Nr. 200 Erster Blatt 180. Jahrgang Donnerstag, 28. August 1950 GietzenerAnzeiger 2.20 Xeid)smarl 30 General-Anzeiger für Oberheffen Äeid)spfen kann. Me Vereinigten Staaten, Großbritannien und Italien haben deutsche Militärattaches zu ihren Ma növern zugezogen. Daraufhin sind die Militärattaches dieser Staaten zu den deutschen Manövern eingeladen toorben. Frankreich, Belgien und Polen haben dies noch nicht getan. Da tßre Manöver unmittelbar bcvor- stehen, können Offiziere dieser Armeen für trief eS 3a£r auch nicht zu den deutschen Manövern zugelassen werden. Neue Giedlungspläne. Begünstigung von Landarbeitersiedlungcn. 3m Rahmen der letzten Besprechungen des Rerchskabinetts Hut man nicht nur reine Finanzfragen behandelt, sondern unter einer Reihe anderer Probleme auch die Frage der Siedlung berührt. Dabei ist man von dem Grundgedanken ausgegangen, ob gegenüber dem bisherigen Zustand Möglichkeiten bestehen, die für die Siedlung aufgewandten Gelder noch wirkungsvoller anzuwenden. Wie wir von gut unterrichteter Seite hören, hat der Reichsernäh- rungsminister Schiele den Vorschlag stark unterstützt, die Landarbeitersiedlung mehr als bisher auszubauen. Man glaubt, daß mit einer gut geleiteten Landarbeitersiedlung bei wesentlich geringerem finanziellen Aufwand mit der Zeit schließlich doch ähnliche Ergebnisse zu erzielen sein werden, wie mit der eigentlichen Bauernsiedlung, da die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß unter einigermaßen günstigen Umständen und bei tüchtigen Kräften die angesiedelten Landarbeiter sich langsam zu Kleinbauern entwickeln. Sie haben die Tendenz, ihren Besitz ständig zu vergrößern, zu der einen Kuh sich eine zweite zu erwerben und so langsam zu schollenverbundenen Selbstversorgern zu werden. Da für eine Bauernsiedlung mit 2 Pferden und 15 Hektar insgesamt nahezu 40 000 Mark aufgewendet werden müssen, — das Inventar beträgt allein 5 bis 6000 Mark, — für eine Landarbeiterstelle von sechs bis acht Hektar aber nur rund 13 000 Mark, so könnte theoretisch mit dem gleichen Geld einer wesentlich gröberen Zahl von Landarbeitern zu Grund und Boden verhalfen werden. Der ganze Fragenkomplex konnte noch keiner endgültigen Klärung zugeführt werden. Ungelöst ist vor allem noch die Art der Finanzierung d. h. inwieweit man bereit wäre, verlorene Darlehen zu geben, und auf wie lange Zeit. Hierbei handelt es sich aber mehr um Detailfragen, die auf Grund der bisherigen Erfahrungen keine prinzipiellen Schwierigkeiten machen dürften. Zunahme -er landwirtschaftlichen Zwangsversteigerungen. Das erste Vierteljahr 1930 hat ein betrübliches weiteres Ansteigen der landwirtschaftlichen Zwangsversteigerungen gebracht. Es kamen im Deutschen Reich mit Ausnahme von Bayern und Baden insgesamt 37 512 Hektar im Zwangswege zur Versteigerung, womit die höchste Zahl seit der Währungsstabilisierung erreicht worden ist. Auch die sehr hohen Ziffern des dritten Vierteljahrs von 1929 sind damit übertroffen worden, und im ganzen ergibt sich das Bild eines unaufhörlichen Ansteigens der Verstcigerungsziffern. 3n dem Zeitraum vom 1. April 1929 bis 31. März 1930 ist nach Feststellungen des Instituts für Konjunkturforschung gegenüber dem Vorjah. eine Zunahme der zur Versteigerung gelangten Fläche von Grundstücken über 2 Hektar um 1 35,5 Prozent zu beobachten. _ Es scheint, daß die Zunahme vor allem die größeren Güter betrifft, aber auch schon mittlere Betriebe werden betroffen. Die Regierungsttisis in Sayern. Die Sozialdemokraten nehmen den Auftrag zur Regierungsbildung an. München, 27. Aug. (WTD.) Die sozialdemokratische Fraktion hat den Auftrag zur Bildung der neuen bayerischen Regierung an« -genommen. In einem Schreiben an den Landtagspräfidenten erklärte sich die Fraktion Bereit, den der Stärke der Fraktion entsprechenden Teil der Verantwortung in der Führung der Staatsgeschäfte zu übernehmen. Sie hätte seit Jahren mit größtem Rachdruck auf die verhängnisvollen Folgen der Fehlbeträge im Staatshaushalt der letzten Jahre hingewiesen. Die durch die jahrelangen schweren Versäumnisse entstandenen Fehlbeträge des Staatshaushaltes könnten nicht in einem Jahre beseitigt werden. Als Mittel für die Ausgleichung des Haushalts seien die Vereinfachung und Verbilligung der Staatsverwaltung sowie weitere Kürzungen im Staatshaushalt geeignet. In dem Entschluß, den Auftrag zur Regierungsbildung anzunehmen, seien die Sozialdemokraten bestärkt worden durch die Rotwendigkeit, durch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm dem notleidenden Volke und der Wirtschaft zu Hilfe zu kommen. Da die Sozialdemokraten im ßanötage über keine Mehrheit verfügen, ersuchen sie den Präsidenten des Landtages, ihre Stellungnahme den Fraktionen der Bayerischen Volks- Partei, des Bauernbundes und der Deutschen Dolkspartei zur Kenntnis zu bringen. Zu diesem Briefe bemerkt die „Bayerische Volkspartei-Correspondenz", die Sozialdemokraten wollten also selbst mit keiner Fraktion direkt in Fühlung treten, sondern den Landtagsprä- sidenten als Mittelsmann in Anspruch nehmen. Rätselhaft sei, wie nach den bestimmten wiederholten Verlautbarungen die Bayerische Volks- partei als eine der Parteien genannt werden könne, die für die Regierungsbildung in Betracht komme. Neuer Kommunalskandal in Berlin. Berlin, 28.Aug. (WTB.) Bei der Berliner Staatsanwaltschaft ist eine Strafanzeige eingegan- aen, in der behauptet wird, daß d i e S t a d t B e r - l i n den jetzigen Besitzern des durch seine Baufälligkeit wertlosen Grundstücks H e b e l st r a ß e 19, das diese bei der Zwangsversteigerung für 70 000 Mark erworben haben, bisher zu Renovie- rungszweckenmehralseinehalbeMil- lion zur Verfügung gestellt hat und daß weiter dieselben Leute zur Bebauung eines anderen für 170 000 Mark angekauften Charlottenburger Geländes aus öffentlichen Mitte l n 1 500 000 Mark zugeschanzt erhalten baden. Die beiden Eigentümer ließen dann auch sowohl auf dem Grundstück Hebelstraße 19 wie auf dem anderen Gelände Bauarbeiten durchführen, fanden aber für die von der Stadt erhaltenen zwei Mil- Honen anderweitige Verwendung, bezahlten die Lieferanten, Handwerker und Arbeiter nicht, so daß jetzt von den Geschädigten Strafanzeige erstattet wurde. Oie Parteien im Wahlkamps. Wahlreden. Graf Westarp für -ie Konservative Volkspartei. In einer Gründungsversammlung der Konservativen Volrspartei in Chemnitz führte Graf Westarp u. a. folgendes aus: Die im Volke lebendigen konservativen Kräfte seien infolge fehlerhafter Führung bisher abseits gehalten und ihres Einflusses beraubt worden, während doch ohne ihren vollen Einsatz die Katastrophe nicht abgewendet und die Staatsautorität nicht wieder hergestellt werden könne. Der neue Reichstag werde sich mit der Sicherung und dem weileren Ausbau eines Reformprogrammes zu befassen haben, das durch die große Rotverordnung des Reichspräsidenten bereits begonnen worden sei. Man habe den Führern der Konservativen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei und der Wirtschaftspartei einen Vorwurf daraus gemacht, daß sie das Programm als „Hindenburg-Programm" bezeichnet hätten. Es handele sich dabei um die Frage, ob es politisch richtig sei, die Politik der Rotverordnung zu bekämpfen. Die Tatsache, daß es sich dabei um eine Politik des von der Rechten gewählten Reichspräsidenten vonHin- d e n b u r g in ganz besonderem Sinne handele, könne nicht bestritten werden. In seinen Kund- gebi ngen vom März d. I. habe der Reichspräsident ausdrücklich die Rettung der Landwirtschaft und des Ostens als sein persönliches Programm gefordert. Es sei daher keine unzulässige Hereinziehung der Person des Reichspräsidenten in den Wahlkampf, sondern lediglich die Feststellung einer historischen Tatsache, wenn man darauf Hinweise, daß der Reichspräsident die Initiative zu dem in der Rotverordnung begonnenen Reformwerk ergriffen habe. Die Konservative Volkspartei sei entschlossen, Öen Reichspräsidenten hierbei zu unter st ützen. Minister Dietrich für die Deutsche Gtaatspartei. In Stettin sprach für die Deutsche Staats- Partei Reichsfinanzminister Dietrich. Der Mi- nister erklärte, auch der neue Reichstag könne die Notverordnung nicht aufheben, ohne das Staatsganze zu gefährden. Als Ursache der Notverordnung sehe er das mangelnde Verantwortung s b e w u ß t s e i n des letzten Reichstages. Der Minister forderte die Schaffung klarer | Verhältnisse zwischen dem Reichsetat und der Arbeitslosenfürsorge. Als einziges Mittel wirksamer Abhilfe bezeichnete der Minister die Wiederbelebung der Wirtschaft. Er beabsichtige daher auch nicht die Schaffung neuer Steuern, weil die Wirtschaft sie nicht mehr tragen könne. Dem deutschen Volke fehle noch der Staats- geist, aus diesem Mangel sei die jetzige Krise und als weitere Folge die Gründung der Deutschen Staatspartei entstanden. D. Mumm für den Christlich-sozialen Volksdienst. In Görlitz sprach der Führer des Christlich, sozialen Volksdienstes, Reichstagsabgeordneter D.Lic. Mumm. Zwei Fünftel der Abgeordneten des letzten Reichstags hätten keine Beziehungen mehr zu den christlichen Kirchen gehabt. Die Nichtbeteiligung bei den Wahlen fei einer der größten Sünden. Bei 90 vH. protestantischer Bevölkerung und trotz des Entscheids bei den Elternbeiratswahlen habe Sachsen seit über zehn Jahren nicht eine evangelische Bekenntnisschule. Das sei eine Mißachtung der Verfassung. Der Redner wandte sich gegen den Pessimismus und erklärt, das deutsche Volk habe noch große Aufgaben zu erfüllen. Eine individuelle Aufwertung hätte furchtbare Folgen gehabt, und sei^ darum nicht möglich gewesen. Die Leute, die immer nur an ihr eigenes verlorenes Vermögen dächten, müsse man bemitleiden. Die Deutsche Bauernpartei in Hessen-Nassau. WER. Kassel, 27. Aug. Die bisher nur in Bayern zur Geltung gekommene Deutsche Bauernpartei beabsichtigt jetzt auch in Hes- sen-Rassau in den Wahlkampf einzutreten und hat bereits eine eigene Liste aufgestellt. An der Spitze dieser Liste steht der Bürgermeister von Oberellenbach im Kreise Rotenburg, Cornelius Trieschrnann, der als demokratischer Abgeordneter der Rationalver- sammlung angehörte, ferner Landwirt und Kreistagsabgeordneter Rau aus dem Kreise Marburg sowie der bisherige Reichstagsabgeordnetei der Deutschen Bauernpartei, A. Hillebrand. — In den Richtlinien wird u. a. als einzige Steuer für die Landwirtschaft eine einheitliche Flächen st euer verlangt, ferner die Offenlegung der Steuerlisten, die Heraufsetzung des Wahlalters auf 25 Jahre und eine Reichsinvalidenkarte für alle Deutschen unter gleichzeitiger Abschaffung der Deamtenpensions- rechte. Oer Altonaer Bombenlegerprozeß Altona, 27. Aug. (Tel.-Än.) Bei Beginn der Mittwochverhandlung im Bombenleger-Prozeh fehlten fünf Angeklagte. Es wurde beschlossen, in Abwesenheit dieser Angeklagten zu verhandeln. Rechtsanwalt Dr. $raf von der Golz erklärte, Dolck volle eine Aussage machen, ohne die anderen zu belasten und ohne Ramen zu nennen. Er sei 1927 auf einer vaterländischen Vortragsreise nach Holstein gekommen und später lange Monate dort tätig gewesen. Bei dieser Gelegenheit have er auch mit den Trägern der Landvolkbewegung Verbindung bekommen. Das Ziel dieser Bewegung sei die innere und äußere Befreiung Deutschlands. Der Steuerbolschewismus richte den Bauernstand, die Altquelle des Volkes, zugrunde. Mit gesetzlichen Mitteln habe sich eine Befreiung nicht mehr durchführen lassen. In Abwehr kommunistischer Gefahren, die nicht gering waren, sei die Wachvereinigung für Stadt und Land entstanden, in der sich deutsche Männer überparteilich zusammengefunden hätten. Da die Unzufriedenheit immer mehr gewachsen sei, hätten sich auch die Bauern gegen die sogenannte kalte Enteignung gesträubt. Hunderte von Höfen seien gepfändet worden. Run habe es gegolten, die Scholle zu verteidigen. In Beidenfleht habe sich der Volkswille ganz spontan aufgelehnt und es sei der Sah geprägt worden: „Unser Weg zur Freiheit geht durch die Gesängnisse." Die Kampfer seien reine Idealisten. Alle hätten aufgerüttelt werden müssen und daher sei der Gedanke entstanden, demonstrative Akte zu veranstalten. Er, Volck, habe sich dafür sofort zur Verfügung gestellt und die Knallpakete an bestimmte Orte bringen lassen. Heber ihre Zahl verweigert er die Auskunft. Gebäudeschäden wurden nicht angerichtet, Menschenleben nicht gefährdet. Sodann sei beschlossen worden, verschärfte Demonstrationen auch in anderen Gegenden Deutschlands zu veranstalten. Man wünschte, die völkische Studentenschaft in die Bewegung hineinzuziehen. Man ist auch an den Alldeutschen Verband und Iustizrat Claß herangetveten, das Unternehmen, das damals noch geheimgehalten wurde, zu finanzieren. Die Verhandlungen scheiterten ebenso wie die mit Kapitän Ehrhardt an den Forderungen Heims, der allein 100 000 Mark verlangte, während Volck 80 000 Mark erhalten sollte. Ein Versuch Heims, mit Hugenberg in Verbindung zu kommen, ist gleichfalls gescheitert. Infolge der Warnung eines Hamburger Astrologen, der Gefangenschaft oder Exil für den Urheber der Anschläge fürchtete, ging Volck ins Ausland. Hamkens und Salomon will Dolck erst nach Ausführung der Anschläge kennen- yelernt haben. Er fuhr über München und Kufstein nach San Remo, Monte Carlo und Locarno. Als er von den Verhaftungen in Deutschland hörte, wechselte er fortwährend seinen Aufenthalt, bis er es Anfang Rovember für besser hielt, zurückzukehren, worauf dann seine Verhaftung erfolgte. Rechtsanwalt Block bittet Volck zu fragen, ob ihm als alten Soldaten bekannt war, daß Handgranaten, wie sie in Wesselburen verwendet wurden, nach zehnjährigem Lagern gar n i ch t m e h r gebrauchsfähig sein konnten. Volck bejaht dies. Der Vorsitzende fragt, wie er denn mit solchen Dingen habe demonstrieren wollen. Dolck wendete sich achselzuckend ab. Der Skandal wurde bekannt durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Architekten Arthur Wagner und Ernst S ch a l d a ch, der Eigentümer des baufälligen Hauses Hebelstraße 19 und eines Gcbäudekomplexes in der Wernigeroder Straße ist. Von den Gläubigern Schaldachs wird behauptet, daß es Schaldach nur dadurch gelungen wäre, so erhebliche Schulden aufzuhäufen, weil bei seinen Unternehmungen städtische Beamte angeblich ehrenamtlich beschäftigt gewesen wären. Das Nachrichtenamt der Stadt Berlin hat mitge- teilt, daß Schaldach aus öffentlichen Mitteln tat- ächlich 1 472 300 Mark für die Wohnungsbauten n der Wernigeroder Straße und Wagner außerdem 342 000 Mark für die Instandsetzung des Gebäudes in der Hebelstraße erhalten hätten. Einzelne Lieferanten sind in verzweifelte Lage geraten. Die Lieferanten dürften leer ausgehen, während die Stadt vielleicht einen Teil ihres Geldes retten kann. Der Handelsvertrag mit Finnland. Wie wir aus gutunterrichteten Kreisen der Wirtschaft hören, hat der Kampf um den Finnland-Vertrag sein entscheidendes Stadium erreicht. Die Situation wird dadurch erschwert, daß bei den jetzigen Verhandlungen Deutschland nicht in der Lage ist, so große Angebote zu machen, wie seinerzeit bei den Privatabkommen, wo es sich um die Hereinnahme eines Butterkontingentes von 7000 Tonnen handelte, &a man bei dem jetzigen Vertragsabschluß auf öcr Ebene der Meistbegünstigung verhandeln muß. Hinzu kommt noch, daß rein taktisch gesehen die deutsche Situation dadurch erschwert ist, daß wir einen beträchtlichen Aus- uhrüberschuß im Handel mit Finnland haben. So sind im ersten Halbjahr 1930 für etwa 66 Millionen Mark deutsche Waren nach Finn- ^"^Wangen gegen eine Einfuhr von nur 31 Millionen Mark für finnische Waren. Die Verhandlungen dürften in den allernächsten Tagen geklärt sein, da für die Finnen jetzt eine ganz eindeutige Situation geschaffen ist. Aus aller Wett. Falschspieler. Von der Plauener Kriminalpolizei wurden der Ingenieur Schmidt und seine Frau festgenommen, als sie von einer Badereise aus Zoppot zurück- kehrten. Das 'Ehepaar hatte im dortigen Spiel- kasrno durch Verwendung falscher Marken 18 000 Danziger Gulden erschwindelt. Es gelang, die Personalien der beiden Betrüger festzustellen, so daß sie in Plauen von der Polizei sofort in Empfang genommen werden konnten. Schwindel mit einer Millionen-Erbschoft. Seit einiger Zeit traten in Breslau zwei Frauen als Erbinnen einer 200-Mil- lionen-Erbschaft auf, und haben auf Grund dieser angeblichen Erbschaftsaussicht Waren und Darlehen für bisher etwa eine Million erhal en. Die be den „Erbinnen" behaupten, Rachkommen eines in der schlesischen Ortschaft Dietz- dorf geborenen und in Riederländisch-Indien verstorbenen Kapitäns Bensch zu fein, der ein Vermögen von sieben Millionen Dollar, drei Tonnen Gold, mehrere Plantagen usw. hinterlassen haben sollte. Sie kauften u. a. von einem holländischen Konsul, der von ihren Ansprüchen überzeugt war, seine Breslauer Villa für eine halbe Million, gestatteten ihm aber auf Lebenszeit in derselben zu wohnen. Die beiden Frauen arbeiteten zusammen mit mehreren Helfershelfern, auch in der Weise, daß sie Anteilscheine auf die zukünftige Erbschaft ausgaben, mit denen in Breslauer Lokalen ein schwunghafter Handel getrieben wurde. Als die Staatsanwaltschaft schließlich beim Auswärtigen Amt anfragte, stellte sich der Schwindel heraus. 1 Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft wurden die „Erbinnen", Frau Schneider und Frau Hartmann, in Untersuchungshaft genommen. Bei der ersten Vernehmung machte Frau Hartmann Angaben, die das stärkste Bedenken gegen ihre geistige Zurechnungsfähigkeit auf- kommen lassen. Ein Kindermörder. Am 4. August fand man in Wesermünde- Lehe in einem Kornfeld ein fünfjähriges Mädchen halbtot auf, an dem ein grauenhaftes Sittlichkeitsverbrechen verübt worden war. Unter ganz gleichen Umständen ist dann in Bremerhaven während des Freimarktes ein siebenjähriges Mädchen verschwunden und trotz fieberhafter Suche nicht gefunden worden. Wohl aber haben sich Zeugen gemeldet, die beobachteten, wie ein genau beschriebener Mann das Kind mit nach Wesermünde nahm. Dieser Mann ist nun anscheinend in der Person des Maurers Künne aus Wesermünde verhaftet worden. Mehrere Leute wollen ihn einwandfrei wiedererkannt haben. Er ist bereits zweimal in einer Irrenanstalt untergebracht gewesen, einmal davon wegen eines Sittlichkeitsverdrochens. Don dem blauen Anzüge, den er am Tage eines vermutlichen Verbrechens anhatte, fehlte die blaue Hose. Run entdeckte man auch auf einem Lagerplätze, den K. gepachtet hatte, diese Hose, die mit Blut bedeckt war, und außerdem auch blutige Unterwäsche. Künne erkannte im Polizeigefängms diese Kleidungsstücke als sein Eigentum an. In seiner Wohnung wurden inzwischen verschiedene Briefe und Schriftstücke aufgefunden, aus denen hervorgeht, daß Künne der Verfasser von anonymen Zuschriften war, in denen die Polizei nach Düsseldorfer Vorbild verhöhnt wurde. Künne leugnet jede Schuld. Wieder zehn russische Silberaufkäufer hingerichlet. Zehn Aufkäufer und Hehler großer Silbermünzenbeträge, die sich auch aktiv mit der Verbreitung konterrevolutionärer Gerüchte befaßt haben sollen, wurden von der staatlichen politischen Verwaltung zum Tode verurteilt. Das Urteil ist bereits voll- st r e ck t worden. Verhängnisvoller Irrtum. In Rorton (Virginia) wollte die Leitung einer Pulverfabrik 40 Kisten Explosivstoffe, die sie für unbrauchbar geworden hielt, verbrennen. Es erfolgte eine furchtbare Explosion, die in einer nahegelegenen Ortschaft vier Häuser zerstörte und in einer eine Meile weit entfernten Schule sämtliche Kinder von ihren Sitzen warf. Zahlreiche Personen wurden verletzt. Die Erschütterung war in weitester Umgebung zu verspüren: man dachte allgemein an ein Erdbeben. Giftgaskatastrophe. In Denver (Kolorado) wurde ein mit 110 Tonnen flüssigem Chlorin beladener Tankwagen vor einer Fabrikanlage für feuerfeste Tonprvdukte leck. entwickelten sich sofort gelbe Schwaden von Chlordämpfen. 26 Personen, darunter mehrere Feuerwehrleute, mußten in bedenklichem Zustande gasvergiftet ins Krankenhaus gebracht werden. 70 Opfer des Lübecker Kindersterbens. Durch zwei neue Todesfälle hat sich die Zahl der Todesopfer der mit dem Calmette-Echutz- präparat gefütterten Lübecker Säuglinge auf 70 erhöht. Krank find noch 50 Kinder. Die Wetterlage. en x 46, nomog. 46- Bost -46-, ^46 wil öl»® o © woixentos. o neue», q nath oeoecn » wonug. ®oeoecm • Kegen * Schnee et Graupein ■ «eoei K Gewitter ©windstille. eO-» mW •elchter Ost y massige» Suasüdwcsi Q stürmische» nordwesl Ole Pfeile fliegen mit dem winde Oie oeinen Stationen stenenoen za* len gehen die Temperatur an. Die Linien verbinden Orte mit gleiche® sEs MjÄ SS. ttibailk Ä'5 iplili U N UV die Idyll Locb- dlung KeiBner, »*“01 Gießen 3616. UM irr Wrtrtft 29tt DlltelK £tWnL75 Landbrot Magens c»urmE w-Ä0, U"d 0.75 Wr% 1.00 u. 0.6" Steinhäger c-bt-r Ifg •PÄTU Divurfl £ *** Nr. 200 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 28. August 1950 Abrakadabra. Von Karl Sehern. 3d) traf meinen Freund Theodor im Anfang de« Sommers auf der Ringstraße. Er war von Aatur fröhlich. aber diesmal strahlte er. .Der Hofrat hat mich für drei Wochen eingeladen!" sagte er mir 3d) wünschte ihm Glück, er erzählte mir noch von der juristischen Abhandlung, an der er arbeitete und von der er sich viel versprach dann trennten wir uns 3m August traf ich ihn wieder, und auf meine Frage, wie ihm der Lommerausenthalt bekommen, erzählte er mir, daß eS in den Bergen sehr schön gewesen, aber auch schwierige Augenblicke gegeben hatte. Der Hofrat war lebhaft und geistreich, dazu cm leidenschaftlicher 3äger, und roenn Theodor auch nicht jagte, so war es doch reizvoll, mit dem Gutsherrn durch die Landschaft zu geben und sich ihr geheimes Leben deuten zu lassen, das nur der 3äger sieht. Des Abends in der Billa wurden besondere Weine aus des Hofrats Keller versucht und über Politik oder Literatur gesprochen oder Anekdoten erzählt. Der Aachteil war, daß eS den Hosrat nie lange zu Hause litt, und er auch diesmal nach wenigen Tagen verreiste. Seine Töchter waren noch zu klein, als das, Theodor sich viel mit ihnen hatte abgeben mögen, und Gesvrache mit der Hosrätin langweilten ihn. Er hätte spazieren gehen oder sich in die herrliche Bibliothek des Hofrats vertiefen können, wenn die Hosrätin sich nicht gleichfalls gelangweilt und feine Gesellschaft in Anspruch genommen hätte Sie war schwerhörig, man muhte schreien, um sich ihr verständlich zu machen, und Theodor liebte cs nicht, sich anzustrengen. Zum Glück war sic gewohnt, die andern nicht zu verstehen und legte mehr Wert daraus, selber zu reden. So fand er den glückli>chen Ausweg, die Dame sprechen zu lassen und während sie redete, seinen Gedanken nachzuhängen, und nur wenn sie eine Pause machte, irgend etwas zu sagen, wie .3a, heute ist's schön", oder .es ist vier Ühr" oder .Morgen ist Sonntag, gnädige Frau", — sie nahm das immer für eine zustimmende und passende Antwort und redete weiter. Bald aber fand er. dah auch diese Aeuherungen eine zu große geistige Anstrengung erforderten und ihn in seinen Gedankengängen störten, und so sagte er von nun an, üxnn sie innehielt, nur noch das eine immer gleiche Wort .Abrakadabra", daS er mechanisch sogen konnte. Sie gingen nebeneinander her, die Hosrätin sprach und sprach, und die Unterhaltung wurde durch die uralte Zauberformel trefflich in Gang gehalten. Sines TageS, er ging eben im Garten, kam die Dame erregter als sonst auf ihn zu und rief, .Herr Theodor, ich muh 3hnen etwas erzählen!" — .Abrakadabra" antwortete er mit einem verbindlichen Lächeln und nickte. Die Erzählung ging loS, sie dauerte lange, Theodor arbeitete indessen an feiner Schrift über die .ideale Konkurrenz verbrecherifcher Handlungen", bis die Frau an feiner Seite plötzlich stehen blieb, feinen Arm berührte and fragte .Und was raten Sie mir zu tun?“ .Abrakadabra!“ erwiderte er gelaffen. Sie legte die Hand ans Ohr. .Wir?“ fragte sie. .Abrakadabra!" wiederholte er. .Mein Mann ist nicht da", fuhr die Hofrätin fort, .er hält große Stücke auf Sie. Sie muffen mir raten, soll ich eS tun oder nicht?“ Theodor sah sie an. Er hatte keine Ahnung, um was es sich handelte, aber er gedachte des Gocthcwortes, daß man Menschen, die sich in Unklarheit befinden, nicht wieder Problematisches, sondern Positives geben müsse, und .tun Sie es, gnädige Frau!" sagte er feierlich. .Was?" rief fie. .Tun Sie es!" schrie er ihr ins Ohr. .Und Sic raten mir daS?!“ schrie sie zurück. .3ch rate cs 3hncn!" schrie er, so laut er konnte. Die Hosrätin ergriff feine Hand, schüttelte sie und eilte ins Haus Theodor sah ihr nach und kehrte zur Frage der idealen Äonlurrcn) zurück. 3n den folgenden Tagen ging er spazieren, las, versuchte zu angeln und dachte an nichts. Die Hosrätin sah und hörte weniger als sonst. Drei Tage später kam ein Telegramm des Hofrats, in dem er seine Ankunft anzeigte. Rach- mittags erschien er selbst, erhitzt und aufgeregt; er begrüßte Theodor freundlich aber kurz und schloß sich mit seiner Frau ein Man hörte beide laut und erregt sprechen; endlich kam der Hofrat, ganz rot im Gesichts, heraus und eilte auf Theodor 5u: ,3st das möglich?" rief er. .Sie haben meiner Frau zu diesem blödsinnigen Schritt geraten?" .Hm! ich ." begann Theodor vorsichtig. .3a, al“ unterbrach chn die Hosrätin ihrerseits, .Herr Theodor, haben Sie mir dazu geraten ober nicht? Und du hast doch immer solches Vertrauen zu ihm gehabt!" Theodor empfand die Sache als peinlich, aber feine Geistesgegenwart verließ ihn nicht. Gr begriff, daß er zunächst herausbekommen mußte, wovon die Rede war. es hieß die anderen reden lassen, bis er klarer sah Gr gab also eine ausweichende Antwort: .Aein, oh nein!" sagte die Hosrätin, die sich zu hören bemühte, „er hat mir geraten, dem Oberförster zu schreiben.. ." .3ch habe die Sache wohl anders aufgefaßt", bemerkte Theodor, .oder die Frau Hosrätin nicht richtig verstanden..." Aber die Hofrätin sprach schon wieder dazwischen. .Bitte, laß doch Herrn Theodor reden!" rief ihr Mann, ohne Erfolg. Theodor erfuhr, daß es sich um eine verwickelte Angelegenheit handelte. in der die Dorfgemeinde, der Pfarrer, das Forstamt und die A^rirkshauptmannschaft eine Volle spielten. Er beschloß, sie noch mehr zu verwirren. .34) meinte, der Pfarrer fei auf unterer ©eite“, sagte er, .und der Oberförster auf der der Gemeinde .Was?!!" fchrie der Hofrat. .So mußte ich es anfehen..." .3a, dann erklären Sie mir gefälligst.. Ein Redestrom der Hofrätin unterbrach beide, sie wollte erzählen, was die Frau dcS Bezirks- hauptmannS ihr gesagt hatte. .34) bitte dich. Emma, laß doch endlich Herrn Theodor sprechen!" wiederholte der Hosrat. Aber Theodor lag daran, daß die Hofrätin sprach und nicht er. Und er schwieg weife .Wenn die Dczirkshauptmanntchaft im Recht war .begann er endlich, als er reden mußte. -Sie ist aber nicht im Recht!' unterbrach ihn der Hofrat. .Gewiß nicht, aber wie konnte ich es anders ansehen?“ .Run bitte, wiederhole mir einmal ganz genau, was du Theodor getagt hast!“ sagte der Hosrat zu seiner Gattin. Ratürlich wurde aus der Wiederholung nichts, die Hosrätin kam vom Hundertsten inS Tau'endste und wurde, von ihrem Mann unterbrochen, noch verwirrte, während Theodor bescheiden nachsichtig danebenstand. .34) werde das nie verstehen!" rief der Hofrat zuletzt verzweifelt, .dre Sache wird immer weniger ter .34) auch nicht!" sagte 'Theodor unschuldig. Er hat eS auch nie verstanden und bis heute nicht herauSgebracht, um was eS sich damals eigentlich gehandelt, aber waS er verstanden hat, war. es dahin zu bringen, daß der Hofrat feiner Frau zürnte und nicht ihm und fein Donner blieb wie vorher. Alte Zauberworte haben ihre geheime Kraft. „Oie Arche Jloofo* — ein Film. Stummer Großfilm der amerikanischen Warner - Produktion. man hat den oltteftamentarifdbn Stoff der Sündslut und der Arche Roah bildhaft und fymbolifierend zu gestalten versucht, — einen zweifellos großartigen Stoff alfo. von dem nur fraglich bleibt, ob er gerade für eine filmische Fassung besonders geeignet scheint, daS Motiv ist nur teilweise bewältigt; der Bildstreifen wird von den zahlreichen Titeln, die der biblischen Quelle entnommen sind, zu häufig durchschnitten. Außerdem wirkt die symbolisierende Berbindung der Sündslut mit dem Welt- kr eg die zwar an sich begrüßenswerten und gesunden Gedankengängen entspringt - in der Filmhandlung etwas umständlich und nicht immer überzeugend Und schließlich sind auch die künstlerischen Mittel, deren die Regie sich bedient, auf einen typisch amerikanischen PublikumS- geschmock eingestellt, d. h. für unter Empfinden vielfach primitiv und gelegentlich sogar kitschig. Dabei ist der Film, wie man hört und sehen kann, mit einem enormen Einsatz von Geld, Material und Menf4>en gemacht, mit einem Aufwande. wie er der einheimischen Produktion kaum zur Verfügung stehen dürfte. Und zweifellos ist auch die grandiofe Difion der Sündslut im »weiten Teil des Werkes eine erstaunliche und rr^r anzuerkennende Leistung des Regisseurs Michael Kertesz; hier ist der Film vor allem technisch, in der Beherrschung der Massen (von Mensch und Tier) durchaus gelungen; hier ist er sehenswert wie .Metropolis" oder .Frau im Mond". 3n der Darstellung ist besonders Dolores E o st e l l o mit der führenden Doppelrolle zu beachten; ihr Partner O'Brien dagegen wirkt vielfach krampsig und übertrieben. Außerdem: Roab Be ery . Gwinn Williams. Mc. Allister. — Der Film läuft seit gestern üu Lichtspielhaus. <- Momentbilder aus dem Sowjetparadies Eine Eirttags-Millionänn Vom tönenden Diskus beon, Parlophon-, Bekaplotten und 3n dem großen Gebäude der Lindström Akttengefellschaft, die lrichen, weiß und grün. Gegenüber öffnet das rie- enhafte halbrunde Gebäude des früheren Generalvielleicht noch andere Marken herstellt, im Süboftcn Berlin», findet sich ber Laie nur schwer zurecht Der Führer kennt aber alles — unb bann geht es erst einmal in ben Aufnahmeraum. (Ein Raum? Es find Säle, Konzertfäle, kleine Iheaterchen, nach außen Bericht unferer E. K.-Sonderkorrefpondentin Einige Autos roarten auf auswärtige Äongrefigäftc, die einen guten Eindruck bekommen sollen Augenscheinlich wartet ein aller Omnibus auf uns. „Saftra" - „morgen", und „Tfchidischas“ = „zur Stunde“, stnd die gangbarsten Ausdrücke In der russischen Sprache II. Aus russischen Eisenbahnen. Bon Oktoberbahnhof zu Oktoberbahnhof fuhren wir zweimal, nämlich von Leningrad nach Moskau und von Moskau zurück nach Leningrad. Die größten Bahnhöfe der größten Sowjet- ftäbte sind nach der Oktoberrevolution 1917 benannt. der Geburtsstunde der Sowjetherrschast. Das erstemal machte der Leningrader Bahnhof noch einen traurigeren Eindruck als das zweite- - i! Man hat sich eben inzwischen an die Eindrücke des neuen Kulturstaates gewöhnt ober die einstige Zarenresidenz macht einen weniger bekommenen Eindruck als wie die neue Bolschewistenhauptstadt. Als „bevorzugte Fremde", die Daluta ins Land bringen und vom staatlichen Berkehrsbureau .,3ntourist" betreut sind, wurden wir durch einen Hintereingang gleich in die Scheune hereingelassen, während die Einheimischen mit Dettsäcken und „Primus-Petroleumkochern" Schlange standen. Wenn wir aber erwarteten. den Kosten entsprechend in einem internationalen „Wagon-lit" untergebracht zu werden, so hatten wir uns geirrt. Denn der einzige Zug noch Moskau, der diesen LuxuS besitzt, war schon abgefahren, als wir unseren ewigen Wartekursus beendeten So mußten wir froh jein, in einem echt russischen. Schlafwagen der auf dem Grammophon muß er, wenn es mir gerade so paßt, uncrmublid) fingen, einmal, zehnmal, fünf- zigmal Wie macht man so eine Schallplatte? •Pas können wir un» bald einmal ansehen Gehen wir in eine Schallplattenfabrik, ba zeigt man uns sicher ben Entstehungsgang ber Schallplatte, vom Augenblick ber Ausnahme an bis zu her Minute, ba roieber soundsoviel Schallplatten ben Weg zum Käufer antreten. tabs einen riesenhaften Torbogen mit Riefenengeln, )ie über uns in Riefenposaunen stoßen, als wir burchfahren Jetzt posaunen sie bas jüngste Gericht ber roten Armee aus. Wo sieht man sonst in (Europa so breite, lange unb gerade Straßen, wie die „Prospekte, bie strahlenförmig von dem Gold- spitzenturm ber zlbmiralndt ausgehen, wie geschaffen für ben Autoverkehr einer Weltstabt! Ader in bem Holzpflaster sind tiefe Locher, unb nur wenige Wagen fahren darüber hin. Wir biegen in eine Seitenstraße des Newskij- Prospekte» ein. (Eine Seite sieht verwahrlost unb unbewohnt aus. Die anbere nimmt bas staatliche größte Hotel Leningrads ein. Eine Abwechslung ber an Vergnügen armer Leningrader scheint es zu sein, sich vor bem Hotel auszustellen unb bie Fremden anzusehen Einer sagt „Ich bin schon vierzig Jahre In Rußland. Aber ich möchte jeden Tag aus- rüden, wenn ich nur könnte!“ Nein, er wird nicht herausgelassen, wenn er russischer Staatsbürger ist Nicht einmal bie Russin, bie einen beut- schcn Arbeiter ober Ingenieur erheiratet hat, darf ihrem Manne nach Deutschlanb folgen In ber Hotelhalle finb viele Menschen. Keiner kümmert sich um neue Gaste Unsere kleine Führerin sorgt bafür, baß bie Be tien erst mal gut gefüttert werben, ehe man sie au die russischen Sehenswürdigkeiten losläßt. Das geschieht im obersten Stockwerk in einem Hotel-Restaurant in kitschigem Dach, gartcnftil, mit brr Aussicht auf Dächer und Schornsteine Der Lachs ist gut Dir Bedienung ist schlecht. Servietten sind nicht für alle ba Messer zum Käse auch nicht „Saftra"!" vielleicht morgen! (Einmal und nicht roieber Kaffee in Rußland' Da keine Kaffeebohnen eingeführt werben bürfen, scheint man ihn aus gemahlenem Torf zu bereiten Aber ber Tee ist gut. das Beste, was es zu jeher Mahlzeit gibt. Du haft in bem Laben mit ben vielen kleinen Kabinen bie neue Platte erftanben; zu Haufe foll sie bir deinen Lieblingsschlager bringen ober bie herrliche Stimme beines Lieblingstenors ober bie Clownerien eines berüchtigten Witzbolbrs. Die Schallbofe bes Grammophonapparates gibt bie Tone ober Geräusche — ganz wir bu willst — bereit- willigst roieber, einmal, zehnmal, fünfzigmal In- zwischen kann aber bvch bei aller Frrube an bem bargebotenen Genuß so ganz flüchtig ber Grbanke auftaudjen: W i e machen die Leute bas? Fangen ba eine Stimme ein unb erhalten sie auf einer Scheibe! Der Tenor, ber da gerade singt, ist im Geben unb auf ber Bühne unberechenbar; er hat Launen und macht bann Schwierigkeiten Wenn ich gcrabe in bas Theater komme, hat er abgesagt. Hier Alles hat ein Ende Wir steigen ein, in den Klapperkasten von Omnibus nämlich Al» wir über die erste Newabrücke fahren, offenbart sich uns Beters Stabt in der unzerstörbaren Herrlichkeit ihrer Lage. Es geht über weite Pläne, breite, gradlinige Prachtstraßcn, wahre einheitliche architektonische Landschaften in Barockstil, in klafsizistifchem Stil, manche in traurigem Verfall, mit zerbröckelnden Fassaden Das Winterpalais wird neu ge- Die dänische Zeitung „Politiken" oeranftaltetc kürzlich ein Preisausschreiben, de "en Sieger sich einen lag lang Millionär dünken bürste, unter ber Bebingung. nichts von dem Gelbe zu kau» f e n, was am nächsten lagnod) ©elbesroerl haben würbe. Der Kopenhagener Medizinstudentin Masken Borring würbe ber Preis jugeftanben unb ihe Wunsch erfüllt, nach Berlin z u fliegen unb hier Professor (Einzeln einen Besuch abzustatten. warten stundenlang. biS ein Zug für si« fährt, nachdem sie tagelang nach einem Don für eine Fahrkarte angestanden haben. Wenn das Glück ihnen hold ist. wird dec Bon für sie auSgelost unb sie bekommen eine Fahrkarte. GS fahren wenig Züge wegen des Wa- ?l«n- und LokomotivmangelS. und es werden nur oviele Reifende mitgenommen, wie Sitzplätza vorhanden find. Kein Drängeln, kein Schimpfen. sondern eine apathische, bewunderungswürdige Geduld. Mütter nähren ihre Säuglinge, kleine Kinder schreien, größere drehen am Rade eines Rollers ober fie schlafen an die Mütter gelehnt, die gleichmütig auf die Fremden sehen. Die müssen ihrerseits warben, bis das einzige verfügbare Auto, das fchltehlich ..zur Stunde" kommt, erst die einen und dann die anderen inS Hotel bringt. Denn Autos find rar wie alle Gebrauchsgegenftände und stehen nut den leitenden Machthabern zur Verfügung. „welchen Klaffe“ für wer Personen unterzukommen. Männlein und Deidlon durchem- ander. zwei Betten oben, zwei unten. Zuerst machten die Abteile einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck, da bw Bezüge der Danke zerrifsen waren und tue abgehobenen Emallfpucknapfe als das Hervorragendste in bie Augen freien Während die anderen schimpften, wie daS bei Reifegefellf4)aften üblich ist. bte sich übervorteilt glauben, sagte die sachlichste ber Amerikanerinnen „3 4) mache alles mit, unb wenn ich platze " Mttgegangen. mitgeban- gen! Der beste Grundsatz, um fremde Länder und ihre Eigenart, vor allem Sowjetrußland, kennenzulerncn. Unsere Herren waren sowieso geneigt, um der schönen Augen unserer Führerin willen alles zu verzeihen. Dann brachte der Schaffner reine Bettücher und Wolldecken, himmelblau wie die Auaen des gutmütigen Burschen Run konnte man schlafen — falls man nicht zu sehr fror— in Gesellschaft bärtiger Bolschewisten und parfümdustender Kapitalistinnen. zu denen sich während der Rächt kleine sechsbeintge Fahrgäste auS bem Geschlechte ber Blutsauger gefeilten. waS sich am nächsten Morgen in garstigen Beulen zeigte. Der Zug fuhr nicht besonders schnell, aber sehr ruhig, weil es zwischen Leningrad unb Moskau so gut wie keine Kurven gibt Denn seinerzeit hatte ber 3or mit bem Bleistift eine gerade Linie zwischen ben Hauptstäbten beS Landes gezogen, und ebenfo gradlinig mußte die Bahn gebaut werden DaS — meinte später unsere rote Führerin — wäre freilich daS einzige Derdienst dieses Zaren gewesen! Degen Morgen kann man auf einer kleinen Station Tee bekommen. 3m Zuge gibt eS nichts au elfen oder zu trinken. Zwi- fdjen Duschwald und Wiesen sehen wir Dörfer mit grauen Häuschen vorübergleiten Hier und da find Fabrikungetümc im Dau. Bor Moskau fahren wir durch eine Art Grünewald mit hölzernen Landhäusern, deren Fensterrahmen weih gestrichen find. Einfahrt in den Moskauer Oktoberbahnhof! Zwischen den Gleisen wächst daS Gras in üppiger Fülle, und ein Schwarm von Mädchen in roten Kopftüchern bemüht fich, es zu beseitigen. DaS Warten im Gedränge aus Führer. Gepäckträger und Fahrgelegenheit verschlingt wieder viel Zeit, bie alle Menschen hier haben müssen. 3n Moskau sitzen sie mit Sack unb Pack. Der Dahnhos ist nicht nur mit ben Dildem bes Propheten Lenin, des Diktator- Stalin und Däterchcns Kalinin geschmückt, hier haben fie ihrem HeroS sogar ein rotes Postament errichtet, aus dem Die bronzierte Düste Lenins steht. Die reiselustigen Proletarier aber ©er Werdegang einer Schallplatte Don d. WeSnep 1. Ankunst in Leningrad. 3e mehr sich ber Dampfer ßeningrab nähert, um fo Kleinlauter werden die Rufsen, die von ehibienrcifcn ober Auslandftellungen zurückde- orberl finb Am Feuerschiff vor Kronstadt kam ber russische Lotse an Dorb. Die golb- flrotzende Kuppel einer Kathedrale bezeichnet den Mittelpunkt ber 3nfcl Kotlin am Endpunkt des Finnischen Meerbusens, wo sich Rußlands größter KnegShasen Kronstadt erhebt. Zerschossene FortS hegen vor ber Einfahrt in bie Rewamündung. Wo ein Kran mitten im Waffer zu stehen scheint, wird baS Wrack eines englischen Torpedobootes gesprengt und abgeschieppt. 3m Borüberfahren bekommt man nicht viel zu sehen von der baltischem Flotte, die ben Ruhm für sich in Anspruch nimmt, zuerst bie .Macht ber CRäle“, der Sowjets, verwirklicht zu haben Das Kron- flabtcr Linienschiff .Aurora" beschoß damals das WinterpalaiS Wie- die .Kaiserfahrt“ im Stettiner Half ist in ber Rewa von Kronstadt nach Leningrad ein langer Kanal ausgedaggert worden, um ben Seeschissen den Zugang zur einstigen Hauptstabt beS Zarenreiches zu ermöglichen. An wahren Gebirgen von aufgestapeltem Holz fahren wir vorüber unb grüßen rauchende Zadrikfchorn- steine in bie Ferne, die Putilowwerke. Goldene Kuppeln, goldene nadelspitze Türme, fäulengcschmücktc Paläste an einem Flusse, der so breit ist. daß nur Wolkenkratzer an seinem Hier imponieren könnten DaS ist PeterS des Großen Stadt, die .aus Knochen erbaute". daS heutige ßeningrab Hnfer Dampfer gleitet an Bergakademie, Kunstakademie, LlniverfitätS- gebauben vorbei, alle sind gelb gestrichen Eigentlich hätte man erwartet, daß sämtliche EtaatS- gebdube in Leningrad rote Pracht entfalteten. Aber die gelbe Farbe wird aus irgendeinem Grunde bevorzugt, doch sind rote Kattunstreifen über die Säulen gespannt und schreiben mit großen schwarzen Lettern die Gebote dcS Sowjetstaates über die Stadt. Das Schiff legte an dem Kai an, der nach einem simplen Leutnant Schmidt benannt ist, einem Revolutionär, der erschossen wurde Dunkle palastartige Gebäude säumen hier die Unterstraßen Sie Hetzen alle leer aus, keine Gardinen, ungeputzt die Scheiben, — so dah man denken könnte, sie wären unbewohnt. Aber sie sollen so überfüllt sein, daß in jedem Zimmer eine Familie wohnt, manchmal sogar zwei, die durch einen Kreidestnch auf bem Fuß- hoben getrennt sind. „Wollen Sie nicht Schokolade mitnehmen, falls Sie nicht genug zu elfen bekommen?" fragt ber Steroarb zum Abschied. „Ach wo' Wenn man so viel bezahlen muß, wird man schon satt werben!“ — — — Wer gehört eigentlich zur Reisegesellschaft? Nun bas wird sich ja bei der 'Paßkontrolle an Land zeigen, wenn der russische Führer seine Schöslein sammelt. Es ist schließlich kein Führer, sondern eine zierliche kleine Dame mit rotlackierten Lippen. Und die ganze Reisegesellschaft besteht nur aus 10 Personen Mehr haben sich in deutschen Landen nicht gesunden, während Amerika neuerdings Hunderte von oalutaftar- fett Touristen über das Sowjetparadies ergießt. Auch bei unserer kleinen Gruppe sind zwei Amerikanerinnen, die überall dahin fahren, wo es fließendes Wasser in ben Hotels gibt Nun lernen wir uns alle kennen, wöhrenb wir warten lernen. Das ist bie große Kunst, die mast sich im Sowjetstaat aneignen muß. Der Wartekitrsus beginnt sofort und wirb aus ber ganzen Reise fortgesetzt Wir warten an ber Paßkontrolle an ber Zollabfertigung Mein Photoapparat wirb genau untersucht. Marke. Objektiv unb Nummer notiert Die Ebelsteine in den Ringen werben gezählt, bie Mark und Rubel, die man mitbringt, ausgeschrieben Dann wartet man wieder einige Zeit und sieht inzwischen aus dem Fenster auf bie Menschen, bie draußen am Ufer in ber fischreichen Newa angeln Bärtige Kutscher in schwarzen Kaftanen warten neben ihren Droschken sorgfältig gegen jeden andringenden Lärm abgedichtet, auf ihre akustischen Fähigkeiten erprobt und nun durchaus geeignet, in peinlichster Ruhe Stimmen und Töne in sich zu konzentrieren und aufzu- schreiben. Der große Sänger, der vergötterte Lieblingstenor, steht vor einem Mikrophon, das Orchester hinter ihm; auch da sind viele Mikrophone verteilt, bereit, die Masse und die Wucht der Klänge aufzunehmen und auf kupfernen Drähten bis zur eigent- lichen Aufnahmeapparatur weiterzuleiten. Elektrische Aufnahme! Wir wissen, wieviel schöner und klangreiner und diffiziler diese Art der Aufnahmetechnik ist, die das alte System der Trichteraufnahme ablöste. Wenn der Tenor, der da gerade vor dem Mikro steht, wüßte, daß einstmals die alten Walzen einzeln besungen und bespielt wurden, daß sein Vorgänger vor Jahr und Tag vor dem Aufnahme- Schalltrichter stand, der in etwa zehn Abzweigungen verlief, und nun sein Lied mindestens fünfzig, sech- zigmal an einem Tage heruntersingen mußte! Wofür man den fleißigen Tönespendern ein Honorar von rund fünfundzwanzig Pfennige je Walze zahlte! Nein, unser Sänger mit dem hochkarätigen Gold in der Kehle hat es da doch leichter: Nur die unum- gänzlichen Proben, aber dann geht es los, frisch in das Mikrophon hinein, das Orchester tut ein gleiches, und der an der elektrischen Schalldose befestigte Saphir stift zeichnet in eine Wachsplatte „rundherum im Kreise" den Ton auf. So, die Aufnahme steht. Aber wollte man von dieser Wachsplatte gleich die Abgüsse Herstellen, wäre es um sie geschehen. Dieses Original ist unendlich kostbar: es wird daher rasch eine andere Wachsplatte genommen und mit Hilfe dieser ein „zweites Original" hergestellt, das so- fort in eine große Werkstatt für Galvanoplastik geht. In langen Rechen stehen hier die steinernen Bottiche, gefüllt mit der Kupferlösung, in die die Wachs- platten hineintauchen. Ein Gewirr von Drähten führt den elektrischen Strom zu, ein Hebelsystem setzt die vielen Matrizen in unaufhörlich gleichmäßig I schaukelnde Bewegung. Immerzu ist eine der galvanisierten, also mit einem kupfernen Ueberzug ver- sehenen Wachsplatten, fertig, wird zubereitet, genau bezeichnet, ausgeprobt und geht nun in die Schall- plattenfabrik. t Wir aber lassen sie dort einstweilen liegen und wandern in die Räume, in denen das Material zur Schallplatte hergerichtet wird. Woraus besteht so eine Schallplatte? Aus Hartgummi! fo sagen viele mit Ueberzeugung. Was völlig unrichtig ist; aber gleichwohl immer wieder behauptet wird. Wer von uns eine zerbrochene Schallplatte zu Hause hat, sieht sich einmal verständigerweise den Bruch an: Man erkennt, daß es sich um ein Kunstgestein handelt. Ein besonders geeignetes Material wird von seltsam konstruierten Mühlen sehr, sehr fein gemahlen, mit Schellack (zum Binden), Ruß (zum Färben) und einigen anderen geheimnisvollen Zusätzen vermischt, auf Walzen erwärmt und dabei noch einmal ordentlich gemengt, bis ein zäher Brei entsteht. Dieser kommt- auf den Kalander und verläßt die Maschine als ein lederartiges Gebilde, das sich an besonders eingegrabenen Kerbstellen gut drecken läßt. Es sind einzelne kleine Rechtecke getroffen worden, die noch durch zahlreiche fleißige Frauenfinger gehen, um letzte und allerletzte Prüfungen auf Güte und Reinheit und Gleichmäßigkeit durchzumachen. Dann fahren diese Platten über laufende Bänder in den Maschinensaal und werden der Heerschar der Arbeiter zur Verfügung gestellt. Dieser Maschinenpark in jedem Saal wirkt besonders verblüffend, weil alle Maschinen wirklich in fleißiger, angestrengter Arbeit sind; mein Gott, was muß das für eine große Tagesproduktion fein! Aber das ist schließlich die Sache des Fabrikanten. Bloß das möchte man wissen: Wohin geht diese gar I nicht auszudenkende Anzahl von Platten alltäglich? Keine Angst, sie wird schon abgesetzt werden. Würde man sie sonst herstellen? Eine der Prägemaschinen wird gerade wieder zur Arbeit vorbereitet. Da kommt die kupferne Matrize mit der Aufnahme unseres Sängers, der selbst längst wieder über alle Berge ist. Seine Stimme ist hier geblieben. Sie wird in Form der Matrize in die Preßvorrichtung eingezwängt und beheizt, im Nu hat sie die erforderliche Temperatur erreicht. Unten eine andere Aufnahme für die Rückseite der Platte, dazwischen ein gähnender Rachen, wie etwa bei einer alten Druckerpresse. Ein Dorn auf den Matrizen sorgt dafür, daß ein Loch in die zu prägende Platte kommt, oben und unten kommt je ein Etikett — merkwürdigerweise immer das richtige! Gar nicht auszudenken, was für musikalisches Unheil durch eine Etikettenverwechslung herbeigeführt werden könnte. Nun greift der Maschinenmann mit einem Spachtel eine ober anderthalb der vorgewärmten Leder- mässe, die nun wieder weich und geschmeidig geworden ist. Rein damit in die Maschine, auf den Prägeteller, ein Hebeldruck, die gähnende Deffnung schließt sich. Mit dem Druck vieler Atmosphären geht der Prägeoorgang vor sich, selbsttätig setzt eine Kühlvorrichtung ein, der Schlund öffnet sich wieder und zeigt eine tadellos runde, glatte, glänzende Grammophonplatte, mit den bekannten bunten Zetteln beklebt. Der liegt der tönende Diskus vor uns, er kann sofort abgespielt werden. Das wird auch in zahlreichen Stichproben auf altertümlichen Apparaten mit riesigen Blechtrichtern — sie müssen einmal auf einer Wachtstube der friedericianischen Armee neu gewesen sein! — gemacht. Diese alten Apparate geben in ausgezeichneter Weise auch die geringsten Störeffekte auf der Platte wieder, und deswegen behält man sie hier. Mit Mängeln behaftete Schallplatten werden natürlich sofort wieder ausgeschieden; in einer Ecke sitzt ein Arbeiter und beschäftigt sich ausschließlich damit, die Platten zu zerstören, die seine Kameraden eben hergestellt haben. Noch eine andere Prüfung machen die Platten durch, dann werden sie geschliffen und poliert, verpackt — und nun eilen sie mit den Lieferautos in die Bsrkaufsläden, bereit, jedem zu dienen, der sie kauft. Die Stimme des Sängers ist für jedermann gebändigt — er muß fingen, nicht wenn es ihm paßt, sondern wenn es dir und mir gerade beliebt. Oberheffen. Giadirai in Butzbach. pb. Butzbach, 27. Qtug. 3n der gestrigen Stadtratssitzung wurden u. a. folgende Beschlüsse gefaßt: Der Vertrag mit dem äleberlandwerk der Provinz Oberhessen über die Stromlieferung für das städtisch« Pumpwerk in Griedel wird genehmigt. Lieber die Bezahlung der Ko st en für die Kata st erver Messungsarbeiten in unserer Gemarkung in den Jahren 1914 bis 1925 ist nach mehrjährigen Verhandlungen mit dem Landesvermessungsamt eine Vereinbarung zustande gekommen, wonach der Schuldbetrag in Höhe von 19 204,89 Mk. zinslos in 5 Jahren abzutragen ist. Oluf Zinsen für die rückliegende Zeit hat der Staat verzichtet. Gegebenenfalls kann auch Bezahlung in 7 Jahren erfolgen, jedoch muh in diesem Falle die Differenz zwischen den Baten bei fünfjähriger und denen bei siebenjähriger Tilgung mit 2 Proz. über jeweiligem Reichsdiskont verzinst werden. Der (Stabt- rat beschließt die Tilgung in sieben Jahresraten. Hinsichtlich desOrtsbauplanswestlich der Mam-Weser-Bahn werden folgende Aenderungen gewünscht: Die Breite der Goethestraße soll 8 Meter, die der Gutenberg- straße 10 Meter, die der Kaiserstrahe — von der Taunusstrahe bis Hochweiseler Strahe 12,80, die der verlängerten Kaiserstraße 8 Meter betragen. Das Gelände bei der Lehmgrube der Gebr. Vogt wird als Industriegelände erklärt. Der vorgelegte Plan für die Mm - gehungsstrahe, die am Lustgartengelände entlang zieht, wird mit 15,60 Meter Straßenbreite genehmigt. Für Rotstandsarbeiten erhalt die Stadt 25 000 Mk. aus Reichsmitteln zu 3 Proz. bei einem Gesamtaufwand von 47 000 Mk. Zunächst sollen drei Arbeiten mit einem Kostenaufwand von 31 500 Mk. ausgeführt werden, und zwar: 1. Ausbau der Taunusstrahe, d. h. Profilregulierung des Teils bis zur Romer- strahe einschl. Asphaltteppich, sowie Reubau des Teils bis zur Landgraf-Philippstraße, Baukosten 16 500 Mk.; 2. Kanalisierung der Goethestraße von Taunusstrahe bis zur Kreuzung Waldstrahe Helene 'Chlodwigs 'Schuld und Sühne Vom Samstag, dem 30. August an tritt die erfolgreiche Schriftstellerin Josef ine tfdmeideeSberstl mit ihrem neuen großen Romanwerk unter obigem Titel im Gießener Anzeiger hervor. Ebenso wie mit den früher hier veröffentlichten Romanen „Märtyrer der Liebe", „Lache Bajazzo" und „Das Erbe des Herrn von Anstetten" wird der Gießener Anzeiger seinen Lesern auch mit dem neuen Werk einen äußerst spannenden Lesestoff bieten Wirble insLeben! Roman von Anna Fink. Mrheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister. Werdau, 6.-QL 32 Fortsetzung Nachdruck verboten „QHfo, die Sache ist die", begann Hans Much. „(Sie wissen doch, daß ich einen beträchtlich älteren Bruder habe, den Großindustriellen Bernhard Much?.' Der Konsul nickte nur und sah sehr aufmerksam aus. „Nun", fuhr Hans Much fort, „seine Frau, meine Schwägerin, ist hier in eins sehr üble Situation gekommen. Ich finde nämlich heute vormittag einen Brief von ihr vor, in dem sie mir mitteilt, daß sie nicht weit von hier in einem Gefängnis sitzt, weil sie, wie sie mir schreibt, ihre Papiere verloren habe." „Nanu!" Der Konsul machte ein bedauerndes Gesicht. „Das ist ja ein« höchst unangenehme Geschichte. Ist Ihr Herr Bruder nicht bei ihr gewesen? Hält er sich zur Zeit gar nicht hier in Italien auf?" „Anscheinend nicht", sagte Hans Much. „Der Brief ist in höchster Erregung geschrieben und nur sehr kurz. Selbstverständlich hätte es wenig Zweck gehabt, wenn ich gleich zur Gefängnisverwaltung gelaufen wäre. Die kennen mich ja nicht und haben sich einfach an ihre Vorschriften zu halten." „Natürlich", sagte der Konsul nachdenklich, „man ist jetzt hier sehr rigoros geworden in solchen Fällen. Mnb mit Recht. Man will sich eben vor politisch nicht einwanbfreien Personen schützen." Es entstand eine Pause. „Ich verstehe nur nicht", begann der Konsul wieder, „weshalb sich Ihre Frau Schwägerin nicht an uns hier gewandt hat, als ihre Papiere verlorengegangen waren." „Offen gestanben: Ich auch nicht", gab Hans Much zurück. „Wollen Sie selber Einsicht in den Brief nehmen?" fuhr er fort und schob dem Konsul Barbaras Brief zu. „Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist." Rach diesen Worten las der Konsul die Zeilen durch. Plötzlich aber machte er ein derartig verdutztes haltlos erstauntes Gesicht, daß Much beinahe gelacht hätte. Der Konsul hatte nämlich „Barbara Much" am Ende des Schreibens gelesen, und irgendein Licht schien ihm plötzlich aufgegangen zu sein. Er starrte Much ganz entgeistert an. „Barbara heißt Ihre Schwägerin — Barbara Much?" fragte er dreimal hintereinander. „Ja natürlich", sagte Hans Much und fing an, ungeduldig zu werden. Gr verstand nicht, wie diese Tatsache den Konsul so aus der Fassung bringen konnte. „Entschuldigen Sie bitte mein Erstaunen", sagte der Konsul höflich, „aber mir fiel eben ganz plötzlich ein, daß vor etwa vier Wochen eine Dame hier war, die erklärte, sie hieße Frau Barbara Much und hätte ihre Papiere verloren." Wie elektrisiert sprang Hans Much auf. „Ratürlich wird sie es gewesen sein!" Der Konsul schüttelte zweifelnd den Kops. „Wäre eine Verwechslung nicht möglich? Ich kann mir das gar nicht denken. Sie Dame sagte, daß sie in Rot sei und sich nach Arbeit umtun müsse. Ich bot ihr an, sie nach Deutschland zurückzuschicken auf meine Kosten, doch sie lehnte dies so heftig ab, daß ich mich eines großen Mißtrauens nicht erwehren konnte." Hans Much lächelte. Ihm war beinahe, als höre er seinen Bruder Bernhard sprechen. „Herr Konsul, bei meiner lieben Schwägerin ist alles möglich. Sie ist eine Frau, die, sagen wir mal, große Neigung zum Abenteuerlichen und Extravaganzen hat. Ich habe ja keine Ahnung, wie sie in diese fatale Geschichte hinein- ^ekommen ist. Aber soviel ist klar: ich muß ihr „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Herr Much", fing der Konsul langsam an. „Ich werde meinen ganzen Einfluß aufbieten, daß Frau Much erst einmal aus dem Gefängnis frei kommt. Ich denke, das wird sich machen lassen. Aber es ist nur unter der Bedingung möglich, daß Sie für Ihre Frau Schwägerin die Bürgschaft übernehmen und mit ihr hierher kommen, damit ein vorläufiger Ausweis für sie ausgestellt wird. Dieser hat allerdings nur kurze Zeit Gültigkeit, so daß es gut sein wird, wenn sie sofort nach Deutschland zurückkehrt und sich bann, falls sie in Italien zu bleiben wünscht, einen regulären Pah ausstellen läßt. Dann ist ja alles in Ordnung." Hans Much atmete auf. „Tausend Dank, Herr Konsul. Wann kann ich hinfahren und meine Schwägerin abholen?" „Kommen Sie morgen früh her. Ich denke, daß ich bis dahin das Nötige veranlaßt habe." „Noch einmal tausend Dank!" Hans Much schüttelte die Hände des Konsuls. „Mir tut es sehr leib, bah ich Sie so bemühen muhte, aber ich bin froh, bah nun alles gut wirb." „Hoffen wir es." Der Konsul lächelte wohl- wollenb. „Dann also auf morgen." * * * „Signora Barbara, Sie sollen zum Herrn Direktor kommen." Die Wärterin hatte biese Worte in bas Zimmer der Gefangenen gerufen. Barbara erhob sich etwas abgespannt unb kam resigniert auf die Wärterin zu. Die lachte sie freudig an. „Kommen Sie schnell", flüsterte sie ihr zu unb zog sie mit sich fort, nachdem sie sorgfältig wieder abgeschlossen hatte. „Sie werden jetzt fort- kornmen." Mngläubig sah Barbara die Frau an. „Glauben Sie wirklich, Signora?" „Sicher, sicher", sagte diese. Sie hatte Barbara sehr in ihr Hevz geschlossen und war ganz glücklich, dah die arme Deutsche nun befreit werden sollte. Sie gingen die breite, kahle Treppe hinunter. Ein eisernes Gitter wurde auf- und wieder zugeschlossen, dann kam ein Korridor, und zum Schluß klopfte die Wärterin an eine große Tür. „Herein!" erklang es von drinnen. Barbara war sehr erregt. Sie sollte wieder freikommen! Wer anders als Hans Much würde da sein und sie herausholen? Sie hatte die ganzen vergangenen Wochen schmerzlich auf eine Nachricht gewartet, hatte jede Minute daraus gehofft, die Tür würde aufgehen und man würde ihr einen Brief von Much bringen. Mnb immer, wenn der -Schlüssel geraffelt hatte, war sie erwartungsvoll aufgesprungen. Qlber es war immer etwas anderes gewesen: Entweder wurde das kärgliche Essen gebracht, oder sie wurden zum Spaziergang geholt, oder eine der Frauen mußte zu einer Besprechung mit ihrem Rechtsbeistand kommen, niemals aber kam die Antwort auf ihren Brief. Deshalb fühlte sie sich so maßlos müde unb seelisch zerschlagen, daß ihr alles ganz gleichgültig geworden war und sie stundenlang so vollkommen teilnahmlos auf ihrem Bett gelegen hatte, daß alle sie besorgt ansahen. Run war sie durch die Mitteilung der Wärterin so aufgerüttelt worden, daß es ihr vor Herzklopfen doch beinahe den Atem benahm, als sie in das Sprechzimmer trat. Es war ein mittelgroßer Raum, mit Holz getäfelt. An dem einen der hohen Fenster stand ein mächtiger Diplomatenschreibtisch, an dem der Direktor saß. Freundliche Bilder hingen an den Wänden, auf dem kleinen Tischchen stand ein Strauß Blumen, und nichts erinnerte daran, daß man bei einem Gefängnisdirektor war, außer den dicken Stäben vor den Fenstern. Der Direktor erhob sich und kam lebhaft auf Barbara zu. „Bitte, nehmen Sie doch Platz, Signora." Er bot ihr einen Stuhl an. Sie setzte sich und sah sich suchend um. Es war niemand sonst im Zimmer anwesend. „Vielleicht wartet Hans draußen", dachte sie bei sich. „Ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, daß Auskunft aus Deutschland gekommen ist. Signora, Ihrer Abreise dorthin steht nichts mehr im Wege. Ich schicke Sie morgen mit einem zuverlässigen Beamten bis Bozen. Don dort aus wird man Sie über die österreichische Grenze bringen", eröffnete ihr der Direktor und erwartete einen freudigen Ausruf von Barbara. Der drehte sich das ganze Zimmer. „Ich dachte", sagte sie ganz verwirrt, „ich glaubte — ist niemand hier gewesen und hat nach mir gefragt?“ „Nein", sagte der Direktor ruhig, dann entsann er sich des Gespräches mit Barbara. „Qlh so, Sie meinen Ihren Schwager, an den Sie geschrieben haben?" Barbara nickte. unb Erweiterung in ber Hochweiseler Straße bis zum Hause Gebr. Euler, Baukosten 12 200 Mark; 3. Kanalisierung bes SchlohgartenwegS von Bismarckstrahe bis Gr. Wenbelgasse, Baukosten 2800 Mk. Die Arbeiten werden in städtischer Regie ausgeführt. Außer den notwendigen Facharbeitern werden nur Wohlfahrtserwerbs- lose beschäftigt. Meber den Restbetrag des Not- standsprogramms sollen Bau- und Finanzausschuß beschließen. Deckung des Betrags erfolgt durch Aufnahme eines Darlehens bei der Landeskommunalbank. Weiierau-Gängerbund. L Friedberg, 27. Qlug. Am vorigen Sonntag hielt der Wetterau » Sängerbund unter dem Vorsitz von Lehrer Schenk (Melbach) seine Generalversammlung in Friedberg ab. Rur einer von den 22 Vereinen hatte keine Qkrtreter entsandt. Nach der Eröffnung trug „Eintracht" (Friedberg-Fauerbach) in guter Form einige Chöre vor. Der Vorsitzende wies in seinem Jahresbericht darauf hin, daß das vergangene Jahr wieder ein Jahr reicher Arbeit gewesen und dah die beiden Wertungssingen in Södel und Reichelsheim zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten verlaufen sind. Den beide«, tyranftalten- den 0)ereinen zollte der Vorsitzende volle Anerkennung. In einem Nachruf gedachte er des verstorbenen Chormeisters von Steinfurth, Lehrer Hildebrand. Den Kassenbericht erstattete Georg Heil (Fauerbach). Der Vermögensstand des Bundes beläuft sich auf 227,60 Mark. Dem Rechner wurde einstimmig Entlastung erteilt Wahlen fanden in dieses Jahre nicht statt, da der Vorstand im Vorjahre auf drei Jahre gewählt wurde. Nach lebhafter Aussprache wurde mit großer Stimmenmehrheit beschlossen, dah das Wertungssingen des Bundes am 14. Juni 1931 mit dem 75. Jubiläum der „Eintracht" (Fauerbach) verbunden, in Friedberg- Fauerbach stattfinden soll. Die beiden 50. Jubiläen von „Frohsinn" (Oppershofen) und „Loreley" (Mtphe) sollen jeweils von der Hälfte der Dundesvereine besucht werden. Jedem Iubel- verein soll, wie im Vorjahre, ein Fahnennagel überreicht werden. Im Icchre 1932 findet das Wertungssingen in Weckesheim statt, verbunden mit dem 75. Bestehen des dortigen Vereins. Nach Erledigung verschiedener Anträge empfahl der Vorsitzende den Besuch des Gausängertages am 21. September in Friedberg und des Bundes- sängertages am 26. Oktober in Offenbach Landkreis Hießen. 4 Heuchelheim, 27. August. Ein Tele« graphenarbeiter aus Saubringen stürzte hier von seinem Motorrad so unglücklich daß er bewußtlos liegen blieb. Er mußte nach Gießen in dis Chirurgische Klinik überführt werden. Das Motorrad ist stark beschädigt. r. Klein-Linden, 27. Qlug. Gestern trafen sich die Volksschulen von Allendorf (Lahn) und Klein-Linden auf dem hiesigen Sportplatz zu den Reichsjugendwettkämpfen. In der Oberstufe (7. und 8. Schuljahr) traten 21 Knaben zu einem Fünfkampf an. 14 Teilnehmer erreichten die zum Siege nötige Punktzahl von 67 Punkten. Als Sieger ter Schule Allendorf (Lahn) gingen hervor: 1. Pr. mit 93 P. Wilhelm Volk, 2. mit 67 P. Wilhelm Mim. Sieger der Schule Klein-Linden wurden: 1. Pr. mit 101 P. Walter Weber, 2. mit 97 P. Hans Volk, 3. mit 96 P. Wilhelm Stein- müller, 4. mit 88 P. Walter Schmidt, 5. mit 83 P. Ernst Weigel, 6. mit 81 P. Wilhelm Gärtner, 7. mit je 80 P. Ludwig Glaum und Gvit- lieb Müller, 8. mit 78 P. Erich Weigel, 9. mit 73 P. Ernst Benderoth und 10. mit 68 P. Wil- „Olein, Signora — es ist niemand dagewesen, auch Post für Sie ist nicht gekommen. Ich fürchte, der Brief hat Ihren Schwager nicht erreicht oder ist verlorengegangen. Sie mühten doch sonst längst Nachricht haben", sagte er so sanft, als spräche er mit einem Kinde. „Kann ich nicht noch etwas hierbleiben und warten?" fragte Barbara. Mm des Direktors Mund spielte ein Lächeln. „Aber Signora, erst wollten Sie nicht bei unS bleiben, und nun wollen Sie nicht wieder fort! Ich glaube gar, es hat Ihnen bei uns gefallen?" fragte er scherzend. „Sie müssen morgen fort Ich darf Sie nicht hierbehalten. Das geht gegen unsere Bestimmungen." Barbara gab ihren Widerstand auf. „Dann also glückliche Reise und alles Gute", sagte der Direktor herzlich und geleitete Barbara zur Tür. „Die Aermste scheint im Kopf etwas gelitten zu haben", sagte er bedauernd und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. — Barbara verbrachte eine schlaflose Dacht. Sie sah voraus, wie alles kommen würdet Ohne Geldmittel würde sie in Deutschland Dastehen. Ihr Mann würde verlangen, daß sie wieder zu ihm zurückkehre. Wenn nicht, bann hatte sie ihre Eltern. Eins war so schlimm wie das andere. Sie war fest entschlossen, zu keinem, weder zu Much, noch zu ihren Eltern, zurückzukehren. Sie wollte ihr eigenes Leben zu führen anfangen und, wenn es gar nicht anders ging, eher sterben, als wieder in die alten Verhältnisse zurückkehren. Was sie beginnen wollte, war ihr gleich. Aber sie sah ein: Mit Eigensinn, mit dem, was Bernhard Much immer als Launen und Extravaganzen bezeichnet hatte, schasste sie das Leben nicht allein, mit Gleichgültigkeit und Apathie auf der anderen Seite aber ebensowenig. Sie wollte sich ruhig nach der Heimat zurückbringen lassen, wollte Bernhard Much bitten, sich von ihr scheiden zu lassen, und dann wollte sie versuchen, sie selbst zu werden. Es erschien ihr alles so leicht und klar in dieser letzten Nacht, die sie im Gefängnis zubrachte. Von irgend woher kam der Klang einer Mandoline, eine volle, dunkle Männerstimme fang eine Serenade, die voll Sehnsucht und Feuer war. Barbara lauschte. Jetzt erklang die Nationalhymne von Italien: „Giovinezza, Giovinezza, Primavera di belleza" (O, Jugend, Jugend, Frühling der Schönheit!), von Schwung und Begeisterung getragen. Sie lächelte leise und schloß die Augen. * * * Hans Much stand am Tor des Gefängnisses und zog heftig an der Klingel. Ein Aufseher sah durch das Fensterchen in der Mauer und fragte ihn, was er wolle. „Ich muß sofort den Direktor sprechen!" rief er dem Manne zu. Der Direktor schliefe gerade, sagte der Mann, er habe seinen Nachmittagsschlummer noch nicht beentet (Schluß folgt.) Schwerer Verkehrsunfall bei Lollar. Vater und Lohn auf der Ltelle getötet (Letzte Meldung.) (Eigener Drahtbericht de» Gietz. Anz) □ Collar, 28. August heule mittag gegen 12 JO Uhr ft letzen auf der Slratze Collar — GIetzen In der Rähe de» Collarer Ivaldfporl- platze» ein Motorrad, befehl mit dem Pflaflrr- meifter CudwIg » dNchloN.OkN Olmbenbr an. - Zdd)6banfbletoiU 4 o f) . Unmbar63lrnfu6 6 o f> itranffurt a. Ul. Serlln ^eanffurt a. 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Roeder ....... io Bdci i ...... e 6tbbesrid>e .Hndrt .... io 90,5 151.75 1 1 1 Illi Canaba . . Uni;naS . , Latn» 5,435 4,185 3,447 70.88 5,489 4,145 3,493 20.53 5,435 4,188 3,427 20,89 5,445 4,193 M 3,433 Preußen. Kreis Wetzlar. -j- Launsbach, 26.Aug. Als heule morgen ein hiesieger Landwirt dreschen wollte, fand er zu seinem nicht geringen Erstaunen auf seinem mit Frucht beladenen Wagen einen schlafenden Handwerksburschen. Der junge Mann, aus der Pfalz stammend, war durch das mehrere hundert Meter weite Fahren des Wagens und auch durch das Pfeifen der Dreschmaschine nicht aufgewacht. Nach einem kräftigen Frühstück wanderte er frohgemut weiter. cZ K r o f d o r f, 27. Aug. Aus der letzten Sitzung der Gemeindevertretung von Krofdorf- Gleiberg ist u.a. zu berichten: Für die Erweiterung der Wasserleitung ist eine Anleihe erforderlich, welche die Gemeinde bei einer der einheimischen Sparkassen aufnehmen wollte. Dies hat sich aber nicht verwirklichen lassen. Die Vertretung beschloß nunmehr, das Darlehen bei der Landesbank der Rheinprovinz in Düsseldorf aufzunehmen unter Anerkennung der gestellten Vedingungen: 93 Prozent Auszahlungskurs, 8 Prozent Zinsen, 0,25 Prozent jährlicher Derwaltungskostenbeitrag vom jeweiligen Darlehnsrest, jährlich 1,5 Prozent Tilgung. — Eine weitere Anle ihe von 3000 Mk. soll bei der hiesigen Spar- und Kreditkasse zum Bau einer Brücke über die Gleibach in Anspruch genommen werden. — Das durch die Wohnungsnot der letzten Jahre zu Rot- Wohnungen eingerichtete, jetzt wieder frei gewordene Rathaus der Gemeinde bedarf innen und außen der Instandsetzung. Das Krcis- hochbauamt wurde mit der Aufstellung eines Kostenanschlages beauftragt. — Die Gemeindewiesen bei den Wasserleitungsbrunnen können nach der Herbsternte für die Veranstaltung von Turnspielen benutzt werden. — Die Vertretung nahm Kenntnis davon, daß der Kreis seine Beihilfe für die I n st a n d - sehung der Burgmauer in Gleiberg infolge Kürzung der Etatsmittel von 100 auf 50 Mark ermäßigt hat. Die vorgesehenen Arbeiten sollen trotzdem zur Ausführung kommen. — Die Beschlußfassung über die Erschließung neuer Steuerquellen und über Steuerermäßigungen für Wohnhausneubauten wurde vertagt. 11 Aus dem Kleebachtal, 27. Aug. Trotz der reichlichen Riederschläge in den letzten Monaten liefert die G r u m m e t e r n t e im Kleebachtal auf höher und trocken gelegenen Wiesen nur~ geringe Erträge, während bei Wiesen mit genügender Bodenfeuchtigkeit der zweite Grasschnitt sehr ergiebig ist. Bei der Getreideernte haben die schweren Unwetter vor und während der Erntezeit, die teilweise mit Hagelschlag verbunden waren, den Körnerertrag erheblich beeinträchtigt, so daß dieser weit unter dem vorigen Jahresdurchschnitt liegt. Durch die vorwiegend kühle Witterung in der ersten Augusthälfte sind die Hackfrüchte im Wachstum zurück. Auch hier sind strichweise beträchtliche Schäden durch Hagelschlag zu verzeichnen. Oer Opel-Putsch vor Gericht. Darmstadt, 27. Aug. (WSN.) Am heutigen dritten Verhandlungstag im Prozeß wegen der Unruhen in den Opelwerken am 12 Fe- bruar wurde in der Zeugenvernehmung fortgefah- ren. In der Hauptsache wurden Betriebsräte und Werkmeister, insgesamt 21 Personen, vernommen. Der Zeuge Bernauer erklärte auf eine Frage, ob öfters Reklamationen wegen angeblich ungerechtfertigt niedriger Lohnzahlungen vorgekommen seien, wie der Angeklagte Mauer behaupte, dies sei nicht der Fall. Der Zeuge Merten erklärte, daß er von zehn jungen Leuten, darunter dem Angeklagten Abg. Sumpf, angeschrien worden sei, er solle seinen Arbeitsplan verlassen. Der Angeklagte Albus hab« auf seinen Arbeitstisch ein Flugblatt gelegt. Maschinenmeister Stich sagte aus, er habe beobachtet, wie ein Mann ziemlich erheblich mißhandelt worden sei, weil