsächlich aber soll die Schule die Kinder ber Oberklassen sorgfältig beobachten und der Berufsberatungsstelle Mitteilungen über ihre Eindrücke zugehen lassen. Die Aemter haben auch Elternabende eingeführt, in denen die Lehrgänge und die Aussichten auf bem Arbeitsmarkt besprochen werben. Gute Erfolge sind mit den psychotechnischen Eignungsprüfungen erzielt worden; sie werden in kurzem auch in Gießen eingeführt. Anschließend an die Ausführungen deS Herrn B u e s sprach die Leiterin der weiblichen Berufsberatungsstelle, Fräulein Kolb, über die Probleme der weiblichen Berufswahl. Die Rednerin betonte namentlich die Schwierigkeiten, die daraus entstehen, daß zahlreiche Frauenberufe bei ber Eheschließung nicht weiter au3geübt werden können. ES kommt aber leider auch noch sehr häufig vor, daß bie Mütter au3 Mangel an Einsicht und au3 falscher Sparsamkeit sich einer gründlichen Ausbildung ihrer Töchter widersetzen. Fräulein Kolb sprach sodann noch über die Aussichten der einzelnen Frauenberufe, sowie über die Art der Vorbereitung und Ausbildung. Die Aussprache, die sich an ihre Aus- führungen anschloh, war Jeftr lebhaft, blieb aber teilweise nicht im Rahmen des eigentlichen Themas. H. M. ' Der HubertuS-Verein weidgerechter Iäger, Sitz Gießen, hielt am Mittwoch im „Hessischen Hof" seine sehr gut besuchte Monatsversammlung ab. Das rege Interesse der Mitglieder galt vor allem dem Punkt ..Wildverluste und Wildfütterung". Wenn auch die statistischen Erhebungen noch nicht abgeschlossen sind, fo ergeben die vorliegenden Meldungen doch, daß die Wildverluste durch die Winterkälte und den Hunger in unserer Gegend durchaus erträglich sind. Vorliegende Berichte aus Vogels- bergrevieren ergeben allerdings ein wesentlich ungünstigeres Bild. ES konnte mit Genugtuung festgestellt werden, daß In den weitaus meisten Revieren gefüttert worden ist, eine Tatsache, die der Verein nicht zum wenigsten seiner Tätigkeit zuschreiben darf, da Winterfütterung in früheren Iahren in vielen Revieren etwas älnbekanntes war. Sehr interessant und lehrreich waren die Erfahrungen mit den einzelnen Futtermitteln, die gereicht wurden. Von allen Seiten wurde nur jetzt, nach der langen Zeit der Trockenfütterung und Trockenäsung, die große Gefahr kommender Wildverluste betont, die bann einzutreten pflegen, wenn eS draußen wieder grünt und sprießt. Diese Gefahr zu einer gierigen Annahme der Grünäsung liegt besonders jetzt nach diesem aufterordentlich harten Winter vor. Empfohlen wurde die alsbaldige reichliche Herrichtung von Salzlecken, sowie die Weiterfütterung, besonders mit Hafer. Don dem Ergebnis der zur Zelt angestellten Erhebungen wird e« ab')äugen, ob und welche Rotmaßnahmen bezüglich der 3agbau8Übung etwa getroffen werden müssen. Festgestellt wurde, daß die Pressemeldung bett, allgemeines Schonjahr durch Reichsgesetz falsch ist. Die diesjährige VerbandSjugend- vrüfung wird am 27. April stattfinden. Eine aufterordentlich wichtige Frage behandelte dann Studienrat Holzel in einem Referat über .Jtrafcen und Krähenbekämpfung". Die Krähen haben sich in den Kriegs- und Rachkriegsfahren derart vermehrt, daß sie in landwirtschaf 'x«r und jagdlicher Hinsicht eine Gefahr da .stell en, die hohe wirtschaftliche Werte vernichten, ^us einem planmäßigen Vorgehen von S aats wegen ist in Hessen aus verschiedenen Gründen wieder einmal nichts geworden. Also bleibt nur der Weg der Selbsthilfe. Der Verein wird seine Mitglieder mit Material versorgen, durch daS jeher Revierinhaber über die wichtigste Methode der Krähenbekämpfung unterrichtet wird. Mit herzlicher Teilnahme gedachte die Dersamm.ung des Ablebens des Anatomiedieners i. R. Balser, der den meisten Mitgliedern vertraut war und sich allseitiger Hochachtung erfreute. Unvergessen wird es bleiben, mit welcher Sorgfalt und Liebe Herr Balser alljährlich die Rehlronen sauber und schön aufsehte und damit eigentlich Die letzte Handlung vollbrachte, die zum Strecken eines Stückes Schalenwild gehört. Der Verein wird durch einen Iagdkranz feinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Schließlich konnte Oelonomierat Hoffmann noch herzlicher Weidmannsdank für die weitere Ausschmückung des Iägerstllbchens durch S.iftung zweier Hirschgeweihe gesagt werden. Rundfunkprogramm. Sonntag, 10. März. 8.30 bis 9.30: Von Kassel: Morgenfeier, veranstaltet von Der Ev. Christusgemeinde Kassel-Wil- he.mshöhe. 11 bis 11.30: S unde der Jugendbewegung: „Wo schließe ich mich an?" Vortrag von Dezirksjugendpflegcr Grebenstein. 11,30 bis 12: Elternstunde: „Richt für die Schule, sondern für das Geben!“, Vortrag von S.udiendirektor Dr. Fr. Majer-Leonhard. 12 b.S 13: Eine S unde in einer Verkaufsschule. 13,10: Bruckner-ZhlluS. 7. Sinfonie in kl-Dur. 14,30 bis 15,30: Stunde der Iugend: Aus dem deutschen Märchenborn, vorgetragen von Hanna Längen: Aus 1001 Rächt: Saids wunderbare Schicksale. — Für Kinder vom vierten Iahre ab. 15.30 bis 17: Konzert de« Rundfunkorchesters: Operetten. 17 bis 18: Stunde des Landes. 18 b s 19: Von Königswusterhausen: »Das Problem deS Einheitsstaates". Vorträge von Relchsjustizminister Koch-Weser (18 bis 18.30) und Ministerpräsident Held, München (18.30 biS 19). 19 bis 19.45: S unde des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung. 19.45 biS 20.15: Sportnachrichten. 20.30: Konzert deS Venezianischen S.reichquartettS. Anschlieftend: Von Kassel: „Das Idyll". Daraufhin bis 0.30: Tanzmusik. Montag, 11. März. 6.30: Morgengymnastik. 12.30: Schallplattenkonzert: Orchesterstücke. 15.05 bis 15.35: Stunde der Jugend: Von fremden Ländern und Völkern, vorgetragen von Lehrer Fr. Voigt. — „Mit Eslimos auf der Seehundjagd". — Für Kinder vom 12. Iahre ab. 15.55 bis 16.05: Hausfrauendienst. 16.35 bis 18.05: Von (Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.10 b'.S 1830: Lesestunde. 18.30 bis 19: Ernst Toller. Vorlesung aus eigenen Werken. 19 bis 19.30: Von Kassel- Heinrich Lersch. Vorlesung aus eigenen Werken. 19.30 bis 19.45: Englische Literaturproben. 19.45 bis 20.15: Englischer Sprachunterricht. 20.15: Von O.uttgart: Volkstümliches Konzert. Anschließend: Rach 0 uttgart: „Die neue Zeit". Darauf: Schallplattenkonzert: Buntes Programm. (Semtnnflosiinfl 5. Klaste 32. Preubisch-LüddeuNche (25b. Preutz.) Ktaßen-LvNerir Ohne Gewähr Nachdruck verdaten Aus jede gezogene Nummer sind zwei gleich hohe Gewinne gefallen, und zwar je einer auf bie Lose gleicher Nummer in ben beiden Abteilungen 1 und II 25. Fiedungstag 8. Mörz 1929 Ön bet 'Vormittagsziedung wurden Gewinne über 150 M. gezogen 4 n 10000 W. 65791 185569 4 ©tto.une tu 5000 W. 146877 353112 6 »twinne eu 3000