Nr.58 Krübaussabe 185. Jahrgang Donnerstag, 9. März 1955 (Er|d)eint täglich, außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte (Bienener Familienblatter Heimat im Bild - Die Schalle monat$:Be)flg$prei$: Mit 4 Beilagen NM. 1 95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr.. „ -.25 Auch bei Nichterscheinen non einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Zernsprechanschlufse unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten Anzeiger fließen. poftfchecllonto: fronlfurt am Main 11686. GietzemrAMger General-Anzeiger für Oberhefsen Vrvä vnd verlas: vrühl'sche Univerfitäls-Vuch- und Sleindruckerel R. Lange in Gießen. 5christleitnng und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher. Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- hlameanjeigen van 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20 , mehr. Chefredakteur Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THynat; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und <ür den Anzeigenteil i. D. Th.Kümmel sämtlich in (Biegen. Die Eröffnung des Reichstags. Nur die erste Sitzung in der Potsdamer Garnifonkirche.—Arbeitstagung im Berliner Krotttheater.—Begrüßungsansprache des Reichspräsidenten. Die amtliche Mitteilung über den Verlauf des Staatsakts Berlin, 8. Mär;. (TU.) Amtlich wird mil- gefeilt: Der Reichskanzler hat mit dem Reichstagspräsidenten Göring und dem Reichsminister des Innern Dr. Frick die Garnisonkirche in Potsdam besucht, um sich über die Vorbereitungen für den anläßlich der (Eröffnung des Reichstages dort stattfindenden feierlichen Staatsakt mit den in Betracht kommenden kirchlichen und staatlichen Stellen zu befprechen. Als Vertreter der Kirche waren der Präsident des evangkl Ichen Oberkirchenrates Dr. Dr. Kapier ud der geistliche Vizepräsident Dr. Burghart erschienen. 3m Anschluß an den Besuch der Garnifonkirche wurde der Lange Stall in Potsdam, dann das Krolltheater in Berlin besichtigt, die beide für die Vollsitzungen des Reichstages in die engere Wahl kamen. Die Entscheidung fiel zugunsten des Krolltheaters, da der befchleunigte Zusammentritt des Reichstages dringend geboten und der Ausbau des Langen Stalles einige Wochen beanspruchen und auch mit recht erheblichen Kosten verbunden ist. Der Zusammentritt des Reichstages soll möglichst beschleunigt werden. Die üblichen Erössnungsgottesdienste werden für den evangelischen Teil in der Rikola i k i r ch e, für den katholischen Teil in der katholischen Stadtpfarrkirche in Potsdam stattfinden. An dem Erösfnungsgottesdienst in der Rikolaikirche wird der Herr Reichspräsident keilnehmen. Rach Beendigung der Gottesdienste ziehen die Teilnehmer in geschlossenen Zügen unter dem Geläute aller Glocken Potsdams in öie (Barnis o n k i r ch e. Dort findet ein Staatsakt statt. Der Herr Reichspräsident wird eine Begrüßungsansprache halten und alsdann dem Herrn Reichskanzler das Wort zur Abgabe der Regierungserklärung geben. Der Staatsakt wird von Kirchenmusik umrahmt fein. Anschließend an den Staatsakt begibt sich der Herr Reichspräsident allein zur G r u s k, wo er zwischen den Särgen Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen einen Lorbeerkran; niederlegt. 3m Anschluß daran schreitet der Herr Reichspräsident vor der Kirche dieFrontderEhren- f o m p an i e ab. hieran schließt sich ein Vorbeimarsch der Ehrenkompanie. Rach Abschluß der Feier in Potsdam begeben sich Reichsregierung und Abgeordnete ; u r Eröffnungssitzung nach Berlin. Es ist anzunehmen, daß die (Eröffnung voraussichtlich am 21. März ffattfinöen wird. Das Ermächtigungsgesetz. Hitler oder Papen M'nislerpräsident in Preußen. (Berlin, 8.März. Das angekündigte Der» fas fungsändernde E r m ä ch t i g u n g s - gefetz wird, wie die „DAZ." hört, Vollmachten enthalten, die eine Aufhebung einzelner Teile der Verfassung ermöglichen. Sn den nächsten Tagen ist die Aufnahme der Verhandlungen mit dem Zentrum zu erwarten. Eine inoffizielle Fühlungnahme ist wohl bereits erfolgt, allerdings vorwiegend auf dem -Wege über Preußen. Ebenso finden Unterhaltungen über die Ministerpräsidentenwahl in Preußen statt, an der auch maßgebende Mitglieder der nationalsozialistischen Preußen- fraktion beteiligt sind. Heben der schon verzeichneten Absicht, den Vizekanzler vonPapen zum Ministerpräsidenten zu machen, steht jetzt der Plan im Vordergrund, daß der Reichs- kanzler persönlich gleichzeitig Ministerpräsident in Preußen werden soll. Hierbei wird an ein Wiederaufleben der Bismarck- f eben Verfassungsverhältnisse gedacht. Die Vorbereitungen für die Errichtung des „Ministeriums für Propaganda und nationale Kultur" sind im Gange. Diese Zentralstelle wird Rundfunk, Film. Theater Museumswesen und Auslandspropaganda einheitlich betreuen. Shr "eingegliebcrt wird wahrscheinlich die Reichszentrale für Heimat dien st. Fraglich ist es aber offenbar, ob die Presse- a6 teilung in dieses Ministerium eingegliedert ist. Als sicher kann es gelten, daß Dr. Goebbels die Leitung des Ministeriums erhalt. Er dürfte dann einen deutschnationalen Staatssekretär erhalten. Die „DAZ." nennt in diesem Zusammenhang den Hamen des deutschnationalen Abgeordneten Schmidt (Hannover). Eine Antwort Görings an das Zentrum. Berlin, 8.März. (WTB.) Der Zentruiys- abgeorönete S o os hat aus Köln folgendes Telegramm an den Reichsminister Göring gerichtet: Hebertoiegenber Teil der Bevölkerung ist mit Hissung von Halenkreuzfahnen auf I staatlichen und Kommunalgebäuden • durch Organe der RSDAP. unter keinen Um» 1 ständen einverstanden. Zentrumspartei verlangt Anordnung der sofortigen Einziehung und Durchführung der Anordnung unter Einsatz der für den Schutz aller Bürger bestimmten Polizei. Reichsminister Göring hat wie folgt geantwortet: Der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung hat sich am 5. März zur Hakenkreuzfahne bekannt. Ein verschwindend kleiner Teil der deutschen Bevölkerung stimmte .für das Zentrum. Sch bin dafür verantwortlich, daß der Wille der Majorität des deutschen Volks gewahrt wird, hingegen nicht die Wünsche einer Gruppe, die anscheinend die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden hat. Zlaggen-Zwischenfall in Koblenz. Koblenz, 8. März. (TTi.) Sm Anschluß an die Hissung der Hakenkreuzfahne auf dem Koblenzer Rathaus kam es am Mittwochnachmittag zu einem Zwischenfall, als ein nationalsozialistischer Führer der auf 10 000 Personen angewachsenen Menge befanntaab, daß der Oberbürgermeister gedroht habe, die Hissung der Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus durch Polizeibeamte verhindern zu lassen. Die Menge forderte unter stürmischen Rufen, daß der Oberbürgermeister aus seinem Ruhe in Hessen. Erhöhte Alarmbereitschaft der Polizei aufgehoben. Zn Anbetracht der ruhigen Verhältnisse im Lande Hessen hat der Inhaber der Polizeigewalt, Dr. Müller, die erhöhte Alarmbereitschaft bei der hessischen Sicherheitspolizei a u f g e h o b e n. Es tritt wieder normaler Dienst ein. Das Gerücht, daß der Darmstädter Polizeidirektor Dittmar durch den nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten Dr. Müller, der Inhaber der Polizeigewatt in Hessen. Hauptmann a. D. Wassung ersetzt worden sei, trifft nicht zu. Zum Leiter des Landes- kriminalpollzeiamts, das dem Inhaber der Polizeigewalt direkt unterstellt wurde, ist Regierungsrat S ch ne i d e r bestellt worden. Schneider leitete wahrend der Separat'stenzeit die Ab- wchrstelle der Regierung und war unter dem Na- Amtszimmer geholt werde. Vier SA.- Leute begaben sich in das Amtszimmer des Bürgermeisters und führten diesen an das Balkonfenster. Die Menge brach in stürmische Pfuirufe aus. Der Oberbürgermeister muhte dann eine etwa Dreiviertelstunde dauernde öffentliche Anklagerede eines nationalsozialistischen Führers von einem gegenübcrlieacnöen Balkon aus über sich ergehen lassen. Die Menge zollte dem Redner stürmischen Beifall. Nationale Kundgebung der Berliner Jugend. Berlin, 8. März. (ERB.) An sämtlichen preußischen Schulen fiel auf Anordnung des preußischen Kultusministers wegen des großen Wahlsieges der nationalen Parteien der Unter ri cf) t aus. Sm Lustgarten sammelte sich die Berliner Sagend äu einer Massenkund'* g e b u n g. Auch die Kleinsten mit Vätern und Müttern nahmen an dem Massenaufmarsch teil. Ein langer Zug Sungen und Mädchen mit Hakenkreuzsahnen durchzog die Linden. Vom Balkon des preußischen Snnenministeriums wurde er vom Reichs Minister Göring begrüßt. Der Zug bewegte sich daraus durch die Snnenstadt und kehrte zum Lustgarten zurück, wo er sich auf* löste. men „Eäpten" (Schneider war Kapitän zur See) in Separatistenkreisen gefürchtet. Aus die zahlreichen Anzeigen von Waffen- und Sprengstofflagern bei Kommunisten und Sozialdemokraten hat das Lon- deskriminalpolizeiamt eine umfangreiche Tätigkeit entwickelt. Der Geist, aus dem die Anzeigen an die Polizei und die starke Mitarbeit des Publikums entspringen, ist zwar außerordentlich zu begrüßen, hat jedoch in vielen Füllen zu keinem Ergebnis geführt. Selbstverständlich geht die Polizei allen Angaben nach. Bisher wurden keine größeren Wasfenbeschlagnah- m ungen oder Waffenfunde gemacht, es handelt sich vielmehr um einzelne Waffen und Munitionsbestände. Einige Funde werden zur Zeit noch von den Chemikern des Polizeiamts untersucht. Es ist richtig, daß einige Kommunisten verhaftet worden sind. Auch der Führer des Reichsbanners, Lehrer Rosar, ist in Schutzhaft genommen worden. Der neue Hamburgische Senat. Alle Parteien von NSDAP, bis Ltaais- partei vertreten. Hamburg. 8. März. (TU.) Am Wittwoch- nachmittag fand die Heuwahl des Hamburgischen Senats statt. Zur Sitzung der Bürgerschaft war die kommunistische Fraktion nicht erschienen. Präsident Ruschewey machte Mitteilung von dem Ausscheiden der sozialdemokratischen Senatsmitglieder und der Amtsniederlegung des ersten Bürgermeisters Petersen. Der Sozialdemokrat Podeyn erklärte für seine Fraktion, daß diese sich nicht an der Senatswahl beteiligen werde. Es wurden dann gewählt: Die Rationalsozialisten Karl Vincent Krogmann (1. Bürgermeister), Alfred Rich - t e r (Polizeibehörde), Dr. Rothenberger (Sustiz- und Gesundheitsbehörde). Dr. Oster- dinger (Hochichulbehörde), Wilhelm v. Allwörde n (Wohlfahrtsbehörde), Dietrich W. C n° gelten (Deputation für Handel, Schiffahrt und Gewerbe); die S t a h l h e l m e r Hans v. Pressentin (Arbeitsbehörde) und Philipp K l e p p (Land- herrenschast); die Deutschnationalen Max Staven- Hagen (Baubehörde) und Karl Witt (Schulbehörde); der Doltspartciler W. A. Durchardt- Motz (2. der Staatsparteiler Dr. Matthä ei (Finanzdeputation). Der Sieg der nationalen Einigung und die Reu- wahl des Senats wurden von Hamburgs Bevölkerung begeistert gefeiert. A u f dem Rathausmarkt sand eine Kundgebung statt. Um 15 Uhr marschierten die SA. und SS., der Stahlhelm und mehrere Hundertschaften Polizei auf, die von einer riesigen Menschenmenge mit Heilrufen begrüßt wurden. Als der neue Se - n a t mit Bürgermeister Krogmann an der Spitze auf dem Balkon erschien, wurde er von den Menschenmassen stürmisch begrüßt. Rachdem sich der Subei gelegt hatte, spielten mehrere Kapellen den Choral „Hun danket alle Gott', worauf Gauleiter Kaufmann und Bürgermeister Krogmann vom Balkon des Rathauses herab Ansprachen hielten. Rachdem die Menge die erste Strophe der Hamburger Rationalhymne gesungen hatte, gingen unter den Klängen des Deutschland- Liedes und dem Glockenläuten sämtlicher Kirchen an den Fahnenmasten die schwarzweißrote und die Hakenkreuzfahne hoch. Dieser Akt wurde von der Bevölkerung mit ungeheurem Subei begleitet. Bürgermeister Krogmann brachte dann ein Hoch auf Hamburg, Gauleiter Kaufmann ein Hoch auf den Reichspräsidenten, den Kanzler und das deutsche Vaterland aus. Mit dem Horst-Wessel-Lied fand die Kundgebung ihren Abschluß. Bestellung weiterer Aeichstommiffare fürdiepolizeibefuaniffe in den Ländern B e r l i n , 8. Mär,. (WTB.) Auf Grund der Hol- Verordnung ;um Schuh von Volk und Staat hat der Reichsminister des 3nnern die Polizeibefugniffe in Schaumburg - Lippe, Baden, Württemberg und Sachfen übernommen. Zu Beauftragten des Reiches sind vom Reichsinnenminister ernannt worden für Schaumbur g-L ippe Beigeordneter Matthäi aus Marl bei Recklinghausen, für Baden badischer Landtagsabgeordneter Wagner, für Württemberg Reichslagsabgeordneter von 3agow, bisher Eßlingen, für Sachfen Reichslagsabgeordnetec Freiherr von killinger. Vereitelter Dynamitanschlag auf die Wehtauer Brücke. Königsberg, 8. März. (ERB.) Sn der Rähe des Bahnhofs Wehlau (Strecke Königsberg—Etzdtkuhnen) wurden zwei Männer verhaftet, die einen Sprengkörper vergraben hatten. Den Sprengstoff hakten sie von dem in Wehlau wohnenden Schlosser Thiel. Bei der Haussuchung in dessen Wohnung sand man eine mit Sägespänen ausgefüllte Holzkiste, in der noch einige Rollen Dynamit eingebettet waren. Die vorgefundene Verpackung läßt jedoch darauf schließen, daß sich in dieser Kiste noch etwa 20 bis 30 Pfund Dynamit befunden haben, die vollständig ausgereicht hätten, um die Eisen* bahnbrücke in die Luft zu sprengen. Aus einer noch in der Kiste befindlichen Deklaration über den Snhalt geht weiter hervor, daß sie nicht allein Dynamit, sondern auch einige hundert Zünder und Zündschnur enthalten hat. ♦ Sn Lobenstein (Thüringen) entdeckte man bei einer Haussuchung im Anwesen der Witwe Knörner ein kommunistisches SPrengst o f f l a g e r. Man fand ein Holzfaß, enthaltend 3 Kilogramm Schwarzpulver, 80 Sprengkapseln und verschiedene Waffen. Als Täter und Mitwisser eines Sprengstoffdiebstahls in einer Dachziegelei. wurden ein Schmied und der 17jährige Sohn der Witwe Knörner ermittelt. Die Täter sind Mitglieder der KPD. Die Sprengstoffe sollten während einer nationalsozialistischen Versammlung zur Sprengung des Rathauses und des Kurhauses dienen. SA Leute in Breslau beschossen. Breslau, 8. März. (TLl.) Als am Mittwochfrüh ein Zug SA. in Stärke von etwa 250 Mann am Breslauer Gewerkschaftshaus in der Margaretenstrahe vorbeimarschierte, wurde er aus dem zweiten Stock des Gewerkschaftshauses beschossen. FünsSA. - Leute wurden durch Kops- und Schulterschüsse schwer verletzt. Der 20jährige Herbert Wellisch ist inzwischen seinen schweren Verletzungen erlegen. Die SA. sowie inzwischen eingetroffene Schutzpolizei besetzten das Gewerkschaf t s h a u s und nahmen hier und im gegenüberliegenden Hause Durchsuchungen vor. Bisher wurden 13 Personen verhaftet. Aus dem Gewerkschaftshaus wurde die Hakenkreuzsahne aufgezogen. Bei der Säuberung des Gewerkschafts- Hauses, aus dem geschossen worden war, wurde der Sohn des Oekonomen des Gewerkschastshauses erschossen. An einer anderen Stelle der Stadt geriet um die Mittagsstunde ein “Bauarbeiter mit politischen Gegnern in einen Streit, in dessen Verlauf er einen Messerstich in den Rücken und eine Schuhverlehung erhielt, an deren Folgen er starb. Llebersall auf den peruanischen Konsul in Bremen. “Bremen, 8. März. (TTi.) Von der Polizei wird mitgeteilt: „3u einem bedauerlichen Zwischenfall kam es am Mittwochnachmittag in der Schillerstrahe. Der Konsul von Peru wurde von einem unbekannten Täter überf allen und am Auge verletzt. Der Täter soll e i n Bürgermeister und Sugendbehörde); ' Hakenkreuzabzeichen getragen haben. Der Kurswechsel in den Ländern. Reichskommissar Dr. Müller vereidig! durch Handschlag die hessische Hilfspolizei. Es dürfte sich ganz zweifellos um die Tat eines kommunistischen Provokateurs handeln. Diese Annahme ist um so mehr berechtigt, als aus kommunistischen Anweisungen bekannt ist. datz bei Ausschreitungen und Anschlägen Abzeichen der NSDAP, angelegt werden sollen, um die nationalsozialistische Bewegung zu belasten. Der kommissarische Polizeipräsident begab sich sofort ins Krankenhaus und drückte dem Konsul das Bedauern der Polizeidirektion aus. Auch der Konsul äußerte die Ansicht, datz hier eine Provokation von gegnerischer Seite vorliege." Das Karl-Liebknecht-Haus für die preußische Polizei beschlagnahmt. Berlin, 8. März. (WTB) Der preußische Innenminister teilt mit: Aufgrund der Verordnung zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 werden die Räume des St a r l» ß i e b « knecht-Hauses, dep bisherigen Hochburg der StPD., mit dem Darm befindlichen Inventar der Verfügungsgewalt des preußischen Staates unterstellt. Die Räume werden mit dem heutigen Tag der politischen Polizei, und zwar ihrer neugegründeten Abteilung zur Bekämpfung des Bolschewismus, zur Verfügung gestellt. Die Flaggen der siegreichen nationalen Bewegung wurden als Symbol des wiedererstarkten nationalen Geistes des deutschen Volks auf dem Karl-Liebknecht-Haus gehißt. Der Führer der Berliner SA., Graf Helldorf, hielt an die versammelten Mannschaften der SA., SS. und des Stahlhelm eine Ansprache, in der er die Beschlagnahme des Karl-Liebknecht-Hauses durch den preußischen Staat bekannt gab. Während der Ansprache wurden aus zwei Fenstern des Karl-Liebknecht- Hauses von Nationalsozialisten und Stahlhelmleuten das Hakenkreuzbanner und die alte Reichskriegsflagge gehißt. Den Schluß der Kundgebung bildete ein Vorbeimarsch der SA., SS. und des Stahlhelms. Die ShinDgebung, zu der sich eine große Menschenmenge eingefunden hatte, verlief ohne jeden Zwischenfall. Eine deutsche Beschwerde in Madrid. Berlin, 8. März. (CAB.) In Sevilla und in Barcelona hatten Kommunisten Kundgebungen vor den deutschen Konsulaten veranstaltet. Dabei sind in Sevilla auch Fensterscheiben des Konsulates eingeworfen worden. Gegen diese Ausschreitungen ist bei der spanischen Negierung sofort P r o t e st erhoben worden. Die spanische Negierung hat ihr Bedauern über die Borfälle zum Ausdruck gebracht und allen deutschen Konsulaten einen besonderen Polizeischuh gegeben. Aach deutscher Auffassung, die der spanischen Negierung inzwischen bekanntgegeben worden ist, genügen diese Maßnahmen aber nicht, sondern es ist unbedingt nötig, daß auch die Hetze unterbunden wird, die von einem Teil der spani» s ch e n Presse gegen Deutschland getrieben wird, und die die Schuld an solchen Exzessen! trägt. Das Ccho vom Mont-parnaffe. Was sagt Pans zum 5. März? Don unserem T.-Derichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Paris, den 8. März 1933. Eine Gruppe von Kommunisten, — es wird nicht einmal ein ganzes Hundert gewesen sein — hat vor dem Gebäude des „Matin" eine Protestdemonstration gegen das Ergebnis der Wahlen in Deutschland veranstaltet. Etwas Johlen, einige schrille Pfiffe, ein paar aufgeregte, mit hoher Fistelstimme hervorgestoßene Sätze, ruhiges Zureden der Polizei und dann war der ganze Spuk vorüber. Die Blusenmänner zogen in der Richtung zur Oper zu ab. Man kann ruhig behaupten, daß die ganze Anstrengung ziemlich vergeblich gewesen ist. Auf dem ohnedies überfüllten Boulevard wurde die Geschichte kaum bemerkt, und irgendwelche politi- schen Folgen wird sie bestimmt nicht haben. Man weiß nicht rvHt, wer der Beranstalter gewesen ist. Ein Pariser war es keinesfalls, denn ein Pariser hätte sich einen ganz anderenOrt für diese Demonstration ausgesucht, und dort hätte sie gewiß eine weit größere Ausdehnung angenommen, dort wäre sie viel bemerkt worden, und dort hätten sich vielleicht auch politische Folgen eingestellt. Nur ein Fremder kann annehmen, daß die großen Boulevards irgendwie wesentlich für das Gesicht dieser Stadt sind. Das ist nicht der Fall. Dort flutet zwar der größte Derkehr, sammelt sich alles, was Geschäfte und ihre Auslagen sehen will, und dort sind auch die meisten Kaffeehäuser, — aber die eigentlich geistige Lebensader ist doch der Boulevard Michel, der „Boul 'Miche" der ins Quartier Latin hineinführt und von dem dann wiederum der Boulevard Mont-Parnasse, die Heimat der Dohöme, abzweigt.. Hier am Boul'Miche hätten die Kommunisten ihre Demonstration abhalten sollen, Dann wäre bestimmt die ganze Studentenschaft zu- fammengeströmt, und dann hätten sich aus den Ateliers, den Akademien, den Dichtermansarden und natürlich aus den Cafes das ganze Künstlervölkchen zusammengefunden. Diese, die Studenten und die Künstler, sind es nämlich eigentlich, die sich in Paris mit Politik beschäftigen. Jedenfalls sind sie es, die sich mit Leidenschaft auf politische Fragen stürzen, und die selbstverständlich den Wahlen in Deutschland aller- stärkstes Interesse entgegenbrachten. Man gewinnt bestimmt kein richtiges Bild, wenn man nur nach den Zeitungsstimmen die französische Stellungnahme zu den Borgängen in Deutschland beurteilen will. Die meisten Artikel sind ohnedies von den Berliner Berichterstattern geschrieben und geben damit Berliner Eindrücke wieder. Für sehr sehr viele Franzosen sind diese Berichte geradezu Bücher mit sieben Siegeln, denn sie haben keine Ahnung, wie Deutschland wirklich aussieht. Sie kennen nur eine gänzlich verzerrte Darstellung, wie sie ihnen in den Schulen gegeben wird, und sie begreifen einfach nicht, warum und aus welchen Gründen in Deutschland solche Hm» Wälzungen vor sich gehen. Der Eindruck, den der Sieg der nationalen Regierung hier in Paris gemacht hat, ist ein Gefühlseindruck. Die ganze Sache ist den Franzosen unheimlich. Bornehmlich der Pariser ist, entgegen der allgemeinen Meinung und obwohl seine Däter die größte Revolution der Weltgeschichte gemacht haben, seinem ganzen Wesen nach konservativ. Er hat kein Berständnis, zumindesten kein Berständnis mehr, für solche plötzlich auftretenden Bewegungen, wie der überraschende Aufstieg der Nationalsozialistischen Partei. Er hält diese Partei überhaupt für einen Import aus Italien, und da Italien schon seit einiger Zeit der erklärte Erbfeind ist, so steht er ihr mit verdoppelter Abneigung gegenüber. Diese Abneigung mischt sich mit der uneingestandenen Furcht, daß die „Boches" — dieses Schmähwort taucht wieder auf — einen neuen Krieg entfesseln würden. Etwas Hnkriegerischeres als es der Pariser im Grunde feines Herzens ist, kann man sich kaum vorstellen. Diese unein- gestandene Befürchtung ist so stark, daß sie nun wiederum der wahren Meinung in den Zeitungen Zügel auferlegt und dort für eine Mäßigung sorgt, die zu Zeiten, da Deutschland wirklich schwach war, niemals innegehalten worden ist. Bauer im Moor. Von Karl LerbS. Zwei Stunden nach Mitternacht, als der oft mit Eisnadelfchauern klirrende Nordwest nach Südwesten umgefprungen war und die kümmerlich hingeduckte Kate unter den pressenden Stößen Des warmen Windes erbebte, fuhr der Dauer aus der winterlichen Dumpfheit seines Schlafes empor. Langsam erwachte sein schwerfälliges Gehirn zu dem Bewußtsein, datz etwas Fremdes drohend in die stickige Enge seiner Hminelt ein- gedrungen war. Zuerst meinte er wohl, es sei das Tauwetter und die veränderte Stimme des Windes: aber nein, das war es nicht: plötzlich erkannte ec, datz sein Weib neben ihm nicht wie sonst in trägem Gleichmah gelassen schnarchte, sondern hastig und mit einem seltsam pfeifenden und wimmernden Keuchen atmete. Der Dauer schickte eine kurze Frage in bie Finsternis und wartete eine Weile auf Antwort: als sie nicht kam, knurrte er etwas von „Traum" und „Schla- fenlassen" und drusselte wieder ein. Aber schon ein pckar Stunden später schrak er wieder auf: nun war neben ihm in der feuchten Wärme des Kissengebirges ein deutliches Stöhnen, unterbrochen von leisen Klageworten. Mühsam kletterte der Bauer aus dem Alkoven, suchte brummend seine Pantoffeln und tastete sich zum Herde, um das Feuer aufzustökem: dann zündete er die kleine Petroleumlampe an und schlurrte zum Bett. So stand er, den riesenhaften Körper etwas verkrümmt, mit der Linken nachdenklich die grauen Kinnborsten kratzend, mit der Rechten die blakende Lampe emporhaltend: und wenn sich auch in seinem braunen, von Wetter und Alter zu Pergament verhärteten Gesicht kein Muskel regte, so dämmerte doch in seinen Hellen Augen Hnbehagen und Derwunderung auf: das da in den rotgewürfelten Kissen war nicht das gewohnte Gesicht seines Weibes, verrunzelt, rotbackig, gleichmütig: das war ein verfallenes, kleines, gelbliches Gesicht, mit ängstlich flackernden Augen und einem schiefgezogenen Wund, der abgerissene Klagen über Schmerzen im Leib murmelte. Der Bauer, ein bis zu tagelanger Stummheit wortkarger Mann, wußte nichts von Angst und weichherziger Besorgnis: er wußte auch nichts von Krankheit. Hart und einsam, kinderlos und ohne Wunsch an die Zukunft stand er im Gleichtlang seiner Tage, die ihn unabänderlich an starre Gewöhnung ketteten — an das tödliche Schweigen der Meereinode, an das Ge» racker auf kärglichem Ackerland und am Torfstich, an das Kommen und Gehen der Taglöhner, an die langen stillen Fahrten auf schwarzen Moorgräben, wenn er seine Ladungen zum Torswerk vor der Stadt stakte und ohne Neugier zu den fern ragenden Türmen hinübersah, die er niemals in der Nähe erblickt hatte: und an das stumpfe Verdämmern der Wintermonate. 3n dieser Morgenstunde aber witterte er mißtrauisch eine Gefahr für dieses mit scheinbar unerschütterlicher Zuverlässigkeit ablaufende Leben. Wenn die Frau krank wurde, so gab es einen Ritz, den er nicht zu flicken wußte. Indessen der Kessel mit dem Wasser für den Kamillentee am Haken über dem Feuer summt und der Bauer ächzend in die Kleider kletterte: dann, als er im Stall die Ziege, das Schwein und die Hühner versorgte, kaute er an einem schweren Entschluß. Auf dem Rückwege zur Kate aber zwang die Besorgnis den harten Brocken hinunter. Während er aus einem Kasten, der unterm Brennholz verborgen stand, eine Handvoll Silberstücke hervorholte, durchzählte, zögernd und seufzend ein paar davon im Taschentuchzipfel verknotete und den Rest sorgsam wieder verbarg, überlegte er. Drei Wegstunden entfernt war eine Haltestelle der Kleinbahn, die das Moor durchquerte: von dort war es eine halbe Stunde Fahrt bis zu dem großen Dorf, wo der Doktor wohnte. So weit recht: aber auf den Gräben war noch dickes Cis, das fein Boot durchließ: ein Gespann hatte er nicht, und bis zum Nachbarn war es weit: auch mit der Schiebkarre war im Morast der Wege kein Durchkommen. Bedachtsam packte der Bauer Holzpantoffeln und Reiserbesen, das Ergebnis der Winterarbeit, in seinen Tragkorb: das lieh sich wohl im Dorf verkaufen. Dann fuhr er in seine langschastigen Stiefel, holte die Frau aus dem Bett hervor, kleidete sie an, so gut es gehen wollte, und packte sie in Decken und Tücher. Als er auf ihre ängstlichen Fragen etwas wie „Doktor" knurrte, erschrak sie und versicherte hastig plappernd, es ging ihr schon besser. Er aber hörte kaum hin, langte nach Wolltuch, Kappe und Fausthandschuhen und trug erst den Korb, dann die Frau hinaus. Dann versperrte er die Tür, nahm die Frau auf, trug sie eine Strecke weit, setzte sie am Rand des schmalen Pfades an einer einigermaßen trockenen Stelle ab, kehrte um und holte den Tragkorb. So schleppte er, zuweilen ein wenig schwankend unter den Stößen des Windes, immer abwechselnd die Frau und den Korb durch den Schlamm und Schlackenschnee, nasses Heidekraut und zähe Ginsterstrünke. Den Gehöften ging er aus dem Wege: mit überflüssigen Fra- polensRechisbruchkommivordenVölkerbundsral Gens, 8. März. (121.) Der Danziger Völker- bundskommisfar R o st i n g hat in einem Schreiben an das Generalsekretariat des Völkerbundes die Besetzung der Danziger Westerplatle vor den Völkerbundsrat gebracht. Der Völkerbundskommissar beantragt eine Feststellung, ob das vorgehen der polnischen Regierung als eine „a c- t i o n d i r e c t e“ anzusehen sei, die nach den geltenden Bestimmungen verboten ist. Die Feststellung des Völkerbundsrals soll sich jedoch nicht lediglich auf die Besetzung der Westerplatte, sondern auch auf die Frage der Hafenpolizei ausdehnen. Da der Völkerbundsrat gegenwärtig wegen der südamerikanischen wirren tagt, ist onzunehmen, daß die Angelegenheit der Westerplatle sehr bald den Rat beschäftigen wird. Eine polnische Begründung. Danzig, 8. März. (TU.) Die halbamtliche „Iskra"-Agentur ist bemüht, in einer längeren Erklärung die Gründe darzulegen, die die polnische Regierung veranlaßt haben, die Militärwache auf der Westerplatte durch eine — wie es ausdrücklich heißt — Abteilung von Marinesolda- t e n (also nicht Polizei) zu verstärken. Demnach habe die polnische Regierung in den letzten Tagen zuverlässige Informationen über Verstärkungen nationalsozialistischer Kampftrupps im Danziger Freistaat, sowie über den Aufenthalt einer Reihe von Personen in Danzig erhalten, deren Verbleiben völlig unzweideutig die Sicherheit der durch internationale Verträge verbrieften polnischen Interessen bedrohe. In erster Linie hätten die Informationen auf die Gefahr eines organisierten Anschlages auf die Sicherheit des polnischen Lagers auf der Westerplatte, der wichtigsten Vorratsbasis der oolnischen Kriegsmarine, hingewie- scn. Angesichts dieser Gefahr habe die polnische Regierung die Zustimmung des Dölkerbundskommis- sars nicht abwarten können. Alsdann wird erklärt, daß Rosting gegen sein besseres Wissen statt auf das Wesen der Sache einzugehen, sich der polnischen Regierung gegenüber auf einen rein formalen Standpunkt ge ft eilt habe. Rosting habe bislang dem Danziger Senat gegenüber nichts unternommen. „Dor allen Dingen aber hat Rosting persönlich sowohl den Interessen des Völkerbundes, die er vertritt, als auch Polen gegenüber die Angelegenheit der Action directe von feiten der in Danzig bestehenden und bewaffneten Kampftrupps vernachlässigt." Im Anschluß daran wird mit deutlicher Anspielung an das Verbot nationaler Karnpf- formationen im Saargebiet erinnert. — Die Warschauer Presse nimmt auf Grund einer halbamtlichen polnischen Erklärung einmütig gegen Danzig Stellung. Dabei interessiert die Figur Hitlers brennend. Jeder Deutsche wird über ihn geradezu ausgequetscht. Versucht man ein Verständnis zu erwecken, so kann man manchmal recht witzige psychologische Studien machen. „Er war Gefreiter sagen Sie?" — „Gefreiter? Was ist das?" Man sucht das zu erklären und charakterisiert diesen militärischen Rang dahin, datz er weniger als in Frankreich ein „Korporal" bedeute. „Also Gefreiter! Helas! Er ist also kein Korporal!" Offenbar dient das zur Beruhigung, daß Adolf Hitler nun wenigstens doch nicht der „kleine Korporal" Deutschlands genannt werden kann ... Die junge Welt im Quartier Latin und vor allem auch die Künstlerkreise haben naturgemäß ein ganz anderes Temperament. Hier nimmt man kein Blatt vor den Mund und hier schimpft man nach Noten auf das neue Deutschland, in dem man nur die Wiederkehr des alten Deutschlands und die Verkörperung eines wirklichen Barbarismus sieht. Hinzu kommt, datz gerade hier in dieser Ecke alle die Deutschen sitzen, denen schon seit einiger Zeit der Boden in Deutschland selbst zu heiß geworden ist, oder die sich kulturell Paris und seinem internationalen Geistesstrom enger verbunden fühlen, als der eigenen Heimat. Sie sitzen den halben Tag und die ganze Nacht mit Franzosen, mit Tschechen, mit Russen, mit Zigeunern aus aller Welt, zusammen in der Closerie de Lilas, dem Cafe de la Rotonde, dem Cafe du Dome und neuerdings auch bei „Dikings" und retten dort mit ihren besonderen Geistesanlagen die Welt. Alle diese Gaststätten dürfen in der Geschichte der Literatur und der bildenden Künste durchaus Anspruch auf eine Art Klassizität erheben. Von hier aus sind starke Impulse ausgegangen, und vielleicht ist es sogar eine kleine Arabeske der Geschichte, datz M a r i n e 11 i, der Schöpfer des Futurismus und der eigentliche geistige Vater des Faschismus, im Cafe du Dome seinen Anfang genommen hat. Hier sind schwerste und manchmal recht fruchtbare Meinungskämpfe über alle künstlerischen Fragen geführt worden. Jetzt gewinnen diese alle eine scharf zugespitzte politische N o te. Es ist schon eine ganze Reihe von Flüchtlingen aus Deutschland in Paris eingetroffen. Heine, dessen schönes Grabdenßnal auf dem Friedhof, unweit des Boulevard Mont-Parnasse, steht, vergrub sich in die Matrahengruft auf dem Montmartre. Hnsere Zeitgenossen ziehen den Mont- Parnasse vor. Alfred Kerr wird erwartet, aber gen wollte er nichts zu schaffen haben. Er wußte, was er wollte, und er setzte es durch. Gegen Mittag erreichte er die Haltestelle und betrat den Raum, in dem ein mürrischer Beamter gelangweilt hinterm Kaffeetopf hockte und überrascht aufblickte, als bei solchem Wetter Fahrgäste erschienen. Der Bauer fetzte die Frau neben den Ofen, holte den Tragwrb nach und fragte, ob der Mittagszug schon „durch wäre". Nein, er war noch nicht durch. Nun wollte der Dauer den Fahrpreis wissen, für eine Person und zwei Traglasten. Der Beamte wunderte sich: „Zwei Traglasten ...?" Jawohl, bekräftigte der Bauer gelassen, die Frau hatte er tragen müssen, weil sie nicht gehen konnte, und so etwas wäre für ihn Traglast. Aber das wollte der Beamte nicht gelten lassen. Für ihn war in solchem Falle Mensch — Mensch, ob gehfähig oder nicht: und er nannte den Fahrpreis. Hier lietz der Bauer den Taschentuchzipfel mit den Silberstücken, den er schon zwischen den Fingern hielt, in die Tasche zurückgleiten. Er hatte eine glatte Rechnung gemacht: der Doktor sollte sozusagen mit Holzschuhen und Reiserbesen ausgewogen werden: und nun sollte schon die Bahnfahrt mehr kosten, als er überhaupt mitgenommen hatte. Die schöne glatte Rechnung war hin. Er sackte ein wenig zusammen, nahm mit einer hilflosen Bewegung Die Kappe ab und wischte sich mit dem Handrücken die feuchten grauen Haarsträhnen aus der Stirn und das tropfende Wasser aus den Augenbrauen: denn er wußte, was jetzt kam. Hnd richtig, die Frau, die seit Stunden vor Schmerz und Angst stumm gewesen war, wickelte ihr Gesicht aus den Tüchern, holte Atem unb sprudelte mit verwunderlicher Geläufigkeit einen Strom von höhnischen Vorwürfen, wimmernden Klagen und triumphierendem Gekeif hervor. Als sie erschöpft schwieg, richtete sich der Bauer aus geduckter Haltung zu voller Größe auf und reckte seine mächtigen Glieder, daß die Gelenke knackten. Wortlos, mit drohenden Schritten, ging er zur Tür, stieß sie auf, trug erst den Korb, dann die Frau hinaus und warf die Tür mit grebzm Knall hinter sich zu. Draußen nahm er die Frau auf, trug sie eine Strecke weit, setzte sie am Rand des schmalen Pfades an einer einigermaßen trockenen Stelle ab, kehrte um und holte den Tragkorb. So trat er ohne einen Augenblick des Verweilens den Heimweg an, immer abwechselnd die Frau und den Tragkorb schleppend, mit starrer Hnbeirrbarteit, wie ein plumper Gaul dahinstapfend durch Schlamm und Schlackerschnee, nasses Heidekraut und zähe Ginsterstrünke. Der Beamte stand am Fenster und sah in starrem Staunen dem seltsamen Er» er hat sich weder im Cafe du Dome, rwch in der Rotonde bisher blicken lassen. Wahrscheinlich hat er es vorgezogen, erst noch an der Riviera seinen Schmerz zu besingen. Aber für ihn und für alle seinesgleichen sind die Arme des Mont-Parnasse weit geöffnet. Kleine politische Nachrichten. Reichstanzler Hitler empfing heute mittag, wie der „Angriff" berichtet, den italienischen Botschafter C e r u 11 i, der die persönlichen Glückwünsche Mussolinis zu dem großen Erfolg der NSDAP, übermittelte. Außerdem stattete auch Reichsbankpräsident Dr. Luther Dem Reichskanzler einen Besuch ab. Der Reichskanzler empfing heute den sächsischen Ministerpräsident en S ch i e d , Der in Begleitung Des Gesandten Grafen Holhendorff und des sächsischen Ministerialdirektors Schettler erschienen war. Seitens der Reichskanzlei nahmen an der Besprechung der Staatssekretär in der Reichskanzlei, Dr. Lammers, und Dr. Meerwald teil. Die Unterhaltung, in Der Die politische Lage besprochen wurde, verlief in jeder Hinsicht freundschaftlich. * Die Kommissare des Reichs in Preußen haben beschlossen, Die Landräte Kaiser in Hanau und Dr. Menzel in Weilburg in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen. * In Oldenburg hat das Staatsministerium angeordnet, datz wegen des erhebenden Sieges des nationalen Deutschland sämtliche Behörden des Freistaates am Samstag, Dem 11. März, dienstfrei haben. In Dresden besetzten SA.-Leute das Volkshaus und das Gebäude der fozialdemo- kratischen Volkszeitung und verbrannten Das Vorgefundene Propagandamaterial. Dabei wurden sie aus den gegenüberliegenden Häusern beschos - s e n. Ein Nationalsozialist wurde getötet. Der Wiener Erzbischof Dr. I n n i tz e r traf in München ein, um Dem Kardinal Erzbischof D. von Faulhaber die Einladung zur Teilnahme am Katholikentag persönlich zu überbringen. Dr. Jnnitzer wird nach Rom Weiterreisen, wo er am 16.März vom Papst den Kardinalshut empfangen wird. lehnte nach, bis der stärker fallende Schnee den Mann und seine doppelte Last wie mit einem streifigen Schleier überspann und die fahlgraue Mooreinsamkeit die Gestalt des riesigen Wanderers verschlang. Nach 48 Jahren ... Nach 18 Jahren hat jetzt ein deutscher Kriegsteilnehmer, Der an der Front in Rußland kämpfte, vom russischen Roten Kreuz feinen Totenschein erhalten, zugleich mit Der Mitteilung, daß er in Dem Dorf Mladeschin beerdigt liegt. Die russischen Behörden arbeiten langsam, aber gründlich: so erhielt vor einiger Zeit das Zentralnachweisamt für Kriegerverluste und Kriegergräber in Spandau Die Todesurkunde des Kriegsfreiwilligen Christian Seeger, der angeblich am 27. Oktober 1915 in einem russischen Lazarett infolge einer Verwundung starb und in Mladeschin beerdigt wurde. Das Zentralnachweisamt, das Die Angelegenheit nachzuprüfen hatte, rief nun in Der Wohnung Der Angehörigen jenes Christian Seegers in Berlin an und war bah erstaunt, als sich Christian Seeger persönlich am Telephon meldete. Er ist 1914 als Kriegsfreiwilliger mit Dem ©renaDierregiment Nr. 119 ins Feld gerüdt, kam zuerst nach Flandern und Dann an Die Ostfront. Bei Lodz wurde er schwer verwundet und lag zwei Nächte zwischen den Gräben in deutschem Artilleriefeuer. Russische Sanitäter brachten ihn Dann ins Lazarett, wo er neben einem Kameraden zu liegen kam, Der noch am nächsten Morgen verstarb. Seeger wurde später als Schwerverwun» Deter und dauernd kriegsuntauglich ausgetauscht. Jetzt erst, nach 18 Jahren und nachdem er seinen Totenschein in Den HänDen hält, fällt ihm ein, daß Damals im Lazarett, wo alle VerwunDeten ausgezogen und verbunden wurden, wahrscheinlich Die Mäntel und Hniforrnftüde mit Dem Inhalt Der Taschen vertauscht worden waren. Jener Krieger, Der neben ihm itp Lazarett lag, unD dann verstarb, muß demnach in Rußland als Christian Seeger beerdigt worden fein. Die russischen Behörden aber haben 18 Jahre gebraucht, um Deutschland eine Mitteilung darüber zugehen zu lassen. Sochschuinackrichten. — Auf Den Lehrstuhl für Handelsrecht, Wirtschaftsrecht, Arbeitsrecht und bürgerliches Recht an der Hniberfität Freiburg i.Br. ist 6170 6547 14201 22328 36687 48555 111402 123725 123825 145091 168377 172101 172350 213104 227745 238156 243159 202920 281243 282869 303092 316921 344850 361827 383877 389462 393786 110 ©etoinne >u 1000 91?. 3577 4313 7271 10982 25752 29016 32533 33961 50681 57777 74758 89613 92708 106126 126025 128098 131661 134390 138514 148344 148561 153386 156743 188636 191125 195516 201669 217279 221717 227226 229050 232119 232945 243035 252331 267429 274672 285439 293589 300486 302838 303563 304086 320977 323713 332870 349511 355408 358814 359312 367834 372425 373414 388984 390401 200 ©etoinne «u 500 HL 467 5323 10104 11032 14156 21893 23072 24090 26412 28575 30454 31028 40097 50581 51125 65194 62475 70639 88950 91628 93670 94023 103747 107883 111910 112962 113061 117552 119760 121317 126534 131799 136386 138151 138654 147334 148528 151545 154016 154075 158283 158569 169250 161122 162844 166079 175048 187419 191189 194686 200846 203104 209926 211385 213449 214125 219547 223609 228892 234304 235727 241995 246317 246406 259809 265129 268811 272892 278629 279835 291745 295825 299891 301287 304836 309018 321442 328311 339538 341465 353678 355937 356031 362464 364953 368059 371200 373531 373946 374946 380197 380693 388989 389890 390564 395380 395590 397692 398075 399327 Sn der heutigen Nachmittagsziehung wurden Gewinne über 400 M. gezogen 2 ©etoinne ,u 25000 W. 150767 2 Gewinne gu 10000 W. 190650 6 <4 etoinne tu 5000 26910 44339 326507 22 ©etoinne zn 3000 M. 36110 96931 109119 136312 200218 222042 224192 261938 286806 369423 378910 48 Gewinne »u 2000 M. 21109 32932 33106 40316 74588 103875 111669 115944 116519 127471 155916 157478 171247 195142 216459 227972 259467 286451 294838 296807 309926 335282 352756 365598 116 ©etoinne ,u 1000 M. 6560 13266 30477 33502 37353 39125 56930 59345 68782 69817 70997 72323 77133 81362 82906 116252 126099 127198 132901 133811 135129 144203 145149 157343 157753 177247 183741 186133 193015 193241 197672 212882 215744 216712 229182 239863 240120 240885 243318 247116 248836 272175 272213 276813 284064 290384 293361 307391 309560 311964 314354 324777 332182 337614 363405 378500 384144 388097 158 ©etoinne,u 500 M. 3287 5428 6549 10221 10354 14695 15525 19628 24686 26966 36617 46598 47742 49075 50355 52902 57541 60941 63712 64273 65499 68591 75105 76161 79950 81232 90331 90608 91860 95438 99402 106052 108353 111658 126290 127848 128687 141029 147447 155235 155564 170217 173089 173659 185361 196433 198597 218947 225663 230573 233844 245632 268491 272086 272317 272630 275817 275942 294892 299427 299510 309387 312991 312993* 316207 317532 322200 323211 328159 333406 334463 354356 354517 365752 366612 384863 386552 397747 398653 Kurszettel der Berliner und Frankfurter Börse. Die hinter den Papieren angeführten Ziffern geben die Höhe der zuletzt beschlossenen Dividende an. — Reichsbankdiskont 4 o. H., Lombardzinsfuß 5 v. H. Framfuri a. JJl. Sernn Schluß» furd Schluß!. Abendbörse Schlußkurs Echlußk. Dliitaa- börse Oakum 7.3. 8.3- 7.3. 8.3. 6% Deutsche Reichsanlethe v. 1921 80,5 80 80.5 80 6% fbem.7% Dt.Neichsanl. v. 1929 94 95 94 95 61 2 * * * 6/2% DoungRumün.vereinh.Rentev.!913 10,1 — — 4% Rumänische vereinh. Rente .. 5,7 5,65 5,7 5,6 8%% Anatolier............... 25,13 25,3 25,4 f ivrannun u. jjt. Berlin Schlußkurs Gchlußk. Abend- börse Schlußkurs Schluß!. Miliag- börse Datum 7.3. 8.3. 7.3. 8.3. Hamburg-Amerika-Pakei ..... < 18 18,4 17,75 18,13 Hamburg-Südam. Dampfschiff. 0 36 37,25 Hansa Dampfschiff........... 0 — — - — Norddeutscher Lloyd ......... 0 '8,25 18,75 18,25 18,4 A G. für «erkehrchvescn Akt. .. 0 46 45 45,75 45,75 Berliner Handelsgesellschaft.... 4 95 95 95,5 95 Commerz, und Privak-Bank... 0 53 53 53,5 53,5 Deutsche Bank und Dtscont» Gesellschaft................ 0 70,75 70,75 70,75 70,75 Dresdner Bank.............. 0 61 6 61 6 61 5 61 5 Reichsbank ................. 1 150 150.25 151 149 5 A.E.G...................... 0 32,25 32 32 32 Elektr. Lieferungsgesellschaft... 5 89,75 91,5 89,5 91,5 Licht und Kraft ............. 6 98,5 101,25 98,9 100,75 Felten & Guilleaume ........ 0 57,5 58 57,75 58 Gesellschaft für Elektrische Unter- nehmungen............... 4 86,5 88,25 86.65 88 Rheinische Elektrizität ........ 6 102,5 103,25 102,75 103.25 Schuckert & Go.............. 0 93 95 75 92 65 94,4 Siemens & Halske........... 141,75 147,5 141,25 146,75 Lahmeyer & Co.............. 10 128 129 127,65 129,25 Buderus ................... 50 51,5 51.13 51.5 Deutsche Erdöl ............. 4 99 102 99,5 100,9 Gelsenkirchener.............. 0 63 64 62.5 63 5 Harpener................... 0 91,75 94 91 75 92 75 Hoesch Eisen—Köln-Neuesten.. 0 61 62 Ilse Bergbau ............. 7 151 150 150,5 149 Ilse Bergbau Genüsse........ 7 109 109 107,9 107,75 Klöcknerwerke ............... 0 50,25 50,5 50,75 50,5 ManneSmann-Röhren........ 0 65,25 67,5 65,75 66,65 Mansselder Bergbau......... 0 28 27,5 27 27,5 Oberschlei. Kokswerke......... 0 74,5 75 Phönix Bergbau............. 0 36,5 37,75 36 36,5 Rheinische Braunkohlen ...... 10 211,5 208 209,25 209 Rheinstahl.................. o 79 83 80 82,25 Frankfurt a.Hl. Berlin Schluß- kurs Schlußi. Abend« börs- Schluß» kurs Schluß», mittag» börie Datum 7.3. 8.3. 7.3- 8-3. Bereinigte Stahlwerke. .......u 37 38,25 36,5 37,4 Olavi Minen ........ 0 16,25 16 16 15.9 Kaliwerke Aschersleben. .......6 122,5 129 122 127 Kaliwerke Westeregeln . .......6 127 129,5 125 128,5 Kaliwerke Salzdetfurth .......9 186 192 186,5 191 I. G. Farben-Jndustrie ....... 7 118,65 122,25 119 120,5 Scheideanstall........ .......10 171 172,75 Goldschmidt ......... .......0 42 43 41,65 42,25 RüigerSwerke........ ......0 43 50 48,5 49,4 MetallaeleUIchaft...... .......0 35,75 38 35,75 37,75 Philipp Holzmann...........0 Zementwerk Heidelberg ......4 Lementwerk Karlstadt.........0 Wayß & Drehtag ............0 Schultheis Patzenhofer........o Aku (Allgemeine Kunstseide)... o Bemberg.................. o Zellstoff Waldhof............o Zellstoss Aschaffenburg .......o Dessauer Gas ...............7 Daimler Motoren............o Deutsche Linoleum ..........o Orenstetn L Koppel ..........o Leonhard Tietz.............. 6 Thade......................ir Gritzner....................o| Mainkraftwerke Höchst a_M. ... 4l Süddeutscher Zucker .........8| 53 53 54 53 55 56 — —— —— —— 4 4 — — _ 108,75 113,75 37 38,75 36,65 37,5 47 47 46,25 47 53,25 55 53,25 53,5 26,5 26 26,5 25,75 — —— 118 119,25 26,25 28,25 27 27,9 39 38,75 39 39,4 — — 45,75 45,9 34,5 35 35,5 130,5 35,25 — 129 128,5 27,5 - 29,5 29,5 69 70 - - —- 156,5 155 157 Pevlsenmarkt Berlin — Frankfurt a. M. Banknoten. 7. März 8. März Amtliche .Kotierung Amtliche Geld Jlolicrung 1 Brie Brie Helsingsors.. 6.454 6,466 6.484 6.496 Wien....... 48,45 48.55 48.45 48,55 Prag....... Budapest ... 12,465 12,485 12,465 12,485 Sofia ...... 3,057 3,063 3,047 3.053 Holland .... 170,08 170,42 169,93 170,27 Oslo....... 74.92 75,08 75,02 75,18 Kopenhagen. 65,18 65,32 65,33 65.47 Stockholm... 77,27 77,43 14,67 77,42 77,58 London ..... 14,63 14,68 14.72 Buenos Aires 0,828 0.832 0,828 0,832 Neuyork.... 4,156 4,164 4.146 4,154 Brüssel..... 58,99 59,11 58,94 59,06 Italien..... 21,46 21,50 21,46 21.50 Paris..... 16,60 16.64 16,60 16,64 Schweiz ... 81,62 81,78 81,52 81,68 Spanien.... 34,96 35.04 34,96 35,04 Danzig.... 82,42 82.58 82,42 82,58 Japan ..... 0.869 0,871 0,869 0.871 Rio de Ian. 0,239 0,241 0,239 0,241 Jugoslawien 5,554 5,566 5,554 5.566 Lissabon... 13,30 13,32 13,35 13,37 Berlin, 8.Mäiz Geld Srkl Amerikanische Noten.............. 4,13 4,15 Belgische Noten.................. 58,78 59,02 Dänische Noten ................. 64,97. 65,23 Englische Noten ................. 14,64 14.70 Französische Noten............... 16,56 16,62 Holländische Noten............... 169,56 170.24 Italienische Noten................ 21,39 21,47 Norwegische Noten .............. 74,85 75,15 Deutsch Oesterreich, i 100 Schilling Rumänische Noten............... 2,46 2.48 Schwedische Noten............... 77 25 77.55 Schweizer Noten................. 81 34 Spanische Noten................. 34,83 34,97 Ungarische Noten........... ....