Samstag. 19. Juli 1950 180. Jahrgang Nr. 167 Erstes Blatt GietzenerAnzeiger General-Anzeiger für Oberhessen vniü und Verlag: vrühl'fche Univerfitätr-Vuch- und Stcinörudcrci R. Lange in Giehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7. Annahme von Anzeigen für bi< lagesnummtr bi» zum Nachmittag vorher. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re» stlameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platz Vorschrift 20v . mehr. Lhefredakieur Dr. Fnedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.TKyrivt; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Giehen. Erscheint täglich,auher Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte (Siebener FamUienblätter Heimat im Bild Die Scholle. Monats-Bezugspreis: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Trägerlohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Zernfvrechanschlüfie unterSammeInummer2251. Anschrift für Drahtnachrichten Anzeiger Ziehen, postschecktonto: gronffvrt am Main 11686. Nach der Auflösung des Reichstags. Ein Aufruf der Reichsregierung. - Aufhebung der Notverordnungen. Am 14. (September Neuwahl des Reichstags. Die letzte Sitzung. (03on unserer Berliner Redaktion.) Was noch am Donnerstagabend rein stim- mungSgemäh bezweifelt wurde, ist nun doch em- getreten. Der Reichstag ist aufgelost, er besteht nicht mehr. Man kann nicht behaupten, daß er in Schönheit gestorben ist. Was sich in den letzten Wochen abgespielt hat und tagtäglich im Zeichen der drohenden Auslosung stand, war wirklich nicht erhebend. Erhebend war auch nicht einmal die letzte Sitzung, deren Anfang in den frühen Dormittagsstunden lag und deren Ende in die ersten Rachmittagsstunden fiel. Drei Stunden hindurch wurde noch einmal um Einsicht und Vernunft gerungen, wurde alles aufgeboten, um eine Mehrheit zu finden. Zwei Minister bemühten sich, die Opposition von der Rotwendigleit der Rotverordnungen zu über- zeugen, beide Minister liehen es aber auch nicht an einer schürfen Abrechnung mit den groben Flügelparteien rechts und links fehlen. Eine ganze Reihe von Fraktionsvertretem mühte sich, wenigstens die Deutfchnationalen zurückzuhalten. Aber alles war vergebens. Selbst die in der Rächt vom Donnerstag zum Freitag eingetretene S P a l t u n a der deutschnationalen Fraktion war kein Lichtblick, weil der zu erwartende Zuzug von rechts trotz aller Berechnungen nicht aus reichte, um eine Mehrheit sicherzustEen. Mangelte es an Verantwortungsgefühl und Der- antwortungsbewuhtsein, so war doch ein Rach- lassen der in diesem Reichstag üblichen Redelust nicht zu verlpüren. Man sprach und sprach und vergast darüber die Taten zur Abwendung der Rot im Lande und war denn schließlich soweit, daß nun endlich an die Abstimmung herangegangen werden mußte. Auch hier ging es ohne Worte nicht ab. Em Versuch, die Tagesordnung umzustellen und zuerst die Mihtrauensanträge heranzunehmen, glückte zwar, dafür zogen Sozialdemokraten und Kommunisten sofort ihre Mißtrauens- anträge zurück, so daß nun doch das Haus sich zu entscheiden hatte, ob die Aotverord- nungen aufzuheben wären oder nicht. Sozialdemokraten, Kommunisten, der rechte Flügel der Deutschnationalen und die Rationalsozialisten errangen hier einen vollen Erfolg, der aber gleichzeitig ein Todesstoß für den Reichstag selb st war. Mit 236 gegen 221 Stimmen wurde der Aufhebungsantrag der Linken angenommen. 3n dem Augenblick, da dem Haus die Bedeutung dieses Abstimmungsergebnisses bekannt wurde, machte sich sekundenlang ein lähmendes Entsetzen bemerkbar. — Rur aus der Ecke der Rationalsvzialisten gellte ein jubelndes Bravo, dann aber war der Dann fl e b r o ch e n , man wußte, daß jetzt die Schick- alsstunde des Reichstags geschlagen hatte. — Gleich darauf erhob sich auch der Kanzler, umbrandet von dem tosenden Lärm der Linken und den aufgeregten Zwischenrufen der Regierungsparteien. Präsident Lobe schwang die Glocke und verschaffte sich einige Augenblicke Ruhe. Dann verlas der Kanzler die Auflösungsverordnung, die aufs neue einen Sturm im Hause entfesselte, so daß die letzten' Worte Brünings in dem Lärm untergingen. Langsam leerte sich nunmehr das Haus, während die Kommuni st en stehend di« Internationale sangen. Nicht einmal au einer Gegendemonstration vermochte sich dieser aufgelöste Reichstag aufzuraffen. Im Anschluß an diese wenig denkwürdige Sitzung fanden dann sofort Fraktion sbesprechun- g e n statt. Auch das Kabinett trat zusammen, um dem Reichspräsidenten zu empfehlen, für den 14. September Neuwahlen auszuschrci- den. Die meisten Abgeordneten begaben sich noch in den Nachmittagsstunden in die Wahlkreise zurück. Vor dem Reichstagsgebäude mußten allerdings die Kommunisten die wenig angenehme Feststellung machen, daß ein starker Ring von Kriminalbeamten begleitet durch Schupoposten, sich auf- gepflanzt hatte, um jene Kommunisten, sofort fest- z u n e h m e n , die von den Gerichten gesucht wer- den und jetzt ihr« Immunität oerloren haben. Einige konnten gefaßt werden, ein Kommunist allerdings erst nach längerer Jagd, die dis zum Brandenbur- ger Tor hinführte. Das war das Letzte, was dieser Reichstag dem Beschauer noch zu bieten vermochte. Wie abgestimmt wurde. Bei der Abstimmung haben gegen die 21 u.f - Hebung folgende 25 Deutschnationale gestimmt: Bachmann, Bazille, Dingler, Domsch, Dryander, Fromm, Haag, Hampe, Hartmann, Haßlocher, Hemeter, Iandrey, Leopold, Mentzel, Ohler, Philipp, Rademacher, Reichert, von Richthofen, Schmidt- Stettin, Staffehtz Strathmann, Vogt, Wallraf und Graf Westarp. Die deutschnationalen Abgeordneten von Lettow Vordeck und Schultz-Bromberg waren anwesend, haben aber feine Stimmfarte abgegeben, ebenso die Abg. Koch-Düsieldorf, Wege und Biener. Mit den Regierungsparteien stimmten ferner die Deutsche Bauernpartei, Dolksrechtpartei, Deutsch-Hannoveraner und der parteilose Abg. Bruhn. Gefehlt haben bei den Sozialdemokraten die Abg. Frau Agnes, Bock-Gotha, Ebert, Kotzke, Frau Kurfürst, Dr. Marum, vom Zentrum fehlte Feilmayr; von den Kommunisten Dahlem, Dietrich, Hecker, Frau Owerlach, Stöcker, Thesen; von der Deutschen Volkspartei Mittelmann, Moldenhauer, Graf Stolberg; von den Demokraten Erkelenz, Haas, Hummel; von der Wirtschaftspartei Iörissen, Strauß; von den Nationalsozialisten Strasser; von der Deutschen Bauernpartei Heindl; endlich fehlten die parteilosen Abg. Lind und Nientimp. Neuwahlen am 14. September. Berlin, 18. Juli. (IDIB.) Amtlich. Der Herr Reichspräsident Hal aus Vorschlag des Reichskabinetts durch Verordnung vom heutigen Tage den Termin für die Neuwahl des Reichstages auf Sonntag, 14. September b. 3., festgesetzt. OerReichskanzler verliest das Auflösungsschreiben des Reichspräsidenten. An das deutsche Volk! fc .... 11 *: G ' . „ ... ■ I I Oer Aufruf -er Reichsregierung. Der Reichstag hat d i e M i t t e l v e r w e i g e r 1, deren das Reich zur Durchführung seiner Aufgaben bedarf Die Notverordnungen des Herrn Reichspräsidenten sind von einer geringen Mehrheit abgelehnt worden, die in sich uneinig und zur llebernahme der Verantwortung nicht fähig ist. An das Volk ergeht jetzt der Ruf, selbst über seine Zukunft zu entscheiden. Dill das deutsche Volk der Reichsregierung versagen, was zur Ordnung der Finanzen, zur Erhaltung der deutschen Wirtschaft und zur Sicherung der sozialen Verpflichtungen nötig ist? Das ist die Frage des 14. September. Die Reichsregierung wird dafür sorgen, daß Reich, Lander und Gemeinden ihre Aufgaben erfüllen können. £ie llicichsrcgicrunq: gej.: Dr. Brüning, Reichskanzler; gej.: Dietrich, Stellvertreter des Reichskanzlers, Reichs- minister der Finanzen; ge;.: Dr. L u r t i u s, Reichsminister des Auswärtigen; ge;.: Dr. Wirth, Reichsminister des Innern; ge;. Dr. h. c. Sieger- watd, Reichsorbeitsminister; ge;.: Dr. Bredt, Reichsminister der 3ustl;; ge;.: Dr. h. c. Groe - ner, Reichswehrminister; ge;.: Dr. Schätzet, Reichspostminister; ge;.: v. Guärard, Reichsver- kehrsminister; ge;.: Dr. h. c. Schiele, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft; ge;.: Treoiranus, Reichsminister für die besetzten Gebiete. Oie Notverordnungen außer Kraft gesetzt. B e r l i n, 18. Juli. (A m t l i ch.) A u f d a s V e r - langen des Reichstages in dem Beschluß vom 18. Juli 1930 werden gemäß Artikel 48, Abs. 3, Satz 2 der Reichsverfassung diefolgendenbei- den Verordnungen: 1. Verordnung des Reichspräsidenten auf Grund des Artikels 48 RV. über Deckungsmaß- nahmenfürdenReichshaushalt 1930 vom 16. Juli 1930 im Reichsgesetzblatt I, Seite 207; 2. Verordnung des Reichspräsidenten auf Grund des Artikels 48 RV. über die Zulassung einer Gemeindegetränke st euer vom 16. Juli 1930 (Reichsgesetzblatt I, Seite 212) hiermit außer Kraft gesetzt. Der Reichspräsident: (ge;.) von Hindenburg. Der Reichskanzler: (gez.) Dr. Brüning. Was geschieht nun? Tas Reichskabinctt arbeitet neue Aotver- ordnungen aus Berlin, 18. 3uü. (Tel.-Un.) Sicherem Vernehmen nach nimmt Reichskanzler Brün ing angesichts der durch die Aufhebung der Rot- verordnungen geschaffenen Lage nicht an der Rheinlandreise des Reich spräside- t e n teil. Er wird vielmehr die nächsten Tag« dazu benutzen, um gemeinsam mit dem Finanzminister Dietrich die neue Rotverordnung auszuarbeiten. 3n dieser Rotverordnung sollen alle dringlichen Maßnahmen ein- bezogen werden, soweit das verfassungsmäßig zulässig ist. Es dürfte sich hierbei vor allem um solche Maßnahmen handeln, durch die echte Einsparungen am Haushalt zu erzielen sind und durch die notwendige Mehraufwendungen gedeckt werden. 3n Regierungskreisen ist man der Auffassung, daß die wesentlichen Grundzüge des alten Deckunaspro- gramms erhalten bleiben werden. Ob dies Rotverordnungsrecht auch auf die Reformen bei der Krankenversicherung und bei der Arbeitslosenversicherung ausgedehnt werden wird, ist noch nicht sicher. Der Appell an das Volk. Die Ereignisse überstürzen sich: Deutschlands Pan- europa-Anlworl, Hindenburgbries, ^Notverordnung, Reichstagsauflösung, übergenug für eine Iuliwochc, die nach Fug und Recht in die Sauregurkenzeit allen müßte, in der auch einmal die hohe Politik nach uralt geheiligtem Brauch Ferien oom Ich zu machen pflegt. Aber damit wird es in biefem Sommer nur knapp werden, und nichts kennzeichnet vielleicht besser schon rein äußerlich die krisenhaft« Zuspitzung unserer Lage, daß auch die schwere, elbst in den marinen Monaten kaum merklich ab- geschwächte Wirtschaftsnot mit ihren selbstverständlichen politischen Auswirkungen für dies eben aufgelöste Parlament nicht Warnung genug war, einen Wahlkampf unter allen Umständen zu vermeiden, der in einer Zeit, wie der unfrigen, dem Radikalismus jeder Färbung gewaltigen Auftrieb geben muß. Noch bis zum Morgen des entscheidenden Freitag hat man auf keiner Seite ernstlich an di« Reichstagsauflösung geglaubt. Jeder nahm an, der andere werde im entscheidenden Augenblick cö schon nicht bis zum Aeußersten kommen lassen, er selbst dürfe sich also noch ein bischen Demagogie und Verantwortungslosigkeit leisten. Aber dies wenig anmutige Verschiebespiel endete überraschend schnell mit dem Kuriosum, daß ein Kabinett, dem der Reichstag durch fast einmütige Ablehnung eine» kommunistischen Mißtrauensvotums (die Sozialdemokraten enthielten sich der Stimme, die Deutsch- nationalen stimmten sogar geschlossen dagegen) in der bei uns üblich gewordenen Form das Vertrauen ausgesprochen hat, 48 Stunden später von der bi» auf die Weftarp-Leute geschlossenen Opposition in die Minderheit versetzt wird. Es ist ein Gebot nach Erkenntnis strebender politischer Klugheit, den verschlungenen Pfaden nachzuspüren, die zu dem unsere innerpolitische Entwicklung auf lanae Zeit hinaus Richtung gebenden Freitagergebnis führten. Die Vorlage, die der Reichsfinanzminister Dietrich mit den von der Volkspartei angeregten Abänderungen zur Deckung des Defizits im Reichshaushalt und als Einleitung des großen, für den Herbst vom Reichskabinett geplanten Reformwerks im Reichstag einbrachte, fand bereits im Haushaltsausschuß bei dem den materiellen Inhalt der geforderten „Reichshilfe" umgrenzenden Artikel 2 keine Mehrheit. Das gleiche wiederholte sich bei der zweiten Lesung im Plenum des Reichstags. Ein Zwischenspiel hatte Klarheit üb<| die Haltung der Sozialdemokraten gebracht. Vom Zentrum waren Fühler zur linken Oppositionspartei ausgestreckt, mit dem Ergebnis, daß die Sozialdemokraten wohl bereit waren, der Deckungsvorlage vermutlich durch Stimmenthaltung zur Annahme zu verhelfen, aber dafür einen Preis forderten, den das Kabinett Brüning und die hinter ihm stehenden Parteien nicht zu zahlen gewillt waren. Man verlangte Beseitigung der Bürgersteuer, obwohl diese in der Form eines Verwaltungskostenbeitrags bereits im Reformprogramm Hilferdinas enthalten war, ferner Erhöhung der Einkommensteuer, obwohl auch das Kabinett Hermann Müller schon im Herbst des vergangenen Jahres eine Erhöhung der direkten Steuern als wirtschaftsvernichtend abgelehnt hatte, und schließlich Beseitigung der für die Sozialversicherungen als notwendig erachteten Reformen, di«, wenn auch im einzelnen modifiziert, ebenfalls ein sozialdemokratisches Kabinett seinerzeit in Aussicht genommen hatte. Darüber hinaus ließen die sozialdemokratischen Unterhändler durchblicken, daß man als Folg« ihrer Unterstützungspolitik eine Umbildung des Kabinetts zu einer Regierung der Großen Koalition erwarte. Diesem werden vermutlich Volks- konservative und Wirtschaftspartei widersprochen haben. Die Unterhandlungen mußten bei diesem umfangreichen Wunschzettel ergebnislos verlausen. Die Sozialdemokraten zogen die Konsequenzen und verhalfen durch ihre Stimmabgabe im Plenum dem Artikel 2 der Deckungsvorlage zur Ablehnung, worauf der Reichskanzler die Vorlage zurückzog und die Anwendung der ihm auf Grund des Artikel 48 der Reichsverfaffung vom Reichspräsidenten übertragenen Vollmachten die gleiche Vorlage, vermehrt um die von den Demokraten angeregte Schankverzehrsteuer, im Wege der Wotoer« orbnung in Kraft fetzte. Zweifellos eine schwere Niederlage des Parlaments, ein Versagen auf der ganzen Linie. Daß der Reichstag, in ernster Stunde der Nation zur verantwortungsbewußten Mitarbeit an dem großen Reformwerk der innerpolitischen Sanierung berufen, in seiner Mehrheit weder Kraft noch Mut genug ausbrachte, durch seine Entscheidung die Mittel zu einem Ausgleich des Reichs Haushalts bereitzustellen und damit die Voraussetzung für die Inangriffnahme der Reichs-, Finanz- und Verwaltungsreform zu schaffen, bedeutet die Selbstausschaltung des Parlaments, die schwerste Schädigung, die dem Gedanken des parlamentarischen Systems zugefügt werden konnte. Der Rückgriff auf den Artikel 48 der Reichsoerfassung zur Durchsetzung der Deckungsvorlage auch ohne Mitwirkung des Parlaments hat auch innerhalb der dem Kabinett nahestehenden Parteien Bedenken erregt. Gewiß nicht ganz mit Unrecht. Der Reichspräsident hat sich beim Erlaß der beiden Notverordnungen — aus taktischen Gründen war die Gemeindegetränkesteuer (Schankverzehrsteuer) von den anderen Bestimmungen der Deckungsvorlage abgetrennt worden — auf den zweiten Absatz des Artikels 48, des sog. Diktaturparagraphen, gestützt, der in dem in Frage kommenden Teil lautet: „Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reiche b i e öffentliche Sicherheit unb Orbnung erheblich gestört ober gefährbet wirb, bie zur Wiederherstellung ber öffentlichen Sicherheit unb Orbnung nötigen Maßnahmen treffen." Wenn sich aus biefem Artikel in ber Praxis ein sehr bedeutsames Notverordnungs- recht des Reichspräsidenten auch auf wirtschaftlichem Gebiet entwickelt hat, so fehlt dafür doch eine ausdrückliche Grundlage, denn der Diktaturparagraph ist sehr allgemein gehalten und läßt offen, welche Auslegung man den Worten „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" und „die zu ihrer Wiederherstellung nötigen Maßnahmen" geben will. Sehr weit ging man gewiß mit dem Erlaß der ersten Steuernotverordnung vom 7. Dezember 1923 auf Grund des Artikels 48 durch den Reichspräsidenten Ebert, die Regierung suchte und erhielt jedoch damals vom Reichstag Indemnität durch das Ermächtigungsgesetz vom 9. Dezember. Dieser Vorgang mag dein Reichskanzler Brüning als Parallele zur eigenen Lage vorgeschwebt haben. Aber abgesehen von den rechtlichen Bedenken, ob die Ablehnung einer bestimmten Deckungsvorlage zum Ausgleich des Reichshaushalts Grund genug ist, für die Ausschreibung neuer Steuern die Hilf« des Diktaturartikels in Anspruch zu nehmen, mag es zweifelhaft fein, ob es taktisch klug war, die stärksten Machtmittel, die die Reichsverfassung dem Staatsoberhaupt und der von ihm gestüßten Reichsregierung für besondere Fälle einräumt, aus dem verhältnismäßig geringfügigen Anlaß der Ablehnung einer Steucroorlage durch den Reichstag einzuseßen, also jetzt schon mit schwerstem Geschütz aufzufahren und alles Pulver zu verschießen, zumal wenn die Gefahr droht, daß zunehmende Wirtschaftsnot und politisch« Verhetzung im Herbst und Winter vielleicht in allem Ernst und mit ganzer Wucht außerordentliche Maßnahmen „zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" notwendig machen, von deren Störung oder Gefährdung man im Augenblick doch im Ernst wohl kaum schon sprechen kann. Aber sei dem, wie ihm wolle, wenn Männer wie Wirth, der Derfassungsminister, und Bredt, der Justizminister und Staatsrechtslehrer, denen niemand Diktaturgelüste wird nachsagen wollen, die Anwendung des Artikels 48 für erforderlich hielten, so hätte man sich zweifellos auch auf der bürgerlichen Linken damit abgefunden. Anders jedoch die Sozialdemokratie. Sie war nicht gewillt, auf das Recht des Reichstags aus eben demselben Artikel 48 der Reichsverfassung zu verzichten, und stellte den Antrag auf Aufhebung der Notverordnungen. Damit war dem beiseitegeschobenen Reichstag noch eine lejfte Chance in die Hand gespielt, sich wieder in die Mitarbeit am Reformwerk einzuschalten, wenn sich eine Mehrheit gegen den sozialdemokratischen Aufhebungsantrog fand, die der Reichsregierung für den Erlaß der Notverordnungen wenigstens indirekt nachträglich Indemnität erteilte. Bot vor der Ablehnung der Deckunysvorlage durch den Reichstag die linke Oppositionspartei der Regierung ihre Unterstützung an, so war es jetzt die Rechte, die um Der- Handlungen mit dem Reichskanzler nachsuchte. Aber auch die Forderungen der Deutschnationalen waren so weitgehend, daß die Verhandlungen keinen Erfolg haben konnten. Auch sie verlangten Umbildung der Reichsregierung, aber darüber hinaus auch entsprechende Neubildung des Preußenkabi- netts und stellten für diesen Preis in Aussicht, für eine Vertagung der Abstimmung über den sozialdemokratischen Aufhebungsantrag bis zum Herbst einzutreten. Nach der scharf zugespitzt formulierten Forderung der Deutschnationalen konnte es fast den Anschein haben, als ob Hugenberg, der selbst mit seinem Freunde Oberfohren beim Reichskanzler Vorgesprächen hatte, diese Aktion aus überwiegend parteitaktischen Erwägungen eingeleitet hätte, um der regierungsfreundlichen Minderheit innerhalb seiner Fraktion seine Bereitwilligkeit zur Zusammenarbeit mit dem Kabinett zu zeigen, im Falle der im Hinblick auLbie gestellten Forderungen zu erroar- tenden AbMnung jedoch die Fraktion geschlossen hinter sich zu haben, wenn er zum entscheidenden Schlag gegen Brüning ausholte. Aber hierin hat sich Hugenberg verrechnet. Die Minderheit seiner Fraktion versagte ihm bei der entscheidenden Abstimmung über den sozialdemokra- tischen Aufhebun^antrag die Gefolgschaft und fchwenkte in die Regierungsfront ein. Der weit- schauende, routinierte alte Parlamentarier Graf Westarp, wohl immer noch der stärkste Kopf der Konservativen, begründete in klugen und von starkem Verantwortungsbewußtsein für das Ganze zeugenden Ausführungen feine und feiner Freunde Weigerung, durch ihre Mithilfe beim Sturz einer bürgerlichen Regierung das begonnene Reformwerk Zu verschleppen und die Verabschiedung wichtiger, gerade von der Rechten geforderter Gesetze zu ver- hindern. Die „Deutsche Tageszeitun g", das Organ des Reichslandbundes, hatte nach am Tage vor der Abstimmung einen letzten Appell an die ihr nahestehende deutschnationale Fraktion gerichtet. Sie könne sich nicht vorstellen, so schrieb sie, daß die Fraktion bei der entscheidenden Machtprobe zwischen der Regierung Brüning-Schiele und der aufs äußerste bereits wieder machthungrigen Sozialdemokratie anderswo zu finden fein sollte, als in Gemeinschaft mit dem übrigen Bürgertum an der Seite der Regierung. Das Blatt fragte, ob der deutsche Bauer, der bisher in der Rechten über» wiegend seine gegebene politische Vertretung gesehen habe, zu der bitter enttäuschenden Ueberzeugung kommen solle, daß eben diese Rechte ihm zwar helfen könne, aber ihm nicht Helsen wolle; es wäre keine leicht zu lösende Ausgabe, den Menschen im Lande klar zu machen, weshalb man gegen die Kommunisten durch Ablehnung ihres Mißtrauensvotums der Regierung beispringe, um sie 48 Stunden später gegen die Sozialdemokraten im Stich zu lassen. — Der Appell aus dem eigenen Lager hat nichts gefruchtet, und Herr Hugenberg wird sich der eben erwähnten, wenig beneidenswerten Aufgabe unter- ziehen müssen. Der Reichskanzler hat nach der Annahme des sozialdemokratischen Aufhebungsantrags mit Hilfe Der deutschnationalen Mehrheit, der Nationalsozia, listen und Kommunisten auch von seiner letzten, ihm vom Reichspräsidenten verliehenen Vollmacht Ge- brauch gemacht und den Reichstag aufgelöst Damit stehen wir nun in einer Zeit schwerster wirt- schaftlicher Not vor einem Wahlkamps, der, wie wir fürchten müssen, dank des Anwachsens der radikalen politischen Strömungen und der im Streit um das Deckungsprogramm bereits bedenklich zugespitzten politischen und sozialen Gegensätze, mit äußerster Scharfe geführt werden wird. Da man auch nicht davor zuruckschrecken wird, im Ringen um die Stimme des Wählers an die niedrigsten Instinkte zu appellieren, so möchten wir uns heute schon ein. setzen für Reinlichkeit und Sauberkeit im politischen Kampf, für Achtung und Duldung der ehrlichen Ueberzeugung Andersdenkender. Alle gutmeinenden um das Wohl des Volks ganzen besorgten, alle nur den Staat und die Nation und sonst nichts vor sich sehenden Staatsbürger rufen wir heute schon auf, der beängstigend wachsenden Verrohung des politischen Kampfes Einhalt zu gebieten und gegen die feige, tückische Verhetzung und Vergiftung der Volksseele Front zu machen, solange cs noch Zeit ist. Rur s ch ä r f ft c S e 1 b st d i s z i p l i n der Par teien und jedes Einzelnen auf der einen, rücksichts- loses Einsetzen der staatlichen Machtmittel gegen mutwillige Störer der öffentlichen Ordnung auf der anderen Seite, werden uns davor bewahren, daß aus dem, durch das Versagen des Parlaments, in Zeiten schwerster Wirtschaftsnot heraufbeschworenen Wahlkampf sich nicht das furchtbare Medusenhaupt des Aufruhrs erhebt, daß vielmehr aus dem Rei- nigungs- und Läuterungsprozeß dieses Sommers eine arbeitsfähige und arbeitswillige Volksvertretung hervorgeht, die sich den großen, ihrer harrenden Aufgaben besser gewachsen zeigt, als ihr Vorgänger. Hindenburgs Rheinlandreise. Begeisterter Empfang des Reichspräsidenten in Speyer. Speyer, 19.3uli. (WTD. Funkspruch.) Der fahrplanmäßige Schnellzug, mit dem Reichspräsident Hindenburg in die Pfalz reist, suhr um 9.40 Uhr, von den Klängen des Deutschlandliedes begrüßt, auf dem Speyerer Hauptbahnhof ein. Ministerpräsident Dr. Held, Innenminister Dr. Stütze! und Oberbürgermeister L e t l i n g empfingen den mit stürmischen Hochrufen begrüßten Reichspräsidenten. Rach der Begrüßung fuhr der Reichspräsident unter dein Geläute der Kirchenglocken in Begleitung des bayerischen Ministerpräsidenten in die Stadt. In den ihm folgenden Wagen faßen u. a. Reichsaußenminister Dr. Curtius, Landtagspräsident Stang, München, der badische Staatspräsident Dr. Schmitt, der bayerische Staatsminister Dr. Fehr und Botschafter Frhr. Langwerth von Simmern. Auf der ganzen Fahrt durch die von der Bevölkerung dicht umsäumten Straßen setzten sich die jubelnden Hochrufe fort. Um 9.50 Uhr hielt der Wagen des Reichspräsidenten vor der Protestationskirche. Hier trat Landeskirchenpräsident Dr. Kehler an den Wagen heran und begrüßte den Reichspräsidenten. Sodann ging die Fahrt die Maximilians- straße entlang zum Dom, wo die katholische Geistlichkeit zum Empfang des Reichspräsidenten bereitstand, an ihrer Spitze Bischof Dr. Ludwig Sebastian, der den Reichspräsidenten mit kurzen Worten begrüßte. Oie Parteien an ihre Wähler. Oie Sozialdemokraten. Parlarucntsrecht ist Bolksrecht. Rach einer Mitteilung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion versammelte sich die Fraktion sofort zu einer besonderen Sitzung. Der Par- teivorsihende, Abgeordneter Otto Wels, hielt eine Ansprache, in der er u. a. ausführte: Die Auflösung des Reichstages bedeute einen neuen Abschnitt des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit. Die Sozialdemokratie werde sich jetzt an die Massen des Volkes wenden, um ihnen zu zeigen, daß es sich bei der heutigen Abstimmung nicht allein um die Verteidigung derRechte desPar- laments, sondern der Rechte des Volke s gehandelt habe. Parlamentsrecht fei V o l k s r e ch t. Dieser Gesichtspunkt werde von der Sozialdemokratie besonders hervorgehoben werden. Die Aussichten des Wahlkampfes feien für die Sozialdemokratie durchaus günstig. Es gebe keine Organisation der Welt, die der sozialdemokratischen vergleichbar fei. Sie sei auf die Wahlen vorbereitet und vertraue darauf, daß sie, mit den arbeitenden Massen des Volkes hinter sich, verstärkt aus dem Wahlkampf hervorgehen werde. Oie Demokraten. Kein Znteressentenvolk, sondern ein Staats' Volk: Für einen arbeitsfähigen Reichstag. In gefährlichster Lage von Volk und Wirtschaft hat der Reichstag keine Mehrheit für das notwendige Gesundungsprogramm aufgebracht. Gesetze von höchster Bedeutung für die Ordnung der Reichsfinanzen, Reformarbeiten zur Wiederaufrichtung der Wirtschaft und zur Reugestal- tung der Verwaltung, Maßnahmen zur Erneuerung des Weltvertrauens auf deutsche Leistungskraft sind unvollendet geblieben. Die notleidenden Gebiete in Ost und West des Reiches sehen die ersehnte Hilfe in ungewisse Ferne gerückt. Dem Reichsfinanzminister Dietrich fehlte in seinem unerschrockenen Ringen um die Gesundung von Finanzen und Wirtschaft die parlamentarische Mehrheit. Der Reichstag ließ ihn im Stich. Daß eine Rot vorhanden ist, die nach dem Versagen des Parlaments diese äußerste Rotmaßnahme rechtfertigt, ist unverkennbar. Die schwer bedrohten Finanzen des Reiches, der Länder und Gemeinden, die Millionen von Arbeitslosen, der Zusammenbruch wertvoller Existenzen, die Verzweiflung wichtigster Berufsstände sprechen^ eine deutliche Sprache. Die Regierung handelt im Geiste demokratischer Verantwortlichkeit, wenn sie jetzt gegen die versagenden Fraktionen an das Volk appelliert. Sie wahrt die Verfassung und die Rechte des Volkes. Ein Parlament, das nicht fähig ist, die Sorge für gesunde Finanzen über Parteiinteressen zu stellen, untergräbt nicht nur die Grundlage der eigenen Existenz, sondern gefährdet Staat und Volk, Kultur und Wirts cha ft. Darüber zu richten, ist dos deutsche Volk jetzt berufen. Es muß beweisen, daß es kein Interessentenvolk, sondern ein Staatsvolk ist. Es muß den arbeitsfähigen Reichstag schaffen! Oas Zentrum. Um Botkswohl gegen rücksichtslose Partei- Herrschaft. Der Stampf um das Zustandekommen einer handlungsfähigen Mehrheit im Deutschen Reichstag ist zu Ende. In einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Krisen und gefahrdrohender Unsicherheit hat der Reichstag versagt. Er verfiel der Auflösung. Seit den letzten Reichstagswahlen war es das heiße Bemühen der Zentrumsfraktion des Reichstages, dem Verfall der Reichsfinanzen zu steuern und die damit verbundene Gefahr für die Behebung der Notlage weiter Volkskreise, die unter Wirtschaftsnot und Arbeitslosigkeit leiden, zu überwinden. Nicht aufschieben, sondern handeln, das war unsere Parole. Was im Kabinett Müller nicht gelungen war, wurde von der Regie- rung Brüning entschlossen und tatkräftig in Angriff genommen und vorangeführt. Die Reichsregierung hat nichts unversucht gelassen, um eine parlamentarische Erledigung der notwendigen Gesetzesvorlagen möglich zu machen. Am Ende mußte für sie das entscheiden, was noch hoher ist als parlamentarische Form. Volkswohl st e h t über Parlamentsform! Die Verordnungen der Regierung sind Verordnungen der Notlage. Sie geben Land und Volk die notwendige Sicherung. Das deutsche Volk in Stadt und Land wird die Parteien verstehen, die in notvoller Zeit ihre Pflicht getan und nicht vor bitterer Verantwortung zurück- gcwichen sind. Mit der Auflösung des Reichstages ist der Kampf um den neuen entbrannt. Dieser neue Reichstag muß ein anderer sein. Das deutsche Volk in all seinen Schichten wird den Beweis zu erbringen haben, ob es den Willen und die Kraft hat eine Zusammensetzung des Reichstages zu erzwingen, die den Aufgaben der Zeit und den Vorbedingungen einer gefunden Volksfortentwicklung besser zu dienen vermag. Nicht um Parlamentsrecht, sondern um Parlamentspflicht, nicht um Volksrecht ßepen Diktatur, sondern um Dolkswohl gegen r u rfJ i dj t 01 ° f c Parteiherrschaft geht unser Kamps. Das deutsche Volk will Ruhe und Sicherheit, Ordnung und Aufbau, Tatkraft und Pflichterfüllung. Oie Volkspartei. Mit Hindenburg für Deutschlands Rettung. Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei hat in dieser Stunde nur den einen Wunsch: Möge das Volk die furchtbare Rot von Millionen aus Arbeit und Beruf geworfenen Menschen, von Millionen zerstörter oder gefährdeter Existenzen in ihrer vollen Bedeutung würdigen. Möge es erkennen, daß nur der Deutschland zu retten vermag, der Arbeitsmöglichkeit schafft, der Zer st örungderWirtschaft Einhalt gebietet und das Reich finanziell und verfassungsmäßig auf gesunde Grundlagen stellt. Die Reichstagsfraktion der D. V. P. hat einen schweren Kampf gekämpft. Was sie erstrebte, hat sie nicht alles erreicht. Erreicht hatte sie, daß die von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen wirkungsvoll ergänzt wurden durch Stärkung des Verantwortungsgefühls für Sparsamkeit in den Gemeinden mit dem Ziel der Senkung der drückendenRealsteuern, wofür die Fraktion seit Iahr und Tag kämpfte. Sie hatte erreicht, daß endlich eine gesetzliche Grenze der uferlosen .Zufchußwirtschaft fest- gelegt wurde. Die hatte erreicht, daß die Zukunft der deutschen Sozialversicherung durch Abstellung offenbarer Mißstände und durch ihre Anpassung an die gegenwärtige Tragfähigkeit unserer Wirtschaft gesichert wurde. Sie hatte schließlich durchgeseht, daß die unmittelbare Senkung der Ausgaben des Reiches im größeren Umfange in Angriff genommen werden sollte, als dies ursprünglich geplant war. Durch die Reichstagsauflösung sind diese bedeutsamen Reformen in Frage gestellt. Das Volk muß nun entscheiden, ob es den zerstörenden Kräften unverantwortlicher und verblendeter Parteipolitiker mehr Vertrauen schenken will, als dem jederzeit bewährten vorbildlichen vaterländischen Pflichtgefühl Hindenburgs. Mit Hindenburg für Deutschlands Rettung, das soll unser Wahlspruch sein. Nie Wirischastspariei. Für den werktätigen Mittelstand in Stad nnd Land. In der letzten Fraktionssitzung der Wirt- s ch a f t s p a r te i im Reichstag betonte der Vorsitzende Drewitz, die Wirtschaftspartei habe in der kurzen Zeit ihrer Regierungszugehörigkeit mit allen Kräften und auch mit Erfolg sich bemüht, den Interessen des werktätigen Mittel ft andes in Stadt und Land stärkere Berücksichtigung in der Gesetzgebung zu verschaffen. Die Partei habe daher die besten Erfolgsaussichten im W a h l k a m p f. Aus der Mitte der Fraktion wurden Dankcsworte an den Fraktionsvorftand und an den Minister Dr. Bredt gerichtet. Oie Westarp-Gruppe. Für cittc konservative und bodenständige Rechte. Graf Westarp veröffentlicht in der „Kreuz- zeitung" eine Erklärung, in der es heißt: Der Artikel 48 ist eine der wenigen Bestimmungen, in denen die Reichsverfassung dem Staatsoberhaupt eine selbständige Entscheidung zuläßt. Die Aufhebung der Rotverordnung richtet sich deshalb nicht nur gegen die durch Gegenzeichnung an der Verantwortung beteiligten Regierungen, sondern gegen den Herrn Reichspräsidenten und die von ihm verfolgte Politik. Den dadurch geschaffenen Gegensatz konnte ich nicht auf mich nehmen. Wir konnten im Interesse der schwer bedrohten Landwirtschaft der Ostmark und des ganzen Landes nicht den sofortigen Erlaß des Gesetzes über die Oft hilf e, aber auch nicht auf die wesentlichen Verbesserungen in der Arbeitslosen- und Krankenversicherung, auf die Amnestie- und sonstigen noch ausstehen- fcen Vorlagen verzichten. Wir hielten den Wirrwarr, der mangels einer ordnungsmäßigen Verabschiedung des Etats entstanden ist, für unheilvoll. Mit dem überwiegenden Teil des Landvolkes wollten wir es vermieden sehen, daß die Durchführung der im April unter unserer ausschlaggebenden Mitwirkung beschlossenen Land Hilfe, deren auf längere Zeit berechneten Wirkungen in steigendem Maße einzusehen begonnen haben, durch die Auslösung und ihre Folgen gefährdet wird. Aufgabe des bevorstehenden Wahlkampfes wird es sein, entsprechend den Grundgedanken bei Gründung der Deutsch- nationalen Volkspartei, die konservativen, bodenständigen und rechts gerichteten Kreise des Volkes einer geschlossenen parlamentarischen Einheit entgegenzuführen und diese in dem Kampf um die Befreiung des Vaterlandes einzusehen. In der Erklärung heißt es noch, die Regierung sei in den letzten Tagen insbesondere durch den Erlaß der abgelehnten Rotverordnung in einen scharfen Gegensatz zur Sozialdemokratie getreten. Das Eintreten des Reichspräsidenten für die Aufhebung des Stahlhelmverbotes habe sie in Kampf st ellung zu der sozialdemokratischen Parteiherrschaft in Preußen gebracht. Damit habe eine Entwicklung begonnen, die er glaube fördern zu müssen, weil er in der Loslösung der Mitte von der Sozialdemokratie die Voraussetzung für eine nationale äußere und innere Befreiungspolitik erblicke. Oie Hugenberg-Gruppe. Gegen den Marxismus. Die deutschnationale Reichstagsfraktion hielt nach Auflösung des Reichstages eine kurze Fraktions» sitzung ab. Dr. Oberfohren wies im Hinblick auf die kommenden Wahlkampfe auf die heutige Erklärung des Reichsfinanzministers yin, daß wir im Herbst mit neuen großen Belastungen an Steuern kämpfen müssen. Die Regierung werde noch schärfere Eingriffe im Herbst vornehmen müssen. Dr. Ober- fahren betonte, daß er in seiner Reichstagsrede am Freitag die Wege gewiesen habe, wie die B e • l a st u n g vermieden werden könne. Der Parteiführer Dr. Hugenberg betonte, da^Man mit der schwächlichen Politik, die die Regierung getrieben habe, die Sozialdemokratie nicht bekämpfen könne. Gerade aus Jndustriekreisen habe er gehört, wie notwendig es sei, daß im Reichstag endlich klarer Tisch gemacht werde. Der Kampf der Deutschnationalen werde sich vor allem gegen den Marxismus richten.. Er hoffe, daß die deutschnationale Reichstagsfraktion nach den nächsten Wahlen in alter Stärke wiederkehren werde. Austritte aus der Oeutschnationalen Partei. Berlin, 18. Juli. (VDZ.) Der bisherige deutsch- nationale Reichstagsabgeordnete Staatssekretär a. D. Exz. Wallraf hat an den Parteivorsitzenden Hugenberg ein Schreiben gerichtet, in dem er mitteilt, daß er sein A m t im Parteioorstand n i e b e r l e g t und gleichzeitig aus der Partei au stritt, da er die von dem Parteivorsitzenden getriebene Politik mit seinem persönlichen Verantwortungsgefühl nicht mehr zu vereinbaren vermag. Mit ähnlicher Begründung wie Exz. Wallraf hat auch der Abg. Dr. Haßlacher, Generaldirektor der Rhein. Stahlwerke, sein Amt im deutschnationalen Parteivorstand niedergelegt und seinen Austritt aus der Deutschnationalen Dolkspartei erklärt. Von den 25 deutschnationalen Abgeordneten, die bei der Abstimmung mit dem Abgeordneten Graf Westarp für die Regierung stimmten, haben insgesamt bisher 18 gleichzeitig ihren Austritt aus der deutschnationalen Fraktion vollzogen. Abgeordneter Graf Westarp ist auch aus der Deutschnationalen Volkspartei ausgetreten. WaswirdausdenKonservativen? Verhandlungen mit Landbund und Treviranus. Berlin, 18. Iuli. (Täl.) Graf Westarp und die übrigen deutschnationalen Abgeordneten, die im Gegensatz zur Parteileitung für die Rotverordnungen der Regierung eingetreten waren, berieten am Freitagnachmittag mehrere Stunden im Reichstag, ohne daß schon ein greifbares Ergebnis dabei zutage trat. Ziel der Beratungen war eine Parteineugründung auf konservativer Grundlage. Zwischen Graf Westarp und der Gruppe Treviranus hat bereits eine erste Fühlungnahme stattgefunden. Auch hierbei ist man aber über Vorbesprechungen zunächst noch nicht hinausgekommen. Es sind starke Bestrebungen im Gange, die Organisation des Reichslandbundes in die Dienste der neugeplanten Partei einzustellen. Auch hierbei sind allerdings noch Schwierigkeiten zu überwinden. Die Separatistenausschreitungen in Mainz. Keine von rechtsrheinischen Kräften organisierte Aktion. Darmstadt, 18. Iuli. (WSN. Amtlich.) Sofort nach den Mainzer Ausschreitungen gegen ehemalige Separatisten sind energische Rachforschungen nach den Tätern eingeleitet worden, die zur Ermittlung der Haupttäter geführt haben. Acht von ihnen befinden sich in Unter- fuchungshaft. Gegen sie ist Anklage wegen Landfriedensbruches erhoben worden. Es handelt sich ausschließlich um jüngere ßeuteim Alter von 16 bis 30 Iahren, die sämtlich au8 Mainz stammen, politisch bisher wenig hervorgetreten und teilweise schwer worbest r a f t sind. Auch die übrigen Teilnehmer an den Ausschreitungen stammen aus allen Kreisen der Bevölkerung und aus den verschieden st enParteilagern von Rotfront bis zu den Rationalsozialisten und sind sämtlich ebenfalls einheimische Mainzer. Die Vermutung, daß es sich bei den Ausschreitungen um eine organisierte Aktion einer bestimmten politischen Richtung handele, hat sich bisher nicht b est ä t i g t. 30000 neue Wohnungen. Stcgerwalds Wohnungsbauprogramm. Berlin, 19.Iuli. (ERB.) DasRcichsarbeits- nrinifterium hat jetzt Grundsätze für die Durchführung des zusätzlichen Wohnungsbauprogramms den Länderregierungen zugeleitet. Zur Durchführung stellt das Reich einen Betrag von 100 Millionen Mark zur Verfügung. Aus diesem Betrage werden Reichsdarlehen gegeben, die zunächst mit 1 Prozent verzinslich sind. Die Gesamtzinsbelastung muß so sein, daß angemessene, für die minderbemittelten Schichten tragbare Mieten gewährleistet sind. Die Mieten für Wohnungen von 32 bis 45 Quadratmeter dürfen nicht mehr als 20 bis 40 Mk., die bis zu 60 Quadratmeter nicht mehr als 40 bis 50 Mk. monatlich betragen. Gs ist ferner Voraussetzung für die Reichsdarlehen, daß durch die Bauvorhaben der Arbeitsmarkt erheblich entlastet wird, und zwar insbesondere in denjenigen Gebieten, in denen unter den Bauarbeitern eine besonders starke Arbeitslosigkeit besteht. Es wird erwartet, daß durch die Maßnahmen des Reiches zusätzlich rund 30000 Wohnungen erstellt werde« können. Was sagt die presse? „Den Deutschen Reichstay hat nun doch nach einer Lebensdauer von zwei Jahren heute mittag fein Schicksal vorzeitig ereilt. Sogen wir ruhig: E s warredlich verdient!" — Wit diesen Worten leitet die „G e r m a n i a" (Zentrum) ihre Besprechung der Vorgänge im Reichstag ein und fährt dann fort: In der stunde der größten Not und der dringendsten Verpflichtung zum Handeln hot der Reichstag in gefahrdrohenderWeife ver- sagt und der Reichsregierung das Notoerordnungs- gcfetz geradezu in die Hand gezwungen. Der Reichs- tag schuf heute den Gipfelpunkt seiner Berhand- lungs- und Verantwortungslosigkeit, indem sich eine Mehrheit fand, die die von der Regierung erlassenen Verordnungen wieder aufhob. In dieser Situation gab es nur die eine Möglichkeit, von der der Reichspräsident heute Gebrauch machte, daß er diesen Reichstag nach Haufe schickte. Das Werk der finanziellen und wirtschaftlichen Sanierung, das die Regierung energisch in Angriff genommen hat, steht jedenfalls in der parlameatloscn Zeit nicht still. Was in dieser Hinsicht getan werden muß aus oe» antwortlicher Verpflichtung gegenüber Staat und Volk, das wird auch geschehen. — Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" (Volkspartei) schreiot: In diesem Reichstag geschah das Unglaubliche, daß der parlamentarische Fraktionsgei st über d i e Unterschrift des Reichspräsidenten triumphieren durste, ja es geschah das Beschämende: Die Sozialdemokratie konnte einen Erfolg gegen Hindenburg nur erringen durch d i e 1 5 Stimmen der Deutschnationalen, die unter Führung des Geheimrats Hugenberg stehen. Wir werden also ein neues Parlament wählen müssen, obwohl gerade nach den Erfahrungen dieser Wochen in weiten Kreisen des Volkes bie lieber- zeugung gewachsen ist, daß das deutsche Volk ohne Reichstag sachkundiger und richtiger regiert werden könne. — Die „23 off. Z t g." (Dem.) wendet sich an die deutschen Wähler, von denen das Blatt verlangt, einen Reichstag zu wäh- len, der es dem Reichspräsidenten und der Reichsregierung ermöglicht, eine einheitliche Poli- t i k nach innen und außen zu treiben, ohne einen Zwang zu schädlichen Krompromissen und bedenk- liehen Notlösungen. Die Parteien und Gruppen, die später die Verantwortung übernehmen wollen, müssen sich jetzt schon zusammenfinden, um zu ver- meiden, daß der Wahlkampf sich auflöft in kleine Auseinandersetzungen über begangene Fehler, in einem Krieg aller gegen alle. — Die „Tägliche Rundschau" äußert die Befürchtung, daß der nächste Reichstag in ähnlicher Weise arbeitsunfähig sein werde. Sollte der nächste Reichstag die Voraussetzungen für eine Politik der nationalen Vernunft nicht mitbringen, so werde es die Sache echter Führer sein, sich von diesem Ziel nicht abbringen zu lassen. Die Selbstbesinnung eines weiteren Teiles der Deutschnationalen sei ein erfreulicher Zug in dem unerfreulichen Geschehen. Hätten noch mehr deutschnationale Abgeordnete dieses Verantwor- tungsbewußtsein geteilt, so wäre die Reichstagsauflösung vermieden worden und damit eine schwere Beunruhigung in dieser ruhelosen Zeit ausgeblieben. — Der „L o k a I - A n z e i g e r" (Hugenberg) bezeichnet das Ausscheiden eines Drittels der jetzigen Reichstagsfraktion als einen überaus schmerzlichen Verlust. Dieses Ausscheiden, betont das Blatt, ist die Folge davon, daß die Führung der Deutsch- nationalen Volkspartei mit dem Programm der Partei und dem inneren Sinn der nationalen Bewegung wirklich (E r n ft gemacht hat. Wenn also der Verlust von Männern, wie Graf Westarp, darauf zurückgeht, daß sie innerlich Gesan- ficnc des & |tems, an dem wir leiden, sind, o wird und muß dieser Verlust überwunden werden. Aus der fast zwei Jahre andauernden Gene ungskrkise tritt die Partei jetzt endlich in die Genc ung ein, gemindert in der Zahl, aber stark und gc und im Kern. — Die „B ö r s e n z e i t u n g" (Volkskons.) stellt fest, daß in dem Augenblick in dem die Sozialdemokratie ihren Antrag auf Aus- Hebung der Notverordnungen eingebracht habe, es für Deutschland und die beteiligten Parlamentarier um mehr ging als um das Steuerprogramm. Die Führer des Marxismus witterten die Gelegenheit, die verhaßte bürgerliche Regierung aus dem Sattel zu heben und den Boden für eine Linksregierung vorzubereiten, die nach den bevorstehenden Wahlen um so stabiler sein dürfte, je hoffnungsloser die Zersplitterung der nationalen Rechten sei. Wie bei den letzten Wahlen in Sachsen werde der Marxismus im nächsten Reichstag die einzig wirklich breite und tief gegliederte Masse sein. Der rechte Flügel der Deutschnationalen werde es dann zu verantworten haben, wenn eine sozialdemokratisch geführte Regierung die Osthilfe ablehnt, wenn sie die Landwirtschaftshilfe verwässert und die Wirtschaft aufs Neue bedrückt. Pressestimmen aus dem Gleich Der „Hannoversche Kurier" (Volkspartei) schreibt, wir hätten einen Rücktritt der Regierung und einen neuen Versuch mit einem neuen Kabinett auf Grund eines neuen Dcckungspro- gramms vorgezogen. Vielleicht hätte man doch einen großen Teil der Deutschnationalen hierfür gewinnen können. Selbst die Hugenberg-Gruppe war ja fast schon bereit, unter bestimmten Bedingungen diese Dcdungsoorlagen zuzulassen. Aber das Kabinett Brüning hat es dann doch nicht verstanden, eine Mehrheit zu sich zu kehren. Unbestreitbar hätte das fein eigentlicher Erfolg sein müssen. Wir glauben, daß nun, wo die Würfel gefallen sind nichts so erforderlich ist, als sofort den Block zu schaffen, der die Finanzresorm auf seine Fahnen schreibt. Um dieses aktive Ziel muß sich jetzt die Mitte (am- mein, wenn sie nicht zerrissen werden will. — Die „Königsberger Allgemeine Zeitung" erklärt, Deutschland stehe diesmal wirklich vor einem Wendepunkt von geschichtlicher Bedeu- tung. Das Gebot der Stunde hätte gefordert, daß Deutschnationale bis Demokraten sich endlich zusammengefunden hätten. So aber seien das Schicksal der deutschen Landwirtschaft, ja der gesamten Wirtschaft und die Hilfe für den Osten in Frage gestellt. Das Blatt wünscht eine gerne infame Linie der Staatspolitik für einen Beginn wirklicher (Erneuerung des Parlamentarismus von unten her. — Die „Hamburger Nachrichten" (deutschntl.) erklären, cs sei gut, daß es so gekommen sei, da der im Mai 1928 gewählte Reichstag eigentlich nur von der Krise gelebt hat. Die Wahl werde den radikalen Parteien zum Siege verhelfen. (Eine Regierungsbildung würde dann wahrscheinlich unmöglich sein. Das seien bie Aussichten, die Folgen einer in der Anlage und in der Durchführung verfehlten Politik. — Das „Hamburger Fremdenblatt" (dem.) schreibt u. a.: Das Beispiel des Reichspräsidenten habe nicht vermocht, diejenigen, die einst in ihm allein das Schicksal Deutschlands erblickten, auf dem Wege der Vernunft zuruckzuführen und ebenso verhängnisvoll habe sich die Sozialdemokratie gezeigt, die, demagogischen Wallungen folgend, die 93er- orbnungen zu Fall gebracht habe. Deutschlanb sei kein Versuchsobjekt für in Dogmen verrannte Parteien. — Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" (nationalliberal) beschäftigen sich mit bem Verhalten der Deutschnationalen. Das Blatt sagt u. a.: Wir haben Verständnis dafür, bah bie Sozialdemokratie gegen die Notverordnungen anrennt, denn sie rennt damit zugleich gegen Hindenburg an, baß aber eine Partei, wie die Deutsch- nationalen bas Gleiche tat, wird in den Kreisen derer, bie bie geschichtliche Aufgabe der Deutschnatio- nalen Volkspartei im Sinne einer Umformung zu einer wirklichen konservativen Staatspartei sehen, nicht verstanden. Sine neue Niederlage Thüringens Ter Antrag auf Wcitergcwästrung der Polizeizufchüife vom Staatsgerichtshof abgewiesen. Leipzia, 18.3ulL (WTB) 3n der vom EtaatSgerichtshof für das Deutsche Reich verhandelten verfassungsrechtlichen Streitsache deS Landes Thüringen gegen das Deutsche Reich über den Erlaß einer einstweiligen Verfügung auf Weiterge.währung der vom Reich an Thüringen au leistenden Polizei- zuschüsse wurde heute der Antrag Thüringens abgewiesen. Aus aller Wett. Geheimrat Planck Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschast. Die Kaiser-Wilhelrn-Gesellfchaft hat an Stelle ihres verstorbenen bisherigen Präsidenten Exzellenz v. Harnack den berühmten Physiker Geheimrat Planck zum Präsidenten gewählt. Staatsminister a. D. Professor Dr. Decker wurde zum dritten Dizepräsidenten und Professor Dr. Konen, Bonn, zum zweiten Schriftführer gewählt. Deutsche Schulkinder in Birmingham. Eine Gruppe deutscher Schulkinder, die gegen- roärtig in Birmingham weilen, besuchten die Hauptfeuerwache der Stabt, wo bie Feuer- wehrkapelle sie mit der deutschen Nationalhymne begrüßte, während bie deutsche Flagge gehißt wurde. Die jungen Besucher waren sehr begeistert von einer Feuerlöschoorführung, bie ihnen zu Ehren veranstaltet wurde. Sie sind als Gäste bei Familien in Birmingham untergebracht und werden bei ihrer Rückkehr die Kinder ihrer Gastgeber als Gäste nach Deutschland mitnehmen. Der rettende Sprung in den Rathausbrunnen. Ein schweres Motorrabunglück ereignete sich in Seeheim a. b. B. Zwei Darmstädter Studenten, die sich auf der Heimfahrt befanden, wurden von einem angeblich unbeleuchteten Fuhrwerk angefahren. Durch Benzinexplosion fing das Motorrad Feuer. Während der eine Student eine schwere Verletzung am Unterkiefer davontrug, stand der Sozius- fahrer sofort in Flammen. Nur ein Sprung in den nahen Rathausbrunnen verhinderte ein größeres Unglück. Die beiden Verunglückten mußten in das Krankenhaus gebracht werden. Aus der Proviuzialhaupistadi. Dießen, den 19. Juli 1930. (Sommerferien! Mappen und Ranzen fliegen in die Eckel Vier Wochen Ruhe! Ferien I Das ist ein Wort mit Inhalt, ein Zauberwort für unsere Iugenb, aber auch für uns Erwachsene. Wie verschieden die Menschen veranlagt sind! Gibt es doch selbst solche, die nur mit Schrecken an die Urlaube« zeit denken, die viel lieber „in gleichem Schritt und Tritt" der Tagesarbeit bleiben, die bann am Ende der Ferientage sagen: Gott sei Dank, daß das wieder überstanden ist! 3a, solche Ausnahmen gibt es, ebenso wie es Menschen geben soll, die keinen Zwetschenkuchen essen können. Warum nur, so fragen wir uns, wissen manche Leute nichts mit den Ferien anzufangen? Sie sagen wohl: Zu einer Reise langt das Geld nicht, und das ewige Faulenzen wird man schnell müde. „Faulenzen?" Das ist ein häßliches Wort. Schon wenn wir das Wort „Sich erholen" hier einsehen, hat es einen freundlicheren Klang. And ein bißchen Erholung hat doch wohl jeder nötig, besonders wenn er tüchtig arbeiten muh. Das ist auch ein großer 3rttum, wenn man glaubt, man konnte sich nur in einem schonen Badeort, an der Dee oder in den Bergen erholen. 3eder Wanderer, der ab und zu seinen freien Sonntag dazu benutzt, auszufliegen in die nähere oder weitere Umgebung, weih, wie reich er heimkehrt und freut sich auf die Ferien, wo er saft Tag für Tag zu seiner Verfügung hat. Er weih eben, daß man auch seine Ferien ein teil en kann. Will man allerdings seinen Urlaub mit viel Schlafen, etwas Spazierengehen und wie- der mit Schlafen verbringen, dann können wir verstehen, daß ein solcher Urlaub langweilig wird. Wir müssen uns wohl überlegen, was wir in den paar Ferienwochen treiben wollen. Genau so, wie ich mir für eine längere Wanderung einen Plan mache, ebenso stelle ich einen „Voranschlag" für die Ferien auf. Die Zerr muß wirklich ausgenuht werden. Und genau so wie bei Wanderungen nicht alles nach dem Plan geht, so wird es auch in den Ferien sein. Aber trotz alledem! Schon die Vorfreude auf die herrlichen Tage, die nun vor uns liegen, ist etwas wert. Kommt bann Regenwetter oder sonst ein Hindernis, dann werden wir noch lange nicht mißmutig: denn auch sogenannte stille Tage, Tage für ein gutes Buch oder für eine kleine Hausarbeit werden vorgemerkt. Und wie wir nach jedem arbeitsreichen Tage am Abend zufrieden zurückblicken können, so werden wir auch nach Fcrienschluh beglückt feststellen, daß wir uns erholt haben, daß es schöne Tage waren. Hauptbedingung für Den Ferienplan ist allerdings, daß man versucht, seine Alltagsarbeit vollständig zu vergessen. Durch eine neue Einstellung für die Ferientage wird erst die Grundlage zur Erholung geschaffen. Spaziergänge und längere Ausflüge helfen dazu. Man wird bald merken, daß der Wunsch, , recht lange schlafen zu können, in den Ferientagen gar bald zurücktritt. Wir werden auf einmal Aühaufsteher und lernen die herrlichen Sommcrmorgen genießen. So nach und nach fühlen toir er ft, wie schön solche Urlaubstage sind, und bie Freude daran wächst. Wenn wir Kinder haben, lassen wir sie teilhaben an dieser Freude. Wie gern greifen unsere 3ungens und Mädels zum Rucksack, wenn die Eltern mitmarschieren. Und wie freuen sie sich, wenn sie in der Mittagspause draußen im Wald einmal ihre Kochkunst zeigen dürfen oder wenn die Erbsensuppe selbst von der Mutter gelobt wird. Die Schulbücher freilich sollte man in den Ferien einschließen. Körperliche Erholung. körperliche Hebungen sind viel nötiger und helfen, daß nach den Ferienwochen wieder angesammelte Kraft vorhanden ist. Am schönsten freilich haben es die Kinder, die, wenn nicht mit den Eltern, so doch mit Kameraden und Freunden eine lange Wanderung unternehmen oder einig* Wochen an der See oder im Gebirge verbringen dürfen. Solche Ferien werden noch lange zu den schönsten Erinnerungen gehören. Frieda Schanz erzählt von einem singenden Eisenbahnzug mit fröhlichen Kindern: 3ch sah heut etwas, das war luftig genug! Ich ging am Waldrand die Schienen entlang, da kam ein langer Eisenbahnzug, der fang. Der fang so selig, der sang so lautl Blasse Kinder hab ich am Fenster gesehn. „Wer nur dem lieben Gott vertraut", könnt ich verstehn. Das klang durch die Stille, ich weih nicht wie! Fröhlich verhallte der letzte Ton. Es sei eine Ferienkolonie, sagten die Leute auf der Station. An die blaue See ging s wie jedes Iahr, durch Wälder und Felder im raschen Flug. Den ganzen Tag dacht ich immerdar an den singenden Eisenbahnzug. Bornotizen. — Tageskalender für Samstag: Monatsversammlung des Geflügel- und Vogelzuchtvereins bei Gastwirt Henkel, 21 Uhr. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Mutterliebe" und „Sieg des Herzens", 20.30 Uhr. — Zirkus Barum: Vorstellung 20 Uhr. — Tageskalender für Sonntag: Zirkus Darum: Vorstellung 15 Uhr und 20 Uhr. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: 11.15 Uhr Sondervorstellung: Ufa Kultur, und Lehrfilm „Das Motor- radrennen rund um Schotten". „Mutterliebe" und „Sieg- bes Herzens", 20.30 Uhr. — IX. Nationale leichtathletische Jubiläums-Wettkämpfe ber Spiel- Vereinigung 1900 e. V., Vorkämpfe 10.15 Uhr, Ent- scheibungen 15 Uhr auf dem Sportplatz 1900. — ßtabttpeater Gießen. Man schreibt uns: Am nächsten Dienstag bringt das Stadttheater eine Posse von Iohann R e st r o y (Musik von Adolf Müller). „Einen Iux will er sich machen" ist ähnlich wie „In der Iohannisnacht" keine rein schauspielerische Aufführung, sondern eine Posse mit Gesang. Es wird dadurch dem modernen Geschmack entsprochen, der auch beim Schauspiel musikalische Begleitung bevorzugt. Die ausgelassene Lustfpielsttmmung wird dadurch stark gefördert. Restroy war felbft Darsteller seiner Hauptfiguren. Es wird von besonderem Interesse sein, in einem Sommerspielplan ein Lustspiel zu sehen, das nicht nur unterhaltenden, sondern auch literarischen Wert besitzt. Spielleitung hat Heinrich Hub. Beginn um 20 Uhr. — Motorfportfilm i m Lichtspielhaus. Die hiesige Motorrabspezialfirma Willy Appel, Kaiserallee 45, läßt am morgigen Sonntag- vormittag 11.15 Uhr im Lichtspielhaus Bahnhof- ftraße zwei Motorrabsilme zur Vorführung bringen. In bem von ber Ufa hergestellten Kulturfilm „Das Motorrad unb roir sieht man in einer mobernen Motorradfabrik bie Entstehung bes Motorrabes vom Rohmaterial bis zur gebrauchsfertigen Maschine. Bilder über bie Behanblungs- unb Wirkungsweise ber Motoren, sinb für den Laien, wie für ben Fach- mann unb Motorsportler gleich lehrreich. Der zweite Film „Das Motorradrennen rund um Schotten" wirb, da sich bie Hanblung in unserem heimatlichen Gebiet abspielt, seine Zugkraft nicht verfehlen. Man beachte bie heutige Anzeige. ** Unioerfitätsperfonalfc. (Ernannt wurden ber außerplanmäßige außerordentliche Professor Dr. Peter Pitzen von ber Universität München mit Wirkung vom 1. April 1930 ab zum planmäßigen außerordentlichen Professor für Orthopädie an der Landesuniversität Gießen. ** Die Museen sind am Sonntag, 20.Juli, bei Meinen Preisen geöffnet. ** Diebstahl unb Schwindel. Der Polizeibericht meldet: Festgenommen wurde am Mittwoch ein in Grohen-Duleck wohnender Bergmann. Er hatte einer bei ihm im Hause wohnhaften Witwe das in einer Schublade eingeschlossene Sparkassenbuch entwendet und mit Hilfe zweier Komplizen aus unserer Stadt zwei größere Beträge bei einer hiesigen Kasse abheben lassen. Die Quittungen hatte er vorher auf falsche Ramen ausgestellt. Ferner prellte er einen hiesigen Mooelhändler um den Betrag von dreißig Mark, indem er einen größeren Möbelkauf, allerdings unter falschem Ramen, abschloß und den Geschädigten unter allerlei Vorwänden zur Hergabe des Geldes zu bewegen verstand. Bei seiner Festnahme am hiesigen Bahnhof hatte er nur noch einen ganz geringen Betrag im Besitz, das übrige Geld hotte er in Frankfurt untergebracht. Die Tat ist um so verwerflicher, als es sich bei der Geschädigten um sauer verdientes Geld handelt, das sie sich am Munde abgespart hat, um es demnächst zu Bauzwecken zu verwenden. Der Dieb und ein Komplize befinden sich in Llntersuchungshaft. •• Erfolgreiche Drieftaubenflüge. Bekanntlich finden um diese Zeit die großen Brieftaubenflüge statt. So war an einem der letzten Sonntage ein Flug von Et. Pölten bei Wien, an dem auch der Gießener Verein teil» nahm. Dabei erzielte eine Taube des Mnmerfi» tätstierzuchtinstituts Oberer' Hardthof mit einer Durchschnittsfluggeschwindigkeit von 1023 Meter pro Minute den 1. Preis in der Reisevereinigung von Gießen und Umgebung. Die Gesamtflugzeit betrug 9 Stunden 14 Minuten für die Entfernung von 566 Kilometer. Am Samstag, dem 26., bzw. Sonntag, dem 27. Iuli, wird der letzte diesjährige Wettflug für Alttauben stattfinden, und zwar von Budapest, dessen Entfernung von Gießen in der Luftlinie rund 820 Kilometer beträgt. (Welkere Lokalnachrichten im 3. Blatt) Turnen, Sport unb Spiel. Namhafte Leichtathleten in (Ziehen. Von der Spielvereinigung 1900 wird uns noch mitgeteilt: Die beiden crftflafligcn deutschen Sprinter Ionharth und Borgmeycr vom Deutschen Sport-Club 78 Hannover werden bei den nationalen Iubiläumswettkämpsen der Spielvereinigung 19en. Weiter war er wegen eines nach seiner Entlassung aus dem Militärdienste an einem schulpflichtigen Kinde begangenen Sittlichkeitsverbrechens angeklagt. Wegen Gefährdung der Sittlichkeit fand die Verhandlung unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Wegen des Sittlichkeitsverbrechens wurde der Angeklagte freigesprochen, weil ihm die Kenntnis von beut Alter deS Kindes nicht ausreichend nachzuweisen war. In bem anderen Fall nahm das Gericht eine tätliche Beleidigung für erwiesen an unb verurteilte ben Angeklagten zu einem Monat Stubenarrest. Gelegentlich des Anschießens eines Maschinen- gewehrs zog sich ein zu diesem Dienst kommandierter Reichswehrsoldat eine nicht unerhebliche Verletzung an der rechten Hand zu. Der Unteroffizier, dem damals die Oberaufsicht übertragen war, unb ein Obergefreiter, der seinerzeit als Gewehrführer eingeteilt war, hatten such jetzt wegen Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht zu verantworten. Da das Gericht nicht einwandfrei fcftftellcn konnte, auf welche Weise der Schuh Äingen war, und daher einen ausreichenden beweis nicht für geführt sah, wurden beide Angeklagten mangels ausreichenden Beweises f r ei g e s p r o che n. Im Oktober v. 3. wurden in ein und derselben Rächt in Deckenbach und RuddingS- hausen mehrere Einbruchsdieb stähle begangen. Die Täter, die es auf Geld abgesehen hatten, suchten sich in allen Fällen Gewerbetreibende aus. Durch ein offenstehendes Fenster stiegen sie jedeSmal ein und erbeuteten außer ©efbbeträgen auch noch sonstige Sachen. Die Täter wurden in der Person von drei Hand- werksburschen ermittelt, die sämtlich wegen Diebstahls schon erheblich vorbestraft sind. Während gegen zwei von diesen wegen dieser Einbrüche schon vor einiger Zeit auf erhebliche Gefängnisstrafen erkannt worden ist, mußte sich jetzt der Dritte, der sich längere Zeit verborgen gehalten hatte, verantworten. Er bestritt zwar jegliche Beteiligung an den Diebstählen, doch wurde auch er durch die Zeugen einwandfrei überführt und zu zwei 3ahren Gefängnis verurteilt. Oie Wetterlage. Mrtn 43- 14 17 11 mc*SPrankf. 35- ZZRost 11.^1 .Nordoygi ® - I I f ' ■Hi ©wontenloiO neuer on oeoenrt ® worxig. • oeaeai «nege< * Schnee c» Graupein ■ nc0a X Cicwilter.@Win<ßtdie.-O-» ich» leichter Ost *n»s5ioer Süösoowejt q stürmischer «orgwej» Die Pfeile fliegen mit dem winde Oie oeioen Stationen stenenden Zahlen geoen die Temperatur an. Pie Limen reromdeo Ort« mit gleiche® euf neerunitieau umgerechneten Luftdruck Wettervoraussage. Endlich ist die seit letzten Mittwoch über den britischen 3nseln und der Rordsee feftgelegene Störung zum Abzug gekommen. Heute morgen lag ihr Kern, der sich wieder etwas vertieft hat, über dem nordöstlichen Deutschland und der Ostsee. Der Dorüberzug hatte stellenweise erhebliche Riederschläge zur Folge. So fielen während der vergangenen Rächt in Berlin 50 mm, in Swinemünde 33 mm und in Dresden 31 mm Regen. Die Wetterlage gelangt jetzt in den Bereich der Rückseite der Störung, d. h. kühle Lust flieht unserem Gebiet zu, welche Temperaturenanstieg verursacht. Sie läßt zwar das Wetter zunächst noch wechselhaft erscheinen und führt zu leichteren, mehr vereinzelten Schauem, aber trotzdem wird die Wolkendecke zeitweise durchbrochen, so daß Aufheiterung eintritt. Der weiter zunehmende Luftdruck stellt mit Beginn der nächsten Woche ruhigeres und besseres Wetter in Aussicht. Aussichten für Sonntag: Wolkia mit Aufheiterung, mäßig warm, nur vereinzelt geringe Schauer. Reifewetterdienst. Garmisch-Partenkirchen. 10 Grad, Westwind, Regen. Westerland auf Sylt. 16 Grad, Westwind, wolkig. Blondes Haar: PIXAVON als Shampoon Deutel 30 Ä Man hüte sich vor Nachahmungen! Henriette Schreiner Wwe., geborene Nikolai Um stille Teilnahme bitten: Emmi Keitzer, geb. 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Prof, der Geschichte an der Universität Derlin, TR. d. 51 3n seinem Paneu ropa-Memorandum schlägt Driand einen theoretischen Plan für eine Ä e u - Organisation Europas vor. Man kann aber nicht sagen, bah da, wo europäische Zusammenarbeit in der Praxis getätigt werden könnte, Frankreich vorangeht. Dabei haben wir im Augenblick besonders die Saarfrage im Auge, die durch Frankreichs Schuld und Ansprüche immer noch unerledigt geblieben ist. Die acht Monate lang hingezogenen Verhandlungen haben Anfang dieses Monats abgebrochen werden müssen. Der deutsche Standpunkt konnte dabei gar kein anderer sein als: Rückgabe d° hm,er den Papieren ang-sührt-n Ziffern g-b-n di- Höhe der zul-t,, b-,chf°„°n-n Dividende an. - ReichsbankdiskVN, 4 V.H., Lvmbardzinssuß 5 °. H. $ran!furi a. Ul. Berlin Schluß»! kurs Schluß!. Abend» börsc Schluß» kurs Gchlußk. 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Es sei ihm eine große Freude, daß die Gründung des Provinzialverbandes und damit der Zusammenschluß der ehemaligen Schüler aller oberhessischen landwirtschaftlichen Schulen gelungen sei. Der Zusammenschluhgedanke fei dank der Vorarbeiten von Landwirtschafts-Assessor Dr. Döcher (Grünberg), dem Geschäftsführer des Verbandes, und dank der Mitarbeit der Beamten der Landwirtschaftsämter zur Verwirklichung gebracht worden. 3m Hinblick auf die Bedeutung der Gießener Landwirtschaftlichen Institute für unsere engere Heimat habe man als erste Veranstaltung des Verbandes die Besichtigung der Institute gewählt. Daß man damit nicht fehlgegangen sei, hätten die sehr interessanten Aufschlüsse, die jedem eine Lehre gegeben hätten, gezeigt. Mit den Abendzügen kehrten die Teilnehmer, befriedigt über die wohlgelungene Tagung, in ihre Hermatsorte zurück. Gießener Wochenmarktpreise. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Butter 160 bis 180; Matte 30 bis 35; Käse (10 Stück) 60 bis 140; Wirsing 10 bis 15; Weißkraut 10 bis 15; Rotkraut 15 bis 20; Spinat 30 bis 35; Rörnifchkohl 8 bis 10; grüne Bohnen 20 bis 25; gelbe Bohnen 25 bis 30; Erbsen 15 bis 20; Tomaten 30 bis 60; Zwiebeln 10 bis 15; Pilze 30 bis 35; alte Kartoffeln 4,5 bis 5; neue Kartoffeln 6 bis 7; Dirnen 20 bis 30; Dörrobst 30 bis 35; Kirschen 20 bis 40; Heidelbeeren 40 bis 45; Johannisbeeren 15 bis 20; Erdbeeren 60 bis 80; Pflaumen 30 bis 35; Mirabellen 45 bis 50; Reineklauden 50 bis 60; Honig 40 bis 50; junge Hähne 120 bis 130; Suppenhühner 100 120; Rüsse 60 bis 70; Himbeeren 40 bis 45; Aprikosen 50 bis 55; Pfirsiche 60 bis 90; daS Stück: Tauben 70 bis 80; Eier 11 bis 12' Blumenkohl. 30 bis 70; Salat 10 bis 20; Salat- gurken 20 bis 40; Einmachgurken 3 bis 6; Ober- Kohlrabi 8 bis 10; Rettich 10 bis 15: das Bund: Radreschen 10 bis 15; gelbe Rüben 8 bis 10; rote Rüben 8 bis 10 Pfennig. bei diesem Dau nicht nur Gießener Erwerbslose, sondern auch beschäftigungslose Arbeiter aus den benachbarten Dörfern wieder in Tätigkeit gesetzt werden. Der Strom der Wirtschaftsbelebung würde also über die Stadt Gießen hinausgreifen und sich auch auf dem Lande günstig auswirken. Die baldige Errichtung des Viehhofes ist aber nicht nur aus Gründen der Arbeitsbeschaffung zu fordern. Für die beschleunigte Durchführung des schon lange im Entwurf fertiggestellten Dau- projektes sprechen auch starke sachliche Erfordernisse. In Gießen selbst bezweifelt heute niemand mehr die unbedingte Rotwendigkeit dieser Einrichtung, für deren Verwirklichung man sich nun schon seit etwa zwei Jahren unablässig bemüht, ohne bisher zu dem auch von den Viehhändlern dringend gewünschten Erfolg zu kommen. Lediglich zur Aufklärung der für die jetzige Finanzierungsmöglichkeit maßgebenden Stellen sei hier noch einmal betont, daß die Schaffung der Viehhofsanlage immer mehr zu einem Lebens- erfordernis für den ständig aufwärts st redenden Gießener Rutz- viehmarkt — der heute schon den zweitgrößten Rutzviehmarkt in ganz Deutschland darstellt und während der meisten Monate sogar die Auftriebsziffern des größten deutschen Rutzviehmark- tes Leer übertrifft — geworden ist. Auch der Diehhandel ist an dem Fortbestehen und dem weiteren Ausbau des verkehrsgeographisch außerordentlich günstig gelegenen Gießener Dieh- marktes stark interessiert. Richt minder bedeutungsvoll ist diese Markteinrichtung für die Viehzucht in ganz Hessen und in Mitteldeutschland. Aus diesen Erwägungen heraus haben sich bisher auch die Viehhändlerorganisationen und die Hessische Landwirtschaftskammer in dankenswerter Weise nachdrücklich für die Schaffung eines Viehhofes in Gießen eingesetzt, um dadurch dem hiesigen Markt die unabweisbar notwendige weitere Entwicklungsmöglichkeit zu verschaffen, ilnö letzten Endes ist natürlich auch die Stadt Gießen wirtschaftlich und steuerlich an dem Ausbau des Marktes durch Einrichtung eines Viehhofes sehr stark interessiert, heute sogar mehr denn je zuvor angesichts des schlechten Geschäftsganges in der Industrie und im Gewerbe. Trotz ihres großen wirtschaftlichen Interesses konnte die Stadt bei den sinkenden Steuererträgnissen und den bisherigen Schwierigkeiten der Kapitalbeschaffung den Dau des Viehhofes nicht verwirklichen, und auch die eifrigen Bemühungen des Viehhandels und der Landwirtschaftskammer Darmstadt konnten die großen finanziellen Schwierigkeiten, die diesem Dau bisher entgegenstanden, nicht überwinden. Run endlich bietet sich durch die Reichshilfe für wertschaffende Arbeitslosenfürsorge eine zinsder- billigende und darum für die Wirtschaftlichkeit des geplanten Daues günstige und annehmbare Finanzierungsmöglichkeit. Die hessische Regierung, bestimmter bezeichnet das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft, hat es in der Hand, ob es durch verständnisvolle Förderung dieser 'Rotwendigkeit für Gießen und weite Teile des Hessenlandes unserer Stadt die Möglichkeit geben will, eine wirtschaftlich dringend erforderliche und zukunftsreiche Einrichtung zum Rutzen der Bürgergesamtheit und damit auch zum Besten der Steuereingänge weiter zu entwickeln oder nicht. Dringliche Beschaffung von Arbeitsgelegenheit für diele Erwerbslose, starke wirtschaftliche Interessen der Hauptstadt Oberhessens, des Diehhandels und der Landwirtschaft Hessens erfordern z w i n g e n d die Bewilligung eines k e i st u n g s- kräftigen z i n s v e r b i l l i g e n de n Dau- darlehens für das GießenerDiehhof- Projekt durch das zur Entscheidung berufene hessische Wirtschaftsministerium! Möge man sich in Darmstadt in dieser Angelegenheit rasch und bejahend entschließen und dadurch der Gießener Wirtschaft eine Förderung zuteil werden lassen, die dringlich ist und nicht etwa erst kommen muß, wenn noch mehr Schädigungen als bisher entstanden sind! Die Stadt Gießen, insbesondere auch die erwerbslosen und für den Viehhofbaü in Betracht kommenden Arbeiter warten mit Spannung auf die Entscheidung des Wirtschaftsmini st eru ms über das Daudarlehensgesuch der Gießener Stadtverwaltung für das Diehhofprojekt! Wie überall im Reiche, ist in diesem Jahre auch in Gießen der Arbeitsmarkt ein Gegenstand ernstester Sorge der Behörden und aller verantwortungsbewußten Mitarbeiter an den öffentlichen Aufgaben. Während in den Sommermonaten der bisherigen Jahre stets eine erhebliche Entlastung des Arbeitsmarktes und damit eine bedeutsame Besserung der Wirtschaftslage eintrat, die ihre günstigen Auswirkungen auch noch auf die folgenden Wintermonate erstreckte, ist diesmal die Arbeitsmarktlage gegenüber dem letzten Winter unverändert angespannt geblieben, ja für den Gießener Wohlfahrtsctat hat sie sogar noch eine erhebliche Verschlechterung gebracht. In der Stadt Gießen waren- in diesem Jahre bisher an Arbeitslosen vorhanden: am 1. Januar 701, am 1. Februar 754, am 1. März 763, am 1. April 677, am 1. Mai 735, am 1. Juni 603 und am 1. Juli 649 Personen. Die Zahlen der ausgesteuerten Erwerbslosen, die für den Gießener Wohlfahrtsetat als Woblfahrts- erwerbslose zur Unterstützung aus öffentlichen Mitteln in Betracht kommen, entwickelten sich in diesem Jahre bisher wie folgt: 1. Januar 74 Hauptunterstühungsempfänger und 161 Zuschlogs- empfängcr, 1. Februar 82 bzw. 187, am 1. Marx 94 bzw. 219, am 1. April 86 bzw. 178, am 1. Mm 138 bzw. 277. am 1. Juni 143 bzw. 313, am 1. Juli 150 bzw. 324 Personen. Das Wohlfahrtsamt mußte für diese unterstützungsbedürftigen Mitbürger seit Beginn dieses Jahres allmonatlich rund 20 000 Mark aufwenden, in den letzten Monaten hat sich diese Summe sogar noch weiter nach oben entwickelt. Angesichts dieser Lage ist es nur natürlich, daß man nach Mitteln und Wegen zur Besserung der Arbeitsmarktverhältnisse und zur wirtschaftlichen Kräftigung der erwerbslosen Mitbürger durch Schaffung von Arbeitsgelegenheit Ausschau hält. Dabei richtet sich in Gießen der Blick in erster Linie auf die Möglichkeiten, die greifbar nahe liegen und die zugleich auch wirtschaftlichen Rotwendigkeiten gerecht werden. Es sind dies das Viehhofsprojekt, die Fertigstellung des Schulhausbaues in den Eichgärten, das Strahenbauprogramm und die städtischen Wohnhausbauten. Im Rahmen unserer heutigen Betrachtung möchten wir uns aber nur mit der Frage der Arbeitsmarktbelebung durch baldige Inangriffnahme des Viehhofprojektes beschäftigen. Bekanntlich hat das Reich ansehnliche Mittel zur Unterstützung von Arbeitsbeschaffungsplänen der Länder und Gemeinden durch Zinsverbilligung bereitgestellt. Davon entfallen auf das Land Hessen unseres Wissens 15 Millionen Mark; hiervon sollen etwa 8 Millionen für den Wohnungsbau und 7 Millionen für andere produktive Arbeiten verwendet werden. Erfreulicherweise hat sich die Gießener Stadtverwaltung nach der offiziellen Mitteilung über die Bereitstellung der Reichsmittel sofort an die hessische Regierung gewandt mit der Bitte, im Interesse dev Arbeitsmarktbelebung in Gießen und damit zum Besten der Arbeitslosen, aber auch angesichts der sachlichen und dringlichen Rotwendigkeit eines Viehhofes in Gießen zinsverbilligende Geldmittel aus dem Fonds des Reiches für wertschaffende Arbeitslosenfürsorge zur Beschäftigung von Wohlfahrtserwerbslosen zur Inangriffnahme des Gießener Viehhofprojektes zur Verfügung zu stellen. Bei dem Bauvorhaben können, wenn die hessische Regierung das erbetene zinsverbilligende Daudarlehen für diese werbende Anlage in verständnisvoller Weise bald gewährt, mehrere hundert Erwerbslose für längere Zeit Arbeit und Verdienst finden und damit von dem Wohlfahrtsetat abgcseht werden. Bei dem Viehhofbau wird an Arbeitsleistung mit über 75 000 Tagewerken gerechnet, wovon 19 300 auf die Erdarbeiten, 22 600 auf die Hochbauten und 33 200 auf die Herstellung des Bahnanschlusses mit den Rampenanlagen entfallen. Durch die Inangriffnahme dieses Daues würde man nicht nur die beschäftigungslosen Arbeiter von der vielfach sehr bitter empfundenen erzwungenen Untätigkeit befreien, man würde ihnen ferner durch die Lohneinnahme eine wirtschaftliche Stärkung zuteil werden lassen, die natürlich auch eine Belebung des gesamten Geschäftsganges zur Folge hätte. llebngens könnten Aus öer Provmzialhauptstadt. Gießen, den 19. Juli 1930. Llnser neuer Roman. Rachdem in der heutigen Ausgabe des Gießener Anzeigers der allenthalben mit großer Anteilnahme verfolgte Roman „Die Sünde der Renate Mercandin" von Fred Relius einen glücklichen und, wie wir hoffen, allseits befriedigenden Abschluß gefunden hat, werden wir am Montag mit der Veröffentlichung eines neuen Romans beginnen. Dieser, ein Gesellschafts- und Liebesroman aus unserer Zeit, leitet mit einem ganz verblüffenden Auftakt eine wirklich amüsante, lebendige und fesselnde Handlung ein, die überdies den gerade jetzt, im Sommer und zur Reisezeit, sicher geschätzten Vorzug aufweist, den Leser in fremde Länder zu führen, die mit großer Phantasie und Anschaulichkeit geschildert werden. Der Leser braucht bloß in aller Bequemlichkeit dem Auto zu folgen, das mit der schönen Heldin und ihrem ritterlichen Entführer der italienischen Grenze entgegenjagt. „Wirble ins Leben!" Von Anna Fink, — so heißt dtzk neue Roman. Er ist nach berühmtem Muster von A bis Z auf Liebe eingestellt, auf wirbelndes Tempo, lleberraschung und Spannung. Die Verfasserin versteht es, das Publikum in Atem zu halten, ihm Rätsel aufzugeben und es teilnehmen zu lassen an dem Schicksal der Heldin, die am Steuer ihres Wagens ins Leben hineinftürmt, das mit bunten Abenteuern vor ihr ausgebreitet liegt und in lockender Ferne auf sie wartet. Das ist ein Roman, bei dem Sie sich keinen Augenblick langweilen werden, den Sie mit wachsender Spannung verfolgen und an den Sie sich gerne erinnern werden. Ein echter Zeitungsroman, mit dessen Veröffentlichung wir, wie wir zuversichtlich hoffen, unseren Leserinnen und Lesern Freude bereiten werden. Circus Barum in Gießen. Gestern abend eröffnete auf Oswaldsgarten der Zirkus Barum sein auf mehrere Tage berechnetes Gießener Gastspiel. Trotz des anhaltenden Regenwetters und ter Kühle der Witterung hatte sich eine mehrtausendköpfige Menschenmenge ein- gefunden, die den Zuschauerraum des Riesenzeltes fast vollständig füllte. Die Menge sah sich — um das vorweg zu sagen — in ihren Erwartungen durch die zirzensischen Leistungen des Unternehmens nicht enttäuscht. Durchweg standen die Darbietungen auf einer hohen Stufe der Zirkuskunst, und die Ab- Wicklung sämtlicher Programmnummern erfolgte in flottem Tempo, so daß die Aufmerksamkeit der Besucher ständig rege gefesselt war. Erfreulicherweise wickelten sich die Darbietungen in einer Manege ab, so daß man sein Augenmerk nicht zu zersplittern brauchte und einen vollen Genuß des Gebotenen hatte. Es kann in diesem Zusammenhänge natürlich nicht auf Einzelheiten eingegangen werden, da dies bet der Fülle der Darbietungen zu weit führen würde. Als Gesamtwerturteil ist aber festzustellen, daß sich das darstellende Personal des Zirkus Barum mit seinem zirzensischen Können in hervorragender Weise sehen lassen kann und nach unserem Dafürhalten jeden Wettbewerb auszuhalten vermag, lieber die bedeutsamsten Einzelheiten berichtend ist mitzuteilen, daß die Dressurarbeit mit dem vortrefflichen Tiermaterial, insbesondere auch mit dem großen und sehr schönen Pferdebestand, außerordentlich vollendet ist und dem Beobachter sehr viel Freude bereitet. Die artistische Arbeit einer indischen Truppe in dem „Prunkfest am Hofe des Maharadschas" war ein glänzendes Kabinettstück, das der größten Anerken- rrting wert ist. Das gleiche ist von den fliegenden Menschen an den Trapezen in der Kuppel der Zirkushalle und von den artistischen Darbietungen einer japanischen Truppe zu sagen. Von allen Darbietungen, die verdientermaßen mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurden, ernteten diese Programmnummern die stärkste Anerkennung des Publikums. Die Vorführung der Löwengruppe offenbarte gleichfalls starkes Können des Dompteurs und der Dompteuse, die für ihre Arbeit mit den widerspenstigen Bestien alle Anerkennung verdienen. Eine große Gruppe von Clowns sorgt zwischen den einzelnen Programmnummern und auch in selbständigem Auf. treten für sehr viel Heiterkeit der Besucher, wobei gestern abend wiederholt recht spaßige Dinge zum Besten gegeben wurden. Vortreffliche Reitkunst der Jockeys verdient gleichfalls hier mit Anerkennung heroorgehoben zu werden. Zwei Musikkapellen sor- gen abwechselnd für flotte Musik und Stimmung. Alles in ollem darf man sagen, daß der Besuch in diesem Zirkusunternehmen in der Tat sehr loh- nend ist und unseren Mitbürgern in Stadt und Land angelegentlich empfohlen werden kann. Landwirtschaftliche Tagung in Gießen. Dieser Tage fcmd in Gießen die erste gemeinsame Tagung des neu gegründeten Provin- z c a l ve r da n d e s der ehemaligen hes- Nschen Landwirtschaftsschüler statt. Annähernd 200 Personen hatten sich eingefunden, darunter die Vertreter der oderhessischen Land- Wirtschaftsämter. , begab man sich nach den Landwirtschaftlichen älniversitätsinstituten in der Sencken- bergstraße. Rach einer kurzenDegrüßungSanfprache durch den Direktor der Institute, Prof. Dr. S e s - s o uS, wurden die Institute in der Senckenberg- straße, sowie das Agrikulturchemische Institut »r t Draugasse unter Leitung von Prof. Dr. Kleberger besichtigt. Sehr interessant war dann auch die Besichtigung der Versuchsfelder. Sortenanbauversuche, Bodenbearbeitungs-, Dün- gungs-, Saat-, Saatmengenversuche usw. zu den verschiedensten Früchten legten beredtes Zeugnis von der für die Praxis bedeutungsvollen Tätigkeit der landwirtschaftlichen Institute ab. Besonders lehrreich waren die Kartoffelversuche Die folgende öührung auf dem Unteren Hardthofe burd) Dr. P f a f f, dem Vertreter der Betriebs- lehre an. dem Landwirtschaftlichen Institut, bot hinsichtlich der Milchgewinnung manche wertvolle Anregung, ebenso war die Besichtigung des unter Leitung von Prof. Dr. K r a e m e r stehenden Tier- zuchtinstitutes auf dem Oberen Hardthof äußerst interessant. m^mMW^stisch auf der Hardtterrasse gab Prof. Dr. Sessous seiner Freude über den Besuch und die glatte Abwicklung des Vormittagsprogramms Ausdruck. Prof. Dr. Kleberoer teilte einige für die Praktiker wertvolle Erfahrungen aus seinem Institute mit. Hierauf ergriff der Vorsitzende des Verbandes, Landtagsabgeordneter Fenchel (Ober-Hörgern), das Wort. Er dankte vor allem den tBrnfefforen und ** Entwendete Fahrräder. Bei der Gießener Polizei sind folgende, gestohlene Fahrräder sichergestellt: Herrenrad, Marke „Triumph", Fabriknummer 378 908, schwarzer Rahmen, schwarze Felgen, neue Bereifung und gewöhnliche Lenkstange; Herrenrad, Marke „Göricke", Fabriknummer 788 417, schwarzer Rahmen, schwarze Felgen mit grünen Streifen, neue graue Bereifung und gewöhnliche Lenkstange; Herrenrad, Marke „Kuxmann", Fadrik- nummer B. 1798, schwarzer Rahmen, gelbe Felgen, gewöhnliche Lenkstange und gelber Sattel mit Sak- teltasche; Herrenrad, Marke und Fabriknummer unbekannt, schwarzer Rahmen, schwarze Felgen, gewöhnliche Lenkstange, an der Hintergabel kleine Beschädigung, Schleifstelle an der Kette; Herrenrad, Marke „Opel", schwarzer Rahmen, gelbe Felgen, schwarze Schutzbleche, gewöhnliche Lenkstange und neuer Sattel. " Fünfzigervereinigung 1880 bis 1 93 0. Am vorigen Montag begingen die dies- iLhrigen Fünfziger in schöner Weise ihr Sommer- und Iahresfest. Am frühen Rachmittag marschierte man unter Vorantritt der Kapelle Topp in festlichem Zuge vom Ludwigsplatz aus durch die Kaiserallee an der Volkshalle vorbei nach dem Philosophenwald, wo der in reichem Fahnenschmuck prangende Saal eine würdige Stätte für die Fünfzigerfeier war. An den mit Blumen geschmückten und festlich gedeckten Tischen fand zunächst eine gemeinsame Kaffeetafel statt, in deren Verlauf der erste Vorsitzende, Heinrich Marx, in einer schwungvollen Festrede zu den etwa 600 Teilnehmern sprach. Er begrüßte dabei alle Fünfzigerkameraden, insbesondere eine Anzahl jetzt auswärts lebender geborener Gießener, denen er für die treue Anhänglichkeit an die Vaterstadt herzlich dankte. Weiter verwies er auf die Hoffnungen, die die jetzigen Fünfziger auf die Heranwachsende Jugend sehen, ermahnte zur Einigkeit im kleinen, wie im großen und gedachte auch der verstorbenen Alterskameraden. Gastwirt Schmitz dankte den Damen der Fünfzigervereinigung für ihre Mühewaltung bei der Herrichtung der Feier; Fräulein Schmitz brachte einen Prolog wirkungsvoll zum Vortrag. 3m weiteven Verlaufe des Festes freuten die Kapelle Topp mit schneidigen In- strumentaldardietungen und einige Mitglieder deS Bauerschen Gesangvereins durch schöne GesangS- vorträge. Den Abschluß der schönen und denkwürdigen Veranstaltung bildete ein frvhgestimm- tes Tanzvergnügen. Oberheffen. Zuchtviehversteigerung in Lich. Die Auswahl und Körung der am Mi t t-i woch, 2 3. Juli, in Li ch zur Versteigerung kommenden Schafböcke hat nunmehr stattgefunden. Das Körgeschäft liegt in den Händen des Landwirtschaftskammer-Ausschusses für die Provinz Oberhessen, als Vertreter der praktischen Züchter wirken hierbei Bürgermeister Fendt. Hungen, und Phil. Wirth, Wetterfeld, der Vorsitzende des oberhessischen Schäfervereins, mit. Rach einstimmigem Urteil der Kör- kommission sind die in diesem Jahre zum Verkauf kommenden Böcke noch besser, wüchsiger und ausgeglichener als die vorjährigen, die bereits Zeugnis ablegten von dem in kurzer Zelt ^reichten: hohen Stand der Zucht des deutschen s ch w a rz kö pf ig en Fleischschafes in der Provinz Oberhessen. Raturgtzmäh sind die Hoch- zuchtherden Lich, Mittel-Gründau und Selgenhof auch in diesem Jahre mit Zuchttieren am stärksten vertreten. Lich bringt zwölf Lammböcke, Mittel-Gründau vier ILHrlingsböcke und elf Lammböcke, der Selgenhof fünf Iähr- lingsböcke und zwei dreijährige Böcke zum '33er- kauf. Die Gemeindeschäfereien Lang-Göns und Hungen sind mit zusammen sieben Lammböcken vertreten. Das deutsche schwarzköpfige Fleischschaf, das, von Westfalen ausgehend, neuerdings immer mehr in den benachbarten preußischen Kreisen Eingang findet, das sogar infolge der niedrigen Wollpreise und seiner hervorragenden Geeignetheit als Fleischschaf in solchen Gebieten eingekreuzt wird, die seither vorzugsweise auf die Erzeugung einer feinen Wolle hinarbeiteten, ist auch das Schaf, das für unsere Verhältnisse das geeignetste Wirtschaftsschaf ist. Es verträgt die Pferchhaltung sehr gut und hat sich in jeder Beziehung unseren Verhältnissen angepaßt. Die zur Versteigerung kommenden Böcke sind nicht übermastet, an den Aufenthalt im Freien und an Märsche gewöhnt, so daß-sie den liebergang in die Gemeindeherden leicht überstehen werden. Man kann daher den Ankauf von Zuchtböcken auf, der Versteigerung in Lich nur bestens empfehlen. Im Anschluß an die Schafbockversteigerung kommen sieben Eber des veredelten Landschweins und 16 Fleckv iehbullen zum Verkauf. Kataloge können gegen Einsendung von 55 Pfennig vom Landwirtschastshammer--Ausschuß für die Provinz Oberhessen, Gießen, Friedrichstraße 6, bezogen werden, auch sind solche auf dem DersteigerungSplatze erhältlich. Die Versteigerung findet auf dem Marktplatz der Stadt Lich, an dem OrtSauSgang nach Rieder-Bessingen gelegen, statt und beginnt pünktlich um 10 Uhr. Man beachte die heutige Anzeige. Kreis Schotten. )—( Ruppertsburg, 18.Juli. Am Mittwoch trug man hier den langjährigen Gärtner des Vereins für chemische Industrie Heinrich Eiffert zu Grabe. Rasch und unerwartet hat ihn der Tod hinweggerafft. Am Montag vollendete er sein 8 0. Lebensjahr. Der Gesangverein „Sängerbund", dem er 41 Jahre lang als außerordentlich eifriges Mitglied angehörte, wollte ihm am Abend eine besondere Ehrung bar bringen. Statt dessen erklangen heute an seinem Grabe die Sterbelieder. Der Entschlafene hatte sich am Montagvormittag, also an seinem Geburtstag, mit einem 5jährigen Enkel nach Laubach begeben, um für das Grab feiner ihm vor einigen Jahren im Tode vorausgegangenen Frau einen Blumenstock zu holen. Auf dem Heimwege traf ihn ein schwerer Schlaganfall. In stark gelähmtem und bewußtlosem Zustand fanden ihn Laubacher Passanten auf. Dr. M a f f iin g brachte ihn sofort im Auto nach Hause, wo er jedoch einige Stunden später verschied. (Sfabfraf May geht nach Rußland. WER. Frankfurt a.M, 18. Juli. Stadtrat May hat von der russischen Regierung einen Ruf als technischer Organisator und technisch-verantwortlicher Leiter für das Städtebau- und Wohnungswesen der Union der bereinigten russischen Sowjet-Republiken erhalten. Er beabsichtigt, diesem Ruf Folge zu leisten. Spielplan der Frankfurter Theater. Opernhaus. Von Sonntag, 20. bis Montag. 28. Juli, von 20 bis gegen 22,30 Uhr: Gastspiel der Berliner Rotterbühnen: Frühlingsmädel. Schauspielhaus. Don Sonntag, 20. bis Freitag, 25. Juli, von 20 bis gegen 22 Uhr: CharleyS Tante. Samstag, 26. Juli, von 20 bis gegen 22 Uhr: Anna Christie. Sonntag, 27. Juli, von 20 bis gegen 22 Uhr: CharleyS Tante. Montag. 28. Juli, von 20 bis gegen 22 Uhr: Anna Christie. schmbkberLchrerL. Oie Sünde -er Senate Mercan-in. Vornan von Fred Tleliuö. (Schluß.) Der galonierte Diener riß die Türen aus. Mit einem Schlag verstärkte sich das Chaos der Geräusche. Das Summen vieler Stimmen schwoll -u einem ungeheuren Strom, der sich mit dem wilden, kakopyoncn Tosen einer grellen und erotischen Musik vermischte. Eben waren die Zf geuncr von den Regern, die in roten Fräcken staken abgclöst. 3n der Mitte auf der TanK- ellipse Menschen... Menschen. Auf schmalem Raum gepreßte Paare in dem feierlichen Zere- monialschritt der modernen Tänze. Coricrndoli- schlangen in der Luft, auf den Frauenschultern, auf der Hemdbrust und dem Frack. Dettschart hatte einen Tisch in einer Rische reservieren lassen. Griebenow war an das Telephon gerufen worden und kam etwas später. Die andern sahen. Renate sprach mit Grupenberg. Sie sah an Griebenow vorbei. Auf der andern Seite neben ihr sah Dettschart. Die Daronin winkte. .Kommen Sie zu mir, mein Bester, Renate ist bereits beseht. Oder sind Sie ängstlich, dah ich Sie verschlingen werde. Keine Sorge. Rach dem Essen bin ich ungefährlich." .Dcknke, schöne Kobra. Zum Kaninchen bin ich auch zu groß geraten." Er fetzte sich. Lächelnd sah er der Baronin Dettschart in die Augen. .Wissen Sie, dah man auch Schlangen zähmen kann. Daronin?" Die Musik brach ab. DaS Licht der hohen Girandolen, schon durch unsichtbare Schalter ab- gedümpst, verebbte langsam. Jemand tankte. Man sagte, es sei eine Fürstin Galitzin. Eine schöne Frau... groß, schlank. Dunkle Haare sielen glattgestrichen vom Madonnenscheitel, sie waren an den Ohren wie zwei schwarze Chrysanthemen eingerollt. Ein Kleid... ein Hciuch... ein RichtS. Wundervolle Deine glitten... wirbelten im stilisierten Tanz. Scheinwerfer flammten auf... rosa ... grün ... violett... purpurrot.. Der Tanz erstarrte plötzlich. Das Licht der Girandolen zuckte auf. Wieder tanzte daS Parkett. Die Zigeuner spielten. Geigen sangen den Dreivierteltakt des Walzers. Die Tanzellipse füllte sich. Grupenberg stand auf. Unnachahmlich ritterlich und lässig neigte er den Oberkörper vor Renate. Wie in Oesterreich üblich, gab er ihr den Titel ihrer Mädchcnzcit. .Es ist ein Wiener Walzer," sagte er. »Darf ich um die Ehre bitten, Gräfin." Sic schüttelte den Kopf. »Ich tanze nicht. Graf Grupenberg." Run erst fielen seine Blicke auf das schwarze, weih verbrämte Schleierkleid Renates. »Tausendmal Verzeihung," sagte er. Dann ging er um den Tisch herum zu der Daronin Dettschart. Die sah ihn an... böse und mit unheilvollem Glimmen in den Augen. »Aushilse — nicht wahr? Danke sehr, mein Lieber." »Ditte, bitte, wieder gut sein." Grupenberg bat wie ein Kind. Da erhob sie sich. Die beiden tanzten. Der Daron von Dettschart war mit einem Male verschwunden. Run waren sie allein — Renate und Griebenow. Sie hatte eine Zigarette, die ihr Dettschart eben angeboten hatte, zwischen ihren Fingern. Unschlüssig drehte sie sie hin und her. Ihr Kopf war abgewendet. Sie blickte zu den Tanzenden hinüber in den Saal. Dennoch wußte sie: jetzt umspinnen seine Augen dich. Alle« schrie in ihr danach, sich umzudrehen, seinen Blick zurückzuaeben. Aber keine Muskel an ihr zuckte. Rur ihr Herz ging schneller. Bis in alle Fingerspitzen sühlte sie den Schlag. 11 nb ein leiser Stolz war in ihr... der Triumph der Frau: ich bin schön... schöner als die andere. Dann geschah es plötzlich, daß sie ihn an ihrer Seite sühlte. Sie vernahm die Stimme Griebe- nows. Gr sagte: „Darf ich Ihnen Feuer geben?" Da drehte sie ganz langsam ihren Kopf zu ihm herum. .Rein." »Aber — Wollten Sie nicht rauchen, gnädige Frau?" An Stelle einer Antwort legte sie die Zigarette auf den Tisch. Sie sah über ihn hinweg und schüttelte den Kopf. Run beugte er sich vor. »Renate," sagte er. »Warum quälen Sie uns so. Uns beide. 3a, auch Sie. Ich weiß, dah Sie sich quälen. Wenn Sie eS auch leugnen wollen. ES hat doch keinen Zweck. Alles ist Bestimmung. Unsere Schicksalswege münden unentrinnbar ineinander. Der gleiche Herzstrom eint uns. Renate ;---" Er griff nach ihrer Hand. Die Hand blieb liegen. Da zog er sie an seine Lippen. »Renate... Dul — — Hörst du — — Du! Du bist mein. Sträube dich nicht länger. Sei doch nicht so unentschlossen. Wie mit deiner Zigarette ist das, du möchtest rauchen und du schüttelst mit dem Kopf. Das alles ist doch Spiegelfechterei mit deinem Schicksal. Du entrinnst ihm nicht. Willst du---" Er brach ab. Der letzte Geigenstrich verhauchte. Renate drehte langsam ihren Kopf zu ihm herum. »Ruhe," sagte sie. .Ditte, Ruhe." Griebenow griff nach dem Feuerzeug. Ein Druck. Die Flamme zuckte auf — Renate nahm die Zigarette. DaS Licht der kleinen Flamme huschte über ihre Züge. Für Sekunden lagen beider Blicke ineinander. Sie versanken. »Siehst du!" sagte Griebenow. .Ich danke dir, Renate. Run ist alle- gut." Sie zuckte mit den Schultern, sog den Zigarettenrauch ein. Plötzlich stand sie auf, warf die Zigarette wieder in die Aschenschale und sagte: »Kommen Sie. Ich muh Sie sprechen" Sie ging voran. Er folgte. Dann stand sie vor ihm. ES war still um sie her geworden. Riemand anders war in ihrer Rähe. Sie lächelte, hilflos, rührend. In süßer, mädchenhafter Scheu. .Run werden sie un6 suchen", sagte sie. »3a, Renate. Mögen sie. Fragst du danach?" Da lachte sie. »Rein, nicht mehr." »Entsinnst du dich noch darauf, wa- ich dir das erstemal beim Tee in deiner Wohnung sagte?" Run nickte sie. »Du bist mein Schicksal... ich daS deine. Sträube dich nicht länger." »Rein, nein. Doch wir wollen gcbcrx. Der Page soll mir nur den Abendmantel holen. Dann — ich möchte Ihnen gern etwas sagen. Rein, nicht hier. Draußen, wo unS niemand hört. Ganz allein. Ist es recht?" »Renate", sagte er und sahte ihr Gesicht mit beiden Händen. Ganz nahe war ihr Mund, waren ihre Augen vor den feinen. Da preßte sie den Mund auf seine Lippen. .Du... du... du..." e Die warme Mondnacht zog herauf... zart und silbern. Duft von Blumen hing zum Schöpfen allenthalben. Bon ferne klang gedämpfter Lärm heran. Dom Klub die Jazzmusik, manchmal höher slackernd, dann verebbend. Langsam schritt Renate neben Griebenow. Das Gesicht gehoben und dem Abend hingegeben. In dem Licht des MondeS glänzte ihre Haut mit sanftem, bleichem Schimmer. Griebenow blieb stehen. Unter süßem Schauer fühlte er, wie ihre Finger seinen Arm umklam- mert hatten. »Hier sind wir ungestört. Riemand sieht und hört uns. Run sprrch: was wolltest du mir sagen?" Sie neigte ihren Mund zu seinem rechten Ohr. »Ich HÄ»' kstch lieb. Ich hab' dich lieb." Da ging ein Lächeln über feine Lippen., r staunend und doch wissend, von unendlichem Bo» glück tsein. .Sage mir, seit wann, Renate?" »Seit--— ich weiß das nicht." Ihre Arm« wuchsen aus wie blühend weiße Listen, ihm ent» gegen. »Diclleicht — seit Schmiedeberg." Er schüttelte den Kopf. »Rein. Wohl länge- schon. Rur, du weißt daS nicht genau." Sie nickte, lächelte ihr süße-, webeS Lächeln. »Das mag sein. Ich halte immer eine große und geheime Sehnsucht nach dir. Rur, ich war zu stolz, dir diese Sehnsucht zu bekennen. Und nun bin ich bei dir und halte deine Hand. Gleichwohl ist die Sehnsucht immer noch sticht ruhig. Sic ist beruhigter, als wüßte fie nichts mehr von Zielen. Aber sie ist immer wach und singt. Woher kommt das? Weiht du das?" Er schüttelte den Kopf. »Ich toiU gar nicht-", sagte er. „Hub ich will auch gar nicht- wissen. Wenn du nur bei mir bist. Wie eine Tür in blaue unendliche Fernen sind deine Augen. Meine Sehnsucht nach dir geht durch diese Augen in die traumhaft süßen Weiten. Es sind deine Augen, die das Blut in mir zu grenzenloser Se^rfucht peitschen. Aber wa- ist das, dahinter diesen Augen ist? Oh, ich weiß. Da- bist du. Immer du. Richts als du..." Aus ihren Wangen glühten rote Rosen. Sie reichte ihm den Mund. Dann gingen sie. Der Mond stand schräg vor ihnen. Er entströmte eine sanfte, silbergrüne Helligkeit. In seiner Rähe war der Himmel sternenlos, doch den Horizont umschloß ein Gürtel blasser Sterne. Die Erde, von bizarren Schatten wie von Flecken übersät, verströmte die WÄrme der versunkenen Sonne. In einer Woge, die von keinem Windstoß hergctragen wurde, floß der süße Dust von Blumen um die beiden. Langsam... fest umschlungen schritten sie dahin ... Renate... Griebenow. Bebend drückte er Renate an sich. Die Ströme ihre- Herzblut- schlugen ineinander. In dem zauberhaften Licht de- Mondes erschien Renates Schönheit tief erschütternd, dem Irdischen entrückt. Sie lächelte ihn an. Er nickte nur. Er staunte nicht. Richt- war ihm Wunder. Er hatte ja gewartet. Er wußte, daß sie kommen mußte. Run gehörten sie einander. Die Rächt war ohne Finsternis für ihn. Renate schritt an feiner Seite. Ihre Augen standen dicht vor seinen. Mit diesen Augen war sie schon sein eigen... ganz und ewig. »Liebster.. inder Frankfurt a.M. Vilbeler Str.29 auttaiier billig Jm Preis illjSperrholz h In Eiche, Gaboon u. Kiefer 3-25mm • i M ° Bretter und Dielen aller Tlärken, ä “ schwedische und bayerische Hobel» • £ .» breiter, Soalierlatten, Eichen» u. § o o« Buchen»Schnittwaren liefern in e y allen Stärken IwD z-ir Well Dürr & Go.. Wo *2^o Telephon 3919. 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