Nr. 295 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, (6. Dezember 1935 .Ich denke, daß Menschen der größte Reiche tum seien." Friedrich der Große. Kaust Wohlfahrtsbriesmarken für die Winterhilfe! Dem Kampf gegen hunger und Kalle dienen auch die diesjährigen wohlfahrtsbriesmarken! Dank und Freude der Aermsien werden das Ergebnis fein, wer könnte da zurückstehen, sie zu kaufen? Bevölkerung um ein Drittel ihres Bestandes. Ein Bruchteil auch nur dieses Erfolges früherer preußischer kolonisatorischer Tätigkeit würde unserer Gegenwart genügen. Eine solche Umschichtung aber würde keinen willkürlichen Eingriff in eine naturgemäße Entwicklung der Bevölkerung bedeuten, sondern die Rückkehr zu einem ausgewogenen Bevölke- rungsverhältnis zwischen Stadt und Land. Noch um 1880 haben wir einen annähern- den Gleichstand des städtischen und ländlichen Be- völkerungsanteils in Deutschland gehabt. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts überwog noch bedeutend die Landwirtschaft; mit dem Ende des vo- rigen Jahrhunderts aber nahm der städtische Anteil Wir sind nicht zu am für ZeMmnigsznwachS Don Dr. B. Hansen. II. In einem dem Gesetz vom 27. Oktober 1933 vorgesetzten Borspruch heißt es u. a.: „Eine volkstümliche Rechtspflege ist nur in einem Berfahren möglich, das dem Bolk verständlich ist und einen ebenso sicheren wie schleunig wirkenden Rechtsschutz verbürgt. Keiner Partei kann gestattet werden, das Gericht durch Unwahrheiten irrezuführen oder seine Arbeitskraft durch böswillige oder nachlässige Prozeßoerschleppung zu mißbrauchen. Dem Rechts- K... entspricht die Pflicht, durch redliche und ältige Prozeßführung dem Richter die Findung des Rechts zu erleichtern. Aufgabe des Richters ist es, durch straffe Leitung und in enger Fühlung mit den Parteien dahin zu wirken, daß jede Streitsache nach gründlicher Borbereitung möglichst in einer Verhandlung aufgeklärt und entschieden wird. Er hat Vertagungen, die nicht sachlich dringend geboten sind, zu vermeiden und zu verhindern, daß ein Verfahren durch verspätetes Vorbringen verschleppt wird. 1. Um dieses weitgesteckte Ziel zu erreichen, stellt das Gesetz an die Spitze seiner Neuerungen in Artikel I im Anschluß an den Entwurf 1931, der hierin dem österreichischen Recht folgt, das Verbot der Prozeßlüge, indem es dem § 138 ZPO. als Abf. 1 die neue Vorschrift voranstellt: „Die Parteien haben ihre Erklärungen über tatsächliche Umstände vollständig und der Wahrheit gemäß abzugeben". Dieses ausdrückliche Verbot der Lüge ist zu begrüßen, eine bloße Anerkennung der Wahrheitspflicht genügt nicht und gänzlich abzulehnen :ft heute natürlich gar die Verneinung der Wahrheitspflicht. Die Wahrheitspflicht ist echte Rechtspflicht gegenüber dem Gericht. Der Gesetzgeber hat bewußt von Sanktionen abgesehen. Volkmar weist darauf hin, daß die Anwälte schon durch ihre Standespflicht genötigt sind, das Gebot zu beachten und also künftig nicht mehr in der Lage sind, Parteibehauptungen, deren Unrichtigkeit ihnen klar ist, dem Gericht vorzutragen oder, um die Situation zu retten, aufs Geratewohl Behauptungen aufzustellen. 2. Unter den Maßnahmen zur strafferen Zusammenfassung des Streitstoffes folgt dann als neuer Abf. zu § 279 die Vorschrift, daß Angriffs- und Verteidigungsmittel zurückgewiesen werden können, deren rechtzeitige Mitteilung durch vorbereitenden Schriftsatz (§ 272) die Partei unterlassen hat. Das Nachschieben von neuen Angriffs- und Verteidigungsmitteln war bisher das beliebteste Mittel zur Hinausziehung eines für die Partei nicht günstig stehenden Prozesses, obwohl bislang schon § 272 ZPO. vorschrieb, daß dem Gegner Behauptungen, Beweismittel und Anträge, auf welche der Gegner sich ohne vorherige Erkundigung voraussichtlich nicht erklären kann, rechtzeitig mitzuteilen sind. Die Nichtbeachtung dieser Vorschrift ist künftig unter Umständen mit nachteiligen Folgen verknüpft. Bei der gangen Fassung des § 279 ZPO. wird auch künftig noch ein voller Erfolg im Sinne des Gesetzgebers von dem Maße der Energie abhängen, mit der der Richter diese Kann Vorschrift anwendet. Diese Neuerung kann sich nur auf das landgerichtliche Verfahren beziehen, weil nur in ihm vorbereitende Schriftsätze vorgeschrieben sind. Im Zusammenhang damit schreibt das neue Gesetz in Ergänzung des § 519 Abs. 3 ZPO. eine genaue Angabe der Berufungsbegründung vor, indem es verlangt die bestimmte Bezeichnung der im einzelnen anzuführenden Gründe der Anfechtung sowie der neuen Tatsachen, Beweismittel und Beweiseinreden, welche die Partei zur Rechtfertigung der Berufung anzuführen hat. Damit ist die Pflicht zu einer wirklichen, ins einzelne gehenden Berufungsbegründung geschaffen und für die rein formelmäßigen Begründungen, wie sie bisher im Anschluß an die Rechtsprechung des BG.s üblich Der neue Jivilprozeß nach-emGesehvom27.Okt.4933 Don Richard Schudt, Landgerichtsdirekior i. X „Ich denke, daß Menschen der größte Reichtum seien." Dieser Gedanke eines großen preußischen Königs wurde in einer Zeit befolgt, in der die Grundlage für die Entwicklung Deutschlands zu Größe und Macht gelegt wurde. Zur Zeit des sog. M e r t a n ■ tilismus, in dem der Staat stärksten Einfluß auf Wirtschaft und Volk nahm, war das ein allgemein anerkannter Grundsatz der Staatsweisheit. Die Größe eines Staates beruht letzten Endes auf dem Wert seines Menschenmaterials, und es kann deshalb keine erfolgreichere Politik eines Staatsmannes geben, als wenn sie zur Stärkung der Bevölkerung gedient hak. Wir kennen die Bevölkerungspolitik jener Reihe hervorragender preußischer Herrscher, die mit dem Großen Kurfürsten beginnt, wir wissen, was Friedrich der Große aus dem schwer mitgenommenen Schlesien, aus dem verwahrlosten Westpreußen zu machen wußte. Ist Deutschland heute für eine ähnliche Bevölkerungspolitik übervölkert, ist es zu arm dazu? Deutschland ist nicht übervölkert, sondern falsch bevölkert. Die Menschen auf Deutschlands Boden sind schlecht verteilt. Der Westen überindustrialisiert und mit Menschen überfüllt, der Osten menschenarm. Ueber die nationalpolitische Gefahr, die diese Entleerung des östlichen Raumes angesichts der hohen Fruchtbarkeit der angrenzenden slawischen Staaten bedeutet, ist sich Deutschland völlig im klaren. Im Jahre 1810 waren von der Gesamtbevölkerung in Gurpa je rund ein Drittel Germanen, Romanen und Slawen. Heute entfallen auf die Slawen bereits 45 v. H. der europäischen Bevölkerung, in 20 bis 25 Jahren werden es schon 51 v. H. sein. Diesem gewaltigen slawischen Be- völkerungsdruck steht keine starke Grenzwacht entgegen. Die Besiedlung des deutschen Ostens ist deshalb eine elementare Lebensnotwendigkeit. Die kleinbäuerliche Siedlung, die allein die Gewähr einer gefunden bevölkerungspolitischen Entwicklung verbürgt, muß aber in einen entsprechenden wirtschaftlichen Organismus hineingestellt werden. Die kleinbäuerliche Wirtschaft ist zum gro- ßen Teil eine Wirtschaft für eigenen Verbrauch und für den Absatz auf lokalem Markt. Die kleinbäuerliche Siedlung muß also Hand in Hand mit einer Stärkung des Gewerbes im östlichen Raum erfolgen, damit das bäuerliche Elemept feinen natürlichen nahe gelegenen Abnehmer besitzt. Man sage auch nicht, daß diese Siedlungstätigkeit zu langer Zeiträume bedarf, um sich bevölkerungspolitisch so auszuwirken, wie es vom nationalpoliti- scheu Gesichtspunkt aus notwendig ist. Der Erfolg der Siedlungstätigkeit vom Großen Kurfürsten bis zu Friedrich dem. Großen war, daß ein Drittel der brandenburgisch-preußischen Bevölkerung in dieser Zeit sich aus angesiedelten Kolonisten und deren Nachkommen zusammensetzte. Was wir brauchen, ist bei weitem nicht eine Umschichtung der deutschen geworden waren und die dann häufig Anlaß zu Verschleppungen boten, ist künftig kein Raum mehr. Solche Berufungen sind künftig als unzulässig zu verwerfen. Die Aenderung des § 529 ist für die wirkungsvolle Bekämpfung einer schleppenden Prozeßfüh- rung von größter Bedeutung und sehr zu begrüßen. Denn das wichtigste und drängendste Problem der immer mehr zu und nach dem Weltkriege erfolgte ein besonderes Wachstum der großstädtischen Bevölkerung. Wie ist denn gleichzeitig der Verlauf der Bevölkerungszunahme gewesen? Im Jahre 1841 hatte man jährlich 1 300 000 Lebendgeburten bei 33 Millionen Einwohnern, in dem Jahrzehnt vor dem Weltkriege gegen zwei Millionen Geburten bei einer Bevölkerung von etwa 60 Millionen, und im Jahre 1932 bei 65 Millionen Einwohnern nur noch 975 000 Geburten. In der großen Linie der Entwicklung sehen wir also dieAbnahme desländlichen Bevölkerungsantcils von einer A b - nähme der Fruchtbarkeit begleitet. Unnatürlich ist diese Zurückdrängung des ländlichen Bevölkerungsanteils, unnatürlich auch die Zusammenballung riesenhafter Industrien mit der Begleiterscheinung großstädtischer Entwicklung auf bestimmte Gebiete Deutschlands. Diese Zusammenballung hat eine der gefährlichsten Erscheinungen her- beigeführt, die Trennung von Stadt und Land, das unmerkliche Entgleiten des gegenseitigen Verständnisses. Auch für die Industrie gilt das gleiche wie für die Bevölkerung im ganzen: Es ist nicht zu viel davon in Deutschland, aber es ist falsch verteilt. Industrie unb Landwirtschaft müssen sich räumlich gegenseitig durchsetzen, müssen sich geographisch ergänzen. Das führt dann von selbst zu einer stärkeren Entwicklung des tleinbäuer- lichen Anteils innerhalb der Landwirtschaft, da nahe erreichbare Siedlungen die Erzeugung der arbeitsintensiven Produkte des Kleinbauerntums lohnend machen. Prozeßreform ist die Beschleunigung der Prozesse. In der Begründung des Entwurfs 1931 ist mit Recht ausgeführt, daß in allen Volkskreisen ein verzögerter Rechtsgang mit tiefer Erbitterung, fast wie eine Rechtsverweigerung empfunden und daß dadurch der Volkstümlichkeit der Rechtspflege der schwerste Schaden zugefügt werde. Es ist deshalb zu begrüßen, daß das Gesetz die bisherige auf der Novelle 1924 beruhende Kann Vorschrift des 8 529 Abs. 2 in eine Muß Vorschrift umgewandelt hat und jetzt vorschreibt, daß verzögerliches Vorbringen stets zurückzuweisen ist, wenn nicht nach der freien Ueberzeugung des Gerichts die Partei das neue Vorbringen in erster Instanz weder aus Verschleppungsabsicht, noch aus grober Nachlässigkeit unterlassen hat. Das Gericht muß also stets prüfen. Hitler schafft Arbeit! wettere bewilligte Maßnahmen im Arbeite beschaffungsprogramm: Tagewerk« auf der Maßnahme: vausleller Herstellung von Wasserversorgungs-Anlagen und Kanalisation in verschiedenen Gemeinden des Kreises 5 L Goarshausen 9000 Jnstandsehungsarbeiten an städtischen ver- wallungs- und Wohngebäuden in L j m- b u r g 1000 Jnstandsehungsarbeiten an Kirchen und Pfarrhäusern der Evangelischen Landeskirche in Hessen 2500 Anlage einer Wasserleitung in der Gemeinde Bürstadt 9000 Ausbau des wasserverleilungsnehes in Darmstadt 1700 Ausbau der Kanalisation in Hechts- heim 3200 Entwässerung von Grundstücken durch Dränage durch die Wassergenossenschaft Saasen 1600 Sind wir aber etwa z u arm für eine Bevölke« rungsvermehrung? In der Zeit vom Großen Kurfürsten bis zu Friedrich dem Großen war das Land viel ärmer, und das gleiche gilt für jene Zeit des vorigen Jahrhunderts, als nach der furchtbaren Last der Freiheitskriege Preußen auch vom Notwendigsten entblößt war. Aber der starkeLebenswille eines Volkes kennt nicht die Armut als Hindernis. Außerdem beweist ja die wirtschaftliche Erfahrung, daß Kinderreichtum nicht eine Bedingung der Armut, sondern eine Bedingung gesunder wirtschaftlicher Entwicklung ist. Entscheidend bleibt die geistig-seelische Einstellung. Das Uederwuchern des individuellen auf die Gegenwart beschränkten Lebensraums läßt die Verbundenheit zum Geschlecht in Vergangenheit und Zukunft verdorren. Das furchtbare Ergebnis dieser verderblichen seelischen Einstellung ist dies: Im Durchschnitt der letzten Jahre waren 40 v. H. aller Ehen ohne Kinder, 35 v. H. hatten ein oder zwei«Kinder, 12 v. H. drei Kinder und 15 o. H. mehr als drei Kinder. Diese 15 v. H. allein noch erfüllen ihre Pflicht, den ihnen entsprechenden Anteil des Bevölkerungsstandes zu erhalten. Während Deutschland die Sterblichkeitsziffer mit größtem Erfolg bekämpft hat, ist es in größter Gefahr, dem Tode der Geburtenarmut zu erliegen. Nur eine Besinnung, die die Menschen bis in die letzten Tiefen ihres Wesens zur Umkehr zwingt, kann noch Rettung bringen. Und diese Rettung wird und muß auch kommen. Ins Zukunstland.* Ins Zukunftland geht unser Sehnen, Ins Zukunftland geht unser Schritt, Im Herzen schwingt in mächt'gen Tönen Das Lied von Deutschlands Aufstieg mit: Schließt fest die Reihen sturmbereit, Ihr Träger einer neuen Zeit! Ins Zukunftland wir Jungen ziehen, Ins Zukunftland dem Tod geweiht, Dem Führer unsre Herzen glühen. Erschallt sein Ruf, stehn wir bereit: Stehn Mann für Mann in Einigkeit, Baut mit am Reich der neuen Zeit! Ins Zukunftland dem Licht entgegen. Ins Zukunftland fürs Vaterland, Marschieren heut auf allen Wegen Kornraden mit uns Hand in Hand: Dem Morgen zu, bis wir befreit Von jeder Kette schwerer Zeit. P. L. * Der Verfasser ist ein Gießener Hitlerjunge. Deutsche Loden. Don Br. Gustav W. Eberlein, Rom. Kennen. Sie Singen? Kleines Städtchen an der Südgrenze, wo der heimkehrende Deutsche zum erstenmal. heimatlichen Boden betritt. In diesem Singen, das man gelegentlich wohl auch als Fabriknest bezeichnet, gibt es einen Fleischerladen — oder jagt man Charkuterie? — wie ganz Rom feinen aufzuweifen hat. Oder Konstanz, ein anderes Grenzstädtchen: Dort gibt es ein Haushaltungs- gefchäst, wie man es in ganz Rom vergeblich suchen würde. Oder Lindau, das bayeriche Grenzstädtchen: Dort gibt es ein Zigarrengeschäft, wie es in ganz Italien nicht zu finden ist, Wenn wir nach Deutschland fahren, bann muß ich im ersten Grenzstädtchen meiner Frgu zunächst einmal eine Stunde frei geben, damit sie „die Läden anschauen kann". Im Kafjeehaus, vereinbaren wir, treffen wir uns dann wieder. Auf dem Wege zum Kaffeehaus aber bleibe ich in einem (Eifen- gejchäft stecken, denn deutsches Werkzeug — nun, es wäre vergebliche Liebesmühe, einemJnlanddeutfchen begreiflich zu machen, was das für uns in der Fremde heißt. Und wenn drei Stunden um find, und es dunkelt, dann treffen wir uns zufällig in einem Papierwarengefchäft oder einem Möbelhaus. Möbelgeschäfte mit richtig eingerichteten Zimmern gibt es in ganz Rom nicht. Jetzt, in der Adventszeit, bummeln unsere Gedanken Abend für Abend durch die lieben deutschen Geschäftsstraßen. Weihnachtliche Schaufenster — wißt ihr, was uas ist? Ihr glaubt es zu wissen, wie ihr die Heimat, wie ihr Deutschland zu lieben glaubt. Aber den Heimatbegriff so ganz im Innern erfassen, bewußt zu empfinden, was Deutschland eigentlich ist, das kann doch nur der, dem die Fremde zur Wohnung wurde. Der Unterschied zwischen Heim und Wohnung drückt vielleicht aus, was wir meinen, und doch ist das nicht alles. Es kommt das beglückende Gefühl dazu, daß Deutschland doch in Wahrheit in allen Kulturdingen auf einer Höhe steht, die man im Auslande ebenso schmerzlich vermißt, wie man sie dort selbstverständlich findet ohne sich aber etwas Greifbares unter dieser Selbstverständlichkeit oorftellen zu können. Jeder Deutsche müßte eigentlich einmal längere Zeit „draußen" ge- wesen fein, bann würde er erst erkennen, was er zu Haufe hat. Nun, wir wollen nicht sentimental werden, wenn «6 auch schon stark weihnachtet. Um diese Zeit war ich einmal in einer lydischen Oase und sah eine Frau, die ihr Kind an die Brust drückte, auf einem Esel reiten, während der Mann daneben herging. Sie trotteten einem Stalle zu, durch dessen verschobenes Palmwedeldach die Sterne schauten. Es war ein Bild aus der Bibel, es war die Heilige Nacht, wie sie im Buch der Bücher steht — und dennoch, dennoch: weihnachtlicher ist mir immer zumute gewesen im nordischen Adventsdunkel, bei klingendem Frost und schneebeladenen Tannen, und wäre.der Schnee auch nur an Schnüren gefallen in deutschen Weihnachtsläden. Wie gesagt, wir wollen nicht sentimental werden. Geschäftlich liegt die Sache fo, daß die eingangs genannten Läden in den kleinen Grenzstädtchen nicht Ausnahmen bilden, sondern die Regel. Ganze Häuserzeilen voll blitzblanker, einladend hergerichteter, geschmackvoll ausgeftatteter Läden! Vergleiche man damit Städtchen gleicher Größe im Süden — es ist oft unfaßbar. Ein weltenweiter Gegensatz, der sich nicht schildern läßt. Ueberhaupt die deutsche Kleinstadt! wie keine andere zeigt sie, daß es nicht auf Größe und Umfang ankommt, sondern auf Geschichte, Geist und Wohnkultur. Nicht auf Wohlhabenheit oder gar Reichtum, denn sonst müßten die amerikanischen Städtchen die schönsten fein. Aber sie sind die scheußlichsten von allen. Liebe, liebe deutsche Landsleute, die ihr so oft eure Sehnsucht nach dem Süden schickt, weil ihr die Landschaft mit dem Klima verwechselt, singt nicht allzu schmelzend von den schattigen Kastanien an des Ebros Strand, wo sie gar nicht wachsen, und wenn ihr absolut nicht widerstehen könnt und euer schönes Sorrent gesehen habt dann fahrt einmal auf dem Heimweg über Uebe'rlingen. Und schlendert durch die Straßen und schaut in die Schaufenster ... Und bann geht in ein molligwarmes Kaffeehaus unb steckt euch eine beutsche Zigarre an ... Also noch einmal: bleiben wir sachlich, wenn es auch schwer fällt. Zumal in ber Adventszeit, wo wir dort draußen das Heimweh Friegen, nein, das Deutschweh. Kaufen wir also in Siena Pansorte, weil mir keine Nürnberger Lebkuchen frieaen. Auch gut. Rauchen wir Regiezigarren, denn sie sind teuer, müssen also vortrefflich fein. Und im übrigen tonnen mir ja durch das Karlstor zum Marienplatz hinunterbummeln, bann über ben Hauptmarkt mit ber Hohenzollernburg im Hintergrunb ben Brühl erreichen, wo die anberen Rauchwaren ausliegen, bie für Damen, unb im Gewühl Unter ben Linden uns schieben lassen von Laden zu Laden, in Gedanken. Auch schon. Wenn man dann in ein solches Geschäft hinein- geht, stürzen einem liebenswürdige Mädel entgegen, die nicht traurig und gelangweilt dreinschauen, Mädchen, die uns bedienen im wahren Sinne des Wortes. Anderswo wird man mürrisch gefragt und mit einer Miene, die das mutige Vorhaben, sich eine Auswahl vorlegen zu lassen, im Keime erstickt. Diese deutschen Verkäuferinnen aber schleppen lächelnd Schachtel auf Schachtel heran, sie steigen hundertmal am Tag die Leiter hinauf, sie lassen den Käufer ohne Vorwurf scheiden, wenn er sich nicht gleich entschließen kann. Das ist für uns von draußen immer wieder ein Erlebnis. Wir haben diese Mädels vor ersten Augenblick an lieb, wir kaufen, kaufen, als ob es für sie wäre. Und den echten Ausländern geht es gewöhnlich nicht anders. Sie find begeistert von den deutschen Geschäften, und es ist ganz und gar kein Zufall, wenn reifende Minister ihre Frauen mit nach Berlin nehmen. Umgekehrt wird zuweilen auch ein Schuh daraus, manches diplomatische Geschäft ist zustande gekommen, weil eine Diplomaten- jrau in Berliner Geschäften shopping gehen wollte. Was gibt es da alles an Neuerungen, an Erfindungen, Jahr für Jahr! Möglicherweise ist die Pariser Mode noch immer ber unfrigen überlegen, wahrscheinlich ist biefe Auffassung aber nur Mode- sache. Niemand aber in Gottes weiter Welt wirb bestreiten, baß bei allen Gebrauchsgegenstänben Deutschland ben Ton angibt. Tutto il dello viene dalla Germania, sagt ber Italiener. Alles Gute kommt aus Deutschland. Wenn wir hur an bie Küchengeräte benten, bie Möbel, bie Präzisionsbinge unzähliger Art, bie Spielsachen, bas unübersehbare Tausenberlei, wo anberswo bie Schablone herrscht! Nach wie vor geht Nürnberger Tand burch alle Land. Das ist bas eine. W i e bie guten Sachen bar- geboten werben, in ben Verkaufsläden, bas ist bas anbere. Schaufensterkunft unb Kunbenbienst, bas ist braußen so selten wie Innenarchitektur. Unser „Heim" läßt sich in eine sübliche Sprache überhaupt nicht übersetzen. In biefen Abventstagen gehen alle Auslands- beutschen mit euch burch bie lieben leuchtenben Geschäftsstraßen, sie saugen sich voll an Tannen- buft und staunen kinderselig in die bunten Kerzen, denn Im Süden feiert man nicht das Lichtwunder, sondern den Epiphaniastag im Januar; sie lassen mit euch eine Eisenbahn abschnurren und ziehen einen Brummkreisel auf.sie haben feuchte Mugen und— zum Donnerwetter nocheinmal, nicht sentimental werden! — kaufen daher, kaufen, kaufen. Psychologie des Namens-Schnörkels. Auch bei Personen, die sonst ganz einfach schrei- ben, finden wir oft in ber Unterschrift irgendeinen Schnörkel, einen Halbbogen, eine Schlinge, zickzackförmige Linien usw. Die Graphologen haben sich über diese Eigenheit viel den Kopf zerbrochen. Solche Zutaten finden sich ebenso bei bedeutenden wie bei durchschnittlichen Persönlichkeiten, unb anderseits gibt es hervorragende Geister, die sich feines Schnörkels bedienen, wie z. B. Goethe, Schiller, Bismarck, Moltke usw. Man hat angeführt, daß in früherer Zeit, als die Echtheit der Unterschrift noch durch den Zusatz „manu propria“ (mit eigener Hand) oder abgekürzt „m. p.“ bekräftigt wurde, diese Hinzufügung das Aussehen eines Schnörkels annahm. In ben nordischen Cänbern pflegte man bem Namenszug ein Zeichen anzuhängen, aus bem ber Empfänger ber Unterschrift bas genaue Alter bes Schreibers entnehmen konnte; fo bebeutete ein langer Grunbftrich 10 Jahre, brei nebeneinanber also 30 Jahre, ein auer hinburchgeführter Horizontal- strich 5 Jahre usw. Aber solche Einzelheiten erklären nicht bie weite Verbreitung bes Namensschnörkels. Fritz Hocke glaubt in ber Leipziger Jllustrir- ten Zeitung als Hauptursache bie Erschwerung ber Nachahmung annehmen zu müssen, sowie bas Re- präfentationsbebürfnis. Hochstehenbe Perjonen verliehen ihrer Unterschrift burch biefes Ornament größere Bebeutung unb Wichtigkeit, Kaufleute verschnörkelten ihren Namen, um fo gleichsam eine „Schutzmarke" gegen Fälschung zu erhalten. Diese ursprüngliche Bedeutung wurde dann durch die Nachahmung verwischt. Denn wenn sich angesehene Personen einer solchen „Verschönerung" ihrer Unterschrift bedienten, dann wollten auch die anderen nicht Zurückbleiben. Der Namenszugschnörkel wird zur Modefache, fo besonders in dem barocken 17. Jahrhundert, in bem man ouf Äußerlichkeiten großen Wert legte. Mit ber nüchternen Aufklärung nimmt biefe Schnörkel-Seuche ab unb wirb burch die strenge Einfachheit bes Klassizismus noch mehr zurückgedrängt. Doch haben große Vorbilber auch auf biefem Gebiet stets weiter gewirkt. So ahmte Z. B. Napoleon III. feinem großen Großoheim auch in ber Unterschrift nach. Wie wenig ber Schnörkel zum Charakterbild zu gehören braucht, zeigt das Beispiel Kaiser Wilhelm I., dessen Schrift einfach war, der aber feine Unterschrift stets mit einem Schnörkel versah. Vielfach kann man sogar zwei Unterschriften beobachten, eine berufliche und eine private. Aus Oer provlnzialhaupiftadf. Adventsbräuche Die Adventszeit ist als DorbereUunaszeit, als ein« Zeit froher Erwartung für das Weihnachtsfest an- zusehen. Um echte Weihnochtsstimmung in den -erzen der Menschen zu erwecken, find die mannigfäl- tigsten Gebräuche entstanden, die in Stadt und Land, in -aus. Schule und Kirche immer mehr Eingang gefunden haben. Sie beschränken fick) meist auf eine Art Zimmerschmuck, der in den verschiedensten Arten vorkommt und nur geringe Vorbereitungen und Kosten erfordert. Der bekannteste und am meisten zu beobachtende Adoentsschmuck dürfte wohl der Adventskranz sein, der aus Tannengrün — am geeignetsten aus Edeltannen, da sie die Nadeln nicht fassen lassen — hergestellt, mit roten Bändern umwunden und mit Perlen, Glocken, Tannenzapfen, Kerzen oder dergleichen, je vier an der Zahl, verziert sind. An der Decke, ost auch über der Zimmerlampe aufgehängt, wird an jedem folgenden Adoentsonntag ein weiteres Licht gewöhnlich in der Zeit der Abenddämmerung angezündet. Neben den Adventskränzen kommen die A d - ventsständer und leuch ter von Jahr zu Jahr mehr in Gebrauch Ein einfaches, zweiarmiges Das schönste Geschenk zu Weihnachten? Oie „Zrvölferkarte" zum Besuch des Stadttheaters! -o-geftell wird mit Tannenreis zierlich umkleidet, aus dem fünf nach oben stehende Drahtenden hervor- schauen.Auf diesen werden Lichtchen befestigt,immer je zwei in der gleichen -öhe, das fünfte steht mitten am höchsten. -ier und da kann man auch bei uns schon — besonders ift dies aber in Norddeutschland der Fall — beobachten, daß kleine Tannenbäumchen als A d ° ventsbäumchen in einen Blumentopf gepflanzt und mit Christbaumschmuck behängt sind. An jedem Abend erhellen die daran brennenden Lichtchen den Raum. Eine weniger verbreitete, aber nicht minder stimmungsvolle Adventssitte ist das Aufhängen einer aus Tiarienglas hergestellten, einer Christrose täu- schend nachgebildetei? Adventsrose. In ihrem Innern ist eine einfache Beleuchtungsvorrichtung angebracht, die gewöhnlich aus einer Kapsel, die mit Hartspiritus gefüllt ist, und einem Docht besteht. Wird der Spiritus anpejünbet, so erglüht die Adventsrose und wirst einen eigenartigen Schein in das Zwielicht des Zimmers. In manchen Gegenden werden heute noch große, rotbackige Aepfel mit roten Bändern auf Tannen- zweigen befestigt. Oben auf dem Apfel verteilt man vier ober fünf Chr stbaumlichter, bie man in gleichmäßig verteilte Lecher senkt. Es bietet einen wunderbaren Anblick, wenn so viel Aboent säpfel auf dem Tische leuchten, als etwa Familienmitglieder vorhanden sind Vielfach sieht man auch statt des Adoentskranzes, bcr Ständer ober der Aboentsrosen die sogenannten Adventshäuscheir, deren Fenster mit rotem Papier verklebt sind Die im Innern aufgestellten Kerzen finden in derselben Weise Verwendung, wie bei dem oben erwähnten Adoentsschmuck. Am -eiligen Abend wird das Tor des -äuschens geöffnet, und dahinter erscheint ein im strahlenden Lichterglanz schimmerndes Weihnachtsbäumchen, das unter dem Gesang der allen, herrlichen Weihnachtslieber von jung unb alt bie -erzen ber Kinber, wie auch der Erwachsenen erhellt. Die Adventsglocken klingen unb läuten bie beutsche Weihnacht ein! „Siehe, id) verkünoe Euch große ftrcuöc!* So lautet bie roeltbcglüdenbe Engelsbotschaft, das ift ber Weihnachtsgruß! In unserem beutschen Vaterland gibt es aber manchen, dessen Ohren und -erz für diesen Gruß taub sind, denn ihn bedrücken schwere Sorgen um seine Familie, er hat noch keine Anstellung aefunben, er sucht noch verzwei- feit noch Verdienstmöglichkeit. „Arbeit, Arbeit'." Das wäre für ihn bie schönste Weihnachtsbotschaft. Unfer Volkskanzler hat alle möglichen Mittel unb Wege gesunden, um jedem auch noch so armen Deutschen eine frohe Weihnacht zu schenken. Aber wollen wir da nur als Nehmende untätig zuschauen? Ist es nicht unsere heiligste Pflicht, unserem Führer bei seinem großen Werk in tätiger Mithilfe beizustehen? Der einzelne kann vielleicht nicht viel zum Wohle des Ganzen beitragen. Aber da gibt es bie große nationalsozialistische Arbeitsbeschaffungs-Geldlotterie, die mit Eine-Mark-Losen es jebem leicht macht, sein helfenbes Scherslein zu spenben. Was für fröhliche Weihnachten würben wir alle feiern können, wenn unseren noch arbeitslosen Brudern unb Freunden bie frohe Botschaft einer gutbezahlten Arbeitsmöglichkeit zuteil würbe? Das Los bringt aber noch andere Freuden: Es kann den -auptgewinn von 1OOOOO Mark erzielen, 1,5 Millionen Mark werden verlost! Ain 29 und 30. Dezember ist bie Ziehung, unb man versäume nicht biesen wichtigsten W e t h - nachtseinkaus! 13om Büchcrschenker. Das große deutsche Schicksalsjahr 1933, das Jahr der Wende, ber Befreiung unb bes Aufbruchs beschert uns zum erstenmal feit langer Zeit einen weihnachtlichen Gabentisch, auf bem sich d a s d e u t- I d) e Buch nicht eines Alchenbrödelbafeins zu schämen braucht Die Kerzen des heiligen Baumes wer- den nicht über Angebinden von Prunk unb Reich- tum funkeln, aber in ihrem reineren Licht erweist es sich, bah wir dennoch reich geblieben, ki reich erst jetzt geworden sind: aus unserem Schicksal, aus 'm - au» unserem Glauben Die Bücher der Tucholsky, Feuchtwanger. -einrich Mann und ihresgleichen, die noch vor Jahresfrist breit und schmähend unter manchem Weihnachtsbaume lagen, entbehren wir mit Lust und Dankbarkeit. Zum erstenmal ist die weihnachtliche Bücherwelle nicht breit unb trübe, sondern wieder ein klarer, reiner Strom, ber zum -erzen fließen bars Die deutschen Verleger haben zu ihrer völkischen Verantwortung, die Dichter zu ihrer Berufung jurüdgrfunben. Nun liegt es an uns, diese neue Saat in die -erzen recht vieler Volksgenossen zu senken und ab tausendfältige Frucht ber deutschen Wandlung auf geben zu Janen. E» gibt kein anderes ©riehen t das mie das Buch immer und an «eben bargebracht werden kann, den nächsten Angehörigen, dem nahen Freund«, wie dem Bitte der hessischen Regierung! Das Staabpreifeamt Wit mit. Dl« gesamt« Bevölkerung Hessens, insbesondere derjenige Teil, der noch ein eiaigermaßen annehmbares Einkommen hat, wird herzlichst gebeten, sich zum weih- aachlsfeste der Aermsten der Armen, insbesondere der filaber dieser dadurch auzunehmen, daß ihnen am Weihnachtsabend ein mit weih- nachtsgebäck geschmücktes Bäumchen und vielleicht warme Kleidungsstücke nfw. persönlich vom Geber oder seinen Kindern überbracht wird. Wenn jede nationalsozialistisch eingestellte Jamille, die noch etwas von ihrem Einkommen erübrigen kann in erster Linie höhere und obere festbesol- bete Beamte, bnrch Nachfrage beim Winker- hilfswerk, bei ben Wohlfahrtsämtern, Fürsorgestellen (Gemeinbeschwester ufro.) sich eine bebürftige Jamllie namhaft machen läßt unb sich ber Mühe unterzieht, diese in ihrer Wohnung a u f; u s u ch e n , dann bin ich überzeugt, daß auf der Geber- und der Nehmerseite gleichgroße Freude erzeugt wird. hier zeigt sich die wahre, von jedem Kastengeist befreite Nächstenliebe, die einen Eckpfeiler alles nationalen unb zugleich sozialen hanbelns bildet und die die Grundlage für die Volksgemeinschaft Im nationalsozialistischen Staate darstellt. Deshalb bitte ich nochmals alle diejenigen Volksgenossen, bie eine echte Volksgemeinschaft im nationalsozialistischen Staate herbeiführen wollen, unmittelbar z u r Tat zu schreiten, froh aller zu lelffenben sonstigen Spenden, insbesondere für das Winterhilfswerk und die NS.-volkswohl- fahrt. packt Weihnachtspakete! Es wird an diesem Weihnachtsfest eine Selbstverständlichkeit sein, daß in jeder Familie der brennende Lichterbaum steht. Es muß aber auch selbstverständlich sein, daß unter jedem hast du schon dein pakenkind? wenn nicht, bann melde dich sofort bei dem Winterhilfswerk. Denkt andenZwiltingspfennig! von jeder Mark gibt der Käufer unb Verkäufer mindestens einen Pfennig, wenn jeder auf die Durchführung achtet, kann wieder viel Not gelindert werden. Baum eine Gabe liegt, unb wenn sie noch so klein wäre. Wißt Ihr noch, mit wieviel Sorgfalt Ihr während des Krieges Liebesgaben an die Front schicktet? So schickt auch jetzt Eure Weihnachtspakete an die Front der deutschen Not! Packt ein, was Ihr könnt! Lebensmittel, Kleider, Spielzeug — alles was brauchbar und gut ift. Dann liefert Eure Pakete an bie Winterhilfe ab, ober laßt sie burch Eure Kinder überbringen, denen das eine große Freude macht. Vergeßt aber nicht, ein Inhaltsverzeichnis auf das Paket zu kleben, bamU die Winterhilfe weih, was darin ist, und die Pakete entsprechend verteilen kann. Denkt immer an die Parole: Jedem Deutschen eine Weihnachtsfreude l Kundschaft und Verkäuferin. 23on d. Oulfer, Verband der weiblichen Angestellten. Die wahre Gesinnung zeigt sich darin, wie man sich in den kleinen alltäglichen Dingen zu den Mitmenschen verhält! Dien st am Kunden — ein oft gebrauchtes Wort, das eine Selbstverständlichkeit ausbrürft für jeden Stand, ber auf biefem ober jenem Gebiet zu tun hat. Am meisten ist bies wohl beim ftaufmannsftanb ber Fall. Was ist hier nicht alles Dienst am Kunben: bie gefällige, übersichtliche Auslage im Schaufenster, die freundliche Frage nach bem Begehr beim Betreten bes Geschäftes, das bereitwillige -inführen zu den gewünschten Waren, bie Vorlage einer genügenben Auswahl, bie sachkundige Beratung, das geduldige Eingehen auf alle Wünsche unb Fragen unb schließ- sich auch eine verbinbliche Verabschiedung beim Nicht- Zustandekommen des Kaufes. Das alles ist Dienst am Kunden, ohne den kein Kaufmann fein Unternehmen oorroärtsbringen kann. Seine Angestellten find in diesem Sinne geschult. Der kleinste Verstoß gegen diese Regeln des Kundendienstes rächt sich bei ihnen oft bitter. wie ist es nun aber mit der anderen Seile, mH । der Kundschaft selbst, bestellt? Ihr Verhalten beim Einkauf unterliegt keiner Kontrolle, unb doch gibt es auch hier ungeschriebene Ge- etze, gegen bie eigentlich kein Käufer ungestraft ver- toßen sollte. Genugsam bekannt ist es, baß es Men- chcn gibt, bie ein Geschäft betreten, ohne überhaupt eine klare Vorstellung von bem zu haben, was sie kaufen wollen und stundenlang ben Gang des Geschäftes aufhalten, und andere wieder, bie sich zwar rasch entschließen, bie gründliche Ueberlegung aber erst nach dem abgeschlossenen Kauf zuhause folgen lassen und bann nach einigen Tagen roieber zum Umtauschen erscheinen. Am unangenehmsten fallen aber gerade b i e Kunben und Kundinnen auf, die in der Verkäuferin einen Menschen zweiter Klasse sehen und sie danach behandeln Sie wissen nichts davon, daß sie es mit einem Menschen zu tun haben, der gewissenhaft seine Berufspflichten erfüllt, sie wissen nicht, was es heißt, den ganzen Tag unermüdlich auf den Füßen zu fein und der Kundschaft immer ein freundliches Gesicht zu zeigen, ein paar freundliche Worte zu sagen, ganz gleich wie der Betreffenden dabei innerlich zumute sein mag Sie wissen noch weniger, über welche Warenkenntnisse bie Verkäuferinnen verfügen, welche Schulung sie durchgemacht haben, um ihren Posten gut ausfüllen zu rönn n Dies alles wissen solche Menschen nicht Sie wissen nur bas eine, daß sie Geld im Portemonnaie haben, für das sie sich Ware kaufen können, bie ihnen gefällt. Der Mensch, der ihnen diesen Kaus vermittelt, geht sie nichts - an. Er ist dazu da, sie zu bedienen, und ihre jeweilige schlechte Laune vielleicht auch noch über sich ergeben zu lassen Der neue Staat hat alle schaffenden Deutschen in der Deutschen Arbeitsfront zusammengeschlossen. Zu ihnen gehört auch die Verkäuferin, deren Stand genau so wie ber Stanb bes Arbeiters in der vergangenen Zeit unter einer allgemeinen Geringschätzung zu leiben hatte. Auch heute noch treibt ber Standesdünkel gerade in der Begegnung zwischen Publikum und Verkäuferin die schönsten Blüten. Ihm gegenüber steht ber berechtigte Standesstolz der Verkäuferin. Die gelernte Verkäuferin ist stolz auf ihren Beruf. Sie fühlt sich mit Recht als ein wichtiges Glied in der gesamten Volkswirtschaft, denn sie ist die Beraterin eines großen Publikums beim Wareneinkauf. Ihre Sachkenntnis, ihr Urteil, sind meistens ausschlaggebend dafür, daß die gute gediegen gearbeitete Ware anstelle besser scheinenden Tandes Eingang in die deutsche Familie findet, daß d e u t s ch e Erze u g n i s s e ausländischen vorgezogen werden. Die Verkäuferin liebt ihren Beruf um seiner Lebendigkeit willen. Sie liebt bas Kommen unb Gehen, das immer Gerüstetsein auf neue, anders geartete Ansprüche, die an sie gestellt werden. Ihr macht auch die Verwaltung der ihr anoertrau- ten Ware Freude, der sie ihre ganze hausfrauliche Sorge zuwendet. Aus dem Bewußtsein des Wertes ihrer Arbeit heraus verlangt die Verkäuferin mit Recht Achtung für ihren ganzen Stand, und das ganz besonders in der heutigen Zeit, die unser ganzes Volksleben auf bie ©runblage ber Gemeinschaft gestellt hat. Ls gibt noch immer allzuviele Menschen, die es noch nicht begriffen haben, daß ihre wahre Gesin- nung unb ihre Stellung zur Volksgemeinschaft sich nicht in lauten Kundgebungen und Versicherungen äußern, sondern in der Art, wie sie sich in der Erledigung der kleinen alltäglichen Dinge erweisen. Dazu gehört auch der Wareneinkauf. Gerade in ben jetzigen Wochen vor Weihnachten werben viele Menschen häufiger Geschäfte betreten, als zu anberen Zeiten bes Jahres, unb die Kundschaft wird sich hier unb da etwas beim Einkauf gedulden müssen, aber niemand laste deshalb beim Umgang mit bcr Verkäuferin, die allen gerecht zu werben bestrebt ift, ben Grunbsotz der Verbundenheit aller in unserem Volke außer acht unb behanbele sie vor allem nicht so, wie er selbst niemals behandelt zu werben wünscht. Dies wirb allen gleichmäßig zu- gute kommen: der Kundschaft, bem Geschäft und ber Verkäuferin. flüchtigen Bekannten, als Gabe der Verehrung und der Liebe. Am nächsten kommt ihm noch die Blume, aber ihr mangelt für bas Gefühl bes Beschenkten oft ber Wert, ben ein Buchgeschenk freilich auch bann erst ganz besitzt, wenn ber Schenkenbe es nicht Derftänbntslos wählt, sonbern wenn es von bem liebevollen Eingehen auf Geschmack, Bedürfnis und Wesensart des Beschenkten zeugt, -ierbei Berater und -elfer zu fein, betrachtet der verantwortungbewußte Buchhändler als seine vornehmste Ausgabe, und niemand wird unzufrieden einen Buchladen verlassen, der sich solcher -ilfe anoertrckut. Mit dem geschenkten Buch können wer, ost besser al» mit Worten, einem anderen Menschen etwas von dem sogen, was wir zu liesst in uns tragen, und dem wir als wortgeworbener Erkenntnis auf einem Buchblatt begegneten, wenn es lange unausgesprochen in unserem Unterdewuhtsein schlummerte. Das Buch vermag zwei räumlich getretennte Menschen so zu oerbinben, daß sie sich immer roieber darin begegnen, wenn sie es zur -and nehmen; es läßt, ausgetauscht in hin unb her roanbernber Kette Menschen, die Jahre lang getrennt leben, dennoch miteinander verbunden bleiben, ost mehr, als durch ben brieflichen Austausch von Togesklatsch bewirkt wird Mit bem Buchgeschenk können gereifte und starke Menschen schwächere, jüngere unmerklich und zart leiten, können Dinge gesagt werden, bie, von Mund zu Mund, ohne Verletzung zarter Schranken, stch oft nicht lagen lasten Da« geschenkte Buch kann Freude In trübe -erzen, Ernst in gar zu oberflädj- I liebe tragen, es kann bie engen Wände des Kran- I kenzmimer» fo weit machen, baß sie bie ganze West 1 umspannen, kann dem Reisefehnjüchttgen. ben das Schicksal an der Erfüllung dieser Sehnsucht hindert, die ganze Welt aufschiießcn, und kann den heimat- fremd Geworbenen zurückführen in das Land und die Seele seiner Kindheit. Das geschenkte Buch ist ein Zauberstab, ber alles vermag, wenn es sorgfältig ausgcroählt, nicht ge- dankenlos und lieblos gekauft wird Dann ift es ein Reichtum, ben wir gerabe zur Weihnachtszeit mit vollen -änden ausstreuen sollen und können, überall da, wo wir etwas schenken dürfen. Weihnachten im (Stabttheater. Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Um ben Theatersreunben möglichst frühzeitig Gelegenheit zu bieten, die Frage: „Wie verbringe ich bie Festtage?" zu klaren, gibt die Intendanz bereits heute Den für die Weihnachtsfeiertage an- gesetzten Spielplon bekannt: Sonntag, 24. Dezember, als Austakt zum Fest um 15 Uhr, das luftige Märchenspiel: „Schneeweißchen und Rosenrot" unter der Spielleitung von KarI B o I ck: musikalische Leitung Franz K erzi » nik, Beweaungs- und Tanz-Regie -annah Spohr. Ende Der Vorstellung: 17 30 Uhr Kleine Preise von 0,30 bis 1,50 Mk. — Für ben ersten Weihnachtsfeiertag, Montag 25. Dezember, hat bie Intendanz die (Erftaufführung der Operette: „Anneliese von Dessau^ von Keßler und Winterberg angesetzt. Leitung: -ud — Cu j< — Spohr Die Erstaufführung ist außer Abonnement und zu ermäßigten Dperettenpreifen Spieldauer von 19 bis 22 Uhr Für den zweiten Weihnachtsfeiertag, Dienstag, 26. Dezember, steht ber Theater-Splelplan für 15 Uhr eine Wiederholung bes luftigen Märchen- spiel» „schneeweißch'-n unb Rosenrot" vor zu kleinen Preisen von 0,30 dis L50. Ende 17.30 Uhr. Um 19 Uhr kommt bie Operette des Altmeisters Johann Strauß „Wiener Blut" (Leitung W r e b e — Cuje — BäuIke) zum letzten Mal zur Auffüh» rung. Die Veranstaltung ist außer Abonnement und zu Deinen Preisen von 0,50 bis 2,50 Mk. Ende 2130 Uhr. Der Kartenvorverkauf für bie Weihnachtsfeiertage beginnt ab Sonntag, 17. Dezember, während der Kassenstunden. Achtung Bezugsscheine! Vom Wohlfahrtsamt der Stadt Gießen wird uns milgeteilt: Die Ausgabe der zweiten Rate der Bezugsscheine für Braunkohlenbriketts für die Arbeitslosen- unb Krisenunterstützungsempfänger unb für bie verschämten Armen erfolgt am Dienstag, dem 19. Dezember 1933, für die Buchstaben A bis K. Mittwoch, dem 20. Dezember 1933, für die Buchstaben L bis Z. in der Zeit von 8.30 bi» 12 Uhr unb von 15.30 bis 17 Uhr, unb zwar nicht, wie bei ber ersten Ausgabe, Gartenstraße 2, Zimmer 13, sonbern im ehemaligen Säuglingsheim, Wetzsteingaste. Ausweise finb mit- zubringen. Braugersten» und Weizenschauen. Die Landesbauernschaft -esten-Nassau, -auptab- teilung II, teilt folgendes mit: Die Qualitätsfrage bei Getreide gewinnnt mehr unb mehr an Bedeutung. Es ist daher notwendig, dieser Frage künftighin größeres Augenmerk zu schenken. Bei 'Braugerfte wurde die Qualität schon immer mehr berücksichtigt, al» bei allen übrigen ©e- treibearten, insbesondere wurde hier zur Beurteilung auch der Ciweihgehalt herangezogen. Nachdem es nunmehr bei Weizen gelungen ift, durch Anbau ertragreicher Sorten unb flächenmähige Ausdehnung des Anbaus den Bedarf vollkommen durch bi« In- landser,Zeugnisse zu becken, ist es an ber Zeit, auch hier die Qualitätsfrage mit in den Rohmen der Beurteilung zu ziehen. Allerdings ist die Beurteilung der inneren Werteigenschaften bei Weizen nicht so einfach, wie bei Braugerste. Während bei Braugerste der quantitative E'weißgehalt bei bcr Beurteilung allein ausschlaggebend ist, spielt bei Weizen bie Qualität bes Eiweises bzw. Klebers unb fein Verhalten beim Backprozeß eine welentliche Rolle. Um bie Praxis mit ben Maßnahmen zur Qualitätserzeugung unb den Anforderungen, die an Qualitäts-Gerste bzw. -Weizen gestellt werden, oertraut zu machen, veranstaltet bie Landesbauernschaft -es- sen-Nassau, -auptabteilung II, im Einvernehmen mit ben zuständigen Stellen des -andels und der verarbeitenden Industrie im Laufe des kommenden Monats einige Braugersten» unb Weizenschauen, verbunden mit Preisbewerd Anschließend an die Schauen werden Vorträge über die einschlägigen Fragen erstattet. Die Bauern fordern wir auf, sich durch Beschickung der Schauen recht zahlreich an ben Veranstaltungen zu beteiligen. Die für bie Schauen bestimmten Brau- gersten- bzw. Weizenproben (Winter- und Sommer- weizen), bie der Verkaufsware entsprechen mästen, sind mit dem Vermerk „Braugersten- und Weizenschau" im Gewichte von 5 Kilogramm an die für die einzelnen Schauen nachbenannten Adressen baldigst. spätestens bis zum 1 fjartunq (Januar) 1934 einzufenden. Jeder Probe sind folgende Anoaben beizufügen: Nome unb Wohnort bes Ausstellers, Sorte und Absaat des eingesandten Muster». Menge ber verfügbaren Verkaufsware. Die Schauen finden statt: Für bie Provinz Starkenburg in Darm ft ab t. Ausstellunns- proben sind zu senden an: Landesbaueritichaft -es- sen-Nassau, -auptabteilung II, Landwirtschaftsamt Darmstadt. Für die Provinz Oberhessen in Gießen. Ausstellunasproben sind zu senden an: Landesbauernschaft -essen Nassau -auptabteilung N, Land- wirtichaftsamt Gießen. Für die Provinz Rheinhessen in Alzey. Ausstellungsproben sind zu senden an: Landes- bauemfthaft -esten-Nassau, -auptabteilung H Landwirtschaftsamt Alzey Genauer Zeitpunkt unb Lokal der jeweiligen Veranstaltung werben rechtzeitig noch bekanntgegeben. Tie c Winker ab Neujahr. Bekanntlich treten mit dem 1. Januar 1934 die neuen Bestimmungen über Fahrtrichtungsanzeiger in Kraft, nach denen insbesondere nur noch gelbrotes Licht Verwendung finden darf, währ-nd bas Schluß- und Stopplicht rot bleibt Ferner sind nicht mehr zulässig die sog. Kapselwinker unb bie um eine mittlere Achse brehbaren Pfeile. Zusammenfassenb ift, wie der Reichsausschuß der Kraftoerkehrswirtschaft 552 V E $ yixmnes Geheimnis Vornan von Klothilde von Stegmann llr-eberrechtss'chuh: Fünf-Tünne.Verlag Hakle (Saale) 11. Fortsetzung. Nachdruck verboten! Das Telephon der Hauszentrale läutete. Doktor Miller nahm den Hörer: „Ein junger Mann möchte Herrn Doktor sprechen. Er heißt Franz Walburg. Was soll ich für Bescheid geben?" .Lassen Sie ihn zu mir führen." Doktor Miller legte den Hörer aus und zündete sich eine Zigarre an. Was wollte der Zunge? Hatte er wieder was angestellt? Es klopfte. Der junge Walburg trat auf das .Herein!" Doktor Millers ins Zimmer „ r . „Was bringen Sie Schönes. Walburg? Haben Sie wieder ein Aktenstück gesichert? „Nein. Herr Kriminaldirektor! Davon habe ich genug. Aber Sie hatten mir damals erlaubt, wieder einmal vorzusprechen, wenn ich im Auswärtigen Amt nicht bleiben dürfte..." .... m , „Will man Sie dort nicht mehr behalten, Wal- bUr^a — das schon! Es hat sich, dank Ihrer Fürsprache. alles wieder eingerenkt. Aber ich passe nicht dahin. Und deshalb möchte ich gern noch einmal fragen, ob es eine Möglichkeit gibt, daß ich bei der Kriminalpolizei beschäftigt werde? Ich hätte zu io einer Tätigkeit, wie Sie sie haben, viel mehr Lust, Herr Kriminaldirektor." „Sachte mit den jungen Pferden, mein Junge. Erstens habe ich auch nicht gleich den Posten gehabt, den ich jetzt bekleide, und zweitens: leicht und sehr angenehm ist mein Beruf auch nicht. So mit der Tabakspfeife herumlausen. alle Leute aus den Augenwinkeln ansehen und dann mit dem Revolver in der Hand als stolzer Meisterdetektio den Täter verhaften, wie man das jahrelang im Kino oorge- führt hat, so einfach ist die Sache nun doch nicht." „Das weiß ich, Herr Direktor, aber was ich jetzt zu tun habe: immer Akten abschreiben — ich halte es nicht aus. Und dazu noch die ewige Schikaniererei von dem Malesius? Seit der so viel Geld hat, ist es nicht auszuhalten mit ihm." „Sie meinen wohl den Herrn Assessor von Ma- lesius? Seit wann hat der denn ,so viel ©elb', und woher wissen Sie das denn?" „Ra, früher, da kam er oft: .Walburg, holen Sie mir doch mal zehn Zigaretten zu drei. Sie müssen es aber auslegen. Gestern haben sie mich mächtig gerupft/ Und auf einmal raucht er die teuersten Zigaretten. Hat immer ganze Schachteln da und tut, als ob tr wer weiß was wäre. Seitdem ich ihm gc- sagt habe, ich lümntcre mich nicht darum, was der Herr von Seeburg für Akten in jein Zimmer bekäme und ob er B518 zur Bearbeitung hatte, seit- dem ist der Teufel los! Aues soll falsch sein, was man macht und ist undeutlich geichrieben — wirklich, o halte ich es nicht mehr lang« aus. Können «ie mir da nicht helfen. Herr Kriminaldirektor?" Bestimmt kann ich Ihnen nicht helfen, wenn Sie weglaufe n Bleiben sie vorläufig ruhig auf Ihrem Posten. Ich will sehen, was für sie zu machen ist. Auf Anhieb natürlich geht so etwas nicht. Und aushalten muß man in unserem Beruf erst recht. Wer da keine Geduld hat und Unbequemlichkeiten nicht mit in den Kauf nimmt, keine Ausdauer hat, der wird es zu nichts bringen." Mit veränderter Stimme fuhr Doktor Miller fort: „Run beantworten sie mir mal ein paar Fragen, Walburg. Seit wann bemerken sie die Veränderung bei Herrn von Malesius? Ist das ganz plötzlich gekommen?" „Ja! Wie lange es her ist, weiß ich nicht genau. Vielleicht acht Tage. Da war er erst noch ganz nett und stöhnte, daß er kein Geld habe. Am anderen Tage kam er ganz verstört ins Amt. Am nächsten Tage war er wie ausgewechselt. Mit den teueren Zigaretten fing es an, dann hatte er plötzlich ein neues Etui, und gestern kam er mit einem seinen, neuen hellen Anzug, den ich noch nie gesehen habe. Er hatte nicht sehr viele Sachen. Jetzt ist er ganz merUDÜrbifl: mal ganz still, beinah bedrückt, und dann schnauzt er plötzlich! Früher war er froh, wenn er seine Arbeit fertigmachen konnte. Jetzt guckt er in jede Mappe hinein und erkundigt sich nach Dingen, mit denen er gar nichts zu tun hat. Da haben sich andere auch schon darüber gewundert." „Was sind das für Dinge, nach denen er fragt?" „Na, ob Herr von Seeburg diese Sachen bearbeitet ober ein anderer. Und wo Herr von Matzow wohnt. Ob er die Vertretungsliste, die ihn doch gar nichts angeht, bekommen könnte. Wann der Vorsteher von Büro vier auf Urlaub geht, und lauter solche Sachen, Herr Doktor!" „Sonst noch etwas, Walburg? Ueberlegen Sie mal, ob Ihnen noch etwas einfällt?" „Doch! Neulich kommt der Hubermann — das ist ein Kollege von mir —, der fragt mich: .Was ist denn mit eurem Malesius los? Der konnte doch früher nie erwarten, daß er fort kam, wenn Schluß war. Und gestern hat er sich plötzlich im Postbüro aufgebaut. Er hätte doch noch nie gesehen, wie die Post fertiggemacht wird — das wollte er sich mal anschauen. In jede Mappe und in jeden Briefkorb hat er hineingeguckt, bis der Vorsteher zu ihm gefugt hat: Verzeihung. Herr von Malesius! Ich darf das nicht erlauben. Ich habe Anweisung, daß sich hier niemals ein Unbefugter aufhält. Hier geht doch auch die Geheimpost durch. — Da ist der Malesius grob geworden und hat gesagt: Herr Rechnungsrat, ich verbitte mir das! Das gilt doch nur für das UnterperfonaL Ich habe keine Anweisungen von Ihnen entgegenzunehmen. — Der alte Rechnungsrat Hinze! hat aber nicht nachgegeben und gefugt: Ich habe meine Anweisungen, nach denen muh ich handeln. Ich kann niemandem den Aufenthalt hier gestatten, solange ich nicht andere Anordnungen erhalle. Es soll sich niemand hier aufholten. Der hier nichts zu tun hot. Ich stelle anheim, eine Ent- scheidung herbeizusühren. Aber daß jemand die postfertigen Mappen auch nur durchsieht, erlaube ich nicht. — Da hat Malesius nur gelacht und gesagt: Na, ich werde Ihnen schon nichts klauen! — Und ist 'rausgegangen und hat die Tür 3ugcfd)miffcn!‘ — Soweit hat mir mein Kollege Hubermann den Vorfall geschildert." „Sagen Sie mal, Walburg, kommt denn sonst nie jemand ins Postbüro?" ..Nein! Nur wer da etwas zu tun hat. Oder wenn einer noch eine eilige Mappe hineintragen soll. Rechnungsrat Hinzel soll noch gesagt hoben: daß einer hier die Post burdjftöbyt, dos wäre ihm in feinen zwanzig Dienftjohren im Postbüro noch nicht passiert. Der Herr Assessor soll sich doch beschweren. Aber er wird es bleiben lassen, weil er sonst einen schönen Rüffel bekommt!" „Sie haben vorhin von einem Aktenstück B 518 gesprochen. Was ist denn do drin? Was Wichtiges?" fragte Miller. „Ja, Herr Kriminaldirektor, was Wichttges wird es wohl fein. Ich weiß auch, was. Aber ... ich weiß nicht recht. Ich möchte nicht gern darüber reden. Iw glaube, das darf ich nicht, Herr Doktor!" fetzte Walburg in entschuldigendem Ton hinzu. „Wenn es so geheim ist, dann sogen Sie mir lieber nichts. Ich will Sie in keinem Fall veran- lassen, gegen Ihre Pflicht zu handeln. Aber etwas anderes könnten Sie tun. Wenn etwa — Herr von Malesius hat doch danach gefragt, wie Sie vorhin sagten — Herr von Seeburg das Aktenstück holen läßt, können Sie mir do einen Wink geben?" „Das kann ich. Aber — bei Herrn von Seeburg ist es doch sicher?" „Das glaube ich fest, Walburg. Aber ich bin halt neugierig. — Sagen Sie mir noch eins. Werden solche wichtigen Aktenstücke jeden Abend wieder abgeliefert ober nehmen die Herren einmal eins mit nach Hause? Oder lassen sie es über Nacht in ihrem Dienstzimmer?" „Nein, im Dienstzimmer lassen es die Herren nie, da könnte es zu leicht wegkommen. Eher nehmen sie so etwas mit nach Hause, um daheim weiterzuarbeiten. Eigentlich soll es ja nicht sein, aber es machen ja fast alle An einem Tage werden die Herren gewöhnlich nicht fertig, und dann müssen sie es sich am nächsten Tage nur gegen neue Quittung nochmals geben lassen. Das ist so umständlich. Da geben sie es erst zurück, wenn sie fertig sind." „Also, Walburg, jetzt passen Sie gut auf. Wenn irgend einer der Herren dieses Aktenstück, von dem Sie sprachen, B 518 holt, bann rufen Sie mich vom Automaten aus an und sagen mir Bescheid. Sie sagen bann — genau aufpaffen, Walburg; — .der Vater verreist heute!' Und wenn es einer der Herren abends nicht zurückgegeben hat, dann telephonieren Sie mir: .Der Vater ist heute mit Herrn von Matzow verreist oder mit Herrn soundso!' — Also den Namen besten, der dos Aktenstück mitgenommen hat. Wenn Sie mich im Amt nicht erreichen — meine Prioottelephonnummer gebe ich Ihnen hier. Aber Sie müssen mir selbst Bescheid sagen, und wenn Sie mich auch erst nachts erreichen. Rusen oie bann alle halbe Stunden an. bis Sie mich selbst treffen. Auslagen ersetze ich Ihnen. Werden Sie bas können?" „Gewiß, Herr Kriminaldirektor! Ich versteh bloß den Zweck nicht?!" „Brauchen Sie auch gar nicht Rehmen Sie an, ich will mich von Ihrer Zuverlässigkeit überzeugen! Wenn Sie meinen Auftrag gut aussuhren, verwende ich mich dafür, daß Sie hierher übernommen werden. Mit dem Vater spreche ich bann. Wiederholen Sie mir, was Sie tun sollen." Walburg wiederholte genau den erhaltenen Auftrag. Als Irene mit ihrer Mutter von einem Spaziergang nach Hause kam, fanden sie die alle Berta in sehr schlechter Laune vor. Pvonne Dumont hatte auf sie eingeredet, und Berta konnte sic doch nicht verstehen. Da war Pvonne schlankweg in die Küche gekommen und hatte sich zu- sammengesucht, was sie brauchte: Teller. Teegläser, Bestecks. Mit Berta hatte sie es daher ganz vcr- borben. In ber Küche hatte, nach Bertas Auffassung, niemanb etwas zu suchen. Frau von Merten und Irene durften allenfalls noch hinein. Andere hatten in Bertas Reich aber nicht einzudringen, und damit, daß Poonne einen Teller mit dem Tuch noch einmal nachgerieben, hotte sie Berta vollends in Empörung gefetzt. „Bei mir ist dos nicht nötig. Wenn ich Teller weg- stelle, bann finb sie sauber. Ich habe gebacht, ber König von Frankreich kommt, wie bie Französin Geschirr holte — unb wer war es? Herr von Seeburg! Der ist bei Fräulein Dumont gewesen. Zwei geschlagene Stunben hat er bei ihr drinnen gesessen! Wie er bann endlich gegangen ist, ba hätten Sic Fräulein Dumont sehen sollen, gnädige Frau. Solche Augen hat sie gemacht!" Berta zeigte eine unwahrscheinliche Größe. „Und Herr von Seebura bat aus- gesehen, wie wenn er gerade von ber Weihnachts- cscherung käme. Na. 'ne schöne Ueberraschung wäre bas ja, wenn er sich von ber kapern ließe! Die Männer finb ja auch zu bumm. Er sollte mal babei sein, wenn sie sich zurechtmacht. Wie bie Haare aussehen, wenn man früh ben Kaffee hereinbringt, unb nachher, wenn sie sich aufpoliert. Da massiert sie die Stirn unb bas flanke Gesicht unb bann kommt ber Augenbrauenstift heran unb bann ber für die Lippen ... Totgeschlagen hatte mich meine Mutter, wenn ich mich so bemalt hätte." (Forts, folgt) Shlodtor das weltberühmte Starkbier der Paulanerbrauerei zu München kommt ab Mitte Dezember zum Xusstoß. Die Ausschankstellen sind durch Plakate kenntlich. 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