Nr. 237 Erster Blatt 183. Jahrgang Dienstag, 10. Moder 1933 Gietzener Anzeiger General-Anzeiger für Oberhessen c Postscheckkonto: granffurt am matn 11686. Dmtf und Verlag: vrühl'sche UniversttSts-Vvch- und Ztelndruckerek H. Lange in Gketzen. Lchriftlettung und Geschäftsstelle: §chulstratze 7. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, Auswärts 10 Reichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20% mehr. Chefredakteur: Dr. Fnedr. Wilh. Lang«. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil i.B.TH.Kümmel sämtlich in Gießen. (6r|d)etnt tügllch, auhei Sonntags und Feiertag» Bttlagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle Monatr-Sezngsprets: Mit 4 Beilagen RM. 1.9b Ohne Illufttierte , 180 Zustellgebühr .. , --25 Auch bet Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Zernfprechanschlüffe antcr Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Stehen. Das Präsidium der Abrüstungskonferenz zusammengeireirn. Ser britische Llnterstaatssekretär Eden mit vorbereitenden Verhandlungen über die strittigen Punkte beauftragt. Genf, 9. Okt. (TU.) Das Präsidium der Abrüstungskonferenz trat Montag nachmittag nach mehrmonatiger Unterbrechung unter dem Vorsitz Hendersons zu einer geheimen Sitzung zusammen, an der Paul-Boncour, Staatssekretär Eden, Botschafter Nadolny und die Vertreter der übrigen Großmächte teilnahmen. Oer Präsident der Abrüstungskonferenz, Henderson, erstattete sodann dem Präsidium einen von dem üblichen Optimismus getragenen Bericht ü be r seine letzte Europarundreise, auf der er Paris, Rom, Berlin, München und London berührt habe und betonte, wenn »auch das angestrebte Ergebnis einer Einigung nicht erzielt worden sei, habe doch der ständige Kontakt mit den Regierungen gewisse neue Gesichtspunkte für die Verhandlungen geliefert. Henderson hob hervor, daß die Hauptschwierigkeiten der gegenwärtigen Verhandlungen in den Sanktionsforderungen und in der praktischen Anwendung der Gleichberechtigung liegen. Die gegenwärtig zur Verhandlung stehenden Fragen könnten jedoch in zwei Gruppen geteilt werden. Eine Einigung erscheine verhältnismäßig leicht zu erzielen in folgenden Fragen: 1. Allgemeiner Verzicht auf Gewaltanwendung; 2. Definition des Angreifers; 3. Kontrolle; 4. Vereinheitlichung der kontinentalen europäischen Heere hinsichtlich der ausgebildeten Reserven, der Heeresstärken und der Kolonialtruppen; 5. die Rüstungskontrolle durch Offenlegung der Budgets, 6 Bombenangriffe aus der Luft; 7. die baldige Schaffung eines ständigen Abrüstungskommission; 8. die Flottenfrage. Die Gruppe der schwierigen fragen umfaßt nach den Erklärungen Hendersons folgende punkte: 1. die Dauer der ersten Abrüstungskonvention; 2. die Grüße der Tanks und des Kalibers der Artillerie; 3. die Verringerung des Landkriegsmaterials durch Zerstörung; 4. VZafsenherstellung und -handel; 5. Heeres- und Marine-Luftschiffahrl; 6. Sanktionen im Falle der Verletzung der Konvention. Hinsichtlich der Dauer der Konvention beständen zwei Auffassungen. Einige Länder hätten sich deutlich für eine fünfjährige Konvention ausgesprochen; während derer die Zerstörung des verbotenen Materials und die Gleichberechtigung stufenweise durchgeführt würde. Andere Länder hätten eine achtjährige Konvention vorgeschlagen, die in zwei vierjährige Perioden eingeteilt würde, deren erste kurz als Versuchsperiode bezeichnet werden könnte; wenn die zu schaffende ständige Abrüstungskommission entscheide, daß das Kontrollsystem wirksam gewesen sei, sollen die in der Konvention enthaltenen A b ° rüstungsmaßnahmen während der zweiten Periode durchgeführt werden. Henderson legte großes Gewicht auf die Erläuterung der Aufgaben der von ihm wiederholt erwähnten ständige n Abrüstungskommission, die bereits mit der Unterzeichnung des Abkommens ihre Tätigkeit aufnehmen wolle. Er bezeichnete es sodann als wesentlich, daß die nächsten Tage mit aktiven Besprechungen ausgefüllt werden, damit für die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten eine befrie- digense Lösung gefunden werde, insbesondere hinsichtlich der Frage der Verteidigungswaffen, die die abgerüsteten Länder während der Versuchsperiode verlangten, und für die Frage der Sanktionen. Technische Diskussionen seien nicht mehr notwendig. Jetzt komme es auf politische Entscheidungen an. Wenn die Delegierten entschlossen seien, die allgemeinen Grundsätze anzuwenden, die in den vom Hauptausschuß bereits angenommenen Resolutionen enthalten seien, dann sei der Erfolg gesichert. Es wurde beschlossen, noch eine Bureau» sihung am Samstag abzuhalten, und den Hauptausschuß für Montag, 16. Oktober, einzuberufen. Der Vertreter Englands. Unter- staatssekretär L d n, wurde beauftragt, auf Grund der Besprechungen zwischen den einzelnen Delegierten, die in dieser Woche noch stattfinden sollen, Anträge über die noch (triftigen punkte zu formulieren, damit sie gleichzeitig mit der zweiten Lesung des Macdonald- planes im Hauptausschuh behandelt werden können. Der Teilnehmerkreis für diese Besprechungen, die zwanglos geführt werden sollen, ist hauptsächlich wohl deshalb offengelassen worden, weil die Absicht, die f ü n f G r o ß m ä ch t e mit der Regelung der noch strittigen Fragen zu befassen, wegen des französischen Widerstandes aufgegeben worden ist. In der Aussprache erklärte Eden, daß er den Auftrag des Bureaus annehme, wobei er, um die Schwierigkeiten seiner Aufgabe darzutun, sich auf eine Stelle der Rede Hendersons bezog, in der es heißt, daß die Lösung der Schwierigkeiten durch die Unruhe des gegenwärtigen Europas, das Mißtrauen, die Befürchtungen und die Alarmstimmungen beeinträchtigt werden. Der deutsche Delegierte Botschafter Nadolny hat dem Präsidenten für seine Be- mühunaen gedankt und der Hoffnung auf einen erfolgreichen Verlauf der kommenden Besprechungen Ausdruck gegeben, damit die zweite Lesung des Mac- donald-Planes ohne Schwierigkeiten vor sich gehen könne. Oie Einsetzung eines Zlüchtlings- komniiffars. G e n f, 9. Okt. (WTB.) Der Unterausschuß der Wirtschaftskommission der Völkerbundsversammlung hat heute abend die Beratung über die Einsetzung einesOberkommissars fürdie aus Deutschland a u s g e w a n d e r t e n jüdischen Flüchtlinge abgeschlossen. Es wurde sichergestellt, daß der Oberkommissar, der vom Völkerbund zu ernennen ist, eine völlig autonome Institution ist, die vom Völkerbund keine Weisungen entgegenzunehmen und ihm keinen Bericht zu erstatten hat. Zur Beratung und Jnstruierung des Völkerbundskommissariats wird ein Verwaltungsrat eingesetzt, in dem die verschiedenen von d«.r Flüchtlingsfrage betroffenen Staaten vertreten sind. Im Unterausschuß der politischen Kommission wurden die der Versammlung zu unterbreitenden drei Entschließungsentwürfe gleichfalls heute abend fertiggestellt. Die beiden ersten Entschließungen sind auch der deutschen Zustimmung sicher. Jedoch wird das deutsche Veto gegen denjenigen Teil des französischen Antrages, der S o n d e r b e st immun g e n zugunsten der Juden in Deutschland schaffen will, bestehen bleiben. Hinweis auf die veränderte politische Lage in Deutschland als Ursache der Schwierigkeiten ist durchaus falsch am Platz. Deutschland hat immer wieder aus berufenem Munde erklärt, daß es am Macdonald-Plan fe st zuhalten gewillt ist. Es hat damit von seiner Seite alles getan, um das große Friedenswerk der Abrüstung zu fördern. Auch die englische Regierung kann sich dieser, allen Gutgesinnten geläufigen Tatsache nicht verschließen und wird ihr nur dann gerecht werden tönen, wenn es sich nicht von einer Politik abdrängen läßt, die es im März dieses Jahres im Interesse des Weltftiedens und der Abrüstung großzügig eingeleitet hat. Deutschland wird Oaladier antworten. Berlin, 9. Okt. (ERB.) Wie wir von unterrichteter Seite hören, wird die Reichsregierung möglicherweise zu der Rede des französischen Ministerpräsidenten 2> a l a b i e r, die dieser am Sonntag gehalten hat, in diesen Tagen Stellung nehmen. Wenn Daladier von der e r st e n Etappe der vierjährigen Periode spricht, während der die Kontrolle organisiert werden und in Tätigkeit treten solle, so ist demgegenüber darauf hinzuweisen, daß Deutschland mit dieser ersten Periode durchaus einverstanden ist. Deutschland kann aber nicht zulassen, daß diese vierjährige Periode lediglich zu einer weiteren Entwaffnung Deutschlands benutzt werden solle. Deutschland ist durchaus bereit, sich mit Frankreich über die Modalitäten dieser ersten Periode zu unterhalten. Mit Entschiedenheit und Nachdruck muß es aber ablehnen, daß Frankreich nicht selb st abrüsten, Deutschland aber durch die Umwandlung des bisherigen Heeressystems der Reichswehr in eine Miliz wieder z u einer neuen Entwaffnung zwingen will. Die Aeußerungen, die Daladier in diesem Zusammenhang über die sogenannten militärischen Verbände gemacht hat, die fortfallen sollten, sind durch die Erklärungen des Stabschefs Röhm über den Charakter der Verbände restlos wi d e r l e g t worden. Llnbehagen in Paris. Die französische Presse zum Auftakt iu Genf. Paris, 10.Okt. (ENB. Funkspruch.) Aus der Ankündigung, daß man deutscherseits eventuell auf die Rede Daladiers antworten werde, möchten gewisse französische Kreise den Schluß ziehen, daß die deutsche Diplomatie zu einer d i r e f t e n 21 u s = spräche über das dornige Abrüstungsproblem gelangen wolle. Die Aussicht auf eine derartige Möglichkeit wird jedoch von der französischen Presse mit einigem Unbehagen ausgenommen, das verstärkt wird durch die Gerüchte über die gestrige Sitzung des englischen Kabinetts. Der Bericht Hendersons vor dem Büro der Abrüstungskonferenz und die Tatsache, daß Sir John Simon freie Hand für Genf erhalten hat, werden hier nicht mit ungemischter Freude verzeichnet. „Echo de Paris" erblickt in den Ausführungen Hendersons und in der Beratung der englischen Regierung den Wunsch, die Unterzeichnung eines Abrüstungsabkommens zu beschleunigen. Henderson bringe jetzt zur Kenntnis, daß noch zur Ratifizierung des Abrüstungsvertrages eine A b • rüftungsfommiffion eingesetzt werden solle, die wie eine ständige Abrüstungskonferenz auftreten würde. Was die Sanktionen anlange, fei von keinen neuen Verpflichtungen die Rede. Dagegen spreche man von Maßnahmen, die zweifellos' eine bedeutende Verlagerung der militärischen Macht zugunsten Deutschlands und zum Schaden Frankreichs bedeuten werde. „Journal" schreibt, es sei klar, daß die Herabsetzung der französischen Streitkräfte an sich ein Bruch des Gleichgewichtes zugunsten Deutschlands darstelle. Die deutschen Offensivkräfte schwächende Umwandlung in eine Miliz könne weitgehend das Gleichgewicht wieder Herstellen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die ganze Angelegenheit von Anfang an ft r e n g kontrolliert werde und das ganze mit der Prüfung beginne, wie es mit Deutschland in bezug auf die Militärklauseln des Versailler Vertrages stehe. „Petit Journal" und „Matin" versuchen schon jetzt die Schuld an einem negativen Genfer Ergebnis Deutschland aufzubürden, das nicht erkennen wolle, daß Frankreich die „ä u ß e r st e Grenze" seiner Zugeständnisse erreicht habe. Schwere Ausschreitungen gegen den Deutschen Voiköbund in Ostoberschlefien K a l t o w i h , 9. Oft. (OB.) Aufständische überfielen gestern das Volksbund - heim in Borken und verletzten drei Deutsche schwer. Dann gingen die Aufständischen daran, das heim zu ; erst ö r e n. Mit schwarzer Farbe wurden an der wand angebrachte deutsche Sinnsprüche, sowie Stuhle. Tische und Bilder verschmiert. Tische und Stühle wurden zerbrochen und die Fensterscheiben eingeschlagen. Der Saal bietet das Bild einervoll- ständigen Verw üstung. Die Aufständischen drangen auch in die priocitwohnungen deutscher Bürger ein und mißhandelten sie schwer. Die p o - lizei erschien erst, als die Ausschreitungen langst vorüber waren. Aehnliche Ausschreitungen ereigneten sich auch noch in anderen Orten Ostoberschlesiens. Einseitige Auffassung in England. Oaö Ergebnis einer Kabinettssihung.-Für Deutschland unannehmbare Schlüffe. London, 9. Okt. (TU.) In der Sitzung des englischen Kabinetts berichtete Außenminister Sir John Simon über den Stand der Abrüstungsoerhandlungen und zwar unter Berücksichtigung der letzten deutschen Mitteilungen und der Erklärungen Daladiers. Nach einer englischen Darstellung, die man naturgemäß mit dem nötigen Vorbehalt aufnehmen muß, läßt sich das Ergebnis der Kabinettssitzung wie folgt zusammenfassen: Man war in der Kabinettssitzung der Auffassung, daß Deutschland noch nicht sein letztes Wort gesprochen habe, so daß in Genf in weiteren privaten Verhandlungen weitere Versuche gemacht werden sollen, ein Abrüstungsabkommen zu erreichen. England will anscheinend an der Unterstützung festhalten, die es Frankreich in der Frage der Probezeit zu gewähren bereit gewesen ist. Der französischen Behauptung, daß man das im Dezember gegebene Versprechen für die praktische Gleichberechtigung jetzt nicht mehr einlösen könne, weil sich die Sicherheitsfrage inzwi- scken verschoben habe, hat man sich offensichtlich in London im Hinblick auf die öffentliche Meinung im eigenen Lande nicht ganz entziehen tön.ien. Es muß daher angenommen werden, daß England sich der deutschen Forderung nach G e - Währung von Mustern solcher Waffen, die ihm bisher verboten waren, ihm aber auf Grund der englischen Abrüstungsvorschläge z u - gestanden werden sollten, im jetzigen Augenblick widersetzen und sich mit einer lieber- gangszeit einverstanden erklären wird. Anderseits besteht Verständnis für die von Deutschland vertretene Auffassung, daß eine solche Probezeit d i e tatsächliche Abrüstung erneut hinausschiebt und daß Deutschland fe ft umri^ene Zusagen für d i e Abrü- ft u n g d e r anderen verlangen kann wenn eine Probezeit eingefdjoben werden sollte. Auch besteht die Hoffnung, daß es gelingen wird, die Franzosen zu einleitenden Abrüstungsmaßnah- men während der Probezeit zu veranlassen. Das Ziel der englischen Politik bleibt das Zustandekommen einer Abrüstungsvereinbarung, dem die Einzelheiten und die Methoden, wie man sie erreicht, untergeordnet sind. Nach bet Kabinettssitzung wurde in „verantwortlichen englischen Regierungskreisen" die Auffassung ausgesprochen, daß angesichts der Schwierigkeiten der politischen Lage die Abrüstungsfrage einer außerordentlich geschickten und vorsichtigen Behandlung bedürfe. Es fei in den Verhandlungen ein Punkt erreicht, an dem man fühle, daß eine Entscheidung gefällt werden müsse. Der eng» lische Abrüstungsvorschlag behaupte zwar nach wie vor das Feld. Deutschland habe erklärt, daß es dessen Grundsätze annehme. Bei der gegenwärtigen Lage werde es jedoch nicht möglich sein, Artikel um Artikel der geplanten Vereinbarung durchzugehen, der Abrüstungsausschuß werde sich bei seinem Zusammentritt der einen großen Hauptfrage gegenübersehen, der deutschen Forderung in der Rüstungsfrage sowie den Rückwirkungen dieser Forderungen auf seine Nachbarn. Es fei daher eine Aenderung der geplanten Vereinbarung notwendig. Um eine bessere Grundlage für die Sicherheit zu schaffen, fei man der Ansicht gewesen, daß ein vorläufiger Zeitraum vorgesehen werden solle, dem, wenn alles gut gehe, ein zweiter Zeitabschnitt folgen soll. Die letzten Tage hätten keine allzugroße Bereitwilligkeit Deutschlands gezeigt, den Beitrag zu leisten, der im Interesse des europäischen Friedens unbedingt von Deutschland geleistet werden sollte. Wenn man eine Reihe von Jahren sichern konnte, in denen der Glaube in die guten Absichten von jedermann vermehrt und eine Stärkung des Friedensgei st es erreicht werden konnte, so würde dadurch eine neue Lage geschaffen werden. Aber eine der Schwierigkeiten bestehe in der Frage, wie das zu erreichen sei. Eines der hoffnungsvollsten Zeichen sei die gute Fühlungnahme zwischen Frankreich und Italien. Eine Vertagung der Abrüstungskonferenz lediglich aus dem "Grunde, weil die Dinge zu schwierig geworden seien, würde ein Mißgriff sein. Es sei darum besser, die Angelegenheit zu einem endgültigen Abschluß ohne eine weitere zwecklose Verzögerung zu bringen. Die Verantwortung liegt inLondon Will England den Macdonaldplan aufgeben? Die deutsche Auffassung. Bedenkliche Wendung in der britischen Abrüstungspotitik. Berlin, 10. Okt. (ERB. Funkspruch.) Das Kommunique über die Sitzung des britischen Kabinetts läßt die großen Schwierigkeiten trotz aller flüssigen Formulierungen klar erkennen. Sir John Simon hat darum auch keine festen Anweisungen für Genf erhalten. Das Kommunique stellt den „Grundsatz der Gleichberechtigung in einem System, das allen Nationen Sicherheit gewährt", zwar noch immer als das Ziel, nicht aber als die wesentliche Voraus- s e tz u n g jeder Abrüstungskonvention hin. Deutschlands Anspruch auf Gleichberechtigung ist und bleibt ein aus den Verträgen sich ergebendes moralisches, politisches und juristisches Recht. Von diesen grundlegenden Dingen ist in dem Kommunique allerdings nicht die Rede. Dagegen wird ausführlich auseinandergefetzt, daß die „{jesteigerte Beunruhigung der französischen Regierung und des französischen Volkes in bezug auf die Sicherheit beim britischen Kabinett Beachtung gefunden habe". Die geschickte und in der Wahl der Mittel bedenkenlose Taktik Frankreichs, das nach wie vor keinerlei Neigung zeigt, seinen Verpflichtungen nachzukommen, hat also offenbar in London doch eine gewisse Wirkung gehabt. Der Macdonaldplan, der im März zur Behebung einer schweren Krise in der Konferenz geschaffen und von allen Ländern als Diskussionsgrundlage und Rahmen des künftigen Abkommens angenommen wurde, erfreut sich offenbar nicht mehr der vollen moralischen und politischen Unterstützung der Regierung, deren Kabinettschef ihm leinen Namen gegeben hat. Es ist von besonderem Interesse, daß vom Büro der Abrüstungskonferenz der Vertreter Englands, Unterftaatsfefretär Eden, beauftragt wurde, Anträge über die augenblicklich noch strittigen Punkte zu formulieren. Man erinnert sich der Entrüstung, mit der alle möglichen Staaten sich gegen Deutschland wandten, als dieses im März gewisse Abänderungen am Macdonald-Plan vorschlug, ehe dieser endgültige Gestalt angenommen hatte. Und man kann daher sein Erstaunen nicht verhehlen, daß jetzt mit leichter Hand an einem Konventionsentwurf grundsätzliche und schwerwiegende Aenderun- g e n vorgenommen werden sollen, die geeignet sind, ihn unter Umständen völlig z u entwerten. Die Dienste, die Großbritannien und Italien geleistet haben, sind in Deutschland gewiß immer anerkannt worden. Deutschland ist aber auch der Ansicht, daß sich hieraus für England hohe moralische Verpflichtungen ergeben, die es nicht zulassen, daß plötzlich die sittlichen und rechtlichen Tatsachen in der Abrüstungsfrage u n - berücksichtigt bleiben, und man sich hinter angeblich neue politische Aspekte zurückzieht, weil die starre Haltung Frankreichs die Durchsetzung von bestimmten, sich aus der Gleichberechtigung und der Abrüstungsverpflichtung ergebenden Folgerungen allerdings erschwert. Der Weiterhin günstige Gestaltung der Lage auf dem Arbeitsmarkt. Die Vier-Mllionen-Grenze -er Arbeitslosenkurve unterschritten -Auch langfristige Erwerbslose wieder in Arbeit und Brot.-Ourchgreifender Erfolg der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Oer Bericht für die zweite Septemberhalste. Berlin, 9. Ott (TU.) 3n dec zweiten Seplem- berhälfle ist. wie die Reichsanstalt für Arbeilsver- mittlung und Arbeitslosenversicherung berichtet, durch den energisch und planvoll geführten Kampf gegen die Arbeitslosigkeit die Bier - Millionen - Grenze um mehr a l s 150 000 unter- schritten worden. Die Zahl der bei den Arbeitsämtern eingetragenen Arbeitslosen betrug am 30. September runi) 3850000. 3n einem Zeitpunkt, in dem eine weitere natürliche saisonmäffige Entlastung des Arbeits- marktev in größerem Umfange nicht mehr zu erwarten war, sind die Arbeit »beschas- sungsmoßnahmen der Reichsregierung i m verstärkten Mähe eingesetzt und die von der Reichsanstall gcsörderlen Rolslandsmah- nahmen erheblich ausgedehnt worden. Vies trug im Zusammenhang mit der weiter anhalten- den Belebung der wirtschaft wesentlich zu dieser starken Entlastung bei. Der Gesaml- r ü ck g a n g betrug rund 220 000 (minus 5,4 v. h): von den Arbeitslosen bezogen Arbeitslosenunterstützung rund 316 000 (minus 20 725), Krisenunter- stützung 1 108 000 (minus 34 364), wohlfahrtsunter- stützung rund 1 488 000 (minus 110 000 im Lause des ganzen Monats). Besonders beachtlich ist der starke Rückgang der Arbeitvlosen-Wohlfahrtserwerbslosen, der anzeigt, datz es mehr und mehr gelungen ist, im Rohmen der Arbeitsbeschaffung auch die sozialpolitisch dringlichste Aufgabe, nämlich die Unterbringung der langfristigen, häufig älteren und verheirateten Erwerbslosen einer Lösung zuzusühren. wieder stehen hinsichtlich der höhe der Enllaslung des Arbeitsmarktes die hochindustriallfier- ten und dichtbevölkerten Bezirke im Vordergrund. So meldet Brandenburg einen Rückgang um rund 44000, Sachsen um rund 33000, Mitteldeutschland um rund 24 000, Rheinland um rund 19 000, Westfalen um rund 15 000. Den an fei l- m ä 6 igstärksten und für einen Bezirk mit niedriger Arbeitslosenzlffer auch in absoluter höhe beachtlichen Rückgang hatte Bommern mit einer Abnahme um rund 10 000 oder rund 19,2 v. h. seines letzten Bestandes. Gegen den Höchststand vom Februar des 3ahres mit 6 147 000 Arbeitslosen ist also bisher e i n R ü ck - gang um fast genau 2,2 Millionen Arbeitslosen zu verzeichnen. Der tatsächliche Rückgang der Arbeitslosigkeit ist noch viel größer, da die wahre Zahl nicht allein nach den Zahlen der Arbeitslosen berechnet werden kann, sondern dem gegenübergestellt werden müssen die Beschäftigtenzahlen. während die Zahl der von den Krankenkassen errcchnelen Beschäftigten Ende 3anuar nur 11487000 betrug, erhöhte sich diese Zahl bi» Ende August auf 13 724 000. Dazu kommen noch die rund 270 000 Arbeitslosen, die im Laufe de» September wieder in Lohn und Brot zurückgeführt werden konnten, so datz die Zahl der Mehrbeschäftigten gegenüber Februar auf über 2,5 Millionen beziffert werden kann. Oie Entwicklung in den einzelnen Wirtschaftszweigen. Dis auf das Go st wirtsgewerbe, in dem durch die Beendigung der Saison eine Erhöhung des Arbeitslosenbcstandes eingetreten ist, verteilt sich die Entlastung wieder aus alle Berufs- gruppen. Sie war am stärksten in den von der Konjunktur abhängigen Gruppen, während die Außenberufe nur mit einem geringen Abgang zur Entlastung beitrugen. Der landwirtschaftliche Arbeitsmark hat durch die in vollem Gang befindliche Kartoffelernte eine starke Belebung erfahren. Die Bemühungen der Arbeitsämter, die bäuerlichen Besitzer zur Verlängerung der Landhelferverträge über den Winter hinweg zu veranlassen, stoßen auf ein erfreuliches Berständkiis. In der Baustoffindustrie hat sich in den Ziegeleibetrieben mit fortschreitender Jahreszeit und Beendigung der Saison die Arbeitsmarktlage leicht verschlechtert. Bei den Stcinbruchsbetric- ben und Kalkwerken hat sich die Beschäfti- gung gehalten. Lieferungen aus dem Arbeitsbeschaf- fungsproaramm bilden hier eine wirksame Stütze. In der Zementindustrie macht sich die aus- lau ende Produktionsperiode bemerkbar, jedoch wird versucht, die notwendigen Entlassungen durch Arbeitsstreckung hinauozuschieben. Die Glasin- dustrie blieb in der Berichtszeit weiterhin aufnahmefähig. Erheblich sind die Abgänge von Arbeitslosen im Baugewerbe. Besonders gut war in dieser Berichtszeit die Beschäftigung i m Tiefbaugewerbe (Arbeitsbeschaffungspro- gramm). Im Hochbau wirkten sich die Darlehen und Zuschüsse für die Instandsetzung von Wohnhäusern günstig au». 3m Kohl e n bergbau ist die Lage im allge- meinen unverändert. Der September zeigt gegenüber dem Vormonat durch stärkere Industrieabrufe eine leichte Hebung der Beschäftigung. In der Hütten- und Walzwerksindustrie hat sich die Lage im September gut behauptet. In der oer arbeitenden Metallindustrie hat sich die Zahl der arbeitslosen Fach- und Hilfsarbeiter vermindert. Die Arbeitsbeschasfungs - Programme brachten daneben Aufträge für verschiedene handwerkliche Gewerbezweige. Die Beschäftigung im Spinn ft offfleroerbe war uneinheitlich. Einzelne Zweige sind gut beschäftigt. in anderen waren Entlassungen unver- weidlich. Im ganzen bat jedoch die Arbeitslosenzahl noch beachtlich abgenommen. Die Belebung im Bekleidungsgewerbe hielt an. Die Lage im Holz- und Schnitz st osfgewerbe hat sich weiter beachtlich oerbesiert. Im Nahrung», und Genuhmittelgewerbe trugen neben vereinzelten Einstellungen in handwerkllchei- Be trieben vor allem die Anforderungen der Zuckerfabriken für die Kampagne zur Entlastung des Arbeitsmarktes bei. Für die ungelernten Arbeiter boten sich bei den zahlreichen Arbeitsbeschaffungsprogrammen ausreichende Unterbringungsmöglichkeiten. In den Angestelltenberufen ergaben sich vor allem wieder für Verkäufer und Verkäuferinnen Dermitt- lungsmöglichkeiten. Die Auflockerung dieses Teil- arbeitsmarktes setzt sich weiter fort. Die Beschäfti- aungsaussichten für technische Angestellte gaben sich etwas gebessert. Die fionjuntfurienbenien in Deutschland nnd ans den Weilmärkien. Lockerung der weltwirtschaftlichen Verflechtungen.-Festigung des Binnenmarkts. Berlin, 9. Oft. Das Institut für Konjunkturforschung gibt in seinem neuesten Vierteljabrsheft auf Grund einer diesmal besonders eingehenden Untersuchung folgende zusammenfafsende Darstellung der Wirtschaftslage im Herbst 1933 in Deutschland und in der Welt: „Produktion und Beschäftigung und damit das Volkseinkommen find in Deutschland weiter gestiegen. Gefördert wurde diese Bewegung von der öffentlichen Hand, die große Beträge für die Arbeitsbeschaffung eingesetzt hat. Die freien Kreditmärkte hätten die Finanzierung einer solchen Produktionssteigerung nicht erlaubt. Der Geldmarkt hat sich noch nicht genügend ver- s l ü s s i g t, Umsätze und Kurse an der Börse stagnieren, die Emissionstätigkeit ist gleich null. Wenn trotzdem die Privatwirtschaft auch von sich aus Ersatzinoestitionen vorgenommen hat, so ist dies Darauf zurückzuführen, daß der Status der Unternehmungen allmählich etwas liquider geworden ist und so erhöhte Selbstfinanzie- r u n g ermöglicht. Einer weiteren Ausdehnung der freien Unternehmertätigkeit wären allerdings verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt, wenn nicht die neuerdings beschlossenen Maßnahmen die Kreditmärkte aus ihrer Erstarrung lösen würden. Die Fortschritte, sind fast im ganzen Umkreis der industriellen Produktion zu beobachten. Führend sind dabei nach wie vor die Inoestitions- güterindustrien. Die Landwirtschaft zeigt mit ihrer reichlichen Ernte ein entsprechendes Gegenbild. Die Deckung des Bedarfs an Getreide aus heimischer Erzeugung ist für das laufende Erntejahr gesichert. Den Gefahren für die Ertragsgestaltung der Landwirtschaft treten grundlegende gesetzgeberische Maßnahmen entgegen, die die Landwirtschaft aus dem ihr zum Verhängnis gewordenen Zusammenhang mit den kapitalistischen Märkten befreien sollen. Damit bieten sich dem Bauerntum neue Entwicklungsmöglichkeiten. Die Konsolidierung in der Jndustriewirtschast und die Neugestaltung der landwirtschaftlichen Märkte haben auf vielen Gebieten d i e Preise befestigt. Von einzelnen Auswüchsen abgesehen, hält sich die Steigerung der Preise bis jetzt aber noch insehrengen Grenze n; vor allem auf den Konsumgütermärkten stößt eine stärkere Erhöhung der Prerse bei der immer noch geringen Kaufkraft weiter Streife der Bevölkerung auf Schwierigkeiten. Die Absatzmöglichkeiten im Export haben sich nicht verändert. Wie in Deutschland wird auch in anderen L an de r n die konjunkturelle Belebung fast ausschließlich vom Binnenmarkt getragen. Die Lockerung der weltwirtschaftlichen Verflechtungen und ihre Auflösung in eine Reihe regionaler Sonderbewegungen hat nach dem Scheitern der Londoner Konferenz weitere Fortschritte gemacht. Die Gegensätze zwischen den Ländern mit entwerteter Valuta und den Goldwährung sländern haben sich verschärft. Die kreditwirtschaftlichen Verflechtungen lösen sich mehr und mehr; trotz hoher Zinsdifferen- zen finden zwischen den einzelnen Ländern nur unbedeutende Kapitalfluktuationen statt. Die Welthandelsumsätze Haden sich im ganzen nicht verändert, obwohl die industrielle Weltproduk- tion gegenwärtig beträchtlich höher liegt als zu Iah- resbeginn. Lediglich auf den Rohstoffmärk- t e n sind noch stärkere internationale Zusammenhänge zu erkennen. Die Hausse in den Vereinigten Staaten von Amerika hat zu einer solchen Preissteigerung geführt, daß die Rohstoffpreise — in Gold gerechnet — auch nach den Rück- schlügen in den letzten Monaten noch über dem Stand im März d. I. liegen. Die Befestigung der Rohstoffmärkte und die damit zusammenhängenden Lagereindeckungen reichen jedoch für einen durchgreifenden Aufschwung nicht a u s. In allen Län- dern, die sich ausschließlich auf die durch die Preisbewegung gegebenen Auftriebskräfte stützen, bestehen Rückschlag sgefahren, wenn die von den Rohstoffpreisen ausgehenden Impulse schwächer werden. Bei der Unergiebigkeit der Kapitalmärkte, der mangelnden Unternehmerinitiative und der in zahlreichen Ländern noch unzureichenden Besserung der Rentabilitätsverhältnisse hängt die Ueberwindung der Depression entscheidend von geeigneten konjunkturpolitischen Maßnahmen ab." Die ünlemehinerpersönlichkeii im neuen Sinai. Gleichberechtigter Soldat in der Arbeitsfront des deutschen Volkes.-Störung des Wirtfchastsfriedens ist Volksverrat. — Oer Llnternehmer dienendes Glied in der Volksgemeinschaft. Vizekanzler von Popen vor den Frankfurter Industriellen. WSN. Frankfurt a. M., 9. Oft. Auf Einladung des Verbandes Mitteldeutscher Industrieller e. D. stattete Vizekanzler von Papen der Stadt Frankfurt einen Besuch ab. Der Empfang des Vizekanzlers gestaltete sich überaus herzlich. Am Bahnhof waren zu seiner Begrüßung Abteilungen von SA., SS. und des Stahlhelms auf- marschiert, und auch das Publikum nahm regen Anteil. Am Abend sprach Vizekanzler von Papen im überfüllten Saal des Frankfurter Hofs vor führenden Persönlichkeiten des heimischen Wirtschaftslebens und Vertretern der öffentlichen Körperschaften über „Die Unternehmerpersönlichkeit im neuen Staat". Nach Begrüßungsworten des Der- bandsvorsttzenden Dr. Braun führte Vizekanzler von Papen u. a. aus: Zur Wirtschaft gehört auch der Unternehmer. Für den nationalsozialistischen Staat ist dies eine selbstverständliche Erkenntnis, die aus der Anerkennung aller schaffenden Stände entspringt. Die Klassenkampfidee ist heute überwunden. Der Unternehmer ist heute ein gleichberechtigter Soldat in Der gewaltigen Arbeitsfront des deutschen Volkes. Im Kampf um die Vorherrschaft zwischen Politik und Wirt- schäft haben wir in den letzten Jahrzehnten trübe Erfahrungen gemacht. Wir haben heute gelernt, daß der Primat der Politik gebührt und daß der Politiker lange Zeiträume ins Auge fallen muß, um die Voraussetzungen für eine stete Wirtschaft zu schaffen. Die nalionalsozialistische Slaafsauffaffung ist davon durchdrungen, daß die wirtschaft eine» oielgeflaltigen, lebendigen, von perfönlichkeitswerlen erfüllten Unternehmertum» bebarf, dessen Ethos heißt: „Arbeit, Arbeit im Dienste der Nation." Hitler machte die Bahn frei zu dem Ziele, dem Seelisch-Geistigen wieder die Herrschaft über da» materielle Dasein zu geben. Die Staatsführung anerkennt die Unersetzlich, kelt be» Unternehmertums In b e r IV lrtf chaft des neuen Deutschland», schützt es in der Ausübung seiner Funktionen und ist bereit, ee zu fördern und in seiner Stellung innerhalb der Wirtschaftsorganisation zu stärken. Die im Ausbau befindliche Agrarreform, diese zweite „Bauernbefreiung", soll nach dem Willen der Reichsregierung das Fundament der G e s a m t w i r t f ch a f t st ä r k e n. Die für die deutsche Landwirtschaft getroffene Sonderregelung, so sehr sie auch für den industriellen Unternehmer von Bedeutung sein wird, kann nicht auch auf andere Wirtschaftsgebiete übertragen werden. Indessen sollen auch die anderen Wirtschaftszweige nicht der schützenden Hand de» Staate» entbehren. Es gift in erster Linie di« allgemeinen Doraussetzun- gen au schaffen, die für eine ruhige und gedeihliche Entwicklung eine s a esunden Mittelstandes unerläßlich sind. Wir brauchen vor allen Dingen den Unternehmer der mittleren und kleiner en Betriebe, weil industriell unsere Zukunftsmöglichketten fast nur auf dem Gebiet Der Qualitätsware liegen, Die Den qualifizierten Unternehmer unD Arbeiter ooraussetzen. Die Phase der nationalen Revolution ist bewundernswürdig rasch in die Phase der Evolution übergeleitet worden. Die Siaalssührung stellt sich schützend vor Die Betriebe und hat Heißspornen und Unbelehrbaren deutlich gemacht, daß Den wirtschaft»- frieden stören, verrat am Volke begehen heißt. 3d) kann mit Genugtuung feststellen, daß sich das deutsche Unternehmertum durchaus der Stunde gewachsen zeigt, Denn es ist mit allen Kräften bemüht, die vielfältigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zum Erfolge zu verhelfen und d i e R e g i e - rnng durch Eigeninitiative zu unter st ü h e n. Starker Staat und Persönlichkeit sind keine Gegensätze, sie beblngen einen b e r, unb ba» eine ist nicht ohne ba» anbere denkbar, heute, wo wir wieder eine starke zentrale Staatsführung haben, die auch dem Wirtschaftsleben Stabilität und ruhige Entwicklung oerbürgern kann, darf sich auch wieder jene unbesiegbare 3nltiatioe und Risikofreudigkeit, jene Freude am eigenen Schaffen her - Dormagen, an der da» deutsche Unternehmertum von jeher so reich war. Sie werben vielleicht einwenben, meine Herren, daß Die innere und Die äußere Lage des Landes noch zu ungeklärt sei. daß der korporative Umbau Der Wirtschaft noch in Den er ft en Anfängen stecke unD daß in der Arbeitsfront noch zu viele Unausgeglichenheiten Zwischen Arbeiter und Unternehmer bestünden. Je schneller unD je oollstänDiger Die alten Gegensätze vergessen werden, um so schneller wird Der wahre innere Wirtschaftsfrieden errungen werden und um so weiter werden wir Der übrigen industrialisierten Welt voraus sein. Fangen Sie als Unternehmer unb als bie geistig Führenden mit dem guten Beispiel an und verwenden Sie alle Energien auf di« Herstellung dieses inneren Friedens, der der Wunsch und Wille des Führers ist, dann werden Sie um so eher verlangen können, daß Ihre Arbeiterschaft sich aui das engste mit Ihnen verbunden fühlt. Und wenn Sie dann noch immer auf Widerstände stoßen lallten, bann zeigen Sie Rückgrat und wehren mit eiserner Energie Dinge ab, die man Ahnen etwa jumulen will, Dinge, die von d e r Ober st en Führung nicht gewünscht und die weder im Interette einer gesunden Fortentwicklung der deutschen Wirtschaft noch der wahren Arbeitsfront liegen. Der nationalsozialistische Staat verträgt durchaus Kritik. Ja er bedarf wie alles, was organisch wachsen will, der prüfenden Kritik. Nur muß diese Kritik nicht zerfetzend fein, sondern im aufbauenden, schassen- den Sinne liegen. So gewiß die Wirtschaft nur auf Dem Grundsatz Der Rentabilität aufgebaut werben kann, so wenig beabsichtigt ist. Den g e • funben und fairen Wettbewerb auszu- schalten, oder die natürliche Auslese in der Wirtschaft verhindern zu wollen, so unabänberhd) muß als oberste Richtschnur für jeden in der Win- schäft Tätigen bas Woh l Der Gesamtheit gelten. Aus bieser Denkweise wächst auch Die so- Ziale Einstellung Des heutigen Unternehmers ganz von selbst; ein DicnenDes Glied in Der großen Gemeinschaft unseres Volkes zu fein. Die Erneuerung der Wirtschaft im christlichen Geist ist allein Der Weg zu einer Dauerhaften, auch innerlichen Ueberwindung des Klalfenkampses. Der Nationalsozialismus hat die Nation zu einer so starken seelischen Einheit zusammengeschmolzen, daß diese Einheit genügend Kraft aufbringen wird, alle Schwierigkeiten Der Wirtschaftslage, mögen sie zeitlich unD praktisch noch so groß sein, zu überwinden. Der Nationalsozialismus hat auch nichts mit kriegerischer Gesinnung oder Kriegsrüstung zu tun. Uniformen bedeuten noch keinen Militarismus und Disziplin ist im bürgerlichen Leben nicht weniger vonnöten als im Kriege. Deutschland will im Frieden leben und arbeiten. Aber es gibt unvergängliche Rechte, auf die fein Land verzichten kann. Dazu gehören das Recht gleichberechtigter Stellung innerhalb der großen DölkersamUie, dazu gehört ferner das Recht auf Sicherheft innerhalb einer waffenstarrenden Welt. Diese selbstverständlichen Rechtsansprüche werden wir immer und immer wiederholen, bis sie erfüllt sind! Die nächsten Tage und Wochen werden vielleicht eine harte Nervenprobe für bas beutsche Volk bebeuten. Im Besitze eines guten Gewissens unb im Anspruch auf ein gute» Recht werben wir ber Entwicklung ruhigen Auge» entgegensehen. Eine abendliche Huldigung für den Vizekanzler. Langanhaltenber Beifall bankte bem Vizekanzler für seine Ausführungen. In den späten Abenb- ftunben brachte ber Frankfurter Stahlhelm bem Vizekanzler ein Stäubchen mit anschließenbem Fackelzug bar. Im Garten bes Frankfurter Hof» wohnten bem Zapfenstreich neben Vizekanzler von Papen bie Vertreter des Ae.banbes Mitteldeutscher " Industrieller, ber Behörden und der Wehroerbänbe sowie ber kamerabschaftlichen Frauenverbänbe bei. Vizekanzler von Papen war Gegenstanb lebhafter Ovationen. Mit einem Hoch auf Den Felbmarscyall von Hindenburg unb ben Volkskanzler Abolf Hitler sowie bem Absingen bes Deutschlanb- unb Horst-Wessel-Liebes fanb bte Runbgebung ihr Enbe. Bei einem ihm zu Ehren gegebenen Elfen ergriff ber Vizekanzler nochmals bas Wort zu einer kurzen Ansprache, in ber er u. a. sagte: Hinter ber nationalen Revolution steht ber Gesichtspunkt ber Versöhnung. Es ist bies eine Konzeption staatsmännischen Denkens, ebenso wie Nicolsburg hinter Königgrätz steht. Dieser Prozeß bes Vergessens und des Einschmelzens von uns zu den andern und von den andern zu uns ist der ausdrückliche Wunsch des Führers, an dessen Verwirklichung alle miteinander arbeften sollten. Oie Frau im neuen (Staat Berufstätige Frauen werden nicht aus Lohn und Brot verdrängt. Berlin, 9. Okt. (VdZ.) Für das Aufklärungs- amt für Bevölkerungspolitik unb Rassenpflege setzt sich bie Referentin Frau Maria Wesner mit ben Gerüchten auseinander, als ob nach der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus b i e berufstätigen Frauen von heute auf morgen aus ihren Stellen verjagt werden sollten. Das fei natürlich Unsinn. Wenn man Di« Frau aus b e ft i m m t e n akaDemisch«n B e - rufen herausziehe, um Die freiwerdenden Stellen mit Männern zu besetzen, dann sei ba» zu begrüben. Sicher aber werde ba# Heer der Lehrerinnen, Fürsorgerinnen, Verkäuferinnen, Stenotypi st innen, Sekretärinnen usw. bestehen bleiben, weil die Frau auf diesen Posten zweifellos kraft ihrer natürlichen Anlage geeigneter fei als Der Mann. Der Nationalsozialismus erhebe leDiglid) die Forderung, daß Die Frau ihrer wirklichen Bestimmung als Hausfrau unD Mutter soweit rote möglich zugeführt werden könne. Das heißt daß Die jungen Männer schon in den ersten Jahren ihres Berufslebens Durch ein ausreichendes Gehalt in die Lag« versetzt werden müßten, heiraten zu können. In der Vergangenheit sei es aber vielfach so gewesen, daß die Einkünfte des Mann«» e r st bann, wenn er Die Mitte der 30er Jahr« überschritt, zur Eheschließung ausreichten. Durch frühere Heiratsmöglichkeit würde naturgemäß ein großer Teil junger Mädchen aus bem Berufsleben ausscheiben. Die Referentin roenbet sich in biefem Zusammenhang gegen Diejenigen Frauenkategorien, die unter dem Einfluß der Frauenrechtlerinnen ein vom Manne unabhängiges Leben durch di« Schaffung einer selbständigen Exi - fte n 3 erstreben. Hinter diesen Auffassungen steck« nicht der Zwang zum Broterwerb, sondern ba» Luxusbedürsnis. Oie Mittel für Znstandsehungsarbeiten. Berlin , 9. Okt. (TU.) Zur Bekämpfung ber Ar- beftslosigkeit sind burch bas zweite Gesetz zur Der- minberung Der Arbeitslosigkeit 500 Millionen Reichsmark zur Gewährung von Zuschüssen fürInstanbsetzungs-, Ergänzunas- unb Umbauarbeiten an ©ebäuben zur Verfügung gestellt. Instandsetzungszuschüsse werden nunmehr für Instandsetzungsarbeiten jeder A r t gegeben, also auch an rein gewerblichen Gebäuden. Dezuschußt werden auch Schon- heitsreparaturen (Tapezieren, Streichen von Fußböden usw.) Auch Ergänzungsarbei- t e n werden berücksichtigt, z. B. Die Anlage von elektrischer Beleuchtung, Einbau von Heizungs- und Gasanlagen. Die Kosten müssen mindestens 100 Mark betragen. Der Zuschuß beträgt wie bisher ein Fünftel der entstandenen Ko st en. Den Zuschuß kann nicht nur der Hausbesitzer, sondern auch ber Mieter, der seine Wohnung instandsetzen läßt, beantragen, soweit der Mindest- betrag der Kosten erreicht wird. Für die Teilung von Wohnungen und den Umbau sonstiger'Räume (z. B. Fabriken, Läden) zu Wohnungen wird auch weiterhin ein Zuschuß in Höhe der Hälfte der Kosten gegeben. Der Höchstbetrag des Zuschusses beträgt 1000 Mark für jede Teilwohnung. Neu ist die Gewährung eines Zuschusses auch für A n - und Ausbauten, selbst wenn durch sie keine selbständige Wohnung, sondern nur Teile einer Wohnung geschaffen werden und für den Ausbau von Räumen für Zwecke des Luftschutzes in Höhe der Hälfte der Kosten, im Höchstfall 1000 Mark. Für den Teil der Kosten, der neben dem Zuschuß von dem Antragsteller selbst aufgebracht werden muß, wird auf die Dauer von sechs Jahren eine Verzinsung in Höhe von 4 v. H. jährlich gegeben durch Ausgabe von Zinsvergütungsscheinen, die in den Jahren 1934 bis 1939 mit je ein Sechstel vom Reich eingelöst werden. Berücksichtigt werden nur Anträge, bei denen sofort oder innerhalb kürzester Zeit mit den Arbeiten begonnen wird. Der Tag des Antrages ist nicht entscheidend, sondern der Beginn der Arbeit. Durch die Maßnahme soll gerade in den Winter- monaten Arbeit geschaffen werden. Die Reichsregie, rung erwartet, daß jeder, der die Möglichkeit dazu hat, durch Erteilung von Aufträgen imKampf gegen die Arbeitslosigkeit mithilft. Dank des Reichsjugendführers. München, 9. Okt. (WTB.) An die neuen Mitglieder der Hitlerjugend wendet sich der Jugendführer des Deutschen Reichs Baldur von Schirach mit folgender Kundgebung: Im Zuge der Vereinheitlichung der deutschen Jugend und durch das Aufgehen weitester Kreise in die HI. hat besonders die bündischeJugend — ich nenne hier vor allem den Großdeutschlandbund — trotz des starken Gegensatzes, der zwischen ihr und der HI. herrschte, sich in vorbildlicher Dis- ziplin und Kameradschaft in die HI. eingegliedert. Ich möchte nun, da wir in einer Gemeinschaft als Kameraden Schulter an Schulter marschieren, gerade den ehemaligen Mit- gliedern des Grohdeutschen Bundes für die B e - r e i t s ch a f t danken, mit der sie in die HI. hin- einmarschierten, als die Zeit es erforderte. Durch diese Bereitschaft und die Hingabe, mit der sie heute als Hitlerjungen chre Pflicht erfüllen, haben sie ihrem früheren Bunde Ehre gemacht und gezeigt, daß in ihm eine Gesinnung lebendig war, die auch wir schätzen und anerkennen. Kleine politische Nachrichten. Reichspräsident von Hindenburg, Ehrenmeister des Deutschen Handwerks, hat die Schirmherrschaft über die Werbeveranstaltung des Reichsstandes des Deutschen Hand- Werks, die vom 15. bis 21. Oktober 1933 im gesamten deutschen Reichsgebiet stattfindet, übernommen. * In Würzburg hat der K a m p f b u n b f ü r deutsche Kultur das Gebäude der ehemaligen Freimaurerloge „Zu den zwei Säulen am Stein" übernommen und in ein Kulturhaus umgewandelt, das nunmehr nach dem Reichsführer des Kampfbundes den Namen „Alfred-Rosenberg-Haus" erhielt. * Die „Tägliche Rundschau", die am 8.Juli auf drei Monate verboten wurde, hat — wie der Verlag mitteilt — nunmehr i h r Erscheinen e i n g e st e l l t. * Der 18jährige Kommunist Willi R o ch o w und der 19 Jahre alte Kommunist Otto W o y t h e wurden wegen der Ermordung des Hitler- jungen Fritz Schmitzberg zum Tode verurteilt. * Zwischen dem türkischen Außenminister T e w f i k Ruschdy Bey und dem südslawischen Außenminister I e f t i t s ch ist in Genf eine Vereinbarung über einen Freundschafts- und Nichtangriffspakt zustande- getommen. Die Unterzeichnung des Vertrages soll anfangs November in Belgrad erfolgen. * Der Vizepräsident von Argentinien, Roccar, er- klärte, daß heute in Rio de Janeiro ein Nichtangriffspakt zwischen Brasilien und Argentinien unterzeichnet wird, dem gleichzeitig Mexiko und Chile beitreten. Der Beitritt fast sämtlicher übrigen südamerikanischer Staaten sei zu erwarten. Ans aller Welt. Skernschnuppenregen — ein außergewöhnliches Naturereignis. Wie die TU. von der Sternwarte in Bergedorf bei Hamburg erfährt, trat am Montagabend gegen 20 Uhr ein ungewöhnlicher starker Stern» schnuppenfall auf mit dem Ausstrahlungspunkt im Zenith des Sternbildes des Drachen. Durch die Instrumente der Sternwarte konnten als Höchstzahl 350 fallende Sternschuppen in der Minute fest- aestellt werden und zwar von der schwächsten Helligkeit bis zu derjenigen der Venus. Gegen 22 Uhr flaute der Fall ab. Bei diesem aufgetretenen starken Sternschnuppenfall handelt es sich nicht um einen der periodisch etwa alle 33 Jahre auf» tretenden Leonidenschwarme, sondern um ein ganz außergewöhnliches Natur-Ereignis, das möglicherweise auf eine Naturkatastrophe im Weltall zurückzuführen ist. Das himmlische Feuerwerk konnte, nach übereinstimmenden Meldungen mehrerer Sternwarten, in allen Teilen Deutschlands beobachtet werden. Die Sternschnuppenfälle übertrafen, in ihrer Reichhaltig- feit fast jene, die in den Jahren 1833 und 1866 beobachtet wurden. In einer Zeit von 15 Minuten wurden etwa 200 Sternschnuppen gezählt. Haupt- \ ausstrahlunaspunkte V jen ferner in den Stern- I bildern Schwan und Leier. Höchstwahrscheinlich । Dienst gestellt hatte l, ein Künstler von Der „Angriff" beschäftigt sich in einem längeren Artikel mit dem Verbot des Horst-Wessel-Films. Das Blatt sagt, der Film, für den die alte Berliner SA.-Garde sich willig in Den und für den Dr. Hanfstäng außerordentlichem Rang, die musikalische Illustration besorgte, sei trotz alledem ein Versager geworden, weil sich Leute an diesen gigantischen Stoff herangewagt hätten, denen die Welt Horst Wessels fremd gewesen sei und fremd bleiben muhte. Wer Horst Wessel künstlerisch gestalten will, so führt das Blatt weiter aus, der muß vom Geiste Oes Toten besessen fein. Das ist erste Voraus- setzung. Was nützt eine persönliche Bekanntschaft mit ihm, wenn man den Sturmführer Wessel aus Dem Andenken Horst Wessels Eine Gedächtnisfeier im Berliner Horst-Weffel-Krankenhaus. Auf dem Hof des Krankenhauses formierte sich dann der Fackelzug, der sich durch die von einer nach tausenden zählenden Menschenmenge flankierten Straße z u m Grabe Horst Wessels auf dem Nicolaifriedhof zog, das schon seit dem frühen Morgen das Ziel Tausender gewesen war. Die Grabstätte ist über und über mit Kränzen, mit den letzten Blüten des Herbstes geschmückt. Ein Hakenkreuz aus Erika hebt sich leuchtend von weihen Kieseln ab. Kameraden des Toten, die in seinem Sturm mit ihm Schulter an Schulter standen, hielten Wache vor seiner letzten Ruhestätte. Kameraden im Braunhemd, in der schwarzen Uniform der SS., Stahlhelmangehörige, Männer im Arbeitsrack, Frauen und Kinder zogen vorüber. Blumen über Blumen deckten die Erde ringsum. Die Mutter Horst Hessels wird von der Menge mit erhobenem Arm begrüßt. Später kamen Prinz August Wilhelm, Brigadeführer Fiedler, Briaadeführer Ernst, eine Abordnung der Reichssührerschule aus Bernau, die Kränze nieoerlegten. Der Horst.Weffel-Kilm verboten. Berlin, 9. Okt. (WTB.) Die öffentliche Vorführung des Bildstreifens „Horst Wessel" im ganzen Deutschen Reich wird verboten. Die Gründe, die die Kammer zu dieser Entscheidung veranlaßt haben, lassen sich kurz in dem Satz zusammenfassen, daß der Bildstreifen weder der Gestalt Horst Wessels gerecht wird, indem er sein Heldenleben durch unzulängliche Darstellung verkleinert, noch der nationalsozialistischen Bewegung, die heute der Träger des Staates ist. Insofern gefährdet er lebenswichtige Interessen des Staates und das deutsche Ansehen. der Perspektive eines Studiertisches betrachtet ober aus dem Blickkreis eines routinierten Literaten? Den Mythos Horst Wessel kann man nur mit tiefer Gläubigkeit, mit brennendem Herzen und beseelt vom Geist der SA. künstlerisch gestalten und lebendig machen. Dann gehört selbstverständlich ein außerordentliches Können dazu. Wir konnten uns überzeugen, daß das Drehbuch zu diesem Film bereits schlecht war. Es ließ auch nicht einen Funken von dem Geist verspüren, der Horst Wessel und seine Kameraden beseelte. Dann der Regisseur Wenzler. Als Wenzler den Horst-Wessel-Stoff in Angriff nahm, gab er zunächst die Absicht bekannt, einen unrühmlichst bekannten Asphaltliteraten mit der Abfassung des Drehbuchs zu betreuen. Im Atelier selbst konnten wir uns bald überzeugen, wie hilflos Wenzler dem gewaltigen Stoff gegen» überstand. Das von vornherein unfruchtbare Experiment ist zu Ende. Die SA. dankt dem Führer und Dr. Goebbels, daß sie das Bild unseres Horst Wessel unserer SA. nicht verfälschen ließen. Gern sind wir bereit, uns wirklichen Künstlern, wirklichen Könnern für einen Horst-Wessel-Film zur Verfügung zu stellen. Wir glauben jedoch nicht, daß die Zeit für ein solches Werk bereits gekommen ist. Berlin, 9. Okt. (TU.) Anläßlich des Geburtstages von Horst Wessel fand am Montagabend im Ho fdesHor st-Wessel» Krankenhauses l m Friedrichshain eine eindrucksvolle Gedenkfeier statt. Auf dem großen Rasenrechteck des Hofes war zwischen zwei großen Hakenkreuzfahnen ein mit Lorbeer bekränztes Rednerpult ausgestellt, vor dem Kranzspenden niedergelegt waren. SS., SA. und Schutzpolizei hatten in einer Stärke von mehreren hundert Mann Ausstellung genommen. Unter den zahlreichen Ehrengästen bemerkte man auch die Mutter Horst Wessels. Nach Ausführungen des Bezirksbürgermeisters Conrad, der die Bedeutung Horst Wessels für seinen Bezirk würdigte, ergriff Reichsminister Dr. Goebbels das Wort. Kaum ein Anderer, so führte Dr. Goebbels aus, habe wie Horst Weffel nationalsozialistischen Charakter und nationalsozialistische Willensstärke in einer Person vereinigt. Es wirke fast symbolhaft, daß der Sänger des Liedes der nationalfozialiftifchen Bewegung zugleich Arbeiter und Student gewesen sei. Dr. Goebbels erinnerte an die Beisetzung Horst Wessels, die unter dem Gegröhle marxistischen Pöbels vor sich gegangen sei. Wenn er trotzdem damals gesagt ljabe, daß in zehn Jahren das H o r st - W e s s e l - L i e d das Lied des deutschen Volkes sein werde, so könne er heute feststellen, daß nur drei Jahre hingingen, bis die Erfüllung dieser Vorhersage eintraf. Die nationalsozialistische Bewegung habe sich des von Harst Wessel gebrachten Opfers würdig erwiesen. Sie sei ihren Weg gegangen, ohne nad) links oder rechts abzuwei- chen. Sie habe die Fahne heilig gehalten, für die er aeftorben fei. Aus dem furchtbaren Leid, das seine Angehörigen und Kameraden erfüllte, als er aus dem Leben schied, sei die Freiheit der Bewegung emporgestiegen. Sein Lied sei heute zum Sehnfuchtsschrei einer ganzen erwachten Nation geworden. In seinem Sinn und Geist hätten 66 Millionen sicb in herrlicher Wiedergeburt neu erhoben. Deutschland stehe wieder stolz und groß und ehrlich da. Und die Fahne, die man damals von Horst Wessels Grab herunternahm, wehe jetzt von den Zinnen des Reiches. Große erfüllte Aufgaben lägen hinter uns. Größere unerfüllte lägen vor uns. Diese Aufgaben können wir nicht allein meistern mit Klugheit und mit Intelligenz, sondern nur, wenn dazu Mut und Charakter kämen. Dr. Goebbels schloß mit einem Appell, im Geilte Horst Wessels weiterzuarbeiten. Wir würden dem Andenken des Toten am besten gerecht, wenn wir in seinen Fußtapfen sortschritten. Nach Vorträgen eines Sprechchors der SA. und der Schalmeienkapelle des Horft-Weffel^Sturms, dessen Angehörige im Hof des Krankenhauses Spalier bildeten, wurden die Fackeln entzündet. Die Mutter Horst Wessels und Dr. Goebbels begaben sich darauf an der Spitze der Ehrengäste zu derSta - tion des Krankenhauses, in der Horst Wessel starb. Es ist dies ein inmitten des großen Gebäudekomplexes des Krankenhauses gelegenes kleines Haus, über dessen Tür unter dem Namen orst - Wessel-Haus" steht: dem Andenken des unerschrockenen Sturmführers Horst Wessel, der in diesem Hause vom 14. Januar bis 23. Februar 1930 litt und starb. Das Sterbezimmer enthält neben dem schlichten Metallbett, das mit einer Hakenkreuzfahne bedeckt ist und über dem ein Bild des Führers hängt, eine Bronzebüste Horst Wessels und an der dem Bett gegenüberliegenden Wand eine Konsole mit Schriftstücken des Toten. Der Erinnerungsraum, der einen schlichten und würdigen Eindruck macht, wurde im Anschluß an die Besichtigung durch die Ehrengäste der Öffentlichkeit übergeben. handelt es sich um die Trümmerreste eines aufgelösten unperiodischen Planeten, die bei ihrer Bahn durch den Weltenraum in die Nähe unserer Erde gekommen sind. Durch die Anziehung der Erde sind einzelne Teile aus ihrer ursprünglichen Bahn herausgerissen, durch die Reioung in der Erdatmosphäre erhitzt und dadurch für uns sichtbar geworden. * In verschiedenen Gegenden Frankreichs, auch in Paris, konnte gestern (Montag) zwischen 19 und 21 Uhr das seltene Phänomen eines Sternschnuppenregens ebenfalls beobachtet werden, der stellenweise einem Feuerwerk glich. Auch aus Belgien werden ähnliche Erscheinungen gemeldet. Der kösener 56. im Drillen Reich. Das Norddeutsche Jahrestreffen der Kösener Corpsstudenten in Lübeck stellt sich durch eine programmatische Rede des Führers des Kösener SC.- Verbandes, Dr. Hans B l u n ck (Hamburg), als eine bedeutsame Kundgebung dar. In seiner Rede führte er u. a. aus: Das deutsche Corpsstudenten- tum will das Bekennertum durch die Tat, die geboren ist aus der Liebe zum deutschen Volk, dem Glauben an des arischen Menschen Be- timmung und dem Willen zur völkischen Kamerad» chaft. Das Corpsstudententum hat im national« ozialistischen Staat an dem jungen Studenten eine bedeutungsvolle Erziehungsarbeit zu leisten, indem es ihn durch Dienst und Hingabe an die Gemeinschaft zu einer geschlossenen in Ehre und Charakter gefestigten Persön- l i ch k e i t bildet. Aufgabe der Corps von heute ist die nationalsozialistische Schulung jedes Mitgliedes, das durch das Arbeitslager zu gehen und im Dienst der SA. zu stehen hat. Das Kameradschafts, leben, wie es jetzt gefordert wird, entspricht corpsstudentischer Auffassung; begeistert haben daher die deutschen Corps den Gedanken aufgegriffen, ihre Häuser zu Kameradschaftsheimen auszubauen. Die Corps des Kösener SC.-Verbandes fordern mit dem Nationalsozialismus die Reinhaltung der Rasse; bereits im Jahre 1920 haben sie das arische Prinzip in ihren Reihen durchgeführt. Die Erneuerung des deutschen Corpsstudententums ist erfolgt, am weiteren Aufbau wird gearbeitet, wie die kürzlich gegründete nationalfozialiftifche Gemeinschaft corpsstudentischer Verbände beweist. In ihr sind zusammengeschlossen alle diejenigen, die unter corpsstudentischer Art den Studenten verstehen, der aufwächst in harter Erziehung und Schlichtheit, in Ehrhaftigkeit und Wehrhaftigkeit, in Treue zu jedem deutschen Volksgenossen, als Soldat des erneuerten deutschen Reiches und deutschen Volkes. „Graf Zeppelin" wieder in Friedrichshafen. Wie die Deutsche Seewarte in Hamburg mitteilt, Hot das Luftschiff „G r a f Z e p p e l i n" am Montag um 6 Uhr Gibraltar und um 7.30 Uhr Malaga passiert. Es hat auf dem Wege von den Kanarischen Inseln bis Gibraltar dauernd eine Geschwindigkeit von 130 Kilometer je Stunde erreicht. Das Luft- schiff befand sich am Montag um 20.45 Uhr über Lyon und ist am Dienstag um 0.20 Uhr inFriedrichshafen glatt gelandet. Dr. Eckener über den Zeppelinverkehr Deutschland—Nordamerika. Bei Dr. Eckeners Besprechungen in Washing- ton und Acron mit dem amerikanischen Marineministerium und mit maßgebenden Persönlichkeiten der internationalen Zeppelin-Transozean-Korpora- tion wegen der Durchführung des Luftschiff- Verkehrs zwischen Europa und Nordamerika wurde, wie die „Telegraphen-Union" erfährt, die Möglichkeit erwogen, bis zur Besserung der amerikanischen Wirtschaftslage versuchsweise eine Reihe von Fahrten nach Nordamerika auszu- sühren. Es wäre in diesem Fall ein Landungsplatz mit einem Ankermast notwendig, der als Stütz-. punkt dienen müßte, wie bei den Südamerikafahrten der Ankermast in Recife (Pernambuco) als Stützpunkt dient bis zum Bau der Halle in Rio de Janeiro. Ein endgültiges Ergebnis für die Nordamerikafahrten steht noch nicht fest. Doch hat Dr. Eckener ein außerordentliches Entgegenkommen gefunden. Die Nordamerikafahrten werden wahrscheinlich mit dem noch im Bau befindlichen Luftschiff „Z. 12 9" ausgeführt. Dr. Eckener hat in Miaipi und Acron die letzten Vorbereitungen geWettervoraussage. Das kräftige Tief über dem Nordmeer wandert östlich weiter und befördert zunächst noch milde ozeanische Luft nach dem Kontinent, die bei ihrem Aufgleiten zeitweise zu Niederschlägen sührt. Da der Jsobarenverlauf ziemlich eng ist, wird die Luftbewegung zunehmen und der Wirbel verhältnismäßig schnell vorbeiziehen. Die an der Rückseite abwärts fließende Kaltluft dürfte dann einen wechselhaften Witterungscharakter und Temperaturrückgang veranlassen, wobei die Niederschläge mehr in Schauer Übergehen. Aussichten für Mittwoch: Veränderlich und zeitweise regnerisch, zunächst noch ziemlich mild, lebhafte um West drehende Winde. Aussichten für Donnerstag: Kühler, wechselnd wolkig mit Aufheiterung, noch schauerartige Niederschläge. Lufttemperaturen am 9. Oktober: mittags 17,8 Grad Celsius, abends 11,7 Grad; am 10. Oktober: morgens 12,5 Grad. Maximum 20,1 Grad, Minimum 10,4 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 9. Oktober: abends 14,7 Grad; am 10. Oktober: morgens 12,8 Grad Celsius. — Niederschläge 0,8 mm. — Sonnenscheindauer 1% Stunden. troffen für die am 14. Oktober d. I. In Friedrichs- Hasen beginnende Dreiecksfahrt des Luftschiffs „Graf Z e p p e l i n". Diese Fahrt Friedrichshafen — Pernambuco — Rio de Janeiro — Pernambuco — Miami — Chicago — Acron — Sevilla — Friedrichshafen verläuft in einem Dreieck von rund 28 000 Kilometer. Die Entnahmen der Gebrüder Lahusen. Im Prozeß gegen die Brüder Lahusen trat die Strafkammer in die Erörterung der den Angeklagten Dorgeroorfenen handelsrechtlichen Untreue ein. Den Angeklagten wird unberechtigte Entnahme von Aktien und durch Kontenübertragun» gen bewerkstelligte Entziehung von Mit- kein aus ber Nordwolle in Höhe von rund 10 Millionen Gulden vorgeworfen. Außerdem erblickt die Anklage in Tantiemeüberweisungen im Jahre 1929 von gegen eine Million an G. C. Lahusen und von über 900 000 Mark an Heinz Lahusen zu einem Zeitpunkt, wo ein Verlustabschluß bei der Nordwolle zu ermatten war, die Verschaffung unberechtigter Der- mögensanteile. G. C. Lahusen hat sich außerdem 600 000 Gulden überweisen lassen. Der Angeklagte G. C. Lahusen erklärte, es habe sich bei den Entnahmen um die Umwandlung von Bezügen, die ihm bei der Nordwolle zuständen, und die teilweise Umwandlung anderer Bezüge, die er in Holland erhalten habe, gehandelt. Die Einbeziehung stiller Reserven in die Tantiemen- errechnung fei auf den damaligen Aufsichtsrats- vorsitzenden Reichsgerichtsrat a. D. Lahufen, einem Onkel der Angeklagten, der im April 1927 gestorben ist, zurückzuführen. Der Vorsitzende hält dem Angeklagten G. C. Lahusen vor, daß er bis heute von dieser Vereinbarung mit seinem Onkel nichts gesagt habe. Auf weitere Vorhaltungen wird festgestellt, daß schriftliche Abmachungen über die Ansprüche in Holland nicht oorliegen, und der einzige, mit dem die Vereinbarung getroffen war, gestorben ist. vier Kommunisten in Karlsruhe verhaftet. Wie der „Führer" meldet, haben die (Ermittlungen der Karlsruher Kriminalpolizei zur V e r h a f - tung von vier Kommunisten aus der Altstadt geführt; von diesen hat der Schlosser Zwinge r, der vor einigen Tagen, wie gemeldet, im Fasanengarten bei einer Razzia den Kriminal- kommissar Rumpf erschossen hat, Kleidungsstücke erhalten, die er sich in einer Feldhütte anzog, (Es handelt sich bei den Verhafteten um einen schop einmal in Schutzhaft gewesenen Kommunisten na« mens L o h n e r t und dessen Ehefrau, ferner um zwei Brüder namens V ö g e I. Großer Fabrikbrand in Karlsruhe. In der Lumpensortier-Anstalt und Kunstwoll» sabrik Vogel & Schnurmann in Karlsruhe entstand (vermutlich durch Kurzschluß) ein nächtliches Feuer, das sich mit erheblicher Geschwindigkeit auf die Haupthalle und das Lager ausdehnte. Das Gebäude, das restlos niederbrannte, war über 120 Meter lang und 70 Meter breit. Sämtliche Feuerwehren, die Polizei, SA., SS. und Freiwilliger Arbeitsdienst wurden aufgeboten. Bald nach Mitternacht stürzten zwei Stockwerke des fechsstöckigen Gebäudes ein, wodurch sechs Mitglieder der SA. und des FAD. Brandwunden davontrugen. Die Gefahr war zum größten Teil beseitigt, nachdem die Maschinenanlagen und die Lagerräume in sich zusammengebrochen waren. Die Fabrik beschäf- tigt zur Zeit 300 Arbeiterinnen und Arbeiter. Der gesamte Schaden dürfte annähernd zwei Millionen Mark betragen. Mutter mit sechs Kindern verbrannt. Im Orte Pequot im Staate Minnesota (USA.) ist eine Mutter mit ihren sechs Kindern, von denen das jüngste ein halbes Jahr und das älteste neun Jahre alt war, beim Brande ihres Hauses indenFlam» men umgekommen. vierter Internationaler Kongreß für Alpinismus. In Cortina (Oberitalien) ist der Vierte Internationale Kongreß für Alpinismus, auf dem 52 Sektionen aus insgesamt 21 Nationen vertreten sind, durch den Präsidenten des italienischen Alpenvereins, Abgeordneten Mana- r e s i, eröffnet worden. Manaresi zeichnete die Aufgaben des Kongresses, der infolge seiner Wichtigkeit auf ausdrücklichen Wunsch Mussolinis in das Kalendarium des Faschismus ausgenommen worden ist, dahin, freundschaftliche Beziehungen unter den Bergsteigern zu schaffen, die Methoden der Unfallverhütung zu studieren, Hilfs- und Bergungstruppen zu organisieren, den Grenzübertritt zu erleichtern und die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Alpinismus unter den Völkern zu verbreiten. In der anschließend stattfindenden Sitzung der Internationalen Union der Vereinigung für Alpinismus wurde als Tagungsort für 1934 die Schweiz festgesetzt. Die Sitzungen der einzelnen Sektionen werden sich ungefähr eine Woche lang hinziehen. Ein Lied vom Glück. Roman von Anny von panhuys. 20. Fortsetzung. Nachdruck verbotenI Olga nickte: „Natürlich! Falls das Gericht eine Aussage von ihr will! Sie hat doch den Dolch gefunden!" Marlene schrieb ihres Vaters Wohnung auf ein Notizbuchblättchen und gab es Auguste. Die gute Dicke ging nach erneuten Händedrücken hinaus. Um dreizehn Uhr brachte ein Diener das Mittagessen in Marlenes Zimmer. Um dreizehnein. halb Uhr war das Auto bereit. Der Diener holte die Koffer. Nur Auguste stand auf der kleinen, Freitreppe des Schlosses und winkte Marlene und Olga einen letzten Gruß nach. Frau von Malten lag auf dem Sofa und fühlte ihre Atemnot herannahen. Sie hatte sich doch sehr ausgeregt heute. Und hinter der Gardine seines Zimmers verborgen, sah Achim von Malten Marlene in das Auto steigen, das mit ihr und Olga Zabrow fortfuhr. Er preßte die Lippen fest aufeinander, ballte die Hände. Er hatte recht gehandelt, hatte sich nichts vor- zuwerfen. Es war ja alles unsinnig, was ihm die Baronesse vorgeworfen. Dennoch waren viele von ihren Worten hängengeblieben und quälten ihn. Er stöhnte laut auf, und schluchzend preßte er in seine Hände hinein: „Warum hast du mir das angetan, Marlene — warum?" * Marlene sprach während der Autofahrt kein einziges Wort: ihre Augen baten Olga immer wieder um Schweigen. Olga nahm, am Bahnhof angekom- men, die Fahrkarten: weil es die höchste Zeit war, gleich einzusteigen, Marlene sich aber so seltsam torkelia benahm, öffnete ein Herr, der am Fenster eines Abteils stand, die Tür und half den beiden Damen beim Einsteigen. Er zog Marlene förmlich in das Abteil hinein. Der Diener schob die Koffer nach, und schon ruckte die Lokomotive an. Marlene wußte kaum, wie sie in' den Zug gekommen, und Olga ebensowenig. Ihr hotte Marlenes seltsames Benehmen Angst gemacht. Beide hatten Den Herrn, der ihnen galant m das Abteil geholfen, bisher kaum antzefehen. Minuten vergingen. Marlene hatte sich, als wäre sie von jemand niedergedrückt worden, auf einen Eckplatz fallen lassen und saß nun mit geschlossenen Augen da. Ihr war zumute, als befände sie sich auf einem hin und her schwankenden Schiff, und der Zug fuhr doch ganz gemächlich und ruhig. Als hätte sie viel getrunken und wußte nicht recht, was um sie her vorging. Olga nahm neben ihr Platz, sagte leise: „Ruhe dich nur aus, Marlene! Vielleicht kannst du ein wenig schlafen." Marlene hielt die Lider weiter geschloffen. Es tat ihr so gut, Olga in ihrer Nähe zu wissen. Sie dachte gar nicht daran, daß sich außer ihnen beiden noch ein fremder Herr im Abteil befand. Sie war zu durcheinander und verzagt. Das Leben hatte chr ein großes, schönes Glück gezeigt — ganz nahe, hatte versprochen: Es gehört dir. Du darfst es behalten für alle Zeit! Und kaum, daß sich ihre Hände fest darum hallen schließen wollen, zerrann das große Glück wie Hexengold vor ihr. Nichts blieb davon übrig als ein dumpfer, betäubender Schmerz im Herzen und ein armer wirrer Kopf, der nicht mehr klar zu denken vermochte. Der Herr hatte sich am anderen Abteilfenster nie- dergelassen und blickte scheinbar interessiert in die Landschaft hinaus, schien gar nichts von dem Geflüster Olgas zu hören. Diese redete noch ein Weil- chen auf Marlene ein, die den Kopf fest gegen die Polster drückte. Plötzlich begann sie an den Polstern herumzufühlen, öffnete die Augen, rief erschrocken: „Aber, Olga, wir sitzen ja in der zweiten Klasse und hoben doch nur dritter Klasse gelost!" Olga zogdie Brauen hoch und sah sich erstaunt um. „Uijeh, Marlenelein! Da haben wir was Dummes angestellt! Da müssen wir auf der nächsten Station aber schleunigst umsteigen, sonst haben wir Unannehmlichkeiten mit dem Schaffner!" Wie Kleinigkeiten, kleinlichste Kleinigkeiten, einen Menschen oft für kurze Zeit ablenken können aus Trauerstimmung, Verzweiflung und Seelennot, so riß die Feststellung, unberechtigt in die zweite Klasse eingestiegen zu fein, Marlene aus ihrer tiefen Benommenheit in die nüchterne Gegenwart zurück. Jetzt wandte der Herr am anderen Fenster den beiden sein Gesicht zu. Er war schlank und vielleicht dreißig Jahre alt. Auf verhältnismäßig breiten Schullern saß ein Kopf, der sofort eine ferne Heimat verriet. Fast bronze- braun war das volle Oval des Gesichts. Die Augen standen nahe beisammen, waren schwarz: rötliche Lichter schienen sich darin zu spiegeln. Die Mundpartie war hart. Wie eingeschnitten liefen zwei Falten von den Nasenflügeln zu den vollen Lippen, die immer ein ganz klein wenig offenstanden, auch wenn der Mund nicht sprach. Gesunde Zähne schim- werten zwischen den Lippen hervor. Das Haar war dicht und schwarz. Der Herr machte eine Bewegung, die vielleicht eine leichte Verbeugung sein sollte, dann sagte er, und dabei sah man nun völlig das prachtvollste Gebiß der Welt: „Die Damen sind in eine falsche Klaffe geraten, weil ich den Damen geholfen habe beim Einsteigen. Die eine Dame sah leidend aus. Ich dachte, es ist Abschiedsschmerz. Weil der Zug aber schon weiter wollte, zog ich die Damen etwas gewalttätig schnell hier herein. Ich allein trage also die Schuld und bitte Sie, nicht etwa auf der nächsten Station umzu- steigen. Ich werde alles mit dem Schaffner ordnen. Sie müssen mir das erlauben." Er sah Marlene an. „Sie wollten ruhen, meine Gnädigste. Sie sehen aus, als wenn Sie viel Ruhe brauchten." Er sprach gutes Deutsch, aber feine Aussprache verriet den Ausländer. Marlene schünelte mit dem Kopse. „Vielen Dank, mein Herr! Sie können wirklich nichts für unsere Unaufmerksamkeit. Auf der nächsten Station steigen wir aus." Er protestierte durch eine Bewegung beider Hände, die auffallend schmal waren, doch dunkel wie Das Gesicht. Ein kostbarer Stein in goldenem Reif blitzte im Schein der Nachmittagssonne an seiner Rechten auf. „Bitte, lasten Sie mich die Kleinigkellen in Ord- nung bringen, meine Gnädigste. Sie sehen totenblaß aus. Ich gestatte Ihnen nicht, schnell umzusteigen in die unbequeme Klasse. Nunca, nunca,^in caballero darf das nicht. Sie würden mich sehr beleidigen." Marlene wollte auf ihrem Willen beharren, doch Olga legte ihr fest eine Hand auf die Schulter. „Ueberlasse alles mir, Marlene, ich mache das schon richtig. Der Herr hat recht, umsteigen darfst du nicht, und jetzt ruhe dich aus, kümmere dich um nichts mehr, um gar nichts." Marlene war wieder ganz benommen; das Sprechen strengte sie an, und sie hatte nur noch den einen Wunsch: mit geschlossenen Augen still dasitzen zu dürfen. Sie murmelte: „Mir ist alles recht!" und legte den Kopf zurück. Olga aber setzte sich dem Fremden ganz einfach gegenüber, sagte aber nichts, schien ihn nur auf Herz und Nieren zu prüfen. Er erwiderte den forschenden Blick mit beinahe belustigtem Lächeln. Endlich sagte sie: „Es ist sehr nett von Ihnen, meiner Freundin die Fahrt erleichtern zu wollen, mein Herr. Sie hat eben erst sehr Schweres durchgemacht. Sie haben sicher geglaubt, Damen, hinter denen am Bahnsteig ein livrierter Diener mit den Koffern steht, können nicht dritter Klasse fahren." Sie seufzte: „Es ift nicht immer der eigene Diener, der hinter einem steht. Wir beide sind nur zwei stellenlose Gesellschafterinnen, und der Diener gehörte unserer letzten Brotgeberin." Sie musterte ihr Gegenüber immer eingehender. „Sie sehen eigentlich aus, als wenn Sie kein Wörtchen Deutsch könnten. Aber trotzdem Sie es gut sprechen, sind Sie doch kein Deutscher. Ich bin nicht neugierig, aber ich möchte gern wissen, was für ein Landsmann Sie sind." Es klang fast drollig, als Olga Zabrow so offen ihre Neugier bekannte. Er erwiderte ihren Blick mit einem Aufleuchten in den gefährlichen schwarzen Augen. „Ich bin Argentinier, meine Gnädigste, und überall daheim. Meine Mutter war eine Deutsche; daher spreche ich Ihre Sprache geläufig." Der Zug hielt schon. Der Herr rief den vorbeihaftenden Schaffner an, teilte ihm seinen Wunsch mit. Der versprach, auf der nächsten Station die Zu- schlagkarten zu bringen, hastete weiter. Der Zug fuhr wieder an. • Olga war jetzt die verkörperte Neugier. Ein Argentinier also war dieser intcrestante Mensch. Sie fand, er sah aus wie ein Gaucho, Der zwar durch einen Massage- und Friseursalon gegangen, an dem aber dennoch viel von Dem Milieu Der Vergangenheit hängengeblieben. Sie war einfach begeistert und gab sich nicht die geringste Mühe, es zu verbergen. Ihr durch yrauengunft ungemein verwöhntes Gegenüber stellte das sehr leicht fest. Marlene achtete gar nicht auf das, was Olga und der Fremde sprachen. Sie sah in schmerzenden Ge- danken. Die sie wieder fest einspannen. Achim von Malten hatte sie gehen heißen, er halle sie berechnend genannt, hatte nicht mehr an ihre Liede geglaubt. Sie mußte die Zähne aufeinanderbeißen, so wch taten die Gedanken, so immer von neuem weh. 2hr Denken tappte mühsam weiter. Sie dachte, inzwischen hatte ihr Vater schon ihren überglücklichen, jauchzenden Brief erhalten. Der ihm viel Freude machen würde, und nun kehrte sie heim wie eine Schiffbrüchige. Ohne Geld, ohne Stellung, ohne Glück! Brachte ihm vorerst sogar noch ein anderes armes Menschenkind mit. Sie wollte Olga nicht im Stiche lasten. Die so tapfer zu ihr gehalten hatte. Vielleicht fariD Olga bald eine Stellung. Die aber plauderte eifrig Drauflos. Sie sprach nicht laut, tat es nicht mit Rücksicht auf Marlene. Sie lächelte: „Oh, wer doch auch, wie Sie, sagen könnte: Ich bin überall daheim!" Sie seufzte: „Schrecklich viel Geld gehört dazu." Ihre Augen streiften den großen Solitär an seiner Rechten, der fast ein bißchen prahlerisch funkelte. Er hatte bemerkt, wohin ihre Augen gemanDert waren. „Es gehört nicht immer viel Geld dazu, um überall daheim zu sein, meine Gnädigste, man kann sogar die Welt durchreisen und bekommt noch etwas Dazu. Ich bin Tangosänger und reife mit zwei Herren und einer Dame. Wir waren in den vier Jahren, seit wir uns in Buenos Aires zusammenfanden, unfrei» willig noch keine Woche ohne Engagement. Und Sie können sich denken, wie weit man Dabei herumkommt, wenn man an einem Ort meist nur vierzehn Tage oder vier Wochen bleibt. Manchmal allerdings länger, aber im allgemeinen nicht." Sie zeigte ihm ihr Wohlwollen ganz deutlich. Sie dachte sich gar nichts Dabei, empfanD nur eine Art Behagen bei Der Unterhaltung mit Dem ihr so interessant scheinenDen Reisegenossen. Er wollte bas Vergnügen, sich von Diesem hübschen Persönchen anhimmeln zu lassen, noch etwas aus- kosten. Sie hatte Frische und Natürlichkeit, sand ec die den Damen meistens fehlten, Die ihn, wo er auftrat, mit Briefen bombardierten. (Fortsetzung folgt.) 203 Tage Regen im Jahre! 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