Montag, 19. Juli 1926 176. Jahrgang Ur. 166 Erstes Blatt L>naq«e von Anzeigen für die Tagesnummer vis zum Nachmittag vorher. Preis für I mm höhe für Anzeigen von 27 mm Brette örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°, mehr. Chefredakteur: Dr. Friede Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.THyriol: für den übrigen Teil Ernst Blumfchein: für den Anzeigenteil Hans Füslel, famtlich in Gießen. Der Sturz des Kabinetts Briand-Caillaux. Der Kampf um das Ermächtigungsgesetz. - Das Duell Briand-Herriot Briand in der Minderheit. - Herriot mit der Kabinettsbildung beauftragt Amerika und feine Schuldner. Mellons Europareise. Reuhork, 18. 3uli. (Reuter.) Trotz des undurchdringliche^^ Schleiers, mit den, die 2tb- relfe des Schatzsekretärs Mellon und Pierpont Morgans umgeben wird, sind doch Anzeichen »u erkennen, daß die Vermutung nicht unberechtigt ist, daß die beiden zu den größten Finanz- kennern gehörenden Persönlichkeiten unter Um* ständen an den Besprechungen teilnehmen werden, die, wie gerüchtweise verlautet, zwischen dem Gouverneur der Dank von England Vor* man, dem Gouverneur der Federal Reservebank Strong, dem Gouverneur der Dank von Frankreich, Moreau und Reichsbankprasident Schacht in Frankreich st-attsiiü>en sollen. Schatzsekretär Mellon betonte in einem gestern veröffentlichten Schreiben, die amerikanische Regierung würde ihre Pflicht gegen die Steuerzahler verletzen, wenn sie die Annullierung der Kriegsschulden billigen würde. Menn wir, so sagt Mellon, sicher wären, dah das amerikanische Volk die Annullierung der Kriegsschulden verlangt, so wäre es Ausgabe der Regierung, dementsprechend zu handeln. Aber weder aus den Kreisen der Oefsent- lichkett im allgemeinen noch in der Presse oder gar von den gewählten Volksvertretern im Kon- greh würde ein derartiger Wunsch geäußert. Mellon erklärte weiter, daß die den europäischen Rationen gewährten Vorschüsse keine Geschenke waren und daß mit Ausnahme Rußlands sämtllche Rationen ihre Schuld anerkannt und sich zur Bezahlung bereit erklärt hätten. Abgesehen von Großbritannien hätten die Schuldnerstaaten gegenwärtig Vergünstigung erhalten, daß die v o r dem Waffenstillstand aufgenommenen Anleihen annulliert worden n e 5 habe gestern in der „Information" erklärt, die Uebertragung der Machtbefugnisse an Caillaux erfolge hauptsächlich deshalb, damit er über den Goldbestand der Bank von Frankreich verfügen könne. (Caillaux protestiert.) Marin wirft alsdann Briand vor, daß er das Parlament wiederholt bei Fragen der auswärtigen Politik alsHindernis betrachtet habe. Beim Abkommen von ßoearno hab er es vor ein fait accompK gestellt. Briand protestierte sei- nerseits und erklärt, daß er die Kammerausschüsse über die Verhandlungen unterrichtet und ein Blaubuch über die Angelegenheit zu einer Zeit veröffentlicht habe, zu der das Parlament habe hierzu Stellung nehmen können. Der Abg. Marin schließt seine Rede mit der Erklärung, er und seine Freunde könnten schließlich einem andern Finanzminister plein pouvoir erteilen, aber nicht einem Mann wie Caillaux, dem Verfasser des Rubicon. (Eine Anspielung auf den Hochoerrats- prozeß gegen Caillaux vor dem Senat.) Um diese Anspielung verständlich zu machen, erhebt sich Andre T a r d i e u und verliest eine Stelle aus dem Rubicon, in der Caillaux diktatorische Befugnisse für den Ministerpräsidenten fordert unter Schmälerung der Prärogative des Parlaments. Caillaux erwidert nichts. Die Anspielung aus seinen Hochverratsprozeß hat jedoch sichtbar eine Verstimmung bei der Mehrheit des Parlaments hrvorgerufen. Abg. Marin erklärt schließlich, daß er und seine Freunde gegen das Ermächtigungsgesetz stimmen werden. Hierauf ergreift der kommunistische Abgeordnete Renaudjean das Wort. Die Sitzung dauert an. Der sozialistische Abgeordnete Renaudel wendet sich ebenfalls gegen bad Ermächtigungsgesetz. Die Sähe des Gesetzes seien zu vage. Die jetzige Regierung habe die Mehrheit aufgelöst. Man wolle nicht, daß die französische Regierung von der internationalen Bankwelt abhänge. (Briand wirft ein: Wenn die Regierung der Agent der internationalen Dankwelt wäre, könnte sie über Geld verfügen.) Renaudel fährt fort, er befürchte nicht nur ein nationales Drama, sondern auch ein soziales Drama. Gestern hätten in Toulon bereits 4000 Menschen aus Elend manifestiert. Wenn die Sozialisten die Ueberzeugung hätten, daß das Dorgeschlagene zum Ziele führe, dann würden sie der Regierung an die Seite treten. Jetzt handle es sich darum, ob die Kammer vor der Regierung abdanken wolle. Rach den Ausführungen des sozialistischen Abgeordneten Renaudel wurde die Generaldiskussion abgeschlossen. Devor über die Frage des ilebergang^ zur Einzelberatung abgestimmt wurde, ergriff Finanzminister Caillaux das Wort, um den von ihm vorgelegten Same- rungsplan zu rechtfertigen. Er erklärt, es gebe lerne andere Rettung. Die Kapitalababgabe sei undurchführbar. So bleibe nur die Stabilisierung entweder mit Hilfe von AuslandL- krediten oder mit Hilfe des Metallbestandes der Dank von Frankreich. Die Regierung müsse daher ihren vorgelegten Text aufrecht erhalten. Hierauf stellt der stellvertretende Kammerpräsident den ilebergang zur Einzelberatung zur Abstimmung. Finanzminister Eaillaux erklärt, die Regierung stelle für diesen ilebergang zur öin^iberafung die Vertrauensfrage. Auf verschiedene Anfragen aus der Mitte des Hauses stellt er fest, es handle sich um den Kommissionsentwurf und Ministerpräsident Driand erklärte, die Regierung werde diesem Entwurf den ihrigen als Gegenentwurf gegenüberstellen und für ihn wiederum die Vertrauensfrage stellen. Es folgt dann die bereits oben gemeldete Abstimmung, durch die der ilebergang zur Einzelberatung mit 288 gegen 243 Stimmen abgelehnt wurde, ileber das Stimmenverhältnis liegen bisher nur allgemeine Angaben vor. Danach stimmten dagegen die Sozialisten und -Kommunisten. Eine Anzahl Sozial-Republikaner und Radikale enthielten sich der Stimme, andere stimmten dagegen, während der Rest der Radikalen sowie einige Sozial-Republikaner für die Regierung stimmten. Auch die radikale Linke und die unabhängige republikanische Linke stimmten für die Regierung. Dei den übrigen Parteien war die Abstimmung uneinheitlich. Die demokratisch - republikanische Vereinigung und die zu keiner Fraktion gehörenden Abgeordneten stimmten in ihrer großen Mehrheit gegen die Regierung. Briand ist „sehr glücklich". Paris, 18. Juli. (Wolff.) Die Nachricht vom Sturze des Kabinetts Briand-Ewllnux ist der Öffentlichkeit nicht überraschend gekommen, hat jedoch offensichtlich bei einem gewissen Teil des Publikums eine feinbfeiige Stimmung gegen di e Kammer ausgelöst. Die Agentur Havas berichtet, daß die Menschenmenge vor dem Elylöe Herriot, der allgemein als Urheber des Sturzes des Ministeriums betrachtet wiä>, mit unfreundlichen Rufen empfangen habe, so daß die Polizei genötigt war, die Menschenmenge zu entfernen. Deim Verlassen des Elysees erklärte Briand Journalisten gegenüber: „Sie können nicht erwarten, daß ich Die englische Uohlenkrifir. Eine Bermittlungsaktion der Kirchen- fürsten. Keine Aussicht aus Erfolg. London. 17.3uli. (WB.) Der Bischof von Litchfield hat Baldwin in einem Schreiben darum ersucht, eine Abordnung der Kirchenfürsten im Zusammenhang mit dem Bergbau zu empfangen und dem Schreiben eine Mitteilung des Dergarbeiterverbandes beigelegt, in der es heißt, der Vollzugsausschuß des Verbandes sei bereit, eine Annahme zu empfehlen, falls eine Verständigung auf der Grundlage der Vorschläge der Kirchenfürsten zustande komme, die eine Durchführung sämtlicher Empfehlungen der Kohlenkommission zwecks Reorganisierung der Industrie vorsehe. Baldwin antwortete, er willige darin ein, eine Abordnung der Kirchenfürsten am Montag abend zu empfangen. fügte aber hinzu, daß die Bedingungen für eine Wiederaufnahme der Arbeit nur durch Uebereinfommen zwischen den Berg- Her r e n und den Bergarbeitern festgesetzt werden könnten. Die Regierung sei entschieden gegen die abermalige Gewährung von Unterstützungen an die Kohlenindustrie zwecks Wiederaufnahme der Arbeit zu den alten Bedingungen. Angesichts der verhängnisvollen Folgen der Arbeitsniederlegung auf die Staatsfinanzen komme die Gewährung einer ilnterftüßung nicht im geringsten in Frage. Baldwin Hebt besonders hervor, daß sich die Kommission in ihrem Bericht gegen eine weitere Leistung von Unterstützungen ausgesprochen habe. Italiens Wirtschaftslage. Bologna, 17. 2uli. (WTB.) Bei der Einweihung der Börse von Bologna hielt Finanzminister Graf D v l p i eine Rede, in der er ausführte: Die Regierung hat die ilrsachen der E n t w e r t u n g der Lira untersucht und geprüft, welche Waren einen nachteiligen Einfluß auf die Handelsbilanz ausüben. Obwohl Italien erst seit kurzem in die Reihe der in wirtschaftlichem Wettkampf stehenden Länder getreten ist, haben diejenigen Männer, die die Aktivität Italiens verkörpern, in kurzer Zeit eine gewaltige Industrie geschaffen, die nahezu einem Viertel der Bevölkerung Brot gibt. Ein beredtes Zeugnis dafür sind, selbst wenn man die Entwertung der Lira berücksichtigt, die Zahlen der Vermögen der Attiengesellschaften. 1900 gab es 848 Gesellschaften mit einem Gesamtkapital von 2212 Millionen Lire, 1914 stieg die Zahl der Gesellschaften auf 3138 mit einem Kapital von nahezu 6 Milliarden, am 30. Iuni 1926 auf 11 825 mit einem Gesamtvermögen von 38 822 Millionen. Die Regierung mußte eingreifen, um die Kapitalserhöhung über 5 Millionen Lire hinaus zu überwachen, damit die sehr rasche Entwicklung die private und öffentliche Wirtschaft aus dem Gleichgewicht bringt. Außerdem wünschte sie, die Sparkassenbewegung mit diesen Vergrößerungen des Aktienkapitals in Einklang zu bringen. Auf diese Weise wurde es bewirkt, daß das Sparkapital stärker den gesunden und gut verwalteten Industrien zufloß. Das Industriekapttal befindet sich in den Händen des soliden italienischen Sparers. Italien hat entschlossen die Aufgabe der Gesundung des Staatshaushaltes in Angriff genommen. Im Rechnungsjahr 1925/26 wurde_ ein Ueberfdyuß von 1489 Mill, erzielt gegenüber einem ileberschuß von 417 Mill, im Vorjahr. Dies zeugt am besten für die organische Festigkeit des Budgets. Trotz günstiger Ergebnisse wird mit der Einschränkung der Ausgaben nicht nachgelassen werden. nicht herabsetze, sondern im Gegenteil fein Prestige vermehre, wenn man es auf- forbere, dem Wunsche der Regierung Folge zu leisten. Er könne nicht fagen, baß die republikanischen Einrichtungen in sich — so tragisch auch die ilinstände seien — die Mittel enthielten, um das Land zu retten. Dadurch, daß er bei seinem Beschluß bleibe, habe er die ileberzugung, seinem Lande und der Republik zu dienen. Er habe auch den Wunsch zu sehen, daß die republikanischen Einrichtungen sich den Ereignissen an- passen. Während des Krieges sei er der erste gewesen, der an die Mitarbeit des Parlaments appelliert habe. (Der Abgeordnete Dalbiez ruft dazwischen: ilnd nicht eine Kanone und nicht ein Gewehr ist fabriziert worden. Briand erwidert: Ich hätte doch geglaubt, daß Sie unter den jetzigen ilmständen in dem Augenblick, in dem der Ministerpräsident dem Kammerpräsidenten antwortet, Ihre Ungebulb etwas zügeln können.) Mit fibrierender Stimme erinnert Briand dann an die tragischen Stunden von Verdun und an die Geheimsihung der Kammer. Auch damals fei ihm der Gedanke gekommen, daß das parlamentarische verfahren gewinnen würde, wenn man feinen Mechanismus beschleunige. Der vorliegende Gesetzentwurf sei von dem gleichen Gefühl eingegeben, von der Sorge um das öffentliche Wohl. (Herriot erhebt sich und ruft dazwischen: Meine Worte auch) Driand erwidert: Ich weiß nicht, welchen Ausgang dieses Duell... (Widerspruch bei den Radikalen und seitens Her- rivts.) Driand fährt fort: Warum soll ich die Dinge nicht beim rechten Ramen nennen? Ich erkläre, daß zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Kammerpräsidenten eine Auseinandersetzung über eine grundsätzliche Frage stattfindet, die im jetzigen Augenblick als ein tragisches Ereignis bezeichnet werden muß. Herriot hat durch seine Rede die Kammer vor zwei Vertrauensfragen gestellt. Das ist tragisch. Mein Gewissen sagt mir: Tue deine Pflicht. Man kann ein wahrhaft guter Republikaner sein, den Grundsätzen der Verfassung ergeben und doch darüber nachdenken, wie man den augenblicklichen "Bedürfnissen genügen und den Notwendigkeiten, die das Land fordern kann, Genugtuung geben könne. Soll man denn wegen eines parlamenkarischen Mechanismus das heil des Volkes opfern? (Beifall von rechts bis in die Mitte.) Herriots Eingreifen habe die Lage der Regierung heikel gemacht. Als die Kammer vor wenigen Tagen der Regierung Vertrauen aussprach, fei sie über den jetzigen Gesetzentwurf unterrichtet gewesen. Ieht müsse rasch gehandelt werden und das Land ntüffe in den nächsten 48 Stunden wissen, ob es eine aktionsfähige Regierung habe. Briand erinnert an die Haltung der belgischen Kammer, worauf der sozialisttsche Abgeordnete Blum dazwischen ruft: Ich ziehe unter diesen ilmständen einen König Ihnen vor! Driand schloß mit einer außerordentlich ernsten Mahnung an das Haus. Dei seinem etwaigen Sturz werde er ohne Groll in die Reihen der Abgeordneten zurücktreten und nach Möglichkeit der neuen Regierung Hilfe leisten. Die Rede Driands wurde von den Mittelparteien, den SoziaWisch-Repu- blikanern uni> sogar von einigen Radikalen und einem Teil der Fraktion Marin beifällig ausgenommen. Lin Zwischenfall. Unter allgemeiner Unruhe ergreift alsdann der radikale Abgeordnete Chautemps das Wort. Angesichts des Lärms der Rechten kann er sich kaum Gehör verschaffen. Vizepräsident Bouyfon fordert die Abgeordneten wiederholt zur Ruhe auf, namentlich den Abgeordneten Outrey von der demokratischen Linken. Als dieser jedoch nicht schweigt, erklärt der Vizipräsident: „Gehen Sie lieber ans Büfett!" Das löst einen solchen Lärm aus, daß der Abgeordnete Chautemps gezwungen ist, die Rednertribüne zu verlassen. Die Mitglieder der Fraktion Marin und die Republikanisch-Demokratische Vereinigung fordern minutenlang die Demission des Vizepräsidenten, so daß dieser genötigt ist, die Sitzung zu unterbrechen. Rach Wiederaufnahme der Sitzung entschuldigt der Vizepräsident seine Aeußerung damit, daß er aus dem Süden stamme und etwas lebhaft sei. Der Abgeordnete Chautemps verzichtet hierauf aufs Wort, indem er erklärt, daß die von Herriot gestellte Vorlage zurückgezogen worden sei, damit der Kammer Gelegenheit gegeben werde, sich baldigst über den Grundsatz der Uebertragung der Machtbefugnisse auszusprechen. Er verzichte unter diesen Umständen auf das Work. Hierauf ergreift der Abgeordnete Marin das Wort. 9n außerordentlich scharfer Weise spricht er sich gegen das Ermächtigungsgesetz aus. Die Kammer könne die Befugnisse nicht au das Ministerium übertragen. Sie könne auf ihr Steuerrecht ebensowenig verzichten als sie ihm das Recht zuerkennen könne, auswärtige Anleihen abzuschließen ober über die Goldreserve der Bank von Frankreich zu verfügen. In der Bestimmung betreffend die Rückzahlung der Schatzbonds sehe er eine neue Inflationsbedrohung. Key- Paris, 17. Juli. (MTB.) Das Kabinett Bri- and'Laillaux ist gestürzt» nachdem die Kammer es mit 288 gegen 243 Stimmen abgelehnt hat, in die Linzelberatung der Paragraphen des Lrmach- tigungsgeseßes einzutreten. Ministerpräsident Briand hat sich nach Schluß der Kammersttzung mit seinen Kollegen ins Llysee begeben, um dem Präsidenten der Republik die Demission des Kabinetts zu überbringen. Präsident Doumergue nahm die Demission an und bat die Minister, die Geschäfte vorläufig weitemusühren. Präsident Doumergue begann bereits mit seinen Beratungen im Hinblick auf die Bildung des neuen Kabinetts. Er hat u. a. den Vorsitzenden dec radikalen Kammerfraktion, den zur demokratisch-republikanischen Linken gehörenden Senator Lumina!, sowie die Abgeordneten Blum, painlcve, Dariac und Flandin empfangen. Um 12 Uhr wurde h e r r i o t, der im Laufe des vormittags eine Reihe politischer Persönlichkeiten, darunter die Abgeordneten Lhautemps, Lou - cheur, Dariac und Jlanbin gesprochen hatte, zum Präsidenten der Republik berufen, herriot hat den ihm erteilten Auftrag zur Kabinettsbildung angenommen. (Eine stürmische Uammersitzung. Paris, 17. Juli. Die Kammer hat heute nachmittag unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten B o u y s s o n mit der Beratung des Finanzsanie- rungsgesetzes begonnen. Der Generalberichterftatter dtzs Ausschusses, Chappebelaine, betonte in seinem Bericht, baß im Grunbe genommen zwischen bem Entwurf ber Regierung unb bemjenigen, den ber Finanzausschuß vorlege, keine tief« gehende Verschiedenheit bestehe unb wies barauf hin, baß Caillaux sein Ehrenwort gegeben habe, sich streng an bie im Annex aufgezählten Maßnahmen über bie Durchführung ber yinanafaniening unb über die Währungsstabili- fierung zu halten, abgesehen von dem Falle der nationalen Gefahr. Chappebelaine sprach die Erwartung aus, daß die Kammer angesichts ber in ben kommenben Monaten besonbers für bie Bezahlung ber auswärtigen Schulden zu unterneh- menben Anstrengungen sich ihrer Verantwortung nicht entziehen könne. Belgien habe ein Beispiel ber Energie gegeben unb bie französische Kammer werbe ihrerseits enbgültig bie finanziellen Schwierigkeiten bes Lanbes im Rahmen ber Verfassung lösen. Rach bem Berichterstatter erklärte Herriot ber nicht ben Vorsitz in ber heutigen Sitzung übernehmen wollte, um sich ein Eingreifen in bie Debatte zu ermöglichen, seit einem Jahre habe er sich bemüht, ber Regierung zu helfen unb bie Kammer erinnere sich einer Nacht, wo er sogar von seinem Präsidentenstuhl nieberftieg, um für bas Kabinett Briand zu stimmen. Ader heute könne er diese Haltung nicht mit gutem Gewissen einnehmen. Das Finanzprogramm der Regierung habe tiefgehende Beunruhigung geschaffen und für ihn scheine der Regierungsplan u n - möglich zu sein. Er spreche nicht als Führer einer Partei, sondern in seiner Eigenschaft als Kammerpräsident wende er sich an den Ministerpräsidenten, um ihn in ber bringenbften unb, wie er hoffe, wirksamsten Weise zu beschwören. Das Ermächtigungsgesetz schalte feiner Ansicht nach für einige Monate bie Verfassung vollkommen aus. Es sei bie Aufgabe bes Kammer- präsibenten, an bie organischen Gesetze ber Verfassung zu erinnern. Die SteucrberoiUigung sei eine Prärogative, die das Parlament nicht das Recht habe, jemanden zu übertragen. Das Parlament sei nicht souverän, das Land allein sei souverän. Ich begreife sehr wohl, daß eine Stabilisierung der Wahrung nicht in ihren Einzelheiten geregelt werden kann. Aber es bestehe ein Abgrund zwischen den für die Regierung notwendigen Freiheiten aus dem ilebertragungä* recht, das sie fordere. Weder die Person des Ministerpräsidenten noch die Person des Finanzministers könnten bezichtigt werden, feine guten Republikaner zu sein. Aber es könnte doch möglich sein, daß später an ihrer Stelle Männer stehen werden, die einen Mißbrauch mit der Machtbefugnis betreiben werden, die man der jetzigen Regierung übertrage. Er könne das Kammerpräsidium nicht weiter führen, wenn die Rechte der Kammer vermindert würden. Aus diesem Grunde stellt Herriot die Frage, ob man nicht einen Standpunkt der Annäherung finden könne, um eine konstitutionelle Lösung zu schaffen. Herriot schließt, indem er etflärt, er könne seiize Zustimmung zu dem vorliegenden Gesehestext nicht aussprechen. Die Regierung müsse mit dem Parlament zusammenarbeiten, sie dürfe es aber nicht beseitigen. Herriot erntete Beifall bei den Sozialisten und bei den linksstehenden bürgerlichen Parteien sowie bei einem großen Teil der Mittelparteien. Briand besteigt hierauf die Rednertribüne. Er erklärt, nicht ohne Schwanken habe er sich als aufrichtiger Republikaner zu dem Weg entschieden, den er jetzt Vorschläge. Er habe es getan in der Heber- zeugung, daß man das republikanische Parlament L Gießener Anzeiger Infolge höherer Gewalt. ZZN . General-Anzeiger für Gberhesfen richten: Anzeiger «letzen. 8rantfunamm0a"i0ii686. vnick und Derlag: »rühNch« Unwersitäli-Vuch- und SitinOruderei rr. rang- in Sieben. Schristieitimg und Scjchäftr«-»«: rchulftratzt r. Stofen Mer- dnsien JF-.. Gebote ' «beten. 213029.37 8000- 10129 83 1793.- 3714.74 4200.51 (91.50 Ml) . Hungen iler Haftpflicht Meyer- ... 14 »enö 5 ....._1 _20 .... 115 5LH 3 444.70, der me Ende dck 0'e> deuUcheQ ,flche ieit rlillt und : Ort- in " in der 11 “m ein 50885160 5111 590.- 10333 98373 ■ 214304 04 . 7 820.70 . 123 88886 M 5LII ...... Wl ...... 51U ...... 3148.75 ...... 424.05 ....... Ja 323,60 ...... 120%- ....... 1000.- ....... 637.42 ....... 160M8 ....... 207661.60 39042.60 97184.21 muh». SO687.61 , ....... 13009.- ....... 221X9 ....... 8010.— ....... 3067.48 508851.(3 • gtwjWnto« :in vnd prtisroui ließen. SdinlBi.L KS ie Formen hlung t r das Rhe'n'- b.H- jedesmal^vieder mein eigener Nachfolger werde. Ich kann nicht fortgesetzt in einem seiwbseligen Milien leben. Jetzt habe ich meine Freiheit und bin darüber sehr glücklich." Herriots Bemühungen. Paris. 18. Iuli. (LU.) Der Kammerpräsident hat heute nachmittag ununterbrochen mit politischen Persönlichkeiten zur Lösung der Kabinettskrise verhandelt. Nach den letzten Eindrücken zu schließen, stößt Herriot auf große Schwierig- leiten. Am Abend hatte er eine bedeutsame Un- terredung mit dem Führer der Demokratischen Union, Marin. Dieser gab bei Ausaang der Llnterhaltung die unerwartete und sensationelle Erklärung ab, daß nach seiner Ansicht die Wie- deraufrichtung des Franken unter einem Kabinett Herriot keine Fortschritte machen werde. Diese Erklärung Marins laßt den sicheren Schluß zu, daß eine Verständigung, Zwischen seiner Gruppe uird den Radikalfozialisten zur gemeinsamen Lösung der Krise, wie sie am Nachmittag noch allgemein vorausgesehen wurde, gescheitert ist. Die parlamentarische Situation wird dadurch äußerst kompliziert. Ein Kabinett der nationalen Einigung, von dem immer wieder die Nede ist, erscheint ausgeschlossen, ebenso ein nur nach rechts erweitertes Konzentrationskabinett, dem die Sozialisten nicht konsequent ihre llnterstühung zuteil werden liehen. Eine ausreichende Mehrheit wird Herriot nur dann aufbringen, wenn ihm die Neubildung des Kartells der Linken gelingt. Die Möglichkeit hierzu ist allerdings bei der Haltung der Sozialisten sehr zweifelhaft. Vie Haltung der Sozialisten. Beschränkte Unterstützung für ein Kabinet Herriot. P a r i s. 18. Iuli. (WB.) Der Vorstand und die Parlamentsfraltion der Sozialistischen Partei haben nach mehrstündiger Beratung die ihnen von Herriot angebotene Teilnahme an der Negierung abgelehnt. In einer Ent- schlichung wird erklärt, daß die Partei entsprechend dem Beschluß ihrer letzten Parteitagung an keiner von einer anderen politischen Partei gebildeten Regierung teilne'hmen kann. Eine Llnterstützungspolittk, so heißt es in der Entschließung weiter, könne nur innerhalb der von den Parteitagen in Grenoble und Clermont-Ferrand gezogenen Gren- 8eit in Betracht kommen. Außerdem hat derAbg. Blum als Generalsekretär der sozialistischen Parlamentssraktton an Herriot ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt, die sozialistische Parla- mentssraktion habe mit Befriedigung davon Kenntnis genommen, daß Herriot zur Lösung der über dem Lande schwebenden Finanz -und Währungskrise sich den Ideen zu nähern wünsche, wclcye für die Partei selbst maßgebend seien. Unter den gegenwärtigem Umständen wäre die Teilnahme an der Regierung nicht diejenige Form, in der die Partei einer von Herriot gebildeten Regierung die wirksamste Hilfe werde gewcchren können. Es werde ihr jedoch leichter fallen, ihre Mitglieder fast einstimmig für die Politik der Unterstützung zu gewinnen. In dem Schreiben wird zum Schluß versichert, daß die Dentühungen Herriots um die Finanzsanierung und die Wiederherstellung einer stabilen Währung durch die Leistung der Nation s e l b st seitens der Sozialistischen Partei auf eine ehrliche Unterstützung werde rechnen können. Pariser Matterstimmen. Paris, 18. Iuli. (Wolff.) Die Presse hebt den Ernst der durch den Sturz Driands gcschaffe- ne- Lage hervor, vor allem das „Iournal", welches schreibt: Wer auch berufen werden möge, der Ern st der Stunde mache ihm zur ersten Pflicht, schnell zu handeln. Die Kammer müsse endlich die Abschlachtung der Mini- st £ r i e n einstellen, wenn nicht die Agitation, die sich im Palais Bourbon bemerkbar mache, aui die Straße übergreifen solle. Bereits gcuern abend habe, als die Deputierten die Kammer verließen, eine beunruhigte Menschenmenge sich vor dem Kammergebäude angesammelt, die die Polizei zurückdrängen muhte. Das fei eine Warnung. Das „Petit Parisien" führt den Sturz des Ministeriums darauf zurück, daß Herriot in die Debatte eingriff, nicht als Parteiführer, sondern als Kammerpräsident. Auch Gambetta habe eingegriffen, aber als Führer der Fraktion. Das „Oeuvre" schreibt, Herriot werde wohl, ehe er gestern seinen Schritt unternahm, sich die Felgen s inet Handlung klargemacht haben. Nach zwei Iahren Ablastens könne man endlich in der zusammengefaßten raschen Aktion die Politik vom 11. Mai 1524 wieder auferstehen sehen. Herri -t wisse «uch ganz genau, daß in der augenblicklichen Lage das Land eine neue Enttäuschung nicht mehr erdulden werde. „Ere Nouvelle" schreibt, nicht ein Tag, nicht eine Stunde, nicht eine Sekunde sei mehr zu verlieren. um die Regierung der nationalen Rettung zu bilden, die das Land erwarte und der das Parlament die unerläßlichen Vollmachten zu geben gezwungen fein werde. „Quotidien" nennt die gestrige Abstimmung in der Kammer einen republikanischen Sieg. Herriot habe gestern ein prächtiges Beispiel gegeben. Er habe sich als Soldat in den Kampf gestürzt. Er müsse berufen werden und die gänze Nation müsse alsdann seinem Rufe folgen. Das „Echo de Paris" schreibt, die Kammer habe durch die Sttmme Herriots mit einem Nein auf die Frage der Übertragung der Vollmachten geantwortet und mit einem Nein auf die Washingtoner Abkommen durch die Stimme Marins, dessen Interpellation wieder einmal die Beunruhigung und Abneigung des französischen Volkes dagegen zum Ausdruck brachte, daß die Rettung der französischen Finanzen u n t e r den S chu h und die Abhängigkeit des Auslands gestellt würde. „Gaulois" will in der gestrigen Diskussion die Unmöglichkeit erkannt haben, die finanzielle Krise mit parlamentarischen Metho - denzu lösen. Es sei aber auch festgestellt, daß es unmöglich sei, Vollmachten einem Manne wie 6 a iU au t anzuvertrauen, dessen Vergangenheit und Charakter ihm das Vertrauen des Landes notwendigerweise entzögen. Der Präsident der Republik müsse die Regierungshoheit Männern anvertrauen, die mit keiner Handlung belastet seien, die ihnen das Vertrauen entziehe, die also imstande seien, die Vollmachten auszuführen, die man gestern dem Kabinett Briand- Caillaux verweigert habe. Das Faszistenblatt „Le Nouveau Sitze le" überschreibt die heutige Ausgabe: „Nieder mit dem Parlament! Es lebe die Nation!" Das Londoner Echo. London. 19. Iuli. (TU.) Die Nachricht von dem Sturz des Kabinetts Briand-Caillaux, die erst in den späten Abendstunden in London eintraf, tjat hier große Ueberraschung hervorgerufen. Die neue Wendung wird zweifellos auf dem Devisenmarkt nicht ohne Rückwirkung bleiben und die Flucht aus dem Franken noch verstärken. Man rechnet hier zwar damit, daß die französischen Behörden alles versuchen werden, um dem bevorstehenden Zusammenbruch des Franken Einhalt zu tun, aber wie sich gestern abend eine in Citykreisen wohl bekannte Persönlichkeit äußerte, man könnte ebensogut den Versuch machen, das Wasser des Niagarafalles zu- rückzuhalten. Auch in diplomatischen Kreisen Londons, soweit diese während des Wochenendes m London anwesend waren, hat die Nachricht von dem Sturz der Pariser Regierung konsternierend gewirkt. Man hielt das Ergebnis für bedeutsam genug, um den Premierminister Baldwin und den Schahkanzler Churchill, die auf dem Lande weilten, sofort zu benachrichtigen. Die Lage wird um so ernster angesehen, als man bezweifelt, daß nun die Absicht der Führer der amerita- nischen, englischen und französischen Notenbanken, den Franken zu stabilisieren, wird durchgeführt werden können. In diesem Falle dürste das Kapitalausfuhrverbot der Bank von England nach Frankreich so lange in Kraft bleiben, bis das französische Schuldenfundierungsabkommen ratifiziert und der Franken endgültig stabilisiert ist. Vor neuen Kämpfen in Marokko Paris, 18. Iuli. (WB.) Nach den heute aus Marokko vorliegenden Nachrichten machen sich an der französischen Norbfronk Trupps der R i f l e u t e bemerkbar. Die Rifabteilungen im Djeballahgebiet nähern sich den französischen Linien. Abteilungen der Beni Mostara und der Beni Megilda werden in der Nähe von Issual gemeldet. Der Posten von Macna ist in der Nacht zum 16. Iuli angegriffen worden. Vom Reichslandbund. Berlin, 17. Juli. (TU.) Der Bundesvorstand des Reichslandbundes hat in feiner letzten Sitzung folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Der Bundesvorstand ersucht die Reichsregie- rung, die Einfuhrscheine, die bei der Ausfuhr von einheimischem Getreide ausgestellt werden, vom 1. August ab auf die dann geltenden Zollsätze auszustellen, die Geltungsdauer der Uebergcmgsbe- ftimmungen möglichst abzukürzen, diese jedenfalls nicht über den 30. September hinaus in Geltung zu lassen. 2. Der Bundesvorstand fordert die Reichsregierung auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, die das Valutadumping untervalutarischer sowie das Kreditdumping kapitalstarker Länder zu unterbinden. 3. Um eine Umgehung desZolles aufBräuge r st e zu verhindern, soll die Regierung erneut ersucht werden, die auf Braugerstezoll eingeführte Futtergerste zu deformieren. 4. Die Regierung soll ersucht werden, wie vor dem Kriege die Getreideaußenhandels- st a t i st i k in zehntägigen Perioden mit möglichster Beschleunigung zu veröffentlichen. Kunst und Wissenschaft. Der Fall Lessing. Am Samstag fand die Urteilsverkündung in der Disziplinarangelegenheit gegen die Studierenden anläßlich des Falles Lessing durch den Rektor und Senat der Technischen Hochschule Hannover statt. Es wurden folgende Urteile ausgesprochen: Einen Verweis von Rektor und Senat erhielten die Studierenden, deren Teilnahme an den Demonstrationen durch Abnahme der Ausweiskarten festgestellt worden war, auf Androhung de s.A u s s ch l u f s e s von der Hochschule wurde erkannt gegen die Leiter der Bewegung. Gleichzeitig wurde mit» geteilt, daß an den Herrn Minister die Berufung für die elf Relegierten vom Rektor und Senat mit der Bitte um Strafmilderung weitergegeben worden ist. Kunsipslege in Hessen. Zwischen dem Ständigen Rat zur Pflege der Kunst in Hessen und dem hessischen Künstlerkartell ist nunmehr der lange erstrebte Zusammenschluß gefunden worden. Es wurde wieder eine Arbeitsgemeinschaft für bildende. Kunst, wenn auch auf anderen Grundlagen wie früher in Darmstadt gegründet, bertn Arbeitsgebiet sich auf ganz Hessen erstreckt. Mitglieder sind nur je drei Vertreter des Ständigen Rats und des Künstlerkartells und ein Schriftführer. Es wurden beauftragt die Herren Oberregierungsrat Emmerling (Vorsitzender), Ge- heimerat-' Professor Dr. Back (stellvertretender Vorsitzender), Professor Hoelscher, August Soeder und Oberst von Hohn. Die Geschäftsstelle befindet sich im Darmstädter Stadthaus, Zimnler Nr. 70. Aus aller Welt. Tagung des christlichen Landarbeiterverbandes. Am Sonntag trat der Zentralverband der Landarbeiter zu seinem dritten Verbandstag zusammen. Neben den etwa 100 Delegierten aus allen Gauen Deutschlands waren auch Abgeordnete des Oesterreichischen Landarbeiterverbandes erschienen. Ebenso hatten das Ministerium für Landwirtschaft, das Internationale Arbeitsamt sowie etwa 30 Verbände der christlich-nationalen Organisationen und andere Verbände Vertreter entsandt. Der Führer des Z. D. L., Landtags- abgeordnetec Fran-; Behrens, begrüßte die zahlreichen Ehrengäste und hob hervor, daß die Tagung in eine Zeit falle, die durch Lieber- schwemmungen und Wetterkatastrophen d i e Ernte auf weite Strecken verdorben habe. Um so mehr sei es jetzt Pflicht aller, die Hände zu gemeinsamer Zusammenarbeit einander zu reichen. Parlamentarische Umgangsformen. Im thüringischen Lanötagsgebäude tarn es nach der letzten Landtagssihung in dem sogenannten Klubsesselzimmer zwischen dem Abg. Dr. Dinier (Völk.) und dem sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Kies zu einem Zusammenstoß, in dessen Verlauf Dr. Dinier dem Dr. Kies mehrere Schläge in den Nacken versetzte. Die Drille des Aba. Dr. Kies fiel zu Boden und zerbrach. Als ku rze Zeit darauf der ehemalige Ches der thüringischen Landespolizei und jetzige Werwolfführer Müller-Dranden- b u r g das Landtagsgebäude betrat, um Dr. Dinter aufzusuchen, wurde ihm im Wartezimmer von zwei kommunistischen Abgeordneten vorgehallen, daß „einer von seinem Gesindel" den Abgeordneten Dr. Kies verprügelt hätte. Daraufhin machte Müller-Brandenburg eine Bewegung nach der Tasche, um, wie die Abgeordneten glaubten, sich mit der Schutzwasie zu verteidigen. Die kommunistischen Abgeordneten drängten ihn in eine Ecke und nahmen ihm einen Totschläger — eine schwere Bleikugel an einem Lederriemen — ab. Der im Gebäude weilende Dezernent der thüringischen Landespolizei, Regierungsrat Dr. Lönig, nahm den Totschläger an sich und ließ sofort ein Protokoll über den Vorgang aufnehmen. Line TNillionen-Unterschlagung. Nach Unterschlagung von drei Millionen Mark ist der 40jährige Bankier Bernd Schröder aus Frankfurt an der Oder flüchtig geworden. Schröder Hai sich allem Anschein nach nach Hamburg gewandt. Vermutlich will er nach Amerika zu entkommen versuchen. Die Unterschlagung des Frankfurter Bankiers erregte in der ganzen Ostmark ungeheueres Aufsehen. Viele Hunderte von Landwirten aus den Kreisen Schwiebus, Königsberg usw. haben durch Schröder ihr Geld verloren. Schröder hatte vor einiger Zeit das Frankfurter Bankgeschäft von Hagedorn käuflich erworben. r führte es aber unter eigener Firma weiter Und eröffnete ein Konio-Kor- renlgeschäft. Vor allem vermiitrlte er An- und Verkäufe von Hypothekenbriefen. Die Nachforschungen der Polizei ergaben, daß mehrere Millionen Mark fehlen. Schröder hatte, wie sich jetzt heraussiellte, in den letzten Tagen seine Villa in Frankfurt an der Oder verpfändet und war seitdem nicht mehr in seinem Bankgeschäft erschienen. Der flüchtige Dankinhaber war früher Geschäftsführer einer bekannten Dank in der Ostmark und Sparrassendirektor in Schwiebus. Ein Konsul als Defraudant. Der jugoslawische Generalkonsul in Triest, Du- schan Stepnowitsch, ist, nachdem er aus der Amtskasse 1,2 Millionen Lire entwendet hatte, spurlos verschwunden. Es wurde gegen ihn ein Steckbrief wegen Unterschlagung erlassen. Eine rätselhafte Epidemie in Schlesien. Aus dem Kreise Obrau werden Massen- erfraniungen gemeldet, die als Folge des Oder- Hochwassers immer größeren Umfang anzunehmen drohen. Die Krankheit äußert sich stark in Fieber und großer Erschövsung. Es handelt sich vermutlich um eine durch Mückenstiche übertragene Sumpfkrankheit. Die Sumpfgebiete sind von unheimlich wilden Mückenschwärmen bevölkert, die die Menschen allerorts Überfällen. Disher wurden etwa hundert Krankheitsfälle feftgefteHt Breslauer Aerzte sind zur Hilfe geeilt, um den Krankheitserreger zu ermitteln, und der um sich greifenden Epidemie zu steuern. Auch aus den Kreisen Trachenberg, Guhrau und Schweidnitz werden gleiche Krankhütserscheinungen gemeldet. Eine Kommission, bestehend aus den beiden Medizinalräten der Breslauer Regierung, den Direktoren der Medizinischen Klinik und des Hygienischen Instituts der Universität und einem Vertreter des Wvhlfahrtsministers, hat sich in den betr. Kreisen mit den behandelnden Aerzten in Verbindung gesetzt. Die Krankheit scheint nur durch Insektenstiche übertragbar zu sein. Todesfälle sind bisher nicht vorgekommen. Hitzewelle in England. England steht wieder im Zeichen einer Hitzewelle. Sonntag abend entlud sich über London ein schweres Gewitter. Auch Teile von Wales wurden am Sonntag und in der vorauf- gegangenen Nacht von schweren Gewitterstürmen heimgesucht. In einigen Dörfern wurde durch Ueberschwemmungen schwerer Schaden angerichtet. Touristenunglück in den Dolomiten. Am Dienstag früh ist der englische Iour- nalist T o d m i d e r von der Rosettaspihe, als das Seil riß, über die steile Felswand in die Tiefe abgestürzt. Er erlitt einen Schädelbruch. Absturz am Dachstein. Am niederen D a ch st e i n verunglückte am Donnerstag vormittag der 20jährige kaufmännische Angestellte Helmut Kuhn ans Leipzig. Kuhn, der mit zwei Begleitern eine Hoch tour unternommen hatte, aber schlecht ausgerüstet war, verirrte sich als der Nebel siel und stürzte 100 Meter ab. Er trug einen Bruch bet Schädeldecke davon und war sofort tot. Die Leiche wird in Hallstatt beigesetzt. Kampfflieger Wüslhoff abgestürzt. Der aus dein Kriege bekannte Kampfflieger W ü st h o f f, Ritter des Ordens pour le m^rite, ist bei einem Schaufliegen am Samstagnachmittag auf dem Flugplatz Reudnitz bei einem Sturzflug abgestürzt. Er wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Lin Taschendieb. Einem Amerikaner, der anfangs voriger Woche auf dem Danrpser „Columkms" in Begleitung seiner Familie in Bremen eingetroffen war, wurde in einem Kaffee «des Berliner Westens die Brieftasche mit 30 000 Mk. in deutschen Banknoten gestohlen. Der Taschendieb hatte sich vor einigen Tagen dem Amerikaner als Landsmann angeschlvssen und wohnte mit der amerikanischen Familie seit mehreren Tagen in einem der ersten Berliner Hotels. Der bestohlene Amerikaner hatte den Betrag am Vormittag in Begleitung des Taschendiebes auf der Deutschen Dank abgehoben. Der Taschendieb verübte die Tat bei einigen Flaschen Sekt, die er mit dem Amerikaner unter Zuziehung eines, zweiten Schwindlers tranf. Die beiden Täter entfernten sich plötzlich nacheinander aus dem Cafe und sind spurlos verschwunden. Das im Hotel befindliche Gepäck des einen Taschendiebes war in der Zwischenzeit aus dem Hotel fortgeschafft worden. 15 000 Kegler in Berlin. Das 16. Deutsche Bundes kegeln nahm am Sonntag nachmittag in der Neuen Autohalle am Kalserdamm seinen Anfang. Rund 15 000 Kegler aus allen Teilen Deutschlands weilen zu den großen Wettkämpfen in Berlin. Wettervoraussage. , Aach gewitterhaften Regenfällen stärkere Ab- kühlung, nur vorübergehend schwach aufheiternd. Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 28,8 Grad Celsius, Minimum 14,8 Grad Celsius. Heutige Morgentemperatur 21,4 Grad Celsius. 2lu$ der Provinzialhauptstadt. Gießen, den 19. Iuli 1926. Sternschnuppen. Von Professor Dr. Kü st ermann Die zweite Hälfte des Iuli und die ersten zwei Drittel des August sind die günstigste Zeit zur Beobachtung von Sternschimppen. Ist auch der im November niedergehende Schwarm der Leoniden noch etwas mächtiger als der Sommer- schwarm der Perseiden, so ist andererseits die Beobachtung im Sommer in der Regel günstiger als der meist trübe Novemberhimmel. Lieber wenige Erscheinungen ist die Menschheit so lange im Dunkeln getappt wie über die Sternschnuppen und die ihnen verwandten Feuerkugeln. Bald wurden sie für Ausdünstungen der Atmosphäre gehalten, bald mit den Mondkratern in Verbindung gebracht. Daß Steinfall von ihnen verursacht sein könne, wurde schlankweg geleugnet. Als im Iahre 1790 der Bürgermeister einer kleinen französischen Gemeinde verständig genug war, über ein außergewöhnliches Vorkommnis dieser Art ein Protokoll aufzunehmen und es mit 300 Unterschriften bedeckt der—fiMMischen Akademie einzusenden, glaubte diese hochgelehrte Körperschaft den ganzen Bericht nicht nur ablehnen zu müssen, sondern hielt sich sogar für berechtigt, mitleidig auf die abergläubischen Kleinstädter herabzusehen, die ganz offenbaren Lln- sinn und lächerliche alte Volkssagen für wahr hielten. Nur wenige Iahre später kamen zwei junge Göttinger Studenten namens Brandes und Benzenberg auf den naheliegenden Gedanken, von zwei getrennten Orten aus Sternschnuppen zu beobachten und dabei möglichst genau ihre Lage am Fixsternhimmel festzustellen. Aus der Verschiebung, die sich aus der veränderten Lage des Beobachtungsortes ergab, berechneten sie die Höhe der Sternschnuppen, die im Durchschnitt ungefähr 100 Kilometer beträgt; auch ihre Geschwindigkeit, die für den Sommerschwarm der Perfeiden etwa 60, für die Leoniden fast 80 Kilometer in der Stunde ausmacht, läßt sich so errechnen. Hierdurch war der Grund zu einer wissenschaftlichen Erforschung der Sternschnuppen gelegt Bahnbrechend wurden späterhin die Arbeiten des berühmten italienischen Astronomen Schia- parelli, der unzweifelhaft nachwies, daß zmn mindesten manche der sich stets um dieselbe Iahreszeit wiederholenden Sternschnuppen- schwärme nichts anderes sind als Reste von Kometen, die wie die Planeten die Sonne umkreisen und mit denen die Erde auf ihrer jährlichen Bahn zusammentrifft. So erklärt es sich auch, daß die Rückwärtsverlängerungen der Sternschnuppenbahnen in einen Punkt führt, den sog. „Dadiationspunkt", nach dem die Sternschnuppenschwarme ihren Namen führen. („Perseiden" von Perseus, „Leoniden" von Leo, Löwe usw.) Die Lichterscheinung der Sternschnuppen rührt von der Erhitzung durch den Luftwiderstand her, der natürlich bei der so außerordentlich schnellen Bewegung eine ganz bedeutende Größe annimmt. Es gehören übrigens nicht alle Sternschnuppen solchen regelmäßig wiederkehrenden Schwärmen an. Manche sind vollkommen unregelmäßig. Daß cs sich dabei um eine keineswegs seltene Erscheinung handelt, geht daraus hervor, daß, wie man berechnet hat, wenn ein Beobachter an einem bestimmten Ort sechs Sternschnuppen in der Stunde wahrnimmt, auf die Hanze Erde im Verlauf eines Tages nicht weniger als anderthalb Millionen niedergehen. Am häufigsten sind die Sternschnuppen stets in den frühen Morgenstunden, und zwar deshalb, weil der Beobachter sich aldann auf der Stirnseite der Erdbewegung befindet, auf der Fremdkörper aus leicht erklärlichen Gründen häufiger niederfallen werden als auf der Rückseite. Die oft besonders farbenprächtigen Feuerkugeln, die an Helligkeit mitunter den Mond erreichen, und selbst übertreffen, sind ebenso wie die Sternschnuppen durch Fremdkörper veranlaßt, die in die Lufthülle der Erde eindringen, jedoch mit dem älntcrschied, daß sie nicht der Planetenwelt unserer Sonne angehören, sondern Fremdlinge sind, die unser Planetensystem auf seiner Reise durch die unendlichen Tiefen des Weltalls sozusagen auffischt. Ihr? Bewegungsenergie ist daher noch größer als die der Sternschnuppen. Wird ihnen durch den Luftwiderstand ein plötzliches Halt geboten und ist ihre Masse groß genug, sie vor dem Verdampfen zu schützen, so tritt Steinfall ein. Die Tomate. Die moderne Ernährungswissenschaft, welche sich auf baut ailf der heute etwa 15 Iahre alten Vitaminlehre, weist darauf hin, daß cs nicht nur darauf airiommt, den Körper mit der notwendigen Menge von Fett, Kohlehydraten, Eiweiß, Salz und Wasser zu versorgen, sondern daß noch andere Stoffe, die sogenannten Ergänzungsstoffe oder Vitaminen eine wichtige Rolle spielen. Nie kann der Vitaminengehalt einer Nahrung die Brennstoffe und Aufbaustoffe ersehen, und umgekehrt kann eine noch so üppige Nahrung nicht den durch fehlende Vitamine hervorgerufenen Schaden wieder gutmachen. Es hat jemand hierfür einen sehr treffen den Vergleich ausgestellt: Der Körper ist ein Verbrennungsmotor, der durch Fette, Kohlehydrate usw. gespeist wird, die Vitamine sind das Schmieröl, das, im Verhältnis zum Brennstoff in geringen Mengen zugesetzt, einen reibungslosen Gang ermöglicht. Ein Fehlen von Schmieröl läßt den Motor bekanntlich festlaufen und die Verbrennung kann trotz noch so großer Brennstoffvorräte nicht fortgesetzt werden. Eine der wichtigsten vitaminhaltigen Früchte unseres Klimas ist die Tomate. In ihr finden sich alle bisher bekannten Ergänzungsstoffe in reichlichem Maße. Am empfehlenswertesten ist es stets, die vitaminhaltigen Früchte möglichst roh zu genießen, da durch längeres Erhitzen die Vitamine zerstört werden. In der Tomate scheinen aber die Vitamine in einer solchen Form gebunden zu sein, daß ein kurzes Aufkochen die - Wirksamkeit dieser Stoffe nicht ganz zu zerstören vermag. Ferner hat man festgestellt, daß To- matenkonserven im Gegensatz zu anderen Gemüsekonserven nicht ihren ganzen Vitamingehalt durch die Konservierung eingebüßt haben. Zusammenfassend kann man also sagen, daß die Tomate trotz ihres verhältnismäßig hohen Wassergehalts und ihres geringen Gehalts an Zucker (die reife Tomate hat ungefähr 92 Prozent Wasser und 2,5 Prozent Zucker) ein wichtiges Volksernährungsmittel darstellt: Die Tomate ist ein erstklassiger Ergänzungsnährstoff. D. & Wftch. * *n Ito en. ?tDlnn 1 Und di» , «i&Wt. r dir *’£&■ den anonh., orr kitlfalKrx?Tn anlfcea l^nen SS SrS AM WfU uff LWattn un, fit ttajt '”5* iw L>* unt ft MW», M man Ä« •“JJfe 2ur b« ^weiten 2aae , vrrechmten sie die l9f' auch ihre @t- vmmerschdann der 80 Ail». k6* sich |o emch, tb ru einer Wilsen- em chmipden gelegt. teKn bi« Arbeiten Pronomen Schi«. A>«s, Sah zm stets um bieWbt , Eternschnchpen- >ls Reste ton Äo« bie Gönn« um« >e aus ihnr jähr- 6o «Mit es sich etläitgemngen der n Punkt führt, den i dem die Sternen führen, („Peiß- n“ ton Leo. Löwe der Sternschnuppen cch den Lustwibe» )er so auherordenl- it ganz bedeutende ht olle Stemlchnup« ^rkchrenben Schwör- imen unregelmäbig. feine&ptgS seltene rauä Hertor. daß. ein an 6km\6)nuWtn in \ dir fernst Erde weniger als ändert« Am hSusigften sind Kn frühen Morgen- wcil der Beobachter le der Erdbelvegung er aus leicht erklär« verfallen werben al« enprächtigen Feuer- unter den Mond er- en. sind ebenso die Fremdkörper txtan« >er Erde eindrmgcn. , daß sie nicht «- angeboren, sondern Planetensystem aus glichen Tiefen M Ibre Bewegung»" r als die der Siern« irch den Luftwider- icbolen und x\\ N dem Verdampfen i« :in. ate. Missenschalt, "M :Ä0Ä*| fÄ t»»5s Vergleich #«äS ySs. SR kann iSSsr* kurzes zerstoß sah .I,iaMiNge^, S&'Ä?- allo ^ßert®flfE Ä'S fd w19 ist än i Towate ' u, Das Finanzamt. In einer kleinen Kreisstadt Oberhessens ist ein Finanzamt. Das ist an und für sich nichts Merkwürdiges. Finanzämter müssen fein; sie gehören zu denjenigen menschlichen Einrichtungen, mit denen man nur notgedrungen in nähere Beziehungen tritt, und denen man wohl oder übel nicht gut aus dem Wege gehen kann. Vielleicht ist es für manchen ein kleiner Lrost was der hessische Geschichtsschreiber Wigand Lauze schon vor 400 Jahren gesagt hat. „Die .Untertanen müssen sich damit trösten, daß solch^ der bösen, argen Welt Brauch und Lauf ift, nnd wie sie sonst viel andere Plagen, als Hom- fein. Fliegen und was dergleichen mehr ift. dulden müssen, also sich in dies Leiden auch nut Geduld schicken." . WaS dem hier in Bebe stehenden Finanzamt einen besonderen Reiz verleiht, ist seine Umgebung. Ist es Zufall oder Irome des Schicksals, daß unmittelbar vor seinen Toren eine Aeihe von Berufen sich niedergelassen hat. deren Anwesenheit in Verbindung mit der Stätte der Steu-'rgewalt zum Rachdenken anreizt? Da wohnt z. B. nebenan eine wichtige Persönlichkeit, ohne die man sich ein Finanzamt gar nicht denken kann: der Gerichtsvollzieher! Gar mancher, dem sein Steuerzettef zu denken gibt oder der bei Ueb^rreichung de- Psändungsbescheides „ein langes Gesicht macht", kann sich gleich bei dem gegenübe rwvhnenden Photographen im Bilde verewigen lassen. W.rd'sähm aber schlecht dabei, so kann er Rat und Hilfe beim benachbarten Arzt finden. Viel- leicht tut's auch ein Schnaps; den kann er gegenüber int Hotel bekommen. Dort kann er auch in anderer Weise seine Sorgen hinunterspülen. Glaubt aber gar einer, der hohe Steuerdruck set für ihn die reinste „Gäulskur". so steht ihm der in der Rähe wohnende Tierarzt vielleicht zu Diensten. Hilft dies alles nichts. und es meint einer, die Zeit fei gekommen, wo er sich begraben lassen könnte, so hat er nin erfragen in derGeschäslsstelle d.Gieff.Anz. (6016D Giehen, den 3. Juni 1926. 3. A. des Hessischen Amtsgerichts. ______Leo, Ortsgerichtsvorsteher._______ Bekanntmachung. Dieuötaa, den 20. Julr 1926, nachtn. Ä Ubr, versteigere ich im Löwen dahier, Neuenro. 28, zwangsw. gegen Barzahlung: 2 Sofas, ein Vertiko, ein Kleider- schrank, 1 Pfaff-Nähmaschine, ein Diwan, 1 Sessel, eine Ladentheke, 1 Warenschrank, 2 halbe Haut- Waschleder, 20 Paar Herrenleisten, 2 kleine Warenschränke, 1 Ladenkasse „Exakt", 1 schwarz poliertes Klavier, 1 Standuhr, zwei große Warenschränke (Glasschränke),eine Diktoria-Mhmaschine, 1 Diplomat- schreibtisch mit Sessel, eine Schreibmaschine „Kappel", 1 kleines Aktenrollenschränkchen, ein gebrauchtes HerrenfahrradMarke„Wohlfahrt", 1 Schreibmaschine 2 Klubsessel (Leder), 1 Chaiselongue, 1 eichenen Bücherschrank,! Schreibtisch (antik), 1 braunes Klavier; bestimmt: eine Riemenscheibe. Ferner an Ort und Stelle: 1 oierrädr. Kastenwagen. Versteiaerungszeit und Ort wird im Psandlokat bekanntgegeben. 6004V Möll, Hess. Gerichtsvollzieher, Kraft Auftrags, Gießen, Iheringstraße 7 p. sVsl-mielungkn \ Gut möbliertes Zimmer mit zwei Betten an zwei beff. Herren zu vermieten [05017 Noonftr. 26 p. V/obnung§tau§oK^ K-Zimiiler-WosjNsi. in schöner Lage, G gegen 5’3tmmer-28oönfl. zu tauschen gesucht. Schriftliche Angebote unter 05000 an den Gieh. Anzeiger. Stellenangebote! Suche noch 05015 3-5 Daum M Am in guter Garderobe für vornehme Retse- täligkeit. Bet Eignung feste Anstellung auch Ausland- silialen. Papiere sind mttzubringen. Vorzustellen amMontag, 4—6 abends, Dienstag, 10—12 vorm., Hotel Bahrifcher Hof, Bahnhofstr. MSeigesitzösl suchttüchtigeöjunges Will flotte Mafchinen- schreiberin n. Stenotypistin, sürVertrau- ensposten.Branchen- kenntniffe Bedtngg. Schr. Ang. mit Ge- baltSansprüchenunt. 05003 an d. G. Anz. Tüchtiges, solides imti zum 1 Ang. gesucht. Frau Happel, ovnrRodhetm. Str. 42 5115 P. S. MÄMl Dreisitzer, fast neuwertig. 5fach neu bereift, Bosch-Licht für Mk. 3500.— 6/24 P. S. WMklkl Viersitzer, in tadellosem Zustand, fast neu bereift, für Mk. 4000.— sofort abzugeben. lllMlmWkilMKVeffhiiff. (Lassel, Hobenzollernstraffe 18 ^elcvbon 713 und «113. ,W1A Anekdoten und Schwänke Gesammelt von Hilarius Jocosus. Drei Derwische verabredeten einst eine Reise miteinander und traten daher an einen Schiffseigner heran, der von Syrien nach Cypern segeln wollte, und baten ihn um Platz auf seinem Schiffe. Der hatte nichts dagegen, verlangte jedoch, daß ihm jeder Derwisch einen Golddinar zahlen solle. Da sagte der älteste der Derwische zu ihm: „Rein! wir können dir unmöglich Geld dafür geben." — „Lind warum nicht?" fragte der Schiffsherr. — „Dieweil wir heilige Männer und gewisser göttlicher Gaben teilhaftig sind!" — Darauf der Schiffsherr: „So Iaht doch hören, was solches für göttliche Gaben sind!" — „Run, ich bin imstande, einen Gegenstand in der Entfernung einer Jahresreise zu erkennen", sagte der älteste der Derwische. — „Ich aber," rief der zweite Derwisch, „kann ebensoweit hören, wie unser Bruder sieht!" — Da fragte der Schisfsherr den dritten Derwisch: „Lind du, welche göttliche Gabe besitzest du denn?" - „O Herr," antwortete der. „ich bin ein Llngläubiger". -- „Du ein Ungläubiger?" sprach der Schiffsherr darwider, „packe dich, ich führe ein Schiff, das dem Sultan gehört, und darf wahrlich keinen Ungläubigen an Bord nehmen. Deine Gefährten sollen mit mir fahren, doch du muht zurwck- bleiben.“ — Versetzten die beiden anderen Derwische hieraus: „O Herr, wir bitten um Vergebung, ober ohne unseren Bruder können wir unmöglich reisen: wir müssen mitsammen fahren oder ober alle drei hierbleiben!" — „Wenn es sich so verhält," sagte der Schiffsherr, „will ich in Anbetracht der göttlichen Gaben, deren ihr teilhaftig seid, den Unglauben eures Bruders übersehen und euch alle drei aufnehmen!" Die drei Derwische schifften sich nun ein; dem Fahrzeug wehte ein günstiger Wind. Als sie einmal mit dem Schiffsherrn auf Deck sahen, sprach der älteste von ihnen: „Siehe da, die Tochter des Sultans von Indien sitzt am Fenster ihres Palastes und hält eine Stickerei in der Hand!" — „Pest über deine Augen!" ries der zwerte Derwisch darwider, „die Radel ist ihrer Hand in diesem Augenblick entglitten, und ich höre, wie sie auf den Boden fällt!“ — Sprach der dritte Derwisch zum Schiffseigner: „O Herr, soll ich nun kein Ungläubiger fein?“ — Antwortete der: „Komm mit mir in meine Koje, ich will mich fortan mit dir zum Unglauben bekennen!" Einmal ging der Hodscha Rasr eddin spazieren: ein junger Zigeuner lief ihm nach und bettelte, er solle ihm etwas schenken. Dem Hodscha, der die Zigeuner haßte, fiel es nicht ein, sich umzudrehen, geschweige denn ihm etwas zu geben. Plötzlich schrie der Zigeuner aus vollem Halse: „Schenk mir etwas, Herr, sonst werde ich etwas tun, was ich noch nie getan habe!" Rasr eddin drehte sich um, warf ihm einen Para zu und fragte ihn. was er zu tun beabsichtigt hätte. Darauf antwortete der Zigeuner: „Ja, Herr, hättest du mir nichts geschenkt, so hätte ich arbeiten muffen, und das habe ich noch nie getan.“ Pritschenpeter lebte als lustiger Rat bei Friedrich IV., Kurfürsten von der Pfalz, und war ein witziger Kopf. Der Kurfürst war einst unwillig auf ihn und sagte: „Peter, du muht mir den Hof räumen.“ — „Ich bin es zufrieden," antwortete Peter, „aber Iaht mich mit der Silberkammer anfangen.“ Als ihn einer fragte, warum die Rarren keine Weiber hätten, oder, wenn sie welche hätten, sie doch keine Kinder bekämen, erwiderte er: „Rein, weiht du das nicht? Die Welt ist so voll Rarren, daß keine mehr nötig sind." Als Friedrich Taubmann, Professor der Poesie zu Wittenberg, wegen seines Witzes und Temperaments nicht mir bei Kollegen und Studenten sondern auch am kursächsischen Hofe sehr beliebt, einst einen Höfling bei der Hand fahte, sagte dieser zu ihm: „Sie haben gar grobe Hande, die sich zum Dreschen schicken würden." — „Ja, ja, erwiderte Taubmann, „ich habe den Flegel schon in der Hand." Heinrich IV. hatte einst eine Dame, die grün gekleidet war, bei sich. Der Minister Sully wollte zu ihm gehen, er erfuhr aber, was drinnen vorging, daher stellte er sich in einer gewissen Entfernung auf und wartete auf den König. Endlich schlich sich die Dame fort und passierte den Ort, wo Sully stand. Dieser lieh sich nicht merken, daß er sie sah, und da der König gleich darauf hcrauskcm und niemand hier vermutete, fragte er ganz verwirrt: „Run, Sully, was machst du?" — „Ich bin Euer Majestät untertänigster Diener," antwortete dieser: aber, um den König, der noch erhitzt oussah, eins zu versehen, sagte er: „Es scheint, als wenn die Gesundheit Euer Majestät einigen Anstoh erlitten habe." — „Ja," entgegnete der König, „ich habe diesen ganzen Morgen das Fieber gehabt." — „Ich weih es," antwortete Sulch lächelnd, „ich habe es eben Vorbeigehen sehen, es sah ganz grün aus." — Da sagte der König: „Es ist doch nicht möglich, dich zu betrügen, du hast gar zu Helle Augen!" In einem seiner reizenden Briese aus Windischleuba erzählt Dörris Freiherr von Münchhausen, wie das kleinste Töchterchen einer kinderreichen Familie ein Kirchenlied nach seinem kindlichen Verständnis umgewandelt habe, indem es sang: „Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen: Dies Kind soll unser letztes (unverletzet) fein!“ Ein Dijou ist der folgende, von Karl Federn erzählte Schwank: Dor manchem Jahrzehnt, als die nachbarlichen Beziehungen noch freundliche waren, da war ein rheinischer Pfarrer im Beruf hinübergereist ins französische Land. Llntveit von Dijon hatte ihn ein Amtsbruder bei sich ausgenommen und bewirtet, und da der eine nicht deutsch, der andere nicht französisch konnte, so führten sie üjre Gespräche im besten Latein der Kirche. Der französische Pfarrer hatte seinem Gast eine Flasche heimischen Burgunders vorgesetzt und ihn mit Blicken und Worten um fein Urteil gefragt. Der sagte schmeckend: „Vinus est bonus!“ Der Gastgeber schüttelte leicht den Kopf: mehr lieh seine Höflichkeit nicht zu, und als die Flasche leer war, wurde eine neue gebracht. Der Deutsche versuchte: „Vinum est bonus!" sagte er. Eine Welle später öffneten sie die dritte Flasche. Da verklärten sich die Augen des rheinischen Pfarrers und freudig lachend sagte er: „Vinum est bonum!" „Die mihi, care confrater,“ begann nun der andere, „cur dixisti prius falsam terminationem?" („Sage mir, lieber Amtsbruder, warum hast du denn vordem die Endungen falsch ausgesprochen?") und der Deutsche erwiderte: „Confrater carissime, quäle vinum, tale latinum!" („Teuerster Amtsbruder, wie der Wein, so das Latein!") Uraufführung in Bad Salzschlirf. Das Kurtheater Bad Salzschlirf, das schon so viele erfolgreiche Lustspiele und Schwänke zur Uraufführung gebracht hat, stellte in diesem Jahre das reizende dreiaktige Lustspiel „Die Flucht ins G 1 ück“ der Bremer Autoren Willy Schmalfeldt und Christel Hilker heraus. Direktor Hugershoff, der langjährige Leiter der reizenden Sommerbühne, hatte mit sicherem Blick die in diesem Stück legenden starken Publikumswirkungen erkannt. Das Stück arbeitet nicht mit den Mitteln platter Witze und pikanter Zoten, sondern es schöpft seinen feinen Humor aus einem graziösen, nie ermüdenden, wohl- gefeilten Diawg, der die Zuschauer in ununterbrochene Heiterkeit und fröhliche Stimmung verseht. Das Milteu wechselt zwischen dem steifen, gemessenen Leben am kleinen Fürstenhofe von Hohenstein-Lindenau, tro die frische, natürliche Nr. 166 Zweites Blatt Das neue Spanien. Cinc Unterredung mit Graf Romanones, ehern, königl. spanischem Ministerpräsidenten. Der große Gegenspieler des Diktators Primo de Rivera, Gras Romanones, entfaltet gegenwärtig denkbar größte Aktivität. In diesem Augenblick, wo allerorts Teilbewegungen gegen die Diktatur in Spanien aufflackern, sind die Augen des ganzen Landes mehr als je auf die Persönlichkeit des früheren Ministerpräsidenten gerichtet. Die von ihm geführte liberale Partei bat die einflußreichsten Persönlichkeiten des polt- tischen Spaniens in ihren Reihen. Er selbst ist nicht nur eine der stärksten geistigen Persönlichkeiten Spaniens, sondern auch der reichste Mann des Landes. Unter dem frischen Eindruck einer Unterredung mit Primo de Rivera begab ich mich zu Graf Romanones, der zu allen meinen Fragen in freimütigster Form Stellung nahm. „Die Situation in Spanien ist äußerst ernst. Spanien seufzt unter dem Druck einer Diktatur, bie sich verewigen will und nicht einmal die vorn ganzen Volk verehrte Monarchie respektiert. Ich sehe diese Dinge folgendermaßen an: Ich empöre mich gegen die Diktatur in meiner Eigenschaft als Bürger, der das Leid der ganzen Ration mit- empfindet und als treuer Royalist von unerschütterlicher Anhänglichkeit. Ich mache kein Hehl daraus, daß ich in ganz kurzer Zeit Spaniens Rückkehr^zu einem konstitutionellen Regime voraussehe. Gewiß, der General glaubt die Armee hinter sich zu haben, aber er mag sich täuschen. Ich glaube Anzeichen zu sehen, daß die politische Ueberspannung unseres Heeres abzuklingen beginnt. Riemais wird sich die Armee dazu hergeben, dauernd im Gegensatz zu Empfindungen der ganzen 'Bevölkerung das Land unter diesem unerträglichen Druck zu halten." Aus meine Frage, wie er sich zu der Erklärung General Primo de Riveras stelle, daß der öffentlichen Meinung nur ein sehr geringer Einfluß auf die Politik der Regierung einzuräumen sei, äußerte sich Graf Roman-nes wie folgt: „Ein Diktator hat natürlich Ansichten, die mit unseren Grundsätzen von der Landeshoheit als Quelle aller Macht in starkem Gegensatz stehen. Es ist eine vollkommen überspannte Idee, daß die öffentliche Meinung nicht vorherrschen darf, und ich habe diese Auffassung auch noch niemals bei einem Völkerrechtslehrer gefunden. Ein vortreffliches Beispiel gibt uns England während des Generalstreiks. Trotz des Ernstes der Situation tagte das Parlament weiter, und die Verfassung blieb respektiert. Dies beweist, daß ein Land nicht durch Diktatur, sondern nur in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Meinung und durch das allgemeine Wahlrecht regiert werden kann. Eine Ration, die unter Dlltatorenherrschast leidet, gesteht dadurch ihre eigene Schwäche und politische Unreife ein. Eine Diktatur kann sich auch nur in der Zeit der höchsten Krise entwickeln, aber sie ist immer nur eine vorübergehende Regierungsform. Ich sehe die Zukunft folgendermaßen: Wir müssen uns die öefrren aus den Ereignissen seit dem Staatsstreich vom September 1923 zunutze machen, denn ohne wesentliche Abänderungen der Verfassung wäre eine Herrschaft der Liberalen in Spanien unmöglich. Das allgemeine Stimmrecht muh beibehalten werden. Das Parlament darf nicht nur rein politisch eingestellt sein, es muß auch über die Wirtschaftslage des Landes klar und offen Bericht geben. Politische Parteien an Stelle persönlicher Gruppen müssen zum Ausdrucksmittel für große nationale Bewegungen werden. Das Versagen der von General Primo de Rivera gegründeten Party os Patriotic Union zeigt uns, daß augenblicklich leine Regierung und fein Poli- Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Montag, 19. Juli 1926 tifer eine Partei schäften können, die lebensfähig ist. Ich halle es für durchaus notwendig, die Zahl der Abgeordneten auf die Hälfte, also ungefähr 200, herabzusetzen. Diese 200 müßten so reichlich bezahlt werden, daß sie ihre ganze Zeit dem Staatsdienst zur Verfügung stellen könnten. Sie würden auf 8 bis 10 Jahre gewählt und eine Wiederwahl wäre unmöglich, mit Ausnahme von 20 Abgeordneten (also einem Zehntel des gesamten Parlaments). Für diese 20 Abgeordneten, die also das fortdauernde Element zwischen der alten und neuen Regierung bilden, würden natürlich die besten und eifrigsten im Parlament gewählt werden. Bei einer Auflösung des Reichstags vor Ablauf der festgesetzten Zeit würde eine Volksabstimmung gefordert, und das Staatsoberhaupt hätte das Recht, jederzeit ein Plebiszit einzufordern. Außerdem halte ich es für notwendig, daß dem Parlament eine Finanzkommission beigeordnet wird. Diese Kommission würde sehr hoch bezahlt werden und dem Parlament in allen finanztechnischen Fragen Führer fein.“ Zum Schluß lenkte ich das Gespräch auf den EintrittDeutschlands in den Völkerbund. Hierzu führte Graf Romanones aus: „(Sine endgültige Klärung über den Weg, den Spanien nach Genf einschlagen sollte, ist noch nicht möglich. Der Völkerbund befindet sich in einer schweren Krisis. Locarno war ein schwerer Schlag für ihn. Dor Locarno war er das Vorrecht der Siegerftaaten. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bringt ein neues Clement in seine Maschinerie. Spanien ist unzweifelhaft z u einem ftänbigen Völkerbundsih berechtigt. und cs liegt im eigenen Interesse des Völkerbundes, ihm diesen zu gewähren. Spanien ist zwar keine Großmacht, aber es ist auch keine Zweite-Klasse-Macht. Seine Stellung ist eine ganz besondere, wie Sir Austen Chamberlain zugegeben hat, denn es ist die erste Macht nach den Großstaaten. Formelle Versprechungen Sir Ailstens im Rainen seiner Regierung ließen uns auf einen ständigen Sih hoffen, und mit Bitterkeit empfinde ich den plötzlichen Wechsel in der Haltung der britischen Regierung. Aber noch schmerzlicher ist für mich die Haltung der spanischen Länder Amerikas, die nicht die geringste Anhänglichkeit an ihr Mutterland gezeigt haben. Trotzdem ist jetzt noch nicht die Zeit da, eine unversöhnliche ober drohende Haltung anzunehmen, da dies dem spanischen Interesse abträgliche Folgen haben könnte." Rumänische Vergeltung. Don unserem G. S. L.-Balkanberichterstatter. Sofia, Mitte Juli 1926. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Nachdem die neuen rumänischen Politiker sich eine Zeitlang Mühe gegeben hatten, die Beziehungen zu dem bulgarischen^ Nachbarn erträglich zu gestalten, haben sie in den letzten Tagen an der Grenze mit dem derzeit schwächsten aller Balkanstaaten blutige Zusammenstöße provoziert.'Ihre Mühe um eine gute Nachbarschaft war also nur eine Irreführung, zum mindesten aber entsprang sie nicht den Prinzipien einer neuen, wahrhaft freundschaftlichen Politik. Obwohl die Bulgaren, wie gesagt, das heute militärisch schwächste Balkanvolk sind, lag den Rumänen doch daran, sie nicht im Kreise ihrer Gegner zu sehen. Ihre Isolierung war den Rumänen mit der Zeit schon auf die Nerven gefallen. Im Norden drohte die bess arabische Frage jeden Tag größere Schwierigkeiten hervorzurufen und im Südwester, hatten die Jugoslawen ihre Unzufriedenheit mit dem neuen polnisch-rumänischen Militärbündnis zum Ausdruck gebracht. Und in der Tat, die Unzufriedenheit hat ihre Gründe. Die Rumänen halten sich auf Grund des Vertrages verpflichtet, zugunsten der Polen einzugreifen, wenn diese eines Tages mit den Russen in Konflikt geraten sollten. Gute Kenner der rumänischen Außenpolitik behaupten noch weiter, daß Rumänien sich den Polen gegenüber zu den gleichen militärischen Hilfsmaßnahmen verpflichtet hätte für den Fall eines polnisch- d e u t f a) c n Konfliktes. Aber die Rumänen sehnen sich aus lediglich egoistisch- wirtschaftlichen Gründen nach einer Verbesserung der Beziehungen zu Deutschland, und so erklärt sich auch leicht ihre neuerliche Mitteilung, sie ständen mit den Polen über ihre Kriegspflichten im Konflikts- falle mit Deutschland in scharfen Auseinandersetzungen. Während die Polen auf einer Präzisierung dieser Pflichten beständen, wollten sie, die Rumänen, die politische Lage nicht unnötig durch neue Bürden komplizieren. Fein ausgedacht! Der Vertrag selbst sagt bekanntlich etwas ganz anderes! Sollte Rumänien auf Grund feines Militärbündnisses zugunsten der Polen in einen Krieg verwickelt werden oder in einen ernsten diplomatischen Streit, so, sagen die Jugoslawen, würden die Ungern die Gelegenheit benützen, um sich die ihnen genommenen Gebiete von Rumänien, von der Tschechoslowakei und von Jugoslawien wiederzuholen. 2(uf diese Weise entstände ein neuer Krieg, der den Jugoslawen besonders deshalb unangenehm wäre, weil sie den italienischen Feind vor den Toren stehen sehen. So waren denn die Rumänen völlig in der Isolierung. Nachdem sich aber die Hoffnungen auf die italienische Unterstützung, namentlich auf die italienische Vermittlung auch in der Bessarabienfrage gesteigert hoben, halten die Rumänen es für notwendig, sich öffentlich rein zu waschen und wieder einmal e i n bulgarisches Exempel zu statuieren. Die Pseudofreundschast zu den Bulgaren war auf der rumänischen Seite so weit gegangen, daß die Leute um Averescu mit den bulgarischen, türkischen und deutschen Minderheiten in der ehemals bulgari- schen Dobrudscha einen Wahlakt abschlossen. Dieser Pakt war, wie sich das nicht anders denken ließ, von großen Versprechungen begleitet, die nun, nachdem die Wahl wirklich mit Hilfe der Minderheiten im ganzen Lande gelungen war, hätten erfüllt werden müssen. Daran hat die Averescu-Regierung aber augenscheinlich niemals ernsthaft gedacht. Die Forderung der Minderheiten in der Dobrudscha nach Erfüllung der Versprechungen mußte ihr folglich auch insofern zur unrechten Zeit kommen, als den Bulgaren vom Völkerbund eine Flüchtlings- anleihe gestattet wurde, und zwar ohne die unmittelbare Kontrolle der Kleinen Entente, wie gerade die Rumänen verlangt hatten und auch jetzt noch verlangen. Hinzu kam, daß man den Jugoslawen, die sich inzwischen mit dem bulgarischen 'Außenminister in Verbindung gesetzt und ihn zu sich nach Belgrad eingeladen hatten, zeigen wollte, auch die Rumänen würden wieder von bulgarischen Ko- mitadschis beunruhigt. Was wäre, nach der rumänischen Kalkulation, also natürlicher, als eine Auffrischung der durch die Polen- und Jtalienfrage gestörten Beziehungen zu Belgrad! Außerdem wissen die Rumänen genau, daß die Jugoslawen derzeit noch nicht geneigt sind, die Kleine Entente in die Brüche gehen zu lassen, weil sie in ihr ein geeignetes Hilfs- mittel zum Widerstand gegen die italienische Balkan- unb Mitteleuropa-Expansion erblicken. Ferner braucht im 'Augenblick weniger denn je ein Zugreifen Rußlands in der Bessarabienfrage befürchtet zu werden. Die Chancen waren und sind den Rumänen folglich günstig, und sie haben die erste und beste Gelegenheit benutzt, um den Bulgaren die für sie schon lange bereit gehaltene „Lektion" zu erteilen. Daß die Schuld nicht auf Seiten der Bulgaren liegt, mag schon allein daraus zu ersehen sein, daß die Bulgaren sofort eine Demarche in Rumänien unternahmen und den plausiblen Vorschlag machten, eine gemischte b u l g a r i s ch - r u in ä n is ch e Untersuch u n g s k o in m i s s i o n mit dem Sitz in Bukarest (!) zu bilden. Aber die Rumänen fürchteten die Wahrheit---. Don besonders pifajitcm Interesse bei allen diesen Vorgängen ist das Mißlingen eines auf An raten des Foreign Office und der anglikanischen Kirche von der rumänischen orthodoxen Kirche unternommenen Versuches, die bulgarische Kirche mit der griechischen auszusöhnen, die beide schon seit Jahrzehnten in Fehde liegen. Da die Schuld an der Fehde die griechische Kirche trägt, sehen Die Bulgaren auch heute noch keinen Anlaß, zu Kreuze zu kriechen, sondern verlangen, daß die griechische Kirche auf ihren überheblichen Standpunkt verzichtet und nicht fordert, daß die Bulgaren gewissermaßen um Verzeihung bitten. Einer loyalen Beilegung des Konfliktes sind die Bulgaren aber nicht abgeneigt. 2ffif diese Weise hat sich die Aussöhnung der beiden Gegner hingezögert und ist im Augenblick überhaupt nicht aktuell. Die Vermittler- rolle der Rumänen, die im Auftrage Englands gern ein politisches Schäfchen geschoren hätten, hat also Schiffbruch erlitten, und so haben die Rumänen einen Grund mehr, die aufrichtig und auch zwangs- läufig friedliebenden Bulgaren „zu züchtigen", in der Annahme, ihr Netz sei so fein gesponnen, daß es nicht an das Licht der Sonnen kommen könne. Pariser Brief. Von unserem p.-Korrespondenten. Der Brief unseres Pariser Korrespondenten wurde am Samstag geschrieben, bevor der Sturz des Kabinetts bekannt war. D.R. Die abgelaufene Woche stand unter dem Zeichen des Nationalfestes. Der Sultan von Marokko hielt sich in Paris auf und war bei der Militärparade am Nationalfest der Angelpunkt, um den sich alles drehte. Die französische Regierung wollte der Welt ein sichtbares Zeichen dafür geben, daß sie ihre Politik in Marokko in vollem Einverständnis mit dem berufenen Vertreter der islamischen Welt durchführt, und die spanische Regierung hat sich, vielleicht nicht ganz freiwillig, aber immerhin doch dazu bereit erklärt, dem Bilde ein weiteres Relief zu geben. Allerdings sind einige Schatten auf dieses Bild gefallen. Der spanische Ministerpräsident Primo de Rivera war gezwungen, etwas im Hintergrund zu bleiben, da bei seinem Einzug in Paris Kundgebun- gen veranstaltet wurden gegen das Regime, das er personifiziert. Man würde die Lage falsch beurteilen, wenn man annähme, daß es nur kommunistische und sozialistische Kreise gewesen sind, die beim Gin- xug Primas in etwas lärmender Weise ihren Abscheu gegen die Beseitigung des konstitutionellen Regimes in Spanien zum Ausdruck gebracht haben. 'Auch bürgerlich-radikale Kreise haben sich an den Demonstrationen beteiligt, was allerdings einigermaßen begreiflich erscheint, da der spanische Liberalismus aus Tradition franzosenfreundlich ist. Besondere Nachwirkungen dürften die Shmbgebungen nicht haben, und es ist auch nicht anzunehmen, daß die Verhandlungen, die in den letzten Tagen in Paris geführt wurden, über den Rahmen der Fragen hinausgegangen sind, die sich auf den Abschluß des marokkanischen Feldzuges be- ziehen. Allerdings wird der spanische Ministerpräsident Gelegenheit genommen haben, mit Briand auch über die Frage der Erweiterung des Völkerbundsrates zu sprechen, und wenn man einem Interviewer Glauben schenken darf, soll Primo erklärt haben, Spanien werde im Monat September in Genf aus die „volle Unterstützung der französischen Delegierten" rechnen können, wenn wiederum das Verlangen Prinzessin Julia-Stesani die höfischen Fesseln immer wieder zu sprengen versucht, und dem fröhlichen, ungebundenen Treiben des lustigen Studentenlebens auf dem Grenzschloß Ebersburg in Hohenstein-Gernshausen, wo der Erbprinz Kart Walther unerkannt seine Studienzeit verlebt und, ohne daß beide ahnen, wer sie in Wirklichkeit sind, in der kleinen Prinzessin Steffi, bie durch einen besonderen Zufall unter bürgerlichem Ramen dorthin gerät, seine Lebensgefährtin findet. Gewisse Stimmungsmomente von „Alt- Heidelberg" tauchen in diesem Stück auf, das aber jede Sentimentalität meidet und den Stoff in rein luftspielmäßiger Form und in moderner Auffassung behandelt. Die Handlung ist mit Gewandt- heit und geschickter Routine wirkungsvoll gefiebert, so daß sic sich auch über den zweiten Akt hinaus noch im dritten 2Ift ununterbrochen steigert. Direktor Hugershoff hatte das neue Werk, von dem man erwarten darf, daß es rasch seinen Weg über die deutschen Lustspielbühnen finden wird, in liebevoller Einstudierung und in prächtiger dekorativer Ausstattung herausgebracht. Die besonderen Möglichkeiten einer Kurtheaterbühne, für die fommerabenb- liehen Gartenszenen bie lampiongeschmückte Szenerie des natürlichen Kurparks als Vertiefung der Bühne heranzuziehen, schuf bezaubernde Bühnenwirkungen und einen selten stimmungsvollen Rahmen. In der Hauptrolle als liebreizende Prinzessin Steffi trug Eva Bra11 vom Stadttheater Magdeburg einen großen, herzlichen Erfolg davon, als Erbprinz Karl Walther fand Hans Rath mann den rechten Ton zwischen jugendlicher Frische und warmer Herzlichkeit. In der wichtigen Rolle des Dr. Haßberg, des Begleiters der jungen Prinzessin, schuf Günther GüntHermann vom Bremer Schauspielhaus als Gast eine urkomische, köstliche, stürmisch belachte Type und wurde mit Beifall geradezu überschüttet. Den Fürsten von Hohenstein-Lindenau gab, gleichfalls als Gast, Karl v. M a i x b o r f mit würde- voller und humorburchtränkter Eindringlichkeit. Einen prächtigen Diplomaten stellte Ernst Hart- mann vom Stadttheater Mainz auf bie Bühne, einen amüsanten Wirt der Studentenkneipe spielte Georg B i e r b a ch. In den übrigen Rollen waren die Damen Helene Riechers, Lotte und Tapa Reinecken, Margit Wolbrecht und Lilly Fahr, sowie- die Herren Max von de Gracht, Friedrich Christian Böhme und Ernst Ludwig Franken beschäftigt, die alle mit Begeisterung an der Arbeit waren, um dem neuen Lustspielschlager zu einem vollen Uraufführungserfolg zu verhelfen. Die geschmackvollen neuen Dekorationen sind dem begabten künstlerischen Bei. rat des Theaters. Jan Niels, zu danken; die Bühnenmusik wurde von Kapellmeister Eberhard M a u b a ch verständnisvoll eingerichtet. Nach dem zweiten und dritten Akt nahm der Beifall des cws- oerkauften Hauses stürmische Formen an, fo daß Autoren und Spielleiter immer und immer wieder an der Rampe erscheinen mußten. .z. nod) Zuteilung ewes stündigen Sitzes im Völker- bunberat von selten des spanischen Delegierten gestellt werden sollte. Hüt der Interviewer wahrhsits- getreu berichtet, dann hat er Anlaß zu einer Polemik gegeben, die absolut zeitgemäß ist, denn auch in «Listen französischen politischen Kreisen briltft man schon seit Wochen sein Erstaunen darüber aus, daß die führenden Staaten im Völkerbund — gemeint find die großen Staaten, vor allem England und Frankreich — mit einer gewissen Sorglosigkeit die Völkerbundktaguna wieder an sich herankümmen lassen, ohne die Fragen zu lösen, die im Monat März zu dem bekannten Mißerfolg geführt haben und die sich nicht nur als nicht beseitigt gezeigt, sondern in der Zwischenzeit erheblich verschürft haben. Man drückt sein Erstaunen darüber aus, daß der bekannte Studienausschuß, der ein neues Statut rfür die Wahl der nichtständigen Mitglieder ausgearbeitet Hot. nicht, wie verabredet, am 28. Juni zu- fammengetrelen ist, und auch nicht mitgeteilt hat, wann er eine zweite Lesung vorzunehmen gedenkt, die ihm vielleicht hätte Anlaß geben können, die wichtigsten Fragen zu erörtern, nämlich die Frage der ständigen Sitze, die er bei seiner ersten Be- ratung mehr diplomatisch als geschickt beiseite geschoben hat. Der Vertrag Churchill-Caillaux ist von der französischen Oeffentlichkeit sympathisch, aber ohne Begeisterung ausgenommen worden. Wird ihm das Schicksal zuteil werden, das dem Vertrag Mel- kon-Bsrenger beschieden war? Auch damals hat man van einem Erfolg des französischen Botschafters in Washington gesprochen, aber je mehr man sich mit dem Text des Abkommens beschäftigte, desto mehr erkannte' man, daß die Interessen Frankreichs nicht genügend gewahrt wurden. Der Kampf gegen das Washingtoner Abkommen drehte sich um die Transfer- und Sicherheitsklausel. Die französische Oeffentlichkeit wird sich also vor ollem die Frage vorlegen müssen, ob düs Eoillaux-Churchill-Abkommen nach dieser Hinsicht voll befriedigend ist. Wird sie diese Frage nicht mit absolutem Ja beantworten, so dürfte sie doch auch andererseits feststellen, daß Caillaux insoweit einen Erfolg erzielt hat, als es ihm gelungen ist, eine Art Verbindung zwischen den deutschen Reparationszahlungen und den alliierten Kriegsschulden herzustellen. vergessene Zlaggenvorschläge. Von Dr. Stephan Kekule von Strüdanitz. Schon frühzeitig im 19. Jahrhundert, und zwar und) vor Begründung des Deutschen Bundes" im Juni 1815, ist der erste Vorschlag zur Schaffung einer „Deutschen Elnheitsflagge" gemacht worden. Kein anderer als der große Freiherr Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein ist es 18OS gewesen, der — nach den ersten Erfolgen in 'Spanien gegen Napoleon — ein schwarz-weiß-gelbes (schwarz-weiß-goldenes) Bundesbanner (Treitfchke I, 325) vorschlug, in dem er die Farben von Preußen iSchwarz-Weiß) und von Deftcrreid) (Schwarz- Gold) vereinigen wollte. Merkwürdig ist es, daß sich Stein, obwohl Neichsfreiherr aus uradeligem Hause, mit dieser Reihenfolge der drei gewählten Farben, als ein Nichtkenner der Gesetze der „Heraldik" aus- wies: er hätte sonst die Reihenfolge weiß-schwarz- gold Vorschlägen müssen, also den farbigen (schwarzen) Streifen zwischen den beiden metallfarbenen (weih oder Silber und gelb oder Gold)! Das Jahr 1847 brachte bann einen wenig bekannten Vorschlag des preußischen Generalkonsuls o. Theremin in Rio de Janeiro, der aus den Farben der wichtigsten Staaten des „Deutfdjen Bundes" eine gelb-rot-schwarz-blau-weiße Flagge zusammenstellte und als „gemeinsame deutsche Flaoge" vorschlug. Da der gleiche preußische Autzenvertreter 1822 ' den Anstoß zu der Wiederaufnahme des Preußen- üdlers in die Flagge Preußens gegeben hatte, er- fuhr fein Einheitsvorschlag den beachtenswerten Be- scheid, daß er, „wenn das Projekt der Annahme einer gemeinsamen deutschen Flagge dereinst einmal in nähere Erwägung gezogen werden möchte, mit zur Prüfung gelangen würde". Den Regeln der „Heraldik" entfprad) der Thereminsche Vorschlag mit seinen drei farbigen Streifen nebeneinander noch weniger als der Steinsche. Einwandfrei wäre die Farbenfolge rot-gelb-schwarz-weiß-blau gewesen! Der gleiche Einwand läßt sich gegen die 1845 dann entstandene Farbensolge „schwarz-rot-gold" ergeben, bei der die Fachvcrtreter der „Heraldik" immer au beklagen haben werden, daß nicht durch einen glücklichen Zufall gewählt worden ist. 9m übrigen ist die Geschichte der Farben Schwarz-Rot-Gold bis zur Gegenwart ein Stück Geschichte für sich, vielfach behandelt worden, Und kann auch deshalb hier übergangen werden! Dagegen verdient Erwähnung der nachher gänzlich vergessene Vorschlag von Merkel in Nr. 167 Reisen und Rasten einst und jetzt. Don Dr. P. QI. Schulz. Zahllose Reisende, die auf dem Dampfschiff und der Eisenbahn, im Gasthof und Familienkreise so beweglich und verdrießlich Klage stihrcn "über tausenderlei Idnbequemlichkeiten des Reisens und Wanderns, die sie noch dazu oft durch eigenes Verschulden erleben, würden gerechter sein und dankbarer den ..Genuß der Ferne" empfinden, wenn sie sich zuweilen des Reisewesens früherer Tage erinnern möchten. Qlbgesehen von dem meist erbarmungswürdigen Zustand der Straßen und Wege, waren die Verkehrsmittel so unzureichend, ihre Benutzung so zeitraubend, daß allein dadurch schon die „Wunder des Wanderns" einen erheblichen Teil ihrer Reize auf den an Ordnung und Rehagen gewöhnten Menschen einbüßten, besonders im Qlraen aber lagen die Verhältnisse im Gasthaus- Wesen. Die Unterbringung und Verpflegung von Reisenden war bereits int grauen Altertum ein ständiges Gewerbe, das dem Güsthalter oft Mehr Geld als Ehre einbrachte. Im Perser- und Mederlande. in Aegypten und Griechenland sowie im altrömischen Imperium genossen die Gastwirte keinen sehr guten Rus. Man sagte ihnen Llnehrlichkeit und Habgier nach. QTtdn beklagte sich, daß sie den Pferden das Futter aus der Krippe stahlen, um es den Gästen zu hohem Preise wieder abzugeben: kurzum, sie waren die Prügelknaben für alles Angemach, das der reisenden Menschheit widerfuhr. Die auch im Altertum weitverbreitete Weinverwässerung wurde in witzigen und bissigen Spottversen gegeißelt, worin z.B. das Horoskop des WeiNschenks unter das Zeichen des „Wassermanns" gestellt wurde. Ein römischer Schriftsteller, Publius Syrus, nahm die Sitte, den Verschank von Wein durch eine mit der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" vom 15. Juni 1848, der schon auf schwarz-weiß-rot lautete! Der Thronbericht des Prinzen Adalbert von Preußen vom 8. Januar 1867 führte bann zur Festsetzung der Farben Schwarz-Weiß-Rot in Artikel 55 der Verfassung des Rorbbeutschen Bundes. Die großen Ereignisse von 1870/71 haben bann nochmals zu inzwischen gänzlich verschollenen nnb vergessene» Vorschlägen für ein „Reichsbanner" geführt. llwt die Wende beider Jahre schlug der damalige Vorstand des Preußischen Hervldsamts, Dr. Graf Rudolf vvnStillfkied-Rattonlh- Aleantara, Kammerherr, Wirklicher Geheimer Rat, Oberzeremonienmeister des Preußischen Hofes, übrigens auch ein verdienter Geschichtsforscher, die Farben Schwarz-Weiß-Rot-Gold vor. Daneben soll Stillfried auch einen Vorschlag für ein fünfftreifige? Banner mit der Farbenfolge schwarz-weiß-rot-gold-schwarz gemacht haben, doch habe ich dafür keinen Beleg finden können. Das wäre also eine Vereinigung von „schwarz-weiß-rot" und „schwarz-rot-gold" gewesen! Beide Vorschläge Stillfrieds waren vont Standpunkte der „Heraldik" aus ebenso vollkommen einwandfrei wie schwarz-weiß-rot! Turnen, Sport und Spiel. Wasserball. Man kann sich beute wohl fern Dchwimmsest mehr denken, an dessen Schluß nicht ein Wasser- ballspiel stattfindet. Und das ganz mit Recht, denn das Wafferballspiel ist eins der besten Werbemittel, über die der Schwimmsport verfügt. wenn es gilt, nicht nur die eigenen Vereins- mitglieder sestzubalten. sondern vor allem die Zuschauer zu fesseln und für den Schwimmsport zu gewinnen. Das ist nicht immer so gewesen, wie die Geschichte Ves Wasserballspieles lehrt. Seine Heimat ist in England zu suchen, wo man Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts das Spiel erfand und einstihrte, gewissermaßen als Gegenstück zum Fußball. Allerdings war die Begeisterung weder der Spieler noch der Zuschauer dafür allzu groß, denn mangels fester Regeln war jeder Unfairneß Tür und Tvr gce öffnet. Erst als diese Regeln geschaffen wurden, was aber fast 20 Jahre dauerte, kam Einheitlichkeit und Ordnung in das Spiel, daS sich nun auch durchsetzte und beliebt machte. In Deutschland ist es durch den Berliner Verein „Borussia" Mitte der neunztger Jahre eingeführt worden und Hot fast die gleiche Entwicklung wie in England genommen. Auch hier wurde zunächst ohne einheitliche Regeln gespielt, die erwartete Einbürgerung deS Spiels olieb deshalb zunächst aus. und erst als man die etralischen Regeln, die 1911 vom Internationalen Schwimmverband als allgemeingültig erklärt wurden, übernahm, fand auch in Deutschland das Wasserballspiel viele Freunde und daher immer größere Ausbreitung. Eine Zeitlang, nämlich seitdem Deutschland aus dem Internationalen Verband ausgetreten war, wurde dann nach deutschen Regeln gespielt, die viel „zahmer" waren, seitdem wir aber wieder Mitglied der Fina sind, gelten auch kn Deutschkand erneut die internationalen Regeln. Von diesen Regeln sei nachfolgendes zur allgemeinen Orientierung mitgeteilt: Das Spielfeld ist ein Rechteck von 17 bis 28 Meter Länge und nicht mehr als 18 Meter Breite. Es wird halbiert durch eine Mittellinie, von der Torlinie gemessen gibt es außerdem eine aus beiden Seiten des Spielfeldes gekennzeichnete 2 Meter Mallinie und eine 4 Meter Straflinie. Die in der Mitte der Torlinie eingehängten Tore sind 3 Meter breit, die obere Querlatte 90 Zentimeter über der Wasserfläche, die Rückseite durch Rehe abgeschlossen. Der Ball ist ähnlich einem Fußball. Die beiden Mannschaften müssen durch Kappen gekennzeichnet sein. Gespielt wird zweimal sieben Minuten bei einer Halbzeitpause von drei Minuten, nach der die Seiten gewechselt werden. Jede Mannschaft besteht auS 7 Spielern, und zwar einem Tormann und zwei Verteidigern, einem Verbindungsmann und drei Stürmern, doch kann die Mannschaft auch in kleineren Hallen bzw. Bädern auf fünf Mann herabgesetzt werden, es fällen dann ein Stürmer und der Verbindungsmann aus. Bei Spielbeginn liegen alle Spieler im Wasser auf ihrer Torlinie und stürmen beim Anpsisf auf den in die Mitte des Spielfeldes vom Schiedsrichter geworfenen Ball los. Während des ganzen Spieles darf kein Teilnehmer stehen oder sich irgendwie festhalten, In den Regeln find eine Reihe von Fehlern sestgelegt. So darf z. B. der Ball Nicht mit beiden Händen gleichzeitig berührt werden. Ein Spieler darf den Gegner nicht behindern oder belästigen, wenn dieser den Ball nicht hält. Ebensowenig dars ein Spieler den Ball beim Angriff eines Gegners unter Wasser halten und einiges mehr. Bei solchen Fehlern wird vom Schiedsrichter der Gegenmannschaft ein Freiwurf zugestanden. Schwerer werden „absichtliche" Fehler geahndet. Dazu gehören ein zu frühes Abschwimmen oder absichtliches Zeitvergeuden, der Aufenthalt innerhalb der feindlichen 2 Meter Linie, Laub umwundene Stange über der Türe der Schenke anzuzeigsn, zum Anlaß und spottete: „Es ist Nicht notwendig, einen Efeubusch herauszuhängen, wenn der Wein gut ist." liebet beleumundet war auch die Reugierde der Gast- stättenbesiher, eine Untugend, die Goethe in einem seiner Iugenddramen aus der Leipziger Studienzeit in der Person des Gastwirts Söller zum tragischen Konflikt gestaltet. Besonders bitter sind die Klagen antiker Reiseschriststeller über den Schmutz und Unrat in den Gasträumen sowie über lästiges Ungeziefer in den Betten und Ruhepfühlen. Daß auch die Bedienung zu wünschen übrig ließ, das Benehmen des Herbergsvaters sehr oft die notwendige Rücksicht gegen die Rastsuchenden vermissen ließ, setzte den Beschwerlichkeiten der Reise die Krone auf und machte die Raststunden und Ausspanntage ost zunt schlimmsten Teile der Wanderung. Kein Wunder, daß das Gasthauswesen oft mehr vom Reisen abschreckte als dürftige Verkehrsmittel, räuberische Ueberfälle und betrügerische Dienerschaft. Roch trostloser im ganzen lagen die Verhältnisse im Mittelalter. Die Reisetagebücher plaudern manch peinliches Erlebnis aus. Der berühmte Humanist, Erasmus von Rotterdam, hat seine in zwanzig Wanderjahren vom Jahre 1492 ab gesammelten Erfahrungen in den Worten nlebcrgelegt: „Wenn du in eine Herberge kömmst, so grüßt dich niemand, damit es nicht aussehe, als ob man nach Gästen viel frage. Rachdem du eine Zeitlang geklopft und geschrien hast, steckt endlich einer den Kopf zum Fenster heraus. Rachdem du dein Begehren gemeldet hast, weist dich eine Handbewegung nach dem Stalle, wo du dein Pferd allein besorgen «lagst. Mit allem Reiseschmuh kommst du in die Wirts- stube, wo du dich reinigen, dein Hemd wechseln, dich kämmen kannst, ganz ungeniert, denn die andern tun auch to. Kommst du nachmittags an, dann mußt du bis 9 oder 10 Uhr mit dem das Schlagen des Balles mit der Faust und jedes ungebührliche oder den Gegenspieler ge- sähröende Betragen. Wegen solcher Fehler kann ein Spieler vom Schiedsrichter herausgestellt werden solange, bis durch elften erfolgreichen Torschuß ein neues Spiel beginnt. Außer den Freiwürfen gibt es noch Strüswürfe. die in besonderen Fällen verhängt werden, und Eckwürfe ähnlich wie beim Fußballspiel. Die auch jetzt in Deutschland, wie erwähnt, wieder eiftgesührten internationalen Regeln gestatten das Tauchen des Gegners, aber nut wenn et sich int Besitz des Balles befindet, und sie gestatten auch daS Sprechen und Zurufen. Dadurch wird zwar das Spiel etwas schärfer gestaltet, aber der Schiedsrichter, hat es immer in her Hand, Roheiten zu unterbinden. Die Kunst des Wasserballspiels liegt in der Schnelligkeit, Technik und int guten Zusammenspiel einer Mannschaft. Wo eine dieser drei Dorbedingungen fehlt, wird, wenn die andere Partei über sie verfügt, eine Riederlage unausbleiblich fein. Als beste Wasserball-Mannschaften gelten die Ungarn, nächst ibften Belgien und Frankreich, welches in Paris 1924 Olympiasieger wurde, danach England und Deutschland. Deutscher Wasserballmeister ist seit 1924 Hellas- Magdeburg, nachdem die Wasssrfreunde-Hanno- ver diesen Titel von 1921 bis 1923 innegehübt hüben. Erster deutscher Wüfterballmeister war 1912 Schwaben-Stuttgart. Leichtathletik. Leichtathletik-Verbands- Meisterschaften. Die Süddeutschen Meisterschaften in München brachten gestern tm allgemeinen gute Leistungen und erwartete Ergebnisse. E v r t s - Stuttgart gewann die 100 Meter in 10,9, Faist- Karlsruhc die 200 Meter in 22,9 und die 400 Meier in 5Ö.4, der Darmstädter Engelhardt die 800 Meter in 1:58,1. Den Hochsprung sicherte sich Schwatz-Fischer (München) mit 1,80 Meter berührt (durch Stechen mit Hacker, der die gleiche Leistung erzielte, entschieden). Den Weitsprung gewann Wagner- Landau mit 6,79 Meter. Brechenmache r- Frankfurt gewann das Kugelstoßen best- und beidarmig. G ü «- t h e k - Stuttgart das Speerwerfen, während im Diskuswerfen beftarmig Schaufele- Stuttgart 39,62 Met., beidarmig Zede r-Münche« 69.48 Met. siegten. Bei den Damenwettkämstfeit bildet die Riederlage von Frl. H a u Frankfurt im 100- Meter-Lauf durch Frl. Weber- Karlsruhe 12,9 eine Ileberraschung. Die Westdeutschen Mei stets chak t e n im DuiSburget Stadion brachten im 100-Meter- 2auf, in dem Houben nicht startete, einen Sieg Dobermanns in 10,9, HoUben gewann die 200 Meter in 22,4. Gertz- Koblenz die 400 Meter in 50. Die 4mall00-Meter-Siasfel sicherten sich .die Preußen-Krefeld Im Wsitsprung übersprang Dobermann mit 7,12 Meter die 7-Meter-Grenze. Bei den Mitteldeutschen Meisterschaften in Leipzig bildete am ersten Tage der Sieg Weges über den Magdeburger B ü ch n e t im 200-Meter-Lauf mit der ausgezeichneten 21,4 eine wenn auch nicht sensationelle lleberraschung. Heber 400 Meter lief Stortz die sehr gute Zeit 49.8. über 800 Meter Jacobs-Magdeburg 1:56,9. Dr. Luther-Steinach stellte iin Diskuswerfen beidarmig mit 69,78 Meter eine neue mitteldeutsche Höchstleistung auf. Bei den S ü d o st d e u t s ch e n Meisterschaften in Breslau waren einige der Besten, wie Körnig. Zimmermann, leider nicht im Start. So gewann Bittner am ersten Tag die 200 Meter in 23,7, im 800-Meter-Lauf war S ch ö m a n n - Breslau in 2:1,8, über 5000 Meter Essen warten: denn erst bis alle Gäste beisammen sind, wird aufgetragen. Dann wird getrunken. Der Wein erhitzt die Köpfe, und es geht ein großes Lärmen los, dabei du ausharren mußt, mit oder ohne Willen. Bist du müde und willst gleich nach dem Essen der Ruhe pflegen, so geht das nicht an: erst wenn alles schlafen geht, wird dir dein kahles Lager angewiesen. Andere Bequemlichkeit als das nicht immer saubere Bett hast du nicht." So oder ähnlich laufen die meisten Berichte der Zeit. Vie Reisenden waren bescheiden genug, sich glücklich zu Preisen, wenn ihnen außer iln- gefälligkeiten und Prellerei nichts Schlimmeres begegnete. In Hausfs Märchen „Das Wirtshaus int Spessart" macht Der Güsthalter gar mit Räubern und Dieben gemeinsam« Sache gegen seine Gäste. Derartige Fälle sind durchaus nicht bloße Phantasieerzeugnisse, sondern häufig grausame Wirklichkeit gewesen. Bor allem die Italienfahrer mußten zahlreiche Widerwärtigkeiten auf sich nehmen. Der Reiseschriststeller Martin Zeiller, der tm Jahre 1632 ein Reisehandbuch veröffentlichte, läßt keinen guten Faden an den italienischen Gaststätten: „Kommt malt nun ferner in die Wirtshäuser. so ersährt man an den meisten Orten mit Betrübnis, wie gering und unflätig die Traktativn hetgeht. Die Kammern sind schlecht bestellt und voll Schnaken, Wäitzen und anderen Geschmeißes, und muß man gleichwohl alles teuer genug bezahlen." Weit erfreulicher lauten Die Reiseberichte der Zeit über die Zustände im Gaststättenwesen Deutschlands. Der Italiener Antonio de Beatis, Sekretär des Kardinals Luigi d' Qlragona, schreibt von der Reise, die er mit feinem Herrn in den Jahren 1517 und 1518 durch Deutschland, Holland und Frankreich uitternahm, daß er in Deutschland die beste« Gasthöfe vorgefunden habe. Er rühmt die vorzügliche Küche, den güten Wei«, die ungezieferfreien Betten und die wirklich Schnetver-Hirschberg 16:8,6 nicht zu schlagen. Im Kugelstoßen best- und beidarmig siegte der Breslauer P l o ch. Bei den Balten-Mei st erschaffen in Stolp gab es recht gute Leistungen, über 400-Meter- Hürde« lief Dr. P e l tz c r die sehr gute Zeit von 56,9. Boitze holte sich die 1500-Mefer am ersten Tag, der Ällensteiner Hirschfcld das Kugelstoßen best- und beidarmig. Die Brandenburgischen Meisterschaf- t e n endeten bei der Austragung der ersten Wettbewerbe mit einigen Ueberraschungen. Die 200- Mcter gewann Hübner in 21,8, die 1500.Meter Kretschmann in 4:14,5, die 5000=9)1 eter Mir - del- Eharlottenburg in 15:57,4, das Kugelstoßen bestarmig wider Erwarten Weiß-B. S. C. mit 12,30 Meter vor Haase- Polizei, der den Wettbewerb beidarmig gewann. Der deutsche Geher Schwab- Neukölln siegte bei internationalen leichtathletischen Wettkämpfen in Rotterdam im 1500-Meter-Gehen in 6:19,9 über den holländischen Rekordgeher Gnbbels. Dr. Peltzer Hütte seine Beteiligung wieder abgesügt. Weltrekord in der 6000-Meter- Staffel. Viborg, 18. Juli. (WB.) Im Swffellauf über 6000 Meter siegte am Samstag in Vivok^die Spv. Timm Urheilüttitto in der Weltrekordzeit von 16:11,3. Die Mannschaft setzte sich zusammen aus Niirwi, Litzwendahl, Katz, Koivunalho. Radsport. Der große Opelpreis von Hessen-Nassau. Der große Opelpreis von Hessen-Nassau der Vereinigung Örutfdjcr Radsportperbände führte gestern über die 180,7 Kilometer lange Strecke Mainz- Worms — Darmstadt — Frankfurt — Wiesbaden — Mainz und brachte 70 der besten deutschen Straßen- fahrer an den Start. Auf der Strecke gab es einen erbitterten Kampf, aus dem sich schließlich eine . achtköpfige Spitzengruppe herausfchälte. Vor einer vieltausendköpfigen Zuschauermeftge blieb der Berliner Rudolf Wolke vor seinem Bruder Bruno Wolke siegreich. Ergebnisse: 1. Rudolf Wolke-Neukölln 5:57, 2. Bruno Wolke-Neukölln, 3. Dumm-Frankfurt am Main, 4. Büttner-Neukölln, 5. Schüler-Mannheim, 6. Bule-Berlin, 7. Rohn-Mainz, 8. Dehner-Mainz. Sämtliche dicht auf. Motorsport. Großer Preis von Europa für Motorräder mit deutscher Beteiligung. vo. Aus der Bahn von Francoschamps in S p a a kam gestern der Große Preis vdn Europa für Motorräder zum Austrag, an dem sich in der kleinsten Klasse — bis 175 Kubikzentimeter — auch die deutsche Firma DKW. neben Ready , und Glfson-Rorman beteiligten. Den teilnehmenden deutschen Motorrädern gelang jedoch ein Sieg nicht, den sich Milhoux (Belgien) aus Ready in 3 Stunden 25 Minuten holte. DKW. (Becker) konnte nur den zweiten Platz in 3:30 belegen, Sprwng auf DKW. gab auf. Rudern. Deutsche Ruderer in Kopenhagen. An der internationalen Kopenhagener Ruderregatta nahm auch die Lübecker Rudergesellschaft vo «18 8 5 teil. Sie siegte am ersten Tage im Junior- ad) 11 r in 6:34 mit e/r. Sekunden vor der Rudergesellschaft der dänischen Studenten und zwei weiteren — einem dänischen und einem norwegischen — Booten. Im Achterrennen des Sonntags hatten jedoch die Lübecker bereits am Start Pech und kamen dann für die Entscheidung nicht mehr in Frage: mit knapp 4 Sekunden landeten sie hinter Christiania D. G. Oslo, Kopenhagener R. C., Rudergesellschaft der dänischen Studenten an vierter Stelle. ■ " ............ !■■■■■■ Sommerkur für 4582ss Nervenkranke u. Nervös-Erschöpfte. Spezialknvanstalt Hofheim 1. H'annus bei Frankfurt a M. Prospekte durch J>r. M, Schnlse-Kahleyss, Nervenarzt. Wärme verbreitenden öcfen. Auch der große französische Schriftsteller Montaigne (1532—1592) ergeht sich in eitel Lob über die deutschen Gasthöfe. Rur das stundenlange Tafeln — oft 4 Stunden und darüber — sowie das häufige Zutrinken sagt ihm nicht zu. Auf der Weiterreise, die ihn u. a. nach Italien führt, sehnt er sich mehrfach nach den vollen Fleischtöpfen der deutschen Gaststätten zurück. Besonders der Sauerkohl, dessen Rezept er sich anmerkt, hat es ihm angetan. Das namentlich in den napoleonischen Kriegen umgehende Wort von den deutschen ,,Sauerkraut- essern" (mangers de choucroüte) läßt sich, wie man aus Mvntaignes Tagebuch ersieht, im Ursprünge weit zurückversolgen. Auch die Rainen einer stattlichen Reihe steinalter Hotels, die noch heute blühen, hat uns Montaigne überliefert. Der „Hecht" in Konstanz, die „Krone" in Lindau und der „Dar" in 5tcmpten gehören hierher. Während ausländische Gäste von Rang und Bedeutung?ben Ruhm des deutschen Gasthauses nicht laut genug verkünde« können, lassen es die älteren deutschen Reiseschriftsteller zumeist an der nötigen Sachlichkeit fehlen. Die deutschen Reisc- tagebücher früherer Tage enthalten fast regel- mäßig Tadel über die eigenen Gaststättenverhäkt- nisse und schwärmerisches Lob und Anerkennung für die ausländische« Hotels. Das besonders von Hölderlin bekämpfte Stammeslaster der Deutsche«, die eigenen Vorzüge herabzusehen, um Die fr einten Vökkersttten über den grünen Klee empor- zuheben. macht nicht einmal vor den Stätten Halt, die mit dem Anspruch der Gastlichkeit die Forderung der Würde und Angemessenheit verbinde«. Das ist um so bedauerlicher, als das deutsche Gasthaus in der Welt den Ruf größter Behaglichkeit genießt uni), wenn es hier und da teurer ist als das ausländische, es dies nicht aus Gewinnsucht ist, sondern „der lieben Steuern" wegen, die ihm der „Racker Staat" oder die „löbliche Stüdtkommunc" in überreichem Maße auferlegen. 8 Fortsetzung. Nachdruck verboten. Die Krummhölzer Roman aus den bayerischen Bergen. Don Michael Wagner. Oberhesten. Landkreis Gießen. D Sich. 17.Juli. In seiner jüngsten Sitzung stimmte der Dtadtvorftanb einem Anträge bes Ärei8amte8 Diesten zu. die T a ge S g e b ü h r für b t e Feldgeschwvrenen einheitlich für sämtliche Gemeinden des Kreise- auf täglich 4.50 Mk. festzusehen. Die ursprüngliche Vorsehung betrug 5 Ml. pro Tag. — Ferner geneh- migtc man die Anschaffung einer g rauch - len Taugpumpe zum Preise oon 200 Ml. — Sodann gab der Bürgermeister bekannt, bah eine ganze Reihe von O e f e N in den Schul- säien der Volksschule abgängig sei und für den kommenden Winter durch neue Oesen erseht werden müsse. Man hab« sich bereit« un vergangenen Winter nur mit Mühe und Vot durch- Helsen können. Ferner erfordere da« Umsetzen von zwei Porzellanbfen größere Mittel. Er könne daher nur die schon längere Zeit in Erwägung gezogene Einrichtung einer Dampfheizung s- anlage für da« Rathaus. in dem sich der größte Teil der Schulräume befände, empfehlen. deren Kosten sich nach einem Angebot der Firma H Schaff st aedt in Gießen aus 5000Ml. belaufen würden. Mit den durch diese Einrichtung frciwerdenden gutenOcfcn imRathaus beabsichtige man schlechte Oesen in den Schulräumen anderer Gebäude nuSzuwcchseln, so daß Veuanschasfungen von Oesen vermieden blieben. Ferner wie« er auf wesentliche Einsparungen durch die Einrichtung dieser Zentralheizungsanlage hin. Vach kurzer Debatte fand die Vorlage des Bürgermeisters Annahme. Die Aussührung der Anlage wurde der Firma H Schaffstaedt zu Gießen zu deren Angebot übertragen. Einem Gesuch des Verein« für Rasenspie le um Ueberlassung eines Fußballplatzes konnte nicht ent- sprochen werden, da die Stadt zur Zeit kein als Sportplatz geeignetes Gelände besitzt. Der Lösung der Sportplahfrage soll jedoch auch weiterhin Aufmerksamkeit gcwldmet werden. Der Ablehnung verfiel weiterhin ein Gesuch der L i ch e r T o n W e r k c um Verbilligung des von der Stadt bezogenen sogenaimten Ueberschustwafsers auf 10 Pf. pro Kubikmeter. Es wurde zum Ausdruck gebracht, daß infolge Neuregelung der Druckverhältinsse der Wasserleitung für die Zukunft überhaupt kein Ueberschußwasser mehr abgegeben werden könne. — Von dem Erlaß einer Marktordnung für die Viehmärkte in hiesiger Stadt wurde Abstand genommen. Der Bürgermeister gab noch bekannt, daß auf Anordnung der "Regierung hin vier Zuchtbullen infolge Verdachtes aus Lunge nseuche vor einiger Zeit abgefchlachtet worden feien und daß eine Erfaybeschaffung von zwei Simmentaler Dullen inzwischen stattgefunden habe. — Der beliebte Licher Sommcrmarkt am Montag, 19. d. Mts., fallt auf behördliche Anordnung hin infolge Veuausbruchs der Maul- und Klauenseuche in Watzenborn-Steinberg aus. — Das diesjährige Zugendsest wird am nächsten Sonntag auf dem Hardtberge dahier abgehalten. : Sich, 17. Juli. 3n der Sinter- gaffe, der Hessenburg und der Löwen- gaffe werden gegenwärtig größere Pflaster- arbeiten vorgenommen Die Instandsetzung dieser Straßen wird von allen Anwohnern begrüßt. Hoffentlich wird nun auch bald die Veu» Pflasterung der Bahnhofstraße (innerhalb der Stadt) und der Hauptstraße, die durch die ganze Stadt zieht, vorgenommen. — Die hiesige Ortsgruppe des Hessischen Landjugendbund^s trifft gegenwärtig große Vorbereitungen für das in unfern Städtchen stattfindende F e st des Gcsamtbundes. Als Festsonntag ist der 2 5. Juli bestimmt. Das Fest, das ursprünglich schon am 6. Iuni abgehalteu werden sollte, mußte damals wegen der Lungenseuche verlegt werden. sp. Hungen, 17. Juli. Der „Gießener Anzeiger" brachte türzlich eine Nachricht über zwei bei Hungen gefangene Giftschlangen. ES wurde die Vermutung ausgesprochen, daß <8 sich um die in Deutschland nur im südlichen Baden vereinzelt vorkommende AspiS-Viper handele. Zur Beruhigung ängstlicher Gemüter kann nun mitgeteilt werden, daß diese Vermutung nicht richtig ist, denn es sind glatte Hattern, die erbeutet worden sind. Die glatte Vatter ist nicht giftig; sie ist ein harmloses Tierchen Und sollte deshalb geschont werden. Sic hat allerdings schon oft zur Verwechselung mit der Klcuzvti^ gnugt!, oa fic ähnlich gezeichnet ist. Wie einwandfrei festgestellt wurde, kommt in Oberhessen keine Giftschlange vor. Wenn gelegentlich über erbeutete Kreuzottern berichtet wurde, so konnte stets festgestellt werden, daß eine Verwechselung mit der glatten Vatter vorlag. i. Hattenrod. 18. Juli. Heute feierte der hiesige Männergesangverein .Harmonie" sein 5 0. Stiftungsfest, das mit dem Dundesfest deS Sangerbundes „Ehattia" verbunden war. Am Vormittag sand das Wertungsfingen der Bundesvereine statt. Die beste Leistung hatte der Gesangverein Reiskirchen unter Leitung des Dirigenten S o m m e r l a d aus Beuern aufzuweisen. Der sestgebendc Iubilarverein konnte den zweiten Platz einnehmen. Er wurde dirigiert von dem Musiker M ö b u s - Reiskirchen. Als Preisrichter fungierten die Herren G ö r l a ch - Gießen und öamb er- Darmstadt. Am Vachmittag stellte sich der Fest- z u g auf dem nahe vor dem Dorfe gelegenen Fest platze auf und durchzog unter Musilklängen bas Dors. Die noch lebenden Dereinsveteranen, die vor 50 Jahren den Verein gegründet hatten, fuhren im Wagen mit. Vach einem Begrüßungschor des Jubelvereins, dessen exalte Wiedergabe auch vor der Oeffentlichkeit Zeugnis ablegte von bem Streben her Sänger und dem Fleiß und der Begabung des Dirigenten, begrüßteBürgermeister Veeb, der zugleich Ehrenpräsident des Vereins ist, die große Airzahl der Festgäste und die Vereine des Bundes unb die Gastvereine. In kurzdn Zügen umriß er die Verenisgeschichte, gedachte der Gründer unb widmete Worte der Wehmut den Vielen, die als gute Sangesbrüder in die Ewigkeit gegangen sind. Besonders gedachte er der Opfer, die auch im Verein gebracht wurden irn Laufe des großen Krieges Seine Tochter, Emilie Veeb. überreichte mit finnigen Worten die dem Iubelverein gestiftete Fahn nchleife. Der Dundespräsibent der „Chattia". Johannes Opper V. von Ettingshausen, schloß sich mit Worten der Begeisterung und deS Dankes an die Vorredner an. Pfarrer Vies von Ettingshausen , der hiesige Gemeinbepfarrer, hielt bie Festrede, die das deutsche Lied feierte und in der Pflege edler Gesanges- fünft auch einen Baustein zu dem inneren Ausbau des Deutschen Hauses sah. Er konnte darauf Hinweisen, daß gerade der Iubelverein dank einer tüchtigen Leitung durch bewährte Vorsitzende und gewissenhafte Dirigenten stets sich seiner hohen Aufgabe bewußt war. Die Bitte, daS deutsche Lieb zu pflegen als einen Schutz gegen den Lieberschund und als ein nötiges Einigungsband sür unser VollSleben war der AuSklang dieser Ansprache. Vach lleberreichung von Ehrendiplomen an Gründer und bewährte Vereinsmitglieder übernahm mit humorvollen und doch cmften Worten Lehrer Herber- Saasen fein Amt als Ehrendirigent. Vach einem Massenschlußchor des Sängerbundes „Chat- lia" entwickelte sich auf dem Festplah ein frohes Treiben, da bei dem schönen Wetter eine vielköpfige Menge aus der ganzen Hmgegenb zu- sammengestkömk war. tötete Friedberg Bad-Nauheim» 18. Juli. In sehr sinniger Weise ehrte heute die hiesige Freiwillige Feuerwehr das Andenken ihres im Jahre 1915 verstorbenen langjährigen Kommandanten Joh. Hrch. Fritz, einer einst in Turner- und Feuer- wehrkreiscn unter dem Ehrennamen „Fritze Doktor" weit und breit bekannten Persönlichkeit. Die Wehr hat ihrem Mitbegründer und eifrigsten Förderer auf dem neuen Friedhof einen Gedenk st ein errichtet, der heute in feierlicher Handlung enthüllt wurde. Branddirektor Salz mann hielt die kurze Gedächtnisrede, Beig. Kling übernahm den Gedenkstein mit Worten des Dankes an die Wehr, die sich mit dem Stein selbst geehrt habe, in die Obhut der Stadt. Die Feuerwehrkapelle verschönte die eindrucksvolle Feier durch einige Musikvorträge. — Das große Interesse, das die Stadtverwaltung der schlagfertigen Wehr entgegenbringt, zeigt sich nicht nur darin, daß in den letzten Jahren die Ausrüstung auf den modernsten Stand gebracht worden ist, sondern ^uch in einem neuzeitlichen Umbau des Gerätehauses, wofür die Stadtverordneten einstimmig die Mittel bewilligt hatten. Nachdem die Geräte eitle Zeitlang in gemieteten Räumen untergebracht waren, konnten sie vor kurzem wieder in „Ja, aber Urachervater! — So machen S' doch keine Witz!" stotterte die Frau Hauptlehrer mit hochrotem Gesicht, als ginge es tun ihr eigenes bräutliches Gluck. „Was — schlechte Witz'. — In solche Sachen gibt's beim Uracher gar niemals net schlechte Witz! Mein voller Ernst ist's, wenn i sag': grab a solchen» wie d" Mariann müßt's sein!" „Ja — soll denn das im Ernst —" Zeno dauerte die Sache zu lange. Er erhob sich und streckte, hochaufgerichtet dastehend, der Hanpt- lehrerin die Hand über den Tifch hin: „Frau Hauptlehrer — ich bitt’ Sie um die Hand Ihrer Tochter!" „Und i schließ' mich der Bitt' an!" sagte der Uracher, stand gleichfalls auf und streckte seine Händ hin. Mutter Rontaier wtirde ^angesichts der ungekünstelten Feierlichkeit dieses Augenblicks lchier von der Rührung überwältigt. Sie suchte mühsant nach passenden Worten, während sie die beiden Män- nerhände ergriff. „— So überraschend! — Ja, aber gern — wenn die Mariann —" „Wenn 's nur Ihnen recht is!" erklärte Uracher resolut, „— bei der Mariann wird's nimmer fo arg weil fehlen!" „Die frag’ ich nachher gleich selber, wenn's Ihnen recht ist!" meinte Zeno fröhlich. Da kant Marianne zurück, ein Servierbrett mit Tassen und Tellern auf den Tisch setzend. „So, gleich gibt es Kaffee!" äußerte sie dabei hausmütterlichen Tones. Nun aber stutzte sie, schaute sich verwundert im Kreise um — — bis sie mit einem einzigen raschen, unbemerkten Blicke Zenos Gesicht gestreift hatte —: da wußte fie alles. Und ihr mar'mit einemmal, als tollte ihr Blut heiß und wild durch die Adern, als jauchzten sestliche Geigen und Klarinetten. Da packte sie der schalkhafte lieber- mut, der oft nahendem Glücke vorausellt. „Um Gottesmillen, Mutter — was ist denn los!" lat fie erschrocken. Da machte der Freier Zeno kurz entschlossen ejne Rechtsschwenkung und stand nun trotz seines Fabrikbeines bolzengerade vor Marianne. „Marianne!" sagte er voll Wärme, „mit deiner Mutter Einwilligung möcht' ich dich jetzt fragen: Willst du meine Frau werden' — Ich weiß wohl, Endlich hielt Baler Uracher den Augenblick für gekommen, um zur großen Neuigkeit hinüberzuleiten: bem Ankauf des Fürlegerfchen Anwesens und Geschäftes für Zeno. Bei dieser angenehmen Nachricht konnte man es der Frau Hauptlehrer trotz aller mühsam aufrechterhaitenen Würde völlig übers Gesicht ansehen, wie^ sie gewissermaßen in Honig schwamm. Die gute Frau freute sich ehrlich für ihr Kind. Nachdem der Uracher dermaßen alles ins schönste Licht gerückt, die dank seiner väterlichen Fürsorge vollkommen gesicherte Zukunft Zenos trotz seiner Schweren Berwundung von allen Seiten geNug- am beleuchtet hatte, kam, von Zeno mit tiefem lufafmen und erhöhter Herztätigkeit begrüßt, gottlob bie letzte Wegbiegung vor dem ersehnten Ziele: „Ja," meinte Uracher nach einer bedeutungsvollen Kunstpause, „— soweit wär' alles ganz in der Ordnung! Grad 'neinsetzen braucht er sich, der Zeno, ins warn, Nesterl! — Woll!" Wieder eine Pause. „Da können S' wohl von einem großen Gluck und einer schönen Zukunft reden, Zeno!" bekräftigte die Frau Hauptlehrer ebenfalls. Zeno nickte nur. Dann war der Vater wieder an der Reihe. „Woll! — Bloß oans geht ihm noch ab, dem Zeno — halt a richtige Frau!" Diesmal sagte die Frau Hauptlehrer gar nichts. Und Zend räusperte sich. „Denn a richtige Frau muaß es schon sein — damit s' all das schöne Sach' rechtschaffen zsamm- halt!" „Freilich — da haben Sie ganz recht!" Die gute Frau Hauptlehrer genierte sich förmlich, weil sie fürchtete, die beiden Manner könnten den lauten Schlag ihres Herzens vernehmen. Dann zog der Uracher endlich den Schuh ab. „Gel, dös sagen S' a, Frau HauptlShrer — unb sehn S' —" hier schlug ber Uracher mit ber flachen Hand auf den Tisch, und grab a solchene wie Ihre Mariann müßt's fein!" wie ich dran bin —" Da blieb er stecken ... Auch Mariannens Uebermut hatte sie glänzend im Stiche gelassen. Gesenkten Hauptes stand sie vor Zeno, glutüberronncn das frische Gesicht. Der Uracher in seiner Klobigkeit, Mutter Ronlaler spannungsgeladen, Zeno, der statt des Mundes seine Augen sprechen ließ — eine hübsche Gruppe für einen Genrebildchenmaler . . . Wenn du es dir erst noch — überlegen willst, Marianne — recht gern — ich will dich nicht drängen —" Damit brach Zeno die Stille. Die Erregung aber ließ seine Stimme zittern. Sachte hob Marianne den schönen Blondkopf, und aus ihren Augen leuchtete Zeno alles entgegen: Antwort, Berheißung beseligenden Glückes, perlende Freudentränen — und bann hing fie unter Lachen und Weinen an feinem Halse. „Zeno! —" No also!" So der Uracher. Da küßte Zeno zum erstenmal als Braut bie längst Geliebte. Mutter Rootaler sowohl wie der Urachervater atmeten vor allem einmal gründlich erleichtert auf — dann löste sich der Bann ... „Gott sei Dank, daß wir dös hätten, Mutter!" sagte der Uracher in lachenden' Freimute. Mit staunenden Augen hörte Marianne bann Zenos Bericht von dem Heim, das ihrer wartete. Uracher aber weidete sich an ihrer freudigen Überraschung mit dem harmlosen Vergnügen des Verursachers. Als Zeno geendet, erhob sich Marianne impulsiv unb küßte den überraschten Uracher herzhaft auf bie Wange. „Urachervater — ich muß dir dafür ein Busserl geben!" „Schau, schau — so a sakrische Peitschen!" lachte ber Uebersallene. Mir scheint, du wächst dich jetzt erst richtig aus!" In raschem Fluge verstrichen unter Lachen und Scherzen die Stunden. Doch, als die frühe Dämmerung des Wintertages von den Bergen stieg, um lautlos ihre Schleier über das Tal zu breiten, war man sich auch über das Wichtigste einig — für die Jungen wenigstens: den Hochzeitstag. „Parole wählen will i net lang!" hatte dabei lachend der Zeno gesagt. Und die errötende Marianne widekiprarb natürlich auch nicht. Worauf die |d)on eingerichtete und erweiterte Heim am Burgplatz überfuhrt werden. Z Bab-Vauheim, 17. Iult. Die Dchü - l e t unserer Volksschule haben zusammen 90 Mk. für Vie Zeppelin-Eckner-Spenbe aufgebracht Kreis Büdingen. th. Ober-Mockstadt, 17. Iuki. Hier starb ein junges Mädchen an der schweren, unheilbaren Strahlenpilzkrankheit. Der Vorfall sollte Erwachsenen und Kindern eine erneute Warnung sein, in der gegenwärtigen Zeit der Getreidereife Aehren oder Körner des jungen Getreides in den Mund zu nehmen, weil dadurch sehr leicht der tödliche KrankheitS- stosf in den Körper ausgenommen wird KrciS Lchottcn. ld. Schotten, 17. Juli. Die Orte des vorderen Vogelsberges werden eben mit 'ffietteraucr Frühkartoffeln geradezu überschwemmt. Man will vor Beginn der Fruchternle seine Ware an den Mann bringen. Bei starkem Angebot sinken die Preise sehr schnell, z. B. inüerhalb eines Tages von 6,50 Mk. auf 4,50 Mk. Da die einheimischen Frühkartoffeln infolge des regnerischen Sommers in ihrer Entwicklung zurück sind und noch nicht geerntet werden können, herrscht in vielen Haushaltungen Kartoffelknappheit, und die Welterauer Frühkartoffeln finden raschen Absatz. Id. Unter-Seibertenrod, 17. Juli. Seit einiger Zeit wendet man hier der Zucht der heimischen Rolviehrasse ganz besondere Aufmerksamkeit zu. Durch die Erfolge einiger Züchter ermuntert, verlegt sich nun fast die gesamte Bauernschaft unseres Dorfes auf die Aufzucht von Vogelsberger Zuchtvieh. Obgleich anerkannt gute Bullenhalter vorhanden sind, baut die Gemeinde nunmehr einen Bullenftall, um auch für die Zukunft eine gute Pflege der Faselliere zu aewährleisten. — Die hiesige Gesell schaftsschäferei scheint sich in allernächster Zeit auflösen zu wollen, da viele Schafhalter gesonnen sind, im kommenden Herbste die Schafzucht aufzugeben. 'Niedrige Wollpreise, Mangel an Weide und die Verköstigung des Schäfers in arbeitsreicher Erntezeit sind die Gründe, die gegen die genossenschaftliche Schafhaltung ins Feld geführt werden. Kreis Lauterbach. Schlitz, 18. Iuli. Im Alter von 8 7 Iahren ist hier einer der nur noch wenigen Veteranen der Feldzüge 1866 und 1870/71 0erstorben: der Landwirt Heinrich Ettling I. — Großes Interesse begegnete hier die G e - inäldeausstellung des Kunstmalers Georg 'Heil, eines geborenen Schlihers, der die Schönheit unserer Heimat erst recht entdeckt hat. Starkenburg. WSV. Groß-Gerau, 18. Iuli. Vach einer Mitteilung des Kreisveterinärrates Dr. Monnard ist der Kreis Groß-Gerau zur Zeit außerordentlich stark von der Maul- und Klauenseuche befallen. Allein in der Zeit vom 1. bis 15. Iuli waren 331 Gehöfte in 20 Gemeinden von der Deuche befallen, davon 155 Gehöfte neu. Besonders stark toütct die Krankheit in Trebur, Stockstadt, Mör- selden, KöN'igstädtcn, Worfelden, Vauheim und Leeheim. WSV. Bensheim, 17. Juli. Das neunjährige Töchterchen der Eheleute Stumpf sollte gestern nachmittag auf dem Gasherd in der Küche Reisbrei kochen. Hierbei fing der Aermel des Kindes Feuer und kurz darauf das ganze Kleid. Da das Kind allein in ber Wohnung war, konnte erst zu spät die Vachbarschaft Singreifen. Die Verletzte wurde mit schweren Brandwunden ins Krankenhaus gebracht, wo sie kurz nach der Einlieferung v e r st a r b. Preußen. Kreis Wetzlar. 3 A n s dem Kreise Wetzlar, 17. Juli. Um eine wirksame Betätigung auf dem Gebiete des Schularztdienstes herbeizuführen, hat bie Schulaufsichtsbehörde angeregt, daß für die Zukunft ber für den Kreis ernannte Schuld rzt auch an den Elternabenben in den einzelnen Schulen des Kreises teilnimmt. — Wie überall, so leidet auch im hiesigen Kreise die Veubau- tätigfeit sehr unter der allgemeinen Geldknappheit Wo gebaut wird, find die 'Bauherrn in den meisten Fällen zu dem in der Vorkriegszeit geübten Verfahren übergegangen, sich die Ziegelsteine durch Anlage von Feldbrandöfen selbst herzustellen. Die Steine stellen sich hierbei wesentlich billiger, al8 bei dem Bezüge vom Daumaterialtenhändler. Zur Errichtung von Feldbrandziegelöfen bedarf cs nach einer noch bestehenden alten Regierungs- polizcivervrdnung der polizeilichen Erlaubnis, die dann ohne Schwierigkeiten zu erlangen ist, wenn nicht zu befürchten steht, daß den nachbarlichen Grundstücksbesitzern durch die Errichtung der Oesen irgendwelche Schäden entstehen. — Aus den Landgemeinden hört man jetzt wieder Klagen über einen Unfug, der alljährlich in den Sommermonaten zu beobachten ist, nämlich daS Fahren mit unbeleuchteten Fahrrädern während der Dunkelheit. Die betreffenden Rad sahrer bringen hierbei nicht nur fremde Personen, sondern auch sich selbst in Gefahr. Die Polizeibeamten sind eifrig hinter solchen Radfahrern her, so daß diese jederzeit damit rechnen müssen, daß man ihnen einen Denkzettel anhängen wird. I Groß-Rechtenbach, 17. Juli. Zahlreiche Leser deS „Gießener Anzeigers" werden sich noch der Zeit erinnern, in der die von Wetzlar über Grohrechtenbach und Viederkleen nach Butzbach führende Provinzial st rahe aus der im Wetzlarer Kreise belegen en Strecke beiderseitig mit mächtigen Kastanienbau in en bepflanzt war. Landschaftlich bot die Straße zu dieser Zeit einen wunderbaren Anblick. Die Kastanienbaume sind im Laufe der Jahre auf ber Strecke von oberhalb Groß-Rechtenbach bis zur preußisch-hessischen Landesgrenze gefällt worden und haben 0 6 ft 6ä u nten. die die Strahenbauverwaltung zu beiden Seiten der Straße hat anpflanzen lassen, Platz gemacht. Die Straßenbauverwaltung erzielt aus den E r t r ä - gen der Obstbäume, die zum Teil schon stattlich herangewachsen sind, eine Einnahme, die sie zur Instandhaltung der Straße sehr gut gebrauchen kann. Aus dem in der Gemarkung Viederkleen belegenen „Wetzlarer Berge" ist u. a. auch eine größere Anzahl Kirschen- bäume angepflanzt, deren Ernte vor kurzem an Ort und Stelle gegen angemessene Preise versteigert wurde. XX Dorlar. 17. Juli. Die KrelSstrahe Wetzlar — Garbenheim — Dutenhofen — Gießen berührt an der hiesigen Block st ation auch unser Dorf. Schon vor Beginn des Weltkrieges wurden inündlich und schriftlich bei den zuständigen Stellen Wünsch, wegen Errichtung einer Haltestelle a Block borge tragen, aber stets ohne Erfolg. AN? Eingaben wurden abgewiesen mit dem Bescheid ..Dorlar hat ja eine Haltestelle an der Strecke Lollar—Wetzlar." Mit Recht geht daS Verlangen der Bewohner von Waldgirmes und Dorlar dahin, eine direkte Verbindung mit der Stadt Gießen zu erlangen Wie oft müssen Kranke die Kliniken aussuchen, was ihnen bisher per Dahn nur auf dem Umweg über Wetzlar möglich ist. Ebenso müssen viele auf die Gießener Schu len und das Gießener Theater verzichten, da bie Dahn - Verbindung fehlt. Es kann der Dahnverwaltung doch durchaus nicht schwer fallen, den lange ersehnen Haltepunkt an der Hauptstrecke anzu- legen, zumal Gemeinde und Eisenbahn daselbst reichlich über Gelände verfügen. O-erlahnkreis.

Deutsch-Luxemburg Gelsenkirchener Bergwerke. . Harpcner Bergbau Kaliwerke Aschersleben. . . . Kaliwerk Westeregeln. . . . . Laurahütte .. . . Oberbedarf Phönix Bergbau ...... Nycinstahl .......... Riebcck Montan ....... TclluS Bergbau....... Hamburg-Amerika Pakei. . . Norddeutscher Llobd Lheromische Werke Albtll . . 'semc.umcrk Heidelberg . . . Philivv Holzmann...... Slnglo-Cont.-Guauo..... Chemische Mäher Alapin . . I. G. Jarbenindustric, Sl.-G- Goldschmidt.......... Holzverkohlung Rütgerswerkc Scheidcanstalt Allg. ElekkrtzilätS-Gesellfchaft Bergmann .......... Mainkraftwerke ....... Schlickert Siemens k Halske ..... Adlcrwerke Kicher ..... Daimler Motoren. ...... Heyligenstaedt Megntn......... . . , Motorenwerke Mannheim . Frankfurter Armaturen . . . Konservenfabrik Brann . . . Schuhfabrik Herz ....... Sichel Zellstoff Waldhos . Zuckerfabrik Frankenthal . . Zuckerfabrik Waghäusel . . . 132.5 134,5 81.75 87 73.5 — 136' 137* 158' 157.5' 136' 137* 138 147 — 51 — 64 — 108.2- 107,5* 130' 129,5* 138 138 70 — 146' 144' 143,5 141,2* 50 — 108,1 — 80,5 243.2' 244,2* 92.9 89 54 — 97 — 133 138 137.5* 138* 122,5 — 93.5 — 119' 120,5* 160,5 159* 78 76 83,5 84.5 24.5 — 44 —- — 36 — 126 - 83 - 3 1 IM - 65,5 65.5 77i 76,25 134.2* 133' 86.5 86.75 74 74' 135,9' 136,5* 156,5* 157.2' 136' 136,5* 135’ 137* 144.5 145.7' 50 50 61 65* 108' 108,2* 128' 129,7* 137.4 142,7' — — 145,5* 144,7* 142* 140,1* - — 81,12 79 79 241,2* 243,6' 90,62 90,75 97,25 98,25 — — 138* 138* 122 122,5' 118* 119* — 160,5' 75,62 74,5 85,75 84.5 — — —— 30 — —- — — — 82,5 — 38 — — 154 153,5 66,25 — Devisenmarkt Berlin—Frankfurt a. M. Telegraphische Auszahlung. Banknoten. 17 Juli. 19. Juli. Amtliche Notierung Amtliche Notierung Geld Bner Geld Brief Amst.-Roti. 168,61 169,03 168.67 169.09 Buen-AircS 1,706 | 1.710 1,706 1,710 Brtz.-Antw 10,33 ; 10,37 9,61 9,65 Christiania. 92,03 1 92,77 91,98 92,22 Kopenhagen 111,24 I 111,52 111,21 111,49 Stockholm . HeltzngforS 112,33 112.61 112,34 112,62 10,552 10,597 10,55 10,59 Italien. . 14,25 1 14,35 20.454 14,04 14,08 London. . 20.402 20,403 20.455 Ncuvork . . 4.195 4,205 4,195 4,205 Paris. . . 10,30 10,34 8,975 9,015 Schwei,; . *•1,19 81,39 81,19 ‘ 81,39 Spanien . 66.27 66,43 65,92 66.08 Japan . . . 1.974 1 1,978 U.660 1,978 1,982 Rio de Jan. Wien in D - 9.658 | 0,657 0.659 Oest. obgest 59,29 | 59,43 59,33 59,47 Prag .... Belgrad . . 12,422 12,462 12,423 12.472 7.41 7,43 7.41 7.4:i Budapest. . 5,865 5,875 5.865 5,885 Bulgarien u,04 1 3,05 3,04 3,05 U'tzabon 21.405 1 21,455 21,405 21.455 Danzig. . . 81,37 81,57 81,37 Konstantin. 2,31 1 2,32 2,315 2,325 Athen. . 5,09 1 5,11 5,09 5,11 Uanado. . . 4,198 ! 4,208 4,198 4,208 Uruguay 4.21 ! 4,22 4.225 4,235 Berlin, 17 Juli Geld Bries Amerikanische Roten..... Belgische Noten..... , Dänische Roten . ....... Englische Noten........ Französische Noteu...... Holländische Noten...... Italienische Noten...... Norwegische Noten...... Deutsch Oestcrr., 2100 Kronen Rumänische Noten ...... Schwedische Noten ...... Schweizer Noten....... Spanische Noten....... Tschechoslowakische Noten . . Ungarische Noten..... 4,181 10,47 111,95 20.374 10,32 168,30 14,76 91,87 59,45 1,95 112,07 81,22 66.08 12.39 5.825 4.201 10,53 112,51 20,471 10,38 169,11 14,81 92,33 59,75 1,99 112,61 81,62 66.4? 12,45 5.865 Berliner Börse. Berlin, 19. 3ult. Die Frankenbefserung, die Ende der letzten Woche eingetrcten war, hatte nur einen kurzen Bestand. Durch den Sturz des französischen Kabinetts ist die Ansicherheit außerordentlich gestiegen. Allgemein wurde der Eindruck yervorgerufen, daß in der Währungsfrage Frankreich ohne Führung dasteht, so daß das Mißtrauen des Auslandes gegenüber der französi- schen Valuta nach dem Scheitern sämtlicher Stabilisierungsversuche stark gewachsen ist. Der f r a n- Sdsische Franken ging von seinem Sams- tagsstande von 188 heute sprunghaft b i s über 2 3 0 gegen das Pftmd zurück und stellte sich dann gegen Mittag etwas erholt auf 225 gegen 'London. Der belgische Franken ging auf 214 gegen das Pfund zurück. In Dörsenkreisen herrschte infolge dieser neuen Ereignisse am Devisenmärkte, die das Tagesgespräch bildeten, große Spannung Die Lbistcherhett bezüglich der weiteren Gestaltung des Frankenkurses ließ die Llnternehmungslust vollrg erlahmen. Sogenannte Frankensluchtläule lagen nicht vor. Die schwere Belastung der deutschen Wirtschaft durch das französische Dumping verstimmte erheblich, desgleichen boten die Warnungen der Großbanken in ihren Monatsberichten vor einer Ücbertreibung der Kurssteigerungen bei den gegenwärtigen Rentabilitätsverhältnissen der deutschen Wirtschaft Anregung zu Realisationen. Die Kurse lagen daher heute allgemein schwächer. Am Geldmarkt ist die Lage unverändert. Tagesgeld 4 bis 5,5 Prozent, Monatsgeld 5 bis 6 Prozent. frankfurter Börse. Frankfurt, 19. Juli. Tendenz: Anfangs leicht befestigt, später abgeschwächt. — Die Börse stand zu Beginn der neuen Woche unter dem Einfluß des Sturzes des französischen Ka- binetts, wodurch eine ganz erhebliche Entwertung des französischen Frankens hervorgerufen wurde. Dieses Moment drohte eine allgemeine Abgabeneigung auszulösen, doch war die Stimmung bei Eröffnung des Verkehrs etwas zuversichtlicher, und der Markt zeigte eine gewisse Widerstandskraft. Die führenden Aktienwerte lagen überwiegend befestigt. Die allgemeine Stimmung war aber uneinheitlich, da auch K urs r ü d= gängc zu verzeichnen waren. Das Geschäft nahm einen lustlosen Verlauf, da die S p e t u - lation wieder starke Zurückhaltung beobachtete und der Orderseingang nur sehr gering war. Am Montanmarkt waren gebessert: Deutsch-Lux und Harpener je plusl Proz., Bochumer plus 2 Prozent, Buderus plus 2,25 Prozent. Für Farbenwerte bestand etwas Rachfrage; der Kurs zog um 1,25 Prozent an. Goldschmidt plus 3,9 Prozent. Elektröaktien wiesen durchweg leichte Besserungen auf. AEG. plus 0,5 Prozent, Schuckert plus 1,5 Prozent. Bankaktien bröckelten dagegen überwiegend ab. Darmstädter minus 0,9 Prozent, Deutsche minus 0,5 Prozent, Dresdner minus 1 Prozent. Schiffahrtsaktien blieben stark vernachlässigt und waren im Kurse weiter rückgängig (minus 2 Prozent). Don Auto-Aktien zogen Daimler 1 Prozent an, während Kleher 2 Proz. nachgaben. Zuckeraktien bröckelten weiter ab. Von Baustoff-Aktien gingen Heidelberger Zement um 1,25 Prozent höher. Der deutsche Anleihemarkt lag fast ohne Geschäft. Von A u s l a n d r e n t e n waren Türken etwas gebessert. Der Freiverkehr war umsatzlos bei unveränderten Kursen. Der weitere Verlauf litt unter allgemeiner Geschäfts stille, so daß die Kurse, besonders der führenden Werte, Einbußen bis zu 1 Proz. zu verzeichnen hatten. Geld war wieder etwas mehr gesucht infolge des heutigen Zahltages für die Medio-Liquidationen. Tagesgeld 4* 2 Proz.. Monatsgeld 5 bis 6'/z Proz. je Adresse. Industrie-Akzepte 5, Privatdiskonten 4,5 Proz. Jrn Devisenverkehr war, wie schon eingangs erwähnt, eine erhebliche Baisse des französischen Frankens zu verzeichnen. Paris ging gegen London von 197,50 am Samstag heute vormittag bis auf 229 zurück. Das englische Pfund liegt gegen Kabel mit 4,8645 unverändert. Mailand gegen London stellte sich auf 144 behauptet. Berliner Produktenbörse. Berlin, 17. Juli. Die gestern im Zeitverkehr eingetretene festere Tendenz machte heute für Brotgetreide keine Fortschritte. Lediglich int Zeithandel setzten sich für Herbstmonate kleine Kursbesserungen durch, und zwar der Weizen um 2 Mk.. der Roggen um 1 Mk. Das Angebot in altem Roggen wird Heiner, aber auch die Rach- frage zieht sich zurück. Die Rachfrage in neuer Wintergerste findet durch reichhaltiges Angebot einen Ausgleich. Hafer hat kleine Umsätze und keine beachtenswerte Preisverändcrungen. Mehl ruhig, Roggenmehl ,etwas stetiger. Es wurden notiert für 1000 Kilo: Roggen, mark., alt und neu 182 bis 188, Sommergerste 203 bis 210, Gerste, inländ. 190 bis 204, neue Wintergerste 150 bis 159, Hafer, märt 197 bis 206. Mais, loko Berlin 174 bis 178, Raps 360 bis 370; für 100 Kilo: Weizenmehl 38 bis 40, Roggenmehl 27 bis 28,50. Weizenkleie 10,25 bis 10,50. Roggen- fiele 11,30 bis 11,50, Viktoriaerbsen 34 bis 43, kleine Speiseerbsen 29 bis 33, Futtererbsen 22 bis 27, Peluschken 26 bis 28,50. Aranksnrtcr Schlachtvichmarkt. Frankfurt a. M., 19. Juli. Auftrieb: 1090 Rinder, darunter 228 Ochsen, 33 Bullen, 829 Färsen unb Kühe, 431 Kälber, 64 Schafe, 3178 Schweine. Es wurden notiert: Rinder: Ochsen: vollfleischiqe ausgewachsene höchsten Schlachtwertes 55 bis 60 Mark; junge, fleischige, nicht ausgemäftete und ältere ausgemäftete 48 bis 54; mäßig genährte junge und gut genährte ältere 37 bis 47. Bullen: vollfleischige ausgemäftete Färsen höchsten Schlachtwerts 48 bis 53; vollsleischige jüngere 36 bis 43. Färsen und Kühe: vollsleischige ausgemäftete Färsen höchsten Schlachtwerts 55 bis 60; vollfleischige ausgemäftete Kühe höchsten Schlachtwerts bis zu 7 Jahren 48 bis 54; wenig gut entwickelte Färsen 43 bis 54; ältere ausgemäftete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe 38 bis 47; mäßig genährte Kühe und Färsen 30 bis 37; gering genährte Kühe und Färsen 18 bis 28. — Kälber: feinste Mast- kälber 60 bis 66; mittlere Mast- und beste Saugkälber 55 bis 59; geringere Mast- und gute Saugkälber 48 bis 54; geringe Saugkälber 40 bis 46. — Schafe: Maftlämmer und Mafthämmel 45 bis 50; geringere Mafthämmel und Schafe 35 bis 44. — Schweine: vollfleischige von 80 bis 100 Kilogramm 75 bis 78; unter 80 Kilogramm 70 bis 74; von 100 bis 120 Kilogramm 75 bis 78; von 120 bis 150 Kilogramm 74 bis 77; Fettschweine über 150 Kilogramm 74 bis 77; unreine Sauen und geschnittene (Eber 60 bis 80. Marktverlauf: In allen Tüebgahungen langsamer Handel, bei Schweinen Ueberftanb. Buntes Allerlei. Wie heiß kann es in Deutschland werden? Die nach den ungewöhnlich kühl verlaufenen Vormonaten gegen Mitte Juli über uns hereingebrochene erste ausgeprägte Hitzeperiode dieses Sommers ruft auch die Frage nach ähnlichen früheren Hitzeperioden wach und damit die Frage, wie hoch wohl die Temperatur in Deutschland steigen kann. Hitzeperioden treten immer nur bann ein, wenn sich hoher Luftdruck, eine Antizyklone, über Mitteleuropa ausbrcitcl und einigermaßen beständig bleibt, wie es auch jetzt wieder der Fall ist. Viele Wochen lang hatte die Antizyklone im Westen des Kontinents, auf dem Meere, gelegen und uns, da die Winde um einen Hochdruckwirbel rechts herum (im Sinne des Uhrzeigers) wehen, auf ihrer östlichen (rechten) Seite andauernd kalte Luft polarer Herkunft gebracht. Im ersten Jiilidrittel wanderte sie nun ostwärts und bedeckt seit dem 12. d. M. ganz Mitteleuropa, ihr Kern lagerte in diesen Tagen über . Norddeutschland, Dänemark und der Ostsee. Dadurch aber haben sich in Deutschland östliche Winde eingc stellt, die uns, als echte Kontinentalwinde aus Rußland stammend, trockene, warme Luftmassen zufüh- ren und vorwiegend heiteres Wetter bringen. Die gegenwärtig noch sehr hochstehende Sonne kann infolgedessen eine durch Wolken fast gar nicht bc- einträchtigte nahzu volle Wirkung durch Einstrahlung (Insolation) entfalten, und das bedeutet für uns eine Hitzeperiode. So stieg die Temperatur auch jetzt von Tag zu Tag und erreichte schon am 14. Juli an einigen Orten 30 Grad Celsius. Die letzte außerordentlich heiße Witterung erlebten mir im Juli 1925, und auch der in seinem ganzen übrigen Verlaufe ungemein kühle Sommer von 1923 hatte ein paar ausgeprägte Hitzezeiten zu verzeichnen. Vom 17. bis 23. Juli 1925 stieg dic Temperatur besonders im Binnenlande und in Westdeutschland zu großer Höhe; nach den Wetterberich, len der Deutschen Seewarte beobachtete man in Magdeburg am 18. und 19. Juli schon 32 Grad, vom 20. bis 22. 34 Grad, in Hamburg vom 21. bis 23. ebenfalls 33 Grad und in Frankfurt a. M. am 22. Juli fogar 35 Grad Celsius. Noch etwas höhere Wärmegrade zeichneten den Juni 1917 aus, in dem vom 18. an der Hamburger Sternwarte bei Bergedorf 35,4 Grad gemessen wurden, ebenso den Juni 1915, in dem am 9. ebenfalls bei Bergedorf 36,2 Grad erreicht wurden. Als den h cä fj.c ft e n u n d zugleich trocke n st en Sommer feit Bestehen einer systematischen Witterungsbeobachtung in Deutschland hat man den von 1911 zu betrachten Während einer vorn 22. Juli bis zum 15. August ununterbrochen andauernden Hitze- und Dürrperiode überstieg die Temperatur im größten Teile bcs Landes täglich 25 Grad. Die heißesten Tage waren der 23. und 25. Juli: am ersteren beobachtete man in Magdeburg und Frankfurt a. M., am letzteren in Karlsruhe 38 Grad Celsius; in Jena soll die Hitze sogar nahe an 40 Grad herangekommen sein, und auch in Norddcutschland verzeichnete man noch 37 Grad. Damals übte auch die anhaltende Trockenheit eine ungemein verderbliche Wirkung aus; der Wasserstand aller deutschen Flüsse ging sehr zurück, einige kleinere Flüsse trockneten sogar ganz aus, andere wieder legten die sog. Hun- gerfteine mit ihren alten Inschriften aus früheren Dürreperioden frei. Sehr hohe Temperaturen brachten ferner die ersten Julitage von 1905, besonder ater Mitte Juli 1904; damals stieg die Hitze am 15. (1904) in Breslau auf 34 Grad, in Münster au fast 35 Grad, in Hamburg auf 35,3 Grad und in Berlin auf 36,4 Grad Celsius. Aehnliche Verhältnisse herrschten endlich noch am 4. Juli 1883. Wir können daher sagen, daß die höchsten in Deutschland vorkommenden, aber äußerst seltenen Temperaturen zwischen 38 und 40 Grad Celsius liegen. Das aber find schon Wärmegrade, wie sie selbst in den Tropen nicht zu den alltäglichen Erscheinungen gehören. „kranke" Kunstwerke. Man weiß, daß Kunstwerk wie Menschen mit der Zeit alt und grau werden Altkostbare Bronzen vor allem bekommen mi; den Jahren zum Schmerz aller Kunstfreunde häßliche Flecken und Krusten, die ihre Schönheit erheblich beeinträchtigen. Bisher gab es kein zuverlässiges Mittel, die Formenreinheit derartig verdorbener Werke wieder herzustellen, bis jetzt an der Columbia llniöcrfität in Reuhork ein neues Verfahren entdeckt wurde, das überraschende Erfolge z ergab. Ein interessanter Artikel von Dr. Alfred . Gradenwitz mit Bildern im neuen Heft der „ Ko- * ralle" macht diese wichtige Erfindung auch dem Laien verständlich. Aus der Fülle anderer Artikel sei noch hervorgehoben: Radioaktive Stoffe im Körper, Vom Knüppelsteg zur Riefenbrücke, Gelenklokomotiven und Moderne Ruhkraftwagen. Büchertisch. — Alfred Polgar: Stücke und Spieler. (Ja und Rein. Schriften des Kritikers, Band II) 339 Seiten 8°. Berlin, Ernst Rowohlt, Verlag, 1926. — Der zweite Band, von Heinrich Mann bis Egon Friedell. Dazwischen finden sich bedeutendere Namen an, z. D. Kaiser, Werfel, Unruh, von den Aelteren Eulenberg und Schönherr. Lieber Bücher dieser Art sich kritisch zu äußern, wird stets verfänglich und unzulänglich bleiben. Zumal, wenn man selber im Glashause sitzt. Dennoch möchte uns scheinen, daß diesmal das „Rein" überwiegt. Vielleicht verlieren solche Sammlungen überhaupt, wenn man sie systematisch fortseht, statt sie einmalig als Augenblicks- Auslese (Auslese!) zu verarbeiten. Ratürlich findet sich auch hier mancherlei Gutes und Feines, manches, was Buchwert verdient. Oester aber lehnt man innerlich ab. Schon bei Schönherr stimmt vieles bedenklich. Und Anruh's herrlichem „Louis Ferdinand" wird dieser Kritiker kaum gerecht. Unb solche Punkte scheinen wesentlich, da es sich um Werte handelt. Am Intermezzo der kleineren und kleinen Theatergeister ist nicht viel gelegen. Sehr hübsch und stimmungsreich ist dagegen die Einleitung „Zum Beginn". Die ist erfreulich — für die hat man ein fröhliches und entschiedenes „3a!“. 357 — „Duell am L i d o". Komödien in drei Akten von Hans I. Rehfisch. 70 Seiten 8". 2. Auflage. Oesterheld & Co., Verlag. Berlin 1926. — Rehfisch zählt zu den interessantesten (auch umstrittensten) Erscheinungen neudeutscher Dramatik. Dieses Stück wurde, zum mindesten von außen her gesehen, ein starker Erfolg des Berliner Staatstheaters. Jessner inszenierte selbst, Kostner und Forster in den Hauptrollen verbürgten fast schon die andere Hälfte des Sieges. In der Einleitung — als Dankbrief an Jessner formuliert — gibt der Dichter selbst die Grundidee seines Stückes kund: die phantastische... Sehnsucht... nach irgendeinem... im entwertbaren Gut, das Begehren nach einer klaren und starken ... Beziehung von Mensch zu Mensch ... Das ist es, darum geht dies unblutige Gefecht in Venedig, dies Duell in Worten zwischen Männern um eine Frau, zwischen Menschen unserer Zeit, ganzen, halben und nc^h geringeren, um ein Ziel, um eine Sehnsucht, um „Erhöhung des Lebensgefühls". Im Degleitrhythmus der Szenengespräche, int schillernden, glitzernden musizierenden und tanzenden Drum und Dran einer umgebenden großen Welt gibt sich noch deutlicher zu erf ernten, wohin dieses Stück steuert: Rehfisch, was oft schwer verständlich wird, ist Romantiker unter den Jungen; ein paarmal denkt man beim Lesen mit Freuden an die „Improvisationen im Juni" von Mohr, die eine gleiche Jnnenmelodie zu bewegen scheint. 281 Verantwortlich für Feuilleton i. V.: Dr. Fr. W. Lange. Maixemi... fppen für &aucen tias KrGftmeM Qemiise