Nr. 27 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Dienstag, 2. Zebruar 1926
Siehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Berantworttich für Politik , Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An» zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.
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Verschiebung der Abrüstungskonferenz.
Durch die ausländische Presse gehen einander widersprechende Nachrichten über eine bevorstehende Verschiebung der Abrüstungskonferenz um mindestens drei Monate. Einmal wird behauptet, der entsprechende Antrag gehe nur von einigen kleineren Staaten aus, dann wiederum wird auch das Gerücht kolportiert, Frankreich sei der hauptsächlichste Treiber. Da seltsamerweise gerade der „Daily Telegraph", der in den letzten Wochen wiederholt durch tendenziöse Nachrichten glänzte, allen Ernstes behauptet, ausgerechnet Frankreich wäre g e g e n die Vertagung, farm wohl mit gutem Grund angenommen werden, daß die Dinge in Wirklichkeit umgekehrt liegen, hat doch Frankreich wiederholt deutlich zu erkennen gegeben, wie unbequem ihm die ganze Abrüstungsangelegenheit ist. Damit nun aber Frankreich vor aller Welt als völlig unschuldig an der Verschiebung dasteht, werden sofort die verschiedensten Gründe hervorgeholt, um diesen Vorgang in das richtige Licht zu rücken.
Am einleuchtendsten mag der schweizerisch-russische Worrvwski-Ko nflikt sein, ohne dessen zufriedenstellende Erledigung Rußland nicht nach Genf kommen will. Hier werfen sich anscheinend Frankreich und Moskau die Bälle zu, haben doch beide keine Lust, irgendwelche Abrüstungsverpflichtungen einzugehen. Der Streitfall mit der Schweiz kommt also den Franzosen sehr gelegen, können sie sich doch jetzt dahinter verschanzen, daß ohne Rußland die Abrüstungskonferenz unmöglich sei, man also mindestens solange warten müsse, bis Sowjet- Rußland sein Einverständnis erklärt habe. Das kann unter Umständen einer Verschiebung der Konferenz bis zum jüngsten Tag gleichkommen.
Wenig angenehm dürften der Pariser Regierung die Stimmen sein, die von einer Verlegung der Zusammenkunft von Genf nach Brüssel sprechen. Anscheinend würde Belgien eine derartige Regelung begrüßen, zumal 1919 schon einmal eine starte Bewegung dafür im Gange war, das Quartier des Völkerbundes überhaupt in der belgischen Hauptstadt aufzuschlagen. Die Franzosen haben aber auch nach der Richtung hin vorgesorgt, daß ihnen die Einberufung nach Brüssel nicht die Möglichkeit nimmt, eine Verschiebung der Tagung anzustreben. Selbstverständlich ist Deutschland das Karnickel, mit dem man nicht über Abrüstungsfragen verhandeln könne, solange es nicht restlos die ihm auferlegten Verpflichtungen erfüllt habe und solange es nicht selbst dem Bund angehört. Das sind nun recht fadenscheinige Gründe, mit denen Frankreich hausieren geht, aber bisher war es noch immer so, daß derartige Argumente einen uni so größeren Erfolg aufzuweisen hatten, je durchsichttger sie waren. Wir wollen uns darüber keiner Illusion hingeben, daß es vielleicht doch noch gelingt, die Abrüstungskonferenz am 15. Februar zu eröffnen. So, wie die Dinge jetzt liegen, muß mit einer Verschiebung gerechnet werden, was übrigens wieder einmal ein schlagender Beweis dafür ist. wie wenig Neigung Frankreich verspürt, den zahlreichen Locarno-Verträgen eine allgemeine Rüstungsbeschränkung zur Untermauerung des europäischen Friedens folgen zu lassen.
vor der Parlamentstagung in England.
London, 1. Febr. (WB.) Die zweite Session des gegenwärttgen Parlaments wird morgen vom König feierlich eröffnet werden. Man erwartet, daß die Thronrede, deren Entwurf im heutigen Kronrat vom König genehmigt wurde, auf die italienische Schuldenregelung, auf die kommende Reichskonferenz, die Landwirtschaftspolitik der Regierung, die Vorlage über Handelsmarken, die Kohlenlage, die Ersparnisvorschläge und auf den Elektrizitätsplan der Regierung Bezug nehmen wird. Die Regierungspartei tritt in der neuen Session mit der alten Stärke von über 200 Stimmen auf. Die Arbeiterpartei, als offizielle Opposition wird von E l y n e s geführt, da M a c d o - n a l d erst Ende der Woche von seiner indischen Reise zurückkehren wird. Besonderes Interesse wird der liberalen Partei zugewandt, die bei einer Mttgliederzahl von weniger als 50 von 615 Mitgliedern des Hinterhauses in br e i Richtungen gespalten ist, nämlich die unbedingten Anhänger Lloyd Georges, die radikale Gruppe, die für die Zusammenarbeit mit der Arbeiterpartei ist und den rechten Flügel, dem der zu den Konservativen übergegangene Sir Alfred Mond angehörte, der mit dem Landreformplan Lloyd Georges nicht völlig einverstanden ist.
Französische Flottenmanöver im Kanal.
Täl. Paris, 1. Febr. Seit einiger Zeit sind im Aermelkanal große französische Flottenmanöver im Gange. Die vereinigte Kanalund Nordseeflotten haben gestern den Hafen von Cherbourg angegriffen. Die Aufgabe lautete dahin, unter Bekämpfung der Küstenbatterie eine Landungsexpedition vorzunehmen. Die Operationen wurden durch schlechtes Wetter behindert. In der Hauptsache, so führen die Blätter aus, sei es dem französischen Oberkommando darauf angekommen, sich von der Schnelligkeit der Nachrichten-
Der Liberalismus in Deutschland.
Eine Kundgebung der Liberalen Vereinigung.
Berlin, 1. Febr. (WTB.) DieLiberale Vereinigung veranstaltete heute einen Festabend. Unter den etwa 500 Anwesenden bemerkte man Reichskanzler Dr. Luther, die Reichs mini st er Dr. Stresemann, Dr. Gehler, Dr. Külz, Dr. Reinhold, Dr. Curtius, Dr. Kröhne, die preußischen Minister Dr. Höpker-Aschhoff, Dr. Becker und Dr. Schreiber, ferner waren erschienen der frühere badische Staatspräsident Prof. Dr. H e l l p a ch, der österreichische Gesandte Dr. F r a n k, der Oberbürgermeister von Berlin, Dr. Böß, der Vizepolizeipräsident Dr. Friedensburg, Bürgermeister Dr. Petersen- Hamburg, Staatssekretär Dr. Meißner, Oberpväsident Dr. Maier, die Professoren Hans D e l l b rück und M e i n e ck e und zahlreiche Vertreter der Wissenschaft und Kunst, Industrie und Handel. Von den Reichsund Landtagsfraktionen der Deutschen Volkspartei, der Deutschen Demokratischen Partei und der Wirtschaftlichen Vereinigung waren die Führer und eine große Anzahl Mitglieder anwesend. Der Ehrenvorsitzende der Liberalen Vereinigung,
Geheimrat Prof. Dr. kahl,
begrüßte die Gäste in einer längeren Rede, in der er auf die hohen Traditionen des Liberalismus hinwies und betonte, daß der Liberalismus keineswegs eine neue Gründung sei, sondern vielmehr schon zur Zeit des großen Stein die deutsche Ideenwelt beherrschte. Als der Redner hervorhob, daß die Stunde, die die Gäste der Liberalen Vereinigung zu einer Feier zusammen führte, nicht weit getrennt sei von der Stunde der Befreiung deutschen Gebietes von der fremden Besatzung, und als er daran für das Rheinland herzliche Wünsche anknüpfte, spendete die Versammlung spontanen Beifall. Reichsminister a. D. Koch, der Parteivorsitzende der Demokratischen Partei und Außenminister Dr. Stresemann hielten Ansprachen.
Nach ihm sprach
Reichsminister a. D. Dr. Koch.
Er erklärte. Wir Deutschen fassen die Politik immer so auf, als wenn gegen jemanden Politik getrieben werden müsse, und vergessen, daß wir Politik für die Gesamtheit des Volkes machen müßten. (Lebhafte Zustimmung.) Ich bekenne mich dazu, daß die älnterschiede innerhalb des Liberalismus keine Unterschiede der Weltanschauung sind, sondern solche, die hervorgehen aus den verschiedenartigen Einstellungen zu den Ereignissen der letzten Tage und zu den Parteien. Man könnte und sollte sich heute finden in der Lieberzeugung, daß weder im alten noch im neuen Staate alles gut, noch alles schlecht war und ist, und daß nur auf dem Boden eines liberalen neuen Staates der Wiederaufbau Deutschlands geschehen kann. Es gilt heute, das deutsche Volk mit S t a a t s g e i st und es gilt den deutschen Staat mit Volksgeist zu erfüllen! Das sind die Aufgaben, an denen wir arbeiten wollen.
Reichsminister Dr. Stresemann
führte in feiner Rede aus. Bismarck wäre es 1871 unmöglich gewesen, das Deutsche Reich zu gründen, wenn nicht die liberalen deutschen Kreise so gute Vorarbeit geleistet hätten. Diese Idee der Einigung des Deutschen Reiches wäre nicht zu verwirllichen gewesen, wenn nicht im Parlament in Frankfurt d i e starke liberale Tendenz des deutschen Bürgertums vorbereitend tätig gewesen wäre. Jeder würde dankbar fein, wenn aus den Parlamenten der Interessentenvereinigung sich noch einmal ein deutsches Reichsparlament herausbilden könnte, das soviel an Vaterlandsliebe und Kulturgemeinschaft in sich trägt, wie das Parlament in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. (Stürmischer Beifall.) Der Außenminister stimmte dem Abg. Koch darin bei. daß, wenn es Parteien gibt, die Grenzen gegeneinander ziehen, doch immer bedacht werden müsse, daß das Einende im deutschen Volke nicht durch tiefe Gräben getrennt fein muß. Scheidungen in nationale und nicht- nationale Deutsche gibt es nicht, sondern das Nationale ist das Selbstverständ- l i ch e. Unter den Gesichtspunkten wollen wir Zusammenwirken für Vaterland und Freiheit. Der Führer der Wirtschaftspartei, Reichstagsabgeordneter Drewitz erklärt, daß feine Partei keinesfalls die Rückkehr zum alten Feudalstaat wünsche, sondern sich für den Dolksstaat einsetze.
Reichskanzler Dr. Luther schilderte zunächst in launiger Weise seine Beziehungen zu den drei liberalen Parteien im Reichstage und wies darauf hin, daß es ihm eben nicht ganz leicht werde, in diesem Kreise zu reden. Er sprach dann von den drei großen Kräften, Liberalismus, Sozialismus und Konservativismus, die zum neuen Staate geführt haben und wohl auch noch in einer weiteren Zukunft den Staat beherrschen werden. Dann erwähnte der Reichskanzler, wie die Parteien der Mitte in vaterländischer Pflichterfüllung die Regierung übernommen hätten und sagte: Und dennoch weiß auch ich ganz genau, daß das deutsche Volk nicht so geleitet werden kann, daß es auf konservativ-liberal-sozialistisches Gemisch eingestellt ist, sondern daß es darauf ankommt, im einzelnen eine bestimmte Grundauffassung, einen sozialen seelischen Stand- o r t zu entwickeln. Ich glaube, daß der Liberalismus in sich selbst die Eigenschaften enthüll, andere verstehen zu können. Gegenüber dem politischen Wesen der Gegenwart, daß ja sehr stark in dem technischen Betriebe unseres Wahlverfahrens und Parlamentarismus wurzelt, können wir höhere Werte auf jeden Fall erreichen, wenn wir an Stelle dieser mehr technischen Einstellung die großen Weltanschauungsfragen gelten lassen. Jeder muß den Geist, unter dem der heutige Zusammenschluß erfolgt, begrüßen, weil es sich hier darum handelt, große allgemeine Menschheitsgedanken wirksam zu machen zum Nutzen unseres lieben Vaterlandes. (Stürmischer Beifall.)
Stresemann an die akademische Jugend.
Täl. Dresden, 1. Febr. Reichsaußenminister Dr. Stresemann sprach am Sonntag in der Technischen Hochschule über das Thema: „Akademische Jugend, Staats» gedan-e und deutsche Zukunft." Er betonte, neben dem parteipolitischen Leben und Treiben spiegelten sich die Kräfte einer Nation in der Verantwortung derjenigen wieder, die in der Lage seien, geistige Fähigkeiten zu erringen. Die studentische Jugend sei in der alten Zeit Trägerin der Reichsgefühle gewesen, als sie sich im Ausland zu Landsmannschaften zufammenfand und den Begriff deutsche Studentenschaft vertrat. In den Freiheitskriegen wie im Weltkrieg gab sie dieser Bewegung ihre Färbung. An der Revolution selbst sei die Studentenschaft nicht beteiligt. Nach der älmwälzung sei
die schwere soziale Rot
für die Studentenschaft gekommen. Es sei verständlich, daß es ihr schwer wurde, eine einheitliche Haltung gegenüber dem heutigen Staat einzunehmen. Mehr und mehr überwog d i e Neigung zum Negieren des Neugewordenen. Sie dürfe aber nicht vergessen, der heutige Staat und seine Verfassung seien die Balken, die das deutsche Volk zusammenhalten. Werde die Autorität des Staats zerrüttet, dann zerfalle die Einheit des deutschen Volkes. Einzelheiten der Verfassung seien keine Ewigkeitswerte. Ihre Entwicklung fei jederzeit möglich und auch verfassungsmäßig gegeben. Aber
der Begriff einer geistig führenden Jugend müsse Staatsbejahung in sich schließen, die gleichbedeutend sei mit Staatsautorität.
Stresemann ging auch auf die Ziele der deutschen Außenpolitik ein und erwähnte die Räumung der nördlichen Rheinlandzone. Mit ihr hören nicht nur Bedrückung und Bedrohung Millionen Deutscher auf, sondern sie bedeute auch das Ende der Politik Poincarös und Elemenceaus, die am Rhein hätten bleiben wollen. Die Auswirkungen des Krieges hätten gezeigt, wie viel diese auch in. die Lebensnotwendigkeiten derjenigen ein» gegriffen hätten, die sich als Siegerstaaten bezeichneten, die heute aber anerkennen müßten, daß in vielen Beziehungen ein gemeinsames G e - schick sie mit ihren ehemaligen Feinden verbinde. Der Abzug der Besatzungstruppen vom Niederrhein müsse der Anfang einer großzügigen Politik der Verständigung werden, die die F r e ih e i t, die in dieser mitternächtlichen Stunde am Niederrhein gefeiert werde, auch auf die deutschen Gebiete übertrage, die jetzt noch fremde Truppen bei sich sehen müßten.
Übermittelung zu überzeugen. Das Ergebnis lasse jedoch zu wünschen übrig. Insbesondere hätte der Brieftaubendienst völlig versagt, sodaß unverzüglich zur Einrichtung neuer Brieftaubenstationen geschritten werde. Auch die Luftaufklärung sei nicht ganz geglückt. Als die Lenkluftschiffe aus der Flugzeughalle Monte- bourt eingesetzt werden sollten, waren sie nicht in manöverierfähigem Zustande. Am 10. und 11. Februar werden sämtliche französischen Kriegsgeschwader bei Cherbourg zu großen Mw növern zusammengezogen werden.
Die Boykottbewegung gegen Italien.
Wien, 1. Febr. (Täl.) Im Zusammenhang mit der Abwehrbewegung gegen die ilnter- örüdung der Südtiroler haben sich bisher in Wien 160 Vereinigungen zusammengeschlossen, um unter ihren Mitgliedern die Dohkott- betocgung gegen Italien zu organisieren. In einem Aufruf werden die Kaufleute aufgefordert, aus Italien keinerlei Waren zu beziehen, bevor nicht den Deutschen in Südtirol öie kulturelle Autonomie zugestanden werde. Die Mitglieder der 160 Vereinigungen haben sich verpflichtet, auf ihren.Urlaubsreifen Italien nicht z u berühren. Verschredene geplante Reisen im kommenden Frühjahr wurden abgesagt, darunter etwa zehn P^Zerzuge zum Jubiläum des Franziskus von Afsift. Nach den aus Innsbruck vorliegenden Meldungen zeigt die Dohkottbewegung bereits ihre Wirkung auf den Warenverkehr. Während bisher taglid) 100 bis 120 Eisenbahnwagen über den Brenner nach Italien oder von Italien nach Innsbruck und von hier nach Niederösterreich bzw. Deutschland rollten, kommen jetzt höchstens 40 Wagen täglich in Frage.
Die englische Presse zur Räumung Kölns.
London. 1. Febr. (WTB.) Die Presse veröffentlicht eingehende Berichte über die Räumung Kölns sowie Schilderungen der gestrigen Kölner Befreiungsfeier. „Daily C h r o n i c l c" (das Blatt Lloyd Georges) berichtet, daß man in London gestern abend habe hören können, wie die Kölner Bevölkerung die Stunde begrüßte, die für sie die Aufhebung eines Joches bedeutete, wenn auch eines leichten Joches, weil es das britische gewesen sei. Das Geläute der Deutschen Glocke habe sich angehört „wie das donnernde Echo eines gewaltigen Gongs, vom Hammer eines Gottes geschlagen". Es habe überirdisch geklungen. Minutenlang habe ihre Stimme allem die Lust erfüllt. Dann habe man auch die anderen Glocken Kölns vernommen und sodann die Stimme des Oberbürgermeisters von Köln gehört, dessen Schluhhochruf auf das geliebte deutsche Vaterland so deutlich vernehmbar gewesen sei, daß man den Eindruck gehabt habe, er stehe neben einem. Die donnernde Erwiderung darauf von feiten der Bevölkerung sei überwältigend gewesen.
In der radikal-liberalen „Daily News" wird ausgeführt, es sei ein Erlebnis für jeden Engländer gewesen, gestern abend in London am Karnin zu sitzen und den Jubel Deutschlands über die Befreiung Kölns von der brittschen Besatzung mit anzuhören. Niemand in England werde den Einwohnern Kölns ihre Freude über die Räumung der Stadt übelnehmen. Man müsse sich nur vorstellen, wie beispielsweise die Sttmmung.der Bevölkerung Manchesters sein würde, wenn diese stolze Stadt von Truppen einer siegreichen, fremden Ration besetzt worden wäre, und wenn man endlich wüßte, daß ihre D e- mütigung zu Ende sei. Das Blatt weist, wie auch die übrige Presse, auf die von feiten der deutschen öffentlichen Meinung zum Ausdruck gekommene Anerlennung der korrekten Haltung der britischen Truppen und auf ihre guten Beziehungen zu den örtlichen Behörden und der Bevölkerung hin.
Der liberale „Observer" schreibt, es würde oorzuziehen fein, wenn die gesamte Besetzung beendet würde. Der Zeitraunr von 15 Jahren fei mehr eine Gefahr als eine Sicherung. Der Chamberlain-Besuch in Paris sei ein neuer Beweis, daß Locarno nicht vergessen, sondern daß der Geist von Locarno lebendig sei. Das Blatt spricht Luther und Stresemann seine Bewunderung und seinen Dank angesichts ihres „glänzenden Kampfes gegen ihre inneren Schwierigkeiten" aus. Die Beiden hätten Grund zu der Erwartung, daß die Politik des Zusammenwirkens, auf die sie alles gesetzt hätten, nicht durch das Versagen der anderen, im gleichen Maße verpflichteten Regierungen lächerlich gemacht werde.
Der liberale „M andjefter Guardian" weist ebenfalls darauf hin, daß die Fortdauer der Besetzung deutschen Gebiets nicht nur unzeitgemäß, sondern auch überflüssig und gefährlich ist. Die Beibehaltung der Besetzung ist überflüssig, wenn der Locarnovertrag ernst genommen werden soll. Locarno, so ist versichert worden, bedeutet ein neues Verhältnis des Vertrauens und des freundschaftlichen Verkehrs zwischen den großen Nationen des Westens. Wie kann es möglich sein, wenn drei von diesen Nationen große Truppenmassen auf dem Gebiet einer vierten stehen haben? Als Realisten müssen wir wissen, daß Frankreich ihrer Zurückziehung nicht zustimmen würde. Aber besteht irgendein Grund, die lieber,Beugung zu verleugnen, daß sie zurückgezogen werden sollten, und daß die Zurückziehung, die uns nichts kostet, sicher mehr tun werde, den Geist des Friedens zu verstärken als der Locarnooertrag oder Deutschlands Eintritt in den Völkerbund.
Bei dem Oberpräsidenten der Rheinprooinz und dem Kölner Oberbürgermeister sind noch eine Reihe weiterer Glückwünsche zur Befreiung der ersten Zone eingegangen, so u. a. vom Reichsminister für die besetzten Gebiete Dr. Marx, von Beuthen, als der deutschen Südostmark, vom Senat der Freien Reichsstadt Hamburg, von der bayerischen, sächsischen und badischen Staatsregierung, von dem Mainzer Oberbürgermeister und dem Präsidenten des evangelischen Oberkirchenrats.
Die Deutsche Luft-Hansa entsandte von Düsseldorf zwei Großflugzeuge, um Grüße aus dem unbesetzten Gebiet ins befreite Gebiet zu überbringen. Nach dreiviertelstündigem Fluge trafen die beiden Flugzeuge in Köln ein. Nachdem sie den Kölner Dom zweimal umflogen hatten landeten sie gegen 11.45 Uhr auf dein Kölner Flugplatz, wo sie von Vertretern der Stadt und der Presse empfangen wurden. Zu Ehren der Gäste gab die Stadt ein Frühstück im Gürzenich, bei dem Bürgermeister Matzerath die Erschienenen herzlich willkommen hieß und die Hoffnung ausdrückte, daß der heutige Tag für die Entwicklung des Flugverkehrs im Rheinland und ganz Deutschland einen Wendepunkt darstellen möge.
Brechen und das Rheinland.
Die Glückwünsche
des Preußischen Landtags.
Berlin, 1. Febr. Vor Eintritt in die Tagesordnung führt Präsident Bartels folgendes aus: Die erste besetzte Rheinlandzone ist endgültig geräumt worden. Etwa ein Fünftel des gesamten besetzten Gebietes ist Zxund von fremder Militärbesatzung befreit
Dieses Ereignis gibt dem Preußischen Landtag lebhaften Anlaß, seiner besonderen Freude darüber Ausdruck zu geben. Er entbietet der Bevölkerung des jetzt befreiten Gebietes seine herzlichen Glückwünsche und dankt ihr zugleich für ihr treues Bekenntnis zu Preußen und dem Reich, in dem sie auch in schwersten vielten nicht wankend gewesen ist. Der Landtag spricht damit zugleich die Hoffnung aus. daß auch die Räumung der beiden weiteren Zonen in absehbarer Zeit, jedenfalls aber vor Ablauf der vertraglich bedungenen Fristen erfolgen möge. Immer wird die Besatzung als etwas Demütigendes empfunden werden, und solange sie besteht, nur geeignet sein, die so notwendige friedliche Annäherung der Völker zu erschweren. DaS jetzt befreite Gebiet wird aber nun in der Lage sein, mit uns gemeinsam die Schäden der Mffatzungszeit zu beseitigen und ungehindert am Wiederaufbau des Vaterlandes initzuarbeiten. Nichts sehnlicher wünschen wir in dieser Stunde, als daß neben der Befreiung von fremdem Druck unser Volk, insbesondere seine arbeitenden Schichten, auch von dem Druck wirtschaftlicher Rotlage recht bald befreit werden möge.
Das Haus hört die Ansprache stehend an und begleitet sie mit lebhaften 'Beifallskundgebungen. Besonders der Schluß wird mit stürmischen, Beifall ausgenommen. Damit tritt das Haus in die Tagesordnung ein. Als 'Vertreter des Ministerpräsidenten Braun, der noch in Köln weilt, ist Staatssekretär W e i s m a n n erschienen. Außerdem nahm der preußische Gesandte beim Vatikan v. D e r g e n an der Feier teil.
Das Haus geht dann über zur Besprechung der zahlreichen Anträge zur
Reform des Strafvollzugs.
Der Ausschuß hat ein ausführliches Reform- Programm vorgclcgt und ersucht das Staatsministerium. dieses Programm beschleunigt durchzuführen. So wird u. a. verlangt, daß alle Strafanstaltsbeamten eine der Eigenart ihres Berufes entsprechende Ausbildung erhalten sollen, damit eine wirtschaftliche Ausnutzung der vollen Arbeitskraft der Gefangenen möglich ist. An größeren Anstalten mit einer durchschnittlichen Belegung von 500 Gefangenen und mehr soll ein Arzt hauptamtlich angcstellt werden. Auf 300 Gefangene desselben Bekenntnisses ist ein Geistlicher hauptamtlich zu ernennen. Weitere Vorschläge betreffen die Unterbringung, Wäsche und Kleidung der Gefangenen, Beschäftigung, Gesangenenbücherci, Verpflegung, Besuchszeit, Briefverkehr und Pakeisendungen, Ge- fangcnenfürsorge auch nach der Entlassung und Durchführung der Dienst- und Dollzugsordnung sowie der Statistik. Das Justizministerium soll alljährlich dem Landtag einen Bericht über die preußischen Strafanstalten vorlegen.
Abg. Gchrmann iSoz.) erklärt das Einvernehmen feiner Fraktion mit den Reform- vvrschlägen, wenn auch bei weitem nicht alle Wünsche berücksichtigt worben seien. Die Fehler des Hös' .-Prozesses müßten auf alle Fälle in Zukunst unmöglich sein
Die unteren Beamten müssen weitestgehende Aufstiegsmöglichkeiten erhalten. Die Hilfsbeamten sind zu beseitigen. Lächerlich gering sind die Dummen für die Ernährüng der Gefangenen und unerhört die Einschätzung der Gefangenenarbeit mit 12 Mark monatlich. Strafvollzug muß nicht nur Strafe, sondern auch Erziehung zum Ziele haben. Eine richtige Fürsorge ist das beste Dorbeugungsmittel gegen Rückfälle.
, Abg. Dr. Deerberg (Dtschn.) Die Strafe muffe zwar abschreckend und Vergeltung sein, o£er das Abschreckungsprinzip allein führe nicht dazu, daß der Verbrecher gebessert in die Freiheit zurückkehrt. Bei denen, welch« zum ersten Male mit dem Gesetz in Konflikt kommen, sei es Pflicht der Gesellschaft, den Grundsatz der Menschenliebe anzuwenden, der Kern und Wesen unserer christlichen Idee ist. Alles käme auf die Perfön lichkeit an, die diefe Strafvvllzugs- reform in die Praris umzusehen berufen fei.
Abg. Schmitt- Düsseldorf (Zentr.) führt aus, es bedürfe aber noch der Aufllärung in der Oeffentlichkeit darüber, daß bei den Reformplänen die Vergeltungs- und Abschreckungsidee nicht verschwunden sei. Auf keinen Fall dürfe Strafverfolgung und Strafvollzug in einer Hand sein.
Gewünscht müsse unbedingt werden, daß der erzieherische Gedanke mehr in den Vordergrund tritt.
Dafür fei wesentlich, daß zu Anstaltsleitern mehr als bisher solche Lehrer. Geistliche, Aerzte und Inspektoren gemacht werden, die längere Erfahrungen im Strafvollzug haben. DaS Gros der Beamten habe sich auf den Boden des neuen humanen Strafvollzuges gestellt. Weiter wünscht der Redner, daß die Fürsorgeämter durch die Regierung Mittel für die Betreuung der Gefangenen nach ihrer Entlassung erhalten und genügend AebergangSheime für Gefangene errichtet werden.
Abg. Metzer-Herford
m großen Hörsaal der Universität statt. Näheres siehe gestrige Anzeige.
Wc itcvDci ra nsmgc.
Milde, zeitweise Aufbesserung, doch meist trübe mit Riederschlägen.
Die Wetterlage ist weiterhin schnellen Der- anderungen unterworfen. Im Westen liegt ein arEgedehntes Tiefdruck-Shstem. dessen Randbildungen weiter östlich ausgreifen und die in unserem Bezirk noch keine beständige Witterung aufkommen lassen.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum: 7,4 Gpad Celsius, Minimum: 4,8 Grad Celsius. Rie- derfchläge 1,1 Millimeter. Heutige Morgentemperatur: 5,1 Grad Celsius.
•
*' -Mn f e r c Garnison ist heute in Den frühen Morgenstunden zu einer vierzehutägigen Hebung nach dem Truppenübungsplatz Senne abgefahren. Um 5.54 verließ Der Transportzug den Bahnhof.
Die Belege über Den Steuerabzug vom Arbeitslohn für 1 925 betrifft eine Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil, auf die hiermit besonders hingewiefen sei.
** Bei der 2. Kompagnie unserer 15er. Eine stimmungsvolle Kompagniefeier vereinigte am Freitag abend die 2. Kompagnie des 1. Ball. unseres 15. Inft.°Rgts. mit einer außerordentlich großen Gästeschar aus der Bürgerschaft aus der „Liebigshöhe". Die schneidige Regimentskapelle leitete den genußreichen Abend mit dem Parademarsch des Inft.-Rgts. 116 ein, danach sprach Unteroffizier M anns einen Prolog. Der Kompagniechef Hauptmann Gohfeld hielt nach einer weiteren Darbietung Der Kapelle die Begrüßungsansprache, und dann folgte in abwechslungsreicher ZusammensteUung ein buntes, heiteres Programm, bei dem allerlei komische Darbietungen Der Kompagnie-„Theater° truppe" viel Ergötze,i bereiteten und die Kapelle mit ihren flotten Riärschen die Herzen in Bann schlug. Lebhafter Beifall zeichnete die Darbie- bietungen mit Recht aus. Tombola und Lanz bildeten Den Abschluß der trefflichen Feier.
' Die Vereinigung der ehemaligen LeibgarDiften Nr. 11 5 für Gießen und Umgegend hielt am Samstagabend im Katholischen Vereinshaus ihre Winterfestlichkeit ab. Der Besuch war außerordentlich zahlreich, so daß der große Saal dicht gefüllt war. Der 1. Vorsitzende Waas
Das für den 4. Febr. 1926 dort angesetzte
Konzert des erblindeten °ä Flötenvirtuosen Rud. Thies findet d. großen Beteiligung halber nicht im Saalbau Sauer, sondern abends 8 Uhr im Kath. Vereinshaus statt. Die für Saalbau Sauer verausgabten Eintrittskarten haben also für das Kath. Vereinshaus Gültigkeit
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mar e? eine yreube zu sehen, wie die jungen Leute mit frischem, frohem Mule ihrem Führer folgten, mbem sie den Abend durch Lieder- und Lautenvor- träge verschönern halfen. An Hand eines reichhaltigen, selten schönen Bildermaterials wurde den Zuhörern eine Wikingersahrt junger Deutscher, deren Seele das Land ihrer Sehnsucht, Hellas, das klassische Griechenland sucht und findet, vor Augen geführt. Von Genua ging die Fahrt durchs Mittelmeer entlang den Sehenswürdigkeiten der italienischen Küste und dann hinüber nach Hellas. Von Saloniki aus begann eine beschwerliche Fußwanderung durch den nördlichen Strahl der Halbinsel Chalcidize bis zu dem Mönchsstaat auf dem Vorgebirge Athos, wo die Wanderer freundlichste Aufnahme fanden. Daran schloß sich die Fahrt durchs Ägäische Meer nach Attika und nach den altehrwürdigen Stätten der antiken Kultur. Bilder aus Aegypten bildeten den letzten Teil des Vortrags. Der Abend nut feinen herzlich-fröhlichen Gesängen zeigte, welcher Weg zu gehen ist, um tue Erneuerung unseres Volkes in der Erziehung unserer Jugend zu bewerkstelligen. Der starke, wohlgemeinte Beifall der Anwesenden bestätigte das. Wie der Lundesleiter Oelbermann in furzen Dankesworten ausführte, wird aus dem Erlös der Vorträge die Jugendheimstätte des Bundes weiter ausgebaut. Bis jetzt ist cs den Nerothern aus eigenen Kräften gelungen, ihre Burg selbst zu besitzen sie ein Gelände von etwa 65 Morgen, dessen Landwirtschaft die jungen Leute selbst betreiben. Den edlen Bestrebungen der tte« reiher ist auch für die Zukunft bester Erfolg zu. wünschen.
Das Elend unserer Gießener Spazierwege.
Die dauernde Vernachlässigung der Pflege unserer schönsten Gießener Spazierwege zwingt zu einer öffentlichen Aussprache. Unsere Stadt besitzt zwei prächtige Spazierwege in dem sog. Schreiberswege, längs des Klingelbachs, und dem Fußwege zum Philosophenwald. Der letztere ist bei seinem Beginn
WSN. Frankfurt a. M., l.Febr. Die heute im Schumanntheater veranstalteten Boxkämpfe nahmen einen wenig befriedigenden Verlauf. Der Hauptkampf zwischen dem Kanadier Lacry Gains und dem Europameister Element (Schweiz) war eine recht zahme Sache, da der Schweizer gegen den riesigen Kanadier nicht die geringste Chance hatte und außerdem auch einen wenig trainierten Eindruck machte. Gains brauchte sich denn auch gar nicht weiter anzustrengen, um den Schweizer schon zu Beginn der zweiten Runde durch Knock out zu schlagen. Interessanter waren die Einleitungstämpfe. Sie bildeten insofern eine Ueberaschung, als die routinierten Boxer Sasse (Berlin) und Urban Graß (Vertin) gegen ihre Gegner Ziemdorf (Berlin) bzw. Len; II nur ein knappes Unentschieden erzielen konnten. Besonders Lenz II gab eine gute Figur ab und hätte, wenn er es verstände, besser nachzusegcn, leicht zum Siege kommen können. Hart war der vierte Kampf Wiegart (Deutschland) gegen Wesselitsch (Oesterreich), beide Exmittelschwergewichtsmeister ihrer Länder. Der Kampf, der über acht Runden ging, zeigte Wiegert von Runde zu Runde besser, so daß dieser einen klaren Punktsieg über den Oesterreic^er davontragen konnte.
UeberlfefHgskompagnie und die Vertreter der hie- id Militärvereine. Sein Hoch
Nerother-Wandervogel- ßen. Im dicht gefüllten großen Hör- »Universität trat Samstag abend ein
figen Re«nts- un
galt dem itschen Vaterlande. Oberleutnant von
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Jugend-Unt
Vereinigung imWetzlarerSport?
tz. Seit einiger Zeit werden in Wetzlar Verhandlungen gepflogen, die die Vereinigung der bedeutendsten Weh larer Sportvereine betreffen. Es handelt sich in der Hauptsache um das Zusammengehen der beiden Ligavereine F. C. 05 und B. C. 1910, die sich beide bereit erklärt haben, eine diesbezügliche gemeinsame Grundlage zu suchen, was für die Entwicklung der Wetzlarer Sportbewegung natürlich von größtem Vorteil wäre, sowohl was die Verkiesung des Sportgedankens und die Ausgestaltung des inneren Vereins lebens anbetrifit, als auch die Hebung der Spielstarke und die Verbesserung der sportlichen Leistungen als solche. Die Anbahnung der Einigungsverhandlungen geht vom Sportlehrer Paulus aus, die Leitung derselben bat Bürgermeister Dr. Kühn übernommen. Reuerdings machen sich Bestrebungen geltend, die auch noch den Wetzlarer Schwimmverein (D. S. V.) und den Rasensportklub Riedergirmes in die Vereinigung miteinbeziehen wollen, so daß beim Gelingen dieses Planes Wetzlar also nur noch eine große Sportgemeinde besitzen würde, die, in allen Devölkerungs- und Gesellschaftskreisen gut fundiert, sicher die besten Lebensbedingungen mitbrächte.
Schlitz. Er w hin auf Jahn und Guts Muths, zeigte, wie fick deutsche Turnsache immer wieder durch alle Ansdungen und Fährnisse hindurchge- rungen habe.i wolle sie auch jetzt — politisch und religiös m neutral — mitwirken an der Ertüchtigung dcrsgend, und dem Wiederaufbau unseres deutschensnerlandes. Stehend wurde daraus bas Deutschland gesungen. Auch ein junger Turner, I ß l e i - terbach, richtete mahnende, begeisternde Wopn die deutsche Jugend. Es würde zu weit führersnzeln die turnerischen Darbietungen der Werbve, der Lauterbacher Damenriege, des TurnvereisMaar und die gesanglichen Leistungen des Gebvereins Maar zu würdigen. Man kann nur untetichen, was zum Schlüsse der rüh- rige, langjährtzDezirksturnwart Bastian -Alsfeld zum Ausdl brachte: Alle Mitwirkenden gaben ihr bestes.
Bei dem «turnen am Sonntag gingen als erste Sier hervor:
Butzbacy Langbein. Reich. Steinbach ^>rD2mann' Fisch, Decker, Müller W., Reinhardt QEüllcr C., Zeitz und Malihke.
~J5-etfbad) mit Hatsch; Hildebrand, Bernardi; edmutt I.. Schaan, Knack: Heidenwaag, Schmitt II., leiblich, Zeh, Michler.
Den Anwurf Seckbachs fing Butzbachs Sturm sofort ab und trug ihn vor Seckbachs Tor. Ein offenes, äußerst schnelles und fließendes Feldspiel mögt hin und her. Mehrere Torschüsse wurden auf beiden Seiten angebracht, wobei sich besonders Butzbachs Bormann von der besten Seite zeigte. Butzbachs Sturm konnte sehr gut gefallen und übertraf ^eckbach. Dessen Verteidigung klärte jedoch alles: so aaß es mit 0:0 in die Pause ging. Im Gegensatz zu früher zeigte Seckbach heute^ mehr Manneszucht, |o daß das Spiel, von beiden Seiten mit allem Anhand durchgesührk, bei jedem Freund eines Spiel- metttampfes Helle Freude auslösen mußte. In der zweiten Halbzeit trat Seckbach mit 10 Leuten an, 1° daß Butzbach stark drängen konnte. Um so mehr erwachte der Spieleifer Seckbachs, das dann bald Darauf durch feinen Halblinken Schmidt II. in Führung ging. Seckbach war darauf wieder vollständig.
und her wanderte der Ball, Seckbachs Tag war wiederholt stark in Gefahr. Doch alle Anstrengungen beiderseits waren umsonst. Wenn auch der Ausgleich tt gesucht, icherhett und ternbe gute Seit wird gern.
chriftl. Ange- t unter 0721 d. Gieß. Anz.
Beschluß.
Der ehemalige Heizer Johannes Döring in Gießen, geboren am 26. November 1860, wird wegen Trunksucht ent- mündigt.
Die Kosten des Verfahrens trägt der Entmündigte.
Gießen, den 25. Januar 1926. 988B
Hessisches Amtsgericht.
Danksagung.
Für die Beweise herzlichster Teilnahme bei dem Heimgange unseres lieben Entschlafenen,für die vielen Kranz- und Blumenspenden, besonders dem Herrn Dr.Langp meuter für die ärztlichen Bemühungen sowie der unermüdlichen Schwester Karola für die liebevolle Pflege, dem Herrn Pfarrer für die trostreichen Worte, und allen, die ihm das letzte Geleit gaben, sagen wir auf diesem Wege herzlichsten Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen.
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Nr. 21 Zweiter Blatt
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejsen) Dienstag, 2. Februar1926
Die Arbeit der hessischen Volkskammer.
Von Oberstudiendirektor Dr. Keller, M.d.L.
I.
Nach mehrmonatiger Vertagung war am 8. Dezember unser Landtag zusannnengetrcten, um allerlei Stoff aufzuarbeiten, der teils im Sommer liegen geblieben, teils unterdessen neu eingelausen war. Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch diesmal sind die weit über 100 Punkte der vorgesehenen Tagesordnung längst nicht alle erledigt worden, obgleich in 18 Sitzungen das übliche Redeturnel ausgiebigst gepflegt wurde: daß solche Aufschiebungen durchaus nicht immer ein Veraltern der Sache bedeuten, zeigte sich besonders sinnig bei einem Zentrumsantrag gegen die Faschingsauswuchse, der vor Fastnacht 1925 gestellt war, und nun gerade noch rechtzeitig vor dem diesjährigen Karneval gegen die Stimmen der Linken angenommen wurde. — Welches Zeugnis man der am 23. Januar beendeten Tagung ausstcllen wird, hängt natürlich von der Einstellung des Beurteilers ob; die Oppositionsparteien neigen selbstverständlich dazu, ihr jeden Wert für Land und Volk abzusprechen, während d^ Koalition lediglich den „überflüssigen" Anträgen und Anfragen der bösen Gegner das Der- dammungsurteil sprechen, im übrigen aber das Hochgefühl erfolgreichster Pflichterfüllung mit nach Haufe nehmen wird. Der schlichte Staatsbürger und Steuerzahler endlich wird — in diesem Falle ohne Unterschied der Partei — seufzend feststellen, daß die längsten und schönsten Reden und die hitzigsten Wortschlachten, bei denen sich übrigens meist jeder Teil für den Sieger hält, seine wirtschaftlichen und sonstigen Nöte kaum erleichtert hätten, und wird etwas von „verpulverten Tagegeldern" mehr oder weniger lebhaft in den Bart brummen.
Eme ins einzelne gehende Betrachtung des Behandelten dürfte bei der Riesenzahl der Punkte zu weit führen und wenig kurzweilig werden; wer lückenlose Vollständigkeit liebt oder an dem und jenem besonders interessirt ist, kann zudem die Berichte in den Zeitungen nachlesen. Hier mag eine Zusammenfassung in wenigen Grupven genügen, unter denen sich, wenn man's nicht zu genau nimmt, alles unterbringen läßt.
Da lagen zunächst eine Menge von Anträgen und Eingaben vor, die die Besserstellung einzelner Beamten und Anwärter sowie von zahlreichen Beamtengruppen verlangten. Ganz unberechtigt war wohl keine der gestellten Forderungen, in manchen Fällen, so bei Altruheständlern und den neuerdings wieder durch das Verbot von Brennstoffenlnahme aus Amtsbeständen benachteiligten Beamten der untersten Gruppen, ist die Notlage unbestritten. Trotzdem mußten fast alle Wünsche unberücksichtigt bleiben, woran weniger das Reichssperrgesetz, auf das der Finanzminister gern zurückgreift, schuld ist als die betrübliche Finanzlage des Landes und die unausweichlichen Konsequenzen, zu denen jede Einzelbewilligung für ähnlich gelagerte Fälle zwingt. So ist auch bei der Aussprache über die Besoldung der Polizeibeamten, für die sich besonders der Führer der Deutschen Volkspartei einsetzte, trotz ausführlichster Behandlung so gut wie nichts herausgekommen; hier wie in anderen Fällen erwarten die einen das Heil von neuer, sparsamerer Organisierung, die andern von einer kommenden Besol- byngsorbnung. Ein bescheidenes, sicher kaum ausreichendes Weihnachtsgeschenk wurde den hessischen Beamten der sechs untersten Gruppen samt den Staatsarbeitern nach bem • Beispiele des Reichs durch die sog. „Beihilfen" gegeben; Befremden mußte bei dieser Gelegenheit zunächst die Aeuße- rung des Finanzministers erregen, der bekundete, daß „die Regierung zu dieser Angelegenheit noch keine Stellung genommen habe". Dabei konnte Hessen gar nicht anders verfahren als das Reich, und tatsächlich waren in dem Augenblick, als diese Worte fielen, die Verfügungen schon im Druck, die die Auszahlungen regelten. Für Gießen als Stätte der Landesuniversität ist besonders zu erwähnen, daß die Forderungen der H o ch s ch u l a s s i st e n - ten nach würdigerer Vergütung dem Wunsche der Legierung entsprechend von den hinter ihr stehen-
Am freien Rhein.
Sn den ersten Dezembertagen des unglückseligen Iahres 1918 war es, als wir an einem frostkallen Wintermoraen als eine der letzten Divisionen des deutschen Fewheeres in Cll- mä'-schen zum Rheine zogen. Don Düren kamen wir der Stadt der Papierfabriken und Teppichwebereien, unterwegs Hutten wir Rast gemacht. Denig Stunden nach Mitternacht ging es weiter, ein klarer Sternenhimmel leuchtete unserem Auf» bruch, der scharfe Ostwind blies uns von den Pf er- den, klappernd vor llebermüdung und Kalte jog die Marschkolonne stumm daher. Immer schneller wurde das Tempo, wenig Meilen hinter uns stießen die ersten feindlicheii Reiterpatrouillen nach. Im unsicheren Morgengrauen tauchte das Weichbild Kölns aus. In scharfem Trab ging cs durch die öden Straßen der Vorstädte, kaum konnte die Infanterie Schritt halten, donnernd ratterten die Geschütze über das holperige Pflaster, so eilte die Armee durch die Straßen Kölns dem Rheine zu, mit müdem Kops und zagem Herzen. Erst kurz vor der wuchtigen Rheinbrücke die ersten Menschen. Kölner Trambahnschaffnerinnen in ihrer kleidsamen Tracht, rheinische Mädels mit fröhlichem Sinn und heiterem Mut winkten uns den letzteii Gruß über den Rhein nach. Dann ließen wir die grünen Fluten des Stromes hinter uns. Erst in Densberg, der truhigen Bergfeste im bergischen Lande, machten wir Halt.
Fünf Lahre waren ins Land gegangen, Jahre schwerer Bedrückung, Iahre harter wirtschaftlicher Rot. Am deutschen Rhein wehten die Banner der alliierten Sieger. Eine übermütige Soldateska verband sich mit dem verbrecherischen Separatistengesindel zu unerhörten Demütigungen unserer deutschen Brüder am Rhein. Köln, die alte Handelsmetropole, hatte es besser. Der Brite war zu klug, um seiner Herrschaft am Rhein durch Pistole und Reitpeitsche ein ewiges Schandmal aufzudrücken. Er war auf moralische Eroberungen aus. Unter seinem milden und gerechten Regime reckte sich Köln empor. Dank der zähen, weitausschauenden Arbeit seines Oberbürgermeisters wuchs Köln sich zur Weltstadt aus, die politische Lage begünstigte diese Entwicklung, die Köln schnell alle seine, unter einer härteren Besatzung seufzenden Schwesterstädte weit überflügeln ließ. Auch Köln
den Parteien abgelehnt wurden, obschon die Nachbarstaaten höhere Sätze haben.
Erfreuliche Einmütigkeit pflegt im „hohen Hause" zu herrschen, wenn die Verhältnisse des besetzten Gebietes, das ja in Hessen einen viel größeren Bruchteil des Ganzen ausmacht als in den anderen heimgesuchten Ländern, zur Sprache kommen. So war es auch diesmal, wo nur bei einer Entschließung anläßlich der Locanw- abmadjungen, die beschleunigte Erleichterungen für die Westinark forderte, die Kommunisten unrühmlich aus der Reihe tanzten. Recht unerfreulich war die Feststellung der Tatsache, daß die Reichsbahngesellschaft (und gelegentlich auch die Reichsregierung) nicht das wünschenswerte Verständnis für die hessischen Belange am Rheine ausbringt, sonst hätte unter keinen Umständen in Berlin der Gedanke auftauchen dürfen, die Mainzer Betriebswerkstätte (vgl. die Gießener Befürchtungen!) und am Ende gar die dortige Eisenbahndirektion zu beseitigen. Auch bei der Neuregelung der Verwaltung der Wasserstraßen ist Hessen in Gefahr, zwischen Ober- und Niederrhein totgeteilt zu werden, was zu einem einstimmigen Entschluß des Landtags führte, der weitere Verwaltung durch die Länder, nicht durch das Reich, fordert. Daß die rhein- hessischen Winzer- und Verkehrsnöte von der Volksvertretung in ihrer ganzen Schwere gewürdigt wurden, bedarf keiner besonderen Betonung.
Damit wären wir bann bei dem Fragenkomplex angelangt, der beute mehr als je die Beauftragten des Volkes beschäftigen muß: bei den Wirt- schaftsfragen im engeren Sinne, lieber die Not f a st aller B e r u f s st ä n d e an sich bestand keinerlei Meinungsverschiedenheit; es will uns aber scheinen, daß der mit viel Siimmenauf- wand, viel Zeitverlust und viel Statistik geführte Streit, ob das Elend auf demLande oder in der Stadt, ob bei den Bauern, den Handwerkern, den Kaufleuten oder den Arbeitern bzw. Arbeitslosen größer sei, nicht nur zwecklos, sondern auch eine Ursache gegenseitiger Verhetzung zu einer Zeit ist, wo uns einzig die Notgemeinschaft frommen könnte. Als die Vorkämpfer beinj Austrag dieser Meinungsverschiedenheit dürfen wohl die „Bauerndoktoren" Leuchtgens und Müller einerseits, die Sozialdemo, traten Kaul und Widmann anderseits gelten; dabei wird sich — außer den auf Sowjetgedanken eingeschworenen Kommunisten — fein Abgeordneter der Binsenweisheit verschließen können, daß die Krankheiten der verschiedenen Glieder des Staates gegenseitig bedingt sind, so daß die Heilung des einen mindestens auch eine Erleichterung des anderen bedeuten würde. An wichtigeren Beschlüssen heben ’ibir hervor die Bewilligung einer Winter- beihilfe von 40 Mark an alle die Personen, die von den Bezirkfürsorgeverbänden und öffentlichen Arbeitsnachweisen unterstützt werden. Mit Ausnahme des Bauernbundes stimmten unter dem Eindruck der furchtbaren Lage zahlreicher Volksgenossen alle Parteien dieser Regelung zu, doch mutz es als recht bedenklich bezeichnet werden, wenn der Staat die sehr beträchtlichen Mittel, die notwendig sind, den Fürsorgeverbänden nur leihweise zur Verfügung stellt und diesen das Rätsel aufgibt, herauszufinden, wie sie aus einem leeren Säckel die Rückzahlung bewerkstelligen sollen. Zur Krisenstimmung kam es bei je einer Abstimmung in Hand- werter- und Pächterangelegenheiten; denn die Rechte und das Zentrum fanden sich zusammen, als ein Antrag Houry auf zinslose Zahlungsstundung für gekauftes Nutzholz zur Debatte stand, als auch bei der Forderung des Bauernstandes, daß eine allgemeine Pachtsteigerung bei fiskalislhem Gelände unterbleiben müsse. Die Folge war ,edesmal eine Niederlage der Regierung und eine Erklärung des Finanzministers, die es mindestens zweifelhaft ließ, ob er den Beschluß der Mehrheit des Hauses aus- führen werde, und jedesmal knisterte es auch bedenklich im Gebälk des Koalitionsgebäudes, ohne daß aber ein Einsturz erfolgte. Es wird bei solchen Gelegenheiten immer aufs neue ersichtlich, wie im hessischen Zentrum zwei Auffassungen um die Herrschaft ringen, deren eine nach links drängt, während die andere Anschluß bei der wirtschaftsverwandten Rechten sucht; gelegentlich spalten sich sogar die Stimmen bei Anträgen von Zentrumsabgeordneten selbst, wie das bei einem Antrag Weckler-Blank geschah, der Befreiung der Saisonarbeiter von den Beiträgen zur Erwerbslosensürsorge forderte. Er wurde gerade mit Hilfe des linken Zentrumsslügels niedergestimmt. Erwähnen wir noch die Inaussichtstellung von Hilfen für die Hochwasserschäden und die Erledigung der „Tierärztcordnung", bei der es einen Ausgleich zwischen den sehr weit auseinander- gehenden Ansichten der beamteten und praktischen Veterinäre zu finden galt, so wären die behandelten Wirtschaftsfragen erschöpft mit Ausnahme derjenigen, die das Finanzexposö des Finanz- mimsters aufwars; es empfiehlt sich aber wohl, diesem eine besondere Darlegung vorzubehalten und sie mit Bemerkungen über den Voranschlag zu verbinden.
Vom
Hessischen Landgemeindetag.
Der Vorstand des Hessischen Landgemeindetages nahm in feiner letzten Sitzung u. a. auch Stellung zu der Regierungsvorlage betr. Entwurf eines Gesetzes über das Straßenwesen in Hessen und das Bauwesen der Provinzen und Kreise. Die Regierungsvorlage sieht jn Aufhebung des Gesetzes vom 12. August 1896 den llebergang sämtlicher Kunststraßen (ehemaliger Staats- und Kreis- straßen) in den Besitz der drei Provinzen vor. Unter Berücksichtigung der Veränderungen, die seit 1896 in der Stratzenbautechnik, in den Verkehrsverhältnissen und in der finanziellen Leistungsfähigkeit der Kommunalverbände eingetreten sind, will der vorliegende Gesetzentwurf für die Verwaltung und Finanzierung des Kunststraßenwesens eine neue Regelung finden. Die Steigerung des Verkehrs und die erhöhten finanziellen Anforderungen lassen es als notwendig erscheinen, die Kunststraßenverwaltung auf eine breitere Grundlage zu bringen, von der aus es leichter möglich ist, eine einheitliche und zweckmäßige technische Unterhaltung unter Berücksichtigung namentlich des durchgehenden Verkehrs einzurichten und die in voraussichtlich steigendem Maße notwendigen Mittel bereitzustellen. Es soll eine finanzielle Entlastung der Kreise durch den Wegfall ihrer Aufwendungen für die Straßenunterhaltung herbeigeführt werden; deswegen sieht der Entwurf den Uebergang der Kreisstraßen auf die Provinz vor. Um eine ordnungsmäßige Unterhaltung der Straßen zu gewährleisten, werden die Provinzialstraßen in durchgehende (O-Straßen) und in Bezirksstraßen (8- straßen) eingeteilt. Zu den Kosten der Straßenverwaltung soll der Staat wie seither einen Zuschuß leisten, im übrigen sollen die Kosten für die Unterhaltung der Provinzialstraßen von den Provinzen getragen werden, insoweit nicht die Gemeinden innerhalb der Ortsdurchfahrten die Kosten zu bestreiten haben. Die Gemeindewege (Ortsstraßen, Verbindungswege oder Gemarkungswege) sollen nach wie vor von den Gemeinden innerhalb ihrer Gemarkungen ordnungsmäßig angelegt und unterhalten werden.
Der Vorstand konnte in der geplanten Neuregelung keine Verbesserung für die Gemeinden erblicken, da die Provinz logischerweise ihr Hauptaugenmerk auf die Unterhaltung der Durchgangsstraßen richten und deshalb die Unterhaltung der Bezirksstraßen, die für die Gemeinden von überwiegendem Interesse sind, nach und nach eine nur untergeordnete Bedeutung erlangen wird. Auch sieht der Vorstand in der geplanten N e u v e r w a l t u n g feine Vereinfachung, sondern lediglich ein Anwachsen des Verwaltungsapparates, der mit seinen Mehrausgaben kaum zu befürworten sein dürfte. Wenn deshalb, was als die beste Lösung zur Herbeiführung einer einheitlichen Verwaltung angesehen werden muß, der hessische Staat bei feiner bis auf das Aeußerste gespannten Finanzlage zur Uebernahme der Straßen nicht in der Sage ist, kann seitens der Landgemein- den nur die Beibehaltung des bisherigen Systems (Verwaltung durch die Kreise) erstrebt und empfohlen werden. Der Hessische Landgemeindetag wird diese seine Stellungnahme in näher begründeter Eingabe an die Regierung zur Geltung zu bringen suchen.
Im weiteren nahm der Vorstand noch Stellung gegen die Höhe der von feiten der Gemeinden zu der Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte zu leistenden Umlagen, die zur Zeit 14 Prozent des Einkommens der Versicherten
betragen, und beschloß, nach Krästen auf eine möglichst baldige Herabsetzung dieses auf die Dauer nicht tragbaren Umlagesatzes hinzuwirken. Dabei wurde auch von dem Ersuchen der Versicherungs» anftalt Kenntnis genommen, welches dahin geht, der bisherigen Gepflogenheit der Gemeinden auf dem flachen Land vorwiegend Beamte in vorgerücktem Lebensalter anzustellen und in die Versicherung hereinzubringen, als den Interessen von Gemeinde und Versicherungsanstalt znwiderlanfend, mit allen Mitteln entgegenzuwirlen. Der Vorstand sprach sich in gleichem Sinne aus.
Oderhessen.
Landkreis vZretzen.
X Klein-Linden, 1. Fedr. Das Material zur Pflasterung der Kreis st ratze G r o h e n ° L i n d e n — Klein-Linden ist nun soweit angesahren daß bei gutem Wetter mit der Herstellung des Kl ünpflasters begonnen werden kann. Da es sich um eine Strecke vo.i etwa 6 Kilometer handelt, werde, zahlreiche Leute bei den Arbeiten lohnende Beschäftigung finden. Hoffentlich wird diese Herstellung vis nach Gießen ausgedehnt, dam t im Sommer die gefürchtete Staubplage vermi"dert wird und die gefährlichen Löcher in der Strahendeckung beseitigt werden.
£ Wieseck, 1. Fedr. Die Beratungsgegenstände der letzten Sitzung des Gemeinderats fanden in der Einwohnerschaft ein un- gemein großes Interesse; der Rathaussaar war bei Beginn der Sitzung zum Brechen voll. Die Zuhörer setzten sich in der Hauptsache aus Erwerbslosen und aus Angehörigen der beiden diesigen Turnvereine zusammen, in beiden Fällen wurden Angelegeitheiten beraten, deren Erledigung mit einer gewissen Spannung entgegengesehen wurde. Zunächst sollte der Gemeinderat seine Stellungnahme präzisieren, wie die kreisamtliche Verfügung, die Einschränkung der Vergnügungen betreffend, in unserer Gemeinde gehandhabt werden soll. Einstimmig stellte sich der Gemeinderat auf den Standpunkt, daß, solange eine Einschränkung der Vergnügung*.^*!« in das Ermessen der einzelnen Gemeinden gestellt sei, der Erfolg einer solchen Maßnahme sehr zweifelhaft sei. Da nun von einer solchen Einschränkung in Gießen noch wenig zu merken sei, habe der Teil der hiesigen Einwohnerschaft, der ohne Vergnügen nicht glaubt leben zu können, bei einem eventuellen Verbot in Wieseck jederzeit Gelegenheit. zu allen möglichen Veranstaltungen nach Gießen zu gehen. Solange diese Möglichkeit bestehe. und nach den Ankündigungen und öffentlichen Einladungen bestehe sie sehr reichlich, sei es für Wieseck infolge seiner Rähe mit Gießen unmöglich, irgendwelche besondere Maßnahmen zu ergreifen. Würde dies doch geschehen, so wäre der Enderfolg der. daß zum Schaden der hiesigen Gewerbetreibenden das in Vergnügungen verausgabte Geld statt in Wieseck zu bleiben nach auswärts, also nach Gießen wandern würde. Dies sei gleichbedeutend mit einer Verminderung der Steuerkraft der einzelnen und einer Schädigung der Allgemeinheit. Im übrigen könne in Wieseck von einem Ueberhandnehmen der Vergnügungen nicht gesprochen werden, die in weiten Kreisen herrschende Rot zwingt ganz von selbst zu einem weiteren Einschränken der Lustbarkeiten. Roch weniger könne von irgendwelchen Ausschreitungen oder „unvernünftigem Vergnügtfein“ die Rede sein. Da nach der kreisamtlichen Verfügung jede Veranstaltung der Genehmigung des Gemeinderats bedarf, wurde dem vorliegenden Gesuch die Erlaubnis erteilt. — Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf die Sportplatzfrage, die im . letzten Gemeindewahlkampf eine große Rolle spielte und auf dessen Ausgang nicht ohne Einfluß blieb. In einer öffentlichen Wählerversammlung wurde von Vorstandsseite des „Turnvereins“ aus dem damaligen (in seiner Mehrheit bekanntlich sozialdemokratischen) Gemeinderat vorgeworfen, er habe bei der Sportplatzfrage nicht einwandfrei gehandelt, indem er der „Freien Turnerschaft“
Hal, besonders unter der Wohnungsnot, schwer zu leiden gehabt. Das darf nicht verkannt werden. Aber cs fanden sich immer Männer, die in altem Hansegeist die Bürgschaft stets vor neue, großzügige Aufgaben stellten, die der Wirt-- schaft immer wieder neue Quellen erschlossen und auch aus der Rot der Besatzung das Beste zu machen wußten.
So bot Köln im Frühjahr 1925, als auf die Einladung Dr. Adenauers Gäste aus allen Teilen des Reiches, an ihrer Spitze Reichskanzler Dr. Luther und der preußische Ministerpräsident Braun zur Iahrtausendfeier der Rheinlande in die Mauern der Stadt strömten, ein Bild pulsierenden Lebens, wie es damals kaum eine -zweite deutsche Großstadt aufzuweisen hatte. Unvergeßlich als Zeichen rheinischen Lebenswillens wird jedem das Deutschland bleiben, das damals inmitten der feindlichen Besatzung stolz und mutig in der monumentalen Festhalle aus fünftausend Kehlen gegen die Helle Täfelung brauste.
Und nun fahre ich wieder dem Rheine zu. Im Lahntal noch hier und dort der blau-graue Waffenrock der französischen Soldaten, nur spärlich noch und zurückhaltend, vorbei an Limburg, der Bischofsstadt mit ihrem ragenden Dom, kühn auf getürmt über den Wogen des Flusses, vorbei an Rassau, der Stadt der Oranier, der Burg des Freiherrn vom Stein, vorbei an Ems, Der historischen Stätte neudeutscher Geschichte. Bei Riederlahnstein treffe ich den Rheinstrom. Dort drüben die tausendfältigen Lichter von Koblenz, der ehrwürdigen Residenz rheinischer Kirchenfürsten des ausgehenden Barock, jetzt dem Sih der ehemals allmächtigen Rheinlandkommission und ihres Herrn Tirard. auch heute noch pochenden Herzens der Befreiungsstunde entgegenharrend. Und dann eilt der Zug den Windungen des Stromes nach. Das weiße Licht des Mondes spiegelt sich in den glitzernden Fluten, die dunklen Schatten mächtiger Rheinschlepper türmen sich gespenstisch empor, vorbei eilen wir im Fluge an den trauten alten Weinnestern, heimelig liegen sie da. eng an den Fluß geschmiegt, Reuwied, Unkel, Honnef. Königswinter und am anderen Ufer das romantische Andernach, Remagen, Rolandseck. Dort taucht Bonn auf, die berühmte alma mater der Rheinprovinz, deren Musensöhne die Befreiungsstunde von drückendem Franzosen- joch mit einem imposanten Fackeltzug festlich begingen. Kurz vor Obercassel drangen sich die ersten rauchenden Schlote weit verästelter Industrieanlagen zwischen uns und den Strom, und dann noch ein kurzes Stündchen und wir donnern wieder über den Rhein, Köln entgegen.
Die ersten Eindrücke in Köln enttäuschen. Das Stadtbild steht fast ausschließllch im Zeichen des rheinischen Karnevals und der großen westdeutschen Funkausstellung, die das rührige Stadtoberhaupt in den Messehallen am Deutzer Ufer veranstaltet hat, um nun auch die Bewohner des besetzten Gebiets mit den Segnungen des Radio so schnell und so gründlich wie nur möglich bekannt zu machen. Besonders geschäftstüchtige Wirte kombinieren Karneval und Funkmesse zu einem „Funkball“. An die erst vor wenig Stunden vollzogene Räumung erinnern den Fremden nur da und dort noch Quartierschilder und Berkehrsanordnungen in englischer Sprache. Sonst geht alles seinen gewohnten Gang. Und das kann vielleicht in einer Weltstadt wie Köln gamicht anders möglich sein. Das reale, fast nüchterne Denken des Riederdeutschen, die Betriebsamkeit des Großstädters dulden es nicht, daß Gefühlsregungen sich länger als auf kurze Augenblicke im äußeren Leben breitmachen.
Der abgezogene Feind war auch zu klug, um in Köln viel Feinde zurückgelassen zu haben. Die Besahungslasten waren auch in Köln schwer, unerträglich war britische Rechtsprechung über deutsche Staatsbürger, mochte der britische Richter auch noch so sachlich urteilen, unerträglich war das englische Hoheitszeichen über deutschem Land, der Gleichschritt britischer Truppen in den Straßen der rheinischen Städte. Das kann den Kölner aber nicht vergessen lassen, daß der britische Soldat auch im Deutschen den Menschen sah, daß er in der Öffentlichkeit anständig und zurückhaltend auftrat und im Kleinen zu mildern bestrebt war, was im Großen er nicht ändern wollte. Daß die Besatzung hätte schlimmer sein können, bestätigen dem Kölner seine Rachbarn in Düsseldorf und Bonn. Und schließlich, daß das Furchtbarste dieser Schreckensjahre, das ehrlose Treiben des Separatistengesindels der Stadt Köln erspart geblieben ist, verdankt sie nicht zum wenigsten, neben der aufrechten Handlung ihrer Bevölkerung, der britischen Besatzung, die rücksichtslos eingriff, wo es gegen Recht und Gesetz ging. So darf es nicht wunder nehmen, daß man in Köln den Briten zwar herzlich gern scheiden sieht, feiner aber ohne Haß und Bitterkeit gedenkt,______
Daß auch Köln und der Kölner eines großen patriotischen Erlebens fähig ist. bewies die Mitternachtsstunde des denkwürdigen 31. Ianuar. Dunkle, sternenlose Rächt liegt über der Stadt, gewaltig reckt der Dom seine Türme in das Schwarz des nächtlichen Himmels, gespenstisch tauchen sie mit ihren Kronen unter im düsteren Wollenmeer, dann und wann wirft der Mond sein fahles Licht durch zerrissene Wollenbänke. Drunten zu Füßen des Domes brodelt es dumpf unb düster. Aus Straßen und Gäßchen quillt es schwarz heran. Die Kölner strömen herbei in ungezählten ödjaren, um angesichts ihres herrlichsten Bauwerks sich zu einer ernsten Gedenkstunde an das Vergangene und zu einem erneuten Treugelöbnis für Voll und Vaterland zu vereinigen. Lange schon hält die Menge, Kopf an Kopf gedrängt, den weiten Domplatz beseht, da flammen in weitem Kreis Girlanden elektrischer Lichter auf, die feine Filigranarbeit des Domportals erstrahlt in tausendfältigem Licht, noch dunkler, noch gespenstischer treten in der Höhe Pfeiler und Türme in das Dunkel zurück. Schweigend harrt die Menge, als mit heller, zitternder Stimme die Turmuhr der Fremdherrschaft letzte Stunde kündet, und andächtig lauscht das freie Köln den tiefen klaren Schlägen der Petersglocke des Domes, die ihren Schwestern im heiligen Köln und weithin im rheinischen Land das Zeichen gibt zum Beginn eines wundersamen Konzerts, das bald über uns hinwegbraust.
Ergreifende Worte des Dankes und der Mahnung findet dann Kölns Stadtoberhaupt für seine Mitbürger, ehrlich und herzlich kündet Preußens Ministerpräsident, er selbst ein Sohn der bedrängten Macht im deutschen Osten, unser aller Dank für des Rheinlands Kampf um Freiheit und Deutschtum. Treue um Treue so klingt sein Gelöbnis. Was Ihr tatet an frohem Bekennen, an mutigem Aus harren für Volk und Vaterland, es soll Euch nicht vergessen werden. And nicht vergessen werden soll über dem Freudenjubel am Riederrhein, daß auch heute noch Millionen deutscher Volksgenossen der Befrei» ungsstunde harren. Möge über ihnen ein gütigeres Geschick walten, das die Freiheitsglocken in der Pfalz und Rheinhessen, an Mosel und Saar eher tauten läßt, als das Versailler Diktat in grimmigem Haß es gestimmt hat. , L.
ein Vorzugsrecht in der Benutzung de« Sportplatzes aus die Dauer von 15 Jahren einräumte und zu den Planierungsarbeiten >300 000 Mt. zur Verfügung stellte. Dieser Beschluß kam dadurch zustande, daß nach einer Vereinbarung die beiden Turnvereine aufgesordert werden sollten, die Planierung des Platzes selbst zu über-, nehmen, da in damaliger Zeit die Gemeinde sehr sparsam mit ihren Mitteln umgehen mußte. In einer nächsten Sitzung teilte der Bürgermeister das Ergebnis der Verhandlungen mit; es ging dahin, daß die Freie Turnerschaft zur llebernahme der Arbeit bereit sei. während, wie der Bürgermeister mitteilte, der „Turnverein" lein Interesse an der Anlage eines Sportplatzes habe. Der „Freien Turnerschaft" wurde damals die Arbeit übertragen, sie ersparte dadurch der Gemeinde eine große Summe Geld. Dafür wurde ihr als Aequivalent ein Vorzugsbenuhungsrecht auf die Dauer von 15 Iahren eingeräumt, außerdem leistete die Gemeinde einen Zuschuß von 300 000 Mk. Nachdem dieser Zustand drei Iahre lang bestand, bestreitet nunmehr der „Turnverein", die vom Bürgermeister angegebene Stellung eingenommen zu haben, die Interessen des „Turnvereins" seien vom Gemeinderat bewußt geschädigt worden. Der ganze Verlaus der Angelegenheit wurde in der Sitzung eingehend dargelegt, wobei der Bürgermeister ausdrücklich feststellt, daß ihm tatsächlich mitgeteilt sei. der „Turnverein" habe fein Interesse an der Anlage des Sportplatzes. Dieses geringe Interesse und das Bedürfnis habe der „Turnverein" auch dadurch bekundet, daß er in den drei Iahren seit Bestehen deS neuen Sportplatzes diesen fast überhaupt noch nicht benutzt habe. Hierbei stellt der Bürgermeister eine weitere falsche Darstellung des „Turnvereins" richtig, indem behauptet wurde, der Schulvorstand habe ein parallel mit der Eportplatzfrage eingereichtes Gesuch deS „Turnvereins" um lleberlassung eines Schulhofes a b g e l e h n t. Der Bürgermeister bestätigt, daß der Schulvorstand die Hergabe des Schulhofes einstimmig genehmigt habe. In einem Schreiben teilt die „Freie Turnerschast" nunmehr mit, daß ihr die Planierung des Sportplatzes 632 Mk. gekostet habe. Aach Abzug der von der Gemeinde erhaltenen 300 000 Mk. = 8.19 Am. bleibt ein Aufwand von 623.19 Am. In dieser Eumn^e ist nicht die laufende Unterhaltung des Platzes einbegriffen. Der Verein ist bereit, von seinem Vorzugsrecht zurückzutreten, wenn entweder die 623 Mk. von der Gemeinde zurückerstottet werden. oder der „Turnverein" die nachträgliche Erstattung der Hälfte der Kosten übernimmt. Der Gemeinderat erkennt einstimmig die Berechtigung dieser Forderung an, erklärt sich aber gegenwärtig außerstande, die Kosten zu übernehmen und beschließt, das Schreiben der „Freien Lurnerschaft" an den „Turnverein" weiter zu leiten, um so diesem die Möglichkeit zu geben, gleichberechtigt in der Benutzung des Sportplatzes zu werden. — Die Vorbereitung der Aegelung von Wohnungszuweisungen, die bei der dernnächstigen Fertigstellung einer Anzahl Neubauten akut wird, wurde der Wohnungskommission übertragen. — Die Reparatur der Fuhrwerkswage wurde genehmigt. Gewünscht tourbe hierbei, zu untersuchen, ob es möglich sei. die Wage zu heben, da sie gegenwärtig der Feuchtigkeit ausgesetzt sei. Im Auge behalten werden soll auch eine evtl. Verlegung oder die Anschaffung einer zweiten Wage. — Die Erwerbslosen hatten ein Gesuch eingereicht, nach dem sie verlangen, daß 1. die Erwerbslosen von l sämtlichen Steuern und Abgaben an die Gemeinde befreit werden, 2. an sämtliche Erwerbs- F lose, soweit sie Mieter find, ein monatlicher Zuschuß in der Höhe der zu zahlenden Miete ge- 7 zahlt wird und 3. der Sitzungssaal der Bürgermeisterei kostenlos zu Versammlungen berettaestellt wird. Nach einer ausgiebigen Aussprache, in der besonders betont wurde, daß die beste Hilfe für Erwerbslose die Schaffung von Arbeitsgelegenheit sei. wurde beschlossen, der Schaffung von Notstandsarbeiten beschleunigt näherzutreten. Der Bauausschuh soll die netto enbigen Vorarbeiten erledigen. Die finanzielle llnterftühung des Einzelnen könne nur individuell geregelt werden. Diese Angelegenheit gcht an den Finanzausschuß. Zu Steuer-Erlassen sei der Gemeinderat nicht zuständig, et könne nur Steuern stunden. Von dieser Gelegenheit werde ausgiebig Gebrauch gemacht. Bezüglich des dritten Teiles des Anttages der Erwerbslosen wurde der Bürgermeister beauftragt, auf Kosten der Gemeinde einen Raum sicherzustellen, in dem die Erwerbslosen ihre Versammlungen, ohne zu Geldausgaben gezwungen zu sein, ab- halten können. Die Hergabe des Sitzungssaales könne in Anbetracht dessen, daß darin die Akten der Bürgermeisterei aufbewahrt werden, für die Oeffentlichkeit nicht mehr in Frage kommen. — Der letzte Punkt betraf die Verlegung einer Transformatorenstation, dre durch die Vergrößerung des Ortsnetzes und die Ausdehnung des Ortes selbst notwendig geworden ist. Nach der vom Elektrizitätswerk Gießen vor- geleaten vorläufigen Kostenrechnung erfordert die Verlegung der Station und der damit verbundenen Arbeiten eine Ausgabe von 15 500 Wk. Zu einer derartig hohen Ausgabe sind vorläufig keine Mittel voichanden, die Angelegenheit wirb vertagt, um zunächst festzustellen, welche iwt- toendigen Arbeiten in allererster Linie auszuführen sind.
+ Rödgen, 1. Febr. Heute wurde die hiesige Feld- und Waldjagd verpachtet. Die neuen Pächter find drei Gießener Herren: Gastwirt Boller, Tierarzt Dr. Erb und Bier- grvhhändler E. Schmal l. Die Pachtfumme von 750 Mark bleibt um 150 Mark hinter der vom letzten Iahre zurück. Linser Bestand an Hasen und Rehen ist sehr gering; dagegen beherbergen imfere Wälder viele Füchse und Dächte.
--[■ Rödgen, 1. Febr. Der Gemeinderat und GemeinLevorstand beabfichttgen, den bezeichnenderweise als „D r e ck g a s s e" bekannten Weg vom Bahnhof um das Dorf unmittelbar auf die Gießener Straße so herzustellen, daß man ihn auch benutzen kann; zur Zeit ist es unmöglich. Die alte Kirchhofsmauer, ein Wahrzeichen des Ortes, wird bröckelig und rissig; sie wird erneuert, denn ein Wegreihen wird der Hessische Denkmalsschutz kaum erlauben. In der Hintergässe soll die Mauer soweit zurückgefetzt werden, daß Raum für eine Strahen- e rto eiterung gewonnen wird. — Pfarrer Groth hat für den hiesigen Frauenverein einen Lichtbildwerser angeschafft. Ieden zweiten Donnerstag finden Vorführungen im Saale der Kleiickinderschule statt. Leider find die Bilder sehr undeutlich; anscheinend ist der Apparat zu klein.
Bg. Großen-Buscck, 1. Febr. Auch in unserem Dorfe lief gestern nachmitlags für die Kinder und abends für die Erwachsenen derBethc 1 si 1 m. Mit Bewunderung erkannten die Besucher, welch Riesenwerk ans bescheidensten Anfängen entstand, und mit welch unerschütterlichem Vertrauen jener immer wieder auf das (Sitte im Menschen bauende Mann trotz aller Enttäuschungen an dem einmal für richtig und nötig Erkannten festhielt. Mit ernsten Gedanken über das Schicksal, das jedem einzelnen in der dort geschauten Gestalt begegnen kann, und mit dankbarem -Herzen für die in jener Anstalt geschaffene Möglichkeit der Rettung und Hilfe verließen die Besucher das Gotteshaus.
Beuern, 1. Febr. Für den Samstag abend hatte der hiesige VolksbildUngs- verein den Obstbauinsvektor Wiesner, Gießen, von der Landwirtschaftskammer (Ausschuß für Oberhessen) zu einem Vortrag gewonnen. der im Saale des Holländischen Hofes gehalten wurde. Der Vortrag behandelte das Thema „Notwendige Maßnahmen zur Verbesse» rung des ländlichen Obstbaues". Die anschließende Aussprache trug noch viel zur Klärung mancher wichtigen Fragen aus der Obstbaumzucht bei. Der Vortrag wurde dankbar aufgendmmen und wird sicherlich auf fruchtbaren Boden gefallen sein. Der Vorsitzende des Volksbildungsvereins dankte dem Vortragenden für seine Ausführungen und ermahnte die anwesenden Landwirte, alle Kräfte mobil zu machen, damit der deutsche Markt mit inländischem gutem Obst beliefert werden kann und wir auf die Einfuhr ausländischen Obstes verzichten können. — Die Zahl der Erwerbslosen hat sich gegen die vorige Woche um etwa 10 erhöht und beträgt jetzt 30. Da die Holzhauerarbeiten in den nächsten Tagen beendet werden, wird die Zahl voraussichtlich noch weiter steigen.
z. Allendorf a. d. Lda., 31. Ian. Gestern veranstaltete im „Gasthof zum Bahnhof" der Iungdeutsche Orden „Schar Allendorf Lda.". seinen diesjährigen Familienabend. Der geräumige Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Von den umliegenden Orten waren einige Bruderschaften erschienen. Die Begrüßungsrede hielt Bruder Dr. Kunz. In eindringlichen Worten ermahnte er die Anwefen- den, dem Wahlspruch des Ordens folgend, treu deutsch zu denken und au handeln, in jedem Deutschen, gleich welchen Standes, ob Kopf- oder Handarbeiter, nur den deutschen Bruder zu sehen. Nur durch Einigkeit im deutschen Volk fei es möglich, daß wir wieder den Platz in der Welt einnähmen, der uns gebühre. Mit dem Deutschlandliede schloß die Ansprache. ES folgten nun in bunter Reihenfolge Theater, Musikstücke, Gedichte und gemeinsam gesungene Lieder ernsten und heiteren Charatters. Sehr zur Verschönerung des Abends trugen Mitglieder der Bruderschaft Marburg bei. Mit dem Liede „O Deutschland hoch in Ehren" und einem Marsch schloß der Abend.
j) Lich, 30. Jan. Gestern nachmittag sand in Steins Saalbau dahier eine von dem Hessischen Landbund einberufene Versammlung statt, die von Lich und Umgegend so zahlreich besucht war, daß die geräumige Lokalität die Besucher kaum zu fassen vermochte. Landtagsabgeordneter Fenchel gab bekannt, daß der Abg. Dr. Leuchtgens vormittags noch einer Finanzausschußsitzung hatte beiwohnen müssen und daß er aus diesem Grunde etwas später eintreffen würde. Sodann wandte er sich mit scharfen Worten gegen die Mißwirtschaft des hessischen Staates, die einen einfachen und sparsamen Betrieb vermißen lasse. Das Heß. Landes- theater, die Fortbildungsschule und insbesondere die jetzt noch neueingerichtete MädchensottbildungS' schule und der Ausbau von höheren Lehranstalten verursachten Ausgaben, die das hessische Volk nicht mehr tragen könne. Der Landbund würde sich mit aller Macht für den Abbau der Staatsausgaben ein» setzen. Dies könne aber nur dann verwirklicht werden, wenn sich alle Landwirte, Gewerbetreibende, Kaufleute und Beamte eng zusammenschlößen und dem Landbund ein Machtmittel in die Hand legten. Der inzwischen eingetroffene Landtagsabgeordnete Dr. Leuchtgens beleuchtete sodann eingehend die herrschende Rot und bezeichnete mit klaren Watten den Weg, der beschritten werden müsse, wenn unser Wirtschaftsleben durch den Steuerdruck nicht zusam- menbrechen solle. Die beiden Reden wurden von der Versammlung mit großem Beifall aufgenommen. An der folgenden Aussprache beteiligten sich die Herren Schlossermeister Friedrich Schmidt» Lich, Vorsitzender des hiesigen Ottsgewerbevereins und Bür- germeifter Jäckel» Grünberg, die die Ausführungen der Vorredner unterstrichen und ebenfalls zum Zusammenhalten aufforderten. Sodann fand eine Entschließung einstimmig Annahme, die Pro- test gegen die zur Zeit in Hessen und im Reich durchgeführte Steuer- und Finanzpolitik erhebt und eine sofortige Herabsetzung der heute geltenden Steuersätze, Erlaß der gestundeten Einkommen- und Umsatzsteuer des Rechnungsjahres 1924/25, eine Verminderung der öffentlichen Aufgaben, Abbau des aufgeblähten Behördenapparates, Einschränkung der Verwaltung und Beseitigung unnützer Staatsaufgaben fordert. Diese Entschließung soll der hessischen Regierung unverzüglich unterbreitet werden. Landwirt Ludwig Wolff II., dahier, schloß hierauf die von ihm geleitete Versammlung.
ri. Rieder-Bessingen, 2. Februar. Nach mehrwöchentlichen Leiden starb hier Landwirt Wilhelm Wirth IV. im 77. Lebensjahre. Seit 32 Jahre gehörte er der Gemeindevertretung, seit 17 Jahren dem Kirchenvorstand an. Die Kirchenvorsteher gaben ihm das Geleite zu seiner letzten Ruhestätte und legten ihm an seinem Grab einen Kranz nieder.
bs. Steinheim b. Hungen. 1. Febr. Der Schulvorstand faßte in seiner letzten Sitzung den Beschluß, den einschlägigen Bestimmungen des Vviksschulgesetzes nachzukommen, mit Beginn des Schuljahres 1926/27 den Hauswirt s ch a f t 1 i ch e n Unterricht in der Mädchensortbildungsschule einzufuh- ren und die damit nötig werdende Küche einzurichten. Der Gemein de rat trat in seiner gestrigen Beratung diesem Beschluß bei, betoil- ligte die nötigen Mtttel und genehmigte den 2ut8bau als Schulverbandsküche. Diese Beschlüsse des Schul- und Ottsvorstank^s sind ein neuer Beweis dafür, wie sehr man sich hier des Wertes der Fortbildungsschule bewußt ist, die doch in erster Linie der praktischen Ausbildung dienen will. Aus diesen Erwägungen heraus wurde im vergangenen Iahr einmütig beschlossen, den Unterricht an der hiesigen Pflichtfortbil- dungSschule, die zur Zeit auch noch von 5 Mädchen freiwillig besucht wird, als Iahres- »nterricht beizubehalten Die Schülerinnen aus dem benachbarten Rodheim sind hier eingeschult.— Gestern abend beging der Gesangverein I „Frvhsinn" dahier im Saale deS Wirtes
Döpfcr seine diesjährige Abendunterhaltung. Neben vier Theaterstücken, die flott gespielt wurden, brachte der Verein eine größere Zahl Chöre in gutem Vortrag zu Gehör. Der Verein gehört dem Sängerbünde „Mittleres Niddatal" an, hat bereits auf einem Gesangswettstrett einen ersten Preis errungen und steht seit 15 Iahren unten Leitung von Lehrer Beppler.
Kreis Friedberg.
ss. Friedberg, 1. Febr. Dieser Tage brachte und der Geschichts- und Altertum s v e r e i n einen Vortrag von dem Vorsitzenden der „Fam il ie n g esch i ch t l i chen Vereinigung in Hessen", Regierungsrat Schäfer- Darmstadt. Welches Interesse dieser Sache entgegengebracht wird, bewies nicht nur der starke Besuch, sondern auch die lebhafte Aussprache und die verschiedenen Anfragen, welche sich an die Ausführungen des Redners an- schlossen. Der Vortragende gab ein Bild von dem Wesen und der 7Bebeutung der Familien- forschung, welche nicht nur in einer trockenen Ausführung von Daten bestehen soll, sondern auch in Schilderungen der geistigen und körperlichen Eigenschaften der Persönlichkeiten. Er schilderte die Bedeutung der Forschungen auch in geschichtlicher, rechtlicher und medizinischer Beziehung, den Wert für die Vererbungslehre und ihre ethisch-moralische Bedeutung. Auch den Unterschied zwischen einer Stammtafel, welche nur die männlichen Vorfahren aufführt, und einer Ahnentafel, welche alle Vorfahren auch nach der weiblichen Seite umfaßt, wurde erläutert, ebenso der Begriff des Ahnenverlustes, der dadurch entsteht, wenn Verwandte die Ehe eingehen unö so gemeinsame Ahnen haben. Zum Schlüsse berichtete er über die Tätigkeit der familiengeschichtlichen Vereinigung in Hessen, die stets bereit und meistens auch in der Lage sei, den auf diesem Gebiete Arbeitenden mit Rat und Tat Unterstützung zu gewähren. Der Vorschlag des Vorsitzenden des Geschichte und Altertumsvereins, Professor Dr. Blecher, auch am hiesigen Orte eine an diesen Verein angeschlossene Ortsgruppe zu bilden, fiel auf fruchtbaren Boden, da sich sofort eine Anzahl der Anwesenden in die aufgelegte Liste einschrieben.
Friedberg, 1. Febr. Der Leiter des Gruppenbezirks Friedberg der Technischen Nothilfe, Gewerbelehrer Rudolf Wel° koborfki, ist nach längerem Kranksein, das ihn aber nicht abhielt, bis zum letzten Tage in seinem Lehrerberufe an den Fortbildungsschulen zu Bad-Nauheim, Friedberg und Butzbach tätig zu sein, unvermerkt im besten Mannesalter gestorben. Um die Organisation der Technischen Nothilfe in unserem Kreise hat sich der Der- ftorbene ganz besondere Verdienste erworben, wie er auch als ein Führer der Deut schen Volkspartei trotz des aus dem Kriege mit- gebrachten Lungenleidens seine ganze Kraft für das Allgemeinwohl einfehte. Bei der in Bad- Nauheim ftattgefunbenen Beerdigung wurden unter ehrenden Nachrufen zahlreiche Kränze am Grabe des Verstorbenen niedergelegt, so von der Schulverwaltung, der Technischen Nothilfe. der Deutschen Volkspattei, dem deutschen Offiziersbund.
'2$. Bad-Nauheim. 1. Febr. Die im Iahre 1740 erbaute Wilhelmskirche, die bis vor zwei Iahrzehnten das Gotteshaus der Nauheimer war. ist nun zum Evangelischen Gemeindehaus umgebaut und dadurch vor dem Verfall geschützt worden. Nächsten Sonntag wird das Kirchlein seinem neuen Zweck übergeben.
y. Wölfersheim, 1. Febr. Auch unser Ort weist infolge der wittschaftlichen Not seit Wochen trotz der vier nahen Kohlengruben und der umfangreichen elektrischen Zentrale eine im fteten Wachsen begriffene Anzahl Ar- beitsloser auf. Zur Zett sind es 35. Als Notstandsarbeit ließ die Gemeinde zunächst den bei Regenwetter grundlosen Schulhof mit Kohlenschlacken von Wetzlar und Quarzit von Köppern — 2 zu solchem Zweck sehr empfehlenswerte Deckmittel — überschottern. Hieran schloß sich sechs Wochen lang das Holzfällen im Gemeinde- toald, welche Arbeit demnächst ^u Ende geht. Diejenigen Waldarbeiter, die mindestens 20 Tage beim Holzfällen beschäftigt waren, erhatten 2 Rm. Buchenknüppel zum Taxwert von 20 Mk. Um weitere Gelegenheit zu Arbeit und Verdienst zu bieten, beschloß der Gemeinderat in feiner letzten Sitzung eine Ortsstraße ausbessern und eine andere chauffieren zu kaffen. DeS wetteren sotten zu 3 neuen Wohnungen Wasserleitungen gelegt und die Erdarbeiten hierbei möglichst von Erwerbslosen ausgeführt werden. So Tann auch eine wenig bemittelte Gemeinde durch produktive Arbeiten der Not der Arbeitslosen einigermaßen steuern.
LGroß-Karben, 1. Febr. Zu der Nachricht von dem treuen Storchenpaar, das in diesem Winter bei uns geblieben ist. können wir noch mitteilen: Das anhängliche Storchenpaar bewohnt seinen Horst auf dem Stattgebäude eines Hofgutes. Während der kältesten Tage suchte es jedoch feine Zuflucht in dem warmen Stalle. Ietzt grüßt es aber wieder vom Dachfirst aus die Ortseinwohner und die Fremden, die erstaunt das seltene Naturwunder betrachten. Ein Hauptgrund des Verbleibens dürfte wohl der sein, daß die Störche hier ständig einen reich gedeckten Tisch haben. Ein von der Nidda aus in die Wiesen gehender Entwässerungsund Grenzgraben friert auch bei strengster Kälte nicht zu, was wohl auf warme Quellen zurück- zufichren ist, die hier zu Tage treten. Aus der Nidda ziehen sich daher zahlreiche Frösche in den Graben zurück, und hier haben unsere seltenen Wintergäste ein reiches Jagdrevier.
Kreis Büdingen.
—.— Merkenfritz, 1. Febr. Sein 30. Jubiläum als Gemeinderechner feierte Karl G a n ß. Mit Treue und Gewissenhaftigkeit hat er diese lange Zeit seines Amtes gewaltet; die Ge° meinbe veranstaltete ihm zu Ehren eine kleine Feier. — Lehrer K e i l, der 20 Jahre in unserer Gemeinde tätig war, ist dieser Tage nach seinem neuen Wirkungsorte Wieseck übergesiedelt. Die Gemeinde und die Schulklasse gaben Dem beliebten Lehrer das Geleite zum Bahnhof.
Kreis Alsfeld.
er. Homberg a. d. O., 1. Febr. Im Saale des „Frankfurter HofS" hielt unser Wander- und Verschönerungsverein feine diesjährige Hauptversammlung ab, die zahlreich besucht war. Nach der Begrüßung durch den ersten Vorsitzenden wurde der Rechenschaftsbericht vorgetragen. Danach fanden im ganzen 11 Wanderungen statt, an denen sich durchschnittlich 19 Mitglieder beteiligten. Der neue Wanderplan für
das Iahr 1926 fand allseitige Zustimmung und Annahme; er sieht z.D. eine zweitägige Wanderung nach dem Hoherodskopf vor. Dem Rechne« wurde Entlastung erteilt. Bei der Vorstands- Wahl ertlärte der erste Vorsitzende. Lehren Hedrich. daß er infolge seines Alters eine Wiederwahl ablehne. Lehrer Qlllenbörfec wurde zum ersten und Lehrer I m in e l zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Die übrigen Vorstandsmitglieder blieben int Amte. Anschließend folgte ein Vortrag von Lehrer 2 m m e l über „Vergessene Flurnamen"^ Der Vortrag fand begeisterte Aufnahme und zeitigte eine lebhafte Aussprache. Die erste Wanderung in diesem Iahr findet am 7. Februar nach Schweinsberg statt, woran sich abends eine Versammlung an- schließt, in der die Wanderauszeichnungen verteilt werden.
*!* Merlau, 30. Ian. Freche Einbrüche wurden in der vergangenen Nacht in dem hie-i figen Wirtschaften von Hörle und Zimmer verübt. In der ersteren erbeuteten die Diebe 5, in der letzteren 40 Mark, mtd—hj^x nahmen sie außerdem Margarine. Schokolade und Zigaretten mit. Mit einer Leiter, die sich nachher in der Wirtsstube fand, waren sie eingestiegen. Sie taten sich außerdem in der Wirtschaft gütlich- Der Verdacht lenkt sich auf ein Aut o, das kurz vor Mitternacht, offenbar mit abgeblendeten Laternen, im Dorf kurze Zeit hielt und "bann mit explosionsartigem Geräusch sehr schnell davonfuhr. Auch in Rieder-Ohmen wurde in die Wirtschaften eingebrochen. Zwei Tage vorher waren vier „fahrende Sänger" in unsrem Dorfe gewesen, hatten sich in der Witt- schäft von Zimmer aufgehalten, in Laden eine Kleinigkeit gekauft und sich dabei frech benommen. Es ist kein Wunder, wenn nach solchen Vorkomm- niffen den vielen herumziehenden Leuten, unter denen ja auch wirkllch Bedürftige fein mögen^ die Türen verschloßen bleiben.
Kreis Schatten.
■■ Schotten, 30. Ianuar. Vom Gern e i n d e r a t. In einer feierlichen EröffnungS-; sihung wurden die neugewählten Mitglieder vom Bürgermeister in ihr Amt eingeführt und in Pflicht genommen. Die verschiedenen Kommissiv-' nen wurden gebildet. Gin Lieberblick über die Finanzlage der Stadt wurde gegeben. Wenn auch der Rechnungsabschluß für das Rechnungsjahr 1924 für die Stadt günstig ist, auch im laufenden Iahre fein Defizit zu erwarten steht, wird der neue Gemeinderat sich doch größter Sparsamkeit befleißigen müssen und bei dem schweren Druck, der eben auf der ganzen Wirtschaft ruht, alle größeren Pläne zurückzuststten haben. — Die Vergnügungssteuer hat der Gemeinderat neu geregelt. Nach neuerlichen Verfügungen der Kreisämter sollen über Genehmigung von Tanzbelust igungen die Gemeindevertretungen gehört werden. Der Gemeinderat war der Auffassung, daß die Regelung dieser Materie Sache der Regierung sei und einheitlich für das ganze Land bestimmt werden sollte. Es fei unrichtig, wenn man diesen unerquicklichen Streit, Zulassung von Maskenbällen, Tanz, in den Gemeindeparlamenten austragen lasse, die Not im Lande sei allenthalben gleich, man könne nicht die eine Gemeinde so, die andere anders behandeln, auch keinen llnterfchied zwischen Stadt und Land machen. — Für den hauswirtfchaftlichen Unterricht an der Mädchensortbil- dungsschule wurden 400 Mk. bewilligt. Es entspann sich hierbei eine längere Debatte, ob es eben an der Zeit sei, die finanziell ohnehin stark belasteten Gemeinden mit derartigen Ausgaben zu beschweren. Auf dem Lande sei dieser Unterricht weniger wichtig, die Mädchen hätten Wohl alle Gelegenheit, sich in Küche und Haushalt auszubilden. Ständig ergehe der Ruf nach Sparsamkeit, aber an keiner Stelle werde dec Anfang gemacht. — Die Kosten für Herstellung einiger Wege wurden bewilligt. Eine Ortsbesichtigung an Plätzen, an denen man die Kanalisierung fortführen will, soll stattfinden. — Dem Herrn A. Bartels, der das „Deutsche Haus" an der Bahn gepachtet hat und dorthin fein Cafö verlegen will, wird hierzu die Genehmigung erteilt, desgl. auch Herrn Bäcker und Gastwitt C. Müller. der seine Wittschaftsräume wesentlich erweitern will. — Eine längere Debatte entspann sich darüber, ob es ratsam sei, wie vorgeschlagen war. den städtischen Bull en st all aufzugeben und die Bullen privat bei Landwirten unterzubringen. Das Kreisveterinäramt und die Landwirtschaftliche Kommission sprachen sich entschieden dagegen aus, und der Gemeinderat entschied daher, daß der städtische Ochsenstall im seitherigen Betrieb weitergefühtt wird. — Zum Besten der N o t h i l f e wurde ein Betrag zum Ankauf von Wohlfahrtsmarken zur Verfügung gestellt- Die Anfuhr von Steinen zum Dau eines Weges wurde zum Preise von 2 RA. pro Kbm. vergeben. Die Gebühren des Totengräbers wurden auf 6 Mk. Kindergrab, 12 Mk. Reihengrab. 14 Mk. Familiengrab festgesetzt. — Bei der heutigen Iagdverpachtung wurden etwa 1200 Mark Pacht erlöst.
□ Dom oberen W etter tal. 1. Febr. Die Landwirte haben wegen des warmen Sonnenscheins und des bedeutenden Nachtfrostes schwere Befürchtungen für die schneefreien Felder gehegt. Cs zeigt sich jedoch jetzt, nachdem der Schnee völlig verschwunden, daß die Witterung dem Getreide nur wenig Schaden gebracht hat. Die frühen Saaten haben ein sehr gesundes und frisches Aussehen; das Getreide hat sich im allgemeinen schon gut bebuscht. Ebenso bieten auch die späten Saaten einen erfreulichen Anblick dar. Alles in allem kann man mit dem diesjährigen Winter bis jetzt zufrieden sein. Bei weiterer günstiger Witterung darf man hier auf eine gute Getreideernte hoffen.
Starkenburg.
Darmstadt, 31. Ian. Gestern sand die feierliche Einweihung der von der Vereinigung von Freunden der Technischen Hochschule zu Darmstadt errichteten Turn- und F e st h a l l e statt. Die Feier wurde eingeleitct durch einen Mufikvottrag des städtischen Orchesters unter Leitung von Direktor Wilhelm Schmitt. Der Vorsitzende der Hochschulgetell- schaft, Geheimrat Otto Berndt, hielt die Festrede, in der er die Vorgeschichte des Baues behandelte und den Spendenr für die Aufbringung der Mittel dankte. Der Redner übereignete dann die Halle dem hessischen Staat, wofür Ministerialrat Löh le in den Dank aussprach. Der Rektor der Technischen Hochschule. Professor Eberle, gab bekannt, daß die neue Festhalle den Namen O 11 o-B e r n d t-Halle führen soll, und überreichte Geheimrat Berndt eine Ehrenket te Nachmittags fand rin Schau-
turnen in 6er neuen S)ütle statt, abends ein Fest- kommers der Studentenschaft, die am Abend vorher Geheimrat Berndt einen Fackelzug gebracht hatte. — Bürgermeister Burbaum, der Stadtbaurat von Darmstadt, wendet sich in einer Erklärung gegen auswärts erschienene Zeitungsartikel, in denen Darmstadt als die „Stadt der Grdsenkungen" bezeichnet wird. In längeren Darlegungen wird als „sehr laienhafte Anschauung" die Behauptung abgetan, daß die durch Darmstadt hinziehende Berwerfungsspalte, die das kristalline Gebirge des Odenwaldes von den im Diluvium aufgeschütteten Ablagerungen trennt, die Ursache der Erdsenkungen ist. Es handelt sich übrigens nur um zwei Erdsenkungen, die auf alte, unzweckmäßig hergestellte Kanäle zurückzuführen sind. Das Herabfallen der Decke im Hauptbahnhof hat ebenfalls nichts mit einer Crdsentung zu tun, sondern beruht auf einem Konstruktionsfehler. — Der Student Meon, der hier vor einigen Monaten die aus Idar , ammende Anna Gillmann ermordet hatte, ist, Blättermeldungen zufolge, auf feinen Geisteszustand untersucht worden. Die Untersuchung soll keinerlei Zweifel an i er Zurechnungsfähigkeit Meons er- 5,eben haben.
Weinheim. 1. Febr. (WEN.) Der Befund der Sezierung der in ^Birkenau er- bum'ierten Leiche hat ergeben, daß die Lodesursache nicht in Abtreibung bestand. Laut Mitteilung her Staatsanwaltschaft Darmstadt ist das Bersahren mangels Nachweises. einer strafbaren Handlung eingestellt worden.
150jahriges Jubiläum der „Wormser Zeitung".
WEN. Worms, 1. Febr. Die im Berlage der Duchdruckerei Kranzbühler (Gebrüder Cnyrim) erscheinende „Wormser Zeitung" kann am 7. Februar den Tag ihres 15 0jährigen Bestehens begehen. Das 13mal wöchentlich erscheinende Blatt ift eines der führenden hessischen Blätter und in allen Schichten der Bevölkerung in Stadt und Kreis Worms sowie der angrenzenden Gebiete stark verbreitet. Die Buchdruckerei Kranzbühler kann sogar auf ein 225jähriges Bestehen zurückblicken.
Preußen.
Kreis Wetzlar.
I Wetzlar. 1. Febr. Negierungsassessor Raguse vorn hiesigen Landratsamt ist an die Negierung in Stralsund verseht worden. An seine Stelle tritt Negierungsassessor Monsen von der Regierung in Flensburg. Der Weggang des Herrn Raguse, der vor etwa Drei- Vierteljahr von der Regierung in Frankfurt a. d. Oder hierher gekommen war, wird allgemein bedauert. — In der letzten Versammlung des Kreisbauernvereins legte der Vorsitzende Pfarrer Bausch sein Amt als solcher nieder. An seine Stelle wurde Administrator Siebold- Hofgut Altenberg gewählt.
rtr. Dorlar, 1. Febr. Wie wir schon früher mitteilten, wurde hier vor einiger Zeit eine Geldsammlung veranstaltet, deren schönes Ergebnis von 3300 Mk. zur Renovierung, speziell zur inneren Ausschmückung und Neuanschaffung einer Orgel für unsere Kirche dienen soll. Nachdem auf Beschluß desKirchen- vvrstandes die Bestellung der Orgel erfolgte, mußte sie auf Geheiß des Landratsamtes wieder zurückgenommen werden, da dieses die Erledigung anderer Angelegenheiten — wie Wasserleitung u. a. — als nötiger erachtet. Man beabsichtigt bei der evtl. Aufstellung einer neuen Orgel einen kleinen Tlmb a u, und zwar die Verlegung von der Ost- nach der Südseite, xijft hierdurch gleichzeitig noch einige Sitzplätze zu gewinnen.
Dillkreis.
bl. Dried orf, 1. Febr. Die Autobuslinie von hier nach Weilburg wurde in Betrieb genommen. Damit hat man eine wertvolle Verbindung zwischen dem Westerwald und dem Lahntal geschaffen.
bl. Niederscheld, 1. Febr. Einbrecher sind in unserem Orte und der Umgebung am Werke. Auf den letzten Diebstahl vor einigen Wochen folgte vor einigen Tagen ein neuer. Glücklicherweise gelang es den Sieben nicht, etwas zu erhaschen Die Hausbewohner verscheuchten die Bande. Im nahen Burg wurde ebenfalls versucht. einzubrechen. Aber auch hier gelang es den Einbrechern nicht, etwas zu erbeuten.
Maingau.
WSN. Franks urt a.M., 1. Febr. Wegen Einbruchs sind fe ft genommen worden: Der Arbeiter Karl W eimar, am 31. August 1901 hier geboren, und der Mechaniker Gustave Hally, am 22. Oktober 1399 hier geboren. Sie haben in einem Wäsche- und Modewarengeschäft in der Glauburgstraße und in einer Drogerie in her Allerheiligenstrahe eingebrochen und Waren von großem Wert gestohlen. Die Waren find bei Privatleuten abgesetzt worden.
Wirtschaft.
' Neue Aufträge für die Opelwerke. Von den Opelwerken wird eine Besserung der Lage am Automarkt gemeldet. Die Nachfrage nach 10-?. 8.- und 4-?. 8.-Per'onenwagen steigt von Tag zu Tag, so daß mit einen baldigen Besserung der Geschäftslage zu rechnen ist, was sich bereits auch auf dem Arbeitsmarkt im Groß-Gerauer Bezirk ausgewirkt hat, wo die Erwerbslosenzisfer in der vergangenen Woche um 425 auf 6902 zurückgegangen ist.
Sie Schöfferhof-Dinding-Bür- gerbräu A.-G. in Frankfurt a. M. hat den Abschluß für das Jahr 1925 genehmigt und die Dividende auf 20 Prozent für die Stammaktien und auf 10 Prozent für die Vorzugsaktien festgesetzt. Die Verwaltung teilte mit, daß die Aussichten für das neue Geschäftsjahr durchaus befriedigend sind.
* Voigt u. Häffner A. G. in Frankfurt a. M. Es verlautet, daß für das abgelaufene Geschäftsjahr mit einer Dividende von mindestens 8 Proz. (i. V. 8 Proz.) zu rechnen ist. Der Geschäftsgang sei gut.
" A. Riobecksche Montanwerke Halle a. S. Die zum Konzern bet Riebeck- jch 'n Montanwerke gehörige Gewerkschaft „Concordia" in Nachterstedt hat auf ihrer stillgelegten Grube „Clara" die Brikettherstellung und den Schwelereibetrieb wieder aufgenommen. Neben der Grube „Clara" wird ein neuer Förderbetrieb eingerichtet.
* Bilanz der Deutschen Girozentrale 1 925. Sic Derbandsversammlung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes genehmigte am Samstag die Bilanz, sowie die Gewinn- und Verlustrechnung für 1925 der Deutschen Girozentrale. Aus den Abschluhziffetn seien folgende Posten mitgeteilt: Kassenbcstand 557 071, Guthaben bei Notenbanken 1.17 Mill- Wechsel und Schecks 72,1 Mill, (darunter 30,3 Mill. Rentenbankwechsel und 3,9 Mill. Mittelstandskreditwechsel), eigene Wertpapiere 6,4 Mill., Außenstände in laufender Rechnung 50 Mill- Darlehen mit festen Laufzeiten 102,8 Mill. Die Rücklagen betragen 1,98 Mill., die Kreditoren 282,4 Mill., langfristige Astleihen 3,5 Mill. Rm. Als Reingewinn werden ausgewiesen: 903 733 Reichsmark- die zur Verzinsung des Betriebskapitals (20 Mill.) und zur Dotierung der Reserven verwandt werden. Im Iahre 1925 wurde das Privatkreditgeschäft stark eingeschränkt, die Gesamtsumme des im Privatkreditgeschäft angelegten Kapitals beträgt weniger als ein Sechstel her gesamten Bilanzsumme, die sich auf 309 Mill, stellt. Hieraus ergibt sich, daß die im Privatkreditgeschäft arbeitenden Beträge im Verhältnis zu den im Kommunalkreditgeschäft und auf Nostrokonten angelegten großen Summen keine entscheidende Rolle spielen.
Börsenkurse
(Ohne Gewähr.)
Frankfurt a.M.
Berlin
Schlug-1
t-Uhr-
Schlitz-'
Anfang
Kurs ।
Kurs
Kur» |
flurc
Datum:
1.2. |
2. 1.
1.3. |
2. 2,
56/o Deutsche Reichsanlethe .
0.2905 1
0.300
0,2625
0,300 U.305
4% Deutsche Reichs anleihe . 3VS% Deutsche Reichsanleibe
——
—-
0 285
0,27
—
0,285
0.300
3% Deutsche Reichsanleihe . Deutsche Sparprämienanleihe
0.34
—
1,3525
0,395
0.126
—
0.145
—
4% Preußische KonsolL • • •
0.27
0,215
0,28
0.275
0,25 i
0,26 I
0,295
Äfe:
_
_
Deutsche Wertb. Dollar-Anl.
90 25
—
91 75
—
dto. Doll.-Schatz-Anweiing.*)
98,8
—
99,05 1
—
4% Zolltürken.........
9,45
9
-
—
5% Goldmerikaner ...
42
42,25
—
Berliner Handelsgesellschaft. Commerz- und Privat-Bank
141 5* 103*
103,5*
142.6*
104,5*
142,2*
103.5*
Darmst. und Nationalbank .
121.2*
520,7*
120 5*
120.7*
121,2*
60
120,5*
121 1*
120,4*
Deutsche Bereinsbank ....
DiSconto Commandit • .
115.1*
115*
116*
115,4*
87
86,25
95 5*
__
_
Mitteldeutsche Kreditbank. .
96 ‘
96*
96
Ocsterreichische Kreditanstalt.
7.2
7.5
4
—
Westbank.............
1,031
0 031
—
—
Bochumer Guß......* .
96*
48 47,25
92,25*
48
46.25
93* 47,75 46,25*
Caro ............
Deutsch-Lurrmburg......
Gelsenkirchener Bergwerke. .
9.8* 9i*
—
98* 97.25*
95*
94 5*
Harpencr Bergbau......
Kaliwerke AscherSleben....
115*
n-,5*
114*
111,5*
117,2*
120,6*
117*
119,2*
125,25
36.9
124,5
39
122,75
59,2-5
Laurahütte ........ • .
_
Oberbedars....... * . .
51*
52*
52*
53*
Phönix Bergbau ......
Rbeinstahl...........
80,75*
76,25*
80* 77,73*
80,62*
77,25*
79.25* 77*
Rtebeck Montan........
91
91
89
Tellus Bergbau.......
56
Hamburg-Amerika Paket. . . Norddeutscher Llovd .....
124* 142*
120,5*
140,7*
122,5* 110*
123*
140,2*
Cheramische Werke Albin . ,
—
I
__
Zementwerk Heidelberg . . .
73
73
—
—
Philipp Holzmcmn ......
57,5
58
55
Anglo-Cont.-Guano.....
—
—
Chemische Mayer Alapin . . I. G. Farbenindustrie, A.-G- Goldschmidt..........
—
-
131*
130*
130*
130 5*
68
72
66,75
-
Holzverkohlung........
Rütgcrswerke.........
57.5
58,7
—
—
75.5
73,5
75
74
Scheideanstalt.........
90,75
89.75
—
Allg. Elektrizitäts-Gesellschaft
99 5*
98*
99,5 •
98.25*
Bergmann .........
88*
87*
81*
Mainkrastwerke........
84
82*
Schlickert ..........
Siemens ,5
97
Zuckerfabrik Frankenthal . .
Zuckerfabrik Waghäusel . . .
52.9
46,7a
53
49
46
Berliner Börse.
(Eigener Drahtberichr des „Gießener Anzeigers".)
Berlin, 2. Febr. Die gestrige starke Befestigung der Terminkurse veranlaßte die Spekulation teilweise zu Gewinnmitnahmen, so baß anfangs verschiedentlich leichte Kursrückgänge zu verzeichnen waren. Dies gilt namentlich für westdeutsche Montanwerte, die um 1 bis 2 Prozent abbröckelten. Die Börse schritt in diesen Werten zu Abgaben, als gleichzeitig auch schlechtere Berichte vom Eisenmarkt vorlagen. Dagegen wurden obersch l e s l s ch e Montanwerte für ausländische Rechnung weiter zu erheblichen Beträgen aus dem Markte genommen. Heimische Staatsren- t e n blieben weiter lebhaft gefragt im Zusammenhang mit neuen, nicht ganz unberechtigten Aufwertungshoffnungen. Kriegsanleihe eröffneten mit 0,300. Schutzgebietsanleihen und die sonstigen amtlich notierten Kolonialpapiere lagen gleichfalls fest. Im übrigen hat die gestrige Lebhaftigkeit wesentlich nachgelassen, so daß die Börse nicht einheitlich eröffnete. Die Rückgänge waren im allgemeinen nicht erheblich. Eine Reihe von Spezialwerten, für die günstige Nachrichten über Divi- denden-Ausschüttungen vorlagen, blieben von der rückläufigen Bewegung ausgenommen. Im weiteren Verlaufe traten nach neuen Auslandkäufen auch Deckungskäufe der Spekulation hervor, so daß die Stimmung durchweg freundlicher wurde, zumal der Geldmarkt sich eher weiter verflüssigt hat. Tagesgelb war zu 8 bis 8,50 Prozent angeboten. 3m Devifenverkehr lag das englische Pfund mit 4,86£ gegen Kabel sehr fest, so daß die Reichsmark in London mit 20,43 und auch die übrigen europäischen Valuten gegen das Pfund schwächer notierten. Paris und Warschau lagen unverändert.
1 mehl 32,25 35,25,
14,40-15.10, Soya-Schrot 19,20- 19.40.
Banknoten.
Geld
Viktoriaerbfen 26 -35, kleine Speis eerbsen 22-25« Suttererbfcn 20- 22, Peluschken 20—21, Acker- bohnen 19—21, Wicken 20 -24, Lupinen, blau 12 13, do. gelb 14—15, Seradella 19—20, Rapskuchen 15,10 15,25, Leinkuchen 21,80—22, Trvcken-
Bücherlisch.
Badischer Kalender 1 926. Rach
. Rogaenmehi 22,25 - 24,25. Weizenkleie 11,25 11,50, Roggenflcie 9,60—10,
schnitzel 8,10- 8,25, Torfmelasse 7,80—8, Kartoffel« flocken " ~ "
Frankfurt a. M, 2. Febr. Es wurden notiert: Weizen, Wetterauer 27, Roggen, inländ. 17,75 bis 18. Sommergerste für Drauzwecke 21,50 bis 23,50. Hafer, inländ. 18,50 dis 21,50, Mais, gelb 19.50 bis 19,75, Weizenmehl, inländ., Spez. 0 40,75 bis 41,25, Roggenmehl 26 bis 26,25, Weizenkleie 10,75 bis 11. Roggenkleie 11 bis 11,25. Tendenz unverändert.
Berliner Produktenbörse.
Berlin, 1. Febr. Sie inländischen Eigner haben heute in Liebereinstimmung mit festen amerikanischen und englischen Sepeschen ihre Forderungen für Weizen gleichfalls erhöht, bei dem an und für sich glatten Material und der starken Frage für Ware nach Wafserstationen wurden die festeren Preise auch bewilligt. E^portsrage hält gleichfalls an. In Roggen ist die Tendenz wohl fest, doch sind die Preise für exklusive Ware nicht voll zu behaupten. Im Lieferungs- Handel eröffnete Weizen per März mit 267 Mark und Mai mit 275,50, 1,50 Mark über Sonnabendschluh. Märzroggen 0,50 Mk. (175,50) und Mai 1,50 Mark (197,50) hoher. Gerste schwach, Hafer ruhig, nur beste Sorten ber mäßigem Angebot etwas fester. OHebl fhU, bedgl. Futterartikel. Es notierten per 1000 Kg.. W^e^en (mark.) 241-247, do. (Pomm.) 242-248 do. Marz 267 bis 268, do. (Mai) 273.50 bis 275. Roggen (märf.) 149-156, Roggen (Pommern) 145-152, Roggen (März) 175.50. Roggen (QHat) 187,50, Gerste (märf.) 170-198, 5uttergerfte 142-1^) Hafer (mär!.) 156-167, Mals loko Derßn 187 bis 189, Raps 340-350: per 100 Kg.: Weizen-
4,19
19,00
103.39
20,375
15,81
137.9)
16 8>
85.40
68,93
tU.99 80,80 59.00
12.38?
5,832
Getreidebörse.
Brief
4,21 19.10
101,31 20,475
15 89 168,74
16,93 85.56 59,23
112,55
81,20 59 3)
12,4.7
5,872
Frankfurter Börse. ]
(Eigener Drahtbericht des „Gießener Anzeigers".)
Frankfurt a. M„ 2. Febr. Tendenz: Uneinheitlich. Die im gestrigen Abendverkehr her- vvrgetretene Neigung der Spekulation zu Gewinnsicherungen wirkte sich bei Eröffnung des heutigen Verkehrs kräftiger aus Einzelne Aktienmärkte hatten mehr oder weniger große Kursabschwächungen aufzuweisen. Die Spekulation verhielt sich stark zurückhaltend, infolgedessen war die Llmsahtätigkeit stark vermindert. Sie rückläufige Bewegung wirkte sich besonders am Elektro- und Montan- markte aus. wo Kursverluste von 1 bis 2 Prozent eintraten. Chemiewerte die anfangs gehalten waren, wurden im Verlaufe gleichfalls gedrückt und büßten 1 bis 2 Prozent ein. Eine Ausnahme bildete Goldschmidt die nach der im gestrigen Abendverkehr bereits eingetretenen Steigerung heute um weitere 4 Proz. anziehen konnten, und zwar auf die Erklärung der Gesellschaft, daß sie voraussichtlich in diesem Iahre die Dividendenzahlungen wieder auszunehmen in der Lage sein werde. Schiffahrtswerte verkehrten weiter in günstiger Haltung. Rordd. Lloyd waren um 1 Proz. gebessert. Hapag dagegen 0,5 niedriger. Zuckeraktien setzten ihre Aufwärtsbewegung fort. Lebhafte Umsätze erzielten M o - torenwerte auf Meldungen von Zu- sammenschluhbestrebungen in der deutschen Automvbilindustrie. Kleher Plus 2.5 Proz., Saunier plus 8 Proz., Neckarsulmer plus 1 Proz., Auch Maschinenaktien waren günstig veranlagt und strebten weiter nach oben. Der Kassamarkt der Industriepapiere verkehrte ruhig in fester Grundstimmung. Für deutsche Anleihen war die Llmsatztätig- keit recht rege. Kriegsanleihe stiegen auf 0,300 Am Auslandsrentenmarkt war die Stimmung unverändert. Ser Freiverkehr lag ruhig. Api 0,4, Beckerstahl 48 Proz., Deckerkohle 53 Proz., Benz 33 Proz.. Brown-Boveri 63 Proz., Entreprise 9. Krügershall 88 Proz., Ufa 64.5 Proz. Der weitere Verlauf blieb unsicher und schwankend. An den oben erwähnten Hauptmärkten setzten sich die Rückgänge fort, während im übrigen die Kursgestaltung uneinheitlich blieb. Am Geldmarkt hat sich das Angebot wieder verstärkt. Tägliches Geld war schon zu 7 Proz. angeboten. Monatsgeld V/2 bis 91/» Proz. je nach Adresse. Bankdiskonten 6Vs Proz. Industrie-Akzepte 71/2 Proz. Im Devi - sen verkehr liegt London mit 4,86', 2 gegen Kabel sehr fest. Paris notierte gegen London ziemlich unverändert 129,75. Die übrigen Valuten sind unverändert.
Devisenmarkt Berlin—Frankfurt a. M.
Telearaphische Auszahlung.
dem vor einigen Monaten herausgegebenen „Wegweiser und Hotelsübrer durch das Badnec- land" erweitert der Badische VerkehrS- verband in Karlsruhe jetzt die Zahl feiner Werbestücke uni eine neue ivertoollc Bereicherung aut dem Gebiete der Verkehrspropaganda für das badische Land Es ift dies her Badische Kalender für das Iahr 1926. her anläßlich seines zehnten Erscheinens als Jubiläums-Ausgabe eine besonders künstlerische Aufmachung erfahren hat. Sowohl die Sommerlustkurorte, wie die Wintersportgebiete und die größeren Städte Badens sind in dem Kalender zahlreich vertreten und geben dem Fremden ein übersichtliches Bild von den Naturschönheiten des Badnerlandes. Ser Kalender ist durch die Buchhandlungen, sowie die Reise- unb Verkehrsbureaus oder direkt durch den Badischen Verkehrsverband in Karlsruhe zu beziehen.
811
„Ser Alpensreund", i(L Halbmonatsschrift für Reise und Turistit. Alpensreund-Derlag A.-G.. München. Einzelheit 80 Pf., im Quartal 4 Mark. In bunter Fülle vereinigt das zweite Januarheft Aufsätze über alpine Bergfahrten und Skitouren über den Wintersport im Mittelgebirge und über Erlebnisse im fremden Dergland.
— Unter der Ueberschriit „Die deutsche Studentenschaft nach dem Weltkrieg" veröffentlicht Professor Dr. Ssymank (Göttingen) im Januarheft 1926 von Belhagen & Klasings Monatsheften eine sehr beachtenswerte Studie, bc achtenswert nicht nur für akademische Kreise, son dern auch für die weiteste Volksgemeinschaft. Unter Anführung von Daten und offensichtlich gestützt auf authentisches Material gibt Verfasser mit sichtlich hervortretender Objektivität eine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des studentischen Vereins- und Verbindungswesens, sowie der dabei im Lauf der Zeiten bemerkbaren Strömungen und Gegenströmungen, aus denen bann schließlich in den letztvergangenen drei Jahren sich die große Korporation der Deutschen Studentenschaft entwickelt: die Manifestation des großen Gedenkens: Einordnung aller in das große Ganze, mit einem fest umschriebenen Ziel auf ethischer Linie. — Auch im übrigen enthält das Januarheft, gleich seinen Vorgängern, in gewohnter Reichhaltigkeit Beiträge aus den Gebieten von Wissenschaft und Kunst, so wie zahlreiche Kunstbeilagen und Abbildungen. Auf die reizend geschriebene Novellenreihe: „Unter südlichen Sonnen und Menschen" von Heinrich Fede rer darf besonders hingewiesen werden; in graziöser Formung und ausgewählt edelster Symbolisierung ist dabei tiefe Lebensweisheit eingefkibet.
— Bibliothek der Unterhaltung unddesWifsens. (Union Deutsche Verlags- gesellschast, Stuttgart.) — Vor uns liegen die Bände 1 bis 9 des Jahrganges 1925 dieser schon von früher her bestens bekannten Bibliothek. Sen Jahrgang 1925, den 49. der Bibliothek, hat der Verlag erfreulicherweise im äußeren Gewand mit der Wiedereinführung der geschmackvollen und dauerhaften roten Ganzleinen-Einbände ausgezeichnet. Aber auch inhaltlich find die Werke ganz wesentlich bereichert worden. Wer die Bändchen der früheren Jahrgänge vergleicht mit dem, was sie an Unterhaltungs- und Belehrunys- stoff mannigfachster Art jetzt bieten, der wird mit seiner vollen Anerkennung nicht zurückhalten. Neben aualitativ hochstehenden Romanen finden wir hübsche Novellen und ernste und heitere Erzählungen, sämtlich von Schriftstellern, deren Namen guten Klang haben: außerdem bieten die Bände aus allen Gebieten des Wissens, der schöngeistigen Unterhaltung, des Zeitgeschehens, der vielfachen Forschungen und Erfindungen des Menschengeistes lehrreiche Beiträge in allgemeinverständlicher Schreibweise, fast durchweg sind den Aufsätzen gute und anschauliche Bilddrucke beigefügt; ferner wird den Anforderungen der geselligen Unterhaltung, dem Sport und der Gesundheitspflege in gediegener Weise durch vielseitige Abhandlungen Rechnung getragen; endlich wird der Hausfrau durch wertvolle Winke für ihr Hauswirtschaftsgebiet noch besonders Wertvolles geboten. Auf Einzelheiten dieser Bücherei hier einzugehen, ist im Hinblick auf den knappen Raum nicht möglich. Als Gesamturteil kann aber festgestellt werden, daß die „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens" auch mit diesem Jahrgang 1925 wieder Hervorragendes für die deutsche Volksbildung und die Veredelung des literarischen Geschmacks geleistet hat. Das in feinem ganzen Inhalt, wie auch dem Gewand nach gleich ausgezeichnete Werk sollte in feiner Famitte fehlen, denn es bringt allen Ständen und allen Geschmacksrichtungen eine sorgfältig ausgewählte, gute geistige Kost. Der Preis von nur 1.30 Mk. je Band — allmonatlich erscheint eine Ausgabe — ist im Vergleich zur Güte des Werkes so niedrig bemessen, daß man auch nach dieser Richtung hin nur seine Anerkennung aussprechen kann, und dabei wünschen muh, baft diesen Bänden der breiteste Weg in unser Volk beschieden fein möge.
— Lehrbuch der deutschen E i n.- heitskurzschrift. Von Oberstudiendirektor Dr. A Mentz. 35 Seiten. Preis geh. 90 Pf. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig 655
— Ser Kun st Pfeifer von St. Katharinen. Roman aus dem 16. Jahrhundert von B. Jherott-Buchholy. 4. Auslage, Preis Ganzleinen 4.80 Mk., Halbleder 5,40 Mk. Verlag I. Wiesike, Brandenburg (Havel). 35
— Adolf May, In hoc signo vinces. In diesem Zeichen wirst bu siegen. Geschichtlicher Roman aus Brandenburgs Wendenzeit. Preis geb. Halbleinen 4,80 Mk., Halbleder 5,40 Mf. Verlag I. Wiesike, Brandenburg (Havel). 36
Berlin, 1. Febr
Amerikanische Noie« .. . .. Belgische Noten . . Dänische Noten ....... Englische Noten ...... Französische Noten ..... Holländische Noten ..... Italienische Noten......
Norwegische Noten Deutsch-Oesterr., ä JOO Kronen Rumänische Noten ...... Schwedische Noten Schweizer Noten Spanische Noten ...... Tschechoslowakische Noten > . Ungarische Noten ......
Frankfurter
1 Febr.
2. Febr.
Amtliche Notierung
Amtliche Notierung
Geld
Brief
Geld
Brief
Amft.-Roll-
168.56
169,98
168.21
1Ü8.6Ü
Buen.-ÄireS
1,736
1,740
1,733
1,7.37
Brss.-Antw.
1!) 07
19,11
19,075
19.115
Cbristiania.
85,39
85,61
85,39
85.61
Kopenhagen
103,87
104,13
103,57
103,83
Stockholm .
112,29
112,57
112.31
112,59
Helstngfors
10.547
10,584
10,547
10,587
Italien. . .
16,82
16,86
16,815
16,855
London. .
'0,407
20,459
20,41'9
20,461
Neuhork . .
4,195
4,205
4,195
4,2)5
Paris. . .
Schweiz . .
15,46
15,10
15,74
15,71
80 91
81,11
80,81
81,01
Spanien. .
59,23
59,37
59,23
1,88-1
69,37
Japan . . .
1,886
1,890
1,888
Rio de Jan.
0.626
1.621
0.620
0,622
Wien in D.- Oest. abgest.
59,07
59,21
59,07
12,412
69,21
Prag ....
Belgrad ..
12.412
12,452
12,452
7,41
7,43
7,38
7,40
Budapest. . Bulgarien .
5,873
2,885
5,893
2,895
5,87
2,945
5.96
2,955
Lissabon
.1 225
21,275
21.22.5
21,275
Danzig. . . Konstantin.
80 92
81.12
80.92
81,12
2,211
2,221
2,215
2,225
Athen. . •
5.89
5.91
5.89
5.91
Canada. . .
4.188
4,198
4.188
4.198
Uruguah
4.312
4.3'5
4.315
4,325
1 — I
^=Rdhma ■ buüergleicki
I MARQARINE 1
Sein oder Nichtsein.
Ein Kriminalroman von der wasscrkanle.
Von Moritz Schäfer.
10. Fortsetzung. ■ Nachdruck verboten.
„Hinriks — Sie sind sein Gegner. Aber schmähen lass' ich meinen Wohltäter nicht."
„Wer im Dunkel bleiben will, dem soll man keine Laterne anstecken."
„Jedenfalls habe ich von Ihrer Seite eine Erleuchtung nicht nötig."
„Hm. Dankei — Nur noch eins, dann geh' ich: Wieviel sind Sie Herrn Mühlfeld noch schuldig?"
„Ich wüßte nicht, warum Sie das interessieren könnte."
„Ich bin leider nun mal so bannig neugierig."
„Ach, lassen Sie mich zufrieden!"
„Sobald Sie mir die Summe genannt haben."
Lorenzen muhte wider Willen lachen. Halb gereizt, halb belustigt, sagte er: „Quälgeist! Damit Sie endlich Nutze haben — ich schulde Mühlfeld noch 150 Millionen."
„So. Danke. Morgen, Herr Lorenzen. Ich geh' jetzt noch einen Sprung zu Andrea."
„Aber dah Sie ihr keine Motten in den Kopf setzen, Kapitän!"
„Ohne Sorge. Ich meng' mich nicht in eure Prioatgeschichten." Und draußen war er. Gleich dar- auf aber steckte er nochmals den Kopf zur Tür herein. „Apropos, da fällt mir eben ein, Margot wollte am Nachmittag zu mir kommen. Das geht nun nicht. Sagen Eie dem Mädel, ich fei heut verhindert."
„Schön. Ich werd's ausrichten.
„Soll morgen kommen, die Kleine. Ich muh nachmittags zum Rennen."
„Sie — zum Rennen —?"
„Ja, nun schlagen Sie mal lang hin, mein guter Lorenzen! Dah Onkel Otto zum Pferderennen geht, will Ihnen nicht in den Kopf hinein, was?"
„Aufrichtig gestanden, nein. Liegt denn etwas Besonderes vor?"
„Das soll wohl so sein!" Er kicherte behaglich und warf die Tür ins Schloß.
IX.
Die Rennen waren in vollem Gang. Eben war das Feld zum Iagdhürdenrennen in die letzte Runde gelangt, und am großen Wassergraben gab's einen Zwischenfall. Nicht weniger als drei Pferde refüsierten das Hindernis; eines brach aus, ein zweites ging unter den krampfhaften Anstrengungen des Jockeys endlich doch hinüber, sprang aber zu kurz und brach die rechte Hinterhand, so daß es auf dem Platze erschossen werden mußte. Das dritte, ein Fuchs, der als erklärter Favorit galt, stand wie eine Mauer und war weder durch Peitsche noch Sporen zur Einsicht zu bringen. Drei andere Gäule, die weit im Hintertreffen lagen, konterten in aller Gemütsruhe auf, gingen widerwillig an den Graben heran, nahmen das Hindernis aber schließlich doch, und zum Ende ging ein Outsider unter dem Jockeylehrling Smith durchs Ziel.
Geschrei und Gejohle des Publikums erfüllte Tribünen und Sattelplatz. „Miserabler Sport," sagte ein schlankgewachsener Herr von etwa dreißig Jahren, der über dem blauen Anzug einen modernen Covercoat trug, zu seinem Begleiter, einem mittelgroßen, mit rundlichem Bäuchlein begabten Fünfziger; „ich glaube, wir schenken uns den Rest, Papa."
„Ganz meine Meinung," antwortete der Dicke; „auch ich hab' von dem Affentheater genug."
„Einen Augenblick noch, meine Herren!" rief eine Stimme, und sich nmblickend, schauten Vater und Sohn in ein freundliches, runzliges Gesicht, das ein graumelierter Schifferbart umrahmte.
„Kapitän Hinriks!"
„Wahrhaftig, Onkel Otto!"
„Nu fchlägt's aber dreizehn!"
„Wie in aller Welt kommen Sie denn hierher, Kapitän?"
Der alte Herr wurde von den beiden Angeredeten mit ebenso großer Ueberraschung wie Freude be- grüßt. Er hatte sich fein herousstasfiert, freilich nicht im Stil des Turfs, denn für solche Gelegenheiten war seine Garderobe nicht komplettiert. Aber bei einer wassersportlichen Veranstaltung hätte Onkel Otto zweifellos eine gute Figur gemacht. Er trug Helle Flanellhofen, weiße Handschuhe, ein zweireihiges marineblaues Jackett und die Mütze mit den Abzeichen des mecklenburgischen Jachtklubs. Am Ledergurt hing ihm ein Zeißglas über die Schulter.
„Wie ich hierherkommen, meine Herren? Na, das ist sehr einfach. Sie beide hab' ich gesucht, denn ich hab' dringend mit Ihnen zu reden. Und da ich wußte, daß ich Sie heut ganz sicher nicht auf dem Kontor, sondern beim Nennen treffen würde —"
„Richtig kalkuliert!" lachte der Jüngere und schob vertraulich seinen Arm unter den des Kapitäns. „Wir versäumen kein Rostocker Rennen. Einmal aus Lokalpatriotismus, und dann sitzt einem nun einmal der Pferdeverstand in den Knochen."
„In den Knochen pflegt der Verstand freilich nicht zu sitzen," meinte gutmütig lächelnd der ältere Herr, „aber in der Sache hat Herbert recht. Er als aller Kavallerist und ich als Importeur ostpreußischen Vollbluts — wir müssen alleweil dabei fein. Von Hoppegarten bis Baden-Baden ist keine Etappe vor uns sicher."
„Ich", sagte Hinriks, „halt's freilich mit dem Schah 'Jlafr Eddin von Persien. Der meinte, daß ein Pferd schneller laufen könne als das andere, wisse er im voraus. Welches Pferd dies fei, wäre ihm ganz egal."
„Auch eine Anschauung", lachte der Jüngere.
„Indessen, meine Heren," fuhr Hinriks fort, „ich hab' Sie gefunden, und das ist schließlich die Hauptsache.
Inzwischen war ein neues Pferd zum Start angetreten, darunter die irische Stute „Marly". Man sah Mühlfeld aufgeregt zum Totalisator eilen.
„Warten wir das Handicap noch ab, Junge?" fragte der ältere Herr.
„Wenn's dir recht ist, Papa, verzichten wir auf das Vergnügen. Es laufen Gerüchte um, als fei da eine Schiebung im Gange. Ich weiß natürlich nicht, was daran ist, aber schon die Möglichkeit, daß wir geblufft werden können, verleidet mir das Renen."
„Also finish! Sie wollen uns sprechen, Kapitän. Dürfen wir Sie im Auto mit nach Hause nehmen? Oder besprechen wir das, was Sie auf dem Herzen haben, in einer Weinstube? Sie haben nur zu befehlen. Wir stehen ganz zur Verfügung."
„Sehr verbunden, meine Herren. Ich würde vorziehen, Sie ohne Zeugen in Ihren Geschäftsräumen zu sprechen."
„Schön. Machen mir."
Nach zwanzig Minuten hielt der Fiatwagen vor einem eleganten Neubau in der Lloydstrahe, an
dem ein Firmenschild mit dem Namen: „Bernhard' Rocknagel & Sohn" zu lesen war. Große Stallungen schlossen sich an das Hauptgebäude an.
Das Haus Nocknagel & Sohn betrieb ein weit- und breit renommiertes Pferde-Jn- und Exportgeschäft. Die Firma, durch Neellikät und Kulanz vorteilhaft bekannt, gehörte zu den führenden im Lande und versorgte zahlreiche Rittergüter in Mecklenburg und Vorpommern mit ihren berühmten Kaltblutschlägen. Aber auch in anderen Teilen des Reiches, ja selbst im Auslande, besonders in Stan» binaoien, hatet der Name Rocknagel & Sohn einen guten Klang. Dem Kapitän Hinriks war das Haus zu großem Dank verpflichtet, hatte er doch ihre großen nordischen Transporte längere Zeit mit Umsicht und Geschick als nautischer Führer geleitet. Einmal hatte Onkel Otto sogar ein Bravourstück vollbracht, das die Firma vor ganz enormem Schaden bewahrte.
Es war nach dem Friedensschluß. Rocknagel & Sohn hatten einen Transport russischer Kosaken- pferde angekauft, die von Reval aus geschifft werden sollten. Der Ankauf war mit Erlaubnis der deutschen Behörden getätigt, die Versicherung aber, der ungeheuren Kosten wegen, nur zu einem Drittel des reellen Wertes ausgenommen worden. Kapitän Hinriks führte den von der Firma Recknagel gecharterten Küstendampfer als Kapitän; aber mitten während einer Sturmfahrt in den finnischen Schären meuterte die Mannschaft und ermordete den Lotsen. Da zwang Hinriks mit einer Handvoll Getreuer die Meuterer mit der Pistole in der Hand zum Gehorsam. Die bolschewistisch durchsetzte, aus Russen, Finnen und deutschen Desperados bunt zusammengewürfelte Mannschaft hatte geplant, den Transport nach Sweaborg zu leiten und die Pferde mit Hilfe der ihnen fraternisierenden Besatzung zu oer« kaufen. Hinriks aber, der das Schicksal des Lotsen teilen sollte, und auf den sich schon Dolche zückten und Schußwaffen in Anschlag waren, der alte gutmütige Hinriks wurde in der Gefahr zum Löwen. Furchtlos, heldenmütig, das faltenreiche Gesicht zu Stein erstarrt, gab er feine Befehle, ging er voran gegen die Bestien, die in blinder Berserkerwut alles zu zertrümmern drohten, bis sie nach kurzem Kampf cinsahen, daß sie den kürzeren zogen.
(Fortfetzung folgt.)
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