nr. 165 Erstes Blatt 182. Jahrgang Samstag, 16. Juli 1952 Erj chemt täglich, außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild • Die Scholle Monats-Bezugspreis: Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte , I 80 Zustellgebühr .. , -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Zernsprechanschlüsse unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnach« richtens Anzeiger Siehen. Postscheckkonto: Frankfurt am Main 11686. GiehenerAnzeiger General-Anzeiger für Oberhessen Druck und Verlag: vrühl'sche Univer^lüls-Buch- und rieindruckerei rr. Lange in Sieben. Schnftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraste 7. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für No- Klarneanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20", mehr. Chefredakteur: Dr. Frredr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen. Kritik an Lausanne. Außenpolitische Umschau. Don Or. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin. Unsere Annahme, daß Lausanne keine Entscheidung bringen würde, ist durch den Lausanner Pakt vom 9. Juli nicht widerlegt. Denn das Programm, auf das Deutschland eingestellt war, i st nicht durchgesetzt worden. Vielmehr hat Frankreich jein Programm durchgesetzt: unbedingte Ablehnung jeder politischen Bedingung, Restzahlung, das auf bestimmte Zeit befristete Moratorium (die drei Jahre ist wirklich die geringste Zahl, die überhaupt möglich war). Und Frankreichs Forderung, daß an der Rechtsgrundlage des Youngplanes nichts geändert werde. Man lese Artikel 1, Absatz 2 im sog. Annex 2, den „lieber- gangsbestimmungen, betreffend Deutschland": „Die Verlängerung (der Aussetzung der deutschen Zahlungen gemäß Fünf-Mächte-Erkläruna vom 16. Juni) endet, wenn das in Lausanne mit Deutschland beschlossene Abkommen in Kraft tritt, oder wenn irgendeine der sechs Regierungen von Deutschland, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan den beteiligten Mächten förmlich anzeigt, daß sie beschlossen habe, nicht z u ratifiziere n." Das heißt: Tritt das Lausanner Abkommen nicht in Kraft, weil eine Macht nicht ratifiziert (alle sechs ausnahmslos müssen ratifiziert haben), so endet das Deutschland gewährte Moratorium, und rechtlich ist Grundlage jeder weiteren Verhandlung dann — das Abkommen vom Haag, der Poungplan! Man sieht: der Kreis ist wieder geschlossen. Verschwunden ist zunächst lediglich der Name: Reparation. Denn zu zahlen hat ja Deutschland weiter. Zunächst, trotz des Moratoriums, rund 0,25 Milliarde jährlich am Dienst der Dawes- und Hounganleihe, nach dem deutsch-belgischen Markabkommen, Zahlungen an Amerika, Verzinsung usw. der neuen Schuldverschreibungen, die Deutschland über 3 Milliarden ausstellen muß, übrigens zu einem Zinssätze, der erheblich über dem Zinssatz für die interalliierten Schulden an Amerika liegt. Und dann der „Beitrag zum Wiederaufbau von Europa von drei Milliarden deutscher Anleihe zu vermitteln durch die BIZ. Warum dieser Ausdruck, der doch wirklich nicht die Sache trifft Ein Beitrag zum Wiederaufbau von Europa, aufdessenVerwendung Deutschland nicht den gering ft en Einfluß hat, unb wenn das ein freiwilliger Beitrag zum europäischen Wiederaufbau fein fall, den das darnieder- liegende Deutschland leistet, wo sind die Leistungen, die Verpflichtungen, auch nur die Zusagen der a n d e r e n für den gleichen Zweck, die diesem neuen Namen der deutschen Zahlung erst einen Sinn geben würden? Nirgends ein Wort davon?! Diese Frage des „fonds commun“ bleibt völlig offen, die anderen haben die Hände ganz frei. Auch nur eine Andeutung, daß nun etwa französischesGold sich in Bewegung setzen würde zum kapitalistischen Wiederaufbau Europas fehlt völlig. Wir begreifen nicht, daß die deutsche Vertretung ausdrücklich auf eine Einflußnahme Deutschlands auf die Verwendung eines solchen Beitrages für Europas Aufbau verzichtet hat. Soll das wirklich ein solcher Betrag sein, so tfr es doch grotesk, daß ausgerechnet und nur das arme verschuldete Deutschland sich verpflichtet, das für den Gesarntzweck mit Geld doch nur verschwindend beitragen könnte und die anderen nichts tun. Kann man dann die Auffassung bestreiten, daß es sich tatsächlich um „getarnte Tribute handelt? Wir übergeben doch jetzt schon wiederum Schuldverschreibungen! Ist eine entscheidende Aenderung der Lage herbeigeführt? Soll so der Druck, der auf der europäischen Wirtschaft liegt, gemindert, das Vertrauen wiederhergestellt werden? Jedermann würde das wünschen, aber man kann es einfach nicht behaupten. Die Form, in die das Abkommen gegossen ist, entspricht nicht dem wirklichen Inhalt, dem Sinn des Abkommens selbst. Dazu schließlich die Ratifikation. Ist diese gesichert? Wohl in England und Japan, weniger schon in Italien, das seine Schulden an Gnglanb bedenkt, weniger in Belgien, weniger in Deutschland, in dem heute noch keine Mehrheit im Reichstag für die Ratifikation zu erblicken ist, und weniger m Frankreich. Jene Möglichkeit, die Aussetzung deutscher Zahlung enden zu lassen, wenn eine Regierung nicht ratifiziert, hat natürlich im Auge das Verhältnis z u Amerika. Schwerlich wird das Abkommen glatt alle Ratifikationen passieren, ehe nicht eine Verständigung mit Amerika über dessen Forderungen erzielt ist. Herriok hat das beim Empfang am Bahnhof in Paris ausdrücklich ausgesprochen. Mit diesem Absatz 2, Artikel 1 ist indirekt der Zusammenhang des europäischen mit dem Weltschulenproblem im ganzen berge ft eilt. Warum sagt man uns, Deutschland habe mit Erfolg diese Verbindung deutscher Reparationen mit interalliierten Schulden abgelehnt? Selbstverständlich bleibt diese bestehen, und wenn wir tausendmal uns etwas darauf einbilden, förmlich in diese Verbindung nicht eingeschaltet zu sein. So bleibt also, daß Deutschland tatsächlich z u - nä ch st nichts bezahlt, aber in drei Jahren wieder Zahlungen aufnimmt, und es bleibt die Unsicherheit im ganzen; uns sind die Hände gebunden, unsere Gläubiger aber haben die Hände frei und den Rückzug auf den Young- plan. Bleibt allerdings auch der Verweis auf die Weltwirtschaftskonferenz. Aber daran zu glauben vermögen wir erst, wenn deren Erfolge vorliegen. Uns macht diese Gesamtkritik wahrhaftig keine Freude. Gern würden wir alledem zustimmen, was man uns als Ergebnisse und Vorteile des Lausanner Paktes rühmt. Aber es bleibt dabei: frei von der Heute innerpolitischer Kurswechsel? Weitgehende Vollmachten des Veichskabineits als Ergebnis von Reudrck? Berlin, 16. Juli. (ERB. Funkspruch.) Das Reichskabinelt ist heule 11 Uhr zu einer Sitzung zufammengelrelen, nachdem auch Reichskanzler v. P a p e n heule früh aus Reudeck in Berlin wieder eingetroffen ist. Gegenstand der Beratungen sind vorwiegend innerpolitische Fragen, wie sie in bezug auf die Rundfunkorganifa- t i o n , den Freiwilligen Arbeitsdienst usw. in den letzten Tagen ventiliert wurden. Die für die weitere Entwicklung der innerpolitischen Verhältnisse außerordentlich bedeutungsvollen Unterhaltungen zwischen dem Reichs- Präsidenten von Hindenburg einerseits und dem Kanzler und seinem Innenminister anderseits sind abgeschlossen. Herr von Gayl hat sogar vorzeitig Reudeck verlassen und sich auf dem kürzesten Wege nach Berlin zurückbegeben. Er hat. was durchaus verständlich ist, nach seiner Ankunft einen recht dichten Schleier über das Reudecker Ergebnis und über seine Persönlichen Absichten und Pläne gezogen. Er hat allerdings nicht verhindern können, daß sich sehr rasch das Gerücht von einer Einigung zwischen Hindenburg und der Regierung verbreitete, wonach ein Kurswechsel unmittelbarvor derTür stehe und der Präsident der Regierung weitgehende Vollmachten erteilt habe, um die Maßnahmen zu ergreifen, die sie für die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung als unbedingt notwendig erachtet. Wir glauben, Grund zu der Annahme zu haben, daß diese Gerüchte im wesentlichen den Tatsachen entsprechen und daß die Reichsregierung jetzt gut gc- rüstet da steht. Die Befugnisse, die der Präsident im Rahmen der Verfassung der Reichsregierung jetzt erteilt hat, sind ziemlich allgemein gehalten. Soweit wir unterrichtet sind, hat sich Hindenburg auf die E i n s e h u n g einesReichsko m m i f- sarsinPreußennichtfestgelegt. Er hat es der Regierung überlassen, im geeigneten Augenblick geeignete Mittel zur Anwendung zu bringen, wobei er aber, wie es scheint, einschränkend hinzugefügt hat, daß nur dort von Reichs wegen durchgegrifsen werden soll, wo tatsächlich Unruheherde vorhanden sind. Sehen wir die Zwischenfälle der letzten Wochen an, dann ergibt sich, daß Süddeutschland von Unruhen ziemlich f r e i g e b l i e b e n ist, so daß die Reichsregierung sich wohl im wesentlichen mit den Verhältnissen nördlich des Mains wird beschäftigen müssen. Ausdehnung der Osthilfe auf Ost-Vayern. Berlin, 16.3uli. (IBIB. Funkspruch.) Das Reichskabinell hat in der heutigen Sitzung beschlossen, dem Herrn Reichspräsidenten eine Der- ordnung über die A u s d e h n u n g d e r O st h i l f e- maßnahmen auf die öst 1 ichen Gebiete Bayerns in Vorschlag zu bringen. GoeringfordertRotwehrrecht. Berlin, 15. Iuli. ($11.) In einer Sportpalastkundgebung der Rationalsozialisten am Freitagabend übte der Reichstagsabgeordnete Goering scharfe Kritik an der außen- und innenpolitischen Haltung des Kabinetts Papen. „Das Mordgesin- dcl", so erklärte Goering, „rechne noch mit der Disziplin der Rationalsozialisten. Es weiß auch, daß ein Befehl existiert, daß kein SA. - Mann eine Waffe führen dürfe. Ich sage euch: Jetzt i st Schluß !" (Langanhaltendcr stürmischer Beifall.) Wenn in den nächsten Tagen der Führer aus Ostpreußen zurückkehrt, dann werde ich ihn mit anderen Führern der Partei bitten — ich weiß, daß er die Ditte erfüllt —, daß dieser Befehl zurückgenommen wird. (Erneuter stürmischer Beifall.) Dreimal 24 Stunden das Rolwehrrecht hergestellt, den Braunhemden Freiheit gegeben, und das feige Gesindel verkriecht sich in das letzte Loch. In dreimal 24 Stunden wird die Straße wieder frei sein und es werden gesicherte Verhältnisse herrschen. Wir wollen die Macht nicht u m der Macht willen, sondern wir erbitten sie, damit wir Deutschland retten können." Minister Hirtsiefer über die preußische Politik. Köln, 16. Juli. (TU.) Gestern abend sprach in Köln der preußische Wohlfahrtsminister Hirtfie - f e r. Er verteidigte die Politik Brünings, besonders die Siedlungspolitik. Dabei sprach er sich gegen eine Autarkie aus. Sodann umriß Hirtsiefer die preußische Politik der letzten Zeit. Das Verhalten der Nationalsozialisten im Landtag sei ohne Beispiel gewesen. Dagegen seien die Kommunisten „zart besaitete Pensionatsinsassen" gewesen. Unter gar keinen Umständen käme für das Zentrum eine Koalition mit den Rationalsozialisten in Frage. Das Zentrum werde seinen geraden Weg gehen. Es lasse sich nicht bange machen. Die Einsetzung eines Reich skommissars für Preußen werde die preußische Regierung niemals zulassen, zumal die beiden Voraussetzungen hierfür n'cht vor- lägen. Preußen habe sich gegenüber der Reichs- regierung absolut loyal verhalten. Man werde das auch in Zukunft tun. Die finanziellen Verhältnisse seien bereinigt worden. Was die Ruhe und Ordnung im Lande anbeträfe, fo verwies Hirtsiefer darauf, daß Preußen ernste Vorstellungen bei der Reichsregierung gegen die Aufhebung des Uniform- Verbots erhoben habe. Wenn die Reichsregierung trotzdem geglaubt habe, diesen dringenden Vor- stellungen der Länder gegenüber die Aushebung der beiden Verbote durchzuführen, dann muffe das Re^ch auch für die Folgen die Verantwortung tragen. Dex Zeitpunkt fei längst gekommen, wo sich die bei Aushebung des Verbots vom Reichspräsidenten aus- gesprochene Erwartung nicht erfüllt hätte. Es gelte vor allen Dingen, in unruhigen Zeiten die Autorität des Staates zu stärken und nicht, wie es anscheinend geschehe, zu schwächen. Wenn in Preußen immer von einem geschäftsführen- den Kabinett geredet werde, was fei denn das Reichs- kabinett anders, auf welche parlamentarische Mehrheit könne es sich denn stützen? Aus Urlaub zurückgerufen. Berlin, 16. Juli. (ERB. Funkspruch.) Der preußische M i n i st e r des Innern hat, wie wir erfahren, sämtliche politischen Beamten, die sich auf Urlaub befinden, telegraphisch zurückgerufen. Dir RimdsmiWne der Mchsregiemng. Von unserem Berliner Vertreter. Unter dem Vorsitz des nach Berlin zurückgekehrten Reichsinnenministers v. Gayl begann gestern im Reichsinnenministerium die schon seit längerer Zeit geplante Konferenz mit den Rundfunkreferenten der deutschen Länder über die Neuorganisation des deutschen Rundfunkwesens. Die Vorbehalte, die von den süddeutschen Ländern gegen den Kurs der Reichsregierung vorgebracht werden, sind auch in der Rundfunkkonferenz zum Ausdruck gebracht worden, lieber diese Vorbehalte äußerte sich das „Deutsche Volksblatt", das Organ des württem- bergischen Staatspräsidenten, dahingehend, daß man in den süddeutschen Ländern schwere Sorge trage, die Reichsregierung wolle ihre zentralistischen und diktatorischen Absichten durch eine generell vorn Reich vorgeschriebene Rundfunk- Politik unterbauen. Demgegenüber ist festzustel- len, daß der Reserentententwurf des Reichsinnen- minifteriurns, der den deutschen Ländern zugeleitet worden ist, lediglich den unhaltbaren Zuständen im Rundsunkwesen ein Ende bereiten soll. Das Programm der verschiedenen deutschen Sendegesellschaften hat bekanntlich in den letzten Monaten eine immer zunehmende Kritik gefunden. Aber nicht die örtlichen Sendegesellschaften und noch weniger die oberste Dachorganisation, die Reichsrundfunkgesellschaft, trugen die Schuld an dem teilweisen Wirrwarr, der auf politischem und kulturellem Gebiete sich ausgebreitet hatte, sondern die jeweils im Sinne der gerade herrschenden Regierungskoalition parteipolitisch zusammengesetzten Ueberwachungsausschüsse der Län- der, besonders Preußens, die häufig eine höchst ein- feitige Einflußnahme auf die Zusammensetzung der Programme der Sender ausübten. Der Referentenentwurf des Reichsinnenministeriums sieht nun vor, daß die seither vom Reichspostministerium geleitete Verwaltung des Rundfunkwesens gebrochen und das Reichsinnenminifterium maßgebend mit eingeschaltet wird. Das Reichsinnenministerium plant, künftighin sowohl bei der Reichsrundfunkgesellschast als auch bei den regionalen Gesellschaften, Regie- r u n g 5 t o m m i H a r e einzusetzen, die neben dietechnischen Kommissare des Reichspost- minifteriums zu treten haben, um im Sinne der überparteilichen Staatspolitik der Reichsregierung die Programmgestaltung verantwortlich zu beeinflussen. Diese organisatorische und programmtech- nische Neuregelung soll dadurch ihre Festigung er» fahren, daß an Stelle der bisherigen Senbegesell- schäften, die vorwiegend privaten Charakter trugen, die Mehrheit d e r Befifcan teile der neu zu gründenden Gesellschaften in Reichsdesitz überführt werden. In Bayern haben diese Pläne des Reichs- innenminifteriums noch mehr als in Württemberg die Befürchtung hervorgerufen, das Reich befolge hier antiföderaliftifche Zentralifa - tionsbeftrebungen, die den Ländern das Reparationslast find wir nicht, wenn man den Namen dafür nur ändert. Und dieses Ergebnis wäre in kürzerer Zeit zu erreichen gewesen. Wir sehen von der Einzelkritik an der schwankenden und widerspruchsvollen Hal - tuno d e s Reichskanzlers in Lausanne ab. Die Hauptsache ist, wie es nun eben steht, daß wir die außenpolitische Freiheit nicht gewonnen haben, von der Papens Rede an das deutsche Volk fprad)' daß trotzdem die Unsicherheit aus dieser Frage weitergeht, und daß wir in der Lausanner Regelung keinen ernsthaften, von den anderen ernsthaft gewollten Versuch sehen können, auf dem Boden der Gleichberechtigung in gemeinsamer weitkapitalistischer Arbeit über die Krise hinwegzuhelfen. Wenn mir das heute glauben sollen, hätte im Lausanner Pakte etwas von Zusagen ber a nde- ren zu entsprechenden Leistungen stehen muffen. Unb wie benft man sich nun weiter ben Kampf um die Abwertung der deutschen privaten Auslands chulden? Wie den Kampf um die wirkliche Beseitigung des Artikels 231? Glaubt der Reichskanzler, mit dieser Regelung nun wirklich um die heraufziehenden Entscheidungen Deutschlands in der Frage der Devisen und der Auslandzahlungen herumkommen zu können? Und glaubt er daß diese Lösung in einem Verhältnis steht zu den ßeiftunaen unb Lasten des deutschen Volkes, die man diesem auferlegt hat für bas Ziel der außenpolitischen Be- Fü^Ma cdonald ist Lausanne ein großer Erfolg England hat die Vermittlung durchgeführt (wo bleibt seine Bereitwilligkeit zur völligen Streichung der Reparationen, auf die man in Deutschland so sehr setzte?) und das gibt wiederum Auftrieb für die Maßnahmen zur Konvertierung der englischen Kriegsanleihe, Zwei Milliarden Pfund Kriegsanleihe zu 5 v. H. werden auf die Verzinsung von 3,5 v.H. heruntergebracht, weit über das hinaus, was Börse und Publikum erwarteten, eine Maßnahme allergrößten Stils, die nicht weniger als drei Millionen Besitzer der Anleihe trifft. Die Zinserfparnis beträgt 30 Millionen Pfund jährlich. Die Durchführung war technisch ebenso vorzüglich, wie die Operation großartig ist, und der Appell an den Patriotismus verwendet die letzten Register in einem Kampf aufs äußerste, um Englands Finanzposition zu erhalten. Eine Vorbereitung zu Amerikas letzter Entscheidung, von der so viel ab hängt, ist wenigstens zu Ende: die beiden Parteien haben ihre Kandidaten aufgestellt; Hoover und Franklin Roosevelt ringen im November miteinander. Ebenso sind die Parteiplattformen fertig: im Innern ist am wichtigsten die entschlossene Wendung der Demokraten für Aufhebung des Alkoholverbots. Zugleich gehen sie in den Kampf mit dem Programm gegen b i e Kriegsschuldenstreichung, wie man überhaupt in ihrer Plattform ein Bekenntnis zur Ber- bunbenheit mit ber Welt vermißt, das die republikanische Plattform hatte. So wird der Wahlkampf in dieser, Europa ungemein interessierenden Frage abermals wie 1928 keine Klarheit der Linie bringen. Und Europa soll abermals warten unb warten, bis einmal Klarheit unb Entschluß kommt, im nächsten Frühjahr ober noch später?! Ich nahm soeben teil am Kongreß be r V o l - terbunbsliga in Paris. Ohne Zweifel ist ein großer Teil ber öffentlichen Meinung unb bes Volkes in Frankreich gegen jeben Krieg unb für Die Berftänbigung mit Deutschland. Man ist auch bereit, die großen Grundsätze des Abrüstungskampfes im Sinne ber Gleichheit, ber Beseitigung ber Angriffs- waffen unb dergleichen mehr einigermaßen anzuerkennen. Aber immer roieber kommt ber Zweifel, wieviel wirklich von ber Stimmung und dem Willen des französischen Volkes dadurch vertreten wird, und es ist gar kein Zweifel, daß diese Bereitschaft — roil Herrivts Haltung in Lausanne wieder gezeigt hat — niajt Stich hält, sobald rein sachlich, rein realistisch, fei es in der Reparationsfrage, fei es in der Abrüstungsfrage, etwas geschafft werden fall. In der ersteren haben wir eben wieder in Lausanne die Erfahrung gemacht. In der zweiten wird uns der Schlußkamps der nächsten Zeit vermutlich dasselbe Bild zeigen. Reststimmenabkommen zwischen Landvolk und O7IVP. Berlin, 15. Juli. (ERB.) Die D N V P. hot, wie wir von deutschnationaler Seite erfahren, mit der Landoolkpartei ein Abkommen getroffen, wonach die 9t e ft ft i m m e n Der Landvolkpartei auf die Reichsliste der DNVP. gesetzt werden. Schußwaffen und Munition anmelden. Trier, 15. Juli. Mit Rücksicht daraus, daß sich in letzter Zeit die Zusammenstöße politischer Oraa- nifationen gehäuft haben, bei denen Schußwasten zur Anwendung gelangten, die u. a. auch ein Todes- opfer gefordert haben, hat der Regierungspräsident von Trier unter dem 15. Juli eine Verordnung erlassen, nach der Schußwaffen unb Munition bei ber zuständigen Ortspolizeibehörde anzumelden sind. Die Waffen sind genau nach Art, Kaliber usw anzugeben. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft. Recht auf die Wahrung und Pflege ihrer kulturellen Besonderheiten und Eigenarten durch den Rundfunk rauben fallen. Tatsächlich liegt die Gefahr nahe, das; die „Programmkommissare" des Reiches sich nicht mit einer politischen Einflußnahme begnügen, son- dern auch kulturpolitische Einheitsbcstrebungen verfolgen, die dem Rundfunk keineswegs zum Vorteil dienen, sondern ihn ganz einfach langweilig machen würden. Dennoch kann die Verlagerung der Staatshoheit aus der Hand der Massenparteien und ihrer Beauftragten in die Hand einer parteipolitisch neutralen Reichsregierung nicht vor dem Rundfunk Halt machen. Die Reichsregierung hat wiederholt betont, daß sie die Rechte der Lander nicht a n t a st e n werde. Es würde dem konservativen Charakter der jetzigen Regierung durchaus entsprechen, wenn sie den kulturellen Sonderausgaben der deutschen Länder weitest gehenden Spielraum gewähren würde. Der Reichsinnenministcr hat denn auch in der Konferenz mit den süddeutschen Ländcrvcrtretern und Rundfunkreferenten darauf hingewiescn, daß, wie auch immer die künftige Neuordnung des Nundfunk- wesens ausfallen werde, sich das Reich durchaus der Verantwortung bewußt sei, die Kulturpolitik des Rundfunks im Sinne jener Geschichtsauffassung zu beeinflussen, für die die gesamte deutsche Kulturpolitik mit der Geschichte der deutschen Stämme unauflöslich verbunden sei. Ausgcschaltet solle nur jener liberalisierende und k u l t u r b o l s ch e w i st i s ch e Einfluß werden, der nicht davor zurückschrecke, das deutsche Kultur- gut zum Objekt snobistischer und literarischer Zersetzung zu machen. Oie Abrüstungskonferenz vor -er Wende. Soll Deutschland weiter Mitarbeiten? Genf, 15. Juli. (TU.) Im Unterausschuß des Luftfahrtausschusses der Abrüstungs- konfereyz für die Zivilluftfahrt ist es heute wieder zu einer längeren scharfen Auseinandersetzung gekommen, die den völlig festgcsahrenen und aussichtslosen Stand der Abrüstungskonferenz von neuem grell beleuchtet hat. In dem zur Verhandlung stehenden Abkommensentwurf über die Entmilitarisierung der zivilen Luftfahrt waren von dem Berichterstatter einige Bestimmungen ausgenommen worden, die den von der Botsckasterkonfercnz im Jahre 1926 den entwaffneten Mächten zwangsläufig auferlegten Regelungen der Zivilluftfahrt entsprechen. Diese Bestimmungen des AbkommcnsentwUrfes wurden jedoch auf das schärfste und leidenschaftlichste gerade von denjenigen Mächten bekämpft, die auf der Botschafterkonfcrcnz vertreten waren. Unerwartet erschien in der Sitzung der Präsident der Konferenz, Henderson, der über den ungewöhnlich schleppenden und erfolglosen Gang der Verhandlungen dieses Ausschusses unterrichtet war. Der Präsident des Unterausschusses des Lustfahrtausschusscs, der Schweizer W a l l o t o n , wies in einer längeren Rede, als Henderson im Saale erschienen war, darauf hin, daß es völlig unmöglich sei, in der bisherigen erfolglosen Weise weiter zu arbeiten und verlangte energisch eine endgültige Entscheidung über die drei zur Verhandlung stehenden Fragen: die allgemeine Regelung für die Entmilitarisierung, die Kontrolle und die Internationalisierung der Zivilluftfahrt. Der Vertreter Deutschlands, Ministerialdirektor Branden- bürg, stellte in der Aussprache die grundsätzliche Forderung auf, daß das Abkommen ein vollständiges verbot des Bombenabwurfes aus der Luft enthalten müsse. Dies sei der einzige Weg, um eine endgültige und vollständige Entmilitarisierung der Zivilluftfahrt durchzuführen und damit die Zivilluftfahrt für jede militärische Verwendung unmöglich zu machen. Dieser deutsche Vorschlag fand weitgshendcZustimmung einer großen An- zahl von Mächten, wird jedoch zweifellos wiederum abgelehnt werden, da die europäischen Großmächte, in erster Linie Frankreich, planmäßig jeden Versuch, auf irgendeinem Gebiete zu prakti chen Ergebnissen zu gelangen, sabotieren. (Fa , eigte sich heute von neuem, daß die Abrüstungskon erenz in der bisherigen Weise nicht weiter fortgesetzt werden kann und daß eine Mitarbeit Deutschlands an einem Abkommen über die Abrüstung jetzt vollständig untragbar geworden ist, falls nicht eindeutig die Konferenz zur Entscheidung gelangt, daß das künftige Abrüstungsabkommen unterschiedslos für alle Mächte gilt und damit die bisherigen Fesseln der deutschen Wehrfreiheit fallen. Blum warnt Herriot. Paris, 16. Juli. (WTB. ^unkspruch.) Der sozialistische Abg. L6on B l u m erteilt heute im „Popu- loire" dem Ministerpräsidenten Herriot eine e r » ft c Warnun g. Er schreibt, am Montag werde in Genf das Schicksal der Lausanner Konferenz und natürlich auch das der A b - rüstungskonfercnz selbst entschieden werden. Der hooversche Abrüstungsvorschlag werde gegenwärtig in der ganze» Welt als das angesehen, was man unter Abrüstung überhaupt verstanden wissen will. Ec verkörpere den Abrüstungswillen und scheide diejenigen, die ab- rüslen wollten von denen, die sich der Abrüstung widersehen. In Genf werde auch die Entscheidung über das Schicksal der Regierung Herriot fallen, desgleichen über die Kammermehrheit, die Herriot in der Rachtsitzung am 11. Juli unterstützt habe. Englische Einsicht. London, 16. Juli. (WTB. Funkspruch.) In einem von Lord Cecil und weiteren Persönlichkeiten unterzeichneten Brief an die „Times" heißt es über die britischen Abrüstungsvor- schläae: „Wenn die Vorschläge nicht zu völli- gcr Abschaffung der U-Boote führen, dann werden die britischen Ausgaben für Rüstungen in den nächsten Jahren ungefähr auf der jetzigen Höhe bleiben. Außerdem wird dann auch die Unterschiedsbehandlung gegenüber England und Irland. Ergebnislose Besprechungen in London. London, 16. Juli. (WTB. Funkspruch.) Der irische Ministerpräsident d e V a l e r a hat heute nach ergebnislosen Besprechung en mit Mac- d o n a l d London verlassen, um nach Dublin zu- rückzukchren. Zaleski in Paris. Paris, 15.Juli. (CRB.) Der polnische Außenminister Zaleski ist heute vormittag in Paris angekommen. Man darf sich wohl fragen, ob diese unerwartete Ankunft des polnischen Außenministers mit der Frage des englisch.franzö- (ischen Bertrauensabkommens in Zu- ammenhang steht, das nach Ansicht rechtsstehender ranzösisct)er Kreise u. a. Ländern wie Polen offenstehen soll. Die Tatsache, daß Sir John Simon im Unterhause nur Deutschland, Italien und Belgien als die Mächte angeführt hat, die dem Abkommen beitreten sollen, ist bereits Gegen- stand einer kritischen Behandlung geworden. M lkkWk Ml. Original«Roman von Anny von panhuys. Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig. 9 Forti. j. Nachdruck verbotenI Lil erwiderte ruhig: „Die Person war reichlich unverschämt, aber noch unverschämter von ihr ist es, über den unangenehmen Austritt zu reden, der ihr doch mindestens peinlich sein müßte." Frau von Welp setzte sich, lächelte ihre Her- zensfreundin, die Daronin, an und erwiderte Lil: „So, wie die Zofe, die wirklich nett und geschickt ist, die Sache erzählt, sind Sie ein bißchen sehr heftig." Sie seufzte betont. „Schließlich kann man es Ihnen aber wohl gar nicht so sehr verdenken, denn Sie hatten ja in der Zeit, als Sie die Zofe entlassen mußten, ein anständiges Pack Sorgen. Ihr Vater wurde zum Selbstmörder, hinterließ Ihnen die Schande seines Dankerotts —“ Weiter kam sie nicht, Lil stand mit z-ornsprü- henden Augen vor ihr. „Haben Sie denn kein Verständnis dafür, wie abscheulich und häßlich Sie zu mir sprechen, Frau von Welp? Schämen Sie sich!" Sie raste zur Tür hinaus, in ihr Zimmerchen hinauf. Dort warf sie sich mit verzweifeltem Schluchzen über das Veit. Man sollte sie doch in Buhe und Frieden lassen, sie störte doch keinen Menschen, wollte von niemand etwas. Weshalb war Meta so gemein, weshalb quälte sie die Tante und wie durfte diese Frau mit den Fischaugen ihr entgegenwerfen: Ihr Vater wurde zum Selbstmörder, hinterließ Ihnen die Schande des Dankerotts! Sie weinte fassungslos und öffnete nicht, als ihre Tante nach ungefähr einer halben Stunde an die Tür klopfte. „Mach sofort auf", fordert« die etwas klanglose Stimme der Daronin. Lil rief verzweifelt: „Laßt mich nur endlich alle in Ruhe! Ich habe es satt, mich von oben herunter behandeln zu lassen, weil mein armer Vater in einer Stunde der Verzweiflung aus dem Leben gegangen ist. Am liebsten täte ich es ihm nach, mir graut vor allen Menschen." Die Daronin schien sehr zornig, sie befahl: „Vor allem mach auf." Lil erhob sich mit schweren Gliedern, sie war wie zerschlagen und ihre Augen brannten von den vielen vergossenen Tränen. Sie schloß auf Die Daronin trat hastig ein und betrachtete Lil mit verärgertem Gesicht. „Warum hast du nun eigentlich so geheult, daß du flau* entstellt aussiehst? Dir hat doch niemand etwas getan. Frau von Welp hat es noch gut mit dir gemeint, hat es noch entschuldigen wollen, daß du dich so brutal zu der Zofe benommen hast. Hat es entschuldigen wollen mit deinen Sorgen in der Zeit." Lil riß an ihrem Taschentuch herum. „Wie durfte sie zu mir den Vater einen Selbstmörder nennen und von der Schande des Dankerotts reden?" Die Daronin erwiderte: „Sie sagte doch nur, toaS wir selbst wissen, was ganz Frankfurt weiß. Sie ist meine beste Freundin, wenn sie hier in meinem Hause nicht einmal sprechen darf wie ihr der Schnabel gewachsen ist, dann müßte ich wahrscheinlich auf die Freundin verzichten, und dazu verspür« ich gar keine Neigung. Sie sitzt u>ntcn und ist furchtbar empört über dein Benehmen. Kühle dir die Augen und gehe hinunter zu ihr, entschuldige dich bei ihr; wie sich das gehört." Lil machte eine Dewegung heftiger Abwehr. „Ich sollte diese taktlose Frau noch deshalb, weil sie taktlos gewesen, um Entschuldigung bitten, ich sie? Nein, Tante Adele, ich habe mir vorgenommen hier im Hause nachzugeben, soweit es irgend geht, aber zu der Frau sage ich kein einziges freundliches Wort, unter keiner De- dingung." Die Baronin wurde ganz grau vor Aufreg ung. „Du willst das nicht tun?" Ihre Stimme war jetzt ganz heiser. „Weißt du denn aber auch, was du damit wahrscheinlich anrichtest? Nein? Nun dann will ich es dir erklären. Frau von Welp ist eine der angesehensten Damen der hiesigen Gesellschaft, und wenn sie verärgert unser Haus verläßt, gilt der Aerger sicher nicht nur dir allein, sondern auch Werner und mir. Wenn Wevner vielleicht in nächster Zeit einig« Patienten verliert, kann er sich bei dir bedanken." Lil strich sich über die Augen, die gar zu Kbr brannten und erwiderte empört: „Sollte der Eimfluß dieser Frau wirklich so groß sein in - ^^jigen Gesellschaft, dann wird Werner auch ni-cht gleich ohne Patienten sein. E r würde von mir nicht verlangen, ich soll mich bei einer Frau entschuldigen, die mich beleidigt hat. Er würde das nicht verlangen und ich täte es auch nicht. Ich habe auch meinen Stolz." „Sage lieber statt Stolz, du hast deinen Dick- kopf, deinen Eigensinn! Aber wie du willst, ich werde nachher mit Werner sprechen." Die Baronin ging und Lil hörte, tote sie harten Schrittes di« Treppe hinunterstieg. Frau von Welp fragte, als die Daromn eln- trat: „Nun, will sich Lil Körner wegen ihrer Ungezogenheit bei mir entschuldigen?" Die andere verneinte. ..Lil ist eigensinnig. Sie können mir glauben, Itebe Freundin, ich habe mir mit ihr eine schreck- Oer Wahlkampf. Reichsfinanzminister a. O. Dietrich spricht. W e i n h «i rn a. d. Bergstraße. 16. Iuli. (END.) In einer Wahlversammlung der Staatspartei sprach gestern abend hier Reichsfinanzminister a. D. Dietrich über das vergangene Kabinett, über seine eigene Politik als Finanz- und Ernäh- ruilgsminister, sowie über die gegenwärtige politische Lage. Er gab einen weitausholenden geschichtlichen Rückblick auf die Ursachen und Zusammenhänge der deutschen und der Weltwirtschaftskrise und umrih die Bemühungen des Kabinetts D r ü n i n g zur Beseitigung bzw. möglichsten Milderung und Abschwächung dieser wirtschaftlichen Krise. Zur Reparationsfrage bemerkte er daß zwar Dr. Brüning und er während der Lausanner Verhandlungen aus außenpolitischen Gründen geschwiegen hätten, jetzt aber könne er seine Meinung dahin präzisieren, daß es für die deutsche Delegation in Lausanne nur ein energisches „Rein" hätte geben dürfen. Das wichtigste Ergebnis der Lausanner Verhandlungen sei aber, daß die Reichsbahn und die Reichsbank jetzt frei geworden feien. Im übrigen betonte er noch, daß das Kabinett Brüning die Reparationen zer st ört die Finanzen in Ordnung gebracht und die Ruhe im Lande aufrechterhalten habe. Bei dem heutigen Wahlrecht werde in absehbarerZeitkein Parlament zu st an bekommen, das eine Regierung bilden und arbeitsfähig erhalten könne. Zentrumskundgebung in Berlin. Berlin, 15. Juli (CNB.) Die Berliner Z e n t r u m s pa r t e i begann heute den Wahlkampf mit einer großen Arb eiterku ndgebung im Lehreroereinshause. Landtaasadaeordneter Letter h a u s sprach über „Deutsche Freiheit in der Vergangenheit und Zukunft". Man werde nicht ruhen, erklärte er, bis Brüning wieder die Führung der Regierüng übernehme. Herr von Papen sei nur eine Figur in der Hand eines Stärkeren. Man verlange, daß der Kanzler ehrlich sage, was seine letzten Absichten seien. Das Zentrum sei gegen jede Diktatur einer Klassen-, Kasten- oder Parteiherrschaft. Es sei für den christlichen, den nationalen, den sozialen und den Freiheitsstaat. Immer wieder Zusammenstöße. Im Verlaufe einer Erwerbslosenversammlung in Langenselbold wurde gestern abend die im Saale stationierte Polizei wiederholt tätlich angegriffen. Es fiel eine Reihe Schüsse, durch die eine Frau Becker, Mutter von drei Kindern, und eine junge verheiratete Frau namens H a l b s ch m i d t tödlich verletzt wurden. Ein Arbeiter erhielt einen schweren Bauchschuß. Ein Polizeibeamter wurde durch Messerstiche schwer verletzt. Er mußte in das Krankenhaus eingeliefert werden. Außerdem gab es noch eine Anzahl leichter Verletzte, da viele Versammlungsteilnehmer, um aus dem Saale zu kommen, den Weg durch die Fenster nahmen. Die Sanitätskolonne hatte die ganze Nacht hindurch zu tun. Wie die Polizei in Walsum (Rheinland) mit- teilt, kam es in der Nähe der Siedlung Vierlinden anläßlich eines nationalsozialistischen Umzuges zu schweren Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und Andersdenkenden. Um den Zug der Nationalsozialisten zu verhindern, wurden schwere Zementröhren, die zu Kanalisationszwecken in der Nähe lagen, auf die Straße gerollt und hieraus Barrikaden gebildet. Aus einem Gebüsch heraus wurde auf den Zug geschossen. Es gab einen Schwer- und mehrere Leichtverletzte, die dem Krankenhaus zugeführt wurden. Wie weiter berichtet wird, schossen die Kommunisten zuerst. Dor dem Gewerkschaftshaus kam es in H a a l e a. d. S. gestern abend zu einem schweren Handgemenge zwischen der Wache der Eisernen Front und etwa 70 Nationalsozialisten. Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Die Polizei verhaftete mehrere Personen. Bei einer Demonstration der kommunistischen Antifaschistischen Aktion in Wittenberg griff die Polizei, die von der Menge angegriffen mürbe, zur Waffe. Ein Arbeiter erhielt einen Kopfschuß, ein zweiter wurde ebenfalls schwer verletzt. Eine Frau erlitt vor Aufregung einen Herzschlag. Vor dem Braunen Haus in Görlitz kam es gestern abend zu schweren politischen Ausschreitungen linksradikaler Elemente. Aus der Menge heraus fielen einige Schüsse, auch wurde mit Steinen und Biergläsern geworfen, so daß die Polizei sich genötigt sah, einige Schreckschüsse abzugeben und mit dem Gummiknüppel die Menge zu zerstreuen. Dabei wurden mehrere Demonstranten und zwei Polizeibeamte verletzt. Zahlreiche Personen, die im Besitze von Hieb-, Stich- und Schußwaffen waren, wurden feftgenommen. Aus aller Welt. Anschlag auf den Langenberger Sender? Der am Langenberger Sender stationierte Polizei- Poften bemerkte an einem der letzten Abende zwei Männer, die sich in verdächtiger Weise in unmittelbarer Nähe der Sendetürme zu schaffen machten. Auf den Anruf des Beamten ergriffen die beiden Männer die Flucht. Als dec Polizeibeamte darauf- hin von seiner Schußwaffe Gebrauch machte, erwiderten hie Fliehenden das Feuer. Ob ein A n - schlag auf die Sendetürme geplant war, ließ sich nicht genau feststellen, doch läßt eine Äußerung, die der Beamte von einem der beiden Männer gehört haben will und in der von einer Zündschnur die Rede war, darauf schließen. Im Laufe der Nacht wurde ein Langenberger Kommunist verhaftet. plccards Flug verschoben? Wie die „Nationalzeitung" aus Zürich meldet, soll der auf den 20. Juli festgelegte Aufstieg Professor Piccards nach den neuesten Mel- düngen noch um 14 Tage verschoben werden. liche Last ins Haus geholt." Sie seufzte. „Das Mädel ist falsch erzogen, sie ist verdreht, vollständig verdreht." Frau von Welps helle Fischaugen glitzerten. „Ihr Sohn interessiert sich für Lil Körner, nicht wahr? Aber wozu frage ich, ich weih das ja so gut tote eS alle unsere Bekannten wissen. Eigentlich schad«, daß er die Neigung hat, er könnte doch gai^z andere Partien machen. Der Bankerott Körner ist doch eine ziemlich tolle Sache, und wenn auch die Gläubiger einen großen Teil ihres Geldes erhalten haben, soll doch mancher sehr geschädigt worden sein. Ich meine, unter uns, liebste Freundin, und weil wir uns doch schon so lange kennen, Sie mühten alles versuchen, um —“ Sie blinzelte. „Nun ja, Sie verstehen mich schon. Lil Körner ist ja jetzt fast unmöglich, finde ich. Was ihre frühere Zofe erzählt, ist, zusammen mit ihrem Betragen heute, doch wirklich blamabel." Die Baronin stimmte ihr zu. „Sie ist unausstehlich, auch zu mir. Ich gäbe wer weiß was drum, wenn sie nicht hier wäre, ich habe mein« Gutmütigkeit schon schwer bereut.“ Di« andere nickte verstehend. „Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Ihr Sohn nicht etwa die Dummheit macht, sie zu heiraten, mit dem Benehmen verscheucht sie ihm alle Patienten!" Sie erhob sich. „Ich muß nun gehen, Liebste. Besuchen Sie mich bald einmal, hierherkommen kann ich leider nicht mehr, ich möchte ein Zusammentreffen mit Ihrer Nichte vermeiden." Als Werner eine halbe Stunde später nach Hause kam, fand er feine Mutter in sehr erregter Stimmung. Sie berichtete, färbte ihren Bericht aber sehr willkürlich, stellte das Bor- gefallene so dar, daß Lil fast schuldig schien. Werner Sturm war von seiner Mutter von klein an mit großer Liebe behandelt worden, er hing sehr an ihr. Ec sagte: „Frau von Welp ist, ber^erbe Mutter, keine sehr angenehme Dame, ihretwegen sollte Lil wirklich keine Träne weinen dürfen." Werners Mutter machte eine Dewegung des Bedauerns. „Du bist in das Mädel zu verschossen und stehst gar nicht mehr klar. Wenn dir der Dor- fall mit Frau von Welp nicht genügt, will ich noch hinzufügen, auch ich hatte schon mehrere unangenehme Szenen mit Lil. Sie ist jähzornig, jungenhaft und rücksichtslos. Ich hab« dir nichts davon erzählt, aber am Tag« ihres Hierherkom- m«ns hatte sie ihrer Zofe Meta, die nach ihrer Meinung nicht gut genug einpackte, mit der Faust ein paar Stöße gegen den Mund gegeben, ich mußte der Person ein Schweigegeld in die Hand drücken. Nun ist Meta bei Frau von Welps Nichte, einer Gräfin Kurzmann, Zofe, und hat die dumm« Geschichte dort erzählt." Sie holle Die Gondel mit den Instrumenten ist immer noch nicht in Zürich eingetroffen. Man erwartet, daß Professor Piccard in den letzten Julitagen sie selber herbringen und dann mindestens vier bis fünf Tage ZU Startborbereitungen benötigen wird, so daß der Aufstieg frühestens in der ersten August» woche erfolgen dürfte. Fingerhut fordert 4 Millionen Mark Entschädigung. Der Vohwinkeler Fabrikant Fingerhut, der nach einem Wiederaufnahmeverfahren wegen erwiesener Unschuld von der Anklage der Hehlerei freigesprochen worden war, hat jetzt feine Entschädigungsforderung für unschuldig erlittene ^Intersuchungshaft und Schädigung seines Geschäftes eingereicht. Die Forderung beläuft sich auf mehr als 4 Millionen Mark. Paratyphuserkrankungen in einem württembergifchen Dorf. In Buch bei Ilbertissen (Württemberg) sind nach dem Genuß von Fleisch einer notgeschlachteten Kuh 40 Personen erkrankt, darunter tief Atem. „Du kennst Lil gar nicht richtig, zu dir ist sie nie so schrosft und rücksichtslos wie zu mir, aber ich fürcht«, wenn ihr erst verheiratet seid, wirst du ihr unbändiges Wesen auch kennen lernen. Leider ist es dann zu spät", erklärte die Mutter Werners seufzend. „Mutter!" Werner Sturms Augen sahen die Mutter entsetzt an. „Du denkst doch nicht etwa, ich soll Lil wieder aufgeben?" Er preßte die Handflächen aneinander. „Die Idee wäre gar nicht auszudenken traurig. Ich liebe Lil, und sie liebt mich." „Wenn sie fo bleibt wie jetzt, kannst du nicht glücklich mit ihr werden", gab sie zurück. Lil hatte Frau von Welp Weggehen und Werner kommen hören. Sie hatte ihre Augen gekühlt und war hinuntergegangen, Werner zu begrüßen. Sie wollte sich, falls seine Mutter zu ihm von der häßlichen Szene sprach, verteidigen und sein Urteil anrufen. Ehe sie ins Wohnzimmer trat, horte sie ganz deutlich, wie Werner sagte: „Ich werde schon glücklich mit Lil werden, sie muß eben vorher noch ein bißchen lernen, ihre allzu heftigen Emp- sindungen zu zügeln und nicht immer auszusprechen, was sie möchte. Du wirst ihr das schon beibringen, Mutter. Ich mische mich nicht ein. Du bist so vollkommen Dam«, daß ich nur wünschen kann, sie wird dir ähnlich darin, wird einmal tote du!" — Lil, die eben die Tür hatte öffnen wollen, zog leise die Hand vom Drücker zurück und schlich auf den Zehenspitzen wieder die Treppe hinauf. Nun sie sich erst wieder oben in ihrem Zimmer befand, war ihr zumute, als ob sie einen endlos weiten Weg zurückgelegt hätte. Sie mußte sich setzen. In ihren Ohren klangen noch die Worte nach, die Werner eben zu feiner Mutter gesagt. Für ihn war die Mutter «in Ideal, und deshalb wünscht« er, sie selbst würde seiner Mutter ähnlich. Also durfte sie kaum damit rechnen, bei ihm Verständnis für ihre Not zu finden. Sie grübelte sich den Kopf müde. Sie glaubte jetzt kaum noch an ein Glücklichwerden mit Werner. Er stand zu sehr unter dem Einfluß feiner Mutter und feine Mutter war ihre Freundin nicht. Sie überlegte, es wäre am besten, sie könnte von hier fort, je weiter fort, um so besser. Sie siihlte sich unglücklich in ber Stadt, in der sie so Trauriges erlebt, und sie sann, sie würde sich heut« noch heimlich aus dem Hause schleichen, wenn sie nur wüßte, wohin. Die Welt war doch groß, irgendwo darin mußte «s doch ein Plätzchen geben, wo sie den verlorenen Frieden wieder finden konnte. Sie faltete die Hände, murmelte vor sich hin: Ich hab« dich unendlich lieb. Werner, aber es ist besser, ich ginge fort für immer! (Fortsetzung fol^Q