Ur. 131 Erstes Blatt 181. Jahrgang Montag, 8. Juni (931 Trichell»! lüglich,anher Sonntags und Feierlag» Beilagen: Die Illustrier!, Vtetzener FamUienblLtter Heimat im Bild Die Schalle Monatrvezugrpretr: 2.20 Recchsmark und 30 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Richter» scheinen einzelner Nummern info'v höherer (Bemalt $ern|prtd}an|d)lüfft anterSammebiunTmer2251. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Sieben. Postscheckkonto: gra^ffurtam l/ain 11686. GietzemrAnzeiger General-Anzeiger für Oberhessen tmd und Verlag: vrühl'sche UniversitSlr-vuch- nnö Steinörntferei R. Lange in Stehen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7. Annahme van Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher. Preis für \ mm höhe für Slnjciqcn van 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfcnnig; für Re» klameanzeigen von 70 mne Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°/, mehr. Chefredakteur. Dr. Friedr. Wilh. Gange. Verantwortlich für Politik Ör 'Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Vr.H.THyriot; \ r den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, lämtlich in (Biefoen. Die Notverordnung im Kreuzfeuer der Kritik. Der große Aderlaß. Dan unserer Berliner Redaktion. Gröhe Ueberraschungen hat die Notverordnung der R e i ch s r e g i e r u n a nach den fortgesetzten Indiskretionen der letzten Tage — die vielleicht nicht unbeabsichtigt waren, um dem deutschen Volk die bittere Medizin lösfelweise beizubrfttgen — nicht gebracht. Wir haben aewutzt, daß die Beamten erneut zur Ader gelassen werden, wir haben gewußt, daß die Festbesoldeten büßen müssen, daß die Zuckersteuer verdoppelt wird, daß die Arbeitslosenversicherung „in sich" saniert wird. Was neu ist, sind lediglich einige Kleinigkeiten von mehr untergeordneter Bedeutung. Worauf wir gewartet haben, war im wesentlichen, wie die Reichs re- g i e r u n g ihren Umfall begründen würde, nachdem sie noch bis vor wenigen Wochen erklärt hatte, neue Steuern könnten für sie nicht in Frage kommen. Aber gerade in d e r Richtung hat sich der Finanzminister seine Ausgabe sehr leicht gemacht. Eine Begründung, weshalb er sich im vergangenen Jahre in seinen Einnahmen so verschätzt hat, daß tatsächlich alle Berechnungen über den Haufen geworfen sind, suchen wir vergeblich. Denn die Erkenntnis, daß die Weltwirtschaftskrise nicht so rasch abebben würde, haben die Leute schon damals gehabt, ebenso wie Herrn Dr. Dietrich schon damals vor Augen gehalten wurde, daß sein ganzes Zahlengebäude auf Flugsand errichtet sei. Der große Bruch, der durch die Regie- rungspolitikmt dieferR otverordnung geht, bleibt also nach wie vor bestehen, und wenn auch der Grundsatz richtig ist, daß ein neues Defizit im Reichsetat vermieden werden muß, so fordern die Mittel, mit denen die Regierung kämpft, zu scharfem Widerspruch heraus. Die ganze Rotverordnung erinnert an die Methoden eines Kausmanns, der den Ruin vor sich sieht und nun aus seiner Kasse noch die letzten Reste zu» sammenkraht, nicht in der Hoffnung, sich zu sanieren, sondern nur um sich zunächst einige Wochen halten zu können. Was'dic Regierung vorlegt, ist eine Rotverordnung der Unzulänglichkeiten, über die rein sachlich gesehen kein Urteil zu hart wäre. Die Regierung versucht deshalb auch, sie politisch KU verteidigen. 3n ihrem Aufruf er- klärt sie, daß die Grenze dessen, was dem deutschen Volke an Entbehrungen auferlegt werden könne, erreicht sei. und sie kündigt gleichzeitig an, daß die aufs Aeußerste bedrohte wirtschaftliche und finanzielle Lage gebieterisch zur Entlastung von den untragbaren Repara- lionsverpflichtung en zwingt. Aber selbst an diesen außenpolitischen Rot- wendigkciten gemessen bleibt die Rotverordnung cm Stückwerk, weil ihre Schätzungen den Finanzminister vermutlich im Stich lassen werden, so Daß er nach wenigen Monaten trotz des Anziehens der Steuerschraube da steht, wo er schon heute steht. Wir haben daher Zweifel, ob auch bei weitgehendstem Verständnis für die Zwangslage der Regierung im Reichstag sich eine Mehrheit zusammenfindet, die einen Antrag auf Aufhebung der Rotverordnung ablehnt. Wir fürchten, die parlamentarische Katastrophe, die zum Sturz der Regierung führen muh, nach dieser Rotvcrordnung nicht mehr aufzuhalten. Einberufung des Aeliestenpats des Reichstags. Berlin, 6. Juni. (BDZ.) Der Zusammentritt des Aeltestenrates des Reichstages ist für Mittwoch, 10. Juni, 16.30 Uhr, in Aussicht genommen. Auf der Tagesordnung stehen die Anträge der Nationalsozialisten und Kommunisten auf sofortige Einberufung des Reichstages zur Stellungnahme zu der neuen Notverordnung. Die NDP.-Kraktion sott ablehnen. Bruch der bisherigen Linie des Kabinetts Brüning. Trier, 7. Juni. (TU.) Heute fand hier dcr Wahlkreis • Parteitag des Wahlkreises Koblenz-Trier der Deutschen Volks- Partei statt. Es wurde eine Entschließung angenommen, in der es u. a. heißt: „Die DVP. des Wahlkreises Koblenz-Trier- Birkenfeld stellt fesl, daß die neue Notver- o r d n u n g der Reichsregierung einen Bruch der bisherigen Linie des Kabinetts Brüning bedeutet. 3n der Notverordnung fehlt der durchgreifende Wille, durch die Der- einfachung der gesamten öfsent- lichen Verwaltung und der Befreiung der Wirtschaft von unerträglichen stacttssoftali- stischen Lasten Grundlagen dafür zu schaffen, daß jeder Deutsche wieder einen sicheren Arbeitsplatz erhält. Der Par. teitag erwartet von der Reichstagsfraklion, daß sie die Notverordnung abIehnt." In einer Kundgebung der Deutschen Volkspartei sprach Dingeldey am Sonntagnachmittag. Seine Ausführungen gipfelten in der Forderung nach einem wirtschaftlichen General st ab, der einen Plan für die Beseitigung von innerer und äußerer Not in politischer, wie wirtschaftlicher Hinsicht aufstellt, falls die Regierung, deren Notoerord- nung ft a U Ausgabensenkuna nur neue Belastung bringe, in der Schaffung weiterer Lebonsmöglichkeiten für das deutsche Volk versagen sollte. Er wies die Angriffe gegen die Deutsche Volkspartei wegen ihrer Zustimmung zum Poungplan zurück, da der Poungplan ein Werkzeug zur Befreiung deutschen Bodens von der Besatzung gewesen sei. Hugenberg fordert Aufhebung der Notverordnung. Minden (Wests.), 8. Juni. (ERB.) Auf dem Landesparteitag des Landesverbandes Westfalen- Ost und beider Lippe der Deutschnationalen Volkspartei in Porta hielt gestern der Parteiführer Dr. Hugenbcrg eine Rede über die Rotverordnung und die Folgerungen, die die Deutschnationale Dolkspartei aus den Beschlüssen der Reichsregierung ziehen will. Oie amtliche Mitteilung. London, 7. Juni. (WIB.) heute abend wurde hier folgendes gemeinsame Kommunique über die Besprechungen von Lhequers ausgegeben:' „während des Wochenendes haben der Reichskanzler und der Reichsaußenmini st er ihren Besuch in Lhequers abgestattet, von englischen Ministern waren anwesend der Premiermini- st e r, der Außenminister und der Handels- m i n i st e r. Am Sonntag gab der Premierminister ein Frühstück, bei dem folgende Herren, z. T. mit ihren Damen, zugegen waren: der deutsche Botschafter, der Erste Lord der Admiralität Alexander, der Gouverneur der Bank von England, Bernard Shaw, der Unlerstoats- sekretäc im Foreign Office Sir Robert vansit- tart, der Privatsekretär des Königs Sir Elive w i g r a m , Sir Frederik L e i t h - R o h aus dem Schatzamt, Botschaftsrat Graf Bernstor ff, Mr. Malcolm Macdonald, sowie Frl. Jshbel Mac- d o n a l d. Der Besuch war vor einigen Monaten zum Zwecke persönlicher Fühlungnahme vereinbart worden. Bei Gelegenheit dieser zwanglosen Zusammenkunft wurde in freundschaftlicher weise die Lage erörtert, in welcher sich das Deutsche Reich und andere Industriestaaten im gegenwärtigen Augenblick befinden. Die deutschen Minister betonten mit besonderem Nachdruck die Schwierigkeiten der augenblicklichen Lage in Deutschland und die Notwendigkeit der Schaffung von Erleichterungen. Die englischen Minister ihrerseits wiesen auf den internationalen Charakter der derzeitigen Krise und ihre besonderen Rückwirkungen auf England hin. Beiderseits herrschte Uebereinffimmung darüber, daß neben den Maßnahmen, die jedes Land für sich zu ergreifen hätte, die Wiederherstellung des vertrauens und die wirtschaftliche Wiederbelebung von internationaler Zusammenarbeit abhängig feien. In diesem Sinne werden beide Regierungen sich bemühen, die gegenwärtige Krise in enger Zusammenarbeit mit den anderen beteiligten Regierungen zu bekämpfen." Erläuterungen des Reichsaußenministers. London, 7. Juni. (IldTD.) Der Reichsminister des Aeuheren Dr. C u r t i u s empfing heute nachmittag nach seiner Rückkehr von Chequers die Vertreter der deutschen Presse, denen er von dem Inhalt des amtlichen Kommuniques Mitteilung machte und noch folgende Erläuterung hinzufügte: Das Kommuniquä spricht für sich selbst. Ich habe nur wenig hinzczufügen. Ich lege Wert darauf, zu betonen, daß wir nicht von einer Konferenz kommen. Wir haben persönliche Fühlung und freundschaftliche Aussprache gesucht und gefunden. Wie Sie aus dem Kommunique ersehen, hat im Vordergrund der Aussprache die Lage Deutschlands und die allgemeine Krise gestanden. Die Herren, insbesondere der Herr Reichskanzler, waren in der Lage, eingehend die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands, die innere und äußere Lage, die Notwendigkeit von Erleichterungen in aller Offenheit zu befprechen, und haben freundliches Verständnis gefunden. Worauf die englischen Kollegen Wert gelegt haben, ergibt sich aus dem Kommunique. Einzelheiten miteuteilen, verbietet die Vertraulichkeit und Freunoschaftlichkeit der Aussprache. Wir sind übereingekvmrnen, daß neben den Maßnahmen, Der Redner übte an der gesamten bisherigen Politik des Kabinetts überaus scharfe Kritik und kündigte an. daß die Deutschnationate Volkspartei zur Beschlußfassung über die Notverordnung den Zusammentritt des Reichstags verlangen werde. Tritt der Reichstag zusammen, erklärte Dr. hugenbcrg, so werden auch wir erscheinen und so lange im Hause bleiben, wie es uns sachlich richtig erscheint. Wir werden Anträge auf Beratung derjenigen Dinge stellen, die uns wichttg erscheinen, z. B. unseres Antrages auf Streichung der Polizei- kostenzuschüsse des Reiches an Preußen, sowie unserer auf Rettung der Landwirtschaft gerichteten Anträge. Wir werden die Unmöglich- k e i t der neuen Rotverordnung beleuchten und ihre Aufhebung beantragen. die jedes Land für sich zu treffen hat, ein i n t e r- nationales Zusammenwirken erforderlich ist. Darauf stellen sich beide Teile ein. Die Aussprachen von gestern nachmittag und heute haben unter den denkbar angenehmsten äußeren Tlmständen stattgefunden, und wir haben vollendete Gastfreundschaft im schönsten Rahmen genossen. Wir haben den englischen Kollegen, besonders Macdonald und seiner Tochter, unseren herzlichsten Dank ausgesprochen und den Wunsch hmzugefügt, ihre Gastfreundschaft zu vergelten. Wir hoffen, daß dies bald möglich sein wird. Auf eine weitere Frage hinsichtlich der internationalen Zusammenarbeit erklärte der Außenminister: wir haben die Verpflichtung, alles in Bewegung zu fetzen, um der gegenwärtigen krife Herr zu werden. Der Minister erwähnte noch, daß die Anwesenheit des Gouverneurs der Dank von England, des ständigen Llnterstaatssekretärs des Foreign Office Vansittart und des englischen Finanzsachverständigen Roh bei dem heutigen Frühstück in Chequers von besonderem Wert gewesen sei. Ferner äußerte der Minister: Die Besprechungen haben im wesentlichen der Wirtschaftskrise gegolten. Andere Probleme, wie z. B. das der Abrüstung, wurden g e st r e i f t. Die Einladung war eine Geste der englischen Regierung, die hoch einzuschähen ist. Es war das erstemal, daß seit dem Kriege außerhalb einer interckatto- nalen Konferenz deutsche Minister von englischen Ministern eingeladen worden sind. Diese Tatsache allein ist von außerordentlicher Bedeutung. Meder in London. London, 7. Juni. (WTB.) Reichskanzler Dr. Brüning und Außenminister Dr. Curtius verliehen in Begleitung des deutschen Botschafters Chequers. nachdem sie den Tee, der von der Tochter Macdonalds Jsebel gereicht wurde, eingenommen hatten. Eine kleine Gruppe, die sich bei dem Ausgang angesammelt hatte, begrüßte sie mit freundlichen Zurufen. Um 18.30 Uhr trafen die deutschen Gäste im Carlton-Hotel ein. In Washington wie eine Bombe gewirkt. Auch der amerikanische «chatzsekretär fährt nach Europa. Neuyork, 7. Juni. Die Notverordnung und der Aufruf der Reichsregierung mit seiner rückhaltlosen Offenheit haben in den amtlichen Kreisen Washingtons wie eine Bombe gewirkt. Der Inhalt wurde sofort telephonisch nach Hoovers Sommcrsih im Staate Virginia weitergegeben, wo dieser das Wochenende verlebte. Bedeutsam ist, daß neben dem Staatssekretär des Auswärtigen S t i m s o n nunmehr auch der Schahsekretär Mellon diese Woche eine sechswöchige Reise n a m England und Frankreich antritt, wenn diese Reise auch als halb- privater Art gekennzeichnet wird, so glaubt man doch, daß Stirnson und Mellon auf ihrer Europareise bereits die Kriegsschuldenfrage mit dey maßgebenden europäischen Staatsmännern besprechen werden, verschiedentlich ist man in Washington der Ansicht, daß Hoover jetzt die Frage der S ch u I d e n h e r a b s e h u n g mit der Frage der europäischen Rüstungsermäßigung verknüpfen werde. Die soeben von Senator Borat) erhobene Forderung nach Revision der Reparationszahlungen dürfte unter diesen Umständen wohl um Der Premierminister Macdonald kehrte mit seiner Tochter ebenfalls im Laufe des Rachmit- tags nach London zurück. Ernste Kommentare der englischen preste. Dringender Appell an Amerika. London, 8. Juni. (WTB. Funkspruch.) Bon den Kommentaren der heutigen Morgenpresse knüpfen zwei an die Wendung des offiziellen Kommuniques „Besprechungen mit anderen Regierungen" an. „Daily H e r a l d" meint, es werde zuversichtlich geglaubt, daß derStein insRollen gebracht worden sei, obwohl bis jetzt noch keine bestimmten Pläne gemacht und keine bestimmten Vorschläge vorgebracht würden. Aber diese Wendung stelle in Aussicht, daß die Che- quers-Zusammenkunft in absehbarer Zeit zu i n - ternationaler Zusammenarbeit führen werde. Auch „Daily Mail" glaubt daran und erwartet, daß sich diese enge Zusammenarbeit mit den anderen Regierungen inv der geschaffenen Völkerbundskommission zur Prüfung der europäischen Finanz- und Wirtschaftslage vollziehen werde. Im übrigen ist das Blatt der Ansicht, den Besprechungen habe die Möglichkeit, daß die Ankündigung die Reparationszahlungen zu dispensieren, Anfang März 19 32 geschehen werde, zugrunde gelegen. „M o r n i n g P o st" begnügt sich mit der Feststellung, daß die angekündigte Fortsetzung der Besprechungen auf die Möglichkeit einer Konferenz aller interessierten Kreise Hinweise. „DailhTelegraph" dagegen bestreitet, daß die Besprechungen produktive Ergebnisse gezeittgt hätten. „Daily Expreß" untersucht die Lage in bezug auf die Politik Amerikas und findet, an Amerika liege es jetzt, den ersten Schritt zu tun, um die Welt vom Fluche der Kriegsschulden zu befreien. Das gleiche Thema beschäftigt die „Financial Times", die fragt, ob Amerika mit einer neuen Aenderung darauf warte, bis Deutschland völlig zusammenbreche. Internationale Zusammenarbeit tue not, um rechtzeitig dieses Unglück zu verhüten. London, 8. Juni. (Funkspruch.) Der Eindruck des amtlichen Berichts über den Che- quers-Besuch ist in englischen Kreisen im allgemeinen günstig. Große Bedeutung mißt man der Anwesenheit des Gouverneurs der Bank von England und des Finanzsachverständigen aus dem Schahministerium Leith Roß in Chequers bei. Man glaubt, daß hierbei die PläneRormans hinsichtlich der Schaffung eines neuen internationalen Kreditinstitutes zur Sprache gekommen sind. Es herrscht die Auffassung, daß die englischen Minister die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands anerkannt haben, und man erwartet, daß die englische Regierung die dargelegten Tatsachen genau untersuchen und ihre Eindrücke und Mutmaßungen den anderen Hauptstädten, vor allem Paris und Washington, in der geeigneten Weise mitteilen wird. so größere Bedeutung haben, als Borah gerade in den letzten Wochen häufig Besprechungen mit dem Staatsdepartement und mit Hoover über die Schuldenfrage hatte. Sofortige Revision der Reparationszahlungen. Ein Vorstoß des Senators Borah. A e u h o r k, 6. Juni. (TTl.) Wie aus Washington gemeldet wird, fordert Senator Borah in einer langen Erklärung die sofortige Revision der Reparationszahlungen. „Keine Ration", so erklärt Borah, „sollte dazu beitragen, das deutsche arbeitende Dolk in unerhörtes Elend zu stürzen. Der deutsche Mittelstand werde unter den jetzigen Umständen geopfert. Die älnfähigleit Deutschlands, seine Zahlungen fortzusehen, sei teilweise auf die schweren Rüstungen anderer Rationen zurückzuführen. Diese Rüstungen stellten eine Verletzung des Vers ailler Vertrages dar. Zu den Erklärungen des Senators Borah meldet „Herald Tribüne", daß Borah sich in der letzten Zeit über die Lage in Deutschland ständig auf dem Laufenden gehalten und wiederholt mit Präsident Hoover und Staatssekretär S t i m s o n darüber Besprechungen geführt habe. Senator Borah, betont das Blatt, sehe Deutschlands gegenwärtige Lage, insbesondere die Arbeitslosigkeit, alsfehrernst an, halte jedoch Frankreichs Zustimmung zu einer Erleichterung der Reparationslasten für notwendig. Das Ergebnis von Eheqners. Ist Amerika znm Eingreifen bereit? Stimson und die ireparationsfrage. Washington, 6. Sunt. (WTD.) Staatssekretär Stimson wurde in der heutigen Pressekonferenz gefragt, ob die Voraussage, daß er die Reparationsfrage in Europa besprechen werde, zuträfe. Der Außenminister lehnte es ab, diese Voraussage zu dementieren. Gleichfalls lehnte er es ab, die bekannte amerikanische These, Kriegsschulden und Reparationen hüben nichts miteinander zu tun, erneut aufzustellen. Es handele sich fei, diesen Dingen um ein so wichtiges Problem, dah er unmöglich zur Zeit eine amtliche Aeuherung ab- geben könne. Oie Reuyorker presse. R e u h o r k. 6. Juni. (WTD.) Die Abendblätter bringen den Aufruf der deutschen Regierung zur Rotverordnung durchweg in großer Aufmachung und an hervorragender Stelle mit über mehrere Spalten gehenden äleberschrif- Der ReichSfinanzmiMer spricht. B e r l i n, 6. Sunt. (ERB.) Reichsfinanzminister Dr. Dietrich sprach heute abend im Rundfunk über die neue Rotverordnung der Reichsregierung. Rach einem Hinweis auf die Schädlichkeit der Miehmacher und der Schwarzseher, die dauernd von Zusammenbruch redeten, fuhr der Minister u. a. fort: Wenn wir in Deutschland nicht ewig mit Vertrauenskrisen kämpfen mühten, so würde das Reich sein jetzt vorhandenes Defizit abdecken können, indem es die vorgesehene Schuldentilgung streicht. Aber wir können so etwas nicht machen, weil wir genötigt sind, alles zu vermeiden, was irgendwie unsere Solidität und Kreditwürdigkeit gefährdet. Wenn es sich nur um das Reich handeln würde, so würde es vollkommen genügen, die vorgesehenen Kürzungen durchzuführen, die Zuckersteuer zu verdoppeln und die Mineralzolle zu erhöhen, sowie die monatliche Zahlung fe$ Umsatzsteuer einzuführen. Es wäre auch möglich, auszukommen, ohne den Beamten ernstlich zu kürzen. Aber neben seinen eigenen Geschäften hat das Reich auch Gebiete zu betreuen, die ihm an sich wesensfremd sind. Hierher gehört die Sanierung der Knappschaft, die Aufbringung der Gelder für die Krisenunterstühung und die Bildung eines Jonbs für die Arbeitsbeschaffung. Für diesen Zweck wird die Krisensteuer erhoben, und daher hat sie auch ihren Rainen. Der Minister erläuterte dann die Gründe der scheinbaren Desserstellung der selbständigen Unternehmer in der Krisen st euer und die Bestimmungen der Rotverordnung bezüglich des Arbeitslosenproblems. Sm vorigen Sahre, erklärte er hierbei u. a., habe ein Prozent Beitrag zur Arbeitslosenversicherung noch volle 290 Millionen Mark in die Kasse der Versicherungsanstalt gebracht. Sn diesem Sahre werde ein Prozent nur noch 210 bis 250 Millionen Mark erbringen. Das heiße, die Arbeitslosenversicherung werde 500 Millionen weniger einnehmen, als man annahm. Sie könne nicht einmal ihre eigenen Ansprüche decken. Aus all' den Berechnungen, die auf Grund der Einnahmen der Arbeitslosenversicherung gemacht worden seien, lasse sich erkennen, daß das Lohnniveau in Deutschland int Laufe eines Jahres um etwa sieben Milliarden Mark gefallen sein muh. Zum Schluß seiner Ausführungen kam der Minister rroch auf den in der Rotverordnung geschaffenen Rahmen für die freiwillige Dienstpflicht und auf die beabsichtigten Maßnahmen zur Senkung des Preisniveaus zu sprechen. Sm Sinne des Aufrufes der Reichsregierung vom 5. Suni beendete Dr. Dietrich seine Rede mit der Erklärung, dah die Lage des Reiches gebieterisch zur Entlastung von untragbaren Reparationsverpflichtungen zwinge. Appell deSÄeichsarbeitSministerS Cleve, 7. Sunt. (WTB.) Heute sprach hier in einer großen Kundgebung der christlichen Gewerkschaften des Niederrheins Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald über das Sanierungsprogramm der Reichsregierung. Er führte u. a. aus: Wir befinden uns inmitten einer großen Wirtschafts- und Finanzmisere. Deutschland soll, nachdem es durch Krieg und Inflation rund die Hälfte seines früher erarbeiteten Nationalvermögens verloren hat, in der größten Wirtschaftskrisis eines Jahrhunderts jährlich noch zwei Milliarden Reparationen an die Siegerftaaten abführen. Die Reichsregierung stand vor der Frage: Können und sollen wir mit einem Schlage die Finanzen von Reich, Ländern, Gemeinden, Arbeitslosenversicherung, Krisenfürsorge und aemeindliche Wohlfahrtspflege in Ordnung bringen? Das ging nicht. In der Beschränkung zeigt sich auch hier der Meister. Und so werden durch die Reichsregierung saniert das Reich, die Arbeitslosenversicherung, die Krisenfürsorge und die gemeindliche Wohlfahrtspflege. An dem Sanierungsprogramm der Reichsregierung wird von allen Seiten die Kritik einsetzen; sie kann sie vertragen und ist überzeugt, daß keine Regierung ein wesentlich anderes Programm vorlegen könnte. Hebet weitere Schritte zur Wirlschaslsgesundung und über die Art, wie das Reparationsproblem erneut anzupacken ist, enthält das Sanierungsprogramm der Reichsregierung nur Andeutungen. Darüber hat sich aber bereits im Schohe der Reichsregierung ein fester Plan herauskristallisiert. Die Einzelheiten dieser Aufgaben werden nach Rückkehr des Reichskanzlers und des Außen- ministers aus England in Angriff genommen werden. Heute möchte ist bloß folgendes sagen: Don der Lohnseite her allein ist die deutsche Wirtschaft nicht in Ordnung zu bringen. Zu- gegeben ist, dah auf dem Gebiete der Lohnpolitik noch allerlei ^lnausgealichenheiten bestehen, denen ins Auge gesehen ^werden muh. Voran aber steht folgende kardinale Tatsache: Das deutsche Volk besteht zu etwa 65 Prozeick aus Lohn- und Gehaltsempfängern. Rach der neuen Gehaltskürzung der Deamten werden in der öffentlichen und der Privatwirtschaft im Sahre 1931 rund 8,5 bis ten. Die Associated Preß hat den Aufruf sogar im vollständigen Wortlaut an ihre Abnehmer gesandt. Vorläufig begnügt sich die Reu- Yorker Presse mit der Wiedergabe des Aufrufs in ihrem Rachrichtenteil, ohne bisher in Leitartikeln dazu Stellung zu nehmen. Wallstreet über ein Moratorium für Deutschland. R e u y o r k, 7. Suni. (TLl.) Sn der Wallstreet gehen die Ansichten über die Folgen eines etwaigen Moratoriums für Deutschland weit auseinander. Allgemein wird jedoch befürchtet, dah die ersten Folgen eines solchen Moratoriums die schärfste Zurückziehung der kurzfristigen Anleihen, Sinken des Markkurses, und weitere Kursrückgänge der deutschen Dollarobligationen sein würben. Größtenteils wird jedoch zugegeben, dah ein Moratorium Deutschland Hilfe bringen würde. 9 Milliarden Mark Gehälter und Löhne weniger bezahlt, als 1929. Davon entfällt etwa die Hälfte auf vermehrte Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit. Die Preise sind nicht in dem gleichen Ausmaß gesunken, als der Gesamtlohn in der deutschen Volkswirtschaft sich vermindert hat. Die Gehalts- und Lohnpolitik muß künftig, von Unausgeglichenheiten abgesehen, im ganzen vorsichtig behandelt werden, wenn nicht ein weiterer größerer, innerlich nicht ausbalancierter Schrumpfungsprozeß eintreten soll, wodurch schließlich wieder die Lohnsteuer, die älmsahsteuer. die Beiträge zur Sozialversicherung usw. so katastrophal zurückgeworfen werden, daß schließlich die öffentliche Wirtschaft erneut von innen heraus vor den größten Schwierigkeiten stehen würde. Reben der Lohttfrage muß auch der deutschen Rohstoffwirtschaft (Landwirtschaft, München, 6. Juni. (TU.) Lin besonders tragischer Umstand bei dem furchtbaren Vernichtungswerk im Münchener Glaspalast ist vor allem die Zerstörung der herrlichen Sonderausstellung „D e u t- s ch e Romantiker-, für die Leihgaben zum Teil mit großer Mühe aus allen Teilen Deutschlands, sei es aus Museen- oder Privatbesih, zusammengetragen worden waren. Lines der schönsten Bilder von Moritz von Schwind, „Ritter Kurts Brautfahrt", ist unter den vernichteten Werken, außerdem von demselben Maler „Des Knaben Wunderhorn", „Die Dame zu Pferd mit Page", „Auf der Wanderschaft" und „Nächtliche Fahrt", von Peter von Cornelius wurden die Gemälde „Die Grablegung Christi", „Die Flucht nach Aegypten" und „Familien- bildnis" vernichtet. Peter von Heß war mit dem Bild „Der Räuber Barbone" vertreten, Julius Schnorr von Larolsfeld mit den Gemälden „Christus die Kinder segnend", „Johannes predigt in der Düste", während von Ludwig Schnorr von Larolsseld „Jägers Liebeslauschen" ausgestellt war. Adrian Ludwig Richter war ver- treten mit den Bildern „Durch die Furth", „Lrnle- ;ug in der Champagne" und „Hirtenszene". Von Philipp Otto Runge waren ausgestellt „Lehrstunde der Nachtigall", „Mutter und Kind an der Quelle", „Wir Drei“. Weiter waren vertreten Friedrich Wilhelm von S ch a d o w , Karl Friedrich Schinkel, Johann Wilhelm Schirmer, Joseph Anton Koch, von dem eine ganje Reihe Bilder ausgestellt war, dann Christian Ernst Morgen st ern, Karl Blechen, von dem namentlich seine im Besitz der Berliner Rationalgalerie gewesenen Bildern „Felsentor" und „Linschlagender Blitz" sowie „Mädchen am Meeresslrand" gezeigt wurden. Von Caspar David Friedrich waren u. a. „Winterlandschaft mit Kirchenruine", „Riesengebirgslandschaft", „Dame am Meeresstrand", „Abendstunde" und „Herbstlandschaft" vertreten. Weiter gehörten der romantischen Ausstellung an Arbeiten von Philipp Veit, Friedrich Johann Overbeck, Ferdinand Johann von Oliver, Heinrich Olivier und Woldemar Friedrich von Olivier. Außerhalb der romantischen Ausstellung ist beispielsweise der größte Teil des Lebenswerkes von Kuno A m i e t, des bekannten Schweizer Malers, der allein mit vierzig Werken auf der Ausstellung vertreten war, den Flammen zum Opfer gefallen. Von berühmten Gästen hatte Rodln einen eigenen Saal, daneben waren werke von M a i 11 o t, Despiau, Derain, Blanche, dann mehrere Säle mit modernen Mailändern und dem Italiener Rovecento, dann zwei Bilder Kokoschkas ausgestellt. Fast alle bekannten Künstler der Sezestion waren mit mehreren Bildern vertreten, so Benno Becker, Geibel, Geigenberger, R. Kaiser, Splero, Wackerle und Zügel. Ls ist natürlich unmöglich, auch nur annähernd durch die Auszählung der vernichteten Bilder und ihrer Kohle, Eisen usw.) die größtmögliche pflegliche Sorgfalt durch Regierung und Selbsthilfe zugewendet werfen. Dann muh mit allem Rachdruck der rohe, würdelose und Deutschland schädigende politische Kampf zurückgedrängt und eine größere gegenseitige Dertrauensbasis im Sturem geschas- • fen werfen. Endlich muß das Reich- und Länder- Problem baldigst nachdrücklichst in Angriff genommen werfen. Dieses bildet sich immer mehr zu einer deutschen Lebensfrage heraus. Rach fern preußischen Volksentscheid und nach fen preußischen Landtagswahlen ist die Aufrollung der Reichsreform nicht mehr aufzuhatten. . Das deutsche Volk steht vor einer ernsten Stunde. Von 32 Millionen Erwerbstätigen stehen in Deutschland immer noch 27 bis 28 Millionen, wenn auch teilweise nicht voll beschäftigt, in Arbeit. Wir müssen unsere Lebensgewohn- heitenumstellen. Wir müssen von der Vorstellung herunter, dah ein Volk, das den größten aller Kriege der Geschichte verloren hat, etwa nach diesem Kriege weniger zu arbeiten brauchte und besser leben könnte als vorher. Wohl aber kann Deutschland, nachdem es mit großen^ Anstrengungen sein eigenes Haus so gut als möglich bestellt hat, sagen: Jehl ist die Stunde Europas und Amerikas gekommen! Cs geht nicht bloß um die Rettung Deutschlands; es geht um die seit Jahrhunderten erarbeitete! europäische Kultur und Zivilisation. Staatssekretär Dr. pünder erläutert. B e r l i,n, 6. Juni. (TU.) Der Staatssekretär in der Reichskanzlei, Dr. P ü n d e r, veröffentlicht in der „G e r m a n i a" einen längeren Artikel über die Gedanken, von denen die Schöpfer fer neuen Notverordnung beseelt waren. Er weist darauf hin, daß die Notverordnung ein Opferprogramm darstelle, mit dem sich Reichspräsident und Reichs- regierung an alle Teile des deutschen Volkes und Schöpfer einen Begriff von der Größe der fiala- fftophe zu geben. Snsgefarnt sind fern furchtbaren Brand nicht weniger als 2 8 7 5 Kun st werke aller Gattungen zum Opfer gefallen. ' Sn der vernichteten romantischen Ausstellung befanden sich 110 Gemälde, die in ihrer überwiegenden Anzahl von den verschiedenen Museen Deutschlands ausgeliehen waren. Den stärksten Verlust hat die Kunsthalle Hamburg mit 17 Werken zu beklagen. Schwer betroffen ist auch die Kunstsammlung des Landesmuseums in Darmstadt, die von ihrem kleinen Museums- festand die sieben wertvollsten Bilder beisteuerte. Unter fen geschädigten öffentlichen Kunstanstalten befindet sich weiter Pie Rationalgalerie zu Berlin, das Kurpfälzische Museum der Stadt Heidelberg, die Städtische Galerie Rümberg, das Museum in Gotha, das Museum fer bildenden Künste in Leipzig und das Tiroler Landesmuseum in Snnsbruck, die Galerien von Breslau, Dessau, Chemnitz und Mainz. Die bayerische staatliche Gemäldesammlung und die Schackgalerie haben eine verhältnismäßig geringe Cinbuhe erlitten. Aber auch in der modernen Schau gingen ganze Lebenswerke einzelner Künstler zugrunde. Von fern verstorbenen Maler Otto ©trudel waren die 67 bedeutendsten Werke ausgestellt, von fern Engländer Wenb an 80 Bilder. Die koUektive Ausstellung von Erich Kubierschkh umfaßte 45 seiner wichtigsten Arbeiten. der Wirtschaft wenden. Dieses Opferprogramm wär« überhaupt nicht zu tragen, wenn nicht vollste Gewähr dafür geboten wäre, daß nach den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit der notwendige Ausgleich zwischen allen Ständen, Berufen und Klassen gesucht und gefunden wäre. Sozialpolitik könne nur dann der allgemeinen Wohlfahrt dienen, wenn sie auf soliden wirtschaftlichen Verhältnissen fuße. Eine blutleere deutsche Wirtschaft und ein zusammengebrochener Staatshaushalt wären nicht in der Lage, die Durchführung noch so guter sozialpolitischer Gesetze auf die Dauer zu gewährleisten. Zugleich müsse betont werden, daß die Eingriffe finanzieller, wirtschaftlicher und sozialer Art, wie sie die neue Notverordnung bringe, eine Wiedern fjolung nicht ertrügen. Aller wett dürfte klar geworden fein, dah die gegenwärtigen auf Deutschland ruhenden Repa- rationslaften untragbar geworden feien. Wenn die Regierung fern deutschen Volke immer schwerere Opfer zumuten mußte und gleichzeitig die Voraussetzungen des Sachverständigenplanes auf die heutige Lage Deutschlands nicht mehr zu- treffen, so müsse die Rachprüfung der Frage vor- genommen werden, wie nun auch repa - rativnspolitisch solchen innerdeutschen Vorgängen entsprochen werden solle. Dah^je Reichsregierung in diesen Fragen keinen unüberlegten! Schritt tun, sondern in Ruhe und Zielstrebigkeit handeln werde, sei selbstverständlich. Die Rot- Verordnung befasse sich, erklärt Dr. Pünder, nicht mit dem Problem der Reichsreform, die im Wege von Artikel 48 nicht gelöst werden könne. Er verrate aber kein Geheimnis, wenn er erwähne, dah die Reichsregierung bei der Vorbereitung der Rotverordnung auch Fragen der Reichsreform erörtert habe. Gerade wer ein ehrlicher «Freund eines wirklichen Föderalismus sei, müsse der Auffassung fein, dah die bisherige staatsrechtliche Gestaltung des Reiches nicht von ewiger Dauer fein könne. Zum Schluß erklärt Dr. Pünder, daß mit der Rotverordnung die Sanierungsarbeit der Reichsregierung noch in keiner Weise beendet sei. Die notwendige Voraussetzung für 2875 Bilder vernichtet. Noch ungeklärte Entstehungsursache. München, 8. Suni. (WTB. Funkspruch.) BiS jetzt ist es noch nicht gelungen, die älrsachen zu entdecken, die der Anlaß der entsetzlichen Brandkatastrophe im Glaspalast waren. Der Verdacht einer vorsätzlichen Brandstiftung hat sich, wie die „Münchener Telegrgmm-Zeitung" zu berichten weiß, nicht bestätigt, vielmehr wird den Spuren nachgegangen, die auf Feststellung der Materialien schließen lassen, welche bei Renovierungsarbeiten in den Romantikersälen Verwendung gefunden haben. Die Polizei wird heute Versuche anstellen, ob ihre Annahme einer Selbstentzündung des bei den Arbeiten verwendeten Materials sich aufrecht erhalten läßt' Aufruf für ein Hilfswerk. München, 7. Sunt. (TU. Funkspruch.) Staatsregierung, Volksvertretung und Stadtrat München sind mit der Künstlerschaft darin einig, daß angesichts dieses Llnglücks sofort Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden müssen. Geholfen werden muh deneit, die in fen heutigen Zeiten drückender Rot nun auch noch die Werke ihres künstlerischen Schaffens verloren haben. Geholfen werden muß der Kunststadt München, deren Kunstgeltung mit der Möglichkeit steht und fällt, ihr Kunstschaffen in einem Ausstellungsbau umfassend zu zeigen. Staatsregierung, Landtag und Stadtrat München sind daher entschlossen, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, um die augenblickliche Rot der Rächstbetroffenen zu mildern und um baldmöglichst wieder neue Ausstellungsräume zu schaffen. Staatlicherseits ist für diesen Sommer sofort die neue Pinakothek zur Durchführung einer Erwerbsausstellung angeboten worden. Vordringlichste Aufgabe ist es, den durch die Brandkatastrophe in ihrer Existenz gefährdeten Künstlern durch rasche materielle Hilfe das Fvrtarbeiten zu ermöglichen. Es wird daher an die Einwohnerschaft Münchens, an die Bevölkerung Bayerns und darüber hinaus an alle, denen deutsche Kunst am Herzen liegt, der dringende Ruf gerichtet, ihre Mithilfe an der Lösung dieser schweren Aufgabe nicht zu versagen. Spenden werden erbeten auf das Konto „Glaspalast-Hilfswerk" bei der Bayerischen Staatsbank München. Der Aufruf ist unterzeichnet vom Gesamtministerium, vom Landtagspräsifenten, vom Stadtrat München und von der Gesamtkünstlerschaft Münchens. : B - f Funkbild: Die Brandruinen des zerstörten AusftellungsgebäudeH, Mnisterreden über die Notverordnung. Oie Katastrophe im Münchener Glaspalast. Zerstörung der Sonderschau „Deutsche Romantiker". — Gesamtansicht des Münchner Glaspalastes. ,Z ' M: l :M Üä • 'dWWj Or* ■< p?. VfLiM iiiis eine ungestörte Regierunzsarbeit im Sommer sei jedoch, daß der Reichstag nicht vorzeitig zusammentrete. Oie Kritik der deutschen presse Die Notverordnung der ReichSrcaierung wird im größten Teil der deutschen Presse seyrab- fällig kritisiert. Don der Presse der Rechtsparteien wird hervorgehoben. daß auch dieser Sanierungsversuch des Kabinetts 'Brüning ebenso fehlschlaaen werde, wie die früheren Dersuche, wenn ntcht eine grundlegende Aenderung der gesamtpolitischen Linie erfolge. Der Reichsregierung wird zum Dorwurf gemacht, dah sie die Tributsrage viel zu spät angeschnitten habe. Weiter wird von der Rechtspresse die sofortige Einberufung deS Reichstages gefordert zur Aufhebung diese- nicht mehr tragbaren Tribut-ErfüllungSdiktats. Auch in der Prelle der Mittelparteien wird stark bezweifelt, bah von der neuen Rotverordnung eine Ankurbelung der Wirtschaft auSoehrn werde, ferner wird von diesem Teile der Presse besonders hervorgehoben, dah die neuen Lasten eine .^eitere st arke Schmälerung der wirtschaftlichen DasiS des Wittel- st a n d e s bedeuten und eine weit re ichende Proletarisierung wertvoller Mitte l st a n d s s ch i ch t e n zur Folge . haben werden. Weiter wird die Frage aufgeworfen, wo denn die Dereinfachung der Staatsverwaltung, die Verringerung des Dehörben- und Derwaltungsapparates, kurz gesagt die energische Inangriffnahme der Reichs- reform bleibe. Die Grenze der Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes sei mit dieser Rotver- vrdnung nicht nur erreicht, sondern sogar schon erheblich überschritten. In der Presse der bürgerlichen Linken werden im großen und ganzen die gleichen Argumente vorgebracht und dabei auch betont, daß die neue Rotverordnung eine schwere Enttäuschung sei. Die sozialdemokratische Presse erklärt, die Notverordnung schlage in vielen Punkten den Forderungen sozialer Gerechtigkeit ins Gesicht, und es sei selbstverständlich, daß die Sozialdemokratie den antisozialen Inhalt dieser Rotverordnung bekämpfen und so rasch und so gründlich wie möglich beseitigen wolle. Darüber werde die sozialdemokratische Fraktion noch eingehend beraten. Im ganzen gesehen ist festzustellen, dah die Rotverordnung auf keiner Seite allzuviel Billigung und Befürwortung findet. Das Echo in Frankreich. Paris, 7. Juni. (WTB.) Das Manifest derReichsregierung an das deutsche Dolk, sowie die zu gleicher Zeit veröffentlichte Hot* Verordnung werden vom „Temps" und vom „Journal des D^bats" zum Gegenstand von Betrachtungen gemacht, die zeigen, dah bei ihnen keineswegs die Absicht besteht, sich über die wahre Lage in Deutschland klar zu werden. Der „Temps" erklärt: „Gewih bemüht sich die Regierung Brüning, der erschreckenden Der- schwendung der letzten Jahre zu steuern, aber damit macht sie die notwendigen Anstrengungen, um den Dorwand auf Forderung der R e v i s i o n des Doungplanes zu erhalten. Die wichtigsten Posten des deutschen Budgets bleiben in mehr als verdächtiger Weise hoch. Wan darf sich über den Charakter und die Bedeutung des Manifestes nicht täuschen. Die deutsche Presse übernimmt es. ihre Leser aufzuklären, indem sie von einem „historischen Tag" und einem „ersten offiziellen Wort betreffend die Wiederaufnahme der Derhandlungen über Reparationen" spricht. Wer wird es wagen, die Initiative für Verhandlungen im Hinbuck auf eine neue Reparationskonferenz zu übernehmen, die gewisse ausländische Blätter bereits für Ende dieses Jahres voraussehen? Wenn wirklich gegen alle Vernunft und jede Logik man auf eine derartige Eventualität hinsteuern sollte, welches würden dann die politischen und wirtschaftlichen Garantien fein, die man aus einer elementaren Vorsicht heraus von Deutschland für die Zukunft fordern mühte?" „Journal des Debats" macht die hämische Bemerkung, dah das Elend nur relativ zu nehmen sei. da man ja in Berlin über genügend Gelder verfüge, um Rumänien von der Kleinen Entente fortzulocken. Ganz anders beurteilt der linksstehende w6 o i r" die Lage. Wyhl oder übel werde man die Reparativnssrage und das Problem der interalliierten Schulden erörtern müssen. Die Weltwirtschaftskrise, für die wenigstens teilweise Klauseln der Verträge verantwortlich seien, fälle das Urteil über das. waS bisher geleistet worden sei. Das Blatt zeigt im Gegensatz zu den beiden rechtsstehenden Blättern vollesVerständnis für den Ernst der Lage, indem es darauf hinweist, dah mit der Aussprache über die W e l t w i r t s ch a f t s k r i s e die Aussprache über die Abrüstung zusammenfallen werde, fo dah, und zwar in weniger als 13 Jahren nach dem Waffenstillstand, die wirkliche kritische Phase beginne. „Populaire" erkennt an, dah dieRotlage Deutschlands unbestreitbar sei, und erklärt, dah der Voungplan sämtliche Elemente für die Lösung der Schwierigkeiten enthalte. Weder ein Moratorium, noch eine Revision könne den Franzosen den geringsten materiellen Abbruch tun. „L a R 6 public" schreibt, daß es schwierig sei, oorauszusagen, ob der durch das Manifest geschaffene Explosiv st off auch zur Explosion gelangen werde. Das deutsche Memorandum enthalte allerhand Vernünftiges. Niemand könne den Umfang und den Ernst der Krise, die Deutsch- land durchmache, bestreiten. Auch sei es richtig, daß sich die deutschen Finanzen in einem verhängnisvol- len Zustand befänden. Doch werde die Verkettung von Schulden, und Gläubigeranspruch nicht durch den Willen Frankreichs, sondern durch den der Vereinigten Staaten bestimmt. Wegen der militärischen Ueberlegen- heit Frankreichs, so erklärt „£a Dictoir e", sei ein neuer Angriff auf französisches Gebiet nicht zu befürchten. Die Gefahr für Frankreich liege in einem wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenbruch Deutschlands und ferner darin, daß Deutschland nach gefährlichen sozialen Zuckungen in Anarchie gerate. Oer päpstliche Nuntius aus Litauen ausgewiesen. K o w n o, 6. Lkuni. (341.) Der päpstliche Runtius in Litauen, Erzbischof Barto l o n i, der. wie bekannt, von der litauischen Regierung wegen seiner angeblichen aktiven Beteiligung am litauischen Kulturkampf auf Seiten der Katholischen Attion als persona ingrata erklärt und deswegen vom Staatspräsidenten nicht mehr empfangen wurde, ist auf Anweisung des litauischen Auhenministeriums aus L i - tau en ausgewiesen worden. Freitagabend erhielt Bartoloni den Bescheid, daß er Li- • Darmstadt, 7. Juni. Im großen Saale des Restaurants „Zur Krone" sand.heute die gut besuchte Mitgliederversammlung des Landesverbandes des Hessischen Einzelhandel- statt. Rach einleitenden Degrühungsworten des ersten Vorsitzenden wurde der Kassenbericht erstattet und die Iahresrechnung genehmigt. Zum ersten Vorsitzenden wählte die Versammlung einstimmig wiederum Kaufmann Wilh. K a l b f u h . Darmstadt. M. d. v. R. W. R. Anschließend referierte der erste Syndikus. Dr. Moehner (Darmstadt) über die Tätigkeit des Landesverbandes im abgelaufenen Jahre. DaS Jahr 1930 habe durchschnittlich einen Amsahrückgang von 10 bis 20 Prozent gebracht. Die Umsätze in 1931 werden voraussichtlich. angesichts der Arbeitslosigkeit und deS sinkenden Konsums, noch wesentlich geringer sein. Reben Fragen des unlauteren Wettbewerbs, des Zugabewesens, der Rabatte und des Hausierhandels waren insbesondere die Filial- und Warenhaussteuer, ebeMo die Wandcrlagcrsteuer behandelt worden. Auf die verhängnisvollen Folgen der ständigen Erhöhungen der Realsteuern, der dadurch bedingten Entwertung des Grundbesitzes und der unerträglichen neuen Grund- und Son- dergebäudesteuerbelastung in Hessen wurde eingehend hingewiesen. Der Verband hatte sich in zunehmendem Maße mit sozial- und tarifpolitischen Angelegenheiten, §u beschäftigen. Lieber die seinerzeitigen Verhandlungen wegen der Preissenkungsaktion, sowie der damit zusammenhängenden Fragen wurde ausführlich berichtet. Der lauen innerhalb 24 Stunden zu verlassen habe, widrigenfalls er zwangsweise abgeschoben werden würde. Den direkten Anlaß zu diesem Schritt des Außenministeriums gab die Tatsache, daß Bartoloni an dem am Samstag in Wilkowischki stattfindenden eucharistischen Kongreß teilnehmen wollte. Verband war weiter bestrebt, seine Selbsthifle- cinrichtungen: GlaSversicherung. Wahn- und Inkasso-Abteilung. Steuer- und Buchstelle auszu- bauert, um somit auch jedem einzelnen Mitglied direkte praktische Vorteile zu bieten. Der Redner schloß mit einem warmen Appell zum Zusammenschluß und zur Mitarbeit in der Einzelhandels- Organisation. Anschließend hielt der erste Vorsitzende, Wilhelm K a l b s u ß, einen Vortrag über „Rot und Hvsfnung im Einzelhandel". Ausgehend von der neuen Rotverordnung der Reichsoegicrung, deren Inhalt der Redner in großen Zügen wiedergab, schilderte er die katastrophale Entwicklung der Verhältnisse in Reich, Ländern nind Gemeinden, und wies besonders auf die hessischen Steuererhöhungen und ihre überaus bedenklichen Folgen hin. Die Frage »iner Arbeitszeitkürzung sei für den Handel außerordentlich schwierig. Eingehend schilderte der Redner dann die derzeitige Lage der einzelnen Zweige der Sozialversicherung. Sehr interessant war das vorgelegte Zahlenmaterial des Anteils der Warenhäuser und der Alialgeschafte zum Gesamtumsatz des deutschen Einzelhandels. Die Warenhausfrage und die damit zusammenhängenden Steuers ragen wurden eingehend gewürdigt. Herr Kalbfuß unterstrich insbesondere die Bedeutung des Arbeitslosenproblems und der Reparationsfrage für den Einzelhandel. Sehr bedenklich sei für den Handel die derzeitige Hand- habung des Eigentumsvorbehalts in Verbindung mit dem großen Kapitalmangel im Handel. Eine Gesundung müsse in erster Linie durch eigene, d. h. inländische Kapitalbildung, nicht 1 durch Auslandkredite erstrebt werden. Die wirtschaftliche Lage gebe auch in Zukunft zuernsten Besorgnissen Anlaß. Der Vorstand legte dann die nachstehend« Entschließung vor. die einstimmig angenommen wurde: „Entgegen wiederholten Versprechungen sind insbesondere durch die gestern erschienene Rotverordnung wiederum Steuererhöhun- gcn in erschreckendem Ausmaß beschlossen worben. Der Hesiische Einzelhandel erhebt gegen die ständig wachsende Erhöhung der Steuern und sozialen Lasten schärfsten Einspruch, und weift in ernster Sorge auf die unheilvollen Folgen, zunehmenden Verfall der Wirtschaft und sichtkmrcs Sinken der Konsumkraft der Bevölkerung, hin. Die Regierung wird dringend aufgeforbert. nunmehr auf raschestem Wege energische und umfassendeMaßnahmenzu ergreifen, um den auf der Wirtschaft ruhenden unerträglichen Druck wesentlich zu mildem und Steuern und soziale La st en endlich fühlbar zu senken. Insbesondere muß dies von der hessischen Regierung erwartet werden, da die zur Milderung der Härten der Grund- und Sondergebäudesteuererhöhung erlasienen Bestimmungen in jeder Weise ungenügend sind. ES wird erneut die Wiederaushebung der am 5. Dezember 1930 beschlossenen Steuererhöhungen verlangt." Wettervoraussage. Durch den Vorüberzug der Tiefdruckstörungen behalt die Wetterlage ihren unbeständigen Charakter bei, die dauernde Zufuhr ozeanischer Luftmassen verursacht weiterhin wechselnd bewölktes Wetter und läßt öfters noch Schauer auftreten. Vorhersage für Dienstag: Noch oer- äußerlich, wechselnd bewölkt mit vorübergehender Aufheiterung, vereinzelte Schauer, Temperaturen schwankend. Lufttemperaturen am 7. Juni: mittags 20,8 Grad Celsius, abends 13,5 Grad: am 8. Juni: morgens 16,1 Grad. Maximum 21,3 Grad. Minimum 12,2 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 7. Juni: abends 18,7 Grad: am 8. Juni: morgens 15,8 Grad Celsius. — Sonnenscheindauer 6X Stunden. — Niederschläge 4,7 mm. Verantwortlich für Politik: i. V. Ernst Blumschein. Wir werben für eine Ide AUSLESE CIOAKETTEN SELBSTVERSTÄNDLICH OHNE HUNDSTCCK! Unser Kampf gegen das Mundstück dient nicht nur der Werbung für unsere mundstflcklose Atlkah Cigarette. Er soll dem Raucher die Augen öffnen, daß er durch eine Modetorheit — denn das Mundstück ist weiter nichts als das — um den vollen Genuß der Cigarette gebracht worden ist. Der beste Beweis dafür, wie die Raucher unsere Bestrebungen anerkennen, sind unsere alljährlich emporschnellenden Umsätze. Denn Jeder neue Atlkah - Raucher wird ein begeisterter Werber für unsere Idee. PACKUNGEN RM. 0.60,1.80 UND 3.00 ATI KAH 10585 1926 1927 19588 19589 1930 Graphische Darstellung des beispiellosen Aufschwungs der Atlkah ohne Hundstück Tagung des Hessischen Einzelhandels. Protest gegen die neuen Steuerlasten. IrandungdesLebens Vornan von Käte Lindner. (Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.) 6. Fortsetzung. Nachdruck verboten. Ihre schwarzen Augen funkelten Liskow an, der aufgesprungen war und sich ritterlich verneigte. Donnerwetter, welch ein Weib! Jetzt in dem gleißenden Licht des Tages fast noch schöner, als an jenem Abend. Wie wundervoll gelblich getönter Marmor war ihr Gesicht mit den sanft geschwungenen Lippen, in schweren Wellen legte sich das blauschwarze Haar um das Oval der Wangen. Und die Augen... um solcher Augen willen lohnte es sich schon, eine Dummheit zu begehen. Dah... eine Gastwirtin und so kokett... und ihre Augen redeten eine andere Sprache als ihr Mund. Also alle Register spielen lassen, Hansheinrich Liskow... selten widerstand doch eine, wenn man ihrer Eitelkeit recht zu schmeicheln verstand. Das Täubchen aber dachte: So billig kaufst du die Wirtin von den „Tausend Freuden" nicht, mein Lieber. Ah, was waren doch die Männer dumm, wenn sie die Maus in der Falle zu fangen meinen. Richt jede Maus geht in Euere Falle, Signore, nicht jede... War doch immer schön und immer anders, solch ein artiges Liebesspiel hin und her. Kurzweilig und unterhaltsam... So komme ich nicht weiter bei ihr, dachte Liskow und nahm einen anderen, kühneren Anlauf. Freilich war es gewagt, sich öffentlich mit chr zu zeigen, aber es würde sich schon einrichten lassen, das;... und er fragte sie mit einem bedeutsamen Blick in ihre schwarzen Augen, ob sie nicht demnächst eine Autofahrt mit ihm unternehmen wolle? Sie selbst solle Vorschlägen, wohin die Fahrt gehen solle. Ihre Heimat sei so wunderschön. und sie solle die Führerin machen, setzte er gelant hinzu. Frau Colomba lächelte. Alles an^hr lächelte, ihr Mund, ihre Augen, und dieses Lächeln brachte ihn um seinen klaren Verstand. Renate würde in der nächsten Woche mit Lord und Lady Daly- more auf einige Tage nach Bozen fahren, er würde unter irgend einem Vorwande zurückbleiben und möglichst die Tage von Renates Abwesenheit in Gesellschaft dieser reizenden Frau verbringen. Also zuerst die Autofahrt. Dann war sie vielleicht zu bewegen, mit ihm auf einige Tage nach Malcesine hinüber zu gehen oder nach Riva. Man würde weiter sehen. Frau Serra aber lieh sich erst noch eine Weile nötigen, dann sagte sie leichthin: Schon längst habe sie einmal nach Arco fahren wollen, da wohne eine Base ihres verstorbenen Mannes, die alte Sora Gelsomina. Wenn also der Signore durchaus wolle, dah sie ihn begleite auf einer Tour, und sie liebe ja eine Autofahrt über alle Mähen, dann würde sie schon sehr bitten, dah er sie nach Arco fahre zur Base Sora. Dies war nun gerade nicht nach Liskows Geschmack, ihre Besuche hätte sie ja gut ein andermal erledigen können, aber eifrig sagte er zu. Sie verabredeten einen Tag der nächsten Woche, von dem Liskow voraussehen konnte, dah Renate nicht mehr in Gardone anwesend sei. Dann verabschiedete er sich mit einem vielsagenden Blick in Frau Serras schwarze Augen. Der rote Kattunvorhang schlug hinter, ihm zusammen. Draußen kam gerade ein Trupp Arbeiter die Calle de Fabrice herauf. Einer war unter ihnen, der musterte Liskow mit finsteren, feindseligen Augen. Dann spuckte er im weiten Dogen auf die Straße. Liskows Augen streiften flüchtig das feindselige Gesicht. Wo hotte er doch diesen Burschen schon einmal gesehen? Diesen Mund, der groß und sinnlich in einem wilden Gesicht stand? Auch der andere schien ihn doch zu kennen. Warum blieb er jetzt mitten in der Gasse stehen und blickte ihm nach? Einer von den Bootsleuten war es wahrscheinlich, mit dein er schon hinübergefahren war nach Sirrnione oder Malcesine. Grüßen hätte der Kerl schon können, er gab doch immer reichliche Trinkgelder, und sonst waren doch diese Leute von einer fast aufdringlichen Höflichkeit den Fremden gegenüber. Liskow hörte nicht den leisen Fluch, der, von Marios Lippen sich lösend, hinter ihm herflog. * Liskow fand Renate im Hotel im verdunkelten Zimmer auf dem Divan liegend, sie klagte wieder wie so oft über unerträgliche Kopfschmerzen. Er neigte sich bedauernd über ihr Lager, fragte, ob er ihr nicht ein Pulver geben solle. Er war von einer so zarten Besorgnis um sie, dah Renate ihm befremdet in das gerötete Gesicht sah. Hatte er wieder, wie so oft, ein böses Gewissen ihr gegenüber und wollte es nun wieder gutmachen? Sie strich ihm leise lächelnd über das ihr zugeneigte Haupt. „Hanshei/trich, wo warst du? Recht sehr hast du mich vernachlässigt in diesen Tagen, wenn ich Lady Dalymore nicht gehabt hätte, recht einsam wäre ich gewesen. Und außerdem... ich ängstige mich oft um dich. Deine Bergtouren sind so waghalsig, oft nimmst du nicht einmal einen Führer mit und gehst allein. Du kennst das Gebirge hier so wenig, Hansheinrich... Mir zu Giebe..." Brüsk richtete er sich auf. Die weiche Stimmung von vorhin, die er ihrem Leiden gegenüber gehabt, verflog rasch. „Renate, du weiht, dah ich dieses Devormundet- werden nicht vertragen kann. Ich weih selbst, was ich zu tun und zu lassen habe, und die Touren, die ich mache, sind durchaus nicht schwierig." Sie bedeckte ihr Gesicht mit der Hand. Er sollte ihre Tränen nicht sehen, sie fühlte sich so schwach heute und nicht widerstandsfähig. Er aber wandte sich unmutig von ihr ab und trat ans Fenster. Er sah Wohl, dah sie weinte und das verstärkte nur seinen Unmut Hatte Renate nicht alles, was eine Frau nur erfreuen konnte? Mochte sie ihn doch sein Leben unbehelligt nach seiner Manier leben lassen, Gegensätze, die sie doch nun einmal waren. Immer wollte sie teilhaben an seinem Innersten. Und dieses ewige Leidendsein, seiner Kraftnatur war das zuwider, sie konnte doch nicht verlangen, daß man als flötender Seladon an ihrem Lager saß und sie bedauerte. Wenn sie am Ende nun nicht mitfuhr mit den beiden Engländern? Die Fahrt nach Bozen aufgab? Ra, bann würde sich auch ein Ausweg finden lassen. Er wendete sich wieder ihrem Lager zu. „Ich werde dir nachher den Arzt schicken, Renate. So geht das nicht weiter. Und jetzt entschuldigst du mich wohl. Ich muß mich für die Tafel umziehen. Kommst du mit hinunter?" Sie schüttelte müde den Kopf. „Ich kann nicht, aber lege dir keine Rücksichten auf meinetwegen, Hansheinrich. Das Stubenmädchen wird mir etwas bringen.“ Er ging moch einmal zu ihr hinüber. „Armes", sagte er mit Bedauern in der Stimme. „Diese weiche 2uft hier hätte dir doch Linderung deines alten Leidens bringen müssen, statt dessen ist es ärger denn je. Aber ich denke, wenn es erst noch einige Tage hin sein wird, wird es besser werden." „Laß gut sein, Hansheinrich, geh, zieh dich um", sagte sie nur und drehte das Gesicht nach der Wand. Da verließ er das Zimmer und ging nach dem seinen hinüber. Renate hatte ausdrücklich getrennte Zimmer gewünscht, sie wolle ihn nicht stören, wenn sie leidend wäre, hatte sie gesagt. Teufel, ob sie vielleicht etwas ahnte von seinen gelegentlichen Abenteuern? Sich deshalb ihm entzog, unmerklich, aber beharrlich? Rein, nein, daran war nur ihr leidender Zustand schuld, von seinen gelegentlichen Amouren merkte sie nichts, niemals sollte sie auch davon erfahren, das wäre... Renate wäre imstande gewesen, sich sofort von ihm zu trennen. Das konnte, das I durfte nicht fein. Rachdenklich zog er sich um, horchte nochmals an ihrer Zimmertür, ob sie wohl aufgestanden wäre, und ging dann die Treppe hinunter, ohne den List zu benutzen. In der Halle saßen zwei Herren im eifrigsten Gespräch in den tiefen Klubsesseln sich gegenüber. Waren neue Fremde angekommen? Aber nein, das war ja der Schwarm sämtlicher Damen im Savoyhotcl, der Russe mit den schwermütigen Augen und dem Gehaben, als fei er ein Fürst. Wo solch ein Kerl nur diese Manieren her hatte? Benahm sich hier überhaupt als sei er Gast und nicht Hotelangestellter. Was hatte er sich zum Beispiel in seiner Freizeit hier in der Halle herumzuflegeln? War doch merkwürdig, daß die Hvteldirektion darüber hinwegsah. * „Ihre mir so offen entgegengetragene Freundschaft hat meine Stellung hier mit einem Schlage verändert, Marquis", sagte soeben Petrowitsch mit einem traurigen Lächeln. „Ich bin mehr denn je der Zielpunkt der Reugier geworden, und das verursacht mir Unbehagen, aber der Direktor und die übrigen Angestellten stellten sich ganz anders ein mir gegenüber, und das danke ich Ihnen. Wie schwer mir der Gedanke an eine bevorstehende Trennung wird, kann ich Ihnen nicht sagen, Marquis. Am liebsten ginge ich gleich wieder mit Ihnen zurück nach Pavis^aber das geht nicht meines Kontraktes wegen? ~ „Es ist sehr schade, daß Sie ihn abgeschlossen, Sascha. Ob Sie die edle Kunst Terpsichores schließlich hier ausüben oder in Paris, bliebe sich gleich und wir brauchten uns nicht wieder zu trennen. Aber ich gehe jetzt ja ohnehin auf Reisen und bin nicht in Paris. Sobald Ihr Kontrakt hier ab gelaufen ist, kommen Sie nach der Seinestadt. War überhaupt ein dummer Streich von Ihnen, Ihre Position im Hotel Esplanade aufzugeben und hierher zu gehen. Warum eigentlich taten Sie das?" „Paris hatte zu viele schmerzliche Erinnerungen für mich, und ich war dort ganz allein", sagte der andere. „Es leben zwar viele meiner früheren Standesgenossen in Paris, aber diese Emigrantenkolonne aufzusuchen, hätte nur schmerzliche Erinnerungen bestärkt, ich unterließ es. Und all' diese Armut zu sehen, in der sie jetzt mit wenigen Ausnahmen zu leben gezwungen sind, ist ein Jammer. Sagte ich Ihnen schon einmal, daß Tatiana Iwanowna und ich unsere Hochzeitsreise nach Paris machten? Es war kurz vor Ausbruch des großen Krieges. Tatiana war so glücklich damals, Paris war immer die Stadt ihrerTräume gewesen. Die Erinnerung an dieses Zusammensein dort, an unser Glück und unsere Liebe waren der eigentliche Grund, daß ich meinen Aufenthaltsort wechselte. Und ist es nicht gut so? Vielleicht wären wir uns in Paris niemals begegnet, Raoul." (Fortsetzung folgt.) vom Sterbehause Gießener Straße 1 aus statt. 3894 D Gießen, den 7. Juni 1931. 03362 Schristl. Anaev. unt. 03360 an d. GH. An». Wleseck, Wißmar, den 8. Juni 1931. Die Beerdigung findet am Dienstag, dem 9. Juni, nachmittags 3 Uhr Am 7. Juni, abends ll1/« Uhr. entschlief plötzlich und unerwartet nach kurzer Krankheit in der Klinik zu Gießen unser herzensgutes einziges liebes Töchterchen, Enkelchen, Urenkelchen, Gotchen und Nichtchen im fast vollendeten 77. Lebensjahr. Für die trauernden Hinterbliebenen: Eliese Huhn, geb. Trapp. Die Beerdigung findet statt: Mittwoch, den 10. Juni nachmittags 2 Uhr von der Kapelle des Alten Friedhofes aus. Sonntag mittag 3 Uhr verschied unerwartet mein lieber Mann, unser guter Vater, Großvater und Bruder Herr Karl Huhn Veff. Haus 3x4 Simm„ («arten, fof. beziehb, sehr btll. zu verkaufen. J. Baer, Ostanlage 29 Dienstag, den 9. Juni 1931, nachmittags 2 Uhr, sollen im „Löwen", Neuenweg 28, dahier, zwangsweise gegen sofortige Barzahlung versteigert werden: 1. Bücherschränke Spiegel, Schreibmaschinen, Ausziehtische, Stühle, ein Trumeau- spiegel, Vitrinen, Figuren, ein Nachttisch, eine Phonola, Schreibtische, ein Klavier, Büfetts, acht Dutzend Makohemden, fünf Ballen Anzugstoffe, Warenschränke, Kassenschränke, diverse Flaschen Liköre, Schränke, einen Trockenschrank für Platten und Filme, Ladentheken, ein Glasaufsatz, ein Teppich, eine • Standuhr, eine Schnellpresse, eine Tiegel- druckpresse, Bahnen, Merkinkasten, eine Lokomobile, Dampfmaschinen, ein Umformer, ein Kaufladen, ein Fellpferd, Puppenwagen, ein Sprechapparat, ein Kinderrad, ein Kinderschreibpult, ein Heimkind mit elektrischent Motor, ein Puppenhaus, ein elektrischer Kochherd, zwei Experimentierkasten 179 Paar Handschuhe, Damenstrümpse, Gamaschen, eine Rechenmaschine, eine Chaiselongue, eine Kredenz, ein Vertiko. 3886D 2 Bestimmt: ein Klavier. Wich. Hebbel Gerichtsvollzieher in Gießen Dammstraße 24 I — Telephon 4039 Linni im Alter von 51/, Jahren. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Karl Becker II und Frau Familie Becker Familie Völzel. | Verkäufe ] Leichter [«*» EiDspänn.-Wagen abzug., ebenso 16 einjährige Barnevelder Hühner mttHahnweg.Zuchl- ausgabe p.St.4.50M. BLLaaber, Lang-Göns Amtbausstraße. Drei 6 Wochen alte Foxterrier sowie ein Wagen altes Heu zu verkaufen. Isk>;D Wieseck.KorDblumenslr.lß Wlteiie leijrung s. d. Lahn abzugeben. eintret.Schr.Anfr.jr. — - ~ 03355 an d. Gß. Anz. Wirksame erbe-Drucksachen bei Brühl. SchulstraBe 1 | VermietungerT] Freund). möbl.Zjmmer mit sevar. Eingang alsbald oder l.Juit zu verm. Näh. nss« Walltorstr. 4. | Mietgesuche| Zum 1. Oktober S-6-Zimmer- Wohnung mitBadinsonn.Lage u. mögt. Garten ges. Ang. u.8. P. 1664 t)cb. Rudolf Mosse, Stuttgart. | Stellenangebote| Intelligent., braver Junge kann in erst- llass. Maßgelch. als (Suche für sofort auf mittelgroß. Gut einfaches, evang. 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Mai 1931 wurde die ^Umwandlung in beschränkte Haftpflicht beschlossen. Die Gläubiger werden aufgefordert, innerhalb des gesetzlichen Eperrjahrs sich zu melden. Großen-Duseck, den 6. Juni 1931. Landwirtschaftlicher Sonsumverein e. G. m. u. H. Reusch. 3887d Gans X. Eisenbahn Severn GLetzeu. Die diesjährigen Sommer-Ausflüge finden am 28. Juni und 5. Juli nach Wiesbaden statt. 03354 Abfahrt 8.30 Uhr vormittags, Ankunft in Wiesbaden 10.45 Uhr. Abfahrt in Wiesbaden 20.03 Uhr, Ankunft in Gießen 22 33 Uhr. Berechtigt zur Mitfabrt find nur die Mitglieder und ihre Angehörigen. tZahrkarten find bis 15. Juni zu bestellen und zwar für die im Dienst befindlichen Mitglieder bei ihrer Dienststelle und für Pensionäre und Rentenempfänger bet der Eisenbahner-Brennstoff-Versorgung, Herrn Gilbert im Oberhessischen Bahnhof gegen Vorzeigung der Beitragsauittung für 1931. Abholung der Karten erfolgt ab 18. Juni.Der Vorstand. 20 Uhr v. d. Hausfrauen-Beratung auf Gas zubereitet Gießen Gießen 3888 D — — 4IW Katfeetisch Teetisch Bowlentisch Junggesellentisch Hochzeitstafel Vorträge mit Schaukochen Cafe Leib Walltorstraße Vortragende: Fräulein Klingler v. Gehr. Roeder Verteilung von Rezepten — Kostproben Der gedeckte Tisch Es werden u. a. ausgestellt: Juni 1931 12 Freitag Vortrag: Neuzeit!. Kochmethoden Juni 1931 11 Donnerstag Vortrag: Warum Gasküche? Porzellan-Sonder-Ausstellung von Firma Löwer & Sechsteln Möbel hierzu; Firma Ernst Rau — Blumendekoration: Rud. Weber Neuzeitliche Gas- und Kücheogeräte-Schau Musikai. Unterhaltung: Kapelle Einbrodt Besichtigung der Ausstellung: Donnerstag 14-18 Uhr | gegen 10 Pf. Freitag 10-18 Uhr | Eintritt Einlaßkarten für die Abendveranstaltungen zu 20 Pf. erhältlich bei den ausstellenden Firmen sowie bei den Mitgliedsfirmen der Gas-Vereinigung (Gasgeräte-Verkaufsgeschäfte, Installationsfirmen, Städt. Gaswerk) Es laden ein; Gas-Vereinigung u Hausfrauen-Beratung mit allen dazugehörigen warmen und kalten Gerichten, Kuchen, Torten aller Art u. a. m. Juni-Veranstaltung Hausfrauen-Beratung Gießen in Gemeinschaft mit Firma Gebr. Roeder AG„ Darmstadt r-> o « o o 3- »-> o E E =3 « E= 53 r-> oo 55 4* O ö o c o s « G O cn w Ä* a r> a E x> o « E - u> □ XD •c' — SEE 6» c S 3 'S Ä ° 3 a = Sä *= « ceS c :2 O= — -ü.es'S w "2 E ZZ L ,2._tu - O o •O «- C 8 -o EZ- Z c E "w S ~ä> m S a$ E 5 e 2 o CR O B -E -3 m E " C -g <3 r :a S E o o *-* /D •2=0 " "Sa jsy i=-’c' <3^. 2^7 S 05 ■£e gjO «XC — s-f LS <3= -3 - . £»g€eg «“ ~ o rn £■,$? C •<-> §-®a A «■ =1.5 E " o 0 S (9^~ - C.E 2 e z“ S w 'S s* £| I .2 I'o' E Z Er'—Ä D — c q IftSiKl =? 2^EL ZZ S iS => -c -2 £(9 £€£ S7.-C =O E'^ €ä L) L) 2 ■c E g.2 JA 2tr Eö^| E S^ED-2 = 2 5 9 ' ,N K « i .0 C E S BZ S> E £-e.E a. 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