Aeitag, 6. Oktober 1955 185. Jahrgang Nr. 234 Erstes Blatt Minister Nr. Goebbels verkündet in feierlicher Gihung des Reichsverbands der deutschen presse das neue Gchristleitergefeh I ehr vorhanden sein, arteben für igmHeffen. idsetzungsarbeite« Wbiebau ' oom %eid?$arbeÜ3> ) oon btt Deutsch«^ eiten M. vm Ar- .IMAÄMoti' n \m Betrage n Mark heraurge- reuhen wurden zwei i- und Brücken- »ijer und Lorslut- errhein wurde ein lereitgeftellt Die Bei- jerle Westfalen [0000 Mark für Aus- .^deloerlegung und Frgänzungs- und In« ffentlichen @e« lksstaat -essen Pie übrigen Mel Vien des Reicher, in nSll'triegebiet und in m eingesetzt, wo der hinter dem Reichs- tb.m ist- n wurde am Donners- ikrelärs Dr. Krohn winterlichen Arbecks- nstondiebungs-, loauarbeiten an .--eimen mit den 8er der Geldinstitute und •rörtert iW*' greife ausnahm»* t t, bas Ws* /nm 'n unb im WWJ obil'sierMtz ^r»p Mitteln ousgebro-yr iM ein^riiM rt'ÄU u!'”' » bis®1«“’ Sie #Jen£ Geiste» r Lnrus °' QU0<- 8^coul^"rs°n"N' •’ ^Mensl-E"' Ifi 1Q22h°alei^iStWG«MM «ird ausschließlich ohne Mundstück hergestellt Di DI Akk mit den Abzügen in den beiden Vormonaten und den sonst noch gezeichneten Beträgen sind bisher vom Reichsbahnpersonal über zwei Millionen Reichsmark gespendet worden. * Der gewesene Rektor der Wiener Universität, Professor Dr. Gleispach, Ordinarius für Strafrecht, der das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht hat, ist i n den Ruhestand versetzt worden. Als Begründung werden dienstliche Rücksichten angegeben. Professor Gleispach hat seinerzeit gleich anderen W'-ner Universitätsprofessoren sachliche Kritik an den Notverordnungen der Regierung Dollfuß geübt. Bei der Behandlung des Haushaltsprogramms stimmte der schweizerische Nationalrat mit großer Mehrheit dem Antrag des Bundesrats zu, die Besoldung des Bundesperfonals für 1934 und 1935 um grundsätzlich 7v. H. herabzu- setzen. e Der mit der Neubildung des spanischen Kabinetts beauftragte Unioersitätsprofessor S0 n chez Roman mußte seinen Auftrag dem Staatspräsidenten wieder zurückgeben. Die Radikalen um Lerroux weigerten sich, in ein Kabinett einzutreten, in dem sich ein Sozialist befände, und die Sozialdemokraten wiederum lehnen jede Zufammenarbeit mit den Radikalen ab. Neubeauftragt ist nun der Rechtsanwalt Pedregai, der bereits unter der Monarchie Finanzminister war . und den Reformisten angehörte. England spürt die Folgen des Weltkrieges. Das britische Weltreich ms Hintertreffen geraten.-Oie Konservativen fordern Schluß mit dem Internationalismus. L 0 n d 0 n , 5. Okt. (TU.) Der Jahreskongreß der englischen Konservativen Partei wurde am Donnerstag in Anwesenheit von 1800 Vertretern in Birmingham eröffnet. Die wichtigsten auf der Tagesordnung stehenden Fragen sind das Abrüstungsproblem, die Indienpolitik Der Negierung Mac- Donald, die Arbeitslosenfrage und das Problem der Elendswohnungen. Der am meisten gefeierte Sprecher des Eröffnungstages war Lord Lloyd. Eine von ihm eingebrachte Entschließung, daß die Konferenz über Die Unangemessenheit der Verteidl - g u n g s m a h n a h m e n für das englische Weltreich schwer besorgt sei, wurde unter einem Begeisterungssturm einstimmig angenommen. Lord Lloyd sagte u. a., die Flottenvorherrschaft Englands fei verschwunden und mit der Luftwaffe stehe England erst an vierter oder f ü n f t e r 'S t e l l e. England fei durch Unter» jeebootsangriffe verwundbar und besitze trotzdem nur eine ungenügende Anzahl von Kreuzern. Auch sei feit dem Kriege die englische Landarmee stark herabgesetzt worden. Es qebe überhaupt kein verwundbareres Land als die „kleine Insel England". Es fei eine ganz schone Sache, wenn man in der Abrüstung führend oor- anqehe, aber es fei vollkommener Wahnsinn, immer weiter ab prüften, wenn edes andere Land sich weigere, diesem Beispiel zu folgen. „Wir haben es satt, daß die Konservative Partei sich diesen internationalistischen und pazifistischen Lehrsätzen verschreibt. Mit diesen Worten schloß Lord Lloyd feine Rede. Der Kongreß nahm ferner eine von dem Abgeordneten Hann'on eingebrachte Entschließung an, daß die konservativen Parteiführer ihre ganzen Be- mühungen auf die Entwicklung und Festigung des englischen Weltreiches, das Auswanderungsproblem und die Entwicklung des Weltreichhandels richten sollen. Hannon erklärt unter lautem Beifall: Seit dem Kriege hatten wir viel zu viel Internationalismus und zu viel Genf. Wir sollten uns mehr auf das englische Weltreich konzentrieren. Ist Englands Rüstung mangelhast? Scharfe Kritik an Ausrüstung und Geist des Landheeres. L 0 n d 0 n, 5. Okt. (WTB.) In einer Besprechung der diesjährigen britischen Armeemanöver malt der militärische Mitarbeiter des „Daily Telegraph', Hauptmann Liddell Hart, ein düsteres Bild von der angeblich mangelnden Bereitschaft der britischen Armee für einen Modernen Krieg. Er gebraucht den Ausdruck „Selbstmörderklub" für die vorhandenen Infante» riedioisionen, beklagt den Mangel an modernen Kampfmitteln, besonders an Tanks, die überdies zum Teil veraltet seien, und nimmt Anstoß daran, daß die Infanteristen sich noch immer mit dem plumpen Maschinengewehr der Kriegs- zeit abschleppen müßten und auf modernere und leichtere Waffen biefer Art vergebens warteten. „Sie schwingen noch immer grüne und weiße Fahnen, um Tankabwehrgeschütze zu markieren, die sie nicht haben. Nur eine Brigade ist modernisiert und hat Motorantrieb für Maschinengewehre, Mörser und Transportmittel." Außerdem spricht der Korrespondent von Mangel an geistiger Beweglichkeit und Selbstsicherheit bei einer Anzahl älterer Offiziere, und schließlich vermißt er bei den Hebungen genügend praktische Würdigung des Grundsatzes, daß bei einem Angriff die Heber- rumpelung ein hochwichtiger Faktor ist. Im Gegensatz zu diesen Klagen steht der Ton eines Aufsatzes des M a r i n e m i ta r b e i t e r s des „Daily Telegraph", der mit Befriedigung feststem, daß im Wettbewerb zwischen schwerer Granate und Panzerplatte „bis auf weiteres" d i e Granate gesiegt zu haben scheine. Schießoer» suche mit neuen 40= und 37,5-Zentimeter-Granaten hätten Ergebnisse gehabt, die darauf hindeuteten, daß künftig Schlachtschiffe eine noch ftärferc Panzerung als d i e jetzige würden erhalten müssen. Die neuen Granaten würden Stahlplatten von einem Durchmesser bis z u 40 Zentimeter glatt durchschlagen. Sie würden auch imstande fein, im Innern eines feindlichen Schiffes mit vernichtender Gewalt zu explodieren. Aus oder Welt Der Leiter des Zeihkonzerns zurückgelreten. Der im 70. Lebensjahre stehende Professor Dr. Rudolf Straubei ist von (einen Aemtern als Leiter der Optischen Werke Carl Z e i ß - Jena und der Jenaer Glaswerke Schott und Genossen zurückgetreten. Der um die Entwicklung Der (Sari- Zeiß-Stiftung hochverdiente Physiker kommt aus der wissenschaftlichen Laufbahn. Er war Professor an der Unioerfität Jena und wurde im Jahre 1901 von Professor Ernst Abbe, dem Gründer der Berliner Krühbörse. Berlin, 6. Okt. (WTB.-Funkspruch.) Trotz der gestern abend zu beobachtenden Geschäftslosigkeit waren die Schlußkurse der Mittaasbörse im allgemeinen gut gehalten, auch heute früh hat sich an dieser Situation wenig geändert. Allgemein klagt man wieder über die geringe Unternehmungslust der Kundschaft. Die Spekulation verhält sich daher weiter abwartend. Altbesitz werden offiziell nicht mehr notiert, scheinen im Freiverkehr aber weiter mit 75 (der Auslösungswert wird mit 3 bis 3,25 v. H. gehandelt) angeboten zu fein. Späte Schuldbücher nannte man mit 84,50 und Farben mit 114,75 bis 115. m , Am Devisenmarkt hörte man Pfunde gegen Paris mit 78,70, Mailand 58,68, Spanien 38,85, Amfter- dam 7,6350, Schweiz 15,90 und Kabel zirka 4,76. Zeiß-Werke, in die Leitung des Unternehmens berufen. Prafesvr Straubei wurde in Anerkennung feiner Verdienste um die deutsche Wissenschaft und Wirtschaft zum Ehrendoktor dreier Fakultäten und zum Mitglied des Kuratoriums der Physikalisch- Technischen Reichsaristalt ernannt. Zwei Todesurteile rechtskräftig. Das Schwurgericht beim Landgericht II in Berlin hatte am 7. Juli den 30jährigen Kaufmann Friedrich Mann und den 29jährigen Kellner Alfted Schulz wegen gemeinschaftlichen Mordes in Tateinheit mit gemeinschaftlichem schweren Raub mit Todeserfolg zum Tode und zu lebenslänglichem Ehrverlust verurteilt. Die Angeklagten hatten am 22. Oktober 1932 die 75jährige Frau K ö n n i ck e in ihrer Wohnung überfallen, gefesselt und geknebelt. Sie raubten dann 3000 Mark und ließen die alte Frau hilflos liegen, so daß sie erstickte. Gegen das Urteil hatten die beiden Angeklagten Revision eingelegt. Die Revision wurde am 5. Oktober vom 2. Strafsenat des Reichsgericht als völlig unbegründet verworfen. Das Urteil ist dadurch rechtskräftig geworden. SOS-Kufe von Byrds Eisbrecher. Der bekannt amerikanische Polarflieger, Admiral Byrd, sandte von Bord seines Eisbrechers „Bear of Oakland" SOS-Rufe aus. Er meldete, daß der Eisbrecher Maschinenschaden habe und sich in schwerer See befinde. Aus dem Hafen oon Wellington (Nordkarolina) eilten zwei Schlepper dem Eisbrecher zu Hilfe. Das Schiff wurde ins Schlepptau genommen. Brennendes wrack. — Besatzung gerettet. Das brennende Wrack des norwegischen Dampfers „R 0 hel m", der, wie bereits gemeldet, am Mittwoch SOS-Rufe ausfchickte, ist nördlich von Vardoe steuerlos an Land getrieben worden. Durch einen glücklichen Zufall ist es einem den Kurs des brennenden Schiffes kreuzenden Fahrzeug gelungen, die 25töpfige Mannschaft aus höchster Not zu retten. Erdbeben auf Ehalkidike. Die griechische Halbinsel Chalkidike wurde oon eitlem starken Erdbeben heimgesucht. Das Zentrum des Bebens liegt in der Nähe der Stadt Hierissos. Einige Ruinen stürzten vollkommen ein. Auch wurde ein Seebeben beobachtet. Oas Limburger Schloß wird wieder aufgebaut. Limburg, 5. Okt. (WSN.) Das vor einigen Jahren abgebrannte Limburger Schloß, das gemeinsam mit dem Dom das Limburger Stadtbild beherrschte, soll jetzt wieder aufgebaut werden. Dem Preußischen Hochbauamt Diez ist es gelungen, die erforderlichen Mittel über das Reichsarbeitsbeschaffungsprogramm zu erhalten. In Kürze wird mit den Arbeiten begonnen. Ern M övm Glück. Roman von Anny von panhuys. 17. Fortsetzung. Nachdruck verboten! Nacht war es — tief, dunkle Nacht. Auf dem Lande ist Mitternacht schon eine späte Stunde. Marlene, die noch wach lag und an ihr Glück gedacht hatte, schreckte jäh aus ihren seligen Wachtraumen auf. Ein paar schrille Pfiffe, die sie schon kannte, waren erregend in die Stille ihres Zimmers gedrungen. Sie tastete sich im Dunkel bis an das Fenster und sah im kleinen Lichtbereich der Laterne draußen hinter der Mauer das phantastische Bild eines weißen Pferdes mit einer weißen Reiterin. Schon war der Spuk vorüber, und alles lag wieder totenstill da. Nichts war zu sehen und zu hören. Marlene verspürte starkes Herzklopfen. Unheim- kicher als voriges Mal war ihr zumute. Olga befand sich diesmal nicht in ihrem Zimmer und Auguste Helm auch nicht. Die beiden hatten durch ihre Debatte über die weiße Reiterin der sonderbaren Erscheinung das allzu Unheimliche genommen. Sie mochte nicht bei Olga anklopfen; wahrscheinlich schlief sie. Sie horchte. Alles blieb ruhia im Hause, kein Laut war zu hören. Da schlüpfte Marlene wieder in ihr Bett; aber ihre Gedanken waren nicht mehr so froh und wohlgeordnet wie vorhin. Die weiße Reiterin, der man nachsagte, ihr Erscheinen verkünde Unglück, drängte alles andere weit zurück. Marlene zwang sich, an den Brief zu denken, den sie heute an ihren Bater geschrieben hatte. Vorhin hatte sie ihn fast noch Wort für Wort gewußt; aber jetzt war es, als sprenge ein weißes Pferd mit einer weißen Reiterin über die glücklichen Sätze hin, die dem Vater von ihrer Liebe zu Achim von Malten erzählten. Bis in ihren Traum verfolgten sie die gellen Pfiffe und das Vorbeijagen des gespenstischen Pfer- des mit seiner Reiterin. Aber die Morgensonne vernichtete sieghaft die Schatten der Nacht. Frau von Malten war die einzige, die ein wenig gedrückt aussah, fand Marlene. Als sie sich nach dem Frühstück mit ihr allein befand, fragte die alte Dame: „Sage, Kind, hast du die weiße Reiterin heute um Mitternacht gehört?" „Gehört und gesehen, Mutter!" gab sie zurück. Die Aeltere schüttelte den Kopf. „Meine gute Auguste behauptet zwar, das letzte Mal hätte die weiße Reiterin Glück verkündet, weil Achim dich fand, weil er durch dich so wunderschnell wieder ein anderer Mensch wurde; aber daß sie sich nach so kurzer Zeit schon wieder zeigte, gefällt mir trotzdem nicht. Ich muß an die letzten beiden Male, vor zwei Jahren und vor einem Jahr, denken und werde eine bedrückende Angst nicht los. Anscheinend weiß Achim und auch sonst niemand außer uns beiden etwas von dieser Nacht, deshalb ist's bester, wir schweigen. Die weiße Reiterin erfreut sich nun einmal keines besonders günstigen Rufes." „3d) werde schweigen, Mutter, auch gegen Achim!" versprach Marlene ernst. Der Vormittag verging schnell. Olga las der alten Dame vor. Marlene saß bei Achim in seinem Arbeitszimmer, und beide machten über selbsterbaute goldene Brücken Spaziergänge in eine sonnige, strahlende Zukunft hinein. Es war schon beinahe Mittagszeit, da hörten sie plötzlich draußen lautes weinerliches Sprechen und Zwischenrufe. Achim von Malten und Marlene wechselten fragende Blicke. Immer lauter wurde der Lärm draußen. Jetzt unterschied man auch die Stimmen. Die aufgeregteste war die der Wirtschafterin. „Ich muß doch nachsehen, was eigentlich los ist!" sagte schließlich Achim von Malten zu Marlene und ging zur Tür. Marlene erhob sich auch, und als er die Tür öffnete stand sie bereits neben ihm. Auch in Frau von Mattens Wohnzimmer hatte sich die Tür geöffnet, und von draußen kam eben Roberta Olbers. Alle blickten erstaunt und neugierig auf Auguste Helm, die, von der anderen Dienerschaft umringt, laut jammerte: „Mein ganzes Geld ist weg! Ich habe es dummerweise letzthin von der Sparkasse abgehoben, und jetzt ist cs weg. Der Kommodenkasten war aufgebrochen und alles rausgeschmissen. O du grundgütiger Hirn- mel, ich werde noch verrückt!" Achim trat auf sie zu, rief vorwurfsvoll: „Die Schreierei nützt doch nichts, wenn es sich wirklich um einen Einbrecher handelt. Viel klüger ist's, schnell die Polizei zu benachrichtigen. Kommen Sie, Auguste, zeigen Sie mir doch erst einmal an Ort und Stelle, wo man bei Ihnen eingebrochen hat!" Dicke Tränen kollerten über die runden Wangen der Wirtschafterin. „Als ich in der Küche war, muß es geschehen sein. Heute früh befand sich noch alles in schönster Ordnung." Sie ballte die Hände. „Viertausend Mark waren es, Herr von Malten! Bare viertausend Mark, der Notgroschen für meine alten Tage!" Heftiger kollerten die Tränen, und die Stimme kippte ihr ein paarmal um. Er nickte: „Gut, gut! Aber kommen Sie jetzt, Auguste! Reißen Sie sich ein wenig zusammen, und führen Sie mich in Ihr Zimmer!" Er war auch erregt. Solange er zurückdenken konnte, war noch nie im Schloß eingebrochen worden. Und welcher Mut und welche Frechheit gehörten dazu, das am hellichten Tage zu wagen! Er konnte es noch gar nicht recht fassen. Auguste schritt voran die Treppe hinauf, und ein wenig hinter ihr, fast neben ihr, ging der Schloß- Herr. In einiger Entfernung folgten alle anderen. Keiner blieb zurück, weder Frau von Malten noch Marlene und Olga, weder die Dienerschaft noch Roberta Olbers. Ein ganzer Zug bewegte sich die Treppe hinauf. Oben schloß Auguste auf. Der Schlüssel steckte von außen, und auf den ersten Blick sah Achim von Malten, hier hatte ein Spitzbube gehaust. Die Korn- modenkasten standen halb offen. Wasche, Strümpfe und allerlei Krimskrams lagen auf dem Fußboden verstreut. „Haben Sie auch gründlich in dem Durcheinander gesucht, Auguste? Ob das vermißte Geld nicht doch dazwischensleckt?" fragte Achim von Malten. Sie nickte eifrig. „Natürlich habe ich gesucht. Wie nach 'ner Steck- nadel habe ich gesucht, und die seidene, gehäkelte Börse von meinem Großvater selig, in der ich das Geld aufgehoben habe, fällt einem leicht in die Augen, so grasgrün ist sie. Der Dieb Hal sich gar nicht die Zeit gelassen, die Scheine 'rauszunehmen." Der ältere Diener trat vor. „Erlauben Sie, Herr von Malten! Ich meine, der Dieb könnte derselbe gewesen sein, der kürzlich drüben dem Herrenhause von Medersdorf einen Besuch ao- geftattet hat — auch am hellen Vormittag, und bei der Herrschaft war er nicht, nur in den Stuben der Dienstboten. Auf Schloß Elms war es vor 'ner Woche genau dasselbe." Er unterbrach sich. „Ich will doch gleich mal bei mir nachsehen." Er raste den Gang entlang, kam überschnell wieder. „Die hundert Mark, die ich in meinem Köfferchen hatte, sind weg! Der Koffer ist einfach aufge- schnitten." Er sah bleich aus vor Erregung. Jetzt liefen die Hausmädchen und der zweite Diener weg, auch die Beiköchin, die der Wirtschafterin in der Küche zur Seite stand. Sie liefen wie gejagt in ihre Stuben, und bald jammerte es von allen Seiten los. Der Dieb schien gründliche Arbeit gemacht zu haben. Olga Zadrow sagte ein bißchen ironisch: „Bei mir hat der Einbrecher bestimmt nichts gefunden; aber nichtsdestoweniger werde ich nachsehen, ob auch mein Zimmer seinen Besuch erhalten hat." Marlene erklärte achselzuckend, zu Achim von Malten gewandt: „Unangenehm ist's, wenn man weiß, die Sachen wurden einem von fremder Hand durchwühlt; aber Werte konnte die fremde Hand auch bei mir nicht finden." Es hatte jetzt schon jeder mit sich zu tun, und als man vor Marlenes Tür stand, war der Trupp sehr zusammengeschmolzen. Nur Achim von Malten und seine Mutter, Marlene und Roberta Olbers waren übriggeblieben. Marlene schloß auf, der Schlüssel ihres Zimmers steckte. Von der Schwelle aus sah sie sofort, auch hier war unaelabener Besuch gewesen und hatte Spuren hinterlassen. Ihr schwarzer Lacklederkoffer war ganz einfach oben an drei Seiten ausgeschnitten und das Stück Deckel zurückgedrückt worden. Alles, was der Koffer enthalten hatte, lag wirr zerstreut auf dem grauen, buntgestreiften Teppich und — Sie fühlte förmlich, wie sie iäh erblaßte. Mitten in einem kleinen Berge von Taschentüchern, allen auf den ersten Blick sichtbar, aus seinem Zeitungsbogen herausgeschält, lag der Dolch. Ehe sie es noch zu hindern vermochte, war Achim schon herangettelen und hob ihn auf, fragte erstaunt: „Was hast du denn da für einen scharfen Dolch? Ganz gefährlich sieht ja das Ding aus.“ Er be- trachlete ihn und schüttelte den Kopf. „So etwas gehört nicht in Frauenhände.“ Sein Blick wurde gespannter; er hatte die dunklen Flecke auf dem stahl entdeckt. „Seltsam“, murmelte er, „sehr seltsam!" Er ließ die Waffe plötzlich fallen, fragte: ,^u welchem Zweck führst du so ein Schauerinstrument in deinem Koffer mit herum? Als Buch- und Brieföffner ist es doch kaum geeignet." Sein Gesicht war sehr ernst. Er begriff nicht, daß Marlene so einen unheimlichen Gegenstand besaß. Ihm kam ein Gedanke. Er fragte: ,j)at vielleicht der Einbrecher den Dolch verloren? Gehört er dir gar nicht?" Sie war vor Schreck, daß der Dolch auf diese unvorhergesehene Weise ans Licht gekommen war, noch immer wie gelähmt und nicht fähig zu iraend- einer Ausrede. Nicht einmal zu der, die ihr Achim gewissermaßen in den Mund legte. Er hatte doch eben gefragt, ob ihn vielleicht der Einbrecher verloren hätte, ob er ihr gar nicht gehörte. Sie stotterte etwas, was niemand verstand Er sagte fast heftig: „Bitte, tritt ein, Mutter! Und auch Sie, Fräulein Olbers! Die Angelegenheit muß vor Zeugen klargestellt werden!" Eben kam Olga aus ihrem Zimmer. Sie lächelte vergnügt: „Bei mir fehlt gar nichts" Sie erschrak vor dem fahlen, starren Gesicht Marlenes, vor ihren angstvoll blickenden Augen. „Bitte, treten auch Sie ein, Fräulein von Za- brow!" rief Achim von Malten, und hinter allen schloß er die Tür. Olga sah jetzt ebenfalls den Dolch; aber sie begriff gar nichts. Achim von Malten fragte: „Weshalb tust du so erschreckt und geheimnisvoll mit der Waste, Marlene? Bitte erkläre uns allen gemeinfam, wie du zu dem Dolch mit den reichlich unheimlichen Flecken kommst. Die offizielle Erklärung jetzt muß sein, sonst konnte ein Geklatsch entstehen. Eine junge Frau braucht dergleichen Waffen nicht." Marlene konnte nicht lügen; sie wollte es auch nicht. Ihre Augen leuchteten plötzlich auf. Warum zögerte sie nur, die Wahrheit zu sagen? Achim gehörte der Dolch auf keinen Fall, bas wußte sie ja nun, unb er konnte folglich keine Unannehmlichkeiten baburch haben. Aller Augen hingen an ihrem Munde. Sie atmete schon ruhiger. Eigentlich war die Gewißheit — Achim kannte den Dolch gar nicht — doch ganz wundervoll. Freuen mußte sie sich darüber^ statt sich aufzuregen bis zur halben Besinnungslosigkeit. (Fortsetzung folgt.) Brunnenschriften durch das Fachinger Zentralbüro, Berlin 131 W 8, Wilhelmstr. 55. 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