M- Zahrgang Ht ns (Elftes Blatt 184. Zahrgmz Montag, 5».ZnIi 1954 ä: al AUAil ^i***a*aa** ?E* ImraPm /IlttnUri WW ALLS"': 3 XZ l-V IIVI BV> V> IVIV W SMS-S S?Äl’Ä“ KF V «™W WG General-Anzeiger für Oberhessen UM richten: Anzeiger Gießen behördliche Anzeigen 6Rpf. 11686 Druck und Verlag: vruhl'sche Unlverfitäts-Vuch- und Steindruckerei «.Lange in Siehrn. Schristleitung und Seschöfttftelle: Schulftratze 7 M°ngenabschlüi!-st°ff°i8 Gietzener Anzeiger General-Anzeiger sür Oberhessen ,Ä*< M / I W H" W W i. x> NWK Beisetzung Bu- Frih Bundespräsident Miklas spricht am Sarge, der vor dem Wiener Rathause aufgebahrt ist. Aufbau ist eines der Kernprobleme der neuen Regierung. Ebenso ist Starhembergs Geschäftsbereich vergrößert; denn wahrend er früher nur für Sport und Jugendertüchtigung zuständig war, bekommt er jetzt den ganzen Sicherheitsdienst zugewiesen. Aehnlich verhält es sich mit Fey, dem das Innenministerium zugeteilt wurde, während er im letzten Kabinett Minister ohne Portefeuille war. Da T a u s ch i tz als Staatssekretär des Aeußeren nach kurzer Zeit aus der Regierung ausscheiden soll, ist überhaupt keine andere Ge'sinnungsgruppe mehr als tue Christlich-soziale und die Heimwehr- gruppe im Kabinett vertreten. Heimwehrmini st er im neuen Kabmett sind Starhemberg, Egon Berger-Waldenegg, Fey. Odo Neustädter-Stürmer. der inneren Verwaltung; Vundesminister für Finanzen ist Dr. Karl resch; Vundesminister für handel und verkehr Wien, 30. Juli. (DRV.) Amtlich wird gemeldet: Bundespräsident Miklas hat heute morgen 2 Uhr den bisherigen Vundesminister für Unterricht Dr. Kurt Schuschnigg zum Bundeskanzler ernannt und die von dem designierten Bundeskanzler vorgelegte Liste der Mitglieder der neuen Regierung genehmigt. Sie lautet: Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg, der gleichzeitig die Bundesministerien für Landesverteidigung, für Unterricht und für Justiz führt; Vizekanzler Ernst Rüdiger Starhemberg, der gleichzeitig mit der Führung der Angelegenheiten des gesamten Sicherheitswesens betraut wird; Vundesminister Egon Berger-Waldenegg, der mit der Führung der auswärtigen Angelegenheiten betraut wird; Vundesminister Major a. D. Emil Fey übernimmt zu feiner bisherigen Funktion als Generalstaatskommisfär die Angelegenheiten Deutschlands Teilnahme an Oesterreichs Trauer and ihren Ausdruck in den auf Halbmast gesetzten Flaggen des Reiches auf dem Gebäude der Wiener deutschen Gesandtschaft. Stockinger; Vundesminister für soziale Verwaltung Odo Reustädter-Stürmer, dem überdies die Angelegenheiten der berufsständifchen Reuordnung zugewiesen werden; die Besetzung des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft bleibt Vorbehalten. Dem Bundeskanzler werden zur Vertretung in Angelegenheiten des Bundesministeriums für Landesverteidigung der bisherige Staatsfekre- tär Generalmajor Wilhelm Zehner, zur Vertretung in den Angelegenheiten des Bundesministeriums für Unterricht Sektionschef Dr. Hans P e r n - ter, zur Vertretung in den Angelegenheiten der Justizverwaltung der bisherige Staatssekretär Karl Karwinfky als Staatssekretäre beigegeben. Dem Vizekanzler wird zur Vertretung in den Angelegenheiten des Sicher heitswefens ein Staatssekretär beigegeben, dessen Berufung unmittelbar bevorstehl. Dem noch zu ernennenden Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft wird der bisherige Staatssekretär Ulrich I l g als Staatssekretär beigegeben. Dem Vundesminister für foz^ale Ver- roattung wird für die Frage des Arbeiterschuhes ein Staatssekretär beigegeben, der aus den Kreisen der Arbeiterschaft entnommen wird. Das bereits bestehende Ministerkomitee füranßerordentlicheSicherheitsmaß- nahmen wird beibehalten. Den Vorsitz in diesem Kdmitee führt Vizekanzler Starhemberg, in seiner Stellvertretung Bundesminister Fey. Während einer kurzen Uebergangsfrist wurde Minister Verger - IB albenegg mit der Weiterführung der Geschäfte des Bundesministeriums für Justiz und der dem Bundeskanzler beigegebene Staatssekretär für Justiz Karwinfky mit der Weiterführung feiner bisherigen Geschäfte als Staatssekretär für Sicherheitswesen betraut. Desgleichen wird der bisherige Staatssekretär Tausch i h noch für eine kurze Übergangszeit die Geschäfte eines Staatsfekretärs für auswärtige Angelegenheiten weiter führen. Starhemberg spricht im Rundfunk. Wien, 28. Juli. (DNB.) Vizekanzler Starhemberg hielt am Freitagabend im Rund- funk eine Rede, in der er u. a. folgendes ausführte: Die Bundesregierung wird ln treuester Kampfgemeinschaft mit dem toten Führer ihr Bestes daran setzen, um seine Idee zum Stege zu bringen. Verantwortungslose, zum Jßerbredjen geführte Elemente haben geglaubt, daß der Tod des Bundeskanzlers Oesterreichs das Signal sei, um ihre dunklen Pläne zu verwirklichen. Um deutsch zu sein, um unsere deutsche Sendung in der Welt zu erfüllen und unserem Deutschtum zu dienen, dazu brauchen wir in Oesterreich keinen Nationalsozialismus. Daher erkläre ich tm eigenen Namen und im Namen der Bundesregierung, daß wir niemals das geringste Kompromiß mit dem Nationalsozialismus eingehen, niemals das geringste Zugeständnis machen werden, das unsere Freiheit, unsere Ehre und Würde beeinträchtigen könnte. W i r wollen abwarten, was in der Zukunft geschieht. Wir wollen abwarten, ob in der 3u= funft auf gewisse Erklärungen auch Taten folgen werden. Oesterreich hat alles getan um die geschichtlichen Bande zwischen uns und den in Deutschland wohnenden Deutschen möglichst fest zu gestalten Zum Schluß sagte der Vizekanzler: Selbstverständlich wollen wir alles dazu beitragen, was an und liegt um mit allen Nachbarn gut auszukom- mcn. Selbstverständlich sind wir bereit Dinge die sich in der Vergangenheit ereignet haben, zu ver- Die neue österreichische Bundesregierung Nur Christlich-Soziale und Heimwehr im neuen Kabinett. Präsident Miklas hob in einer Ansprache die Bedeutung der Persönlichkeit Dollfuß' und seine Verdienste als Oesterreicher und Deutscher hervor. Nach ihm sprach Vizekanzler F ü r st Starhemberg, der dem toten Bundeskanzler im Namen der Regierung, der Wehrverbände, der Armee die Treue bis übers Grab hinaus schwor. Dann sprachen der Erste Bürgermeister von Wien Schmitz und der Landeshauptmann von Niederösterreich Reiter. Der außerordentlich lange Zug bewegte sich sodann durch die Straßen Wiens. Der Sarg Dollfuß wurde auf einer Lafette geführt. Dem Sarg folgten die Familie des Bundeskanzlers, der Bundesprasi- dervertretern der Großmächte und dem päpstlichen Delegierten Nuntius Sibilia, dem Sondervertreter Mussolinis Botschafter di Martino, dem ungarischen Außenminister Kany a, der Vertreter des englischen Königs Selby, der Vertreter des Völkerbundes R o st van T o n i n g e n. Die Reichsregierung war durch den gegenwärtigen Ge- chäftsträger Prinz zu Erbach vertreten, bei; an den Beerdigungsfeierlichkeiten an der Spitze ämtlicher deutscher Gesandtschaftsmitglieder teilnahm. Vor dem Sarg schritt Kardinalerzbischof I n - n i tz e r mit der hohen Geistlichkeit Oesterreichs. Den Schluß bildete die Abteilung des Bundesheeres. Am Stephansdom erfolgte die Einsegnung der Leiche durch den Kardinal I n n i tz e r. Der Zug bewegte sich sodann nach dem Friedhof in Hietzing. Nach dem Eintreffen des Trauerzuges auf dem Friedhof sprachen am offenen Grabe Bundesminister Dr S ch u s ch n i g g für die dem Bundeskanzler Dollfuß direkt unterstellt gewesenen Wehrverbände, dann Dr. Kemptner für die Verbindungen des österreichischen Kartelloerbandes und die Serbin« düng Franco-Bavaria, weiter ein Führer der österreichischen Jungfront und der Bundesleiter der Vaterländischen Front, Generaldirektor Dr. S test a n. Daraus wurde der Sarg unter den Klängen des Liedes „Ich hott' einen Kameraden" in die Erde gesenkt. Bor einem Heimwehrpuisch? Wien, 29. Juli. (DNB.) Allerlei Gerüchte durchschwirren die Stadt. Es heißt, daß die Polizei in allerhöchste Alarmbereitschaft gesetzt wurde. Richtig ist allerdings, daß viele Gaststätten und Cafes, die bis um 22 Uhr hätten offengehalten werden dürfen, plötzlich auf polizeiliche Anordnung schließen mußten. Vor dem Gebäude der Polizeidirektion st eben jetztMaschinengewehre, wahrend sie bisher im Innern des Gebäudes aufgestellt waren. Die Bewachung des Bundeskanzleramtes wurde verstärkt. Reuter meldet einen bevorstehendes Heimwehrputsch. Andere Gerüchte erzählen, daß bei den zahlreichen Neuaufnahmen in Sch utz- ko r p s v e r b ä n d e sich politische Gegner eingeschlichen hätten, die nun zum Losschlagen entschlossen seien. aessen, wenn wir in Zukunft in keiner Weise gestört werden. Doch weisen wir jede Einmischung in unser Schicksal auf das Energischste zurück. Verschärfung des Kurses? Wien, 30. Juli (DNB.) Auf den ersten Blick zeigt es sich, daß das neue Kabinett eine außerordentliche Stärkung des Heimwehreinflusses bringt. Besonders hervorzuheben ist die Ueberweisung des Ministeriums des Aeußeren an Egon Berger-Waldenegg. Seit Jahren ist das Außenministerium mit dem Bundeskanzleramt vereinigt gewesen. Auch die Betrauung Neustädter-Stürmers mit den Angelegenheiten des berufsständischen Aufbaues unterstreicht diese Tendenz. Denn der berufsständische (jn. n 9o ern[; (DNB.) Am Tage des Leichen- Wien, 28:,?u‘i‘ \ morbften Bundeskanzler Dr. begangnisses für stabt seit den frühen ^aruAmpiner-Drben5 hielten die Ehrenwache. Auf Deutschmeiste ,^em Rathaus hotten ein Re- d?m fr61*"Jjfßne ein Jnfanteriebataillon und die Von offiziöser Seite wird mitgeteilt, daß augenblicklich im Bundeskanzleramt ein Minister rat über die Neubildung des Kabinetts tagt, und daß verstärkte Sicherheitsmaßnahmen allen Möglichkeiten vorbeugen sollen. Bemerkenswert ist folgende amtliche Mitteilung, die am Sonntagabend erschienen ist: „Die Bundesregierung hat den Polizeivizepräsidenten Dr. Michael S k u b l unbeschadet seiner bisherigen Funktion als Stellvertreter des Polizeipräsidenten von Wien zum G e n e r a l i n f p i z i e r e n d e n für die Bundespolizeibehörde bestellt. In dieser Eigenschaft obliegt Dr. Skubl die Aufgabe, die Sersehung des gesamten Dienstes bet ollen Bundespolizeibehörden laufend einer eingehenden... Überprüfung zu unterziehen und zur Vehecht^ alb äliiger Mängel in personeller und fenftfger Hin- icht unverzüglich Abhilfe zu schaffen. V _ Man chließt aus dieser Mitteilung, daß in letzten kritischen Tagen sich innerhalb der G^efutioe gewisse Reibungen ergeben ho^n müssen. L----- — . , . SarBe die Witwe, geführt mm dem Vizekanzler Fürst St ar he m- Im Trauerzuge folgte dem S «^^testen Freunde des Toten, Hanü-lsm,n,ster Stock.nger. - berg (m Umform^unü ^ts Mutter des Bundeskanzlers (mit Kopftuch), ., 6 V '» * , -A*-x**"X** x 4», % "&■ * V -/ .;•■' ® MWMWW l, WUMM bömir Sc Wert Man Diät gur in t We Oe wick P Fr nach gut man leg Wögt Sie Nckrc jfyn stanz! taten tuu dun merk Gl lrc fra vor in roof nah roirl sch> Eine । wickln! sestzus von 1 Der vnzei mit Fe zeichnei ein gro Der untersch Presse uni) blo Noch ei humani sichtlich Schreib loser werber stellt, Ä® len ZU । Der „ feit feir Aonzert hinge" : feit eine Widersp ausgabe Die Opfer des Bürgerkriegs flackern. soll es nach privaten Quellen zu größeren Zusammenstößen zwischen Aufständischen und der Executive gekommen sein. Gleiche Meldungen kommen aus Mürzzuschlag am steierischen Semmering. Hier sollen die Kämpfe teilweise größeren Umfang angenommen haben. Ebenso soll in Süd Kärnten i ~ Eine andere Gruppe habe knapp an der Grenze Stellungen beziehen können und sehe den Die heimwehren hausten nach den Flüchllings- berichten im ganzen Lande barbarisch. 3n Niederösterreich, wo vor zwei Tagen keine Kämpfe siattfanden, wurden mehrere taufend Personen verhaftet. Ulan brachte sie in Turnhallen und Sälen unter, wo sie nicht einmal Platz zum Liegen hatten. Sie erhalten nichts zu essen, ihre Notdurft müssen sie in den Ecken der Raume verrichten. Die Zahl der allein in Niederösterreich bei den Geiselaushebungen Ermordeten wird von Seiten der Flüchtlinge auf 100 geschaht. ren Bericht wurden 19 Verwundete zufam, mengetrieben und mit Maschi nenge« wehren erschössen. In Klagenfurt wur. den die beiden Brüder Fechner, bei denen man einen Funksender fand, ermordet. Nationalsozialisten und Personen, die man als solche ansah, wurden von der Heimwehr in Höfen oder Sälen zufam, me ngetriebe n, dann einzeln herausgeholt und erschossen. 9n einer Kaserne in Linz, wo übrigens 600 Geiseln ausgehoben wurden, wurden drei Natio, nalsozialisten aus Haslach ermordet. In Salz» bürg sollen Leute auf den Straßen angehalten worden sein, um, wenn man in ihnen Nationalsozialisten zu erkennen glaubte, an die Wand gestellt und erschossen zu werden. Aus Dien kommt die Meldung, daß die meisten Waffen der Aufständischen aus dem Bundeskanzleramt, nicht, wie der österreichische Rundfunk behauptete, reichsdeutfcher Herkunft sind, ebenso wie die Monturen aus österreichischen staatlichen Lagern flammen und österreichischer Herkunft sind. Die Herkunft der wenigen aus privater Quelle stammenden Das. fen soll ebenfalls festgestellt worden sein. Der Daffenhändler, der sie den Aufständischen verkaufte, ist verhaftet und soll vor das Standgericht gestellt werden. 3n Süd körnten wurden bei den Kämpfen u. a. zwei Brücken im Drautal gesprengt. Ein Teil Der Aufständischen in Stärke von etwa 1000 Mann Zog sich auf die C Hohralpe zurück, wo sie belagert wurden. 380 Mann überschritten die jugo- slawische Grenze und wurden nächst Marburg interniert. Hitler, Popen und Goebbels in Bayreuth "och Abschluß der Besprechungen über die Ernennung des Vizekanzlers zum Gesandten in Wien. Schreckensregimeni der Heim- und Ortswehren Augenzeugenberichte von Flüchtlingen. Dien, 29. 3uli. (DNB.) In der Nacht zum Sonntag wurde eine amtliche Derlufflifte für alle Formationen der Regierungstruppen veröffentlicht. Danach betrugen die Verluste auf feilen der Regierung insgesamt 7 8 Tote und 165 Verwundete. Die stärksten Verluste weist das freiwillige Schuhkorps aus, bas 48 Tote und 37 Verwundete zu beklagen hat. Das Bundesheer meldet 18 Tote und 37 Verwundete, die Gendarmerie 10 Tote und 20 Verwundete und die Wiener Polizei 2 Tote und 5 Verwundete. Nach privaten Meldungen sollen sich die Verluste der Aufständischen auf annähernd 200 Tote beziffern. Eine Aeberprüfung dieser Meldung ist natürlich nicht möglich. Bemerkenswert ist ein am Samstag erschienener militärischer Bericht über die Kämpfe am Pyhrn-Paß und im Ennstal. Während die Zivilen Behörden die Aufständischen immer nur als „fluchwürdige Rebellen" und „Mörderbanden" bezeichnen, zollt der Bericht des Heeres dem b e - siegten Gegner ritterliche Achtung. Der Schlußsatz dieses Berichtes lautet: „Die Aufrührer hatten bei den Kämpfen um den Pyhrn- Paß schwere Verluste erlitten. So wurden fünf Tote geborgen. Aber auch die Verluste der bewaffneten Macht waren empfindlich. Einer der tapfersten Offiziere des Weltkrieges, Major Char- oart, Alpenjäger-Regiment 8, der einzige Offizier der alten österreichischen Armee, dessen Brust zweimal die Goldene Tapferkeitsmedaille für Offiziere schmückte, fand den Heldentod. Die Ruhe ist in diesen Aufstandsgebieten wieder hergestellt. Die irregeleiteten tapferen Bergbewohner wurden zur Nioderlegung der Waffen gezwungen." Aus der Provinz treffen Nachrichten über allerdings lokal begrenzte Zwischenfälle ein. In Lustenau (Vorarlberg) wurde auf einen Transformator ein Bombenanschlag ausgeführt, der großen Sachschaden anrichtete. In Innsbruck Oesterreichs Krankheit. Die internationale Presse hat es einige Tage lang fertig gebracht, Ursache und Wirkung der blutigen Ereignisse vom 25. Juli in Wien teils absichtlich, teils aus völliger Unkenntnis der inner- österreichischen Verhältnisse zu verwirren. Wenn es wahr wäre, was jene Presse behauptet, dann hätte es sich um einen Putschversuch der Nationalsozialisten in Oesterreich gehandelt, wobei im Eifer übersehen wurde, daß kein einziger Nationalsozialist von Rang ober von Ansehen als in den Putsch verwickelt mit Namen genannt werden konnte. Putsche und Aufstände werden in der Regel nicht von Anhängern oder Mitläufern veranstaltet, sondern ein Putsch muß, wenn er irgendeine Wirkung haben soll, von einer führenden Persönlichkeit getragen sein. Soviel Sonderberichterstatter der Auslandpresse Wien aufgesucht haben, nicht ein einziger von ihnen ist bei aller Erfindungsgabe darauf gekommen, bei der Besetzung des Funkhauses ober des Bundeskanzleramtes nach den Führern zu fraaen. Der Hinweis auf angebliche Drahtzieher jenseits der Grenze ist das Dümmste, was die aufgeregten Schmierfinken zusammengeschwindelt haben, denn selbst der kleinste Putsch muß doch irgendwie unmittelbar geleitet werden, was aber von jenseits der Grenze einfach unmöglich ist. Hätte die internationale Presse, deren Vertreter zur Zeit in Wien versammelt sind, sich auch nur einige Mühe gegeben, nicht nur die Wirkungen zu beobachten, sondern auch nach den U r - achen zu forschen, so wäre Europa viel Unruhe, owie eine neue schlimme Brunnenvergiftung er« part geblieben. Budapest, 29. Juli. (DD.) (Eigenbericht.) Flüchtlinge, die die österreichische Grenze überschritten, wissen davon zu melden, daß die letzten Tage in Oesterreich ein wahres Schreckensregiment der Heim- und der Ortswehren gezeigt haben. In den Heimwehren befinden sich bekanntlich soviele Vorbestrafte, daß die Regierung in einem Notgesetz eine Löschung dieser Vorstrafen beschloß. Die 144 ehemaligen Vundesangehörlgen und polizeibeamlen, die am 25. 3uli das Bundeskanzleramt befehl hallen und denen man in Kenntnis des Todes von Dr. Dollfuß freies Geleit zusicherte, wurden zunächst in die Marokkaner-Kaserne der Polizei-Alarmabteilungen gebracht. Von dort schaffte man sie in die Notarresle der ehemaligen Fabrik Armbruster, wo sie den schwersten Mißhandlungen ausgesetzt waren. Zum Teil handelte es sich hierbei um reine Racheakte, zum Teil versuchte man, auf diese Art Geständnisse zu erpressen. Um den Leiden seiner Gefährten ein Ende zu machen, legte der ehemalige Stabsfeldwebel des Bundesheeres Plane11a, ein 35jähriger Frontsoldat mit besten Führungszeugnissen, das Geständnis ab, er habe auf Dollfuß geschossen. Die 14 Leute, die das Gebäude der österreichischen Rundfunkgesellschaft erstürmt hatten, wurden nach Berichten ausländischer Augenzeugen so mißhandelt, daß fie blutüberströmt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt wegge tr a ge n werden mußten. Nur vier wurden in die Gefängnisse eingeliefert, über den Verbleib der übrigen konnte nichts in Erfahrung ge» bracht werden. Man befürchtet, daß sie e r m o r • d e t wurden. Die K ä m p f e, die in den letzten Tagen im gangen österreichischen^ Bundesgebiet aufflammten, waren, wie die Flüchtlingsberichte ergeben, viel umfangreicher und schwerer, als man ursprünglich annahm. Die Angaben amtlicher österreichischer Stellen, die die Zahl der Toten auf bei- den Seiten mit etwa 300 bezifferten, dürsten durch die Ereignisse leider schon überholt sein. wehr und eine große Anzahl geliefert. Die Waffen seien Milirö Als im Juli 1927 der blutige Aufstand der Marxisten nur mühsam niedergeschlagen werden konnte, gab es ein Erwachen, das sich aber nur unzulänglich in der Aufstellung und Bildung ber Heimwehr äußerte. Die Heimwehr hatte und hat keinen geistigen und politischen Zusammenhalt; aber sie war ursprünglich nicht nur gegen die Austromarxisten sondern auch gegen die Christlich- Soziale Partei errichtet worden, die mit den Austromarxisten gemeinsam das unglückliche Land in Grund und Boden regierten. Die Heimwehr hat aber nichtsdestoweniger einzelnen Politikern, oder was sich dafür hält, als Sprungbrett zur Macht gedient, wobei es kein Zufall ist, sondern durchaus dem Durcheinander Oesterreichs entspricht, Daß der Sprung zur Macht die Heimwehrführer unmittelbar neben die einstmals bitter bekämpften Christlich-Sozialen brachte. Nach der Ausschaltung Des Parlaments, nach dem Umbau der Verfassung, hörten die innerpolitischen Gegensätze unb Machtkämpfe nicht auf, sondern wurden mit äußer st er (Erbitterung unterirdisch weitergeführt. Die Führer der Fronten, die am 25. Juli um die Macht rangen, waren an keiner Stelle Nationalsozialisten, wohl aber Christlich-Soziale und Heimwehrleute, die es zum Teil mehr oder weniger geschickt verstanden, Deckung zu suchen. Der Gegenspieler des verstorbenen Bundeskanzlers Dr. Dollfuß war der Christlich-Soziale Dr. Riniel e n , der sich als Landeshauptmann von Steier- marf eine Machtstellung geschaffen hatte, die von Der ohnedies nicht einheitlichen Wiener Regierung aesurcktet wurde. Desl)alb mußte Dr. Rintelen als Gesandter nach Rom gehen, wohin er nicht wollte, woher er zurückkehrte, als er die Zeit für gekommen hielt. Aber dann stand noch ein anderer (Segen- fpieler auf, nämlich Major F e y, von dem niemand weiß, woran er eigentlich glaubt. Die österreichische Krankheit hat am 25. Juli einen gewaltsamen Ausbruch erlebt. Das ist die Ursache des Putsches. Forderungen der Tiroler Heimwehr. Wien, 30. Juli. (DNB.) Die Tiroler Heimwehr fordert in einem politischen Lagebericht, der durch die amtliche Polnische Korrespondenz verbreitet wird, daß die H e i m w e h r f a h n e neben der rot-weiß-roten Fahne zur Staats- sahne erklärt werde. In dem gleichen Aufsatz werden Andeutungen gemacht, daß die Heimwehr ^weitgehende politische Forderungen fte&m müsse und auch stellen werde. In dem Artikels wird auch gesagt, daß in der Nacht zum 26. Jutt alle bekannten Innsbrucker Natio- n a I f o ^i a I i ft e n von der Heimwehr trotz Widerstandes einer hohen amtlichen Stelle verhaftet worden feien. Der Aufsatz schließt mit dem Aufruf: „Heft Oesterreich unter grün-weißer Flagge!" Es hat auch vor dem 25. Juli schon ein Oesterreich gegeben, in dem sich Putsche und Auf- stände wie die Glieder einer Kette aneinander» gereiht haben. Diese innerpolitischen Machtkämpfe sind das traurige Erbe einer Vergangenheit, die alles andere eher als von Friede und Eintracht erfüllt war. In der Donaumonarchie kämpft ten nicht nur die Nationalitäten miteinander, auch im eigentlichen Oesterreich gab es eine machtpolitische Zerrissenheit und Gegensätze, die immer wieder zur Schwächung der Staatsgewalt nach innen und außen führten. Wenn es ganz schlimm wurde, wenn Hochadel und Klerus das Bürgertum an die Wand drückten, dann wußte der alte Kaiser keinen anderen Ausweg, als unpolitische Beamte mit der Regierung zu beauftragen. Der Zusammenbruch der Donaumonarchie war wesentlich eine Folge dieser Machtkämpfe und Gegensätze, wobei ausdrücklich betont werden muß, daß nach dem Tode des alten Kaisers die Doppelmonarchie in ihren geschichtlichen Grenzen nicht hätte aufrechterhalten werden können. Diese innerpolitische Zerrüttung Oesterreichs ist auch die Ursache, daß nach dem Sturz der Monarchie die Austromarxisten die politische Macht an sich reißen konnten, obwohl die anderen Parteien an sich stark genug gewesen wären, die Regierungsgewalt zu übernehmen. Aber das Bürgertum war nun einmal zerrissen und uneinig, wobei es in den einzelnen Parteien selbst Gegensätze persönlicher Art gab, die den politischen Machtwillen des Bürgertums erst recht lähmten. Die nächst den Austromarxisten stärkste Partei waren die Christlich-So- Zialen, die aber keine einheitliche Parteigruppe oarfteüten, sondern ein Gemisch aus verschiedenen Lagern. Diese Herkunft hat die Christlich-Soziale Partei bis heute noch nicht abstreifen können, denn sie ist bis heute der Tummelplatz machtpolitischer Gegensätze, die sich überhaupt nicht unter einen Hut bringen lassen. Diese Gegensätze sind vom Ausland gründlich ausgenutzt worden, aber nicht von Deutschland, denn das Ausland, das sich in die innerpolitischen Verhältnisse Oesterreichs mischte, wollte und will keine Befestigung des Staates Oesterreich zulasten. Es hat in der Nachkriegszeit in Oesterreich nur einen Staatsmann gegeben, der weitersah als feine christlich-soziale „Freunde", nämlich Dr. Seipel, der aber gerade deshalb von seinen christlich-sozialen Freunden schachmatt gesetzt wurde. Geflüchtete Reisende, die Oesterreich in hellen Scharen verließen, berichteten von der Sprengung unb Zerstörung von Starkstromleitungen, Bahnend Lichtanlagen im ganzen Bundesgebiet. U. a. zis. <£.£1 k x- , wurde bei Steirerkreuz nahe Graz das Selbstmordversuch Transformatorenhaus gesprengt, so daß die ganze eines Wiener volireiinsvettirr« Gegend of)ne Lichtstrom ist. emev wiener z?0irzennfpell0rs. In Klosterneuburg bei Wien wurde der Wien, 29. Juli. (DNB.) Vor dem Polizei- Universitätsprofessor und frühere christlich-soziale g e b ä u b e fuhr am Sonntagabenb ein Rettungs- Bunbesratsabgeorbnete Dr. Hugelmann, dessen wagen vor. Plötzlich erschienen auch Alarmab - grohdeutsche Gesinnung bekannt ist, von der Heim- teilungen der Polizei mit schußbe - wehr verhaftet unb schwer rnißhanbelt. Man schlug re item Gewehr unb sperrten bas Gebäube ab. ihm sämtliche Zähne ein. Er liegt im Spital schwer Augenzeugen erzählen, baß vom vierten Stock bes barnieber. Gebäubes ein Mann her a bst ü r z t e unb Mehrere ehemalige nationalsozialistische Land- lCsn'nrlagsabgeordnete und Gemeinderäte wurden von B 0 p PTe r9 aü'da-Masdach & b-r h-imw-hr °-rh«s<°,- man befühle, ihre gebäubes fiel. 0 Ermordung. Die Exekutive, soweit es sich nicht Der geheimnisvolle Vorfall im Wiener Polizei- um Die Formationen der heimwehren und der gebäube beginnt sich aufzuklären. Der Sicherheits- Sturmfcharen handelt, ist übermüdet und ver- wacheninfpektor Doppler, der sich am Sonntag- broffen. Sie sieht den Grausamkeiten und den abend aus einem Fenster des Polizeigebäudes in Metzeleien mit Abscheu, aber untätig zu. Die die Tiefe gestürzt hat und schwer verletzt ist, war militärischen Ationen und die geschlossenen oadj^nabTeYlung! bie im Kampshand,ungen scheinen abgeschlossen und be- l e r a m t am Mittwoch voriger Woche Dienst .. . .endet zu fein. machte, als die Putschisten einbranqen unb sie , H'"gegen 'lockert unter bem Embruck ber furcht- überwältigten. Doppler würbe am Sonntag um baren Grausamkeiten ber Ortswehren unb ber Heim- seine Rolle bei biefen Vorgängen wehren ba unb bort immer roieber ein aus ber aufzuklären, zur Staatspolizei gebracht unb Verzweiflung bes gemarterten Volkes verhört. Währenb bieses Verhörs riß er sich los kommenber Wiberstanb auf, so baß bas ganze Lanb unb stürzte sich in bie Tiefe. ftanbig m Unruhe unb Bewegung ist. 3n Wieü verschleppten R o l l k o m m a n b o s ! Kamps fort. der.Heimwehr bekannte Nationalsozialisten unb Berichte aus ben Grenzgebieten bestätigen, baß mißhandelten sie schwer. Auch dabei sei eine Reihe in Kärnten tatsächlich noch gekämpft von Toten zu beklagen. Die Heimwehren stürmten werde. Man halte aber bie Lage ber Aufstänbischen '^^Dnungen unb Buroräume unb verwüsteten sie. nicht für sehr aussichtsreich, ba es ihnen an Le- Diese Ausschreitungen wurden, wie bie Flücht- bensmitteln mangele unb bie sübslawische Regierung linge weiter berichten, im Lause bes gestrigen Tages Die Grenze hermetisch abgesperrt habe. ietann'lÄ Ser südslawische Gesandte bei Äarthou °uch Die Nachnckt hervor, daß Heimwehren Paris, 29. Juli. (DNB.) Außenminister Bar. u n o t u r m | d) a r e n in Steiermark e i n th o u empfing am Samstagabcnb ben fübfla« Massaker veranstalteten, bei bem über 70 Per- w i schen ©efanbten. unb Südslawischer Hinweis an Italien. de^n Zwei Kinder. Auf Grund dieser Nachrichten Belgrad, 29. Juli. (DNB.) In Besprechung tnTJ5 €rn*u*an zA"sehen Stellen zu Zusammen- d?r italienischen Polemik gegen Deutschland erklärt i ofeen, und der Widerstand flackerte an vielen Die „Politik a", daß die römischen Blätter zwar TOrfhSf?" auf* x , auch weiterhin ben beutschen Nationalsozialismus ur9eiLau? de? Alpenlandern besagen, baß als ben einzig Schulbigen für bie Lage in Oester- n°fn ruld>em-Set den schweren Kämpfen Ber- reich hinstellten, baß sie babei aber ganz vergäßen, wunbete ohne Pflege und Fürsorge sterben. i n welchem Ausmaß gerabe Italien 3n körnten wurde nach den Berichten der sich in den letzten IV- Jahren bemüht Flüchtlinge ein Befehl der heimwehrführuna seine Vertreter der Wiener Politik die bekannt. Er lautete. „Die Nationalsozialisten Rfta H *7ä immer klügsten sind zu dezimieren. Es gibt nur Kopf oder ^^schlage aufzubrangen. Bauchschüsse." Tatsächlich wurden von Augen- Rmtelen seines Gesandtenpostens nSr# ""berordentlich viele Bauchschüsse fest- enthoben. ' übet''M* 2ne'6Un9en Wien. 28. Juli. (DNB., Die Regierung ha. auf . Grund des gestrigen Ministerratsbeschlusses Dr. S chw e r d e r r» h Obersteiermark wurden vier Rintelen von seinem G e s a n d t e n p o st e n in schwerverletzte erhängt. Nach einem ande-' Rom enthoben. Nach Güdslawien geflüchtet. Klüchtlingsberichte Belgrad, 29. Juli. (DNB.) Das „Deutsche - Stunde zu Stunde unb Kaiserbild vor Ein ^lesenziKathedrale die mit ihren weitaus- ber Kasanschen he Menschen zu umfassen ladenden Kolonaden g«mme schrie: „In dieser chien. Eme h rs ung beten!" Alles warf sich schweren Stun laß Himmel: n-eder und flehend ern ^^r>er!" Sollten die o t t s $ 8 scsnckialsschwangere Verhängnis die- ^^L?beaKen Men? Da erhoben sich die Gesten und ^zogen mit ihrem eingeleierten Hurra- Sehen'Sie'doch^dies Straßengesindel, diese Zu- ^k§? Dirnen und unnützen Junten!" sagte mir ^bestehender Polizist, mißtrauisch den plötzlich aus ^der^ T^fe herausgeschwemmten Janhagel musternd. Gestern noch waren diese Leute rot bis auf die Knochen gewesen. Jetzt sammelten sie sich vor der Redaktion des nationalistischen Hetzblattes, der „Wetscherneje Wremja", und folgten willig den weiß-blau-roten Fahnen durch die Straßen der Stadt. Eine gefährliche, leicht entzündbare Menge! Seiner, der „Blaue Esel", das gemütliche Restaurant der Deutschen am Newski. Am Abend des 1. August glich es einem Bienenschwarm ohne Weisel. Von Tisch zu Tisch flog die Nachricht: der Krieg ist erklärt! lieber all die bleichen Gesichter reichsdeutfcher Bekannter: Ingenieure und Kaufherren. Flüsternd wurde mitgeteilt, daß es diesem oder jenem gelungen sei, über die Grenze zu kommen. Empörte Vorwürfe, daß Botschaft und Konsulat nicht gewarnt hatten. Montag, 3. August, hieß es, werde noch ein Schiff nach Deutschland gehen! Keiner dieser wohlgenährten Herren, die hier noch gutes deutsches Bier in trauten Räumen tranken, ahnten, welch elendes Schicksal ihrer aller im fernen Sibirien harrte. Schon begannen die Anpöbelungen Deutsch- sprechender auf den Straßen. Dabei hatte Petersburg eine deutsche Bevölkerung von rund 80 000 Köpfen, davon allein etwa 25 000 Angehörige des Deutschen Reiches. Am 2. August 1914 stand ich auf dem herrlichen Platz vor dem Winterpalais, in der Nähe der aus einem Granitblock gehauenen himmelragenden Friedenssäule. Vor mir der Riesenkasten mit seinen Statuen auf dem Dach, hinter mir die Rundung des Generalstabes und das Kriegsministerium mit dem Torbogen, der „Arke". Mich umgab eine vieltausendköpfige Menge. Alles lauschte still und stumpf auf die gedämpften Töne, die aus dem Palais herausdranaen: Fetzen der Hymne „Gott schütze den Zaren! , dumpfe Hurra-Salven. Schließlich hatte der große Empfang des Zaren fein Ende gefunden. Die Flügel einer Balkontür tm zweiten Stock des Palais öffneten sich und hinaus zur geduldigen Menge traten Nikolaus II. und feine Gemahlin. Er verneigte sich tief. Ein Hurra zog über die Menge hin und verlor sich im weiten Raum. Der Zar sagte was. Hier und da versuchte die Menge zu fingen. Es gab feinen Zusammenklang, noch immer bk steife Befangenheit. Erst als das Zarenpaar ausfuhr, kam Leben in die Menschen. Neben dem Karserpaar wurden der englische Botschafter und der serbische Gesandte gegrüßt. Sir Buchanan fuhr dicht an mir vorbei. Junge Burschen liefen neben dem Wagen her. Stolz und abschätzend blickte der Engländer auf das so erfreulich kriegerische Volk der Russen hinab. Bald lief das Wort in Petersburg um, England habe beschlossen, den Krieg f o r t • zuführen bis auf den letzten — russischen Soldaten. Jetzt konnte niemand mehr daran zweifeln, daß das Verhängnis des russisch-deutschen Krieges seinen Lauf nahm. SmhestlichelmMeVvrbildung Die im „Reichsgesetzblatt" vom Freitag oeröffent- lichte, vom Reichsjustizminister Dr. G ü r t n e r erlassene Justizausbildungsordnung vom 22. Juli 1934 ist ein weiterer, außerordentlich bedeutsamer Schritt zur Vereinheitlichung der Rechtspflege im Reich. Vom 1. Oktober d. I. an wird sich die juristische Vorbildung im ganzen Reich nach einheitlichen Grundsätzen und unter unmittelbarer Leitung des Reichsjustizministers vollziehen. In den neuen Ausbildungs- und Prüfungsvorschriften ist mit besonderer Schärfe der Gedanke heraus- gearbeitet, daß das, was der Staat braucht und heranbilden will, weder lebensfremde Gelehrte, noch bloße Techniker des Rechts sind, sondern kraftvolle, charakterfeste Männer, die vermöge eines gediegenen Fachwissens und einer weiten allgemeinen, staatspolitischen Bildung den Volksgenossen wirkliche Führer, Richter und Berater sind. In der äußeren Gestaltung des Ausbildungs- ganges — mindestens dreijähriges Universitätsstudium, erste juristische Staatsprüfung, dreijähriger Vorbereitungsdienst, große Staatsprüfung —- bringt die Ausbildungsordnung besonders für Preußen keine wesentlichen Aenderungen. Für eine Reihe von Ländern, besonders für Süddeutschland, verkürzt sich der Ausbildungsgang im ganzen um ein bis zwei Semester. Eine wichtige Neuerung für Preußen ist die siebenmonatige Beschäftigung der Referendare bei der Staats- oder Kommunalver- waltung. Die große Staatsprüfung wird künftig vor einer einheitlichen, unmittelbar dem Reicks- justizminifter unterstellten Behörde, dem Reichsjustizprüfungsamt, abgelegt. Oes galanten Frauenzimmers bequemes und nützliches Handbuch. Ein Schönheitsbrevier aus alter Zeit. Von Rudolf Wessel. So lautet der vielversprechende Titel eines 680 Seiten starken FrauenLreviers aus dem Jahre 1776, „darinnen alle dem Frauenzimmer wohlanständige und häusliche Verrichtungen enthalten sind". In dickes Schweinsleder gebunden, mit zwei starken Schließen, wie man sie heute noch an älteren Bibeln findet, die Seiten vergilbt, der Druck verblichen und verstaubt, lag das Buch, in dem einst zarte Hände einer schönen Frau eifrig geblättert, auf meinem Schreibtisch, und ich begann zu lesen. Die ersten Kapitel über Nähen und Sticken, Knüpfen und Häkeln, Backen und Braten, Kochen und Waschen — ich gebe es ehrlich zu — überschlug ich pietätlos, um mich indiskreterweise desto mehr in das Kapitel der Schönheitspflege zu vertiefen, dieser angewandten großen Wissenschaft des schönen Geschlechts. Heute arbeitet dafür eine gewaltige Industrie, während damals noch die Frau, mehr oder weniger auf sich selbst gestellt, durch ängstlich vor der Freundin gehütete Hausrezepte ihre Schönheit zu pflegen und zu erhöhen bestrebt roar._ „Ein sonderbares Geheimnis, die Haut schön zu machen und zu erhalten", soll hier nur gleich verraten werden für alle die, die trotz Gesichtswasser und Puder, Creme für die Nacht und Creme für den Tag, trotz elektrischer Massage und ultravioletter Strahlenbäder mit sich und chrer Haut nicht zufrieden sein sollten. „Man nehme", so heißt es in dieser geheimnisvollen Haushalts- und Schönheitskunde, für deren Ratschläge ich jedoch jode Verantwortung ablehnen muß, „einen eisernen Löffel, mache solchen über Kohlen heiß und bald glühend. Nachmals spritze man aus dem Munde Wein in den Löffel und laß den Dampf, mit einem Tuch um den Kopf gehalten, ins Gesichte. Danach lasse den Löffel wieder heiß werden, streue darin gestoßenen Myrrhen, laß den Rauch wieder ins Gesicht gehen und verbinde mit dem übergeworfenen Tuch den Kopf, wenn man zu Bette gehen will. Das muß oft, zum mindesten dreimal hintereinander, geschehen." Diese Prozedur erscheint mir, allerdings eitlem krassen Laien auf diesem intimen Gebiet, reichlich umständlich, ganz abgesehen davon, daß ich meiner Frau eine furchtbare Szene machen würde, wenn sie meine letzte Flasche Aßmannshäuser Schloß- Am 1. August tritt die Durchführungsverordnung des Reichswirtschaftsministers (vom 5. Juli 1934) zum Gesetz über einstweilige Maßnahmen zur Ordnung des deutschen Siedlungswesens (vom 3. Juli 1934) in Kraft. Hierzu sei bemerkt, daß durch Erlaß des Reichspräsidenten vom 29.3.1934 „für die Förderung des Siedlungswerkes" ein Reichs- k o m m i s s a r bestellt wurde, dessen Geschäftsbereich alle Aufgaben der Siedlung umfaßt, mit Ausnahme der Aufgaben, die dem Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft hinsichtlich der Neubildung des deutschen Bauerntums zustehen. Der Siedlungskommissar ist inzwischen vom Reichskanzler ernannt; er untersteht dem Reichswirtschaftsminister und trifft seine Maßnahmen in Zusammenarbeit und im Einvernehmen mit dem Reichsarbeitsminister. Um bei der Durchführung des Siedlungswesens mit den Dienststellen der Gemeinden und Länder eng zusammenzuarbeiten und deren Erfahrungen in den Dienst der großen Sache zu stellen, fand kürzlich in München eine Reichswohnungskonferenz statt, an der auch das Heimstättenamt der NSDAP, teilnahm. Die Grundlage der neuen Tätigkeit bildet vorläufig das erwähnle Gesetz vom 3. Juli 1934, worin abzug über einem ganz gemeinen Blechlöffel zum Dampf verspritzen wollte. Aber eine Frau denkt da ja vielleicht anders, zumal es schließlich um ihren schönen Teint geht, den wir Männer ja auch lieben. Doch man ist wohl in dem Buch selbst von der totsicheren Wirkung dieses Mittels allein noch nicht ganz überzeugt, denn man empfiehlt dazu außerdem noch ein „vortreffliches Wasser, das Angesicht wohlgestaltet zu erhalten". „Nimm junge Tauben, 11 Stück", heißt es weiter, „Kalbfleisch, 11 Pfund, Sprungkörner wohl abge- schält, 8 Lot Pimpernüßlein, geschälte süße Mandeln, zerstoßene und gereinigte Wurzeln von weißen und blauen Lilien, von Bohnen, Rindergalle, Natterwurzel, Weißwurzel, jedes soviel, daran genug ist, weißes Brot, die Brosamen mit Schafsmilch befeuchtet, Gummi Ammoniaci in Essig sol- viert (gelöst), die Blüten von Rainweiden, jedes gleich viel, alles genug ist; mische alles wohl durcheinander und destilliere es bei gelindem Feuer. In das, was übergegangen ist, tue ein wenig Bisem und weißen Benzve und dergleichen und bewahre es wohl zum Gebrauch." Das ist doch noch ein Rezeptchen! Diese inhaltreiche Mixtur muß ja geradezu frappante Wirkung haben und trägt dazu der Individualität jeder einzelnen Frau durch die rein gefühlsmäßige Mengen- Bestimmung „so viel als genug" wirklich weitgehend Rechnung. Nur um die schönen jungen Täubchen tut es mir leid, wenn man bedenkt, daß man diese, lecker gefüllt, doch auch ganz schön braten könnte, und auch um die HPfund Kalbfleisch dürfte es schade sein. Aehnliche Bedenken mögen wohl auch der Autorin dieses trefflichen Rezeptes gekommen sein; denn sie fährt in ihren Vorschlägen gteid) in der nächsten Zeile fort: „Notabene, die nicht viel aufzuwenden haben" — solche bedauernswerten Hausfrauen muh es also auch schon damals gegeben haben —, „können dafür nüchtern ein paar Mandelkerne käuen und sich mit derselben Milch abreiben und das Gesicht waschen." Na also, das ist bestimmt billiger. Arme Frau des Rokoko, die noch keine Industrie hatte, die sie davor bewahrte, bei ihrer Morgen- und Abendtoilette auf eine bittere Mandel zu beißen. dem Reichswirtschaftsminister besondere Vollmachten gegeben wurden. So ist die Gewähr geschaffen, daß bis zur reichsgesehlichen Regelung des Planungs- Siedlungs- und öffenklichen Vaurechls niemand ohne weiteres fo bauen kann, wie er will. Eine Anzeigepflicht ist vorgeschrieben für die Errichtung oder Riederlegung von Wohngebäuden (Wohnblocks) mit mehr als 50 Wohnungen, ferner die Errichtung oder Rieder- legung von mehr als 25 nichtlandwirlfchaftlichen Siedlungsgebäuden oder Eigenheimen, ferner für die Errichtung oder wesentliche Erweiterung von gewerblichen Haupt-, Neben- oder Zweigbetrieben, wenn durch diese Maßnahmen die Einstellung von mehr als 50 Arbeitnehmern und entweder umfangreiche Neubauten für den Betrieb erforderlich werden oder Wohnungsneubauten für wenigstens 25 Arbeitnehmerfamilien. Wichtig ist, daß diese Anzeigepflicht auch für den Erwerb eines Grundstücks für die drei genannten Maßnahmen gilt. Geht auf Grund der Anzeige von den zuständigen Stellen (in Preußen der Regierungspräsident) innerhalb 14 Tagen dem Anzeigenden keine Mitteilung zu, so gilt dies als Erklärung, daß gegen die beabsichtigte Maßnahme keine Bedenken bestehen. Widerspricht dagegen die beabsichtigte Maßnahme den Siedlungs- und wirtschaftspolitischen Absichten der Reichsregierung oder sonst dem öffentlichen Interesse, dann kann die Ausführung vom Reichswirtschaftsminister untersagt werden; in einem solchen Falle erhebt die zuständige Stelle gegen die beabsichtigte Maßnahme vorläufigen Widerspruch und führt unter Darlegung der eigenen Stellungnayme die Entscheidung des Ministers herbei. Eine Uebergangsregelung ist insofern vorgesehen, als die Anzeigepflicht nicht gegeben ist, wenn entweder mit dem Bau oder der Riederlegung vor dem 1. September 1934 begonnen wurde oder die Vereinbarungen über den Erwerb von Grundstücken vor diesem Zeitpunkt abgeschlossen sind. Zuwiberhandlungen werden mit Gefängnis und Geldstrafe geahndet. Wichtig ist sodann noch die Gesetzesbestimmung, daß Schäden, die durch Maßnahmen auf Grund des Gesetzes entstehen, nicht entschädigt werden. Das Gesetz bezieht sich nicht auf die landwirtschaftliche Siedlung und die Neusiedlung des deutschen Bauerntums und bedeutet nicht etwa eine Erschwerung des Siedlungswesens oder der Wirtschaft, sondern nur deren Förderung. Nach dem Reichsgesetz vom 22. September 1933 können die obersten Landesbehörden solche Gebiete, in denen eine starke Wohnungsfiedlungstätigkeit besteht oder zu erwarten ist, zu wohnsiedlungsgebieten erklären, wenn anzunehmen ist, daß ohne besondere Ordnung der Besiedlung das allgemeine Interesse oder das Wohl der Siedler beeinträchtigt würde. In derartigen Wohnsiedlungsgebieten wird durch einen Wirtschaftsplan die geordnete Nutzung des Bodens geregelt, insbesondere im Hinblick auf die Erfordernisse der Land- und Forstwirtschaft und der Industrie, des Verkehrs, der Bebauung, des Luftschutzes, der Erholung und des Heimatschutzes. Wirtschaftspläne angrenzender Besiedlung müssen selbstverständlich in Einklang stehen, und nötigenfalls kann die oberste Landesbehörde die Aenderung des Planes verlangen, wenn es das Gemeinwohl erfordert. Nicht unerwähnt fei noch, daß in dem Wirtschaftsplan für die Besiedlung geeignete Flächen in ausreichendem Umfange als Wohn- und Siedlungsflächen vorgesehen werden müssen. Unter „Besiedlung" ist hier also die Siedlung in jeder Form, auch der reine Wohnungsbau, zu verstehen. 34 ehemalige Kommunisten vor dem Hessischen Oberlandesgericht. LPD. D a r m st a d t, 28. Juli. Der Strafsenat des Oberlandesgerichtes verhandelte am Donnerstag und Freitag unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gegen vierunddreißig ehemalige Kommuni st en im Alter von 22 bis 48 Jahren wegen Hochverrats und Vergehens gegen das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien. Die Angeklagten waren beschuldigt, bis zum Spätjahr 1933 noch Gelder für die KPD. kassiert und abgeliefert bzw. den Zusammenhalt der KPD. gefördert und neu organisiert zu haben. Das Gericht verurteilte die Angeklagten Heinrich Klein aus Darmstadt unter Einbeziehung einer früheren Strafe zu 2 Jahren 9 Monaten Gefängnis, Karl Kuhn- Darmstadt und Rudolf Friedrich- Darmstadt zu je 1 Jahr 9 Monaten Gefängnis, Ernst Z u l a u f - Darmstadt zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis. Hans Otto F i l l- f a ck - Darmstadt, Johann Bitsch- Pfungstadt, Georg D r e n t e l - Griesheim, Adam Lust- Weiterstadt und Heinrich Wannemacher - Erzhausen zu je 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis, Johann Lang- Darmstadt, Wihhelm S l o t o s ch - Darmstadt, Hch. Lied erb ach-Griesheim, Frau Elisabeth Becker-Griesheim, K. Damm-Arheilgen und Willi L e m b e r t-Arheilgen zu je 1 Jahr Gefängnis. Leo R o h l e d e r - Darmstadt und Heinrich Schäfer- Erfelden zu je 6 Monaten Gefängnis. Das Verfahren gegen drei Angeklagte wurde .^getrennt. Ms Anmeldepflicht für Sanvorhaben. ZweiMmer und Hilda Roman von Hermann W. Walber. Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 16 Fortsetzung. Nachdruck verboten! Mya Körber befand sich seit früher Morgenstunde auf dem Flugplatz. Nachts war ein Telegramm aus Wien eingelaufen, wonach das Flugzeug dort gelandet sei, um die Tanks aufzufüllen. So wartete sie denn, um Prachianu in Empfang Zu nehmen und ihn und Wolterstorfs sofort nach dem Notariat zu bringen. Das Flugzeug war längst überfällig. Hatte es eine Panne gehabt? Mußte es irgendwo notlanden? Würden die beiden noch rechtzeitig eintreffen? Doktor Becker war schon weit vor elf Uhr bei Notar Althaus, der ihn in ein Zimmer führte, das direkt an sein Arbeitszimmer angrenzte. Dort stand er nun hinter der Gardine und beobachtete die Straße und wartete... Die Minuten wurden ihm zu Stunden... Punkt elf Uhr fuhr Kirchhofens Mercedes vor. Elastisch sprang sein Insasse auf die Straße, stellte den Motor ab und schritt dann dem Hauseingang zu. Wolterstorfs noch nicht da ... Beckers Blick streifte die Straße abwärts, ob nicht ein andere Wagen noch in Sicht war, der die Erwarteten bringen würde. Sollte die Hinauszögerung auf den heutigen Tag nun doch etwa noch vergeblich gewesen sein? Wie dem auch sei: die Entscheidung war da. Er fühlte sich Manns genug, mit dem Burschen drinnen auch allein fertig zu werden. Er faßte an seine Tasche. Der Revolver war geladen. Für alle Fälle... Man konnte ja nicht wissen..- * Höflich empfing Notar Althaus den stellvertretenden Leiter der Geyerling-Werke. Hans von Kirchhofen war in aufgeräumter Stimmung. Jetzt also war seine große Stunde gekommen... Sie würde ja in ihrem Endergebnis nicht so sein, wie er es sich ursprünglich gedacht hatte. Immerhin — die Geschichte sollte schon lukrativ für ihn aus- fallen. Dafür würde er sorgenr.» Er nahm hinter dem Schreibtisch in einem Ledersessel Platz. „Frau Geheimrat lassen sich entschuldigen. Sie will den Akt hinterher unterschreiben. Sie fühlt sich heute nicht wohl. Wir wollen sie sogleich in ihrer Wohnung aufsuchen." Der Notar griff nach einem Aktenstück und schlug es auf. Seine Hände zitterten dabei vor innerer Erregung. „Ich werde Ihnen das Schriftstück vorlesen." Bevor er begann, goß er sich ein Glas Wasser ein und trank es in einem Zuge leer. Das kühle Getränk verschaffte ihm Rübe. Er las mit klarer, fester Stimme. „So! Und nun, Herr von Kirchhofen, noch eine kleine formelle Geschichte. Es muß noch Klarheit geschaffen werden wegen Ihrer Identität. Einen Augenblick, bitte!" Althaus erhob sich, ging zur Tür und stieß sie auf. „Herr Doktor, wenn ich bitten darf." Hans von Kirchhofen fuhr entsetzt aus dem Sessel hoch. Aeffte ihn ein Spuck. Nein! Es war ein Wesen von Fleisch und Blut, das da im Türrahmen stand, die Augen starr auf ihn gerichtet, und das jetzt langsam näherkam. Das war Doktor Becker, derselbe, der tags zuvor und in der Nacht mit ihm zusammen war. „Doktor Becker?!" Stoßweise brachte er den Namen über seine Lippen. Seine Kehle war wie zugeschnürt. „Ja, Hans Kirchhoff! Doktor Becker steht vor Ihnen und verlangt Rechenschaft im Namen Knauers, der sich augenblicklich noch nicht selbst helfen kann." Kirchhofens Gesicht wurde um einen Grad bleicher. Seine blutleer gewordenen Lippen formten unverständliche Worte. „Das Verbrecherspiel ist aus, Hans Kirchhoff! Es gibt jetzt nur noch eins: von der Bildfläche verschwinden!" In des Mannes Gesichtszügen wurde es etwas lebendiger. Blitzartig durchzuckten ihn Hoffnungsgedanken. Hier war nichts mehr zu wollen. Man wußte, wer er war und was er getan. Offenbar wollte man ihn laufen lassen, unter gewissen Bedingungen. Man fürchtete den Skandal, wie es schien. Da hieß es also jetzt, sich so glimpflich wie möglich aus der Schlinge zu ziehen. Unerbittlich fuhr Becker fort: „Wir wissen noch mehr, Hans Kirchhoff, wir.. Die Tür ging auf — wurde ausgerissen. Die drei Männer hatten in der Erregung des Augenblicks nicht gehört, daß ein Auto vorgefahren war. Hans Kirchhoff erstarrte. Standen die Toten auf? — Wolterstorfs? Lebendig?! Und die anderen da?! Die Mya! Und Prachianu! Wie Schuppen fiel es von seinen Augen. In seinem Gesicht zuckte es vor Wut. Es schien einen Augenblick, als wollte er sich auf die Frau und den Rumänen stürzen, um ihnen den Verrat heimzuzahlen. Im Bruchteil einer Sekunde warf er einen Blick in den Nebenraum. Hatte man vielleicht sogar auch schon die Polizei mitgebracht? Wo blieb sie denn, um ihn zu verhaften? Verhandeln? Das würde zwecklos sein. Aber — handeln! Das war nun das allein Gegebene. Ein Sprung! Auf den Tisch! Don da auf die Fensterbank! Ein Fußtritt...! Holzrahmen krachten. Scheiben klirrten. Höhnisches Auflachen! Hans von Kirchhofen sprang auf die Straße, rannte an sein Auto. Der Motor ratterte. Als die Menschen in dem Büro des Anwalts durch den Flur ins Freie gelangten, sahen sie den roten Mercedes in sausender Fahrt um eine Ecke biegen. Verfolgen? Ja! — Man mußte wissen, wo der Verbrecher blieb. Zum Glück war der Taxwagen vom Flugplatz noch zur Stelle. Wolterstorfs, Becker, Prachianu hinein! Und nun hinter dem Mercedes her. Der Chauffeur erfaßte die Situation sofort und gab Vollgas. Rasende Fahrt! Verkehrsbeamte gaben Zeichen. Man achtete ihrer nicht. Es würde Protokolle regnen. Was verschlug's?! Die Straßen wurden einsamer. Der Mann im Mercedes hatte offenbar gemerkt, daß er verfolgt wurde. Er stellte den Motor auf höchste Tourenzahl. Kaum, daß die Räder den Boden berührten! Die Taxe blieb zurück. Der Zwischenraum wurde jetzt immer größer. (Fs fd)ien, als würde Kirchhoff entkommen. >jetzt war dessen Wagen in einer Kurve den Blicken der Verfolger entzogen. Beamte u. Deutsche Arbeitsfront. Das Presse- und Propaganda-Amt der Deutschen Arbeitsfront teilt durch den Leiter des Organisationsamtes Claus S e l z n e r , mit: „Es besteht Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß für Reichs-, Länder- und Gemeindebamte die zuständige Organisation der Reichsbund der deutschen Beamten ist. Die DAF. nimmt Beamte, die in den Beamtenbund gehören, als Mitglieder nicht auf. Beamte, die Führer von Wirtschaftsbetrieben sind, die nicht unter das Gesetz zur Ordnung der Arbeit in öffentlichen Verwaltungen und Betrieben vom 23. März 1934 fallen, können auf Antrag die Einzelmitgliedschaft in der DAF. erwerben. Die Hinzuziehung von Beamten zu den Beiräten der Reichsbetriebsgemeinschaften als ständige Mitglieder dieser Institutionen ist verboten. Unbeschadet dieses Verbotes können Beamte zu Schulungszwecken Vorträge in den Kursen der Reichsbetriebsgemeinschaften halten. Die Reichsbetriebsgemeinschaften führen ihren gesamten Behördenverkehr nur über das Zentralbüro der Deutschen Arbeitsfront durch". Wirtschaft. Auslandskredite zur Förderung der deutschen Rohsioffeinfuhr? Fwd. Noch verschiedenen Meldungen soll in maßgebenden englischen und amerikanischen Kreisen, die die ungünstige Entwicklung der Rohstosfaussuhr nach dem Deutschen Reiche mit Sorge verfolgen, die Absicht bestehen, durch Gewährung von Krediten eine Steigerung des deutschen Rohstoffbezuges zu erzielen. Man bringt die Besuche des Gouverneurs der Neuyorker Federal Reserve Bank Harrison in Berlin und des Gouverneurs der Bank von England Norman in Neuyork mit diesen Plänen in Verbindung. Diese Meldungen geben Gelegenheit, von neuem zu betonen, daß die zweck- mäßigste und einfachste Art der Finanzierung der deutschen Einfuhr nicht Auslandskredite sind, sondern die Ermöglichung eines vermehrten Absatzes deutscher Waren auf den Auslandsmärkten. Oie Sparkasseneinlagen im Juni. Wie saisonmäßig zu erwarten war, hat sich die Einlagenentwicklung bei den deutschen Spar- kaffen im Juni weiter verschlechtert. Im Spar- verkehr stiegen zwar die Einzahlungen um 9 Mill. Mark auf 432,8 Mill. Mark, gleichzeitig aber die Auszahlungen um 48,4 Mill. Mark auf 478,3 Mill. Mark. Die Auszahlungen übertrafen mithin die Einzahlungen um 45,5 Mill. Mark. Dieser Einlagenrückgang wurde etwa zur Hälfte durch die Zins- und Aufwertungsgutschriften ausgeglichen. Die Zinsgutschriften betrugen 9,3 Mill.' Mark, auf die Aufwertungsgutschriften 13,8 Mill. Mark. Im Saldo verringerte sich der Spareinlagenbestand um 22,3 Mill. Mark auf 11 668 Mill. Mark. Die Steigerung der Auszahlungen ist aus Finanzierung der zusätzlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, auf Beteiligung der Sparkassenkundschaft an der Zeichnung der 4--d. H.-Anleihe des Deutschen Reiches von 1934, sowie auf Ausgaben für Reisezwecke zurückzuführen. Die Depositen-, Giro- und Kontokorrenteinlagen der Sparkassen verringerten sich im Juni um 38 5 Mill. Mark auf 1342,8 Mill. Mark. Für die Abnahme dürften die gleichen Gründe maßgebend gewesen sein, wie für den Rückgang der Einlagen im Sparverkehr. * * 100 Jahre Cornelius Heyl- AG., Worms. In diesen Tagen kann die Lederwerke Cornelius Heyl-AG., Worms, auf ihr lOOjähriges Bestehen als industrielles Großunternehmen zurückblicken. Die Gesellschaft entwickelte sich in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts schnell zu einer Firma großer Bedeutung in der Lcder- branche, um sich unter der tatkräftigen Leitung der folgenden Generationen zu der heute überall bekannten Weltfirma emporzuarbeiten. Als die Taxe die Kurve erreichte, bot sich ihren Insassen ein entsetzliches Bild. Da lag der Mercedes, das unterste nach oben gekehrt, in zertrümmertem Zustand — quer vor einem Baurn. In einiger Entfernung ein Mensch, gräßlich verstümmelt, mit zertrümmertem Schädel. Hans Kirchhoff lebte nicht mehr. Seine Flucht war eine rasende Fahrt in die Arme des Todes geworden. Die Männer umstanden die Leiche. Stumm zogen sie die Hüte, erschüttert über das Ende eines Menschen, dessen Leben so viele Wirrungen durchgemacht. Sein Tod sühnte feine Taten. Hans Kirchhoff stand jetzt vor einem höheren Richter. * Tagelang beschäftigte sich jetzt die Oeffentlichkeit mit den neuen Sensationen, denn es waren Sensationen, das Wiederauftauchen des Leiters der Geyerling-Werke und der Unglückstod des Herrn von Kirchhofen. Wolterstorfs wurde von der Presse bestürmt. In ausführlichen Interviews mengte er Wahrheit und Dichtung durcheinander. Jrn allgemeinen, besonders aber im Werk, wurde sein Wiedererscheinen lebhaft begrüßt. Rätsel gab der Oeffentlichkeit lediglich der Tod des Mannes, der auffälligerweise an demselben Tage erfolgte, an dem Wolterstorfs zurückkehrte. Gerade diese Tatsache ließ allerlei Vermutungen und Kombinationen aufkommen. Jedoch — die, die Bescheid wußten, hielten dicht; allmählich drängten neue Ereignisse diese Geschehnisse in den Hintergrund, und es erwies sich in diesem Falle wie schon so oft, daß die Oeffentlichkeit ein sehr kurzes Gedächtnis hat. Hans Kirchhoff wurde in aller Stille beigesetzt. Nur wenige Menschen gaben ihm das letzte Geleit, unter ihnen Wolterstorfs und Doktor Becker. Auch einige Vertreter vom Werk waren anwesend. Notar Althaus wurde gleich nach dem Unglück gebeten, die Frau Geheimrat aufzusuchen und sie über die Geschehnisse zu unterrichten. Die alte Dame zeigte sich außerordentlich gefaßt, nachdem sie von dem tödlichen Unglück ihres Schwiegersohnes gehört hatte. Sie brach aber erschüttert zusammen, als sie die Einzelheiten über Kirchhofens Vorleben und Taten erfuhr. Es bedurfte langer Mühen, sie über diesen sehr schweren Schlag hinwegzubringen. Der Appell an ihr MuttertuM wirkte dabei Wunder. (Schluß folgt)