Nr. 266 Erstes Blatt 182. Jahrgang 5reitag,st. November 1932 Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte (Bießener Familienblätter Heimat im Bild • Die Scholle monats Bejugsprels: Mit 4 Beilagen NM. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr .. „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Zernsprechanschlüffe unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Sichen. Postscheckkonto: Sranffurt am Main 11686. VietzeimAiizeiger General-Anzeiger für Oberhessen Druck vnb Verlag: Vrühl'sche Univerfitäts-Vuch- und Steindruckerei R. Lanze in Gieheli. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bi» zum Nachmittag vorher. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig,- für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20" , mehr. Chefredakteur. Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Or.H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für denAn- zeigenteil i.D.Th.Kümmel sämtlich in (Biegen. Bor den Verhandlungen zwischen Kanzler und Parteiführern. Oie Einladungen an die Gruppe der Rechten und Mitte.—Worüber sott verhandelt werden? Berlin, 11 Rov. (211.) Wie die „B ö r s e n- Leitung“ erfährt, dürften die Einladungen an die Parteiführer der Deutsch- nationalen. der Rational'oziallsten, des Zentrums, der Bayerischen Bolkspartei und der Deutschen Bolkspartei noch im Laufe des heutigen Tages abgehen. Besprechungen mit anderen Parteien kämen nicht in Frage. Der Kanzler werde mit den Parteiführern einzeln verhandeln: die Reihenfolge hänge von dem Zeitpunkt ab, an dem die Antworten der Parteiführer in der Reichskanzlei einlaufen. Man rechne damit, daß die erste der Zusammenkünfte am Sonn» t a g stattfinden werde und die weiteren Unterredungen sich dann über die nächste Woche verteilten, ausgenommen Montag und Dienstag, auf welche Tage der Staatsbesuch des Kanzlers bei der sächsischen Regierung in Dresden fällt. 3m allgemeinen nehme man in politischen Kreisen nicht an, das; die Bemühungen des Kanzlers, soweit es sich um die RSDAP., das Zentrum und die Bayerische Bolkspartei handelt, von Erfolg begleitet sein werden. Die „Germania" schreibt in einer Stellungnahme zu der amtlichen Mitteilung über den Empfang des Reichskanzlers durch Hindenburg u. a.: Wenn sich die Mission des Reichskanzlers, wie aus dem letzten Satze der amtlichen Mitteilung hervorzugehen scheine, tatsächlich a u f d i e Feststellung beschränken solle, ob die in Frage kommenden Parteien gewillt seien, die Regierung in dec Durchführung ihres Programms zu u n t e r st ü tz e n, dann dürfe man schon heute prophezeien, dah die nationale Konzentration a uch weiterhin nur die Partei des Herrn Hugenberg und ihr volkspartei- liches Anhängsel umfassen werde. Die Frage, ob die Parteien — und in ihnen das deutsche Bolk — bereit seien, die jetzige Reichsregierung zu unterstützen, habe bereits in zweimaligen Wahlen und auch in der Reichstagsabstimmung des 12. September eine überwältigende A Meinung erfahren. Es lohne sich kaum, sie heute mit gleichem Sinn und Inhalt nochmals zu stellen. Das Blatt nimmt deshalb an, dah der dem Reichskanzler erteilte Auftrag nichtjene enge Begrenzung habe, die aus dem Wortlaut der amtlichen Mitteilung zunächst zu entnehmen . sei und da,z, wenn er nicht zu verwirklichen sei, noch andere umfassendere Lösungen angestrebt würden. Das Blatt schreibt weiter: Das deutsche Bolk verlangt, dah der Reichspolitik in entscheidenden Punkten ein anderer Inhalt und andere Methoden gegeben werden. Für die Fundierung einer neuen Politik wäre auch — bis zum Beweise des Gegenteils — eine ausreichende Basis im Parlament denkbar, auf der sich eine starke, auch vom Dertrauen des Reichspräsidenten getragene Führung aufbauen könnte. Dieser Führung den Weg freizugeben und ihr eine ausreichende Grundlage im Volke zu verschaffen, das ist der Sinn der nationalen Konzentration und ist zugleich auch die Mission, die der Reichskanzler, wenn er jetzt mit den Parteien verhandeln will, erfüllen sollte. Es ist jedoch ein falscher Weg, das gegenwärtige Ar- beitsprogramm der Reichsregierung mit seinen vom ganzen Volke abgelehnten Verfassungsplänen und ihre bisherigen Methoden der Staatsführung zur Grundlage einer wirklichen nationalen Konzentration zu machen. Hitler fordert die Führung. Die NSDAP, zur'Frage einer „nationalen Konzentration". . Berlin, 10. Rov. (ERD.) Der nationalsozialistische „Angriff" bringt einen Artikel zur Frage der nationalen Konzentration, in dem es heißt: Die derzeitige Regierung besitzt die Raivität, die sogenannte „nationale Konzentration" auf dem Weg durchführen zu wollen, dah die Parteiführer sich plötzlich bereiterklären sollen, das sozialreaktionäre Programm des Papen-Kabi- netts anzueriennen und sich für eine Zusammenarbeit im Sinne dieses Programms zur Verfügung zu stellen. Wir können jedenfalls schon jetzt eindeutig erklären, 'iß die RSDAP. sich zu einer solchen Komödie nicht hergeben werde. Die zwölf Millionen die ihre Stimmen für Adolf Hitler abgaben, haben dies nicht getan, damit wir hinterher die Politik des Lohnraubs und der /Rententürjungen des Papen - Kabinetts sanktionieren, sondern, weil wir eben dieser Politik den schärfsten Kampf angesagt haben. Wir versagen uns keineswegs grundsätzlich einer nationalen Konzentration, und wir sind überzeugt, dah wir mit den anderen für eine nationale Konzentration in Frage kommenden Kräften sehr wohl zu einer Einigung über ein wirkliches Aufbauprogramm kommen können, das unter Führung der RSDAP. als der weitaus stärksten Partei durchgeführt werden könnte. A u f der Grundlage des Papen-Pro- gramms aber ist eine solche Einigung unmöglich. Wenn man sich in Regierungskreisen etwa mit dem Gedanken tragen sollte, die nationalsozialistische Front sprengen zu können, so irrt man sich ganz gewaltig. Den politischen Weg der RSDAP. entscheidet nur ein einziger Mann, und das ist Adolf Hitler. Wir glauben, daß er seine Auffassung der Lage schon deutlich genug kund getan hat. Sie heißt: Keine Kompromisse, kein Verhandeln. Zum hundertsten Mal sei es gesagt: die nationalsozialistische Bewegung kann nur dann an der Regierung teilhaben, wenn ihr selbst die Führung, die ihr ihrer Stärke nach zukommt, übertragen wird, d. h., wenn man Adolf Hitler mit der Kanzlerschaft betraut. Das ist der einzige Weg zur Lösung der Krise. Für Zusammenarbeit der gewerkschaftlichen Parteien. Ein Vorschlag des Christlichen Mctalla.bcitei Verbandes. Berlin, 10.Rov. (TU.) In der Zeitung „Der Deutsche" schreibt Georg Wieder, der Schriftleiter der Zeitschrift des Christlichen Metallarbeiterverbandes u. a.: Rationalsozialisten, Zentrum, Sozialisten und Christlich-Soziale: Alle diese Parteien sind in ihrem Wollen nicht denkbar ohne eine scharf ausgeprägte s o - ziale Rote. Wer die Reaktion beseitigen will, muß über Parteigegenfähe hinweg nichts anderes wollen, als die Ration über die Partei und die Rechte des Volkes höher sehen, als manchmal sest- gesrorene parteipolitische Anschauungen. Das heißt etwas anderes als das Schlagwort von der Gewerk s ch a s t s s r o n t von Leipart bis Straßer. Wir haben schärsstens gegen den Gedanken einer Einheitsgewerkschaft gekämpft, weil sich verschiedene Weltanschauungen nicht einfach vermengen lassen. Etwas ganz anderes aber ist ein aus Rotwendigkeiten der Stunde heraus geborenes.Zusammengehen von politischen Parteien, um den wahrhaft nationalen Gedanken und die wahrhaft soziale Idee im deutschen Volke zu retten. Ein Zusammengehen von Rationalsozialisten, Zentrum und Sozialisten würde das Ende der politischen und sozialen Reaktion und auch wohl den Beginn eines Reu- ausbaues der Wirtschaft und des Staates in sich bergen. Ein Versagen aber würde die völlige Knechtung der schassenden Schichten in nahe Zukunft rüden. Das Volk kann nicht mehr lange auf die Entscheidung der Parteien warten. Oie christlichen Gewerkschaften zur Lage. Berlin, 10. Nov. Der Vorstand des Gesamtverbandes der Christlichen Gewerkschaften erläßt einen Ausruf, in dem es u. a. heißt: Das schassende Volk in Stadt und Land hat am 6 November das Mißtrauensvotum des aufgelösten Reichstages gegen das Kabinett Papen bestätigt. Die christlichen Gewerkschaften wenden sich mit ihrer Mahnung an alle verantwortlichen Parteien und Stände, dem einsichtslosen Verhalten dieser Regierung einen positiven arbeitsfähigen 'Billen z u volks - und staatsgesunder Zusammenarbeit entgegenzusetzen. Sie wenden sich an den Reichspräsidenden, dem nicht zuletzt durch das Vertrauen der gesamten organisierten Arbeiterschaft sein hohes Amt erneut übertragen wurde, seinerseits die Rechtssicherheit wieder herzustellen und dem sozialen Willen des Volkes kraft seiner Autorität Raum zu geben und damit zugleich Ruhe und Ordnung zu sichern. Vom neugewählten Reichstag als dem souveränen Organ des souveränen deutschen Staatsvolkes erwarten die christlichen Gewerkschaften, daß er sich im Bewußtsein seiner Stellung und Verantwortung baldigst versammelt und die ihm von der Verfassung für Volk und Reich übertragenen Aufgaben entschlossen aufgreift und durchführt. Scharfe Kampfansage der Sozialdemokratie. Berlin, 10. Rov. Der P a r te i a u s s ch u ß der Sozialdemokratischen Partei hat über seine Beratungen am Donnerstag in Berlin folgenden Bericht ausgegeben: • „Der Parteiausschuß beschäftigt sich mit der durch den Ausfall der Reichstagswahlen geschaffenen Lage. Dabei herrschte volle llebereinft-.m- mung, daß es sür Sie S P D nach wie vor nur den schärfsten und rücksichtslose» sten Kamps gegen die jetzige Reichsregierung und ihre Pläne gebe. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion wird am Donnerstag, dem 17. Aovember, zusammentreten und in diesem Sinne weitere Beschlüsse für ihr Vorgehen im Reichstag fassen." Für den Reichstag haben die Sozialdemokraten bisher die Einbringung von Anträgen auf ein Aussührungsgesetz zu Artikel 48, ferner auf Erlaß einer Amnestie, Aufhebung der Sondergerichte, Erhöhung ber Unter ft Übungen für Arbeitslose, Umbau der Wirtschaft usw. in Aussicht genommen. Süddeutsche Länderkonferenz in Würzburg. München, 10. Nov. Am Mittwoch fand in Würzburg eine Konferenz von Vertretern der süddeutschen Länder, von der die Reichsregierung Kenntnis hatte, statt. An ihr nahmen teil die Vertreter von Baden Württemberg, Bayern, Hessen, Thüringen und Sachsen. Die Besprechungen galten der Vorbereitung der bevorstehenden Reichsratssitzung. Ministerpräsident Dr. H e l d, der zusammen mit Staatsminister Dr. Stütze! und Staatsrat Schäffer am Donnerstagabend nach Berlin abgereist ist, wird nicht nur bei der Aussprache im Reichsrat am Samstag Gelegenheit nehmen, den bayrischen Standpunkt zu vertreten, sondern bereits am Freitag mit b e m Reichskanzler eine Aussprache haben. Diese Aussprache geht auf die. Initiative des Kanzlers zurück, der den Wunsch geäußert hat, mit den Ministerpräsidenten der Länder noch vor der Reichsratssitzung Rücksprache zu nehmen. Zurückhaltende Ausnahme in Berlin. Soll der neue Friedenspakt die Lstgrenzen von Versailles verewien? Berlin, 11. Nov. (CNB.) Die Erklärungen des britischen Außenministers zur Gleichberechtigunqs- frage werden von den meisten Blättern in großer Ausmachung wiedergegeben, wenn auch bisher nur zwei Blätter in kurzen Kommentaren zu dieser Rede Stellung nehmen, so geht doch aus den Ueberschuften und der Art der Wiedergabe hervor, welche Bedeutung die Presse diesen Erklärungen beimißt und wie sie sie wertet. Der „L o k a l a n z ei g e r" spricht von einer „beschränkten Anerkennung" der Gleichberechtigung durch England, der „Tag" sieht keine wirksame Verbesserung der deutschen Landesverteidigung, die „B ö r s e n z e i t u n g" hebt die Bemerkung: „Eine volle praktische Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichberechtigung kann nicht mit einem Schlage durchgeführt werden" hervor, die „Deutsche Zeitung" spricht von einem Frontwechsel Englands, das „Berliner Tageblatt" von einer „vorsichtigen Erklärung" Simons, der „B ö r s e n - C o u r i e r" nennt die Rede sensationell. Die „21. D. Z." meint, daß die Simon-Rede im großen und ganzen einen ganz bestimmten Fortschritt gegenüber der Simon-Note bringe. Bedenklich seien die an uns gestellten neuen Forderungen. Der europäische Friedenspakt, unterstützt durch die Herriotschen Regionalpakte, sei ein neues Instrument zur Sicherung des Status q uo. — Die „V o s s. Z t g." bezeichnet die eindeutige Feststellung als bedeutungsvoll, daß Großbritannien auf keinen Fall s i ch auf ein neues St) ft em von Verträgen einlassen wolle, die über die in Locarno übernommenen Verpflichtungen neue Bindungen an die'Politik des Kontinents bringen würden. Weniger klar sei der Passus, in welchem Sir John Simon als Bedingung für jede Abmachung über einen Rüstungsrückgang eine neue Friedens- Versicherung von Deutschland erwartet. Hier würden weitere Erklärungen folgen müssen, bevor man wisse, welche konkrete Form diese Versicherung des Friedenswillens seitens Deutschlands annehmen müsse, damit sie Regierung und öffentliche Meinung in England befriedige. Oie englische prefte befriedigt. Die Einladung zur Rückkehr Deutschlands nach Genf. London, 11. Rov. (WTD. Funkspruch.) Die Llnterhausrede Simons wird von der Morgenpresse als hoffnungsvolles Zeichen dafür begrüßt, daß ein entscheidender Vorstoß in den Abrüstungsverhandlungen erwartet werden könnte. „Rews Chronicle" schreibt, es sei ein guter Anfang, dah die Berechtigung der deutschen Forderung nach Gleichheit und der bindestde Charakter des 141 deutsche Gelehrte haben gemeinsam an den Reichspräsidenten von Hindenburg einen Hilferuf ergehen lassen, in dem es u. a. heißt: „Hochzuverehrender Herr Reichspräsident! Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß unter den Mitteln, die dem deutschen Volke aus seiner gegenwärtigen Lage wieder heraushelfen können, die P f l e g e d e r F o r s ch u n g auf allen Gebieten, insbesondere der Volksgesundheit, der Entwidlung von Landwirtschaft, Industrie, Chemie und Technik, unentbehrlich ist und mit an erster Stelle steht. In gleicher Weise dient die Pflege der Forschung auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften der inneren Wiederaufrichtung unseres Volkes und der Erstarkung seiner geistigen Haltung. In Würdigung dieser Tatsache hat sich die Reichsregierung in Verbindung mit den gesetzgebenden Faktoren angelegen sein lassen, feit dem Ein allgemeines Hypotheken- Moratorium? Berlin, 11. Nov. (OB. Funkspruch.) wie die „Berliner Börsenzeitung" meldet, soll dos Reichskabinett eine Notverordnung beschlossen haben, die ein generelles Moratorium für alle h y potheken mit Ausnahme der Aufwertungshypotheken bis zum 1. April 1 934 vorsiehl. Damit wäre also die bisher nur für die Landwirtschaft bestehende generelle Kapitalstundung auch auf alle anderen Hypotheken ausgedehnt worden. Die wir hierzu erfahren, handelt es sich bei der Veröffentlichung um einen Entwurf, der dem Kabinett aber noch nicht vorgelegen hat, und dessen Inhalt daher noch einer Abänderung unterliegen kann. Abrüstangsversprechens von Versailles anerkannt worden seien. „Morning Post" meint, die deutsche Forderung nach Gleichberechtigung sei geltern vom Staatssekretär des Aeustern in Ausdrücken anerkannt worden, die in Berlin angenehm berühren sollten. Wenn die britischen Vorschläge von den hauptsächlich interessierten Ländern angenommen würden, dann sollte es, nach Ansicht des Blattes, Deutschland nicht schwer fallen, seinen Platz in der Abrüstungskonferenz wieder einzunehmen. „Times" sagt, hinter der Rede Simons stehe die Autorität des ganzen Kabinetts. Die deutsche Forderung nach Gleichberechtigung werde unzweideutig und ohne Rebengedan- ken anerkannt. Deutschlands beste Freunde hofften jetzt, daß es sich in der Lage sehen werde, ohne Spitzfindigkeiten und Umschweife die C i n - ladungzurRückkehrnachGenf anzunehmen. „Times" gibt zu, daß noch viel zu tun übrig bleibe, bevor eine restlose Vereinbarung auch nur über das erzielt sei, was die interessierten Hauptmächte unter Rechts- gle i ch h eik ve r st ä n den. Je früher hierüber Klarheit erzielt werde, um so besser. Verhandlungen mit Hoesch. London, 11. Nov. (TU.) Außenminister Sir John Simon wird am Freitag den deutschen Botschafter in London, Herrn v. Hoesch, empfangen. Hierbei wird ein Meinungsaustausch über die Aussichten für die Rückkehr Deutschlands zur Abrüstungskonferenz stattfinden. In Genf wird der Vorschlag gemacht werden, daß die abzuischließen- den Abrüstungsvereinbarungen eine Laufzeit von fünf, sieben oder zehn Jahren haben sollen. Die englische Regierung habe die enge Verbindung mit dem amerikanischen Vertreter in Genf dauernd aufrecht erhalten. Man hoffe, daß der Meinungsaustausch mit der italienischen und französischen Regierung eine Rückkehr Deutschlands zur Abrüstungskonferenz bringen werde. Henderson wird bei günstiger Wetterlage am Sonntagfrüh von London abfliegen, um sich nach G e n f zu begeben. Der französische Abrüstungsplan wird am 15. Aovember veröffentlicht. Paris, 11. Nov. (WTB. Funkspruch.) „Petit Parisien" kündigt an daß der' französische Ab- rüftungsplan wahrscheinlich am Dienstag i n Genf eingebracht und veröffentlicht wird. Rach dem Bericht des Blattes hat der Plan die Form eines lOseitigen Memorandums erha,lten. Bei der redaktionellen Abfassung sei allen Einwendungen Rechnung getragen worden, die im Obersten Rat für nationale Verteidigung gemacht wurden. Das Dokument werde gleichzeitig in Paris und in Gens veröffentlicht werden. „Petit Parisien" glaubt, daß der Plan in seiner letzten Form gleiche Bestimmungen in der Abrüstungsfrage, nicht aber numerische Gleichheit vorsieht. Jahre 1920 von Reichs wegen diejenigen Einrichtungen besonders zu stützen, die der Förderung der Forschung in deutschen Landen gewidmet sind. Es ist dies die Rotgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft und die K a i s e r- WilhelmGesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, die eine große Anzahl weltberühmter Forschungsinstitute unterhält. Richt ohne Befriedigung kann auf das geblickt werden, was in den letzten zehn Jahren erreicht ist; das deutsche Volk schuldet tiefen Dank den weitblickenden Männern, die diese Entwicklung gefördert haben. Die Wendung der Wirtschaftslage droht in verhängnisvoller Weise der so hoffnungsvoll begonnenen Entwicklung Einhalt zu tun und alles das zunichte zu machen, was im Hinblick auf die weitere Entwicklung unternommen worden ist. Die Einbeziehung der an sich nicht besonders hohen Beträge, die zur Förderung der Forschung Das Echo der Simon - Erklärung. Ein Hilserus deutscher Universitätslehrer an Hindenburg. Die Notlage der wissenschaftlichen Forschung in Deutschland. von Reichs wegen erforderlich sind, in das Schema der Etatskürzungen läßt die zur Verfügung stehenden Mittel unter das Maß desjenigen sinken, bei dem sie noch produktiv sind. Wir sind uns sehr wohl bewußt, daß die Lage der Reichsfinanzen die äußerste Einschränkung und die größte Sparsamkeit erfordert. Allein wir glauben dem Verlangen Ausdruck geben zu dürfen, daß nicht nur das jetzt Verbliebene grundsätzlich vor weiteren Kürzungen bewahrt bleibt, sondern daß eine nach sachlichen Erwägungen bemessene A u f w e r t u n g der Beträge stattfindet, die die notwendigste Förderung der Forschung in der Tätigkeit der Rotgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft wir der Arbeit in den Forschungsinstituten der Kai- fer-Wilhelm-Gesellschaft sichert. So bitten wir Eure Exzellenz ehrfurchtsvoll, Ihre Hilfe und Ihren Beistand nicht zu versagen in einem Augenblick, wo es darum geht, die wissenschaftliche Forschung am Leben zu erhalten, die von jeher eine Stärke Deutschlands gebildet hat, und in der bisher deutscher Geist vor anderen Völkern glänzte. Oer Zoll Sioffregen in Oldenburg. Eutin, 11. Nov. (TU.) Bürgermeister Stoffregen erhielt am Donnerstagnachmittag von dem oldenburgischen Staatsministerium die telegraphische Bestätigung, daß seine Zurdispositionstellung, die vom Regierungspräsidenten Böhm- ker verfügt war, a u f g e ho be n sei. Er sei damit wieder vorbehaltlos in fein A m t eingesetzt. Wenig später wurde dem Bürgermeister eine Verfügung des Regierungspräsidenten zugestellt, wonach er bis auf weiteres beurlaubt sei und ihm aufgegeben wird, sich jeder Dienstausübung zu enthalten. — Bürgermeister Stoffregen hat gegen die neuerliche Verfügung des Regierungspräsidenten sofort telegraphisch Beschwerde beim Staatsministerium erhoben. England erwartet einen Anstieg. Baldwin auf dem Guild Hall-Bankett des Lordmayors. London, 9. Rov. (WTB.) In der Guild- Hall fand heute abend mit dem üblichen historischen Zeremoniell das Iahresbankett anläßlich der Amtsübernahme des neuen Lordmayors (Bürgermeisters) von London statt. Daran nahmen die Mitglieder des britischen Kabinetts mit Ausnahme des Premierministers teil, die Missionschefs der auswärtigen Regierungen, darunter der neue deutsche Botschafter v. H o e s ch, und die Führer des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens Englands. Baldwin vertrat Macdonald, der aus Gesundheitsrücksichten abgesagt hatte. In seinem Trinkspruch wies er auf die kritische Lage hin, die zur Zeit des letzten Lordmahors in ganz I Europa herrschte. Das erste Stadium der I Schwierigkeiten sei durch das Lausanner Ab - | kommen überwunden worden. Dieser Vertrag habe ein großes Hindernis für die Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der europäischen Staaten beseitigt. Es ziele auf die endgültige Beseitigung allerRe- Parationszahlungen hin und seine Unter* zeichnung sei der erste voläufige Schritt zur Lösung einer Krise gewesen, die sogar jetzt noch den Welthandel lähme. Es sei wichtig, erklärte Baldwin, daß das Lausanner Abkommen ratifiziert und daß das begonnene Werk zu Ende geführt werde. Die englische Regierung sei fest entschlossen, alle ihre Verpflichtungen einzuhalten, die sie im V?l- kerbundsstatut eingegangen sei und den Völkerbund bei seiner Arbeit für die Aufrechterhaltung des Friedens und der Förderung der allgemeinen Wohlfahrt zu unterstützen. Schließlich zollte Baldwin seinen Dank dem französischen Ministerpräsidenten Herriot dafür, daß er gesagt habe, er werde es niemals wagen, an der Unterstützung Englands zu zweifeln. Baldwin sprach die Hoffnung aus, daß die Weltwirtschaftskonferenz denselben Erfolg wie Lausanne und Ottawa haben werde. Ein Scheitern der Weltwirtschaftskonferenz würde eine Katastrophe bedeuten. Der englische Handel sei bedeutend besser als vor zwölf Monaten. Die Z o l l w a f f e habe die Möglichkeiten für England verbessert, feinen Handel auf den ausländischen Märkten auszudehnen, aber die Zollwaffe sei immer noch ein Versuch. Die englische Regierung habe stets betont, daß sie zwar der Industrie helfen wolle, daß diese aber selbst an ihrer Verbesserung und an der Ermöglichung ihrer Konkurrenzfähigkeit mitarbeiten müsse. England habe ein äußerst schwieriges Jahr hinter sich. Die Anzeichen von besseren Zeiten seien noch nicht ganz klar zu sehen. Aber er glaube, daß sie sich schon am Horizont abzeichneten. Die Engländer würden den Mut und die Kraft haben, sie festzuhalten. Schwere Unruhen in Reykjavik. Reykjavik, 10. Rov. In der isländischen Hauptstadt haben sich schwere Unruhen vor dem Rathaus ereignet. Die Stadtverordnetenversammlung hatte Lohnkürzungen vorgenommen. Dagegen protestierten Sozialdemokraten und Kommunisten, die in das Versammlungslokal eingedrungen waren und sich mit allen möglichen Sachen bewaffnet hatten. Die Polizei geriet mit den Kommunisten und Sozialdemokraten in eine regelrechte Schlägerei, wobei es auf beiden Seiten Verwundete gab. Auf der Straße setzte sich der Kampf fort. Die Stadtverordnetenversammlung lehnte es ab, die Lohnkürzung zurückzunehmen. Man erwartet den Ausbruch eines Generalstreiks. Die Hälfte der Reykjaviker Polizei ist bei der Prügelei verwundet worden. Es handelt sich um 28 Polizisten. Aus aller Welt. Der „wandernde Berg“. — Ein schweizerisches Dors bedroht. Der „wandernde Berg“ im Kanton Glarus, der Kilchenstock, ist in den letzten Nächten wieder in stärkere Bewegung geraten Die Bewohner von Linthal und Umgebung wurden durch mächtige Felsabstürze aus dem Schlafe geschreckt. Alarmsirenen ertönten, und Scheinwerfer erleuchteten die Nacht, um den Einwohnern den Weg zu weisen. Als die Nebel verschwanden, wurde festgestellt, daß die oberste Bergkuppe in nördlicher und in südlicher Richtung in einem Ausmaß von etwa 30 000 Kubikmeter abgebrochen ist. Der Hochwald ist auf weite Strecken zusammengeschlagen. Illegale Erwerbslosen-Selbsthilfe. Der Magistrat in Tha le (Harz) hatte einen Antrag der Erwerbslosen auf Ueberlassung von Brennstoff abgelehnt. Darauf stellten die Erwerbslosen dem Magistrat ein Ultimatum, in dem sie ankündigten, daß, falls nicht bis zu e nein bestimmten Zeitpunkt das verlangte Brennmaterial bewilligt würde, ein G e m e i n d e- wald abgeholzt werden würde. Der Ankündigung folgte die Tat: Etwa 100 Erwerbslose zogen in den Gemeindewald und begannen mit dem Abholzen der Bäume. Als die Polizei eintraf, waren bereits 25 starke Bäume umgelegt. Der Rädelsführer, ein Kommunist, wurde verhaftet. Gegen 30 weitere Personen wird das Verfahren wegen Landfriedensbruchs eingeleitet werden. Rach diesem Vorfall kam es in der Stadt mehrfach zu Ansammlungen, die aber bald wieder zerstreut werden konnten. Urteil im Raubmordprozeß Waldow. Das Große Iugendschöffengericht in Berlin verurteilte den 17jährigen Ernst W a l 9 o w , der am 2. Mai d. I. das Hausbesitzerehepaar Baars mit einem Beil erschlagen und beraubt und der wahrscheinlich auch einen Raubüberfall auf dieFilmschauspie* lerin Lilian Harvey geplant hatte, wegen Mordes und schweren Raubes zu der für «inen Jugendlichen gesetzlich zulässigen Höchststrafe von 10 Jahren Gefängnis. Revolverattentat auf einen Landgerichtsdirektor. In einer der letzten Nächte ist «in Revolver- an schlag auf den Landgerichtsdirektor Kasten- dl e ck in Lüneburg verübt worden. Als er in seinem Arbeitszimmer nachts am Schreibtisch saß, um noch Akten für eine bevorstehende Schöffengerichtsverhandlung zu studieren, wurden plötzlich in sein Zimmer zwei Schüsse abgegeben.' Kastendieck wurde jedoch nicht getroffen. Da Landgerichtsdirektor Kastendieck in der letzten Zeit politische Prozesse geführt hat, darf auf einen Racheakt oder einen politischen Anschlag geschlossen werden. Im Hungerstreik gestorben. Der 72jährige Landwirt Martin Wölke aus Treppendorf bei Lübben hatte, wie erinnerlich, am 8. Oktober d. I. den Amtsgerichtsrat T i l k im Lübbener Amtsgericht erschossen. Der Mörder wurde noch an demselben Tage nach dem Untersuchungsgefängnis in Kottbus übergeführt. Hier hat er ohne Angabe von Gründen fett fast drei Wochen jede Nahrungsaufnahme oerwei- I e r t, fo daß er vor einigen Tagen in das Ge- ängnisla^rett gebracht werden mußte. Alle Ver- uche, ihm gewaltsam Nahrung zuzuführen, scheiterten an seinem hartnäckigen Widerstand. Sein starker körperlicher Kräfteverfall brachte nun auch eine Herzschwäche mit sich, an deren Folgen der Mörder in einer der vergangenen Nächte gestorben ist. Derurleille Devisenschieber. Das Schnellschöffengericht Berlin fällte in den großen Deoisenprozessen Weber, Frei- ser, Arndt und Genossen folgendes Urteil: Der Kaufmann Hermann Weber wird wegen vorsätzlichen Devisenvergehens und wegen Beihilfe zu einem Jahr Gefängnis und 8000 Mk. Geldstrafe verurteilt, der Holländer Abraham Trompet t e r wegen des gleichen Vergehens zu einem Jahr Gefängnis und 10 000 Mk. Geldstrafe, der Bankier Markus F r e i f e r wegen des gleichen Vergehens zu sechs Monaten Gefängnis und 5 000 Mk. sowie wegen fahrlässigen Devisenvergehens zu einer Geldstrafe von 40 000 Mk. Arndt erhalt gleichfalls sechs Monate Gefängnis und 1000 Mk, Geldstrafe. Von den übrigen sieben Angeklagten wurden zwei freigesprochen, die anderen erhielten Gefängnisstrafen von drei bis sechs Monaten und Geldstrafen von 300 bis 1000 Mark. Rätselhafter Mord in Leipzig. In einer der vergangenen Rächte wurde der 33 Jahre alte Autovertreter Willi Sonnen- k a l b in Leipzig-Wahren mit Schlag- und Stich- verletzungcn am Kopf tot aufgefunden. Bei einer Polizeistreife meldete sich der Führer eines Lieferkraftwagens und teilte mit, daß er und der Vertreter bei einer Probefahrt von einem Unbekannten überfallen und beschossen worden seien. Dabei sei ihm eine Brieftasche mit 6400 Mark Bargeld abhanden gekommen. Die Polizei nahm sofort die Ermittlungen auf. Im Laufe der Untersuchung richtete sich der Verdacht gegen den Führer des Kraftwagens, der festgenommen wurde. Er war in der Leipziger Verkaufsstelle der Daimler-Denz-Werke vorstellig geworden und wollte einen Lieferkraftwagen kaufen. Der Vertreter der Verkaufsstelle unternahm darauf mit dem angeblich Kauflustigen eine Probefahrt. Zwischen dem Mörder und seinem Opfer muß ein schwerer Kampf stattgefunden haben. Der Verhaftete hat dabei einen Steckschuß in den Oberschenkel davongetragen. Die Mordwaffe konnte noch nicht gefunden werden. Mysteriöser Hochstapler-Prozeß in Freiburg. Unter stärkstem Andrang des Publikums hat in Freiburg der Prozeß gegen den internationalen Hochstapler und päpstlichen Grafen Colloredo begonnen. Der erste Ver- handlungstag diente der Aufhellung der außerordentlich mysteriösen Persönlichkeit des Angeklagten, der von dem berühmten Geschlecht der Burkhardinger abzustammen behauptet, die schon im 10. Jahrhundert eine historische Rolle gespielt haben. Colloredos Aussagen, die er durch zahllose Dokumente zu belegen bestrebt ist, dienen aber mehr der Verschleierung als der Enthüllung seiner Person. Fest steht lediglich seine Adoption durch einen reichsunmittelbaren Grafen Colloredo und seine Ernennung zum päst- lichen Grafen und päpstlichen Geheimkämmerer. Unter Tränen gibt er an, vom Heiligen Stuhl die Genehmigung erhalten zu haben, überall den Grafentitel zu führen. Im Vatikan sei er für Deutschland und Oesterreich im Kriege diplomatisch tätig gewesen. Zur Zeit seiner Verhaftung befand sich Colloredo in bedrängten Vermögensverhältnissen. Der Angeklagte will aber große Außenstände, u. a. Millionenbeträge aus einem Erbschaftsvertrag, der 27 Erben des ehemaligen Sultans Abdul Hamid, des letzten Herr- schcrs der Türkei, umfaßt, zu beanspruchen haben. Im Augenblick der Verhaftung stand der Angeklagte vor dem Abschluß eines Waffenschiebungsgeschäftes von Mittelsmännern der schweizerischen Regierung mit dem Vize- konig Feisal vom Irak, der für den Irak 20 000 ausrangierte Gewehre der schweizerischen Armee mit Munition kaufen wollte. Colloredos Provision hätte bei diesem Geschäft 300 000 Francs betragen. Außerdem, so erklärte Colloredo, hätte er von seiner ersten Frau, einer amerikanischen Millionärin, jede beliebige Summe erhalten können, wenn er feine jetzige Frau verlassen und seiner Tochter aus erster Ehe den Grafentitel verschaffen würde. Heber 1000 Todesopfer des Orkans auf Kuba? Bei dem Orkan auf Kuba sollen nach den in Reuyork eingetroffenen Meldungen mehr als 1 0 0 0 Menschen das Leben ein- gebüßt haben. Besonders stark ist die Provinz Puerto Principe heimgesucht worden, wo namentlich die Städte Santa Cruz del Suo Ca- maguey verwüstet wurden. Da die schützenden Dämme brachen, ergossen sich die Fluten in die Stadt Santa Cruz. Glücklicherweise gelang es den meisten Einwohnern, sich in Sicherheit zu bringen. Im Hafen sind viele Schiffe gesun- k e n. Größer als in Santa Cruz ist die Zahl der Toten in Camaguey. Der Schaden ist in beiden Städten bedeutend. Viele Häuser bilden nur noch einen Trümmerhaufen. Die Verbindungen sind unterbrochen. — Der Orkan, der allenthalben gewaltigen Schaden verursachte, hat die halbe Bananenernte auf I amaita vernichtet. In der Monte-Regro-Ba i wurde eine Eisenbahnlinie von einer Springflut zerstört. Aus der provinzialhauptstadt ** Bilder vom Eisenbahnunglück in Saasen. Im Schaukasten des „Gießener Anzeigers“ sind gegenwärtig einige photographische Aufnahmen von dem Eisenbahnunglück, das sich gestern im Bahnhof Saasen ereignete, zur Schau gestellt. Die Bilder zeigen die beiden Lokomotiven, die nit den Stirnseiten zueinanderstehen, ferner den völlig zerstörten Güterwagen. ** Antroposophische Gesellschaft. Im Hörsaal 45 der Universität veranstaltete der Zweig Gießen der Antroposophischen Gesellschaft am Mittwoch einen Vortragsabend. Dr. jur. Roman Boos (Basel) sprach über das Thema „Wirtschaft und Währung in den Sozialwissen- fchoften Rudolf Steiners". Die Wirtschaft der Gegenwart sei, so führte der Redner u. a. aus, ohne Geld nicht denkbar. Durch das Geld sei der einzelne nicht mit dem einzelnen, sondern mit der Gesellschaft verbunden. Geldwirtschaft an sich sei aber nicht realwertmäßig bestimmt. Durch das Geld sei die Zahl in die Wirtschaft gekommen; die Zahl bedeute aber nichts Konkretes. Das Geld sei nicht etwas, sondern bedeute nur etwas, sei gegenüber den handgreiflichen Dingen eine Abstraktion. Die Wirtschaft befinde sich in einem Zustand der Aggregation, und das Geld sei eine draußen herumlaufende Logik. Man könne mit ihm Fehler begehen, das bedeute dann die Krise. Dieser Krise gegenüber dürften wir nicht nur Beobachter oder Kritiker sein. Rudolf Steiner lehne eine Wissenschaft ab, die nur beobachte. Die Gestaltung der Wirtschaft sei nicht ein Wissens-, sondern ein Willensproblem. Zwar müsse gehandelt werden aus der Erkenntnis heraus, und aus der Erkenntnis müsse sich das Ziel ergeben. Die Kräfte gelte es aber in klare Bahnen zu lenken. Zu diesem Zwecke müsse man hineinwach- sen in die soziologische Form der Gegenwart. Im weiteren Verlauf des Vortrages ging der Vortragende auf die geschichtliche Entwicklung unserer Wirtschaft ein. Der europäische Kontinent habe sich im Laufe der Entwicklung anders ein* stellen müssen, als England aus seiner geo* graphischeu Lage heraus instinktiv zu wirtschaften gezwungen war. Auf dem Kontinent konnte sich westlicher Liberalismus nicht halten. Der Kontinent müsse eine andere Dichtung suchen. Vor allem müsse der Mensch als einzelner wieder ernster genommen werden, als es bisher geschah; es dürfe nicht alles nur beziffer- und bezahlbar sein Gießen, den 11. Rovember 1932. Oie alten Leute. Jeden Tag um die gleiche Stunde und an der gleichen Stelle begegnen mir auf dem Wege zum Büro zwei alte Leute. Er ist ein wenig korpulent, sie desgleichen. Er hält den Kopf etwas vornüber, genau wie sie. Er Wt den Schirm auf eine besondere Weise, wie es eigentlich auch nur sie tut. Und er hat einen Zug um den Mund, der bei ihr genau so wiederkehrt, wie die Falten in ihren Augenwinkeln eine überraschende Aehnlichkeit mit den seinen haben. Die beiden haben sich angeglichen. Die Jahre, das Zusammenleben, haben sie so gemacht. Früher, vor fünfzig Jahren, mögen es zwei frische, junge Menschenkinder gewesen sein, so wie man damals frisch und jung verstand. Jedes war ein Stück für sich, jedes kam aus einem anderen Kreise, hatte seine eigenen, ein wenig schablonisierten Ansichten — und dann begann das gemeinsame Leben, die Ehe. Sie nwr„ was man landläufig „eine gute" nennt. Man ging gemeinsam aus, hatte dieselben Neigungen, den gleichen Geschmack in Bezug auf die Vergnügungen des Herzens und des Magens, man las die gleichen Bücher — und da man sich im Grunde über alle Dinge einig war, sprach man auch nach und nach immer weniger miteinander. Man lief ein Leben lang nebeneinander her und wurde zuletzt, was man heute ist: ein altes Ehepaar. Der eine Teil sieht aus wie der andere. Und man muß es ohne Spott sagen, auch das Hündchen, das das alte Paar mit sich umherführt, hat sich in ähnlicher Weise entwickelt. Es ist auch schon feine dreizehn runden Jahre alt; für einen Hund ein beträchtliches Alter. Und in diesen Jahren hat man sich gegenseitig aufeinander eingestellt. Herrchen oder Frauchen weiß genau, was Hündchen will, und Hündchen weiß, wenn Herrchen oder Frauchen etwas fehlt. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen den Dreien. Manche lächeln über solche Menschen. Aber wenn sie uns fragen: „Habt Ihr ein so gutes Leben geführt wie wir? So ruhig? So glücklich?" — Nein, das Wort glücklich werden sie nicht in den Mund nehmen. Denn sie wissen nicht, daß sie in ihrer Enge glücklich sind. Sie sind es nur ... E. E. Dreh gestohlen und vor dem Orte geschlachtet. Die Landeskriminalpolizeistelle Gießen teilt mit: In der letzten Nacht wurde bei dem Landwirt Otto Groß in Lardenbach bei Grünberg eingebrochen. Die Täter holten ein Rind aus dem Stalle heraus, das sie durch den Ort bis vor das Dorf führten, wo sie es schlachteten. Ferner wurden von den gleichen Tätern in einem anderen Hause in Lardenbach 20 Hühner und einige Kaninchen gestohlen, die anscheinend ebenfalls vor dem Orte geschlachtet wurden. Nach diesen Diebstählen und der Schlachterei machten sich die Täter aus dem Staube. Allem Anschein nach haben sie zum Fortschaffen der Diebesbeute ein Auto benutzt. Die polizeilichen Ermittlungen sind im Gange. Vornotizen. — Tageskalender für Freitag. Stadttheater: 20 bis 22.15 Uhr, „Der Raub der Sabine- rinnen". — Oberhessischer Kunstoerein, Turmhaus am Brandolatz: 15 bis 17 Uhr, Ausstellung. — Münchner Künstlerbund „Isar“, „Einhorn“: 10 bis 19 Uhr, große Kunstausstellung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Eine Stunde mit dir“. — Astoria- Lichtspiele, Seltersweg: „Die Geheimnisse des Zirkus Jordan“ und „Sein letztes Edelweiß“. — DieComedianHarmonists inGie- ßen. Aus dem Dtadttheaterbureau wird uns geschrieben: Mit einem abwechslungsreichen Gesangsprogramm absolvieren die bekannten Sänger morgen 20 Llhr ihr einmaliges Gastspiel im Stadttheater. Die Veranstaltung ist außer Abonnement. Ende 22 Uhr. Die Theaterkasse macht nochmals aufmerksam, daß wegen der starken Nachfrage vorbestellte Karten unbedingt bis heule während der Kassenstunden abgeholt sein müssen, da ab morgen über nicht abgeholte Karten anderweitig verfügt wird. Von auswärtigen Theaterbesuchern vorbestellte Karten bleiben bis eine viertel Stunde vor Beginn der Veranstaltung reserviert. — Der Ges angverein „Heiterkeit" Gießen veranstaltet am Sonntag, 13. Rovem- brr, 15.30 älhr in der Reuen Aula der ilni- versrtät sein diesjähriges Konzert unter Mitwirkung des gesamten Musiklorps des hiesigen Reichswehrbataillons. Die Leitung des Orchesters liegt in Händen von Obermusikmeister Krauße, Chorleiter ist Herr Wilhelm S ch ä t t* le r. Räheres ist aus der heutigem Anzeige ersichtlich. — Eine M ä rchendarbietung veranstaltet der Bund Königin Luise am nächsten Sonntagnachmittag und Sonntagabend im Saale des „Hotels Schütz“. Frau Grete S t e i n e ck e wird ihren kleinen und großen Zuhörern durch reizende Märchenerzählungen frohe Stunden bereiten. Aus anderen Städten, in denen Frau Steinecke in der gleichen Weife wirkte, liegen Berichte mit lobender Anerkennung vor. Der Besuch der Veranstaltung kann nur empfohlen werden. Man beachte die heutige Anzeige. OieArbeitsmarktlageinOberyessen Leichte Verschlechterung im Oktober. Das Arbeitsamt Gießen teilt in seinem Bericht über die Gestaltung des Arbeitsmarktes in Oberhessen im Oktober folgendes mit: Im Derichtsmonat hat der oberhessische Ar- beitsmarkt eine leichte Verschlechterung erfahren. Die Arbeitsuchendenzahl ist von 14 597 des Vormonats auf 15 082 gestiegen und liegt um 2208 höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das Ansteigen der Arbeilsuchendenzahl ist in erster Linie auf das Arbeitslosmelden von Landwirtföhnen und Handwerkerföhnen zurückzuführen, die sich für den Freiwilligen Arbeitsdienst oormerken lassen. Dies erklärt sich auch schon daraus, daß die Zahl der Arbeitslosen von 12134 auf 11913 gesunken ist. Im Vorjahr betrug die A r b e i t s* losenzahl 11 814. Daß der Zustrom von Arbeitsuchenden nicht in erster Linie saisonbedingt ist, zeigt, daß im Monat Oktober der Zugang um Arbeitsgesuche 3301 betrug, gegenüber 2567 des Vormonats und 4073 des Vorjahres; somit ist der Zugang um rund 700 zurückgeblieben. Der Abgang an Arbeitsgesuchen betrug 2390, gegenüber 2638 des Vormonats und 2034 des Vorjahres; somit ist der Abgang um rund 240 niedriger als im Vormonat, aber um rund 360 höher als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Von ihren früheren Arbeitgebern namentlich angefordeN wurden 143 Personen, gegenüber 11 des Vormonats und 230 des Vorjahres. In Arbeit vermittelt wurden 459 Personen, gegenüber 486 des Vormonats und 963 des Vorjahres. Das Arbeilsbefchafsungsprogramm der Reichsregierung und die Maßnahmen zur Belebung der wirtschaft haben sich auch in unserem Bezirk ausgewirkt, wir konnten feslstcllen, daß etwa 700 Personen auf Grund der vorerwähnten Maßnahmen mehr in Arbeit kommen konnten. Die Zahl der Arbeitslosenunterstützungsempfänger betrug am Ende der Derichtszeit 1439, gegenüber 1665 des Vormonats und 4131 des Vorjahres. Krisenfürsorge bezogen 2442 Personen, gegenüber 2871 des Vormonats und 4780 des Vorjahres. Anerkannte Wohlfahrtsempfänger zählten wir im Berichtszeitraum 3141, gegenüber 3069 des Vormonats; eine Vergleichzahl zum Vorjahre liegt nicht vor. Im freiwilligen Arbeitsdienst waren 4031 Arbeitsdienst- willige b'schästigt. Rotstandsarbeiten verrichteten 2365 Personen, und zwar 599 Arbeitslosenunter* stützungsempfärg r, 1633 Krse urlerstühu gsemp* fänger und 111 Wohlfahrtsunterstützte. Kurz- arbeiterunterstühung erhielten 246 Personen, und zwar verteilen sich diese auf folgende Betriebe: 1 Zahnfabrik, 7 Tabakfabr.ken, 4 Meta'b'abriken, 1 Clektrofabrik, 1 Hornwarenfabrik, 1 Druckerei, 1 Weberei, 1 Färberei und 1 Sägewerksbetrieb. ff Weiße Zähne: Chlorodont U: Di« Ausgabe müsse heißen: Wie behaupten wir und in der Krise? Wir mühten lernen, in solchen Zuständen zu leben und unsere Zukunst in Händen zu tragen/wenn sie schon die Bodenständig- teit verloren habe. Mit einigen Gedanken über das Geld, das nicht allein Zahl, sondern qualitatives Mittel sein mühte, sowie mit der Wiedergabe einiger wesentlicher Punkte in Rudolf Steiners Haltung zu Geld und Geldwirtschaft beschloh der Redner seinen aufmerksam verfolgten Dortrag. 500 Prozent Bürgersteuer in Laubach. □ Laubach, 10. Rov. 3n der gestrigen Sitzung hat der Gemeinderat beschlossen, die Bürger st euer mit 500 Prozent des Landessatzes für das Kalenderjahr 1933 zu erheben. Der Sah für 1931 und 1932 betrug 200 Prozent. Stadtvorstand in Alsfeld. Alsfeld, 10. Rov. 3n der jüngsten Stadtvorstandssihung gelangte die A b - rechnung vom Prämienmarkt 19 3 2 zur Dorlage. Daraus ergab sich, dah die Gesamteinnahmen 5935,23 Mark, die Ausgaben 6299,91 Mark betragen, mithin ergibt sich eine Mehrausgabe von 364,68 Mark. Die Derlosung erbrachte infolge des ungünstigen Loseverkaufs — es wurden nur 6486 Stück zu 50 Pfennig verkauft — nur noch einen geringen Ueberschuß, so dah erwogen wird, sie im nächsten Jahre eventuell ganz ausfallen zu lassen. Die Abrechnung wurde genehmigt. Wie mitgeteilt wurde, besteht der Alsfelder Prämienmarkt im Jahre 1 9 3 3 fünfzig Jahre. Aus diesem Anlaß soll die nächstjährige Marltveranstaltung Im entsprechenden Rahmen stattfinden. Grünberger Gallusmarkt. + Grünberg, 10. Rov. Auch der heutige zweite Markttag erfreute sich eines guten Besuches. In der Turnhalle fand am Rachmittag die Ziehung der GallusmarktVerlosung statt, die — wie üblich — viele Zuschauer crn- gelockk' hatte. Zufälligerweise wurde der erste Gewinn mit dem ersten Los auf die Rümmer 2617 gezogen. Der glückliche Gewinner ist ein Reisender aus Frankfurt, der das Los gelegentlich eines Kundenbesuches hier erwarb. Dom ersten Markttage ist noch nachzutragen, dah bei der Polizei einige D i e b st ä h l e gemeldet wurden. Durchweg Frauen, die ihr Portemonnaie nicht mit der nötigen Sorgfalt auf- bewahrt hatten, gaben Taschendieben Gelegenheit, ihr unsauberes Handwerk auszuüben, die in den einzelnen Fällen 4, 6, 14 und einmal sogar 20 Mark erbeuteten. In einem Tanzlokal wurde auch ein Herrenmantel entwendet. Hier ist die Polizei dem Diebe auf der Spur, während die Rachforschungen nach den Gelddiebstählen ersolglos blieben. Wenn auch das Marktgeschäft nicht den Umfang früherer Jahre erreichte, was ja bei der heutigen schweren wirtschaftlichen Lage selbstverständlich ist, so kann doch wohl behauptet werden, dah die Verlegung des Marktes nicht geschadet hat. Das ist wohl auch darauf zu- rückzuführen, dah das günstige Wetter viel mit zum guten Besuch beitrug. Ob die Abhaltung des Marktes am ursprünglich festgesetzten Termin «inen besseren Markt gebracht hätte, ist zu bezweifeln, da damals ungünstiges Wetter herrschte. Vilbel errichtet ein Volks- unh Mineralbad. WSR. Dilbel, 10. Rov. Auf der Tagesordnung der letzten Gemeinderatssihung stand als wichtigster Beratungsgegenstand die Errichtung eines Volks- und Mineralbades. Die Stadtverwaltung gab davon Kenntnis, daß dieLandes- versicherungsanstalt für den genannten Zweck 60000 Mk. zur Verfügung st eile. Mit diesem Betrag müsse das Bad auf Grund fachmännischer Kalkulation auskommen. Es handelt sich um die Errichtung wo n Heilbädern, denen natürlich auch Reinigungsbäder angegliedert seien. Vertragliche Abmachungen sicherten die Lieferung des Wassers durch den Brodschen Sprudel. Das Badehaus soll sich an das von der Gemeinde übernommene Volkshaus anschliehen. Der Gemeinderat billigte das Projekt einstimmig. Marburger Testspiele 1933. WSR. Marburg, 10. Rov. In einer Der- waltungsausschuhsihung des Marburger Der- kehrsvereins beschäftigte man sich u. a. mit der Frage der Fortführung der Marburger Fe st spiele auch im Jahre 1933. Man kam zu dem Ergebnis, dah die Festspiele erfahrungsgemäß das zugkräftigste und billigste Werbemittel für Marburg darstellen. Die im letzten Sommer gehandhabte Organisation der Spiele, bei welchen bekanntlich die Stadt kein Risiko trug, hat sich bewährt so dah man auf dieser Grundlage die Festspiele auch in 1933 fortzuführen gedenkt. Ein falscher Konsulalsbeamier. WSR. Frankfurt a. M., 10. Rov. In der letzten Zeit tritt in Frankfurt a. M. ein angeblicher Konsulatsbeamter auf, der Leute aussucht und ihnen einredet, in Amerika gelange eine Erbschaft zur Verteilung und sie kämen als Miterben in Frage. Der Schwindler nennt sich Dr. Gerhard oder Gebhard. Er gibt an, er sei beauftragt, im Bezirk Hessen- Rassau Erbberechtigt.« zu suchen. Auf diese Weise versucht er sich Geldbeträge zu verschaffen. Vor dem Schwindler wird gewarnt. Er ist etwa 1,72 Meter groß, schlank, blond, hat eingefallenes, schmales Gesicht, sicheres Auftreten und ist gut gekleidet. Von einem Lastkraftwagen totgedrückt. WSR. Alzey, 10. Rov. Gestern abend ereignete sich auf der Strahe von Alzey nach Albig ein schweres Autounglück. Der Chauf- feur eines grohen Vorführungslastwagens des Rheinhessischen Elektrizitätswerks in Worms fuhr in der Dunkelheit in eine wegen Pflaisterarbeiten gesperrte Stelle der Strahe. Als er das Hindernis bemerkte, rih er das Steuer herum, um noch im letzten Augenblick in die Umleitungsstraße zu gelangen. Dabei geriet der schwere Wagen an einen Abhang, an dem er hängen blieb. Zwei Frauen, di« der Chauffeur aus Wörrstadt mitgenommen hatte, konnten ohne Schaden den Wagen verlassen. Als auch der Chauffeur aussteigen wollte, verlor der La st wagen das Gleichgewicht und begrub den Chauffeur und «ine der Frauen, Wc dem Manne noch behilflich sein wollt«, unter sich. Der Wagenführer geriet mit dem Kopf zwischen Türrahmen und Wagen, wobei der Kopf zerquetscht wurde, so daß der Tod sofort eintrat. Die Frau kam mit dem Oberkörper unter den Motorteil des Wagens zu liegen, der den Boden nicht berührt«. Dagegen erlitt sie Verletzungen an den Beinen. Die verletzte Frau wurde in das Kreis krankenhaus gebracht. Verlegung des Kulturamts Dillenburg? MSR. Dillenburg, 10. Rov. Die Stadtverordneten nahmen in geheimer Sitzung eine Ent- schliehung zur Weitergabe an die Regierung und das Ministerium an, in der mit Befremden davon Kenntnis genommen wird, dah beabsichtigt sei, das Kulturamt von Dillenburg nach Biedenkopf zu verlegen. Die Verlegung des Kulturamts würde ein« so schwere Schädigung für die Stadt bedeuten, dah dagegen der Vorteil, den die Verlegung einer kleinen Zahl von Kreisbeamten nach Dillenburg bringt, nicht ins Gewicht falle. Wirischast. * Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG., Berlin (Veba). Die Generalversammlung der Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks A.-G., Berlin (Veba), der Dachgesellschaft der vier großen Wirtschaftsunternehmungen Preußens, genehmigte den Abschluß für das am 30. Juni 1932 beendete Geschäftsjahr. Während im Vorjahr aus einem Reingewinn von 11,45 Mill. Mk. noch eine Dividende von 4 Prozent ausgeschüttet werden konnte, schloß das Berichtsjahr unter Verrechnung des Gewinnvortrages aus dem Vorjahr von 68 417 Mk. mit einem Verlust von 3,48 Mill. Mk. ab, der durch Entnahme aus der Sonderrücklage gedeckt wurde. Der Derlustabschluh ist darauf zurückzuführen, dah die vier der Veba angeschlossenen Gesellschaften für das Jahr 1931 sämtlich ihre Dividende ausfallen ließen, so dah der Dachgesellschaft aus ihren Beteiligungen keine Einnahmen (i. V. 12,62 Mill. Mark) zugeflossen sind. Anderseits hatte die Gesellschaft 3,4 Mill. Mk. für die Verzinsung aufgenommener Kapitalien aufzuwenden. Rach dem Geschäftsbericht hatte die Wirtschaftskrise bei den angeschlossenen Unternehmungen einen erheblichen Produktions- und Absatzrückgang zur Folge. Das Ergebnis dieser Gesellschaften wurde ferner durch die Ermäßigung der Verkaufserlöse, die nur zum Teil durch Senkung der Selbstkosten ausgeglichen werden konnten, ungünstig beeinflußt. Felten & Guilleaume Carlswerk Eisen- und Stahl-AG., Köln. Die Gesellschaft wird das Geschäftsjahr 1931 32 mit einem Verlust Do- etwa 200 000 Mk. abfchliehen. Die Abschreibungen belaufen sich auf etwa 1,5 (1,5) Millionen Mark. Berlin ruhig. Berlin, 11. Nov. (WTB. Funkspruch.) Die Berliner Börse zeigte heute zu Beginn des Verkehrs ein freundliches Aussehen. Neben der in Neu- york eingetretenen Erholung, die naturgemäß stärkere Beachtung fand, waren heute vor allem nationale Momente tendenzbestimmend. Die Rede des englischen Außenministers, in der die deutsche Gleichberechtigungsforderung wenigstens zum Teil anerkannt worden ist, befriedigte, da sie zu einer außenpolitischen Entspannung führen kann. Auch in der Innenpolitik glaubt man, obwohl positive Ergebnisse der Verhandlungen des Kanzlers noch nicht voc- liegen, einer Losung auf längere Sicht näherzukommen. Das weitere Anziehen der Kupferpreise und die Verbilligung von Roheisen zur Ankurbelung des Exports regten ebenfalls etwas an. Weiter stellte das Abflauen der Unruhen in der Schweiz wegen der Auswirkungen auf die ^Schweizer» Börsen ein Hausscrnoment dar. Das Geschäft war jedoch schon anfangs sehr klein; es hatte zwar Kauforders gegeben, die auch einige Deckungen nach sich zogen, doch war die Anzahl dieser Aufträge unbefriedigend. Die Be s s e r u n - gen beliefen sich durchschnittlich auf bis zu 1 o. $)., teilweise bis zu 2,5 v. S)., wobei jedoch die Enge der Märkte der Hauptgrund für die Größe der Gewinne war. Kunstseideaktien gewannen bei etwas lebhafterem Geschäft bis zu beinahe 3 v. H. Nur vereinzelt bemerkte man auf zufälliges Angebot Abschwächungen bis zu 1,75 v. H. Im Verlaufe ließ das Geschäft stark nach, doch ergaben sich nur geringfügige Veränderungen. Contigummi zogen um 2 v. H. an, während Schultheis etwa 1 o. S). nachgaben. Die Rentenmärkte hatten besonders im Verlause festere Veranlagung. Von Anleihen waren Altbesitz unter Schwankungen etwa 0,5 v. S). höher. Neubesitz und Schutzgebiete zeigten keine nennenswerten Veränderungen. Sehr fest lagen Reichsschuldbücher und Reichsbahnvorzugsaktien, die bis zu 1 d.S). gewannen. Steuerfreie Reichsbahnanleihe war zu 92,50 v. $). gefragt, aber kaum zu haben. Variable Industrieobligationen gewannen bis zu 1 v. 5)., Stahlbonds zogen um 2 o. $). an. Auch die übrigen Rentenwerte tendierten fester. Von Ausländern waren Bosnier, Mexikaner, Oesterreicher und Rumänen schwächer, Anatolieer 20 Pf. höher. Frankfurt erholt! Frankfurt a. M., 11. Rov. (WTB. Drahtmeldung.) An der heutigen Börse machte sich nach dem Rückschlag des gestrigen Tages eineEr- holung bemerkbar, die zum Teil recht prägnante Befesttgungen aufwies. Auf Grund der kräftigen Befestigung Wallstreets war man wieder etwas zuversichtlicher gestimmt, Humal auch die innerpolitisch« Situation etwas günstiger betrachtet wurde. _ Auf Hein« Rückdeckungen der Spekulation tarn es gegenüber der Abendbörse zu durchschnittlichen Erhöhungen von 1 Prozent. Infolge der Richt- beteiligung des Publikums hielt sich die Umsatz- iätigfeit in engen Grenzen. Etwas stärker erholt waren vor allem einige Clektroaktien, wie Ges- fürcl, Lahmeyer und Siemens, die bis zu 2,65 Prozent anzogen, ferner Kunstseideaktien mit Besserungen bis zu 2,50 Prozent. Ebenso lagen Reichsbank mit plus 1,50 Prozent über Durchschnitt gebessert. Bis zu 1 Prozent fester eröffneten IG., Scheideanstalt, Schuckert, Montan- und Schiffahrtswerte, sowie von Elektroaktien AEG., dagegen gaben von Dauaktien Zement Heidelberg 1 Prozent nach. Am Rentenmarkt war lebhafteres Kulissengeschäft in Reichswerten, von denen die Altbesitzanleihe und später Reichsschuldbuchforde- rungen bis zu 1 Prozent anzogen. Auch die R«u- besitz-Schuhgebietsanleihe lag bis zu 0,39 Proz. freundlicher. Don Industrieobligationen setzten Stahlvereinsbonds 0,75 Prozent, und Reichsbahnvorzugsaktien 1 Prozent fester ein. Am Auslandsrentenmarkt blieben Zolltürken zu 3,50 Prozent behauptet. Für Goldpfandbriefe und Kommunalobligationen zeigte sich einiges Kuufinteresse, so daß meist Besserungen von 0,5 bis 1 o. H. zu verzeichnen waren. Dagegen lagen Liquidations- Pfandbriefe im Angebot, ohne daß eine nennenswerte Veränderung der Kurse cintrat. Deutsche Anleihen und Reichsschuldbuchforderungen gingen im Verlaufe etwa 0,25 bis 0,50 v. ch. zurück bei wesentlich ruhigerem Geschäft. Am Geldmarkt trat vorübergehend eine leichte Verknappung ein, so daß der Satz für Tagesgeld um 0,25 auf 3,50 v. H. erhöht wurde. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) 2ln den hessischen Ainanzmlnister. Gerüchtweise verlautet, daß das Forstamt Gießen samt Di en st wohnung aus der Wilhelmstraße verlegt werden soll. 1. Wann wurde das Forstgebäude in der Wilhelmstraße gebaut? 2. Warum muß nach so kurzer Benutzung jetzt plötzlich ein neues Forstamt und eine neue Dienstwohnung zu beziehen geplant werden? 3. Welche Villa In der Moltkestraße soll gekauft werden? 4. Wie groß ist das Defizit des hessischen Staatshaushaltes? Ein Steuerzahler. SJ.-fpor/ Max Danz spricht über die Olympiade.l93r. Am Sonntagvormittag spricht Max Danz, der einzige Olympiakämpfer, der aus dem Bezirk Hessen-Hannover an den Olympischen Spielen in Los Angeles teilnahm, in unserer Stadt. Max Danz wird seine Eindrücke uno Erlebnisse schildern, von der Ueberfahrt und der Fahrt durch ganz Amerika, von Empfang und Aufnahme in Los Angeles und vielen anderen Einzelheiten berichteten und so den Zuhörern einen Eindruck vermitteln von dem mannigfaltigen Erleben, das den deutschen Sportlern in den Tagen der Olympiade 1932 beschieden war. Durch etwa 120 Lichtbilder wird der Redner, wie man erwarten darf, seinen Vortrag besonders anregend zu gestalten wissen. Handball-Ergebnisse aus dem Gau Hessen der OT. Meisterklafse: Tv. MünchholzhausenI — Tv. 1846 Gießen 7:2; TSV. Buhbacy l — Tgm. Friedberg I 5:5; Tv. Kirchhain — Tv. Alsfeld 3:1. A - Klasse: Tv. Lützellinden I — Tv. Lich 14:2; Tv. Ridda — Tv. Ortenberg 4:1; Tv. Wal- lau — Roth 2:2; TSV. Marburg II — Tv. Cölbo 2:4. B «K lasse: Tv. Dutenhofen — Tv. Braunfels 6:3; Tv. Münchholzhausen II — Tv. Krofdorf l 4:3; Tv. Klein-Linden — Tv. Lützellinden II 6:0; Tv. Groß-Rechtenbach — Tv. Hochelheim i 1:10; Tv. Griedel — Tv. Gambach 5:7; Tv. Pohl- Göns II — Tv. Steinfurth 6:0. C - K l a s s e : Tv. Lützellinden III — Tv. Klein- Rechtenbach 1:5. Handball im Gau Hessen (O. T.) Dornholzhausen I — £ang-®önl I 6:5 (2:3). Zum letzten Verbandsspiel hatte am vergangenen Sonntag Dornholzhausen die 1. Mannschaft des To. Lang-Göns zu Gast. Von Anfang an entwickelte sich ein flottes Spiel. Dornholzhausen eröffnete den Torreigen. Lang-Göns gelang es, zweimal auszugleichen und kurz vor Halbzeit sogar in Führung au gehen. Halbzeit 3:2 für Lang-Göns. Nach der Pause jedoch ging die Platzmannschaft mächtig aus sich heraus und erhöhte bald auf 5:3. Lang-Göns gab sich nicht geschlagen und konnte durch zwei Strafwürfe wieder ausgleichen. Dornholzhausen ging zum Endspurt über und erzielte kurz vor Schluß das siegbringende Tor. , FC.Teutonia" Wahenbom-Steinberg Nachdem sich die 1. Elf der Teutonen durch eindrucksvolle Siege in 6 Spielen mit einem Torverhältnis 36:8 an die Spitze der Tabelle gefetzt hat, empfängt sie am kommenden Sonntag die 1. Mannschaft des VfR. Butzbach. Wenn auch die Steinberger rm Pokalspiel in Butzbach 4:1 Sieger blieben, so ist doch festzustellen,^daß die Butzbacher Elf in letzter Zeit eine wesentliche Formverbefserung zeigt. Das Spiel sieht gleichwertige Gegner im Kampf um die endgültige Führung in der Vorrunde. Der Ausgang des Treffens ist ungewiß. Man darf mit einem spannenden Kampf rechnen. Wettervoraussage. lieber Skandinavien hat sich der hohe Druck weiter verstärkt, |o daß durch seine Südseite in Deutschland noch östliche Winde vorherrschen, und somit das meist trockene Wetter zunächst erhalten bleibt. Bei Island ist allerdings ein kräftiges Tiefdruckgebiet erschienen und führt fehr warme Luft mit sich. Diese wird östlich Vordringen, den hohen Druck allmählich zum Abbau bringen und bei ihrem Aufgleiten Nebel- und Wolkenbildung sowie später auch Niederschläge veranlassen. Aussichten für Samstag: Meist neblig- bewölkt, vorerst noch trocken, kein« wesentlichen Temperaturschwankungen. Aussichten für Sonntag: Im ganzen milder, dunstig und bewölkt, aufkommende Niederschläge. Lufttemperaturen am 10. November: mittags 8 Grad Celsius, abends 8,4 Grad ; am 11. November: morgens 6,4 Grad. Maximum 8,5 Grad, Minimum 2 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 10. November: abends 6,1 Grad; am 11. November: morgens 6,1 Grad Celsius. Sei Erkältungskrankheiten, bei Schmerzen rheumatischer, gichtischer u. nervöser Art haben sich Togal-Tabletten hervorragend bewahrt. Togal beseitigt die Krankheitsstoffe auf natürlichem Wege, es ist außerdem bakterientötend! Ein Versuch überzeugt! In allen Apotheken Mk. 1.25. 7257 v 12,6 Llth., 0,46 Chln., 74,3, Add. acet sallc. 91 OBERST Beidernaty teurerMarkenfärt 03 sich Milde z/zzf AROMA paart, i Es ist soviel die Rede von'milden Zigaretten. Als ob es eine besondere Kunst wäre, eine milde Zigarette herzustellen! Wenn JhnenJhre Marke bei aller Milde nicht Der O B ERST Raucher hat die Gewissheit,eine 3% Pfg-Zigarette nach dem bewährten Rezept einer aromatischen 5 Pf^-Marke zu rauchen. WVWW OBERST die 3% PfrZigarette » mehr schmeckt,dann liegt’s daran,dass sie kein Aroma hat. Me allein das ist zu. OBERST Am Samstag, dem12.November beginnt unser großer Extra- Verkauf in Trikotagen und Wollwaren. 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November, nachm. 2% Uhr, vom Sterbehause Wilhelmstraße 38 aus statt. __7935 D Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, meine liebe Frau, unsere treusorgende Mutter, Schwiegermutter, Großmutter, Schwester, Schwägerin und Tante Frau Katharina Fischbach geb. Becker plötzlich und unerwartet im 72. Lebensjahre zu sich in die Ewigkeit zu nehmen. Die trauernden Hinterbliebenen: Georg Fischbach und Familie. Kirchberg, den 10. November 1932. Die Beerdigung findet Samstag, 12. Nov., nachm. 3 Uhr, in Staufenberg vom Trauerhause aus statt. _______________066^7 [Vermietungen | 1 gr.Zimm. m. K., renon., fof. z. nerm. Mietb.-Sch. erforb. Marktplatz 20. Auskunft part. ossis Daselbst noch 2 mö- lierte Zimmer. Mietgesuche Alleinst.berufstätig. Dame sucht, p. sof. l-2ieere5immn ob.Zimm.m. Küch. in nur gutem Hause. Schr. Angeb. unter 7948Da.d.G.Anz. Niedrigste Preise für Qualitäts-Leistungen: Ulster oder Ulster-Paletots in den Hauptpreislagen: 24,- 34,- 44,- 54,- 64,- u. h. 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Dazu kam, daß die Donaumonarchie vor der immer unabwendbarer | werdenden Notwendigkeit einer inneren Neuordnung stand, wollte es den sich schon ankündi- genden Stürmen widerstehen und die immer näher rückende Todesstunde Franz Josephs überdauern. Liefe innere und äußere Lage muh man sich ins Gedächtnis zurückrufen, will man das wahrhaft titanische Ringen Conrads um die Erhal- tung und neue Machterhöhung Oesterreichs im Frieden und im Kriege begreifen und zugleich die erschütternde Tragik des letzten Drittels seines Lebens und österreichischen Schicksals überhaupt verstehen. Am 11. November 1852 ist Conrad in dem Vororte Penzing bei Wien geboren worden. Die ganze Tradition einer stolzen Vergangenheit war um seine Jugend. Sein Vater, der Neiter- oberst Franz Freiherr von Conrad, hatte schon die Befreiungskriege mitgekämpft und war so spät zur Ehe gekommen, daß Conrads Mutter noch den Tag erleben durfte, an dem es 100 (!) Jahre her waren, daß ihr Gatte im Dragoner- regiment Fürst zu Windischgräh Nr. 14, das sich bei Kolin Ruhm und Schnurrbartlosigkeit erritten, bei Leipzig gefochten. Conrads Vater hatte noch Gneisenau und Blücher, Schwarzenberg und Radetzky gesehen. Er zählte es zeitlebens zu seinen stolzesten Erinnerungen, daß er mit seiner Schwadron einen Tag lang den gestürzten Napoleon auf dem Wege nach Elba eskortieren durfte: damals, als der Imperator, von Angst um sein Leben ergriffen, vor der Wut des südfrcmzö- sischen Volkes Schutz in einer österreichischen Offiziersuniform suchte. Es ist diese Tradition, die durch Conrad die Befreiung so merkwürdig über ein Jahrhundert hinweg mit dem Weltkriege verbindet, auf den künftigen Feldherrn nicht ohne Einfluß geblieben. Es hat aber Conrad, dem noch die unmittelbare, mündliche Lleberlieferung über kommen war, auch schwer darunter gelitten, daß die Geschichtsschreibung die Verdienste Oesterreichs verdunkelte, das vor Leipzig durch fast 20 Jahre für die Freiheit Deutschlands geblutet und die Macht war, die Napoleon als erste den Lorbeer von der Stirne gerissen, die einzige, die ihn allein in offener Feldschlacht besiegt. In diesem Gefühle, seinem Lande die gebührende Geltung zu verschaffen, in seinem heißen österreichischen Herzen, in der Klarheit seines Geistes, der die zukünftigen Knüpfungen europäischer Politik richtiger sah als- die Staatsmänner der Mittelmächte, wurzeln Ziele, Arbeit und Tragik seines Lebens. Als der Innsbrucker Livisionär, erst 54 Jahre alt, Chef des Generalstabs wurde, war er längst kein Unbekannter mehr. Als junger Offizier hatte er sich in zwei blutigen Feldzügen — in Bosnien und Süddalmatien — Ruf und Auszeichnungen geholt. In dem Taktiklehrer der Kriegsschule — sie entsprach der deutschen Kriegsakademie — hatten Vorgesetzte und Schüler schon den Führer der Zn der modernen Türkei. Von unserem P. K.-Korrespondenten. des Ghazi Mustapha Kemal, sich ausbreiten. Zwei mächtige, moderne Gebäude dominieren: Kriegsministerium und Generalstab. Gut! Man sagt, die Armee sei das Allerbeste an der neuen Türkei. Sie war auch vorher nicht schlecht. Die eigentliche Verteidigungskraft des Staates liegt allerdings in feiner geographischen Unangreifbarkeit. Wer soll es wagen, von einer entfernten, rückwärtigen Basis aus in das Innere von Anatolien vorzudringen, wo er nichts von vorrätigen Hilfsmitteln findet! Ich sah aber nicht nur militärische Gebäude, nicht nur Mi- nisteroillen und Gesandtschaften, sondern ich sah auch einen hohen Bau, der mir schon vorher a l s Lehrer-Hochschule gewiesen war. Pädagogische Akademie, würde man jetzt in Deutschland dafür sagen. Eine Ausbildungsanstalt für 500 Lehrer — und das ist es, was die Türkei des Ghazi (der Titel bedeutet „der Sieger") von der Türkei der alten Sultane unterscheidet. Die 500 Lehrer werden Naturkunde, Mathematik moderne Sprachen, türkische Geschichte, Erdkunde, Bürgerkunde unterrichten, und wenn diese Dinge ins Volk gedrungen sind, wird es keine Rückkehr mehr zum Alten geben — wie sie von den Flugzeugen und Automobilen immer noch möglich ist. Neu-Angora hat ein Hygienisches Institut, an das als Leiter ein Münchner Mediziner bestimmt ist. Es hat ein großes, modernes Krankenhaus, und es sind deutsche Schwestern zur Ausbildung von türkischen in Angora tätig. Im Hygieneministerium macht eine deutsche, vom Reichsgesundheitsamt her gegebene Kraft die Expertisen für die Regierung des Ghazi, und in einem noch in der Vollendung begriffenen großen Landwirtschaftlichen Institut wirken an verschiedenen Abteilungen fünf deutsche Professoren. Auch den meteorologischen Dienst, der auf das Flugwesen zugeschnitten ist, richtet ein Deutscher ein. Man hat gefragt, und ich habe es selbst getan, ob denn der Fortbestand aller dieser Dinge über die Lebenszeit des Ghazi hinaus gesichert ist, zumal, wenn ihn ein plötzlicher Tod treffen sollte. Daß ein solcher in diesem Augenblick ein Schlag für die Türkei wäre, ist richtig. Unheilbar wäre er nicht mehr, und mit jedem Jahr wachsen aus der Generation der jüngeren Hilfskräfte Persönlichkeiten heran, die Führerqualität besitzen. Um ein Bild zu brauchen: Der Anker der Reformen hat in der neuen Türkei Grund gefaßt; er hält! Das Schiff wird nicht mehr ins Treiben geraten. Bedenklich könnte nur eins stimmen: der neue türkische Staat ist nicht nur religionslos, sondern von der neuen Bildung muß man geradezu sagen, daß sie a t h e ist i s ch ist. Die Stelle der Religion wird ersetzt durch einen scharf nationalistisch eingestellten Patriotismus. Ob das'der Dolksmasse, die nicht ewig bloß Objekt sein kann, in der auch schöpferische Kräfte entbunden werden müssen, auf die Dauer eine sittliche Lebensgrundlage geben kann, muß bezweifelt werden. Angora, Ende Oktober 1932. Was heißt moderner Orient? Wenn ich im dreiachsigen Luxusautobus in 24 Stunden durch die Wüste von Damaskus nach Bagdad brause, und unterwegs beim Brunnen in der Oase im Radio Budapester Zigeunermusik höre, oder wenn König Feisal von seiner Residenz Bagdad im Flugzeug aufsteigt, um der Erbohrung einer Petroleumquelle bei Mossul beizuwohnen oder um seinen Bruder Abdallah in Amman, im Ostjordanland, zu besuchen — ist das moderner Orient? Ja und nein: Ja, weil es eine Revolutionierung der Verkehrsmittel ist; nein, weil man diese Flugzeuge und Automobile nur fortzunehmen braucht, um wieder den alten Orient zu haben — wenn nicht inzwischen noch etwas Anderes geschehen ist. Um dies „Andere" kennenzulernen, muß man nach Angora kommen. Hundert Kilometer vor Angora sieht man an der Bahnlinie eine Anlage, die an unsere Heldenfriedhöse erinnert. Es ist auch einer. Hier brachten die Türken 1921 den V o r - marsch der Griechen auf Angora zum Stehen und zwangen sie zum Rückzug. Der Krieg mit Griechenland war das entscheidende Ereignis für die Geburt der neuen Türkei, und Frankreich in der Person des Franklin Bouillon war Pate dabei. England hatte Griechenland in den Krieg gegen die Türkei gehetzt, um ihr ein Ende zu machen und über die Stücke nach seinem Bedürfnis zu disponieren. Frankreich unterstützte die Türken, weil cs nicht wollte, daß England unumschränkter Konkurs- verwaller auch für den Rest der türkischen Masse wurde. Die Zeche mußten die Griechen bezahlen. Sie ließen 100 000 Mann in Anatolien, verloren Smyrna mit dem großen Hinterland, das ihnen zugedacht war, wieder an die Türken, und Mustapha Kemal fügte zu der schon vorher besorgten Ausrottung der Armenier die Vertreibung von anderthalb Millionen Griechen aus Kleinasien und Thrazien. Nun waren die Türken „unter s i ch", die Türkei war ein „türkischer" Staat. Was ist in dem Jahrzehnt seit dem griechischen Kriege geschehen, um wirklich aus der allen eine neue Türkei zu machen? Auf die Frage kann man nur antworten, wenn man das heutige Angora gesehen hat. Angora ist eine alte Stadt. Hethiter und Phrygier haben hier gesessen, Kelten sind im 3. Jahrhundert vor Christi bis hierher vorgedrungen und gaben dem Lande seinen Namen, Galatien. Der Apostel Paulus hat hier gepredigt und später feinen Brief an die Galater geschrieben, und neben einer kleinen Moschee ragt noch die hohe Ruine des Augustustempels, in deren Mauer Augustus einen langen Rechenschaftsbericht über seine Regierung graben ließ, das berühmte Monumentum Ancyra- nüm! Auch die Mauern der mittelalterlichen Zitadelle sind aus römischen Quadern, alten Säulentrommeln, zerschlagenen Allären und Friesen getürmt. Auf dieser Burg vor Angora stand ich heute und sah gen Westen die Neustadt, die Schöpfung Zukunft erkannt. Seine neuartigen Werke über Taktik ließen die Generalstäb'er aller Staaten auf. horchen. Als Divisionär Tirols schuf er, allen Heeren ein Muster, Technik und Gefechtsführung des modernen Hochgebirgskriegs. Ein durch seine klassisch klare, ideenreiche Befehlsgebung errungener großer Manöversieg hatte auch die ausländischen Fachleute verblüfft. Nur er selber, der Ueberbescheidene, schien nicht zu wissen, wer er war. Verwundert, hartnäckig und mit seltenem Freimut lehnte er ab, als Franz Ferdinand ihm im Belvedere, dem Schloß des Prinzen Eugen eröffnete, daß er ihn zum Chef des Generalstabs ausersehen. Erst als der Thronfolger diesen Wunsch in einen Befehl kleidete, nahm er an. Seine Bitte bei der Antrittsaudienz bei Franz Joseph lautete: „Ich bitte, Eurer Majestät stets unumwunden meine Meinung sowie die Wahrheit offen sagen zu dürfen." Die Antwort des Monarchen war: „Ich gestatte Ihnen das nicht nur, sondern mache es Ihnen zur Pflicht." — Der alte Kaiser und Seiner Hände Werk Vornan von Klothilde von Stegmann-Stein. Copyright by Martin Feuchtwcmger, Halle (Saale) 13 Fortietzung Nachdruck verboten. Die Jüngere der beiden, eine trotz ihrer Unfeinheit sehr schone Frau, versuchte gleich am ersten Tage von ihrem Frühstücksplatz aus ein zündendes Blickspiel mit Olaf, als dem einzigen zungen Manne im Hotel, zu beginnen. Olaf gab sich den Anschein, als sähe er die Bemühungen der Dame nicht. Auch als sie am Strande ziemlich absichtlich ihren Bademantel vor ihm herunterfallen ließ, hob er ihn zwar mit einer höflichen Verbeugung auf, ging aber weiter, ehe sie noch ihrem überschwenglichen Dank ein weiteres Wort hatte folgen lassen können. Eines Abends, schon spät, ging Olaf noch einmal zum Strande. Es war schon dunkel, nur das Meer trug noch auf seinen Wellen die Helligkeit des Tages wie eine lichte Erinnerung daran. Mit vollen Zügen atmete Olaf die salzige Luft ein, fühlte den herben und doch warmen Seewind wie eine Kühlung um die Schläfen. Und schon kam ihm von der Düne her das tiefe, gleichmäßige Rauschen des Meeres entgegen. Immer war das tiefe Rauschen Beruhigung auch des Herzens, das ihm jetzt oft so schwer und trübe war. In dem ersten Strandkorbe, der dem Seesteg zunächst stand, ließ er sich nieder. Plötzlich hörte er aus einem der nebenstehenden Strandkörbe Stimmen. „Ich habe es h' r bald satt", klang die eine hellere Frauenstimme, die einen etwas schrillen und ungebildeten Tonfall hatte. „Eine Kateridee von Axel, mich hier einzuquartieren, wo sich die Füchse gute Nacht fagen. Alles alte Onkels und Tanten in dem Kaff von Hotel, kein einziger vernünftigen Mann, mit dem man einen Flirt anfangen könnte! Auch dieser junge Norweger scheint ein Eisheiliger, nicht zu erwärmen." Die andere Frau lachte etwas spöttisch auf. „Das hat dein guter Axel schon absichtlich so eingerichtet, daß er dich hierher einquartiert hat, Lona. Hier ist er wenigstens sicher, daß du ihm nicht untreu wirst." „Unb er", fragte die mit Lona Angeredete heftig zurück, „was macht er? Wie lebt er denn da drüben in dem Luxusbade?" „Na, nu mach mal einen Punkt!" sagte die eine der Frauen energisch. „Daß dich der Axel nicht heiraten kann, das hast du doch von Anfang an gewußt. Hauptsache, er gibt dir immer genug Geld. Na, und wenn er den reichen Goldfisch da drüben nicht kriegt, was wird er dir dann geben können? Nichts, mein Kind. Tann ist es aus mit den schönen Kleidern, dem Bankkonto und den Reisen und so. Also sei vernünftig! Wenn Axel sich erst die Kleine geangelt hat, dann wird er wieder flott sein. Jetzt mußt du ihn aber erst in Ruhe lassen, damit nicht irgend etwas von eurem Verhältnis durchsickert — ich finde es schon unvorsichtig, daß er von dort herüberkommt zu dir." „Na, er tut es ja auch kaum noch", versetzte die andere übellaunig, „in den letzten acht Tagen hat man ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Vielleicht gondelt er mit dieser anderen jetzt 'rum. Mal sehen möchte ich die Gans schon, die sich da von dem guten Axel einwickeln läßt. Vielleicht fahr' ich noch mal heimlich 'rüber.“ „Aber Lona, bist du verrückt geworden? Wenn die Familie von deiner Existenz nur etwas ahnt, ist es mit der Verlobung Essig. Sei gescheit, Lona!" Die greife Stimme der Jüngeren sagte noch etwas, und dann schwiegen die beiden. Olaf sah regungslos in seinem Strandkorb. Er hatte die eine der beiden Stimmen erfarmt; sie gehörte jener aufdringlichen jungen Person, die ihm so deutliche Avancen gemacht. Unb dieser Axel, von dem sie sprach — niemand anders konnte es sein als Axel Jvarsen. Zu deutlich waren alle Anspielungen auf ihn und ben Krms, in dem er sich drüben in dem Badeort G... bewegte; zu deutlich auch die Anspielung auf den reichen deutschen Goldfisch, nach dem er angelte. Olafs Herz schrie auf in Gram und Empörung. Kein Zweifel, niemand anders war gemeint als Hiltrud. Hiltrud war das Beuteobjekt dieses gewissenlosen Mannes, der hier frine Geliebte einquartiert hatte, indessen er das Herz ernes Mädchens zu gewinnen suchte, das trotz vieler Fehler rein und vertrauensvoll war. Tas mußte verhindert werden. Er mußte Hiltrud die Augen öffnen, oder besser, er mußte diesen Schurken zur Rechenschaft ziehen, noch ehe es ihm gelungen war, Hiltrud in ferne Netze zu ziehen. ElftesKaPitel. Gleich am kommenden Tage fuhr Olaf mit dein ersten Zuge von seiner Sommerfrische ab und an den Ort, in dem er Hiltrud mit ihrer Mutter to'©r^offte, Axel zu sprechen, ohne daß Hiltrud etwas davon erfuhr. Dom Bahnhof aus rtef er das Hotel Jvarsens an. Zu seinem Schrecken hörte er, dah Axel für ein paar Tage geschäftlich verreist wäre. Also blieb nichts anderes übrig, als Hiltrud selbst zu warnen. Es widerstrebte Olaf aufs äußerste, hinter Axels Rücken den Angeber zu spielen. Lieber hätte er ihm Auge in Auge feine ehrlose Handlungsweise auf den Kopf zugesagt. Loch nun konnte er nicht anders, wollte er nicht Mitschuld an dem unglücklichen Geschick auf sich nehmen, das Hiltrud drohte. In den Anlagen dem Hotel gegenüber patrouillierte Olaf vorsichtig auf und ab. Es war jetzt die Stunde, zu der die jungen Leute gewöhnlich zum Bade gingen, während die älteren Herrschaften noch zu Hause blieben. Es lag Olaf nichts daran, Frau Melanie zu begegnen. Was er zu sagen hatte, muhte Hiltrud allein gesagt toerben. Nach etwa einer halben Stunde sah er denn auch Hiltrud durch den Vorgarten des Hotels herunterkommen und den Promenadenweg zum Strande einschlagen. Sie ging allein. Er sah nur von hinten die schmale und elegante Silhouette ihrer Gestalt, Das lichtblonde Haar, das weich unter dem weihen breitrandigen Strandhute hervorquoll. Schmerz und leidenschaftliche Sehnsucht stiegen wieder in ihm auf. Er bih die Zähne zusammen. Würde er denn nie und nimmer über diese Leidenschaft Hinwegkommen? Wo war sein Wille, mit dem er bisher immer sein Leben gelenkt, auch gegen sich und seine eigenen Wünsche, wenn es not tat? Hier durste er nicht versagen! Zu deutlich hatte Hiltrud ihm gezeigt, dah sie nichts vergeben und vergessen konnte. Hiltrud schrak heftig zusammen, als aus dem Seitenwege des Parks Olaf auf sie zukam. Aber ehe sie, zitternd vor innerer Aufregung, noch etwas zu sagen vermochte, begann Olaf zu sprechen. „Mein gnädiges Fräulein", sagte er hastig, „ich weiß, daß es kühn ist von mir, Sie nochmals zu behelligen. Ich habe wohl gefühlt, daß Sie nicht wünschen, von mir nochmals angesprochen zu werden, aber..." Nun hatte Hiltrud sich mühsam gefaßt. Sie warf den Kops in den Nacken und sah Olaf mit jenem eisigen, unendlich hochmüttgen Blick an, der ihn schon so oft abgeschreckt hatte. „Es scheint, daß Sie es bod) noch nicht deutlich gemerkt haben, Baron Erikson, sonst würden Sie es nicht wagen..." „Ich muh es wagen — es geht um Sie, Fräulein Hiltrud — ich möchte Sie warnen!" „Wovor?" „Fräulein Hiltrud", stieß Olaf hervor, „es droht Ihnen Gefahr von einem Menschen, dem Sie sich allzu vertrauensvoll gezeigt haben." t „Sie sprechen in Rätseln, Baron Errkfon , erwiderte Hiltrud kalt, „und ich bin nicht gesonnen. Sie länger anzuhören." „ Fräulein Hiltrud", Olaf trat ihr tn den Weg. ich bitte Sie — ich muh es Ihnen sagen. . .“ Wie ein Schwindel erfaßte es Hiltrud. Vielleicht wollte er gutmachen, ihre Verzeihung erbitten für die Überheblichkeit, mit der er sie damals zurückgewiesen. Ach, schon längst war ja Dieser Stolz, dieser Hochmut in ihr wie eine Mauer, die zusammenstürzen würde, sowie er daran rüttelte; aber sie brachte kein Wort über die erblaßten Lippen, Und schon sprach auch Olaf weiter: sein Marschall haben diesen Pakt getreulich gehalten. Erstaunt hörte Conrad den Jubel der Armee. Seit Radetzky hatte das Herr noch keinen mit so einstimmiger Begeisterung begrüßt. Dor allem den jüngeren Offizieren war der Name „Conrad" die Verheißung einer neuen glanzvollen Zeit und neuer Gröhe des uralten Reichs. Wiewohl Conrad allen falschen Drill verwarf, wehte mit einem Male ein schärferer Wind durch alle Kasernenhöfe. Von den Manöverfeldern verschwand alles Paradieren, alle schönen Bilder. Die Batterien, die grauen Schwarm- linien der hart geschulten Infanterie versanken unsichtbar im Gelände. Cs gab, sehr zum Schmerze von uns jungen Offizieren von damals, keine brausenden Attacken kaiserlicher Reiterei mehr hinter schmetternden Signalen, dafür regelrechte Distanzritte geschlossener Divisionen. Conrads Manöver waren keine militärischen Ausstattungsopern mehr. Er führte die dann überall nach- geahmten, von keiner Nachtruhe und örtlicher Begrenzung behinderten freizügigen Manöver ein. Er ließ Kriegsschüler und Generalstäbler auf Uebungsreisen in unbarmherzigen Märschen und Ritten sich erschöpfen, auf denen sie 'auch geistig nicht zur Ruhe kamen und stellte sie dann abends, in der Nacht vor große verantwortungsvolle Entschlüsse. Ein Jahr schon nach Conrads Ernennung schm de fremdländischen Offiziere bei den Kaiser- manövern in Kärnten, bei denen die Truppen damals abenteuerlich scheinende Leistungen vollbrachten zwischen Loibl und Katschberg erstaunt die so plötzlich verwandelte Armee. Er entwarf die Aufmarschpläne. Er sorgte, ringend mit den engstirnigen Parlamenten, mit dem Unverstand mancher Generale, mit den immer Rückwärtsschauenden, für Ilmbewaffnung und ~ Neuordnung des Heeres. Zu seiner ganzen soldatischen Größe aber trug ihn erst der Krieg. Niemals ist ein Fe.dherr vor einer solchen Ausgabe gestanden: einem an Zahl, Ausrüstung und Kriegserfahrung weit überlegenen Gegner gegenüber nicht nur das eigene Reich zu schützen, sondern zugleich einem zweiten — Deutschland — den Rücken zu decken. Er hat diese Aufgabe gelöst, wiewohl sein Heer damals schon an zwei Fronten — gegen Rußland und Serbien — kämpfte; wiewohl die von ihm erwartete deutsche Hilfe wegen der Marneschlacht nicht kam und drei Viertel des russischen Riesenheeres sich zornig auf die in kühner Offensive vorstürmenden k. und k. Armeen warfen. Er siegte bei Krasnik und Lublin und, in den Tagen von Tannenberg, in der großen fünftägigen Umfassungsschlacht bei Komarov. Niemals toaY seine ideenreiche Führung um Einfälle und Auswege verlegen. Mit äußerster Gewandtheit wirbelte er seine Armeen herum, die in der Russenflut zu versinken drohten. Es war die Klinge eines meisterlichen Fechters, die durch die Sommer- und Herbsttage 1914 in Polen und Galizien blitzte. Er rettete das preußische Schlesien, indem er — unerhört bis dahin in einem Koalitionskriege — die eigene Front entblößte und eine Armee aus den Karpathen in Lastzügen, die er mit V-Zugsgeschwindigkeit durch Ungarn jagte, an die russisch-schlesische Grenze warf. Er beendete durch seinen Flankenstoß bei Limanova die feit Wochen zwischen Thorn und den Karpathen tobenden Kämpfe und brachte die russische Dampfwalze zum Stehen. Sein Oberbefehl führte die große Offensive von Gorlice, die seines Geistes war, allen kleinmütigen Einsprüchen zum Trotz, in ununterbrochenem Schwünge, während Italien schon gegen das Südtor des Reiches stürmte, bis tief ins feindliche Land. Nicht einen Augenblick lang verlor er die Nerven, als mit dieser italienischen Kriegserklärung die österreichische Front sich um 1000 (!) „Der junge Mann, mein Schulkamerad — ich mußte ihn Ihnen damals vorstellen, er drängt» mich; aber es ist keine Gesellschaft für Sie, Fräulein Hiltrud. . ." ,Cr ist kein Ehrenmann', wollte er noch weiter- fprechen, aber Hiltrud unterbrach ihn wieder. Mit wilden Augen sah sie Olaf an. Also das war der Grund, der ihn hergetrieben? Sie hatte etwas anderes, Süßeres von ihm zu hören erwartet — das Geständnis seines Unrechts, seiner Reue, seiner Liebe vielleicht. Und nun wollte er nichts anderes, als den einzigen Menschen in ihren Augen herabzusetzen, der sie zeitweilig ihren Kummer vergessen lieh. Wie abscheulich, wie niedrig, einen ehemaligen Jugendfreund in ihren Augen zu entwerten! Wie kam er überhaupt dazu, sich in diese Angelegenheit hineinzumischen, sich immer als ihr Schulmeister aufzuspielen? Vielleicht war sein Verhalten nichts anderes als niedrige Rachsucht? Nachdem sie ihn in Dremerschloh hatte abfallen lassen, gönnte er wohl dem Jugendfreunde die Freundschaft mit ihr und ihrer Familie nicht? Axel hatte ja gleich zu Beginn ihrer Bekanntschaft angedeutet, wie ungern Olaf Erikson ihn ihr vorgestellt. Eine Intrige war das Ganze. Eine häßliche Intrige, wie sie diese einem Olaf Erikson niemals zugettaut. Immer mehr entgötterte sich das Bild, das sie von ihm im Herzen getragen. Mit harter Stimme sagte sie: „Ditte, verschonen Sie mich ein für allemal mit Ihren Belehrungen, Baron Erikson. Im allgemeinen habe ich eine gute Menschenkenntnis und weiß, wem ich vertrauen darf. Einmal habe ich mich getäuscht — ich brauche nicht deutlicher zu werden —. aber seien Sie versichert, es wird nicht wieder der Fall fein. Und nun darf ich Sie wohl bitten, mich meiner Wege gehen zu lassen. Ich hoffe, Ihnen weder hier noch anderswo noch einmal zu begegnen.“ Olaf stand noch lange da und sah auf den sonnen glänzenden Weg, hinter dessen Biegung Hiltrud verschwunden war. Armes, irregeleitetes Kind!, dachte er bei sich. Heißer Schmerz erfüllte ihn. Aber der Schmerz war säst noch größer um ihretwillen als um seinetwillen. Er würde Hiltrud nicht mit blinden Augen in ihr Unglück hineinrennen lassen. Wenn sie ihm auch verloren war, einem Menschen wie Jvarsen sollte sie nicht zur leichten Beute fallen. Wollte Hiltrud ihn nicht anhoren. so mußte man sich an Hiltruds Stiefvater wenden. Kommerzienrat Bremer kannte ihn, Olaf, genügen!*, um zu wissen, aus was für Gründen er ihm Aufklärung und Warnung bringen wollte. Er war fest entschlossen, in den nächsten Tagen direkt zu Kommerzienrat Bremer zu reifen, um ihn vor der Gefahr zu warnen, die Hiltrud bedrohte. (Fortsetzung folgt.) Kilometer verlängerte, was der Entfernung von München nach Königsberg entspricht. Don ihm geschult, von stahlharten Unterführern befehligt, hat die Armee das Wunder vollbracht, diese neue, in weitem Dogen von der Schweiz bis vor Triest sich schwingende Front gegen drei- bis vierfache Llebermacht in nie ruhenden Gefechten und elf R.esenschlachten zu halten und in der zwölften — zusammen mit einer deutschen Armee — Italien so zu schlagen, wie im Weltkrieg kein Gesamtheer geschlagen wurde. Dennoch fiel er als Opfer von Intrigen und erhielt den Abschied; als er, zum Heeresgruppenkommandant in Tirol geworden, mit den wenigen Truppen, die man ihm lieh, den (Stofe nach Venedig nicht führen konnte. An diesem unbegreiflichen Dorgang änderte es nur wenig, dafe dieser Abschied mit weithin sichtbarer Ehrung, mit der im neueren Oesterreich so seltenen Erhebung in den Grafenstand, erfolgte. Es liefe ihn das auch kalt. Orden und Ehrungen bedeuteten ihm nichts. Doch liegt das Tragische an seiner Gestalt nicht im persönlichen Schicksal, das er ohne Der- Bitterung trug. Es ist vielmehr an seinem Wirken das Erschütternde, dafe in seiner Person Oesterreich noch einmal ein Mann gegeben war, der noch alles zum Guten oder doch Erträglichen hätte wenden können, wäre man seinem Aat gefolgt. In seinen grofeen politischen Denkschriften hat Conrad, dessen geistige Grenzen nicht durch das Soldatische gezogen waren, Oer auch ein grofeer Staatsmann gewesen ist, die Gespenster aufgezeigt, die immer bedrohlicher aufstiegen. Er hat nicht nur gewarnt und beschworen, sondern wie man heute weife, für die innere und äufeere Politik der Monarchie auch die rettenden Wege gewiesen. Es wäre aller Wahrscheinlichkeit nicht das Chaos über den Donauraum, nicht der Weltkrieg über Europa gekommen, hätte man, wie er es wollte, beizeiten mit Serbien und Italien aufgeräumt. Mit allen Einzelheiten fast hat er vorhergesagt, wie es kommen werde, ilnb als man endlich und dann zu spät, zu den Waffen griff, schrieb er sorgenvoll an einen Freund: „2m Jahre 1908/09 wäre es ein Spiel mit aufgelegten Karten gewesen, 1912/13 mit Chancen, jetzt ist es ein Dabanquespiell" Er behielt mit seinen Warnungen auch im Kriege recht. Als man entgegen seinem Dat im grofeen Feldzug gegen Serbien nicht bis Saloniki ging, sagte er voraus, dafe von dort her, mit der Aufrollung der Front der Mittelmächte das Ende kommen werde. Er wollte, die grofeen Zusammenhänge überblickend, mit den Divisionen, die sich dann vor Derdun verbluteten, über Oberitalien' den Ducken- und Flankenstofe in die französische Südfront an den Seealpen führen. Er war ein Meister strategischer Entwürfe, wie im Weltkrieg kein anderer. Aber es war sein Fehler, dafe er im Dunkeln bleiben wollte und damit an Autorität verlor. Dölker, Armeen und Derbündete wollen Heroen sehen. Es war ein Llnheil, dafe er sich dem versagte und es sich immer wieder verbat, auf den Schild gehoben zu werden. Zu manchen Zeiten überschätzte er auch das Instrument, auf dem er spielte. Er übersah zuweilen, dafe seine Pläne Kraftfelder voraussetzten, über die die ausgebluteten verbündeten Heere trotz allem Heldentum bald nicht mehr verfügten. Aach dem Cnderfolge darf man Conrad so wenig werten wie die deutschen Generale. Auch die Gröfeten sind machtlos gegen ein Schicksal. Unserer Zeit aber gereicht es, wie so vieles andere, zu kaum zu tilgender Schmach, dafe dem Marschall nach dem Kriege selbst die Sorge ums Drot nicht erspart blieb. Erst als deutsche Offiziere im Sommer 1925 den Sarg des in Mergentheim Gestorbenen zu dem Wagen trugen der lhn m die Heimat führte, als die Fahrt des toten Marschalls zu einem zu späten Triumphzuge wurde durch Oesterreich, die Deröffentlichun- gen über ihn hüben und drüben sich mehrten begannen auch Fernerstehende und Heberhebliche zu ahnen, wer Conrad gewesen war. (Sdjlufe des redaktionellen Teils.) oder aber mit NIVEA-ÖL Schmerzloses Rasieren urch vorheriges Einreiben mit NIVEA CREME 95 7912 A mit Filz- und Ledersohle strapazierfähiger Wetterstiefei Weilburg Hanau Fulda Aschaffenbui Vorstadtstrabe 1 Markt 11 Marktstr. 17 Landlnßstr. 6 ßinRnn • Bahnhof- Wetzlar UlBDüll ■ Straße 60 Eisenmajkt 2 n $ Vom 14.—19. November WERBE-täge! Auf alle sonstigen Strickwaren 10 Prozent Sonder- Rabatt! 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November, im Saale deS Hotel Schütz Märchen-Nachmittag u. -Abend mit Lichtbildern für Kinder und für alle, die kinderlieb sind Beginn 16 Ufer und 20 Uhr. Eintrittspreis: Erwachsene 30 Pf. ZUnder 20 Pf. Der Reinertrag der Veranstaltung ist für die Winterhilfe des Bundes bestimmt'. Zu zahlreichem Besuche lädt ein 7942D Der Vorstand. Kanmdienxuditverein Gießen Aus» ftellung Im Thüringer Hof Hammstraße 7 Samstag, 12.Nov. von 18 bis 18 Uhr Sonntag, den 13. November, von 9 bis 17 Uhr Eintritt 20 Pfennig, Kinder 10 Pfennig. ,9,7V *gtn SIMM. 12. loitwir: Metzelsuvve wozu freundlichst einladet 7viv0 (SuftflD müllet, WnUstt. 34 Gute Existenz Jüngerer Herr, evgl., als Teilhaber, bezw. Nachfolger von älterem Bücherrevisor und Steuerberater sofort gesucht. 3 Mille ersordl. Schrift!. Ange» bote u. 06646 an den Giest. Anzeig. haltbarer liiolet AeWsel 10 Pfund'Mk. 1.50 und 1.80. Neue Zitronen........10 Stück 35 Pf. Extra große .........10 Stück 50 Pf. Arische Preiselbeeren. 5 Pfd. 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