Nr. 15 Erstes Blatt 176. Jahrgang Dienstag, 19. Januar 1926 Sietzener Anzeiger General-Anzeiger für Oberheffen vnlck und Verlag: Brühl'sche Univerfttäts-Vnch- und Lteindruckerei R. Lange in Siegen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer vis zum Nachmittag vorher. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re« klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig. Platzvorschrist 20° , mehr. Chefredakteur: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen. Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle. Monatr-Vezugrprelr: 2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. 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Mk.. so daß noch ein Betrag von rund 3 Mill.Mk. verfügbar bliebe. Dieser soll zum teilweisen Ausgleich des Fehlbetrages 1926 Verwendung finden. Von dem Staatsvorschlag 1926 wird hierauf u. a. gesagt: „Die wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen nunmehr der Staatsvoranschlag 1926 aufzustellen ist, sind nichts weniger als befriedigend zu bezeichnen. Zwar konnte die Form des Staatshaushaltes stärker konzentriert und int ganzen wieder der Vorkriegszeit angepaßt werden, wie auch die Entwickelung der Preise, sowie die nunmehr schon wieder längeren Erfahrungen unter der Herrschaft der stabilisierten Währung zu einer annähernd genauen Veranschlagung des Bedarfs und - unter Berücksichtigung veränderter Verhältnisse -- zu einem möglichsten Angleich an die Vorkriegszeit führten. Die Hoffnungen des Vorjahres auf eine Besserung der Wirtschaftslage haben sich nicht erfüllt. Die derzeitige Ä o t - läge der Landwirtschaft ist bekannt. Preise und namentlich Absatzmöglichkeiten sind unbefriedigend. In vielen Gegenden haben die Wetterschäden zu besonderer Rotlage geführt. Ebenso stehen Handel, Gewerbe und In- d u st r i e unter dem Druck und der Lähmung, die insbesondere der Mangel an Betrieb s- ka Vital zwangsläufig bringen muß, namentlich, nachdem eine weitgehende Verwendung der Inflations- und PaHiermarrgewinne vielfach zu einer derartigen Erweiterung der Betriebe geführt hat, daß der Umfang des Anlagekapitals in Form der Gebäude und Einrichtungen nicht mehr int richtigen Verhältnis zu den verfügbar zu machenden Betriebsmitteln steht. Absatz und Umsatz stockt. Betriebseinschränkungen und -Stilllegungen hausen sich mit den Wirtschafts- und sozialpolitisch gleichbedauerlichen Folgen der Arbeitslosigkeit. Daß Hessen von diesen Wirt- schaftsnöten besonders hart getroffen wird, ist bei seiner Lage teilweise inmitten großer Wirtschaftszentren, teils ihnen benachbart, nicht zu verwundern, zumal auf etwa der Hälfte des Gebiets der Druck dec Besatzung liegt. Große Teile der Bevölkerung leiden Rot. Die Kosten der Lebenshaltung mit einem Index von 1,41 gegenüber dem Friedensstand und von 1,2 bis 1,3 vor einem Jahr vergrößern das Mißverhältnis zum Stand der Einnahmen, während die Staats- finanzen den an sich verständlichen Wünschen auf eine Besserstellung der im Staatsdienst Beschäftigten nicht oder nur in ungenügender Weise Nachkommen können. Dagegen bleiben die Folgen für den Staatshaushalt nicht aus in Gestalt finanziell erhöhter sozialer Verpflichtungen Unterstützungen und Beihilfen auf den verschiedensten Gebieten. Dazu führen die steuerlichen Erleichterungen (z. B. Herabsetzungen der Einkommensteuersätze, Erhöhung der steuerfreien Ein- lommensbeträge, Ermäßigung der Umsatzsteuer ufto.), sowie die Minderung der Steuereingänge im übrigen als Folge der Wirtschaftslage zu bedeutenden finanziellen Ausfällen bei den öffentlichen Kassen. Alles in allem steht fonach die Aufstellung eines Voranschlags für 1926 unter einem wirtschaftlichen Druck, der^ umso bedeutsamer und bedenklicher ist, als eine Besserung der Staatsfinanzen für die nächste Zeit sich noch in keiner Weise absehen läßt. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, wenn auch der Abschluß des vorliegenden Voranschlagsentwurfs gegen das Vorjahr weiterhin eine Verschlechterung aufweist, trotz der schärfsten Einschränktmgen, die sich die Regierung auf allen Gebieten an dem persönlichen uni) sachlichen Aufwand, oft über das Maß des für eine geordnete Derwaftung überhaupt nod) Erträglichen hinaus auf erlegt hat. Die Abschlußziffern des Staatsooranschlags 1926 stellen sich im Verwaltungsteil int Vergleich mit dem Vorjahre wie folgt (alles in Reichsmark): Gesamtausgaben 1926: 128 610 367, 1925: 112149 439, also mehr 16 460 928 Mk. Laufende Einnahmen 1926: 119 462 465. 1925: 103 631 349, also mehr 15 831 116 Mk. Darnach ein Fehlbetrag 1926: 9147 902, 1925: 8 518 090, somit mehr 629 812 Mk. Die Denkschrift bietet dann folgende Ueber- sicht, die die Verteilung der Gesamtausgabe auf die 10 Hauptabteilungen des Staatsvoranschlags und gleichgeitig die Steigerung der Ziffern (in Millionen Mark) gegen das Vorjahr erkennen läßt: I. Staatsgüter 1925 13,6; 1926 16,3 (mehr 2,7). 11. Allgemeine Fmanzverwaltung 1925 22,9; 1926 30,9 (mehr 8,0). HL Landtag 1925 0,2; 1926 0,2. ‘ IV< Staatspräsident 1925 0,7; 1926 0,8 (mehr 0,1). Berlin. 18. Ian. (TU.) Die Reichstagsfraktion der Bayerischen Volkspartei faßte in ihrer heutigen Nachmittagsfitzung folgenden Beschluß, der sofort dem Reichskanzler Dr. Luther und den Reichstagsfraktionen des Zentrums, der Demokraten und der Deutschen Volkspartei mit» geteilt wurde: 1. Die Reichskagsscaktion der Bayerischen volksparlci erklärt eine Lösung der Kabinettsbildung mit Herrn Koch als Innenmini ft er für untragbar und würde beim Festhalten an dieser Lösung an einer Koalition auf dieser Grundlage nicht teilnehmen. 2. Angesichts dec großen politischen Schwierigkeiten für den Fall einer parleipolitisch-par- tamentarischen Besetzung des Innenministeriums erachtet die Fraktion die B e - sehung mit einem Fachmann als richtige Lösung. 3. Ie nach der Erledigung dieser beiden Punkte wird die Stellungnahme zu den weiteren Verhandlungen sich gestalten. Gegen 6 Tlhr empfing der Reichskanzler die Parteiführer. Gleich zu Beginn der Sitzung verlas der Abg. Leicht die Crllärung der Bayrischen Volkspartei und s rhrte in der Begründung aus, daß der Abg. Koch ein zu prominenter Demokrat und außerdem zu unitarisch gesinnt sei, sodaß die Bayerische Vollspartei gegen ihn als Reichsinnenminister Einspruch erheben müsse. Die Verhandlungen wurden nach mehr als zweistündiger Dauer abgebrochen, ohne daß eine Einigung über die schwebenden Fragen der Zusammensetzung des Kabinetts erzielt worden wäre. Rach der Besprechung beim Reichskanzler Dr. Luther traten die Zentrumsfraktion und die demokratische Fraktion des Reichstags zusammen. Die Zentrumsfraktion hielt eine kurze Sitzung ab und nahm den Bericht über die Verhandlungen bei Dr. Luther entgegen. Die demokratische Reichstagsfraktion versammelte sich uni 7 älhr und tagte bis gegen 10 Ahr. Es handelte sich vornehmlich um die Frage, ob V. Ministerium des Innern 1925 19,1; 1926 20,5 (mehr 1,4). VI. Landesamt für das Dildungswesen 1925 32,7; 1926 36,6 (mehr 3,9). VH. Ministerium für Arbeit und Wirtschaft 1925 9,1; 1926 8,1 (weniger 1,0). VIII. Ministerium der Justiz 1925 9,5; 1926 10,4 (mehr 0.9). IX. Ministerium der Finanzen 1925 4,1; 1926 4,4 (mehr 0,3). X. Ausleihungen und Staatsschuld 1925 0,3; 1926 0,4 (mehr 0,1). Die Gesamtsumme ergibt für 1925 112,2, für 1926 128.6 (mehr 16,4). An den Erhöhungen sind hauptsächlich beteiligt: Forst- und Kameralgüter 1,7; Braunkohlenbergwerte Ludwigshosfnung, Wölfersheim ufto. 0,4; Bad-Rauheim 0,4; Landesstru t i 12,4; Ruhegehalte usw. 4,1; Polizei 0,5; Vollschulen 2,1; Gymnasien, Realgymnasien 0,5; Landesuniversität und Hochschule 0,5; Bodenvrrbesserung und Wasserversorgung 0.2; Gericht» 0,5; Landesvermessungswesen 0,2 Millionen Mark. Der Iungdeutsche Orden. Von der Rachrichtenstelle des Iungdeutschen Ordens wird folgendes mitgrteilt: In den letzten Tagen ging durch die gesamte '-etitsche Zeitungs- Welt die aufsehenerregende Meldung, daß die Staatsanwaltichast zu Kassel ein Hochverratsverfahren gegen den Hochmeister des Iungdeutschen Ordens Artur M a h r a u n eingeleitet habe. Diese Rachricht ist richtig. Aber wie ist es zu diesem Hochverrats verfahren gekommen, und was liegt ihm zugxunde? Aus der Ballei RiÄ>erhessen des Iungdeutschen Ordens mußten einige Herren, die in der Leitung der genannten Ballet tätig waren, durch Eingreifen des Hochmeisters ausscheiden. Die Gründe stehen hier nicht zur Erörterung. Diese Herren haben es nun fertiggebracht, daß die Staatsanwaltschaft zu Kassel glaubte, das Hochverrats- verfcchren gegen den Hochmeister des Jungdeutschen Ordens einleiten zu müssen. Die Grundlage des Verfahrens mußte die f»genannte „W est - Politik" Mahrauns abgeben, lieber diese Westpolitik des Hochmeisters hat der „Iungdeutsche", die amtliche Zeitung des Iungdeutschen Ordens, in aller Öffentlichkeit berichtet. Irgendwelche Geheinmisse gibt es hier also in keiner Hinsicht. Die Westpolitik Mahrauns erwägt die Frage, ob es nicht möglich und für Deutschland günstig sei, wenn es gelänge, zwischen Deutschland und Frankreich andere und zwar freundliche Beziehungen zu schaffen. Unerläßlich; und für den Hochmeister ganz selbstverständliche Bedingungen und Voraussetzungen sür Mahraun waren dabei unter anderem die sofortige Räumung der besetzten Gebiete, die Einstellung aller Reparationszahlungen und die Wiederherstellung der Grenzen, wie sie Deutschland in 1914 hatte. War aber der Hochmeister berechtigt, innerlich berechtigt, eine solche Politik zu betreiben? Diese Frage beantwortet eine Erklärung in Rr. 14 des „Iungdeutschen" vom 17. Januar 1926. Darin heißt es wörtlich: ..Es sind in Wirklchkett einflußreiche französische Staatsmänner an den Iungdeutschen Orden heran- getreten, um eine für beide Völler nützliche die Fraktion daran festhalten soll, daß dem Abg. Koch das Innenministerium übergeben wird. Die Verhandlungen wurden dann abgebrochen und auf 11 äkhr nachts vertagt, da die Fraktion, unbedingt noch heute zu einem Beschluß kommen wollte. In der Zwischenzeit fanden Verhandlungen nach verschiedenen Richtungen hin statt, u. a. begaben sich die Abg. Koch, Erkelenz und Haas zum Reichs- Wehrminister Geßler. der seinerseits mit dem Reichskanzler Fühlung nahm. Die demokratische Reichstagsfraftion nahm dann um IP/s äkhr nachts ihre Sitzung wieder auf und faßte nach kurzer Beratung folgenden Beschluß: „Die Fraktion der Deutschen Demokratischen Partei ist nicht gewillt, infolge des Einspruchs der Bayerischen Volkspartei auf ihre Wünsche für die Besetzung des Innenministeriums zu verzichten. Sie ist nicht in der Lage, ihre Ueber- zeugung. daß durch sie die Führung der Innenpolitik im Geiste der Verfassung gesichert wird, vor einem unbegründeten parkikularistischen Mißtrauen preiszugeben." Dieser Beschluß wird am Dienstagvormittag um 10 Uhr dem Reichskanzler und den anderen Parteiführern mitgeteilt werden. Wie das Nachrichtenbureau Deutscher Zeitungsverleger hört, hat Reichswehrminister Geßler erklärt, daß er sein Amt nur annimmt, wenn die Demokraten in der Koalition vertreten sind. In demokratischen Kreisen nimmt man an, daß die Bemühungen Dr. Luthers um die Bildung eines neutralen Kabinetts der Mitte als gescheitert anzusehen sind. — Wie der „Lokalanzeiger" schreibt, scheint aber Dr. Luther nicht die Absicht zu haben, sein Mandat in die Hände des Reichspräsidenten zurückzugeben. Er wolle dann vielmehr mit einem frei gebildeten Kabinett — andere Blätter sprechen von einem Beamtenkabinett — vor den Reichstag treten. — Der „Vorwärts" erklärt, eine Beamtenregierung werde sich nur halten können, wenn sie wenigstens das Zentrum für s i ch gewinne. Scheitere sie, so bleibe als einziger verfassungsmäßiger Weg die Auflösung d»s Reichstags. Wandlung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich zu erörtern. In dem Augenblick, in dem diese Erörterungen einen zweifellos ernsten Charakter annahmen und über das Maß einer persönlichen Unterhaltung hinausgingen, hcchen die Unterzeichneten (dies sind der Hochmeister des Ordens und der Ordenskanzler) es für ihre Pflicht gehalten, in persönlicher Rücksprache den Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg zu unterrichten. Dies ist bereits vor längerer Zeit erfolgt." Don der Kanzlei des Reichspräsidenten wird hierzu mitgeteilt: Die Mitteilungen über einen Empfang des Hochmeisters des Iungdeutschen Ordens, Mahraun, beim Herrn Reichspräsidenten entsprechen nicht den Tatsachen. Mahraun ist am 4. Januar vorn Herrn Reichspräsidenten in Gegenwart eines Beamten empfangen worden und hat dem Reichspräsidenten berichtet, daß er auf Anregun g von französischer Seite Besprechungen gehabt hätte, die eine Besserung der deutsch-französischen Beziehungen zum Ziele hätten. Der Herr Reichspräsident hat Herrn Mahraun kurz angehört und ihn bezüglich dieser Verhandlungen an die zuständig e n Stellen, nämlich den Reichskanzler und den Reichsauhenminister, verwiesen. Don einer Z u st int m u n g ober eines Einverständnisses des Herrn Reichspräsidenten mit den entwickelten Gedanken ist feine Rede. Die Unterhaltung ist protokollarisch festgelegt worden. Das Bistum Danzig. Danzig. 18. Jan. (WTB.) Der bisherige Administrator des Freistaates Danzig. Graf O'Rourke, ist vom Papst zum Bischof der neugegründeten Diözese Danzig ernannt worden. Senatspräsident Dr. Sa hm hat den neuen Bischof in feierlicher Audienz zur Entgegennahme der päpstlichen Dulle empfangen. In der Bulle heißt es u. a.: „Zum bischöflichen Sitz der Danziger Diözese, die nur dem Apostolischen Stuhl unmittelbar unterworfen ist, haben wir die Stadt Danzig bestimmt mit allen Rechten und Privilegien, deren sich nach dem Allgenreinen Recht auch alle anderen Bischofsstädte erfreuen. Die Pfarrkirche in Oliva „Z u r Heiligen Dreifaltigkeit" in der genannten Gemeinde erheben wir zu Rang und Würde einer Kat he- dralkirche unter Beibehaltung ihres Ramens und Charatters als Pfarrlirche. Zur Ausführung unserer Anordnungen bestimmen wir unferen ehrwürdigen Bruder Eduar O'R Dürfe, Jur Fürstenabfindung. Berlin. 18. Jan. von der Fincrnzkommission angenommenen Mahnahmen werden einen Ertrag rrm 4 340 000 000 bringen, wodurch der Fchlbe- irag k-es Haushalts in Höhe von 4 209 000 000 gefcedi rrrrdc. Das Projekt der Finanzkommis- sion stellt nach Ansicht der Presse ehre Mischung des Kartellentwurfs mit der Regierungsvorlage dar. Die Regierung steht dem Entwurf der Finanzkommisfion nicht schroff ablehnend gegenüber, sie will indessen den Versuch machen, durch Zulayanträge die Bestimmungen des Domner- Projektes zur Annahme zu bringen, die sie für unerläßlich halt. DieS gilt insbesondere von der Verkaufssteuer. Dre englischen Seerüstungen. London. 19. 3an. (WTB.> Funkfpruch.) Der Erste Lord der AdmiraKtät, Bridgeman, erklärte, die gegen die Regierung gerichtete Anschuldigung. ne beginne einen neuen Wettbewerb mit anderen Danonen im Kriegsschiff- bau, fei völlig unzutreffend. England sei es vielmehr, das. obwohl es in weit höherem Mähe als jedeS andere 2anb von der Lee abhängig 'ei. die Zlotten-Deubauten bis um letzten Augenbuick De rzögere. Die Vereinigten Staaten. 3avan, Frankreich und Italien, hätten nach dem Kriege bereits 300 Kriegsschiffe, von Kreuzern abwärts, gebaut, w^rend England nur 11 Kriegsschiffe in dieser Zeit neu in Dienst gestellt habe. Die pädagogischen Akademien in Preußen. Berlin. 18. Ian. (WTV.) Amtlich. Es wird beabsichtigt, Anfang Mai drei staatliche pädagogische Akademien zu eröffnen. und zwar eine in Bonn zur Ausbildung katholischer Volksschullehrer, eine in Elbing zur Ausbildung evangel'sch.r Dolksschul- lehrer und eine in Kiel zur Ausbildung eoan- ge-lischer DolkSschullehrer und -lehr er innen. Der Bildungsgang ist zweijährig. Etudiengebühren werden nicht erhoben. -Unter gewissen Voraussetzungen können Stipendien gewährt werden. Internate sind mit den Akademien nicht verbunden. Aufnahmegesuche sind bis spätestens 1. Avril an den Minister einzureichen. Aus aller Well. Die Explofionskataftrophe in Berlin. Berlin. 18. Ian. (WTB.) In der 25 Häuser zählenden Kirchstrahe ist fast keine Scheibe ganz geblieben. Besonders die der Erplosrons- stätte gegenüberliegenden Geschäfte haben schwer gelitten. Die Waren wurden vollständig vernichtet bzw. beschädigt. Die Feuerwehr muhte gegen 11 Uhr vormittags ihre Aufräumungs- Arbeiten eirtftelfen, da jeden Augenblick weitere Einstürze befürchtet werden müssen. Mie ganze linke Ecke des Hauses ist bis zum vierten Stock zusammettgebrochen. Die in die Ciese gestürzten Zimmer waren sämtlich Schlafzimmer, woraus sich auch die große Zahl der Toten und Verletzten erklärt. Die Mieter des betroffenen Hauses sind fast durchweg kleine Leute, die sich meist durch Vermieten ernähren. Die Explosion hat. soweit sestgestellt werden konnte, neun Tote gefordert. Unter den Toten befindet sich auch ein Passant, der von einem Mauerstein auf der Strahe erschlagen wurde. 3m Krankenhaus Moabit fanden 33 Verletzte, darunter 20 Schwerverletzte, Aufnahme Eine ganze Anzahl Personen, darunter drei Kinder, werden vermiht. Feuerwehrleuten ist es gelungen, in den Mahnschen Seidenladen einzudringen. Sie fanden in einem an den Laden anstoßenden Zimmer die Leiche eine8 Mannes mit zertrümmerter Schädeldecke und schweren Brandwunden. Man nimmt an. daß der Tote der Ladenbesitzer Mahns ist. Unter den Trümmern wurden noch die Leiche eines unbekannten Mannes, einer Frau sowie eines Knaben namens Höder gesunden. Dach Aussage von Hausbewohnern war schon in der Dacht im Hause starker Gasgeruch wahrnehmbar. Es scheint sich also zu bestätigen, daß die Ursache der Katastrophe in einer Gasexplosion zu suchen ist. Es wurde festgestellt, daß weder Benzol noch Benzin gebrannt haben. Cs ist bekannt geworden, daß an den Gasrohren im Keller drS Hauses in der Kirchstraße gearbeitet worden ist. Ein GaSrohr, das in den Laden Mahns führte, ist damals a b geschnitten worden, weil sich der Seifenhändler elektrisches Licht hatte legen lassen. Es besteht die Möglichkeit, daß bei diesen Arbeiten ein Rohr undicht geworden oder nicht genügend verkoppelt worden ist. Wahrscheinlich hat sich also infolge einer undichten Rohrstelle der Keller nach und nach mit Gas gefüllt, das schließlich durch einen unglücklichen Zufall zur Crpl^lon kam. Der Reichspräsident hat aus Anlaß des schweren Unglücks in der Kirchstrahe das nachstehende Telegramm an den Oberbürgermeister von Berlin gerichtet: .Mit dem Gefühl herzlicher Teilnahme für die Opfer erhalte ich eben die Dachricht von dem 'chweren Explosionsunglück in der Kirchstraße. Ich bitte Sie, den Hinterbliebenen der Ge- rbreten und den Verletzten den Ausdruck meiner Teilnahme zu übermitteln. gez. v. Hindenburg, Reichspräsident." Die Zeppelinspende. Dr. Eckener machte einem Korrespondenten des „Berliner Tageblattes" die Mitteilung, daß das --ahkenmäßige Ergebnis der spende sich der zweiten Million nähert. Mit diesem Gelde tonne, bereits ein größeres Schiff mit Ausnahme der Gaszellen gebaut werden. Bereits jetzt würde in Friedrichshaien die Arbeit aus dem Erlös der Spende finanziert. Die Arbeiter könnten noch zwei Monate beschäftigt werden. Dr. Eckener hofft bestimmt, daß nach Ablauf dieser pvei Monate in Paris eine Entscheidung gefallen ist, die bezüglich des Luftschifityps Klarheit schafft. Zusammenstoß zweier Untergrundbahnzügc. Zwei Züge der Neuyorker Untergrundbahn, die in der Richtung Manhattan fuhren, fließen auf der Brücke vor Äilliamsburg in dichtem Nebel zusammen. 12 Personen wurden getötet und etwa dO verwundet. Reue Hochwassergefahr. Der am Samlagnachmittag in der Eifel und int Hochwald der Trierer Gegend begonnene starke Schneefall Hot auch am Montag den äanzen Tag unvermindert a n g e h a l 1 e n. Sollten plötzlich Tauwetter und Regen eintreten, so würde bei dem noch nicht normalen Stand der Flüsse die Gefahr einer neuen Hochwasserkata- strophe in unmittelbare '.Räbe rücken. Auch in der M i t t e l s ch w e i z und im Iura hielt heute der Schneefall an. Die Temperatur ist im -steigen begriffen. An einzelnen Stellen hat es bereits geregnet. TScttervsrauSsage. Meist bedeckt, westliche Winde, etwas milder, wieder zunehmende Diederschlagsneigung. Ein Ausläufer des Fallgebietes im Dorden dec britischen Inseln ist bereits bis nach Mittel- frankreich hinein vorgestoßen und öürftc auch nach Deutschland hin Raum gewinnen. Dach anfänglicher Aufklärung wird hier bald wieder stärkere Bewölkung bet steigenden Temperaturen eintreten. Einfehendes TauLetter, verbunden mit neuen Diedcrschlägen. dürfte erneuter Steigen der Wasserspiegel verursachen. Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 0,7, Minimum minus 5,2 Grab Eeisius. Heutige Morgentemperatur: Minus 4,8 Grad Sellins. Schneedecke: 10 Zentimeter. Reichsgründungsfeiern in Gießen. G testen, 19. Januar 1926. Die Wiederkehr des Tages der Reichsgründung wurde auch in diesem Jahre in unserer Stadt in würdiger Weife begangen. Die Landes-Universität hielt ihre Reichsgründungsfeier gestern vormittag in der Reuen Aula ab. Reben den Angehörigen der -Universität waren zahlreiche geladene Gäste auS dei Bürgerschaft zugegen. Feierliches Orgelvorfpiel leitete den Festakt ein, ein Chocgriang aus Mendelsfohn-Bartholdv's „Paulus" folgte. Hierauf hielt Se. Magnifizenz bet Rektor Prof. Dr. Bürker die folgende Ansprache: hochansehnUche Aestoerjammlmrg! Sehr verehrte Herren Kollegen, liebe Kommilitonen! Lasten Sie mich diese feierliche Stunde durch die Worte einleiten, die Ernst Moritz Arndt, der große Patriot, in glühender Vaterlandsliebe ge- ’dirieben hat: „Und letzt komme ich aus allen Erhebungen und Erschütterungen des Tages und aus allen Sorgen und Gefahren rech: eigentlich erst zu deinen wahren bleibenden Freuden und Hoffnungen: ich rede aus dem Herzen und zu deinem Herzen, ich steige in dein Haus, in deine Werkstätte und deine Hütte hinab, ich setze mich mit Bibel und Gebeivuch unter dein Gesinde, deine Kinder und deine Gesellen und Knechte und spräche also: „Ich bin, der da war und der da ist und der da sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit; ich bin das A und O, der Anfang und das Ende aller Dinge. Ich habe dem Adam, dem Erdmann und Urvater, den Odem meines Geistes in das Haupt und in das Herz aeblasen. ich habe das Antlitz und die Augen des sterblichen Menschen zu den Sternen gerichtet, daß er Göttliche» und Himmliches schauen und vernehmen könne. Ick) habe dir, dem deutschen Menschen, vor allen Völkern die Sehnsucht nach dem Unvergänglichen und Ewigen in die Brust gehaucht. Dies sei deine Weihe in irdischen Dingen. Durch Treue und Gottesfurcht und durch Glauben an die unvergänglichen Güter, welche allein deine unverlierbaren Hoffnungen und Anrechte find, sollst du dein Herz reinigen nnb die Einigung und Verjüngung des Vaterlandes bereiten und schaffen." Muten uns diese Worte Arndts nicht an, als wären sie uns heute zur Mahnung und Beherzigung gesprochen? Fünfundsünfzig Jahre sind verflossen, seit dem getreuen Eckart des Deutschen Volkes die Einigung und Verjüngung des Vaterlandes gelang. Damals lag In heiterem Licht die Zukunft ausgebreitet, In Herrlichkeit erstand das Reich. Doch Reid und Mißgunst weckte diese Größe, In West und Osten lauerte der Feind, Und vor des Meeres offene Tür Schob Krämergeist den Riegel vor. Das Unglück mehrt sich, da der Steuermann Vom Staotsschiff abberufen ward. Der Kapitän das Steuer selber führen wollte. Was eines Deutschen Seele nie geglaubt. In Trümmer stürzt' der stolze Bau des Reichs Rach einem Krieg mit Siegen ohnegleichen. Und wiederum gilt es, vor diesem schicksalsreichen Hintergrund der Bergangenheit die Gegenwart aufzubauen und die Einigung und Verjüngung des Vaterlandes herbeizuiuhren. Eine Wellenbewegung ist das Leben, aus den lichten Höhen der Begeisterung stürzt es uns in die dunklen Tiefen der 23er» zweiflung. Aber wie der Phönir verjüngt aus der Asche emporsteigt, durch die Flammen geläutert, so müssen auch wir uns läutern und wieder empor» ringen. Es gilt, die deutsche unverwüstliche Kraft auf hohe Ziele hinzulenken, das national Deutsche zu pflegen; unser Weltbürgerrum hat schließlich noch immer Schiffbruch gelitten: das Vaterland daher über die Partei und über das Ausland! Uns selbst ist das hohe Gut der Wissenschaft anvertraut, es zu hegen und in pflegen, es weiterzuentwickeln und nn uns selbst die höchsten Anforderungen zu stellen, ist unsere hehre Pflicht. Was Deutschland groß gemacht hat, ist nicht zuletzt seine Wissenschaft. Aber auch sie muß, wenn sie sich auswirken und ihren Siegeszug fortsetzen soll, einig und damit stark bleiben. Der Zwietrachr säende Rus: hie Geisteswissenschaft, hie Naturwissenschaft'. darf nicht ertönen, „Es ist nur Eins, woraus die Welt sich baut. Und Eins ist alles, was dein Äug' erschaut! Wenn wir im toten Stoff auch Geist erkennen. Sind Stoff und Gei st auf ewig Eins zu nennen!" Und nun Ihr, liebe Kommilitonen, unsere Hoffnung, die Ihr Euch im Schmuck Eurer Farben hier versammelt habt, dienet mit uns vereint in heiligem Eifer der Wissenschaft, daß wir erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, und helfet mit uns des Vaterlandes geistige und materielle Güter wieder zu mehren. Bergeiset aber auch nicht. Euren Körper zu stählen, das muß Euch, wie einst den Griechen in klassischer Zeit, eine heilige Sache jein. Festigt in edlem Wettstreit untereinander und mit der Umwelt den Charakter, denn es können Zeiten kommen, wo Charakter wesentlicher ist als Wissenschaft. 'Machet Euch so zu ganzen Männern, wie es der Wahlspruch unterer Alma mater Ludoviciana verlangt: Literis et armis ad utrumque parati! Wir aber wollen mit dem 1. '-Serie des Deutschlandliedes laut bekennen, wie es am heutigen Tage uns ums Herz ist: Deutschland! Deutschland über alles in der West. Und nun, meine Damen und Herren, Vom Himmel fordern wirs als eine Gunst. Daß Deutschlands Sonne wieder höher steige, Dos Vaterland in neuem Glanz uns zeige.' Im Anschluß an die mit lebhafter Zustimmung aufgenommene Rede des Rektors hielt Geh. Mediziuairat Prof. Dr. C!t den Fest-Vortrag über bas Thema: „DasAus- st erben der großen Säugetiere in der vorgeschichtlichen Zeit und der Gegenwart.“ Der Vortragende führte u.a. aus: Unter den erdrückenden Forderungen des Gewaltfriedens von Versailles befand sich auch jene der Lieferung vieler gesunder und gulgrnährter Haustiere verschiedener Gattungen an d:n Feindbund. Allein an Rindern mußten 103 000 Stück, darunter 59 000 Milchkühe, herausgegeben werden. Da dec Haustierbestand stark zusammengc-- schrumpft und von Krankheiten außergewöhnlich heimgefucht war, wird sich die nachteilige Wirkung der verhängnisvollen Auslese noch auf Jahrzehnte hinaus fühlbar machen. 1913 waren von den in Gießen geschlachteten Rindern 9,5 Prozent tuperkulös, nach dem Krieg stieg die Zahl auf 23 Prozent. Tierseuchen schlagen alljährlich dem Mark der Ration tiefe Wunden: 1923 hat das Reich durch die Maul- und Klauenseuche 127 000 Rinder und viele andere Tiers verloren. Auch Wild ist für diese Seuche empfänglich, es ist mit Sicherheit aber noch kein Todesfall durch fragt. Seuche bei Hirschen und Rehen beobacht:t worden. Aus diesen und anderen Beispielen folgert der Vortragende, daß das Wild in hohem Maße Abwehrkräfte gegen'verschiedene Infektionskrankheiten besitzt, die in der Gefangenschaft verloren gehen. DaS Wildschwein ist gefeit gegen Rotlauf. bas Hausschwein jedoch durch die schädlichen Folgen der Züchtung in einer für unS rentable Form so empfänglich für die Infektion, daß ohne das sichere Schutzimpfversahren gegen Rotlauf, defsen sich alle Kulturstaaten bedienen, die wirtschaftlichen Schäden nicht mehr tragbar wären. Djele Degenerationserscheinung erhöhte Gmpfängächtett für Infektionen — steigert sich ständig gegenüber verschiedenen Krankheiten, und neue Seuchen kommen besorgniserregend hinzu An den Folgen dieser Aenderung der Widerstandskraft gehen in späteren Zeiten einmal die Haustiere zugrunde, wenn sie nicht gleichzeitig als Wild vorkommen, gehegt und zur Blutauffrischung in der Dot herangezogen werden. Die Ausrottung der Raubtiere im 'Verein mit der forst- und landwirtschaftlichen Umge- ftaltung des Bodens hat die Degeneration des Rutzwildes zur Folge. Dem Raubwild fallen hauptsächlich die kranken und schwächlichen Tiere zum Opfer. Die herrliche und kraftstrotzende Fauna in den Wildkammern Afrikas, wo die vielen Raubtiere unter den großen Pflanzenfressern täglich ihre Beute suchen, beweist, bah die natürliche Auslese im Kampf ums Dasein den Gesetzen der Erhaltung der Art gerecht wird und die Tiere zukunstsstark erhält. Dos Recht der Auslese beansprucht aber der Mensch für sich, er strebt nach den stärksten und besten Stücken und fördert allmählich die Degeneration und Ausrottung des Wildes. Die heutigen Waffen ermöglichen dem Menschen die Ausrottung der großen Säugetiere im Wasser und zu Lande von der Eisregion bis in die Tropen. In Italien gibt es nur noch in Reservaten der Abruzzen Wild. Zur Zeit befassen sich die Italiener mit der Vernichtung der Vogelwelt. In der Tertiär- und Diluvialzeit sind viele der großen Saugetiere ausgestorben. Der Diluvialmensch hat eifrig Jagd betrieben, er fing hauptsächlich junge Tiere in Fallgruben 'Ele- phanten, Rashörner, Wildpferde, Wildrinber und Hirscharten). Mit dem primitiven Speer konnte er nur wenig ausrichten. Mit seiner Jagd- methode hat er Tierorten nicht, wie der habsüchtige Kulturmensch, ausgerottel, er brachte nicht mehr um, als er für Stillen des Hungers nötig hotte. Die Diluvialtiere sind durch Klima- Umschwung, den Wechsel zwischen Eiszeiten und warmem Klima untergegangen. Vom Riefenhirsch wird behauptet, er fei infolge einseitiger Differenzierung durch das mächtige ..pathologische" Geweih, das wie olle Hirschgeweihe jährlich abgeworfen wurde, an Säfte- verbrauch zugrundegegangen. 011 bestreitet die Richtigkeit dieser Ansicht. Durch seine Forschungen hot er ermittelt, daß die Geweihe, solange sie während des Wachstums mit der „Vasthaut" überzogen sind, eine wichtige Stoffwechselfunktion zu erfüllen haben, wobei Sonnenlicht für den Organismus nutzbar gemacht wird. 2m Rorden, wo der Sonnenhunger groß ist, gestalten sich die Geweihe als „Schaufeln" zcu Sonnenfängern aus. Weiter südlich gibt es die Stangengeweihe und in den Tropen nur ganz kleine Geweihe (dort herrschen Vie anders gebauten Hohlhörner vor). Der Damhirsch kam vorübergehend in Aegypten vor und trug in dem sonnigen Lande, wie aus Bildwerken altägyptischer Kunst hervorgeht, nicht bas bekannte Schaufelgeweih, sondern ein Stangengeweih. Der Riesenhirsch hat, als in den Eiszeiten der Rordpol nähergerückt war, aus Hunger nach Sonne das gigantische Geweih bekommen. Es ist anzunehmen, daß auch er an den Folgen des Klimaumschwunges zugrunbeging, wenn er auch noch in wenigen Exemplaren bis in die postdiluviale Zeit hinein in Pommern und Irland gelebt hat. Der europäische Bison iDisent) und der amerikanische Bison sind aus einer Art hervorgegangen. Letzterer trennte sich von dem bodenständigen Wisent, wanderte durch Asien und über die damals vorhandene Landverbindungen in die Prärien Amerikas ein. Dort vermehrte.er sich zu Millionen. Als der Kulturmensch in Amerika emdrang, kam für den Bison eine Zeit, die schlimmer war als all das große Erdgeschehen der Tertiär- und Diluvialzeit. Millionen BisonS wurden krankgefchofsen und sind verludert. Von den erbeuteten Tieren wurde nur die Haut verwertet.. In letzter Stunde hat sich bann eine Gesellschaft zur Rettung des Bisons gebildet, die ihn iM hinderen Reservaten noch hegt. Der Wisent, den unsere Vorfahren in Germaniens Wäldern noch allgemein gejagt haben, ist durch die Wirren des Völlerkrieoes in freier Wildbahn verschwunden. Eine durch Herrn Dr. Priemel, Direktor des Zoologischen" Gortens in Frankfurt o. M., angeregte internationale Gesellschaft strebt die Vermehrung der in Gefangenschaft noch befindlichen Wisente an und will dem im Aussterben begriffenen letzten europäischen Wildrinde später die Freiheit wieber- geben. Der Ur oder Auerochs, der Stammvater unseres Hausrindes, ist 1627 ausgestorben. Obwohl bas Rind durch harte Arbeit die Schätze des Bodens heben hilft, unS die wertvollstes Rahrungsmittel und das unentbehrliche Leder für die Fußbekleidung liefert, hat sich noch kein Staat mit der Frage befaßt, ob nicht biefeml nützlichsten unserer Haustiere wieder ein Heimgegeben werden müsse, wo es vollkommen verwildern kann und wieder zukunftsstark wird, damit später einmal in Zeiten der Rot Blüh- auffrifchungen unseres Hausrindcs vorgenommen werden können. Gleiches gilt für alle wirtschaftlich wertvollen Haustiere. In der ernfeitigen Einstellung auf weitestgehende Ausbeutung der Tiere übersieht der Homo sapiens die Pflichten gegen die Tierwelt und die Gebote, welchen den Gesetzen der Erhaltung der Arten Rechnung zu tragen haben. Rach dnn eindrucksvollen Chor aus Haydn's ,Schöpfung" schloß weihevolles Orgelspiel die festliche Stunde. Die Vereinigung der Vaterländischen Verbände Oberhessens hatte zu einer Reichsgründungsfeier auf Sonntag nadjmittaa in die Turnhalle am Oswaldsgarten eingeladen. Her Aufforderung war sehr zahlreich Folge geleistet worden; neben den Bürgern aller Schichten und Berufe war insbesondere die akademische Jugend recht stark vertreten. Die Kapelle Topp leitete die Veranstaltung mir den schneidigen Klängen des Hohenfriedberger Marsches em. Danach hielt der Vorsitzende, Studienral Dr. Lenz-Gießen. die Begrüßungsansprache, m der er nach herzlichen Willkommensworten an die Dersammluna und den Redner des Tages die Notwendigkeit dieser Feiern auch und gerade in dieser Zeit betonte. Unser Volk dürfe sich nicht an die heutigen Elendszustände gewöhnen. Heute, unter Versailles Dawesgutachten und feindlicher Besatzung, Unterdrückung unserer Brüder jenseits der Rheingrenzen, könne noch nicht vom wahren Frieden gesprochen werden. Besonders Italien sollte man für seine schamlose Gewalt gegen die Deutschen in Südtirol durch den Boykott der italienischen Waren und die Unterlassung von Reisen zeigen, daß das Deutschtum nicht ganz wehrlos ist. (Lebhaftes Bravo.) Auch innerpolitisch sehe es trüb aus. Redner zeigte so mancherlei Enttäuschungen auf, die uns die neue Staatsordnung gebracht, er betonte aber weiter, auch der gut monarchisch Gesinnte könne nicht wünschen, daß sämtliche frühere Dynastien wieder auf den Thron gehoben würden. Jetzt gelte es, unser staatliches Leben weiter zu entwickeln. Das deutsche Volk könne nur wünschen, daß ihm zu dieser Aufbauarbeit deutschblütige Führer erstehen, die es aus dieser Not emporreißen zu besseren Zeiten. Für diesen Führer müsse die Gefolgschaft heute schon gesammelt werden. Es heiße zusammenstehen gegen die Kräfte des Internationalismus und des Materialismus für ein fchwarz- weißrotes Deutschland im Geiste Bismarcks. Im Anschluß an die mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede fang die Versammlung gemeinsam „Ich hab' mich ergeben". Darauf spielte die Kapelle den Alexandermarsch. Anschließend hielt der Reichstagsabg. Geheimrat Dr. v. Dryander-Verlm die etwa einstündige Festrede. Einleitend betonte der Redner den schweren Ernst dieser Zeit. Zwar habe unsere staatliche Konsolidation Fortschritte gemacht, und unser Ansehen in der Welt fei wieder im Steigen, aber die wirtschaftliche 'Rot drücke schwer auf das ganze Volk, das dennoch die Nerven behalten und sich vor Unüberlegtheiten hüten müsse, die unser Land durchaus nicht gebrauchen könne. Weiter bedrücke uns die bittere nationale Not, die wir nicht nur in den Drangsalierungen Deutfd)» lands durch die Siegerstaaten, sondern auch in den unerhörten Verfolgungen unserer Stammesgenossen in anderen Ländern empfinden. Als drittes komme die Not der Geister und der Herzen hinzu. Für Millionen Deutsche sei es unmöglich, sich in dem heutigen Parteiwesen zurechtzu finden. Der Redner warf hier einen tiefschürfenden Rückblick auf die Entstehung Preußen-Deutschlands bis zum Aufstieg Bismarcks, aus das gewaltige Werk des Altreichskanzlers, dis auf strengste Zucht und Ordnung auf» gebaute altpreußische und deutsche Staatsaufsassung, die es dem großen Kanzler ermöglichte, das Werk des 18. Januar 1871 zu vollbringen und es dann so stark zu machen, daß es weit‘über seine Zeit hinaus allen Stürmen und Anfechtungen standhalten konnte bis zu der Katastrophe vom November 1918. Wenn Deutschland erhalten werden solle, müsse es zurückkehren zu den großen Zielen und erhabenen Grundsätzen, die mit den besonderen Le- bensbebingungen Deutschlands verknüpft seien, und die in dem Bismarckschen Reiche ihre Verwirklichung gefunden hätten. Zu diesem Zwecke müsse vor allem eine über den Parteien stehende starke Staatsgewalt geschaffen werden, die alle Kräfte des Volkes straff zusammensasse. . Der Redner rühmte weiter die Tätigkeit der Rechtsregierung im vorigen Jahre, die ftd) innen- und außenpolitisch außerordentlich bewährt habe, und er hob als zweites hervorragendes Merkmal des Vorjahres bie Wahl Hindenburgs Mim Reichspräsidenten hervor. Aus den Parlamen- isn werde die Geiundungsbewegung für unser Ba- icrland sicher nicht hervorgehen, trotzdem aber müsse in den Parlamenten und in den Parteien mitgear. beitet werden, und im übrigen sei dafür zu sorgen, datz die Sammlung aller nationalen Strafte zu irieblidjer Ifmeueningsarbeit mit Eifer erfolge. Wir mären schon viel weiter, wenn wir vor den Unüberlegtheiten eines Kapp-Putsches und dem Münchener !' November bewahrt geblieben waren. Die Brauseköpfe mühten gezügelt werden, alle Strafte seien zu i libiger nationaler Aufbauarbeit heranzuziehen. Mit einem Gruß an die deutschen Brüder und Schwestern in den uns geraubten Gebieten und mit der Hoffnung, daß es aller Rot zum Trotz auch für unier Land wieder aufwärts gehen wird, schloß der Redner seine eindrucksvolle, mit lang anhaltendem Beifall aufgenommene Ansprache. Der gemeinsame Gesang des Deutschlandliedes und des Niederländischen Dankgebetes und einige ichneidige Märsche der Kapelle Topp bildeten den Ausklang der Feier. Die Gießener Landsmannschaften Am Samstag feierten die drei Gießener Landsmannschaften die Wiederkehr des Reichsgründungstages in besonders festlicher Weise. Mit eindrucksvollen Worten stellte Pros. Dr. Knell das Früher und. Jetzt und dem Sparer gegenüber und ermahnte zur Treue gegen das Vaterland: obgleich es so tief darnieder- liege, müssen wir trotz a.lledem an die bessere Zukunft glauben. Die feierlichen Klänge des Deutschlandliedes und des Landesvaters gaben dem Treu^chwur der jungen und alten LanoS- mann^chafter weihevollen und würdigen Ausdruck. Aus der Provinzialhauptstadt. Gießen, den 19. Januar 1926. Hinrichtung des Mörders Adolf SteuL Heute früh 51 Uhr wurde in der Zellenstrafanstalt in Butzbach die Hinrichtung des Metzgers Adolf Steul von Bellersheim voll- zogen. Steul hatte bekanntlich im September 1924 die Elisabeth Wirth von Muschenheim, mit der er ein Verhältnis unterhielt, das nicht ohne Folgen geblieben war, in der Nähe von Bellersheim ermordet. Nach der Tat war er flüchtig gegangen, Anfang April 1925 aber in Frankfurt a. M. verhaftet worden. Das hiesige Schwurgericht verurteilte ihn am 28. Juli o. I. zum Tode. Steul war bei seinem letzten Gang ruhig und gefaßt. Bornotizen. Tageskalender für Dienstag. Stadttheater: V/9 Uhr „Der Glückspilz" (Ende g ■ , iUjr). — Gesellschaft der Gießener Kunstfreunde und Gesellschaft für Grd- und Völker- funbe: 8l/s llljr Große Aula der Universität Lichtbildervortrag „Chinesische Kunst". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Tragödie". — Stadttheater. Um vielseitigen Wünschen zu entsprechen, ist auch ein beliebtes älteres Lustspiel dem Spielplan einoerleibt worden, und zwar sind es Ludwig Fuldas „Jugendfreund c", die morgen im Mittwochabonnement neueinstudiert wieder in* Szene gehen. Das Werk wird unter der Spielleitung von Herrn T e l e k y vorbereitet, in den Hauptrollen find die Damen Oßke, Andre, Heym und Krahmer, sowie die Herren Goll, Geffers, Juhnke und D a ft e auf der Szene. — Volkshochschule Am kommenden Freitag, 22. Jan., beginnt der bereits im Arbueitsplan angekündigte Kursus „Hautpflege". Er wird an Hand zahlreicher Lichtbilder eine Reihe sehr wichtiger Fragen dem Gebiet der Gesundheitspflege behandeln. Näheres ist aus der Anzeige in der heutigen Nummer zu ersehen. — Die Vortrags -Vereinigung bittet unS, darauf hinzuweisen, daß der am Donnerstagabend stattfindende Vortrag über „Wanderungen durch Norwegen" auch durch Filme illustriert werden wird. (Siehe gestrige Anzeige.) — Hermann Löns-Abend. Man schreibt uns: Am Donnerstag, 21. d. M. abends 8.15 Uhr liest Fräulein Hanna F u e ß aus Celle im Vortragssaal der Buchhandlung Keißner aus den Werken von Hermann Löns. Die Vortragende, die <5'.'?aantic des zweiten Gesichts, ist nicht allein dem großen Kreis des Lons- freunde als berufene Kennerin unb Interpretin bekannt, sie dürfte auch in weiteren Kreisen Aufsehen erregen. Die Vortragende versteht mit derartiger Gefühlswärme vorzulesen, daß Hermann Löns in den Herzen der Zuhörer eine Auferstehung feiern wird. « •• Weitere Frankaturfähigkeit der Wohlfahrtsmarken. Am 15. San. wurde der allgemeine Verkauf der letzten Serie der deutschen Wohlfahrtsmarken an den Post- schaltcrn eingestellt. Die Marken haben i doch auch noch weiterhin Frankaturgültigkeit für alle Poslstationen nach dem In- und Ausland. Briefmarkensammler und sonstige Interessenten, die noch nicht im Besitz der Marken sind, können diese noch weiter durch die Deutsche Aothille und durch die Organisation der Freien Wahlfahrtspflege beziehen. , •* Der Vortrag über di c Afrikafahrt d e s L. 5 9. Zu der Vorgeschichte des Vortrages über die Afrikafahrt des Marineluflschiffes L.59 schreibt uns Herr Geh.Rat König im Anschluß an unseren Bericht vom Samstag: „Bei Gelegenheit eines Besuches der Zeppelinwerst .in Friedrichshafen im vorigen Sommer erkundigte ich mich, wer von den Teilnehmern der großen Afrikafahrt noch lebe und vielleicht für einen Vortrag über diese Fahrt zu gewinnen sein könnte. Die Herren nannten mir Herrn Geh. Medizinalrat Zupitza. Nachdem ich mir dessen Adresse durch das Auswärtige Amt verschafft hatte, fchrieb ich zu Beginn des Winters an Herrn Zupitza nach Dresden und bat ihn, uns im Laufe des Winters mit seinem Besuche und einem Bortrag über die große Zeppelinfahrt zu beehren. Er antwortete, daß er leider ablehnen müsse, da er aus Gesundheitsrücksichten die weite Reise im Winter nicht unternehmen könne. Er emp- fahl mir statt seiner als Vortragenden Herrn Ingenieur Goebel, der das ganze Material über die Fahrt in seinem Buche verarbeitet habe. Er muß gleichzeitig Herrn Goebel von unserem Wunsch in Kenntnis gesetzt haben, denn ehe ich mich noch HMHbkanaannMMaaMHaMMBaDHmi''TBii an Herrn Goebel gewandt hatte, bot mir bereits die Vortragsabteilung des Verlags Köhler & Ame- lang in Leipzig den Vortrag des Herrn (Suchet an unter gleichzeitiger Einsendung einiger höchst anerkennender Zeitungsberichte aus anderen Städten, in denen der Vortrag bereits gehalten worden war. Im Verlauf der Verhandlungen fragte Herr Goebel, ob er vor einem mehr technisch geschulten oder vor einem allgemein gebildeten Publikum sprechen würde, und ich bat ihn, den Vor trag allgemein verständlich zu halten, und fügte die Bitte hinzu, von jeder politischen Einstellung ob- zuiehen. da die veranstaltenden Vereine durchaus unpolitischer Narur wären. Die Vereine, die den Vortrag veranstaltet haben, bedauern, daß die Art des Vortragenden stellenweise Anstoß erregte, und glauben besonders den Türken, die anwesend waren und sich durch die Bemerkungen des Redners verletzt fühlten, diese Erklärung schuldig zu fein.“ Don den türkischen Studierenden in Gießen erhalten wir eine Zuschrift, der wir folgende Sätze entnehmen: „Den Vortrag des Herrn Goebel über die Fahrt des L 59 nach Afrika haben auch wir gehört. Die ungewöhnliche und bedauerliche Beweise dcS Vortragenden über unser Land veranlaßt uns zu folgender Demerktmg: Unser Land, das bis in die neueste -Zeit den weilen Europäern als ein Märchenland galt, dem die geschickte Propaganda feiner politisch interessierten Feinde jeden Schaden zuzufügen vermochte, ist durch den Krieg in seiner wahren Gestalt bekennt geworden. Denn dieser hat uns mit Deutschen, Oeslerreichern unb Ungarn in engste Berührung gebracht, und die Zeit war lang genug, um den Angehörigen der verbündeten Länder Gelegenheit zu geben, sich näher kennen zu lernen. Und wir glaubten, daß gerade die Deutschen bestrebt waren, ihre Freunde zu verstehen. Um so größer war unsere Ueberra- schung und unser Bedauern darüber, daß Herr Goebel dauernd bemüht war, ein Publikum, welches gewiß Anderes und Wahres hören wollte, mit schlechtem Scherz und Witz über unser Vaterland zu unterhalten. Wir lassen dahingestellt, ob es sich hier gegen feindliche Propaganda gegen unser Land handelte oder nicht und Überlassen im übrigen den deutschen Hörern des Vortrages das Urteil darüber, ob es geschmackvoll war, auf ein in der Moschee zu Konstantinopel den Ramen Gottes tragendes Schild biniKutenb zu behaupten: „Das heißt soviel, als kommt der Berg nicht zum Propheten, fo kommt der Prophet zum Berge." Wir begnügen uns hier mit diesem einen Hinweis auf das Benehmen des Herrn Goebel, obwohl über seine Taktlosigkeiten leider noch viel mehr gesagt werden könnte: denn wir sind überzeugt, daß es auch in Gießen genug ruhig und gerecht deutende Deutsche gibt, die aus ihrer int Kriege erworbenen Kenntnis der Türkei heraus für utrs eintreten werden. Bei Herrn Goebel müssen wir freilich sehr bezwei- teln. ob er selbst je mit Türken in Berührung gekommen ist." ** Oberhcssischer G e s ch i ch t s v e r e i n. Man schreibt uns: Am morgigen Mittwoch wird, wie wir schon berichteten, in der Neuen Aula der Universität Herr George Seibel aus Pittsburgh einen Vortrag halten: „Kriegerlebnisse eines deutschen Zeitungsmannes in Amerika.* (Der- gleiche die heutige Anzeige.) — Herr Seibel ist, wie schon sein Name verrät, ein Deutschamerikaner. Sein aus Dudenhofen bei Darmstadt stammender Vater ist s. Z. in die Vereinigten Staaten ausgewondert, wo Georae Seibel geboren ist. Lange Ja^re ist Herr Seibel Redakteur des „Dolksblatts unb Freiheitssreundes* in Pittsburgh gewesen. Er ist ein guter Renner des Denn tu ms unb feiner Literatur in Deutschland und Amerika, unb gehört zu den Führern der Deutschen, die sich noch dem Kriege in dem nach dem berühmten deutschen General Steuden genannten Verein zusammenge- schlossen haben, um nicht wieder, wie im Weltkrieg, durch die englischen Elemente der Bevölkerung voll Üänbiq an die Wand gedrückt zu worden. Richt nur tu Amerika hat Herr Seibel sich durch seine Arbeiten unb Veröffentlichungen über Shakespeare, überhaupt über Uterartzche Themen einen Namen aemaegt Eine bedeutende Rolle spielt er auch in (einer Eigenschaft als Präsident des großen omeri- fom'-'ien Tmnerbundes. mit der er (eine fetzige Reise in Deutschland zusammenhängt. Zum Schluß mag noch erwähnt sein, daß gerade Gießen eine , Veranlassung hat. Herrn Seibel und seine Tätigkeit für das Deutschtum im Ausland zu beachten, weil er es war, der in der deutschen Notzeit durch Sammlungen in seiner Zeitung einen namhaften Betrag für die hiesige Universitätsbibliothek ausgebracht hat. So bedarf es wohl keines weiteren Hinweises mehr, daß er sich, trotzdem seine Wiege jenseits dos Ozeans fand, stets (einer Herkunft, feines hek'-'chen Blutes bewußt geblieben ist. — Dem Vor trag wird, wie wir hören, von den verschiedensten Seiten lebhaftes Jnteresie entgegengebracht, (o daß mit großer Beteiligung zu rechnen ist. Die Persönlichkeit des Redners unb feine frühere Stellung als Redakteur bieten die Gewähr, daß man manches über Amerika während des Krieges hören iui.., das uns Deutschen bisher unbekannt geblieben ist. ” Der Verein für Sterbe unter* (tühung hielt am Sonntag seine 36. ordentliche Generalversammlung ab. Aach dem Geschäfts- und Kassenbericht verstorben im ®e- schäftsjahr 1925 28 Mitglieder, deren Andenken in üblicher Weise geehrt wurde. An die Hinterbliebenen der Verstorbenen wurden 8400 Mk. Sterbegeld ausgezahlt, oder 300 Mk. für jeden Sterbefall. Der Verein wurde im Jahre 1889 gegründet und tm Jahr 1906 nach neuen Satzungen umgestaltet. Er zählt am Schlüsse deS Rechnungsjahres 1925 1707 Mitglieder und vereinnahmte an Beiträgen (einschl. Kassen bestand aus dem vorhergehenden Jahr) 15 493 Mk.. denen an Ausgaben 10514 Mk. gegenüber» standen. Im Hinblick auf den günstigen Rechnungsabschluß konnte dem Antrag des Vorstandes und Aufsichtsrates, das Sterbegeld von 300 aus 350 Mk. zu erhöhen, ohne weiteres zu- gestirnmt werden. Aus den Erläuterungen deS Geschäftsberichtes war zu entnehmen, daß hie ältesten Mitglieder, also die 1889 ein getretenen, bisher je 175,75 Mk. Beitrage entrichtet haben, wofür ihnen nach der jetzt genehmigten Erhöhung der Sterbegelder 350 Mk. Unterstützung zustehen. Bei einem Beitrag von 25 Pf. für jeden Sterdefall steuert danach das Mitglied knapp 2 Pf. pro Tag bei. ein Betrag, den sich der Unbemitteltste leisten und damit seine Angehörigen im Falle des Ablebens vor der augenblicklich höchsten Rot schützen kann. Vorstand und Aufsichtsrat wurden durch Zuruf einstimmig wiedergewählt. Frische Hansa Handelsschule /. Kunzeimann Citsiien.Bohnhotsu 00 vorm, Hennes Nene Kurst Anmeldung tdglidh.. Mittwoch und so! nenbe Tage. ÜNOc LUS'« Bahnhofstraße 51) Telephon 66. 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Von Beileidsbesuchen bittet man Abstand nehmen zu wollen. 572D Bekanntmachung betr.: Die Errichtung einer Satzung süc den Bezirksfürsorgeverband und das Jugendamt der Stadt Gießen. Unter dem Namen »Gießener Fürsorgeordnung', Satzung für den Bezirksfürsorgeoerband und die öffentliche Wohl- sahrtspflege der Provinzialhauptstadt Gießen vom 29. Dezember 1925, ist für den Dezirksfürsorgeverbau d und das Jugendamt der Stadt Gießen eine Ortssatzung errichtet worden. Sie beruht auf den Be- schlüssen der Stadtverordneten-Bersamm- lung vom 13. Mai und 18. Dezember 1925. Der Kreisausschuß zu Gießen ist am 20. Juni 1925 gutachtlich gehört worden. Der Herr Minister des Innern Hot unter dem 9. Rov. 1925 und der Herr Minister MrArbeitund Wirtschaft unter dem 4.Rov. 1925 seine Genehmigung erteilt. Die Orts» sahung ist am 1. Januar 1926 in Kraft getreten. Gemäß Artikel 15, Abf. 3, der Städteordnung für den Dolksstaat Hessen vom 3. Juli 1911 in der Fassung vom 15. April 1919 wird sie hiermit zur öffent» liehen Kenntnis gebracht Sie liegt in der Zeit vom 20. bis 22. Januar 1926 im Stadthaus. Gartenfirahe 2, Obergeschoß, Zimmer Rr. 17, zur Einsicht für jedermann aus. 580B Der Oberbürgermeister. I. D.: Dr.Frey. Bekanntmachung. Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß das vom Schwur» gericht der Provinz Oberhrffen am 29. Juli 1925 gegen den Metzger Adolf Steul von Bellersheim erlassene Todesurteil heute vormittag 1 6 Uhr in der Zellenstrafanstalt in Butzbach vollstreckt worden ist. Gießen, den 19. Januar 1926. Hessische StaatSanwaltschast. Fischer. 597D Arbeitsvergebung. Für die Feldbereinigung Harbach sollen Montag, den 25. Januar 1926, vormittags 10 Uhr, auf der Bürgermeisterei zu Har» bad) Fuhrleistungen zu 327.— Mk., Drai- nagearveiten zu 3108.— Wk., Liefern von Pflöcken zu 21.— Mk. veranschlagt in einzelnen Losen vergeben werden. Die Verdingungsunterlagen liegen aus Hess. Bürgermeisterei offen, wohin die Angebote in Prozenten des Voranschlags verschlossen, mit entsprechender Ausschrift versehen, postfrei bis zum Gröffnungs- termin einzureichen sind. Zuschlagsfrist 3 Wochen. Gießen, den'16. Januar 1926. Hessisches Kuliurbauamt I. V.: Mangold. 5641) ^agdverpachlung^ Tie Geincindejagd, Feld» und Waldjagd der Gemeinde Rudingshain wird am Donnerstag, dem 4. Februar 1926, nachmittags 1 Uhr, in der Wirtschalt von Heinr. Dambmann IV. Witwe in Gesamtfläche von etwa 670-700Hektar auf 6 Jahre verpachtet. Revier grenzt größtenteils an Staatswaldungen. Nächste Bahnstation Schotten, etwa 31/, km von der Reviergrenze. Kraftpostverbindung Schotten und Lauterbach. Bedingungen werden bei der Verpachtung bekannt- gegeben. Bürgermeisterei Rudingshain. Hartmann.______532D Der Voranschlag der Feldgemarkung Obersteinberg liegt vom 19. bis einschl. 26. Januar 1926 auf der Bürgermeisterei Watzenborn-Steinberg offen. Es wird eine Umlage erhoben, zu der auch die Ausmärker beizutragen haben. Einwendungen können während dieser Zeit hiergegen daselbst vorgebracht werden. Der GemarkungSvorsteher. gez. Schäfer. 566D Preiswerte Erstlingswäsche Hemdchen.......0.65 bis 1.50 Jäckchen . .......0.60 bis 2.00 Lätzchen........0.40 bis 1.00 Windel-Höschen . . . . 2.00 bis 2.40 Gummi-Schlupfhöschen1.75 bis 2.20 Gestrickte Höschen . 1.20 bis 3.00 Mull-Windeln......0.60 bis 0.90 Wickeldecken.....1.20 bis 2.40 weiß und farbig Nabelbindchen „Ideal“.....0.35 Durchsteck-Röckchen 2.50 bis 5.00 Gestrickte Röckchen......1.35 Tauf-Kleidchen.....3.50 bis 7.00 Reichhaltige Auswahl Nur erstklassige Fabrikate! Markt 16 Zweiggeschäfte: Hillebrandstraße 2 558^ Bahnhofstraße 45 Jagd-Verpachtung. Die am 31. Januar 1926 leihfällige Jagd der Gemeinde Staufenberg soll Donnerstag. den 28. Januar d- IS., nachmittag« 2 Uhr auf der Bürgermeisterei dahier aus weitere 6 Jahre verpachtet werden. Das Jagdgebiet besteht aus 240 Hektar Wald, 454 Hektar Acker- und Wiesenland und grenzt an die Haltestelle Täublingen, die Haltestelle Sciedelhausen der Strecke Frankfurt —Kassel liegt tm Jagdgebiet, ferner ist das Jagdgebiet von der Bahnstation Lollar in 10 Minuten zu erreichen. Staufenberg, den 18. Januar 1926. Hessische Bürgermeisterei: Meyer. 5920 Zagoverpachtung. Dienstag, den 2. Februar d. I., nachmittags 2' , Uhr, soll auf hiesiger Bürgermeisterei die der Gemeinde Londorf zustehendeWald- und Feldjagd auf weitere 6 Jahre verpachtet werden. Londorf, den 17. Januar 1926. Bürgermeisterei Londorf. Qlumann._______5630 Bekanntmachung. Der Voranschlag für 1926 liegt vom 20. d. M. ab eine Woche auf dem Amtszimmer des Bürgermeisters zur Einsicht offen. Einwendungen können während dieser Zeil schristlich oder mündlich zu Protokoll erhoben werden. Es ist die Erhebung einer Umlage beschlossen, zu der auch die AuSmärfer beizutragen haben. TreiS a. d. 26a.. den 18. Januar 1926. Bürgermeisterei Will. 5650 WMgM der Stadt und des Kreises AM .--»MsLAkMl nach amtlichem Material bearbeitet Ausgabe 1925/26 ca. 600 Seiten stark, in dauerhaftem Einband, im Herbst erschienen, ist zum Preise von RM. 12.- zu beziehen durch die Sdwfestotereieii'S Sediat oder die Derlagsabteilung der Firma BllllUtlinlet, Siegen Am Bahnhof 6: Fernsprecher 2251-55 Richard Loewenthal & Co Bahnhofstr. 1 BEB Erhebliche Preisherabsetzung, besonders bei zurückgesetzten Waren 67BD Ihre Verlobung geben bekannt Neuen Aula der Universität: 549D Birklar Neuyork-Tity Neuyork 0R77 5topf Vortrag Gastspiel ErikaGraf 1.00 0.70 Stütze Sauerkraut Saalkasse 470h IM, lä1926 Alle Interessenten werden freundl. eingeladen. Kein Hnslen mehr! Eintritt frei. Eintritt frei. 'a Radioklub Giehen straste 80. 585D mit Demonstrationen 570D Alle Rundfunkteilnehmer ntflHen diesen Vortrag besuchen. Cafe Amend PHONE [62D l II. F III. [Verschiedenes I Vermietungen [ c) Tüchtige Verkäuferin Lt. mbl. Miner d) 10405 zu verm. 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Zugleich bitten wir unsere Mitglieder, recht zahlreich an dem am Mittwoch abend in der Neuen Aula etattfindenden Vortrage des Herrn Seibel über „Kriegserlebnisse eines deutschen Zeitungsmannes in Amerika#1, teilzunehmen. 589 ) Freitag, den 22. Januar 1926, abends 87« Uhr, lm Hörsaal des phyfikal. Instituts, Stephansttahe 24. Dortrag non ßemi Änriit vi. Sevßtl: „lieber Rückkopplung" {Stellengesuche) Scblosser-Chaoffeur der alle vork. Reparaturen selbst aus- führt, sucht Stellung. Derselbe tst23Jahre alt, ledig und ist trn Besitze deS Führerscheins 24-3 b, sowie la Zeugnisse. Angeb. sind HÜfl. erbeten an Karl Schmidt, Bommern an der Ruhr, Bommerseld- \ waWessel und \ Ofen zu verkaufen. 0383 Wolkengasie 23. Gebr.Sofa neu bezogen, billig abzugeben. 0380 Ludwlastraste 14 Hinth. tvart.s. Habs ein zwetfpän- nigeS, schönes Echellengeläute auf Kammdeckel auszuschrauben, zu verkaufen. Zu erfragen in der Geschäftsstelle deS Giest. Anz. 588D Vertreter zwecks Mehlabsah. 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Während also die temalistische Regierung sich inner- und außenpolitisch von ihren Weggefährten getrennt hat, ist der erwartete Erfolg durchaus ausgeblieben. Die Türkei wird von den Kolonialmächten weiter mit Uebelwollen und Mißtrauen betrachtet, erstens, weil man ihr die zur Schau getragene Harmlosigkeit (abroobl die Kemalisten in diesem Punkte ehrlicher als klug sind) nicht recht glaubt und ferner, weil die politische Entwicklung sie immer weiter in die Arme eines gefährlicheren Freundes — Moskau —, dessen Einfluß immer deutlicher wird, drängt. Das nennt man wohl von der Scylla in die Charybdis gelangen. Das Bündnis mit den Bolschewisten wird sich noch in seiner ganzen Gefährlichkeit erweisen, ebenso, daß bei aller Ablehnung eines s o r t s ch r i t t h e m - menden Fanatismus doch die einzige natürliche und für den Kampf gegen den Imperialismus der Kolonialmächte brauchbare Kraftquelle in der gegebenen Solidari- Englands und damit ben Ausgang der Lausanner Friedenskonferenz entscheidend beeinflußt hat. Sie glaubten und glauben noch, daß das Anziehen des europäischen Kostüms ihnen Ansehung und Weltgeltung verschaffen würde, während dies in Wirklichkeit in jenem Europa, welches mitzcihlt, nur ein Gefühl auslösen muß, wie der Anblick eines Kongo- menfd)en mit Nasenring und — Chapeau claque. Man hat vor einiger Zeit den Verfasser einer Broschüre, feinen Verleger und alle jene Buchhändler, welche diese Broschüre, deren Verkauf, nebenbei bemerkt, niemals verboten worden war, vertrieben hatten, vor das 'Ausnahmegericht gebracht, weil sich darin folgende Stelle findet: „Eine kleine unbedeutende Gruppe begann vor einiger Zeit bei uns im Namen der Zivilisation und der Freiheit gerade die schlechtesten Seilen der westlichen Sitten nachzuäffen und die Prostitution, die Trunksucht, den Tanz und die Unmoralität 311 propagieren. Diese Leute suchen die moralischen Tugenden des Islams zu zerstören und den Geist des Volkes durch die von Europa entlehnten Unmoralitäten zu korrumpieren, oie gebärden sich als die Vorkämpfer der westlichen Zivilisation, um Siegfried Becher t Don Dr. H. Erhard, Professor an der Universität Gießen. tor des Zoologischen Instituts der Universität Gießen: im Herbst 1925 ging er in gleicher Eigenschaft nach Breslau. Becher hat es oft betont, wie sehr er sich gefreut hat, nach seinem lieben Gießen, das ihm zur zweiten Heimat geworden war, zu kommen: schweren Herzens riß er sich von hier nur deshalb los, weil ihm an dem größeren Breslauer Institut mehr Arbeitsgelegenheit geboten war als in den bescheidenen Gießener Verhältnissen. Als Mensch war Becher eine stille innerliche Natur von feinstem Empfinden, edelster Herzensbildung und höchstem Verantwortlichkeitsgefühl. Als Lehrer verstand er es wie kaum em anderer, den Schüler in die schwierigsten Probleme der Biologie einzuweihen, auf dem einfachen und doch so tiefen logischen Ausbau seiner Vorlesung und ihrer sprachlichen Meisterschaft beruhte Bechers natürliche Beredsamkeit. Sein wissenschaftliches Werk ist on Vielseitigkeit bei gleichzeitiger Gründlichkeit unübertroffen. Der 22iährige schrieb bereits eine philosophische Abhandlung „Erkenntnistheoretische Untersuchungen zu Stuart Mills Theorie der Kausalität", im gleichen Jahr und in den folgenden Jahren arbeitete er systematisch über Stachelhäuter. Bechers klassifikatorische Untersuchungen beschränken sich nicht auf äußere und innere anatomische Betrachtung seiner Objekte, er untersucht auch ihre physikalischen Eigenschaften, die statischen Strukturen und die tristalloptischen Eigenschaften, mit dem Polarisationsmikrostop (1914). Indem er das Skelett der Stachelhäuter mit Terpineol durchtränkte, konnte er es wie ein Nicol zur Herstellung von polarisiertem Licht verwenden. Das Jahr 1915 bringt feine in ben .Annalen der Physik" erschienene Arbeit --Ueber den Astigmatismus des Nicols und feine Beseitigung im Polarisationsmikroskop". Er beseitigte bie B'lb- verzerrung im Polarisationsmlkrofiop durch Verwendung eines von ihm errechneten Fernrohrokulars, eine Erfindung, die dann patentiert wurde und die Lei tz zuerst anwandte. Der große^ Physiker Wien (jagte einmal gelegentlich einer Berufung, man^ättc Becher ebensogut als Physiker wie als Zoologen vorschlagen können. Von Becher stammen viele mikro technische Verbesserung en. 1913 gab er wesentliche Verbesserungen für das Le itzsche Grundschlittenmikrotom an und schrieb mit Dein oll eine „Einführung in die m^roskopisthe Technik". Beide Verfasser waren so bescheiden hre Namen bei den von ihnen neu entdeckten Methoden nicht zu nennen. 1916 entdecktes e ch e r einen neuen Finder für mikrolkomlch- ' jetzt Leitz herstellt, ' ' ■ machte er in seiner letzten ersten Halbjahr 1926 blickt die französische Industrie, und zwar Schwerindustrie wie Maschinenindustrie, voller Ruhe und Zuversicht entgegen. — Weniger aber der zweiten Hälfte des Jahres. Die Aussichten für den Export werden ungünstiger, außerdem verringert sich die innere Kaufkraft des Landes zusehends. Die allgemeine Preissteigerung macht sich immer fühlbarer, im Großhandel wie im Kleinhandel. Die Indexziffern für den Großhandel fliegen im Monat Dezember um 28 Punkte höher als im November 1925. Sie betragen (bei einer Basis von 100 im Jahre 1914) 616 gegenüber 618 Ende November und 514 Ende Oktober 1925. Die Preise zogen besonders an für Fleisch, Kolonialwaren und Textilien. Dementsprechend fliegen auch die Kleinhandelspreise. In Paris z. B. auf 163, gegenüber 1-14 im November und 108 im Januar 1925. Ein wichtiger Maßstab für die Beurteilung der Marktlage waren in Frankreich von jeher die Eisenbahnstatistiken. Trotz erhöhter Tarife weisen die Eisenbahnen zum Teil jetzt Rückgänge ihrer Einnahmen auf Die Zechen Nordfrankreich:- erhöhten die Kohlenpreise feit dem 1. Januar 1926 um 5 bis 6 Franken bie Tonne, die Zechen des Saargebiets erhöhten ihre Preise allgemein um 4 Prozent. Sämtliche Schifsahrtsgesellschaften er- höhten ihre Tarife und kündigten alle laufenden Verträge. In diesem Zusammenhänge gewinnt bie Frage der Handelsbeziehungen Frankreichs mit Rußland erhöhte Bedeutung. Da Deutsch- land in den ersten sechs Monaten des Jahres 1925 für 70 Millionen Goldrubel Waren nach Rußland geliefert und für 114 Millionen bezogen hat, da der Umsatz mit Amerika in neun Monaten sich auf 61 Millionen Dollar beläuft, da Italien schließlich im ersten Semester des lausenden Jahres für 500 Millionen Lire Waren nach Rußland lieferte, will Frankreich nicht Zurückbleiben. Das um so weniger, als es ja ein Guthaben von 20 Milliarden Gold- franken aus der Vorkriegszeit zu fordern hat. „Le Moniteur", das offizielle Organ für den auswärtigen Handel, veröffentlicht folgende Zahlen über bie Handelsbeziehungen Frankreichs zu Smviet- rußland in der Zeit vom 1. Januar zum 1. Oktober: Umsatz rund 60 Millionen Dollar; davon entfallen auf den Import von Waren aus Rußland 50, auf den Export nur 10 Millionen. Wiederum ist es die Metallindustrie, die ben Hauptanteil an rohem und fertigem Material lieferte, nämUch für 4 Millionen Dollar, also für 41 Prozent, d. h. mehr als im Jahre 1913, wo bie Ausfuhr dieser Branche mir 3 83 Millionen Dollar betrug. An zweiter Stelle folgen Textilwaren und Gewebe mit 2500 Millionen, chemische Produkte, Medikamente, Oele und Farben (Parfümerien einbegriffen) mit 1,5 Millionen. Der Import Frankreichs aus Ruß- land umfaßt in erster Linie Getreide für rund 30 Millionen, also für fast 60 Prozent. Dann folgen Erdöle und Petrol für 15 Millionen Dollar, Textilien für 4 Millionen und schließlich in kleinen Mengen tierische Produkte, Felle, Häute. Es ist nun aber darauf aufmerksam zu machen, daß diese Zahlen, die der „Moniteur" angibt, nicht etwa ben wirklich getätigten Lieferungen entsprechen, sondern den in der angegebenen Zeitperiode zum Abschluß gelangten Abmachungen. Die Lieferungen selber, besonders die Bezüge an Getreide, betragen in Wirklichkeit viel weniger. In Wirklichkett hat die Wiederanknüpfung der Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland noch keine allzu großen Ergebnisse gehabt. Denn immer noch fehlen eine feste Währung und ein Handelsvertrag. Solange diese Vorbedingungen nicht erfüllt sind, werden sich die französisch-russischen Handelsbeziehungen niemals wirklich ergiebig gestalten können. Man vergegenwärtige sich z.B. bie Schwierigkeiten, bie für Frankreich darin bestehen, daß es die russifchen Waren in Dollar bezahlen muß. hat er hundert klingende Zeilen geschrieben. Was schäumend und wirbelnd die Zeit bewegt, das Reich, die Heimat, den Rat erregt, der Menschen Tugend und Schlechtigkeit, Sehnsucht, Sitte und Sonderheit — Alles hat er in Reime gebunden, für alles Verse und Worte gefunden. Mit Witz gewürzt, mit Spott und Humor, den Klugen ein Kluger, ben Toren em Tor, ehrlich und offen, schlicht und recht, dem Guten ein Bruder, den Himmeln cm Knecht. Setzt bann zum Fest .der Pfingsten im Lorenzsaal ober im reich geschmückten großen Spital her Wettkampf ein, ber Meisterfingerstreit, ist das Gemerk errichtet, bie Kanzel bereit, treiben bie Richter zünftig bie Fehler an, haben sich würdig die Meister Zorn unb Zassen, Beckmesser, Kothner unb Pogner hören lassen, hat dieser den Merkern gefallen und jener vertan, tritt als Letzter aus der Bewerber Chor ruhig unb festen Schrittes ber Schuster hervor. Singt seine Lieder gläubig, fromm und frei nach fester Regel und Singschulmelodei. Zieht auch der jüngste Merker ein schiefes Gesicht, behagt ihm ein Triller, ein Wechsel, ein Rhythmus nicht, die anderen entscheiden: Dem Schuster für Kunst und Fleiß die König-Davids-Kette, den ersten Preis. Die weite Menge jauckzt auf und jubelt ihm zu: Des Handwerks Stolz, fein Ruhm, sein Adel bist du. Was wäre die Stadt ohne Dürer, Veit Stoß und dich, was ohne Vischer, Strafft und wieder dich? Ob du uns dichtest vom goldenen Schlaraffenland, vom Zauber des Paradieses, vom Höllenbrand, vom Geiz, vom guten oder verlorenen Sohn in Frauenlob — Schnecken — Rosen — Auerhahnton, gefroren Wasser kalt unb pastetenhetß, in der Regenbogen - Hammer - Lmbenbluhroe.s, ob ernste Trauergesänge zu Tranen fuhren, deine Fastnachtsspiele das Zwerchfell rote Trommeln ßranireichs Wirtschaftslage. Von unserem Pariser W. 8.-Korrespondenten. Daß die französische Industrie gegenwärtig eine Blüteperiode durchmacht, ist allgemein bekannt. Es handelt sich aber trotz aller Handelsstatistiken um eine Scheinblüte, die selbst den französischen Dolkswirtschaftlern immer bedenklicher wird. Tatsächlich lebt bie gesamte französische Volkswirtschaft schon seit Monaten von der Substanz. Sie hat ihre Sachwerte bereits in einem so weitgehenden Maße angegriffen, daß jetzt allerseits sich warnende Stimmen laut dagegen erheben. Wohl kann mit dem gegenwärtigen Valutadumping der französische Exporthandel sich immer mehr Märkte erobern, aber er wird niemals in der Lage sein, diese Gewinne auch zu halten. Sobald der Frankenkurs st a b i l i t i e r t wird — und dies ist und bleibt die wichtigste Forderung jeder vernünftigen französischen Finanzpolitik —, wird bie französische Finanzpolitik — wirb die französische Volkswirtschaft erkennen, wie außerordentlich schwer und verlustreich sich bie Wiebererlangung ber jetzt schwindenden Substanz gestaltet. Die letzten beiben Monate des vergangenen Jahres waren gekennzeichnet durch übereilte Käufe dank dem rapiden Nachgeben des Frankenkurses. Hier wird jetzt gestoppt. Die verarbeitende Industrie unb ihre Kundschaft hatten sich für mehrere Monate eingedeckt. Diese reinen Spekulationskäufe sind vielen Fabriken sehr erwünscht gekommen. Viele von ihnen hatten noch Anfang November so gut wie gar keine Aufträge, bekamen aber auf diese Weise 2lrbeit für sechs Monate unb mehr. Dem Am 4. Januar erlag Professor Dr. S.Bech e r Breslau einem schweren Leiden Becher am 2 Juli 1884 zu Remscheid geboren habilitierte sich 1908 als Privatdozent m Gießen und wurde 191-1 erst 30 Jahre alt, Ordinarius in Rostock. Nach dem Tode Spengels folgte er dem an ihn ergangenen Ruf als Ordinarius und Dire Arbeit bie Feststellung, daß man Anisol statt Zedernholzöl verwenden könne. Der Verstorbene hat auch der Chemie ein grundlegendes Werk geschenkt, die „Untersuchungen über Echtfärbung der Zellkerne" (1921). Die bis dahin in der mikroskopischen Technik kaum ange wandten Alizarine unb Naphtochinone machte er geeignet, inbem er vor allem das Aluminiumchlorid als Beize für ben Farbstoff anwandte unb ihn so in Alumniumlack überführte. Bechers Farben sind echt und verblassen nicht. Die Allgemeine Biologie bereicherte der Heimgegangene vor allem durch feine 1912 erschienene Arbeit über „Doppelte Sicherung, hetero- gene Induktion unb assoziativen Funktionswech- fei". Währenb nach Darwin durch Auslese Zweckmäßiges entsteht, ist nach Becher u. U. auch für Ueberflüssiges im Entwicklungsgeschchen Vor sorge getroffen, indem sogar zwei Reize aus verschiedenen Quellen dieses lleberflüffige anregen können. Fällt ber eine normale Reiz aus, so springt für ihn der zweite Reiz ein. Becher war fern Gegner Darwins, sondern hat dessen Lehre jo gar ergänzt durch bie Arbeit über „Flügelfarbung ber Kolibri unb geschlechtliche Zuchtwahl" (1919). Nach Darwin finb bekanntlich die Männchen im Tierreich oft schöner gefärbt als bie Weibchen, um bie Weibchen anzulocken. Das schönste Männchen hat die größte Aussicht auf Erfolg. Die Kolibrimännchen balzen vor dem Weibchen im Schwirr flog, wobei die Flügel so rasch bewegt werden, daß die Flügel kaum gesehen werden. Deshalb sind nach Becher die Flügel ber Kolibri im Gegensatz zu anberen Vögeln nicht bunt gefärbt, sondern nur bic übrigen dem Weibchen sichtbaren Körperstellen. Der Tierphysiologie sind zwei wichtige Arbeiten des Verdorbenen gewidmet, in denen ge zeigt wirb, baß auf manche niebere Tiere gleiche Farben verschieben wirken, je nachdem, ob ber Farbe Ultraviolett beigegeben ist ober nicht, oaß manche niedere Tiere sogar ganz kurzwelliges in der Sonne nicht mehr vorkommendes Ultraviolett wahrnehmen, und zwar ohne Fluoreszenz im Auge, daß das Ultraviolett also als solches wirkt. Vom wissenschaftlichen Werk des Heimgegangenen gelten bie Worte, die er seinem Lehrer Spe n ge l in ber Biographie S pen gels gc- wibmet hat: „Unb so gibt es etwas m der wissen- schaftlichen Leistung, das unabhängig ist von Gebiet und Richtung, von modern und unmodern: unvergänglich wie die konkreten Funde bleibt die ie- wellig bewährte schöpferilche Kraft. Lechers Werk wird in ber Geschichte ber Biologie weiter- (eben und spätere Geschlechter werben sich mit ber | --;*en °iebe Dankbarkeit und Bewunderung in basjei 'mk:n mie unsere jetzige Generation. Hans Sachs. Zur 350. Wiederkehr seines Todestages am 19. Januar 1926. Von Johannes Heinrich B r a a ch. Töpfer, keine Kannen gebrannt, keine Bänder, Böttcher, gespannt, Sattler, keine Zügel gezogen, feine Bügel, Gürtler, gebogen, Schuster, keinen Schlag: Heute ist Feiertag. Heute sei dem zur Ehre ein Spruch gerochen, ber brao und bieder und jeder Lüge bar des Handwerks erster Herold und aller Meister größter Meister war. Kommt--tretet mit mir in sein Haus, schön unb stattlich, begütert sieht es aus. trüßenzu vorgegiebelt und schwer bebalft, innen sauber gehalten, getüncht und gekalkt. Ordnung waltet vom Keller bis unter das Dach, bie Zimmer sind wohnlich, behaglich ist jedes Gemach, bie Wirtin, erscheint sie auch häufig em wenig laut, sticht gerr hin und wieder wie Distelkraul, ist unermüdlich, geschäftlich wohl auf der Hut, für Fremde ein Kreuz, für Dichter ein Gut. Mit Liebe erzieht sie Mädchen und Buden. Ja, sitzt der Meister hinter Feder und Buch, ist er zur Singschul' oder auf Kundenbesucb, weih sie in den Schusterstuben sorglich zu schalten unb Zucht zu halten. Da hocken Jungen und Knechte, kleistern und klopfen, llechten, flecken und flicken, steppen und stopfen, raffen Kuhmäpler, Schlitzschnürer, Stiefel und Schuh, und der Brotherr schneidet ihnen das Leder zu. Geht jedem eifrig zu Rat und Hand, bestimmt die Form, die Farbe, das Band, prüft, ob sich Leiste zu Leiste paart, ob nichts vergeudet und nichts verspart, ber Flachs gefettet, die Sohle gefaßt, bic Puffer geziert und eingepaßt. Er lobt die Gesellen und tadelt sie auch. Wenn aber, wider Sitte unb Brauch, ein Lehrling vermeßen die Arbeit stört, schwingt er den Riemen auf Hose und Rücken — kurzum, er ist in allen Stücken, ein Schuster, wie sich's für Schuster gehört. Doch abends, wenn das Gesinde zur Ruhe geht, und Schweigen über Nürnbergs Wappen steht, liest er die Bibel, Homer, Horaz und Virgil, schließt sich ein und greift zu Papier und Kiel. Und ehe ein Tag in die Stunden des andern getrieben. besser ihre persönlichen Interessen und ihre niederen I Leidenschaften fördern zu können, ohne jemals das höhere Interesse der Nation in Betracht zu ziehen." Es ist der gesündeste und vielversprechendste Teil des türkischen Volkes — nicht nur die Maffia der verständnislosen Finsterlinge und übelwollenden Rückschrittler —, welche aus diesem Manne spricht, und seine Meinung ist die der Welt des Islams, soweit sie noch gesund und existenzberechtigt ist, von Marokko bis zu den Tropeninseln Ostindiens. Das hätten die Angoraleute begreifen sollen, ehe es zu spät war. Die Kemalisten glaubten ferner, daß ein deut' liches Abrücken ihrer Außenpolitik von der paniflamitischen Idee, sozusagen ein Dokumentieren ihrer weltpolitischen Ungefährlichkeit, die internationalen Beziehungen wesentlich erleichtern würde. Deshalb haben sie dieses Abrücken nicht nur in inneren Angelegenheiten deutlich dokumentiert. Als eine Versammlung der Moslime von Madras in Indien an die türkische Regierung ein Telegramm mit der Bitte, sich der vom Wahabiten- sultan Ibn Saud mit Plünderung bedrohten heiligen Stadt Medina anzunehmen, richteten, blieb dieses unbeantwortet. Dagegen wurde offiziell verlautbart, daß die Türkei keine Veranlassung habe, sich um die Angelegenheiten der außerhalb ber Türkei befindlichen Muselmanen zu kümmern. Dem könnte eine Anzahl ähnlicher, vielleicht noch schärferer türkischer Regierungserklärungen angereiht werden. Geradezu als Faustschlag gegen das islamische Solidaritätsprinzip wurde es in der gesamten islamischen Welt empfunden, daß der türkische Außenminister Tewfik Ruschdy Bey anläßlich seines jüngsten Belgrader Aufenthalts der jugoslawischen Regierung mitteilte, die türkische Regierung hätte kein Interesse an den bosnischen Moslimen oder an deren Einwanderung nach Anatolien, und sie seien übrigens nur islamisierte Serbokroaten. Der verblaßte Halbmond. Von unserem ^.-Korrespondenten. Konstantinopel, im Jänner 1926. (£5 ist einer der sonderbarsten Einfälle der Weltgeschichte, daß der Halbmond mit dem Stern zum Lahr-eichen des Islams werden konnte. Er war nämlich schon Jahrhunderte vor Mohammeds berühmter Flucht nach Medina das Wahrzeichen von Byzanz, welches ihn im Stadtwappen führte, bis er durch den Sieg Mohammeds II., des Siegreichen, wie vieles andere — nicht immer erfreu» tithe, wie die Harems- unb Eunuchenwirtschaft am kaiserlichen Hofe — aus den byzantinischen Erbe »om türkischen Eroberer übernommen wurde. Seih fer gewöhnte man sich baran, Halbmond und Stern 0(5 Symbol des Islams anzusehen, obwohl er nicht einmal das ber Türkenheit, sondern höchstens das »es hellenisch-türkischen Osmanenreiches war. Allerdings war es die Rolle, welche das Os- maneiitum jahrhundertelang als anerkannter Führer des großen islamischen Kulturkreises spielte, die lem „zunehmenden Mondviertel" zu Ansehen und Berühmtheit verholsen haben. Heute, wo diese Füh- terroUe bets Osmanen — deutlicher" gesagt, der Türkei — vielleicht für immer ausgespielt ist — hat auch der Halbmond seinen Glanz verloren. Es erscheint dem Außenstehenden vielleicht sonderbar, daß die. Türkei gerade jetzt nicht als Führerin der islamischen Völker angesprochen werden soll, wo das Reich Mustafa Kemals dem staunenden Ausland eine Fülle der überraschendsten Reformen zeigt, welche offenbar dem Zweck dienen, die Kraft und das Ansehen dieses Reiches im Höchstmaß zu steigern. Es sind aber gerade diese sog. ^Reformen, welche die Türkei ihres moralischen und politischen Einflusses • unter den islamischen Völkern beraubt und sie im Zusammenhang mit der sonstigen kemalistischen Politik von der Welt des Islams a b g e f p a 11 e t haben. Die Türkei geht für bie nächste Zeit einen Weg der Entwicklung, der ein anderer ist als der der übrigen moslimischen Völker. Wohl geht das türkische Volk diesen Weg nicht freiwillig, sondern gezwungen durch die blutigen Mittel einer ungehemmten Diktatur, aber es geht ihn vorläufig, und es ist nicht festzustellen, wie lange dies dauern wird. Für die Größe des Cäsarenwortes, lieber in einem Dorfe der Erste, denn in Rom der Zweite zu fein, fehlt ben Angoraleuten Zuschnitt unb Verstänbnis. Verbohrt in eine irnverstanbene Ideo- logie, geht, da sie die kulturelle Basis ihres Daseins verloren haben, ihre ganze schmerzliche Sehnsucht dahin — Europäer zu fein. So sind sie auf dem besten Wege, die Türkei aus der Spitzenmacht des Islams in einen politisch, wie überhaupt höchst dein, ihrem Ehrgeiz, in Europas Hinterhaus als Afterniieter einziehen zu dürfen, Erfüllung suchend l uninteressanten — Balkan st aat zu verroan- j und findend. Noch ist die Mossulfrage ungelöst. Aber auch I deren Lösung wird an diesen Dingen nichts mehr finden, gleichviel, ob sie nun, wie vorauszusehen, ! wegen ber augenblicklichen Isolierung unb ber ; inneren Schwäche zu einem Kornprornis ober — ! was höchst zweifelhaft ist — zu einem Kriege füh- ren sollte. Gleichviel, ob es ben Kemalisten gelingen wird, sich noch lange an der Macht zu behaupten, ober ob neue schwere Erschütterungen bie Kraft bes unglücklichen Landes zusammenbrechen lassen wer- ben. Denn die Türkei als solche ist, wie gesagt, aus der großen islamischen Gemeinschaft als ausge- schieden zu betrachten, und es ist ein großer Irrtum, anzpnehmen, die Kemalisten hätten heute 1 irgendwo außerhalb ber Türkei nennenswerten politischen Einfluß. Noch hat ber Islam keinen neuen Schwerpunkt erkennen lassen, in der Türkei ist er aber für absehbare Zeit nicht zu suchen. Die Kemalisten haben vergessen, daß sie alles, ’ was sie geworden sind, dem islamischen Solidari- l tätsgefühl verdanken, und daß nicht sie den Frieden j von Lausanne erzwungen haben, sondern daß i ber Einfluß der indischen Moslime die Haltung Ein russisch-afghanischer Bündnisvertrag. Bon Karl Freiherr v. Hertmann. Bor kurzem ist, wie ich aus sicherer Quelle erfahre, der afghanischen Delegation in Wien folgender vom russischen Kommissär für Afghanistan, Tscherwenyi, ausgearbeireter, von Tschitscherin genehmigter Bertragsent- wurf übergeben morden, der sogleich noch Kabul weitergeleitet wurde: „Zur Stärkung der bestehenden freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten beschließen die hohen vertragschließenden Teile durch ihre Vertreter, deren Vollmachten geprüft und in Ordnung befunden wurden: 1. Der Vertrag vom 28. Februar 1921, , dessen Fortbestand im Interesse beider Staaten gelegen ist und dessen Durchführung sich als segensreich für beide Teile erwiesen Hal, wird dahin erweitert, daß sich beide Staaten verpflichten, jeden über den Rahmen eines gewöhnlichen Staatsvertrages hinausgehenden politischen Vertrag, den die eine Macht mit einer andern asiatischen Regierung abschließt, der andern Macht zur Kenntnis zu bringen. Dies gilt besonders für jeden Militärvertrag, dessen Abschluß dem andern Staate irgendwie nachteilig werden könnte. 2. Die beiden Staaten verpflichten sich, sich jeder fremden Eroberungspolitik gegen den einen der beiden Teile mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu widersetzen. 3. Rußland schenkt Afghanistan nach Raii- slzierung dieses Vertrages 10 000 Gewehre, 3 komplette Feldbalterien, 2 Flugzeuge und 1 Gasausrüstung. 4. Rußland gewährt Afghanistan eine finanzielle und eine materielle Anleihe, deren Höhe von beiden Teilen einvernehmlich festgesetzt wird. 5. Der zollfreie Durchgang der von Afghanistan kommenden und dorthin gehenden Waren wird neuerlich bestätigt. 6. Rußland stellt in Kabul, Kandahar und Balkh Instruktionsschulen für Militäranwärter auf. Dort werden auch Soldatenausbildungskurse abgehalten werden, die russische Instruktoren leiten. Letztere verpflichten sich, sich in keiner Weise in die inneren Angelegenheiten des Landes einzumengen, und werden trachten, die Soldaten von jeder Politik fernzuhalten. 7. Die afghanische Regierung wird trachten, in Kabul ein Zusammenarbeiten zwischen den russischen und türkischen Militärinstruk- turen in die Wege zu leiten. Der dortige Sol- datenausbildungskurs soll im Kontakt dieser beiden Faktoren geleitet werden." Der Vorschlag ist mehr als interessant. Er enthüllt eines der großen außenpolitischen Ziele des roten Rußlands. Die Schaffung einer gegen alle in Asien interessierten europäischen Mächte, namentlich gegen England, , gerichteten panasiatischen Interessengemeinschaft. Die russische Diplomatie har seit dem Vorjahre auf asiatischem Boden unbestreitbare Erfolge aufzuweiscn. Die Mongolei, die anfangs Juli 1925 die 4. Jahresfeier ihrer „Unabhängigkeit unter russischem Protektorate" feiern konnte, benannte bei dieser Gelegenheit, bezeichnenderweise, ihre Hauptstadt Urga in Ulon-Bator („roter Recke"), ihr Heer in „Rote Volksarmee" um. Die Beziehungen dieser Armee zu dem chinesischen General Feng- ~ Iuj-Sjan, die militärische Arbeit Rußlands in Schanghai und Kanton, die Vorkehrungen an der Ostchinesischen Bahn sind gelegentlich der Wirren in China so deutlich und in Rußland so günstigerweise in Erscheinung getreten, daß es keines eingehenden Nachweises für die erfolgreiche Arbeit Rußlands in Ost- asien bedarf. , Die Sowjets waren aber auch im westlichen Asien nicht untätig. Ihre Beziehungen Uraufführung in Darmstadt. In Darmstadt hat sich vor einigen Monaten eine Vereinigung „Junge Bühne" gebildet, die in Verbindung mit dem Hessischen Landestheater Uraufführungen von dramatischen Schöpfungen der Gegenwart veranstaltet. Die zweite Uraufführung diese- Unternehmens war das als „drei Szenen" bezeichnete Drama „Lu- litania“ von Alfred Döblin. Dieser ist literarisch bereits mehrfach hervorgetreten, aber man kann ihn, der 1878 geboten ist, wohl kaum noch dem jüngeren Geschlecht der deutschen Dramatiker zurechnen. Die Uraufführung war ein Mißerfolg auf der ganzen Linie, soweit es sich um den Verfasser des Werkes handelte: er gipfelte in einen förmlichen Theaterskaudal. Der Abend bewies, wie schnell expressionistische Dichtungen veralten und wie wenig sich ein Publikum jetzt noch in die Ideenwelt der Expressionisten einzufühlen vermag. Doblins „Lusitania" stammt aus dem Jahre 1919 und knüpft feine symbolische Handlung an den 'Kamen deS von einem deutschen Unterseeboot torpedierten Schiffes an. Aus dem Inhalt des Stücke- genügen nur die Andeutungen, daß der erste Akt die Fahrgäste deS Dampfers im Gespräch mit allerlei Meergeistern zeigt, der zweite auf dem Meeresgründe spielt und im dritten sich die Geister der Abgeschiedenen in einer Hafengasse bewegen. Was auf der Vühne gesprochen wurde, war so symbolisch, mystisch, dunkel und unverständlich, daß es dem Publikum wie ein wirres Gerede vorkam, das auf die Dauer Langweile erzeugte. Der Barne der „Lusitania" war wohl nur aus Sensation gewählt worden: stärkstes Mißfallen, namentlich bei der Jugend, erregten die Stellen, die sich gegen die deutsche Auffassung des Falles richteten. Bekanntlich ist die „Lusitania" durchaus zu Recht torpediert worden, weil sie Munition Vord hatte. Im Landestheater tarn es im Verlaufe der Vorstellung mehrfach zu sehr erregten Szenen, zu lebhaften Pfuirufen und zu einem förmlichen Konzert auf Trillerpfeifen. Diesem Mißerfolg der Dichtung standen auf der anderen zu Kemal Pascha waren ja seit jeher bekannt. Immerhin erregte es im Dezember 1925 einiges Aufsehen, als der Abschluß eines intimen russisch-türkischen Abkommens bekannt mürbe. Der Wortlaut des am 17. Dezember 1925 in Paris von Tschitscherin und dem türkischen Außenminister Tewfik Ruschdi Pascha unterfertigten Vertrages bleibt wohl hinter den Behauptungen der ersten Meldungen zurück, zeigt aber doch, daß die Leiter der russischen Außenpolitik mir allen diesen Abkommen den Ausschluß anderer Mächte aus asiatischen Kombinationen erreichen wollen. Der entscheidende Artikel 2 lautet, wie nun feststeht: „Jede der vertragschließenden Parteien verpflichten sich, sich jeglichen Angriffs auf die andere Partei zu enthalten. Ebenso verpslich- len sich die vertragschließenden Parteien, sich keinem Bündnis oder siebereinkommen politischen Charakters einer oder mehrerer Mächte anzuschließen, das gegen eine der Parteien gerichtet ist, und ebenso keinem Bündnis ober Uebereinkommen mit einer ober mehreren Brächten beizutreten, das gegen die militärische Sicherheit zu Lande oder zur See einer der vertragschließenden Parteien gerichtet ist. Außerdem verpflichtet sich jede der vertragschließenden Parteien, keinen Anteil an irgendeinem feindlichen Akt einer dritten Macht zu nehmen, der gegen eine der Parteien gerichtet sein sollte." Zu bemerken ist, daß ein Annex den Begriff „politischen Charakters" auf Abkommen erstreckt, die finanzielle ober ökonomische Abmachungen enthalten. Es fragt sich nun, ob her Emir in die Reihe Rußland-Türkei zu treten willens ist, ob er also den ihm gemachten Vorschlag an- nehmen wird. Gewiße russische Einbrüche in Afghanistan lassen glauben, daß Moskau seiner Ueberredungskunst in gewohnter Weise den Druck zugesellt. Die Unterzeichnung des Vertrags bedeutete für den Emir die Aufgabe der bisherigen Schaukelpolitik zwischen Rußland und England-Indien. Der Vertrag vom 28. Februar 1921, auf den der neue Vertragsentwurf Bezug nimmt, hatte (wie aus dem kürzlich im Verlage von Reimar Hobbing in Berlin erschienenen aufschlußreichen Werke „Mandava Baschi" zu ersehen ist) im wesentlichen nur die Anerkennung der Unabhängigkeit des Emirs, eine jährliche russische Subvention von einer Million Goldrubel und die gegenseitige zollfreie Warendurchfuhr vereinbart. Das afghanische Heer, das nach dem Ver- oertragsentwurf auch russischem Einfluß unterworfen werden würde, hatte bisher lyaupt- sächlich Türken zu Instruktoren. Eine Kriegsschule zur Heranbildung des Offiziersnach- Wuchses und eine Artillerieschule in Kabul stehen unter der Leitung des aus dem Kämpfen um Enver Pascha bekannten Sami-Bei. Die Türkei als mohammedanische Macht steht zum Emirate seit langem in einem gewissen Freundschaftsverhältnis. Da glso sowohl Rußland als auch Afghanistan herzliche Beziehungen zu Angora unterhält, ist es nicht ausgeschlossen, daß der oben skizzierte Vertrag zwischen Rußland und dem Emirate mit Zustimmung und auf Für- spräche Kemal Paschas zustandekommt. Die gegen Indien gerichtete diplomatische und militärische Umfassungsfront der Russen und ihrer Freunde wäre darnach unverkennbar. Wie es heißt, sollen mit allen asiatischen Staaten ähnliche Verträge abgeschlossen werden. Ein solches Vertragssystem bedeutete den ersten Schritt zur Verwirklichung des panasiatischen Gedankens, der der Ideologie der unter der Sowjetherrschaft und der unter englischem, französischem oder japanischem Drucke stehenden kontinentalen Völkerschaften Asiens in gleichem Maße entgegenkäme. Seite hervorragend« Leistungen der Regie (Jak. Geis), der Bühnenausstattung (Arthur Pohl) und der Darsteller gegenüber. Schade nur. daß diese an sich wertvolle Arbeit an eine verlorene Sache verschweirdet wurde. E. B. Frankfurter Theater. Im Neuen Theater läßt Carl Sloboda das Publikum Zeuge einer „W c 11 e" werden, die äußerst originell und amüsant ist. Die Sache ist folgende: Der Fabrikant Julian lebt mit seiner Frau Cella in bereits achtjähriger Ehe glücklich und zufrieden, augenblicklich hat er Besuch von seinem freund, dem Gerichtsrat Arnold und dessen Frau Polly (sie ist reichlich überspannt). Soweit wäre also alles in bester Ordnung, da erscheint plötzlich Abel, ein Schulkamerad der beiden Herren, auf der Bildfläche in dem kleinen Seebad. Dieser Abel ist in erster Linie ein Frauenverführer und Schwerenöter. im Nebenberuf ist er auch noch Arzt, Seelen- arzt, wie er selbst jagt. Frau Polly ist ihm sofort verfallen, während sich Cella über seine Art. wie er von Frauen spricht, und seine Selbstsicherheit ärgert. Ja, er reizt sie so sehr, daß sie. um ihn zu beschämen, eine Wette mit ihm eingebt, daß er sie innerhalb 24 Stunden nicht verführen könne, obwohl sie ihm Gelegenheit geben will, ihn abends in Abwesenheit ihres Mannes ganz allein zu empfangen. Der Gatte. Frau Polly und ihr Mann, missen alle um die Wette: ersterer lacht, der Gerichtsrat ist empört, und Polly außer sich. Im ersten Akt wird die Wette abgeschlossen, im Zweiten verliert sie Frau Cella scheinbar, denn ihr Mann, eifersüchtig geworden, traut ihr nicht mehr, und im dritten Akt gewinnt Abel die Wette durch olle möglichen Raffinements, und die kleine, total verliebte Polly dazu. Jetzt hat er aber genug unb reift ib. nachdem er den beiden Männern versichert hat. das; mit ihren Frauen nichts anzufangen ift! Das Spiel ist vorzüglich kontrastlert, jeder Akt ift wirkungs- poU und bringt irgendeine überraschende Wendung, außerdem venteht Sloboda einen ausgezeichneten, flüssigen Dialog zu schreiben: man muß sich nur seines Terzetts „Am Teetisch" erinnern. Hier ist es Dommza Zizi. Von unserem 8.-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Bukarest. 14. Januar 1926. ..Dommza Zizi" (Prinzessin Zizi), so nennt ganz Rumänien Frau Cacilia L o m b r i n o. Für das Volk ist sie die Frau mit dem tragischen Schicksal und die Frau der großen Liebe des ebenso geschätzten C x k r o n p r i n z e n Karol. Diese schöne, geistreiche, aber so unendlich bescheidene, tlnehrgeizigc Frau ift in Deutschland nie richtig gewertet worden. Man hielt sie für eine Fxau niederer Herkunft und minderen Charakters, sagte, sie sei Tänzerin gewesen. Dabei stammt sie aus einer uralten Bosarenfamibe unb ist mit den letzten landeingesessenen Fürsten, den Tschusas, direkt verwandt. Sie hat eine besonders gute Erziehung genossen. dank ihren geistreichen Eltern. 3hr Vater mar General und Intimus des alten Königs Karol, die Mutter eine feinsinnige Frau mit großer Liebe für Deutschland, dem Lande ihrer Erziehung. Von Jugend aus am Hose lebend, später auch als Staatsdame der Königin, kannten Karol und Zizi sich, und das Haus Lamdrino wurde für bett Kronprinzen ein zn>eites Elternhaus, zumal ihn auch mit dem Bruder der Zizi eine herzliche Freundschaft verband. Früh lernte Karol Zizi lieben, aber diese wollte von Liebe bzw. Ehe nichts wissen, wohl ahnend, daß diese Verbindung viel Unglück bringen würde. Schließlich gab sie dem Drängen Karols nach und reifte mit ihm nach Odessa, dank der Hilfe eines Freundes des Kronprinzen, der gleich ihnen sich dort trauen ließ Das rumänische Recht kennt keine morganatische Ehe, und so mürbe Zizi Lambrino r cd) t mäßige Gattin des Prinzen u n b Kronprinzessin zu - gleich. Zurückgekehrt, wurde der Prinz mit Arrest bestraft wegen unerlaubten Verlassens des Heeres, sonst fand man sich jedoch ziemlich mit der vollendeten Tatsache ab. Der_ Prinz verzichtete auf den Thron, um allen Schwierigkeiten zu entgehen, doch man wollte davon nichts wissen, und der Verzicht wurde zurückgenommen. König Ferdinand verpflichtete sich damals schriftlich, nichts gegen diese Ehe zu unternehmen. Da die politische Gesamtlage sehr ungünstig war, fand sich die mehr als ehrgeizige Königin vorübergehend gleichfalls mit der Ehe ab, hoffend, daß diese Verbindung den wankenden Thron dem eigenen Volk gegenüber festigen könne. Kaum fd)lug bas Kriegsglück um, da verlangte die Königin die Annullierung der Ehe. Es mußten einige Minister gcsttirzt werden, dis sich eine gefügige Regierung fand, welche dann wunschgemäß die Ehe kurzerhand annullierte mit der Begründung, das Paria- ment sei vorher nicht um seine Zustimmung gefragt worden. Um die Ehe zu retten, bot der Kronprinz erneut den Thronverzicht an, den man ebenso erneut ablehnte. Was nun einsetzte, ist nur auf dem Balkan mög lich und kann wohl auch nur dort richtig verstanden werden. Man beschied Prinz Carol kurzerhand eines Tages auis Schloß, wo er festgehalten wurde. Nach Tagen erst erfuhr die unglückliche Frau, daß der Gatte nie mehr zu ihr zurückkehren würde, sondern, ohne sie noch einmal zu sehen, eine Weltreise a n t r e t e. Ohne Abschied ging dies Lebensglück zweier Menschen auseinander. Selbst bei der Geburt des Sohnes gestattete man dem Vater nicht, Frau und Kind, wenn auch nur ganz kurz, zu sehen. Einsam und verlassen muhte Zizi und ihre mitange- grifsene Familie jetzt alle Schikanen und Leiden über sich ergehen lassen, die man in reichem Maße anwandte, um die unglückliche Frau zur Scheidung zu z w i n oe n. Furcht, nur zu begründete Fuscht für das Leben des Sohnes zwang Zizi schließlich zum Nachgeben. Karol heiratete nunmehr zwangsläufig die schöne Prin'zessin Helene von Griechenland, ließ aber nie seine erste Gattin im Unklaren, daß er auch weiterhin nur sie liebe, und bat sie mehrfad) um Geduld und Ver- trauen. Wer Domniza Zizi kennt, weiß, in wie hohem Maße sie Geduld und Vertrauen in diesen schwersten Zeiten bewiesen hat. Die Liebe zu Karol hatte etwas Heroisches: und was diese Frau tat und dachte, drehte sich schließlich nur um „ihren Mann", an den sie glaubte, wie an einen Gott, und dessen Rückkehr zu ihr für sie eine Selb Verständlichkeit war. Nun scheint sie am Ziel ihrer Freude zu sein, denn nach allen Meldungen, nicht zum wenigsten nach einem Ausspruch der Frau Lupescu (der Dame, die Carol nach Mailand begleitete) muß man annehmen, daß Karol sich seine Ju- genbliebe wieder als Gattin zurück- holen wird. Daß die beiden später vereint auf dem Thron Rumäniens sitzen werden, und der mim mehr sechsjährige Prinz Karol — nicht Prin) Mi« ein Quintett, welches in pointenreicher Komik zu- sammenklingt. Die Regie Dr. P s e i f f e r - B e l l i s führte die Aufführung zum vollen Erfolg. Georg L e n g b a ch hatte in der Figur des Dr. Abel wieder einmal eine jener ihm ganz besonders gut liegenden Rollen gefunden und in Olga L i m b u r g als Cella eine famose, ihn aufs glücklichste ergänzende Partnerin. Ueber Lucie Englisch läßt sid; nach der Darstellung der Polly nod) kein abge- schlossenes Urteil abgeben. Voll trefffid)ercm Humor waren die beiden zuletzt doch betrogenen Ehe- männer, Alfred Scherzer und Gustav Rothe. Lo ward der Abend zu einem wirklich vergnüglichen, und dem Publikum merkte man die Freude, mal wieder ein gutes Lustspiel belachen zu können, am dankbaren Beifall an. L. W. Verändert sich der Umfang der Sonne? Der verstorbene Astronom Camille Flam- marivn hat einmal vom ..Pulsfchlag der Sonne" gesprochen und damit eine regelmäßige Zusammenziehung und Ausdehnung des Him» melsgestirnS bezeichnen wollen. Mit dieser Frage der Amfa.ngsveränderung der Sonne beschäftigt sich die Wissenschaft seit längerer Zeit, und es war der Berliner Gelehrte Auwecs, der solche „Pulsfchläge" der Sonne ablehnte. Äunmehr abet kommt der römische Astronom G. Armellini, der Direktor der römischen Sternwarte, in einem Aufsatz der „Scientia" zu einem bejahenden Ergebnis, und er stützt sich dabei auf methodische Beobachtungsreihen, die schon seit mehr als 50 Jahren von seinen Vorgängern Aespieghi und Di Legge und zuletzt von ihm selbst vocgenom- men worden sind. Cr hat zunächst nur Berechnungen für die ersten 25 Jahre dieser Beobachtungen, von 1873 bis 1898. angestelllt und glaubt daraus auf eine abwechselnde Ausdehnung und Zusammenziehung der Massen der Sonne schließen zu können. Diese Urrttangsverän-' derungen find nicht bedeutend und mit bloßem Auge nicht zu erlernten, aber mit genauen Inchael - Kronprinz wirb, ist für jeben Kenner dieser Verhältnisse eine Selbstverständlichkeit. Oberheffen. Landkreis Gieße«. W i e s e ck. 18. Ian. Auf einem gut besuchten Vortragsabend des hiesigen Zweig» Vereins des Evangelischen Bundes sprach im großen Saal von Schneider der Wanderredner des Bundes Pfarrer Haupt- Gießen über die Frage: „Ist ein Leden nach dem Tode denkbar? ' Der Vortrag berücksichtigte bie neuesten Forschungen auf aktuellem Gebiet (Telepathie, Materialisation, Hellsehen usw.).D«n Grundsätzen des Bundes getreu operierte der Redner nicht mit Schlagwörtern, sondern ging der Sache auf den Grund. Dreijähriges Stu» dimn der Naturwissenschaft und reiche seelsorger» liche Erfahrung m Krieg und Frieden gab seinen Aussührungen em besonderes Gewicht. Mit atem» lo er Spanmmg nahm die Versammlung den Vortrag entgegen, der auf viele toic*etn Erlebnis toirftc. Der Redner äußerte sich noch über die Ziele des Bundes, worauf der Ortsgeistliche mit Sorten des Dankes die eindrucksvolle Verdamm» lung schloß. Lollar. 18. Jan. Der Turnverein 3veranstaltete am gestrigen Sonntag sein diosiahriges Schüler- und Schülerinnen- turnen. Sehr erfreulich ift es, daß das Interesse unserer Einwohner an dem edlen Jugendturnen bedeutend gestiegen ist. was der sehr gui besetzte Saal am besten bewies. Die von den Schülerinnen und Schülern geturnten Geräteübungen sowie die vvrgeiührten Freiübungen und Reigen können als sehr zufriedenstellend betrachtet werden. Besondere Leistungen wurden bei dem an drei Geräten statt- gefundenen Wettkampf der Schülerinnen und Schüler erzielt. Zur Förderung des Schülerrurnens hatte der 1. Vorsitzende des Turnvereins Lollar, Bürgermeister Schmidt, für Schülerinnen- und Schülerabteilung je ein goldenes und silbernes Turnerkreuz gestiftet, die bei diesem Wettkampf zum Aus- trag gelangten. Das goldene Kreuz konnte Bürgermeister Schmidt den beiden 1. Siegern Elisabeth Seipp unb Waldemar Grote, das silberne M. Sorbet und Heinrich Klein überreichen. Zum Schlüsse ermahnte der 1. Vorsitzende die Sieger, nach der Schulentlassung nicht etwa dem Turnverein sernzubleiben, sondern mit erneutem Mut und Kraft weiter zu turnen unb ihre Kräfte ouszu- bilden. Denjenigen Schülern unb Schülerinnen, die nicht als Sieger aus dem Wettkampfe hervorgehen konnten, rief er ermunternde Worte zu und bat sie, um so fleißiger in Zukunft die Turnstunde zu bc» suchen, damit sie im nächsten Jahre das erreichen, was diesmal die vier Sieger erreicht haben. Hierauf sprach Rektor Saab dem 1. Vorsitzenden, Bürgermeister Schmidt, in schönen Morten feinen Dank für die von ihm zum Ansporn für bas Iugenbtur- nen gestifteten Turnerkreuze aus unb bradjie ben Wunsch zum Ausbruck, baß bas Jugenbturnen weiter blühen unb gebeihen möge. _ * Lollar, 18. Jan. Am Samstag fanb im Saale ,^um «schwanen" ber biss fahrige Familien- abenb bes Veteranen- unb Kriegerver «ins statt. Die Vereinsleitung hatte es verftanber, durch Zusammenstellung einer würbigen Vortrags- folge, bestehenb aus Theateraufführungen, umrahmt von Gesangs- unb Gedichtoorträgen, ' guter Musik, den äußerst zahlreich erschienenen Zuhörern einige recht schöne Smnben .zu bereiten. Dem Verein würbe burch bie Anwesenheit des 1. Vorsitzenden der Kriegerkamerabschasl Hassia, Oberst "a. D. Schliephake, Darmstadt, eine besondere Ehre zuteil, der im Auftrage der Derbandsleitung dem Verein, der auf ein 82jähriges Bestehen zurück- blicken kann, mit einer begeisternden Ansprache, in der er auf die Ausgaben der Kriegervereine unb deren Berechtigung im heutigen Deutlchlanb hin wies, einen g o l b en en Fahnen nagel überreichte, bie erste Auszeichnung dieser Art im hessi- schen Lanbeskriegervetband. Im Anichluß hieran gedachte Oberst Schliephake der durch ihre 25- jährige Zugehörigkeit zum Bereinsvorstanbe erworbenen Verdienste zweier Kameraden Bürgermeister Heinrich S ch m i b t unb Lanbwirt Fried r. Schön, bie er burch die Verleihung der Verbandsehrenr täfel auszeichnete. Mit den Dankesworten verband der Vereinsoorsitzenbe bie Erinnerung an ben 18. Januar 1871, an bem vor nunmehr 55 Jahren bas Deutsche Reich gegründet wurde. Eine besondere Freude war es für den Verein, die zwei nod) lebenden und anwesenden Altveteranen, bie Kameraben Friebrid) H e i b e r t s h a u s e n unb Christ. i e h l, bem Landesverbanbsvorsitzenben vor- stellen zu können. ftrumenten kann man die Erscheinung feststellen und messen, und man findet, daß der RadiuS der Sonne zwischen 950*70 und 961**76 variiert, während der Durchschnittswert von AuwerS auf 961**18 berechnet worden ist. Man fantl in dem Zeitraum der bearbeiteten 25 Jahrs Zwei Höchstwerte und zwei Mindestwerte feststellen. Die Höchstwerte liegen in den Jahren 1878 und 1891, die Mindestwerte in den Jahren 1886 und 1897. Der Zwischenraum zwischen ben größten älmfangswerten der Sonne in dieser Zeit beträgt 13 Jahre, der zwischen den gegen ngfl en 11 Jahre. Natürlich wird man diese ..Pulsschfäge" mit den periodischen Veränderungen der (Donnenfleden zusammenstellen. Die Min- desizcchlen für die Somrenflecken liegen in den Jahren 1878 unb 1889, die Höchstzahlen 1884 und 1903. Hier ist also eine Periode von 11 Jahren anzunehmen. Danach besieht zwischen den Perioden in der Veränderung deS Sonnendurchmes- scrs und ber Zahl der Sonnenflecken leine absolute Gleichheit. Im allgemeinen iann man lagen, daß die Sonne größer ist, nxrni sie weniger Flecken hat und Heiner; wenn sie mehr Flecken austveist: aber es stellt sich zwischen ben beiden Erscheinungen eine gewisse Verzögerung heraus. Das Maximum der Sonnenflecken liegt Zwei bis drei Jahre vor dem Minimum des Sonnenumfangs: das Minimum ber Flecken stellt sich ein wenig vor dem Maximum des Sonnen- umfangs ein. Vach Armellini ist diese Verzögerung leicht zu erflären, denn es bedarf einer gewissen Zeit, bevor sich der Einfluß der einen Erscheinung auf die andere bemerkbar machen lann. Ein Luftballon schrumpft sehr schnell zusammen, aber bei der Sonne braucht eine solche Schrumpferscheinung infolge der DichtiOeit ihrer Massen Zeit. Armellini hofft, durch die Berechnung der Beobachtungen der letzten 25 Jahre diese Folgerungen zu beflätigen. Jedenfalls ist die frühere Anschauung von der „Unverwüstlich- kett der Himmelsgestirne" ftatf erschüttert, und man bemerkt an ihnen mehr und mehr Berände- rungen in fi«W' ^qs<"76 «ui' 950*70 „chMWlM (fflJ ■t »»*£„» 3r Sonn^^nn M» n aUgenE jic nto^t •'*’ i;e mehr <-» S” I LnneM ,3. beweinen 'LxS'K OHH KM Nk '* **«4«, xJült i« ®Ä WÄ * UÄ<* S rund Fr2 Horgtt. ^ZK'LL ~rnUere'tl '“S^üfeT9 le-N uh \\[ ts 2l?r‘nn»n. 1 km tii? sÜWfe was bet iÄ??nhturn«n n ««BwaS^w !en UH jSfJ** »w ?chet L. LL “*Wn unb TM. P der SchÄenunimrA ?SÄ ‘ v'hulennntn- unb S i2. Au?. 2®* Kreuz konnte Aron, r lkl'sabeth H rote,. Wz Derne M 1 «'5 überreiche». Zum /' NW die Sieger, 3 nch elma dem Juri m nm emeuitm Hut unb t unb ihn Stäitt aurM- lern unb Schülerinnen, die m Mampfe hervorgehen rn°e Worte zu unb bot sic, um die Turnstunde zu bt* idrjten Jahre ba« erreichen, leget erreicht haben, hieraus em 1. Vorsitzenden, Bürger» 'chönen Worten seinen Mnk Ansporn für das 3ugenblur« ireuje aus unb brache'den J. daß bas 3ugenbtumen ihen möge. an. 2m Samstag sand im i" der diesjährige gamilien' en- und Kriegerver- isleihmg Halle es verstanden, g einer würdigen Sonrags- •aterauffü^rungen, umrahmt ’djtDonrägtn, guter HHufif, chienenen Zuhörern t\w zu drreiren. Dem Mein eserchm der 1. Vorsitzenden ah Mi, Vbersl a. 2. chak, eine besondere Ehre ze dec Ükrbanbsleiiung dem tÜjöhriges Leslehen zurück- • begeisiemden Ansprache, in iben btr Kriegervereine und n heutigen Deutschland hin- en Fahnennagei über- tidmung dieser An im W- banb. Im Anichl-uß hieran ephake der durch ihre S- >um Lereinsvorstande erwor- tr Kameraden Sürgmnei/ter id llandwin Stiehr, schon, Äer Serfianbsfbren- fesworten verband "bie Erinnerung an oen m vor nunmehr 55 Jahren mündet wurde. EM beM r ben Verein, die M'noch ,en ülweternnen, die g’ #rtihau tn und W eV«rbaW6enbeit * z. Allen.dorf a. b. Lda., 18. 3an. Am Samstag abend fand im Saale des Gastwirts Eberhard Ran.ft die diesjährig: Abendveranstaltung des hiesigen Kriegervereins statt. Die Feier wurde durch eine kernige Ansprache des Vorsitzenden, Wagnermeisters W allen - s e 5s, eingebettet. Zur Verschönerung des Abends trugen einige Drreinsmitglieder, unter chnen besonders die Lehrer Strack undHeil, durch ihre Deklamationen und Klaviervorträge bei. Mit Tanz fand die Feier ihren Abschluß. > Holzheim. 18. Jan. Dieser Tage sprach hier im Saale des Gastwirts Eames auf Einladung der hiesigen Bruderschaft des Jungdeutschen Ordens Dr. Quermann, ein früherer Flieger- offizier, über das Thema: „Frontflieger im Westen". Der Vortrag, der sehr gut besucht war, hatte auch Diele Angehörige und Freunde des Jungdeutschen Ordens ans den benachbarten Orten angelockt. Nach turzer Begrüßung durch den hiesigen Großmeister Beigeordneten Grieb und nach dem gemeinsamen Gelang der ersten Strophe „O Deutschland, hoch in Ehrem' zeigte Dr. Äuermann an Hand von 1O(i Lichtbildern die aufopfernde Tätigkeit unserer Flieger während des Weltkrieges an der West- front. Nach einer viertelstündigen Pause, die mit gemeinsamen Gesängen und Gesangsvorträgen des Gesangvereins „Harmonie" unter der Leitung von Herrn Eames ausgefüllt wurde, zeigte dsr^Redner in einem zweiten "Vorträge, auch in Verbindung mit Lichtbildern, die Entwicklung und Vervollkommnung des Flugzeuges von den ersten Anfängen bis zum großen modernen Verkehrsflugzeug. Diese Bllder waren auch am Nachmittage den Schulkindern« oorgeführt worden. Mit dem Hinweis auf die großen Zukunftsaufgaben auf dem Gebiete des Luftverkehrs und mit der Hoffnung auf eine baldige Befreiung von unseren Fesseln auf diesem Gebiete schloß der Redner seinen lehrreichen Vortrag. Seine Ausführungen wurden beide Male mit reichem Beifall belohnt. Nrcis Friedberg. C Friedberg, 18. Jan. Eine Versammlung zur Erläuterung der B a u s p a r k o n t e n, die von Regierungsral Dr. R i n d f u ß im Hotel Trapp in Friedberg abgehalten wurde, war sehr gut besucht. Die Bürgermeister hatten sich wohl vollzählig eingefunden, außerdem war zur Versammlung eine stattliche Anzahl Interessenten und Freunde der Sache erschienen. Ein sehr lehrreicher und inter» essanter Ueberblick über die allgemeine Lage auf dem Baumarkt und die Größe und die schädlichen Wirkungen der Wohnungsnot, den Dr. R i n d - fuß gab, zeigte den Zuhörern die große Wichtigkeit, auf dem Gebiete des Wohnungsbaues mehr zu tun, als seither geschehen ist. Was bisher gemistet wurde (es wurde ausführlich und übersichtlich angegeben) reicht nicht aus. Es bleibt der Weg der Selbsthilfe, die Jnlandkapitalsbildung muß gefördert werden, wenn bricht durch Bausparkonten (freiwillige Sparmaßnahmen), so durch Sondersteuer. Wenn die Bevölkerung den Idealismus uufbringt, dann muß es gehen. Bei Besprechung der Konten wurde hervorgehoben, daß es sich um ein soziales Unternehmen handelt und keine Gewinne gemacht werden. Der Einlagezinsfuß ist niedrig, damit die Darlehen zu erschwinglichen Zinsen abgegeben werden können. Die Sparkassen haften im vollen Umfang. Leicht ist auch mit Hilfe her Konten das Bauen nicht: wenn schon vor dem Kriege jahrelang gespart werden mußte, dann jetzt erst recht. Wenn der nutzlose Verbrauch eingeschränkt wird, dann ist Geld für nötige Ausgaben da, dann ist Kapital für produktive Zwecke aufzubringen, das sich dann volkswirtschaftlich, sozial, ethisch und religiös auswirkt. Die Ausführungen wurden sehr beifällig ausgenommen. Landtagsabg. Lux vervollständigte das Bild, gab zu beachtende Anregungen und kam zu dem Schluß, daß sich die Bevölkerung auch auf dem Gebiet des Wohnungsbaues als Sckicksalsgemeinschaft fühlen muß. In der lebhaften Aussprache kamen noch Anregungen und Anfragen, die erledigt werden konnten; fast alle Sprecher betonten, daß hier der rechte Weg zu einer Besserung gefunden zu sein scheint. Im Schlußwort forderte Dr. R i n d f u h auf, in den Gemeinden nun zu werben, damit bald auf Grund von vorläufigen Listen Bausparergruppen gebildet werden können. Reicher Beifall zeigte den Dank der Zuhörer, der ja auch von verschledenen Rednern dem Vater der Schöpfung ausgesprochen wurde. 2$. Bab-Rauheim, 18. (7cm. (7n dem kürzlich hier gebrachten Bericht über die günstig e Frequenz unseres hessischen Staatsbades konnten wir die Zahl der Ausländer unter den Badegästen mit 4982 fürs Jahr 1925 angeben. 3n einer amtlichen Bekanntmachung der Bad- und Kurverwaltung wird nun angegeben, wie sich diese ausländischen Be- Franziska. Roman von Liesbet Dill. 47. Fortsetzung. Nachdruck verboten. An einem kalten, windigen Oktobernachmit- tag, halb vier, an demselben Sonntag, an dem abends in der Hofvper der „Rosenkavalier" gegeben wurde, öffnete sich das breite Tor der Hasseschen Klinik, um einen schwarzverkleideten Wagen herauszulassen, den zwei mit schwarzen Schabracken behangene Pferde zogen. Die weißen Troddeln spielten über einem mit Blumen und Kränzen bedeckten Sarg. Dem Gefährt schLvs- fen sich noch drei Wagen an, ein Coups mit einem jungen rothaarigen katholischen Geistlichen, ein Landauer mit vier Damen in Trauerkleidung und eine Droschke, worin die Zofe mit mehreren großen Kränzen sah. Fünf Herren in Pelzmänteln und seidenen Halstüchern, man erkältete sich so leicht auf diesen Feierlichkeiten, gingen hinterher. Brasts Sberkopf mit dem dichten Haar schaute bis zur Rasenspitze verhüllt aus seinem Pelzkragen Er war der einzige, der Franziska gdannt. Die anderen gingen an» standshalber mit Die Herren hatten ihre Kragen hochgeschlagen, niemand sprach, die Kollegen muhten ihre Stimme für den Abend schonen. Sie kannten die berühmte Rott nur dem Ramen nach Run fang die Octavicm eine rasch herbei gerufene Wiesbadenerin. Die Ebenhausen sah in ihrer feinen Krepptoque, dem Persianer- mantel, den schwarzen Dänischen, die sie in dem großen Muff verbarg, in ihrer aufrechten Haltung, gesund, jugendlich und schlank unter den jüngeren Kolleginnen. Es war ein stiller Tag, die Straßen leer. In einzelnen Gärten blühten noch Geranien. Der Himmel hing grau und undurchdringlich über der Stadt Als sich der kleine Zug in Bewegung setzte, brach durch die graue Wolkenwand ein matter Sonnenstrahl, welcher die letzten Geranien in den Dorgarten der Dillen noch einmal wie Feuer lodern ließ, und die Straße sncher auf die verschiedenen Erdteile und Rationen verteilen. Kein europäisches Land und auch keiner de« übrigen Erdteile fehlt in der Statistik. Die Höchstzahl entfällt auf Rord- amerita mtt 1099 Besuchern. Es folgen Polen mit 603, Holland rrfit 505, England mit 295, Oesterreich mit 290 Kurgästen urto. Die meisten Staaten weison eine beträchtliche Zunahme der nach Dad-Rauheim entsandten Kurgäste auf. Ein kleiner Rückgang ist nur bei Afrika, Griechenland, Finnland, Italien, Rumänien und ©pairien zu verzeichnen. Beträchtlicher ist der Rückgang bei Bulgarien, während bei Frankreich und Asien die gleichen Zahlen wie im Jahre 1924 verzeichnet sind. Gambach. 18. Jan. Dieser Tage fand die erste Gemeinderatssitzung im neuen Jahre, die auch die erste des neugewählten Gemeindeparlaments war, unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Bock statt. Der Gemeinderat war vollzählig versammelt. Zunächst dankte der Bürgermeister den ausgeschiedenen Mitgliedern für ihre treuen Dienste. Darnach verpflichtete er die neu- aewählten Mitglieder. Anschließend erfolgte die Wahl der Kommissionsmitglieder. Das Interesse für die Sitzung des Gemeinderates war bei den Einwohnern sehr lebhaft, daher hatte sich auch eine große Zuhörerschar im Sitzungssaale eingefunden. Der Gemeinderat seht sich zusammen aus: Bürgermeister, Beigeordnete und 3 Vertreter des Bauernbundes, 2 Vertreter der Mittelstandspartei, 4 Vertreter der Mittelstandspartei vereinigter Handwerker und Gewerbetreibender und 3 Sozialdemokraten. Kreis Schotten. tog. Schotten, 18. Jan. Der neugewählte Kreistag wird am Samstag, 23. Januar, in seiner ersten öffentlichen Sitzung zusammen- treten. Der Parteizugehörigkeit nach haben im neuen Kreistag Sitze: Deutschnationate und Landbund zusammen 13. Deutsche Dolkspartei 1, Deutsche Demokratische Partei 1, Evangel. Volksgemeinschaft 2, Sozialdemokratische Partei 4. Im bisherigen Kreistag war die Sitzeverteilung folgende: Deutschnationale und Landbund 12, Deutsche Dolkspartei 1, Deutsche Demokratische Partei 3, Sozialdemokratische Partei 5. □ Hoherodskopf, 16. Jan. Auf der Hochfläche des Oberwaldes liegt jetzt eine Schneedecke, die nach sorgfältigen Messungen an verschiedenen Plätzen im Durchschnitt eine Höhe von 3 0 bis 40 Zentimeter hat. Der ungewöhnlich heftige Sturmwind, der von Anfang dieser Woche bis vorgestern hier wütete, hat im Bestand unserer ausgedehnten Waldungen schlimm gehaust, beson- ders auf der Nordseite unseres Bergmassivs, in der Gegend der „Forellenteiche". Hier sind eine ganze Reihe von Schneisen durch umgerissene Fichtenstämme überdeckt und unwegsam gemacht worden. Der Schaden ist beträchtlich. -8- D o m oberen Vogelsberg, 18. Jan. Der diesjährige Winter ist reich an starkem böigen Sturm. In den hochgelegenen Dörfern des Dogelsberges hat besonders durch den letzten Sturm manches Dach empfindlich Rot gelitten. Sv ist auch die neuerbaute Jugendherberge deS D.H. C. nicht verschont ge- blicben. An einer Seite hatte der Sturm ein» Lücke ins Dach gerissen. Viel schlimmer sind aber bie Sturmschäden in den Waldungen. Hier war die Angriffsfläche bedeutend größer, uno so ist auch der Schaden erheblich. Do find z. B.bei Grebenhain und bei Gedern ganze Schläge Hochwald umgelegt worden. Aber auch im Riederwald, in Fichten» schonungen ufax, ist sehr viel Schaden zu verzeichnen. Hier sind die Bäume meistens nicht entwurzelt, sondern sie sind wie Streichhölzer in halber Höhe ab geknickt. Besonders der junge Fichtenwald auf der Hercherrhainer Höhe hat in dieser Beziehung stark gelitten. Der Weg zum Ehrenmal deS D. H. C. ist durch die Windbrüche vollkvinmen ungangbar. Solche Verheerungen waren in früheren Jahren nicht zu verzeichnen. Kreis Lauterbach. K Lauterbach 18. Jan. Die schlechte Wirtschaftslage, die sich nicht nur in einer großen Zahl von Erwerbslosen ausdrückt, sondern auch auf weitesten Devölkerungskreisen, vor allem auf den Kleinrentnern und unverschuldet Armgewordenen schwer lastet, hat die Bürgemeisterei veranlaßt, die Winternothilfe, auf die man im vorigen Winter verzichten konnte, wieder ins Leben zu rufen. Das Hilfswerk hat sich bereits früher in den Jahren der Inflation bewährt, der Winternothilfe-Ausschuh will deshalb auch jetzt wieder die Rot nach Kräften zu lindern suchen, in den dringendsten Fällen wenigstens. Er sammelt Gaben in Geld. Lebensmitteln und Delleidungsstücken, die von der Bür- gemeisterei und den Kassen ent gegen genommen werden. Außerdem werden Sammellisten in Umlauf gesetzt. Schl i tz, 18. Jan. Die schweren Brandunfälle, die das Schlitzerland in den letzten Jahren betroffen haben (es sei nur an das große Schadenfeuer inPfordt vor einigen Wochen erinnert), gaben dem Bürgermeister unterer Stabt von neuem Veranlassung, Mittel und Wege zu suchen, wie zu Zeiten der Gefahr am raschesten Hilfe gebracht werden tonne. Die Lage des Schlitzerlandes bedingt es vor allem, daß in S ch'l i tz eine Motorfeuersprihe stationiert fein muß, eine Kreismotorfprihe mit dem Sitz in Lauterbach kann unsere abgelegeneren Ortschaften nicht so rasch erreichen. 3n einer von Bürgermeister Dr. Riepoth einberufenen Versammlung der Schli Herländer Bürgermeister wurde der Plan erörtert und unter allgemeiner Zustimmung gutbeheihen. Sämtliche Bürgermeister haben zugeiagt, ihre Gemeinderäte für dieses Werk der Selbsthilfe zu gewinnen, einige Gemeindevertretungen haben bereits in zustimmendem Sinne beschlossen. Die Motorspritze soll hier in Schlitz, das ziemlich im Zentrum des Schlitzerlandes liegt, aufgestellt werden. Der letzte Brand in Pfordt hat außerdem gezeigt, daß es ein großer Rachteil ist, wenn die öffentliche Fernsprechhalle während der Rächt nicht berruht werden kann. Cs wurde daher beschlossen, mit der hiesigen PostbehölDe wegen Beseitigung dieses Uebelstandes in Verhandlungen zu treten. — Die hiesige Volkshochschule, von Ober- Pfarrer Knodt kurz nach dem Kriege ins Leben gerufen, hat auf dem Gebiet der Dolksbildungs- arbeit schon Vorbildliches geleistet, besonders durch Veranstaltung zusammenhängender Vortragsreihen, die in die verschiedensten Gebiete der allgemeinen Lebenslehre und der Wissenschaft einführten. Auch für diesen Winter wurde in diesen Tagen die Tätigkeit wieder ausgenommen. Studienassessor Rückert von der hiesigen Realschule i. E. hielt vor zahlreicher Zuhörerschaft einen sehr anschaulichen und lehrreichen Vortrag über die Wunder des Sternenhimmels. An einer von Oberpfarrer Knodt zur Verfügung gestellten Lichtbilderreihe konnte der Redner die erhabenen Wunder der Sternenwelt trefflich erläutern. Preußen. Kreis Wetzlar. XX Kinzenbach, 18. Jan. Am Samstagabend hielt der hiesige Turnverein seine Iay- reshauptoersammlung ab, die sich durch reges Interesse und zahlreichen Besuch der Mitglieder auszeichnete. Nachdem der Vorsitzende, der Kassenwart und der Pressewart ihre Berichte vorgetragen hatten, fand die Vorstandswahl statt. Bei dieser wurde der seitherige Vorstand fast ausschließlich und einstimmig wiedergewählt. Neugewählt wurden Wilhelm B e p l e r als zweiter Turnwart und Louis B e p l e r als Schriftwart. Der Ium- verein kann auf ein Jahr vielseitiger turnerischer Tätigkeit zurückblicken, er hat mehr als 40 Preis? auf den Veranstaltungen des Gaues, Bundes und Verbandes davongetragen. XX Atzbach, 18. Jan. Die Serbin- dungsstraße Dutenhofen — Atzbach, über die nahezu drei Wochen die rauschenden Wasser der Lahn dahinslutete.n, ist bekanntlich nur zum Teil ausgebaut. Das jüngste Schlammbad der Straße ist durch den jähen Frost in eine unpassierbare Eisdecke verwandelt worden. Unberechenbaren Schaden aber richtet die Vereisung der Aecker an dem Wintergetreide an. Nachdem die jungen Saaten wochenlang im schlammigen Wasser gestanden haben, zerstört nun die Eisdecke die Keimlinge vollends. Es steht schon heute außer Zweifel, daß das gesamte Wintergetreide an den Niederungen zu. beiden Seiten der Lahn als verloren gelten kann und im Frühjahr u m gepflügt werden muß. Maingau. WSN. Frankfurt a.M., 18. Jan. Infolge der trostlosen Lage des Arbeitsmarktes hat in der letzten Zeit ein üerft ärtter Zuzug von Personen nach Frankfurt a.Main ftattgefunben, die hier Arbeit oder eine sonstige Erwerbsmöglichkeit zu finden hoffen. Abgesehen davon, daß auch hier die Zahl der Arbeitslosen oder der verkürzt arbeitenden eine bisher noch nie dagewesene Höhe erreicht hat. beftebt bei der zur Zeit außerordentlich großen Zahl der Obdachlosen keiner- I e i M ö g l i chk e i t. für planlos Zuziehende eine W ohnung ober auch nur ein einigermaßen ausreichendes Obdach zu erhalten. herab tarn ein Windstoß, der wie eine unsichtbare Hand zwischen die Bäume fuhr und ihre gelben Blätter herunterschüttelte, so daß ihre garrze Luft mit einem Male von diesem wir- belnben bunten Blätterregen erfüllt war. Wie bunte Schmetterlinge flatterten die leuchtenden Was sich einst zwischen ihr und. Franziska abgespielt, war ausgelöscht. „Der Tod macht alles wieder gut“, sagte die Ebenhausen. Man formte Franziska nicht lange gram fein, sie hatte einen Zauber ausgeubt. selbst auf ihre Feinde. „Sie war eine große Künstlerin", betonte sie. gelben und roten Blätter herab auf den schwarzen Wagen, die Trauerschabracken der Pferde, die mit gesenkten Köpfen langsam einherschritten, unb bedeckten den Weg, den der fleine Trauerzug nahm. Die Heine blonde, kurzsichtige Sopranistin im ersten Wagen, die noch vor einigen Tagen im Bureau des Intendanten Weinkrämpse bekommen hatte, weil man bie Rott hatte kommen lassen, während sie bestimmt auf den Octavian gerechnet hatte, saß begierig der Ebenhausen gegenüber. Sie waren alle gespannt, Räheres über die Kollegin zu erfahren, die das großartige, glänzende Leben geführt hatte und von der die Kritiker einst innnig mit Ehrfurcht sprachen. Die Ebenhausen enttäuschte bie neugierigen Kolleginnen durch vornehme Zurückhaltung. Gewiß, sie hätte vernünftiger leben müssen, Haushalten mit ihrer Stimme, ihren Rerven unb ihrer Gesundheit. Aber Franziska dachte, ihre Kraft sei unerstchöpftich und unbesiegbar. Doch sie kam mit keinem Wort auf die Krankheit Franziskas zurück, sie gehörte zu denen, die sich das Unharmonische, Unfreundliche und Llnheimliche fernhalten. Sie saß wie der lebendige Triumph eines ordnungsmäßig geführten Lebens aufrecht im Wagen. Auf ihrem einfachen, reinen, noch immer hübschen Gesicht stand nichts geschrieben, was nicht jeder lesen konnte. Sie würde sicher achtzig Jahre alt werden und noch lange an der Hofoper in den heroischen Rollen auftreten, zu denen sie über gegangen war. Durch ihren wehenden schwarzen Kreppschleier sah sie den bunten Blättern zu, bie unaufhörlich herabwirbelten, unheimlich wie ein Fastnachtstreiben in dieser ernsten Stimmung des teeren, kalten Herbstnachmit» tags, da man jemand zur letzten Ruhe bestattete. „Aber in manchen Rollen sott sie doch versagt haben", warf bie Soubrette hin. „Ja, in den heroischen," sagte die Ebenhausen, „die haben ihr nie gelegen.“ Der kleine, starke Geistliche mit dem derben, bäurischen, gesunden Gesicht, der eher einem Komiker als einem Geistlichen ähnlich sah. repetierte in seinem Coupä eine Taufrede. Taufreden lagen ihm besser. Er hatte Franziska nicht gekannt und wußte nicht viel über sie zu sagen. Es war immer eine heikle Sache mit diesen berühmten Damen unb ihrem großartigen Leben, dessen ehrenvoller Abschluß dann der Geistlichkeit überlassen blieb. Die Zofe, zwischen auf getürmten Kränzen. Buketten und Palmwedeln, wickelte sich fröstelnd in den Zobelpelz ihrer Herrin und rechnete aus, wie viel ETttschädigung sie fordern sollte für den Ausfall an Lohn unb Geschenken. Verwandte hatten sich keine gemeldet ern Bruder aus Graz hatte telegraphiert, die Eltern waren tot. So eine Schauspielerin hat ihre Familie ja kaum gesehen. Am Tor des Kirchhofs ließen dre Herren die Wagen vorangehen, ein trockener Wind trieb ihnen ins Gesicht. Sie kehrten um und gingen zur ©tobt zurück. Der Pfarrer machte des Windes toegem der ihm durch den dünnen Talar blies, feine Sache kurz. Als er die Erde auf den Sarg geworfen 5atte, sah er sich um, wem er zunächst die Schaufel in die Hand geben sollte, aber es war niemand da. So winkte er der Zofe, unb das alte Mädchen mit dem verlebten Gesicht trat mit zitternden Knien ans Grab und warf rasch und schaudernd ein paar Schaufeln Erde auf den schwarzen Sarg. Sie dachte, daß dort unten ihre Herrin ruhte, die sie noch vve wenig Tagen Turnen, Sport unb Spiet S. D. 20 Heuchelheim I gegen V. L. Wetzlar II 3:1. Dcr Heuchelheimer Sportverein hatte die 2. Mannschaft des B. E. Wetzlar am Sonntag zu Gast: er konnte das Spiel 3.1 für sich beenden. Trotz der Schneedeäe war der Platz in guter Verfassung unb gestattete ein einwandfreies, in jeder Hinsicht spannendes Spiel. Durch Um- bzw. Reueirtstcllung hat der Sturm deS Platzvereins endlich die nötige Durchschlagskraft gewonnen. besonders gut die beiden Austen. In der Läuferreihe gefiel nur der Mittelläufer. Die Verteidigung samt Torwart wie immer sehr gut. D. C. Wetzllr stellte eine Mannschaft mit besonders slinlem 6tunn. Der Torwart und die beiden Verteidiger wären ferner noch zu erwähnen. Rach diesem Sieg Heuchelheims und nachdem es bereits am 10. Januar die 2. Mannschaft von S. C. 1900 Gießen mit 4:1 heirnge» fchickt halte, hat der B°Meister bewiesen, daß er vor der stärksten A -Mannschaft nicht zurückzu- f wunderswertem Elan den Spielverlauf die ganze zweite Hälfte übet überlegen von sich aus be- stiTmnen, bis es bann auch Paulus gelang, einen feiner zahlreichen Würfe zum Ausgleich anzubringen. Eine andere Möglic^eit zum Siegestor bot sich dem R. A der Polizei, der aber im letzten Augenblick am Schußkreis vom F. 6.- Tormann daran gehindert wurde. Ungleich mehr Aussichten auf Sieg hatte noch der 4 Mann starke F. C.-Sturm, der durch das Aufrücken bei eigenen Läuferreihe energisch unterstützt würbe. Sämtliche Würfe aufs Polizeitor hielt aber der in Hochform arbeitende Hüter. Kapello — das Spiel wurde durch zahlreiche Strafwürfe unterbrochen, von denen der F. E. durch scharfes Spiet entschieden die größere Anzahl verursachte. Werui auch nicht der Sieg für Öen Fußballklub war, so war ihm doch der Erfolg, well er im Tempovorlegen und -durchhalten die größere Ausdauer besah. Das ist die Stärke der Elf. Sie ist nicht klein zu kriegen und seit 2 Jahren ungeschlagen!). Des weiteren spielte sich der F. C.--Sturm gegen Schluß immer mehr in sein System rein. — Die Polizei lieferte ihr bestes Spiel am Sonntag nicht. Als ihr M.L. das Tempo nicht mehr durchhielt, baute die Elf ab und beschränkte sich, abgesehen von einzelnen Durchbrüchen, auf das Hallen des ersten Halbzeitergebnisses. — Der E chi edsrichter hatte eine frisiert und angekleidet hatte, und es durchlief sie kalt. Rach ihr trat die Ebenhausen in würdevoller Trauerhaltung an das Grab, sie neigte den schleieroerbülllen Kopf, sprach ein stilles, kurzes Gebet, warf mit unmutiger Bewegung drei Hände voll Erde hinunter auf den Sorg unb einen Beilchenstrauß für Franziska. „Gott geb ihr die einige Ruhe!" Ein paar Tage später machte Hasse wieder seinen gewohnten Rachmittagsgang nicht wie sonst durch den Schloßpark, sondern schritt an dem Bahnhof vorüber zur Stadt hinaus. Es war kalt geworden, in der Luft flimmerte es wie erster Schnee. Seine Blicke streiften die Fronten der Häuser dieser kahlen Dorstadtstraßen, die er kaum jemals mit Dewuhtsein gesehen, während er die Zeitung im Auto las. Was für ein gedankenloses Leben man führte. Immer kahler wurden die Straßen, immer nackter die Häuserfronten, Fabrikanlagen, Geschäftshäuser. Grohgeschäste mit breiten Toreinfahrten mischten sich unter die weihen und grauen und roten Backsteinkasernen, dann kam der Güterbahnhof, und nun sah man in der Ferne schon den Hügel, mauerumschlossen, mit den Lorbeerbäumen an der Pforte und den vielen hellen und dunklen Kreuzen, buschberankt die Blumen bereits int Absterben begriffen. Die Pforte stand offen. Ein aller Herr, der seinen Pudel Kunststücke ausführen ließ, wartete am Tor, eine junge Dame in lösendem Trauerschleier schrill vor ihm her. Der Trauerschleier zeigte ihm den Weg zu den neuen Gräbern, die auf der linken Seite des Hügels lagen, der sich terrassenförmig erhob. Aus dem unteren Friedhof hatte man ältere Kreuze und Denksteine ab genommen und gegen bie Mauer gelehnt. Er konnte im Vorübergehen bk Ramen lesen, die Regen und Schnee halb verlöscht hatten. Sie waren vor vierzig Jahren hier mit allen Ehren begraben, jetzt waren ihre Plätz« verfallen, und sie mußten anderen Platz machen. (Schluß folgt.) schwere Ausgabe zu lösen, bic ihm durch das Berpalien £>e» Puvtuums noch erschwert wurde, so daß er um ein Haar zum Mittel der Platz-- verweisung greifen mus;te. Er war unparteiisch, pfiff schnell und entschied sicher. Die Leitung des Spiels batte er jederzeit fest in der Hand, und das war die Hauptsache. Das Ergebnis entspricht unserer Vorbespre-- chung. Bei trockenem Boden hätte sich vielleicht noch die Dorzahl geändert, aller Wahrscheinlichkeit nach das Ergebnis aber nicht. Cs ist müßig, zu suchen, wer einen eventuellen Sieg verdient hätte. Es handelt sich zur Feststellung des Meisters gleichzeitig nm die Feststellung des derzeit Besten, älnd da kann man sich darüber einig sein, daß die beste Leistung seither und am Sonntag der F. C. bot, wenn auch nur mit geringem, so aber doch merklichem Borsprung vor seinem Konkurrenten. Das ist schließlich der Zweck des Sports im allgemeinen, und des Handballs im besonderen, den wirklich Besten im Spiel zu ermitteln. Wir stellen fest, daß das am Sonntag geschah und wünschen dem neuen Meister Glück und Erfolg zum weiteren Streben nach der Meisterschaft. Das Endspiel um die Bezirkshandballmeisterschaft soll in Kassel (?!) am 31. Januar d. Zs. stattfinden. F. C. müßte also an diesem Tage gegen den Kasseler Meister, voraussichtlich gegen die Iunghenn-Elf, Hessen—Preußen, antreten. Kirche und Schule. ch. L e i d h e ck e n, 18. 3an. Das kirchliche Leben in unterem Orte im verflossenen Jahre zeigt folgendes Bild: Gemeindeglieder waren es 384: Trauungen fanden statt 1; Taufen 8; Beerdigungen 7; konfirmiert wurden 9 Kinder Ende März fand eine Evangelisationswoche durch den Bolksmissionar Pastor H o r st statt: die Borträge waren sehr gut besucht. In 62 Gottesdiensten zählte man 2026 Erwachsene, sowie 2000 Kinder, durchschnittlich je 31.8 Prozent. Iugendgottesdienste fanden 11 statt. 'Abendmahlsbesuch 51 Männer, 65 Frauen. Für Werke der Wohltätigkeit gingen ein 221 Mk. Ferner besteht eine Volksbibliothek mit z. Z. 520 Bänden, welche eifrig benutzt werden: sie wird vom Pfarrer geleitet, die Bücher sind Eigentum der Kirche. — In unserem Filialorte Blofeld ergibt sich folgendes Bild: Gemeindeglieder waren es 253: Trauungen fanden keine statt: Taufen 2: Beerdigungen 11: konfirmiert wurden 4 Kinder. In 60 Gottesdiensten 1698 Erwachsene und 1272 Kinder, durchschnittlich 28,3 und 21,2. Iugendgottesdienste fanden 9 statt. Abendmahlsbesuch 73 Männer und 62 Frauen. Für Liebestätigkeit gingen ein 92 Mk. Die Kirche erhielt elekttische Beleuchtung. — Eine Bolksbibliothek besteht auch hier, die vom Bürgermeister geleitet wird. S ch l i tz, 18. Ian. Im abgelaufenen Iahr 19 2 5 wurden hier 59 Kinder getauft. 29 Knaben und 30 Mädchen (im Borjahre 46 Kinder). Konfirmiert wurden 46 Kinder, 26 Knaben und 20 Mädchen (in 1924 waren es 54 Konfirmanden). Kirchlich getraut wurden 21 Paare, 2 mehr als in 1924. Beerdigt wurden 30 Personen. Am Abendmahl nahmen 1197 Personen teil. Wirtschaft. Die Wirtschaftslage zu Beginn des Jahres 1926, WEN. An der Wende des Iahres 1925 I stand die deutsche Wirtschaft unter dem Zeichen einer Krise, wie sie schwerer und nachhaltiger ' kaum jemals erlebt worden ist. Landwirtschaft und Bergbau, Industrie, Handel und Schiffahrt, kurzum alle Wirtschaftszweige sind von der Depression erfaßt worden. Kapitalknappheit und Absatzmangel im In- und Auslande sind die beiden Faktoren, die, in enger Wechselwirkung miteinander stehend, die heutige Wirtschaftslage in erster Linie entscheidend bestimmen. Bomehm- lich unter ihrem Einfluß sind die Konkursziffern gerade in den letzten Monaten des Iahres 1925 sprunghaft hinaufgeschnellt, wurden Betriebseinschränkungen in immer steigendem Maße borge* genommen und hat sich die Lage auf dem Ar- beitsmarkc erheblich verschlechtert. So schwierig sich nun auch Deutschlands wirtschaftliche Lage gestaltet hat, und so großer Anstrengungen es bedürfen wird, die Krise zu überwinden, so verfehlt wäre es doch, übertriebenen Pessimismus zu hegen. Ist vor allem angesichts der sich überall zeigenden Krisensymptome die Auffassung gerechtfertigt, daß das vergangene Iahr in seiner Bilanz weit ungünstiger abschloß als das Iahr 1924? Unö kann man weiter aus den Krisenerscheinungen der Geg-nwart folgern, daß sich die deutsche Wirtschaft im Stadium eines unaufhaltsamen Niedergangs befindet? Eine umfassende Betrachtung der mannigfaltigen und komplizierten Zusammenhänge in der deutschen Wirtschaft und ihrer Entwicklungstendenzen wird trotz allem Schweren, das wir gegenwärtig erleben, eine solche Auffassung nicht bestätigen. Die Ursachen, die die jetzige Krise hervorriefen, bestanden im Grunde schon im Iahre 1924, sie wurden aber in vollem Grad ihrer Auswirkung durch eine Reihe von Umständen gehemmt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur daran, daß im Frühjahr 1924 die Reichsbank zunächst Ankurbelungskredite an Produktion und Handel gab, und daß, als die Kreditrestrittionspolitik dann eine erhebliche Erschwerung der Lage brachte, vor allem durch die in der Wirtschaft noch vorhandenen Devisenvorräte und später durch die Auslandkredite der Ausbruch der Krise verhindert wurde. Vermeidbar aber war sie auf die Dauer nicht. Bei voller Würdigung der großen Schwierigkeiten, die sie am Ende 1925 gebracht hat, darf nicht verkannt werden, daß im Ablauf des Wirtschaftsjahres 1925, das so viele Hoffnungen enttäuscht hat, immerhin Tatsachen erkennbar sind, die eine allzu pessimistische Auffassung von der zukünftigen Entwicklung der deutschen Wirtschaft nicht rechtfertigen. Was zunächst den Stand der Produktion betrifft, so entspricht er in wichtigen Zweigen etwa der Zeit vor dem Kriege. So bleibt z. D. die Steinkohlenproduktion nur noch wenig hinter der von 1913 zurück, sie erreichte in den ersten elf Monaten des Iahres 1925 durchschnittlich 11,02 Millionen Tonnen gegen 11,73 Millionen Tonnen im Durchschnitt des Iahres 1913 (auf dem jetzigen Reichsgebiet). Die Draunkohlenförderung ist sogar erheblich höher als vor dem Kriege. Die Arbeitsintensität, die gerade in den Inflationsjahren zum Rachteil der deutschen Wirtschaft außerordentlich gering war, Ijut sich erfreulicherweise auf der ganzen Linie wieder gehoben und näherte sich dem Borkriegs- stand. Bon großer Wichtigkeit ist die Entwicklung des deutschen Außenhandels; die Passivität der deutschen Handelsbilanz, die im Iahre 1925 ihren Höhepunkt erreicht und dann, nach einem nochmaligen Anstieg uni die Mitte des Iahres, von Monat zu Monat nachgelassen hatte, betrug im Rovernber nur noch 65 Millionen. Ferner ist zu berücksichtigen, daß auch die Kapitallage in Deutschland sich im Laufe des Iahres 1925 etwas gebessert hat, wenn auch bis zu einer Lösung des Kapital- und Kreditproblems in der deutschen Wirtschaft noch ein weiter Weg ist. Immerhin zeigt sich, daß die Zinssätze etwas zurück- gegangen sind, und daß die Kapitalbildung im Inland, wenn auch zaghafte, so doch stetige Fortschritte gemacht hat. Betrug di? Summe der Spareinlagen bei den preußischen Sparkassen im Ianuar 1925 nur 482,3 Millionen Mk., so erreichte sie im Oktober die Höhe von 996,9 Mill. Mark. Daß das Wirtschaftsleben im Iahre 1925 trotz aller Hemmungen durch Kapitalnot und Absatzschwierigkeiten nicht ins Stocken geraten ist, das beweisen am besten die Warenumsätze, die ihrem ©efamtumfang nach großer waren als 1924. Es sei daher noch einmal gesagt: ein Anlaß zu übertriebenem Pessimismus liegt nicht vor. Der deutsche Wictschaftswille und die deutsche Wirtschaftsenergie werden sich, richtig angewendet und in die rechten Bahnen geleitet, wieder zur Geltung bringen, sofern es ge-ingr, den Erzeugnissen deutscher Arbeit in Zukunft die Absatzmöglichkeiten zu schaffen, deren die deutsche Wirtschaft zur vollen Kraftentfaltung bedarf. Ermäßigung der Zinsen für Einlagen. Die Bankvereinigungen haben auf Vorschlag der Stempelvereinigung den Zinssatz für Einlagen von 15 Tagen bis zu einem vollen Monat oder mit entsprechender Kündigungsfrist von 7 Proz. p. a. auf 6 Proz. p. a. ermäßigt. Börsenkurse. Frankfurt a.M Berlin Schtu->. Kurs 1-libr. Mur« Schlich.! Anfang Nur» Mars Datum: | 18.1. 19. 1. 18. 1 19. 1. 5% Deutsche RcichSanlcibe . (1,235 -1.230 0.235 0,23 4% Deutsche Reichsanlcihe . — — . 0.26 B'/s% Deutsche Reichsanlcthe 0 24 - 0 205 0,2 i 3% Deutsche Rcichsanlcihe . U.'4 — 1,3)75 0.3 Deutsche Svarprainienanleihe 0,155 — 0 155 — 4°/o Preußische jlonfols . . . 0,25 — 0 255 0 2125 4% Hessen . ....... — — 0.215 — 3'/,°/» Hessen ........ — — 0 18 3% Hessen........... 0.24 0 225 Deutsche Wertd. Dollar-Anl. 90.25 — 91.75 — dto. Doll-Schav-Anircisna-': 98,5 — 98.6 — 4e/0 Zolltürkcn....... 8 5 । 8 5 — 5% Goldmcrikaner ... . 42 I 42,25 — Berliner Handelsgesellschaft • ^onunerv und Privat-Bank Sannft und yiationalbahf • Deutsche Bank. . Ternsche Bereinsdanl .... Disconto Gommern bit . . . Metallbank .......... Mitteldeutsche Kreditbank . Lcsterrrichlsche Creditanstalt Weltbank ......... Bochumer Gaß ....... BuderuS........... Caro ... Deutsch Luxemburg Gelsenkirchener Bergwerk« . . Harpener Bergbau Kaliwerke Aschersleben.... Kaliwerk Westeregeln..... Vaurabütte ......... Oberbedarf ......... Phönix Bergbau ...... Rheinslahl ....... Niedert Wiontan....... TelluS Bergbau. ..... Lamburg-Amerika Paket. . . I Norddeutscher Llovd . . . . | Cberamtsche Werke Alblu . . Zementwerk Heidelberg . . . Philipp Holzmann...... Anglo-Cont-Guano Chemische Mayer Alaptn . . 9- G Jarbcntndustrie, A.-G. Goldscymidt.......... Holzverkohlung Rütgerswerke Schcideanstalt Mg. ElektrtzttätS-Gesellschaft Bergmann Mainkraftwerke Schlickert Siemens 4 Halske .... Adlerwerke Klcyer ..... Daimler Motoren Hcyligenstaedt Megutn............ Motorenwerke Mannheim Frankfurter Armaturen . . Konservenfabrik Braun . . . Metallgesell maß Frankfurt. Per. Union A^G...... Schuhfabrik Her; . . .... Sichel. . . Wellston Waldhof...... Zuckerfabrik Frankenthal . . Zuckerfabrik Waghäusel . . . 144' —• 1'3,5* 141,5* 101 5' 101,5* lOl.i* lOLh- 114 5' 115* 1'4' 114,2' — Hi ,2* IM 5* (0 - - — 112,6' 112* 112' 87 88 — — 95.5* 95.5' 9 ,25* 91.85* 6.9 6.8 . 6,9 6,75 0 03t 0,035 — — — * 79* 79’ 28 87,75 39.75 » 4 u 47* — 49,75* 42' 77.4' 76 84,75* 77 76* 83.5 81 25' 85 5* 82,75* 102.5' 102,5* 103..V l >2,4' 113,5 113 llti- 113' 118 '18 117 116.25 33.5 — 34.12 33.75 42* 45.75* 43' 72,75* 71,75* 71.9* 71.25' 61’ 66* >1,62* 59 5' 81 5 78,75 80 78,5 53 — — — 107* 197* 107,5* 106.9’ 117* 116 7* 117,5' 117,5* -- — - 72,5 72.5 - — 58,5 66 25 58 — - — .80 — —— •— — — — — in 7* 122' 63 60 5 61 60 5 58 55,5 — — 6 5 67 69 .— 90,5 91 — — 92.75* 91* 92.75* 92* 77.5 — 78.4 77,25' 80 79* — - 70* — 70.12* 67.62* 81* -- 83.62* 83,7 4 34 3‘,5 33 62 Ä 33,75 — 33,25 33 18 — — — 30 — 32.5 — — —- —* —■ 19 — — — ■w —» — 98.6 98.5 — - 55 56 53,5 20.6 20,5 —» — 2 9 2.9 2,25 — 91 92 93.25 91 49 49,75 — — 45,75 45 45 —- Devisenmarkt Berlin—Frankfurt a. M. Telegraphische Auszahlung. 18 ftan. 19. Jan. Amtliche Noli runa Amtliche Notierung (Selb 1 Brief (dclv Brief Anm.-r-tou 168.70 169,12 168.58 169,00 «uen.-Aires 1.738 1.742 1,737 1,-48 19,09. Brss.-Antw- 19 06 19,10 19.055 Christiania. 85,48 85,70 85,34 85,56 .Kopenhagen 104.39 104-65 104,30 104,65 Stockholm . 112,3'1 112,58 U2.22 112,48 Helsingfors 10.545 10,585 10,54a 10.585 Italien. . London. . 16.93 16,97 16,94 16.98 20,380 20,437 20,394 20,454 Neuyork . . 4,195 4,20' 4,195 4,2)5 Paris. . . 15.74 '5,78 15,80 15,84 Schwei» . . 81 0e5 81.045 81,02 81,22 Spanten. 59,34 59,48 5Ma 69,4 Japan . . . mlo de Jan. Wien in D-- 1,865 1,869 1,861 0.630 1,865 ') 629 1.631 0.634 Ceft. abgest 59,05 59.15 59.07 59,21 Prag .... 12,421 12,461 12,417 12,457 Beizrad . . 7.42', 7,445 7,432 7,4a2 Budapest. . 0.87 i,89 3,87 ».89 Bulgarien 2,815 2,821 21,385 2,395 2,405 Lissabon 21 335 21,225 41,275 Danzig. . 80 82 81.02 80,86 81.06 Konstantin. 2,20 2.21 2,185 2.195 Athen 5 79 6.81 5.79 5-81 Kanada. . . 1.187 1,197 4.187 4.197 Uruguay . 4,31 4,32 4,825 4,335 Banknoten. Berlin, 18 Jan Geld Briet Amerikanische VZotea..... ',20 4,22 Belgisch? Noten ...... 19,00 20 10 Dänische Noten ....... 10',19 101,41 (Englische Noten........ 20,3)7 20,407 Französische Noten ...... 15,78 b 86 Holländische Noten ...... 168,38 161.22 Italienische Noten ...... 16 95 17,0! Norwegische Noten..... Deuisch-Oestcrr, ä 100 Kronen 85 29 85 71 48.94 59,24 Rumänische Noten...... — — Schwedische Noten....., 112.0l 112.58 Schweizer Noten...... 80,97 81,37 Svanische Noten ....... 5'M5 59 45 Tschechoslowakische Nat-u . . 12.39 12.45 Ungarisch? Notelt . , , , , 6,83 ÖiC( Berliner Börse. (Eigener Drahtberichk des „Gießener Anzeigers".) Berlin, 19. Ian. Der günstige Verlauf der Frankfurter Abendbörse vermochte der heutigen Börse feine Anvegung zu geben. Da sich bei Beginn des Geschäftes heraussteAte, daß der Ovderseingang erheblich nachgelassen hat, und die Aus'l'andkäufe ebenfalls zurüc/giegangen waren, schnitt die Spekulation zunächst zu Abgaben. Die ersten Kurse lagen daher a[(gemein 1 bis 2 Prozent unter dem gestrigen Niveau. Die Umsätze waren an den Terminmärkten zunächst sehr gering, da man die weitere Entwicke- lung der Kupse abwarten wollte. Nur für Canada- Sh ares bestand starkes ^Interesse, das den Kurs wi-ederum um einige Prozent auf 67,5 steigerte. Es wird bekanntlich gemeldet, daß die im kanadischen Kabinett jetzt ausschlaggebende liberale Partei die Rückgabe des beschlagnahmten deutschen Eigentums begünstigen wird und daß die Freigabewerte den Zertifikat-Inhabern direkt ausgehändigt werden sollen. Die Dividenden-Vorschläge des Schult- heiß-Kahlbaum-Konzerns entsprechen den Erwartungen der Börse, dagegen bewirkte die Verschiebung des Gewinnverteilungsschlüssels zugunsten der Schultheiß-Gesellschast eine Erhöhung des Kurses, während Kahlbaum, die sich in der Gewinnverteilung gegenüber dem jetzigen Stande etwas verschlechtert haben, ein leichtes Nachgeben dieses Kurses. Nach Verlauf der ersten Börsenstunde schritt die Spekulation zu Rückkäufen, namentlich am Montan- und Erdölmarkt, die Kurse zogen durchschnittlich um 1 Proz. an. Hiervon wurde auch die Gestaltung der übrigen Märkte begünstigt. Der Geldmarkt ist weiter leicht. Tagesgeld 8 Proz. Monatsgeld 81 bis 9' .. Proz. Im Devisenverkehr behielt London gegen Kabel weiter seine Festigkeit. Warschau gegen Kabel 7,40. London gegen Paris 129, . Die Reichsmark lag gegen London etwass chwächer mit 20,42. Frankfurter Börse. [Eigener Drahtbericht des „Gießener Anzeigers".) Frankfurt a. M., 19. Jan. Tendenz schwach, später fest. Die Börse eröffnete vorbörslich in alv geschwächter .Haltung, so daß die im gestrigen Abendverkehr erzielten Kursbesserungen wieder verloren gingen. Die Schwierigkeiten, die dem Zusammentritt des neuen Kabinetts begegnen, verstärkten die Verstimmung und förderten die Abgabeneigung. Der Tendenzumschwung, der in der Hauptsache auf Jnlandverkäufe und auf Abgaben Mtnlt der ijiingetnM Biigel! SfliOBl die gastiere! der Spekulation zurückzuführen war, konnte bald wieder überwunden werden und eine bessere Stimmung gewann die Oberhand. Die Kauflust trat bald wieder hervor, zumal auch Auslandkäufe das Geschäft belebten. Die Spekulation schritt zu Deckungen, die sich namentlich auf Chemie- und Schiffahrtswerte erstreckten. Besonders letztere erreichten eine erhöhte Umsatztätig- keit, daneben waren aber auch Chemiewerte stark begehrt. Die übrigen Märkte, die dadurch günstig beeinflußt wurden, verkehrten gleichfalls in fester Haltung. Auf dem Bankenmarkt vollzog sich das Geschäft in ruhigen Bahnen bei fester Tendenz. Zu^keraktien waren etwas gefragt und fester. Am K a s s a m a r k t überwog die feste Haltung, jedoch waren meist nur kleine Kursbesserungen zu verzeichnen. Deutsche Anleihen tagen unverändert. Schutzgebiet 4,6. Ausländische Renten wiesen nur geringe Veränderungen auf; für Türkenwerte bestand etwas Interesse bei anziehenden Kursen. Der Pfandbriefmarkt verkehrte bei ruhigem Geschäft in behaupteter Haltung. Im Freiverkehr erzielten Deutsche Petroleum eine Steigerung von 67 auf 76 Prozent, dagegen lagen Benz mit 30 Prozent schwächer. Api 0,4, Beckerkohle 46, Beckerstahl 45, Brown-Boveri 54 Prozent, Entreprise 12. Growag 48 Prozent, Krügershall 80 Prozent, Ufa 52 Prozent, Ufra 57 Prozent. Der weitere Verlauf brachte bei größerem Geschäft für Chemie- und Schiftahrtswerte weitere Steigerungen, so wurden unter anderen Norddeutscher Lloyd auf 118,5 höher. Chemische Interessengemeinschaft 122,75. Auch für die anderen Märkte wirkte sich die Befestigung recht günstig aus. Der Geldmarkt ist unverändert flüssig. Tagesgeld ist unanbringlich. Monatsgeld 7Vs öis 9Vs Proz. Bankdiskonten 6V4 Proz. Industrie-Akzepte 7Vs bis 9 Proz. Der Devisenverkehr verlies ungewöhnlich ruhig und litt unter allgemeiner Zurückhaltung. Paris gegen London 129.—. London behauptete gegen Kabel seine Festigkeit mit 4,86* V Frankfurter Getreidebörse. (Eigener Drahtbericht des „Gießener Anzeigers"^ Frankfurt a. M., 19. Ian. Es wurden notiert: Weizen. Wetterauer 25,75 bis 26, Roggen, inländ. 17,50 bis 17,75, Sommergerste für Brauzwecke 22 bis 24,50, Hafer, inländ. 18,50 bis 21,50, Mais, gelb 20,75 bis 21, Weizenmehl, inländ., Spezial 0 41 bis 41,25, Roggenmehl 26 bis 26,50, Weizenlleie 11,10 bis 11,30, Roggenkleie 11,25 bis 11,50. Tendenz stetig. «Derlinet Produktenbörse. Berlin, 18. Ian. Die Berliner Amtliche Produttenbörse konnte sich der anhaltenden Ver- Kauungen der Auslandnotierungen nicht ent- ziehen. Das Angebot in Brotgetreide bleibt bestehen, doch sind die Offerten hier zu hoch. Lediglich nur zu niedrigen Preisen kamen vereinzelt Umsätze zustande. Im Zusammenhang zeigte Roggen gegenüber dem Weizen große Widerstandsfähigkeit. März-Lieferung wurde hier je 1 Mk.. Mai-Lieferung je 2 Mk. schwächer, während Weizen ca. 3,25 bis 3,50 Mk. nachgab. Gerste ruhig, Hafer unverändert, Mehl still. Cs wurden notiert für 1000 Kilo: Weizen, märf. 245 bis 251, do. Pomm. 245 bis 251, do. März 268 bis 266, do. Mai 273 bis 271, Roggen, märt. 143 bis 150, do. Pomm. 142 bis 149, do. Marz 174 bis 173,50, do. Mai 185 bis 184, Gerste, mark. 180 bis 207, Futtergerste 148 bis 162, Hafer, mark. 160 bis 171, Raps 340 bis 350: für 100 Kilo: Weizenmehl 32,50 bis 36, Roggenmehl 22 bis 24, Weizenkleie 11,25 bis 11,50, Roggenkleie 9,75 bis 10,25, Diktoriaerblen 27 bis 35, kleine Speise- erbfen 22 bis 25, Futtererbsen 20 bis 22, Peluschken 19 bis 20, Ackerbohnen 20 bis 21. Wicken 20,50 bis 23, Lupinen blau 11,75 bis 12,50 do. gelb 13,75 bis 15, Serradelle 18 bis 19, Rapsluchen 15,25, Leinkuchen 23,50 bis 23,60, Trocken» schnitzel 8 bis 8,20, Torfmelasse 8.20 bis 8,50. BücherLisch. — Professor Dr. Ernst H 0 r n e f f e r -Gießen hat seinen auf der 55. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Erlangen gehaltenen Vortrag „Die klassische Bildung als allgemeine Volksbildung" bet Alfred Töpelmann in Gießen in Broschürenform herausgegeben. 876 — Unter Mitwirkung einer Reche bewährter Fachleute hat Iohannes Poeschel im 'Auftrage des Deutschen Luftfahrerverbandes eine sehr instruktive „Einführung in die Luftfahrt" herausgegeben. (Verlag R. Vo-igtländer in Leipzig.) Unterstützt von zahlreichen Bildern und Karten wird einleitend das Clement der Luftfahrt, die Luft, betrachtet und dann nach einer kurzen Vorgeschichte der Luftfahrt die einzelnen Arten der^ Ballonfahrt, der Luftschiffahrt, des Gleit- und Segelflugs und des Motorslugs eingehend besprochen. Luftverkehr und Luftpolitik finden sachliche Darlegungen. Zum Schluß wird die wichtige Frage angeschnitten: „Wer soll flie gen lernen?“ und damit zugleich »uch^per Leserkreis dieses Buches bezeichnet. „Emden." Meine Erlebnisse auf S. M. Schiff „Emden" von Franz Iofef Prinz von Hlohenzcollevn, Oberleutnant z. S. a. D. im Verlag von Richard Eckstein Nachf., Leipzig. Gebunden 6 Mark. — Der Verfasser diente als 2. Torpedooffizier auf der „Emden" vom Beginn ihrer Tätigkeit im Kaperkrieg an bis zur Vernichtung des Schiffes und war dann mit Kapitän von Müller und dem Rest der überlebenden Besatzung fünf Iahre lang auf Malta kriegsgefangen. Unter der gesamten Emdenliteratur ist sein Buch das einzige, das sich auf ein gewissenhaft zusammengetragenes, genaues und alle Taten der „Emden" umfassendes Tatsachenmaterial stützt. Dieses glänzend, beinahe wissenschaftlich geschriebene, durch die bescheidene Art des Verfassers angenehm zu lesende Werk bringt unbedingte Klarheit in die mehr ober minder abenteuerlichem Schilderungen, die wir bis jetzt kannten. Das Buch kann jedem Vaterlandsfreund und Verehrer unserer früher so stolzen Seemacht wärmstens empfohlen werden. 637 -- Peter Rosegger und fein Hei- matlanb, die schöne Steiermark schildert ein prächtig ausgestattetes, wundervoll illustriertes Buch durch Zusammenstellung von biographischen Notizen aus den Werken des Dichters und Skizzen des Herausgebers Hans Ludwig Roseggers. Das Buch ist ein wertvoller Führer zu einem echten deutschen Volksdichter und zu einem der prachtvollsten Flecken urdeutscher Erde. (Fr. Zillesev. Verlagsbuchhandlung in Berlin.) 823 - e r blaue V 0 ge l". die temperamentvolle im Verlage von Otto Elsner und unter der Hauptschriftleitung des Prinzen Emst v. R.ati- b 0 r erscheinende politische und satirische Wochenschrift, ist auch in ihrer soeben erschienenen .zweiten Nummer des zweiten Jahrgangs ihrer Tendenz. unser politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben in geistreicher und amüsanter Weise zu glossieren, treu geblieben. Für intimere Kenner unseres Gesellschaftslebens und Beobachter parlamentarischen Geschehens bilden die bekannten Beiträge von Sammetpfötchen einen besonderen Anreiz. — „Die Kunst", Monatshefte für freie und angewandte Kunst (F. Druckmann A. G., München). Otto Dix ist einer der meistgenannten und interessantesten jungen deutschen Künstler, dessen Gemälde, zwischen Mystik und absoluter Sachlichkeit stehend, auf den Ausstellungen des In- und Auslandes stärkstes Aufsehen erregen: ihm gilt der von Mela Escherich geschriebene, reich bebilderte Artikel des Januarheftes der „Kunst", der zum erstenmal eine ergiebige Analyse des Schaffens dieses eigenwilligen Malers gibt. In pikantem Gegensatz zu diesem Stürmer und Dränger von heute stehen die wiedergefundenen Gemälde, Zeichnungen und Skizzen aus der Pariser Studienzeit des jungen Feuerbach, die Hermann Uhde-Bernays im gleichen Hefte veröffentlicht. Gemmen und Kameen aus dem Altertum und aus der Neuzeit stellt ein von M. Bern- hart verfaßter, mit zahlreichen Abbildungen ausgestatteter Aufsatz wirkungsvoll gegenüber. Das Heft enthält daneben auch Aufsätze und Berichte über wichtige aktuelle Kunstbegebenheiten und Kunstfragen. — Raoul G. France, „Der Wert der Wissenschaft" (Walter Seifert Verlag, Stuttgart). Das Buch ist 1899 von einem 25jähri- gen Menschen geschrieben worden. Die „Wissenschaft", die darin als fragwürdig empfunden wird, ist das Getriebe der Spezialisten; der Menschheitstypus, der darin abgelehnt wird, ist der „gelehrte Mensch". Was mit Leidenschaft darin verneint wird, ist der Glaube, daß durch Gelehrsamkeit durch ratio allein die Welt erkannt und der Sinn des Lebens gefunden werden kann. Die Vision des Künstlerphilosophen ist sein Programm, eigentlich eine Selbstverständlichkeit für ein Volk, das einen Goethe seines Stammes nannte und beschämend für eine Generation, die trotz Wilhelm Michel noch immer nicht an den Menschen und an Gott glauben will. 276 Buntes Allerlei. Ein Kahen-Methusalem. Die älteste Katze Englands, Iohn Willie, ein Methusalem ihres Geschlechts, der in einem Dorfe im Sornersethire lebte, ist im Alter von 25 Iahren gestorben. Iohn Willie war berühmt als die älteste Katze Großbritanniens und ist deswegen sehr häufig photographiert worden. Das Durchschnittsalter der Katzen wird von Zoo lagen auf höchstens 14 Iahre angegeben, und es ist daher eine überaus stattliche Anzahl von Icchren, die der Katzen-Methusalem auf der Erde verbracht hat. Man kennt in England nur ein 2 Katze, die noch älter gewesen ist. Das war nämlich „Tim von Dlovinsburh", ein weibliches Exemplar im Gegensatz zu unserem Methusalem, der ein Kater war: diese Katzendame starb vor sieben Iahren im Alter von 29 Iahren. Rundfunk-Programm -eS frankfurter Senders. (Aus der »Radio-Umschau".) Mittwoch, 20. Januar: 3—3.30 Uhr: Die Stunde der Jugend. 3.30—5 Uhr: Nachmittagskonzert des Hausorchesters: Neue Schlager. 6—6.30 Uhr: Die Bücherstunde. 6—7 Uhr: Uebertragung von Hamburg: Funkheinzelmanns Kindertheater. 7—7.30 Uhr: „Brotpreiserhöhung, Agrarkrise und Getreidemarkt", Dottrag von Syndikus Dr. Schloß. 8 Uhr: „Macbeth" von Shakespeare.