Nr. 227 Erstes Blatt 18V. Jahrgang Montag, 29. September 1950 Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Oberhessen Pnid und Perlag: vrLHI'Ichk Untv-rMSUGiich. nnö Stetnöniderei B. lange in «lefjen. Sd)riftlettnng unö Seschästrftelle: SchnlMaße 7. Annahme von Anzeige» für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Brette örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrist 20', mehr. Chefredakteur Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.IHyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in (Bieften. Erschein, täglich, außer sonntags und Feiertag» Beilagen: Ple Illustrierte Gießener Fomilienblättei Heimat im Bild Die Scholle Monat» Bezugspreis: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Traget» lohn, auch bei Richter- Keinen einzelner Nummern folge höherer Gewalt. Hernfprechanfchlüste MnterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen. Postscheckkonto: firanffurt am Main 11686. Oer entseffelie Schwejk. Man kennt die amüsante Geschichte vom .braven Soldaten Schwejk", und der Dichter, der diese Figur gezeichnet hat, wird sein Volk sicher sehr genau gekannt haben. Dank seines deutschen Liebersetzers hat er sich mit dem Soldaten Schwejk ja auch noch, freilich erst nach seinem Tode, einen Wcltersolg geholt, und vor gav nicht sehr langer Zeit waren die Geschichten diese« braven Soldaten, war die Mär von feiner Dummheit und Pfiffigkeit, von der Gutmütigkeit, seinem Zorn und seinen sonstigen Gemütsbewegungen in aller Munde. Natürlich hat Jaroslav Hasek auch schon die fast pathologische Deutschfeindlichkeit feines Volkes, ^s en Prototyp Schwejk sein sollte, nicht vergessen. Aber mit echt deutscher Objektivität sah man bei uns darüber hinweg, man erwärmte und erheiterte sich nur an den Schilderungen von der menschlichen Seite dieser Romanfigur, die man auch über eine deutsche Bühne marschieren liest. Denn man glaubte vielleicht, dah die antideutsche Tendenz deS Buches nur eine fozu- sagen naturgegebene Rachfolgestaaten-Mcntali- tät war. die mit dem Werden und der Festigung des neuen tschechoslowakischen Staates sich von selbst verlieren würde. Darüber sind wir nun In diesen Tagen sehr gründlich eines anderen belehrt worden. Die Ration des Soldaten Schwejk hat uns in den Prager Pöbels^enen ihr anderes Gesicht gezeigt. Die allgemeine Deutschenhetze, die in den letzten Tagen dort losbrach, hat bewiesen, dah das tschechische Bolk noch immer nichts Hinzuge lernt hat. Immer noch ist der Deutsche in der Tschechoslowakei gehaßt und verfolgt, und obwohl zwei deutsche Minister im Kabinett dieses Landes sitzen, sind die Deutschen hier immer noch Staatsbürger zweiter Klasse. Die offizielle Tschechoslowakei hat jahrelang sehr sorgfältig zwischen den Reichsdeutschen und den S u d e t e n d e u t s ch e n unterschieden. Während man dem Deutschtum in der Tschechoslowakei mit allen Künsten einer raffiniert aufgebauten staatlichen Derwaltung die Existenzbasis zu entziehen sucht — wir erinnern nur an die sogenannte Bodenreform, die Jahr für Jahr den sudctendeutschen Besitz schmälert und ihm viele Tausende von Hektar entreißt —, behandelte man den Reichsdeutschen mit ausgesuchter Höflichkeit und zweckbetonter Freundlichkeit. 3a, um dieses Prinzips willen entschloß man sich sogar in den deutschen Bädern der Tschechoslowakei, wie Karlsbad, Marienbad, Tep- litz usw. wenn auch schweren Herzens dazu, eine gewisse Zweisprachigkeit zu dulden. Das alles ist aber jetzt mit einem Schlage sehr gründlich anders geworden. Der Prager Bildersturm, der gegen deutsche Kinos und deutsche Theater, gegen den deutschen Tonfilm und die deutsche Sprechbühne entfesselt worden ist, ist nur eines der vielen Symptome, die darauf hindeuten, daß die Entrechtung des Deutschtums innerhalb der Tschechoslowakei nun mit aller Macht betrieben werden soll und daß man dabei auch nicht Halt zu machen gedenkt vor den außenpolitischen Rücksichten, die man dem Reiche gegenüber bisher walten ließ Man hat behauptet, daß die Prager Polizei auf die pöbelhaften Exzesse gegen die deutsche Sprache nicht gefaßt gewesen sei und darum diese Ausschreitungen zu Anfang nicht mit ö_er erforderlichen Entschiedenheit habe bekämpfen können. Run, alle Berichte, die zur Zeit von dort vorliegen, deuten doch sehr stark daraus hin. dah der Mob von der Prager Obrigkeit noch g e - radezuorganisiert worden ist, und dast der tüchtige tschechische Oberbürgermeister Dr. Baxa wohl gewußt hat, warum er seine Polizei erst eingreifen liest, als das Porzellan bereits zerschlagen war. Der tschechische Ministerpräsident und das Prager Austenministerium haben versucht, die Derantwortung abzuwäizen und die widerlichen Prager Straßenszenen als Zusallserscheinungen zu charakterisieren. Wir erlauben uns, daraus hinzuweisen, daß diese Sorte von Zufälligkeiten uns doch stark nach z i e I - bewußter Arbeit der tschechischen S o k o l n aussieht, die sich in der Tschechoslowakei fo straff in der Hand des Staates befinden wie in allen slawischen Ländern. Lind man vergißt offenbar bewußt, daß der Prager Oberbürgermeister erst vor gar nicht sehr langer Zeit Prag mit erkennbarem Stolz als diedeutschscind- lichste Stadt der Welt bezeichnet hat. Man hat uns den entfesselten Schwejk gezeigt, und Deutschland wird zu überlegen haben, wie es darauf zu reagieren gedenkt Was wäre denn die tschechische Kunst und Kultur, wenn sie nicht jederzeit das aufnahmewillige Deutschland zur Verfügung gehabt hätte? Wer wüßte denn heute in der Welt etwas von böhmischer Musik, von tschechischer Dichtkunst, wenn das Reich !^n."icht jederzeit den Resonanzboden gegeben hatte? Offiziell wird man selbstverständlich, daran zweifeln wir nicht, zwischen Berlin und Prag wieder einen modus vivendi finden. Herr Benesch wird erklären, dast alles nicht so gemeint sei und daß die Tschechoslowakei ihre Minderheitenfreundlichkeit ja am besten da- kmrch beweise, dah zwei deutsche Mitglieder in chrem Kabmett sähen. Inoffiziell aber wird die Nation des Soldaten Schwejk garnicht daran denken, ihr Verhalten zu ändern und es wäre deshalb nur nützlich und richtig, wenn das deutsche Volk als Ganzes sich einmal zu einer etwas mehr kritischen Einstellung zu allen Emanationen tschechischer Denkweise und tschechischer Tätigkeit bekennen würde. Das gilt aut wirtschaftlichem Gebiete ebenso — Fall Data' — Das Reichskabineü schließt seine Arbeiten ab. Erste Verlautbarung über den Inhalt des Reformprogramms der Reichsregierung. Berlin, 27. Sept. (TU.) Amtlich. Die Beratungen des Reichskabinetls über ein Gesamtprogramm wurden am heutigen Samstag, wie beabsichtigt, zu Ende geführt. Die mehrtägigen eingehenden Verhandlungen unter Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning und unter Hinzuziehung des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther und des preuhischen Finanzminister» Dr. höpker- Aschoff führten zu einstimmigen Lnl- fd) Heftungen des Reichskabinetts. Auf Grund der Beschlüsse wird über Sonntag die technische Zusammenstellung de» aus zahlreichen Einzelproblemen bestehenden Gesamtprogramms fertig- gestellt werden. Line abschließende fiabi- ne11» sihung zur Verabschiedung der formulierten Vorschläge ist alsdann für Montag nachmittag vorgesehen, eine öffentliche Verlautbarung der Reichsregierung über das Gesamtprogramm erfolgt im Laufe des Dienstags. Ls läftl sich jetzt ungefähr übersehen, wie die Regierung Brüning die Schwierigkeiten zu meistern gedenkt, die sich aus der andauernden Depression ergeben. Der Reichshaushalt für 1931 wird aufder Ausgabenseite erheblich niedrigere Zahlen aufweisen als der für 1930. Ls find nicht nur erneute Abstriche i n höhe von 1 60 Millionen gemacht worden, es werden auch andere Ausgaben fortfallen, für die in diesem Jahre die Deckung aufgebracht werden müftte. vom Beginn des neuen Llalsjphres an, also vom 1.April 1931 werden öie Zuschüsse zur Arbeitslosenversicherung völlig in Wegfall kommen, d. h. die Arbeitslosenversicherung wird ausschließlich aus den Beiträgen, die sie von den Arbeitnehmern und Arbeitgebern erhält, bestritten werden müssen. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit «Inet sprunghaften Erhöhung der Beiträge von 4,5 auf 6,5 o. h. Die (Eliminierung der Zuschüsse aus dem Etat ist eine radikale Maßnahme, die der Reichsfinanzminister damit begründet, daß ihm die Aufstellung eines zuverlässigen Etats nicht möglich fei, wenn dieser Unsicherheitsfaktor bliebe. Auch die krisensürsorge soll reformiert werden. (Eine Steigerung der Einnahmen ist in keiner Form möglich, die Frage lautete also von vornherein, welche Ausgaben verringert werden könnten. Die Regierung sieht diese Möglichkeit in einer Kürzung der Beamten- gehä11er bei Wegfall des Notopfers, das bis zum 31. März 1931 befristet war. Aus den bisherigen Mitteilungen ist zu entnehmen, daß als unterste Grenze ein Jahreseinkommen von etwa 2000 Mark vorgesehen, dah von hier ab eine g e - staffe11e Kür ; ung von 5 bis 7,5 v. h^ bei den höchsten etwas mehr, erfolgen soll. Ersparnismöglichkeiten, die sich allerdings erst allmählich auswirken können, aber einige 100 Millionen ausmachen würden, ergeben sich auch aus der endlichen Durchführung des planes einer Steuer- vereinfachung, etwa in dem Sinne, daß bis ju einer bestimmten Einkommensgrenze, die bei 8000 Mark liegen könnte, eine einheitliche Steuer erhoben wird, z. B. eine Landwirtschafts- fteuer oder Gewerbetreibendesteuer unter Wegfall aller anderen Steuerarten wie Einkommen-, Grundsteuer ufw. (Eine ungeheure verwaltungearbeit könnte dadurch überflüssig werden. An dem plan, d i e Real steuern zu senken, wird offenbar festgehallen, weil ihre höhe als produktionshemmend angesehen wird. Die Möglichkeit würde sich ergeben, wenn aus der Hauszins st euer rund 4 0 0 Millionen dazu verwendet würden, die damit allerdings ihrem eigentlichen Zweck, der Förderung des Wohnungsbaues, entzogen würden. Ls scheint, dah gleichzeitig mit dieser Verwendung der hauszinssteuer die Absicht eines völligen Abbaues der Wohnungszwangswirtschaft innerhalb eines Fünfsahresplans erwogen wird, so dah während der ersten Jahre allmählich die Zwangsbewirtschaftung auch für kleinere Wohnungen aufgegeben wird, In den weiteren Jahre» die Feststellung de» Mietzinse» immer mehr der freien Vereinbarung zwischen Hausbesitzer und Mieter überlassen wird und nach fünf Jahren nur noch ein gewisser Schutz für die Wohnungskündigung aufrechterhalfen bleibt, bi» da» natürliche Verhältnis von Angebot und Nachfrage wiederhergestellt Ist. An den Beratungen des Reichskabinett« hak auch Reichsbankpräsidenl Dr. Luther tellgenom- men. Dabei scheint ein Ueberbrückungskre- b 11 eine wichtige Rolle gespielt zu haben, den da» Reich in Anspruch nehmen muh zur Deckung von 900 Millionen; er ist erforderlich geworden durch den Steuerausfall von 600 Millionen und Mehrausgaben von 300 Millionen für die Arbeitslosenversicherung. wenn das Reich diesen Ueberbrückungskredit in den nächsten zwei Ltatsjahren abdecken soll, bann bauert die Belastung fort, die sich aus der lex Schacht, dem Schuldentilgungsfonds von 450 Millionen, in diesem Jahre ergab. Rechtsblock in Braunschweig. Ein umfassendes Sparprogramm soll auSgearbeitei werden. Braunschweig, 27. Sept. (211 j Die Verhandlungen zwischen den Landtagsfraktionen des Bürgerblocks und RSDAP. über die Regierungsbildung haben zu voller Einigung geführt. Das bisher aus drei Mitgliedern bestehende Kabinett soll fortan nur noch zwei Minister umfassen, und zwar wird von bürgerlicher Seite der frühere Finanzminister Küche n t h a l präsentiert, während die Rationalsozialisten den Landgerichtsrat Dr. Anton F r a n- z e n in Kiel in Dobchlag bringen. Das von den neuen Regierungsparteien crufgestellte Programm enthält eine Anzahl grundsätzlicher Ersparnis forderungen. Der Bürgerblock fordert eine genaue Rachprüfung der Frage, ob das Land Braunschweig noch als lebensfähig angesehen werden könne, sowie die Herabsetzung sämtlicher Gehälter der Gruppe „E i n x e l g e h ä l t e r" mit Einschluß der Ministergehälter um 10 v. H. Rebenbe- züge der Staatsbeamten sollen in Wegfall kommen. Geprüft soll werden, ob ein sog. Parteibuchbeamter ohne Ruhege- Hal t entfernt werden kann und wie weit die Wiedereinführung ehrenamtlicher Tätigkeit ohne Bezahlung, insbesondere auch im Gemeindedienst möglich ist. Das M i - nister-PensionSgeseh soll ausgehoben werden. Gemaßregelte oder nicht berücksichtigte Beamte, die den Regierungsparteien nahestehen, sollen bevorzugt werden. Die Aufwandsentschädigung der Landtagsabgeordne- ten soll um */» herabgesetzt werden. Das stenographische Landesamt soll aufgehoben, die Landesstrafanstalt in Wolfenbüttel planmäßig abgebaut werden. Auf dem Gebiete der Volksbildung sind Ein parungen vorgesehen. Auch die Kommunisten verlangen Auflösung des preußischen Landtags. Berlin, 29. Sept. (VDZ.) Nach der Wirtschaftspartei haben jetzt auch dieKommu- nisten einen Antrag eingebracht, worin die sofortige Auflösung des Preußischen Landtags verlangt wird. Begründet wird der Antrag mit der „arbeiterfeindlichen" Politik der Ne- gierung Braun, die kritiklos alle von der Reichsregierung geforderten Belastungen übernommen habe. Die Arbeiterklasse erkenne immer mehr den klassenfeindlichen Charakter der hinter der preußischen Regierung stehenden Parteien so daß die Regierung schon läng st keine Mehrheit der Wähler mehr Hinte r sich habe. wie in allen künstlerischen und kulturellen Fragen. Solange dem Deutschtum in Prag nicht wirkliche Genugtuung gewährt wird, sehen wir im Reich keine Veranlagung, einer deutsch-tschechischen Annäherung das Wort zu reden. Die Deutschenhehe in Prag. Ter Lchriit des deutschen Gesandten. Prag, 28. Sept. (Tel.-An.) Laut dem Blatt bet Partei bcs ehemaligen Kriegsministers Stribrny, -Expreß", hat bie Faschistische Partei einen Fonbs jur Unterstützung bet bei ben Krawallen verhafteten errichtet. Sie bittet um Spcnben. An anbeter Stelle hcht bas Blatt weiter. Diesmal nicht mehr gegen bie beutschen Sprechsilme, fonbern gegen alle Waren beutfdjer Herkunft. Zum Schrill des beutschen Gesanbten, Dr. Koch, beim bevollmächtigten Minister Dr. Krosta schreiben bie nationalbemokratischen „Jlarobni Listy": (Es ist uns nicht bekannt, bah bei ben Demonstrationen bas (Eigentum eines reichs deutschen Staatsangehörigen ober bes Reiches bebroht ober beschäbigt worden wäre, wir schließen baraus, baß ber Schritt bes Gesanbten keine sachliche Grunblage hat. Die klerikalen „Libove Listy" sagen: Der amtliche Bericht teilt nicht mit, ob bet beutsche Gesanble einen reichsbenIschen Staatsangehörigen genannt hat, bem in Prag ein Leib geschehen ist, ober ob sein Schritt nur bie tschecho- slowakichen Staatsangehörigen bent- scher ober jübischer Volkszugehörigkeit betraf. Der „Lxpreh" kündigt an, bah ber Sdjriff des Gesandten ein parlamentarisches Nachspiel hoben werde. Nach ben internationalen Gewohnheiten habe ein Gesanbler nicht bas Recht einzuschreiten, wenn bie Ereignisse Bürger bcs Staates betreffen, bei bem ber Gesanble akkreditiert ist. Deshalb werben bie faschistischen Mbgeorb- neten im Parlament eine Interpellation einbringen. Heber bie Organifi erung ber Faschisten- bemonffrationen schreibt bas Abenbblatt „Lesko Sloroo“: Der Generalstab ber Faschisten tagte in einem Kaffeehaus, besten Fenster nicht eingeschlagen würben. (Es wirb ber Polizei nicht unbekannt fein, doh jedes Mitglied dieses Generalstabes 500 Kronen erhielt. Andere Demonstranten erhielten täglich 100 Kronen. Diese hatten die Aufgabe, die Menge auf bem Wenzelsplatz z u K u n b - gedungen ; u reizen. Die Kerntruppe ber Demonstranten war in kleine Gruppen eingeleilf. 3ebe von ihnen würbe von einem Führer geleitet, ber 2 0 0 Kronen erhielt. Dor Neuwahlen in Oesterreich Tie Pläne des neuen Kabinette Vaugoin. W ' en , 28. Sept. (WTB.) Die „Reichspost" deutet in einer Betrachtung über die gegenwärtige inner- politische Lage die Möglichkeit an, daß die neue Re- gierung, welche diese Woche ernannt werden soll, l'ch bem jetzigen Nationalrat gar nicht vorstellen wird, sondern daß das Parlament alsbald nach der (Ernennung der Regierung auf gelöst werden wurde. Nach derAblehnungderGroßdeut- s ch e n ist nur eine M i n d e r h e i t s r e g i e r u n g möglich, auch wenn der Landbund sich für den Eintritt entscheiden sollte. In jedem Falle haben Christlich soziale und Landbund 82 Stimmen gegen 83 Stimmen der Sozialdemokraten und Großbeut, schen. Die Entwicklung führt also geradezu zwangsläufig zur Auflösung des Hauses und zur Ausschreibung von Neuwahlen, da die Regierung sich nicht der Willkür der Opposition aussetzen kann, in deren Macht es gelegen wäre, den Bun- desprasidenten jederzeit nach den Bestimmungen der neuen Verfassung durch ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung zu deren Entlastung zu zwingen. Es ist selbstverständlich unerträglich, in einen solchen Zu stand überhaupt einzutreten. Noch ein Kommunist mehr im Reichstag B^e Hin, 27. Sept. (WTB.) Infolge Zugangs an Stimmen bei der Feststellung des endgültigen Ergebnisses -in den Wahlkreisen hat sich bie Zahl ber gültigen Stimmen auf 34 956 723 e r h ö h f, bar- unter 4 590 179 Stimmen für bie Wahloorschläg'e ber KPD. Diese Partei wirb baher mit772lbgeorb- neten (nicht 76) im neuen Reichstag vertreten fein. Für die übrigen Parteien bedeutet der Zuwachs an Stimmen keinen Mandatsgewinn. Die Gesamtzahl ber Abgeordneten beträgt nunmehr 577. Hitler über Güdttrol. Tas deutsch-italienische Verhältnis in nationalsozialistischer Ausfassung. Rom, 27._ Sept. (Sil.) Die „Gazetta del Popvlo" veröffentlicht eine Unterredung eine« Mitarbeiters mit Hitler. Hitler erklärte u. a., es gebe nur zwei Wege: Die Bolschewi- s i e r u n g oder die Rationalisierung deS Staates. „Wir bewundern Italien als eine groß« Ration, die dank dem Faschismus wieder entstanden ist und den ihr zustehenden ersten Platz unter den lateinischen Rationen übernommen hat. Kein wirkliches Interesse Italiens befindet sich im Gegensatz zu dem deutschen, such nicht umgekehrt. Linser Weg läuft parallel. Ein Zusammenstoß ist also nicht möglich. Lieber seine Stellung zur Südtirolfrage befragt, erklärte Hitler: „Ich habe immer den Standpunkt vertreten, dah das Schicksal unserer Südtiroler Brüder, so sehr es uns auch am Herzen liegen kann, uns nicht mehr am Herzen liegt als das der vielen Millionen Deutscher, die die Verträge dazu verbannt haben, unter polnischer, südslawischer, tschechischer und belgischer Herrschaft zu leben. Die Freundschaft einer großen Ration wie Italiens kann nicht durch Südtirol ge - trübt werden. Ohne Zweifel werden die deutschen Lintertanen Italiens besser von einem Italien behandelt werden, das mit uns befreundet ist, als von einem Italien, das nur unser indifferenter Ra chbar ist. Italien sind wir besonders dankbar, daß es den Grundsatz gewiesen hat, den jede Ration befolgen muh, die sich retten will: den faschistischen Grundsatz des starken und nationalen Staates, auhcrhalb dessen nichts anderes ist als das bolschewistische Chaos." Demokraten und Staatspartei. Berlin, 27. Sept. (Ddz.) Der demokratische Parteioorstand hielt am Samstagabend im Demokratischen Klubhaus in Berlin eine Sitzung ab, in der folgendes beschlossen wurde: 1. Der Parteivorstand wünscht die beschleunigte Fortsetzung der Verhandlungen wegen Konstituierung der StaatSpar • tei, damit der Parteitag der Demokratisch«, Partei möglichst bald zur Beschlußfassung einberufen werden kann. 2. Der Parteivorstand empfiehlt den Mitgliedern der Deutschen Demokratischen Partei, durch rege Mitarbeit schon vor Abhaltung deS Parteitages der Deutschen Staatspartei in den Wahlkreisverbänden und in den örtlichen Organisationen bei deren Aufbau dafür zu sorgen, daß die großen demokratischen Grundsätze zur vollen Geltung gelangen. Das Reichsbanner. Wilhelmshaven. 29. Sept. (TL.) Der Führer des Reichsbanners Hörsing sprach in Wilhelmshaven vor einer Reichsbannerversamm- lung. Die Wahl, so führte er u. a. aus, habe den republikanischen Parteien eine Riederlage gebracht, aber umsomehr müsse die Republik jetzt verteidigt werden, wenn es sein müßte, sogar mit dem Leben. Hörsing wandte sich gegen die Regierung Brüning und stellte drei Forderungen auf, die jetzt in den Vordergrund gerückt werden sollen: 1. Erhaltung der Republik, 2. Ausbau der Republik in sozialer und demokratischer Hinsicht, 3. Beschaffung von Arbeit für die Erwerbslosen. Hörsing kündigte ein Programm des Reichsbanners an, das er im Ein- verständnis mit der Bundesführung aufstellen werde. Hörsing wandte sich gegen die Ratio- nalsozialisten und besonders gegen Hitler, der ja vor dem Reichsgericht in Leipzig seine Ämsturzbewegung habe legalisieren können. Es sei jetzt an der Zeit, daß das Reichsbanner a u s seiner Passivität heraustrete. Er wolle sich vor seinen Reichsbannerkameraden nicht noch deutlicher ausdrücken. Oie Memelbeschwerde vor dem Rat. Ein Norweger zum Berichterstatter ernannt Genf, 27. Sept. (211.) Der Dölkerbundsrat hat heute vormittag einstimmig beschlossen, die von der deutschen Regierung vorgebrachte Memel- beschwerde auf die Tagesordnung der gegenwärtigen Tagung des Bol- kerbundsrates zu setzen. Zum Berichterstatter wurde Hambro, Norwegen, ernannt, der in der nächsten Woche dem Rat zu berichten hat. Der litauische Außenminister erklärte Laß nach dem Pariser Abkommen von 1924 die Memelländer kein Recht hätten, über die Verwaltung des Memelgebietes eine Beschwerde vor den Rat zu bringen. Aber um nicht' Zweifel an ihrem guten Willen entstehen zu lassen, erkläre sich die litauische Regierung bereit, über diese Beschwerde vor dem Rat selbst zu verhandeln. Sie müsse jedoch grundsätzlich für die Zukunft die Behandlung ähnlicher Fälle ablehnen, solange nicht die Zulässigkeit solcher Beschwerden durch den internationalen Haager Gerichtshof geklärt sei. Reichsaußenminister Dr. Curtius lehnte ausdrücklich die Stellungnahme Litauens ab. Das gesamte Deschwerdeverfahrcn sei bereits durch ein Gutachten vom 26. September 1926 ausreichend geklärt worden. Cs bestehe keine Möglichkeit, das Recht der Ratsmitglieder in Frage zu ziehen, sämtliches ihnen zugehendes Material zu verwenden. EntschreDettd sei nur, daß das betreffende Ratsmitglied nach grundsätzlicher Prüfung des Beschwerdematerials zu der Heber- zeugung komme, daß tatsächlich ein Bruch des Memelabkommens vorliege. Den Eingriff der litauischen Regierung gegen das Recht der Ratsmitgliieder würde er auf das nachdrücklichste zurückweisen. Durch das Iuristen- Mtachten sei ausdrücklich festgestellt worden, daß unmittelbareDeziehungen zwischen den Ratsmitgliedern und den beschwerdeführenden Memelländern möglich seien. Bor neuen Unruhen in Spanien. Eine große republikanische Kundgebung in Madrid. Madrid, 28. Sept. (Tel.-Un.) Auf der Madrider Stierkampf-Arena fand am Sonntag eine große Kundgebung sämtlicher republikanischen Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokraten statt. An der Kundgebung nahmen etwa 20 000 Personen teil. Die Redner der verschiedenen republikanischen Parteien forderten die Abdankung des Königs und die Errichtung der Republik, wobei sie mit einer Revolution drohten und das Militär ausforderten, sich zur Republik zu bekennen. Unter den Rednern traten besonders hervor der Führer der Radisalsozialisten, Marcellino Domingo, der Führer der Ra- dikalen Republikaner, Lerroux, und der Begründer der rechtsrepublikanischen Partei, der ehemalig« Minister Zamora. Die Kundgebung verlief in vollster Ruhe. Zum Schutz gegen etwaige Störungen durch monarchistische Jugend waren von den Republikanern bewaffnete Posten auf- gestellt worden. Die Veranstaltung bedeutet den endgültigen Zusammenschluß der Republikaner ganz Spaniens, der angesichts der stets wachsenden Zahl von politischen Streiks ernstgenommen werden muß. Don den Behörden waren umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden. Außerhalb der Stierkampf-Arena waren Maschinengewehre in Stellung gebracht worden, in den Hauptstraßen war ein starkes Polizeiaufgebot versammelt, während ganze Kompanien der Bürgergarde in den Seitenstraßen bereitstanden. Im Anschluß an die Kundgebung ver- anstalteten 30 000 Personen einen Umzug durch die Hauptstraßen der Stadt, der ohne Zwischen- fälle verlief. Königs Geburtstag in Dänemark. Der 60. Geburtstag des Königs von Dänemark gestaltete sich in Kopenhagen zu einem wahren Volksfest. Die ganze Stadt war beflaggt: alle Schiffe im Hafen hatten über die Toppen geflaggt. Schon am frühen morgen war der Ama- lienborgplatz von einer tausendköpfigen Menschenmenge besetzt. Als der König sich zum Schloß Christiansborg begab, wo die Gratulationscour stattfand, konnte sein Wagen kaum durchkommen. Rach einer Weile erschien der König auf dem Balkon des Schlosses und hielt eine Ansprache: in der er seinen Dank für die vielen Beweise der Anhänglichkeit Ausdruck gab, die ihm ent- gsaengeströmt sind. Sr schloß mit einem Hoch (ruf Dänemarks Voll und Land urtb Dänemarks Ehre. Alls dem Amalienborgplatz gingen im Rach der SejmauMimg in Ostoberschlesien machen könnte. Ein Teil der Belegschaft der Laura-Hütte folgte heute morgen dieser Aufforderung. Im Laufe des Tages traten die Gewerkschaftsführer zusammen, um zu der Streikbewegung Stellung zu nehmen. Während die Vertreter der polnischen Sozialdemokratischen Partei für die unbedingte Durchführung der Arbeitsniederlegung eintraten, zeigte sich bei den Vertretern der Christlichen Gewerkschaften wenig Rei- gung für die Streikbewegung. Wie noch bekannt wird, wurde im Laufe des Freitagnachmittag der kommunistische Abgeordnete des Schlesischen Sejms Wieczorek verhaftet, er hat noch eine Gefängnisstrafe wegen Hochverrates abzubüßen, da er seinerzeit infolge seiner Wahl zum Abgeordneten vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen werden mußte. Der zweite kommunistische Abgeordnete im Schlesischen Sejm Comander konnte sich der Verhaftung durch die Flucht entziehen. Große Erregung. Nach der Verhaftung Korfantys. Kattowitz, 26.Sept. (TU.) Die Auflösung des schlesischen Sejm und die Verhaftung Kor- fanths hat in der gesamten Wojewodschaft u n - Heu res Aufsehen hervorgerufen. In polnischen nationalen Kreisen hat die Rachricht vne ein Blitz aus heiterem Himmel gewirkt, da mcht erwartet wurde, daß der Wojewode den Kampf gegenüber der Opposition auf die Spitze treiben würde. Selbstverständlich werden im Zusammenhang mit den Verhaftungen die tollsten Gerüchte verbreitet. Allgemein wird befürchtet, daß es in den nächsten Tagen zu Unruhen kommen wird, da die Erbitterung besonders in den Kreisen der Korfanth-Anhänger, ungeheuer ist. Die „Polonia", das Blatt Korfantys, hat ein Extrablatt herausgegeben, das den Zeitungsausträgern förmlich aus der Hand gerissen wurde und zu großen Menschenansammlungen führte. Rach ausführlicher Schilderung der Verhaftung Korfantys wird darin berichtet, daß Korfanty gegen seine Verhaftung protestierte, da der Erlaß über die Auflösung des schlesischen Sejm erst um 10.30 Uhr dem Sejmmarschall überreicht wurde, während die Verhaftung zwei Stunden vorherf erfolgte. Rach der Verhaftung wurde eine gründliche Haussuchung in Korfantys Wohnung vorgenommen. Seine Privatkorrespondenz ist auf einem Lastkraftwagen abtransportiert worden. Die „Polonia" erklärt, daß sie trotz der ungebetenen Gäste in ihrem Vcrlagsgebäude und der Verhaftung ihres Chefredakteurs (Korfanty) keine Repressalie zwingen könne, den Kampf im Sinne ihres unerschrockenen Führers, der seit dreißig Jahren für das Polonium kämpfe und gelitten habe, und für die Rechte und die Freiheit des polnischen Volkes aufzugeben. Aufforderung zum Generalstreik. Kattowitz, 27.Sept. (WTB.) Wie gemeldet wird, haben die polnischen Oppositionsparteien im Industriegebiet ein Flugblatt verbreiten lassen, in dem die Arbeiterschaft der Gruben und der Hüttenbetriebe sowie der Fabriken aufgefordert wird, einen dreitägigen General- strei k zum Zeichen des Protestes gegen die Auflösung kLs Schlesischen Sejms und die Verhaftung Korfantys zu veranstalten. Der Streik sei das einzige und letzte legale Mittel der schlesischen Bevölkerung, von dem sie Gebrauch Oer Woiwode will kämpfen. Kattowitz, 29. Sept. (WTB. Funkspruch.) In einer Extraausgabe veröffentlicht heute die „Polska Zachodnia" ein Interview mit dem Woiwoden Grazynski über die Auflösung des schlesischen Sjems. Der Woiwode sagte, die Hauptursache der Auflösung liege darin, daß das Kompromiß, das zwischen ihm und dem Sjem über den Etat beschlossen worden ist, von den Oppositionsparteien bei der Beratung über das Teilbudget am 1. Oktober 1930 bis 31.März 1931 nicht eingehalten worden ist. Trotz der energischen Arbeit der Opposition werde er sein Wirtschaftsprogramm für die Woiwodschaft im bisherigen Sinne weiter verfolgen und unter allen Umständen auf dessen Durchführung dringen, da nach seiner Ansicht die Mehrheit des schlesischen Volkes seine Politik billige. Zu der von der Opposition betriebenen G e n e • ralstreikidee erklärte der Woiwode, er könne nicht glauben, daß sich die oberschlesische Arbeiter- schäft zum Streik hinreißen lasse. Sollte aber den- noch ein Streik inszeniert werden, der einen politischen Hintergrund habe, so stehe er auf dem Standpunkt, daß ein solcher Streik gesetzwidrig sei und mit allen Mitteln niedergerungen werde müsse. In derselben Extraausgabe veröffentlichen die regierungsfreundlichen Gewerkschaften einen Aufruf, in dem die Arbeiterschaft aufgefordert wird, der Arbeit ruhig weiter nach^u gehen, da ein Generalstreik unter den gegenwärtigen Um- ständen ein Verbrechen am oberschlesischen Volke bedeutet. In den Oppositionsparteien wird die Ansicht vertreten, daß es wohl kaum zum Generalstreik kommen werde. Der HochverrüisproZeß gegen die LZlmer MLchswehwffLzr'ere. Eine Erklärung des LtniersuchungsrichierS. Leipzig, 25. Sept. (WTB.) Zu Beginn des fünften Verhandlungstages im Reichswehrprozeß erklärte der Untersuchungsrichter Landge- richtsdirektor Braune unter Berufung auf seinen Eid, daß er dem Zeugen den Ausdruck Zellenbildung nicht in den Mund gelegt habe. Leutnant Ludin habe ihm bei der ersten Vernehmung glaubwürdig erklärt, daß er Verbindung mit der NSDAP, ausgenommen und sich bereit erklärt habe, für diese Partei tätig zu werden, daß er sich mit einer Reihe von Offizieren in Verbindung gesetzt und diese gefragt habe, ob sie willens seien, als Vertrauensleute tätig zu werden. Auch habe er sie darum gebeten, innerhalb des Heeres dafür zu werben, daß bei einem etwaigen Zusammenstoß der Rechtsverbände mit der Regierung nicht geschossen würde. In diesem Rahmen habe er eine Reihe von Offizieren danach gefragt, ob ihnen von einer Verbindung mit der NSDAP, etwas bekannt sei. Er sei der Auffassung, daß die Zeugen durchdie Zeitungen, die nach der Verhaftung den Ausdruck „Zellenbildung" gebrauchten, zu der Ueberzeugung gekommen seien, daß er das Wort zuerst gebraucht habe. Weiter habe man ihm vorgeworfen, daß er die Herren wie Verbrecher behandelt hätte. Das fei ihm vollkommen unverständlich und Tatsachen, die diese Behauptung stützen könnten, seien in der Hauptoerhandlung noch nicht vorgebracht worden. Leutnant Scheringer tritt für Landgerichts- direktor Braune ein und sagt, daß er bei der ganzen Untersuchung nicht das Gefühl gehabt habe, als wollte er ihn, Scheringer, als einen Verbrecher behandeln. Ich habe aber, so fuhr er fort, den bestimmten Eindruck gewonnen, daß der Herr Untersuchungsrichter gegen die NSDAP, einen, ich will nicht gerade sagen Haß, aber eine gewisse Voreingenommenheit hat. Die Zeugen Weiß und von Pfeffer verwahren sich gegen die Bemerkung des Landgerichtsdirektors Braune Scheringer gegenüber, daß er auf die Aussagen dieser Herren keinen Wert lege, weil sie doch nicht bei der Wahrheit blieben. Landgerichtsdirektor Braune habe gesagt, er hätte nicht zuerst das Wort „Zellenbildung" gebraucht, das fei nicht wahr. Bei der Vernehmung fei das Wort „Zellenbildung" zuerst von feiten des Untersuchungsrichters gefallen. — Landgerichtsdirektor Braune erklärt: Wenn Herr von Pfeffer das behauptet, mag das richtig fein, aber jedenfalls habe ich bei den Offizierszeugen das Wort ni ch t zuerst gebraucht. Oberleutnant Löhr macht die im wesentlichen schon aus früheren Zeugenaussagen bekannten Angaben über sein Zusammentreffen mit Ludin. Der Vorsitzende fragt ihn, was er sich bei der Bemerkung Ludins gedacht habe, man könne ja gleich aufs ganze gehen. Oberleutnant Löhr antwortet darauf: Ich muß sagen, daß mir die Ziele Ludins etwas schleierhaft erschienen, und daß ich das Gefühl hatte, daß sein fanatischer Geist einen ilnftmr hervorgebracht hat. den er selbst vielleicht nicht glaubte. Vorsitzender: Ist von Ludin nicht gesagt worden, trenn wir nicht in nächster Zeit eine Besserung in Deutschland erleben, so müsse es als letztes Mittel zu einem gewaltsamen Sturz kommen? Löhr: Wir haben uns wohl in ähnlicher Weise unterhalten, aber nicht in dieser Form. Ludin hat auch gesagt, es werde wahrscheinlich gelingen, auf friedlichem Wege eine Lösung zu finden, die jetzige Verfassung zu ändern. Ludin wollte nur darauf hinaus, daß junge, gleich- gesinnte Kameraden aufgesucht werden, um sich zu vergewissern, ob die nationale Idee, die in der Armee allmählich ersterbe, unter ihnen fort» lebe. Vorsitzender: Hat sich Ludin dahin geäußert, Sie sollten dafür eintreten, daß bei einem etwaigen Putsch möglichst nicht auf die Rationalsozialisten geschossen werde? Löhr: Das ist meines Wissens nicht der Fall gewesen. Der Vorsitzende halt dem Zeugen vor, daß Ludin doch in seiner Aussage in der Voruntersuchung von einer „Zentrale in München" gesprochen habe. Löhr: „Das kam mir durchaus harmlos vor. Don Vertrauensleuten hat er nichts gesagt." Sodann liest der Vorsitzende dem Zeugen feine Aussagen aus der Voruntersuchung vor. wonach Ludin erklärt haben soll, bei einer aktiven Beteiligung etwa entstehen- de Unkosten würden ersetzt werden. Weiter habe Löhr hinzugefügt: „Hieraus geht für mich hervor, daß hinter der Angelegenheit n a t i o - na lsozialistifche Kreise stehen muhten." CH am en hat er nicht genannt. O&erleutant Löhr erklärt dazu, daß er sich an die Einzelheiten der Aeußerungen nicht mehr erinnern könne. Das Wort „aktiv" habe er selbst seines Wissens hereingebracht. In einem längeren Kreuzverkör. an dem sich auch der Reichsanwalt beteiligt, beteuert der Zeuge Löhr nochmals: „Ich hatte auf keinen Fall den Eindruck, daß ich für eine nationalsozialistische Zersehungsaktion gewonnen werden sollte." Gedränge zahlreiche Kinder, die dem König ebenfalls ihre Huldigung darbringen wollten, verloren. Die Polizei nahm sich ihrer an und bewirtete sie in bereitstehenden Polizeiautomobilen mit Schokolade und Kuchen. Als dies andere Kinder hörten, gaben sie sich auch als verloren aus und wurden ebenfalls bewirtet. Roch nie hat die Kopenhagener Polizei so viele „vermißte" Kinder aufgelesen wie am Freitay. Sämtliche Kopenhagener Zeitungen bringen in Wort und Bild Huldigungen an die Mwesse König Christians. Ministerpräsident S t a u n i n g, der Chef des sozialdemokratischen Ministeriums, stellt in einem Artikel fest, daß die Zusammenarbeit zwischen dem König und ihm immer reibungslos gewesen sei. Der König habe für die neue Entwicklung in Dänemark größte- Verständnis gezeigt und ihr nie Widerstand entgegengesetzt. Als er. Stauning. im Jahre 1924 an der Spitze einer Arbeiterregierung die Leitung des Landes übernommen habe, habe der König ihn auf das freundschaftlichste begrüßt und dieses neue Blatt in der Geschichte Dänemarks mit demselben Vertrauen entgegengenommen, wie die früheren Blätter aus der Zeit der bürgerlichen Regierungen. Aus aller Well. Prinz Leopold von Bayern f. Prinz Leopold von Bayern ist Sonntag 19.40 Uhr im Leuchtenberg-Palais in München an Altersschwäche sanft entschlafen. Der Prinz stand bereits im 8 5. Lebensjahre. Er war der zweite Sohn des nachmaligen Prinzregen- ten Luitpold. Als junger Artillerieoffizier nahm er am Feldzug von 1866 teil. Im Kriege von 1870/71 zeichnete er sich als Batterieführer bei Sedan aus, wo er durch einen Prellschuß tn die Hüfte verwundet wurde. Von 1887 bis 1892 war er kommandierender General des ersten bayerischen Armeekorps in München und von 1892 bis 1913 Generalinspekteur der 4. Armeeinspektion. 1905 wurde er Generalfeldmarschall. 1915 wurde er zur Führung einer Armee gegen Rußland berufen, mit der er Warschau eroberte. Nachdem der weitere Vormarsch im September zum Stehen gekommen war, wurde er Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe und später an Stelle Hindenburgs Oberbefehls - Haber im Osten. Mit Hindenburg stellte er sich nach dem Zusammenbruch der neuen Reichsregierung zur Verfügung, um das Chaos vermeiden zu helfen. Seit dem Umsturz lebte der Prinz, der seit 1873 mit der Tochter des Kaisers Franz Josef, der Erzherzogin Gisela, verheiratet war, in München. Der Ehe entsprossen vier Kinder. Schneefall in den Schweizer Alpen und im Hunsrück. In den Berglagen bis zu 1500 Meter ist Schnee gefallen, die Temperatur auf Rigihöhe hat den Gefrierpunkt erreicht. Am Sonntagnach-i mittag fiel auch im Hunsrück von Erbes- kopf bis nach Hermeskeil hin der erste Schnee. Während der Schnee in ÖSn--lieferen Lagen sofort schmolz, zeigten die ausgedehnten Tannen- und Buchenwälder auf den Berges- höhen gegen Abend ein fast winterliches Aussehen. Die Temperatur auf den Höhen über 600 Meter ist fast bis zum Gefrierpunkt gesunken. Rückkehr der Andree-Expedition nach Schweden. Der Kreuzer „Svensksund" lief am Samstag in Gotenburg ein. Zur Erinnerung daran, daß die Andrse-Expedition vor 33 Jahren von Gotenburg aus auf dem gleichen schwedischen Kriegsschiff „Svensksund" die Reise nach Spitzbergen angetreten hatte fand bei Ankunft des Schiffes eine Gedäch tnisf eier statt. Im Hafen, wo Scheiterhaufen angezündet waren, hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Nach dem Gesang des Studentenkorps sprach Oberstleutnant Swedenborg, der selbst bei dem Start des Andreeschen Ballons zugegen gewesen war. „Grüßt unser liebes Schweden", habe Andree, als der Balkon sich erhob, den Zurückbleibenden zugerufen. „Heute grüßt euch Schweden", schloß Oberstleutnant Swedenborg seine Dankesworte. Eine große Anzahl von Verbänden, die der Andree-Expedition nahestanden, Vertreter der Stadt ©oitnburg und Angehörige der drei Forscher legten Kränze nieder. Peslepidemie In Nordchina. Nord-China wird von einer ernsten Pestepidemie bedroht, wenn nicht di« chinesischen Behörden energische Maßnahmen ergreifen, um di« Epidemie zu lokalisieren, di« sich jetzt rasch über ganz Nord- Sch e n s i ausdehnt. Die Pest, die als Lungenpest, sowie als Beulenpest auftritt, hat ganze Dörfer ausgerottet, und die von Panik ergriffenen Einwohner fliehen aus der Gegend und lassen die Toten unbeerdigt. Die Gefahr wird erhöht durch den Umstand, daß es nicht einen einzigen Arzt mit moderner Ausbildung und kein einziges Hospital in Nord-Schensi gibt. (Ein Segelschiff vom Blih getroffen und unfetgegangen. Der neuschottländische Schoner „Carenza" ist in der Nähe der Scaraiy-Insel, einer unbewohnten Insel bei Cap Breton, vom Blih getroffen worden und untergegangen. Acht Passagiere und zwei Mann der Besatzung fanden den Tod, sechs Personen konnten gerettet werden. Die Wetterlage. Jan Mayen $c: 4A 10 TtiQrswn-Q- 22? 2' ) ■-'ftP. Val, ,O Lom 25S 42- o ydis1jord~ ------'>*6- i'ftberdtin G worxenios 9 neuer. <>naro Bedeckt, o wolkio. • oedecKL • neoeih * Schnee «graupeln eNeBel K Gewißer.® Windstille. O-> sd» leichter osi massioe» Südsüdwest Q, stürmische, «ordWesl Ole Pfeile fliegen mit dem winde. Ole Beiden Stationen stehenden Zahlen geDcn an Temperatur an. Die Linien verbinden Orte mit-olelchefl^ «uf Meeresniveau umaerechneteo Luftdruck Wettcroo rau s -agc. Der allgemeine Luftdruckanstieg über Deutschland hatte besseres Wetter gebracht, wobei Frühnebel und Dunstbildung den herbstlich hohen Druck charakterisierten. Die Temperaturen zeigen dabei Gegensätze zwischen Tag und Nacht von 10 und noch mehr Grad. Die Wetterlage erfährt durch den Luftdruckfall über Frankreich und durch die im Bereich der Kaltluft auf den britischen Inseln entstandene Bewölkung mit Niederschlägen eine leichte Beeinflussung. Jedoch ist dies nur vorübergehend, und bei uns find nur vereinzelt leichte Niederschläge zu erwarten. Hinsichtlich der Temperaturen tritt noch keine merkliche Aende- runa ein. Aussichten für Dienstag: Bewölkt mit Aufheiterung, kühl, vereinzelte Niederschläge. Lufttemperaturen am 28. Sept: mittags 14,6 Grad Celsius, abends 7,1 Grad: am 29. Sept.: morgens 6,1 Grad. Maximum 14,7 Grad: Minimum 4,2 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 28. September, abends, 15,2 Grad Celsius, am 29. September, morgens, 10,6 Grad. — Sonnenscheindauer 68/* Stunden. — Niederschläge 0,4 Millimeter. Ein Mag des oberhessischen Handwerks. Oie Abschlußfeier- der Iungmeister und Iungmeisterinnen von 1930. 3m vollbesetzten Saale bes Taft Leib zu Dietzen fand gestern die Abschlußfeier derHand- werkS-Iungmeifter 1 930 statt. Neben den Prüfungsmeistern mit ihrem Vorsitzenden D erwerbe rat Dr. VünningS, Dietzen, wohnten als Gäste mehrere Vertreter der Handwerkskammer. der Behörden und der Presse der Feier bei. Oie Meisterprüfung bestanden in diesem Jahre von 338 Prüflingen 292. Diese 292 3ungmeister und 3ungmeisterinnen verteilen sich beruflich wie folgt: Auto-Mecha- niker 8. Docker 22, Dachdecker 1, Elektro-Instal- lateur 14, Tlektro-Maschinenbauer 1, Friseur 8, Maurer 28. Metzger 28. Polsterer 2. Sattler 3, Dauschlosser 9. Maschinenschlosser 9. Schmied« 11, Schneider 11, Spengler 1, Spengler und Installateur 2, Installateur 3, Schuhmacher 23. Schreiner 45, Wagner 4, Maler und Weißbinder 25, Zimmerer 8. Schneiderinnen 6. Weihzeugnähe- rinnen 1, Modistinnen 2, Friseust 1. Steinmetz 2, Konditoren 2. Schriftsetzer 6, Buchdrucker 1, Küfer 1, Glaser 1, Messerschmied 3. Oie akademische Feier begann gegen 11.30 Uhr mit einer musikalischen Darbietung von Mitgliedern der Kapelle Weller. Anschließend sangen Mitglieder deS Dauerschen Gesangvereins Mozarts Chor .Weihe des Gesang«". Darauf hieß der Vorsitzende der Meisterprüfungskommission für Oberhessen, Gewerberat Dr. Bünnings, in seiner Eröffnungsansprache die Gäste willkommen, wies die Iungmeister und Iungmeisterinnen auf di« Bedeutung ihres Ehrentages hin, gab das vorstehend berichtete Ergebnis der Meisterprüfung bekannt und sprach den jungen Meistern und Meisterinnen herzliche Glückwünsche aus mit der Ermahnung, nun aber nicht stillzustehen, sondern jetzt auch noch mitzuarbeiten für das gesamte Handwerk im Rahmen der handwerklichen Organisationen. 3m Auftrage der Handwerkskammer Darmstadt und der Handwerkskammer-Nebenstell« Friedberg sprach Schlossermeister Hetz (Friedberg) den erfolgreichen Prüflingen Glückwünsche aus und wies sie auf die Vorteile, aber auch auf die Pflichten des Rechts zur Führung des Meistertitels hin. Er empfahl ihnen dringend den Anschluß an die Innungen und Gewerbevereine bzw. die Gründung dieser Organisationen überall da, wo diese noch nicht bestehen. Weiter legte er ihnen die Mitarbeit an den öffentlichen Aufgaben und festen handwerklichen Zusammen- schlutz zu einer Gemeinschaft von Kollegen und Helfern bei der Förderung des gesamten Handwerks dringend ans Herz. Syndikus Röhr von der Handwerkskammer- Nebenstelle Gießen empfahl nach seinen Glückwunschworten den jungen Meistern und Meisterinnen besonders öie Weiterarbeit an der Vervollkommnung in ihrem Berufe, die Geltendmachung ihres Persönlichkeitswertes in ihren Arbeitserzeugnissen und den festen Zusammenschluh gegen alle Feinde des Handwerks. Syndikus Dr. Reif, Friedberg, von der dortigen Handwerkskammer-Nebenstelle machte die Iungmeister daraus aufmerksam, daß der Handwerksmeister neben der Wiedereinsetzung des PcrsönlichkcitSwertes auch als Mittler zwischen Kapital und Arbeit bedeutungsvolle Aufgaben zu erfüllen habe und ferner dem Bildungsproblem durch Pflege des Zusammenwirkens zwischen Handwerk und Schule seine Mitwirkung angedeihen lassen solle. Daran knüpfte er seine Glückwünsche. Der Vorsitzende deS Gießener OrtSgewerbc- vcrein«, Schreinermcistcr H a u b a ch , legte im Anschluß an seine Glückwünsche den jungen Meistern dringend nahe, allzeit die Würde des Meistertitels hochzuhalten und namentlich auch bei der Kalkulation der Arbeiten nach einwandfreien und wirtschaftlich gesunden Grundsätzen zu verfahren. RegierungSrat Dr. Braun vom KreiSamt Gießen überbrachte die Glückwünsche der Provin- zialdirektion und des KreiSamteS, ermahnte die jungen Meister zu freudiger Arbeit auch in dieser Zeit der Wirtschaftskrise, die vom Handwerk mit mutigem Streben auch überwunden werden könne, um dann hoffentlich bald einer besseren Zeit wieder Platz zu machen. Stadtschulrat Fischer (Gießen) sprach im Auftrag der Stadt Gießen herzliche Glückwünsche aus, ermahnte den handwerklichen Nachwuchs zu steter aufrechter Derufsgesinnung, zum Glauben an seine Mission und an seinen Stand, empfahl dringend die weitere Berufsausbildung des Handwerks durch Fortbildungskurse und Leistungsprüfungen, forderte die stärkere Geltung der Cinzelpersünlichkeit auch im wirtschaftlichen Kampfe und wünschte den jungen Meistern, daß sie diesen Kampf bestehen und einer besseren Zeit entgegengeben möchten. Die Glückwünsche der Presse an die jungen Meister und die Hoffnung. dah Handwerk und Presse allezeit zusammenstehen möchten im Ringen gegen die Nöte unserer Zeit, zur Herbeiführung besserer Verhältnisse für das Handwerk und da« gesamte Volk brachten zum Ausdruck Redakteur Bl um sch« in vom Giehener Anzeiger, Redakteur Bremer von der Oberhessischen Volkszeitung und Verleger Klein vom Hessischen Handwerks- und Gewerbeblatt. Der Vorsitzende, Gewerberat Dr. Bün- n i n g S, sprach sodann den Prüfungsmeistern und dem Schriftführer Oberreallehrer Haggen- müller herzlichen Dank aus für ihre opferfreudige und eifrige Mitarbeit bei den Prüfungen. Schlosser-Obermeister K r a i l i n g, Gießen, ermahnte die jungen Meister und Meisterinnen zur geistigen und handwerklichen Selbständigkeit in ihrer Berufsausfüllung und zu unablässigem Dorwärtsstreben. Der Vorsitzende des Iungmeister-DerbandeS 1930, Mehgermeister K l e i n, sprach hierauf den Dank der Iungmeisterinnen und Iungmeister für alle guten Wünsche aus und ließ seine Worte in die Nationalhymne ausklingen. Mit einem Musikstück der Kapelle Weller und einem Gesang der Bauerschen Sänger fand die akademische Feier ihren Abschluß. Oer gesellige Teil. Anschließend fand gemeinsames Mittagessen statt, in dessen Verlauf Oberreallehrer Haggen- müller in einer Ansprache auf die verdienstvolle und mühereiche Arbeit des Vorsitzenden Dr. Bünnings und der Prüsungsmeister mit Worten der Anerkennung und des Dankes hin- wieS und mit einem Hoch auf da« hessische Handwerk schloß. Als guter Sänger erfreute Iungmeister Heinrich Rothländer mehrmal« durch schöne Liedervorträge, bi« verdientermaßen reichen 'Beifall fanden, ferner trug eine Iungmeisterin eine heitere Mainzer Lokaldichtung vor, weiter musizierte die Kapelle eifrig und schneidig unter starkem Beifall der Zuhörer. Nach der D e r t e i - lung der Meisterbriefe bildeten Musik und Tanz den Ausklang des handwerklichen Festtages. Aus der Provinzialhauptstadt. Dießen, den 29. September 1930. Oas Kind in der Familie. Die italienische Aer^tin und Pädagogin Dr. Maria M o n t e s s o r l, der kürzlich am sechzigsten GeburtStag große Ehrungen zuteil wurden. hat ein neue- Buch erscheinen lassen, au« dem wir gekürzt den Abschnitt zum Abdruck bringen, der sich mit dem Kind i n der Familie besaßt. Gerade wer für die Familienerziehung eintritt, wird mit vielem einverstanden sein müssen, was Dr Montessori von den Erziehern fordert. Sie sagt: Insere Ideen über Erziehung waren bisher sehr unnatürlich und von Vorurteilen. Man versucht heute, sie durch positiver«, di« au« der unmittelbaren Beobachtung stammen, zu ersetzen. Der Erfolg, den die beobachtende Methode auf allen Gebieten bewirkt hat, wird auch für die Pädagogik richtunggebend fein. Die neue Erziehung, die da« Kind zunächst beobachtet, bevor sie sich anmaht, zu erziehen. soll endlich auch in die Familie eindringen und hier nicht nur ein neue« Kind, sondern vor allem neue Vater und neue Mütter schaffen. Vater und Mutter wissen sehr wohl, daß ihre Kinder durch sie gut oder bös« werden können. Trotzdem bereiten sich weder Vater noch Mutter auf die Erfüllung ihrer schweren Ausgabe vor. Da« Mißverhältnis zwischen unseren Forderungen an das Kind und unserer eigenen Unzulänglichkeit, diesen Forderungen zu entsprechen, bringt un« den Kindern gegenüber oft in eine schiefe Lage und führt immer wieder zu Konflikten, die schließlich zu einem ständigen Kampf zwischen Eltern und Kindern werden. In solchen Fällen versuchen die Eltern die heikle Situation durch ihre Autorität zu lösen: Sie erzwingen den Gehorsam der Kinder, sich selbst aber geben sie dabei den Anschein der Vollkommenheit. Haben sie diesen Sieg errungen, so sichern sie ihn, indem sie ihren Kindern Schweigen befehlen, und so ist der , Frieden" gesichert. Die Kinder aber verlieren da« Vertrauen zu ihren Eltern und können sich ihnen gegenüber nicht mehr auf- schließen. In der Folge treten bestimmte Reak- tion«erscheinungen bei den Kindern auf, oder e« entstehen durch Anpassung an da« falsche Verhalten der Erwachsenen psychische Spannungen, di« sich manchmal zu wirklichen Krankheiten verschärfen können. Heute verstehen schon die meisten Mütter die körperliche Pflege der Kinder und kennen die Regeln der Ernährung, Temperierung, die Vorteile de« Aufenthalte« in frischer Luft, der den Lungen reichlich Sauerstoff zuführt. Da« neugeborene Kind aber ist nicht einfach ein kleine« Tier, da« man nähren mutz, e« ist von Geburt an ein Geschöpf mit Deist, und wenn man für sein Wohl sorgen will, genügt e« nicht, seine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen, man muß ihm auch einen Weg zur geistigen Entwicklung eröffnen, muß seine geistigen Regungen vom ersten Tag an beachten und ihnen zu entsprechen suchen. Kenntnis der psychischen Bedürfnisse des Kindes und die Fähigkeit, seine Aeutzerungen zu beobachten und richtig zu deuten — dies ist die Vorbedingung für jede Mutter, die ihr Kind erziehen will. Ich will versuchen, die Grundsätze aufzuzählen, die der Mutter helfen können, den rechten Weg zu finden. Die Hauptsache ist: Alle Formen der vernünftigen Betätigung des Kindes zu achten und sie zu verstehen suchen. Der zweite Grundsatz lautet: Den Tätigkeitsdrang des Kindes so weit nur irgend möglich unterstützen, es nicht bedienen, sondern es zur Selbständigkeit erziehen. Der dritte Grundsatz ist: Das Kind ist äußeren Entwicklungen gegenüber viel empfänglicher, al« wir glauben: danach müssen wir unser ganzes Verhalten einrichten. Allen Aeußerungen der kindlichen Seele folgen, das Kind frei zu machen, damit es seine Bedürfnisse zeigen kann, und all« die äußeren Mittel zu gewähren, deren es zu seiner Entwicklung bedarf — das ist die Voraussetzung zu einer freien und harmonischen Entfaltung und Formung der aufkeimenden Kräfte. Gictzener Wochcnmarktpreise. Es kosteten auf dem Wochenmarkt vom Samstag: Butter 160 bis 180, Matte 30 bis 35, Wirsing 8 bi« 10, Weißkraut 6 bis 8, Rotkraut 10 bis 15, gelbe und rote Rüben 10 bis 12, Spinat und Bohnen 15 bis 20. Llnter-Kohlrabi 6 bis 8, Feldsalat 100 bi« 120, Tomaten 10 bis 20, Zwiebeln 10 bi« 12, Meerrettich 50 bis 60, Kürbis 8 bis 10, Kartoffeln 4, Falläpfcl 8 bi« 10, Aepfel 20 bis 35. Dirnen 15 bi« 30, Dörrobst 30 bis 35, Zwet- fchen 20 bis 25, Pfirsiche 40 bis 70, Preißel- bceren 45 bi« 50, Nüsse 50 bis 60, Honig 40 bi« 50, junge Hähne und Suppenhühner 100 bis 110 Pf. da« Pfund: Käse (10 Stück) 60 bis 140 Pfennig: Tauben 50 bis 70, Eier 13 bis 14, Blumenkohl 30 bis 70, Salat 10 bis 15, Salatgurken 10 bis 20, Endivien 10 bis 15, Ober-Kohlrabi 6 biS 8, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 20 Pf. das Stück: Radieschen 10 bis 15 Pfennig das Bund: Kartoffeln 3,20 bis 3,50 der Zentner. Bornotizen. — Tageskalender für Montag. Sarra- fanl: Abschieds-Dorstellung, 7.30 Uhr, Volkshalleplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Prozeß des Hauptmanns Dreyfus". — Astoria-Lichtspiele: .^Zeichen im Sturm" und „Rajah" (das Herz des Maharadscha). — Stadttheater Gießen. Man schreibt uns: Am Mittwoch, 1. Oktober, beginnt die Winterspielzeit 1930/31 mit Zuckmayers Volks- stück: .Schindcrhannes". Das Ensemble bringt dieses Stück als Erstaufführung. Johannes Dückler, genannt der Schinderhannes, hat um die Wende des 18. Jahrhunderts die Rheinland« von Worms bis Koblenz, sowie den Hunsrück mit seinen Räuberbanden unsicher gemacht. Wegen der ihm nachgesagten Milde gegenüber armen Leuten ist er zu einer volkstümlichen Figur geworden. Carl Zuckmayer hat die Geschichte dieses Räubers und feine Moritaten dramatisiert und echtes, lebenswahres Geschehen auf die Bühne gebracht. Die Regie führt Intendant Dr.P rasch selbst. Die Titel- roUe spielt Jochen Hauer. " Ä u s f l u g s r ü ck f a h r k a r t e n der R e i ch s, bahn an Mittwochnachmittagen. Vom 1. Oktober ab werden versuchsweise von der Reichsbahn an Mitwochnachmittagen Rückfahrkarten mit 33jprozentiger Fahrtpreisermäßigung ausgeaeben. Bis auf weiteres werden dazu aufliegende Sonn- tagsrückfahrkarten benutzt. Solche Rückfahrkarten kommen nur von Frankfurt a. M., Hanau, Fulda, Gießen und Offenbach a. M. und nur für die hier bezeichneten Verbindungen zur Ausgabe. Die Karten gelten für die Hinfahrt von 12 Uhr ab; die Rückfahrt muß spätestens bis 24 Uhr angetreten sein. Die Rückfahrt ist nach 24 Uhr ohne Fahrtunter- brechung, bei Zugwechsel mit dem nächsten Eil- oder Personenzug zurückzulegen. ** Malheur am Ludwigsplatz. In der Nacht zum Sonntag richtete ein hiesiger Autobesitzer mit seinem Kraftwagen allerlei Malheur am Lud- wigsplatz an. Als er mit dem Auto aus der Ludwig- straße nach der Gartenstraße einbiegen wollte, verlor er angeblich infolge Nebels die Orientierung und fuhr mit dem Kraftwagen über den Bürgersteig in die Anlagen hinein, wobei das eiserne Spalier zum erheblichen Teile umgedrückt wurde. Beim Zurückstoßen seines Wagens kam der Fahrer im Nebel so weit nach der gegenüberliegenden Seite daß er hier an dem Vorgarten einen erheblichen Teil der Gartenmauer einriß und auch habet das eiserne Spalier umlegte. Die nächtliche Fahrt dürfte unter diesen Umständen wohl etwas kostspielig werden. Außerdem ist die Polizei zur Zeit mit der Untersuchung des Vorfalles beschäftigt. ” M i t dem Motorrad in eine Fuß« gängergrupp« hineingefahren. Ein ernster Derkehrsunsall ereignete sich in der letzten Nacht auf der Straße zwischen Gießen und Klein- Linden. Dort fuhr ein Motorradler mit Beifahrer, der an seiner Maschine kein Licht gehabt haben soll, von rückwärts in eine Gruppe von Fußgängern hinein, die sich, vom Zirkusbesuch in Gießen kommend, auf dem Heimweg nach Klein-Linden befand. Bei dem Zusammenstoß wurde der Lokomotivführer Heinrich Geiß von Klein-Linden so stark von der Maschine zu Boden geworfen, daß er mit Kopfverletzungen und einer Gehirnerschütterung bewußtlos an her Unglücksstelle liegen blieb Der Beifahrer des Motorradlers namens Ludwig Geier von Atzbach erlitt durch Sturz einen Schlüsselbeinbruch und leicht« Gesichtsoerletzungen. Die beiden Verunglückten wurden von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Gießen nach der Chirurgischen Klinik verbracht, wo sich ihr Befinden mittlerweile erfreulicherweise etwas gebessert hat. “ Verbilligtes Frischfleisch f ü t Minderbemittelt«. Das zollfreie Gefrierfleischkontingent ist bekanntlich am 1. Juli in Fortfall gekommen. Mit Rücksicht auf die starken Voreindeckungen dos Handels werden auf Grund der im Gesetz vorgesehenen ^lebergang«srist noch bi« zum 13. Dezember 12 500 Tonnen Gefrierfleisch zur zollfreien Einfuhr zugelassen. Entsprechend einer Erklärung, die der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft bei der Beratung des Gesetzes abgegeben hat, wird die Reichsregierung, nachdem sämtliche beteiligten Kreise gehört sind, vom 1. Oktober an folgende vorläufige Regelung in Kraft fetzen: Die Minderbemittelten in den Gemeinden, denen bisher zollfreies Gefrierfleisch zugetellt war. erhalten künftighin Gutscheine zum verbilligten Bezug von Frischfleisch. Aufgabe der Gemeinden ist eS. den Kreis der wirklich Minderbemittelten festzustellen. Die Verbilligung soll 20 Pf. pro Pfund betragen. Die erforderlichen Geldbeträge werden den Gemeinden von der Reichsregierung übermittelt. Aus aller Welt. Hauptversammlung de» Deutschen kiolonlal-verein». In Euxhaven wurde die 26. Iahres-Hanpt- versammlung des Deutschen Kolonial-Dereins eröffnet, auf der die Frage »Wie kann Deutschland heute noch Kolonialpolitik treiben?“ behcmdelt wurde. Geheimrat Dr. P o n f i« ck erklärt u. a.: Deutschland sei ein übervölkertes Land, ein Volk ohne Raum, und gleichzeitig nicht mehr Herr im ohnehin sehr viel schwacher bewohnten agrarischen Osten Deutschlands. Die Bevölkerung nehme mehr und mehr ab. Schuld daran ftn unsere falsche Wirtschaftspolitik, bie die Landwirtschaft vernachlässige. Wir müßten unsere Kolonien in ileberfee wiederhaben, nicht nur, weil der Raub eine Lüge und ein Unrecht sei, nicht nur, weil wir billige Rohstoffe brauchten, sondern für unsere industrielle und kaufmännische Jugend. Darüber hinaus brauchten wir ein koloniales und wirtschaftliches'AusbreitungsgebietfürSied- l e r. Aber das Material für diese Siedlung könne nur ein gesunder europäischer Volkskörper bilden. Nur auf zwei Pfeilern könne Deutschland- Volks- und Staatskraft gesichert stehen, auf innerer und äußerer Kolonisation. Kurt Woer- m ann (Hamburg) führte u. a. aus: Kolonisati- onspolitik fei die notwendige Ergänzung zu jeder deutschen Revisionspolitik. Den deutschen Osten sichere man nicht durch Geldhilfe, sondern durch Menschen. Die nötige Widerstandskraft gegen den Druck unserer Feinde konnten wir nicht durch ein feiges Geschehenlassen, sondern nur dadurch gewinnen, daß wir die brachliegende Volkskraft zur Verteidigung von deutschem Gut und Boden aufbauten. Mutter und Kind vom Strom getötet. 2lm 23. August brachten wir unter dieser Spitz - marke die Meldung eines Depeschenbureaus, nach der in der Gemeinde Buchelsdorf bei Neustadt (Oberschlesien) ein Knabe, der mit einem Draht spielte, der von einer abgerissenen elektrischen Leitung herabhing, von dem elektrischen Strom getötet worden sei. Auch die Mutter und ein Säugling, den diese auf dem Arm trug, sollten dabei den Tod gesunden haben. Wie uns nun die Direktion des Städtischen Elektrizitätswerkes Gießen mitteill. ging ihr auf ihre Erkundigung bei dem Gemeindevorsteher der Gemeinde Buchelsdorf die Nachricht zu, dah dort von einem derartigen Unfall nichts bekannt fei. Das Auge leidet bei schlechter Beleuchtung. Gutes OSRAM ' OSRAM . OSRAM Die Osram-Verkaufsstellen, das Elektrizitätswerk und sonstige Eiektro-Fachgeschäfte beraten Sie gern kostenlos In allen B e / e u c h t u n g s fr a g e n. b besser derdLbellsplsls beleuchtet Ist; de'^to besser send die Leistungen. Licht am Arbeitsplatz macht sich bezahlt. Je feiner z die Arbeit ist, desto stärker muß die Beleuchtung sein. Die Näharbeit der Hausfrau gehört zu den 'z feinen Arbeiten, bei denen das Auge überanstrengt ’L wird, wenn die Beleuchtung unzureichend ist. *. Helene Chlodwigs Schuld und Sühne. Vornan von Z. Schneider-Foerstl. LIrheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa. 25. Fortsetzung. Nachdruck verboten. Von Monte Pincio herab raste eine Kraftdroschke nach dem Bahnhof und stoppte in verwegener Kurve. Helene sprang leichtfüßig über das Trittbrett und entlohnte den Chauffeur mit einer Zehnlire- Rote. Der Doy des Parkhotels stand am Portal, hatte Handtasche und Koffer bereit und wartete, bis sie das Billett gelöst hatte. Sn den glasüberdachten Halle summte es wie in einem Stock schwärmender Bienen. Sprachidiome aller Länder schwirrten durcheinander, erstickten unter dem Rasseln der großen Gepäckkarren und brandeten nach den Ausgängen, die zu den Zügen führten. Der Boy hatte gerade noch Zeit, das Gepäck im Retz zu verstauen und über das Trittbrett des Abteils zu turnen, als die Räder sich in Bewegung setzten. Helene knüllte einen Schein zusammen, den sie aus dem Fenster^ flattern ließ. Geschickt fingen die braunen Hände des Zungen ihn auf. Er legte die Finger an die Mühe und ließ seine weihen Zähne in der glasigen Helle der Rachmittagssonne blitzen. Da waren die letzten Wagen auch schon an ihm vorübergerollt. Helene empfand es als eine Wohltat, daß sie das Kupee mit niemanden teilen mußte. Das braune Filzhütchen vom Blondhaar nehmend, netzte sie Stirne und Schläfen mit Eau de Cologne, setzte sich in die Ecke und starrte durch den matten Schleier der Spätoktobersonne auf das Gelände, das die Räder des Schnellzuges durcheilten. Gab es denn nichts in der Welt, das sie von den gräßlichen Gedanken erlöste, die sie fortwährend umgaukelten? Fand sich denn kein Fleckchen auf Gottes weiter Erde, das nicht in irgendeiner Form die Züge des unglücklichen Sohnes und das Antlitz Llmberto Petratinis trug? Sie war durch das lebensprühende Rom gehetzt. immer die beiden Gesichter hinter sich f>er, und nun starrten sie ihr aus jenen Ruinen dorb entgegen und schwebten als wesenlose Schemen, über den Tempeln und Grabmälern, die in der schweigenden Landschaft der Campagna zerstreut lagen. In das eintönige Geräusch der Räder kam aus dem Abteil nebenan der singende Tonfall einer Stimme: „Mea culpa, mea culpa — mea maxima culpa! Miserere nobis! De profundis domine!“ Sie riß das Fenster auf und hielt die Hände in den kühlenden Luftzug. Ihre Wangen glühten und ihre Augen suchten sich an den efeuumrankten Steinkolossen festzullammern, die als Reste römischer Gröhe in die Ebene verstreut waren. Lieber die schwarzen Cypressen hinweg, die himmelanstrebend, immerfort nach dem Ewigen zeigten, irrte ihr Blick zu den Bergstädten empor. Vier Stunden fuhr man bis zur Station della Travestare. Zwei weitere waren zu Fuß bis zum Kloster, das da irgendwo auf den Felsen der Sabinerberge thronte. Von drüben kam wieder die singende Stimme: „Omnia mea — misericordta!“ War dieses singende Beten eigens für sie an» gestimmt? Aushören sollte der Mensch, der da mit unwissender Hand die Brandfackel des Wahnsinns in ihr Gehirn warf. Sie wollte ihm sagen, daß er nicht allein war, daß nebenan auch jemand das Recht beanspruchte, ungestört zu sein. Die Finger drückten die Klinke der Verbin- dungstüre herab. Ein Kopf hob sich aus dem schwarzgedeckelten Buche, dessen goldgerandete Blätter in der Sonne spielten und sah nach ihr herüber. „Buona sera!“ sagte die singende Stimme, welche sie an die Grenze des Wahnsinns gebracht hatte. Meliertes Haar war strenge an den Schläfen zurückgestrichen. „Kann ich Ihnen irgendwie dienen, Signora?" Die Frage war berechtigt. Aus ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen. „Warum verleugnest du mich?" Gegen die Türe gelehnt, die leise ins Schloß geschnappt war, sah sie zu ihm hinüber. Verständnislos suchte ein dunkles Augenpaar in den ihren. „Sie sind krank, Signora! — Vielleicht ist es das Fieber! Die Campagna ist zur Zeit schwanger davon und die feuchtkühlen Rächte leisten ihm Vorschub." Das Buch behutsam schließend, griff er in die Tasche seines schwarzen Habits und holte ein Pulver heraus. Einem Fläschchen entnahm er einige Tropfen Wassers, mit dem er eine Oblate feuchtete, auf die er den weihen Staub gab. „Rehmen Sie das, Signora! Man muß einander helfen, so gut es geht. Der verdorbene, zu sehr erhitzende Wein in Rom bereitet den Boden für mancherlei Krankheit. Die Spitäler sind voll. Es ist nur vernünftig, sich in die Berge zu flüchten." Sie regte sich nicht, sah eine weihe Hand sich ihrem Munde nähern und öffnete die Lippen. Ihre Linke hob sich in halber Lähmung, hielt seine Rechte fest und neigte die Stirne darüber. Ein nadelstichfeines Zucken ging durch seinen Körper. „Sie sollten sich legen, Signora! Das Pulver hat sonst nur die halbe Wirkung. Vielleicht versuchen Sie auch zu schlafen. Wie weit gedenken Sie noch zu fahren?" „Bis Sankta della Travestare!" „Bis della Travestare. Also eineinhalb Stunden noch. Das ist noch genügend Zeit zum Ruhen. — Buona sera!“ Er trat an das Fenster und nahm das Buch wieder auf, das er in die roten Polster gelegt hatte. Als er sie noch immer an die Tür gelehnt sah, klemmte er die Finger zwischen die Blätter und sah sie über die Schulter hinweg stumm mahnend an. Ihre Hand tastete nach der Klinke. Er schüttelte den Kopf und wandte den Blick erst, als das Schloß in die Oese klappte. Mit einem tonlosen Laut sank sie in die Ecke ihres Abteils und grub das Gesicht in die Arme. Konnten sechzehn Iahre der Trennung wirklich jedes Gefühl erlöschen? — So endgültig lösen, wie es der Mann da drüben soeben gezeigt hatte? „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa." Sie steckte die Finger in die Ohren, um es nicht mehr zu hören, nahm sie nach einer Weile heraus und horchte wieder. Aber es war alles still. Sie preßte das Gesicht an die Türe und lauschte mit ongehaltenem Atem. Richts, als das Hasten der Räder und das Rauschen ihres Blutes tönte in die Minuten hilflosester Einsamkeit. * * * Blau wölbte sich das Firmament über den Bergen, die immer bedrohlicher gegeneinander rückten, wie Rivalen, die sich den Fluh streitig machten, der zwischen den steilen Wänden hereinbrechend, der Rächt entgegendonnerte. Helene hatte an der kleinen Station ein Glas Wein getrunken und wagte nicht, ihren Durst an dem Wasser zu löschen, das in der schmutzigen Osteria in einem zerbrochenen Henkelkruge stand. Es war unrein und von ekelerregender Färbung. Sie fühlte die Zunge am Gaumen kleben und zog doch die Finger zurück, als sie nach dem Gefäße griffen. Der brennende Durst mußte ertragen werden. Ertragen, wie alles andere! Beim Aussteigen hatte sie sofort nach dem schwarzen Habit Umschau gehalten. Aber sie war die einzige gewesen, die den Zug verlassen hatte. War er nicht mehr in Sankta della Travestare? — War er es überhaupt nicht gewesen und hatten ihre Sinne sie derart genarrt, daß sie einen völlig Fremden für den Mann hielt, dem sie einmal zu eigen gewesen war? „Sie sollten heute nicht mehr nach dem Kloster hinaufsteigen" mahnte die schlampige Wirtin. „Signora werden im Freien nächtigen müssen. Die Mönche gewähren kein Obdach. Und wenn — dann nur Männern." „Gibt es denn keinen Schuppen dort, keine Hütte, die Unterschlupf gewährt?" „Richts", warnte die singende Stimme, „und die Rächte sind kalt! Und das Fieber will verhütet sein, wie ein Brand, sonst ist es nimmer zu löschen!" „Habe ich das Fieber?" Helene verspürte plötzlich, daß ihre Finger glühten, daß Frost durch die Adern schauerte und rings um sie ein Flimmern und Flirren war. „Signora sollten bleiben", mahnte das Weib jetzt wieder. „Morgen gehen die Maulesel mit Kisten und Fässern beladen nach Travestare hinauf. Da findet sich dann wohl ein Tier, das weniger bepackt ist und Sie mit auf den Rücken nimmt." Helene sah über die Warnerin hinweg. „Wundertätig soll das Madonnenbild von della Travestare sein — und die Mönche Heilige —" Die Wirtin bekreuzte sich und bestätigte das Gesagte. „Sie tragen ihre Anliegen aus allen Ländern der Erde hinauf nach della Travestare — und die Madonna hört sie. Alles hört die Madonna. — Und die Mönche sind verschwiegen!" Sie hielt inne und glaubte zu wissen, daß etwas fürchterlich Schweres die schöne Fremde aus der Ferne hierher in dir Wildnis der Sabinerberg« getrieben hatte. Da war es freilich das einzig Richtige, den Gang nicht aufzuschieben. „Ich gebe Ihnen Peppo mit, den Iungen, der unsere Ziegen betreut", sagte sie mitleidig. „Sie geben ihm fünf Lire und er ist zufrieden. Er kennt den Weg besser als die Maultiere und weiß selbst auf der schwierigsten Stelle noch einen Fleck, wo die Füße zu stehen kommen. Es ist nicht ungefährlich, bei Nacht nach Sankta Travestare hinaufzusteigem" Helene nickte zustimmend. Sie legte einen Schein auf die schmierige Tischplatte und zog erschreckt die Hand zurück, als die schwarze Decke sich plötzlich als ein ungeheurer Fliegenschwarm nach allen Seiten auseinanderteilte, um sich schon in der nächsten Minute wiederum an der gleichen Stelle niederzulassen. Als sie aus der Schänke traten, kauerte eine Gestalt auf der untersten Stufe und schnitzte an einer Pfeife. Die Wirtin rief dem Iungen etwas zu. Er klappte sofort das Messer zusntvgten und ließ es in die Tasche gleiten. „Ecco, Signora!“ „Zwei Stunden?" sagte Helene und fühlte, wie zwischen glühender Hitze ein prickelndes Frösteln durch ihren Körper rann. „Zwei Stunden. — Soll ich die Signora auch wieder zurückbringen?" Sie verneinte. Er sah verwundert zu ihr auf. Ihre nordische Schönheit schien seine Sinne zu erregen. „Die Mönche auf Sankta Travestare geben kein Rachtquartier." „Vielleicht doch", sagte sie hartnäckig. „Niente, Signora", wehrte er ernsthaft, zuckt« die Achseln und streckte die Hand aus. „Va bene!“ Ein kindhaftes Lächeln verschönte das eckige Iungengesicht mit den etwas stark aufgeworfenen Lippen. Gehorsam trottete er ihr voran und sah öfters nach rückwärts, ob sie ihm auch zu folgen! vermöchte. Seine Schritte griffen weit aus, daß es sie Mühe kostete, mitzukommen. Rach einer Viertelstunde lag die Station hinter ihnen. Ie höher sie stiegen, desto mehr schnitt die Kälte der Luft durch den leichten Mantel, der nicht genügend Schutz gab. Mit steifen Fingern hielt sie ihn übereinandergezogen. Die Füße fielen schwer auf den steinigen Weg und schienen mit jeoer Minute mehr zu entkräften. „Roch eine Stunde, Signora!" Der Iunge hockte sich an den Rand des schmalen Steiges unÄ rastete. Unten schäumte das Wasser des Flusses dahin. Sein Rauschen und Gischten hörte sich jetzt an wie mühsam gebändigter Zorn. Helene stützte sich gegen die Wand, welche die Bergseite bildete und sah über das Steingewirr, das sich in urweltlichem Chaos den steilen Hang hinaufzog. „Geht es auf dieser Straße hier weiter, Peppo?" „Si, 8i, Signora! — Immer hinauf! Immer zu! Unten das Wasser! Oben die Wand! Cs ist nicht zu fehlen!" (Fortsetzung folgt.) IL 6408 C 9 Das Herz des Maharadscha Ein indischer Sensations- und Abenteurerfilm. Astoria-Lichtspiele Ab heute bis einschließlich Mittwoch: i. Doppel-Programm Lillian Rich John Stuart Zeichen im Sturm Ein Schiffsdrama von ungeheurer Wucht und Spannung. Bilanz per 31. Dezember 1929. Aktiva. SUt Kassa-Konto........ 25.85 Bank-Konto........ 27 380.00 Wohnhäuser u. Neu- Bamen...........417518.19 Bauplätze ...... 22095.00 Beteiligungen...... 60.0J 467 079 04 Passiva. 9Mt Darlehen-Konto . .. 278472.68 Hyvoiheken-Konto.. 61320.00 Restkausgeld-Konto • 7800.00 Geschastsanteil-Konto 9 900 15 Reservefonds-Konto 2510.00 Lautende Wechsel... 104 900.00 Vortrag........■■■■ 2 176,21 467 079.04 Mitgliederbewcgung im Jabre 1929. Die Gesamtzahl der Mitglieder betrug am Ende 1929 .........._33 Die Haftsumme beträgt Ende des Jahres 1929... JUl 3300ÖÖÖ Am Beginn des Jahres 1929..................... Ji.1t >5 ootiöö Gießen, den 23. Juli 1930. (Siegener HJotmnngsbon-tgenonenhliaU Der Vorstand: 6636 u Phiilvv Ntcolaus. Adolf Schmidt. Nritz Jung. la See- und Flußfische ff. Fisch-Filets Fischhaus Cuxhaven Uarklstr. 23 6078a Tel. 2417 Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde Obborn- Hofen für 1930 Rj. liegt vom 30. September 1930 bis 6. Oktober 1930 auf der Bürgermeisterei jur Einsicht der Beteiligten offen. Während der Osfenlegungsfrist können bei dem Bürgermeister schriftlich oder zu Protokoll gegen seinen Inhalt Einwendungen erhoben werden. Es ist eine Umlage beschlossen worden, zu der auch die Ausmärker beizutragen haben. 6639D Obbornhofen, den 28. September 1930. Hessische Bürgermeisterei Obbornhofen. __________Philippi.__________ Wirksame Werbe-Drucksachen liefert die Brühl'sche Druckerei In den städl. Neubauten in der Ltcher Strane ist zum 1. Oktob. d. I. eine Wohnung besteh aus 6 Zimmern. Bad. Balkons, Zentralheizung und Zubeb., z. vermieten. Bewerbungen sind bei d. städt. Haus- verwaltg., Lontz- strake 2 I, etnzu- retchen. 66170 Geräumige sonniges möbliertes motjn u. SdjiafM mit anschlienendem Toilettenzim„ flieh. Wasser, in ruh. bess. Hause, nut sep.Eing., an Dauermieier ob. ktnderl. Eheoaar zu verm. 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