Montag 30. Jrmi 1903 Zweites Blatt. 153. Jahrgang Nr. 150 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit ^"'LEsfischen Landwirt ML®$e°cncr SamUien» Mutter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag bt. Brühl'sche- Unwers. Buch-u.Steii druckerei (Pietsch Erben) Redakuc,.. Expedition um Druckerei: Schnlftratze 7. Adresse für Depeschenr Anzeiger Gieße«. Fernsprechanschluß Nr. 51. GlchenerAnzelgerW ** General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen ZWZ _________________________ v " zeigenteil: Hans Beck. Politische Tagesschau. Die Erneuerung des Dreibundvertrages. Wie wir bereits auf Grund eines Originartele- aramms in unserer letzten Nummer nutteilen konnten, wurd7 am Samstag in Berlin der Dr erb undv ertrag vom Reichskanzler Grafen Bülow, dem österreichischen Bot- Mftm: von Uögyenh. uuö dem italienischen BoLMster Ake yeulige Kummer umfaßt 10 Seiten. Zweite Hessische StäudeLammer. Die Tagesordnung der 122. Sitzung am 1. Juli bringt Jl a. zur Entscheidung die Jrrenanstaltsfrage, den Bau des neuen Museums, den Antrag des Abg. Diehl, die Unterstützung von Gemeinden bei Anlagen von Wasser- leitungen betreffend, die Anträge des Abg. Wolf, Besichtigung und Ueberwachung der Feuer stellen und Kamine tu den Bauerndörfern, und die Zigeuner betreffend, die Oberrealschulwünsche der Butzbacher und Großumstädter, den Antrag des Abg. Backes, die Ausbildung und Anstellung der israelitischen Religionslehrer im Großherzogtum betreffend, den Antrag des Abg. Köhler-Langsdorf, Umgestaltung der ländlichen Fortbildungsschulen zu Ackerbau-Vorschulen betreffend, und desselben Anfrage, den Geschäftsbetrieb und die Arbeitsteilung bei Feldbereinigungen betreffend, schließlich die Anfrage der Abgg. Pennrich und Genossen, die Lagerung explosiver Stoffe und Entschädigung für durch Explosion solcher Stoffe verursachte Jmmobitiarschäden betreffend. Auch der Antrag der 2ll>gg. Noack und Genossen betr. das Gesetze die Besoldungen der Staatsbeamten vom 9. Juni 1898, wird zur Verhandlung kommen. Dieser Antrag wünscht, daß innerhalb derselben Beamtenkrtegorie bei Berechnung der Besoldungsvordienstzeit auch die Zeit der Mstellung und die pensionsfähige Vordienstzeit soweit zu berücksichtigen ist, daß der früher an» gestellte und länger im Dienst verwendete Beamte den später angestellten und weniger lang verwendeten Beamten in der Höhe des Gehaltsbezuges nicht nachgestellt werde. Die Regierung hat sich dazu ausführlich geäußert. Sie hebt hervor, daß das bestehende Gesetz darauf abzielt, die überwiegende Zahl der Beamten thunlichst in der Mitte der 50 er Lebensjahre in die oberste Gehaltsstufe gelangen zu lassen. Bei Beamten, die durch eigenes Verschulden zu spät zur Anstellung gelangt sind, wird statt des vollendeten 55. Lebensjahres ein entsprechender späterer Zeitpunkt als maßgebend betrachtet. Sie und mit ihr der erste Ausschuß kommen zu dem Schluß, daß dem Anträge Noack keine Folge gegeben werden möge. Neuerdings geäußerte Wünsche von Lokomotivführern, Expeditions- und Stationsgehilfen, Hilfsschaffnern, Fahrbeamten, Eisenbahnarbeitern, ferner von Staatsanwalts- und Landgerichtsgehilfen, von Kanzleigehilfen und endlich auch von einer Anzahl akad. gebildeter Lehrer finben keine Aus schußunter st ützung. Die letzteren wünschen eine neue Regelung des Besoldungsdienstalters. Die Regierung erhebt demgegenüber erhebliche Einwände und führt u. a. folgendes aus: „Von den 18 Oberlehrern, welche die in Rede stehende Vorstellung an die Zweite Kammer gerichtet haben, haben nicht wenige die Prüfung Ür das höhere Lehramt erst in höherem Lebensalter betäuben, und dadurch chre verspätete Anstellung zum Tell elbst veranlaßt. Es bestanden die Fakultätsprüfung: im 30. Lebensjahre 3, im 29. 1, 28. 1, 27. 4, 26. 2, 25- 4, 24. 2, 22. 1. Dementsprechend werden den Höchstgehalt erreichen: im 58. Lebensjahr 2, 57. 2, 56. 1, 55. 9, 54. 1, 53. 2, 52. 1. Die durch die verspätete Ablegung der Prüfung eingetreten Nachteile durch Anrechnung von Be- soldungsvordtenstzeit auszugleichen, ist nach den bestehenden Grundsätzen nicht thunlich. Die Länge der provisorischen Dienstzeit der in Betracht kommenden Beamten ist zum Tell auf die große Anzahl der damals vorhandenen vrovisorischen Stellen zurückzuführen." Endlich ist noch zu erwähnen, daß der Kammer eine neue Regierungsvorlage betreffend die Nebenbahnen von Bingen nach Büdesheim und von Hetzbach nach Beerfelden zugegangen ist. Für erstere 3,5 Kilometer lange Bahn wird ein Staatszuschuß von 18000 Mark pro Kilometer angefordert. Als Mittel für die andere bereits int vorjährigen Nebenbahngesetz bewilligte Bahn Hetzbach-Beerfelden sind die Staatszuschüsse bewilligt. Die Stadt Beerfelden erklärt sich zu einem Zuschuß von 90 000 Mark bereit, wenn die Bahn nicht als Schmalspurbahn sondern als Vollbahn gebaut wird. Die Regierung erklärt sich damit einverstanden, und fordert auf Grund des Nebenbahngesetzes vom Jahre 1884 einen entsprechenden Mehrzuschuß von 25000 Mark. Der Finanzausschuß hat bereits, wie gemeldet wird, die Vorlage beraten und derselben zugestimmt. _ or , ' Die Wahlrechtsreform, deren Annahme nach den letzten Meldungen bereits im wesentlichen gesichert ickien nachdem sich die freie wtrtschaftliche Vereinigung !ür den Kompromißantrag Wolf ausgesprochen hatte, wo- nack freilich nur bie Stäbte Mainz, Darmstadt und Offen- LJ -inen Abgeordneten mehr erhalten sollen, während die Städte Gießen und Worms leeraus gehen sollen, siebt allem Anschein nach doch noch auf nur schweren schwachen Füßen. Die R e g i e r u n g ist, tote jetzt gemeldet N dem Anträge Wolf keineswegs günstig gestimmt. Sie besteht vielmehr auf der unveränderten Annahme des Gesetzes, und man darf fügltch aufs ernsthafteste befurchten, daß die Mehrheit der Kammer nicht dafür zu haben 'sein wird. Grafen Lanza unterzeichnet. Der Dreibund ist in un- veränderter Form erneuert worden, lieber den Inhalt des Vertrages wird Geheimhaltung bewahrt; ein bezügliches Ersuchen ist vom Grafen Bülow an beide Verbündete gestellt und von diesen gewährleistet worden. Ob später die Publikation des neuen Vertrages erfolgen wird, darüber sind bisher keine Vereinbarungen getroffen worden. Weiter wird mitgeteilt, daß man in Berlin von Anfang an den pessimistischen Meldungen, die von Paris und anderen diplomatischen Zentren des Auslandes über die Frage der Erneuerung verbreitet wunden, feine Bedeutung beigelegt, da sie nach der Begegnung des Grafen Bülow mit den leitenden Staatsmännern Italiens und Oesterreich- Ungarns feststand. Man ist auch zu der bestimmten Annahme berechtigt, daß die Verhandlungen über die Erneuerung der Handelsverträge ebenfalls zu einem durchaus befriedigenden Resultat für alle dabei beteiligten Staaten führen wird. Soweit die deutsche Presse die Erneuerung des Dreibundes bespricht, begrüßt sie ohne Unterschied der Partei dieselbe mit Freuden. Die „Nattonalztg." sagt, vom deutschen Standpunkt aus sei in der Erneuerung des Dreibundes ein Verdienst des Grafen Bülow zu erblicken. Die „Berl. N. N." geben der festen Ueberzeugung Ausdruck, daß der Erneuerung des Dreibundes auch die Erneuerung der Handelsverträge folgen werde, wenn die Verhandlungen in dem nämlichen Geiste geführt werden, der die Erneuerung des Dreibundes ermöglicht hat. Die österreichische und italienische Presse, die sozialdemokratische nicht ausgenommen, äußert sich gleichfalls sehr befriedigt. Die römische „Tribuna" sagt, nachdem auch die Erneuerung der Handelsverträge gesichert sei, hätten bie verbündeten Staaten Aussicht auf eine neue ruhige Zeit. Ungarische Blätter betonen ebenfalls die allgemeine Beruhigung und aufrichtige Befriedigung überall in Europa, wo man die überaus großen materiellen und moralischen Interessen der Aufrechterhaltung des Friedens würdige. Die drei Großmächte gäben mit der Untersertigung des Vertragsinrstumentes auch diesmal eine Probe der auf einem innigen Der hältnis ruhenden Interessengemeinschaft, und die Millionen der Völker nähmen freudig und dankend davon Kenntnis, .daß das Bundesverhältnis abermals auf lange Zeit die Möglichkeit einer friedlichen und ruhigen Entwickelung garantiere. Interessanter sind natürlich die französischen Preßstimmen. Der „Figaro" sagt: Wir nehmen mit aller Beruhigung die Erneuerung des Dreibundes auf und nehmen Akt von seinem friedlichen Charakter, der nicht verdächtig werden kann. Wir bleiben unseren Erinnerungen treu, die niemand auszulöschen vermag. Der „Gaulots" schreibt, der Dreibund sei nur noch eine reine Formalität, die man erneuert, um nicht die Gewohnheit zu verlieren. „Petit Parisi en" sagt: Wenngleich die Vertragsklauseln unverändert sind, hat der Dreibund nicht mehr kriegerischen Charakter, wie ehedem. Die „PetiteRepublique" meint, das Wesen beä Dreibundes habe sich notwendigerweise geändert. Italien werde jetzt kaum eine antifranzösische Politik unterstützen. Die „Auto rit6" bemerkt, die Behauptung, daß der Dreibund eine rein formelle Konvention ohne jede 33ep deutung geworden sei, könne nicht ernst genommen werden. Italien wisse, daß Frankreich ein anderes Ergebnis vor der französisch-italienischen Annäherung erwartet habe König tzdnards Krankheit. Das Bulletin von Sonntag nachmittag besagt: „Der Fortschritt im Befinden des Königs ist in jeder Hinsicht zufrieden stellend. Die durch die Wunde verursachte Unbeqremlichkeit ist vermindert." Der König ourde am Samstag vom Bett nach einer Chaiselongue getagen, was vollkommen ohne Schmerz von statten ging. Da«. „Reutersche Bureau" erfährt, der König verbrachte die vergangene Nacht in ziemlich langem, erquickendem Schlafe. Dte Aerzte sind sehr zufrieden. Der Verlauf der Genesung des Königs wird indes nach offizieller Erklärung lange währen. Immerhin ändert dies nichts an der Annahme, daß die Krönung zu Beginn des Herbstes werde statthaben können. Der Köntg ist sehr heiter, er fann lesen und mit der Königin, dem Prtnzen von Wales uni) anderen Mitgliedern der königlichen Familie plaudert. Der Prinz von Wales und der Herzog von Connaught gaben Befehl, die Illuminations- Vorrichtungen an ihren Däusern nicht herabzunehmen, und überall bewahrt man fit für den Tag auf, da der König vollkommen wiederhergeselll sein wird. Unter den Telegrammen, die bei dem Könige eingegangen find, befinden sich eines von einer Buren- v er sammlung in Ba'moral (Transvaal), in dem die Bitte zu Gott gerichtet t-ird, das Leben des Königs und der Königin lange zu erhalt«!!! Der Pariser „Figaro" erösfentlicht ein Telegramm, in dem es heißt: Wenn keve Komplikationen eintreten, so dürfte der König in tret Wochen das Bett verlassen können. Sodas sein Zustand es erlaubt, wird der König nach Cowes üersiedeln, wo er bann an Bord seiner Yacht ständigen Ausnthalt nimmt. Nach- seiner Wiederherstellung wird der Köig eine Reihe von Festlichkeiten anordnen, um so die Bvölkerung für den Ausfall der Krönungsfestlichkeiten zu entschädigen. Die Königin mit ihren Töchttn, der Prinz und die Prinzessin von Wales, sowie ander Mitglieder der königlichen Familie wohnten am Sonnta dem Gottesdienste in der Marlboroughkapelle bei. Die Äöigin hat namens des Königs jedem der fürstlichen Gäste exen Brief geschrieben, worin sie bedauert, daß es dem Königunmöglich geworden, größere Gastfreundschaft auszuüben, und daß es ihm ttetA sagt ist, persönlich auszusprechen, wie sehr er die durch den Besuch beabsichtigte Ehrung schätzt. Zwei dieser Schreiben! wurden vom König persönlich gezeichnet. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen sowie den Kronprinz von Portugal und andere Fürstlichkeiten haben London am Samstag verlassen. Eine ganze Reihe neuer Tumulte wird noch ge* meldet. In Harrow wollte das Boll Feuer anzünden^ wozu der Holzstoß auf einer Windsor überblickenden Terrasse aufgerichtet war. Die Gemahlin des Vorsitzenden deS Festkomitees stimmte die Vollshymne an, um das Volk zu beruhigen, aber es half nichts. Weder die Feuerwehr) noch die Polizei konnte das Volk abhalten; es warf immerfort brennendes Papier zum Holzstoß, bis er zu brennen anfing. In '©uttonbribge veranstalteten die Unzufriedenen einen Aufzug und zündeten Feuer an. Das Gleiche geschah! in Holbeach und anderen Orten von Süd-Lincolnshire. Irr Spalding wurden die Gemeinderäte verhöhnt. In Rippin* gale brachen drei Brände aus. In ©tebenage warf dasl über die Verschiebung des Krönungsessens ergrimmte Voll die Fenster der ersten Geschäftsleute ein. In Redditch gaÄ es bei der Verteilung zweier gebratener Ochsen auf derni Marktplatze solche Unordnung, daß die Verteilung eingestellt werden mußte. Ein gebratener Ochse wurde zum Kirchhofe gebracht, der andere nach einem Klub, und dort erfolgte die Verteilung. Das Gedränge war aber dort noch so groß, daß viele alte Leute nichts erhielten. Der durch den Tumult in Watford angerichtete Schäden wird auf nahezu 60 000 Mark geschätzt. 35 Personen, Männer und Frauen, sind wegen gewaltthätiger Handlungen angettagt/ Ein Polizeiinsp ektor ist schwer verletzt. öüOI junge Leute aus der Bürgerschaft wurden auf dem Polizei-, amte als besondere Konstabler vereidigt. Eine Drechslerei war den ganzen Tag damit beschäftigt, Knüttel für diese Konstabler zu dreckseln. In Paris haben auf Befehl des Seinepräfekten fänd>\ liehe Polizeikommissare die Weisung erhalten, das illustriert« Witzblatt „Assiette du Beure" zu beschlagnahmen toegett eines den König von England beleidigenden BildeA. Deutsches Reich. Berlin, 29. Juni. Der Kaiser überreichte gestern in Kiel dem Gewinner in der Regatta Dover-» Helgoland, Dempter, den Helgoland-Pokal an Bordt der „Hohenzollern". Heute wohnte das Kaiserpaar bet Enthüllung zweier Gedenktafeln für die bei den China-Expedition gebliebenen Offiziere und Mannschaften der Ostseestation und für die mit der „Gneisenau^^ Untergegangenen in der hiesigen Garnisonkirche bei.. An der Feier nahmen die hier anwesenden Fürstlichkeiten! und die Admiralität teil. — Dem Bundesrat ist eine Vorlage zugegangen, too* durch das Gesetz, betr. dieSchlachtvieh-undFleisch^ beschau vom 3. Juni 1900, in vollem Umfange am 1. Aprrl 1903 in Kraft treten soll. Bisher waren nur einzeln« Teile dieses Gesetzes in Kraft gesetzt worden. -r Auf rund 100 Millionen neue Einnahme« aus Zollen und indirekten Steuern berechnet, wie wir bereits mitteillen, Pros. Dr. v. Mayr in München, den Bedarf des Reiches. Deshalb müßte nach seiner Meinung; in erster Linie der Tabakverbrauch für eine erhöhte Besteuerung in Betracht kommen. Die „Kreuzztg." meint, daß diese Vorschläge nicht nur von hervorragender Sachkenntnis zeugen, sondern auch ein hohes Maß politischer Einsicht bekunden. In nicht allzu ferner Zeit werde der Reichstag den Mut haben müssen, mit Thatkraft die Ordnung der Reichsfinanzen in die Wege zu leiten. — Man sieht auch hieraus, worauf es bei den näch sten Reichstagswahlen ankornmt, und für welche Steuer- Pläne die Konservativen zu haben sind. — Nach einer Meldung aus Posen verbot die Polizei auch die für morgen anberäumte große polni- sche Gewerkschaftsversammlung. Gerüchtweise verlautet, die Polizei werde fünftig die Abhaltung aller polnischen öffentlichen Versammlungen untersagen. (?) Hamburg, 28. Juni. Zur Deckung des Fehlbetrages im Staatsbudget beantragte bie dazu eingesetzte sogenannte Steuererfindungskommission eine Erhöhung der Erbschaftssteuer sowie eine höhere Einkommensteuer für größere Einkommen. Danzig, 29. Juni. Zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der ihm unterstelllen Arbeiter hat Major Paetow, der Direttor der Königl. Artillerie-Werkstatt, ein dankenswertes Hllfs- mittel geschaffen. Die Kalltinenkasse der Arttllerie-Werk- statt hat in Groß-Waldorf das Vorkaufsrecht auf ein Gelände von 16 Hektar erworben und dieses Vorkaufsrecht unter gewissen Bedingungen an einen kapitalkräftigen Unternehmer abgetreten, welcher Baustellen zum Preise von 1 Mark für einen Quadratmeter an Strbeiter der Artillerie-Werkstatt abgiebt. Den baulustigen Arbeitern ist die Kanttnenlasse bei Beschaffung der Hypotheken behilflich Stuttgart, 28. Juni. Nach viertägiger Debatte hat heute die Abgeordnetenkammer das neue Einkommensteuer-Gesetz mit 70 gegen 2 Stimmen angenommen. — Gestern und heute entstand noch eine längere zum Teil sehr erregte Debatte über die Bestimmung, nach welcher der Kammer der Standesherrn bei weiteren Erhöhungen der Einkommensteuer ein Mitwirkungsrecht eingeraumt werden sollte, das diese bisher nicht besaß. Diese Bestimmung des Gesetzentwurfes wurde mit 47 gegen 34 Stimmen abgelehnt. Bie Progression bei der Einkommensteuer geht jetzt his auf 6 Prozent. DaH Ueverf^eie Existenz-Minimurn ijt auf 5(X) Mark formiert. Ausland. Pcrr-rS, 29* Ium. Marineminister Pelletcm hielt in Versailles eine Rede, in der er sagte: Wir verabscheuen Len Krieg, da aber rings um uns militärische Monarchien und megalomane Republiken sind, brauchen roir eine Armee* Wir dürfen jedoch keine Generale mehr haben, welche sich als unabhängige Vasallen betrachten* Die Generale müßten ein Beispiel von Disziplin geben. Lemberg, 28. Juni. Der „Przedswit" behauptet, in Len Besitz eines geheimen Dokuments gelangt zu sein, in hem die russische Centralregierung dem Generalgouverneur von Polen verschiedene vertrauliche Instruktionen hinsichtlich seiner Amtsthätigl'eit erteilt hat und denselben insbesondere anweist, das Polentum und den Katholizismus m gleichem Maße als staatsfeindliche Elemente in möglichst unauffälliger Weise zu bekämpfen* Aus Stadt und Aand. Gießen, den 30. Juni 1902. *• Von den jüngst herausgekommenen Amtsblättern des Großh. Ministeriums der Justiz enthalten: Nr. 12 vom 28. Mai ein Ausschreiben an die sämtlichen Justizbehörden, betreffend die Prüfung desKosten- und Stempelwesens im Jahre 1900, Nr. 13 vom 30. Mai ein Ausschreiben an die Großh* Justizbehörden in der Angelegenheit der Gegenseitigkeitserklärung zwischen Hessen und Preußen wegen Stempelbefreiung, Nr. 14 vom 10. Juni ein Ausschreiben an die Justizbehörden, insbesondere die Großh. Amtsgerichte, betreffend Stenipelfreiheit der Gelände-Erwerbungen für den Bau von Kreisstraßen, Nr. 15 vom 11. Juni ein Ausschreiben an sämtliche Justizbehörden in Ansehung der Mitteilung von Strafnachrichten an die peruanische Regierung. Nr. 16 vom 13. Ium ein Ausschreiben e- grüßte die Anwesenden und legte die Gründe dar, die die Lehrerschaft Deutschlands bewogen baden, die Einrich? tung von Fortbildungskursen an den deutschen Hniversp- täten anzustreben. „Das Unternehmen", so führte er etwa ans, „hat nicht Eitelkeit oder Selbstsucht zur Grundlage, sondern Liebe zum Volke, mit dem der Volksschullehrerstand verwachsen ist. Was hier erarbeitet wird, soll indirekt auch der Jugend, der Zukunft unseres Volkes, zu gute kommen. Denn je selbständiger der Lehrer sein Wisjen beherrscht,. desto freier und lebendiger kann er sich in seinem Berufe entfalten, desto leichter kann er fid), losmachen von beengender Schablone, geisttönendem Formelkram und handwerksmäßigem Drill — zu Nutz und Frommen der ihm anvertrauten Jugend. Einer gesteigerten Volksbildung soll also dieses Unternehmen dienen, und die Lehrer halten fest an dem Glauben, daß gesteigerte Bildung auch im Gefolge hat eine höhere Gesittung des Volkes. Es ist also gewissermaßen ein nationales Werk, das die Lehrer . durch Einrichtung solcher Kurse in Angriff genommen haben. Dazu hat die vornehmste Pflegerin aller idealen Güter, die deutsche Universität, bereitwillig die Hand geboten, und dafür gebührt ihr dauernder und herzlicher Dank aller Freunde von Volksbildung und Gesittung. Die Liebe und Treue zum Volke, die dieses unternehmen ins Leben gerufen, soll auch für die Zukunft Leitstern sein." Herr Müller schloß mit einem Hoch aus Kaiser und Großherzog. Lehrer Storch-Butzbach hob in längerer Ansprache nochmals die speziellen Verdienste hervor, die sich die akademischen Behörden und Professoren erworben haben, sowohl in Bezug aus den Lehrerstand und seine Wertschätzung, als auch in Bezug auf eine kräftige und lebendige Weiterentwickelung des Volkslebens, aus dessen Gestaltung der Volksschullehrer in hervorragender Weise einzuwirken imstande ist. Sein Dank und Hoch galt Sr. Magnisicenz, Rektor Professor Dr. Hansen, dem akademischen Senat und den Professoren Geh. Hofrat Dr .Qncken, Dr. Groos und Dr. Sievers. Diesen drei Herren widmete auch noch Lehrer B a ch - Großen-L,nden in schwungvollen Versen herzliche Worte aufrichtigen Dankes. Geh. Hosrat Dr. Qncken hielt in seiner Eigenschaft als „SäMmeister", wie er sich selbst nannte, eine kleine Lektion über den „Wert der Arbeit". Er wies ganz besonders hin auf Bistnarck. Seine Ausführungen klangen aus in einem Hoch aus den Lehrerstand in seiner Gesamtheit, der dazu berufen sei, die Liebe zur Arbeit — um den Arbeit willen — in die Herzen der Jugend zu pflanzen. Um das Gelingen der schönen Feier hat sich auch die Ge- sanasabteilung des Gießener Beamtenvereins, dem die Mehrzahl der hiesigen Lehrer angehört, Verdienst erworben. Sie brachte unter der tresslichen Leitung chres Dirigenten, des Lehrers Gör lach, eine Anzahl von Männerchpren zu Gehör. — In der Gemälde-Ausstellung im Turmhaus am Brand hat wieder ein Wechsel der Gemälde stattgefunden, indem 68 Gemälde neu ausgestellt sind. Da außerdem eine Anzahl Gemälde neu angemeldet ist, so kann ein Teil der neuausgestellten voraussichtlich nur bis zum Mittwoch in der Ausstellung verbleiben. ** Zum Dünsbergseste versammelten sich gestern zahlreiche Bergsteiger auf der hervorragenden Höhe. Leider mar die Gießener Bevölkerung recht schwach vertreten; auch Wetzlars Beivohner, die sonst ständige Gäste auf dem Düns- berg sind, fehlten fast gänzlich. Jedenfalls hat die übergroße Hitze manchen davon zurückgehalten, den Weg nach dem Gipfel des Berges zu unternehmen. Aber die Erschienenen gerieten doch bald bei den Klängen der Bauerschen Kapelle in fröhliche Stimmung und der Festwirt hatte kühlen Trunk genügend zur Stelle. Es war em wirkliches Volksfest, das gestern da oben auf der Höhe stattfcmü, kein Mißton störte es. Der Turm machte in seiner fast zu neu wirkenden Gewandung selbst ein fröhliches Gesicht mit den ftöhlichen Menschen, die sich an semem Fuße amüsierten. Gegen 6 Uhr abends ging eine schönes, frisches Lüstchen über den Berg und mancher der Dünsbergsgäste verwellte noch, bis der letzte Bieberzug chn heimwärts führte. § Kirch-Göns, 29. Juni. Bei günstiger Witterung und unter Mitwirkung unserer Bürgerschaft fand heute die Hauptfeier des 9. Bundesfcstes des Wetterauer Turnerbundes, in Verbindung mit der Fahnenweihe unseres Turnvereins „Vorwärts", hier statt, woran sich fast alle Bruderoereine der Umgegend und viele sonstige auswärtige Gäste beteiligten. Grün berg, 30. Juni. Als gestern mittag gegen 2 Uhr der Fuldaer Zug bei Grünberg eine Ueberbrückung passierte, scheute das Pferd eines unten durchfahrenden Jagdwagens. Vom Zuge aus konnte man bemerken, daß ein Insasse des Wagens heraus sprang, während der andere beim Zerschellen des Wagens zur Erde geschleudert wurde. Das Pferd raste auf der Straße weiter. Hungen, 29. Juni. In der Nähe von Villingen, am sogenannten Langsdorfer Weg, hat man verschiedene, nicht weit voneinander entfernte Hünengräber entdeckt. Unter Leitung des Pfarrers von Villingen wurde das Ausgraben einer der Gräber vorgenommen, man fand bis jetzt eine etwa 30 Ctm. lange broncene Nadel. Reichlichere Funde erhofft man in einem im Walde nach Hungen zu gelegenen größeren Hünengrab, mit dessen Offenlegung man demnächst zu beginnen denkt. Die gefundenen Gegenstände werden dem Historischen Verein' für Oberhessen übergeben werden. 3 mon. Harbach, 27. Juni. Heute fiel das dreijährige Kind des Müllers Frey auf der Lommersmühle in den Mühlbach und ertrank. n. Stornf els (Kreis Schotten), 28. Juni. Der Jagd- auffeher Rummel hier hatte gestern das Glück, auf dem Jagdgebiete des Pachters Andre von Frankfurt einen Kapitalhirsch mit stattlichem Geweih zu erlegen, der das ansehnliche Gewicht von 2 Zentnern repräsentierte* o- Lauterbach, 29. Juni. In großen Schrecken wurde die Familie des Heinrich Schütter in Vaitshain versetzt. Ihr 2 l/z jähriges Kind hatte mit anderen Kindern gespielt, plötzlich war es verschwunden. Nach längerem Suchen fand man es in der Miststätte tot. — In der Nähe unseres Bahnhofs entgleiste vorgestern der erste Zug von Grebenhain, 4 Uhr 28 Min. abfahrend. Dem Vernehmen nach soll nur die Maschine aus dem Gleis gesprungen und weiteres Unglück verhütet jedoch der Maschinenführer aus der Maschine herausgeschleudert worden sein. Auf der Rückfahrt von hier nach Grebenhain sollen andere Bahnbeamten den Dienst ge- than haben. Der Zug kam mit etwa 1 Stunde Verspätung in Grebenhain an. — Dem Vernehmen nach soll die landes- polizelliche Abnahme der Nebenbhahn Grebenhain — Gedern am 3. Juli erfolgen. -k- Mainz, 29. Juni. Der verflossene Woche in Mannheim verhaftete Eisenbahn dieb, der in einem D-Zuge zwischen hier und Mannheim einem Reisenden eine Brieftasche mit reichem Inhalt geraubt hat, hat inzwischen zugestanden, daß die von ihm ursprünglich angegebenen Personalien falsch waren und behauptet nunmehr, Henry Ceels zu heißen und au§ Brüssel zu stammen. Der Spitzbube gestand ferner, daß er bereits sechsmal wegen Taschendiebstahl vorbestraft ist und die v-Zug-Diebstähle sich zu seinem Erwerbszweig gewählt habe. Die hier verhaftete Frau soll übrigens mit dem Bahndieb, der bei seiner Verhaftung im Besitze einer größeren, in Banknoten bestehenden Geldsumme war, nicht in Verbindung gestanden und sich nur dadurch verdächtig gemacht haben, daß der angebliche Ceels bei Einlauf des D-Zuges sich anschickte, ihre Gepäckstücke in ein anderes Koupee als das vorher eingenommene zu bringen. Der seiner Brieftasche Beraubte glaubt, daß dieses Manöver von Ceels gemacht worden sei, um ihn leichter bestehlen zu können. Mainz, 27. Juni. Der landwirtschaftliche Verein hielt heute eine außerordentliche Ausschußsitzung hier ab, die auf Anregung, des Ministeriums hier einberufen war, um über die Errichtung einer Land Wirtschafts kämm er für das Grotzherzogtum Stellung zu nehmen. Als Vertreter der Regierung wohnte der Versammlung Provinzialdirektor Geh. Rat von Gagern bei, auch war Regierungsrat Steeg anwesend. Der Vorsitzende teilte mit, daß, obwohl der Provinzialverein sich im, großen und ganzen für die Errichtung einer Landwirtschoftskarnmer ausgesprochen habe, man auch die kleineren Landwirte hören wolle. Die Landwirtschastslehrer Groß-Alzey und Schxitt-Bretzenheirn empfehlen die zu errichtende Landwirtschaftskammer, worauf Provinzialdirektor von Gagern die Versammlung Fragte, ob zu den Umlagen für die LandVirtschaftskammer außer der Landwirtschaft, auch die forstwirtschaftlichen Betriebe heranzuziehen seien. Die Versammlung spricht sich einstimmig in diesem Sinne aus. Der nächstfolgende Punkt betraf die Fraae, ob die Verwendung von staatlichen Mitteln durch die Landwirtschaftskammer erfolgen könne, ohne Zustimmung der landwirtschaftlichen Vereine. Der Vorsitzende wies darauf hin, daß die Landwirtschaftskammer Vertreter der gesamten Landwirtschaft sei, und daß diese auch nur die bewilligten Gelder im Interesse der Landwirtschaft verausgaben würde. Die Versammlung war auch mit diesem Punkte einverstanden. In dem Haasschen Entwurf ist fernst vorgesehen, daß vorerst von je 20 Gulden Grundsteuerkapital zwei Pfennig Umlage zur Erhebung kommen sollen. Das Ministerium will wissen, ob die Landwirte sich auch hiermit einverstanden erklärten. Der Vorsitzende bemerkt, daß von sämtlichen Grundbesitzern 75 Prozent von der Besteuerung befreit seien, da die Besteueruitg erst bei denjenigen Landwirten beginne, die ein Grund steuer kapital von 25 Gulden Hütten. Tie mittleren landttirtschaftlicyen Betriebe würden etwa 40 Pfennig Umlage und die größeren 2 Mark bezahlen, die großen und größten Betriebe würden etwa mit 6—10 Mark Beiträge herangezogen werden. Nach diesen Mitteilungen war icke Versammlung mit der Festsetzung der Umlage auf 2 Pfennig einverstanden. Der letzte Punkt betraf die Wahlen zur Landwirtschaftskammer. Der Entwurf sehe das indirekte Wahlrecht vor; die einzelnen Gemeinden sollen hierauf in je zwei Orten eines Kreises zur Wahl der Kammermitglieder schreiten. Bürgermeister Eclert-Kleinwin/ernheim spricht sich sür ein direktes Wahlrecht, das in jeper Gemeinde für sich ausgeübt werden soll, aus. Die Versammlung beschließt einstimmig für die Kammerwahlen das dtrette Wayrrecyt zu verlangen. — Die Gesellschaft für soziale Reform, Ortsgruppe Mainz, hat sich jetzt konstituiert. Vorsitzender wurde Oberbürgermeister Dr. Gaßner. Der Vorstand setzte folgendes Winterprogramm fest: Den ersten Vortrag hält der Minister Frhr. v. Berlepsch, Oberbürgermeister Dr. Gaßner wird mit einem Vortrag über kommunale Sozialpolitik folgen. Ferner werden noch Vorträge halten Dr. Frenay über das hessische Wohnungsgesetz und Dr. Fuld über den Gesetzentwurf der Beschränkung der Kinderarbeiten. Die Vorträge sollen in der breitesten Oeffentlichkeit stattfinden, und der Zutritt unentgeltlich 1 Wiesbaden, 28* Juni. Ein in Zivil gehender OffK zier fand gestern abend 10.15 Uhr em Vergnügen daran, die Scheiben einer zwischen der St. Bonifaeiuskirche und dem katholischen Leseverein stehenden Laterne einzuschlagen. Zur Feststellung seiner Personalien wurde er durch einen Schutzmann nach dem Polizeipräsidium gebracht und nach Abgabe seiner Karte entlassen* * Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Offenbach stürzte der 10 Jahre alte Heinrich Müller beim Angeln in den Main und erkrank. — In Mainz wurde einem Herrn, der einen Augenblick sein Fahrrad auf die Straße gestellt hatte, gestohlen. — In Worms wurde der Inhaber eines „Konsum-Geschäftes" aus Veranlaffung des Staatsanwalts in Mainz wegen Beihilfe zum betrügerischen Bankerott verhaftet. Vermischtes. * Paris, 29. Juni. Ein Kabeltelegramm aus Fort de France vom 26. Juni an den Minister der Kolonien meldet, die nach Martinique gesandte wissenschaftliche Abordnung habe ihr Gutachten dahin abgegeben, daß die Zerstörung von St. Pierre durch Asche und sehr heiße Gase, die ihren Weg in der Richtung von Nord nach Süd nahmen, ver ursacht Horden sei. Die Zerstörung von Le Precheur und Samte Pbjlomene müsse gewaltigen Regengüssen zugeschrieben werden. In den der Küste benachbarten Teilen der Insel habe sich eine Senkung des Bodens nicht bemerkbar gemacht. Die Lage am Vulkan habe sich gebessert und sei von Störungen frei. Petersburg, 29. Juni. Die „Nowoje Wremja" meldet aus Wlitdiwostock: In Jntäu nahm die Zahl der Cholera- fälle unter den Europäern ab. Dasselbe Blat t meldet aus Porth Arthur: Seit dem letzten Ausbruch der Cholera bis zum 23. d. Mts. sind 430 Personen an der Seuche gestorben, darunter 278 Europäer* * Feuersbrunst. In Kapstadt hat eine Feuersbrunst das Gebäude der Afrikan Mutual Affecurance sowie mehrere andere große Gebäude vernichtet. Der Schaden beträgt etwa 1 Million Pfund Sterling. — Eine furchtbare Feuersbrunst in Lüttich zerstörte ein großes Stadtviertel Das Feuer brach in einer Holzsägerei aus und griff auf einen Holzschuppen über, wo für 150 000 Frs. Holz aufgespeichert war. Ferner würden zehn Gebäude vom Feuer ergriffen. Truppen mußten zur Unterstützung der Feuerwehr aufgeboten werden. Der Schaden beträgt über 2 Millionen Francs. Ein Feuerwehrmann stürzte von einer Rettungslecker und wurde schwer verletzt. _________________________________________ Gerichtssoal. Frankfurt a. M., 28. Juni. Kriegsgericht. Das Kriegsgericht hielt heute eine lange Sitzung hinter verschlossenen Thuren ab. An einem verschwiegenen Ort der Kaserne zu Butzbach hatte man an der Wand Zeichnungen entdeckt, die mit überraschender Aehnlichkeit Ossiziere des Bataillons in Karrikaturen Wiedergaben. Man fahndete nach dem Zeichenkünstler und entdeckte ihn schließlich in der Person des Ingenieurs Friedrich Wilhelm Wüst, der s. Z. einjährig gedient hatte und jetzt seine erste achtwöchige Hebung bet der 2. Kompagnie des 168. Infanterie- Regiments machte. Das Kriegsgericht verurteilte ihn wegen Be- leidigung und Achtungsverletzung zu sechs Monaten Ge- ° "^Frankfurt a* M., 29. Juni. (Kriegsgericht der 21. Divi- ion vom 28. Juni.) Heber ein Vermögen von über 40000 Mark verfügt der im 2. Jahre dienende Musketier Meier von der 2. Komp. 81. Jnf.-Regts. (Frankfurt a. M), gebürtig aus Rendel (Oberhessen) und trotzdem entwendete er kürzlich mittels Erbrechens von Spinden zwei Einjahngen-Mantel, um sie später bei der Feldarbeit im Winter zu tragen. Die Sache war so ausfällig, daß die Anklagebchörde selbst beantragte, den Mann auf seinen Geisteszustand zu prüfen. Im Lazarett nun bat er eines Tages den Stabsarzt Dr. Hormann allein sprechen zu dürfen. „Wenn der Herr Stabsarzt was für ihn thun könne, komme es ihm aus einige Tausend Mark nicht an", memte der biedere Meier, als sie allein waren. Er wünschte offenbar, dag ihn der Stabsarzt für geistig krank erkläre* Tas thut dieser nun doch nicht. Er erklärt ihn nur für geistig beschränkt. Meier wird ivegen zweier schwerer Diebstähle und Erpressungsversuchs zu sechs Monate Gefängnis verurteilt und in die zw eite Klasse des Soldat enstandes versetzt. Breslau, 28. Juni. Im Prozeß gegen dre Rheder et vereinigter Schiffer beantragte der Vertreter der Anklage gegen den Hauptaiigeklagten Paul Breslauer 6 Jahre Zuchthaus und 3300 Mk. Geldstrafe, event. noch 220 Tage Gefängnis, gegen Scheffer 3 Monate Gefängnis, gegen Ernst Breslauer 2 Monate Gefängnis und 30 Mk. Geldstrafe, gegen Goldstücker 4 Monate Getangnts. Gegen den Aitgeklagten Petrowsky lautete der Antrag aus Freisprechung. Das Urteil lautet gegen Breslauer auf vier Jahre Zuchthaus, 3300 Mk. Geldstrafe, event. noch weitere 220 Tage Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Dem Angeklagten rourben vier Monate der Untersuchmtgshaft in Anrechnung gebracht. Sämtliche übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Sport. Kiel, 28. Juni. Bei der heutigen Segelwettfahrt deS Norddeutschen Regattavereins erhielten in Klasse 5a, Rennyachten: „Susanne 2" den 1. Preis. „Henry 3 den 2. Preis; in Klasse 5b: „Windspiel 2" den 1. Preis und außerdem den Herausforderungspreis, gegeben voni Norddeutschen Regattaverem, „Blitz 6" dsn 2. Preis, „Paula 2" den 3. Preis; in Klasse 6a: „Donner" den 1 Preis; in Klaffe 6b: „Spatz" den 1. Preis, „Emma 2" den 2 Preis. In Klaffe 5, Kreuzeryachten, erhielten „Stella den 1. Preis, „Harald" den 2. Preis; Klasse 6, Kreuzeryachten, fiel aus, da „Gudrun 2', nicht startete. . Wien, 29. Juni. Automobilwettfahrt Paris-Wien. Als E r st e r ist eingetroffen: Marcel Renault um 2,18^Uhr, als Zweiter: Zborowski um 2,42 Uhr, als Dritter: Moritz Fährmann um 2,57 Uhr, als Vierter: Baras um 3,1 Uhr, als Siebender Baron Forest. Dieser hatte Maschinendefekt erlitten und mußte von der Komiteemaschine durchs Ziel gezogen werden. Er wurde disgualifizierl. Rens de Knyff, der den Arlberg m 19 Minuten passiert hatte, blieb im Ober in n th a l liegen. Der Teilnehmer an der Wettfahrt Bellamy stürzte ans dem Arlberg und verletzte s i ch l e i ch t. Em anderer Teilnehmer stürzte in der Nähe der Trisanabrücke l&O Bieter Hef ab. Er erlitt leichte Verletzungen, der Wagst nmrde zertrümmert. Ports, 28. Juni. Bei der Pariser Automobil-Wettfahrt hat sich herausgestellt, daß die mit Spiritus betriebenen Maschinen den anderen überlegen sind. Dieses Resultat dürfte eine Umwälzung auf dem Gebiete des Automobilismus Hervorrufen. Paris, 29. Juni. In der heuttgen Wettfahrt um den großen Radfahrerpreis der Stadt Paris wurde der Holländer Meyers Erster, der Belgier G r o g n a Zwetter, der Däne E l l e- gard Dritter. Arbeiterbewegung. Bielefeld, 28. Juni. Wegen Lohnreduktion von 50 Pfg. pro Taufend haben die Eigarrenarbeiter und Wickelmacher bei der Finna Schulte und Eo. (Hemeyer) in Schildefche chre Kündigung eingereicht. Alle Verhandlungen blieben erfolglos. Dandel und Verkehr. Volkswirtschaft. — Der neue preußische Etsenbahnminister und die Börse. In Börfenkreifen steht man dem neuen preußischen Eisenbahnminister durchaus sympathisch gegenüber. So schreibt der Berlmer Korrespondent eines großen Finanzblattes: Herr v. Thielen war der Börse gewiß ein sympathischer Mann. Er hat noch als eine seiner letzten Amtshandlungen den Vertrag für die Kohlenlieferungen des Syndikats mit dem Eisenbahnsiskus für 1903 hinterlassen, ein Vertrag, zu dessen Abschluß man dem ^Syndikat Gluck wünschen kann. T)enn 11 Mk. pro Tonne ist ein ^atz, wie er der heuttgen Marktlage kaum entspricht, da heute er ft Kohlensorten zu einem 2—2^0 Btt. billigeren Preise als im vorigen Jahre angeboten werden. Die Eisenbahndirektton Essen wollte, wie unlängst behauptet wurde, auch nur auf Basis von 10,50 Btt. mit dem Syndikat unterhandeln, als der Minister dem Handel durch den desmitiven Abschluß zu 11 Mk. ein Ende machte. Herr v. Thielen dachte ttidustriell. Seine Etatsreden waren der Börse Sphärenmusik. Ihnen folgte jedesmal die Montanhausse. Dabei war Herr v. Thielen nur durch seine Heirat der Großindustrie nahegerückr. Er war aus der Bureaukratie hervorgegangen und blieb in gewissem Sinne Bureaukrat bis zu jeiiiem Abgang. Herr Generalmajor v. Budde, der Rachsolger, aber ist ein Großindustrieller gleich seinem Kollegen Möller. Er war bisher für den Löwe-Eoncern thattg. Er war oberster Leiter der deutschen Waffen- und Mimttionsfabriken, Aufsichtsrat einer Reihe von zur Löwe-Gruppe gehörenden Gefell- », wie der Waffenfabrik Maufer, der Dürener Metallwerke, briaue Nationale d'armee de guerre in Heristal rc. Man darf 'annehmen, daß Herr v. Budde moderne Anschauungen mJem Amt hineinbringen und die Tarifpolitik der Bahnen m Industrie- förderridem Sinne gestalten werde. Daß er Anhänger der Kanalvorlage und namentlich des Mittellandkanals ist, weiß man aus feiner Thätigkeit im Abgeordnetenhaus. Menn irgendwer, so ist Herr v. Budde der Mann, das Thielen'sche Wort: „Unb gebaut wird doch" wahr zu machen. Der Börse konnte kein anderer Mann genehm sein. Es zeugt von der Indolenz und Kraftlosigkett der Börse, daß sie auch auf diese Ernennung nicht reagierte. — Akt.-Ges. Elektrizitätswerke vorm. Kummer, Dresden. Eine in Dresden abgehattene Versammlung der Aktionäre und Obligationäre wählte eine neungliedrtge Kommission, die über Re- organisationsvorschläge zu beraten und dann emer neuen Versammlung zu unterbreiten hat. Sofia, 29. Juni. Die neue, mit der russischen Reichsbank ttnb dem französischen Bankkonsorttum abgeschlossene bul- aarischeStaatsanleihe im Betrag von 1 06 M tl l i o neu Aran cs basiert auf der T a b a k st e u e r. Die Amortisatwnsfrist beträgt 50 Jahre, der Emissionskurs 81V,. Die Anleihe dient zur Tilgung von schwebenden Schulden m der Höhe von 84 /, Millionen Francs. Märkte. ko. Frankfurt eine Belästigung beS Publikums verursacht wird, Bestrafung nach Maßgabe des § 360 pos 11 R.S1.G.B. em- zutreten hat. - „ Die Schutzmannschaft ist angewiesen worden, nötigenfalls Anzeige zu erstatten. Gießen, den 30. Juni 1902. Großherzogliches Polizeiamt Gießen H e ch l e r. Verdingung. Die zur Herstellung des äußeren Verputzes und Umdeckung des Daches der Realschule erforderlichen Weißbinder-, Spengler- und Dachdeckerarbeiten sollen Mittwoch den 9. Juli d. I., vormittags 11 Uhr, öffentlich verdungen werden. Arbeitsbeschreibung und Bedingungen liegen während der Dienststunden auf unserem Bureau, Zimmer Nr. 2, Schreibstube, zur Einsicht offen. Angebote auf Vordruck, der daselbst erhältlich, sind bis zum genannten Termin bei uns einzureichen. — Zuschlagsfrist 3 Wochen. Gießen, 28. Juni 1902. Das Stadtbauamt. Schmandt. 4775 Stadt. Schlachthaus. Freibaut. Morgen: Schwkwesteisch 50 pfg. Versteigerung. Mittwoch den 2. Juli L I., vormittags 8 Uhr, wird das der Gemeinde Allendorf a. d. Lda. zustehende Heugras versteigert. Die Dörnbachswiese wird bei der Versteigerung nicht vorgezeigt. Zusammenkunft bei der Ziegelhütte. Allendorf a. d. Lumda., den 28. Juni 1902. Großherzogl. Bürgermeisterei Allendorf a. d. Lda. Rein. 4765 Zum Fest der 1000. Immatrikulation wurde mir der Alleinverkauf von Lampions übertragen und sind solche a 25 Pfg. auf dem Festplatz zu habens Carl Bourgeois. Wntliche ZlWilz in Wen. Der nächste Jrnpftermin findet Mittwoch den 2. Juli, nachmittags von 2^3 Uhr, der letzte Jrnpftermin Mittwoch den 9. Juli, nachmittags von 5—6 Uhr statt. Gießen, den 28. Juni 1902. 4772 Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. Mecum. Unserer werken Kundschaft zur Nachricht, daß sich unsere Wohnung von heute ab Landgrafenstraße 4—6 befindet. 4770 Kröck & Müller, IWeckerMißer. Saison - Räuniungs-Verkauf. 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