153, Jahrg Freitag, 31» Januar 1903 Nr. 36 Gießener Anzeiger General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehen Frehr Herr Schlumberger die Köpfe zerbrochen. (Heiterkeit.) Ich habe Erscheint täglich mit Ausnahme deS SoimtagS. Die „Gießener Kamillenblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^elfische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universtlälsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. Studienstelle, eine Gelegenheit zu theoretischem Meinungsaustausch. Ich fürchte, wir raisonniren zu viel im deutschen Reiche (Heiterkeit), statt im<; zu einigen in dem Moment, wo unsere wirthschaftliche Existenz in Frage steht. Abg. $k'tl (Soz.): In Amerika bestehen ganz dieselben r-'tTcrf(impft, wie bei uns. Ueberall, wo solche bestehen, ist aber 5 Uhr. Das Haus ist gut besetzt. Am Bundesrathstisch: Graf PosadowSky, ° $ Auf der ^Tagesordnung steht zunächst die Fortsetzung der »nntten Berathung der Novelle zum Branntweinsteuer- Gesetz, dte im Mai vor. I. plötzlich abgebrochen wurde, weck «ck bei der namentlichen Abstimmung über die ^orterhaltung und Erhöhung der Branntweinsteuer die Beschlußunfähigkeit des Hauses berm^geslellt hatte. Angenommen in der dritten Lesung ist nur ?ie^ine Bestimmung des Artikels I ad. 1, die für neu entstandene Brennereien das Kontingent von 80 000 auf 50 000 Hektoliter scheinend noch keine Zeit gefunden, sich mit dieser Frage zu befassen. Hoffentlich wird diese Sache nun bald erledigt. Abg. Schlumberger (Hosp, der Nat.-Lib.)': In einer Resolution ist ein Zuschuß zum internationalen Arbeitsamt in Basel beantragt worden. Vor 10 Jahren wäre ein solches Arbeitsamt ein sehr nützliches Institut gewesen; heute hat ein solches Amt viel von seiner Bedeutung verloren. Ohne Beiheiligung von Rußland, England und besonders Amerika hat eine solche Einrichtung kaum noch praktischen Werth. Der Zollverein hat Deutschlands wirthschaftliche Macht gegründet; die europäische Zolluneinigkeit werde den Vereinigten Staaten von Amerika den alten Kontinent wirthschaft- lich preisgeben. Diesseits des Ozeans schwärmt man noch für die Parole: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" In Amerika ist man, ohne es zu sagen, viel vernünftiger geworden; dort vereinigen sich Alle zu dem einen Ziel — von ihrem Standpunkt aus mit vollem Recht —, das Ausland wirthschaftlich zu unterjochen. Wir zanken uns in bitterem Interessen- und Klassenkampf um die im Vaterland erzeugten Güter, während Amerika dafür gesorgt hat, daß es im deutschen Reiche zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern kein werthvolles Streitobjekt mehr geben wird. Ohne Amerikas Beitritt wäre ein europäisches Arbeitsamt nichts als eine akademische hinein und Sie werden vor diesen Leuten erschrecken! (Zwischen- ' ruf rechts: Tas sind ja Polen!) Ja, aber das ist dieselbe Gegend. ! Auf unsere Arbeiter auf dem Lande trifft jetzt der Spruch zu: Der Mensch lebt nicht vom Brod allein. Sie haben auch Bildungsbedürfnisse. Es fehlt ihnen das Koalitionsrecht, es fehlt ihnen . die Zeitung (Widerspruch rechts), die sozialdemokratische Zeitung! (Aha! rechts.) Tie Landarbeiter müßen mehr Recht haben. In den Städten haben wir die Gcwerbegerichte. Ja, auf dem Lande sind die allerdings noch nöthiger als in der Stadt, damit die Landarbeiter sehen, daß sic nicht nur Arbeitsthiere sind, sondern auch Antheil haben an der Rechtsprechung. Sie meinen, der Landarbeiter werde uns fern bleiben. Nein, der Landarbeiter ist der geborene Sozialdemokrat. Mit dem Bauer, das gebe ich zu, da werden wir vielleicht Schwierigkeiten haben; denn der ist der spezifische Vertreter des Kleinbetriebes. Aber mit dem Landarbeiter ist das anders, Sie werden es ja bei den nächsten Nachwahlen sehen. Mit der Zuchthausvorlage hat man ja hier im Reichstage tem Glück gehabt, dafür hat man aber verschiedentlich auf dem Wege der Landesgesetzgebung die Koalitionsfreiheit des Arbeiters zu untergraben gesucht. So säen Sie (rechts) Erbitterung gegen sich und besorgen damit die Geschäfte meiner Partei. Die im Abgeordnetenhause von Herrn v. Podbielski gegen uns erhobene Anklage, wir haßten das Land, ist unbegründet, aber wir haben einen hinreichend breiten Rücken, um auch diese Anschuldigung zu tragen. Der Ausfall der Wahl in Döbeln liefert auch den Beweis dafür, daß wir in der Lage sind, konservative und national-liberale Kandidaten zusammen aus der Schanze zu schlagen. Bei den nächsten Wahlen wird sich das in noch stärkerem Maße zeigen. Abg. JacobSkötler (kons.): Die Angriffe des Abg. Pauli gegen das Jnnungswesen entbehrten jeder Begründung; Herr Pauli hat unS nicht einen einzigen Beweis nennen können für die Behauptung, daß sich die neue Handwerksgesetzgebung nicht bewährt habe. Auch die Thätigkeit der Handwerkskammern beginnt schon sehr günstige Wirkungen zu äußern; in Düsseldorf habe ich das selbst zu erfahren Gelegenheit gehabt, zum Beispiel hinsichtlich der Vorarbeiten für die Betheiligung des Handwerks an der nächsten dortigen Industrieausstellung. Die Zwangsinnungen sollen die idealen Ziele des Handwerkes verwirklichen helfen: Regelung des Arbeitsnachweises, Reichsunterstützung für invalide Handwerker und vieles Andere wehr. Manche Mißstände ergeben sich allerdings daraus, daß viele Leute sich mit dem Hinweis darauf, daß sie ihr Handwerk nicht handwerksmäßig betreiben, den Jnnungspflichten zu entziehen suchen. So hat ein Berliner Malermeister, der sich vorher durchaus als Handwerker fühlte und Mitglied der Innung war, als die letztere Zwangsinnung wurde und ihm einige Lasten auferlegt werden sollten, sich dieser damit entzogen, daß er erklärte, sein Malereibetrieb sei nicht handwerksmäßig, sondern fabrikmäßig. Der Handelsminister hat das bestätigt. In Handwerkerkreisen hat das Erbitterung erregt. Ich weiß nicht, nach welchen Grundsätzen das geschehen ist, ich erkenne an, daß die Abgrenzung der Begriffe fabrikmäßiger und handwerksmäßiger Betrieb recht schwierig ist, aber man sollte doch wenigstens den Versuch machen, zur Feststellung prinzipieller Merkmale zu gelangen. Bedauerlich ist es, daß die großen Betriebe, die aus den Einrichtungen der Innungen die erheblichsten indirekten Vortheile beziehen, nicht zu den Beiträgen der Handwerkskammern herangezogen werden können. Ueberhaupt sucht sich die Großindustrie gern den Lasten der sozialen Gesetzgebung zu entziehen. Abg. Hoffmann-Hall (südd. Vp.): Ich wollte meinem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß die schon seit so vielen Jahren in Aussicht gestellte Medizinalreform noch immer nicht in Angriff genommen ist. Diese Reform muß sich auch gegen die Kurpfuscher wenden, die jetzt in mancher Beziehung sogar besser stehen, als die geprüften Aerzte. Wenn ein Arzt bei einer Entbindung einen Fehler macht, dann wird er streng bestraft, während der Kurpfuscher wegen seiner Unkenntniß bei der Bestrafung noch privilegirt wird. Die Frauen sind nach der Ueberzeugung weiter sachkundiger Kreise für den ärztlichen Beruf wenig geeignet. Ich bin überhaupt gegen das medizinische Studium der Frauen. Wenigstens sollte man getrennte Universitäten einrichten. In Upsala hat man das gemeinsame Studium; aber man hat sich dort zu dem strengen Verbot veranlaßt gesehen, daß männliche und weibliche Studirende .auf der Straße überhaupt zusammengehen. Dort waren 119 Medizin studirende Frauen; davon haben nur drei approbirt, von denen eine starb, eine heirathete und nur eine die Praxis wirklich ausübte. (Heiterkeit.) Das Krankenkassenwesen hat die Stellung der Aerzte sehr verschlechtert, in Folge der dadurch verursachten Preisdrückerei. Für die Thierärzte wird hoffentlich recht bald eine neue Prüfungsordnung herauskommen. Auch das Apothekenwesen muß neu geregelt werden. Im Interesse der Kranken muß ferner endlich ein genügender Schutz gegen Geheimmittel geschaffen werden, damit das Publikum nicht mehr wie bisher durch zahllose irreführende Anpreisungen düpirt wird. Bezüglich der Thierärzte hat mir der Staatssekretär mitgetheilt, daß Baiern im Bundesstaat beantragt habe, die Maturitas zur Voraussetzung des thierärztlichen Studiums zu machen: die Sache sei noch in der Schwebe. DaS ist sie schon seit 30 Jahren; in zahlreichen Gutachten ist eine solche Bestimmung verlangt worden. Wo liegt das Hinoerniß? Ich ver- muthe, bei der preußischen Medizinalverwaltung. Diese hat an- Schaffung eines internationalen Arbeitsamtes zu befürworten. Der Reichskanzler sollte sich deswegen sobald wie möglich mit den aul» ländischen Regierungen in Verbindung setzen. Die geforderte Institution ist eine dringende Nothwendigkeit; wir werden deShaw auch dem Anträge Basiermann zur Unterstützung des in Basel nach dieser Richtung gemachten Anfanges zustimmen. Bezüglich der Frauenfrage ist unsere Stellung bekannt. Wir wünschen völlige Gleichberechtigung der Frauen, die soweit geht, daß wir selbst dagegen nichts einzuwenden hätten, wenn wir einmal einen weiblichen Reichskanzler bekämen. (Heiterkeit.) Ich glaube, er würde mehr leisten, als mancher männliche. (Erneute Heiterkeit.) Der Antrag Bassermann, betreftend die Aufhebung deS Verbots der Theil« nähme von Frauen an sozialpolitischen Bestrebungen, geht lange nicht weit genug. Wie soll ein Polizist unterscheiden, waS politisch und was sozialpolitisch ist. Man sollte daher alle Beschränkungen der Frauen bezüglich des Versammlungsrechts aufheben. Was ist das für ein widerspruchsvolles Vorgehen! In demselben Augenblick, wo die preußische Regierung den Frauen die Universckäten öffnet, verbietet ihnen der Berliner Rektor die Theilnahme an Versammlungen eines wissenschaftlichen studentischen Vereins. Wie will der Rektor dieses Vorgehen seiner eigenen Frau gegenüber vertreten? Nun, hoffentlich wird sie ihm die Hölle dafür he,ß gemacht haben. (Große Heiterkeit.) Diese Auflösung grenzt ja beinahe an jenes polizeiliche Verbot eines Arbeiterballs, weil Frauen daran theilnehmen sollten. (Heiterkeit.) Selbst in Sachsen, daS doch sonst so sehr darüber wacht, daß der Staat nicht in Gefahr geräth, ist den Frauen die Theilnahme an politischen Vcrsamm- lungen gestattet; ist es da nicht eine Schande, wenn Preußen, da» doch auch ein Kulturstaat fein will, so arg zurücksteht? Präsident Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, ich muß Sie doch ersuchen, wenn Sie von Staaten des deutschen Reiches sprechen, andere Ausdrücke zu wählen. Das Wort „Schande" dürfen Sie da nicht gebrauchen. Abg. Bebel (fortfahrenh): Herr von Hehl sprach von dem Terrorismus der Gewerkschaften; er sollte doch wissen, daß die Arbeitgeber einen viel schlimmeren Terrorismus ausüben. In den Staatsbetrieben werden gewerkschaftlich organisirte Arbeiter überhaupt nicht beschäftigt, und Herr von Hehl selbst duldet auch in seiner Fabrik keine organifirten Arbeiter. Vor einigen Jahren hatte sogar ein süddeutscher Fabrikant einen Spitzel bei der Berliner Polizei engagirt, um zu erfahren, ob seine Arbeiter Sozialdemokraten sind. Weiter sagte Herr von Hehl, Millerand habe nichts geleistet. Nun, ich wünschte, daß bei uns ein Millerand auf der Ministerbank säße und solche Gesetzentwürfe vorlegte, wie Millerand. Freilich, in einer kapitalistischen Gesellschaft, deren Prototyp ein Schlumberger ist, ist an solche Gesetze nicht zu denken. Nun zu Herrn von Massow, der am Sonnabend auf einer antisemitischen Mähre in den Reichstag geritten kam. (Heiterkeit.)) Er sollte doch mehr Geschmack haben, als mit dem Grafen Pückler zu konkurriren. Wir sind hier die Wortführer der Namenlosen gegen die Namenträger, deren Vorfahren seit Jahrhunderten da» Volk audgebeutet und unterdrückt haben. (Unruhe rechts.) Un» zu unterdrücken, gelingt Ihnen nicht. Daher Ihr Aergerl Und waS hat Herr von Massow gesagt! Er sagte, schade, daß das rothe Meer die Klappe nicht rechtzeitig zugemacht hat, um die Juden zu verschlingen. Nun, dann würde es keinen Christus gegeben haben, Christus war bekanntlich ein Jude. Und dann würde Herr von Massow nach wie vor als Heide in den ostelbischen Urwäldern sitzen. (Heiterkeit.) Herr von Massow lobte die Arbeiter und Woh- nungsverhältnisie auf dem Lande. Wäre dem so, so würden bie Arbeiter auf dem Lande bleiben. Darin hat Herr von Massow Recht, daß die Wohnungsverhältnisse in der Stadt schlecht siiid, aber wir Sozialdemokraten thun ja Alles, um sie zu bessern. Eine Arbeitersanitätskommission unter Leitung des Herrn Dr. Zadel hat schon vor Jahren in Berlin die Arbeiterwohnungen untersucht, und dabei sind haarsträubende Zustände zu Tage getreten. Aber auf dem Lande ist es noch schlimmer. Ich erinnere nur an daS Wort des Kaisers von den Schweineställen in Kadinen. Herr von Massow warf uns Hausknechtsmanieren vor, ich glaube, sein Auftreten wäre besser so zu bezeichnen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)) Der Geh. Rath Fischer hat unsere Angriffe gegen die sächsischen Gewerbeinspektoren zurückgewiesen; ich bleibe aber dabei, daß die sächsischen Gewerbeinspektoren sich nicht immer ihrer Aufgabe bewußt sind, die Arbeiter gegen Uebergriffe zu schützen. Wenn sie das thun, erkennen wir es gern an. (Beifall bei den Soziale bemofraten.), Abg. Crüger (frcis. Vp.) begründet die Resolution betreffen# Vorlegung einer Jnnungsstatislik und polemisirt gegen den J?lbg. Jacobskötter, sowie gegen den Abg. Hofmann. Mißstände kämen überall vor: auch mit dem Studium der Frauen würden sicherlich zuweilen schlechte Erfahrungen gemacht. Man müsse aber stet» bedenken, daß es sich hier um neue Einrichtungen handele. Die Schwierigkeiten, die heute noch den Frauen bei ihrer Thätigkeit im öffentlichen Leben gemacht werden, müßten beseitigt werden. Die ■ Mehrheit seiner Freunde werde für den Antrag Bebel betreffend 1 Unterstützung deS Arbeitsamts in Basel stimmen. Staatssekretär Dr. Gras b. Posadowsky: Schon im Oktober vorigen Jahres habe ich das reichsstatistische Amt beauftragt, Erhebungen anzustellen, wie sich die Verhältnisie innerhalb bet Innungen nach Abschluß der neuen Organisation gestellt haben. Shtf Grund der hier gegebenen Anregungen werde ich aber erwägen, ob die Fragebogen einige neue entsprechende Fragen erhalten können« Was das Arbeitsamt anlangt, so haben wir naturgemäß bett Wunsch, daß andere Staaten dieselben Lasten für sozialpolitische Zwecke aufwenden wie wir. Das ist für uns im internationalen Wettbewerb von der größten Bedeutung, kann sogar im gegebenen Moment uns veranlassen, von den Zollsätzen etwas nachzulassen« Das Arbeitsamt in Basel werde ich aus den mir zur Verfügung stehenden Fonds unterstützen. (Beifall.) Es ist auch wieder über das Geheimmittelwesen geklagt worden. Man redet immer von der Intelligenz des Volkes, die so kolossal gesttegen sei. Da sollte : man annehmen, daß das Publikum hier sich selbst schützen könnte. Gegen Alles kann der Staat das Publikum nicht schützen. Soweit : ein Schutz nöthig ist, werden wir ihn zu schaffen suchen. Die Neuordnung des thierärztlichenStudiums beschäftigt jetzt den Bundesrath. ■ Das Apothekerwesen wird wahrscheinlich in der Weise neu geordnet > werden, daß zunächst das Zeugniß der Reife für Prima eines i Gymnasiums ober Realgymnasiums verlangt wird; bann folgt eine 1 dreijährige Lehrzeit, Die für Abiturienten nur zwei Jahre beträgt. : Der Abschluß der Lehrzeit giebt die Gehilfenprüfung, der ein Servirjahr und dann vier Halbjahre an der Universität folgen, ■ worauf das Apothekerexamen gemacht wird. Schließlich sollen noch : zwei weitere Servirjahre folgen. Hierauf vertagt sich Haus die weitere Berathung auf i Freitag 1 Uhr. Schluß 6 Uhr fcetabMjt j. . dn umfangreicher Kompromißantrag Prinz Arenberg und Gen. (Ctt.) vor, der von Mitgliedern der m-M-n und den Nattonal-Liberalen Dr. Paasche und Sieg nnterfdirieben ift. Der Antrag, der die Beschlüße zweiter Lesung vollständig umändert, bezweckt in erster Linie, daß die staffel- könmae Brennsteuer, die mit dem 1. Oktober vorigen Jahres fort- gefallen fit wieder auf zehn Jahre erneuert ttstrd und tote bisher A Ausftchrvergütungen und Essigbereitungs-Pramien.bertoanbt Serben soll. Außerdem enthält der Antrag noch e,ne Reihe weiterer Bestimmungen, zu Gunsten der kleinen und der lcrndwirth- schaftlichen Brennereien. Der früher vorgesehene Denatunrungs- atoang ist in dem Antrag nicht enthalten. Die Berathung sollte mit der namentlichen Abstimmung über Artikel I ad. 2 (Forterhebung der um 50 Proz. erhöhten Brenn- fteuer auf ein Jahr) beginnen. Der Antrag auf namentliche Abstimmung wird jedoch zurückgezogen. Der Artikel I ad. L totrb hierauf in einfacher Abstimmung einstimmig abgelehnt •' Abg. Dr. Paasche (nat.-lib.) beantragt, den bisher angenommenen Artikel I ab. 1, und den Antrag Prinz Arenberg an die Kommission zurückzuweisen. . ., Abg. Dr. MÜller-Sagan (freif. Vp.): Eigentlich meine ich, baf? schon angenommene Artikel nicht an die Kommission zuruckgehen dürfen. Ich will jedoch einer Kommissionsberathung nicht widersprechen, beantrage jedoch, die Materie an die Tarifkommission zu verweisen (Weiterleit), unter Wahrung unseres prinzipiellen Stand- **Unf 96g. Singer (Soz.) hält auch die Zolltarif-Kommission für die geeignetste, um ba§ Gesetz zu k-erathen, da die Verhandlungen derselben in unmittelbarem Zusammenhang mit bieier Materie stehen, da sowohl Zolltarif, wie auch das Brennsteuergesetz mit der land- wirthschaftlichen Nothlage begründet werden. Der Anttag Müller-Sagan wird abgelehnt. Das Gesetz und der Antrag Arenberg gehen an Du frühere Branntweinsteuer -'Kommission zurück. Es folgt die Fortsetzung der zweiten Berathung des Etats des Reichsamts des Innern beim Titel „Gehalt des Staats- fdretär§." w Neu eingegangen ist eine Resolutton Dr. Crüger (freff. Vp.), die eine Uebersicht über den gegenwärtigen Bestand der Innungen und Handwerkskammern fordert. Abg. Peutz (Soz.): Die Angriffe des Abg. Oertel gegen die sächsischen Konsumvereine sind unberechttgt. Der Konsumverein Leipzig-Plagwitz zum Beispiel, den er u. A. angriff, kann sich wohl sehen lassen mit seinen Arbeiterlöhnen. Er hat den achtstündigen Arbeitstag eingeführt und zahlt einen Wochenlohn von 27 Mk. Die Dividende fließt doch auch wieder dem Arbeiter zu. Im Uebrigcn sorgen Sie dafür, daß die Mitglieder der Konsumvereine höhere Löhne bekommen, dann _toerben sie Angestellte der Konsumvereine auch besser bezahlen können. Sie können auf diesem Gebiete so wenig wie auf einem anderen die ökonomische Entwicklung aufhalten. Wo bei den Konsumvereinen Mißstände find, freien wir Sozialdemokraten dagegen auf. Herr v. Massow verlangte eine Reform des Gesetzes über den Unterstützungswohn- fitz. Sowen dies ®efep wirklich mangelhaft ist, sind wir bereit, an einer Reform mirzua' beiten. Wir sind auch diejenigen, die m* onvtier tue eine Beseitigung des Wohnungselends kämpfen. 6bet Sie zeven ;a alles Geld für Heer und Marine und andere improbuttiue Zwecke aus, odaß für Kulturarbeit nichts mehr da ist! Daß wir uns zuwei.'en mit dem Grafen Mirbach beschäftigen, kann uns Herr v. Maßow nicht verdenken. Hat doch Graf Mirbach im Jahre 1895 im He:wenhause die deutschen Fürsten aufgefordert, einen neuen Reichstag auf Grund eines neuen Wahlgesetzes zu berufen. Daß wir einen Mann, der so den Staatsstreich proklmnirt, zuweilen unter die Lupe nehmen, ist natürlich. Herr v. Massow meinte auch, wir behandelten die Junker zu schlecht. Ja, aber wir haben doch von Zeit zu Zeit Prozeße wie den Harm- losen-Prozeß, in denen die Junker eine sehr üble Rolle gespielt haben. Es ist bekannt, daß die Junker d'e Juden vielfach haßen, aber dieselben Junker, die die Juden haßen, lieben die Toaster der Juden und nehmen sie — wenn sie sie kriegen können. Wir wißen, daß besonders. Judentöchter von den Junkern geliebt werden — wenn sie sie kriegen können, Herr v. Maßow. Sehr er- fteulich war es für uns, daß Herr Weißenhagen, was für einen Centrumsmann immerhin etwas ist, neulich den Achtstundentag für die Frauen und Kinder in den Fabriken verlangt. Auch die Landwirthschaft sollte, und zwar auch in ihrem eigenen Interesse, alles daran setzen, um die Kinderarbeit zu beschränken. Allerdings wird die landwitthschastliche Arbeit in d-r frischen Luft geleistet, aber sehr oft bei brennender Sonne oder zuweilen auch bei Wind und Wetter: solche Arbeit können die Kinder nicht aushalten. Sehen Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 180. Sitzungvom 30. Januar, Sie sich mal bei uns in Anhalt an, wenn die Kinder auf den großen Rübenfeldern arbeiten bei der glühendsten Hitze: daß da die ganze Kraft des Kindes ausgesogen werden muß, ist klar. Kein Wunder, daß der Bildungsgrad der Bewohner des Landes noch ein sehr niedriger ist. Die Landschulen lassen sehr viel zu wünschen übrig; wir werden stets bereit sein, hier für eine Steuerung einzutreten. Ihr Ideal ist allerdings die Volksschule, die Religion und Demuth anerzieht, wenn auch das Bildungsniveau ein niedriges bleibt. Ein sozialdemokratischer Redakteur hat das ja erfahren; der wurde im Gefängniß, als man seine Bildung feststellen wollte, gefragt: wie heißt der Vater Abrahams? Auf diese Dinge wird in manchen Kreisen in erster Linie Werth gelegt. Wir sind durchaus keine Feinde der Landwirthschaft; wir sind sogar bereit, große Mittel für die Landwirthschaft zu bewilligen, wenn sie nur richtig verwandt werden. Dann bleiben wir wenigstens vor diesem Wuchertarif bewahrt. Wenn Sie aber wirklich ein Herz für die Landwirthschaft haben, so geben Sie zunächst einmal den Landarbeitern höhere Löhne und gewähren Sie ihnen das Koaliiwns- —T - _UYo - ■ . • . ■ recht Besonders auch in den Zuckerfabriken werden traurige Löhne ! eine Zollunion größeren Stils undurchführbar. An dem Gedanken gezahlt. Sehen Sie sich einmal die Landarbeiter in Magdeburg einer em-opäischen Zollunion haben sich schon ganz andere Leute als an, die dahin aus dem Osten kommen; die sehen geradezu zigeuner- Herr si<* a-'rhrn*:” ) ** haft aus. Sehen Sie einmal m die Lütte Gaße in Magdeburg mich zum Worte gemeldet, um zunächst unsere Resolutton auf Aus Stadt und Fand. (Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.) Gießen, 31. Januar 1902. el Staufenberg, 30. Jan. Bei der gestern ini hiesigen Gemeindehause vollzogenen Wahl eines Ersatzmitgliedes zum Kreistag für den verstorbenen Bürgermeister Geißler in Lollar ftir die Landgemeinden Lollar, Staufenberg, Ruttershausen, Daubringen, Mainzlar und Trais a. d. Lumda wurde Bürgermeister Nies in Lollar gewählt. Beim ersten Wahlgang erhielt sein Gegenkanditat Bürgermeister Benner in Trais von 21 abgegebenen Stimmen 10, Bürgermeister Nies 9 Stimmen. Im zweiten Wahlgange siegte Bürgermeister Nies mit 12 Stimmen gegenüber Bürgermeister Benner, der 9 Stimmen erhielt. )( Grünberg, 30. Jan. Rentner Hermann O e h l, ein geborener Grünberger, der ui den letzten Jahren in Bern lebte und im verflossenen Herbste dort starb, bedachte in seinem Testameute seine Vaterstadt mit einem Kapital von 20 000 Mark. Die Zinsen der Stiftung sollen nach der Verfügung des Stifters zu Wohlthätigkeits- und sonstigen gemein- nützigen Zwecken verwendet werden. Schon zu seinen Lebzeiten übersandte der Verstorbene alljährlich einen ansehnlichen Betrag zur Unterstützung bedürftiger Personen hiesiger Stadt. Neueste Meldungen. Originaldrahtrneldungert des Gießener Anzeigers. Frankfurt a. M., 30. Jan. Bei der heute stattgehabtcn Landtags-Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Prediger Karl Sänger wurden 824 Stimmen abgegeben. Hiervon erhielten: Redakteur Rudolf Oeser (demokr.) 471 Stimmen und Walter vom Rath (nall.) 353 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. — Der von hier kommende Güterzug 91r. 5091 fuhr gestern abend 10*/2 Uhr im Bahnhof Bischofsheim einem Rangierzug in die Flanke. Die Lokomotive und 11 Wagen e ntgleisten, wodurch bedeutender Materialschaden entstand. Verletzt wurde Niemand. Berlin, 30. Jan. Die „Nordd. Allg. Ztg." wendet sich heute abend au leitender Stelle gegen die „Freis. Ztg.", die den gestern vom „Vorwärts" veröffentlichten geheimen Erlaß des Staatssekretärs des Reichsmarine- amtes als ein Eingeständnis, mit der Vorlage des Flotten gesetzes den Reichstag über die wirklich entstehend en Kosten getäuscht zu haben, bezeichnet und erklärt, daß man nach alledem zum Staatssekretär des Reichsmarineamts kein, Vertrauen mehr haben könne. Das offiziöse Blatt schreibt, daß diese Anschuldigungen durchaus unzutreffend seien, da die „Freis. Ztg." eine Reihe von Umstünden nicht berücksichtige, die ihr aus der Begründung zum Flottengesetz bekannt sein müßten. Der „Vorwärts" habe den Erlaß an einer wichtigen Stells verstümmelt, indem er die Adresse fort gelassen habe, an die der Erlaß gerichtet sei. Derselbe sei an das militärische Departement im Reichsmarineamt gerichtet und den übrigen Abteilungen schriftlich mitgeteilt worden. Der ganze Artikel der „Freis. Ztg." Jet von dem Bestreben diktiert, die Marineverwaltung zu oiskredi- tier en, um auf diese Weise der Erweiterung unserer Marine Schwierigkeiten zu machen. — Wie die „Berl. N. Nachr." zu der Veröffentlichung des Erblass es im „Vorwärts" erfahren, sollte die Rückäußer- ung der militärischen Abteilung über unsere Leistungsfähigkeit bezüglich der Beschaffung der Schiffsbemannung nicht ohne weiteres die Grundlage für, gesetzgeberische Forderungen bilden, sondern ganz allein als Material bei Aufstellung der betreffenden Forderungen dienen. — Gegenüber einer Meldung der „Germania", daß bezüglich der Besetzung der Lehrstelle des verstorbenen Prof. Scheffer an der Berliner Universität eigentümliche Pläne bestehen, erklärt die „Post", an maßgebender Stelle sei man der Meinung, daß nur eine Kra ft allerer st en Ranges für die Besetzung in Frage kommen könne, eine Kraft, die sowohl als Forscher wie als Dozent allen Anforderungen entspreche. Berlin, 30. Jam In der Zolltarif-Kommission des Reichstages wurde zunächst die Erörterung über den § 8 Abs. 1 und 2 fortgesetzt mit den dazu gestellten Anträgen Fischbeck und Goth ein, die den gestern von Graf Posa- dowsty formierten Antrag aufgcnominen haben. Die Anträge Fischbeck und Gothein werden von verschiedenen Seiten bekämpft. Staatssekretär Posadowsky bedauerte bei dieser Gelegenheit, daß die Kommission sich so lange bei Berathung aussichtsloser Anträge aufhalte. Er erklärte, daß Ursprungszeugnisse als Regel für Zollabfertigungen unmöglich seien. Es sei ganz ausgeschloffen, daß die Regierung einen solchen Antrag annehmen würde. Abg. Fischbeck zog infolgedessen seinen Antrag wieder zurück und es begann die Beratung über die früher gestellten Anträge Graf Kanitz, v. Heyl u. Gen. betr. die Einführung von Ursprungszeugnissen, die Staatssekretär Graf Posadowsky gestern mit der Bemerkung bekämpft hatte, daß, wenn sie angenommen würden, keine Aussicht auf Verständigung über die Zolltarif-Vorlage vorhanden sei. Diese Anträge wurden von der Kommission angenommen. Es folgte die Erörterung über den Abs. 4 des § 8, zu dem ein "Antrag Kanitz gestellt ist, dahin lautend: Auch können, soweit nicht vertragsmäßige Bestimmungen entgegenstehen, für ausländischeWaren dieselbenZölle festgesetzt werden und für die Abfertigung dieselben Maßregeln angeordnet werden, die im Ursprungsland e für deutsch e War en in Geltung sind. Ueber diesen Antrag fand eine längere Diskussion statt, in der Abg. Gothein ausführte, daß dieser Antrag künstliche Zollkriege heraufbeschwören würde und wer diese Zollkriege nicht wolle, der müsse den Antrag ablchnen. Tie Beratung wird morgen früh fortgesetzt. Berlin, 31. Jan. Bei dem gestrigen Empfang der Eisenbahn-Präsidenten der preußischen Eisenbahndirektionen, deren Wortführer Geheimrat Kranold war, der dem Minister v. Thielen zu seinem 70. Geburtstage namens sämtlicher Beamten und Arbeiter Glück wünschte, führte v. Thielen der „Nat.-Ztg." zufolge aus, er rechne auf die Präsidenten, daß sie alles thun würden, um die Mißlich- keit der gegenwärtigen Lage ab stellen zu helfen und dafür zu sorgen, daß den Arbeitslosen Arbeit gegeben und den Mutlosen Mut eingeflößt werde, überhaupt zur Hebung der Landeswohlfahrt nach Kräften beizutragen. Bielefeld, 31. Jan. Gestern abend brach in der Neustädter Kirche auf unaufgeklärte Weise Feuer aus, durch das die herrliche Orgel völlig zerstört wurde. Pößneck (Thüringen), 31. Jan. Hier beging die 80jährige Superintendentenwitwe Thielmann Selbstmord, nachdem sich ihre Tochter vergiftet hatte. Beide litten an Verfolgungswahnsinn. London, 30. Jan. Der Ausschuß^ welcher mit der Untersuchung der gegen die mit dem Ankauf von Pferden in Oesterreich-Ungarn betrauten Offiziere erhobenen Bestechungsbeschuldigungen beauftragt ist, erstattete Bericht. Darin werden die Beschuldigungen als ungerechtfertigt bezeichnet, zugleich aber ertlärr, daß die Offiziere Beurteilungsirrtümer begangen hätten, da die gezahlten Preise namentlich zu Anfang viel zu hoch gewesen seien. Der Bericht erwähnt einen Fall, be i dem bei genauen Erkundigungen 1 2 00 0 P f u n d Härten gespart werden können, und tadelt die Montierungsverwaltung, weil sie unterlassen habe, bei dem Ausbruch des Krieges oder noch in der FrrebensKeit festzustellen, auf welche Weise der Bedarf an Pfeaden im Auslande, namentlich in Oesterreich-Ungarn, am besten gedeckt werden könne. London, 30. Jan. Unterhaus. Auf Anfrage erklärte Balfour, er könne nicht sagen, wann die Schriftstücke bezüglich der Mitteilung der niederländischen Regierung im Bureau des Hauses nieder- gclcgt werden würden. Er glaube, die niederländische Regierung werde die englische Antwort erst morgen erhalten. Es' sei daher unmöglich, die Schriftstücke in dieser Woche vorzulegen, er hoffe aber, daß dies in kürzester Zeit der Fall sein werde. Balfour fügte hinzu, die chm von einem Abendblatt über die Angelegenheit zugeschriebene Unterredung beruhe auf Erfindung. Gibson Bowles fragt, ob ein schriftliches Uebereinkommcn zwischen der englischen und deutschen Regierung bezüglich des Baues der Bagdadbahn bestehe. Balfour erwidert: Nein. Gerald Balfor erklärt hierauf, der Handelsminister mache sorgfältige Studien über die Wirkung, welche der deutsche Zolltarif auf den englischen Handel haben werde. Brüssel, 30. Jan. Während der heutigen Sitzung der^Kam m er , in welcher über den Antrag auf gerichtliche Verfolgung des sozi.alistischen Abg. Maeets beraten wurde, kam es zu stürmischen Szenen. Als Woeste für den Antrag eintrat, ertönten von den Tribünen die Rufe: „Hocy das allgemeine 'Wahlrecht, nieder mit der Kurte." Der Präsident befahl, einen Schreier zu verhaften. Während dessen sanden im Hause tärmenoe Aus- emandersetzungen zwischen sozialistischen und klerikalen Abgeordneten statt, wobei der Klerikale Verhaegen, der dem Präsidenten eine an den Zwischenrufen von der Tribüne beteiligte Person bezeichnet haoen sollte, von den Sozialste!/, ls Polizeispion bezeichnet wurde. Infolge des,e.i kam es zu Thätlich ketten. Der Präsident ließ die Tribünen räumen, wobei fünf Personen verhaftet wurden. Nachdem die Ruhe wiederhergestellt war, wurde die Beratung wieder ausgenommen. Da aber der sozialistische Abg. Terwagne jetzt noch sortfuhr, Verhaegen zu beschimpfen, schloß der Präsident die Sitzung. Madrid, 31. Jan. Die Kammer lehnte mit 143 gegen 34 Stimmen den Antrag ab, dem Finanzminister die Mißbilligung des Hauses auszusprcchett, weil er keinen Kredit mit Rücksicht auf die Hellschreckcnplage beantragte, durch die der Süden von Spanien bedroht sei. Teplitz, 30. Jan. Bei der Landtagsergänznngs- w ah l un Landgemcindebezirk Teplitz-Dux-Bilin wurste K. H« Wolf gew ählt. Couverts mit Firma billigst Srühl'sche Universitäts-Druckerei« Gießener Theaterverein. Das Gastspiel der Irene Triesch. Frl. Irene Triesch ist, obgleich sie nun allenthalben als einer der allerersten deutschen Bühnensterne anerkannt wird, uns Gießenern gut Freund geblieben. Von angestrengtester Arbeit und kurz vor einer großen Gastspielreise riß sie sich los und eille, auf die Bitten unseres Thcatervereins-Vor- standes, für ein paar rnühereiche Stunden zu uns, um den Angehörigen des Gießener Theateroereins einen Festabend zu bereiten. Sie erschien uns iin flackernden Scheine von Sudermanns „Johannisfeuer*), das uns die Direktion unseres Stadttheaters im vorigen Jahre mehrfach und auch schon einmal in diesem Winter angezündet hat. Den Johannisfeuersprung, die Feuertaufe zum Kampfe gegen unholde Geister der Kritik, hat diese Dichtung Sudermanns längst hinter sich und es steht die Berliner Feuerprobe des neuesten dramatischen Werkes Sudermanns, das den Titel führt „Es lebe das Leben", dem viel verehrten und vielgeschmähten ostpreußischen Poeten unmittelbar bevor. Doch unser ist heute noch das „Johannisfeuer". Bei dem alten germanischen Naturfest der Sommersonnenwende, dein Siegesfeste des Sonnengottes, das mit Beginn der christlichen Zeit Johannes dem Täufer, dem „Größesten, so von Menschen geboren", gewidmet war, glaubten unsere Allvorderen verborgene Schätze heben zu können. Die hessischen Mädchen aber zupften, süße Gedanken im Herzen, die weißen Sttahlenblüten der Johannisblume, des Chrysanthemum, lange bevor Goethes Faust diese Blüten zur Klassiizität erhob, und die Männer errichteten vor ihren Häusern, auf den Wegen und auf dem Markte Johannisbäume, geschmückt mit Blumen und Kränzen. Wir Gießener aber, die wir gestern Irene Triesch wiedersahen auf den Brettern, die ihr das Leben bedeuten, und die wir darauf nach der Aufführung, noch em paar kurze Stunden in angeregtem Geplauder mit ihr zusammensaßen, wir brachten ihr dankbar Johannisblumen dar und errichteten ihr in unserem Herzen die schmuckesten Johannisbäume. Und heute danken wir ihr dafür, daß sie aus Sudermanns Johannisfeuer- Dichtung verborgene Schätze hob, sie, ein Glückskind der Göttin Kunst, von deren Altar sie die heilige Flamme chres Herzens holte. Die germanffchen Johannisfeuer waren nach alter Ueber- lieferung ursprünglich eine Mahnung zu ernstem Sinnen und Handeln; es war seit allersher die Rede, daß man sich durch dieses Feuer vor allerlei tückischen Dämonen schützen könne, und seit undenklichen Zeiten galt den nordischen Germanenvölkern der Herd für heilig, als der Altar des Hauses, der Herd, *) Erschienen in der I. G. Cottaschen Bnchhdlg. Nachf. in bllcktgarl. Preis 2 Mk. dessen Feuer man in der Johannisnacht erneuerte, um ihm neue Kraft zu geben. Gegen die tückischen Dämonen im Herzen wehren sich mit aller Kraft Marikke und Georg, aber das Herdfeuer des Hauses, dem sie so vieles verdanken, ist ihnen hellig. Sie scheiden von einander nach der kurzen Seeligkeit der Johannisnacht, der „Freinacht", die ihren halb ertöteten wilden Wünschen die Erfüllung brachte — — für ein paar Augenblicke des Glücks. Frl. Triesch offenbarte uns gestern, daß in der Suder- mann'schcn Dichtung doch mehr steckt, als der Dichter bewußt gegeben hat. Die Wicdersehensfeier der Gießener mit der Triesch stand unter dem Zeichen der Begci'terung. Und wunderbar, sie brachte es zu Wege, nicht nur einen großen Persönlichkeitserfolg zu erringen, sondern auch dem ganzen Stücke und der ganzen Darstellung zu volllommenem Erfolge zu verhelfen. Das Notstandsdrama interessierte diesmal unverhältnismäßig mehr als im Vorjahre, und wir wollen hoffen, daß der gestrige schöne Abend für die ganze schwöre Gastspielnotstandszeit, vor der die große Künstlerin jetzt steht, das beste Omen bedeutett Sie hat das Kunststück fertig gebracht, daß das Johannisfeuerwerk des litterarischen Pyrotechnikers, der im Vorjahre als ein St. Georg dem Lex Heinze-Drachen siegreich entgegentrat, uns in diesem Jahre beinahe wie eine echte Dichtung erschien. Irene Triesch schöpfte in ihrer Gestaltung der Marikke aus eigner unendlicher Fülle. Sie traf die Mischungen in dem Charakter dieses Mädchens, das halb „Heimchen", halb Wildling ist, ganz wunderbar. Was uns sonst rein theatralisch nebeneinandergesetzt erschien, das strömte in ihr zusammen zu echter Menschlichkeit. In ihrer sanften Ergebenheit und rührenden Duldsamkeit ahnte man, wenn auch nicht gerade den Teufel, von dem sie ja selber zu sagen hat, daß er in ihr sitze, so doch die verhaltene ftümienbe Leidenschaft, und wenn das jähe Temperament aufloderte, das elementare Blut der mit voller Kraft Hassenden und Liebenden, Fürchtenden und Wagenden, Bangenden und Hoffenden, so kam das nicht unvermittelt, sondern war das Durchbrechen mühsam zurückgedrängten Gefühls. Und diese Charakteristik löste sich nie in Einzelmomente auf, sondern war ganz Einheit, überwand selbst die Hilfs- losigkeit des letzten Aktes und rundete ihn zur vollen lebenswahren Harmonie. Sie bot in hinreißender Darstellung eine Revision des .Johannisfeuers", die das Urteil erster Instanz umstößt und den Dichter mangels gravierender Beweise freispricht. Das beste an ihrer Marikke ist die unbeschreiblich feine Innerlichkeit, die diese konttruirte Gestalt in jedem Zuge lebendig werden läßt, das psychologisch Konfuse, das ihr Sudermann gab, restlos entwirrt, die es uns ganz vergessen läßt, daß das Heimchen litterarisch «in doch nur dürftiges Gewächs ist und trotz des bischen Sinnlichkeit doch zu derselben Familie zählt, der die Goldelse, das Gänseliesel und andere „Heldinnen" der Auch - Lilleraturdamen Marlitt, Eschstruth und Konsorten angehören. In einem huschenden Lächeln, einem wilden Augenblicksschrei, einer plötzlichen, kaum merkbaren Kopfwendung und in tausenderlei anderem Unscheinbaren liegt ihr Köstlichstes. In solchen Einzelheiten, die zu einem Ganzen unmerklich geformt sind, zeigt sie am klarsten, wie sich ihre Seele ganz erfüllt hat mit der Wesenheit, die sie gestaltet. Sie hält uns im Banne, sie wirkt immer überzeugend und immer auch bezaubernd. Und so mische ich mich in den Chor der Jubelnden mit einem getreuen: Evoe Irene! Ich hätte ihr gestern einen Triumph gewünscht, wie ihn Europas Generale, als sie aus dem besänftigten China zurückkehrten, nicht glänzender hätten feiern dürfen. Und hätte die Huldigung alles gewöhnliche Maß weck überschritten, sie wäre doch demütig schlicht geblieben. Sie bedarf keines Sklaven, wie er dereinst in Rom dem sieggekrünten Feldherrn, der, umbraust vom Jo triumphe! die via triumphalis einherzog, immer wieder mahnend zurief: Bedenke, daß Du ein Mensch bist! Fräulein Irene Triesch besitzt nicht die zarten Schwächen der Durchschnittsweiblich- keit, sie bleibt ein bescheidener Mensch, auch als glorreiche Triumphatorin. Die ganze Darstellung wurde, pne gesagt, durch die Triesch gehoben. Sie riß unsere wackeren Künstler zu ungewöhnlichen Thaten fort. Die Unseren hatten sich dem Stücke mit außerordentlicher Liebe und größtem Fleiß gewidmet und ihm das allerbeste ihrer Gestalttlngskrast geliehen. Herr Ramsey er war als Vogelreuter eine Prachtgestalt. Hen Schneider, der erst am Tage vorher für den leider erkrankten Herrn Gerlach eingesprungen war, machte trotzdem aus dem zwecken theatralischen „Notstandskinde" ein echtes Menschenkind, einen Menschen von feinem, vornehmem Empfinden. Daß er ihm die abstoßende, jämmerliche Schwäche nicht nehmen konnte, versteht sich von selbst; er machte aber doch das unglaubhafte möglichst glaubhaft unb sympathisch durch taktvolle Diskretion. Freilich von einer Herrschernatur hatte er ganz und gar nichts. Für das thörichtherzige „Zotlelchen" fand Frl. Brand au alle Züge ahnungsloser Unart wie rührender Innigkeit. Aber auch auf einem weltfernen Gute im „barbarischen" Littauen pflegt eine Negierilngsbamneisterbraut nicht halblange Konflrniandenkleider zu kragen. Für bie alte WeSzkalnene wäre Frau Jenny wohl die geeignetere Darstellerin gewesen, und Frau Kruse hätte für die»Madam Vogelreuker genügt. Mildern „ungeniein sympathischen" Hilfsprediger Haffke gab sich Herr Zoder zwar alle Mühe, aber diese prächtige Figur kann man sich doch noch wärmer im Ton und vor allem schärfer in der mimdarklichen Charakteristck denken. Nehmen wir alles in allem, so haben wir festzustellen, daß der gestrige Theaterabend, der eindrucksvollste der ganzen bisherigen Spielzeit war. Paul Wittko.