Samstag. 8. Oktober |93I M. Jahrgang Rr. 231 Erstes vlatt GietzenerAnzeiger Leneral-Anzeiger für Oberheffen VrvckMldVerlag: vrühl'fche UniverfitülsGuch. und Sleindruckerel «.Lange in Gletzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftratze 7. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher. Preis für i mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re« Klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°/o mehr. Chefredakteur: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Bietzen. Ersch e in» läglich,außer Sonntags und Feiertags. Beflogen: Die Illustrierte Gietzener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle. Monats-Bezugspreis: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern mfolge höherer Gewalt. Zernfprechanfchlllste unterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Stehen. Postscheckkonto: Frankfurt am Main 11686. Sie Weltwahrungskrisis. Don Prof. Dr. Moldenhauer, MdR., ehem. Reichsfinanzminister. Die Weltwirtschaftskrise hat sich weiter fort zu einer großen internationalen Kreditkrise entwickelt, und diese mußte zwangsläufig zur Währungskrise führen. Die erste schwere Erschütterung ging von O e st e r r e i ch aus. Es war der Anlaß, das ganze Gebäude ins Wanken zu bringen. Denn nun sprang das Mißtrauen gegen Deutschland auf. Es begann jener Run auf Deutschland, von dem Luther neulich gesprochen. Kein Kreditsystem der Welt kann es aushalten, wenn auf einmal alle Gläubiger ihre Forderungen zurückziehen. Auf dem Vertrauen ist das Ganze aufgebaut. Es funktioniert so lange, als infolge des Vertrauens nur so viel Geld von den Banken national und international abgezogen wird, als es die wirtschaftlichen Erfordernisse verlangen. Werden die Abzüge stürmischer, so sucht man durch Erhöhung des Diskonts oder schließlich Kreditrestriktionen das Gleichgewicht zu halten. Ist aber das Vertrauen fort so helfen auch keine Diskonterhöhungen mehr. Es bleibt dann nur als letztes Mittel die Auszahlungsverwei- g e r u n g , wie wir sie durch das vorübergehende Schließen der Schalter der Banken und durch die Devisenverordnung, die den Abzug von Gold und Devisen verhindert, kennengelernt haben. Nachdem das Mißtrauen gegen Deutschland er- wacht war, mußte es weitergreifen. Denn indem Deutschland das Abziehen der Devisen verbot und dann durch das Stillhalteabkommen vertraglich regelte, mußte die Frage aufgeworfen werden, wie solche Maßnahmen auf ein Land wirken, das in starkem Maße Deutschland seinerseits Kredit gewährt hatte. Das Land, das in erster Linie hier in Betracht kam, war E n g l a n d. Gewiß wußte jeder in der Welt, daß England nicht überschuldet ist. Auf vier Milliarden Pfund, also achtzig Milliarden Reichsmark, werden allein die Ausland- guchaben Englands geschätzt. Der Zweifel richtete sich vielmehr gegen dieL iquiditätEnglands. Würde England, wenn seine deutschen Kredite eingefroren waren, in der Lage sein, seine Schulden jederzeit zu bezahlen? Nun beginnt das Spiel von neuem, das man mit Oesterreich und Deutschland gespielt hatte. Man beginnt, auch von England Gold abzuziehen. Denn die Bank von England ist verpflichtet, jede präsentierte Note zu einem festgesetzten Betrage in Gold einzulösen. England verliert in der letzten Zeit 400 Millionen Pfund, d. h. ungefähr die Hälfte der vom MacMillan-Ausschuß für Ende März 1931 auf 407 Millionen Pfund geschätzten ausländischen Guthaben in London. England sucht sich gegen diese Gefahren in der- selben Weise zunächst zu schützen, wie es Deutschland versucht hat, nämlich durch Kredite. Wir haben damals jenen 100-Millionen-Dollar-Kredit erhalten, der allzu schnell aufgebraucht wurde. England braucht größere. Es erhält zunächst einen französisch-amerikanischen Kredit von 50 Millionen Pfund, dann von 80 Millionen Pfund. Aber es zeigt sich dieselbe Erscheinung wie in Deutschland. Sobald man Kredite nimmt, um Forderungen bezahlen zu können, werden die Menschen mißtrauisch. Sie sehen, daß Schwierigkeiten da sind, und glauben, daß nur, wer schnell handelt, noch zum Zuge kommen kann. Und weil sie alle so denken, kommt schließlich keiner mehr zum Zuge. Der Versuch, noch einen dritten Kredit zu erhallen, scheitert, wie es scheint, an der Weigerung Amerikas. Frankreich hätte ihn bewilligt, weil es sich der Gefahren, die nun für dieses Land selbst entstehen, bewußt war. So blieb der Bank von England nichts anderes übrig, als den Goldstandard aufzuheben, d. h. die Verpflichtung, Noten in Gold einzulösen. Die Goldwährung, die vom Beginn des Krieges bis 1925 suspendiert war und dann aufs neue eingeführt war, wird wieder suspendiert. England konnte sich nicht wie Deutschland mit einer Deoisenordnung helfen. Deutschlands Auslandschulden sind im wesentlichen Schulden in fremder Währung. Einer kurzfristigen Valutaverschulduna von 7,4 Milliarden Reichsmark stehen bekanntlich ausländische Markguthaben in Deutschland in Höhe von % Milliarden gegenüber. Englands Verschuldung lautet auf Pfund. Aus diesem Umstand erklären sich die ganz verschiedenen Wirkungen, die das deutsche und das englische Vorgehen haben mußte. Deutschland mußte verhindern, daß weitere Devisen abgezogen wurden. Es erreichte dies durch die Devisenverordnung, die dasUmwandeln vonMark- guthaben in Devisen verhindert, soweit es sich nicht um die Erfüllung dringender wirtschaftlicher Zwecke handelt, und traf mit seinen Valutagläubigern das Stillhalteabkommen. So gelang es, die Mark intakt und die Goldwährung aufrechtzuerhallen. Ganz anders liegen die Dinge in England. Während die Mark auf dem Weltmarkt keine Rolle spielt, ist das Pfund nach dem Dollar das wichtigste Zahlungsmittel im internationalen Zahlungsverkehr gewesen. Das Vorgehen der Ban' von England wirkt deshalb in ganz anderer Weise auf den internationalen Zahlungsverkehr, aber auch auf den Güteraustausch ein. Die Aufhebung des Goldstandards hat der internationale Kapitalmarkt mit einer U n - terberoertung des Pfundes um 20 bis 2 5 v. H. beantwortet. Was bedeutet bas? Feder, der eine Schuld in Pfund hat ist um 20 bis 25 v. H. erleichtert, jeder der eine Forderung in Pfund hat, um so viel ärmer. Wer in Deutschland eine Lebens- Versicherung bei einer englischen Gesellschaft in Pfund genommen hat, muß sich darüber klar sein, daß er im Augenblick nicht mehr mit 10 000 RM., sondern nur mit 7500 bis 8000 RM. versichert ist. Der Eng- länder muß für Waren, die er einkauft, em erhebliches Aufgeld zahlen, während seine Waren plötzlich billiger werden. Mit anderen Worten: Das Dis- Am Dienstag erscheint die neue Notverordnung. Falsche Weichenstellung. Don unserer Berliner Redaktion. Die Rotverordnung, von der nun schon seit Monaten die Rede ist, soll nach der Versicherung amtlicher Stellen am Samstag in ihrem sachlichen Inhalt fertiggestellt-sein und dann am Dienstag veröffentlicht werden. Ob diese Termine wirklich eingehalten werden, bleibt abzuwarten. Wir sind schon so oft an die Vertagung gewöhnt, daß niemand sich darüber wundern würde, falls auch jetzt wieder die Entscheidung verschleppt würde. Aber selbst wenn die Voraussage sich endlich erfüllt, bliebe von den ursprünglichen Absichten der Regierung nicht allzu viel mehr übrig. Es wird auch offiziös nicht mehr bestritten, daß die kommende Notverordnung alles andere eher als ein umfassendes Winterprogramm enthält. Sie beschränkt sich auf eine etatstechnische und finanzrechtliche Maßnahme, das eigentliche Kernstück aber, die positiven Reformen auf wirtschaftlichem Gebiet, fehlt. Auch in einem Augenblick also, wo keine Sekunde mehr verloren werden dürfte, glaubt die Regierung noch, mit Halbheiten durchkommen zu können. Sie führt zur Begründung an, daß die Entwicklung i n E n g l a n d alle Berechnungen über den Hausen geworfen hätte und sich erst einmal übersehen lassen müsse, wohin unter dem Druck der Pfundkrise der englische Handel treibt. 3e nachdem, wie dadurch die europäischen Konkurrenzverhältnisse beeinflußt werden, müßten auch die Gegen- maßregeln der Regierung sein. Also habe es keimen Sinn, jetzt schon irgend etwas zu tun, man müsse bis zum November w a r t e n. Das klingt ganz einleuchtend, tatsächlich aber sehen wir wieder, daß der Kanzler zweifellos den besten Willen hat, aber den Entschluß zur letzten Entscheidung nicht aufbringt. Er erkennt die Schwierigkeiten, vor denen er steht, ganz klar. Er weiß, daß die Zahl der Arbeitslosen ins Riesenhafte wächst — allein für den Oktober sind jetzt bereits Anträge auf Stillegungen für Betriebe mit sechshunoerttausend Arbeitern gestellt — und er kann auch nicht im Zweifel darüber sein, daß dieses allmähliche Abrutschen in das Chaos der allgemeinen Arbeitslosigkeit nur verhindert werden kann durch eine gründliche 11 m- arbeitungrdes Systems. Die Kraft zu einem solchen Entschluß hat der Kanzler bisher nicht aufgebracht. Mit der Taktik des Ausweichens aber kommt er nicht mehr weiter. Er steht vor der Wahl, daß er entweder die ganze Reform versacken läßt, um die immer unsicherer werdende Unterstützung der Sozialdemokraten sich zu erhalten, dann aber auf die Unterstützung der bürgerlichen Mitte verzichtet, oder auf die Gefahr eines Bruches mit der Sozialdemokratie endlich aufs Ganze geht. Jetzt aber schiebt er seine ganze Politik auf ein falsches Gleise und muß sich dabei bald festfahren. 3m bürgerlichen Leben würde man sagen, daß er im Begriff ist. sich zwischen zwei Stühle zu sehen, und das ist niemals ein bequemer Sih. Rachtsihung -es Reichskabinetts. Besprechungen über eine Neugestaltung des Tarlsrechts. Berlin, 3. Ott. (TU.) Das Kabinett hat, um die notwendigen Beschlüsse für die neue Notverordnung zu beschleunigen, seine Beratungen b i s in bie Nacht st unben ausgebehnt. Man hofft, wie bie „Germania" erfährt, baß bie neue Notverorbnung am Dienstagabenb berPresse zur Veröffentlichung übergeben werben kann. Es handelt sich um rund 30 einzelne Punkte, die erlebigt werben mußten unb aus benen bie Notverorbnung zusammengesetzt sein wirb. Die Regierung hat, wie auch in den früheren Fällen bie Absicht, nach Fertigstellung ber Notverorbnung bie Vertreter ber ßänberregierungen nach Berlin zu berufen, um ihnen bie Maßnahmen ber Regierung vorzulegen. Im Zusammenhang mit ben Auswirkungen ber Pfunbkrise ist in politischen Kreisen vielfach bavon bie Rebe gewesen, baß bie Reichsregierung bie Absicht habe, burch einen gesetzlichen Eingriff eine allgemeine Umgestaltung bes la» rif rechtes herbeizuführen. Derartige Äußerungen haben bekanntlich lebhaften Wider- spruch bei ben Gewerkschaften hervor- gcrufen, bie sich aufs schärfste gegen jeben Abbau bes Tarifrechts ausgesprochen haben, währenb bie Arbeitgeberkreise auf bie bringenbe wirtschaftliche Notwendigkeit einer gewissen A b ä n b e - r u n g bes gegenwärtigen Zustandes hingewiesen haben. Wie bie „TU." erfährt, steht bie Reichsregierung auf bem Stanbpunkt, baß bie Tariffrage ebenfotoenig einseitig entschieden werden könne, wie auch andere sozialpolitische Fragen. Sie lehnt es ebenso ab, sich mit ben Forderungen ber Spitzenverbände zu ibentifizieren, wie sie sich für bie Forberungen ber Gewerkschaften einsetzen könne. Sie bürste einen gangbaren Weg vielmehr in einer Lösung sehen, bie ben Forberungen ber Wirtschaft ebenso roie benen ber Arbe itneijmer gerecht wirb, unb hofft, baß es ihr gelingen wirb, eine entsprechenbe Lösung zu finben. Sie bürste baher nach Abschluß ber Beratungen über bie fommenbe große Notverorbnung Vertreter ber Arbeitgeber- unb ber Arbeitnehmer-Verbänbe zusammen- berufen, um in gemeinsamer Aussprache eine Lösung zu finben. Ein Beschluß in biefer Hinsicht liegt aUerbings bisher noch nicht vor. Er bürste jeboch unmittelbar nach Erlaß ber Notverorbnung gefaßt werben. Dor biefer Aussprache finb ebenfalls weitere grunbsätzliche Schritte ber Regierung in ber Tarif- unb Lohnfrage nichtzu erwarten. Der deutsch-smnMche MlschaMausschuß. Will Frankreich Aenderung des deutsch-französischen Handelsvertrags? Paris, 2.Ott (IU.) Der Vorsitzende des Zollausschusses der Kammer, (Etienne J o u g e t e, der berufen ist, Mitglied des in Berlin beschlossenen deutsch-französischen Wirtschaftsausschusses zu werden. erklärte dem „3ntranfigeant“: Das Arbeitsprogramm des Wirtschaftsausschusses sehe in erster Linie einen umfangreichen plan für die Durchführung öffentlicher Arbeiten vor, an denen nicht nur Deutschland und Frankreich, sondern alle europäischen Länder beteiligt werden sollten, deren Produktion entsprechend organisiert sei. Ls handele sich f erner um die Finanzierung dieser Arbeiten, die Erweiterung der bereits bestehenden Kartelle und die Regelung der Erzeugung sowie der Ab- s a h m ö g l i ch k e-i 1 e n , die parallel mit einer Herabsetzung der Lebenshaltungskost en und einer besseren Ausnutzung der Ar^ beit laufen sollen. Die Angleichung der verschiedenen Handelsverträge, besonders des deutsch- französischen Handelsvertrag» werde die ganz besondere Aufmerksamkeit des Ausschusses in Anspruch nehmen. Die wirtschaftliche Lage habe sich seit dem Abschluß dieses Handelsvertrags, d.h. seit 1927, derart geändert, daß die ZUeiftbegün- stigungsklausel heute bereits zu einer Heber- oorteilung Frankreichs geführt habe. (?) Er persönlich sei der Ansicht, daß man das Vorbild eines Handelsvertrags schaffen müsse, ber nicht nur für Frankreich unb Deutschland Anwendung finde, sondern nach und nach auf alle Länder ausgedehnt werden könnte, um so schließlich zu einer Schaffung eine» Einheitsmarktev zu gelangen. Die Knsenunterstühung wird verlängert. Ausgleich für die früher Ausgesteuerten. — Kein schnellerer Llebergang in die Wohlfahrtserwerbslosensürsorge. Berlin, 2.Oft. (VDZ.) Zu ber gestern von ber Reichsanstatt für Arbeitslosenversicherung angeordneten Verkürzung der Bezugsdauer in der Lrwerbslojenunterstühung wird von sozialdemokratischer Seite erklärt, daß es nicht richtig sei, daß die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften von dieser Maßnahme überrascht worden seien. Ursprünglich hätte die Reichsregierung beabsichtigt, an ber Arbeitslosenversicherung durch den Vorstand der Reichsanstatt drei Aenderungen vornehmen zu lassen. Erstens sollten die Unterstützungssätze allgemein auf d i e Sähe der Krisenfürsorge herabgedrückt werden. Zweitens sollte darüber hinaus noch eine Verkürzung ber Sähe für bie Lebigen eintreten, unb brütens war eine Verkürzung ber Bezugsbauer von26aufl8wochen,für Saisonarbeiter auf 14 Wochen geplant. Den Vorstellungen ber Sozial- bemotratie unb ber Freien Gewerkschaften sei es gelungen, bie Regierung zum Verzicht aus bie beiben ersten Pläne zu bewegen unb bie Herabsetzung ber Bezugsbauer um zwei Wochen zu m i l b e r n. Außerbem werbe bie jetzige Maßnahme ber Reichsanstatt ihre Ergänzung baburch finben, daß bic Bezug sbauer für b i e Krifenunter- st ü h u n g entsprechenb verlängert wirb, so daß die Erwerbslosen nicht früher in die wohl- sahrtserwerbslosenfürsorge übergehen müssen als bisher. Dazu wird von zuständiger Stelle erklärt, daß im Reichsarbeitsministerium tatsächlich eine entsprechende Verordnung in Vorbereitung ist, die durch Verlängerung der Bezugsdauer der Krisenfürsorge den nach dem Beschluß der Reichsanstatt früher Ausgesteuerten einen Ausgleich verschaffen will. Die Verordnung wirb schon in ben nächsten Tagen erlassen werben. Die Verlängerung ber Krisenfürsorge bebarf keiner Regelung burch Notverorbnung, sonbern kann burch einfache Verorbnung bes Arbeitsminisieriums verfügt werden. Gegenwärtig beträgt die allgemeine Dauer ber Krisenfürsorge 32 Wochen. In beson- beren Fällen, namentlich für über 40 Jahre alte Personen, kann sie bis zu 39 Wochen verlängert werben. Für berufsübliche Arbeitslose trift auf Grunb ber Notverorbnung vom Juni zu a gi o bes Pfundes drosselt die Ein- fuhr und fördert die Ausfuhr. Js. diese Wirkung von vornherein beabsichtigt gewesen? Ist hierin das Hauptmotiv der englischen Politik zu erblicken? Unzweifelhaft besteht in England eine starke Strömung, die die Devalvation des Pfundes anstrebt. An ihrer Spitze steht der auch in Deutschland durch seinen Kampf gegen ben Irrsinn bes Vertrages von Versailles bekanntgewordene Pro- fessor Keynes. Man hat um des englischen Prestiges halber das Pfund 1925 zu hoch stabilisiert, nämlich mit einem Goldwert von 20 NM., während ber innere Wert bamals etwa 15,50 RM. gewesen ist. Die Folge seien bie hohen Löhne und überhaupt die hohen Gestehungskosten und damit die hohen Preise. Daher komme der Rückgang des englischen Exports und die steigende Arbeitslosigkeit. Zwei Wege gäbe es zur Ueberroinbung: entmeber bie Senkung ber Gestehungskosten unb ba- mit ber Lohne, nachsolgenb ber Preise ober aber, wie es Keynes nennt, „the sane devaluation of the pound“ unb bie baburch erreichte automatische Senkung ber Gestehungskosten, freilich erkauft mit einem Vermögensverlust aller Sparer. Liegt in biefer Maßnahme ber Bank von Englanb bereits eine Inslation begrünbet? Eine Inflation entsteht dann, wenn sich das Verhältnis der um- laufenden Zahlungsmittel zu dem Warenumsatz in der Weise verändert, daß dieZahlungsmittel mehr zunehmen als der Warenumsatz. Wenn der Engländer, um ein bestimmtes Quantum van Waren zu kaufen, statt 100 Pfund in Zukunft 120 Pfund ausgeben muß, so bedeutet das unstreitig die Gefahr, daß die Nachfrage nach Zahlungsmitteln, um diese Käufe durchzuführen, eben wegen der Eni- wertung entsprechend steigt. Nun hat Snowden erklärt, man werde mit allen Mitteln einer Inflation entgegentreten. Damit bekämpft er aber gerade die Tendenz, die, wie erwähnt, ein großer Teil der englischen Industrie und die City verfolgt. Aber es ist unendlich schwer, auf diesem Wege Halt zu bieten. Hat die Wirtschaft einmal das süße Gift der Inflation gekostet, so geht es ihr leicht wie dem Opiumraucher, der nach immer weiterer Steigerung verlangt, bis schließlich der Organismus zusammenbricht. Auch bei uns i n T> e u t s ch l a n d ist der Ruf nach einer Inflation vorhanden, bei allen denen die lieber diesen bequem scheinenden Weg gehen wallen als den sehr steinigen der Sparsamkeit und der Kostensenkung. Aber der Reichsbankpräsident Dr. Luther hatte durchaus recht, wenn er auf der Tagung des Deutschen Sparkassen-Verbandes am 28. September darauf hinwies, daß tln Land, das wie Deutschland schon einmal die Inflation durchgemacht hat, eine W i e d e r h o l u ng nicht ertragen werde. Mit Recht ist daraus hingeroiefen worden, daß durch eine Inflation Deutschlands Ausland- schulden nicht berührt werden, well sie Va- lutaschulden sind, daß aber im Innern sich alles sofort auf Gold um st eilen werde, die Ankurbelung der Wirtschaft nicht eintrete, wohl aber eine Erschütterung unseres Kredits, die die verhängnisvollsten Folgen haben müsse. Es ist deshalb zu begrüßen, daß sowohl der Reichskanzler Dr. Brüning wie der Reichsbankpräsident Dr. Luther auf das energischste abgelehnt haben, die Mark dem Pfund „anzuhängen" wie man so schön sagt. Auch die Aufhebung des Goldstandards in Skandinavien kann uns nicht veranlassen, diesem Weg zu folgen, nachdem wir bereits die Maßnahmen ergriffen haben, die nach Lage der deutschen Verhältnisse zur Erhaltung der Währung notwendig finb. Niemand kann die weitere Entwicklung über- blicken. Wird es den Engländern gelingen, das Pfund „aufzufangen", ober wirb eine weitere schwere Erschütterung auf bem Kapitalmärkte vor sich gehen? Schon beginnt Frankreich besorgt zu werben. Sobalb ber französische Sparer von bemfelben Mißtrauen erfaßt wird wie bisher die andern Sparer, steht auch Frankreich vor einer sehr ernsten Lage. Nur eine Wiederaufrich- tung des Vertrauens kann über die Schwierigkeiten wirklich hinwegführen, nicht Maßnahmen wahrungstechnifcher Art. Durch sie kuriert man nur an den Symptomen. Solange aber die Völker der Welt unb namentlich bie beiben Golb hortenden, Frankreich und die Vereinigten Staaten, sich nicht entschließen, die Initiative zur Wiederherstellung des Vertrauens zu ergreifen — der französische Besuch ist nur eine Episode in dem Stellungskampf, In den wir uns nach der verlorenen Marnefchlacht der Zollunion begeben haben —, bleibt für Deutschland nur eins übrig: bie Währung z u halten unb alle Maßnahmen zu treffen, soweit sie von uns überhaupt ergriffen werben können, um den Teil der Krise zu überwinden, der auf unser eigenes Konto kommt. den 32 oder 39 Wochen eine Verlängerung um sechs Wochen, so daß hier im allgemeinen die Laufdauer der Krisenfürsorge schon jetzt 38 bis 45 Wochen beträgt. Die geplante weitereverlängerung der Krisenfürsorge wird voraussichtlich der Verkürzung der Bezugsdauer der Arbeitslosenversicherung entsprechen. Die Dauer der Krisenfürsorge wird also im allgemeinen um sechs und für Saisonarbeiter um vier Wochen verlängert werden. Das bedeutet eine Verlängerung für die einzelnen Kategorien auf 38 bis 49 Wochen. Die neue Sozialistische Arbeiterpartei in Breslau gegründet. Breslau, 2. Oft. (WTD.) Der vom mittel* schlesischen Bezirksvorstand abgesehte Breslauer OrtSvorstand der dortigen SPD. hatte für heute abend eine Funktionärversammlung als außerordentliche Hauptversammlung einberu* fen. Zu der Versammlung waren etwa 3000 Personen erschienen. Als Hauptredner trat der Führer der Opposition im Reich. Reichstagsabgeoröneter S e h d e w i tz, auf, der au größerer Qltti* vität innerhalb der Arbeiterschaft und zur Gründung der neuen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands ausforderte. Ferner sprachen der bisherige Vorsitzende des Breslauer Ortsvereins, Rechtsanwalt Dr. E ck st e i n und der Reichstagsabgeordnete Ziegler, die sich g eichfalls für die Gründung der neuen Partei einsehten, um mit der Zusammenarbeit mit dem Bärgertum endgültig zu brechen. Rach den Ausführungen der drei Redner wurde eine Resolution angenommen, die besagt, daß die neue Partei in Breslau mit 3000Mitgliederngegründet sei. Oie Wirischafisbeirtebe der öffentlichen Hand. Thüringen löst alle unrentablen Betriebe der Kreise und Gemeinden auf. Weimar, 2. Okt. ($11.) Das Thüringische Staatsministerium hat eine Rundverfügung erlassen, wonach alle werbenden Betriebe der Kreise und Gemeinden, die unrentabel find, a u f g e l ö st werden müssen. Mit Rücksicht darauf, daß die Betriebe der Kreise und Eemci.ide.r in der Tergangei heil nicht immer wiri- schaftlich eingerichtet und verwaltet worden seien, habe man die Errichtung neuer und die Er- Weiterung bestehender werbender Betriebe genehmigungspflichtig gemacht. Der damit zuin Ausdruck gekommene Grundgedanke, daß Betriebe von Kreisen und Gemeinden nur dann eine Daseinsberechtigung haben, wenn ihre Wirtschaftlichkeit gewährleistet ist, müsse auf die vorhandenen Betriebe Anwendung finden. Alle Betriebe, bei denen diese Voraussetzungen nicht gegeben feien und auch durch Llmstellungsmaßnahmen ohne Inanspruchnahme von Steuermitteln nicht in aller Kürze erreicht werden könne, also keinen Gewinn abwerfen, seien alsbald zu schließen. Von dieser Anordnung werden vor allem die rein gewerblichen oder vorwiegend gewerblichen Betriebe aller Art betroffen; ausgenommen sind solche Betriebe, Anlagen und Einrichtungen, die die Kreise und Gemeinden i m öffentlichen Interesse zu u n t e rh alten verpflichtet sind. Noch fe.ne Entscheidung über eine Lockerung der Wohnungs« Zwangswirtschaft. Berlin, 2. Oft. (WTD.) Gegenüber Rachrichten über beabsichtigte Aenderungen der Woh- nungszwangswirtschaft wird von amtlicher Stelle folgendes mitgeteilt. Es steht noch nicht fest, ob die Gesetze, die sich mit der Wohnungszwangs- wirtfchaft befassen, in einer Rotverordnung geändert werden. Bei etwaigen Aenderungen würden jedoch selbstverständlich die notwendigen sozialen Rücksichten, insbesondere auf die Inhaber kleiner und kleinster Wohnungen, genommen werden. Im übrigen hat bekanntlich Die Rotverordnung vom I.Dezember 1930 bestimmt, daß zunächst das Mietrecht des Bürgerli chen Gesetzbuches unter sozialen Ge) ichtspunk- ten ausgestaltet fein muß, ehe das Reichsmietengesetz und das Mieterschuhgeseh a u f gehoben werden. Auch daran wird f e st g e - halten werden. Gegen die Oiätenzahlung während der parlamentslosen Zeit. Nürnberg, 2.Okt. (WTB.) Eine Versammlung der Deutschen Staatspartei beschäftigte sich mit den Diäten der Reichstags- und Landtagsabgeordneten. Es wurde darauf hingewiesen, daß der Reichstag jetzt fünf Monate vertagt gewesen sei, jeder Abgeordnete aber pro Monat 600 RM. Diäten, also insgesamt 3000 RM. bezogen habe, was für 577 Reichstagsabge- ordnete eine Gesamtausgabe für das Reich von 1731000 RM. ausmachc. In einer Zeit, in der durch Notverordnungen auf das Tiefste in das Wirtschaftsleben eingegriffen und Löhne und Gehälter gesenkt werden müssen, in der eine fortwährende Senkung der Gehälter der Beamten, auch der unteren und mittleren, stattfindet, wird cs als unerträglich betrachtet, daß Mitglieder des Reichstags und der einzelnen Landtage selbst während monatelanger Vertagung der Parlamente Diäten erhalten. Die Parteileitung wird aufgefor- dert, darauf zu drängen, daß Diätenzahlungen und die Zahlunaen für Stellvertretung aufhären, wenn die Parlamente auf längere Zeit vertagt werden. Kommunistendemonstraiionen in Dortmund. Dortmund, 3-Okt. ($11.) 3n der begangenen Rächt kam es au einer Ansammlung von 200 Personen vor Der Zeche „Minister Stei n", in Dortmund, die gegen die fristlose Entlassung eines kommunistischen Bergarbeiters protestierten, der zuvor in der Waschkaue auf- hetzende Reden gehalten hatte. Die Kommunisten bedrängten den Pförtner und wollten in das Zechengelände eindringen. Das herbeigerufene Ueberfallkommando zerstreute die Demonstranten. An der Straßenkreuzung im Spähenfelde wurden Hindernisse aus Pflastersteinen aufgerichtet, so daß ein Durchfahren unmöglich war. Die Kommunisten hatten offenbar damit beabsichtigt, die Durchfahrt von Bergarbeiter- I transportautomobilen zu verhindern. I Verschärfung der Devisenvorschriften. Eine neue Verordnung fordert erneute Anmeldung aller Devisenbestände und seht die Freigrenze von 1000 auf 200 Reichsmark herab. die Erholung der übrigen Auslandbörsen machten anscheinend wenig Eindruck. Am Devisenmarkt nannte man London gegen Paris 99,25, aegen Mai- land 76,5, gegen Spanien 43,9, gegen Amsterdam 9,75, gegen Stockholm 16,4, "egen Kabel 3,91. Aus aller Well. Berlin, 2. Okt. (Amtlich^) Die Entwickelung der Devisenlage, die sowohl in der starken Beanspruchung der Reichsbank durch die Ausführung des Stillhalteabkommens, als auch in dauernden erheblichen Ansprüchen aus der Wirtschaft bei unzureichendem Rückfluß von Exportdevisen ihren Grund hat, macht eine Verschärfung der Devisenbewirtschaftung erforderlich. Die Verschärfung erfolgt in drei Richtungen; erstens erneute Anmeldung aller Devisenbestände und im Anschluß daran fortlaufende Erfassung der Exportdevisen; Herabsetzung der Freigrenze und Kontrolle des innerhalb Der Freigrenze erfolgenden Devisenerwerbes; summenmäßige und zeitliche Beschränkung der allgemeinen Genehmigungen zum Verkehr mit Devisen. 3n einer sechsten Durchführungsverordnung zur Devisenverordnung werden erneut alle De- Visenbestände, und zwar, soweit sie insgesamt bei einem Pflichtigen 200 R2H. über- fte i g e n, zur Abbietung und zum Verkauf an die Reichsbank aufgerufen. Stichtag für den Aufruf ist der 2. Oktober. Die Anmeldepflicht ist bis zum 10. Oktober zu erfüllen. Die Verpflichtung besteht auch für die Personen, die ihren Verpflichtungen nach dem ersten oder zweiten Aufruf nachgekommen sind. Die in der Amnestieverordnung angeordnete Fristerstreckung bis zum 15. Oktober für die Personen, welche ihre Verpflichtungen aus dem ersten oder zweiten Aufruf nicht erfüllt haben, bleibt bestehen. Im übrigen ist der Kreis der Pflichtigen derselbe geblieben wie bei den früheren Aufrufen. In sachlicher Hinsicht ist eine Erweiterung insofern eingetreten, als auch von deutschen Ausstellern ausgegebene Wertpapiere, die auf eine ausländische Währung lauten, und an deutschen Börsen nicht zugelassen sind, ferner allgemein die Forderungen mit einer längeren Laufzeit als drei Monate mit Ausnahme der noch nicht fälligen Forderungen aus Versicherungsverträgen anzumelden sind. Die Anmeldung kann außer bei den Reichsbankanstalten wie bisher bei einer Devisenbank erfolgen, doch liegt die Entscheidung über Ankauf oder Freigabe ausschließlich bei der Reichsbank. Dom 2. Oktober ab sind fortlaufend alle neu anfallenden Devisen, soweit sie nicht auf Grund besonderer Genehmigung der Devisenbewirtschaftungsstellen erworben wurden, insbesondere also die Exportdevisen, ohne Rücksicht auf ihre höhe binnen drei Tagen der Reichsbank zum verkauf anzumelden. Für Beträge, die nach den Bestimmungen über die Freigrenze erworben werden, tritt die Anbietepflichl einen Monat nach Erwerb ein. — Die Freigrenze, die bisher 1000 RM. für eine Person innerhalb eines Monats betrug, wird auf 2 0 0 RM. herabgesetzt. Um eine mißbräuchliche Ausnutzung die Freigrenze zu verhindern, können nur noch volljährige Persönen Devisen bis zu 200 RM. erwerben, und zwar nur gegen Vorweisung ein es amtlichen Reisepasses, in dem die Bank Tag und Betrag zu vermerken hat. Gold wird neu in die Devisenbewirtschaftung einbezogen und der Erwerb, die Versendung und die Verfügung über Gold, außer Kurs gesetzte Goldmünzen, Feingold, legiertes Gold (Rohoder als Halbfabrikat) einer Genehmigungspflicht unterworfen. Die Richtlinien über die Devisenbewirtschaftung gestatten den Verkehr mit Gold nur noch zu gewerblichen Zwecken. Die Bestimmungen der Richtlinien über die Erteilung allgemeiner Genehmigungen zum Verkehr mit Devisen, zur Einfuhr, Ausfuhr und eine Reihe anderer Geschäfte werden wesentlich verschärft. Derartige allgemeine Genehmigungen werden künftig nur noch beschränkt auf eine Höchstsumme erteilt. Bei der Festsetzung der Hvchstsumme wird der Tatsache Rechnung getragen daß die Einfuhr im Laufe dieses Jahres wertmäßig gegenüber dem Vorjahre erheblich zurückgegangen ist, so daß der Devisenbedarf für den Import zur Zeit erheblich geringer sein wird als vor einem Jahre. Andererseits wird auf die besonderen Verhältnisse einzelner Industrie- und Handelszweige, besonders auch den Saisoncharakter mancher Geschäfte, Rücksicht genommen werden. Jeder Devisenerwerb auf Grund einer allgemeinen Genehmigung muß auf dem Genehmigungsbescheid vermerkt werden. Allgemeine Genehmigungen mit einem Monatsbetrag von mehr als 250 000 Mark und Einzelgenehmigungen mit mehr als 20 000 Mk. werden von den Devifenbewirtschaf- tungsstellen nur noch nach Fühlungnahme mit der Reichsbank erteilt werden. Im Zusammenhang Damit werden einige Anweisungen, die den Devisenbewirtschaftungs- stellen schon bisher für ihre Tätigkeit erteilt waren, in die Richtlinien aufgenommen. Oer Lliiimo-Ausweis der Reichsbank. Rückgang der Devisenbestände — 31,2 bom Hundert Notendcckung —Diskonterhöhung wahrscheinlich Berlin, 2. Okt. Nach dem Ausweis der Reichsbank vom 30. September 1931 hat sich in Der Ultimowoche die gesamte Kapitalanlage der Bank in Wechseln und Schecks, Lombards und Effekten um 825,5 Mill, auf 4073,1 Mill. RM. erhöht. Die Bestände an Handelswechseln und Schecks haben um 550,6 Mill, auf 3545,4 Mill. RM. zugenommen. An Reichsbanknoten und Rentenbankscheinen find Ausammen 448,8 Mill. RM. in den Verkehr abge- stossen. Die fremden Gelder zeigen mit 613,4 Mist. RM. eine Zunahme um 73,1 Mill. RM. Die Bestände an Gold und deckungsfähigen Devisen haben sich um 232,7 Mill, auf 1439,5 Mill. RM. vermindert, davon die Bestände an deckungsfähigen Devisen um 159,1 Mill, auf 138,8 Mill. RM. abgenommen. In der Hauptsache handelt es sich hierbei um die Auswirkungen der bei In- trafttreten des Stillhalteabkommens erfolgten Freigabe und um die Auflösung der rückständigen Termingeschäfte, die ein einmaliger Vorgang, der am 3. Oktober abläuft und etwa 200 Mill. RM. umfaßt. Die Deckung der Noten durch Gold und deckungsfähige Devisen beträgt 31,2 v. H. gegen 40,1 v. H. in der Vorwoche. Die strenge Handhabung der Devisenbestimmungen erscheint in Anbetracht dieser Ziffern des Reichs- bankausweises begründet, es ist nicht* ausgeschlossen, daß die Reichsbank im Hinblick auf die starken Wechseleinreichungen in Kürze eine Diskonterhöhung vornehmen wird. Hindenburgs Geburislag. Herzliche Anteilnahme im 3tv und Auslande. — Das Präsidentenpalais umlagert. — Oie fremden Botschaften flaggen. Berliner Börse. Berlin 3. Okt. (WTB. Funklpruch.) Zum Wochenschluß entwickelte sich im heutigen Frühverkehr das Geschäft wie gewöhnlich an Samstagen sehr langsam. Die Stimmung blieb recht unsicher, da gegen gestern abend noch ziemlich schwache Kurse zu hören waren. Auch heute taxierte man die Farben mit 94 bis 94,5, Siemens mit 101 und AEG. wurde mit 38 gehandelt. Das feste Neuyork von gestern und tere meist aus Anlaß besonderer Gedenkfeiern, haben dem Reichspräsidenten durch Telegramme, Briefe und Postkarten ihre Anhänglichkeit und Verehrung zum Ausdruck gebracht. Ein vaterländischer Abend des Kyffhäuser-Bundes. Deutschlands Recht auf Lichcrheit Derlin, 2. Oft. (ERB.) Der Khffhäuser-Bund veranstaltete im Sportpalast aus Anlaß des 84. Geburtstages seines Ehrenpräsidenten, des Reichspräsidenten von Hindenburg, einen vaterländischen Abend. Der 1. Bundespräsident, General a. D. v. Hor n, feierte den Reichspräsidenten als Beispiel treuester Pflichterfüllung und Opferbereitschaft. Der zweite Redner, Generalleutnant a. D. v. M e tz s ch, befaßte sich im besonderen mit den Abrüstungsproblemen. Er faßte seine Ausführungen dahin zusammen, daß Die Schrecken eines Zukunftskrieges jeden Verantwortlichen mahnen mühten, sein Volk vor einem solchen unerhörten Wagnis zu schützen. Wer Deutschlands Recht auf Sicherheit vertrete, vertrete zugleich ein europäisches und ein Weltinteresse. In seiner Schlußansprache forderte General a. D. v. Horn auf, Den deutschen Vertretern auf der bevorstehenden Abrüstungskonferenz zu zeigen, daß die Masse des deutschen Volkes hinter ihnen stehe, wenn sie die einfache Forderung: Gleichberechtigung, gleiche Sicherheit und gleiche Methoden der Abrüstung, stellten. In einer Entschließung wurde die Gleichberechtigung Deutschlands auch in der Sicherheitsund Wehrfrage gefordert. An der Veranstaltung nahmen u. a. teil, der Reichswehrmini st er, die Ehefs der Heeresleitung und der Marineleitung, die Befehlshaber des Berliner Wehrkreiskommandos und des Truppenkommandos I, der Kommandeur der Berliner Wachttruppen und der Vizepräsident des Arbeitsausschusses deutscher Verbände. Berlin, 2. Oft. (TU.) Am heutigen Geburtstag des Herrn Reichspräsidenten wurde im In- und Auslande mit herzlicher Anteilnahme des deutschen Reichsoberhauptes gedacht. Der Herr Reichspräsident selbst, der ursprünglich die Absicht gehabt hatte, Berlin auf einige Tage zu verlassen, hat diese Absicht im letzten Augenblick aus dienst- lichen Gründen aufgegeben und verbrachte den Tag zurückgezogen im Kreise feiner Familie. Das Präfidentenpalais war den ganzen Tag über von einer dichten Menfchenmengeumlagert, die die Auffahrt der Gratulanten, welche sich ins Besuchsbuch einzeichnen wollten, sowie das ununterbrochene Kommen und Gehen der Boten mit Post, Blumen und sonstigen Gesche n f e n interessiert beobachteten. Besonderen Anteil an dem Tage nahm das hier beglaubigte diplomatische Korps. Ab" l"hen davon, daß die meisten der Missionschefs sich persönlich eintrugen, hatte auch eine große Anzahl von Diplomaten ihre Gebäude, so die englische, französische, italienische, türkische und spanische Botschaft, sowie die österreichische Gesandtschaft zu Ehren des Tages geflaggt. Von ausländischen Staatsoberhäuptern sind u. a. Telegramme vom König von Italien sowie vom ungarischen Reichsverweser v. Horthy ein- gegangen. Ebenso hat der italienische Regierungschef, Mussolini, telegraphisch seine Glückwünsche übermittelt. Ramens der Reichsregierung hat Reichskanzler Dr. Brüning dem Reichspräsidenten in einem herzlich gehaltenen Schreiben Glückwünsche übersandt. Die Ehefs der Heeres - und Marineleitung sprachen namens des Reichsheeres dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht Glückwünsche aus. Ebenso haben sämtliche L ä n - derreaierungen. der Reichstagspräsident, der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats, der Bischof von Berlin, der Präsident der Reichsbank, der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahngesellschaft, der Reichsgerichtsvräsi- dent und der Oberreichsanwalt, der Präsident deS Deutschen Roten Kreuzes sowie zahlreiche andere Persönlichkeiten für sich oder für Die von ihnen vertretenen Organisationen und Verbände deS Tages gedacht. Groß ist die Zahl der Städte, die Dem ReichspräsiDenten ihre Glückwünsche übermittelt haben. Zahlreiche deutsche Hochschulen, studentische Verbindungen, politische und gesellschaftliche Vereinigungen sowie ungezählte Deutsche Im In- und AuSlande, letz- Massen-Schwalben sterben. In den letzten Tagen fand man a u s den bosnischen Hochebenen viele Tausende erfrorene Schwalben auf. Die Schwalben sind wegen des vorzeitigen Winters in diesem Jahr zum großen Teil früher als sonst nach Dem Süden gezogen. Die Schwalbenzüge gerieten jedoch über Bosnien in schwere Schneestürme, mußten umkehren und sich in den Hochebenen niederlassen. Aber auch hier trat Winterwetter ein, so daß die Tiere massenhaft starben. Als jetzt Der Schnee toieDer schmolz, fand man die Schwalben in so großer Menge tot auf, daß die Dauern sie an vielen Stellen aus dem Wege schaufeln mußten. Schweres Enlzündungsunglück. In Rotterdam wollte ein junger Mann mit Unterstützung seiner Ehefrau in einer Tonne, die auf einem Petroleumofen aufgestellt war, Wachs schmelzen, um damjt Putzlappen zu präparieren. In der Tonne befanden sich Ammoniak und Benzin. Plötzlich entzündete sich der In- halt der Tonne, und die ganze Wohnung stand sofort in Flammen. Die Kleider der Eheleute brannten lichterloh. Die Unglücklichen eilten auf die Straße, wo Passanten die Flammen er- st i ck e n konnten. Schwer verletzt wurde das Ehepaar ins Krankenhaus geschafft, wo man an feinem Aufkommen zweifelt. In der Wohnung waren aber noch drei kleine Kinder von sechs Monaten bis zu vier Jahren zurückgeblieben. Als die Feuer- wehr eindrang, waren die beiden älteren Kinder in ihr en Betten er st ick t. Der Säugling war bereits vollkommen verkohlt. Lindbergh beinahe ertrunken. Bei einem Start auf Dem QJangtfe überschlug sich das Flugzeug des bekannten amerikanischen Ozeanfliegers Lindbergh. Lindbergh. seine Frau und ihr chinesischer Begleiter kamen unter Die Maschine. Rur dem sofortigen Eingreifen des zufällig in der Rähe befindlichen englischen Flugzeugmutterschiffes „Hermes" war es zu verdanken, daß alle drei vom sicheren Tode des Ertrinkens gerettet wurden. Ein Auto vom Zuge erfaßt. Bei O b e r w e s e l kam auf Den Bahnübergang unterhalb Der Stadt ein Lastkraftwagen aus Bad Kreuznach aus der Richtung St. Goar als in demselben Augenblick ein Personenzug herangebraust kam, das Auto erfaßte und es zur Seite schleuderte. Ein auf dem Wagen hesindlicher Mitfahrer wurde in großem Dogen auf die Straße geworfen. Der Fahrer und zwei weitere Mitfahrer kamen mit dem Schrecken davon. Der Hintere Teil des Wagens wurde zertrümmert, ebenso wurde die Lokomotive schwer beschädigt, so daß sie auf dem Dahnhof Dingerbrück ausgewechselt werden muhte. Der Schrankenwärter gab an, übermüdet gewesen zu sein und dadurch vergessen zu haben. Die Schranken rechtzeitig zu schließen. 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Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Johannes Leun, Altbürgermeister Großen-Linden, Gießen, den 2. Oktober 1931. Die Beerdigung findet Montag, den 5. Oktober, nachmittags 3’/2 Uhr statt. Gott dem Herrn hat es gefallen, meine liebe Frau, unsere gute, treusorgende Mutter, Schwiegermutter, Großmutter, Schwester, Schwägerin und Tante Heute nacht 2 Uhr entschlief sanft nach kurzer, schwerer Krankheit, nach einem arbeitsreichen Leben, mein lieber Mann, unser treusorgender Vater, Schwiegervater, Großvater, Bruder, Schwager und Onkel Die Beerdigung findet Montag, den 5. Oktober, nachmittags 4 Uhr, in Wieseck, vom Trauerhause, Gießener Straße 33, aus statt ____________________________________________________________________6S23O Herr Wilhelm Forbach Wagnermeister im Alter von 62 Jahren. Die trauernden Hinterbliebenen: Frau Margarete Forbach, geb. Seibert Familie Karl Scherer L Familie Ludwig Forbach nebst allen Angehörigen. Wieseck, Buffalo, Daubringen, den 3. Oktober 1931. Technische Lehranstalten Offenbach a.M. Kunstgewerbeschule Höhere Bauschule Maschinenbauschule Der staatliche Direktor: Prof. Hugo Iberkartt Fordern Sie Drucksachen I | Verkäufe Mietgesuche ser treusor. ""«J Onkei E&Q; bl Hert ^4 Uhr, att /WB» I Regen Bvt •*r*rt4*G4n*W ***** faMi 0J-S Zu haben In Apotheken. Drogerien nnd wn Plakate üc-'itbar. MV tajmiMi gkgr. 1S64 leiitee. 4. Cft, aachw. 3 . Ubr 2 ernte ab»d ».30 Ubr natb bet lirlnike. hüt llmttbaliunn rit behnt« aeloifli iGrsangSvomägei Tanz. ScfttfinbroiUlomm. <* £tr korimh. Südtttoter 8?«"86‘nSt ArlSacknOtU “ JSS Setnauet SS 8^‘äjrnnL oc’ör;, cft« r.; L!&yi?S äiium# 36® ulrfudjuW Den” ?“ 5 »«• K-A 8<6,,ifhii y W1, Si*!Ä Rr. 25| Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesfen)Samstag. 5. Gktober (93| Zwei Fliegerbesuche in Tokio. Politische Eindrücke von einer Weltreise. Don Dr. paul Rohrbach. Tokio, September 1931. Während der Lieberfahrt von San Franzisko nach Japan auf dem Dampfer »President Wilson" brachte der Ozeanfunk jeden Tag einen ausführlichen Bericht über »Lindy", den Flieger Lino- b e r g h, der mit seiner jungen Frau von den Bereinigten Staaten über Kanada auf dem Flug nach Japan war. Lindbergh ist in Amerika eine sehr populäre Figur, eine Art amerikanischer National h'e l d, seit er den berühmten Flug von Neuyork nach Paris gemacht hat. Die Amerikaner haben ein stetes Bedürfnis nach solcher Heroisierung (das moderne englische Wort hierfür ist »Lionization", »Verlöwung"), und jede Etappe der Lindberghs wurde mit ausführlichem Kommentar gebucht. Unter den Damen des Schiffs gab es große Debatten darüber, ob Frau Lindbergh recht getan hätte, ihr eben geborenes Baby in Pflege zu geben und mit ihrem Mann davonzufliegen. Die Mehrheit war natürlich für unbedingtes »Ja". Eines Tages tauchten im Bordfunk zwei bescheidene Zeilen auf: »Marga von Etzdorf, the German aviatrix, die deutsche Fliegerin will von Berlin nach Tokio fliegen"; einen Tag später: »Sie ist abgeflogen und hat gesagt, sie nehme ein Taschentuch mit. um den Lindberghs unterwegs damit zuzuwinken." Dann war sie in Moskau, dann in Irkutsk — aber nach Tokio lieh der amerikanische Funk sie merkwürdigerweise gar nicht kommen, dort gab es n u r Lindberghs und Lindbergh-Feiern! Es ist bezeichnend für das Interesse, das Durchschnittsamerikaner an Europa haben, was die Redaktion der Bordzeitung an Aachrichten- material aus den natürlich viel reichhaltigeren Funkberichten auswählte, d. h. wofür sie die Pas- sagiere interessiert glaubte. Im Lause von zwei Wochen gab es aus Berlin nur die eine einzige Nachricht über Marga von Etzdorf, aus Paris überhaupt keine, aus London einen täglichen Bericht über die englische Finanz- und Negierungskrisis, und im übrigen nur amerikanisches Material, meist Personalien, Sport, Km3e. Eine wichtige Auslandnachricht war noch die, daß in Basra ein achtzigjähriger Araber, der gegen Cholera geimpft war. gemeint hatte, es fei eine Derjüngungsimpfung und sich daraufhin eine neue Frau genommen hat. So sind die Amerikaner! Als unser „President Wilson" am 31. August bei strömendem Regen am Pier von Bokohama anlegte, war aber Marga von Etzdorf schon vor ein paar Tagen glücklich gelandet: nicht als politisch aufgemachte große Sensation wie die Lindberghs, sondern als ein lieber Gast, dessen Aufnahme durch die Japaner für den deutschen Augenzeugen eine rechte Freude ist. Auch ich habe vom ersten Augenblick meines Besuchs auf japanischem Boden an die Erfahrung gemacht, daß die Japaner gute Beziehungen zu allem,, was deutsch ist, aufrichtig schätzen. Der Lindbergy- Flug hat einen bestimmten politischen Hintergrund, nämlich die Frage der Zulassung japanischer Einwanderer nach den amerikanischen Staaten, die jetzt wieder einmal drüben schwebt. Die Einwanderung ist seit Jahr und Tag verboten, hauptsächlich, weil der Staat Kalifornien keine Japaner hereinlassen will. Sie sind billige Arbeiter und würden den amerikanischen Arbeitern und Obstzüchtern scharfe Konkurrenz machen. Japan verlangt nicht etwa freie Einwanderung, weil es die ja schon seit Jahren in Amerika nicht mehr gibt, aber es verlangt, daß die in dem Verbot liegende Ehrenkränkung, die „Diskriminierung" als asiatische Nation, verschwinden soll. In Washington, überhaupt im Osten der Vereinigten Staaten, wäre man gern bereit, den Wunsch der Japaner zu erfüllen und für die Gießener Gtavitheater. Ferdinand Bruckner: „Elisabeth von England." „Der, dem das Gegenwärtige das einzig Gegenwärtige ist, weiß nichts von der Zeit, in der er lebt." Oscar Wilde. Die neue Saison ist mit einem vollen Akkord eingeleitet worden, mit einer in großem Stil angelegten Historie, mit einem der sehr wenigen Stücke, die in der letzten Spielzeit (vermöge ihöer inneren Qualitäten- zu durchschlagenden Erfolgen geführt haben. Man wird nicht sagen können, daß diese „Elisabeth" alle Wünsche erfüllt, mit denen man eine Erneuerung unserer dramatischen Kunst seit Jahren erwartet; auch das Schauspiel von Bruckner (Theodor Tagger) kann bei objektiver Wertung nicht von Einwänden verschont bleiben. Aber es zeigt doch Ansätze, Versuche, Bemühungen wenigstens, neue Werte zu schaffen: im dramatischen Kem wie in der äußeren Form. • Interessant, daß dergleichen an einem alten Stoff, an einer geschichtlich gegebenen Fabel versucht wird. Bruckner ist nicht der erste gewesen, der sich daran gewagt hat; aber er ist der erste, der neue und grundsätzlich andere Akzente aufsetzt. Seine Elisabeth — die von 1558 bis 1603 in England regierte — wird nicht nur als historische und weltpolitische Persönlichkeit erfaßt, sondern auch als Charakter, als Mensch, als alternde Frau, als späte Liebhaberin und psychologische Problemfigur. (So wird die verschollene Fabel von vornherein dem modernen Zuschauer genähert und interessant gemacht.) , * Mit solcher Spaltu g der Zentralfigur zerfällt aber auch die Handlung in zwei, an sich — auf dem Theater — schwer vereinbare Teile. (Hier liegt das formale Problem des Dramas.) Elisabeth erhält neben ihrem jugendlichen Liebhaber Grafen Essex einen außenpolitischen Gegenspieler. Sie wird überdies zur Repräsentantin ihres Landes, ihres Lebensraumes, ihrer Weltanschauung erhoben. Der Gegenspieler ist Philipp non Spanien, und er erhält, um des inneren GleichgewiHtes willen, diesel- oen Funktionen wie die Oueen. oo stehen sich hier in zwei überlebensgroß angelegten Gestalten zwei europäische Bewegungen feindlich gegenüber: puritanischer Protestantismus und leidenschaftlicher alter Glauve; die kleine Insel im Norden und das weltumspannende Reich im Süden. japanische Einwanderung eine „Quote" festzusetzen, so gut wie für die englische, deutsche und italienische. Für das Empfinden der Japaner kommt es mehr auf die Quote als solche an, als auf ihren Betrag; daß er nicht groß sein könnte, versteht sich bei der jetzt herrschenden scharfen Zurückdrängung der Einwanderung nach Amerika von selbst. Hoover muß aber für seine Wiederwahl als Präsident mit den kalifornischen Stimmen rechnen (er ist eigentlich Kalifornier), und in San Franzisko ist man nach wie vor antijapanisch. Daher wird die Quoten'rage einstweilen durch eine Aktion wie den Besuch Lindberghs als inoffiziellen „Freundschaftsbotschafter" umgangen. Die glänzende Aufnahme der Lindberghs in Tokio war sozusagen der japanische Gegenzug, immer mit der Quotenfrage im Hintergrund. Die Stimmung würde hier aber auf das heftigste Umschlägen, sobald in Amerika ein gegen die japanische Quote gerichteter Beschluß gefaßt würde. Marga von Etzdorf ist ein liebenswürdiger Mensch. Ich sprach mit ihr über ihre Fliegerei, und sie antwortete ganz einfach: „Irgendeinen Beruf muß der Mensch doch haben, für manche ist es Beruf, zu malen oder zu fingen oder zu schreiben; mein Beruf ist, daß ich fliege und daß ich mir damit meinen Llnterhalt verdiene. Ich mache Kunstflüge, und wenn ich damit genug gespart habe, so unternehme ich etwas Größeres wie meinen Flug nach Afrika und wie diesmal den nach Japan!" Die Japaner sind von dem blonden, hochgewachsenen, sich immer ganz einfach und natürlich gebenden Mädchen begeistert. Empfänge und festliche Veranstaltungen zu ihren Ehren von japanischen Gesellschaften, offiziellen Persönlichkeiten usw. wechseln mit deutschen ab. Nach japanischer Sitte gibt es jedesmal ein hübsches Andenken an das Beisammensein. Fräulein von Etzdorf, mit der ich im selben Hause wohne, hat in ihrem Zimmer schon eine sehr niedliche Ausstellung von Schmuckkästen, Puppen, Kimonos, Fächern, Dlumenvasen und dergleichen aufgebaut. Gestern gaben zwei deutsche Vereinigungen ihr Der Liebhaber (einer der Liebhaber) ist Essex. Elisabeth spielt mit ihm ... ein tändelndes, zärtliches, am Ende tödliches Spiel: Essex wird enthauptet; die Königin schaut vom Tower-Turm der Hinrichtung zu. Essex muß fallen: nicht weil er einen Putsch gegen sie angestiftet hat, — sondern weil er einer gefährlichen Situation menschlich nicht gewachsen war; er trat zu ungelegener Stunde ins Boudoir und sah die Königin ohne Schminke und Künste, wie jene Kleisische Kunigunde ... als alternde Frau, als „Schrulle". Das verzeiht sie nie. Hier liegt der Schlüssel zum psychologischen Problem der Elisabeth. Man begreift aus diesen Andeutungen, wie weitgespannt, aus welcher Perspektive heraus der Stofs gesehen wurde. Bruckner erkannte die Gefahr, die drohende Möglichkeit, die Fäden zu verlieren und von der Fülle der Gesichte erdrückt zu werden. Schon Georg Kaiser, in seinem „Volksstück 1923", hatte Aehnliches versucht, hatte drei Dramen in einem ablaufen lassen; er nannte das Ganze „Nebeneinander", aber er mußte dennoch die drei Handlungen, zwar ineinanderoerflochten, hintereinander erscheinen lassen. Bruckner wollte auch eine äußere Parallelität der Ereignisse erzwingen. Er sah die geschichtlichen Vorgänge gleichzeitig; in ihrer Gleichzeitigkeit lag sogar der tiefere Sinn seiner Chronik: also mußten sie auch im Drama räumlich nebeneinander gezeigt werden. Was das mittelalterliche Theater primitiv vorausgenommen hatte, was die moderne Bühnentechnik raffiniert gesteigert hatte, wird in Bruckners Chronik zu erstaunlichen Konsequenzen entwickelt. Der weltanschauliche Gegensatz zwischen Elisabeth und Philipp konzentriert sich mit sinnfälliger Eindringlichkeit in den großen Parallelszenen, wo der englische Kronrat in London und der spanische in Madrid gleichzeitig den Krieg widereinander beschließen, und wo sie später in ihren Kirchen gleichzeitig zu Gott um den Sieg beten —: jeder für seine Sache. Das ist eine unbestreitbar großartige weltgeschichtliche Vision, die filmhaft sichtbar gemacht wird. Das Kino leiht dem Theater seine Form. Die alten Gesetze des Raumes versinken; die Einheit des Ortes wird hier in einem neuen, bestechenden Sinne begriffen. Die Schauplätze fließen grenzenlos ineinander und überschneiden sich. Der Dialog — hüben und drüben — ist kontrapunktisch gestuft und gesteigert. zu Ehren einen Abend mit Bowle, Reden und Musik. Die Gefeierte erzählte mit einer angenehmen Mischung von Schlichtheit und Humor die Ergebnisse während ihres Fluges durch Rußland und Sibirien. Nur einmal hatte sie einen Tag unfreiwilligen Aufenthalt, und das gereichte ihr zum Glück, denn dadurch entging sie einem Taifun. Ihr größter japanischer Freund und Gönner ist der alte General Nagaoka, der — eine große Seltenheit in Japan — einen so langen Schnurrbart hat, daß er die Enden um seinen Hinterkopf zusannnenbinden kann. Er ist der Präsident des Kaiserlichen Aero-Klubs von Japan und hat Fräulein von Etzdorf einen Kimono verehrt, in dessen Stoff er lauter Flugzeuge in Schwatz und Weiß hat einweben lassen. Es sind nicht nur alte Generale, die die deutsche Fliegerin verehren, sondern japanische junge Mädchen rechnen es sich sogar zur Ehre an, die — Strümpfe des Gastes zu stopfen. Ich besah heute eine japanische Fabrik, Spinnerei und Weberei, einen sehr interessanten Betrieb, über den ich noch berichten werde. Auf einem der Korridore, die zwischen den Schlafräumen für die Fabrikarbeiterinnen laufen, war, in ganz großem Format, ein teurer photographischer Abzug der Aufnahme angeheftet, wie Marga von Etzdorf in ihrem Flugzeugkimono Arm in Arm mit dem General Nagaoka dasteht. Einige von den Fabrikmädchen hatten das Bild in der Zeitung gesehen und hatten nicht geruht, bis sie es beim Photographen aufgestöbert, gekauft und auf ihrem Korridor angebracht hatten. Die japanische Unterschrift unter dem Bilde wurde mir überseht als „Die deutsche Flieger-Köni- g i n". Bei den Mädchen ist es der Stolz auf die Leistung, die eine ihres Geschlechts vollbracht hat, und man wäre im Irrtum, wenn man sagen wollte, daß diese jungen Fabrikarbeiterinnen von Deutschland doch nicht viel wissen. Sie sind alle durch die Volksschule gegangen und haben schon eine, wenn auch etwas summarische Ahnung von der Welt. Schon die früheren Stücke Bruckners waren durch die raffende Gleichzeitigkeit der Vorgänge charakterisiert. Synoptische Dramaturgie: er reißt die Fassade des Londoner Schlosses auf und spielt in drei Stockwerken übereinander zugleich, Oben, Mitte, unten ... in einem heftigen Tempo; wie in alten Zeiten „mit bedächt'ger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle". ♦ - Das ist, in diesem Ausmaß und solcher Konsequenz, neu und sehenswert ... auch dann noch, wenn man sich klar macht, daß das Schauspiel hier mehr Theater als Dichtung, mehr Technik als Gestaltung vermittelt. Man muß begreifen, daß es ein Experiment ist, ein erster Versuch, Weltgeschichte auf dem Theater mit neuen Mitteln, von einem konzentrischen Blickpunkt aus sichtbar werden zu lassen. * Im übrigen ist Bruckner ein moderner Mensch, das Psychologische (und Zweideutige) an seinem Fall interessiert ihn mindestens ebensosehr wie das Geschichtliche. Seine Menschen reden selten im klassischen Stil, meist nüchtern und trocken wie wir. Auch sonst ist in dieser Historie unserer Zeit manches anders geworden als früher. Die Towerszene könnte man sich in einigen Stücken Shakespeares vorstellen. Jene andere, wo die Königin Elisabeth im Nachthemd von Essex und seinen Leuten durch den ganzen Park gehetzt wird, wäre bei Schiller (aus mehreren Gründen) nicht möglich gewesen. Ader auch wer Schiller und Shakespeare liebt,- sollte Bruckners Chronik auf sich wirken lassen. Der Stil der Staatsaktionen und Historien hat sich in Jahrhunderten geändert: wir sehen mit unfern Augen und haben das Recht, unsere neue Form neben der alten zur Diskussion zu stellen. — * Einer Aufführung des Werkes bei uns in Gießen standen von vornherein gewisse Bedenken, vor allem technisch-räumlicher Art, entgegen. Die Inszenierung des Intendanten Dr. P r a s ch ist indessen — mit Hilfe des begabten Bühnenbildners Karl Löff - l e r — der großen Schwierigkeiten sehr geschickt Herr geworden. Die komplizierte Szenerie war plastisch auf die Drehbühne gestellt, wodurch sich eine verhältnismäßig schnelle Verwandlung der stilsicher empfundenen Bilder ergab. Natürlich kann der Bühnenrahmen und der Spielraum nicht erweitert werden: es war also nicht zu vermeiden, daß die an sich wohlgelungenen Parallelszenen (Kronrat und Kirche) ein wenig eng und zusammengedrückt wirkten. Auch abgesehen vom Technischen vermittelten diese Partien die stärksten Eindrücke der Aufführung, die von lich zu genehmigende Kriege gar nichts an... und dazu das unheimliche Krachen an den Börsen... die Flaute in der Wirtschaft... wie sage ich's meinem Leser? Daß immerhin die Gefahr, in ein Tief zu geraten oder von einem von außen kommenden Zyklon in Mitleidenschaft gezogen zu werden, nicht von der Hand zu weisen sei? Daß es trotz allem nicht genüge, wenn der starke Mann in der Schmiede um sich haue Tag und Nacht? In einem ist der Meister ohne Zweifel uns allen über: er verlangt, nimmt und braucht keinen Llrlaub. Seit neun Jahren steht er nun schon am Amboß und schmiedet und schweißt ohne Lln- terlah. Vorher hat er auch nicht gefaulenzt. Wo sind die Propheten, die da weissagten, gestrenge Herren regierten nicht lange? Alle weniger gestrengen haben sich inzwischen mehr oder minder freiwillig ins Privatleben zurückgezogen. Wo sind die tödlichen Krankheiten, die sie ihm, außer den gutgemeinten Attentaten, andichteten? Der Schlaganfall ist ausgeblieben, kein Leberleiden hat ihn ruiniert, der Krebs ist eine fromme Vermutung geblieben. Er ist auch nicht an dem Felsen Petri gescheitert, wie Matrosenaberglaube wußte, und hat keinen Krieg vom Zaun gebrochen, wie die unfehlbaren Politiker es mit entrüstet geschwollener Parteiader ankündigten. Der Duce nimmt noch immer glänzende Paraden ab, hält mitreißende Reden und erlaubt keinem seiner Mitarbeiter ein Extratänzchen. Der Staatshaushalt steht im Vergleich zu anderen Staaten auf beneidenswert gleichen Füßen und die Podestä, die Statthalter, wissen nichts von Auszehrung zu berichten. Mit schönem Beispiel geht die Hauptstadt voran: Rom hat mit einem Jahresüberschuh von 25 Millionen abgeschlossen! Die Ernte ist reich und gut ausgefallen. Auf den römischen Straßen kauft man das Kilo herzkirschengroher Trauben für eine Lira. Del und Butter schlagen ab. Wohnungen gibt es, so viele man haben will, besonders auch kleine. Wer das Wunder erleben will, wie ein heiteres Volk, das nach gewissen Darstellungen unter dem Liktorenbündel zu seufzen hätte, heiter geblleben ist, der braucht nur einmal aus dem Lande, in dem diese Darstellungen mit Vorliebe verbreitet werden, nach Italien zu fahren. Noch scheint die Sonne über Rom. Der unbefangene Betrachter freilich, der über die Einheitspresse hinaussieht oder ihre leisen Andeutungen richtig zu lesen versteht, spürt auch in Rom, wie könnte es anders fein, di e Erschütterung des europäischen Gleichgewichts, die unheimlichen Bewegungen eines von noch niemand begriffenen Weltgeschehens. In wenigen Monaten ist die Arbeitslosenziffer ums Dreifache hinaufgeschnellt. Amtlich wird sie mit rund 700 000 angegeben, doch müssen alle diejenigen addiert werden, die sich wegen der damit verbundenen Scherereien gar nicht um die überaus bescheidenen Llnterstühungssätze bewerben. Daß diese Not nicht in die Augen springt, hat seine Llrsache in dem vorbildlichen italienischen Familienzusammenhalt. Sollte die fieberhafte Bautätigkeit erlahmen, wie es angesichts der behobenen Wohnungsnot denkbar und bei Nichtverlängerung des Gesetzes, das Neubauten 25_ Jahre lang steuerfrei läßt, sicher wäre, so würde der italienische Arbeitsmarkt mit einem Schlage erlahmen. Die Schwerindustrie führt bereits einen verzweifelten Daseinskampf, bei dem der Staat mit immer neuen und höheren Zollmauern helfend eingreifen muß. Ausländische Automobile einzuführen, wäre zum Beispiel für den Italiener ein verwerflicher Luxus, kostet doch der Zoll so viel wie der ganze Magen! Wohl gehen den für HeerundMarine schaffenden Fabriken ständig neue Staatsaufträge zu, aber der Finanzminister fängt doch an, ein Wörtlein mitzureden und Musolinis kraftstrotzende Worte von Livorno und Florenz haben in diesem Jahre keine Wiederholung gefunden. Es wird gut sein, den Gedanken an ein deutsch»italienisches Bündnis für einige Zeit zurückzustellen, wenn auch die Idee Dr. P rasch mit Diel Fleiß und großer Energie dramaturgisch vereinfacht und szenisch durchgearbeitet war. Die Parkszene litt etwas unter der räumlichen Begrenzung; der Schlußakt fällt schon im Buch erheblich ab. Eine stimmungsvolle Begleitung erhielt die Aufführung durch die melodiöse Bühnen- musik. (Fritz C u j 6.) * Die Elisabeth gab Maria Koch; sie wurde hier vor eine außerordentliche Aufgabe gestellt, die vollen Einsatz verlangt und ihre ganze schauspielerische Spannweite erprobt. Es war ohne weiteres an- zunehmen, daß ihre Routine auch vor dieser Riesenrolle nicht versagen würde; aber Routine reicht natürlich für eine psychologisch so komplizierte Figur nicht aus; das erfordert Reife und Format: und ihre Elisabeth hatte beides; es war nicht nur feit der „Hellseherei", sondern überhaupt in ihrer bisherigen Wirksamkeit die beste und menschlich er- süllteste Darstellung. Gerade das zweideutig Schillernde, das psychologisch Verwirrende kam hier vor- züglich heraus, wo die Liebhaberin stärker betont wurde als die Diplomatin. Eine schöne, interessante, auch dialektisch durchaus beherrschte Leistung. * Als König Philipp sah man Karl Heyser, dessen Darstellung dem Format des großen Gegen- spielers allerdings nicht gerecht wurde — ein Ein- wand, der sich zugleich gegen die Regie richtet —r Heyser gab den König als einen völlig pathologischen, stellenweise geradezu trottelhaften Greis, ... während man einen finster-fanatischen, dämonisch glühenden Regenten zu sehen erwartet. Außerdem war d'e Leistung durch eine sprachliche Forcierung beeinträchtigt, was die Verständlichkeit des Textes stellenweise empfindlich störte. * Den Essex gab Schelcher mit jugendlichem Temperament: gut an seinem Platz. — Sehr ge- scheit, sehr konzentriert gesprochen und mit Schwung gespielt: der Bacon von Bruck, der sich immer mehr nach vorn arbeitet. — Kühl und korrekt erschien K ü h n e s Cecil; Geiger als Gresharn zu pathetisch. — Hauer als Coke fand den rechten Ton für den eifernden Protestanten. — Frisch, geradezu, mit naivem Humor gab Hans Paetsch den blutjungen Haudegen Plantagenet. Eine hübsche kleine Charge: die Lady Anne der Frau Schubert-Jüngling. — Das Haus war leider nicht voll besetzt; der Beifall, anfangs stark, wurde nach dem zweiten Teil matter. Inmitten der Spieler erschien zuletzt der Intendant. fath. Noch scheint die Sonne über ORom. Bon unserem römischen ^-Korrespondenten. Rom, Ende September. Allmählich merkt auch Italien, wie schwer verhangen die Zukunft ist. Noch steigt es freilich mehr erstaunt als besorgt vor dem schwarzen Vorhang, die Weltuntergangsstimmung will nicht recht aufkommen, noch scheint die Sonne über Rom. Warum soll man sich die Freude über den Herbst verderben? Nichts Programmwidriges an diesem Herbst und seiner Galavorstellung. Volle drei Monate strahlte die Sonne von einem fleckenlosen Himmel, und als man dieses Schauspiels müde wurde, das Meer eintönig warm und die Badeanzüge verschossen sand, tat der Bühnenmeister wie immer seine Pflicht, ließ etwas Wasser herabrieseln und Wind machen. Da klatschte alles in die Hände und man jubelte über den er st en Regen und reiste zufrieden in die Hauptstadt zurück. Dann schüttete der letzte Sommersonntag noch einmal mit den Volkszügen zu billigstem Preis, dieser echt mussolinischen Erfindung, mit der man nicht nur den trägen Bahnfinanzen etwas auf die Räder helfen, sondern den Faschismus wieder einmal von einer anderen Seite her populär machen kann, ein fröhliches Gewimmel über Berg und Tal und See und Strand, der Florentiner fuhr nach Rom und der Römer nach Florenz, der Mailänder für ein Butterbrot nach Venedig und die sagenhafte Schar der Tizianfrauen von den Lagunen zu dem weihen Wunderdom, man räderte sich von Dari nach der ewigen Stadt und sogar umgekehrt, auf Capri soll es zum ersten- mal mehr Italiener a l s Fremde gegeben haben und man munkelt von Eingeborenen. die den Vesuv sehen wollten — ja, so sehr hat sich das alles nun auf der Halbinsel verändert. Menn es so weiter geht, dann entdeckt man in Italien vielleicht gar noch den Ausflug und das Wandern. Begriffe, die bisher so unbekannt waren wie Stammtisch und Rucksack. Wie, in diesen drei Sonnenmonaten soll draußen in der Welt einiges Dunkle vorgefallen fein? Davon weiß die Römerin, elegant und apri- kosenhaft, rein nichts. Noch blüht sie in den Salons einer abgestorbenen, für den Nordländer unfaßbar geschmacklosen Innenarchitektur (auch ein Begriff, für den der Italiener nicht einmal eine Bezeichnung hat), noch will sie Autofahren lernen, um es nach dem mühsam gepaukten Examen, bei dem man so leicht durchfällt, weil die ungalanten Ingenieure mehr Wert auf anatomische Wagenkenntnisse als auf die Praxis des Fahrens zu legen scheinen, gleich wieder aufzugeben, weil es in Rom so schrecklich zugeht. Noch glaubt sie, das Zeitungslesen sei ein Männersport.... Vielleicht hat sie da gar nicht so unrecht, denn es gehört schon etwas von dem dazu, was sie niemals gelernt hat, um zu verstehen, warum das Barometer der italienischen Presse immer auf Schönwetter zeigt. Llnd selbst den Optikern auf den Redaktionsstuben macht es Kopfzerbrechen, wie sie den drohenden Llmschwung in der Wetterlage auf die unauffälligste Weise einleiten sollen. Von allen Seiten laufen bedenkliche Nachrichten ein. eine Depression jagt die andere, Sturm über England, rote Flut über Spanien, in China marschieren die Japaner, als gingen sie die Genfer Vorschriften über amt- einer deutsch-italienischen Verständigung immer noch realisierbarer scheint als die einer deutschfranzösischen. Aber es läht sich nicht leugnen, daß der Druck Frankreichs durch die Erfolge der Geldvolitik in Wien und Berlin, in Budapest und London zu einem Kurs auf Rom ermuntert wurde. Eine weise Finanzpolitik, die deshalb eingeführt werden konnte, weil sich Mussolini nicht von hohlen wirtschaftlichen Schlagworten blenden lieh, sondern beizeiten den entscheidenden Wert des politischen Faktors in den angeblich .reinen Wirtschaftsfragen" erkannte, hat allerdings der Gefahr der goldenen Schnur entgegengearbeitet: was soll jedoch aus Rom werden, wenn London erliegt? Der bisher geflissentlich genährte Glaube, auch ein isoliertes Italien sei stark genug durch seine Bolks- kraft, den Schwung der nationalen Idee und die Führertugenden eines Mussolini, muh mit dem englischen Pfund ins Wanken geraten Wer trägt die Schuld an dieser Wandlung? Der Italiener fragt es und man kann es ihm nicht verdenken, wenn er mit wachsendem Un- willen nach Paris blickt. Oderheffen. Landkreis Gießen. CO Klein. Linden, 2. Okt. Unter starker Be. teiligung der Einwohnerschaft wurde heute der Eisenbahnbeamte i. R. Peter August Sieger, ein Kriegsteilnehmer von 1870/71, zu Grabe getragen. Im Auftrag des Kriegervereins widmete dessen Vorsitzender, Kaufmann Friedrich Schimmel, unter Kranzniederlegung dem Heimgegangenen einen ehrenden Nachruf. Auch der Eisenbahnfahrbeamtenverein lieh durch seinen Sprecher einen Kranz niederlegen. < Daubringen, 2.Oft Dieser Tage feierte die Witwe S. O p p e r von hier in guter Gesundheit ihren 8 3.Geburtstag. Sie stammt auS Villingen und ist durch ihren Handel mit Räh- artikeln im weiten Umkreis bekannt geworden. ch L i ch, 2. Okt. Gegenwärtig werden auf dem hie« sigen Bahnhof große Mengen Obst verladen. Für ausgelesene Aepfel erster Qualität, wie Goldrenette von B.'enheim, Schöner von Boskop und Goldparmänen werden 5 bis 6 Mark bezahlt, geringere Qualitäten gelten 3 bis 4 Mk pro Zentner. Für Dirnen werden je nach Sorte und Güte 2 bis 4 Mark bezahlt. D Lich, 2. Okt. Die dem dürften von Lich ge- hörenden großen Teiche an der Straße nach Steinbach, die sog. Albacher Seen, wurden in den letzten Tagen abgelassen. Das Ergebnis aus dem größeren Teich betrug etwa 24 bis 25 Zentner Karpfen und Schleie und einige Aale. Die Ernte des kleineren Teiches, dessen Entleerung gestern vorgenommen wurde, ergab rund 20 Zentner Karpfen und Schleie. Kreis Büdingen. WSN. Büdingen, 2. Okt. Die Fürst von Stolbergschen Plantagen im benachbarten Ortenberg konnten für ihre diesjährige Aepfelernte die Summe von 16 000 Mk. erzielen. Die Ernte wird auf 5000 bis 6000 Zentner gutes Tafelobst geschäht, wozu noch einige hundert Zentner Fall- und Schütteläpfel kommen. Die ganze Ernte wurde von einer Breslauer Großhandlung „vom Baum" gekauft. Kreis Schotten. ■+■ Ober-Schmitten, 2.Okt Gestern wurden hier drei Waggon Aepfel verladen. Für den Zentner Schüttelobst wurde 1 Mk. bezahlt. Trotz des niedrigen Preises ist das Angebot groß, da die Leute froh sind, den Obstsegen verwerten zu können. „?" Eichelsdorf, 2. Okt. Die Vorarbeiten zur Errichtung unseres Gefallenen-Ehren- m a l s wurden in den letzten Wochen so gefördert, daß bereits mit dem Aufbau des Denkmals be- Wenn Menschen auseinandeegehn Roman von 3- Schneider-Foerstl. Urheberrechtsschutz Verlag O. Mei st er, Werdau. 2. Fortsetzung. Nachdruck verboten. In Bela schrie alles auf. Das waren wieder Rosmarts Worte, fast die gleichen hatte sie vor Tagen zu ihm gesagt. Horvaths und NosmarieS Impuls waren eins. Lind bis er zurückkam, hatten sich vielleicht ihre Seelen gefunden! Dann war sie ihm verloren, und Török brauchte nur noch seinen Segen zu geben. Zitternd legte sich sein Arm auf den des Freundes. „Guido." Ein versonnenes Nicken. „Wenn ich fort bin, wenn Nosmarie zum Weibe heranreift — vergiß nicht, dah ich dir gesagt habe, wie sehr ich sie liebe." Wiederum ein Nicken. „Guido!" bat Szengerhi heiser. „Ich werde es nicht vergessen, mein Lieber." Dann Schweigen. Der Nachtwind raunte über die Halme hin. Eine Grille zirpte unaufhörlich. Eine Hand stahl sich seitwärts aus den Aehren und schmeichelte sich für Sekunden in Horvaths Arm. Eine Stimme flüsterte kosend seinen Namen. Gr drückte die Finger fest gegen das Beinkleid. Das Gesicht in abwehrender Kälte zur Seite gewandt, ging er vorüber. Hinter ihm rauschte es leise. „Was war das?" forschte Szengerhi erregt „Nichts." Der Künstler machte eine unwillige Bewegung mit der Schulter. „Das war doch die Naja?" „Ja." „Was will sie von dir?" ..Ich habe sie einmal geküßt im Fliederrausch und nach ein paar Gläsern schweren Tokaiers, . der mir das Blut zur Siedehitze wallen machte. Nun läuft sie mir nach. Aber ich mag die Mädchen nicht, die mir so offen zeigen, daß sie mich wollen. Ich will Widerstand erfahren und werben müssen und Trotz bezwingen! An mich reihen will ich daS Weib, dem ich mich schenke. Aber cs darf sich mir nicht aus freien Stücken in die Arme werfen." Horvath seufzte auf. ..Wenn ich nicht so viel Verträge abgeschlossen hätte, würde ich packen und mit dir reisen, Bela, hinauf in die Wüste von EiS und Schnee oder hinunter, wo die Urwälder rauschen. — Nur um Nuhe zu finden." „Du könntest ohne Frauen nicht leben, Guido. Glaub mir'S doch", warnte Szengeryi. „Du wür- gonnen werden konnte. Aus der Rückwand der Umfassungsmauer leicht vorspringend, baut sich ein Basaltsteinsockel auf, der einen Sandsteinquader mit Stahlhelm und Widmung trägt. Auf zwei seitlichen Tafeln sind die Namen der 51 Gefallenen eingemeihelt. Das Ganze wird gekrönt von einem ruhenden Löwen. Der geräumige Denk- malplah, der sich unmittelbar an das Niddaufer anschlieht, soll auf beiden Seiten gärtnerische Anlagen erhalten. Die Weihe des Ehrenmals kann allerdings noch nicht stattfinden, da der steinerne Löwe noch nicht fertiggestellt werden konnte. Die Kosten des Denkmals, die sich auf etwa 5000 Mk. belaufen, wurden durch freiwillige Gaben der Gemeindeglieder aufgebracht § Feldkrücken, 2. Okt. Die Herstel- lungsarbeiten an unserer Ki r ch e sind jetzt nahezu beendet. Der Kirchturm ist vollständig neu gedeckt worden, das Dach zum größten Teil. Die Arbeiten wurden von den Dachdeckermeistern Wilhelm Z i n n e l, Betzenrod, und Martin Meuer, Schotten, gemeinsam ausgeführt. ± Sellnrod, 2. Okt. Gestern fand eine Sitzung des Kirchenvorstandes und der Kirchengemeindevertretung statt. Einstimmig wurde die Anlage einer Warmluftheizung in der Kirche beschlossen. Die Kosten belaufen sich auf rund 2000 Mk. und sind durch seit Jahren zurückgelegte Ersparnisse gedeckt. Von einer elektrischen Heizung sah man wegen der bedeutend höheren Kosten ab. Auch das Projekt, die Kirche von dem danebenstehenden Pfarrhaus aus zu beizen, mußte wegen großer baulicher Schwierigkeiten fallengelassen werden. Oberbausekretär B i ck h a r d t vom Hochbauamt Schotten erläuterte die eingegangenen Vorschläge und die verschiedenen Projekte. Die Firma E s ch & Co., Mannheim-Frankfurt a. M.» soll die Anlage herstellen. Kreis Alsfeld. Hörnsheim, 2. Okt. In der jüngsten Sitzung des Gemeinderats wurde der Antrag der Iagdpächter auf Ermäßigungder Iagdpacht ab gelehnt, da die jetzige Pachtsumme nicht einmal die Vorkriegspacht darstellt. dest verdursten danach, wenn du sie ganz entbehren müßtest." Mit einem geringschätzigen Zucken um die Lippen sah Horvath in das Schweigen der Nacht. „Frauen gibt es überall. Ob es nun ein weißer Leib ist oder ein anderer, den ich im Arm halte — was liegt daran?" Szengerhi atmete schwer. Für ihn gab es nur einen einzigen, nach dem er verlangte. — Lind wenn er zurückkam? Ein Hund sprang winselnd an ihm hoch, beschnüffelte sein Gewand und rieb dann den Kopf vertraulich an feinem Handrücken. Belas Finger fuhren liebkosend über das zottige Seit „Wo hast du den Herrn gelassen, Kaschka?" In langen Sähen jagte das Tier davon. Man hörte in der Nähe ein freudiges Bellen und Kläffen. „Ich will dem Ianos noch Adieu sagen. Kommst du mit, Guido?" Der Geiger bejahte mit einem Senken des Kopfes. Wortlos schritten sie nebeneinander her. Ein Streifen bleichen Himmels säumte den äußersten Nand des Horizontes. Unter ihren Füßen dehnte sich das dunkle Braun der Steppe, als hätten versengende Brände auf ihr gewütet. Aus dem fahlen Dämmer schimmerten die weißen Leiber der Ninder und die glänzend spiegelnden der hundertköpfigen Pferdekoppel. Em glimmender Punkt verriet den beiden Ankommenden, wo der Hirte faß. „Guten Abend, Ianos!" Den Pfeifenstummel zwischen den Lippen, hob der Alte beide Hände und streckte je eine den jungen Männern entgegen. Sie fühlten sich rauh und knochig an und nur von einer dünnen Schicht Haut überspannt. „Lange habt ihr gebraucht, hierher zu kommen." „Wir sind über die Felder gegangen, Ianos." „Ich weiß es." „Du hast uns gesehen?" forschte Szengerhi. „2a." „Horvath setzte sich neben dem Alten ins Gras, stemmte die Knie auf und hielt sie mit beiden Händen umschlungen. „Bela will Abschied von dir nehmen. Gr geht so schwer." Der Hirt sah zu Szengerhi auf, nickte bedächtig mit dem Kopfe und wandte dann das Gesicht mit einem Achselzucken von ihm ab. Horvath entnahm seiner Tasche eine Zigarre und legte sie in die Finger des Hirten. Der betrachtete sie schweigend, begann sie dann zu zerkleinern und stohfte seine Pfeife damit, die schon un'Verlöschen war. „In acht Tagen reise ich auch, Ianos." Der Künstler ließ sich ins Gras zurückgleiten und sah gedankenverloren zu dem gestirnten Himmel auf. wahrend der Alte das schöne Gesicht von der Veite betrachtete. Sensationelle Wendung in einem preffeprozeß. Mainz, 2. Okt. Ein P r e s f e b e l e i d i- gungsprozeh, der vor dem Erweiterten Schöffengericht in Mainz gegen den Schriftleiter der „Alzeyer Zeitung" wegen übler Nachrede gegen leitende Beamte des Kreisamtes Alzey auf Antrag des hessischen Innenministers und des Kreisamtes verhandelt wurde, nahm eine sensationelle Wendung. Im Verlaufe des von dem Angeklagten geführten Wahrheitsbewe f.s wurden erhebliche Mißstände, zum Teil strafrechtlicher Natur, im Kreisamt Alzey festgestellt. Daraufhin hat nunmehr die Staatsanwaltschaft Mainz dem durch das Entlastungsmaterial schwer belasteten Kreisamtsbureauvorsteher und Kreisamtsoberinspektor Vogel in Alzey wegen Verdachtes des Amts- verbrechens, Fluchtverdachts und Verdunkelungsgefahr inLlntersuchungshaft genommen. Oie Lluierschlagungen des Oberrenimeisters Zwanzig. WSN. Dillenburg, 2.Okt. Nachdem die Voruntersuchung gegen den Oberrentmeister Zwanzig, der beschuldigt wird, zum Schaden der Staatlichen Kreis- und Forstkasse in Dillenburg bedeutende Ltlnterschlagungen verübt zu haben, abgeschlossen ist, wurde Zwanzig nunmehr vom Llntersuchungsgefängnis Wetzlar nach dem Landgerichtsgefängnis Limburg übergeführt, mit ihm auch fein Sohn und zwei Angestellte der Kaffe, die in die Llnterfchlagungsafsäre verwickelt find. Wie unbestätigt verlautet, soll sich die Summe der von Zwanzig unterschlagenen Gelder jetzt 150000 Mark nähern. Ein endgültiger Betrag steht jedoch noch nicht fest, weil die Nevision noch im Gange ist. Run-funkprogranini. Sonntag, 4. Oktober. 7.00 bis 8.00: Von Hamburg: Hafenkonzert. 8.30: Von Leipzig: Konzert auf der Silbermann- Orgel der Et.-Georgen-Kirche zu Rötha. 9.00: Katholische Morgenfeier. 10.30: Laienmufik (kleine Hausmusiken des Barock und der Renaissance). 12.00: Don Berlin: Feier zum 25jährigen Bestehen des Reichsausschusses für sozialistische Bildungsarbeit. 13-30: „Zum Welttierschuhtag", Vortrag von Professor Hermann Kraemer. 14.00: Stunde des Landes. 15.00: Stunde der Jugend. 16.00: Nachmittagskonzert des Rundfunkorchesters. 18.00: „Mosaik" von —ck, vorgetragen vom Verfasser. 19.00: Freiburg: Anläßlich der Rheinischen Dichtertagung: Rheinische Dichter sprechen vor dem Mikrophon. 20.00: Baden- Baden: 2. Badisches Drucknerfest (^-capells-Chöre, Streichquintett, Orgel). 20.40: Deutsche Humoristen (E- Th. Hoffmann), gelesen von Karl Köst- lin. 21.15: Unterhaltungskonzert des Philharmonischen Orchesters Stuttgart. 22.50 bis 24.00: Llnterhaltungs- und Tanzmusik. Montag, 5. Oktober. 7.20: Frühkonzert auf Schallplatten. 12.05: Schallplattenkonzert. 15.20: Ein Gang durch die Hauswirtschastliche Ausstellung der Frankfurter Hausfrauenvereine. 17.05: Nachmittagskonzert. 18.40: „Geheimrat Alfred Hugenberg", Vortrag von Eberhard Freiherr von Meden, Berlin. 19.05: Englischer Sprachunterricht. 19.45: Unterhaltungskonzert des Rundfunkorchesters. 20.30: „Das vergessene Ich", komische Oper in zwei Aufzügen von Waldemar Wendland. 22.30 bis 23.00: Tanzmusik- Dienstag, 6. Oktober. 7.20: Frühkonzert auf Schallplatten. 12.05: Schallplattenkonzert. 15.20: Wochenschau des Frankfurter Hausfrauenvereins e. D- 15.25 bis 15.50: Stunde der Hausfrau. 17.05: Nachmittagskonzert des Rundfunkorchesters. 18.40: „Ist Kunst eine Waffe? Objektiv sachliche Untersuchung über Ob, in welchem Sinn und welchem Maß", Vortrag von Dr. Adolf Behn. 19.05: „Max Eyth (aus dem Leben eines Dichter-Ingenieurs)", Vortrag von Hans Philipp Weih. 19.45: Schrammelmusik. 20.15: Spanische Bilderbogen (eine Schallplatten-Revue) von Gerhart Pohl. 21.15: Lieder und Kammermusik. 22.15: Zeitbericht: Gandhi am Runden Tisch mit England, bearbeitet von Actualis. 23.10 bis 24.00: Tanzmusik. Mittwoch, 7. Oktober. 7.20: Frühkonzert auf Schallplatten. 12.05: Schallplattenkonzert. 15.15 bis 16.00: Stunde der „Du wirst noch schwerer gehen, als Dela." Seine Stimme war ein wehmütig-ahnungsvolleS Mahnen. „Ich wüßte nicht warum." Der Alte hielt den Kopf weit über die Brust gesenkt und zwängte den Pfeifenstummel zwischen die gelben Zähne. Durch halbgeschlossene Augen liebkoste sein Blick den Künstler, der zufrieden in das Mondlicht über der Ebene starrte. Horvath wußte, wie sehr Ianos ihn liebte. Heber das Warum hatte er sich schon oft den Kopf zerbrochen. Er fand keinerlei Verdienst, um dessentwillen er sich diese Zuneigung verdient hätte. In der Jugend war er ein ungezogener Range gewesen, der den Ianos neckte, wo sich nur immer eine Gelegenheit dazu bot Und die Zigarren, die er ihm ab und zu gab — Veld nahm er niemals — waren wirklich nicht der Rede wert, und einer Liebe, wie der Alte sie ihm angedeihen lieh, noch viel weniger. Szengerhi drängte zur Heimkehr, denn Török wartete auf ihn. Er nahm die sonnverbrannten Greisenhände in die seinen und drückte sie herzhaft „Auf Wiedersehen, Ianos!" * Der Alte sah ihn ernst an. „Auf Wiedersehen, Dela. Du wirst vieles verändert finden in der Heimat, wenn du wiederkommst! — Gute Nacht auch, Guido!" Horvath nickte und streichelte den Kopf des Hundes, der sich an seine Knie lehnte. „Begleite deine Freunde ein Stückchen, Kaschka", gebot der Hirte. Gehorsam trottete das Tier zwischen den beiden Männern dahin. Der Hall ihrer Schritte verschwand in der Weite. , Man hörte die Pferde grasen und wie die Rinder wiederkäuten. Mit einem fünften Geräusch drängten sich die Schafe in den Pferch. Der Alte hielt die kaltgewvrdene Pfeife im Munde und sah gedankenverloren vor sich hin, immer nach der Richtung, in der Horvath und Ezengeryi gegangen waren. „Es ist gut, dah nicht jeder sehen kann, wa- ihm die Zukunft bringt, sonst gäbe es bald kein Lachen mehr unter den Menschen." Er nahm ein Stück halberblindeten, geschliffenen Glases aus der Tasche und hielt cs prüfend gegen den Nachttrabantcn. „Es stimmt alles, bis auf den letzten Fleck, bis auf die kleinste Linie. Was nützt es, darüber zu reden? Die Menschenwege find vom Schicksal vorgezeichnet und müssen gegangen werden. Das ist Gesetz und keiner kann darüber hinaus." Ein feuchtes, rauhes Etwas fuhr über seine Wangen. Ohne sich umzufehen, streichelte er daS zottige Fell des Hundes, der mit jagenden Qltem» flöhen zu ihm zurückgekehrt war. „Kaschka", murmelte Ianos ihm zu. „Kaschka — wenn fie wüßten!" Jugend. 17.05: Nachmittagskonzert des Rundfunkorchesters. 18.40: Dr. PH. C. Visser, den Haag, spricht über seine Reise nach Zentralasien. 19.05: „100 Minuten Funkhaus in Neu- York", Vortrag von Helmut H. Hönig. 19.45: In einem Kalibergwerk, Mikrophonbericht. 20.30: Konzert von Edith Lorand (Violine). 21.15: Kriegslieder II. Donnerstag, S. Oktober. 7.20: Frühkonzert auf Schallplatten. 12.05: Schallplattenkonzert. 15 30: Stunde der Jugend. 17.05: Nachmittagskonzert. 18.40: Zeitfragen: „Das neue Wirtfchaftsprogramm der Rcichs- regierung“, Vortrag von Dr. Röbner. 19.05: „Politische Karikaturen in Deutschland" von Dr. Schwerin, M. d. L. 19.40: Emil Heß lieft Lyrik von Friedrich v. Logau und Christian Günther. 20.00: Nach Königsberg, Wien und auf den Deutschlandfender: Großer Bunter Abend. 22-30 bis 24.00: Fortsetzung des Bunten Abends. Freitag, 9. Oktober. 7.20: Frühkonzert auf Schallplatten. 12-05: Schallplattenkonzert. 1515: Erziehung und Bildung — Elternstunde: „Fröhliche Bilder aus der Schule von heute", Vortrag von Paul Georg Münch. 17.05: Kurhaus Wiesbaden: Nachmittagskonzert deS Städtischen KurorchesterS. 18.40: „Erlebnisse eines französischen FunkoperateurS", von Adolf Higel, Paris. 19.05: Aerztevortraa: „Neue Arten der Narkose". 19.45: Kurzgeschichten, gelesen von Martin Lang. 20.00: Aus dem Festsaal der Liederhalle Stuttgart: Symphoniekonzert. 22.30 bis 23.00: Tanzmusik. Samstag, 10. Oktober. 7.20: Frühkonzert auf Schallplatten. 12.05: Schallplattenkonzert. 15.15: Stunde der Jugend, „Der zerbrochene Krug", ein Lustspiel von Heinrich v. Kleist. 17.05: Nachmittagskonzert des Philharmonischen Orchesters Stuttgart. 18.40: „Fichte und die deutsche Sprache", Vortrag von Prof. Max Wundt. 19.05: Spanischer Sprachunterricht. 19.45: Lieder der Arbeit. 20.30: „Schön war s doch", heitere Hörbilder. 21.45: Dr. Frcdcrich spielt auf der singenden Säge. 22.35 bis 24.CC: Tanzmusik der Funkkapelle des Philharmonischen Orchesters. Sprechstunden der Redaktion. 11.30 bis 12.30 Ugt, 16 bi, 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen. Anzeigenaufträge sind lediglich an öle Geschäft» st eile zu richten. Für unverlangt eingesandte Manuskripte ohne beigefügtes Rückporto wird keine Gewähr übernommen. Durch die Mondstille der Nacht Rang nichts als der Atem der Tiere und das Geräusch ihrer Sufe. . , . Die große Hängelampe brannte In dem großen Eßzimmer des Landhauses, das Professor Török von seinen Schwiegereltern vererbt bekommen hatte, und In dem er regelmäßig die Sommermonate zu verbringen pflegte, um sich von den Anstrengungen seines Berufe- zu erholen. Ein rotgelber Schimmer lief Über den geflochtenen Strohteppich, dessen bunte Muster schillernd aufleuchteten. Rosmaries Zöpfe, die ihr schwer über die Schultern fielen, spielten in Kupfertönen und gleißendem Rotbraun. Versonnen und ganz von Zärtlichkeit durchtränkt, strichen die weihen Hände des Professors über die SeidenfüTe ihres Scheitels. Etwas über den großen Viereckstisch geneigt, stand Aga, die treue Hüterin des Hauses seit über zwanzig Jahren. Die etwas korpulente Gestalt der Alten war immer in Bewegung. Alles an ihr war Tätigkeit. Selbst jetzt, wo sie die Suppe mit dem schweren Silberlöffel auf die Teller goß. machte es den Eindruck, als habe fie große Eile. „Daß Doktor Szengeryi Immer zu spät kommen muh", zankte fie ärgerlich. Dela Szengeryi war der Sohn eine- Freunde- von Professor Török. Er war schon mit fünf Jahren Doppelwaise geworden und hatte in Törökts Haus ein Heim voll Liebe und Verständnis gefunden. Das ihm von den Eltern hinterlassene Vermögen war auf einer Bank deponiert. Er hatte sich niemals um die Höhe des Betrages, noch weniger um die Zinsen oder um sonst etwas gekümmert. Alles war der Verwaltung Töröks überlassen, bis Dela dann seinen Doktor gemacht hatte und der Professor ganz energisch verlangte, daß er endlich selbständig werde und eigenhändig über den Rest seines Geldes Joerfüge. Es war nicht viel geblieben. Das lange Studium hatte so ziemlich alles verschlungen. Aber für einen Mann, der nicht allzuviel Ansprüche an das Leben stellte, reichte es immerhin noch für Jahre hinaus. Zudem bekleidete Szengeryi schon seit geraumer Zeit eine günstig dotierte Lehrstelle an einer staatlichen Mittelschule und hatte jetzt für drei Jahre Urlaub erhalten, um sich der Forschungsreise seine- väterlichen Freundes anschliehen'zu können. Die alte Aga sah mit einem verdrießlichen Ausdruck nach der Tür, über deren Schwelle Szengerhi soeben trat. „Nicht zanken!" bat Török leise. (Fortsetzung folflt.) M '• ®urb» ’L 'N Pij?^ «H tz.Murg JUKW und lt fttiA? die hi dZ iobn. Watten. 12.05. 5?! dv Jugend. "M-ftÄ Knj? 6,1 M ,Kristian Süncher. •cn und aus den Wend. 22.30 nten Abends. >dn. 12.05. «•'«fall und M 2ilder aus dn I. m Paul Trotz ^.csbadrn: Hadjmit- MH 18.40: ® Funkvperateurs', ^05: Äerztedortrag: 19-45: Kurzgeschlch. -S 20.00: Aus dem utgart: Shmphonie« mynufil flötet. chuüvlattm. 12.05: 5tunte ter Jugend, Luillpiü von Hein» ugslunzcN des Phil- tgart 18.40: .Fichte Sortrag von Prvi. der kpruchunternLt. 2130. .Schön toür's 145: Vr. Frederich I«. 2235 bis 24.CC 4 PhilKarmonischcn Hebattion. 4, U W, Samslcg fmb lediglich an dir m Kt 3lana|triple nritö keine Sewahr ■ 2ocht flang nichts > das Deräusch ihrer :anntt In dm großen drs Proiesior Lorok a vererbt bekommen I-Lhig du. SomMl« ... ua sich von den Htf w erholen. liei über den fl* HMe Mer jt, schwer über die _ Aeüönen und -.-cn uni Sotve>e «an,4 10. >1. S-R. Or. Schllevbake. Or. Wolf. PelikanavvU.eke _______Zalniarzt: Dr Ganter.________""O Bei Korpulenz oder Veranlagung HUM Starkwerden raten wir Ihnen, in der Avoiheke 30Gramm Toluba-Kernckzn kaufen und blervon wor- gens. mittags und abends je 2-3 Stück au nehmen. Die echten Toluda-Kerne erbaUen Sie in Apotheken. SIEMENS Im Zeichen der Riesenskala! 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Juni, womit sie zwar eine rechtlich stichhaltige Entschuldigung gegenüber unbequemen Kritikern an der Hand hat, in tatsächlicher Ansicht aber ihren Anteil an der Verantwortung für die schwierige Finanzlage der Kommunen nicht dnschönigen kann. Wenn tyeute allenthalben von den Ärommunalverwaltungen 808-Rufe zur Hilfeleistung für die kommunalen Finanzen ertönen, so darf man wicht übersehen, daß bei vielen Gemeinden die schwere Fnnanznot nicht durch die kommunale Verwaltung fe-.bft verschuldet ist. Abgesehen von gewissen Kom- munen, deren Verwaltung und Stadträte in den lebten Jahren allerlei unnötige Experimente an. [teilten, die die kommunale Finanzkraft in geradezu unheimlicher Weise schwächten — man denke nur an bü unglaublichen Vorgänge in Berlin, Frankfurt om Main, Köln usw. —, ist doch zu sagen, daß bei ber Mehrzahl der Kommunen, insbesondere bei den mittleren und kleinen, die Sorge um eine gesunde ffinanzgebarung das Leitmotiv des Handelns ge- hi) cfen ist. Zu diesen sorgsam wirtschaftenden Gemein- |n)([en gehört auch die Stadt Gießen. Wenn diese |0 emeinben jetzt auch mit bet erstgenannten Gruppe hon Kommunen in schwere finanzielle Bebrängnis heiraten sinb, so ist baran bie finanzielle [Drüdebergerei bes Reiches unb bes iß a n b e 5 schulb. Der Haushaltsplan ber Stabt >0 ießen z. B. wäre nicht notleibenb geworben, wenn lihm burch bas Reich bie außerarbentlich brückenbe |ßa[t ber Wahlfahrtserwerbslosenfürsarge erspart Iwürben wäre, und bie Finanzlage ber Stabt hätte Iweiter vor ungünstigen Einwirkungen geschützt werden können, wenn ber hessische Staat seinen Ver- Ipslichtungen gegenüber ber Stabt bei ber lieber» IWeisung ber Sonberfteueranteile in ber erfarberlichen meife entsprochen hätte. Leiber stehen bie Kommunen I— unb bamit auch bie Stabt Gießen — heute vor [bei Tatsache, daß ihre kommunale Finanznot zur Illufhebung bes Selbstverwaltungs- Ired) t s in ben wichtigsten Funktionen loefüfjrt hat. Die Verantwortung hierfür ist beim kneich unb bei ber Lanbesverwaltung zu suchen. Lor einigen Jahren würbe van oben yerab mit I ulEer Kraft auf bie Betätigung ber Gemeinden im ■Wohnungsbau gedrängt. Den Gemeinden wur- Iben für diese Tätigkeit Sander st euermittel lins der Staatskasse zur Unterstützung zugesagt. Für hie Rechnungsjahre 1927 und 1928 erhielt unsere Ivtabt bie zugesagten Mittel in Höhe van 556 400 15,0. 574 000 Mark ausgezahlt. Van ber Summe hon 574 000 Mark für bas Rechnungsjahr 1929 Liripfing Gießen aber nur 546 000 Mark, bie Regie- Innig hatte also für bieses Jahr runb 30 000 Mark Leftridjen. Das Rechnungsjahr 1930 brachte eine noch liinpfinblidjere Einbuße an ber staatlichen Sonber- ■ ienerzahlung, benn statt eines Anteiles von ■468000 Mark erhielt unsere Stabt bis jetzt, Enbe Iteptember 1931, nur 340 000 Mark überwiesen, mit» hin runb 128 000 Mark weniger. Von bem staatlichen 4tonberfteucrantei( für bas Rechnungsjahr 1931 in ■flöhe von 230 000 Mark ist bis heute überhaupt noch ■ nichts hier eingegangen. Hiernach fehlen also her Gießener Stabtkasse an st a a t - hi cher Sonbersteuer allein für 1930/31 mnb 358000 Mark. Der hessische Staat kürzte im. Jahre 1930 ben Betrag für ben Wohnungsbau kr Gemeinben um 2 Millionen Mark auf runb 16 Millionen. Im Jahre 1931 würben biefe 10 Mil- lio nen für ben Wohnungsbau noch einmal um runb Millionen gekürzt, so baß bie Wohnungsbaukonten L-r Gemeinben zum Teil überhaupt nicht mehr, zum le il nur knapp ausgeglichen werben konnten. Die fce-iräge für 1931 (für Gießen 230 000 Mark) bürfen im zur Erfüllung ber bisherigen Zinsverpflich- N eilen sP'rlk ■ LuUllCl moderner Hausstanduhren Schwenningen a. N. / Schwarzwald Alleenstraße 38 und Zietenstraße 55 .... Patent „Sebieferstaln" lat beute Ittr uns Landwirte anf diesem Gebiet das Gegebene .... Hof Sassen b. Lauterbach. Geyer. 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Er bittet hierzu um Hilfe der Öffentlichkeit. Zu diesem Zweck wird im Laufe des Monats Oktober 1931 eine Haussammlung stattfinden, um deren freundliche Unterstützung gebeten wird. Gießen, den 1. Oktober 1931. Bolksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Ortsgruppe Gießen Trüm pert, Landgerichtsrat. Wolle edler Kübl aus sind ' .. .7/ r. H X- er Hanna t Beinkleider und Prinzessröcke. Sie schmiegen sich weich und mollig dem Körper an, tragen nicht auf, sondern machen schlank. Eingestrickte Schrittverstärkung u. verstärkte Bundkante bei den Beinkleidern erhöhen die Haltbarkeit, Kühler Hanna Kataloge kostenlos durch die Fabrik Paul Kühler & Co.,6.m.b.H.,Stuttgart 13 Kübler-Kleidung führen: Spezialhaus Frdr. Teipel J. Schmücker Nacht ,Marktstr.4-8 Modehaus Salomon schuistr. 4 S. Löwenstein, Lollar Winterkur für 3563v | Nervenkranke und Nervös-Erschöpfte Spexlalksranstait Bolhelm Im Tannas bei Frankfurt a. M. — Prospekte durch San.-Rai Dr. M. 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