Ut. 181 Erstes Natt 182. Jahrgang Donnerstag, 4- August 1952 Erscheint täglich,autzer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle Monat; Bezugspreis: Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr .. , -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Hernsprechanschlüss« unter Sammelnummer 2^51. Anschrift für Drahtnach» richten Anzeiger Siehea. poftschccttonto: fironffurt am Main 11686. GietzenerAnzeiger General-Anzeiger für Oberhessen VniS vnd Verlag: vrühl'sche Untver^rair-Vuch- und Stdnöruderei H. Lange in Gießen. Zchriftlettnng und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re» klarneanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°^ mehr. Chefredakteur: Dr. Friede. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max FiUer, sämtlich in Diesten. Enver Pascha. Zum 10 inhnqcn Todesiag des Revoluiio- närs, Ltaatsma-ins imb Aftenleurers. Als im Morgengrauen des 4. 21 ugust 1 922 Enver Pascha, vormals Kriegsminister der Türkei und jetzt ungekrönter König von Buchara aus dem Zeltlager der Oase sich erhob, um zur Jagd aufzubrechen, gewahrte seine türkische Leib» wache, das; die gesamte Oase von zwei Kavallerie, regimentern des berühmten russischen Reitergene, rals Budjonny umzingelt war. Enver Pascha, 41 Jahre alt, auf der Höhe seiner Schafsenskraft, begriff mit dem sicheren Blick des Soldaten und Jägers die Aussichtslosigkeit seiner Lage. Sein Glück und Schicksal der blitzenden Klinge des Krummschwertes anvertrauend, sprengte er gegen die langsam näher rückende Mauer der russischen Schwadronen an. Ein riesiger Kosakenwachtmeister parierte seinen Hieb. 3m nächsten Augenblick fuhr dem Seroskir der Türkei und dem heimlichen Kai. ser des groh.turanischen Reiches eine Lanze durch den Hals und warf ihn, zu Tode getroffen, in den Sand. Seine Leibwache folgte ihm in den Tod. General Budjonny liest den entseelten Körper bergen: Envers Rechte umklammerte noch im Tod den brillantenbesetzten Griff des Krumm, fchwertes, die Linke war in den blutverkrusteten Koran verkrallt, auf Envers Brust fand man das Emailbild einer ungewöhnlich schönen Frau, einer türkischen Prinzessin, die der unbekannte Haupt- mann Enver 1912 geheiratet hatte und deren Liebe ihm jenen unerhörten Aufstieg ermöglichte, der in der alten Türkei ohnegleichen war. Mit Enver Pascha starb einer der wenigen aufrichtigen Freunde, die D e u t s ch l a n d im Weltkrieg besah. Als das Glück sich wandte, als es einsam um Deutschland zu werden begann, als Bulgarien und Oesterreich abfielen, war es Enver allein, der bis zum bitteren Ende die einmal versprochene Waffenbrüderschaft durchhielt. Deshalb hat Deutschland Grund, in dieser Zeit des schnei- len Vergessens jenes Mannes zu gedenken, dem Deutschlands Schicksal jum eigenen Schicksal wurde. Envers Herkunft ist dunkel. Seine Feinde sagten ihm nach, er sei der Sohn einer Leichenwäscherin auS dem Elendsviertel von Istcunbul gewesen. Es ist sicher, dah Envers Jugend im Schatten der äußersten Not und Armut gestanden bat. Dennoch gelang es, ihn in der Kadettenanstalt der Iantt- scharengarde unterzubringen. Dem blutjungen Militärattache Enver Bey, der 1908 inBerlin seine ersten gesellschaftlichen Triumphe feierte, sahen die Damen des Hofes nicht mehr seine Herkunft an. Ein Jahr darauf begann der strahlende Aufstieg des neuen Sternes am politischen Himmel der Türkei. Als führender Kopf des jungtürkischen „Komitees für Einheit und Fortschritt" machte Enver der korrupten Haremswirtschaft 2lbdul Hamids ein Ende und begann mit Fiebereiser die Modernisierung der Türkei. Ehe sich die Reformen auswirken konnten, fiel Italien, mitten im Frieden, in Tripolis ein, um sich diese türkische Provinz anzueignen. Enver schlug sich durch die ägyptische Sperrzone durch und organisierte den Widerstand der kriegerischen Sekte der Senussi. Von Oase zu Oase ziehend, predigte er den „heiligen Krieg", immer wieder warfen seine schlecht bewaffneten Scharen die Italiener unter dem Schutz der Schiffsgeschühe zurück. 2lls namenloser Offizier kämpfte damals unter Envers Scharen der Mann, der sein Werk vollendete und der damals aus brennendem Ehrgeiz heraus sein leidenschaftlichster Rivale wurde. In den beiden Dalkankriegen zeichneten sich Enver wie auch Mu - stapha Kemal aus. Doch während Kemal nach wie vor der unbekannte Hauptmann im Generalstab des Saloniki-Armeekorps blieb, hatte Enver seinen schwindelnden Aufstieg auf der Stufenleiter des Erfolges vollendet. Das Jahr 1913 sah den 31jährigen Helden von Tripolis a l s Kriegsmini st er der Türkei, als Schwiegersohn des Sultans, des „Schatten Gottes auf Erden", als Mitglied des kaiserlichen Hauses Osman. Die zwei Jahre zwischen dem türkischen Zusammenbruch in den Balkankriegen und dem Ausbruch des Weltkrieges vermochten auch unter der rastlosen Energie Enver Paschas die unsagbare Korruptions- und Luderwirtschaft nicht auszutil- gen, die sich in Jahrhunderten entwickelt hatte. Entschlossen führte Enver jedoch die Türkei a n bie Seite Deutschlands. Obwohl in der Heimat durch das englisch-französische Expedi- ttoi^korps auf Gallipoli auf das schwerste be- droht machte Enver zwei türkische Armeekorps frei, die an der galizischen Front mit Auszeichnung lochten. Enver wurde Ludendorffs Vertrauter. Ludendorff widmet dem „stolzen, schonen und kühnen Mann" ehrende Worte in feinen Äricgdertnnerungen. Den Zusammen- bruch der Mittelmächte erlebte Enver nicht in der Türkei, sondern fieberkrank in Berlin Mit dem verzehrenden Schmerz des ungestillten Ehrgeizes mustte er erleben, dah fein Rivale Kemal den Sultan davonjagte und die anatolische Türkei zum Freiheitskampf gegen die Unterdrücker führte Roch vom Krankenbette aus bot sich Enver Kemal Pascha an. Das Antworttelegramm, das um- gehend eintraf, atmet den Geist des unversöhnlichen Hasses zwischen diesen beiden großen Soldaten und großen Revolutionären: „Die einzige 2krtoenbung, die ich für Sie habe, ist der Galgen!" Kaum war Enver genesen, so spornte ihn der Taten- und Abenteurerdrang zu neuen Wer- ken an. Im Sommer 1919 verhandelte er mit deutschen Freikorpsführern, die er zu einem plötzlichen Angriff auf Polen bewegen wollte. Er selber plante, Lenin in diesen Krieg gegen Polen mithineinzureisten, um später als Schöpfer eines deutsch-russisch-türkischen Bündnisses und Von Brüning zu Popen. Hinter den Kulissen der letzten Kabinettskrisis. — Eine interessante Veröffentlichung. Bor kurzem erregte ein Rundschreiben Aufsehen, das eine führende Persönlichkeit des „Deutschen Herrenklubs", den Freiherrn von Gleichen, »um Verfasser hatte. Aus diesem Schreiben wurden verschiedenfache Rückschlüsse auf besondere Beziehungen der neuen Reichsregierung zu dieser politisch-gesellschaftlichen Vereinigung, vor allem auch im Hinblick auf die Entstehung des Kabinetts, gezogen. Jetzt äußerte sich eine andere führende Persönlichkeit aus diesem Kreis in einer Broschüre über die Vorgänge, die zur Bildung des Kabinetts Papen geführt haben. „Der Herrenklub als Regierungsmacher das ist ein schlechter Scherz." Mit diesen Worten lehnt Dr. Walther Schotte, einer der Mitbegründer des Herrenklubs in seiner Schrift „Das Kabinett Papen- Schleicher-Gayl" eine Mitwirkung seines Kreises beim Sturze Brünings kategorisch ab. Es dürfte im wesentlichen richtig jein, wenn er feststellt, daß die führenden Persönlichkeiten des „Deutschen Herrcn- klubs" durch die Bildung des Kabinetts von Papen völlig überrascht worden seien. Er bestätigt nur eine Auffassung, die den unterrichteten politischen Kreisen schon seit längerem Allgemeingut geworden ist, daß das Kabinett Papen allerdings von langer Hand vorbereitet gewesen sei, daß aber für d i e Berufung dieser Regierung der General von Schleicher die Berantwortung trage. Die Darlegungen, die Schotte in diesem Zusammenhang macht, dürften gerade im Hinblick auf Möglichkeiten der allernächsten Wochen von Bedeutung und Interesse sein: „Die Tatsache dieser außerordentlichen geschichtlichen Verantwortung des Generals von Schleicher muß festgestellt werden! Wenn man sie nicht in Rechnung stellt, versteht man d i e Hintergründe dieser Zeit nicht. Mit dieser Feststellung aber ist kein Werturteil abgegeben. Sollte das herausgefordert werden, so könnte nur die Erklärung abgegeben werden, daß der Mut d e s G e n e r a l s> v o n S ch-l ei ch e r z u b c w u n- dem ist. Er gehört zu den wenigen Persönlichkeiten dieser Zeit, die den Mut zu ihrer D e r - antwortung gehabt haben. Immerhin könnte man ihm empfehlen, sich auch zu den Tatsachen zu bekennen. Bescheidenheit ist da falsch am Platze. Wer um Großes spielt und weiß, was er verantwortet, der braucht nicht auf den Ausgang aller Dinge zu warten, ehe er sich zu feinen Taten bekennt." Ueber den Kanzler selbst gibt der Verfasser der erwähnten Schrift folgendes Urteil ab: „Herr von Papen ist konservativ, weil er sich verantwortlich fühlt für den revolutionären Lebenswillen der Ration. Der konservative Herr von Papen kann im Ramen der Konzentration aller aufbauwilligen, kurzum aller nationalen Kräfte, die nationale Diktatur wagen, wenn ihre Zett da ist." Ueber die Richtigkeit der bekannten 2leuherung Schleichers befragt, dah diese Regierung mindestens eine Lebensdauer von vier Jahren vor sich habe, gab der Kanzler eine Antwort, die diese Auffassung dem Sinne nach bestätigt. Rach einer allgemeinen Kennzeichnung der Aufgaben sagte Papen: „Solche Aufgaben lassen sich nicht befristen, solche Aufgaben können von einem Uebergangskabinett nicht ungefaßt werden." Die Aufgaben, die sich die neuen Männer gesetzt haben, lassen sich nur auf dem Hintergrund der Vorgänge erkennen, die von Brüning zu Papen geführt haben. Die Darstellung geht von dem Versuch Brünings aus, der zu Beginn des Jahres Hindenburgs Amtszeit auf parlamentarischem Wege verlängern wollte. Dieser VecsuH soll daran gescheitert sein, dah Brüning nicht gleichzeitig mit Hugenberg und Hitler verhandeln wollte, weil er die Ueberzeugung in sich getragen habe, „dah es der suggestiven Macht seiner Persönlichkeit gelingen würde, mit Hitler allein in Ordnung zu kommen". „Er täuschte sich auch darin," so meint Schotte, „dah er die Persönlichkeit Hugenbergs bagatellisierte, und er vergah jede Vorsicht." So kam es zu der Notwendigkeit einer Präsidentenwahl, in der nach Schottes Auffassung die Fronten verkehrt wurden. Hier wurden die Schwierigkeiten geschaffen, die sich einer Versöhnung zwischen dem Reichspräsi- denten und der nationalen Opposition entgegenstellten. Gerade unter dem Eindruck der Präsidentenwahl habe Brüning alle dahinzielenden Bemühungen des Reichspräsidenten und seiner engeren Mitarbeiter — so sagt wieder Schotte — „sabotiert". Zum Ausbruch gekommen sei der wachsenüe Gegensatz dann an dem Verbot der S 21., dessen Zustandekommen immer noch nicht geklärt sei. Wie weit Schotte die Vorgänge richtig sieht und beurteilt, müssen wir dahingestellt sein lassen. Seine Darstellung ist jedenfalls ein interessanter Beitrag zur Zeitgeschichte. DieDurchsetziW des innerpoliWenZiirssnedens Berliner Preffestimmen. Berlin, 4. 2Iug. (ERB.) Die blutigen Vorfälle der letzten Tage geben einer Reihe von Zei- tungen Veranlassung, von der Regierung energischstes Eingreifen zu fordern. Der „Tag" schreibt: Die fortdauernden Unruhen machen schärfste Gegenmaßnahmen nottoen- dig. Die „D A Z." fordere, daß mit der neuen „Mordseuche" sofort Schluß gemacht wird. Leider scheine es sich doch zu bestätigen, meint das Blatt, dah diesmal auch von Elementen der radikalen Rechten Angriffe auf Leib und Leben politischer Gegner nach kommunistischen Me. thoden erfolgt seien. Wenn die Erregung nativ« nalsozialistischer Kreise auch verständlich und aus der bisher geübten Unterdrückung zu erklären sei, so sei nun, nachdem ein neuer Kurs gegenüber der Hitler-Bewegung eingeschlagen worden sei, die Verantwortung der Leitung der NSDAP. besonders groß. Wenn auch ein rücksichtsloses Eingreifen der Staatsgewalt gefordert werden müsse, so könne das ganze Problem nicht mit polizeilichen Mitteln allein gelöst wer- den. Notwendig sei die politische N e u f u n - dieru ng der Staatsautorität durch die alsbaldige Einbeziehung der Nationalsozialisten in die Verantwortung. In diesem Zusammenhang setzt sich das Blatt kritisch mit dem Aufsatz des nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten K u b e aus- । einander, der in Verkennung der Situatton nichts I Besseres zu tun wisse, als die bisher gegen Se- vering und Brüning betriebene Opposition nunmehr gegen die Herren von Papen, Bracht und v. Gahl zu dirigieren. Die „sehr kampfbereite Sprache" des Kubeschen Artikels dürfte im Braunen Haus in München, so mutmaßt das Blatt, durchaus kein Entzücken Hervorrufen, da sie manche Wege verschütte, die die Parteileitung der NSDAP, nach Lage der Dinge zu gehen gezwungen fei. Die „Germania" kritisiert die zögernde Haltung der Regierung, von der die angekündigten drakonischen Maßnahmen noch immer nicht durchgeführt worden seien. — Mit besonderer Schärfe weist die „Bö r senzei t u n g" (Konservativ) die nationalsozialistische Parteiführung auf ihre Aufgabe hin, den noch zum Nationalsozialismus zu zählenden Elementen, die offenbar jede Selbstbeherrschung und Ueberlegung verloren hätten, das Handwerk zu legen. Auch von Staats wegen müsse dem Terrortreiben ein Riegel vorgeschoben werden, falls die Parteileitung nicht in der Lage fei, jene hitzköpfigen und gefährlichen Elemente zur Disziplin zurückzusühren. Das Blatt glaubt zu wissen, dah an verantwortlicher Stelle ernsthaft Maßnahmen erwogen werden, die ergriffen werden sollen, falls die NSDAP, der kopflosen Elemente innerhalb der Partei nicht selbst Herr werde. Es werde sich um die Verfügung drakonischer Strafmahnahmen handeln, die eine rasche, gründliche und ernste Sühne ermöglichen dürften. Preußens Vertretung im Reichsrat Oie Auffassung des ReichSkommiffafS. Berlin, 3. 2Iug. (WTB. Amtlich.) In einem Teil der Berliner Presse haben die Vorgänge in der gestrigen Vollsitzung des Reichsrats eine Behandlung gefunden, die weder den Tatsachen, noch der Rechtslage entspricht. Zunächst muß festgestellt werden, daß von dem Reichskommissar für Preußen neue preußische Bevollmächtigte zum Reichsrat überhaupt nicht ernannt worden sind. Von den bisherigen ordentlichen und stellverttetenden Bevollmächtigten zum Reichsrat sind die von ihrem Amte entbundenen Minister zur Zeit an der Ausübung ihrer Tätigkeit im Reichsrat behindert. Außerdem sind die in den Ruhe st and versetzten Beamten mit der Versetzung in den Ruhestand aus dem Reichsrat ausgeschieden. An der Stellung der im Reichsrat verbliebenen Beamten hat sich nichts geändert. Da die preußischen Regierungsstimmen im Reichsrat einheitlich — im Gegensatz zu den Provinzialstimmen — abgegeben werden müssen, so ist auch gegenwärtig für eine dauernde Vertretung Preußens im Reichsrat gesorgt, ohne daß es einer Neuernennung bedarf. Die preußischen Stimmen in den Sitzungen des Deichsrats werden von Ministerialdirektor N o b i s , der mit der Vertretung des in den Ruhestand getretenen Staatssekretärs Dr. Weismann beauftragt ist, geführt. Der Reichs- kommisfar und das gegenwärtige Staatsministerium treten auch hinsichtlich der Instruttion an die bisher hierfür zuständigen Stellen. Für die gestrige Vollsitzung des Reichsrats, die nach der Geschäftslage für einige Wochen voraussichtlich die letzte fein wird, da der Reichsrat gestern eine. längere Ferienpause beschlossen hat, Tag ein Vorschlag des Sachwalters der bisherigen preußischen Staatsmini st er vor, den der Reichskommissar für Preußen soweit angenommen hat, als er dies unter Wahrung seines Rechtsstandpunktes zur Vermeidung unliebsamer öffentlicher Auseinandersetzungen im Reichsrat tun zu können glaubte. Der Vorschlag ging dahin, daß d i e bisherigen preußischen Minister, die das Recht für sich in Anspruch nehmen, ihre Tätigkeit im Reichsrat weiter auszuüben, auf ihr Erscheinen verzichten wollten, wenn bei dieser Sitzung kein Bevollmächtigter der gegenwärtigen preußischen Regierung anwesend wäre. Weder die Reichsverfassung noch die Geschäftsordnung des Reichsrats sehen vor, daß sämtliche Länder auch in der Vollsitzung vertreten sein müssen. Es sind schon vielfach Fälle Dorgefommen, in denen einzelne Länder oder Provinzen nicht vertreten waren. Der Reichsrat ist in der Vollsitzung ohne Rücksicht auf die Zahl der anwesenden Mitglieder beschlußfähig. Die gestrige Sitzung des Reichsrats war daher beschlußfähig. Ihre Beschlüsse sind rechtsgültig. Zertrümmerer des Versailler Diktats Seite an Seite mit Ludendorff durch das Brandenburger Tor in Berlin einziehen zu können. Das 2Ibcn- teurerblut hatte über das staatsmännische Denken in politischen Möglichkeiten gesiegt. Schließlich glückte es Enver nach vier ergebnislosen Versuchen, sich auf einer halbwracken Flugmaschine über die polnische Front nach Rußland zu begeben. Lenin, ein eiskalter politischer Rechner, empfing den Schwiegersohn des Kalifen mit offenen Armen. Er entsandte ihn nach Du- cyara, um dort den englandfreundlichen König abzusetzen. In wenigen Wochen hatte Enver mit Hilfe der Russen den König und dann mit Hilfe der jubelnd zu ihm übergegangenen königlichen Truppen die Bolschewisten vertrieben. Während Kemal in der Türkei mit Feuer und Schwert die letzten Reste des Kalifentums ausrottete, war dem Islam in Enver ein neuer Kalif entstanden. Rußland schickte seine besten Truppen gegen diese neueste Gefahr, die von Innerasien her drohte. Der armenische Tschekist Agabekow kundschaftete Envers Lage aus. In der Nacht umzingelte Budjonny das Lager. Und beim ersten Strahl der ausgehenden Sonne fand ein Leben feinen Abschluß, das groß und schön gewesen war, wie das Abenteuer selbst. Zollsenkung gegen Ermäßigung der Kriegsschulden. MacdonaldsPlanzur Rettung vonLausanne London, 3. Aua. (TU.) „Daily Herald" meldet, daß Macdonald einen Plan erwäge, den Vereinigten Staaten Zugeständnisse in Zollfragen zu machen, falls Amerika zu einem Entgegenkommen in der Kriegs- schuldenfrage bereit sei. Die Reise des englischen Botschafters in Washington nach England, die zeitlich mit dem Besuch des amerikanischen Londoner Botschafters in Amerika zusammenfällt, werde in politischen Kreisen als ein Anzeichen dafür angesehen, daß irgendwie Verhandlungen zwischen den beiden Staaten imGang seien. Macdonald, der viel mehr an der Regelung der internationalen Schulden und Reparationen als an der Ottawaer Konferenz interessiert sei, sei entschlossen, das Lausanner Abkommen durchzubringen. Es sei daher möglich, dah sein gegenwärtiger Aufenthalt in London zu neuen großen Entwicklungen führe. Baldwin, der Schahkanzler, Chamberlain und der Handelsminister Runciman würden vielleicht nach Beendigung der Ottawaer Konferenz Washington einen Besuch ab* statten. Vorah für Endlösung der Reparationen und Kriegsschulden Minneapolis, 4. 2Iug. (WTB.) Funkspruch.) In einer Rede erklärte Senator B o r a h. daß jede Wirtschaftskonferenz vergeblich sein müsse, wenn sich die Nationen nicht zugleich auf eine Lösung der Revarations-, Kriegsschulden- und Abrüstungs- Probleme einigen könnten. Die Vereinig* t c n Staaten müßten die Initiative dazu ergreifen, da sie selbst nur dann einen Ausweg aus der augenblicklichen industriellen und land* wirtschaftlichen Notlage finden könnten, wenn sie mit den anderen Nationen zusammenarbeiteten. In dem Augenblick, in dem Europa endgültig die Reparations- und 21b- rüstungsfrage geregelt habe, würden die 'Bereinig* ten Staaten mit Freuden bereit fein, die Kriegsschulden zu annulieren, um so einen dauernden Wohlstand anzubahnen. Am 16. August tritt der preußische Landtag zusammen. Berlin. 3. Aug. (VDZ.) 3m Aeltestenrat Les Preußischen Landtags wurde am Mittwoch beschlossen, daß am 16. und 17. August Landtagssihungen stattfinden sollen. Auf der Tagesordnung sollen Anträge der Sozialdemokraten und Kommunisten über die Einsetzung des Reichskommissars für Preußen, sowie über die Gewaltakte i n Königsberg, Schlesien, Schleswig-Holstein tunb anderen Landesteilen stehen. Die Sozialdemokraten hatten beantragt, den Landtag s ch o n für die nach st e Woche einzuberufen. Präsident K e r r l erklärte, daß es sich nicht empfehle, den Landtag zusammentreten zu lassen, bevor eine Klärung hinsichtlich der Regierungsbildung im Reich und in Preußen erfolgt sei. Da die Einberufung des Landtags von mehr als einem Fünftel der Abgeordneten gefordert würde, müsse dem Antrag stattgegeben werden. Bor dem 16. August werde er aber den Landtag nicht einberufen. Abg. K u b e (Rats.) wandte sich angesichts der erregten Stimmung seiner Parteifreunde gegen eine Landtagseinberufung in diesem Augenblick. Er schlug vor, die Landtagstagung bis zum September zu verschieben und dann eine ordnungsmäßige Regierung aus dem Bolkswillen heraus zu bilden, die die nötige Autorität haben werde, Ruhe und Ordnung herzustellen. Abg. H e i l m a n n (Soz.) erwiderte, daß die Sozialdemokratie unter keinen Um» ständen darauf verzichte, eine Stellungnahme des Landtags zu den letzten politischen Vorgängen herbeizuführen. Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Kommunisten wurde der Zusammentritt für den 16. August beschlossen. Eine Entscheidung darüber, wann die Wahl des Ministerpräsidenten vorgenommen werden soll, wurde nicht getroffen. Die polizeilichen Ermittlungen in Königsberg. Königsberg, 4. Aug. (WTB. Funkspruch.) Die Polizei hat heute das Material über die Vorfälle am 1. August der Staatsanwaltschaft, übergeb e n. Zu den übrigen Vorfällen erfolgen immer neue Festnahmen und Vernehmungen, so daß die. Ermittelungen darüber noch nicht abgeschlos- | e n werden konnten. Anläßlich der Beerdigung des beim Zetteloerteilen erschossenen Nationalsozialisten Reinke und des am l.August erschossenen kommunistischen Stadtverordneten Sauck beabsichtigten die Anhänger der Nationalsozialisten und der Kommunisten demonstrative Leichenbegängnisse zu veranstalten. Der Polizeipräsident hat nun beiden Parteien mitgeteilt, daß die Beerdigungen nicht zu den gewöhnlichen Leichenbegängnissen zu rechnen und deshalb auch verboten sind. Die nationalsozialistische „Preußische Zeitung" und die sozialdemokratische „Volkszeitung" sind beide wegen ihrer Artikel in der Montagsausgabe verwarnt worden (Aufreizung zum Klassenhaß). In der vergangenen Nacht wurde von unbekannten Tätern eine Bombe durch ein offenes Fenster des Grundbuchamts des Amtsgerichts Veh- lauten (Kreis Labiau, Ostpreußen) geschleudert. Verletzt wurde durch den Anschlag niemand, doch ist Sachschaden an der Einrichtung und den Akten entstanden. Oer /».Völkische Beobachter^ über die innerpolitische Lage. München, 4. Aug. (CNB. Funkspruch.) Der „Völkische Beobachter" schreibt in einem Leitartikel, betitelt „Entscheidende Wochen" u. a., seit Jahren sei es das Ziel Brünings gewesen, die Nationalsozialisten auszuschalten. Nur deshalb sei Brüning von der SPD. toleriert worden. Diese Taktik sei nun zu Ende, und man gehe in holder Gemeinsamkeit dahin, die Nationalsozialisten t e i l n e h m e n zu lassen an der Regierung. Diese Leute gäben sich noch immer den Anschein, als glaubten sie „es bei uns mit ungefährlichen deutschnationalen Bürgern" zu tun zu haben, — „dabei ist doch klar, daß wir gar nicht daran denken, irgendwo teilzunehmen, sondern wir werden uns freihalten, w i e bisher, oder die um» strittene Führung übernehmen und es anderen überlassen, ob sie diese anerkennen wollen oder nicht!" Wenn man eine theoretisch jetzt viel beredete Koalition mit dem Zentrum behandeln wolle, so stehe zunächst fest, daß die NSDAP, dreimal stärker sei als diese Partei. Das würde bedeuten, daß wir zum mindesten bei vier Ministern drei zu stellen hätten unter ein» heutiger Führung unsererseits: also alle politisch entscheidenden Ministerien bei entsprechender Regelung in Preußen". Am Schluß des Aufsatzes heißt es u. a.: „Die Fronten sind klar, — es gibt kein Ausweichen mehr. Die Entscheidung, ob für oder gegen Deutschland folgt nunmehr in diesen Wochen. Bleibt das Zentrum an dem Marxismus kleben, so wird es samt seinen Führern bis in die untersten Grade hinein von der deutschen Zukunft als grundsätzlicher Staats- und Volksfeind ausgerufen und dementsprechend behandelt werden!" Es habe aber den Anschein, so fügt das Blatt hinzu, als ob das Zentrum sich für feinen alten roten Koalitionsbruder gegen Deutschland entscheiden werde. ReichsbannerführerbeimZnnenmmister Berlin, 4. Aug. (ERB.) Der Bundesvor- fihende des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold Reichstagsabgeordneter Höltermann und der stellvertretende Bundesvorsihende Reichstagsabgeordneter L e m m e r haben dem Reichsinnenminister F r h r. v. G a y l bei einer älnterredung über die Ausschreitungen gegen Reichsbannerangehörige und Republikaner Material vorgelegt. Sie wiesen darauf hin, daß das Reichsbanner seit der Aufhebung des SA.-Verbots 15 Tote und 104 Schwerverwundete, von denen eine ganze Reihe in Lebensgefahr schwebt, zu beklagen habe, und forderten schärfste Maßnahmen gegen die täglich wachsende Zahl von Terrorakten. Unruhige Nacht in München. München, 4. August. (CNB. Funkspruch.) Die heutige Nacht brachte eine Reihe politischer Zusammenstöße und Zwischenfälle, die allein an einer Stelle der Stadt ein dreimaliges Ausrücken des Ueberfall- kommandos notwendig machten. Hier waren Nationalsozialisten mit Kommunisten heftig an» einanbergeraten. Ein 25jähriger Backer ist bei dieser Gelegenheit durch einen Brustschuß schwer verletzt worden. Der Täter soll ein Kommunist fein. Noch unbekannte Täter fuhren gegen 3 Uhr früh beizweiKaufhäusern vor und warfen durch ein großes Schaufenster Brandbomben in das Innere. Glücklicherweise entzündeten sich die Bomben nicht, wodurch unabsehbare Folgen vermieden wurden. Die Täter sind unerkannt entkommen. An einer anderen Stelle der Stadt, im Dante-Stadion, geriet das Bierzelt der Löwenbrauerei in Brand. Man vermutet auch hier politische Hintergründe. In einem unweit des Stadions gelegenen Jugendheim der sozialdemokratischen Partei gerieten, wie es heißt, nach einer heftigen Detonation Einrichtungsgegenstände in Brand. Tische, Stühle und Holzbänke wurden vom Feuer ergriffen, das von der Wehr bald gelöscht werden konnte. Oie Volksrecht-pariei im neuen Reichstag. Wie man uns mitzuteilen bittet, ist nach den neuesten Wahlresultaten auch die Bolksrecht- Partei im neuen Reichstag vertreten. Da der Chri st l. -soziale Bolksdienst im Wahl- kreisverbano Westfalen nur mit Hilfe der Volks- rechtpartei-Stimmen ein Grundmandat erhielt, entfällt gemäß vorherigem Liebereinkommen bei der Listenverbindung dieser beiden Parteien f ü r die Dolksrech tpartei ein Mandat auf der gemeinsamen Reichsliste die- er beiden Parteien. Der Reichsparteiführer Oberschulrat B a u f e r - Stuttgart, der auch Spitzenkandidat der Bolksrechtpartei im Wahlkreis Hessen-Darmstadt war, ist somit in den Reichstag gewählt. Vermittlungsversuche im südamerikanischen Streit. Genf, 3. Aug. (WTB.) Der Präsident des Völkerbundsrats M a t o s gab der bolivianischen Regierung Kenntnis von einem Telegramm der Regierung von Paraguay. Matos fügte hinzu: „Ich lenke Ihre Aufmerksamkeit besonders auf den Satz, in dem Paraguay erklärt, daß es auch weiterhin bereit sei, den Streitfall mit Bolivien einem Schiedsgericht zu unterbreiten. Gemäß Artikel 12 des Völkerbundspaktes ist das schiedsgerichtliche Verfahren einer der beiden Wege, auf den alle Mitgliedsstaaten des Völkerbundes übereingekommen find, jeden mit einem Bruch drohenden Konfliktsfall einer internationalen Instanz zu unterbreiten. Ich würde mich glücklich schätzen, sobald wie möglich zu Händen des Völkerbundsrats davon Kenntnis zu erhalten, wie Ihre Regierung die friedliche Lösung der Streitfrage z u erleb i g e n gedenkt." In der von 19 amerikanischen Ratio- n e n an Bolivien und Paraguay gerichteten Rote heißt es, die beiden streitenden Länder müßten die Feindseligkeiten e i n st e l l e n und sich neutralen Vorschlägen unterwerfen. Die 19 in Frage kommenden Rationen würden keinerlei Landgewinnung anerkennen, die auf kriegerischem Wege von einer der beiden Parteien gemacht fei. Die Vertreter Großbritanniens in La Paz und Asuncion sind angewiesen worden, die Regierung in Bolivien und Paraguay davon in Kenntnis zu sehen, daß die britische Regierung wünscht, den Appell des Präsidenten des Völkerbundsrats und den mäßigenden Schritten der in Washington vereinigten Völker jede Unterst ü h u n g zu leihen. Kleine politische Nachrichten. Vertreter von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Japan, Rorwegen, den Bereinigten Staaten und Großbritannien werden demnächst i n London zusammenkommen, um die Welt - w i r t s ch a s t s k o n f e r e n z in die Wege zu leiten. Der Dorbereitungsausschuh, in dem je ein Vertreter eines jeden dieser Länder sitzen wird, wird die Einladungen an die anderen Länder fertigstellen und das endgültige Datum der Konferenz sestlegen. * Der Schlichter für Berlin-Brandenburg, der sozialdemokratische Minister a. D. Rudolf W issell, ist vom Reichsarbeitsminister zum 1. September g e - kündigt worden. Der Kaiser von Abessinien hat eine besondere Behörde zurUnterdrückungdesSklaven» Handels geschaffen. An ihrer Spitze wird ein abessinischer Fürst stehen, der von einem britischen Ratgeber und einem Ausschuß führender Persönlichkeiten unterstützt wird. Aus aller Weit. Reichskanzler vonPaven im Saargebiet. Saarbrücken, 4. Aug. (CNB. Funkspruch) Reichskanzler von Papen traf gestern um 11.30 Uhr z u seinem Ferienaufenthalt in Wallerfangen ein. Die Bevölkerung bereitete ihm eine herzliche Kundgebung, um ihrer Verbundenheit mit dem deutschen Vaterland Ausdruck zu geben. Der Reichskanzler dankte für die freundliche Begrüßung. Schwierige Bergungsarbeiten an bet „Jliobe“. lieber die schwierigen Bergungsarbeiten bei dem Wrack der „Niobe" erfahren wir von der mit der Hebung des Schiffes beauftragten Hamburger Bugsier-, Reederei- und Bergungs-AG. u. a. folgendes: Der über der Unfallstelle verankerte Berger I ist zur Zeit damit beschäftigt, die Masten aus dem gesunkenen Schiff herauszunehmen und Segel und Rahen zu bergen. Während dieser Arbeiten, die noch einige Tage in Anspruch nehmen werden, sollen Stahltrossen um den gesunkenen Schiffskörper gelegt werden. Dann wird das Hebeschiff „Hiev" über der „Niobe" verankert und voll Wasser gepumpt, damit es sich soweit senkt, daß die Trossen an ihm befestigt werden können. Hierauf wird das Hebeschiff wieder leer gepumpt. Mit dem dadurch erzielten Auftrieb wird auch die an den Trossen befestigte „Niobe" angezogen werden. In diesem Zustand wird das Wrack dann aus dem Fehmarn-Belt in das ruhige Wasser der Kieler Förde geschleppt werden, wo bann die eigentlichen Aufrichtungsarbeiten ihren Anfang nehmen. Die gesamten Vergungs- und Hebearbeiten werden noch mindestens zwei bis drei Wochen in Anspruch nehmen. Der Chef der Marinestation der Ostsee, Dizeadmi- ral Hansen, und der Inspekteur des Bildungswesens der Reichsmarine besuchten an Bord der Marineyacht „Nixe" die Unfallstelle der „Niobe". Sie überzeugten sich von dem Stande der Bergungsarbeiten und kamen zu der Ueberzeugung, daß erst Mitte August mit einem Eindringen indenSchiffskörperzu rechnen fei. Auf dem Rückwege nahmen die beiden Vertreter der Reichsmarine Gelegenheit, dem Kapitän und der Mannschaft des Feuerschiffes „Fehmarn-Belt" für ihre tatkräftige Hilfe zu danken. Gronaus nächste Pläne. Der deutsche Flieger v. G r o n a u beabsichtigt, zehn Tage bis zwei Wochen in Chicago zu bleiben. Während dieser Zeit unternimmt er gelegentlich Flüge nach benachbarten Städten, darunter nach Milwaukee. Die nächste Etappe in Richtung auf den Pazifik führt sodann nach Winnipeg, wo ein einwöchiger Aufenthalt geplant ist. v. Gronau erhielt ein Glückwunschtelegramm von dem italienischen Luftfahrtminister Dalbo. „Graf Zeppelin" fährt vorläufig nicht nach Südamerika. Aus nachdrückliches Anraten der südamerikanischen Gewährsleute des Luftschiffbaus Zeppelin, wird die auf den 15. d. M. angesetzte fünfte Südamerikareise wegen der dortigen politischen Wirren auf geschoben. Es soll zunächst die weitere Entwicklung in Südamerika abgewartet werden. Die Fahrt wird dann gegebenenfalls Ende Oktober oder später nachgeholt. Verurteilung der in Stolp gelandeten polnischen Flieger. Die beiden polnischen Flieger, die, wie bereits gemeldet, die deutsche Grenze überflogen und in Strickershagen im Kreise Stolp landeten, wurden vom Schnellrichtek wegen Paßvergehens und Verstoßes gegen die Bestimmungen des Luft- Verkehrsgesetzes zu je 100 Mark Geldstrafe und zur Tragung der Kosten des Ber- fahrens verurteilt. Der Betrag wurde sofort von dem anwesenden polnischen Konsul bezahlt. Für die erlittene Untersuchungshaft wurde ein Betrag von je 50 Mark in Abzug gebracht. Tagung der preußischen Hausbesitzer. Der Preußenverband der Haus- und Grundbesitzeroereine, der etwa 300 000 Mitglieder umfaßt, ist in Altona zu einer Tagung zusammengetreten. In einer geschlossenen Sitzung wurde der in den Ausschüssen erfolgten Wiederwahl des 1. Vorsitzenden, Ladendorf (Berlin) in einer geheimen Abstimmung d i e Bestätigung versagt. Spuren ein r Römerstrahe. Im Bereich der ehemaligen Seckenheimer Gemarkung in Baden hat Professor Gropen- g i e ß e r, Mannheim, eine bedeutende römische Straße festgestellt, die bei Kanalarbeiten auf- gedeckt worden war. Diese 15 Zentimeter dicke, mit erstaunlich glatter Oberfläche versehene Straße ist ein weiteres Zwischenglied zu der wohl angenommenen, in ihrem genauen Verlaus aber nicht ganz sicher festgestellten römischen Straße von Ladenburg nach Altrip. Gründung einer Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst. Im Alten Museum in Berlin wurde unter Führung von Geheimrat Professor Waehold, dem Generaldirektor der staatlichen Museen, eine Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst begründet. Zur Förderung» der kunstgeschichtlichen Erforschung der Goldschmiedekunst und zur Pflege des Goldschmiedehandwerks in Deutschland haben sich Vertreter der Kunst, Wissenschaft, des Handwerks und Handels in dieser Gesellschaft zusammengeschlossen. Die Gründer gehen dabei von der Lleberzeugung aus, daß gerade in der gegenwärtigen Rot die geistige, handwerkliche und kulturelle Substanz Deutschlands erhalten werden müsse, denn ein immer noch unerschöpfliches Kapital stecke in deutschen Köpfen und Händen. Zu den Gründern gehören neben Geheimrat Waehold der bekannte Architekt Pros. Dr. Peter Behrens, der Goldschmied Fr. Wilm, Bankier Hamel und Dr. Bruno Werner. Arbeitslose demonstrieren in Ottawa. Vor dem Ottawaer Parlamentsgebäude, in dem zur Zeit die britische Wirtschaftskonferenz tagt, fand eine große Arbeitslosenkundgebung statt, die zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei führte. Der kanadische Ministerpräsident Bennett hatte die Forderungen einer siebenköpfigen Abordnung der Arbeitslosen, die sich in großen Feldlagern vor Ottawa niedergelassen haben, abgelehnt. Die Forderungen umfaßten eine wöchentliche Unterstützung von 50 Mk., Einführung des Siebenstundentages und Freilassung politischer Gefangener. Bennett erklärte, daß die ganze Demonstration von Moskau inszeniert sei und drohte mit den schärfsten Maßnahmen. Daraufhin marschierten Tausende von Arbeitslosen durch die Straßen von Ottawa nach dem Parlamentsgebäude. Unter den Rufen „Wir wollen Brot" versammelten sie sich vor dem Parlament und nahmen eine drohende Haltung ein. Als berittene Polizisten mit Gummiknüppeln gegen die Ruhestörer vorgingen, kam es zu einem schweren Handgemenge, bei dem die Arbeitslosen mit den bloßen Fäusten auf die Polizisten einschlugen. Viele erschrockene Ladenbesiher schlossen ihre Geschäfte. Erst nach längerem Kampf und nachdem mehrere Arbeitslose verhaftet worden waren, konnte die Ruhe wieder herge- stellt werden. Schwere Unruhen in einem amerikanischen Bergwerksbezirk. Im Dergwerksbezirk Terrehaute (Indiana) find schwere Unruhen ausgebrochen. Der Gouverneur hat Truppen eingesetzt und das Kriegsrecht erklärt, 5000 Bergarbeiter, die gewerkschaftlich organisiert sind, belagern ein Bergwerk, in dem sich eine Gruppe von 80 Richtorganisierten verschanzt hat. Auf beiden Seiten sollen zahlreiche Bewaffnete sein. Bei einer Schießerei wurden drei Personen g c l 5 • t e t und zahlreiche Beteiligte verletzt. Gouverneur Leelie hat zwei Flugzeuggeschwader gegen die aufständischen Bergarbeiter eingesetzt. Die Flugzeuge sollen mit Gasbomben ausgerüstet werden und außerdem Nahrungsmittel und Mu- * nition für die belagerten Richtorganisierten abwerfen. die seit 35 Stunden ohne Rührung und ohne Wasser sind. Lin Zwölfjähriger rettet ein Brautpaar vorm Ertrinken. Bei dem thüringischen Ort Frankenroda geriet ein badendes Brautpaar in einen Strudel und drohte in den Fluten der Werra zu versinken. Den Vorfall bemerkte zufällig der 12jahrige Hans Joachim Witt au er aus Eisenach, der sofort m einen Kahn sprang und dem Brautpaar entgegen- uhr. Es gelang dem tapferen Jungen, das Brautpaar vom Tode des Ertrinkens zu retten. Wieder ein schweres Unglück an einem Bahnübergang. — Ein Ehepaar getötet. Wie der „Eichsfelder Anzeiger" berichtet, ereignete ich in der Nähe von Groß-Bodungen (Provinz Sachsen) ein Zugunglück, sills ein Zug von Groß-Bodungen nach Bleicherode, den sog. „Nachtweg" kreuzte, stieß er am Bahnübergang mit einem von zwei Kühen gezogenen Gefährt zusammen, das dem Landwirt Singel in Groß-Bodungen gehörte. Der Landwirt und seine Frau, die sich auf dem Wagen befanden, wurden auf die Schienen geschleudert und überfahren. Beide waren sofort tot. Mit einem Außenbordmotor von Schweden nach Nizza. Ein dieser Tage in Nizza eingetroffener italieni» cher Dampfer hatte eine 24jährige Schwedin an Bord, die er unterwegs zwischen Korsika und der französischen Südküste ausgenommen hatte. Die junge Sportlerin hatte mit einem nur 1,50 Meter langen Boot mit Außenbordmotor von Schweden aus eine Reise nach Neapel und von dort nach Korsika unternommen. Auf der Rückreise von Ajaccio nach Nizza hatte sie unterwegs Sch raube n b r u ch erlitten und war 48 Stunden hilf» losausdemMeere umhergetrieben. Von Nizza aus setzt sie nach der Reparatur ihres Bootes ihre Reise auf dem Wasserwege fort und will versuchen, über den Rhein-Rhone-Kanal nach Schweden zurückzukehren. Feuersbrunst in einem englischen Seebad. Die Badegäste des englischen Seebades Great P a r m v u t h wurden in einer der letzten Nächte durch Feueralarm geweckt. Die große Floral Hall, ein Tanzpavillon auf der Landungsbrücke von Parmouth, stand in Flammen. Tausende eilten in Schlafröcken und Pyjamas nach der See- promenade, um das Schauspiel zu betrachten. Der Pavillon, der erst vor zwei Jahren gebaut worden war und 3000 Menschen aufnehmen konnte, brannte mit seinen Tausenden von Holzstühlen innerhalb einer halben Stunde lichterloh. Die Flammen züngelten 30 Meter hoch, und die Feuerwehr stand dem entfesselten Element ohnmächtig gegenüber. Da wenige Stunden vorher ein großer Batt in dem Pavillon ftattgefunben hatte, vermutet man, daß das Feuer durch einen achtlos weggeworfenen Zigarettenrest entstanden ist. Die Musikkapelle hatte, da beim Schluß des Balles ein heftiger Regen einsetzte, ihre Instrumente zum ersten Male in dieser Saison im Pavillon zurückgelassen, so daß auch diese den Flammen zum Opfer fielen. Menschen sind nicht zu Schaden gekommen. Dreister Mielgelderraub in Berlin. In der Nähe des Schlesischen Tores in Berlin Jft dieser Tage ein dreister Raubüberfall verübt worden. In die Wohnung eines Hauswarts drangen zwei maskierte Räuber ein, die die Frau des Hauswarts und zwei weitere Anwesende mit vorgehaltenen Pistolen bedrohten. Sie erzwangen die Herausgabe der in der Wohnung befindlichen Mietgelder, die mehrer tausend Mark betrugen. Danach verschwanden die Räuber unerkannt. Explofionsunglück in einer italienischen Fabrik. — Bier lote. In einer Metallfabrik in Turin ereignete sich ein schweres Unglück. Aus noch nicht feftgefteUter Ursache explodierte ein Kompressor für flüssige Luft: dadurch wurden vier Arbeiter getötet und drei schwer verletzt. Schmelzofen-Explosion. — Zwei Schwerverletzte. In den Faßwerken in S a r st e d t bei Hannover explodierte ein Schmelzofen. Zwei Arbeiter wurden schwer verletzt. In dem Ofen befand sich glühender Koks, der mit großer Gewalt in die Luft geschleudert wurde und die umliegenden Holzdächer in Brand steckte. Das Feuer konnte bald gelöscht werden. Als Entstehungsursache vermutet man eine unvorhergesehene Gasentwicklung. Manöverunfälle in den französischen Alpen. Gelegentlich der tombinierten Truppen- und Luftmanöver in den französischen Alpen ereignete sich ein schwerer Unfall, dem zwei Flieger und ein Bataillonsführer zum Opfer fielen. Ein Militärflugzeug stürzte in der Rähe von Mo- dane ab und ging vollkommen in Trümmer. Die beiden Insassen erlitten so schwere Verletzungen, daß man an ihrem Aufkommen zweifelt. Ein Dataillonsführer verlor auf einem steilen Felsen die Gewalt über fein plötzlich scheuendes Pferd und stürzte in den Abgrund. Während das Psnd sofort tot war, muhte er mit schweren inneren Verletzungen in ein Krankenhaus überführt werden. Wettervoraussage. Obwohl sich das Hochdruckgebiet über der Bis- kaya wieder gefräftiat hat und mehr nach dem Fest» lande vorzustoßen scheint, so wird sein Einfluß vorerst nicht so weit durchdringen, daß eine beständige Wetterlage aufkommt. Die verschiedenen Kerne in der Rinne tiefen Druckes, die sich von Island in üdöstlicher Richtung bis nach dem Balkan hin er» treckt, wirkten immer nach störend ein. So fließen >urch das Tief über der Ostsee kühlere Luftmassen nach Deutschland, andererseits ist an der Westküste Irlands das Herannahen einer Staffel feuchtwarmer Ozeanluft zu erkennen. Beim Zusammentreffen der verschiedenartigen Luft bildet sich weiterhin Bewölkung aus und teilweise kommt es zu Gewitterstörungen ober Niederschlägen. Jedoch wird der hohe Druck noch zeitweise Aufheiterung bringen. Vorhersage für Freitag: Wechselnd bewölkt mit Aufheiterung, vorerst keine stärkere Jem« veraturzunahme. Noch vereinzelt schauerartige Niederschläge. Vorhersage für Samstag: Etwas wärmer, weiterhin bewölkt und aufheiternd mit Neigung zu einzelnen Niederschlägen. Lufttemperaturen am 3. August: mittags 16 Grad Celsius, abends 14,8 Grad: am 4. August: morgens 14,4 Grad. Maximum 20,5 Grad, Minimum 11,8 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe int 3. August: abends 19,1 Grad: am 4. August: morgens 16,4 Grad Celsius. — Niederschläge 2,4 mm. — Son- nenscheindauer VA Stunden. Aus der Provinzialhauptstadt. Gießen, den 4. August 1932. Allerlei Erntemerkwürdigkeiten. Hicheldengeln und Sensenwehen sind die typischen Zeichen der Ernte des Brotkorns. Wohl und Wehe eines Staates hingen früher, als die Verkehrsmittel noch mangelhaft waren, mit der guten oder schlechten Ernte eng zusammen. Deshalb auch der breite Raum, den in der Geschichte und in der Poesie das Getreide einnimmt. Als besondere Merkwürdigkeit stellt sich uns in der Bibel die 30», 50- und lOOfältige Frucht vor, die tatsächlich heute noch in den fruchtbarsten Gegenden Aegyptens gedeiht. Aber auch bei uns gab es im Laufe der Jahrhunderte merkwürdige Einzelheiten von vielfältigen Fruchtähren. So wird aus dem Jahre 1312 berichtet, daß auf dem Aikolasfriedhof zu Höxter eine Aoggen- ähre gewachsen sei mit einer Hauptähre und zwölf Rebenähren, die insgesamt etwa 1200 Fruchtkörner trugen. Das Klostergut Lorch verzeichnet in seinen Annalien von 1554, daß einem Korn 61 Aehren entsprossen seien. 1634 überbrachten Landsleute dem Herzog von Schlesien einen bei Strehlen gefundenen Kornhalm mit 18 großen Aehren. Bon einem Raturwunder wird 163fr aus Themar berichtet. Auf einer Brandstätte unweit der Stadtmauer wuchs ein Kornhalm auf mit 21 ausgewachsenen Aehren, die im Juni blühten und im August reiften. Täglich kamen viele Leute, um diese Crntemerkwürdigkeit zu besichtigen. Eine ähnliche Attraktion erlebte im Jahre 1617 Mittelwaldau in der Grafschaft Glah. Dort trug ein Gerstenhalm 9 kleine und 15 große Aehren, die alle voller Körner waren. Man sandte diese Merkwürdigkeit als besondere (Rarität nach Wien. 2lußer diesen Einzelheiten wird von einer ganz besonderen Fruchternte aus der Heilbronner Ge- Send zu Ende des 17. Jahrhunderts berichtet. 'N Kriegszeitläufen verheerten die Soldaten die noch grünen Fruchtäcker. Boß und Mann traten die Halme in der ganzen Gegend zur Erde, um durch eine Hungersnot der Stadt zu schaden. Merkwürdigerweise aber grünten erneut die verwüsteten Getreidefelder und dank einer äußerst guten Witterung konnte im Spätherbst eine reiche Ernte eingcfahren werden. Daten für Samstag, 6 August. 1195; Heinrich der Löwe in Braunschweig gestorben: — 1809: der Dichter Alfred Tennyson in Somersby geboren; — 1914: Kriegserklärung Oester- reich-Ungarns an Rußland und Serbiens an Deutschland; — 1930: der Polarforscher Salomon August Andrse und seine zwei Begleiter auf der Weißen Insel tot aufgefunden und am 5. Oktober zu Stockholm eingeäschert. Vornotizen. — Tageskalender für Donnerstag. Bund der Lahnfreunde: Monatsversammlung bei Hopfeld. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Kreuzer Emden". Gießener Wochenmarktpreise. Gießen, 4. Aug. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt. Süßrahmbutter 130 Pf., Landbutter 130, Kochbutter 100, Matte 25 bis 30 Wirsing 8, Weißkraut 8, Rotkraut 12, gewe Rüben 10 bis 12, rote Rüben 8 bis 10 Spinat 18 bis 20, Erbsen 18 bis 20. Romischkohl 8, Zwiebeln 12, Pilze 25, Dohnen (grüne) 12 bis 15, (gelbe) 12 bis 15, Kartoffeln (neue) 4 (pro Zentner 3,50 Mk.), Tomaten 20 bis 30, Frühäpfel 20 bis 25, ■Birnen 15 bis 30, Dörrobst 30 bis 35, Stachelbeeren 15 bis 20, Himbeeren 15 bis 20 Johannisbeeren 12 bis 15, Pfirsiche 40 bis 60 Pflaumen 15 bis 20. Honig 40 bis 45, Zwetschen 30, Mirabellen 35, Reineclauden 25, junge Hähne 80 bis 90. Suppenhühner 60 bis 80 Pfennig pro Pfund; Tauben 50 bis 60. Eier 8. Blumenkohl 30 bis 60. Salat 8 bis 10. Salatgurken 15 bis 30. Einmachgurken 2 bis 4, Oberkohlrabi 8 bis 10. Rettich 10 bis 12, Käse 5 bis 10 Pf. pro Stück; Radieschen 8 bis 10 Pfennig pro Bund. *’ Strohfeuer. Der Feuerwehr wurde am Dienstagnachmittag nach dem Wihmarer Weg, in die Nähe des Bootshauses des Ruderklubs „Hellas" gerufen. Dort war ein Haufen alten Strohes in Brand geraten. Die Feuerwehr mußte energisch eingreifen, da die in unmittelbarer Nähe befindlichen Fruchtseider in Gefahr waren. Nach halbstündiger Tätigkeit konnte die Feuerwehr wieder einrücken. ** Nachtrag zur Vergnügungssteuer- O r d n u n g. Im heutigen Anzeigenteil wird in einer Bekanntmachung ein Nachtrag zur Steuerordnung über die Erhebung der Vergnügungssteuer in der Stadt Gießen veröffentlicht. Interessenten seien besonders daraus aufmerksam gemacht. " Schulung der Crwerbslosen- j u g e n d. Der Gewerkschaftsring und andere gewerlschc f l che Spitzenorgamsationen haben kürzlich dem Preußischen Ministerium für Volks- wohlfahrt einen Antrag überreicht, der dringend Maßnahmen für Schulentlassene, die keine Lehre ober Arbeitsstätte finden können, und für die beschäftigungslosen Lehrlinge und die arbeitslosen an- und ungelernten Jugendlichen fordert! 3n Erwägung gezogen werden Fortsetzung des Schu.besuches, insbesondere an den Berufsschulen, Err chtung von Sammellehrwerkstätten zur Bollendung der Berufsausbildung usw. im Rahmen der Fortbildungsmahnahmen der amtlichen Arbeitslosenbetreuung. ** Theologie-Studenten als Siedler? Da auf den gegenwärtig noch vorhandenen Pfarrermangel angesichts des starken Zudranges vor allem zum Theologiestudium mit einem baldigen Ueberfluß an Pfarramtsanwärtern zu rechnen ist, erwägt man jetzt an zuständiger Stelle die Heranführung der Theologie-Studenten an die praktische Lösung des Siedlungsproblems. Die jungen Leute sollen bann zunächst ihre materielle Existenz sicherstellen und sich darüber hinaus als „Siedlungstheologen" vor allem in Ostpreußen auch seelsorgerisch und pfarramtlich betätigen. In einzelnen Fällen hofft man mehrere Siedler zu einer Gruppe zusammenzufassen, die bann ähnlich wie es in den Klöstern des Mittelalters der Fall war, zusammen' arbcitcn könnte. Zum Zwecke der Vorbereitung werden besondere Kurse erwogen, in denen im Sommer die Landwirtschaft und im Winter Theologie gelehrt werden würde. Ernte in Oberheffen. Oie Getreideernte befriedigt. —Obsternte fällt aus. —Hackfrüchte gut entwickelt I Aus dem südlichen Kreise Gießen, 3. Aug. Trotz der vielen Lagerfrucht schreitet die Erntearbeit sehr gut vorwärts. Der Roggen und die Sommergerste sind bereits geschnitten. Die Mähmaschine konnte nur ganz selten in Tätigkeit treten. Auch Weizen und Hafer sind nun reif und werden wohl Ende dieser und Anfang nächster Woche geschnitten werden können. Der Ertrag ist fast durchweg als sehr gut zu bezeichnen. Die Ernte der Frühkartoffeln ist auch nahezu beendet. Die letzten Regcnfälle kamen den mittleren Sorten noch sehr zustatten. So kommt es, daß die Sorte „Blaue Odenwälder", die immer noch ziemlich viel angepflanzt wird, viel bessere Erträge abwirft als die ganz frühen Sorten, die unter der Trockenheit zu leiden hatten. In den Gärten und auf den Kohlfeldern macht sich der Kohlweißling sehr unangenehm bemerkbar. Er kommt in großen Massen, um seine Eier abzulegen. ch Aus dem Lumdatal, 3. August. Gegenwärtig ist die Getreideernte in vollem Gange. Die Arbeiten nehmen einen langsamen Fortgang, da Lagerfrucht, die zumeist erst in den letzten Wochen entstanden ist, unvorhergesehene Schwierigkeiten bereitet, so daß kaum die Getreideerntemaschine benutzt werden kann. Das gesamte Getreide, Sommer- wie Winterfrucht, ist durch die Gewitterstürme kreuz und quer durcheinander geworfen. Soeben wirb der Roggen- und Gerstenschnitt durch- gesührt. Was die Menge der Fruchthaufen der einzelnen Aecker anlangt, so kann kaum eins der oer- floHenen Jahre damit verglichen werden. Hoffentlich fallt auch bei dem Drusch das Körnerergebnis entsprechend aus. Die Wintergerste ist bereits unter Dad) unb Fach. Hier und da liegen bereits die Druschergebnisse vor. Im allgemeinen ist der Ertrag an otrob unb Körnern befriedigend. In etwas trockenen Gegenden reift der Hafer in den letzten -agen zusehends. Leiber sind bie Aussichten auf die Obsternte immer trüber geworden. Die wenigen an den Kern- wie auch Steinobstbäumen verbliebenen Früchte beginnen zu fallen, was wohl zum größten Teil auf die schädliche Einwirkung der Obstbaumschädlinge zurückzuführen ist. Die Himbeerernte, die noch zumeist gegegenroärtig in den Wäldern vorgenommen wird, ist überall recht gut und hat der geringeren Bevölkerung nennenswerte Nebeneinnahmen verschafft, soweit bie Früchte nicht im eigenen Haushalte Verwendung fanden. Leider sind in diesem Jahre in den Himbeerfrüchten, wie bei den Kirschen, ungezählte Maden anzutreffen. Die Hackfrüchte stehen gut. Die Spätkartoffeln stehen in voller Blüte und haben infolge der feucht- warmen Witterung recht gut an Knollen angesetzt. Die Erträge der Frühkartoffeln sind durchweg befrieoigenb. Bohnen unb Gurken bringen in den Gärten bie erste gute Ernte. Die Kohlweißlinge treten wieder stark auf. Ihre Raupen richten an allen Krautgewächsen schon jetzt beträchtlichen Schaden an. dfc Aus der Wetterau, 3. Aug. Der Schnitt von Roggen und Gerste ist beendet. Wegen starker Lagerung konnten die Erntemaschinen fast nicht benutzt werden. Da infolge der wenig günstigen Witterung Weizen und Hafer nur sehr langsam reifen, tritt eine kurze Arbeitspause ein, die man zum Drusch der immer mehr zum Anbau gelangenden Wintergerste benutzt. Die Dreschmaschine hat in den Dörfern die Arbeit ausgenommen. Allgemein ist man mit dem Druschergebnis der Wintergerste zufrieden. Allenthalben ist man daran, die Stoppeln umzubrechen und Erbsen sowie Wicken einzusäen. Begünstigt durch die feuchte Witterung weisen die Hackfrüchte einen guten Stand auf. Wenn keine größeren Riederschläge mehr ein treten, ist mit einer ausgezeichneten Kartoffelernte zu rechnen. Die Obstaussichten werden täglich schlechter. Rur Wirtschaftsbirnen versprechen eine mittlere Ernte. Die Gärten zeigen einen Prächtigen Stand. Die Weinspaliere an den Häusern haben reichlich Gescheine angesetzt. Facit der Frankfurter Freilichtbühne auf dem 2Römerbcrg. Die Optimisten behielten recht! WSN. Frankfurt a. M., 3. August. Die Ent- berfung des Römerberges als Freilichtbühne von besonders guter Eigenschaft ist bi- Ueberraschung dieses Sommers. Die Verwaltung ber Stäbtischen Dühnen hat mit biesen Aufführungen einen guten Gnff getan, benn bie Vorstellungen auf dem Römer- berg erfreuen sich besonderer Beliebtheit und sind bisher alle vollkommen ausverkauft gewese n. Der finanzielle Erfolg ist so groß, daß man sich in mafogeber.bcn Kreisen der städtischen Verwaltung mit dem Gedanken trägt, die Freilichtaufführungen auf dem Römerberg alljährlich im Sommer zu oeran st alten. Abgesehen von dem Aufbau ber Tribüne entstehen auch hier kaum besondere Aufwendungen, denn im Unterschieb flu ben_Freilichtaufführungen in Heibelberg und näheren Städten hat man doch hier in Frankfurt a. M. das ganze benötigte Ensemble beisammen unb kann dieses durch Verlegung ber Urlaubszeit für bie Zeit ber Freilichtaufführungen frei machen. Wenn auch in diesem Sommer burchaus kein beständiges Wetter war, so waren doch bie Dorstel- (urigen auf dem Römerberg außerordentlich vom Wetter begünstigt, benn von 2 5 angesetzten Vorstellungen konnten nicht weniger als 23 programmäßig burchgef ührt werden. Und was ist vor dem Beginn der Vorstellungen gegen bas Unternehmen nicht alles ins Treffen geführt worben, wieviele Besserwisser haben ein großes Defizit vorausgesagt. „Jede zweite Vorstel- hing wirb verregnen," hieß es, „kein Mensch wird bei ben schlechten Zeiten dafür Gelb ausgeben.“ Verglichen mit ben Freilichtaufführungen in anderen Städten sind die Preise auch nicht zu hoch. Für die ganz Armen unb bie Minberbemittelten will man jetzt Sonberoorstettungen geben, unb zwar für Erwerbslose ganz unentgeltlich am Montag, 29.August, unb für Minderbemittelte zum Preise von 50 Pfennige am Dienstag, 30. August. Diese beiben Vorstellung sinb sozusagen als Abschluß ber Goethe- Gedächtnis-Woche gebucht, bie vorn 21. bis 28. August in Frankfurt a. M. ftattfinbet. Olympisches Tagebuch Humor und Tragik in Los Angeles. Hochs ut ber Rekorde. Großartige Olympiade! Sportfest aller Sportfeste! Fast läßt sich nach dem ersten Tag nicht vorstellen, daß dieser Höhepunkt an Stimmung, Kampfstärke, Rekordwillen, Intensität überboten werden kann. Man denke sich: ein einziger Kampftag — und fünf Weltrekorde. Lieber 100 Meter erreichte der Reger Tolan die phantastische Zeit von 10,3 Sekunden. Im Hürdenrennen bleibt die Leistung des Iren Tis dal mit 51,8 Sekunden ein märchenhaftes Ergebnis. Ein zweiter Rekord fällt beim Hammerwerfen an Irlands klassischen Vertreter Pat O'C a l l a g h a n. Die Distanz über 3000 Meter findet in dem jungen Finnen I s o h o l l o einen Bezwinger wie noch nie — obwohl dieses Rennen im wahren Sinne des Wortes ein „Rennen mit Hindernissen" war. 10 000-Meter-Lauf — Sieger K u s o c z i n s k i aus Polen, Abbild und schwacher Ersah des großen Rurmi. 100-Meter- Lauf der Frauen — ein tapferes Mädchen, W a l a s i e w i c z genannt, Landsmännin des vorigen, macht dem sogenannten schwachen Geschlecht in der phänomenalen Zeit von 11,9 Sekunden Ehre. Was will man eigentlich mehr? 52 Nationalhymnen. Stundenlang dauerte bei der Eröffnung der Olympiade der feierliche Einzug aller Kämpfer. Immer wieder wurden die Delegationen der verschiedenen Rationen mit Beifall überschüttet. Bon Südafrika bis zu den Philippinen, von Rorwegen über Japan nach Australien — eine ganze Arche Roah war auf dem blitzblanken Weißen Weg des Stadions beieinander. Tausende von Teilnehmern, 52 verschiedene Länder — immer wieder brach die Kapelle in eine neue Rationalhymne aus. So feierlich es war, es dauerte ein bißchen sehr lange. Gewiß: man hat nicht immer Gelegenheit, die philippinische Nationalhymne Schulter an Schulter mit „Finnland, Finnland über alles" zu hören. Einige unverbesserliche Statistiker haben sich aber ausgerechnet, daß, wollte man die Rotenlinien dieser 52 Rationalhymnen der Länge nach aneinanderlegen, ungefähr die Distanz zwischen Los Angeles und der Stadt Mexiko herauskommen würde... Schade um Hirschfrld. Ganz zweifellos gehört der deutsche Reichs- Wehrfeldwebel zu den besten Kugelstoßern der Welt. Diesmal aber hat er sich und seinem Land keine Lorbeeren verschaffen können. Möglich, daß man nach seinem Training Wunderdinge von ihm erwartete. Denn in Anwesenheit von einigen Pressephotographen erreichte er kürzlich bei einer puren Schaustellung seiner Kunst die Weltrekordgrenze. Bei den eigentlichen Kämpfen aber brachte er es nur auf ben vierten Platz. Sollte ein Reichswehrfeldwebel tatsächlich nicht vom Lampenfieber verschont bleiben? Deutsche Sportler unter ihrer Form. Ich glaube, allein daran liegt es wohl nicht. Denn bei fast allen deutschen Athleten, mögen sie nun Hirschfeld ober Ellen Braumüller, Straßberger oder Syring heißen, überall tritt das gleiche Merkmal zutage. Sie erreichen nicht ihre Papierform. Ob es an der glühenden Hitze, am ungewohnten Essen, am fremden Publikum liegt? .Untere Meister find jedenfalls noch nicht so recht aus sich herausgegangen. Die einzige Goldmedaille, die Deutschland bis jetzt erringen konnte, fiel beim Gewichtheben an den Münchener Jsmahr. Unsere Landsleute müssen sich mächtig an- strengen, wenn sie im Gesamtklassement noch etwas werden wollen. Weltmeister ber weihen Rasse. Eine einzige Ausnahme macht unser Sprinter 2 o n a t h. Von vornherein hatte man nicht annehmen können, daß er besser abschneiden würde, als er tatsächlich abschloß. Torheit, zu glauben, er könnte die schwarzen Stars der amerikanischen Mannschaft, Tolan und Metcalfe, bezwingen. Cs kam, wie es kommen muhte. Jonath belegte, nachdem er das Rennen seines Lebens gelaufen war, einen in diesem Zusammenhang höchst anständigen Platz. Alle anderen weißen Teilnehmer am 100-Meter-Lauf hatten ♦ — Spiegel der Wettkämpfe. das Rachsehen. Jonath ist nun tatsächlich der beste Kurzstreckenläufer der weißen Rasse. Unerwünschte Sieger ... Es ist nicht Jonaths Fehler, daß Tolan heute einfach nicht zu schlagen ist. Dieser kleine Mann, der mit seiner Brille ganz gewiß nicht so aussieht, wie der kleine Moritz sich einen Olympia- Sieger vorstellt, spurtete in Los Angeles alle, aber auch alle Rekordleute der ganzen Welt in zwei unvergeßlichen Läusen in Grund und Boden. Sein Rassengenosse Metcalfe war in einem dritten Lauf sogar in der Lage, Tolans anfängliche Leistung von 10,7 auf 10,6 zu verbessern. Im entscheidenden Rennen jedoch gelang es ihm nicht, wie erwartet, den Sieg davonzu- tragen. Run sitzen die beiden schwarzen Männer wohl irgendwo in einem olympischen Restaurant — an einem Tisch für sich. Denn daß Farbige an der allgemeinen Siegestafel Platz nehmen dürfen, wenn sie auch zur ersten Weltklasse gehören, das würden die amerikanischen Vereine zur Regerbekämpsung nie unb nimmer gestatten. Um eine einzige Hürde! Wir haben schon oben bas brillante Ab- schneiben des Iren Tisbal im Hürbenrennen erwähnt. Wie kam es aber, bah nicht er, fonbern ber Amerikaner Harbing, ber 0,2 ©clunben hinter Tisbal lanbete, zum Sieger erklärt würbe, bah bie Leistung bes Iren als Weltrekorb keine Bestätigung fanb? Run, biefer Unglücksrabe hatte währenb bes Rennens eine Hürde leicht mit bem Fuß gestreift, so baß sie umfiel. Ein kleiner Schönheitsfehler — eine große Wirkung. Der Englänber Lorb Burghley, schon seit ber Amsterdamer Olympiade heißer Favorit, konnte seinem Lanb keinen Erfolg bringen. Er enbete, klein unb bescheiben, auf bem vierten Platz. Memento! Am 1. August brachte bie „Los Angeles Times" ein ganzseitiges Photo eines Mannes auf ber Tribüne, ber aufmerksam, von einem breitkrempigen Hut beschattet, ben Ereignissen auf ber Dahn folgte. Seine Augen waren nicht zu sehen, sein Gesicht schien seltsam bekannt. Unter dem Dilb staub zu lesen: „Der Größte von allen, Paovo (Rurmi saß verfehmt unb versteckt in der äußersten Reihe des Stadions und sah, wie die Athleten aller Länder zu ben Spielen aufmarschierten, an benen teilzunehmen ihm verboten war." John Decker. Polizei gegen Autogrammjäger. Ein einziges Mal war es bisher notwenbig, im Rahmen ber Olympiabe bie Polizei zu rufen. Aus welchem geschichtlichen Anlaß? Run, hierbei hanbelte es sich weniger um richtiggehenden Sports als um eine sportliche Begeisterung recht merkwürbiger Ratur. zusammen mit seinem Freund Haralb L l o h b unb seinem Familienanhang war Douglas Fairbanks auf ber Tribüne erschienen. Obwohl er burch bie Abfassung eines nicht gerabe glanzvollen Olympia- Films sich bie Sympathie breiter Kreise verscherzt hatte, waren bie Rennen, war ber Kampf der Wagen und Gesänge, mit einemmal vergessen. Alles stürzte hin, um aus der Hand des Meisters Autogramme zu empfangen. Da die Befürchtung nahe stand, dem guten Doug würden vor lauter Begeisterung die Kleider vom Leibe gerissen werden, marschierte ein Bataillon Polizisten schützend in seine Loge ein. (Rut langsam legte sich dann bie Aufregung ... (Schluß des redaktionellen Teils.) Für die Leitung ber deutschen Olympiade-Mannschaft ist es außerordentlich wichtig, daß der Gesund- heitszustand aller Teilnehmer tadellos ist. Es wurde daher dafür Sorge getragen, daß unsere Leute das ihnen aus der Heimat so wohlbekannte rein natürliche deutsche Gesundheitswasser „Staatlich Fachingen" so- wohl an Bord der „Europa" als auch im Speisewagen während der oierzehntägigen Fahrt von Neuyork nach Los Angeles und auch im Olympia-Dorf vorfanden. „Fachingen wirkt belebend unb erhaltend auf den Organismus und erhält dadurch Körper und Geist frisch und gesund." 229V Mehr zu bieten ist unmöglich! Der „Oberst"-Raucher bekommt für 3xh pfg. eine ausgezeichnete Tabakmischung im dicksten Format, das überhaupt zulässig ist, - und dazu noch Soldaten-Bilder zum Sammeln,^ Oberst ist auch ohne Mundstück erhältlich. OBERST WALDORF-ASTO RIA G.M.B.H. / M MWk lütt Original-I^oman von Anny von panhuys. Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig. 25 Fortsetzung. Nachdruck verboten! „Wenn du auch nichts von if>m hoffst und verlangst, solltest du doch denken, er hat dich vergessen und du mutzt ihn auch vergessen. Ich jedenfalls bin der Meinung, wer einmal eine Lil zur Braut gehabt, kann sich danach mit keiner anderen verloben, Unb wenn er das tut, dann geht er dich von Haut und Haar nichts mehr an, und ich bleibe dabei, es ist ein grotzes Glück, datz er das Geld nicht genommen hat. Lleberlege einmal. Lil, um was für eine Summe es geht! Es handelt sich doch um keinen Pappenstiel. Erinnere dich nur an den Zirkus Gerhard, wie wir da unsere Pfennige zählen mutzten. Schließlich ist dein Geld auch nicht so einfach verdient worden. Was hast du herumproben müssen, bis so ein Trick festsatz. und wie so manches, was du zeigst und sich vergnüglich ansieht, ist gefährlich. Ich zittere jeden Abend, wenn du auf dem winzigen Flugzeug auf die Bühne kommst und das Ding wie blödsinnig mit dir im Kreise rumschnurrt. Für nichts ist nichts. Dein Geld ist sauer verdient und zum Wegschenken an einen, der sich deinetwegen gar nicht grämt, viel zu schade. Ich habe erwartet, in dem Doktor einen deinetwegen gramgebeugten Mann zu finden und fand einen ganz vergügten Herrn, der lächelnd zu mir von seiner Verlobten sprach, älnbändige Wut stieg in mir hoch, als ich das Wort von ihm hörte. Die Braut sah ich übrigens auch. Sie ist hübsch, aber eine von den Weibsleuten, die ich nicht ausstehen kann. Ich würde so einer nicht krauen. Ich halte sie für eine von der Sorte, die vor nichts zurückschreckt, wenn sie etwas erlangen will. Aber vom Zurechtmachen und vom Anziehen versteht sie etwas. Die Mutter vom Doktor sah ich übrigens auch. Sie scheint kränklich zu sein. Sie hat ein unangenehm hartes Gesicht, und alles, was du mir über sie erzählt hast, patzt zu ihrem Gesichtsausdruck." Lil hatte den Hut wieder abgenommen, sie seufzte unbewutzt und der Alte sah ihr an, datz sie mit den Tränen kämpfte. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Lil, liebe kleine Lil, es tut mir grätzlich weh, wenn du traurig bist und so leidest. Ich Weitz, du leidest jetzt sehr. Aber ich mutzte dir die Wahrheit sagen, es ging nicht anders. Kopf hoch, Lil. und rufe deinen Stolz zu Hilfe, der Doktor verdient auch nicht den kleinsten traurigen Gedanken von dir. Er hat sich verlobt, er scheint sehr zufrieden, er will nichts von dir. und du kleines Bähschaf wärest jetzt wahrscheinlich glücklich, wenn du ihm noch dein Geld dazu hättest geben dürfen. Liebes Kind, dreimalhunderttau- send Mark, das ist viel Geld, das ist ungeheuer viel Geld! Wenn du es aber durchaus nicht mehr auf der Bank haben willst, dann erkundige dich doch, ob du nicht dein väterliches Haus zurückkaufen kannst. Du hast so oft geäutzert, du hättest Sehnsucht danach, darin zu wohnen. Vielleicht besteht die Möglichkeit, es zu kaufen. Dann hast du ein schönes Heim, wenn du dich ab und zu ein paar Wochen ausruhen möchtest. Du verdienst Geld über Geld und kannst dir so einen wertvollen Ruhesitz leisten." Lil sah ihn grotz an. „Du meinst, ich solle zuweilen in Frankfurt wohnen? Ia, aber ich bitte dich, dann würde man dort ja bald wissen, wer ich jetzt bin. Datz aus Lil Körner der Elown Fix geworden ist. der durch die Zirkusse und Varietes zieht. Datz ich mir also mit Blödsinn und Witzen mein Brot verdiene." Er lachte kurz auf. „Dein reichliches und gut belegtes Brot, liebe Lil, Brot, um das dich mancher Mann in hoher und einflutzreicher Stellung beneiden kann." Seine Stimme wurde vorwurfsvoll. „Lil, ganz ehrlich, es gefällt mir nicht von dir, datz du dich deines Berufs schämst, datz du dich besonders vor den Frankfurtern dessen schämst, was dir doch die Mittel verschaffte, den Namen deines Vaters rein zu waschen von dem Makel, jemand etwas schuldig geblieben zu sein. Es waren ziemliche Summen, die du bezahltest, und du hättest wahrscheinlich in keinem anderen Beruf die Möglichkeit dazu gefunden. Vielleicht nicht einmal die, die das Grab deines Vaters mit einem künstlerischen Bildwerk zu schmücken. Denk einmal darüber nach. Du hast doch sonst so gesund blickende klare Augen, sieh auch das einmal richtig. Du hast es kleinlich und töricht gefunden, datz man sich in deinen Bekanntenkreisen über dein Auftreten als Elown in der Wohltätigkeitsvorstellung aufgehalten hat. Ist es nicht viel befremdender, datz du eigentlich jetzt auch kleinlich und töricht bist, älnfatzbar klein und töricht." Er stand jetzt vor ihr und seine Augen blitzten: „Stolz mütztest du sein auf das. was du erreicht hast. Cs ist bewunderungswürdig viel. Wenn du überlegst, wie- viele Clowns es gibt und wieviele gute, sehr gute und ganz ausgezeichnete darunter sind, mühtest du dir mit Stolz bewutzt werden, du, ein junges Mädchen, stehst mit an der Spitze von allen, vielleicht sogar ganz obenan, bist vielleicht die Spitze selbst. Die Gagen beweisen es dir. wenn es dir der rasende Beifall des Publikums nicht beweisen sollte. Lind statt damit in deiner Heimatstadt grotz zu tun, wozu du ein gutes Recht hast, verbirgst du sorgfältig, worauf du stolz sein mütztest. Lil, es tut mir leid, datz du so falsch denkst. Bist doch dasselbe wie ein Künstler auf anderen Gebieten. Du darfst dich neben jede berühmte Schauspielerin und Sängerin, neben jede grotze Tänzerin als gleichwertig stellen. So leicht ist das nicht, was du leistest, verkleinere dich nicht. Wenn ich dir raten darf, Lil, dann schneide deine Vaterstadt vor allem nicht länger. Nimm Vertrag dahin an und zeige den Frankfurtern. was du kannst und was für eine grotze Künstlerin aus Lil Körner geworden ist. Cs ist grotze Kunst, Menschen zum Weinen zu bringen, aber nach meiner Ansicht eine noch viel grötzere, herzliches Lachen in ihnen auszulösen. Die Menschen brauchen das Lachen noch nötiger als das Weinen, denn für das Weinen sorgt das Leben schon selbst." Lil atmete tief auf. „Du liest mir gründlich die Leviten, Onkelchen, aber mir scheint, du hast recht. Morgen fahren wir nach Frankfurt. Ich möchte die geliebte Stadt, der ich so lange fern geblieben, Wiedersehen. Lind Vaters Grab möchte ich besuchen und Blumen darauf legen, was ich bisher der Hand des Obergärtners überlieh. Auherdem werde ich Iustizrat Stoll besuchen, mit dem Vater gut befreundet gewesen und durch den ich von Amerika aus Vaters letzte Verpflichtungen einlösen lieh. Ich will mich auch erkundigen, ob die Möglichkeit besteht, unser Haus wieder zu erwerben." Sie reichte Melchior Stampfer! die Hand. „Du lieber guter Mensch, du hast die richtigen Worte gefunden, mir zu helfen, und nun wollen wir noch ein Stündchen ins Freie gehen, wenn es dir recht ist. Drauhen reden wir dann noch ausführlicher über alles." Ehe Lil diesen Abend zur Ruhe ging, betete sie inbrünstig: Lieber Gott, erlöse mich von der Liebe zu chm. der gar nicht mehr an mich denkt! Lind nun weinte sie doch, denn länger wollten sich die Tränen nicht zurückdrängen lassen. Sie weinte heihe, heihe Tränen, und das Herz lag ihr so schwer in der Brust, als wäre es ein Stein. Die Nachricht von Werner Sturms Verlobung hatte sie überwältigend stark getroffen. Sie wollte nichts mehr von Werner, aber bisher hatte sie auch nicht ein einziges Mal daran gedacht, er könne sich verheiraten. Er war. verlobt und wollte in ein paar Wochen heiraten. In ein paar Wochen — Sie verkrampfte die Hände und glühender Neid quoll in ihr hoch. Sie beneidete sie, die Werners Frau werden würde, beneidete sie tief und heiß. Sie sank vor chrem Belt in die Knie. Seit sie an jenem Nachmittag in den Zirkus Gerhard geflüchtet, war ihr nicht mehr so erbärmlich zumute gewesen wie heute, seit sie von Werners Verlobung erfahren. Sie drückte ihr Gesicht in die Bettdecke, um das Schluchzen zu ersticken, das sich aus ihrer Kehle drängte und ihren ganzen Körper erschütterte. „Lieber Gott, erlöse mich von der Liebe zu chm, der gar nicht mehr an mich denkt", flüsterte sie aufs neue, und dann sprach sie wie liebkosend Werners Namen, wiederholte ihn immer wieder, seinen über alles geliebten Namen. 19. Kapitel. E i n Wiedersehen! Iustizrat Stoll blickte ganz verblüfft auf die Visitenkarte, die ihm der kleine Schreiberjunge gebracht hatte. Er sprang auf und eilte selbst in das Wartezimmer. Dort satz Lil im eleganten dunkelblauen Herbstkostüm. Sie erhob sich und ging ihm entgegen. Er schüttelte den Kopf. „Ich traute meinen Augen nicht, als ich Ihren Namen auf der Karte las." Er drückte immer wieder ihre Hände, fatzte sie dann leicht am Arm und führte sie in sein Bureau, dem dunkle Möbel und ernste Bilder in dunklen Rahmen etwas Feierliches gaben. Nachdem Lil Platz genommen, fragte der Iustizrat: „Wo kommen Sie her. mein gnädiges Fräulein? Wenn die Frage erlaubt ist, bin ich wirklich gespannt, das zu erfahren." Lim Lils Lippen legte sich ein mattes Lächeln. „Direkt vom Grabe meines Vaters. Meinem lieben guten Vater galt der erste Besuch hier in Frankfurt, mein zweiter Ihnen, Herr Iustizrat. Im übrigen wohne ich zur Zeit in einer stillen kleinen Pension in Wiesbaden und ruhe mich dovt aus. Wiesbaden im Herbst ist schön, ich Weitz das noch von früher, als ich noch die sorglose Lil Körner war im Hause meines Vaters. Damals verbrachte Vater mit mir immer eine Herbstwoche in Wiesbaden." Iustizrat Stoll satz an seinem Schreibtisch und vor ihm, durch die Brelte des Tisches von ihm getrennt, Lil. Durch seine Brillengläser war sein Blick voll Spannung auf sie gerichtet. „Sie taten etwas Schönes, Gutes, gnädiges Fräulein, Sie lösten alle noch restierenden Verpflichtungen Ihres seligen Vaters ein. Ich habe mich damals bemüht, alles gut zu ordnen. Es gibt jetzt niemand mehr, dem Ihr Vater auch nur noch eine Mark schuldig geblieben ist. Leider verhandelten Sie damals nicht selbst mit mir, sondern ein deutscher Anwalt in Neuyork handelte in Ihrem Auftrag. Er sprach in seinen Briefen nur von der Tochter Lil des verstorbenen Bankiers Eduard Körner, und da hatte ich unwillkürlich die Vorstellung, Sie hätten sich in Amerika reich verheiratet. Auch die Gläubiger, die so plötzlich zu ihrem längst verloren gegebenen Geld kamen, waren der Ansicht. Man hält sie hier allgemein für die Gattin eines amerikanischen «Millionärs, und ich war matzlos verblüfft, auf Ihrer Besuchskarte Ihren Mädchennamen zu lesen." Er nickte ihr zu. „Nun, wenn Sie auch keine Millionärsgattin geworden sind, es geht Ihnen doch nicht schlecht, das sieht man auf den ersten Blick, und darüber freue ich mich." (Fortsetzung folgt.) Ihre Vermählung geben bekannt Emil Freund/ Schulmusiklehrer Martha Freund/ geb. Seibel Zu verkaufen: Giüfamllien- 04569 nnö GiagenMnier mit bezieht). Wohn. Zu vermieten: BW«.. Büros IlMWiMUM. 6. Katz, Lndwigstr.45 Freibank Freitag von 8 Uhr ab Best d Zleischverkauf Günstige Kapitalanlage. Mehrere Bauplätze, Nordviertel,i. schön. Lage,vreisw. abzugeben. Schr. Angeb. u. 04585 a.d.G.A. 4/20 Opel- Limousine Umständehalb.billig gegen Katze zu verkaufen. Zu erfragen mderGeschäftsstelle d. Gietzener Anzeig. 4/20 PS Opel Zweisitzer, vollständig überholt, preiswert zu verkaufen. Zu besichtigen (0,580 Groß-Garage Aulweg. Derfffi. 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Die Erregung der politischen Leidenschaften, die die Ereignisse im Reich und der Wahlkampf Hervorrufen, hat auch au fOe st erreich übergegriffen. Und wie oft in solchen Fällen, so hat auch hier diese Leidenschafllichkeit die Zungen gelöst und zu Aeußerungen geführt, die ertcn- neu lassen, daß in gewissen österreichischen Kreisen das Wort von der großdeutschen Bruderliebe leider nur Phrase und ein nationales Mäntelchen ist, hinter dem man um so ungestörter seine parteipolitischen Geschäfte betreiben möchte. Um es gleich vorweg zu nehmen: Rach wie vor strebt die große Mehrheit des deutschen Volkes in Oesterreich den Zusammenschluß mit dem deutschen Brudervolks an. Trotzdem kann nicht übersehen werden, daß gewisse, leider nicht ganz einflußlose Kreise gerade in letzter Zeit bemüht sind, diese wahre Volksmeinung umzufälschen, indem sie eine skrupellose Hetze gegen Deutschland entfalten. Gerade in den allerletzten Tagen hat diese Hetze Formen angenommen, die tatsächlich alles bisher dagcwcsene übersteigen. Deutlich unterscheiden sich drei verschiedene politische Gruppen als Ausgangspunkte dieser Hetze gegen Deutschland. Da ist zunächst d i e ch ri st l i ch - soziale Partei in ihrer Funktion als stärkste Regierungspartei und als die Partei des Bundeskanzlers. die die einmütige Ablehnung der ö ft e r r e i ch i s ch e n V e r s k l a v u n g s a n l e i h c durch die gesamte deutsche Presse zum willkommenen Anlaß nimmt, um ihre a n t i n o r d d e u t s ch e n Gefühle abzurcagieren. So brachte unlängst das offizielle christlich-soziale Organ, die „Reichspost", unter der bezeichnenden Ueberschrift „Oesterreich erwache!" einen Leitaufsatz, der in einigen Teilen eine schwere Beleidigung des nationalen Deutschland darstellt. Konnte man doch tatsächlich folgende Sätze dort lesen: „Es mag manche Expansionspolitiker im Norden geben, denen cs weniger um die Oesterreicher, als um ihr Siedlungsland geht, und die vielleicht glauben, das österreichische Land a l s Ersatz für Deutsch-Ostafrika gelegentlich einsacken zu können." Das genannte Blatt folgert schließlich aus dieser Befürchtung, daß Oesterreich unbedingt die Lausanner Anleihe annehmen müsse, um damit der Gefahr zu entgehen, „einfach e i n g e s a ck t zu werden. So groß ist also der Haß dieser Kreise gegen Norddeutschland, daß man es für das kleinere liebel hält, eine Kolonie Frankreichs zu werden! Ueberhaupt bemüht man sich in diesen Kreisen geflissentlich, den Meinungsstreit um die Anleihe aus ein falsches Gleis zu schieben und zu einer Diffamierung der Anschluß- freunde in Oesterreich zu benutzen. Deutschland wird beschuldigt, durch seine einmütige Ablehnung der Anleihebedingungen die österreichischen Interessen geschädigt zu haben. Die zweite Gruppe der Deutschen-Hetzer rekrutiert sich aus den zahlenmäßig Mar kleinen, aber dafür um so skrupelloseren Kreisen der österreichischen Legitimisten. Zu welchen unerhörten Aussällen gegen die Deutschen jenseits der Passauer Grenze man sich da immer wieder hinreißen läßt, beweist am deutlichsten ein Artikel, der sich in dem Organ der Vereinigung der Altösterveicher, in der Zeitschrift „Unser Reich" findet. In diesem Artikel heißt es unter anderem: „Wir sind ein eigen- ständiges Volk, nicht ein Stamm des deutschen Volkes... Deutschland ist uns fremd geworden seit Luther. Deutschland ist unser Gegner seit Bismarck. Deutschlands führende Kreise arbeiten bis heute an unserem Untergang... Das alte Oesterreich ist an seinem Verbündeten z u - gründe gegangen. Das neue Oesterreich kann also nur ohne und, wenn man es zwingt, gegen Deutschland seine vorgezeichnete Sendung erfüllen." Es hieße diesen fanatischen Preußen Hassern zuviel Ehre antun, wollte inan sich sachlich über diese ungeheuerlichen Anschuldigungen mit ihnen auseinandersetzen. Es sei hier lediglich diese Aeußerung als eine von vielen festgehalten und es sei ferner festgestellt, daß das amtliche Oesterreich bis heute noch nicht ein einziges Mal Anlaß genommen hat, diese und ähnliche Angriffe gegen Deutschland zu verurteilen. Eine Tatsache, die gerade angesichts der in letzter Zeit besonders häusigen und heftigen Bemühungen Frankreichs, Oesterreich von Deutschland zu trennen, in ihrer politischen Bedeu- tung nicht ernst genug eingeschätzt werden kann. Nicht weniger skrupellos ist schließlich die Tätig, leit der radikalen Linken. So konnte man unlängst in einem Wiener Blatt einen zwei Seiten langen Artikel lesen, der unter den Uebcrfdjriften: ,/Bayern rüstet gegen Preußen — Aufstellung einer großen Prioatarrnee mit Hilfe anderer süddeutscher Staaten" einen Berichl brachte, in dem behauptet wurde, daß die Gefahr einer Losreißung der süddeutschen Staaten vom Reich sehr nahe sei. Nur einige wenige Sätze aus diesem Elaborat seien hier wiedergegeben. So schrieb jenes Blatt unter anderem: „Der Main ist innerhalb Wochensrist von Deutschlands Strom zu einer scharfen geistigen Grenze geworden. Der bayerische Föderalismus droht sogar zum Seperatismus umzuschlagen. Es fehlt nicht an Stimmen, die dafür eintreten, ’■ .- geistige Grenze der Mainlinie au , z u einer politischen zu machen ... Wenn die Parteizeitungen schon heute um ein Alibi für die Unschuld der süddeutschen Länder an der Zertrümmerung des Reiches bemüht sind, so zeigt gerade das, daß sie mit der Möglichkeit einer Trennung vorn Reich durchaus rechnen ... Man spricht in aller Oefsent- lichkeit ... von einer Loslösung der süddeutschen Staaten von Preußen und vorn Reich ... Wer im Volk herumhört, der hört erst die wirkliche Volksmeinung. Und diese laufet: Los von Preußen; nicht abwarten was geschieht, sondern zuvorkommen! Ein süddeutscher Staatenbund mit Bayern, Baden, Württemberg, Hessen und Oesterreich findet überzeugte Befürworter. Nicht als vorübergehende Trutzlösung, sondern als dauernde Neuordnung. Als erster Schritt denkt man sich den Anschluß Oesterreichs an Bayern... Wenn Bayern wirklich den Weg der Separation beschreiten wollte, könnte die bayerische Regierung nicht über das Heer verfügen ... Bayern baut daher vor, um einen vorläufigen sofortigen Ersatz für das Militär zu haben ... So sind Eiserne Front, Bayern- wacht und Bauernwacht ein festgefügtes, von einem einheitlichen Willen beseeltes bayerisches Heer, ein bayerisches Volksheer. Bayern ist gerüstet und entschlossen, auch einer gewaltsamen Auseinandersetzung nicht aus dem Wege zu gehen." Diese wenigen Sätze mögen genügen, um zu zeigen, mit welcher Skrupellosigkeit jene österreichischen Linkskreise gegen Deutschland agitieren, nm die ihnen nicht genehme Reichsregierung damit zu treffen. Denn selbstverständlich richten sich diese Angriffe nur gegendenneuenKursinDeutschland. Eine besondere Art der Hetze gegen Deutschland ist nun auch das Verbreiten von Lügennachrichten über angebliche Ausweisungen von O e st e r- rcichern aus Deutschland. So brachte unlängst der von tschechischem Gelde ausgehaltene Wiener „Morgen" über die ganze Breite der ersten Seite die alarmierende Ueberschrift: „Oesterreicher auf der Flucht aus Deutschland". Und dann geht es los: „Zahlreiche Oesterreicher, die die Wonne, unter Hitler und Papen zu arbeiten, nicht bis zur Neige auskosten wollen, haben ihre Familien über die Grenze geschickt. Sie selbst bleiben noch dort, jeden Augenblick bereit, in den Zug zu steigen ... Don Tag zu Tag zittern österreichische Angestellte um ihre Posten, unb alle, die halbwegs Möglichkeit haben, in ihre Heimat zurückzukehren, bereiten ihre Abreise vor. Diese Atmosphäre der Unsicherheit verdanken die Oesterreicher Herrn Hitler." So wird überall eine Atmosphäre der (Empörung und Erbitterung, ja des Hasses gegen das Deutschland von heute geschossen. Und dies alles lediglich aus parteipolitischen Gründen. Dazu kommen noch alarmierende „feuilletonistische" Berichte aus Berlin über „Kinder, die sich verkaufen", „Sittenbilder des Elends", „Berlin in Fieberglut" und ähnliche Dinge, die sich bei näherem Zusehen als aufgebauschte Belanglosigkeiten entpuppen. So wird systematisch in Oesterreich eine feind- selige Stimmung gegen Deutschland geschaffen und gegen jedes Zusammenarbeiten zwischen Wien und Berlin Stimmung gemacht, dadurch werden die Geschäfte Frankreichs besorgt. Es scheint in der Tat, als wollte man jetzt in Oesterreich partcipoli» tischen Interessen die großdeutsche Idee opfern. '21 n- gesichts solcher Vorgänge scheint es doppelt notwendig, daß man den echten Anschlußfreunden in Oesterreich, denen die großdeutsche Idee keine Geschäfts- fache, sondern ein nationales Ziel ist, tatkräftige Hilfe und Unterstützung angedeihen läßt. Sonst könnte leicht Unwiederbringliches verlorengehen. Hastet die Schale für Unfälle der Schulkinder? Es gibt wohl keinen Vater und keine Mutter, die es nicht schon wenigstens einmal erlebt hätten, daß ihr Kind mit aufgeschlagenem Knie ober mit einer 'Beule am Kopf aus der Schule nach Hause gekommen ist. Die Sache hat meist solange nichts auf sich, als der Junge ober bas Möbel noch allein nach Hause laufen können. Leiber bleibt es aber nicht immer bei biefen kleinen Unfällen. Manchmal kommt es zu ernsteren Verletzungen, die sich bic Kinder beim Spielen auf bem Schulhof, im Turnunterricht ober auch aus irgendwelchen Gründen im Schulgebäude selbst zuziehen. Dann erhebt sich die Frage: Wer kommt für den Schaden auf? Haftet die Schule für die Gesundheit der Kinder? Der Art. 131 der Reichsverfassung bestimmt: „Verletzt ein Beamter in Ausübung der ihm anvertrau- ten öffentlichen Gewalt die ihm einem Dritten gegenüber obliegende Amtspflicht, so trifft die Der- antwortlichkeit grundsätzlich den Staat oder die Körperschaft, in deren Dienst der Beamte steht. Der Rückgriff gegen den Beamten bleibt Vorbehalten. Der ordentliche Rechtsweg darf nicht aus- geschloffen werden. Die nähere Regelung liegt der zuständigen Gesetzgebung ob." Das Reichsgericht hat diese Bestimmung der Reichsverfassung in ständiger Rechtsprechung für unmittelbar anwendbares Recht und nicht nur für ein „Programm" erklärt. Das bedeutet: Es tritt bezüglich der Haftung an die Stelle des Beamten das Gemeinwesen, in dessen Dienst er steht. Der Staat oder die Gemeinde hastet aber nicht schlechthin für jeden durch einen Unfall entstandenen Schaden, sondern nur dann, wenn der Beamte seine Amtspflichten schuldhaft, d. h. oorsählich oder auch nur fahrlässig verletzt hat. Wann das der Fall ist, ist generell nicht zu beantworten. Es sind jedesmal die besonderen Verhältnisse daraufhin zu untersuchen, ob sie eine Pflichtwidrigkeit erkennen lassen oder nicht. Trotz dieser Unmöglichkeit, einen Schlüssel für die Lösung sämtlicher Fälle zu geben, läßt sich jedoch soviel sagen: Die Schutzgewalt, der die Schüler in einer öffentlichen Anstalt unterworfen sind, umschließt die Pflicht des Schulvorstandes, dafür zu sorgen, daß seine Schutzbefohlenen vor Gesundheits- oder Vermögensschädigungen bewahrt bleiben. Daraus folgt weiter die Pflicht, Mißstände abzustellen, die geeignet sind, eine derartige Schädigung herbeizu- sühren. Der Schulvorstand hat also dafür zu sorgen, daß das Schulgebäude instand gehalten wird, daß es genügend verschlossen bleibt, damit nicht Unbefugte Zutritt erhalten, d-e die auf den Fluren abgelegten Mäntel der Kinder stehlen können usw. Die Aufsichtspflicht liegt aber nicht nur dem Direktor, sondern auch den einzelnen Lehrern ob. Daß hier wiederum von den Turnlehrern ein besonderes Maß von Aufmerksamkeit verlangt werden muß, ist verständlich. Es dürfte daher nichts dagegen einzuwenden fein, daß das Reichsgericht ein Verschulden einer Turnlehrerin in folgendem Fall angenommen hat: Eine 12jährige Schülerin sollte auf Anordnung der Lehrerin zusammen mit einer anderen Schülerin eine etwa 25 Pfund schwere Reckstange von 1,80 Meter auf 1,30 Meter herabzusetzen. Die Mädchen konnten, da sie hierbei die fußhoch über dem Erdboden an den Pfosten angebrachten schmalen Tritte besteigen und sich mit der einen Hand festhalten mußten, nur die andere Hand frei bewegen. Die zweite Schülerin, die den Bolzen zuerst gelöst hatte, konnte das Reck nicht halten. Die Stange fiel herunter und quetschte dabei der ersten Schülerin ein Fingerglied ab. Das Verschulden der Turnlehererin ist hier darin erblickt worden, daß sie, obwohl sie in der Nähe des Recks stand, ihr Augenmerk nicht derart auf die Hantierungen ihrer Schülerinnen gerichtet hatte, daß sie fofort zugreifen konnte. Umsicht und Vorsicht seien — (o heißt es in dem Urteil — aber um so mehr geboten gewesen, als sich schon kurz vorher gezeigt habe, daß die Kinder mit der Stange nicht fertig wurden. Durch diesen Vorfall sei die Lehrerin gewarnt gewesen, so daß ihr die Pflicht zu erhöhter Vorsicht erwachsen sei. Die Gefahrenmomente seien so greifbar gewesen, daß die Lehrerin sie bei gehöriger Sorgfalt hatte erkennen und berücksichtigen müssen. Die Aufsichtspflicht darf andererseits natürlich nicht überspannt werden. Es muß stets berücksichtigt werden, daß ein gewisses Maß von Sorgfalt und Gefahr auch von den Schü lern selbst übernommen werden muß. Infolgedessen hat sich das Reichsgericht in einem anderen Falle zu Recht auf den Standpunkt gestellt, der Turnlehrer habe seiner Aufsichtspflicht genügt, wenn er die Schüler, denen er die Technik des Kugelstoßens gezeigt habe, wiederholt auf die mit dieser sportlichen Ucbung verbundenen Gefahren hingewiesen habe. Es konnte ihm daher kein Vorwurf daraus gemacht werden, daß er die Schüler — die 16 bis 18 Jahre alt waren — zeitweise sich selbst überlassen hatte und daß es dann beim Kugelstoßen zu einem Unfall gekommen war. Die Haftung des Staates oder der Gemeinde fetzt aber nur bei städtischen ober staatlichen Anstalten ein. In der Erteilung von Unterricht an Privat- schulen ist auch, wenn sie von staatlichen oder städti schen Beamten erfolgt, Ausübung öffentlicher Gewalt in Sachen der Staatshaftungsgesetze nicht zu finden, und zwar selbst dann nicht, wenn der Lehrer, wie das Reichsgericht einmal entschieden hat, mit der ausdrücklichen Verpflichtung als städtischer Beamter angestellt worden ist, auf Anordnung des Magistrats auch an den Privatschulen der Gemeinde Unterricht zu erteilen. Die Unmöglichkeit, den Umfang der Haftpflicht von vornherein in einer für alle möglichen Fälle passenden Art abzugrenzen, hat nun dazu geführt, daß sehr viele Schulverwaltungen Unfallversicherungen abgeschlossen haben, durch die jede Unfallbeschädigung der Schüler ohne Rücksicht auf die gesetzliche Haftpflicht gedeckt wird. Die Schulverbände können und wollen aber die übrigens nicht hohen Versichevungsgedühren nicht mehr allein zahlen. Es ist demnach von vielen Schülern namentlich in den größeren Stödten bei Beginn des letzten Schuljahres ein Versicherungsbeitrag gefordert worden. An sich ist natürlich nie- manb zur Entrichtung dieses Beitrags verpflichtet. Das Eichhörnchen. Don Peter Bauer. In der Freiheit des hochstämmigen Forstes begegnet man zuweilen dem kleinen Waldkobold, wenn man, ledig aller Geschäfte und Gedanken, auf moosweichen Wegen gehl und Poren und Lunge an dem frischen Odern, den roüraigen Aromen von Harzen und Erde sich erquicken. Als habe man das Glück gesehen, so entzückt einen das rotbraune, über den Boden wieselnde, einen Baurn blitzschnell hin- aufhuschende scheue Tierchen. Diesmal blieb es dicht vor mir sitzen, jo nahe, daß ich ihm das feine, weiße Schnäuzchen streicheln konnte, mit dem es mir die Haselnüsse aus der Hand schnappte. Es war nämlich nur ein finger- dickmaschiger Draht zwischen ihm und mir gespannt. Hinter diesem Draht saß es in feinem zwei Meter langen und etwas weniger hohen Holzkäfig, der auf vier Stämmen wie ein kleines Pfahlhaus in der Hofecke an der Gartenmauer angelehnt stand. Bei dem Besitzer des Eichhörnchens verbrachte ich einige Tage und davon jeden freien Augenblick vor dem Kaftg. Er war geräumig genug, und das drollige, zutraulich gewordene Tierchen schien seine Gefangenschaft nicht zu fühlen. Es klomm und schnellte den meiarmigen Kletterbaum, der zwischen Boden und Lecke, des Käfigs eingeklemcht war, auf und ab in unermüdlicher Wiederholung. Oder es lief, in die Gittermaschen greifend, hin und her, kopfüber, kopf- untei-, mit wehendem Schwanz, wobei es seine weiße Bauchseite präsentierte und die rosigen Innenflächen und eprungballen seiner Füße. Abends schlupfte das Eichhörnchen in fein Nest, das es sich aus reichlich heruinliegendem Moos und Laubwerk in das Innere eines viereckigen Kastens eingebaut batte, der mit seitlichem Rundloch in einer Ecke auf dem Käfigboden aufgenagelt war. Aber dieses Nest suchte es, wie wir bald beobachtet hatten nur bei kühlem und nassem Wetter zur Uebernachtung auf eonft schleppte es das ganze Genist stückweise heraus und formte sich tm Freien seine Wohnkugel mit Eingang. Immer nur — man konnte sich auf die Witterung des kleinen Wetterpropheten verlassen — wenn es am nächsten Tage sonnig und heiter wurde Näherte sich der Besitzer dem Käfig, (prang das Eichhörnchen ans Gitter und setzte sich erwartungs- voll auf die Hinterbeine wie ein Hund, den man auf „Bitte, bitte" abgerichtet hat. Dargereichte Blätter vom gemeinen Wegerich und der teegeschätzten Pfefferminze knabberte es durch die Draht- Maschen hindurch ab und mümmelte kaninchenhaft und mit glänzenden Aeuglein, die wie die Form des Kopfes sehr an eine Maus erinnern. Am drolligsten bearbeitete es die Haselnuß. Sobald es eine erwischt hatte, huschte es damit in eine Käfigecke. Auf den Hinterbeinen kauernd, den buschigen Schweif hoch und in schöner Biegung über den Kopf geschlagen, hielt es die Nuß in den Vorderpfoten an das gierige Schnäuzchen, und sofort begannen die scharfen Zähne zu feilen und zu schaben, daß es sich anhörte, als wurde mit einem Messer ein schieserner Griffel gespitzt. Im Nu war die emsig gedrehte Schale entzwei und fiel zu Boden, während der Kern behaglich verzehrt wurde. Riegelte der Besitzer das kleine Holztürchen auf, so kletterte das Eichhörnchen behend auf seinen linken Arm und beschnupperte seine rechte Hand, ob sie nicht eine 9tuß verberge. Gab es etwas zu knabbern, fo schnellte es damit in den Käfig zurück. Hatte es keinen Hunger, dann wurde die Nuß in einer Laubecke versteckt. Wurde es dabei ober beim Fressen gestreichelt, so knurrte es böse. Sonst war es Liebkosungen nicht abhold. Eines Tages turnte es vom Arm des Besitzers aufs Käfigdach und trippelte mit hochgeschwungenem Schweif immer auf und ab, ouf und ab in ähnlicher Ruhelosigkeit, wie sie von Eisbären aus Tiergärten her bekannt ist. Dann aber tat es plötzlich einen Sprung in den Kirschbaum und flog von da im Satz hinüber zum nächsten Wipfel des Baumgartens. „Hansi!" rief der Mann erregt, der merkte, daß es Ernst wurde. „Hansi", lockte und schrie er. Aber das Eichhörnchen, das auf diesen Ruf hin wie oft seine Nuß geholt hatte, hörte ihn nicht. Horte nur das Rauschen der Blätter, fühlte den Wipfelwind und genoß den Rausch des Fliegens und Jagens, der über es gekommen war. Knaben fprangen herbei, kletterten die Stämme hoch und galoppierten wie toll hinter dem Tier her, es zu fangen. Jetzt setzte es von einem schwingenden Zweig über die Mauer hinweg in die nachbarliche Wiese. Da wurde Fips, der katzenfeindliche Pinscher, aufmerksam. Kläffend stürmte er herbei, und noch ehe das Eichhörnchen den nächsten Baum erreicht hatte, empfing es den Todesbiß. Den schrillen Notschreien des Hundes nach zu urteilen, prügelte man ihn ob seiner Tat. Er halle das Eichhörnchen mit einer gewöhnlichen Katze verwechselt, die ihm wie oft schon die Nase blutig gekrallt hatte. Er war seiner Natur gefolgt wie das Eichhörnchen, als es den Sprung in die Freiheit tat. Federmann auf Helgoland. Von Hans Mebau. Federmann ist auf Helgoland angekommen. Geht, als er vom Dampfer kommt, aufs Geratewohl in irgendein Haus. „Haben Sie ein Zimmer frei?“ fragt er. „Jawohl", sagt die Wirtin. Führt ihn nach oben. Da war ein kleines Zimmer. Federmann setzt sich auf das Sofa. „Es ist steinhart", sagt er. „Unö unter Steppdecken kann ich auch nicht schlafen. Lind überhaupt ist es hier sehr dunkel." „Ja", zuckt die Wirtin die Achsel, „das Hinterhaus versperrt das Licht. Als es noch nicht da war, hatten wir den schönsten Blick aufs Meer." »Schade", sagt Federmann. Aber weil er keine Lust hatte weiter zu suchen, nimmt er das Zimmer. Dann geht er zum Abendessen. Als er wieder zurückkommt, war da statt des harten Sofas eine weiche Chaiselongue, älnd auf dem Bett türmt sich ein Gebirge von Federbetten. „Sieh mal an“, denkt er, „die Leute haben sich angestrengt." Dann geht er zu Bett, kann nicht schlafen, nimmt Deronal. Am nächsten Morgen scheint die Sonne ins Fenster. Federmann zieht sich an. Klopft die Wirtin an die Tür. „21a“, meint sie, „was sagen Sie nun?“ „■Sie Betten sind gut", erkennt Federmann an. „llnö daß Sie das Sofa weggetan haben, ist sehr nett.“ .3a, aber —“ staunt die Wirtin und zeigt nach dem Fenster, „haben Sie denn nichts gemerkt?“ Federmann dreht sich um und erstarrt: Die schönste Aussicht auf das Meer--- And die Wirtin fährt fort: „Das Hinterhaus ist doch in der Rächt abgebrannt —“ „Oh, sagt Federmann und wird ganz verlegen. „oh, das war aber wirklich nicht nöti g." — Zeitschriften. — „Philosophie und Lebe n". Herausgegeben von Professor Dr. August Messer, Verlag Felix Meiner, Leipzig. Viertels. 3 Hefte 1,80 Mark, Einzelheft 75 Pf. — In der heutigen politischen, ja allgemeinen geistigen Krisis, die sich bis zu einem Fieberzustand unseres Volkes gesteigert hat, will das Äugust-Heft Klärung schaffen. Der Herausgeber untersucht, ob und inwieweit im politischen Kampf „Sachlichkeit" möglich ist. Im Anschluß an Ortega y Gasset wird die uns drohende Gefahr des politischen Massenmenschentums geschildert. In einem Dialog werden Bedenken gegen die Demokratie sachlich erörtert. Die „Aussprache" dreht sich um das Kriegsproblem und die Hitler-Bewegung. — Mit der Augustnummer beenden Wester- manns Monatshefte ihren 76. Jahrgang. Er bringt eine sorgfältige Auswahl Romane und Rovellen, kritische Besprechungen von Aufführungen bedeutender CEBerte, eine große Anzahl hervorragender Abhandlungen über alle Wissensgebiete, gute Wiedergabe der besten deutschen und ausländischen Kunst. Eine Zeitschrift, die ein wirkliches Spiegelbild deutscher Literatur, Kunst, Kultur und Wissenschaft ist. Roch im August erscheint die Septembernummer als erstes Helt ö-'-S neuen Jahrgangs. Hochschulnachnchten. Zum Rektor der llnioerfitöt Marburg wurde der Professor für deutsches Recht, bürgerliches Recht, Handelsrecht und Steuerrecht, Walther Merk gewählt. Die zweite anglistische Professur an der Universität Berlin — neben Professor Schirmer — ist dem ordentlichen Professor Dr. Wilhelm Horn in Breslau angeboten worden. Das durch die Emeritierung des Geheimrats Prof. K. Th. Sapper an der Universität Würzburg erledigte Ordinariat der Geographie ist dem außer- ordentlichen Professor daselbst, Dr. Franz lermer, angeboten worden. Professor Dr. Wilhelm Credner in Kiel wurde vom 31. Oktober 1932 an zum ordentlichen Professor für Erdkunde an der Technischen Hochschule in München als Rachfolger von Professor G. Greim ernannt Auf den durch das Ableben der Frau Professor Dr. Andronikow-Wrangell an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim erledigten Lehrstuhl für Pflanzenernährung ist Privatdozent Dr. Kurt M a i w a l d von der ilnmerfität Breslau berufen worden. Der Historiker der Universität Bonn, Geheimrat Pros. Dr. Aloys Schulte, vollendete dieser Tage das 7 5. Lebensjahr. Don seinen Arbeiten sind vor allem die Schriften zur deutschen Wirtschafts- geschichte und zur Kulturgeschichte des Rheinlandes hervorzuheben. i > t t n r 3 n S e n ). r r n e t. d i. t i ) e i i i Auch ohne diese Versicherung bleibt die Schule oder der Schulvorstand weiter haftpflichtig im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften. Nur die bisher darüber hinausgehende, auf der Versicherung beruhende Schadloshaltung von Verletzten fällt bei Nichtzahlung des Versicherungsbeitrags fort. Dr. G. P. Oberheffen. Lanorreis Gießen. «Munster, 3. Aug. Am Sonntag, 7. August, feiern Gast- und Landwirt Johannes D a m e r und feine Ehefrau Karoline geb. Erb, das Fest der goldenen Hochzeit. Der Jubilar steht im 74., die Jubilarin im 71. Lebensjahr. Beide erfreuen sich noch körperlicher und geistiger Frische. Kreis Friedberg. # Wölfersheim. 3. Aug. Das hiesige Schwelkraftwerk hat mit Beginn dieser Woche hundert Arbeiter neu eilige« ft e 111. Sie sind im Tagebau beschäftigt. Damit hat der Arbeitsmarkt in den umliegenden Dörfern eine geringe, aber immerhin merkliche Entlastung erfahren. Kreis Schotten. 4= Wohnfeld, 3. Aug. In unserem stillen Dörfchen im Streitbachtal findet am kommenden Sonntag seit einigen Jahren wieder zum erstenmal die Kirchweihe statt. Nach alter Ueberlieferung beschließt die Jugend unter sich, ob das Fest gefeiert werden soll oder nicht. Da kein Tanzsaal hier vorhanden ist, so hat man sich wieder nach altgewohnter Art dazu entschlossen, ein Tanzpodium auf der Straße zu errichten. 3m Zeichen Oer Fünf Ringe. Links: Die Amerikanerin Copeland gewann mit einem Weltrekordwurf den Diskuswettbewerb. — In der Mitte: Stella Walasewicz, die in Amerika wohnende Polin, gewann ebenfalls in Weltrekordzeit den 100-Meter-Lauf. — Rechts: der Engländer Hampson wurde in neuer Weltrekordzeit Sieger im 800-Meter-Lauf. Ionalh unplacierl. Auch die leichtathletischen Olhmpiakämpfe des Mittwochs standen im Zeichen der Amerikaner. Im 200-Metcr-Endlaus wurde der einzige deutsche Teilnehmer Jonath nur Vierter. Der amerikanische Heger Tolan holte sich hier nach dem 100-Meter-Sieg die zweite Goldmedaille. Auch in den übrigen Entscheidungen kamen die teilnehmenden Deutschen zu keinen Erfolgen. Welscher wurde im 110-Meter°Hürdenlauf disqualifiziert. Sievert und H i r s ch f e l d kamen nicht einmal in die Diskusentscheidung. * Im inoffiziellen Klassement der Nationen hat Amerika mit 138J4 Punkten eine klare Führung vor Deutschland 47^4, Frankreich 46. Polen 25, Kanada 24 und Italien 21 Punkten Wirtschaft. Oie wirtschaftliche Lage des Handwerks im Juli. Vorn Reichsverband des deutschen Handwerks wird uns geschrieben: Sind bereits in normalen Zeiten die Monate Juli und August die sorgenannten Hauptreisemonate, überwiegend geschäftsstille Zeiten für das Handwerk, da mit einer längeren Abwesenheit des zahlungskräftigen Publikums gerechnet werden muß, so gestaltete sich in diesem Jahre unter dem Druck der allgemein anhaltenden wirtschaftlichen Depression die Geschäftslage im Handwerk geradezu katastrophal- Die bestehende Krise hat sich im Berichtsmonat noch roeiter verschärft und keine Aussichten auf baldige Besserung aufkommen lassen. Ob dies- zum Teil auf die ungeklärten politischen Verhältnisse zurückzuführen ist, die die Entschlußkraft des freien Unternehmertums läfymenb beeinflussen, ob sich für bestimmte Berufe die zurzeit stattfindenden Saisonausverkäufe ungünstig auswirken, ob und inwieweit auch die Witterung einer Besserung der Geschäftslage im Wege steht, läßt sich sehr schwer sagen. Wenigstens berichten selbst die Handwerksberufe, auf die die Reisezeit sonst belebend einzuwirken pflegt, dieses Mal, daß das Geschäft nahezu völlig still liegt. Im Schneiderhand werk sind die sonst üblichen Aufträge für Reisekleidung beinahe gänzlich ausgeblieben. Auch im Sattler- Handwerk, dessen Umsätze durch den Verkauf von Reiseartikeln im Juli für gewöhnlich eine Steigerung erfahren, blieb dieses Mal die erwartete Geschäftsbelebung aus. Die übrigen leder- und papieroerarbeitenben Handwerksberufe wiesen burchweg eine Verschlechterung ihres Geschäftsganges auf. Die Nahrungsmittelhandwerke hatten ebenfalls unter der Reisezeit sowie der zeitweisen warmen Witterung zu leiden. Der Absatz zeigte hier, auch beeinflußt durch das vermehrte Angebot von jungem Gemüse, Kartoffeln und Obst, stark rückläufige Tendenz auf. Eine geringe Belebung wird lediglich von den metallverarbeitenden Handwerks-- berufen in ländlichen Gebieten gemeldet, die infolge der Erntearbeiten vermehrte Aufträge für Reparaturen aufzuweisen hatten. Jedoch hielt sich infolge der schlechten Lage der Landwirtschaft die Auftragserteilung in ungewöhnlich engen Grenzen. Sehr gering blieb auch die Bautätigkeit, die sich fast ausschließlich auf Kleinwohnungen, Siedlungsbauten und Reparaturarbeiten beschränkte. Infolge der starken Konkurrenz der Schwarzarbeiter blieben jedoch diese Aufträge, die ohnehin nur einen geringen Um» fnag erreichten, für die gesamte Lage des Bauhandwerks völlig bedeutungslos. Von der Hand- wcrlrkammer Rürnberg wird noch besonders daraus hingewiesen, daß das Betätigungsgebiet einer Reihe von Handwerksberufen neuerdings auch eine starke Beeinträchtigung durch die produktive Beschäftigung von Wohlsahrtserwerbslosen durch die Wohlfahrtsämter erfährt. Verschiedentlich mußten auch schon Angriffe des Freiwilligen Arbeitsdienstes auf Arbeiten des selbständigen Handwerks abgewiesen werden. Die anhaltende Wirtschaftskrise machte sich naturgemäß in einem immer stärkeren Druck auf d i e Preisgestaltung bemerkbar. Zu einer weiteren Gefährdung der Handwerksbetriebe werden auch neben der drückenden steuerlichen und sozialen Belastung in immer größerem Umfange die Verluste durch Konkurse und Zwangsversteigerungen der Schuldner des Handwerks. * Vor dem Abschluß der internationalen Stickstoffverhandlungen. Die in Scheveningen feit Montag dieser Woche abgehaltenen internationalen Verhandlungen zwischen den europäischen — darunter auch den deutschen — Stickstoffproduzenten und Vertretern der chilenischen Salpeterindustrie sollen nunmehr zum Abschluß kommen. Obwohl von feiten der Konferenzteilnehmer noch keine authentischen Mitteilungen herausgegeben werden, verlautet, daß die Verhandlungen erfolgreich verlaufen sind und daß eine bestimmte grundsätzliche Uebereinftimmung zwischen den Chilenen und den europäischen Stickstoffproduzenten erzielt worden ist. * Ernste Lage in der Rheinschisfahrt. In der gestrigen Generalversammlung der zur Fen- del-Schiffahrtsgruppe gehörenden Rheinschiffahrts- AG. norm. Feudel, ferner der Badischen AG. für Rheinschiffahrt und Seetransport und schließlich der Mannheimer Lagerhaus-Gesellschaft, sämtlich in Mannheim, wurden die Regularien einstimmig genehmigt. Bei den genannten Gesellschaften kommen je 3 (5) v. $). Dividende zur Verteilung. Die Geschäftsberichte für das Jahr 1931 entrollen ein überaus trübes Bild über die Lage der Rheinschiffahrt. Dem im vergangenen Jahre immer größer gewordenen Angebot an Schiffsraum standen nur verhältnismäßig geringe Transportmengen gegenüber. freundlichere Börse in Berlin. B e rl i n, 4. August. (WTB. Funkspruch.) Unter dem Eindruck der sehr festen Neuyorker Börse von gestern hatte sich im heutigen Vormittagsverkehr eine wesentlich freundlichere Beurteilung der Situation durchgesetzt. Man verwies auf bas weitere Anziehen der Warenpreise, auf neue Russenaufträge für die Eisenindustrie, auf den günstigen Fortgang der internationalen Stickstoffoerhandlungen und auch vor allem auf die Erklärung Dr. Warmbolds, die sich gegen eine Zinskonvevsion wendet. Es fehlte aber zu beginn des Verkehrs wieder an stärkerer Beteiligung von außen her, obwohl man bei den Banken den Eindruck hat, als ob sich die Kundschaft etwas mehr für die Börse interessiert. Die ersten Kurse lagen dann auch nicht ganz so fest wie erwartet, da anscheinend immer noch Glattstellungen aus Lombard und vielleicht auch'Exekutionen statt- fanden. Während im allgemeinen die Besserungen 1 v. H. ca. betrugen, waren Montanpapiere unter Bevorzugung von Hoesch und Rheinstahl (bei letzteren machte die Bilanz besonders auf Grund der starken Abschreibungen einen durchaus befriedigenden Eindruck) und Elektropapiere unter Führung von RWE. darüber hinaus befestigt. Bauwerte wie Julius Berger und Holzmann konnten einen Gewinn von 3 bzw. 3,5 v. H. verzeichnen. Auch das Interesse für Otavi hielt an, wobei man an eine Beteiligung dieser Gesellschaft an der neuen Kupfer- und Messingwerke-A.-G. zu hoffen scheint. Auf Käufe einer Großbank waren auch Schiffahrtsaktien bemerkenswert fest. Anderseits fielen schon zu Beginn des Verkehrs Papier- und Zellstoffwerte durch schwächere Haltung auf. Nach den ersten Kursen war vorübergehend eine leichte Abschwächung festzustellen, die in der Hauptsache aber wohl durch das Fehlen neuer Orders verursacht wurde, denn der freundliche Grundton blieb vorherrschend und wurde von AEG. ausgehend später auch wieder fester. Auch am Rentenmarkt war die Grundstimmung trotz geringen Ordereinganges freundlich. R e i ch sschulbbuchforber ungen lagen 0,75 v H. über gestern sogar ausgesprochen fest. Deutsche Anleihen eröffneten nicht ganz einheitlich, ein §prozentiger Verlust der Altbesitzanleihe wurde im Verlaufe wieder eingeholt. Bemerkenswert ist an diesem Markte zunehmendes Interesse für Schutzgebiete. Jndustrieobligationen und Reichsbahnvorzugsaktien waren ebenfalls etwas gebessert. Am Markte der Auslandsrenten traten nur unbedeutende Veränderungen ein. Am Berliner Geldmarkt war Tagesgeld weiter leichter und schon mit 5,5 v. H. erhältlich. Auch Frankfurt freundlicher. Frankfurt 4. Aug. (WTB. Drahtmeldung.) Der feste Verlauf der gestrigen Reuyorker Börse führte bereits an der Dorbörse zu einer freundlicheren Stimmung, die auch bei Beginn des amtlichen Verkehrs erhalten blieb, wenngleich die z. T. merklich befestigten Kurse sich nicht immer behaupteten. Immerhin waren im Vergleich zur Abendbörse doch Kursbesserungen von durchschnittlich 1 Prozent zu verzeichnen. Darüber hinaus ergaben sich für einige Spezialwerte Gewinne bis zu 1,5 Prozent. So eröffneten Gesfürel 1,68, Aku 2 und am Montanmarkt Rheinstahl und Stahlverein bis zu 1,5 Proz. höher. IG. gewannen 0,68 Proz., nachdem vorbörslich auf Erwartungen, daß die Stickstoffverhandlungen bald zu einem positiven Abschluß gelangen werden, die Farbenaktie bis zu 1,5 Proz. höher lag. Dis zu 1 Proz. freundlicher setzten ferner ein Gelsenkirchen, Phönix, Siemens, AEG., Ilse Bergbau Genuß und Reichsbahnvorzugsaktien sowie Deutsche Linoleum. Reichsbankanteile, Deutsche Erdöl und Metallgesel schast b ie- ben behauptet, Scheideanstalt gingen dagegen leicht zurück. Von lokalen Werten konnten sich Holzmann um 3 Proz. befestigen. Die Umsah- tätigfeit war im allgemeinen klein, da man im Hinblick auf die Ungeklärten innerpolitischen Der- hältnisse weiter Zurückhaltung bekundete, zumal das Publikum noch keine Beteiligung am Börsengeschäft zeigte. Später bröckelten die Kurse verschiedentlich wieder etwas ab, doch fetzte fich im Laufe eine neue Aufwärtsbewegung durch, wobei die Anfangskurse zum Teil noch überschritten wurden. Am Rentenmarkt lagen Deutsche Anleihen etwas niedriger, dagegen 'oogen Reichsschuldbuchforderungen bis zu 0,75 Prozent an. Am Pfandbriefmarkt lag kleines Angebot vor, das bei der Enge der Märkte überwiegend Kursrückgänge von 0,25 bis 0,75 Proz. zur Folge hatte. Kommunalobligationen lagen sehr ruhig, aber gehalten. Alt- und Reubesihanleihe konnten sich später wieder etwas erholen. Am Aktienmarkt blieb das Geschäft im weiteren Verlause klein. Die erhöhten Kurse konnten sich aber gut behaupten. Am Geldmarkt machte die Erleichterung weitere Fortschritte, so daß der Satz für Tages- gelb auf 4 Prozent gesenkt wurde. Frankfurter Schlachtviehmarkt. Frankfurt a. M., 4. Aug. Auftrieb: 133 Rin- ber. 968 Kälber, 122 Schafe, 686 Schweine. Es würben notiert: Kälber: beste Mast- unb Saugkälber 38 bis 41 Mark, mittlere Mast- unb Saugkälber 32 bis 37, geringe Kälber 26 bis 31; Sch afe: Masi- lämmer unb jüngere Masthämmel (Weidemast) 26 ' bis 30, mittlere Mastlärnmer, ältere Masthämmel unb gut genährte Schafe 20 bis 25; Schweine: vollfleischige Schweine von etwa 240 bis 300 Pfunb Lebendgewicht 53 bis 55, von etwa 200 bis 240 Pfunb 52 bis 55, von etwa 160 bis 200 Pfunb 50 bis 54, fleischige Schweine von etwa 120 bis 160 Pfunb 48 bis 52 Mark. — Marktverkauf: Kälber unb Schafe mittelmäßig, geräumt, Schweine rege, ausverkaust. kirchliche Nachrichten. Israelitische Gemeinben. Israelitische Reiigionsgesellschaft. Sabbatfeier ben 6. August. Freitagabenb 7.20 Uhr; Sarnstagoorrnittag 8; nachmittags 4; Sabbatausgang 8.55. — Wochen- gottesbienst: morgens 6.30; abenbs 7 Uhr. andere Haut- Nichts anderesI - Es gibt eben keine creme, die das hautverwandte Euzerit Gießen (Grünberger Straße 75), den 3. August 1932 Die Beerdigung findet Samstag, den 6. August, nachmittags 2 Uhr, von der Kapelle des Neuen Friedhofs aus statt 5662 D -4 Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Wilhelm Wallbott, Willi Wallbott, Artur Wallbott Meine liebe Frau, unsere herzensgute, treusorgende Mutter, unsere liebe Schwägerin und Tante Frau Marie Wallbott, geb. Zey ist heute mittag, 12.15 Uhr, nach langem schwerem Leiden im Alter von 45 Jahren heimgegangen Gießen, 0