Nr. 14! Erste; Matt |80. Jahrgang Donnerstag. 19. Juni 1930 ft|d)etet taghd),aut)et Seimtags und Feiertags. Beilagen: f>te Illustriert, Gießener Jamilienblättet Heimat im Bild Die Schalle ®enati-Bejugsprtls: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Trager» lohn, auch bei Richter- Beinen einzelnerRummern folge höherer Gewalt. Zernsprechanschlüsie anterSammeimunmer2251 Anschrift für Drahtnach. richten- Anzeiger Gießen, poßscheckkonio: Frankfurt am Main 11686. SietzenerAnzeiger General-Anzeiger für Oberhessen Drud und Verlag: vrühl'fche Universilülr-Vuch. und Steindruderei B. Lange tn Ließen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: 5chulstraße 7. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer vis zum Nachmittag vorbet. Preis für | mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärt« 10 Reichspfennig; für Re- klameanzetgen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvarschrift 20'. mehr. Ehefredakteur: Dr. Fnedr. Wilh. Lange, verantwortlich für Vohtik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.THyriat; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max FiUer, sämtlich in Gießen. Noch keine Entscheidung über Moldenhauer. Der Reichsfinanzminister bietet dem Kabinett seinen Rücktritt an. — Das Gesuch wird dem Reichspräsidenten zur Entscheidung unterbreitet. — Der Reichskanzler aus dem Wege nach Reudeck. Die Forderung der Fraktion. Scholz beim Rcichsfinanzminister. Berlin. 18. 3uni. (C71B.) Wie schon gestern hir) gemeldet. Hal der W l r l s ch a f t s s l ü g e l der Relchslagsfraktian der Deutschen volkspartei einen Schritt bei dem Jraffionsvorfifjenben Dr. Scholz zur Herbeiführung desRücklrillsdesReichs- finanzminifters Dr. Moldenhauer unternommen. Dr. Schot; hat Minister Moldenhauer von dieser Aktion Kenntnis gegeben, und in einer erneuten Rücksprache mit dem Reichsfinanzminister diesem auch von s i ch aus den Rücktritt nahegelegt. Relchssinanzminister Dr. Maldenhauer hat nicht die Absicht, dem Drucke der Wirt- schaflsgruppe der Dvp. zu folgen, er ist aber der Auffassung, daß seine Aktion, die u. a. das Ziel hatte. diePreifeundLöhnezusenken, gescheitert ist. hiernach werde er seine Entscheidung von sich aus treffen. Minister Mol- d e n h a u e r hat den Reichskanzler gebeten, für morgen eine Kabinettssitzung einzuberufen, in der er seinen Standpunkt klarlegen und seinen Rücktritt anbieten werde. Mldenhauers Rückfrittsgesuch. Seine Entscheidung des Neichskabinetts. Berlin. 18. Juni. (lel.-Un.) lieber die Sitzung des Reichskabinetts am Mittwoch, die bis gegen 20 Uhr dauerte, wurde folgende amtliche Mitteilung ausgegeben: „Das Reichskabinett beschäftigte sich in seiner heutigen Sitzung mit dein angebotenen Rücktrittsgesuch des Reichsfinanzmini st ers Dr. Maldenhauer und bat ihn einmütig, von diesem Gesuch Abstand ;u nehmen. Da der Reichsfinanzminister demgegenüber aAi f seinem Rücktrittsgesuch beharrte, wird der Reichskanzler hierüber dem Herrn Reichspräsidenten Vortrag hallen." Reichspräsident von Hindenburg weilt zur Zeil bekanntlich auf seinem G u t Neudeck in Ostpreußen. Wie die „TU.' erfährt, wird Reichskanzler Dr. Brüning d a l d m ä g l i ch st mit dem Reichspräsidenten Fühlung nehmen. Reichs- ftnanzminister Dr. Maldenhauer amtiert zunächst noch weiter. 3n Der Schwebe Die Ents eidung liegt beim Reichspräsidenten. Der lin, 18. Juni. (ERB-i Das Ergebnis der heutigen Abendsitzung des Reichskabinetts wird in parlamentarischen Kreisen dahin beurteilt, daß die Krise um Moldenhauer weiter in der Schwebe bleibt und die Entscheidung nun beim Reichspräsidenten liegt, dem ver- sassungsmäßig die Entlassung und Ernennung von Ministern zusteht. Der Kanzler wird nun sobald wie möglich nach Reudeck fahren, wo sich der Reichspräsident augenblicklich aufhält. Die Frage, ob er dem Präsidenten Vorschlägen wird, daß Rücktrittsgesuch abzulehnen, ist offen, weil der Reichsfinanzminister selbst ihn dringend gebeten haben dürfte, hiervon Abstand zu nehmen. Dr. Moldenhauer ist für diesen Wunsch maßgebend, da er bei einem weiteren Verbleiben in einen auch persönlichen Gegensatz zu seiner Partei und damit in einen schweren inneren Konflikt gezogen würde. Der Kanzler selbst legt großes Gewicht darauf, Dr. Mol- den Hauer im Amte z u halten, und dieser Wunsch ist auch von allen anderen Reichsmini- stern in der heutigen zweistündigen Kabinetts- sihung sehr eindringlich zum Ausdruck gebracht worden. Sin Verbleiben Dr. MoldenhauerS könnte aber für die weitere Entwicklung die Perspektive des Artikels 48 und der Reichstagsauflölung eröffnen. Diese Entwicklung möchte Dr. Moldenhauer offenbar vermeiden, soweit seine Person den Anlaß dazu geben kann. Auf der anderen Seite ist man in den Kreisen der Reichsregierung der Auffassung, daß das Kabinett, im großen gesehen, nicht eine andere Finanzpolitik verfolgen, sondern nur die Dr. Moldenhauers weiter- führen kann. Die angedeutete Möglichkeit deS Konfliktes mit den Parteien ergibt sich daraus aber auch ohne einen Wechsel im Reichsfinanzministerium. Darauf geht zweifellos der Vorbehalt des Reichskanzlers zurück, daß er sich noch einmal überlegen will, welchen Vorschlag er dem Reichspräsidenten unterbreitet. Bleibt somit die Finanzministerkrise weiter in der Schwebe, so steht doch jedenfalls fest daß der Vestand des Reichskabinetts im ganzen durch sie nicht tangiert wird. Wie ungeklärt die augenblickliche Lage ist, geht auch aus der in politischen Kreisen vertretenen Ansicht hervor, daß die Parteien in der nächsten Woche unter Umständen sehr viel leichter mit sich reden lassen werden, wenn etwa da s Ergebnis der sächsischen Wahlen ihnen sehr sichere Aussichten für den Fall einer Reichstagsauflösung stellen sollte. Die heutige Stellungnahme des Unterausschusses des Reichs- r a t e s wird ebenfalls noch keineswegs als endgültig bezeichnet, weil die Entscheidung des Reichsrates ja erst in seiner Vollsitzung fallen wird. Jedenfalls gehen alle Darstellungen, die die Krise heute bereits al- entschieden bezeichnen, weit über den augenblicklichen Stand der Dinge hinaus. Auch die Frage der R a ch s o l g e deS Reichsfinanzministers wird deshalb erst Ende der Woche akut werden. 3m Reichstag nannte man heute bereits eine Reihe von Kandidaten, von denen bisher aber nur als ziemlich sicher gelten kann, daß sie n i ch t in Frage kommen. So Hut z. D. Reichswirtschaftsminister Dietrich, dessen Kandidatur am lebhaftesten erörtert wurde, kein Hehl daraus gemacht, daß er den Posten des Reichsfinanzministers ab- lehnen würde, weil er sehr wichtige Pläne für die Ankurbelung der Wirtschaft von der Seite des Wirtschaftsministeriums hege. Auch die Wiederkehr des früheren RcichssinanzministerS Dr. von Schliebcn darf als ausgeschlossen gelten, weil sein Gesundheitszustand ihm die Uebernahme einer so schweren Bürde verbietet. Die Kandidatur eines Abgeordneten der Deutschen Volkspartei dürfte bei der eigenen Fraktion auS grundsätzlichen Erwägungen auf starken Wider st and stoßen, so daß, wenn die Krise durch einen Wechsel im Reichsfinanzministerium gelöst wird, in erster Linie eine außerhalb des Parlaments stehende Persönlichkeit, deren Rame noch nicht genannt wird, in Frage kommen dürfte. 3m Reichsrai keine Mehrheit für Or. Moldenhauers Oeckungsvorlage. Berlin, 18. Juni. (DDZ.) Der Reichsratausschuß begann heute mit der Generaldebatte über den Entwurf eineS Gesetzes zur Reform der Arbeitslosenversicherung und die Deckungsvorlagcn der Reichsregierung. Heichsfinanzminisler Or Molvenhauer wies darauf hin, daß die Durchführung einer geordneten Finanzpolitik die Abdeckung des erkennbaren Defizites unbedingt ^erlange, wenn der Kredit Deutschlands nicht scywe- ren Schaden erleiden solle. Eine Erhöhung der indirekten Steuern oder eine Reu- einführung solcher sei nur in bescheidenem Rahmen möglich, weil von einem solchen Vorgehen eher Mindererträgnisse als Mehr- erträgnisse zu erwarten teicn. Eine neue Belastung der Wirtschaft knirch unmittelbar treffende direkte Steuern sei wegen der schon bestehenden Belastung der Wirtschaft ohne sachlichen Ausgleich unmöglich. So sei der Gedanke entstanden, die Fe st besoldeten zu einer „Reichshilfe" heranzuziehen. nachdem man den Etat, so weit es noch möglich sei, verkürzt habe. Rur sehr schweren Herzens habe er sich zu diesem Entschluß, da er keinen anderen Ausweg sehe, durchgerungen. Diese Reichshilse sei nur ein Teil eines großen Programms, dessen Endziel die Ueberwindung der schweren Depression bilde, unter der die deutsche Wirtschaft leide und die sich in der riesenhaften Ziffer von Arbeitslosen äußere. Dieses Gesamtprogramm müsse darauf hinauslaufen, auf der ganzen Linie zu einer sparsameren Wirtschaft zu gelangen. Daher die Vorschläge zur Verringerung des Beamtenapparates und der Reform der Verwaltung, die im engen Zusammenhang mit den Vorschlägen zur Reichsreform gebracht werden sollen. Daher die Vorschläge zur Reform der Arbeitslosen- und Krankenversicherung, die nur die erste Etappe auf dem Wege einer großen Reform der Sozialversicherung überhaupt sein können. Daher auch die Rotwendigkeit, das Lohnproblem als solches anzugreifen. Man müsse auf dem ganzen Gebiet' der Produktion zu einer Senkung der Löhne und Preise gelangen. 3n diesem Zusammenhang könne dann aber auch nicht an dem größten Ausgabenposten, den Gehältern, vorbeigegangen werden. Es handele sich deshalb nicht um ein einseitiges Rotopfer, das von einer bestimmten Gruppe verlangt werde, sondern um einen Versuch, in Wirtschaft und Verwaltung die Ausgaben zu senken, und damit auch zu einer Senkung des Preisniveaus zu gelangen. In der Aussprache ergab sich, daß sowohl für den Vorschlag der Reichsregierung zum Notopfer als auch für den preußischen Abänderungsantrag keine Mehrheit im Reichsrat zu finden sein würde. Daher erklärte Reichssinanz- minifter Dr. Molden Hauer, er stehe vor einer neuen Situation, zu der das Kabinett zunächst Stellung nehmen müsse. Die Ausschüsse des Reichsrats vertagten daher die Behandlung der Deckungsvorlagen auf unbestimmte Zeit. Oie Sozialdemokraten lehnen das Oecknngsprogramm ab. Berlin. 18.3uni. (XU.) Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion teilt mit: Die Fraktion hat sich in mehreren Sitzungen mit der gegenwärtigen Wirtschasts- und Finanzlage und den Deckungsvorschlägen der ReichSrcgierung beschäftigt. Es wurde klar die Rotwendigkeit erkannt, die Fehlbeträge des ReichshauS- Halts alsbald zu decken und damit eine wichtige Voraussetzung für die Belebung der» Wirtschaft und die Aufrechterhaltung der Sozialpolitik zu schaffen. Dagegen wurde dem Versuch, die jetzige Wirtschaftskrise zu einem allgemeinen Abbau der Löhne und Gehälter sowie der Sozialpolitik zu benutzen, entschiedenster Widerstand angekündigt. Das gilt insbesondere von den Vorschlägen der Reichs- regierung zum Abbau der Leistungen der Arbeitslosenversicherung und der Krankenversicherung. Dolle Liebereinstimmung bestand darüber, daß das wichtigste Erfordernis in der gegenwärtigen Situation die Arbeitsbeschaffung sei. Llebereinstimmend herrschte ferner über die Rotwendigkeit erheblicher Einsparungen bei den öffentlichen Ausgaben. 3n erster Linie müssen die militärischen Ausgaben erheblich herabgesetzt und der gegenwärtigen Rotlage d§s Reiches und des Volkes angepaßt werden. Dies gilt auch für viele andere Ausgaben, so z. B. für die des Auswärtigen Dienstes, für die hohen Pensionen usw. Soweit durch die Ersparnisse die Deckung der Fehlbeträge nicht erzielt werden könne, ist bic_ De schasfung neuer Einnahmen unerläßlich. Das Dcckungsprogramm der Reichsregierung wird von der Fraktion abgelehnt. Angestellte und Arbeitslosenversicherung. Frankfurt a. W., 18.3uni. Eine Gauvor- standSsitzung des D. H. D. M a i n - W c s e r - Gau beschäftigte sich nach einem Bericht von Gauvorsteher Auerbach mit der gegenwärtigen WirtschaftS- und Finanzlage des Reiches und nahm dazu eine Entschließung an, in der es u. a. heißt: Durch Senkung der Löhne und Gehälter kann eine Wiederankurbelung der Wirtschaft nicht erreicht werden. Erforderlich ist ein radikaler Abbau der vielen Preisbindungen. Die Beitragserhöhung in der Arbeitslosenversicherung lehnt der D H. D. strickte ab, er fordert vielmehr die Zulassung von Ersatzkassen für Angestellte, durch die den beruflichen Rotwendigkeiten der Angestellten allein Rechnung getragen werden kann. Weitere Mittel der Arbeitslosenversicherung in der heutigen 'Form zu geben, bedeutet den Versuch, ein bodenloses Fchz zu füllen. Die vorgesehene Reichshilse der nichtversiche- rungSpflichtigen Angestellten lehnt der D. H. V. ab, da eine EinkommenSsicherhett auch für die höher bezahlten Angestellten durchaus nicht gegeben ist. — Zur Frage der älteren Angestellten verlangt der D.H.V. von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern gebildete paritätische Ausschüsse bei den Arbeitsämtern, die berufstüchtige ältere stellenlose Angestellte in die Betriebe mit wenigen älteren Angestellten wieder einzugliedern haben. Zue Ausmerzung der Doppelverdiener wird Kürzung der Ruhegehälter und Wartegelder derjenigen Beamten usw. verlangt, die in der freien Wirtschaft Arbeitseinkommen haben. Der diesbezügliche Entwurf de« ReichSfinanz- ministerS wird als völlig unzureichend angesehen. 3n der Krankenversicherung gibt der D. H. V. den Sachleistungen vor den Barleistungen den Vorrang. Ebenso legt er auf Fürsorge in ernsteren und längeren Krankheitsfällen, unter Entlastung von Bagatellsachen, das Schwergewicht. Die£age in der nordwestlichen Eisenindustrie. Ter Tentschc Mctallarbcitcrvcrband gegen den -lbban dcü Rltordlohnea Essen, 18. Juni. (TU. Funkspruch.) Der Beirat des Deutschen Metallarbeiterverbandes hat zur Lage in der nordwestlichen Gruppe in der Eisen- und Stahlindustrie dahin Stellung genommen, daß dem angekündigten Akkord« lohnabdau mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten sei. An die Mitglieder des Der« banbes ist unter Zusicherung jeder Unterstützung die Ann»eisung ergangen, alle auf eine Senkung der Akkordlöhne gerichteten Maßnahme» der Arbeitgeberseite a b 3 u le l) n e n. Vom Deutschen Metall- arbeiterverbanb wird erklärt, daß die Kündigungen in der Metallindustrie durchaus nicht leicht zu nehmen seien. Die Mitglieder werden ermahnt, angesichts der kommunistischen S)e\\e Ruhe und Besonnenheit zu bewahren. Eine Klärung der Vage dürfe erst zum Monatsende zu erwarten sein, ba bekanntlich die zur Rordwestgruppe gehörenden Werke den für den Akkord in Frage kommenden Arbeitern zum Zwecke der Neuregelung der Akkordzuschläge zum ersten Juli 1930 die Kündigung ausgesprochen haben. , Die Wirischafispariei fordert Arbeitsdienstpflicht. Berlin, 18.3uni. (DDZ.) Die ReichStagS- fraktion der Wirtschaftspartei hat einen Gesetzentwurf zur Durchführung der Arbeitspflicht und zur Behebung der Arbeitslosigkeit eingebracht. Der Entwurf umfaßt vierundzwanzig Paragraphen. Die Arbeitsdienstpflicht soll der Jugend zur freiwilligen Unterordnung gegenüber dem Wohl der Allgemeinheit und zur ArbeitS- und Pflichterfüllung erziehen. Sie soll neue Ar- beitSmöglichkeiten erschließen, im wesentlichen die Bereitstellung jugendlicher Arbeitskräfte. Arbeitsdienstpflichtig für ein 3 a h r ist nach dem Gesetzentwurf jeder Deutsche vom 17. biS zum 2 5. 3 ahre. Unter dem Ramen „Direktion deS Deutschen Arbeitsdienstes" soll das ReichsarbeitSministerium eine oberste Verwaltungsstelle bilden. Die ArbeitS- dienstpflichtigen erhalten neben Unterkommen, Verpflegung, Kleidung, Schuhwerk, Arbeitsgerät, freier Heilbehandlung eine tägliche Löhnung von 40 Pfennig. Die Verweigerung der Arbeitsdienstpflicht wird mit Gefängnis nicht unter drei Monaten und zeitlichem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bestraft. Beendigung derKullmbebatte im Reichstag. Berlin, 18.3uni. (DDZ.) 3m Reichstag wurde die zweite Beratung des Haushalts deS Reichsinnenministeriums fortgesetzt. Abg. Dr. MoseS (Soz.) beschäftigte sich mit dem Kindersterben in Lübeck. Diese fürchterliche Tragödie darf nicht nur vom medizinisch-fachmännischen Standpunkt aus behandelt, sondern muß vom ethischen, moralischen und strafrechtlichen Standpunkt auS untersucht werden. Abg. Dr. Runkel (D. Dp.): Der Staat darf seine Hoheit in der Echulsrage nicht irgendeine« anderen 3nstanz preiSgeben. Wir müssen endlich in der Schulgesehgebung vorankommen. Der jetzige 3nnenminister Dr. Wirth hat bei den früheren Schulgesetzdebatten gezeigt, daß er im Gegensatz zur Zentrumsmehrheit wenigsten- Verständnis für liberale Gedanken hat. Er wäre darum der geeignete Mann zur Durchführung eine- Schulgesetzes, das einen Ausgleich de« kulturpolitischen Gegensätze schafft. Aba. Dr. EverIing (Dntl.) kitt für bte ' Aufhebung des Stahlhelmverbotes im Westen em. Desgleichen wendet er sich gegen die Verbote des Wehrwolfs und des Bismarckbundes in verschiedenen Gebieten. Die ^lniformver- bote seien mit der Verfassung nicht vereinbar. Es müsse dafür gesorgt werden, daß der nächste Derfassungstag nicht wieder zu einer Gesinnungsknechtung führe. „ . Abg. Dr. Löwenstein (Soz.) äußert sich über das sozialistische Erziehungs- und Schulprogramm. Die sozialistische Kultur habe tn diesem Staat einen Anspruch auf Geltungsraum. Die Vrechung des Vildungsprivilegs der Besitzenden sei eine Kulturforderung der Arbeiterklasse. Wir achten und schätzen jede Weltanschauung: aber wir verlangen die gleiche Achtung auch vor unserer Weltanschauung. Abg. Frau Dr. Lüders (Dem.): Die Staatsangehörigkeit müsse endlich durch eine einheitliche Reichsangehörigkeit ersetzt werden. Bei dieser Gelegenheit müsse auch der deutschen Frau das Recht gegeben werden ber der Heirat mit einem Ausländer an ihrer deutschen Staatsangehörigkeit festzuhalten. Abg. Frau Dr. Matz (D. V.) tritt für Verein- heitlichung des Schulwesens ein, die auch zur Reichsresorm gehöre. Turn- und Sportbewegung bedürften der Förderung des Reiches, aber eine Reichsunfallversicherungspflicht für die ehrenamtlich in Sport- und Turnvereinen tätigen Führer sei untragbar. Rotwendig sei auch eine stärkere Sicherung gegen Hehfilme, die im Ausland neuerdings wiederholt herauskommen und das deutsche Ansehen zu untergraben suchen. Abg. Frau Weber (Z.): Heute komme aus Volk und Jugend das Streben nach einer neuen Kultur und dabei zeige sich auch das Suchen nach Gemeinsamkeit der Deutschen. Die De- skeben werden gestört, wenn in einzelnen weltlichen Schulen kommuni st ische Hahpro- p a g a n d a getrieben wird. Die maßlose äleberschähung sportlicher Rekordleistungen diene nicht der Pflege wahrer deutscher Kultur. Die Lieberspannung des Berechtigungswesens müsse aufhören. Der Rundfunk dürfe nicht zum Propagandamittel hesümmter Richtungen werden. Die französischen Rüstungsmil! arden. Die Opposition verlangt k are Auskunft. Paris, 18. 3unL (Sil.) Der Konflikt, der wegen der Erklärungen des Finanzministers Reynaud über die Lage des Schatzamtes ausgebrochen ist, nimmt bereits die Form einer ernsten innerpolitischen Krise an. Bekanntlich hatte Renauld gelegentlich einer ilebersicht über die Finanzlage der Regierung zugeben müssen, daß ein großer Teil der unter laufenden Ausgaben gebuchten sieben Milliarden Franken für Befe st igungs ar beiten an der f r a n z ö s i s ch - i t a l ie n i s ch e n Grenze verwendet worden sind. Reynaud hatte jedoch versucht, den Finanzausschuß über die Bedeutung dieser Befestigungsarbeiten hinwegzutäuschen, worauf der Finanzausschuß eine genaue Aufstellung über die Ein- und Ausgänge des Schatzamtes verlangte. Diese Aufstellung hat der r. Finanzminister im Einvernehmen mit Tardieu verweigert, sich aber beceiterklärt, ergän- 'zende Ausführungen zu machen. Die Oppositionsparteien wollen die Regierung zwingen, einen genauen Bericht über sämtliche Ein- und Ausgänge abzugeben, wobei naturgemäß das Hauptaugenmerk auf die R ü st u n g s- ausgaben, sowie die Derteidigungsarbeiten an der französischen Ost- und Südgrenze gelenkt wird. Der Ausschuß der sozialistischen Kammergruppe hat beschlossen, die ganze Angelegenheit in einer öffentlichen Sitzung vor die Kammer zu bringen. Man nimmt an, daß der Minister sich energisch gegen diesen sozialistischen Angriff verteidigen und unter älmständen die Vertrauensfrage stellen wird. In Belgrader Gefängnissen Isolde Reiter berichtet über mittelalterliche Tortur durch serbische Poti eiosfizierc. Belgrad, 18.3uni. (Tel.-Un.) Die deutsche Schriftstellerin 3 s olde Reiter aus Grotz- Deckerek, die aus der Haft des Belgrader Gefängnisses entlassen worden ist, hat gegen mehrere Polizeioffiziere und Polizeiagenten beim Ministerpräsidenten Zivkovitsch Strafanzeige erstattet, daß sie während der Zeit ihrer Inhaftierung schweren Mihhandlungenaus- gesetzt war. Man wollte ihr bei der Polizei das Geständnis erpressen, daß sie im Auftrage des ehemaligen deutschen Abgeordneten Wilhelm Deuner gehandelt habe. 3n der Anzeige wird angeführt, daß sie auf Befehl des Polizeiagenten Kratjow an Händen und Füßen gefesselt wurde, woraus sie der Detektiv zu Boden warf und ihre Arme über die Knie zog. Unter den Knien, über den Armen steckte er einen eisernen Stab durch, so daß sie sich nicht mehr bewegen konnte. 3m Beisein des Polizeiseketärs Srtschkow bearbeitete er sodann ihre entblößten Füße mit einem spanischen Rohr. Diese Tortur dauerte am 15. Mai von 9 Uhr abends mit einigen Unterbrechungen bis Mitternacht. Da sie furchtbar weinte und schrie, so daß sie im ganzen Hause gehört wurde, stopfte man ihr einen Knebel in den Mund und wickelte ihren Kopf in eine dicke Decke. Als sie .um Mitternacht von ihren Fesseln befreit wurde, blutete sie heftig und konnte weder gehen noch stehen. Man muhte sie in ihre Zelle tragen und ihr ärztliche Hilfe angedeihen lassen. Infolge der furchtbaren Qualen bejahte sie alle Fragen der Polizei und belastete auch Dr. Reuner, wobei ihr der Polizeibeamte Maksino- Witsch Wort für Wort die Beschuldigungen eingepaukt hatte. Als man sie aus der polizeilichen Haft nach vier Wochen entlieh, zwang sie Maksinowitsch unter Bedrohung, dah er sich furchtbar rächen werde, für die Unterschrift eines Protokolls, in dem sie bestätigte, dah sie nicht mißhandelt worden sei. Wie 3solde Reiter weiter erklärt, habe der Redaktionsbeamte U r s o einen Selbstmordversuch begangen. Sein Geist sei seitdem fast völlig umnachtet. 3n einem lichten Moment hätte auch er vor Zeugen erklärt, wie er von dem Polizeiagenten 3ankowitsch schwer m i h h a n - d e l t wurde. Erregte Etatdebatte im Hessischen Landtag. persönliche Zuspitzung -es politischen Kampfes. - Die volksparteiliche Fraktion protestiert gegen persönliche Verunglimpfungen ihres Vorsihen-en. Darmstadt, 17.3uni. (WHP.) Vizepräsident Blank eröffnet die Sitzung zur Fortsetzung der Beratung des Schuletats. Abg. Sri. Birnbaum (DV.) wünscht bei Kapitel Studienanstalten und Frauenschulen Gleichstellung der Lehrerinnen auch in leitenden Stellen, und wendet sich gegen die ablehnenden Ausführungen des sozialdemokratischen Abgeordneten und Schulrates Storck in einer Rede, die er im Mai hielt. . __ . Abg. Kaul (Soz.) erkennt als Meinung der Mehrheit seiner Fraktion die stärkere Heranziehung der weiblichen Kräfte bei den Frauenschulen an. Die Bürgerschulen lehne seine Fraktion ab. _ , Abg. Haury (DV.) wünscht zu Kapitel „Gewerbliche und kaufmännische Fortbildungsanstalten" die Wiedereinstellung der abgebauten nebenamtlichen Fachlehrer, deren Arbeit an der Fortbildungsschule angesichts des gesunkenen Dil- dungsstandes der Schulentlassenen notwendig sei. Abg. Reuter (Soz.) setzt sich bei Kapitel „3ugendpflege" für stärkere Beachtung der Ferienwanderungen ein. Abg. Wesp (Z.) verlangt Dekeuung auch der katholischen 3ugendverbände durch den Staat. Weiter dankt er Schulrat Hassinger ür seine Dolksbildungsarbeit. Abg. Reuter (Soz.) verlangt Erhöhung des Zuschusses für das Hessische Künstlertheater um 5000 Mark. 3n der Abstimmung werden die Kapitel Höhere Lehranstalten, Aufbauschulen, Studienanstalten, Höhere Bürgerschulen, Fortbildungsschulen, 3u- gendpflege, Volksbildung und Förderung der Kunst verabschiedet. Mit 26 gegen 22 Stimmen der Volkspartei, des Landbundes, der Deutschnationalen, der Volksrechtpartei, der Kommunisten und zwei Stimmen der Demokraten wird der volksparteiliche Antrag, über die Schulgelderhöhung gesondert abzustimmen, abgelehnt. Alle Aenderungs- onträge verfallen der Ablehnung. Kirchen. Abg. Axt (VRP.) kitt für die Annahme des Kapitels ein und wünscht, dah die noch bestehenden Differenzen mit dem Staat bald endgültig und in loyaler Weise geregelt werden. Landesuniversität und Technische Hockschu e. Zu Kapitel „Universität Gießen und Technische Hochschule" erklärt Abg. Dr. Leuch t - gens (Ldbd.), daß die Personalkosten außerordentlich hoch seien. 3n den Kreisen der Professorenschaft herrsche eine erstaunliche Weltfremdheit angesichts der Finanznot des Landes und der allgemeinen Vblksnot. Der Redner verlangt eine Einsparung von 10 Prozent und hält an den ins einzelne gehenden Landbundankägen fest. Die Ueberhonorare sollten zu 25 Prozent und die Kollegiengelder zur Hälfte in die Staatskasse fliehen. Berufungen von ordentlichen Professoren sollten künftig auf Grund eines öffentlichen Ausschreibens erfolgen. Abg. Dr. Werner (Ratsoz.) stellt fest, daß er im Prinzip mit den Ausführungen des Vorredners weitgehend einverstanden sei. Abg. Frl. B i r n b a u m (DV.) lehnt die Ausschreibung von Lehrstühlen ab. Mit dem Landbund b er trat sie die Auffassung, dah einzelne Universitätsteile nicht dem Abbau verfallen dürften. Die Stadt Giehen unterstützte die Universität in den 3ahren 1924 bis 1929 mit 679 656 Mark durch Schenkungen und Stiftungen. Grundsätzlich fordern wir die weitere Gewährleistung der freien Entfaltung der Geistesentwicklung, der Freiheit aller wissenschaftlichen Forschung. Abg. Kaul (Soz.) unterstreicht, dah die der Regierung überwiesenen Landbundanträge bis zum nächsten Etat einer gründlichen Nachprüfung bedürften. Aehnlich wie Krankenhausdirektoren usw. könnten sich auch Gelehrte um einen Professorenstuhl bewerben. Die Frage der Ueberhonorare bedürfe einer Reuregeluna. Rur ein Zusammengehen der Länder in diesen Fragen könne zu Erfolgen führen. Entsprechend der allgemeinen Entwicklung drängen auch in Deutschland die Hochschulen immer mehr zu Spezialhochschulen. Aehnlich der Ausbildung der katholischen Theologen durch die Katholische Kirche könne auch die Evangelische Landeskirche Predigerseminare für ihre Zwecke einrichten. Es gehe nicht länger an, dah die staatsverneinenden Studentengruppen das schwarze Brett und die Universitätsräume für ihre parteipolitischen Ziele benutzen könnten. Abg. Dona t (Dem.) hält die längere Aufrechterhaltung der jetzigen Universitätsverteilung nicht mehr für möglich. 3nstitute. an denen ein oder zwei Studenten Vorlesungen Horen, sollten aufgehoben werden. Die vielen Zwischenprüfungen könnten verringert werden. Der Rektor könne mit seinem Hausrecht den politischen Auswüchsen begegnen. Abg. Fenchel (Ldbd.) forderte intensivere Vortragstätigkeit über Genossenschaftsfragen. Der untere Hardthof werde als Versuchsgut Versuch bleiben. Landwirtschaft und Landtag verlangten, dah endlich die Tier- und Pflanzenzuchtversuche der verschiedenen Institute nach einheitlichem Plan erfolgten. Abg. Axt (VRP.) lehnte die geforderte Aufhebung der Evangelischen Fakultät ab. Ministerialrat L ö h l e i n stellte gegenüber den Abg. Leuchtgens und Kaul fest, dah bereits sehr beträchtliche Einsparungen vorgenommen wurden und die Verhältnisse in Hessen gleich denen anderer Länder geartet sind, dah also eine ^lusüahmeregelung gegen die hessischen Intern essen verstoßen werde. Landesiheaier. Abg. D o n a t (Dem.) erklärte zu Kapitel Landestheater, dah das Landestheater zwar keine Experimentieranstalt zu sein brauche, dah es aber auch dem modernen Schaffen Raum geben müsse. Der Dchauspielplan war verhältnismähig schwach. Kvnzertprogramme und Oper waren sehr erfreulich. Letztere verliere leider die besten Kräfte. Der Tonfilm werde zu tiefgehenden Umstellungen im Theaterbekieb führen. Die hessischen Radiohörer verlangten vom Fränkfur» ter Sender in verstärktem Maße die Heranziehung der Konzerte und der Erstaufführungen des Landestheaters. Abg. Frau Hattemer (Z.) verlangt trotz der erreichten Einnahmesteigerung Senkung des Defizites. Die Erhaltung des Landestheaters, das vom früheren Staat übernommen wurde, wäre wohl eine Prestigefrage für die Republik. Wir sehen die Krise des Theaterwesens im Vordringen des Kinos und des Sportes. Dem modernen Literaturschaffen fehlt die Berufung, die Lebensgestaltung des Volkes zu festigen und wertvoll zu machen. Ein Teil der Zentrums- raktion wird dieses Jahr noch einmal dem Etat zustimmen. Eine Zusammenlegung des Landestheaters mit Rachbarbühnen ist einer Prü- ung wert. Abg. Dr. Keller lD. V.) stellt fest, dah die optimistischen Voranschläge bisher um 60 bis 124 Prozent überstiegen wurden. Jetzt beträgt der Zuschuh 1,62 Millionen, an dem die Stadt Darmstadt mit 900 000 Mk. beteiligt ist. Jedes Hessenkind zählt 70 Pfennig für das Landestheater, jeder Darmstädter 8 Mk. Die Einsparungen können insbesondere beim Bühnendienst verschärft werden. Die Arbeiterschaft lehnt Dekadentes und geschlechtlichen Kitzel auf der Buhne glatt ab. Als Einspruch gegen den Spielplan und gegen die Spielart lehnen wir den Etat ab, ohne Fraktionszwang zu üben. Abg. Sturmfels (Soz.) erklärt, die volksparteiliche Kritik schiehe angesichts der wenigen Fehlgriffe über das Ziel weit hinaus. Auch moderne Probleme mühten auf der Bühne behandelt werden. • Abg. Dr. Leuchtgens (Ldbd.) behandelt le» diglich die finanzielle Seite des Theateretats, die zur Ablehnung seiner Fraktion führe. Abg. Wesp (Z.) bemängelt, dah erste Künstler viel zu wenig beschäftigt werden. Staatspräsident Adelung erklärt, dah der Voranschlag des Theaters in der Ausgabenseite streng eingehalten werde. Die Einnahmeseite könne jedoch nicht beeinflußt werden. Eine so ungerechte Kritik wie die des Abg. Keller habe er seit 10 Jahren nicht mehr gehört, dabei übe die Volkspartei noch nicht einmal Fraktionszwang. Ein Repertoire, das allen Wünschen entspreche, sei unmöglich. Das Landestheater stehe in Süddeutschland unbestritten mit an erster Stelle. Abg. H a m m a n n (Komm.) lehnt den Staats- zuschuh ab. Abg. Ritzel (Soz.) polemisiert in schärfster Weise gegen den Abg. Keller, dem alle Qualifikationen zur Belehrung der Sozialdemokraten fehlten. Es folgen persönliche Bemerkungen von Staatspräsident Adelung und den Abgg. Dr. Keller, Dr. R i e p o t h und Stork. Dann ist die Debatte geschlossen, die Beratung wird auf Mittwoch vertagt. Protest der Volkspariei. In der Mittwochs'.hung gibt Abg. Dr. Rie - p o t h (D. Vp.) folt ade Erklärung ab: Am Schluß der gestrigen Sitzung blieb es ausgerechnet dem Abg. Ritzel Vorbehalten, uns.eren Fraktionsführer persönlich auf das schwerste anzugreifen und zu verdächtigen. Die Verdächtigungen sind um so unerhörter, als sie nicht nur rein persönlicher Natur, sondern auch nachweislich unwahr sind. Wenn für uns auch die Person des Abg. Dr. Keller turmhoch über der des Abg. Ritzel steht, der sich in diesen Ehrabschneidereien gefallen hat, so verwahren wir uns doch auf das entschiedenste gegen solche persönliche Kampsesweise und erwarten, dah der H^rr Präsident nach Einsichtnahme in das Protokoll die notwendigen Mahnahmen trifft, um die Würde der Parlamentsverhandlungen zu wahren. — Wegen des Ausdruckes Ehrabschneiderei erhält der Redner eine Rüge. Abg. Haury (D. Vp.) erllärt, daß er zwar für den Theateretat habe stimmen wollen, aber nach den Rihelschen Angriffen gegen den volksparteilichen Fraktionsführer werde er aus Solidarität gegen den Etat stimmen. Abg. A x t (VRP.) verliest ebenfalls eine gegen den Abg. Ritzel gerichtete Mihbilligungserklä» rung, die Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten auslöst. Zustizetat. Abg. S t u r m s e l s (Soz.) bedauert die noch bestehende Degrisfsspalterei in der Rechtsprechung und die Verzögerung in der Strafrechtsund Eherechtsreform. Zweckmäßig wäre d i e Aebertragungdes Iustizwesens au das Reich. Der Staat »darf gerade in den jetzigen aufgeregten Zeiten nicht wahllos Beamtenanwärter einstellen. Auch der heutige Staat sollte sich um die Korporationszugehörigkeit der „jungen Herrchen" kümmern und daraus die notwendigen Folgerungen ziehen. Vizepräsident Blank ruft den Abg. Ritzel anhand des unkorrigierten Stenogramms wegen seiner gestrigen Angriffe auf den Abg. Keller zur Ordnung, da ihm gestern in dem allgemeinen Tumult eine sofortige Ahndung der Zwischenrufer unmöglich gewesen sei. Abg. Schreiber (Dem.) verbreitet sich über die im Spargutachten enthaltenen und vom Landbund geforderten Einsparungen beim Iustizwesen, die weit über das Maß des Erträglichen hin- ausgehen. Eine Neuverteilung innerhalb der Gerichtsbeamten sei zweckmäßig. Ein Teil der Aufgaben könne ohne Bedenken den Gemeinden übertra.gen werden. (Zwischenruf: Dann erhalten die Armen überhaupt kein Recht mehr!) Das politische Rowdytum muh mit allen Mitteln bekämpft werden. Abstimmungen. In der Abstimmung wird Kapitel Kirchen bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten angenommen. Kapitel Landesuniversität Gießen und Technische Hochschule D a r m st a d t werden gegen die Stimmen der Kommunisten und des Landbundes genehmigt: die Sparanträge werden der Regierung als Material überwiesen. Kapitel Landesbibliothek, Landesmuseum und Förderung der Landesgeschichte werden genehmigt. Kapitel Landestheater wird in namentlicher Abstimmung mit 34 gegen 25 Stimmen angenommen. Dafür stimmen Sozialdemokraten, Demokaten und neun Zentrumsmitglieder, die weiteren vier Zentrumsabgeordneten hatten den Saal verlassen. Dagegen stimmten Kommunisten, Landbund, Deutschnationale, Volksrechtpartei und zum ersten Male die Deutsche Dolkspartei. Abg. Wichmann (Soz.) erwidert auf die Erklärung Dr. Riepoths u. a., dah die von dem Abg. Ritzel aufgestellten Behauptungen den Tat- achen entsprächen und unter Beweis gestellt werden könnten. Persönliche Angriffe gegen den Abg. Ritzel würden von seiner Fraktion zurückgewiesen. (Abg. Keller erhält wegen ^ünes Zwi- chenrufes eine Rüge.) Abg. Galm (Komm.) kritisiert die Verhältnisse im Gesängniswesen und fordert Aufhebung des § 218 StGB., Reform des Eherechtes und Ausgestaltung des Iugendgerichtsgesehes. Abg. Schül (Z.) polemisiert gegen die Angriffe des sozialdemokratischen Sprechers auf die Justiz, die in Hessen durchaus gut sei. Die Notwendigkeit der Iustizreform könne von feiner Seite mehr bestritten werden. Der Redner verliest dann eine Reihe von Einzelwünschen zur Justiz- und Strafrechtsreform. Die Todesstrafe soll nur auf wenige schwere Verbrechen, wie die eines Kürten, Haarmann usw. beschränkt bleiben und auch vollstreckt werden. Abg. Dr. Werner (Nat.°Soz.) wirft den Kommunisten ihre Blutschuld bei den zahlreichen ileberfällen auf Nationalsozialisten vor. (Abg. Galm ruft: Sie unverschämter Patron! Er erhält zwei Ordnungsrufe.) Klassenjustiz ist, wenn ein Landtagsabgeordneter unter dem Schuhe der Immunität einem anderen den Sch i del einschlägt und kein Polizeibeamter eingreift und wenn Nationalsozialisten in der jetzigen Weise verfolgt werden. Abg. Dr. Wolf (VRP.) steht der Reichsjustizreform sympathisch gegenüber und lehnt „Aufblähung der mittleren Beamten" ab. (Heiterkeit.) Die Rechte der Gerichte und Staatsanwaltschaften dürfen nicht nach Berliner Muster von der Landeskriminalstelle verletzt werden. (Es sind gerade noch zwölf Abgeordnete anwesend.) Abg. Wesp (Zentr.) geihelt das Verhalten einzelner Arbeitgeber, die einbehaltene Arbeitnehmeranteile zu Sozialversicherungen nicht ab- geliefert haben und damit den ‘betroffenen schweren Schaden zufügten. Abg. Böhm (Dntl.) fordert Entlastung der Gerichte. Ein Abbau von Amtsgerichten wirkt sich schädlich aus. Ministerialdirektor N e u r o t h erllärt, dah die hessische Justiz mit der heute an ihr geübten Kritik durchaus zufrieden sein könne. Die Sitzung wird auf Dienstag der kommenden Woche vertagt. Tagesordnung: Etat des Ministerium für Arbeit und Wirtschaft Oie Wetterlage. .aytn. fidst •SeydisfjorcT .NordOyt Thorshavnjgnfs; ADÄrdeen- Paris/'*' Tour: (lermi amtüT'O " * TjfetnPerllrHCM | O Momentes. <9 neuer. 3 naiD oeaecKt «womia *5"«^ * Schnee & Graupeln . Neoei K Gewuter©wlnd$t.iie.O sc» leichter Ost O massiger Südsüdwest ^stürmischer «ordwesl Ole Pfeile fliegen mit dem winde Oie oeioen 5*. Die Beerdigung findet am Freitag, den 20. Juni, nachmittags 4 Uhr statt. 4521 D Gießen (Hofmannstr. 6), Berlin-Steglitz, 16. Juni 1930. Die Einäscherung findet am Freitag dem 20. Juni, nachmittags 3 Uhr, auf dem Neuen Friedhof in verrenzimmer sow. Schlafzimmer und Küche sehr »reiSroeit abzugeben [4510D Stcinstrakre <>3. J. B. HÄUSER, GIESSEN AM OS WAL DSC ARTEN 98 30 30 Mädchen für tagsüber sofort gesucht 03931 Franks. Str. 88, la Eidenettkäse 20 Prozent OPfd.Mk. 6.30 franko Damptkäsetabrik, Rendsburg. (3”JD Vereine ""| Hubertus 3reilag.ö.20.,aü5Uht Kugel- und Schrot- schieken. l»„D Faunseuerwasfen. Abends: „Frifchlmgesfen^. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme an dem schweren Verluste unserer lieben Mutter sagen wir auf diesem Wege unsern innigsten Dank. Johannes Theib nebst Kindern und allen Angehörigen. Odenhausen an der Lumda, den 19. Juni 1930. 03938 Todes-Anzeige. Unsere liebe Tante Auguste Schäfer v'eifezeugbeschliefeerin i. R. wurde heute abend von ihrem schweren Leiden Wir betrauern den Tod unseres lieben alten Herrn Dr. med. Otto Dietz 01.77. Sanitätsrat zu Laubach die Ihnen durch plötzliches Auftreten von Kopfschmerz, Migräne, Neuralgien oder rheumatischen Zahnschmerz verloren gehen. Und da müssen Sie Citrovanille nehmen, denn es hilft Ihnen überraschend schnell und wirkt mild und unschädlich. Tragen Sie es deshalb immer in der Tasche, das bewährte Mittel, Ihr Citrovanille. 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Einitn-Sl Wntfllß a sein oreihcit r ft drei ''M ‘Bauern ihrer Sy stiften U iu öl Latses zw. ^vsen ^ßoni t Der seht faucht nich iS gelungen ‘"'■«tann ö6*™6- • aebt röinisit Awgsslüg Slonzt, Endlos i ^wbogen ^e'nivdert Mi den °n 'Ä l'.ch einst M nich, an !? Tvlgtz ^baud^ r-L" Nr. m Zweite; Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag. 19. Juni (950 Was wird in Indien? Don Soumyendranath Tagore. Der Neffe des indischen Dichter- Rabin- dranath Tagcre g bt h er eine anschauliche Schilderung der Lage in Indien. Deine Darstellung ist deshalb besonder- wertvoll, weil er sich in einem klar erkennbaren Gegensatz Gandhi stellt, soweit dessen Methoden tn Frage kommen. D. Red. Dem europäischen Beschauer stellt sich die heutige Lage in Indien ziemlich verworren dar. Ruf der einen Seite soll der Vizekönig Lord I r - w i n scharfe Maßnahmen gegen Die Freiheitsbewegung eingeleitet und Rotstandsoesctze erlassen haben, die eine Aufreizung zum Boykott und Aur Steuerverweigerung unter Strafe stellen, auf der anderen Seite hören wir, daß Verhandlungen zwischen ihm und den indischen Liberalen statt- finden sollen, deren Ziel es ist, eine Annäherung zwischen ihm und Gandhi in die Wege zu leiten. Don eigenen Röten wirtschaftlicher und politischer Ratur stark in Anspruch genommen, hat Europa den bedeutsamen Vorgängen in Indien nicht immer die ihnen gebührende Aufmerksamkeit geschenkt, ja es hat manche der im indischen Freiheitsringen aufgetretenen Ereignisse, wie z. B. den Morsch Gandhi- an die See, nicht in ihrer vollen Tragweite ersaht und daher nicht ausreichend gewürdigt. Wenn wir unS heute sragen, wie weit wohl die revolutionäre Bewegung in Indien vorgetrogen werden kann, so dürfen wir nicht vergessen, daß innerhalb des indischen Kongresses chon lange vor Beginn der Aktion starke Wider- tändc gegen den Mahatma austraten. Der linke Flügel deS Kongresses, dessen Teile sich unter der Führung von Sowharlal R e h r u und Subhoschandra Bose befinden, hatte von Anfang an die Gandhischc Politik der Gewaltlosigkeit als aussichtslos bezeichnet. Man hatte betont, dah man gegen eine Politik der Richtgewalt nichts einzuwenden habe, dah man sich aber auf diesem Wege einen Erfolg nicht zu versprechen vermöge. Man stand also auf dem, glaube ich, durchaus vernünftigen Standpunkt, dah der letzte Befreiungskampf eines Volkes nie ohne Gewaltanwendung Durchgeführt werden kann. In der letzten Generalabstimmung deS Kongresses, in der au diesen Fragen Stellung genommen wurde, setzte sich Gandhi zwar noch mit seiner friedlichen Anschauung durch, aber sein Erfolg war mehr ein Sieg seiner Persönlichkeit, als ein Sieg seiner Anschauung. Die Majorität, mit welcher der Mahatma seine Ansicht durchzuführen vermochte, war recht bescheiden: sie betrug nur etwas über 200 Stimmen. Als infolge Mangels an geeigneter Führung Der radikale Teil des linken Flügels des Kongresses unter Sawharlal Rehru zusammenbrach, wurde Die Widerstandskraft Der Gegner einer friedlichen Politik geschwächt. Wenn wir heute Horen, dah liberale Persönlichkeiten bereits für Verhandlungen mit England plaidieren. so besteht Damit sicherlich Die Gefahr, Dah Die inDische Unabhängigkeitsbewegung in isolierte Aktionen zersplittert wird und nicht Die Wirkung au-löst. Die ihr im Anfang zugefchrieben wurde. Für mich besteht jedoch kaum ein Zweifel Darüber. Dah, selbst wenn Die VerhanDlungen zu irgendeinem Resulutat führen sollten und England Indien Konzessionen irgendwelcher Art machen sollte. Damit Das Problem Indien noch lange nicht gelöst ist Diese- Problem ist weder außen-, noch innenpolitischer Ratur, sondern ein 21 g r a r ■ Problem. Selbst trenn Indien eine Art Dominion-Status erhalten sollte, würde Dies bestenfalls als eine Art Zwischenlösung zu betrachten sein, Die Das letzte Ziel, Die wahre Freiheit 2 nDienS, nur vorbereitet. Etwa Drei Viertel Der inDischen Bevölkerung sind Bauern, Kleinbauern, Die sich kümmerlich von ihrer Hände schwerer Arbeit nähren. Diese Leute fristen ein mehr als kümmerliches Dasein, Das sie zu äußerster Einschränkung ihres Lebens- beDarfes zwingt. Diese 75 Prozent Der inDischen Bevölkerung — es sind 200 Millionen Menschen — sind nicht- mehr und nichts weniger als eine grohe Gemeinde von Hungerkünstlem. Es gibt Tausende Familien, deren Clnzige karge Rahrung am Tage auS einer Hand voll ReiS mit etwas Salz besteht. Diese ärmsten der Armen werden von England und von den eigenen Drohgrundbesitzern, den Saminbar«, in gröbster Weife aus- gebeutet. Der ilmftanD, dah die Samindars mit den Engländern sympathisieren und ihnen jede nur mögliche Unterstützung gewahren, zeigt bereits Die Identität der Interessen. Die Engländer wissen da- ganz genau, und wie Englands Politik stets Die eines AuSspielenS Der einzelnen Kräste gegeneinander gewesen ist, so auch hier. Es ist höchst wichtig, dah man Diele Zusammenhänge einmal außerhalb InDicnS richtig einsieht unD sie in ihrer vollen Bedeutung würdigt. Gandhis Marsch an die See und die Handlung deS Salzkochens war nur eine symbolische Handlung, eine geistige Auflehnung gegen Die unerträgliche Tyrannei der Engländer, die darin besteht, dah man diesen vielen Millionen von ärmsten Bauern die einzige Mahlzeit am Tage — eben jene Hand voll Reis — dadurch verbittert, Dah man ihnen Das Salz besteuert, Das Den Reis erst genießbar macht. Bevor Die 6ng» länDer nach Indien tarnen, bestand kein Salzmonopol Der Regierung unD keine Salzsteuer. Diese wurDe vielmehr erst eingeführt, als Die Engländer den Entschluß faßten, ihr eigenes, in England gewonnenes Salz nach Indien zu importieren. Die Einfuhr war nur dadurch möglich, daß man das in ungeheuren Mengen in den indischen Gewässern zur Verfügung stehende Salz mit einer Steuer belegte. Heute ziehen die Engländer in Indien einen Betrag von etwa 80 Millionen Rupees jährlich auS dieser Steuer, Das sind, »twa 120 Millionen Mark, Die Den bereits ausS äußerste eingeschränkten LebensbeDürfnissen des Volkes abgerungen wird. Die unerträgliche Salzsteuer hat Die indische Bevölkerung derartig belastet, daß sie gesundheitlich schwer darunter leidet. Rach Den Durchaus autoritativen Feststellungen medizinischer Sachverständiger genießen Die indischen Bauern — Männer, Weiber, Greise, Kinder — etwa 50 Prozent weniger Salz, als ihnen vom gesundheitlichen Standpunkt aus dienlich ist. Es zeugt von dem politischen Scharfblick Gandhis und von seiner ungeheuren Einsicht in Die letzten GrunDlagen Des Problem-, Daß er gcraDe DaS Salz zum Symbol seines FelDzuges nahm. Die Handlung des Salzkochens sollte den feierlichen Protest von 90 Prozent Der indischen Bevölkerung ausdrücken. Diese symbolische Handlung sollte aber auch weit über Indiens Grenzen hinaus eine Fanfare für Die auherindifche Welt Darstellen. Sie sollte Die Aufmerksamkeit aller Kulturvölker auf Die Ungeheuerlichkeit lenken, daß eine große weltbeherrschende Ration es über sich bringt, ein wehrloses Volk in einer Weise auszubeuten, daß man ihm nicht einmal Die Prise Salz gönnt, Die es zu seiner einzigen Mahlzeit am Tage benötigt. DanDhi ist Der einzige Mensch, Der sic») einen Erfolg von einer solchen symbolischen HanDlung versprechen konnte. Er ist, das weiß ein jcDcr, von einer grenzenlosen Liebe seinem Volke gegenüber beseelt. Er kennt feinen politischen Ehrgeiz irgenD- welcher Art, sondern nur letzte Aufopferung für die Interessen seiner leidenden Brüder. Die Reinheit seiner Motive, die Hoheit seiner Gedanken machen ihn zu einem ganz großen Menschen unserer Zeit. Er ist kein Führer im europäischen Sinne, denn er findet seine Genugtuung nicht in Äußerlichkeiten und im Halten schöner Reden, sondern in der demütigen Hingabe an Die CciDcn seines Volkes und in einer frieDlichen, von Liebe getragenen Einstellung allen Menschen gegenüber. Da- junge Indien, das mit offenen Augen in Die Welt blickt und Dessen Herz sich beim Anblick Der Rot empört, hat Den Glauben an Rosen vom Trajansmarki. Don Gustav W. Sberlein, Wer jetzt „Rosen auS Dem SüDen" haben will, braucht nicht erst in Den Konzertsaal zu gehen, wo fie gelungen, oder ins Theater, wo sie getanzt werden, er kann fie kaufen. Aus dem Blumenmarkl. Bei Trajan. Mit welchem Ramen nicht irgendein fio- rista oder fioraio der modernen Hauptstadt gemeint ist, sondern Der uns allen von Der Schule her bekannte LandeSvater ober Imperator. Es geht malerischer zu auf diesem Markt, alS ein Maler sich's vorstellen kann. Besonders nachts, wo sonst Die Farben zu schweigen pflegen. Da ist Das römische Rachtblau, da- noch kein Pinsel einzufangen vermochte, höchstens ein bestimmterSchmet- terlingsflügel, Der aber wieDer zu sehr nach Email glänzt, ohne Tiefe zu haben. Jenes Blau aber ist grunDlos- Es wirD herzausreißenD, wo ein alter Steinbogen es ausschncidet, und wenn in diese halbe Scheibe oder Viertelskugel eine rote Opferflamme hineinlodert, dann — ja, Dann streift cs beinahe an Kitsch. Unserem SchönheitSempstnden sind eben Grenzen geletzt. Dieser rotdurchloderte Bogen in Blau lockt Die Leute, Die sonst auf Den Autobussen Der brausenDen Via Nazionale am Blumenmarkt vorbeirattern würben. Vorbei an Dem Zusammenstrom Der Strafte Des 24. Mai unD Der Strafte des vierten Rovember, vorbei an Dem nicht so frischen Datum Der Reste Der servianischen Mauer, vorbei an Dem schiefen Turm, von Dem aus Rero, wie DaS Volk glaubt. Den Brand Roms betrachtete. Hier, wo jetzt eine steile Treppe zum Forum hinunterstürzt, hier erhob sich einst Der achte Hügel unD Die Säule TrajanS gibt, nichts anderes war ihr Zweck, die abgestochene Höhe an. Ratürlich war ein gewaltiger Bergdruck Die Folge einer Derartigen Amputation, unD um ihm zu begegnen, lieft Trajan ein halbkreisförmiges GebäuDe — statt Der Betonstützmauer unserer Tage — anlegen, Die Markthallen, Die terrassenförmig ausstiegen unD sich schließlich zu richtigen Hochhäusern entwickelten. Waren eS nicht Die hängenden Gärten Der Eemiramis, so Doch hangende GeschäftSläden. Unter dem Cäsar Muflolini sind sie wieder anS Licht gekommen, unD Der Gouverneur hatte Den hübschen GeDanken, sie Den BlumenhänDlem zu überlasten, auf Daft Rom seinen Blütenmarkt habe. Feierlich unD Düfteschwer war die Einweihung. Ie sechs Gewölbe zur Rechten und zur Linken unten, je sechs oben im ersten Stock Ein Tonnenbau zunächst, basilikahast, Die Apsis gebildet von Dem nachtblauen, flammenDurcftloDcrten Bogen. Zwischen Der Flucht Der blumenüberlaDencn Ausstellungsgewölbe eine Reihe von geschmückten Mustertafeln, von prangenDen Bigen, deren Deichsel in einen Wid- Derkops auSläuft. Girlanden hängen von den Balko- nen herab, antike Leuchter leuchten in geheimnisvollen Loggien, Kränze auS Zitronen und Feigen unD Pinienzapfen hängen an Den WänDen, an Denen sich schon vor hunDerten unD aber Hunderten von Fahren Käufer und Verkäufer vorbeidrängten. Grüne Patina sitzt in den Ecken des Gemäuers wie Mondschein. Steigt man die Treppe hinaus, so gerät man an den Fuft Des schiefen Turmes, der die Sterne zu zählen scheint. Steigt man in die Tiefe hinunter,so kommt man durch das alte Steintor-noch sitzen Die Angeln in Den Ecken, noch sinD Die Bohlenrinnen, Die Heineren Laufschienen nicht ausgetreten — unmittelbar auf das antike Pflaster Der Strafte, Die zum Forum führte. Und Dann steht man auf Der großen Terrasse unD blickt Durch Den flammenden Bogen hindurch auf das ungeheure nächtliche Rom und schaut hinein in das Blau wie in die Ewigkeit selber. Es ist schwer zu sagen, ob man diesen Blick eher los wird oder Den nicht minder betäubenden Geruch Der Rosen. Ernsthafte Liebe. Don Josef Kastein. Sie hieß Anna-Maria. Ich begegnete ihr vor zwei Iahren zum ersten Male. Sie saß an Der Piazza, dem See gegenüber, auf Den steinernen Stufen zum Bäckerladen. Sie war nicht zu übersehen: Diese zierliche Gestalt, mit rundem, sonnen- braunem Gesicht, großen, dunklen Augen, tief- schwarzem Haar, zierlichen, runden Gelenken. Ich blieb stehen, an eine Platane gelehnt, unD sah sie an, ganz wunschlos, aus reiner FreuDe am Betrachten Dieses schönen MenschenkinDes. Sie schien es nicht zu beachten, hielt den Kopf etwas gesenkt und lauschte auf ein Singen aus Dem Haufe. Sie fah mir auch nicht nach, als ich enDIid) weiter ging. Anderen Tages sah ich sie an Der gleichen Stelle. Dieses Wal sah sie mich an, aber sehr kurz, mit einem schnellen, prüfenDen Blick. Der nichts verriet und Doch alles zu verstehen schien. UnD Dabei war mir Doch, als habe sie gelächelt. Diese Politik Der Gewaltlosigkett verloren. Ss gibt Tausende unD «aber Tau- senDe junger Inder, Die sest Davon überzeugt sind, daß im Kampfe gegen den Terror Englands und im Ringen um Die höchsten Güter der Ration symbolische Handlungen nicht genügen, sondern daß hier allein der trotzige Widerstand angebracht und moralisch auch durchaus gcrechtsertigt ist. Es ist daher erklärlich, daß sich von leiten Der intelligenten IugenD Indiens eine langsame, aber sichere Abkehr von Gandhi voll- zieht. Zwar wird der Mahatma in Dielen Kreise« noch hoch verehrt, man erkennt auch an, daß seine symbolische Revolution im Kampfe gegen Maschinengewehre, Flugzeuge und Tanks ihre moralische Wirkung nicht versehlte. aber man vermag ihm in seinen letzten Konsequenzen und in Der Durchdenkung des Problem- nicht mehr unbedingt Folge zu leisten. Mietskasernen — für Automobile! Deutschlands erstes Garagenhochhaus in Berlin. — Das Haus der 400 Auto« mobile. — Co.l man Flach- oder Hochgaragen bauen? Don Karl Richard Grawih. Die Anlage von Garagen, Die der ständig wachsende Automobilverkehr verlangt, ist eine Der wichtigsten Fragen des Städtebaus. Die bevorstehende Erössnung deS ersten deutschen Garagenhochhauscs hat daher besondere aktuelle Bedeutung. In allernächster Zeit wird in Berlin ein Gebäude seiner Bestimmung übergeben werden, das in seiner Art einzig in Deutschland dasteht. Roch sieht man von außen nicht viel mehr alS Die bei Bauten üblichen Holzgerüste. Etwas ganz ReueS, noch nie Gesehenes offenbart sich, wenn zunächst auch nur in Umrissen des Rohbaus, dem Besucher, wenn er Die weiten Hallen von innen besichtigt. Was hier ersteht, ist nichts anderes als das Garagenhochbaus im Westen Berlins. in Dem Die Autos demnächst ebenso selbstverständlich auf das Dach hinauffahren werden wie auf irgendeinen Alpenpaß. allerdings nur mit Der Aussicht auf Berlins Häusermeer. Von der Straße gelangt das einführende Auto zunächst in eine weite Halle, an deren Ende sich rechts der Weg in Drei Teile gabelt. Der mittlere führt zu einem Wagenwaschplah. links führt eine Straße zu Den weiten Kellerräumen unD ihren Autoboren. Der Dritte Ast bilDet Den Beginn einer Serpentine, Die in einer Steigung von 1:10 Durch fünf Stockwerke hindurch bis aufs Dach führt. Zwischen Die Schrauben- Windungen dieser Serpentine für die Auffahrt sind ebensolche parallele, von ihnen getrennte Windungen für die Abfahrt der AutoS gelegt. Alle Straßen find also im Gegensatz zu anderen Vorbildern Einbahnstraßen, sie werden nur in einer Richtung befahren, daher find Zu- fammenstöße unmöglich. Der Chauffeur, der seinen Wagen dorthin fährt, genießt allen Komfort der Reuzeit, Wannen- und Brausebäder, gut ventilierte, angenehm temperierte Räume, die gekrönt sind von den riesigen, auch fremden Autopafsanten zugänglichen Dachgarten, der. ringsum von Glaswänden eingefaßt, von verschiebbaren Glasdächern bedeckt, mit seinen Speise- und Erholungsplätzen einen sehr angenehmen Aufenthaltsort abgeben wird. Da im ganzen Gebäude nicht ein Stückchen Holz, nur Beton für den Bau verwandt wurde, ist er vollkommen feuersicher. Aus jeden Fall laufen aber durch alle Stockwerke starke Wasser- und Schamn- löschrohre: auch wurde eine direkte Leitung zur nächsten Feuerwehrwache gelegt. Die geräumigen Boxen sind durch eiserne, auf Rollen verschiebbare Türen verschließbar. Obwohl für 400 Autos Platz ist. sind doch schon alle vergeben. Arn 1. August, nach einer Bauzeit von genau einem Iahr, soll die Einweihung stattfinden, und wenn dann alle Gerüste fallen, wird sich Der neue Garagenprunkbau mit feinen riesigen Glaswänden als Schmuck des Stadtteils präsentieren. Wenn auch ein ganz genau gleicher Bau sonst nirgends auf der Welt besteht, fo gibt es doch ziemlich ähnliche Konstruktionen bereits in anderen Ländern. 1925 wurde z. B. in Budapest für die Postautos eine Garage errichtet, die auch das Prinzip dieser sogenannten doppelgängigen Wandelrampe benützt. Die Rampen sind dort im Innern eines weiten 'dreigeschossigen Lichthofes angeordnet. Zwei dieser Hallen bieten Platz für zusammen 360 Wagen. In Rom wurde eine solche Hochgarage vor einem Iahr eröffnet. DaS Prinzip dieses Baues wurde schon im Iahre 1925 von dein jetzigen Dozenten für Garagenbau an der Charlottenburger Technischen Hochschule, Ing. Georg Müller, aussuhrlich beschrieben, ohne jedoch in großem Maßstab verwirklicht zu werden. Die Ursache ist in dem Umstand zu suchen, daß in Deutschland die Zahl Der Hochgaragen überhaupt noch sehr gering ist. Da bei Der verhältnismäßig langsamen Entwicklung Des Auto- mobilwesenS hierfür bisher noch kein BeDarf vorlag. Ob man eine Hoch- oder Flachgarage errichten soll, hängt durchaus von ihrer Lage und von den GrunDstückSpreisen ab. Ie teurer der Grund, desto hoher muß man bauen. Bei rechnungen haben ergeben, daß die Rentabilitätsgrenze der Flachgarage bei einem Grundstücks- Preis von 30 bis 50 Mk. je Quadratmeter erreicht ist, daß Garagen mit nut einem Stockwerk unrentabel sind, fünfstöckige sich bei einem PreiS von 70 bis 95 Mk. rentieren. Irn StaDtinncrn. wird man also allmählich überall Hochgaragen erbauen müssen, wie dies in größerem Maßstab schon in Amerika der Fall ist Eine große Zahl Bauten dieser Art wurde bereit- auSgeführt oder geplant. Man kann zur Hochdesörderung der Fahrzeuge zwei Wege wühlen, den der Rampe oder der Auszüge. Diese beanspruchen zwar viel weniger Platz, sind aber nicht so leistungssähig, was sich in Stunden starken Andrang- unangenehm bemerkbar macht. Aus einer Rampe können in Der StunDc in AbstänDen von 30 Meter 360 Autos fahren, ein Aufzug bewältigt stündlich nur 40 bis 50 Wagen. Außerdem ist er sehr von Betriebsstörungen abhängig, was wieder zu Schadenersatzansprüchen für versäumte Zeit führt. Bei Hochbauten mit Rampen wären folgende bemerkenswerten Konstruksivnen zu erwähnen: ES wird die ganze Garage auf Schraubenwindungen verlegt, wobei in Der Mitte Der Schraube Die Ausfahrtsrampe liegt, von wo Der Wagen in Die einzelnen Boxen gelangt, Die er nach der rückwärtigen Seite zur Abfahrt-rampe verläßt. Auch können Die Rampen in engen WinDungen in zwei getrennten Türmen liegen, während die Boxen seitlich ringförmiger Straßen liegen, Die Die Türme oerbinDen. Natürlich muß Dafür gesorgt tocrDen, daß im BranDfall das Personal über feuersichere Treppen in« Freie gelangen kann. Der Gedanke, bereit« bestehende Gebäude für Aufzuggaragen zu verwenden, ist schon sehr alt. Wurde doch bereits in Vorkriegszeiten in der Rähc des RollendorsplaheS in Berlin eine solche gebaut, die noch heute ihrem Zwecke dient. Irn Hof des Gebäudes befindet sich ein sechseckiger Aufzug für drei Wagen mit einer kreisrunden Drehscheibe in der Mitte, so daß die Auto« nach verschiedenen Seiten abrollen können. Der Auszug bedient etwa 50 Boxen in fünf Stockwerken. In Amerika gibt e« schon solche Turmgara- g en von 20 Stockwerken, bei denen mit Rücksicht auf die hohen Grundmieten für die Straften zwischen den Boxen nur sehr wenig Platz Späterhin ergab sich, daß da« ein Irrtum war. Selbst in den schönsten Stunden unseres Beisammenseins hat sie nicht gelächelt. Aber ich greife den Ereigniffen vor. Wir sahen uns täglich und kannten uns also schon gut, aber es blieb Tag für Tag bei diesem stummen Anschauen. Vis endlich eine Kuh Leben in unsere Beziehungen brachte. (Wahrhaftig.) Anna-Maria hatte sich von ihrem Platz vor dem Bäckerladen erhoben und wollte sich in den Schatten Der Platanen setzen, gcraDe, als ich vorüber kam. GcraDe auch, als man aus Den kleinen Gassen- mit Den Dunklen Ställen Die Kühe zum Tränken an Den See trieb. Eine mächtige, breite Kuh ging just auf Anna-Maria zu. Die Kuh war brav und gutmütig, aber cs fah doch sehr gefährlich aus. Oder cs schien ihr sehr gefährlich. Denn sie blieb ängstlich stehen unD stieß einen kleinen Schrei aus. Dieser Schrei war für mich ein Signal. Ich trat Der Kuh in Den Weg unD fuchtelte mit meinem Stock. Das Tier sah mich maßlos überrascht an. schlug unwillig einen kleinen Haken unD trollte sich zum Seeufer hinunter. Ich war Sieger geblieben. Ich sah Anna-Maria an. Anna-Maria sah mich an, aber nur ganz kurz. kaum. Daß sie mich mit Dem Blick streifte. Kein Zug in ihrem Gesicht verwarf oDer ocränDertc sich. 11 nD Dann tat sie etwas überraschenDes: sie nahm meine linke HanD. Sic nahm sie nicht fo, w.e man Die Hand eines Menschen zur Begrüßung ober zum Dank ergreift, fonbem fo, wie man c« tut, wenn man mit einem Menschen Hanb in Hanb gehen will. ilnb bann — o kleines Wunber — gingen wir Hanb in Hanb Die Piazza hinunter, am Castello vorbei bis zu Dem kleinen Bach und wieder zurück bis zum Bäckerladen. Die Leute auf Der Strafte, Die Frauen in Den Haustüren schmunzelten frcunDlich unD wohlwollend hinter uns drein. Wir kümmerten uns nicht darum. Wir waren sehr ernsthaft beschäftigt. Ia, womit eigentlich? Run, mit Dem Har.b-'in-HanD-gchen. Denn keiner von uns beiDcn sprach ein Wort. Als wir wieder vor dem Bäckerladen standen, loste Anna-Maria stillschweigend ihre Hand aus Der meinigen und setzte sich wieder auf Die Stufen. Damit ist meine Erzählung eigentlich zuenDe, Denn es ist nichts weiter zwischen uns geschehen. Das heißt: wir gingen, auch ohne daß eine Kuh Den Anstoß gab, jetzt säst täglich so stumm unD ernsthaft spazieren. Ich weiß bis heute nicht, wie Anna-Maria mich jeweils erspäht-, wenn ich Daher kam. Denn sie hob Die Augen nicht ein einziges Mal zu mir aus. Aber s c sah mich und stanD auf, kam zu mir. nahm meine linke HanD. ging mit kleinen zierlichen Schritten neben mir, Die Piazza entlang bis zum Bach unD zurück bi« zum BäckerlaDen. Den ganzen Sommer hin- Durch, bi« es kühl würbe, auf den steinernen Stufen zu sitzen und zu warten. Ilnb heute? Anna-Maria kennt mich nicht mehr. Sie rauft mit ben Jungen im GraSstreisen am See. Sie ist zu erwachsen für solche gefühlS- tiefen Spaziergänge. Denn fie ist jetzt vier Iahre alt geworden. Das Haar bringt es an den Tag. Ein paar winzige Haare haben dazu geführt, daft ein französischer Flcischcrgcselle, Leopold Dufour, nach einer Untersuchungshaft von mehr al« 20 Monaten jetzt vor dem Scinc-Gcricht des schweren Einbruchs angeklagt worden ist. Er soll im September 1928 in den Laden eines gewißen Vernier eingedrungen und 3520 Franken in bar und eine Anzahl Edelsteine gestohlen haben. Da« Verbrechen wurde bei Tage verübt, und der Einbrecher hatte eS so eilig, daft er eine Brechstange und eine Mühe zurücklieft. ES sanden sich auch Blutflecke auf dem Boden und an der Stange, Die betoiefen, Daft der Eindringling sich bei Benutzung der Stange Die Hand verletzt hatte Der verstorbene Polizeiinspektor Bayle. Dem Die Untersuchung übertragen wurDe, sand in Der Mühe ein paar kleine Haare, Die sorgfältig untersucht tourDen. AIS Dann Der Verdacht auf Dufour fiel und et verhaftet wurde, stellte man fest, Daft seine Haare Dieselben Merkmale wie die auS der Mühe aufwiesen, und Bayle konnte Spuren einer Verletzung Der rechten Hand bei ihm nachweisen. Die Der Angeklagte nicht recht erklären konnte. Diese InDizien genügten, um ihn vor Gericht zu bringen. Hochschulnachrichten. Die Versetzung Des orDentlichen Professors der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie Dr. Emst L e u p o l D von der Universität Greifswald in gleicher Eigenschaft in die medizinische Fakultät der Universität Köln ist bestätigt worden, •• ▼ gelassen wurde, so daß an die Geschicklichkeit der Fahrer große Ansprüche gestellt werden. Einen extremen Fall stellen die Turmgaragen in vier-, sechs- oder achteckiger Form dar. die man aus Grundflächen von nur 400 Quadratmeter errichten kann. Sic lassen sich als Seitentürme sehr schön architektonisch in andere Zweckbauten wie Bahnhöfe. Hotels eingliedern. Dies ist deshalb von Wichtigkeit, weil der von auswärts mit dem Auto kommende Besucher seinen Wagen häufig nicht in der Stadt benutzen will und ihn daher am Ginfallstor abstellen möchte. Beben diesen Hochgaragen wurden auch schon zahlreiche unterkellerte gebaut, bei denen große 'Reihen von Boxen unter der Erde stehen. Für den Garagenbesitzer cxgebcn sich, auch wenn das Problem der Bauart gelöst ist, viele Sorgen, um den Betrieb rentabel zu gestalten; denn er muh gelegentlich auch außer den Wächtern einen Stab von Hilfschauffeuren unterhalten, die den Wagen von benachbarten Stellen, Hotels und Bureauhäusern abholen und in die Garage führen, wenn es Herrenfahrer wünschen, sowie Angestellte, die nur für die Fahrten im Gebäude selbst sorgen. Wie man beim Reichsverband der Garagenbesitzer erfährt, hat man sich in den letzten Iahren großen Täuschungen über die Entwicklung des Verkehrswesens hingegeben. Daher wurden in manchen Stadtteilen viel zu viele Llnterstände gebaut, so daß manche selbst bei einer Monatsmiete von 20 Mk. fast leer stehen, während erst eine Monatsmiete von 60 Mk. einen bescheidenen Butzen abwirft. In Berlin ist von den verfügbaren 30 000 Plätzen die Hälfte unvermietet; auch im Reichsdurchschnitt stehen 40 bis 50 Prozent leer. Rechnet man nur mit 1800 Mk. Anlagekosten für einen Unverstand, dann ergeben sich schon für mittlere Garagen beträchtliche Anlagekostcn, daher große Erfordernisse für Zinsen und Anwrtisation. Ein großer Bachteil ist es in Deutschland, daß die Autobesitzer sich nicht an die Benützung von Hallcngaragen gewöhnen wollen, wie man sie in großem Maßstab im Ausland kennt. Hier will jeder Besitzer einen völlig getrennten, abschließbaren Baum für sich, da er Beschädigungen und Diebstähle befürchtet. Die Anlage- und Miet- kostcn für Hallen betragen aber nur die Hälfte, so daß sie als Abstellgaragen besonders dort beliebt sind, wo der Herrenfahrer von den Außenbezirken einer Stadt täglich ins Bureau im Stadt- innern fährt. Eine kleine Entschädigung und Einnahmequelle bietet sich für Garagenbesitzer in dem Tankstellcnbetrieb, weshalb sie es gerne durchsetzen möchten, daß jeder Mieter morgens seinen Betriebsstoff ebenso bei ihnen einnehmen soll, wie ein Hotelgast das Frühstück in dem Haus, wo er wohnt. Morgens bekommen die Wagen ihr Bad; in Amerika so, daß sie im Kreis durch einen 60 Zentimeter tiefen Teich fahren. Auch wurden im Land der Rekorde Autos in nicht mehr als zwei Minuten gewaschen, indem sie an vier Stellen zugleich mit Brausen abgespült wurden. Wirischast. Oer Erfolg der Houngankeihe. Bach den jetzt fast vollständig vorliegenden endgültigen Zeichnungsergebnissen der Bounganleihe läßt sich feststellen, daß die in allen Emissionsländern erwartete Lieber- z e i ch n u n g ein überraschend großes Ausmaß gerwmmen hat. Abgesehen von Paris, wo bekanntlich der größte Teil der Anleihe aufgelegt worden ist, zu Bedingungen, die vor allem das kleine Publikum anreizen mußten, sind die Reparationsbonds auch in Schweden und der Schweiz, in England und in Italien sehr stark überzeichnet worden. Die Auffassungen über das voraussichtlich zu erzielende Resultat der Bounganleihe gingen auseinander. Dies lag teils an den Schwierigkeiten der Emissionsverhandlungen, die zu einer immer wieder erfolgenden Hinausschiebung der Emissionen führten, teils daran, daß der Obligationenmarkt in den Vereinigten Staaten noch immer gewisse Schwächeanzeichen aufwies, und daß der Kapitalmarkt gerade in Deutschland bisher noch wenig von dem Einfluß der Besserung auf dem Kapitalmarkt aufzuweisen hatte. Wenn man von gewisser Seite die Befürchtung aussprach, daß durch die Emission der Voung- anleihe eine stärkere Verknappung des Kapitalmarktes eintreten würde, so beweist schon jetzt die internationale Lage das Gegenteil, und der Erfolg der Anleihe ist gerade deswegen um so höher, auch vom deutschen Standpunkt gesehen, zu werten. Wichtig für uns ist vor allem die Tatsache, daß das neue Papier auch in Amerika guten Eingang gefunden hat. Da das Zinsniveau der Bounganleihe immerhin einen erheblichen Fortschritt gegenüber den Zinsbedingungen der Dawesanleihe erkennen läßt, so wird sich ihr Erfolg, wozu berechtigte Hoffnung besteht, auch praktisch insofern auswirken, als die Zinsbedingungen für deutsche Auslandanleihen eine erhebliche Besserung erfahren. Bereits jetzt regt sich im Auslande wieder ein lebhafteres Interesse für deutsche Emissionen, wie es seit längerer Zeit nicht mehr beobachtet werden konnte. Die nach langwierigen Vorverhandlungen und Vorbereitungen nunmehr glücklich erfolgte Abwicklung der ganzen umfangreichen Transaktion dürfte auch zu einer Entspannung des internationalen Kapitalmarktes führen, die die Weltwirtschaft zu ihrer Gesundung gegenwärtig dringend braucht. Bemerkenswert ist die unerwartet starke Zeichnung der Tranche der Vounganleihe in Deutschland, die das 2,7fache des aufgelegten Betrages aufwies. In der Hauptsache handelt es sich um Zeichnungen von Treuhandstellen, Vermögensverwaltungen, Versicherungen usw., wozu Wohl noch Auslandaufträge kommen, da man für die deutsche Tranche der Anleihe eine Form gefunden hat, die ihren internationalen Charakter durchaus gewährleistet. Beben diesen Gründen darf auch angenommen werden, daß die Lieberzeichnung auf deutsches Kapital zurückzuführen ist, welches sich im Ausland befunden hat. Oie Reichseirmahmen und Ausgab n im April. Bach Mitteilung des ReichsfinanAministeriums haben im April die Einnahmen (alles in MilL Mark) im Ordentlichen Haushalt 828,7, die Ausgaben 712,8 betragen, so daß sich eine Mehr- e i n n a h m e von 115,9 ergibt. Im Außerordentlichen Haushalt betrugen die Einnahmen insgesamt 195,9, die Ausgaben 18,0, so daß sich eine Mehreinnahme von 177,3 ergibt. Unter Berücksichtigung des Fehlbetrages aus dem Vorjahre von 465,0 ergibt sich mithin Ende April im Ordentlichen Haushalt ein Fehlbetrag von 349,1, im Außerordentlichen Haushalt unter Derüch'ichtigung des Fehlbetrages aus dem Vorjahre von 771,7 ein Fehlbetrag von 594,5. — Der K a s s e n b e st a n d des Reiches stellte sich am 30. April 1930 auf 1517, von denen 1354 verwendet worden sind, so daß ein Kassenbestand bei der Reichshauptkasse und den Außenkassen von 163 vorhanden war. Die schwebende Schuld hat sich von 1938,4 am 31. März auf 1541,4 am 30. April 1930 vermindert. Eine Mlliarde Oo lar Gesamwerlust an der Neuyorker Mitiw chsbörse. B e u y o r I, 18. Juni. (TU. Funkspruch.) Nachdem sich an der Neuyorker Dienstagbörse eine leichte Kurserholung bemerkbar gemacht hatte, rechnete man mit einer weiteren Erholung im Verlaufe des Mittwoch. Entgegen den Erwartungen zeigte jedoch die Mittwochbörse bei Beginn eine weitere überwiegend nach unten gerichtete Kursbewegung. Bei einzelnen Werten kam es zu stärksten Abschlägen, die bis zu 30 Punkte betrugen. Im weiteren Verlaufe zeigte sich eine geringfügige Erholung. Die Gesamtverluste des Tages überstiegen eine Milliarde Dollar. Die einsehenden Stützungskäufe verhüteten eine völlige Demoralisierung des Marktes. In Anbetracht des 66,5 Milliarden Dollar betragenden Umsatzes konnten die Kursanzeiger der Kursbewegung nicht folgen und lagen bis 75 Minuten zurück. ♦ • Meliorationsanleihe der Deutschen Rentenbank-Kreditanstalt. Die Deutsche Rentenbank-Kreditanstalt hat mit der Bederlandsche Handelsmatschappij, Amsterdam, eine Meliorationsanleihe über 25 Mill. Schweizer Franks abgeschlossen. Die Anleihe ist von einem Konsortium holländischer und Schweizer Banken übernommen worden und wird an holländischen und Schweizer Wertpapierbörsen notiert werden. Der Zinssatz beträgt 6,5 Prozent, die Laufzeit 30 Iahre. Den Meliorationsgenossenschaften wird ein Auszahlungskurs von ungefähr 92 Prozent gewährt werden. * Handelsverkehr mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Generalkonsul Dr. Simon vom Deutschen Generalkonsulat in Chikago hält am Dienstag, 24.Iuni, Sprechstunden für die Firmen ab, die am Handelsverkehr mit den Vereinigten Staaten von Amerika beteiligt sind. Firmen, die an den Sprechstunden teilnehmen wollen, werden gebeten, dies der Außenhandelsstelle für das Rhein- Maingebiet, Frankfurt a. M., Börse (Hansa 203 61) bis zum 21. d. M. mitzuteilen, damit eine Verteilung der Besucher auf die zur Verfügung stehende Zeit stattfinden kann. * Subventionen für das Wetzlarer Wirtschaftsgebiet. Wie aus Berlin berichtet wird, hat der Reichstag beschlossen, zur Förderung des Eisenerzbergbaues im Lahn-, Sieg- und Dillgebiet einschließlich Oberhessens die Summe von 750 000 Mark unter den Ausgaben des Haushaltes des Reichswirtschaftsministeriums für das Rechnungsjahr 1930/31 zur Verfügung zu stellen. Die ministerielle Verfügung besagt, daß die im Iahre 1929 eingeleitete neue staatliche Hilfsmaßnahme sich nur dann voll auswirken könne, wenn sie über einen längeren Zeitraum ausgedehnt werde. Auf die Tonne geförderten und abgesetzten Roherzes werden Zuschüsse bis zu 50 Pfennig je zur Hälfte vom Reich und von den Ländern Preußen und Hessen gewährt. Der angeforderte Betrag von 750 000 Mark entspricht dem auf das Reich entfallenden Anteil bei einer Iahresförderung von 3 Mil-. Honen Tonnen. Frankfurter Börse. Frankfurt a. M., 19. Iuni. Tendenz: etwas freundlicher. — Im Anschluß an die schwächere gestrige Abendbörse war man im heutigen Dormittagsverkehr unter dem Druck der innerpo- litischen Krise weiter lustlos, und es wurden erneut schwächere Kurse taxiert. Zu Beginn des offiziellen Marktes schlug die Tendenz jedoch plötzlich um, und zwar nafjm man an, daß die Banken zu Interventionen schreiten würden, wodurch die Spekulation sich veranlaßt sah, zu Deckungen zu schreiten, so daß bei freundlicher werdender Haltung gegenüber der gestrigen Abendbörse teilweise erhebliche Kurserholungen eintreten konnten. Die innerpolitische Lage wird weiter als sehr günstig angesehen, wenn sich auch später in dieser Beziehung ein Hoffnungsschimmer bemerkbar machte; man wollte aus der Nichtannahme des Demissionsgesuchs des Reichsfinanzministers Dr. M v l d en ha ue r ersehen können, daß der Reichspräsident versuchen will, den Reichsfinanzminister im Amte zu halten. Man nimmt aber auch gleichzeitig wieder an, daß keine Losung auf dieser Basis gefunden werden wird und die finanziellen Schwierigkeiten damit noch nicht überwunden sein werden. Das Geschäft war im allgemeinen sehr gering. Bur einige Spezi alwerte konnten einiges Interesse auf sich lenken. Einen Spitzengewinn hatten von Kaliwerken Salz- detsurth mit plus 5 Prozent und Westeregeln mit plus 3 Prozent. Auch die sehr schwachen Siemensaktien konnten ihren Verlust an der gestrigen Abendbörse wieder auf» holen, sie gewannen 3 Prozent. Schuckert zogen ,3 Prozent, Gesfürel 2,75 Prozent und AEG. 1 Prozent an. Dagegen waren Licht und Kraft auf angeblich Schweizer Abgaben erneut angeboten und 3 Prozent schwächer. Am Chemie- markt besserten sich I-G.-Farben um 2,75Prozent. Die übrigen Werte dieses Marktes lagen bis zu 1 Prozent gebessert. Am Montan- markt war die Llmsahtätigkeit weiter sehr bescheiden; die Kursgestaltung war hier nicht einheitlich, doch hielten sich die Gewinne und die Verluste in gleichem Rahmen. Bur Harpener traten mit plus 1,5 Proz. heute etwas mehr in Erscheinung. Am Schiffahr tsm arkt besserten sich Hapag um 1,75 Proz., und amKunst - seidenmarkt lagen Aku 1,5 Prozent schwächer. Banken ohne Geschäft und wenig verändert. Am Rentenmarkt waren deutsche Anleihen bevorzugt und bis zu 0,5 Prozent erhöht, Schutzgebiete knapp gehalten. Don Ausländern lagen Rumänen etwas schwächer. Im Verlaufe war das Geschäft still, doch blieben die Kurse, nach vorübergehend geringfügigen Abschwächungen, gegen Anfang gut behauptet. Nur I.-G.-Farben lagen eine Kleinigkeit niedriger. Am Geldmarkt war Tagesgeld mit 2,5 Prozent unverändert. Am Devisenmarkt nannte man Mark gegen Dollar 4,1925, gegen Pfund 20,371, London gegen Kabel 4,8575. gegen Paris 123,77, gegen Mailand 92,76, gegen Schweiz 25.0975, gegen Madrid 41,25, gegen Holland 12,0850. Berliner Börse. Berlin, 19. Iuni. Nach der schwachen gestrigen Abendbörse zeigte der heutige Vormittagsverkehr eine unsichere Haltung, und das Geschäft war ganz minimal. Zu Beginn des offiziellen Verkehrs setzte sich jedoch eine etwas beruhigtere Stimmung durch, da die Auslandverkäufe, die gestern auf den Markt gedrückt hatten, sich heute, trotz der gehegten Befürchtungen, nicht einstell- ten. Die Spekulation schritt sogar zu Dekungen an verschiedenen Märkten, woraufhin sich ein Teil der Kurse um 0,5 bis 1,5 Proz., vereinzelt sogar stärker, befestigen konnte, während aber andererseits auch Abschwächungen, besonders am Elektromarkt und bei einzelnen an beten Werten, von 1 bis 3 Prozent zu verzeichnen waren. Die erneute Schwäche der Neuyorker Börse wirkte sich nicht so stark aus, zumal aus London heute festere Kursmeldungen vorliegen sollten. Die innerpolitische Situation wird von der Börse weiter lebhaft verfolgt, und die Börse wartet die heutigen Besprechungen ab. Einen ungünstigen Eindruck machte die Mitteilung von dem Mißerfolg der holländischen Tranche der Boung-Anleihe, von der nur 40 Prozent gezeichnet sind. Im allgemeinen war das Geschäft sehr ruhig, wozu der heutige katholische Feiertag beigetragen hat. Fest lagen Spritwerte, die bis 3,5 Proz. anzogen; Kali Salzdetfurth waren fast 3,5 Proz. höher: Deutsche Linoleum zogen 4,5 und Conti Gummi 3,5 Proz. an. Dagegen waren Bergmann um 4 Prozent gedrückt, Hoesch verloren 3,5 Prozent, ebenfalls Sarotti und Deutsche Telephon und Kabel minus 6 Prozent; eine Reihe anderer Werte bis 2,5 Proz. niedriger. Deutsche Anleihen waren unverändert. Ausländer waren nicht einheitlich, doch meist schwächer. Der Pfandbriefmarkt war noch unentwickelt. Am Geldmarkt waren die Sätze heute unverändert. Tagesgeld nach wie vor sehr stetig. Frankfurter SchlaÄtviebmarkt. Frankfurt a. M., 19. Iuni. Auftrieb: 122 Rinder, 780 Kälber, 48 Schafe, 627 Schweine. Es notierten: Kälber: beste Mast- und Saugkälber 79 bis 82 Mk.; mittlere Mast- und Saugkälber 74 bis 78; geringe Kälber 66 bis 73. Schafe und Schweine nicht notiert. Marktverlauf: In allen Viehgattungen ruhig, ausverkauft. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Notruf der Klinikstraße. Von der Stadtverordnetensitzung vorn 7. ö. M. lese ich zu meinem größten Erstaunen die Genehmigung für die Herrichtung der Straße „Am Riegelpfad". Da nun in dieser Straße sozusagen kein Verkehr ftattfinbet, so muß ich die Frage aufwerfen: nach welchem Prinzip wird die Herrichtung von Straßen in unserer Stadt vorgenommen? Meines Erachtens müßten nach streng kommunalpolitischen Richtlinien doch zuerst die Straßen vorgenommen werden, in denen ter größte Tank-, Last- und Personenauto-, sowie ein großer Kohlenfuhrwerksverkehr stattfindet, und dann käme erst der Ausbau des Straßennetzes der inneren Stadt in Frage. Wo dieser starke Verkehr sich abwickelt, das ist die ungepflasterte gesamte Klinikstratze. Hat die untere viel Last- und Fuhrwerk-, so hat die obere viel Personenauto-Verkehr. Mit Rücksicht darauf, daß das gesamte städtische Südviertel diesseits der Dahn im Stadtparlament leider so schwach vertreten ist, richte ich im Auftrags vieler Anwohner der Klinikstratze die dringende Ditte an den gesamten Stadtrat, sich durch persönliche Inaugenscheinnahme von der großen Staubplage, wie sie in keiner Straße der Stadt zu bemerken ist, zu überzeugen, und wie berechtigt die Klage ist. Dann kann meines Erachtens das einstimmige Urteil der Stadtväter nicht anders lauten als: Die Herrichtung der gesamten Klinikstratze ist aus hygienischen Gründen sofort in die Wege zu leiten. Deshalb richte ich nochmals im Auftrage vieler Anwohner der Klinikstratze die höfliche und dringende Bitte an die Herren Stadträte: nehmt euch der Klinikstratze besonders an, zum Wohle der notleidenden Klinikspatienten, der Stratzen- passanten sowie der Anwohner dieser Stratze, welche alle unter der gesundheitlichen Staubplage leiden. Der Klinikstratze Dank sei euch gewiß! X.Y. Die hinter d Jranftun a. .1)1. 1 en Papieren a Serlin Kurszettel i ng"sührten Ziffern geben >er Berliner die Höhe der zuletzt heichlo! ^ranlfurl a. M. | Berlin und Krankst enen Dividende an. — Re lirier Börse. ichsbankdiskont 4,5 o. H., L Sranffurt a. M. | Berlin ombardzinsfuß 5,5 o. H. Banknoten.__________________ Schluß« I tu es | 1-ilhr. fl'Td Schluß«! lurs | -Anfang« Kurs Schluß«! lurs | l'Uhr» Kur» Schluß«! Anfang« Iura | Kurs Schluß«! lurs | 1-Uhr« Kurs Schluß« lurs Anfang- Kurs^ Berlin, 18-Juni tseto «rief Amerikanstche Noten..... 4,17 58,38 111,80 20,312 16,40 168,09 4,19 58,62 112,24 20,392 16,46 168,77 22,03 112,32 59,30 2,485 112,71 81,36 47,90 12,45 73,32 a zn Datum 18 6 19 6 18 6. I 19 6. Datum 18 6 19 6 18 6 19 6 Datum 18 6 19 6- 18 6 19 6 löetgiime yeuie Dänische Note Englische Note französische ') Holländische 7 Italienische N Norwegische 9 Deutsch-Oester Rumänische 91 Schwedische N Schweizer No Spanische NM T'chechoslowak Ungarische Nc Veoi n . • • • - n ....... oten...... oteu ...... ti% iLfUtl von 102 7% Deuts von 192 Deutsche Auslos.^ DeSgl. otjr 8% Hell. (ruck,ah Oberhesse Auslol.- Deutlche Anleihe 6% Rran XIII un 7% Fran untünb 4%% Rh Ltgu. 8% Pr. Psandb 8% Pr. Komm 7% Pr. 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Dampsschiss. 8 Hansa Dampsschiss.....10 Norddeutscher Lloyd.....8 Allgemeine DeutscheEredtiansi. 10 Barmer Bankverein .... 10 Berliner HandelSgelellschaft . 12 Eommer»- und Prival-Bank . 11 Darmstädter und Rationalbank 12 Deutsche Bank und DiSconto-Gelelllchast,... 10 Dresdner Bank ...... 10 Reichsbank........12 A.E.G............8 102 114 124 144 214,5 135,5 136 260,25 113 142,5 165 223 163 72,5 121,5 228,5 99 96 89,75 103,75 113,9 124.25 144 136 153 148 145,25 — 168 226 72 1 96.25 89,6 113,5 1 — 103,5 171,5 140,5 103,9 114,25 124 163,5 144 214,25 136 136 261 152,5 180,25 143 151 113,5 145,5 132,5 142 153,25 166,75 224,25 118 164 72,5 89,5 132 122,5 96,5 228 100 93,75 96,75 65,5 100,5 90 211 113,75 103,25 140,5 103,6 114,25 124,25 162 144 214,5 136 136 262.5 152,75 176 148,25 112,5 145,5 132,13 153,5 168.75 227,5 117,6 - 71,5 133,9 132 123,13 100 92 95,75 67,25 102,5 89,4 210 113,25 Bereinigte Stahlwerke . . . Otavi Minen......16’/. Kaliwerke Aschersleben ... 10 Kaliwerke Westeregeln ... 10 Kaliwerke Salzdetfurth ... 15 89,75 202,5 205 373 90 205,5 378 89,4 44.25 206 207 375,5 89,25 45 205,5 206,75 378,9 oten....... reich, ä 100 Schilling 111,88 Anl.-M>lös.-Schüld mit 59,06 2,465 e Auslol.-Rechte . . golkssiaat von 1929 h 102%) ..... 112,2/ m nd I. G. Zarben-Indusirie . . . 12 Dynamit Nobel.......6 Scheideanstalt........9 Goldschmidt ...... .«5 155 144,5 56 60,5 114 92,5 157,75 115 156 80 55,5 61,5 114 92 75,5 156,75 79,5 56,5 61,13 113,5 94 47,70 12,39 73,02 - Hrankfur ische Noten.... Provinz - Anleihe mit Rechten...... komm. Sammelabl. Serie 1...... ks. Hyp.-Bank Goldpfe kündbar bis 1934 . . ■ !s. Hyp^Banl Goldpse )at bis 1932 ..... etntsche Hyp.-Bank RütgerSwerke........6 Metallgesellschaft.......8 Philipp Holzmann......7 ciimarn Berlin 18 Juni '9 Zuni Bergmann.........9 Elektr. LteserungSgesellschaft. 10 Llcht und Straft......10 (feiten & Guilleaume . . . 7% Gesellschaft für Elektrische Unternehmungen .... 10 Hamburger ElektrizitätS-Werke 10 Rheinische Elektrizität .... 9 Schlesische Elektrizität. ... 10 Schuckerl L Co. ...... 11 Zementwerk Heidelberg . . 10 Cementwerk Karlstadt. ... 10 Zellstoss Waldhos .... 13'/, Zellstoff Aschaffenburg ... 1‘2 Eharlottenburger Wasser ... 8 85,5 101 201 25 39 150 87 158 290 86,75 99,5 157,5 118 99,5 148,75 14,75 202 47,5 149 300 26 35 38 114,5 150 156,5 293,5 242 87,75 99,75 158 99,5 148 34.6 206,5 48 16,5 148 303 115,5 LandeSpfandbrtefanstalt «Obl.R. 20...... Landespsandbriesanstalt, ig. BorlriegS-Obllgatso -tzahlbar 1932 .... rretchilche Goldrente . rsterretchische Silberrenle errelchilche Einheitliche Lahmeyer & (So.......10 Buderus..... b Deutsche Erdöl.......6 Essener Steinkohle ...... 8 Gelsenkirchener.......8 Hoesch Eisen........6/, Ilse Bergbau ....... 10 Klöcknerwerke........' Koln-Neuessen........7 Mannesmann-Rohren .... 7 Daimler Motoren ...... 0 Tn'iitjrfie Linoleum ...... Maschinenbau A.«G......0 Nat. Automobil.......O Orettstein & Koppel ..... 6 Leonhard Tietz......10 <—uenska .......... rische Goldrente . . . . rische Staatsrente v. 1910 gl. von 1913..... rische Kronenrente . . • che Zollanleihe von 1911 lische Bagdadbahn-Anl frankfurter Maschinen .... 4 Gritzner..........6 Heyligenstaedt ....... 0 ‘iunanants. ........ 8 Serie II....... Oberschles. Eisenbedars . . . . 6 Oberschles. Kokswerke.....7 Phönix Bergbau..... 6% Rheinische Braunkohlen . . 10 Rheinstabl ........ 6 Lechwerke..........8 Mainkrastwerke Höchst a. M.. . 8 Miag...........10 Gebr. Roeder.......10 Boigt L Haesfner ...... 9 närrische vereinh. Rente mantsche vereinh. Rente äntsche vereinh. Rente . Mtebeck Montan...... 7,2 Süddeutsche Mucker .... io Das Gießener Mungswesen vor hundertZahren. Von Dr. (9g. Michel, Dieseck. lieber das Siebener Bilbungswesen vor hundert Jahren berichten G. W. 3. Wagner in feiner „Statistisch topographisch-historischen Beschreibung des Äroßh Helsen", Band 3 und 4 (1830) und I. A. Demian in seiner „Statistik und Topographie des Großh. Hessen" (182-5) und 21 F. W. (5 r o m e in seinem „Handbuch der Statistik des Großh. Hessen" (1822). • Die Gießener Universität, im Jahre 1607 aus dem Gymnasium illustre heroorgegangen, war vor hundert Jahren im alten Kollcgiengebäube am Brandplast untergebracht. Wegen angeblicher Baufälligkeit hat man im Jahre 1839 dieses stolze Renaissancegebäude niedergelegt und 'dafür das heutige 3nflitutsgebäude am Brandplag aufgeführt, das 5t. Ebel' ob feiner Nüchternheit und Geschmacklosigkeit mit Recht als „Zigarrenkiste" bezeichnet. Hier blieb die Universität bis zur Einweihung des heutigen Unioersitätsgebäudes in der Ludwigstraße am Anfang des Sornrnerfemefters 1880. Der Lehrkörper der Hochschule bestand vor hundert Jahren aus 32 Professoren, und zwar ge- hörten 9 der theologischen, 6 der „juridischen", 7 der medizinischen und 10 der philosophischen Fakullät an; außerdem wirkten noch 18 Prioatdozenten an unserer Hochschule. Die Zahl der Studierenden belief sich im Jahre 1830 auf 509. Heute beträgt die Zahl der Professoren (ausschl. der emeritierten) 116, die der Privatdozenten 31, und zwar verteilen sich die Dozenten wie folgt: Professoren Prioatdozenten Theologische Fakultät 8 4 Juristische Fakultät 6 3 Medizinische und vet.-med. FakuUät 39 8 Philosophische Fakultät 63 16 Insgesamt hat sich demnach der Lehrkörper der Universität verdreifacht gegenüber dem Jahr 1830. Dem entspricht auch ungefähr die Steigerung der Studentenzahl von 509 auf 1756 im gleichen Zeitraum. Der 2lu9bau des Lehrkörpers kam allein der philo- fophifchen und medizinischen Fakultät zugute, wäh- re»d sich die Professorenzahl der theologischen Fakultät durch Abbau der 1830 errichteten katholisch- theologischen Fakultät um einen ermäßigte. Der Schwerpunkt unserer heutigen Gießener Universität liegt also in der philosophischen und der medizinischen einschl. veterinär-medizinischen Fakultät; das beweist auch die Gliederung der Studierenden nach Fakultäten: Studierende Theologische Fakultät 115 Juristische Fakultät 337 Medizinische und vet.-med. Fakultät 435 Philosophische Fakultät 869 Der medizinischen Forschung dienten vor hundert Jahren das 1811 von Professor Balser errichtete St l i n i f u m , wo „jährlich 1200 bis 1400 innerliche, äußerliche und Augenkranke behandelt wurden"; es befand fick' in der 1817 bis 1819 er- bauten Staferne (dem heutigen Berufsschulgebäude in der Liebigstraße, die damals „Universitätsstraße" hieß, nachdem das Regiment wegen vorgefallener Streitigkeiten mit den Studenten nach Worms verlegt worden war Die Dorläuferin unserer Frauenklinik war die 1814 eröffnete „O e b ä r a n ft a 11", mit der eine Hebammenschule verbunden war. Das Gebäude stand hinter der Zeughauskaserne und bot Raum für 60 Schwangere und 40 Hebammen. Dos „anatomische Theater" bestand aus einem Darlesungssaal, zwei großen Sezierzimmern und einer Sammlung anatomischer Präparate; in den vierziger Jahren wurde das heutige Anatomische In- stitut in der Bahnhofstraße erbaut. Die Leichen lieferten das Stockhaus zu Gießen und das Zuchthaus Marienschloß; außerdem wurden die Leiber der Selbstmörder, der Hingerichteten und der Dago- blinden, bereit Herkunft unbekannt war, aus einem Umkreis von acht Stunden herbeigefchafft. Eine reichhaltige Sammlung chirurgischer und geburtshilflicher Instrumente, „wie sie von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage erfunden würden", veranschaulichte die Entwicklung der ärztlichen Wissenschaft An weiteren Lehr- und Forschungsinstituten besaß unsere Universität vor hundert Jahren: 1. die 1825 errichtete F o r st l e h r a n st a l t, ver- blinden mit dem Forstgarten, der an den Botanischen Garten grenzte, der schon vor 300 Jahren von Prof. Jungermann angelegt worden war; 2. das Chemische Laboratorium im Seitenbau der ehemaligen Kaserne; 3. bic Ster nroarte am Branbplast mit einigen guten Instrumenten von Frauenhofer unb Liebherr; 4. bes Philologische Seminar, bas bem Stublum ber Altertumswissenschaft biente und eine „Pflanzschule philologisch gebildeter, brauchbarer Gymnasiallehrer" barstellte; 5. eine Sammlung physikalischer Instrumente: 6. eine Mineraliensammlung; 7. eine zoologische Sammlung. Die alle Universitätsbibliothek befanb sich in der ehemaligen Kaserne auf dem Seltersberg unb umfaßte vor hunbert Jahren 27 000 Bände. Später würbe sie in bas heutige Jnstitutsgebäube am branbplast verlegt; unb heute birgt sie in ihrem geräumigen Bücherhaus in der Bismarckstrahc über 600 000 Bände. Die Höheren Schulen waren vor hundert Jahren nur durch das Gymnasium vertreten, bas 1605 von Lubwig V. gestiftet worden war. Es befand sich im Jahre 1830 in den Neuen Bauen, siedelte in den vierziger Jahren in bas heutige Kreis- amt über und bezog 1878 das heutige Gebäude in der Südanlage. Der Lehrkörper bestand vor hundert Jahren aus einem Direktor oder Pädagogiarchen, fünf ordentlichen Lehrern, die in alten Sprachen, Mathematik, Geschichte usw. unterrichteten, und fünf außerordentlichen Lehrern, die den Unterricht im Französischen, Zeichnen, Schönschreiben unb Gesang erteilten. Die Anstalt würbe von durchschnittlich 250 Schülern besucht, die in vier Klassen zusammengefaßt 1 K. Ebel, Alt-Gießen. 1914. Seite 3. waren. Eine Privatelementarschule bereitete auf den Besuch bes Gymnasiums vor. Heute ist die Schülerzahl des Gymnasiums auf 181 zurückgegangen. Eine Realschule bestand in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch nicht. Noch 1822 klagt (Tronic darüber, daß Güßen keine Realschule bcsiste, wie sie Darmstadt hat. Deshalb habe Gießen auch so wenig eigentliche Künsller aufzuweifen; die hiesigen Bürgerssohne könnten sich in der Jugend nicht hinreichend Dorkenntnisie in neueren Sprachen, Zeichnen, Mathematik, Mechanik, Chemie, Naturkunde, Fabrik- und Handelswissenschasten an- eignen. 1830 berichtet bann Wagner von einer inzwischen g.'gründeten Privat-Realschule „für ■ solche Knaben, die einsichtsvolle und erfahrene Hand- werter werden wollen". Sie kann als Dorläuferin der 1837 gegründeten Realschule und heutigen Ober realschule anaesehen werden. Diele Anstalt umfaßt heute einen Lehrkörper von 42 Lehrern und wird von 721 Schülern besucht, die in 25 Klassen geteilt sind. Das Realgymnasium zweigte sich erst 1879 als Realschule 1. Ordnung von ber Realschule 2. Ordnung ab unb führt seit 1884 seine heutige Bezeichnung, es wird heute von 367 Schülern in 15 Klassen besucht, die von einem Direktor und 22 Lehrern unterrichtet werden. Die Dorläuferin unserer heutigen Studienanstalt unb zugleich der Aliceschule war eine private Töchterschule, in welcher Unterricht in weiblichen Arbeiten und in französischer Sprache erteilt wurde. Im Jahre 1825 betrug die Zahl ber Schülerinnen 30, bie heutige Studienanstalt verfügt über 29Lehrkräfte und wird von 553 Schülerinnen in 20 Klassen besucht. * Bier Volksschulen hatte Gießen vor 100 Jahren; sie waren nach Geschlechtern getrennt und sämtlich einklassig, hatten also nur je einen Leh- rer. Die beiden Stadtknabenschulen hatten 123 bzw. 130 Schüler, die beiden Stadtmädchenschulen 110 bzw. 200 Schülerinnen. Neben diesen Elementarschulen gab cs noch eine Mi-litärschule, bie *oon 33 Knaben unb 29 Mädchen besucht mürbe, unb eine Armenschule mit 22 Knaben und 21 Mädchen. In der letzteren erhielten die Kinder neben unentgeltlichem Unterricht noch Kleidung und wöchentlich mehrere Pfund Brot, und Waisenkinder bezogen sogar „vollständige Alimentation". — Heute umfassen bie brei Gießener Stadtschulen 70 Klassen mit insgesamt 3074 Schülern, die von 72 Lehrkräften unterrichtet werden. * Für die Berufsschulung der Schulentlassenen sorgte vor 100 Jahren eine Privat-Sonn- togsfdjulc für Lehrlinge und Hand- werksburschen. Sie bestand 1822 noch nicht; denn in diesem Jahr klagt Crome noch über das Fehlen einer derartigen Schule unb begrünbet bamit bie Tatsache, daß es ben meisten hiesigen Handwer- kern an Geschicklichkeit und Bildung fehle. „So lange ber hier gewöhnliche, bekannte Ausspruch: „'s ist lang gaut!" noch gilt, so lange wird sich bies schwerlich verbessern." Diesen Mängeln rooUt^bic Privat- Sonntagsschule abhelfen; in ihr ist der erste Ansatz für die Entwicklung der heutigen Gewerbe- und Maschinenbauschule (430 Schüler), der Handelsschulen und der Berufsschulen (2077 Schüler) zu erblicken. Die Gegenüberstellung ber Gießener Bildungsanstalten von 1830 unb 1930 zeigt, daß die letzten hundert Jahre für das Gießener Bildungswesen eine Epoche ftärfften Wachstums be- deuten. Besonders die zu praktischen Beruf.en binführenden Anstalten erleben einen erstaunlichen Aufschwung; sie befriedigen bas Bil- bungsbebürfnis ber breiten Massen bes Volkes und sind daher in ihrer Entwicklung am unmittelbarsten von dem Wachstum der Gesamtbevölkerung abhängig. Gießen hatte 1830 7200 Einwohner, heute über 36 000 (ausschließlich Militär). Damit wird das Anschwellen der Schülerzahl in Volks-'und Berufs- schulen erklärt. — Ungeheuerlich muten bie Klassenstärken der Volksschulen vor hundert Jahren an. Sie sind inzwischen von 141 auf 44 Schüler pro Klasse gesunken; ein deutlicher Beweis dafür, daß sich bie innere Struktur unserer Volksschulen gewandelt hat. Die Lehr- unb Arbeitsweise ist eine andere geworden. Kleine Klassen sind bie notwendige Voraussetzung für eine Unterrichtsweise, bie den Bedürfnissen des einzelnen Kindes gerecht zu werden unb badurch bie Leistungsfähigkeit des Schülers zu steigern sucht. Körperliche und geistige Leistungsfähigkeit des einzelnen Volksgenossen aber ist der einzige Aktivposten, ben uns Krieg und Inflation gelassen haben und den es im modernen Wirtschaftskampf zu nutzet) gilt. Und wenn uns heute bie Not ber Nachkriegszeit gezwungen hat, bie Klassenstärken wieder hinaufzuletzen, so besteht bie große Gefahr, baß burch solche Maßnahmen, falls sie nicht ganz vorübergehenber Natur finb, bie Leistungsfähigkeit unseres Volkes nachteilig beeinfluß wirb. Beim Wachstum unserer höheren Schulen spielt neben der Volkszunahme auch das Volks- Wachstum in der näheren unb weiteren Umgebung ber Stadt eine Rolle, besuchen doch eine große Zahl auswärtiger Schüler unsere Gießener Schulen (an der Oberrealschule 56 Proz.). Auch im höheren Schulwesen macht sich der Zug von abstrakter Ge- lehrtenwissenschaft zu Lebensnähe und praktischer Verwertbarkeit des ßemgutes geltend, wie das un- terschiedliche Wachstum der verschiedenen Anstalten beweist. Unsere Hochschule brauchte vor hundert Jahren wie auch heute einen Vergleich mit den Nachbar- Universitäten nicht zu scheuen; besonders die medizinischen Institute, die sich aus bescheidenen Anfängen zu einer stattlichen Kolonie auf dem Sei- tersberg entwickelt haben, zeugen von ber kulturellen Spannkraft, bie unserem Staat und unserer Stadt innewohnt. Wenn andererseits heute mit Recht .Klage geführt wird über den allzu großen Andrang unserer Jugend zu den Hoch- schulen und die dadurch bedingte Vermehrung des akademischen Proletariats, so wollen wir uns trösten mit unfern Altvordern, die vor hundert Jahren schon über dieselben Mißstände klagen: „Die übertriebene Sucht zu studieren, besteht nur darin, ein paar Jahre lang auf der Universität gewesen zu fein, um hernach einen Staatsdienst in Anspruch nehmen zu können, sie wird sich von selbst dadurch vermindern, daß die Fakultätsexamina noch schär- ' > r gehalten werden als bisher, unb daß der Staat die große Anzahl von Candidaten bei weitem nicht mehr alle versorgt, sondern nur die geschickten Subjekte anstellt. Dann werden mehrere junge Leute von Bildung sich den mechanischen Künsten und Gewerben widmen; sie werden sich gehörig bo^u vorbereiten, um etwas Vorzügliches barm zu leisten, und dadurch wird bann der bedeutende unb höchst gemeinnützige Stand der Handwerker sowie der Fabrikanten unb Kaufleute mehr ernporgehoben, auch mit Recht für ehrenvoller geachtet werden als dies bisher bei uns der Fall ist." Bundes fest des Lumdatal-GängerbundeS. 5 Nor^Seck, 17. Juni. Am vorigen Sonntag herrschte tn unserem schön gelegenen Orte reges Leben. Der Lumdatalsängerbund, Mitglied deS Hessischen und des Deutschen Sängerbundes, feierte hier sein diesjähriges Bund e s - f e st. Mit diesem war herkömmlicher Weise ein W e r t u n g s s i n g e n der Bundesver- e i n e verbunden, da« in einer eigens zu diesem Zwecke errichteten Sängerhalle stattfand. Als Kritiker war Oberreallehrer Blaß aus Gießen tätig. Ilm 10.30 Uhr begann, nachdem der Bundes- Vorsitzende, Berufsschullehrer Eberle aus Lollar, das Fest mit Worten der Begrüßung eröffnet hatte, das Wertungssingen. Jeder Dundesverein trug zunächst den Pflichtchor .Die schöne Schäferin" von Spangenberg und hierauf einen selbstgewählten Ehor vor. Bemerkenswert ist, daß dte meisten Vereine auch hierfür ein Volkslied gewählt hatten; ferner waren größere, schwierigere und klassisch? Ehöre zu hören. Auch ein gemischter Chor, der Bundesmitglied ist, nahm an dem Wertungssingen teil. Nach Schluß des Singens traten Dirigenten und Vorsitzende der Vereine zur Kritik zusammen. Herr Blaß besprach die Leistungen der einzelnen Vereine eingehend. Er konnte feststellen, daß öieje fast durchgängig als sehr gut angesprochcn werden müssen und gröbere Verstöße in einer oder der anderen Richtung überhaupt nicht mehr zu bemerken sind. Eine schriftliche Kritik geht jedem Verein zu. War so her Vormittag ernster Arbeit gewidmet, so trat nachmittags die Gemütlichkeit in ihre Rechte. Das Dundessest war verbunden mit dem Stiftungsfest des hiefigen Gesangvereins .Teutonia" und mit dem .K i r s ch e n t ä n z ch e n", einem alten Ror - decker Volksfest. Aus dem schön gelegenen Festplah begrüßte als Vertreter des hiesigen Vereins Sangesbruder Stern den Bund und seine Gäste. Mit einem Hoch auf da- Vaterland, in dessen Dienst auch die Sänger stehen, schloß er, worauf die Versammlung die erste Strophe des Deutschlandliedes fang. Der ganze Bund trug hierauf unter Leitung des Dirigenten des festgebenden Vereins, Ehormeister S ch o m b e r aus Beuern, .Die schöne Schäferin" als Massenchor vor, der von ausgezeichneter Wirkung war. Sodann ergriff der Bundesvorsihende Eberle das Wort zu einer Ansprache. Er ermahnte u. a. die Sänger zur Treue zur Sängersache und gab dabei der Hoffnung Ausdruck, daß es recht bald gelingen möge, die augenblicklich noch in unserer Gegend bestehende Zersplitterung innerhalb der Sängerschaft im richtig erkannten Interesse der Sache und des großen Ganzen, des hessischen unb des deutschen Sängerbundes, zu beseitigen. Aus der Ansprache ist ferner noch die Mitteilung hervorzuheben, daß der Bund im letzten Jahre durch den Beitritt des Gesangvereins .Liederkranz" in Odenhausen a. d. L. gewachsen ist. Redner begrüßte den Verein, der am Sonntag zum ersten Male an einem Bundes- fefte als Mitglied teilnahm. An die Rede schloß sich die Ehrung zweier Veteranen des Bundes, der Sangesbrüder Lehrer Ludwig Ziegler aus Kesselbach und Etationsmeister Heinr. Weber aus Odenhausen a. d. Lda , an. Beide Sänger haben den .Lumdatalsängerbund" einst gründen helfen und gehörten ihm seitdem als Vorstandsmitglieder an, bis sie wegen vorgerückten Alters ihre Aemter niederlegten. Herr Ziegler war lange Jahre erster Vorsitzender und Herr Weber erster Schriftführer des Bundes. In dankbarer Anerkennung ihrer Verdienste um den Bund hat sie dieser zu seinem .Ehrenvorsitzenden" bzw. .Ehrenschriftführer" ernannt und ließ ihnen durch feinen Vorsitzenden mit ehrenden Worten, die ihre Verdienste würdigten, Ehrenurkunden überreichen. Die Geehrten dankten in bewegten Worten und versprachen, auch fernerhin dem Bunde die Treue zu halten. Sie wünschten dem Bunde eine weitere gedeihliche Entwicklung und unserem Volke bessere Zeiten. Eie schloffen mit einem Hoch auf das deutsche Lied und das Vaterland, in das die Versammlung begeistert ein- ftimmte. Anschließend erklang der Massenchor .Deutschland, dir mein Vaterland" von Heinrichs. Da 8äs jüngste Dundesmitglied, Gesangverein Odenhausen (Lahn), Dirig. Lehrer Reinhardt, sich hieran nicht beteiligen konnte, da er im vorigen Jahre, als das Lied Pflichtchvr war, dem Bunde noch nicht angehörte, brachte er allein zwei Lieder zu gutem Vortrag. Ebenso ließ der festgebende Verein noch zwei Lieder erschallen. Hiermit fand die offizielle Feier ihr Ende. Es folgte bann bei Lieberfang unb Gläferklang ein gemütliches Beifammenfein. Der ausgezeichnete Verlauf des diesjährigen Dundesfestes hat Zeugnis abgelegt von dem schönen, echten Eängergeist. der in dem Bunde herrscht. Preußen. Kreistag in i Wetzlar, 18 Juni. In ber heutigen Sitzung bis Kreistage», über die wir noch naher berichten werben, würbe nach längerer Debatte ber Xreishaushaltsplan für bas Rechnungsjahr 1930 nicht angenommen, sondern es würbe Dertagung beschloßen. Die Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft für Stabt unb Land gab im Laufe ber Debatte folgend« Erklärung ab: „Der dein heutigen Kreistag zur Beschtußsaßung seitens der Kreisverwaltung vorgelegte Etat enthalt, durch die außerordentlich bedauerliche Entwicklung der allgemeinen Wirtschaftslage oerurfacht, eine ungeheuere «Steigerung der zwangsläufigen Ausgaben des Kneifes für Wohlfahrts- unb soziale Zwecke, deren Aufbringung auf ben bisher hiermit beschrittenen Wegen einfach zur Unmöglichkeit wirb. Die Mitglieder der Bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft sehen sich daher aus rein sachlichen Gründen nicht in ber Lage, bie Verantwortung sur biesen Etat mitzuubernehmen unb stellen sich aus den Standpunkt, bah biejenigen Stellen, welche bie Berantworiung für bie Beschlußfassung der Sozialgefetz« in der auf bie Dauer un- burchsuhrdaren Form tragen, auch verpflichtet finb, die Wege zu zeigen, welche die Durchführung s- m ö g l i ch k e i t dieser Gesetze erlauben. Kreis unb Gemeinden als die letzten Träger dieser Auf- bringungslaften stehen heute vor dem Ruin, wenn nicht schnellstens Mittel unb Wege gefunben werden, um die Ausgaben und Einnahmen In ein vernünftiges Verhältnis zu bringen. Bei dem heutigen Stand der Gesetzgebung kann nicht mehr von einer Selbstverwaltung der Kreise und (Gemeinden gesprochen werden, da der Hauptteil ber Ausgaben als zwangsläufig und durch die Gesetzgebuna verursacht jegliche Einwirkung seitens der Selostver- waltungskörver der Kommunen ausschaltet. Mit dieser Ausschaltung der Selbstoertvaltung wird jedoch zwangsläufig auch die Selb st Verantwortung der Kommunen ausgeschaltet, da man niemand zumuten kann, baß er etwas verantworten soll, bei dessen Zustandekommen er gänzlich einflußlos ist. Wir bedauern diese Entwicklung, müssen cs jedoch der Regierung überlassen, die Derant- wortuna auch für bi« Folgen ihrer Gesetzgebung voll und ganz allein zu tragen unb lehnen deshalb ben Gesamtetat ab. Wir erkennen an, baß seitens der Kreisoerwallung bei allen nicht- zwangsläufigen Posten des Etats versucht worben ist, bie Etatsziffern des Jahres 1929 nicht zu überschreiten, halten jedoch die vorgesehenen Einsparun- gen in ber heutigen allgemeinen Notzeit noch bei weitem nicht für ausreichenb." Slrcid Wetzlar. -- Wißmar, 17. Juni. AuS der D e m e i n d e- bcttrclung: Der Schulvorstand wurde um zwei Mitglieder erwecket (L. Drommershausen und Ehr. P o u s ch). — Die Reuanlage von K r a s t st e ck e r d o s e n in den OrtS- straßen wurde zurückgestellt und vorherige Verhandlung mit der Firma Siemens-Schuckert, die einen Kostenvoranschlag von 3015,93 Mk. für 29 Dosen vorgelegt hatte, beschlossen. — Der VolksbUdungsausschuß erhielt einen Zuschuß zum Ausbau der seit 1925 bestehenden Volksbücherei, die im abgelaufcnen Jahre 1639 Bände ausgeliehen hatte. — Von elf Bewerbern um den Posten des Zählerablefers und Strom geldkassierers wurde Ludwig Drommershausen gewählt, dessen Forderung 5,5 Prozent des einkassierten Geldes beträgt. — Zwei Straßen im Reubaugelände erhielten die Ramen; Lollarer Weg und Goethestraße. # ßaunsbad), 18. Juni. Die hiesige Ge• meindeheugrasversteigerung stand im Zeichen einer guten Ernte und brachte gegenüber dem Vorjahre sehr niedrige Preis«. Für die meisten Grundstücke wurde kaum die Hälste deS vorjährigen Erlöses erzielt. — In den letzten Tagen herrschte auf dem Badeplahe in der Launsbacher Gemarkung rege Dade- tätigfeit. Am Sonntag war der Besuch so stark, daß man sich nicht entsinnen kann, schon jemals einen solchen Betrieb dort gesehen zu haben. AuS allen umliegenden Orlschasten waren Bade- »gaste erschienen, zum Teil kamen sie mit Rädern. Motorrädern und AuioS. Maingau. WSR. Frankfurt a. M?, 18. Juni. Als erste Rechtsanwältin beim Oberlandesgericht hier wurde Frl. Dr. Hildegard Weißen st ein zugelassen. Die junge Dame, die vor kurzem ihr Asscssorexamen bestand, studierte in Frankfurt, Würzburg und Heidelberg. Frl. Dr. Weihenstein besitzt Franksurt den zweiten weiblichen Rechtsanwalt. — Gestern morgen gegen ‘/t? Ü6r wurde zwischen den Stationen Louisa und Reu-Isenburg der Strecke Frankfurt-Darmstadt ein junger Mann ohne Papiere mit abgefahrenem Kops« vorgesun- d e n. Rach den polizeilichen Ermittlungen handelt es sich um den am 17. Februar 1902 in Frankfurt a. M. geborenen Hermann Selb, der zuletzt in Herborn wohnhaft war. Selb soll angeblich durch eine Postkarte seinen Pslegeeltern Delbst- mordabsichten mitgeteilt haben. Hreis Biedenkopf. O Niederweidbach, 18. Juni. Die Heuernte ist hier in vollem Gange, man rechnet mit einer guten Ernte. Das Setzen der Gemüsepflanzen ist durch die Trockenheit der letzten Tag« unterbrochen. Die bereits gesetzten Pflanzen sind durchweg gut angewachsen. Das Korn steht in Blüte und ist sehr hoch im Halm. Kein koftivieligeS Experiment — sondern fett Jabr-ebrnen bei G cht und Rbenma ärztlich er- vrotn und bewährt: Eine Trinkkur mit Salz- ichlirfer Bonisazins Brunnen (30 Flaschen, täglich 1 »HL Erhält!. in allen Avotbeken u. Drogerien. Niederlagen bei: Wilhelm Michel. Walllorstr.71, Tel. 2479, und Jean Weisel, Tonnenstr. 0, ältestes Mineralwassergei'chäft am Platze. Tel. 3888. Prospekte über ermäßigte Baufchal-Badekuren vom 1. Mat bis 30. September versendet die Badeverwaltung Bad Salzschlirf. Konstanze. Roman von Karl Heinz Voigt. Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau 40. Fortsetzung. Nachdruck verboten Sein Entschluß stand fest. Er begab sich ins Hotel, packte seine Koffer. — Am nächsten Morgen fuhr er nach Partenkirchen ab. Bald hinter München zeigten sich in dunstiger Ferne die bläulichen Schatten der schneebedeckten Boralpenkette. — Weih war das Land, grell leuchtete die Sonne auf beschneite Felder und Wiesen. Immer plastischer schoben sich die Konturen der Berge aus ihrem nebelartigen Hintergründe hervor. Schließlich fuhr der Zug in Garmisch ein. Das Hotel, in dem er früher schon einmal gewohnt, war stark beseht. 3m obersten Stock war noch ein Zimmer srei. Der Ausblick auf die Berge war schön und ergreifend. — Der Winter ist in den Alpen von einer stillen, majestätischen Pracht. Hier am Fenster stand Lothar so manchesmal, wenn das starke Schneegestöber ihn an das Zimmer band. Seine Gedanken klärten sich, ein Abglanz der majestätischen Erhabenheit dieser Berggiganten da drüben breitete sich über seine Seele. Das wur-> den Stunden der Erinnerung, des geheimen Sehnens und der stillen Wünsche. Lothar vermied es, mit den Gästen des Hotels in nähere Berührung zu kommen. Er wollte diese wenigen Tage hier ganz für sich haben. Eine innere Sammlung bedeuteten ihm diese Tage. — Unten im Speisesaal versuchte einmal ein älterer Herr, der unbegreiflicherweise noch Hochtouren machte und zwar mindestens über zwei- tausendfünfhundcrt Meter Höhe, ihn in ein Gespräch zu ziehen. Er fragte, ob Emmerstorff sich ihm nicht anschliehen möchte. Er hätte morgen eine Tcgespartie vor. „Hur sanfte Steigung", sagte der alte Herr, aber die übrigen Gäste lachten. Ein junger Mann, der einmal eine Tour mtt dem Bergsteiger gemocht, erklärte, daß diese „sanfte Steigung" mindestens dreitausend Meter bedeutete. Lothar lehnte die Aufforderung des alten Sportsmannes höflichst dankend ab. Die Gäste zerstreuten sich in die eleganten Säle des Hotels, in denen allabendlich getanzt wurde. Bald erklangen Saxophon und Banjo. Lothar aber entfloh diesem gesellschaftlichen Treiben. Am vierten Tage seines Aufenthaltes in Partenkirchen unternahm Lothar eine größere Tour. Er nahm sich kein festes Ziel vor. Die Wintersonne glänzte über der stillen Ratur. Ringsum glitzernde Helle. — Er hatte einen einsamen, schneeverwehten Weg gewählt und stieg nun langsam bergan. Die Luft war dünn und kalt. • Bald hatte Lothar einen felsgeschützten freieren Pfad gesunden und klomm nun ohne Mühe langsam höher und höher. Seitwärts begleiteten ihn die weitzvermummten Kappen der Radelhölzer, die immer kleiner wurden, bis sie sich im Knieholz verloren. Er hielt seinen Schritt an. Das Auge schwerste über die greifbaren nahen Firnfelder. — Himmel und Gletscher flössen zusammen in einer weißbläulichen Stahlfarbe. Rach langem Versäumen und Versinken in die weihevolle Stille der Ratur nahm Lothar seine Wanderung wieder auf. — Die Sonne hatte ihren höchsten Stand längst erreicht. Das Blinken des Firmaments erlosch allmählich. Schon begannen die Schatten der Dämmerung ein mattes Licht über die Firnen auszugießen. Richt hoch war er gestiegen, greifbar nahe lagen die Häuser Partenkirchens, aber es war ihm, als wäre er fern der Welt, fern den Menschen. schwebend in einem unwirklich sphären- haften All. Sein Blick wanderte jetzt über die erstarrten und kristallisierten Schmelzwasserseen aus weißem, blasigem Eis — dort über ihm in der dunstigen Bläue dieses sinkenden, kurzen Tages. Ein kalter Frostnebel schwebte zwischen den Tälern, glomm langsam näher, höher und begann wie mit Radeln die Haut des Wanderers zu stechen. Da gewahrte Lothar Fußspuren frt dem *2tcu- schnee. Seht an! Auch andere Touristen schienen heute hier herauf gestiegen zu sein. Als die Dämmerung sich schon stark verdichtet hatte, erreichte er den Wald. Lothar spürte eine leichte Müdigkeit. Da sah er einen Menschen vor sich hergehen. Als er näher kam, gewahrte er eine Frauengestalt. — Jetzt kehrte sie ihm das Gesicht zu. Bei dem Schleier der Dämmerung erkannte er, ohne zu begreifen: Konstanze. Sie war es und sie war es auch wieder nicht. Es folgte ein gegenseitiges Erkennen. Ganz unwillkürlich blieb sie stehen und starrte dem Einsamen ins Gesicht. „Konstanze!" rief er und der Rame klang wie eine zweifelnde Frage. „Lothar!" Ihre großen Augen füllten sich mit Erstaunen und Schreck. Dann geschah etwas Seltsames: Die beiden einsamen Menschen reichten sich die Hände. Blick lief in Blick. Sehr schon sah Konstanze aus. Lothar gewahrte dumpf, daß die Zeit ihre Züge verschärft hatte. — Sie war es und doch war sie es wieder nicht. — Etwas seltsam Unbekanntes lag über ihrer äußeren Erscheinung. Vielleicht war es der Schein des Leides, der ihr Gesicht verklärte und der Lothar so seltsam verwirrte. — Er fühlte, es lag etwas Ergreifendes in diesem Zusammentreffen hier im Angesicht der schweigenden Ratur, in Gottes Rähe. Auch sie empfand wohl so. Sie wollte reden, aber eine unbestimmte Empfindung verschloß ihr lange Zeit den Mund. Schließlich kam es zögernd von seinen Lippen: „Ich glaubte, du seiest in München, Konstanze? — Ich wollte dich dort singen hören." Sie schien sich nur schwer in die Wirklichkeit zurückzufinden. „Ich singe in einigen Tagen wieder", erklärte sie. „Ich benutzte die kurze Freizeit zu einem Ausflug hierher." Er schwieg. Sie beide hatten plötzlich die Erkenntnis des Schicksalsmähigen, das in ihrem Zusammentreffen lag. „Ich wage nicht, diese Stunde dem Zufall zuzuschreiben, Konstanze", sagte er dann leise. Eie sah ihn fragend an. Ihre Augen schienen < größer geworden zu sein. Sie blickten stets so voller Verwunderung. „Schicksal?" fragte sie. Er nickte: „Ich glaube." Sie waren langsam weitergegangen. Unter einer hohen Tanne, mit tief herabhängenden schneebelasteten Zweigen stand eine Steinbank. Er säuberte den Sih. Sie ließen sich nieder. „Diese Stunde hat uns zusammengesührt, Konstanze/ — Darf ich sprechen? — Willst du mich anhören?" Sie machte eine Handbewegung, die er als Zusage deutete. Run quoll alles, was er in der Zeit, da sie von ihm gegangen, erlebt, aus seinem Innersten heraus. Er legte sein Unglück und seine Irrfahrten in die weihen Hände dieser Frau. Er schonte sich nicht. Er wühlte all sern-unrecht hervor. Rannte Julias Ramen. Er sah Konstanze dabei ins Gesicht. Ihre Mienen waren aus Stein. Keine Regung spiegelten sie wider. — Er fuhr fort in seiner Selbstanklage, schob all das, was ihn ins Elend gebracht, auf sich selbst. Richts von einer Anklage gegen sie. Kein Vorwurf, daß sie ihn verlassen, daß er elend geworden durch ihre Schuld. „Rachdem du von mir gegangen, Konstanze, empfand ich erst, was du mir warst. Jetzt, da ich dich vor mir sehe, weiß ich, daß ich dich brauche, um leben zu können", endete er. — „Du bist von mir gegangen, gut!" fuhr er dann fort. „Ich konnte dich nicht halten und ich wollte es auch nicht. Du meintest, es sei dein Glück, wenn du aus meinem Hause gingst und ich durfte deinem Glücke nicht hinderlich sein. — Wenn ich nun die andere Frau heirate, Konstanze, so wird mein Innerstes doch dir gehören, während es der anderen gegenüber tot sein wird. — Jetzt erst weiß ich, daß zu einer Ehe mehr gehört als Achtung. — Jetzt verstehe ich deine damaligen Worte, die ich mir in letzter Zeit oft überlegt habe. Es gehört tiefste Harmonie zu dem Lebensbunde zweier Menschen. — Du wirst der Musik leben und wirst durch sie Glück und Freude zu den Menschen bringen. Ich aber werde gehen ..." ' (Schluß folgt.) 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Studentenkarten 75 Pfennig nur im Vorverkauf bei Herrn Sekretär Ritter gegen Ausweis.4506D soojahreSiÄiW 4523D -1 IM Äw* ow Aw 41*WtHW •UUw TUUw wwfl Atf- 4#e. *lww toww*w TU *ww*4» £•_/ Heftern^*#*“*? <»ww»v»ew. c&i» 4ewi44e’ TUM/oywwo) «mA Theoretischer und praktischer Meisterkursus für IE1LIEKTIRI1IK1E1R Beginn Samstag, den 21. Juni, nachmittags 7,4 Uhr. Anmeldungen und Auskunft auf dem Sekretariat der 4509V Gewerbe- u.Maschinenbauschule,Liebigstr. 16, Zimm. 21 MeisterDrflWsiominlssloii fler Provinz Ohertiessen. luhilänmsfenr am 5. und 6. Juli auf dem Schiffenberg. Näheres wird noch bekanntgegeben. Der Festausschub. Wie fdMw* W «*wveykw wowU H» x4<* ^4hwU8hw. Seltersweg 46, Telephon 2627 2454V fflOI 2.20 s Reih lohn, schein« Wok anker! 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