Nr. 254 Mittwoch, 29. Oktober 1902 152. Jichrg. Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag?. Die ,.Gießener Familienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen. Parlamentarische Perhaudlmtge«. Nachdruck ohne Vereinbarung nichl gestattet. Deutscher Reichstag. 205. Sitzung vom 28. Oktober. 12 Uhr. Das Haus ist mäßig besetzt. Am Bundesrathslisch: Graf Posadowsky, von Pod - k i e l s k i u. A. v Die zweite Berathung des § 1 des Zolltarif-Gesetzes wird bei den M i n i m a l z ö l l e n für Dreh (14,40 Mark für den Doppelccntner) und Fleisch (36, 48 und 96 Mk. pro Doppelcentner) fortgesetzt. Aüg. Frhr. von Wangenherm (kon,.) beantragt für Vieh Minimalzöllc von 18 Mk. für den Doppelcentner, Fleisch 45, 60, 120 Mk. Die Sozialdemokraten beantragen überall Zoll- f r e i h e i t. Abg. Graf Kanitz (kons.): Der Abg. Müller-Sagan ist gestern noch über das hinausgegangen, was der Abg. Bebel neulich über die Thierärzte gesagt hat. Ich möchte demgegenüber aus meiner langen Praxis bestätigen, daß die Vorwürfe gegen den Stand der Thierärzte durchaus unbegründet sind. Mir ist noch kein Fall vorgekommen, wo ein Thierarzt sich durch den Grundbesitzer hat beeinflussen lassen. Bedauerlich ist es, daß Einzelfällc generalisirt werden. zeugen. Ich habe schon in der Kommission hcrvorgehoben, daß alle Behauptungen über die Wirkungen der Getreidezölle auf die Gestaltung der Jnlandpreise unzweifelhaft aus der Luft gegriffen sind. Niemand kann Voraussagen, wer den Zoll bei dem Getreide zu tragen haben wird, Niemand kann Voraussagen, wie in Folge des Gctrelde- zolls einerseits die Entwickelung des inneren Getreidebaus sein wird und von welchem Einfluß die Entwickelung jener Lander sein wird, wo noch tausende Quadratmeilen dem Getreidebau erschlossen werden können. Man kann von den Getreidezöllen nicht immer behaupten, sie verhinderten ein weiteres Sinken der Preise und sie bildeten den Unterschied zwischen dem Inland- und dem Weltmarktpreis^ Das Entscheidende für die Gestaltung der Getreideverhaltnisse auch im Jnlande ist und bleibt immer der Weltmarktpreis. Nun ist es mir einmal sehr verübelt worden, daß ich mich m der Kommission auf die Ansicht eines sozialdemokratischen Schriftstellers berufen habe. Solche Angriffe lassen mich vollkommen kalt. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich auf den Standpunkt stellen, daß der Gegner mit seinen Behauptungen a priori Unrecht hat. Wenn man sich in dieser Weise von der Parteileidenschaft blenden läßt, dann ist man nicht mehr unparteiisch. Ich nehme darum auch heute keinen Anstand, mich wieder auf einen sozialdemokratischen Schriftsteller zu beziehen Und zwar ist es diesmal der sozialdemokratische Abg. Schippet Schippei stellte fest, daß kein Zoll im Stande gewesen ist, das Sinken der Getrcidepreise zu verhindern. (Hört, hört!) ,Er belegt es durch eine zahlenmäßige Aufstellung, daß alle deutschen Getreidezolle einschließlich des Fünfmarkzolls das Sinken der Getrcidepreise nicht verhindert haben (hört, hört! rechts): er macht besonders aufmerksam auf das empfindliche Hcrabgleiten der Preise in den achtziger Jahren und fügt hinzu, ohne Zölle hätte man vielleicht schon damals von einer Katastrophe sprechen können (hort, hort! rechts), der tiefste Eindruck der neuen internationalen Konkurrenz haue sich aber in den neunziger Jahren geltend gemacht. (Hört, hört! rechts ) Wenn ich solche Worte aus dem Munde eines konservativen Schriftstellers zitirt hätte, wurde man sicher seine Glaubwurd'gkmt bestritten haben (sehr richtig! rechts), nun, meine Herren, darum habe ich einen solchen Schriftsteller zitirt, der zu einer Partei gehört, die eiitschieden alle Gctrcidezölle bekämpft. Wenn auch der Zoll gestiegen ist, so ist doch in derselben Zeit, nämlich seit 1879, die Fracht von Chicago nach Southampton um 34 Mark gesunken. Es soll also dem Landwirtbe durch die erhöhten Zölle im Wege des Ausgleichs nur ba§ gewährt werden, was er früher gehabt hat. Ich gestehe ohne Weiteres zu, daß ben Land- wirthen auch ohnedies oeholfen gewesen wäre, wenn sie 400 000 Arbeiter mehr zur Verfügung gehabt hätten; dann aber liegt za gerade der circulus vitiosus, daß in den Zeiten, wo die Industrie mißerodentlich blüht, der Rückschlag auf die Landwirthschaft fallt, denn die Arbeiter wandern in solchen Zeiten vom Lande in die Jndustriecentren au§ und die Landwirthschaft findet dann überhaupt keine Arbeiter. (Sehr richtig! rechts.) In einer Reihe von Provinzen und besonders in Schlesien war eine Roth an Arbeitskräften, die einem geradezu das Herz brechen konnte, wenn man sie sah. Ganz unzweifelhaft steht fest, daß nut einem rapiden Aufschwung der Industrie ein Rückschlag für die Landwirthschaft verbunden ist, und cs wird vielleicht nicht die Zustimmung auf der rechten Seite des Hauses finden, aber trotzdem halte ich es für wahr: Kein polizeiliches Mittel kann auf die Dauer dazu führen, die landwirthschaftlichcn Arbeiter auf dem Lande zu halten. (Sehr richtig! links.) Sie können sie nur dann auf dem Lande halten, wenn Sie ihnen die gleichen Existenzbedingungen geben, wie in den Städten. (Zustimmung links.) Also, bei allen diesen Debatten bewegen wir uns in einem circulus vitiosus. Auf der einen Seite fordert man mit Recht, daß mit der Zeit auch die arbeitenden Klassen an dem wachsenden Wohlstand der höheren l Klassen theilnehmen und ihren Standard of lifc verbessern. Jeder verständige Mann muß das im Interesse der Kultur wünschen und : mit allen Mitteln befördern. Aber das gleichzeitige Klagen über : zu hohe Preise steht damit im Widerspruch. Hohe Leutclöbne und niedrige Preise sind zwei Dinge, die sich absolut ausschlicßen und i die zum Bankerott jedes Grundbesitzers führen müssen, auch wenn i er noch so billig gekauft hat. In ganz ungeheurem Maße sind in nützen. Sic nützt nur den Junkern. Ich weiß aber nicht, ob der deutsche Reichstag cs verantworten kann, zu Gunsten einer Kaste, in deren Territorien noch halbasiatische Zustände herrschen (Unruhe rechts) — wie ja der Prozeß in Trakehnen gezeigt hat (Lärm rechts) —, dem deutschen Volte das Brod und das Fleisch zu ver- theuern. Thun Sie es immerhin, aber sprechen Sie dabei nicht von Gerechtigkeit, von Religion und Christcnthum! (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten. Unruhe rechts.) Die Herren von der Rechten wenden immer den alten Kniff an, uns als Gegner der Landwirthschaft zu dcnunziren, weil wir nicht die Taschen der Junker füllen wollen. Wir sollen überhaupt Feinde der bestehenden Gesellschaft, der Verfassung u. s. w. fein! Der Zolltarif ist den Herren so ungefähr identisch mit der göttlichen Wcltordnung. Besonders charakteristisch ist die Wandlung des Centrums, das früher in seinem AVC-Buch versprach, bei der Aenderung des Zolltarifs die Bedarfsartikel der ärmeren Bevölkerung zu entlasten (Hört hört'), und jetzt munter die denkbar höchsten Zölle auf diese Artikel legen will. Ja, unsere Agrarier können Alles verlangen, was ihnen cinfällt. Wie können wir denn erwarten, daß man sich um die Verhältnisse der Arbeiterklasse kümmert? Von unserem wundersamen Landwirthschaftsministcr kann man das nicht verlangen, da er ja in seinem eigenen Ressort nicht Bescheid weiß. Er hat ja wichtigere Angelegenheiten zu besorgen; er hat dafür zu sorgen, daß auf gewissen Gütern keine Milchvantscherci getrieben wird, daß mindesten» j hei Kaiserrcisen der Schweinebraten nicht fehlt, weil das dem Heimathsgefühl Abbruch thut. (Heiterkeit links.) Da ist es kein Wunder, wenn tr von der Flcischnoth nichts weig! Wo kann er noch die Zeit haben, sich die amtlichen Berichte der Städte über die Schlachtungen anzuschen? Redner verliest die Namen von 42 Städten, aus deren Berichten sich zur Evidenz der Mangel an schlachtbarem Vieh ergicbt. Ucberall Mangel an Rindvieh, überall Zunahme der Pferdeschlachtungen! Die Agrarier wollen das "icht wahr haben, und das Centrum macht das alles mit Senjraiaöcn haben natürlich nur die Arbeiter. Es ist Zeit, daß den katholuchcn Arbeitern, die jetzt noch die Gefolgschaft des CentrumS bilden, die Augen aufgchen über die Arbeiterfteundlichkeit des letzteren. Das Verhalten des Centrums zum Zolltarif wirkt unter den Arbeitern aufklärcndcr, als jahrzehntelange Agitation In den chrnilicken Gewerkschaften gährt eS: die katholischen Arbeiter sehen allmählich ein, worum es sich bei der ganzen Aktion handelt. Sie werden zur Sozialdemokratie kommen müssen, da wir die einzige Panci sind, die für feine Verthcuerung der Lebensmittel, gleichviel, ob nach Art der Negierung, oder nach Art der Kommission, zu haben find. i (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Gras v. Posadowsky. Der Herr Sorrebner hat eine Behauptung aufgestellt, die ich aus sachlichen Gründen nicht I cianz unbeantwortet lassen kann, wenngleich es mir aus pchchologi- schen Gründen sehr zweifelhaft ist, ob bei der Stimmung des HauseS sachliche Gründe überhaupt noch geeignet sind, Jemand zu überfahr nicht ausschließen. Wie groß aber die Gefahr ist, das erhellt aus der einen Thatsachc. daß in Oesterreich-Ungarn zu Anfang 1902 1779 und im Oktober bereits 2110 Gehöfte allein durch Schweinepest verseucht waren. Eine laxere Auffassung hier ein- treten zu lassen, ist um so weniger am Platze, als Deutschland in nicht zu ferner Zeit, ich möchte sagen, in allernächster Zeit, in der Lage sein wird, das eigene Bedürfniß nach Schweinefleisch in vollem Umfange selbst zu beliebigen. Der deutsche Landwirth ist seit Jahrzehnten bestrebt, sich die Errungenschaften der landwirth- schaftlichen Technik auf jedem Gebiete zu eigen zu machen. Seitdem die Männer der Wissenschaft sich seiner angenommen haben, befindet er sich auf einem andauernd fortschrittlichen Gebiete, man darf von ihm nicht mehr sagen, daß er rückständig oder ein „dummer Bauer" fei. Wenn gleichwohl sich die Landwirthschaft in einer gewissen Nothlage befindet, dann begreife ich nicht, wie man behaupten kann, daß man an den jetzt bestehenden Zollsätzen nichts ändern dürfe und auf ihrer Grundlage Handelsverträge abschließen müsse. Wenn man anerkennt, daß in den letzten zehn Jahren des bestehenden Tarifs sich die wirthschaftlichen Verhältnisse auf den verschiedensten Gebieten geändert haben, bann muß man doch auch anerkennen, daß diese Aenderungen bei der Neugestaltung des Zolltarifs in Rücksicht gezogen werden müssen. Hier handelt es sich nicht um ein Interesse des Großgrundbesitzes, sondern um em Interesse, das der gesammten deutschen Landwirthschaft gemeinsam ist. Entschiedene Verwahrung mutz ich gegen die Behauptung der „Deutschen Tageszeitung" einlegen, datz ich nur insoweit für die Erhöhung der Viehzölle ein trete, wie es der Reichskanzler erlaube. Ich bedarf keiner Erlaubnitz des Reichskanzlers, ich bin ein unabhängiger Mann und trete aus innerster Ueberzeugung für die Regierungsvorlage ein. . Der Zolltarif läßt sich vergleichen mit einem schweren Gewitter. Hüben und drüben zündende Blitze und rollender Donner! Ich hoffe aber, der wahre Patriotismus, der stets bestrebt ist, berechtigte Einzelinteressen gebührend zu berücksichtigen, dem das allgemeine Wohl Alldeutschlands am höchsten steht, wird sich auch demnächst bewähren als ein Blitzableiter in dem schweren Wetter. Ich hoffe, wir werden, wenn nicht in diesem, dann im nächsten Reichstage zu einem Zolltarif gelangen, der sich als ein befruchtender Regen erweisen wird, nicht nur für die deutsche Landwirthschaft, sondern für das ganze deutsche Vaterland. (Beifall bei den National- Liberalen.) Abg. Dr. Zwick (freif. Vp.): Auch wir sind dafür, daß dort, i wo nahe der Grenze eine Gefahr der Seucheneinfchleppung besteht, 1 — daß dort die Grenze gesperrt bleibt, aber wir wollen nicht, daß bei jeder Fleischeinfuhr erst der Nachweis erbracht werden soll, daß das ganze Ursprungsland seuchenfrei ist, denn damit wird über- , Haupt jede Einfuhr so gut wie ausgeschlossen. _ Wir wollen aber, daß ( an den Stellen, die nachgewiesenermaßen vollständig seuchenfrei sind, die Grenzsperre aufgehoben wird. Sie sagen: billiges Brod, billiges Fleisch, hohe Löhne, all das zusammen läßt sich nicht erreichen. Gewiß, aber manches davon läßt sich doch erreichen, wenn wir günstige Handelsverträge haben. Haben wir sie, bann ist die Stetigkeit und Gleichmäßigkeit unseres ganzen Erwerbslebens gesichert, dann blühen Industrie und Handel, dann profitiren auch die Arbeiter davon. Schließlich hat auch die Landwirthschaft den Nutzen davon, denn ohne konsumfähige Arbeiterbevölkerung kann sie sich doch nicht rentiren. Sie (nach rechts) dagegen bewegen sich in einem circulus vitiosus. Sie wollen die Viehzucht, aber gleichzeitig beschließen Sie die Zölle auf Futtermittel. Dadurch machen Sie jene Steigerung doch wieder illusorisch. Auch die Viehzölle selbst liegen durchaus nicht immer im Interesse der Viehproduzenten. Ich muß da Herrn Dr. Semler ganz und gar widersprechen. Aus dem Oldenburgischen z. B. weiß ich, daß die dortigen Viehzüchter für die Viehzölle nicht sonderlich begeistert sind. Nämlich: ihren eigenen Fleischbedars decken sie durch importirtes Fleisch, während sie das von ihnen gezüchtete Vieh verkaufen. Es ist da sehr zweifelhaft, ob sie mit Zöllen ober ohne solche besser fahren. Rebner ergeht sich bann in längeren Ausführungen über bas Verbot bes mit Borsäure präparirten Fleisches. Es stäuben in biefer Frage zwei An- djaunugen einanber gegenüber. Die wissenschaftlichen Autoritäten eien von ber Ansicht, baß bie Borsäure-Präparate gesuubhetts- chäblich seien, gänzlich zurückgekommen. Rcbner erwähnt unb erläutert eine große Reihe von Versuchen unb Gutachten in biefer Materie. Den Versuchsthieren wäre ber Boxax u. s. w. immer sehr gut bekommen. Es liege also gar kein Anlaß vor, dieses präparirtc Fleisch den Menschen zu entziehen. Abg. Segitz (Soz.): Es wird wirklich schwer, nach den hier gehörten Reden sich eine objektive Meinung über die Landwirthschaft zu bilden. Nach dem einen Redner geht cs ihr ganz gut, nach dem anderen miserabel. Unb bie Mittel, bie vorgeschlagen werben, find von einander so verschieden wie möglich. Der Abg. Graf Kanch hat bie Aufhebung ber kommunalen Schlachtsteuern verlangt. Die Rechte selbst hat aber in ber Kommission zum Theil bagegen gestimmt, vorwicaenb aus bem Grunde, weil derartige Beschliissc nicht in die Kompetenz des Reichs gehören. Immerhin ist diese Anregung sehr beachteuswerth. Der Abg. Graf Kanitz hat zum Beweise dafür, daß eine Fleischtheuerung nicht existirt, auf die amerikanischen Fleischpreise hingewiesen. Ja, verschaffen Sie dem deutschen Arbeiter bie amerikanischen Löhne, bann wirb er auch bie amerikanischen Fleischpreisc bezahlen kö.men. Aber Sie sind wohl für Minimalpreife für Lanbwirthschaftsprobukte, aber nicht für Minimallöhne für Arbeiter. Herr Kollege Spahn hat bie Hoffnung ausgedruckt, daß immer noch eine Verständigung in Bezug auf den Tarif zu Stande kommt; er meint sogar, diese werbe auf Grund der Kommisfionsbeschluste ' erfolgen. Nun, das wird wohl unmöglich fein, nach den be- : stimmten Erklärungen ber Regierung. Dagegen wird das Centrum : sich schon zur Regierungsvorlage zurückbekehren. Allerdings wird . es jetzt nicht Umfallen, sondern erst nach den Wahlen Vor den . Wahlen kann das Ccntrum einen Umfall wegen seiner Wähler nicht ; riskiren Es ist also die Weiterberalhung zunächst völlig zwecklos, : was soll denn diese ganze Rederei? (Zurufe rechts: Allerdings!) llna werden Sie, falls überhaupt toeitcrberatficn wird, nicht ’ hindern können, für eine gründliche Durchberathung Sorge zu tragen Sie möchten uns ftcilich mit Gewalt daran hindern. Von Seiten des Centrums ist ja bereits, wie die „National-Zeitung' mitgetheilt hat, an die National-Liberalen bie Anfrage gerichtet worden ob sie für eine Aenberung ber Geschaftsorbnung zu haben seien. (Hört, hört!) So schnell geht eine Aenberung ber Geschäftsordnung nicht, meine Herren vom Centrum bas haben Sie ja auch in ber bairischen Kammer beim Antrag Aichbichler gesehen. Also machen Sie bem grausamen Spiel ein Enbe! Losen Sie den Reichstag auf. Kurios ist es, baß ein Centrumsredner gemeint hat, die Minbestzölle wären nickt nöthig, wenn wir noch ben pursten Bismarck hätten. Dieses rührenbe Vertrauen zu Bismarck ist auch eines ber vielen Symptome für bie tiefgreifenbe Wanblung innerhalb der Centrumspartei. Dieses Vertrauen ist aber 'n diesem o-atte gänzlich ungerechtfertigt. Das hat ja bte Haltung des Abg. Fürst Bismarck in ber Kommission gezeigt. (Zuruf reckts: Jrrthrnn!) Die Zollerhöhung erfolgt auf Kosten ber Industrie, mrf Kosten der Arbeiter, ohne der kleinen und mittleren Landwirthschaft zu Was die theuren Fleischpreise betrifft, so möchte ich in erster Linie bie Grotzstäbte ersuchen, bie Schlachtstcuer da, wo sie noch besteht, aufzuheben. In Breslau hat sich ber Oberbürgermeister Benber, ber sich zur freisinnigen Volkspartei rechnet, energisch gegen bie Aufhebung ber Schlachtstcuer getoanbt, er bezeichnete" bie sozialdemokratische Agitation bafür als das Aergstc, was ihm an politischer Brunnenvergiftung vorgekommen sei, unb in ähnlichem Sinne äußerte sich unter lebhaftem Beifall ber Stabtverorbneten- Versammlung ein freisinniger Stadtverorbneter. Die Steigerung der Fleischpreise ist verhältnißmähig gering, sie sinb in Berlin von 1881 bis jetzt von 106 auf 119 Mk. gestiegen. Was bedeutet das gegenüber den hohen Ausgaben, die der Landwirthschaft aus ben sozialpolitischen Gesetzen erwachsen! In München ist fest- gestellt, batz bie Viehkommissionäre an ben hohen Fleischpreiscn schuld sind. Werfen wir nun einen Blick auf den Weltmarkt, so finden wir, daß England ber größte Abnehmer ist. Der Einfuhr- werth von Fleisch nach Englanb beträgt 1025 Millionen Mark. Australien, dessen Rindviehproduktion im Vcrhältniß siebenmal so groß ist als die unsrige, hat in Folge der Dürre im letzten Jahre nicht mehr so viel ausführen können, unb England ist auf bic Zufuhr aus anberen Länbcrn angewiesen. Die Preise ber anberen Länber sinb aber weit höher als bei uns. Amerika behält seine guten Maaren für sich, die schlechten unb beworbenen werben nach einem bestimmten Rezept behanbelt unb uns geliefert. Da liegt doch wahrlich kein Grund vor, ben Amerikanern durch Zollerlcichtc- rung zu Hilfe zu kommen. Die Oeffnung ber Grenzen hat keinen Zweck; allerbings würde bann etwas mehr Fleisch zu uns lammen, aber bann hätten wir bie Gefahr ber Verseuchung, deren Bekämpfung so hohe Kosten verursachen würde, daß die Preise noch viel weiter steigen würden. Herr Bebel sagt, an ben Fleischpreisen hat ber kleine Bauer kein Interesse. An den Getreidepreisen soll er auch kein Interesse haben. Ja, woran hat er beim eigentlich Interesse? Wovon lebt er denn eigentlich? Man mutz doch bedenken, datz, wenn dem Landarbeiter in Folge ber Seuche ein Schwein stirbt, bies für ihn ben Verlust vieler Arbeitstage be- beutet. Man verweist auf Dänemark, wo kein Zoll besteht, aber man beult nicht an bie rabikale Viehsperre, die Dort burchgeführt ist. Bei einer solchen Vichsperre hat boch ein Zoll gar keinen Zweck und würbe auch nicht einen Pfennig einbringen. Man darf auch nicht außer Acht lassen, baß bie bänischc Butter allmählich die deutsche vom englischen Markt verdrängt hat, wodurch der Land- wirthschaft wieder ein großer Schaden erwächst. Die Herren von der Linken verlangen billiges Brod, billiges Fleisch und hohen Lohn für bie Jnbustricarbciter. Alle biese bret Wünsche sinb zu gleicher Zeit unerfüllbar. (Sehr richtig! rechts.) Ich kann aus der letzten Rede des Reichskanzlers nicht Alles unterschreiben, aber der Satz ist zweifellos richtig, daß es dem Arbeiter in erster Lime auf einen sicheren Verdienst ankommt. Der heimische Markt wird in kurzer Zeit das Hauptabsatzgebiet unserer Industrie sein. Thun Sie das Ihre, damit auch dem Landmann ber heimliche Markt gesichert wird. Nur so wirb bic brennenbe Fleischfrage gelöst werben. (Beifall rechts unb im Genirum.) Abg Tcpkcn (nat.-lib ): Meine Freunde sind im Allgemeinen gegen die Bindung der Vieh- und Fleischzölle. Die Regierungsvorlage sieht höhere Getreide- unb höhere Vichzolle als bisher vor, unb sie bezweckt eine Binbung ber Getreibezälle. Der Grunb bafür liegt darin, daß bie Probutte bes Ackers unter ber er- drückcnbcn Konkurrenz des Auslanbes leiben und andererseits, daß bic Probuttionskosten erheblich gestiegen sinb. Anbers bet den Produkten ber Viehzucht, wo bic Preise feit Jahrzehnten in einer Steigerung begriffen sinb. Es ist nicht außer Acht zu lasten, batz vor etwa drei Jahrzehnten die Viehproduktion m Deutschland noch ganz andere Bahnen wandelte, als heute. Vor 30 Jahren war Deutschland noch thcilwcise ein Vieh exportirenbes Land. Nach England ging sehr viel deutsches Vieh und für deutsche Schafe war Frankreich der beste Abnehmer. Heute ist das anders geworden Ferner diente die Nindviehzucht vor etwa 30 Jahren noch im Wesentlichen der Fleischproduktion, heute bient sie ber Milch- unb Fleischprobuktion unb zwar in erster Lime ber Milch - probuktion. Wie ftühcr in der Fleischversorgung das Rindvieh bominirte, so bominiren heute die Schweine. Die Ursache vieler letzten Erscheinung liegt darin, datz bas praparirte Rinbfleisch nicht mehr ben Anklang fiiibct wie ftühcr In früheren Jahren war cs tm bäuerlichen Betriebe üblich, im Herbst einige Stuck Großvieh zu schlachten unb bann bis zum Sommer davon zu leben Der Haup gründ für den Rückgang des Rind leischkonsums und die Steigerung des Schweinefleischkonsums ist aber die Abwanderung ber Arbeiter vom platten Lande in bie Snbuftriecentren DicLanb- arbeitcr hatten schon früher bic Gewohnheit wesentlich Schweinefleisch zu verzehren, unb zwar basienige, bas sie selbst probuzirten, unb sie blieben bei biefer Gewohnheit auch noch, alSiieinbxeQitabte abtoanberten. Ucberbies weiß d'e Hausfrau des Arbeiters ehr wobl bnü wenn sic für bastelbe Gelb Rinbfletzch ober Schweine- B lauft fk mH Schw-m°fl-isch erheblich weiter tommt. Datz bie Schweinepreise in ben letzten Jahren weientlich gestiegen sind, liegt zum Theil auch daran, datz sie zeitweilig so Suruckge- ganacn toa?en, datz bas Fleisch mckst mehr mit, Gewinn von ber Landwirthschaft produzirt werden konnte und daher die Probuktion abnahm. Die Grenzsperre hat auf die Erhöhung des ^-chw inc- fleisches fast leinen Einfluß gehabt. Seit dem 1 Jmruar 1896 sind die Bestimmungen über Die Zulassung über f verändert worden, und gerade m diesen '^bren ist die Preissteigerung eingetreten. Datz laxere Bestimm^ sollen in Betreff der Zulassung von Schweinen r die Grenze, wurde ich für eine große Gefahr für unsere Dwlstcpande halten, uist) mrch die sofortige Wschlachtung in ben Schlachthäusern würbe biese Ge- den letzten Jahrzehnten die Druttokosten für Me Land wirtschaft gestiegen. Nun ist auf England hingetviesen worden. Es ist gesagt worden: In England herrsche Zollfreiheit, gleichwohl gehe es oer englischen Lmidwirthschafi sehr gut. Ja, entweder verstehe ich gar nichts von der Landivirthschaft, oder bte Herren, die das behaupten, kennen die Verhältnisse nicht. Wer die Zustände auf englischen Gütern auch nur einmal in Augenschein genommen hat, der wird zugeben, in welch hohem Maste dort die Landwirthschaft nicht mehr Erwerbsquelle, sondern eigentlich Lurusgegenstand ist. Es Gehört dort zu einer gewissen sozialen Position, Grundbesitzer zu ein. Das Einkommen bezieht man aus ganz anderen Quellen. Wäre es wahr, daß die Zollfreiheit den bäuerlichen Besitz fördert, so hätte doch in England eine ungeheure Vermehrung des Bauernstandes eintreten müssen. Was sehen wir aber statt dessen? In keinem Lande der Welt hat sich die Latifundienwirthschast in so gefährlicher Weise entwickelt, wie in England. (Sehr wahrl rechts.) 2,8 Prozent sämmtlicher Grundeigcnthümer Englands besitzen die Hälfte der gejammten Oberfläche des Landes. Ein Drittel des ganzen englischen Landes befindet sich im Besitz von 710 Personen. In Northumberland gehört 44 Besitzern % des ganzen Besitzes. (Zuruf links: Das stammt ja noch aus der Zeit der Korn^olle!) Nein, die Bewegung, welche zu einer Vergrößerung des englischen Latifundienbesihcs fuhrt, datirt nicht nur aus der Zeit der Storni zölle, sondern sie hat sich auch nachher weiter entwickelt. Zustimmung rechts, Widerspruch bei den Soz.) Ich bedauere ja, daß ich Behauptungen aufstellcn muß, die sich nicht mit Ihren Anschauungen decken, aber ich muß mir das Recht Vorbehalten, meine auf Grund wissenschaftlicher Studien gewonnenen Ansichten zu entwickeln. Nun zu Deutschlandl Es wäre ein Fortschritt für die östlichen Provinzen, wenn wir dort mehr Kleinbesitz hätten (sehr richtigl), und ich hoffe, daß einmal die Zeit kommt, wo cs politisch und finanziell möglich sein wird, auch in anderen Provinzen Ansiedelungs- kommissioncn wie in Westpreußen und Posen zu bilden. Das würde der Landwirthschaft zum größten Vortheil gereichen. Aber die Herren sind im Jrrthum, wenn sie glauben, daß unser Bauer eines geringeren Zollschutzcs bedarf als der Großgrundbesitzer. (Sehr richtig! rechts und im Centrum.) Aus einer Rede, die der badische Finanzminister gehalten hat, geht hervor, daß in Baden, wo doch der Bauernstand erheblich günstiger steht als im Osten, ein Bauernhof nach dem anderen vom Fiskus oder von städtischen Kapitalisten, die ihn als eine Art Sommeraufemhalt betrachten, angekauft wird. Es ist ein Jrrthum, anzunehmen, daß der Bauer, der in der Regel doch kapitalschwächer ist, leichter existiren kann unter dcm System der Zollfreiheit. Wir fönnen eines Zollschutzes nicht entbehren. :(Rufe links: Dänemark!) Dänemark können Sie mit Deutschland nicht vergleichen. Dänemark hat ein außerordentlich feuchtes Klima und es hat in Folge dessen unendlich viel günstigere Wiesenverhältnisse, die gar keiner ober sehr geringer Bearbeitung bedürfen. Es, eignet sich daher viel mehr als Deutschland zur Viehzucht. Versuchen Sie es doch einmal, auf dem märkischen Sand die gleichen Erfolge zu erzielen! Was die F l e i s ch n o t h betrifft, so ist hier das Fleisch- beschaugcsetz viel angegriffen worden. Man konnte ja darüber zweifelhaft fein, ob man ein Fleischbeschaugesetz erlassen sollte, oder nicht. Die gcsammte öffentliche Meinung war aus hygienischen Gründen dafür. (Sehr richtig! rechts.) Aber eins ist doch klar: wenn Sie für das deutsche Volk eine Fleischbeschau einsühren, die für den Besitzer und die mit Vieh handelnden Gewerbe eine erhebliche Belästigung und große Kosten mit sich bringt, so können Sie unmöglich das ausländische Fleisch ununtersucht hincinlassen. (Sehr richtig! rechts und im Ccntrum.) Lassen Sie das auslän- dische Fleisch Hinern, so muhten wir mindestens diejenigen Eautelen treffen, die nothwcndig sind, um über das cingeführte Fleisch wenigstens einigermaßen dasselbe hygienische Urtheil, wie über das einheimische zu gewinnen, indem wir einmal das lebende Thier und sodann das Produkt untersuchen. Vor allen Dingen aber mußten wir alle diejenigen Fleischwaaren ausschließen, bei denen eine Untersuchung absolut unmöglich ist. Sonst könnten wir unmöglich den Besitzern des inländischen Viehs zumuthen, ihr Vieh etner Fleischbeschau zu unterwerfen, die mit so großen Kosten verbunden ist. Es ist auf den Schaden hingcwiesen, der für die Ernährung des Volkes durch das Fleischbeschaugesetz erwächst und noch erwachsen Wird, aber die Einfuhrmenge des ausländischen Fleisches ist so minimal, daß dadurch unmöglich ein maßgebender Einfluß auf die Ernährung des Volkes ausgcübt werden kann. Nach den Ermittelungen eines Forschers, dessen Werk von allen Parteien anerkannt wird, ist die Versorgung der Bevölkerung mit inländischem Schlachtvieh jetzt keineswegs ungünstiger, sondern eher reicher als vor zehn bis zwanzig Jahren (hört, hört! rechts), natürlich unter der Voraussetzung, daß der Bedarf pro Kopf derselbe geolicben ist. Das aber ist ein entscheidender Punkt. Ich habe mich gefreut, daß von sozialdemokratischer Seite in einer der letzten Sitzungen anerkannt ist, daß sich der Ernährungszustand der unteren Bevölkerungsklassen unzweifelhaft gehoben hat. Früher bestritten das die Herren. Auch nach meiner Ansicht hebt sich der Fleischkonsum des Arbeiters und er muß sich heben. Die Aufgabe der deutschen Landwirthschaft ist es, diesem verstärkten Fleischkonsum, der sich aus dem steigenden Lebensstande der Bevölkerung ergicbt, durch ihre Produktion gerecht zu werden; aber aus dem Wege, den man hier wiederholt betont hat, wird es für den Landwirth unmöglich, gleichviel, ob er Bauer oder Großgrundbesitzer ist. Man kann bei dem Schutze unseres Viehs gegen Seuchen zwei ganz diametral entgegengesetzte Wege gehen. Erstens kann man die Grenzen absolut nicht freihalten, aber unter einer Voraussetzung daß dann rücksichtslos jedes Stück Vieh, das krank befunden wird, aetöDtet wird. Daraus folgt von selbst, daß man dem Besitzer, dessen Vieh man tobtet, eine Entschädigung giebt. Diese Entschädigung wird aber, wie es jetzt der Fall ist, von den Vieh- dcsitzern selbst aufgebracht. Oeffnen wir in dieser Weise die Grenzen der Einfuhr fremden Viehs, dann wird eine solche ungeheure Maste von Vieh getödtet werden müssen, daß die Entschädigungsbeiträge für die Besitzer vollständig unerschwinglich werden. Ich glaube, bann wird oas Fleisch wesentlich theurer werden, als jetzt (Sehr richtig! rechts.) und wir würben die ungeheuren Lasten ber Entschädigung tragen zu Gunsten der ausländischen Landwirthschaft. (Erneute Zustimmung rechts.) Diesen Weg wird keine Regierung betreten. Ich erinnere mich aus meiner Thätigkeit als Landeshauptmann der Provinz Pofen, daß dort oft die Pferdebestänbe ganzer Güter, welk der Rotz etngeristen war, getobtet werben mußten, ja oft brei bis vier Mal hintereinander. Auch wegen der Lungenseuche mußten wir ganze Viehbestände tobten Dann kamen Jahre, wo in ber ganzen Provinz nicht ein einziger Fall von Lungenseuche vorkam, wo ber Rotz nur in wahrhaft verschwindender Weise sich zeigte. Wenn Sie auch den Viehbejiser entschädigen, jeder praktische Landwirth wird mir beiiätigen, daß die Sperrung eines Gehöfts, die Tödtung ei^es Viehstandes eine Störung in jede geord- ncic Landwirthschaft hinenibringt, die geradezu perniciös für die Besitzer ist. Ich glaube also, wir sind verpflichtet, durchaus loyal alle Die Sicherheitsmaßregeln anzuwenden, die nothwendig sind, um in möglichst hohem Umfange, soweit die veterinärpolizeiliche Wisten- schaft das kann, unseren Schlachtvieh- und Pferdebcnand, ber einen Werth von über 7% Milliarden har, gegen Krankheiten zu schützen. Wie ist dieses Verbot entstanden? Die verbündeten Regierungen haben die wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen, den Reichsgesundheitsrolh und andere Körperschaften gehört, und sie alle haben erklärt, Borsäure ist schädlich für den menschlichen Organismus und must verboten werden. (Sehr richtig! rechts.) Nun sagt man, nur große Dosen feien fchädlich. Aber wie ist denn möglich, kleinere Tosen zu erlauben und größere zu verbieten? Andere Staaten sind ganz ähnlich vorgegangen, wie wir. Tas Verbot ber Borsäure besieht beispielsweise in Frankreich, und selbst einige amerikanische Staaten haben sic verboten. Natürlich giebt es immer Gelehrte, die anbercr Ansicht sind. Jahrzhntelang ist an der Theorie festgehalten worben, die Tuberkulose des Viehs sei identisch mit der des Menschen, könne daher auch vom Vieh auf den Menschen übertragen werden. Jetzt tritt ein sehr hervorragender Gelehrter auf und zieht diese Theorie in Zweifel. Tarin liegt ja gerade der Fortschritt ber Wissenschaft, baß man sich niemals bei einem Ergebniß beruhigt. Bis aber der Beweis für die neue Wahrheit erbracht ist, und zwar in unzweifelhafter Weise, müssen wir an dem festhalten, was fo hervorragende Körperschaften sagen. Wenn der Bundesrath warten wollte, bis alle Gelehrten einig sind, dann könnte er warten, bis Ostern auf Pfingsten fällt. (Heiterkeit und Zustimmung rechts.) Es ist wiederholt behauptet worden, baß die Regierung und auch der Wirthschaftliche Ausschuß ursprünglich einen Doppeltarif gewünscht hätten. Beide Behauptungen sind irrig. Der Wirthschaftliche Ausschuß setzt sich zusammen aus einer großen Zahl von Sachverständigen der verschiedensten Richtung, und Majoritäts- beschlüsie können dort gar nicht gefaßt werden, aber für die verbündeten Regierungen war es Pflicht, die Gutachten des Wirth- schaftlichen Ausschusses einzuholen. In keinem Falle aber haben sich die Regieruiigen in den Verhandlungen des Wirthschaftlichen Ausschusses auf irgend ein Zollsystem festgelegt. Ein Doppeltarif kann unter Umständen ein sehr wichtiges handelspolitisches Instrument sein, aber man darf nicht in den Fehler verfallen, die Minimalsätze so hoch zu normiren, daß man sich sagen muß: Wenn man daran festhält, kommt man zu einem Zollkrieg mit aller Welt. Es wäre ein großer Optimismus, zu glauben, daß in diesem Hause ein allgemeiner Doppeltarif leichter verhandelt würde. Ich fürchte, daß die Minimalsätze, die wir hätten einsetzen können, noch viel mehr Anfechtung erfahren hätten, wie die jetzigen. Man hat ja überhaupt unsere Minimalsätze auf das Heftigste angegriffen. Für den Reichskanzler war es wichtig, von Anfang an zu zeigen, wie weit er geneigt sei, herunterzugehen, und hierbei das Einoerständniß der verbündeten Regierungen zu haben, die ja bei den Vertragsverhandlungen wenig in Funktion treten. Cs war aber auch aus dem Grunde richtig, für Getreide Minimalsätze einzu- sehen, weil man sofort zeigen konnte, wie weit man zu gehen entschlossen ist. Andererseits hätte sich die ganze Agitation nicht gegen die eventuellen Kompensationssätze gerichtet, sondern gegen die autonomen Sätze des Tarifs. Sie sehen ja, daß eine ganze Reihe von Sätzen lediglich Kompensationsobjekte sind, die sich sehr wahrscheinlich bei den Verhandlungen ändern. Und deshalb schweben auch alle die Berechnungen über die finanziellen Einnahmen für das Reich und über die Belastung der Familien in Folge der Zölle völlig in der Lust. Solche Berechnungen kann man aufstellen, aber praktischen Werth haben sie nicht. Man hat gesagt: Ja, wenn der Zolltarif nicht zu Stande kommt, so verlängern Sie doch gefälligst die Handelsverträge ober schließen Sie auf Grund des bisherigen Tarifs neue Verträge l Aber es kann doch keinerlei Zweifel darüber fein, daß unsere Situation jetzt wesentlich ungünstiger ist, als bei Aufstellung des geltenden Tarifs. 34 Staaten, mit denen wir im Vertragsverhältniß stehen, sei es in Tarif- oder Meistbegünstitzungsverträgen, haben seit Abschluß der Caprivischen Handelsverträge sehr wesentliche Erhöhungen für eine ganze Reihe von Gegenständen eintreten lasten. (Hört, hört! rechts.) Trotzdem sollen wir jetzt auf Grund des alten Tarifs neue Handelsverträge schließen? Mein verehrter stüherer Kollege, Freiherr von Marschall, der ja bei dem Abschluß der Caprivischen Handelsverträge eine große Rolle gespielt hat, hat bereits unmittelbar nach dem Zustandekommen des österreichischen Handelsvertrages erklärt, wir müssen einen neuen Zolltarif haben, und er hat wiederholt und dringend den damaligen Reichsschatz- felretär gebeten, sofort an die Ausarbeitung eines neuen Zolltarifs zu gehen. Wir dürfen noch Eins nicht vergeßen: Wenn Sie uns zwingen, auf Grund des alten Zolltarifs zu neuen Handelsverträgen zu kommen, dann ist die Gefahr von Zollkonflikt en viel größer, als wenn Sie uns einen neuen Zolltarif gewähren. Daß ich immer dafür eingetreten bin, schiedlich - stiedlich mit anderen Staaten auf handelspolitischem Gebiete auszukommen, daran wird kein ehrlicher Mann in diesem Hause zweifeln. Ich habe immer vor einem Zollkrieg mit den Vereinigten Staaten gewarnt, ich habe drei Jahre hintereinander das Haus gebeten und beschworen, das Handelsprovisorium mit England zu erneuern. Daß ich jede Maß regel perhorreszire, die zu einem Zollkrieg führt, dessen können Sie versichert sein. Aber mögen Sie es glauben ober nicht, die Gefahr, daß wir handelspolitische Wirren bekommen, ist größer auf Grund des bestehenden, als auf Grund eines neuen Tarifs. Es ist das ein Gebiet, das man in einer parlamentarischen Versammlung nicht ganz entschleiern kann. Hier muß ein gewisser Glaube, ein gewißes Vertrauen Platzgreifen. Unser Zolltarif stammt aus dem Jahre 1878, und er ist seitdem nur ganz unwesentlich geändert. Wenn Sie uns jetzt zwingen, mit diesem alten Zolltarif in Vertragsverhandlungen mit anderen Staaten einzutreten, so ist das gerade so, als ob Sie unserer Armee zumuthen wollten, mit dcm alten Kuhfuß gegen eine Armee zu kämpfen, die mtt den besten Dassen bet« sehen ist. Wir haben in Preußen die sehr ernste Zeit gehabt, wo die Mehrheitsparteien der Regierung die Mittel versagten, die sie jum Schutze des Vaterlandes brauchte. Es ist das unsterbliche Verdienst eines Mannes von glühender Vaterlandsliebe und eisernem Charakter, des Fürsten Bismarck, daß er di>' ungeheure Vcranlworrung auf sich genommen bat. trotz aller Angriffe, nur allen Chancen des Gelingens und Mißlingens selber das Werk durchzuführen. (Zuruf des Äbg. Singer: Thun Sie cS dock!) Was wäre Deutschland, was wäre Preußen ohne die Leistungen des Fürsten Bismarck? (Lärm bei den Soz i Jetzt kommen wir und verlangen eine beßere handelspolinsche Rüstung. (Lachen rechts und bei den Soz.) Es ist ein kritischer Augenblick, in dem wir diese Forderung an Sie stellen. Ich kann den Mehrheitsparteien nur den dringenden Rath geben, um wenigstens ihrerseits Alles zu thun, um dieses Werk zu Stande zu bringen, von ihren weitergehenden Forderungen alsbald abzulaßen! (Ahal rechts und im Gentrum.) Sie sagen Ahal. Ich kann Ihnen nur sagen: Diese weilergehenden Forderungen sind nickt realisirbar. Wir können sie nicht realisiren aus den verschiedenslen Gründen und wir müssen hier für uns dieselbe Autorität in Anspruch nehmen, wie auf dem eben berührten Gebiete ber eiserne Kanzler. Wir können die Lage nicht nur bcurtbcilcn vom Standpunkte eines Berufes, sondern wir müssen die Jnteresten fämmtlui er Be- völkerungsklassen zu wahren suchen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Deshalb bitte ich Sie dringend, sich auf die Regierungsvorlage in diesem Falle zu beschränken. (Zuruf reckts: Ne!) Ta- Jahr 1902 wirb für die deutsche Landwirthschaft ein ernstes Jahr sein, ein kritisches Jahr. Ob dieser Zolltarif an der Scylla ober an ber Charybbis scheit rt, bas ist ganz egal; ich glaube aber, wenn bieses traurige Ereigniß eintreten sollte, bann wirb auf lange Zeit sich kein Zollschiff mehr in bie Nähe so gefährlicher Klippen wagen. (Zuruf des Abg. Singer : Gott sei Tank!) Die fast zweitausendjährige Geschichte des deutschen Volkes weist leider auf jeder Seite nach, wie oft unermeßliches Unglück über Deutschland gekommen ist, weil die Deutschen unter sich selbst sich nickst einigen konnten. Wenn bei dieser wichtigen Frage sick dieser Fall wiederholen sollte, dann, darauf verlassen Sie sich, wird das deutsche Volk um eine schwere Erfahrung reicher sein und die Mehrheitsparteien werben leider Gottes ihre Folgen zu tragen haben. Die warnende Schrift steht bereits an ber Wand, um man braucht kein Daniel zu fein, um sie lesen zu können. (Beifall bei den National-Liberalen, große Unruhe rechts und im Centrum.) Abg. Trimborn (Centr.): Wir wollen die Grenzsperre so weit haben, als sie aus sanitären Gründen dringend nöthig ist. Das ist auch mein prinzipieller Standpunkt, mit dcm meine Haltung als Kölner Stadtverordneter nicht im Widerspruch steht. Ich bin nicht inkonsequent gewesen, wenn ich für Oeffnung der Grenze auf der einen Seite, soweit dies angängig ist, und auf ber anderen Seite für erhöhten Zoll eingetreten bin. Man muß doch mit ber Möglichkeit auch rechnen, daß bie Grenzsperre mehr unb mehr Wegfällen wird. Denn bie sanitären Verhältnisse in den anderen Ländern werden sich doch bessern. Tann treten die sanitären Rücksichten zurück, die Sperre wirb gemildert unb aufgehoben werden. Wenn also die Sperre aufgehoben wirb, tritt ber Zoll in bie Erscheinung, als wirksamer Faktor, um bie Landwirthschaft genügend zu schützen. In einer Versammlung von Landwirthcn wurde mir gesagt, an hohen Zöllen liegt uns nicht so viel, als an dauernden Verhältnissen. Deshalb gerade halten wir Minimalsätze für Vieh nickt für unberechtigt, weil sonst die Gefahr besteht, daß das Vieh als Kompensationsobjekt bei den Handelsverträgen dienen soll. Für die ärmere Bevölkerung ist ber Speck unb bas Schmalz von größerer Bebeutung als bas Fleisch. Da kann bie heimische Produktion den Bedarf nicht decken, da brauchen wir die Einfuhr, und deshalb haben wir auch für Speck und Schmalz keinen Minimalzoll festgesetzt. Die düsteren Prophezeiungen mit beit nächsten Wahlen schrecken unS nicht. Auch bei ben vorigen Wahlen drohte man uns, und doch ist das Centrum verjüngt und verschönert daraus hervorgegangen. (Große Heiterkeit.! Herr Bebel denkt einzig und allein an die Arbeiter, aber unsere Forderungen schädigen die Arbeiter nicht, während sie die Landwirthschaft schützen. Englische Zustände wollen wir nicht, ber Freihanbel ist ber Ruin ber Volkswirthschaft. Herr Bebel wird mit seiner Sonnabend-Rebe die Kölner nicht fasziniren. Ich weiß, baß Herr Bebel, ber im Schatten beS Kölner Domes geboren ist, feinen seligeren Wunsch kennt, als Köln zu erobern. Wenn er aber so vorgeht, wie in seiner Sonnabenb-Rede, so kann er lange warten, bis bie rothe Fahne auf dem Kölner Dom weht. (Heiterkeit und Beifall.) Abg. Haase (SozÜ: Der Abg. Trimborn möge nur dafür sorgen, daß wir in Köln freies Versammlungsrecht bekommen, dann werden wir Köln schon erobern. Der Staatssekretär berief sich auf das Buch Schippels, aber dieser konstatirt nur die Thatsache, daß die billigen Frachten den Weltmarktpreis herabgesetzt haben. Der Staatssekretär kann doch nickt leugnen, daß das Getreide ohne den Zoll noch billiger wäre. Am Schluß seines Buches sagt Schippcl, daß der Gctreidezoll der gewissenloseste Brodlvucker ist. Redner verbreitet sich ausführlich über die Fleischnoth und Grenzsperre, unb bestreitet, baß ber Zwischenhanbel an bem Steigen ber Preise schulb sei. (Tas Haus, das während der Rede des Staatssekretär- sehr gut besetzt war, hat sich fast ganz geleert, es sind höchstens 30 Abgeordnete anwesend, die einen sehr gelangweilten Eindruck machen.) Redner spricht weiter über landwirthsckaftliche Verhälkniße, Kontraktbruch der ländlichen Arbeiter, Koalitionsrecht u. s. w. unb streift auch zur Beleuchtung ber ländlichen Zustände den Trakehner Prozeß. Sodann polemisirt Redner gegen das Gentrum; vielc^Ar- beiter, die bisher dieser Partei gefolgt seien, hätten sich in Folge der Haltung des Centrums zur Zollsrage den Sozialdemokraten abgeschlossen. Lediglich der Sozialdemokratie sei es zu danken, wenn die verelendeten Arbeitermaßen sich nicht zu Gewaltthätigkeiten hin- reißen laßen. (Beifall bei den Soz.) Hierauf vertagt das Haus die weitere Berathung auf Mittwoch 12 Uhr. Schluß gegen 7 Uhr. PMische Tagesschau. „Gras Btilowö Rcchnungsrätc." Die „Rordd. Allg. Ztg." schreibt: In einem von der „T rutschen Tagesztg." ab gedruckten Artikel, der sich „Graf Bülows Rechnungsräte" betitelt, werden die Zahlen bemängelt, welche der Reichskanzler am 21. d. M. über die Zollbelastung der land- wirtschaftlichen Erzeugnisse im Vergleiche zur Belastung der Jndustrieartikel im Reichstage mitteilte. Ten Angaben des Reichskanzlers liegt eine auf eingehender Berechnung benil)cnt>e Ausstellung über den Zollertrag der einzelnen Abschnitte des Entwurfs zugrunde, von welcher er derart Gebrauch machte, daß er dem Abschnitt 1 als landwirtschaftlichen die Abschnitte 2 dis 19 als industriellen gegenüberstellte. Tie thatsächlichen Unterlagen der Berechnungen dürften somit ieoec Bemängelung entrückt sein. Wenn jener Zeitungsartikel u anderen Schlußfolgerungen gelangt, so wollen wir davon absehen, das; er sich auf das statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich, mithin auf eine Berechnung der gegenwärtigen Zölle stützt, während der R legt. Ter ent sch e iden de Fehler ist, daß der Artikel ganz willkürlich -war d. Grupoen des Jahrbuches^ „Fabrikate" (1,< ' rungs- und Genutzmittel, Vieh" (1,90 .Milliarden ,'ichtigt, aber nicht d i e wichtigste und größte Gruppe „Rohstoffe für I n d u st r i e z w e ct e" mit 2,5 Milliarden. Tiefe sind keineswegs sämtlich zollfrei. Ferner aber, und das ist die Harrptsache, tritt der weitaus größte Teil der in die,e Kategorie fallenden Einfuhr mit der inländischen Produktion, insbesondere der Rohmetalle mit unserer Berg- und Hüttenindustrie in Wettbewerb. Deshalb ist bei der Ermittelung der durchschnittlichen Belastung der Zollertrag oder die Zollfreiheic der Rohstoffe, entweder der Landwirtschaft oder der Industrie, zuzurechnen, je nachdem diese oder jene beeinflußt wird. So sind Wolle, Flachs und Hanf, welche der Landwirtschaft >tonturrenz bereiten, dieser Gruppe zuzuweisen. Ties ist in der vom Reichskanzler aufgestellten Berechnung geschehen. Dabei ist sogar ein sehr großer Posten, nämlich die zollfreie Rohbaumwolle, zu Gunsten der Landwirtschaft eingesetzt worden. Darauf ha: der Reichskanzler ausdrücklich aufmerksam gemacht. In höchst charakteristischer Weise hat der Artilelschreiber gcrabc diesen Passus der Ausführungen des Reichskanzlers einfach f o r t gelassen, obwohl er den sonst von ihm abgedruckten Abschnitt der Rede als wörtliche Wiedergabe kennzeichnete. Hiernach erscheint es zweifellos, daß die Angaben des Reichskanzlers über die Belastung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit 17,2 Prozent und der nichtlandwirtschaftlichen mit 5,9 Prozent des Einfuhrwertes, wie sie rechnerisch unanfechtbar sind, auch in sachlicher Beziehung cm durchaus zutreffendes Bild von dem Verhältnis des Zollschutzes für die Landwirtschaft zu dem für die Industrie . .i. Auf zur Wahl! Heute finden die Wahlmännerwahlen zum Hefti« »chen Landtage statt. Ter gemeinsame Kandidat der oürgcrlichcn Parteien in Gießen ist der Justizrat Tr. G u t s l e i s ch. IhlU'lir £tU'UdUU|fU. Lriginaldraytmeldungcn des Gießener Anzeiger. London, 29. £u- Zu seiner Südaf ri kareise tvählte Chamberlain den neuen Kreuzer „G o o d h o p e" aus. , . Berlin, 29. Lkt. Tein „Lok.-Anz." zufolge soll den Professor v. Esmarch anläßlich seines 80jährigen Geburtstages am 19. Januar 1903 in seiner Vaterstadt Tönning ein Denkmal errichtet werden. Zn Berlin hat sich zu diesem Zweck ein Komitee gebildet. * Paris, 28. Okl- „Petit Parisien" zufolge begabex sich Tetetlive nc Spanien, wo, wie verlautet, die Fami'.le H u m b c . i einem Kloster Unterkunft gefunden haben soll. Air fr»*6 b