152, Jahrg Nr. 253 unver. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblati für den Kreis Sietzen ErfcheiM lSgNch mit Ausnahme des SomüagS. Die „Siebener KamilienblStter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Deranlwortlich für den allgemeinen Teü: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. BeL Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'fchen Universitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. eilende auf induslriellenl ö ^nkgeschäsl M- IrerjolülchteitalLbch 4e Relaxen, E werden. 1 unter J, W, el” & Dogler, t erbeten. • Hie geübtes to "\e* ioffmium, äifteror iM >«* 8 Ul6 Seuchen preisgeben wollen. Man sagt, die Seuchengefahr fei nur ein Vorwand. Nun, meine Herren, in Ostfriesland können Sie sich dann überzeugen, daß die Seuchengefahr thatsächlich lern Vorwand ist; die Seuchen sind gewöhnlich auf Vieh zurückzuführcn, das über die Grenze geschmuggelt ist. Bei uns wird die Grenzsper^ sehr scharf geübt; ob das in Holland auch der Fall ist, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß der preußische Gendarm für den holländischen Gulden unempfänglich ist. Ob das in Holland auch so rst, kann ich nicht sagen. Andere Länder führen auch drc Grenzsperren durch, und obwohl ich nicht Agrarier bin — ich bin gegen den Bunb der Landwirthe gewählt worden —, frage ich mich doch, ob es Nicht rathsam wäre, den internationalen Viehstapel zu zonrren, d. h. bestimmte Rayons im Interesse der Seuchenbekämpfung ernzu- richten. Daß die Grenzsperren eine Fleischvertheuerung zur ^>olge haben, konzedire ich, aber man hat keinen Grund, darüber zu schreien. Wenn in anderen Berufszweigen die Preise hoher werden, hat man doch auch nichts dagegen einzuwenden. Die PrerS- stcigerung in Schweinefleisch kann selbst der ärmste Industriearbeiter noch leichter ertragen, als erhöhte Brodpreise, denn cm Schwein kann sich der Arbeiter zur Noth noch selbst ziehen. Wenn ich meine Stellung zu irgend einer politischen Frage kontrolircn will, fo tt= kundige ich mich immer darnach, was Fürst Bismarck dazu gesagt hat. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Das ist Ihnen vielleicht unangenehm, aber es schadet nichts. Graf Bismarck sprach von der Agitationslüge der Fleischvertheuerung und er warnte davor, im Interesse billigen Fleisches die Grenzen zu offnen und die Seuchengefahr zu vermehren. Auf diesem Standpunkt stehe Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 204. Sitzung vom 27. Oktober« r Uhr. Das Haus ist s ch w ach besetzt. Am Bundesrathstisch: Graf Posadowskh, b. Pod- Die'zweite Berathung des Zolltarif-Gesetzes wird beim § 1, bei den Mindestzöllen für Vieh und Fleisch, fortgesetzt. Diese von der Kommission neu eingeführten Mindestzolle betragen für Rindvieh, Schafe und Schweine je 14,40 Mk. per Doppeleentner, für Fleisch 36 Mk. bezw. 48 und 96 Mk. Abg. Frhr. v. Wangenheim beantragt, für Vieh 18 Mk. für den Doppeleentner, für Fleisch 45, 60 und 120 Mk. Die Sozialdemokraten beantragen überall Zoll- zurückkehren, bei ihren Anhängern den schwersten Stand haben. Wir glauben unsere Haltung der Landwirthschaft gegenüber eher rechtfertigen zu können, als die Herren vom Bund die ihrige. Das sollen sich die Herren gesagt sein lassen. Ich hätte gar nicht gesprochen, wenn ich mich nicht von Herrn Gamp provozirt gefühlt hätte. Herr Gamp hat es aber ferner noch für gut befunden, eine schwere Attaque gegen meinen leider heute abwesenden politischen Freund Bassermann zu richten. Er hat den Versuch gemacht, den Kollegen Bastermann der Industrie gegenüber wegen zu großer sozialer Fürsorge zu denunziren. (Unruhe rechts.) Ich appellire an Ihrer aller Urtheil. Ich glaube nicht, daß Herr Gamp für diesen Vorwurf die Zustimmung seiner politischen Freunde vorher eingeholt oder sich nachträglich die Genehmigung derselben verschafft hat. Ich kann also nur die beiden politischen Persönlichkeiten Gamp und Bassermann einander gegenüberstellen. Ich habe als junger Abgeordneter anfangs mit naivem Erstaunen gesehen, wie die Herren um Gamp geschlossen für den reinen Klassenstandpunkt eintreten ; auf der anderen Seite steht mein Kollege Bassermann, der seinen Freunden sagt, sie müssen Opfer bringen bis zu den Grenzen des Möglichen. Welche Politik steht wohl höher, die des Herrn Gamp oder die des Herrn Bassermann? Sollte man auch vom Standpunkt des Herrn Gamp aus nicht mit einer gewissen Scheu und Ehrfurcht zu jener anderen Politik emporsehen, die den eigenen Freunden Opfer zumuthet? (Unruhe rechts.) Und statt dessen macht man den Versuch, diese Politik bei jenen Freunden zu denunziren I Soviel über Herrn Gamp. Es war mir überaus interessant, wie zaghaft Herr Spahn den Versuch gemacht hat, ein Wort für die Minimalzölle einzulegen. Er meinte, es sei doch der Landwirthschaft nicht zu verdenken, wenn sie irgend einen Minimalzoll wünsche. Es war zu sehen, daß die Höhe desselben ihm nicht so wichtig schien. Aber darum gerade handelt es sich. Wenn ein Minimalzoll überhaupt nützen soll, dann kann es nur ein hoher Minimalzoll sein. Einem solchen aber können wir nicht beistimmen, weil dann der ganze Tarif scheitern würde. Was die Frage der Fleischnoth betrifft, so habe ich oder vielmehr: so haben wir, meine politischen Freunde und ich, die Ueber- zeugung, daß von einer Fleischnoth im eigentlichen Sinne des Wortes nicht die Rede sein kann. (Hört! hört!) Ob eine Fleisch- theuerung stattgefunden hat und in welchem Umfange, darüber kann erst die amtliche Enquete genauere Auskunft geben. Indessen: für vernünftige Maßnahmen sind wir zu haben. Wer eines steht fest: Eine Aufhebung der Grenzsperre halten wir für ausgeschlossen. (Hört! hört!) Die Grenzsperre ist eine sanitäre Maßregel, die von der allergrößten Bedeutung für ba§ Wohl und Wehe unserer Viehproduktion ist. Folgen Sie mir in das Land der Viehzucht, nach Ostfriesland, Schleswig u. s. w.: wohin der Blick reicht, nichts als Weide, schöne fette Weide! Da liegen eminent produktive Kapitalien im Boden. Diese wollen aber auch mit der entsprechenden Sorgfalt behandelt werden. Und wir haben alle Ursache, diese Wertherzeugung aus dem heimischen Boden von einem zwecklosen Risiko fernzuhalten. Und das wesentlichste Risiko ist die Seuchengefahr, die durch die Aufhebung der Grenzsperre erzeugt wird. Herr Bebel hat recht: Wir wollen die Grenzsperre aus „agrarischer" Rücksichtnahme; aber nicht, um Einzelne zu bereichern, sondern weil wir unsere deutsche Landwirthschaft nicht verheerenden II»** „Mandigo p ' 2. Zl.on.er*. $l’an Jwitx y Abg. Dr. Müller-Sagan (fteis. Vp.): Der Landwirthschasts- rninister warf dem Abg. Bebel vor, er habe die Thierärzte verdächtigt, indem er sie als Werkzeuge der Agrarier bezeichnete. Der Landwirthschaftsminister hat den Worten des Abg. Bebel einen ganz falschen Sinn untergelegt. Herr Bebel hat nur gesagt, daß die Thierärzte unter einem solchen agrarischen Drucke stehen, daß sie bisweilen entgegen chrer wissenschaftlichen Ueberzeugung gewisse Atteste ausstellen müssen. Auf das Wort „müssen" hat Herr Bebel den Nachdruck gelegt. Ein Kreisthierarzt selbst hat es rugestanden, daß die Thierärzte, wenn sie sttitte die Vorschriften Der Gesetze, Insbesondere die des Viehseuchengesehes, befolgen wollten, daß sie dann mit ihren Familien verhungern müßten. Dieser Kreisthicr- arzt hat von ca. 800 anderen Thierärzten Beläge für seine Behauptung eingezogen und mir das Material übersandt. Ich stelle es den Herren vertraulich zur Verfügung, öffentlich möchte ich keine Namen nennen, weil ich fürchte, daß es dann den betreffenden Thierärzten noch schlechter gehen würde, als bisher. Die Abhängigkeit von den Agrariern erklärt sich wesentlich dadurch, daß die Kreis- thierärzte in Preußen ein absolut nicht auskömmliches Gehalt haben. In Preußen beträgt es nur 600 Mk., während in Würtemberg 600 bis 1000 und in Baiern 1800 Mk. gezahlt werden. Im Interesse einer gründlichen Durchführung der Seuchengesetzgebung ist es zu fordern, daß Die beamteten Thierärzte finanziell unabhängig von den Bewohnern ihrer Disttitte gestellt werden. Ich erkenne durchaus an, daß die meisten Thierärzte trotz ihrer bedrängten wirth- schaftlichen Lage ehrlich ihre Obliegenheiten erfüllen, ich meine aber, jeder Arbeiter ist seines Lohnes Werth, und es sollte daher endlich eine allgemeine Aufbesserung der Kreisthierärzte erfolgen. Was die Grenzsperre anlangt, so sind auch wir keineswegs dafür, daß sie in vollem Umfange aufgehoben wird, wir verlangen nur, daß die Sperre sich wirklich auf solche Gegenden beschränkt, wo Gefahr für die Gesundheit unserer Viehbestände vorliegt. Wenn man 75 000 Schweine einführen darf, dann wird man auch Hunderttausend und mehr einführen können, ohne daß sie unseren Viehbeständen schaden, wenn man nur die Zahl der Veterinärbauten entsprechend vermehrt. Die Jagdfchweine können doch ebenso verseucht sein, wie die zahmen Schweine, aber diese Jagdschweine läßt man unbeanstandet hinein. Das ist doch ein in sich widerspruchsvolles Verfahren. Die Grenzbevölkerung macht jetzt von der Vergünstigung, 2 Kilogramm Fleisch zollftei herübcrholen zu dürfen, in ganz kolossalem Umfange Gebrauch; in den letzten 9 Monaten sind zu diesem Zwecke nicht weniger als 985 000 Menschen in Bewegung gesetzt worden. Das beweist doch schlagend, wie noth- wendig eine möglichst weitgehende Oefsnung der Grenzen für unser Land ist, da es selbst nicht den erforderlichen Fleischbedarf zu decken vermag. Ueberall sind die Grenzen geschlossen; nur nach Stettin sollen bis in dieses Jahr hinein russische Schweine emgesuhrt worden sein. Ich frage den Minister, wie sich die Sache verhält. Wenn eS Ihnen wirklich so um die Gesundheit des Volkes zu thun ist und Sie wirklich deshalb die Grenze sperren, wie verhalt es sich dann mit den Hausschlachtungen? Was meint der Minister: Werden im Manöver die Quarttergeber unseren Soldaten im Hause geschlachtetes Fleisch geben dürfen? Mit der sonstigen Fürsorge für unsere Volkesinteressen wäre das doch wenig zu vereinbaren. Die Schädigung Der Fleischnahrung der Bevölkerung ist gleichbedeutend nut einer Herabsetzung ihrer Arbeitskraft, wodurch unsere Jndusttie, das Gewerbe und die Landwirthschaft in gleicher Weise benachtheiligt werden Jrn Norden, Süden, Osten und Westen unseres Vaterlandes, allenthalben sind die Fleischpreise erheblich in die Höhe gegangen; im Auslande dagegen sind die Preise sehr viel niedriger; ein Beweis dafür ist das rapide Anschwellen des Grenzverkehrs. Ich begreife es vollkommen, toeim Die Volksmassen sich Angesichts der jetzigen Fleischnoth gegen die Polittk der Regierung auslehnen und nicht nur gegen jede Bindung, sondern auch gegen jede Erhöhung Der Viehzölle sind. Meine Freunde werden in keinem Falle für eine Festlegung von Mindestsätzen und für eine Erhöhung der Vertragssätze zu haben sein. Außerdem verlangen wir, daß die Regierung nicht erst lange Erhebungen anstellt, sondern ungesäumt wenigstens ausländisches Vieh in diejenigen Schlachthäuser einlaßt, die unter amtlicher Kontrole stehen, natürlich unter Aufrechterhaltung solcher Kautclen, Die zum Sckutze Der heimischen Viehbestände unbedingt nöthig sind. Die gesundheitliche Sicherung, tote sie jetzt angeblich durch Die Grenzsperre bezweckt toirD, ist nur em Vorwand für den Eigennutz solcher Leute, Die in allen Dingen eigennützige Politik treiben. Eine solche Politik, die auf das Unheilvollste m die Ernährungsverhältnisse der großen Volksmassen eingreift, machen wir nicht mit. (Beifall links.) Abg Dr Spahn (Centr., fast unverständlich): Auch wir wollen eine Grenzsperre nur insoweit, als sie unbedingt im sanitären Interesse des Volkes und zum Schutze der heimischen Viehwirthschast nothwendig ist; und wir haben das Vertrauen zu der Regierung, daß nur diese Gesichtspunkte für sie bei Der Aufrechterhaltung der Sperre mahgebend sind. Daß die Preissteigerung des Fleischesin der letzten Zeit etwas Außergewöhnliches ist, bestreite ich. Wir haben alle 5 Jahre solche Steigerungen, in den siebziger Jahren z. B. gingen die Preise noch viel höher hinauf. Daß die Landwirthschaft Mindestzölle für Vieh verlangt, ist begreiflich, Sie wollen aus Der Unsicherheit heraus und nicht die Kosten für die Industrie tragen. Die Sozialdemokraten wollen das Zustandekonunen des Gesetze? durch künstliche Mittel verhindern. Wenn der Abg. Beb^ besttitten hat, daß seine Partei Obstruktion treiben will, und sich über das Mundtodtmachen beschwert hat, so mußi ich ihm bemerken, daß nicht seine Partei, sondern das bairische Centrum viel eher eine Fortsetzung Der Debatte hätte verlangen können. Für Die SozialDemokraten lag kein Anlaß vor, sich benachtheiligt zu sichlen. Ich hoffe. Daß Die Verhandlungen ruhig fortgesetzt werden können und zu einem gedeihlichen Ende führenwerden. (Ruf bei den Soz.. Abwarten I) Die Nothlage der Landwirthschaft ist durch Die Statistik vollkommen erwiesen. Da muß man ihr die Zolle gönnen, wo doch auch die Jndusttie allerhand derarttge Liebesgaben erhalt. Ich gebe zu, daß die Minimalzölle das Zustandekommen von Handelsverträgen sehr erschweren. (Hört, hört! links.) Und an Handels- verttägen haben auch toir ein lebhaftes Interesse. Wir wurden Untere Stellung zu den Viehzöllen ergiebt sich aus unserer allgemeinen Stellung zum Tarif. Nachdem uns mitgetheilt ist, daß auf Grund des Tarifs noch Handelsverträge zu Stande kommen können, sind wir für Den Tarif, aber nur in Der Fassung Der Regierung. Wir wollen Den Zolltarif nicht als ein Mittel zum Angriff, fonDern als eine Befestigung, hinter Die wir uns zurückziehen können. Wir wollen daher auch Die Viehzölle nur gemäß Der Regierungsvorlage. Das wünschen wir im Interesse Der kleinen Bauern. Auf Der anDem Seite wollen wir keine Minimalzölle, schon Deshalb nicht, weil nach Den Erklärungen des Kanzlers Daran Der ganze Tarif scheitern würde. Daß der Viehzoll auch nach der Regierungsvorlage eine zu große Belastung Der Konsumenten Dar- stellt, bestreite ich. Herr Bebel hat Dies m geschickt agitatorischer Weise Durch Gegenüberstellung Der heutigen unD Der kommenden Zölle zu erweisen versucht. Diese Gegenüberstellung genügt aber nicht. Da man Die gesteigerte Belastung eines Objekts immer in Beziehung setzen muß zur Werthsteigerung desselben. Und dann sieht die Sache ganz anders aus. Die Struktur Der Gesellschaft ist, wie Herr Kollege Bebel geistvoll und völlig zuttefsenD ausgeführt hat, in Den letzten Jahrzehnten eine völlig anDere geworDen. Daraus ergeben sich aber auch beränDcrte Gesichtspunkte für Die Beurtheilung Des Verhältnisses von Produktion zum Konsum. Man kann nicht überall in Die Töpfe gucken I Es giebt viele kleine Bürger in Deutschland, die weniger Fleisch genießen, als mancher bessergestellte Arbeiter. Herr Bebel sprach von dem wachsenden Strom von Konsumenten. Ist es da nicht Wünschenswerth, daß Der Ueberschutz an proDuzirten Menschen Durch Die Produkte Des eigenen Landes befriedigt werde? Und das ermöglichen zu Helsen, dazu sollen ja gerade die Zölle Dienen. (Widerspruch links.) Nun zur Frage Der Minimalzölle I Ich glaube, daß die Mindestzölle für Vieh den Zollkrieg mit der ganzen Welt bedeuten würden. Und darunter würden wir nur leiden. Die Viehproduktion es also für ungerecht halten, wenn die Landwirthschaft allein die Kosten zu fragen hätte. (Vereinzelter Beifall.) Wg. Dr. Scmler (nat.-lib.): Wir hoffen und wünschen, Daß der Zolltarif ordnungsmäßig, d. h. rechtzeitig und prompt erledigt wird. Geht das nicht, bann soll das Volk entscheiden. Aber wir wollen nicht, daß durch künstliche Mittel das Zustandekommen verhindert wird. (Unruhe bei den Soz.) Wenn Sie einmal an der Macht fein sollten, Herr Singer, dann werden Sie auch anders über Obsttuttion denken. (Abg. Ledebour (Soz.): Das Volk soll ent- lann nur bestehen, wenn eine konsumfähige Bevölkerung vorhanden ist. Und das setzt wiederum eine blühende Industrie voraus, die bei einem Zollkrieg nicht möglich ist. Unsere Landwirthe wollen zweifellos Viehzölle, aber nicht solcher Art, daß ein Zollkrieg unabwendbar ist. Ich muß mich nun zu einigen Bemerkungen des Abg. Gamp wenden, die er speziell gegen meine Partei gerichtet hat. Herr Gamp hat die Behauptung aufgestellt, daß wir auf die Unterstützung der landtoirthschaftlichen Kreise verzichtet hätten. Ich bedauere es, daß Herr Gamp nicht anwesend ist. Wenn man in dieser Weise eine Partei an greift, dann muß man anwesend sein. (Sehr richtig! bei Den National-Liberalen.) Ich erkläre im Namen meiner politischen Freunde, daß wir ganz und gar nicht auf die Unterstützung der landwirthschaftlichen Kreise verzichten; im Gegentheil, gemäß unserer der Landwirthschaft freundlichen Anschauung verlangen wir die Unterstützung in diesem Kreise. Freilich, wenn Herr Gamp unter diesem Kreise einzelne führende Herren vom Bunde der Landwirthe versteht, dann können und wollen wir gern auf diesen Kreis verzichten. (Sehr gut! bei den National-Liberalen.) Wenn man überhaupt prophezeien will, so möchte ich prophezeien, daß diese Herren bei den nächsten Wahlen bei ihren eigenen Leuten viel zu viel zu thun haben werden, als daß sie sich noch um andere Parteien kümmern können. Diese Herren werden, da sie mit leeren Händen Zahl der einzulaffenden Schweine. Nun zu Den Ausführungen des Vertreters Der National- Liberalen. Der Herr Kollege Sattler meinte neulich, wir haben ja von Den berbünDeten Regierung Die Gewißheit erhalten. Daß zwar auf GrunD Des Tarifentwurfs, nicht aber auf Grund der Kommissionsbeschlüsse Handelsverträge möglich sind. Ja, woher hat er Denn Diese Gewißheit? Aus Dem MunDe Des Reichskanzlers haben wir Doch nur gehört, daß bei der Mehrheit der verbündeten Regierungen die Hoffnung besteht, man werde auf Grund der Sätze des Regierungsentwurfs zu Handelsverträgen gelangen, aber Hoffnungen sind doch noch feine Wirklichkeit. Eine solche Sicherheit haben wir keineswegs, und tzerade deshalb bekämpfen wir ja den Regierungsentwurf, weil wir nicht glauben, auf Grund dieses Entwurfs zu guten Handelsverträgen zu kommen. Vergessen wir auch nicht, daß, wenn toir unsere raube Seite herauskehren, auch das Ausland feine rauhe Seite herauskehren wird. Die Stimmen aus dem Ausland, namentlich aus Oesterreich-Ungarn, lassen darüber keinen Zweifel. Die Agrarier verlangen, daß die Staatsgewall in ihren Dienst gestellt wird, die Großgrundbesitzer wollen an den Zöllen Hunderttausende verdienen. Der Zolltarif ist kein taugliches Mittel, um unsere Viehzucht zu heben. Die dänische und englische Viehzucht ist auch ohne hohe Zölle groß geworden. In Dänemark haben Tausende von Viehzüchtern sich ablehnend gegen höhere Vichzöllc ausgesprochen. Auch bei uns ist die Viehproduktton unter den bisherigen Zöllen hinreichend gesttegen. Die Viehzählung ergab im Jahre 1890 einen Bestand von 50 Millionen Stück. Die Erhebungen in Betreff der Fleischnoth sind ja nun angeordnet. Ich bebaute nur, daß man sie so weit hinausgeschoben hat, und bitte, sie wenigstens jetzt thun- lichst zu beschleunigen. Aus allen Gegenden kommen Berichte, daß kannten, der Liebe 7581 Aohue jeji kratze 46, j Jüan Schmidt Lchnhoracher. U-Mtaasüsij ch (70 Ps) UjjeEßilti l an die Ex?.' i. tzl Hchlige iW Utto ies täusHrivoibv!! ils eine kchweise to zut geheü ptschafl pann anderiM ch Seroerber, Die üttri ution ewigen, wi. •jiunietY. v. M Wein & t»' irden.__ )en gesucht to' - it gegen lU eines wenvck? mdhoheZm!».^' »lieben ihre AdasM / a.d, iftp. eini-G .„II Em in to'-r M er, welcher eMgul- -eianavercke«I ’ , der M hetzens) c Lieb- < la® stme A -i ^Ser Exped.°>' Mniederlegen iianie hiermit ji Mein Sohne P borgen noch 8“ w c nichts Halle- . cb Amend, ®11-' Lleinslrave 46. Räbcheunmml'7 an m u. ah/Lleich^'^- Dienstag, 28. Oktober 1902 Gießener Anzeiger auch ich. „ —3, Abg. v. Oldenburg (konsü: Selbst ein Getrcidezoll von 6 Mk. ist nicht ausreichend, um den Getreidebau lohnend zu machen. Deshalb muß man jede andere Maßregel ergreifen, die der Landwirthschaft hilft. Zur Zeit des Fürsten Bismarck sagte man sich immer, er wird es schon machen (Lachen links.), aber durch die Aera Caprivi ist Mißtrauen entstanden. Wir sind einstimmig für Bindung der Zölle und in unserer Mehrheit für Die Kommissionsbeschlusse. Vor allzu großer Nachgiebigkeit muß sich Der Reichstag nach Den Erfahrungen, Die er mit Der Regierung in Der Frage Des Zuckers gemacht hat, hüten. Wenn Die jetzigen Negierungsvertreter bei Den Handelsverträgen ebenso Verfahren, wie bei der Zuckerftage, so wären sie wahre Organisatoren von Niederlagen. Der Kanzler sagte neulich, die Viehzölle seien nur Kompensationsobjekte. Wenn wir aufs Land hinauskommen und sagen, auf Dem Papier haben wir höhere Viehzölle, aber in der Praxis nicht, so kommen tote schön an. Diejenigen Landtoirthe, die mit der Erklärung des Herrn Semler zuftieden sind, glaube ich, gehören zu den Schafen. (Heiterkeit.) Wer das Land nur vom Hasenschießeu kennt, der wird erstaunt sein über die Resultate der vom Reichskanzler veranstalteten Viehzählung, namentlich sotoeit Schweine in Betracht kommen. Ich will den kleinen Mann schützen, aber auch Den großen Mann will ich schützen. (Lachen links.) Die Fleischnoth kann nicht so erheblich sein, Denn Die Fleischpreise in großen Städten stehen in gar keinem Verhältniß zu denen in kleinen Städten. Ich zahle auf dem Lande jetzt 60 Pf. statt 50 Pf für Rindfleisch. Aber das ist ganz berechtigt, denn wir sind gezwungen, unsere Viehbestände xu rcduziren, ich habe das am eigenen Leibe empfunden. (Schallende Heiterkeit links.) Warum kämpfen Sie denn nicht gegen die Schlachtsteuer an, die Die Städte erheben? (Lachen links.) An den hohen Fleischpreisen fragen allerhand Manipulationen Die Schuld. Wir auf Dem Land spüren nichts von dem kolossalen Anziehen der «reife. Ich gebe zu, daß in diesem Jahre die Schweinepreise hoch sind; Das kommt Daher, weil das amerikanische Schmalz so theuer ist, und dies ist theuer in Folge Der mißrathenen Maisernte in Amerika. Die Behauptung, daß die deutsche Viehproduktion nicht Schritt gehalten hat mit Dem Anwachsen Der Bevölkerung, ist nicht richtig. Das trifft nur für die Schafe zu, aber Schafe und Schweine kompensiren sich nicht ohne Weiteres. (Heiterkeit.) Würde heute der Schutz an der Grenze fortfallen, so würden unsere Viehstände verseucht werden und das Fleisch in den Großstädten würde doch nicht billiger werden. Die Händler sind viel zu gute Geschäftsleute. Im klebrigen kann man sich auch in großen Städten vor der Fleischsteigerung schützen. Mir sagte mein Hotelier, wenn er 10 Pfg. mehr für das Fleisch zahlen soll, geht er einfach zum anderen Schlächter. (Lachen linksü Die ganze Fleischnoth wird in wenigen Wochen zu Ende fein. Gegenüber Den Angriffen des Abg. Bebel auf die Thierärzte halte ich es für meine Pflicht, von derselben Tribüne herab diese Angriffe zurückzuweisen. Ich bitte Sie zum Schluß, der Landwirthschaft durch einen ausreichenden Viehzoll zu helfen. Nehmen Sie die Anträge Wangenheim an oder zum Mindesten die Vorschläge der Kommission. (Beifall rechts.) Abg. Pachnicke (fteis. Vergg.): Ich weiß nicht, ob der Vorredner sich vorgestellt hat als Probekandidat für den Posten des ersten Vorsitzenden des Bundes der Landwirthe. (Heiterkeit.) Jedenfalls waren seine Worte die konzentrirte Säure des BündlerthumS. (Erneute Heiterkeit.) Er fft freilich noch ein parlamentarischer Neuling, und deshalb wird man ihm für einzelne seiner Aeuße- rungen mildernde Umstände zubilligen müssen. (Sehr gut! links.) Er sprach von der kommunalen Schlachtsteuer, aber er hat völlig vergessen, daß die Linke in der Kommission den Antrag auf Aufhebung dieser Steuer gestellt hat, während ein Theil Der Konservativen gegen ihn sprach. Eine allgemeine Aufhebung der Grenzsperre haben wir niemals verlangt, sondern lediglich eine Erhöhung der der Fleischmangel so arg geworden sei, daß sich Arbeiterfamilien nur noch am Sonntag oen Luxus eines Fleischgerichts gestatten können. Das Verbot der Einfuhr des mit Borsäure behandelten Fleisches beruht allerdings auf einem Gutachten des Reichsgesundheitsamts, es giebt aber auch gegentheilige Gutachten von berühmten Medizinern, insbesondere ein solches von dem Geh. Medizinalrath Liebreich. Es ist durch die praktische Erfahrung jcocnfalls bisher nicht festgesrellt, daß mit Borsäure behandeltes Fleisch gesundheitsschädlich ist. Graf Kanitz hat sich auf den Standpunkt gestellt: Hcmdels- verträge sind Nebensache, Zolltarif ist Hauptsache. Da unterschätzt Gras Kcmih doch gewaltig das Sicherheitsmoment, das in den Handelsverträgen ruht, und das für unsere Industrie und Land- wirthschaft in gleicher Weise von Nutzen ist. Was hat es jetzt noch für einen Zweck, den Zolltarif weiter zu berathenl Wir auf der Linken haben uns über einen Antrag geeinigt, die Berathung abzubrechen und den Reichstag bis zum Beginn der Etatsberathung zu vertagen. Sollte dieser Antrag von Ihnen abgelehnt werden, dann haben wir wenigstens den guten Willen gezeigt, dem grausamen Spiel ein Ende zu machen. Herr Gamp sprach zu der Regierung etwa in gleicher Art, wie der Bischof Remigius zu dem König Chlodwig: Bete an, was Du verbrannt hast, und verbrenne, was Du angebetet hast. An einen Rückzug von Ihrer Seite kann ich also kaum mehr glauben, und datz cs auf Seiten der Regierung unmöglich ist, dürste doch wohl nun fest genug stehen. Was hat also die Wcitcrbcrathung für einen Zweck? Eine Fmanznoth ist aus dem Scheitern des Zolltarifs nicht befürchten. Das wirksame Mittel, die Neichsfinanzen zu heben, liegt auf ganz anderem Gebiete. Es ist die Rcichscrbschaftssteuer. Den Einzel- staatcn könnten ganz gut die Erträge, die ihnen aus ihren Erbschaftssteuern zufliesien, wieder zugewendet werden, Ufifc das Reich | trotzdem einen erheblichen veberfchuß erzielen, wenn das Erbscbafts- steuerwesen ordentlich ausgebaut würde. Bis heute ist diese Finanz- guelle erst zu einem ganz geringen Theil dem Staare dienstbar gemacht worden. Die Agrarier thun so, als wölben sie den Bauern helfen, aber sie vergesien, daß die Geschichte des Bauernstandes bis in die letzten Jahre hinein, eigentlich eine vollständige Kette von Unterdrückungen seitens der Agrarier ist. Die falsche Handelspolitik der Agrarier würde den Bauern großen Schaden zufügen, während unsere Politik ihnen zum Nutzen gereichen würde. «Beifall links.) Abg. Dr. Becker (Centr.): Die Ausführungen des Kollegen Bebel waren inkonsequent und deplacirt. Meiner Partei ist ihr Eintreten für die Kommissionsbcschlüsie vorgeworfen. Ja, wir treiben nicht einseitige Jnteressenpolitik, wir sind von Anfang an den Mittelweg gegangen, wir treten in gleicher Weise für die Konsumenten wie für die Produzenten ein, wir sehen nur auf das Wohl des Ganzen. Durch unser Eintreten für höhere Agrarzölle haben wir anerkannt, daß die Regierungsvorlage nicht genügend für den Schutz der Landwrrthschaft ist, und diese Anerkennung ist um so werthvoller, als sie von unparteiischer Seite konunt. Auf ihrem Delegirtentag in Eisenach haben ja auch die National-Liberalen theilweise diesen Standpunkt eingenommen. Die Herren, die generell die Nothlage der Landwirthschaft bestreiten, kennen die Verhältnisse nicht. Kennen denn die Sozialdemokraten nicht die Statistik über den Rückgang der Domänenpreise? In der Hälfte der landwirthschaftlichen Betriebe ist eine Grundrente überhaupt nicht vorhanden. Wir bezwecken durch die Mindestzölle nicht, die Viehpreise zu steigern, fonbern nur sie auf einer normalen lohnenden Höhe zu erhalten. (Lachen links.) Wenn der Tarif scheitert, so trifft die Schuld nur die Reichsregierung. Die Weiterberathung wird hierauf vertagt. Persönlich bemerkt Abg. Gamv (Rp): Herr Dr. Sentier hat mir den Vorwurf gemacht, daß ich rücksichtslos den Klassenstandpunkt vertrete. Ich glaube, es wird Herrn Dr. Sentier nicht gelingen, mir eine Rede oder eine Abstimmung nachzuweisen, die dieses Urlheil zu rechtfertigen vermag. Auch ich habe mtch stets ernstlich bemüht, — namentlich auch in der Zolltarifkommisiion — die Gegensätze zu mildern und auszugleichen. — Herr Dr. Semler hat mir ferner vcrgcworfen, ich härte eine Attacke gegen Herrn Basiermann gerichtet, ich hätte ihn seinen Freunden von der Industrie zu de- nunziren versucht. Ich muß auf das Entschiedenste gegen diese Auffasiung Verwahrung einlegen. In der Werthschätzung der Persönlichkeit des Herrn Basiermann siehe ich Herrn Dr. Semler gegenüber durchaus nicht zurück. Ich schätze Herrn Basiermann in jeder Beziehung sehr hoch und erkenne auch seine Verdienste, versöhnlich und mildernd zu wirken, durchaus an. Ich habe nur die eine Thatsache hervorgehoben, daß seine sozialpolitische Auffasiung von einem großen Theil der Industrie nicht gctheilt wird. ES gehört doch ein naiv kindlicher Glaube dazu, diese meine Meinung nicht zu theilen. Die National-Liberalen selbst sind doch viel zu verständige Leute, um nicht zu wissen, daß die Anschauungen des Herrn Basiermann über diese Dinge von einem großen, wohl von dem größten Theil der Industriellen nicht getheilt werden. Nächste Sitzung: Dienstag 12 Uhr. (Fortsetzung der hcuiigen Berathung.) Schluß 6 Uhr. Zer dänische Kronprinz in Merlin. Wildpark, 27. Okt. Heute nachmittag traf der Kronprinz von Dänemark Hier ein. Auf dem geschmückten Bahnhöfe hatte die Leibkompagnie des 1. Garderegiments mit Grenadiermützen, Fahnen und Musik, an der Spitze der direkten Vorgesetzten, Aufstellung genommen. Zum Empfange waren auf dem Bahnhofe anwesend der K a i s e r, die in Berlin und Potsdam anwesenden Prinzen, das Hauptquartier, die Potsdamer Generalität, die dänische Gesandtschaft, Staatssekretär v. Richthofen und Polizeileutnant v. Bernstorfs. Als der Zug einlief, spielte die Musik die dänische Nattonal- hymne. Der Kaiser, in der Uniform des Leibgardehusaren- regiments mit dem Bande des Elephantenordens trat an den Wagen heran, dem der dänische Kronprinz in der Uniform -seines Husarenregiments, über der er das Band des Schwarzen Adlervrdens trug, entstieg. Den Kronprinzen begleitete der Ehrendienst, zu dem u. a Generalleutnant von Moltke und von Hagke, Kommandeur des Huisarenregiments Landgraf Friedrich II von Hessen-Homburg (zweites kur hessisches) Nr. 14, dessen Chef der Kronprinz von Dänemark ist, gehören. Tie Begrüßung war sehr herzlich, Sie küßten sich gegenseittg auf beide Wangen. Nach der Vorstellung der anwesenden Prinzen schritt der Kaiser mit seinem Gaste die Front ab und nahm sodann den Vorbeimarsch der Truppen ab. Sodann bestiegen der Kaiser und der Kronprinz die kaiserlichen Wagen und fuhren- eskorttert von einer Schwadron des Leibgardehusaren-Re- giments, nach dem Neuen Palais. Heute abend sand in der Jaspisgallerie Tafel statt. Ter Kronprinz von Dänemark saß zwischen dem Kaiser und der Kaiserin. Rechts vom Kaiser saßen die Erbprrn- zessin von Hvheuzvllern, Prinz Friedrich Heinrich, Prinzessin Karl von Hvhenzvllern, Prinz Friedrich Wilhelm^ Palastdame Gräfin Keller, Prinz Chlodwig von Hessen- Philippsthal-Barchfeld, der Prinz von Hvhenziollern; dem dänischen Kronprinzen gegenüber Reichskanzler Graf Bülow, rechts daneben der dänische Gesandte Freiherr Hegermann, -Oberkämmerer Graf Solms-Baruth, der rumänische Minister des Aeußern Graf Bratiano, Hausminister Graf Wedel, der dänische Legationssekretär Graf Mvltke, Staatssekretär Graf Posadowsky, General der Infanterie oon Plessen, Staats- ■ sckretär v. Richthofen, links vom Reichskanzler der dänische Generalmajor v. Kratwld, Generaloberst v. Hahnke, dänischer Kammerherr Bull, Generalstabschef Graf Schliessen, dänischer Rittmeister Bveck, Staatssekretär von Trrpitz, und andere. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Der Kronprinz vvn Dänemark trifft heute als oKtst des Kaiscrpaares in Potsdam ein. Tie ALachricht von diesem willkommenen Besuch wird als Zeichen vortrefflicher Beziehungen zwischen dem Kaiserhause und der dänischen Königssamilie umsomehr allseitig mit Genugthuung begrüßt werden, als bekannt ist, daß der Kaiser für den König Christian Gesinnungen aufrichtiger Verehrung hegt. Tas deutsche Reich, das dem innersten Wesen nach aus der Achtung der Rechte aller darin vereinigten Staaten beruht, ist auch für die an seine Grenzen reichenden ftemden Staaten ein sicherer getreuer Nachbar. Es ist der Wunsch des Kaisers und der Nation, der hohe Gast möge durch den Besuch auf deutschem Boden in der Ileberzeugung bestärkt werden, daß in Deutschland überall die Neigung und der feste Wille bestehen, die Fr eund schäft mit Dänemark im Interesse beider Mächte andauernd zu pflegen. Au den Kandelsverträgeu. Der Berliner Korrespondent der „Äiorning Post" berichtet nach Londoner Meldungen, die deutsche Regierung habe den interessierten Mächten in einer Note mit geteilt, daß sie die zum Ablauf der Handelsverträge bis 31. Dezember 1903 notige zwölfmonatliche Kündigung nicht aussprechcn werde. Die Note schlägt vor, die Handelsverträge von Jahr zu Jahr automatisch weiter laufen zu la))cn, bis sie gekündigt würden. Oesterreich und Rußland hätten hierauf bereit* erwidert. Rußland erklärte, die Annahme des deutschen Vorschlages, die Verträge automatisch weiter laufen zu lassen, würde die schädlichsten Folgen haben, da bie bestehende kommerzielle Unsicherheit auf unbestimmte Zeit verlängert würde. Es schlage daher eine formelle Verlängerung des russisch-deutschen Vertrages auf fünf Jahre vor. Die russische Note schließt mit der Mitteilung, falls Deutschland den russischen Vorschlag nicht annehinen würbe, die russische Regierung den Vertrag wahrscheinlich Ende dieses Jahres auf kündigen müsse. Oesterreichs Antwort sei in ähnlicher Form gel-alten, weise auf die Gefahr der Ver- zögerimg hin und dränge auf die Erneuerung des Vertrages auf eine Reihe von Jahren, enthalte sich jedoch der von Rußland in Aussicht gestellten Trohung der eventuellen Kündigung der bestehenden Verträge. Hierzu erfährt der „Lok.-Anz.", d d utsche Regierung keine Note des oben ang n nach Wien ober Peter Sb rg giftet hab teiligten Regierungen an Deutschland mit Borschla t I für die weitere Behandlung der wirtschaftlichen Fragen herangetreten ist.________________________________________ Parlamentarisches. Berlin, 27. Okt. Zwischen den freisinnig en Patteien und der Sozialdemokratie ist eine Einigung dahin erzielt worden, daß nach der am Mittwoch zu erwartenden Abstimmung über die Viehzölle der Antrag auf Aussetzung der Zolltarif-Beratungen gestellt werden wird, well dre Linke eine wettere Beratung für nutzlos hält, solange die Uneinigkett zwischen der Regierung und den Mehrheits-Parteien bestehe. — Der Germania zufolge ist an alle Reichstags-Abgeordneten, welche Berlin wieder verlassen haben, die Aufforderung ergangen, von Dienstag ab wieder in Berlin anwesend zu sein.____________________________ Aus England liegen heute mehrere interessante Nachrichten vor. Bei der Parade der Horse-Guards, die in Afrika gedient hatten, die in London am 27. b- M. statt fand, hielt der König eine Ansprache an die Mannschaften, in der er sie zu ihrer Haltung beglückwünschte, die sie während des langen, harten Feldzuges bewiesen hätten. Der König fügte seiner Befriedigung hinzu, es sei unmögllch, zu wünschen, eine tüchtigere Truppe zu sehen. Unter den Kriegsteilnehmern befanden sich auch einige hundert Mann in Zivilkleidung, die nach der Rückkehr nach England aus ihren Regimentern ausgcqchieden sind. Der Platz, auf dem diejenigen Gardisten, die nicht in Südafrika waren, Aufstellung genommen hatten, sowie die anliegenden Regierungsgebäude waren mtt Flaggen festlich geschmückt. Tas Ganze bot einen glänzenden Mblick dar. Der Prinz von Wales, sowie der Herzog von Connaught geleiteten den König. Die Gesandtschaftsattachees der fremden Mächte befanden sich unmittelbar hinter Lord Roberts. Dann folgte die Königin. „Standard sagt, die geplante Reise Chamberlains nach Südafrika beweise in gleicher Weise die Gründlichkeit, mit der Chamberlain das Werk der Konsolidierung des britischen Reiches durchführe, wie auch fein Verständnis für die Verwirrtheit und die Schwierigkeit der in_ Südafrika zu lösenden Aufgaben. Tie ganze Zukunft Südafrikas hänge größtenteils von den Ergebnissen dieser bedeutungsvollen Reise ab. Es sei zum erftenmale in der modernen Kolonialgeschichte Englands, daß das Kabinett ein Mitglied ab ordn et, damit es selbst sich die Tinge an- schaue, anstatt sich auf Mitteilungen Untergebener zu verlassen. Die Reife werde einen Markstein bilden und eine neue Aera in der Verwaltung des brittschen Reiches bilden. — „Tally Telegraph" bemertt, jetzt, wo Chamberlain einmal einen Präzedenzfall geschaffen habe, Eöime man kaum noch bezweifeln, daß er den Besuch auf andere Kolonien ansdehne. Ter Besuch scheine geeignet, das Mutterland mit den Tochternationen noch enger zu verbinden und die Reichseinheit zu fördern. — „Daily News" schreibt, Chamberlain gehe nicht einen Augenblick zu ftüh. Tie Lage in Südafrika sei das wildeste nur tumtbare Chaos. Im ganzen Lande herrsche Verwirrung. Unzuftiedenheit und Illoyalität gewännen die Oberhand. Tas Blatt spricht die Hoffnung aus, daß Chamberlain als Demokrat, nicht als Jingo nach Südafrika gehe und an bie Verhältnisse heran- träte, ohne sich durch die Bnreaukratie und Kliquen beeinflussen zu lassen. Chamberlain unterziehe sich der be- oeutendsten Mission in seinem Leben. Von dem Erfolg hänge nicht allein fein eigener Ruf, sondern auch die Zukunft des Reiches ab. Im Unter Hause erklärte am Montag Cham b er- la in, von derzurWiederansiedelungderBuren auf ihre Farmen bewilligten Summe von drei Mill Pfd. Sterling sei kein Teilbettag verwendet, kriegsgefangene Buren nach Südafrika zurückzubringen. Finanzsekretär des Kriegsamts Stculley teilte mtt, daß etwa 13 000 Buren nach Afrika zurückgebracht seien. Es seien Maßnahmen getroffen, um 7000 Gefangene von Indien und Ceylon vor Ablauf des Jahres in die Heimat zu befördern. Der Rest der Gefangenen werde bald darauf zurückgesandt werden, falls sie den Treueid leisten würden. William O'Brien (ttischer Nattonalist) beantragt Vertagung des Hauses, um über die Durchführung der Zwangsakte in Irland und die Gefahren für die öffentliche Ruhe zu beraten, die sich aus der scharfen und parteiischen Anwendung dieses Gesetzes durch die Verwaltung ergeben. Für den Antrag erhoben sich die Partei der irischen Nationalisten geschlossen, ferner eine Anzahl Liberaler, Varmuts, Campbell-Bassermann und Harcourt (ironische Bravorufe der Dttnisteriellen). Tas Reutersche Bureau erfährt, T e 5e t werde nächsten Samstag die Rückreise nach Südafrika antreten. De Wet sagte, Botha und Telarey beabsichtigten, noch Amerika,zn besuchen cUiü jjtuDt und Land. ** Hofnachrichten. Aus Darmstadt wird-uns gemeldet: Der Großfürst und bie Großfürstin Se r- ! gius von Rußland sind am 27. b- M. mittags hier eingetroffen und vom Groß Herzog, dem Prinzen und der Prinzessin Heinrich sowie den anderen hier anwesenden Fürstlichkeiten am Bahnhof begrüßt worden. — Der G r o sitz erzog empfing am 27. Oktober den Wirklichen Geheimrat Krätke Exc., Staatssekretär des Reichspostamts, sowie den Major Freiherrn von Hehl. k- Queckborn bei Grünberg, 27. Ott. Das in unserer Gemarkung liegende sogenannte Herrengut, Großherzogl. Familien-Eigentum, ca. 380 Normalmorgen, hat unsere Gemeinde dieser Tage für 16 0 000 Mk. angekauft. Dieses Gut stammt von einer früher hier ansässigen adeligen Familie v. Strebekotz uod ging nach deren Aussterben in den Besitz der Großh. Familie über. Das Wappen der v. Sttebekoy in unserer Kirche, ihrer ehemaligen Kapelle, und der sogen. Herrenhof erinnern noch an die Famllie. Das Gut war seither an hiesige Landwitte immer auf 12 Jahre verpachtet, die einzelnen Aeckcr blieben fast immer bei denselben Familien. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaten. Die in der Gemarkung Kaichen auf- gedeckte große römische Ansiedelung ist etwa 260 Meter lang. Täglich werden noch interessante Funde, aus der Römerzett stammend, zu Tage gefördett. Es sind noch 8—10 Gebäude freizulegen. Zundel und Verkehr. Volkswirtschaft. Nürnberg, 27. Okt. Die Elektrizitäts-Atnengesell- schäft vorm. Schucke r t veröffentlicht folgende Mitteilung. Tie in verschiedene Blätter übergegangene 2iotiz einer ^Nürnberger Zeitung, nach welcher wegen Arbetterentlassimgen zwischen Aufsichtsrat und Vorstand Meinungsverschiedenheiten entstanden seien, ist unrichtig. derartige Verhandlungen haben überhaupt nicht stattgefunden; dagegen sahen vier Mitglieder des Vorstandes, Baurat a. D Bissiuger, Regierungsrat a D Stackmann, Röth und Haßler, in dem Beschlüsse der Generalversammlung vom 27. August, nach welchem künftig in Kollektivunterschrift zu zeichnen ist, eine Beeinträchtigung ihrer Rechte und legten infolgedessen ihre Thätigkett nieder. Sie sind somtt aus dem Vorstände ausgeschieden. Neu wurden in den Vorstand berufen die bisherigen stellvertretenden Direttoren Oberingenieur Herz unb Professor Friese. Tie Geschäftsführung erleidet keinerlei Störung. ,13 Zandwirtschaft. k- Gieße», 28. Okt. Der letzte Ob st markt war wieder sehr gut befahren, sodaß das Angebot die Nachfrage weil übertraf und das meiste Obst wieder wcggebracht werden mußte. Tie Preise gingen herunter; feinste Taseläpsel kosteten 6—8 Pfg., Birnen 8—12 Pfg. und Zwetschen 8—9 Pfg. das Pfund. Ta- Obst, das von Setten der Kreisverlvaltung gepflückt war, ist vollends verkauft und zwar 1. Sorte zu 10 Alt., 2. Sorte zu b Mk. pro Zentner. ...... .....— Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeiger. Berlin, 28. Ott. Die „Boss. Ztg." meldet aus Thonu Bei Ottlotschin sand ein Kampf zwischen russischen Grenzsoldaten und einer aus sechs Personen bestehenden Schmugglerbande, die Cigarren und Seidenwaren über die Grenze schmuggeln wollten, statt. Bon beiden Seiten wurde scharf geschossen. Ein russischer Wachtmeister wurde durch einen Schuß in den Unterleib schwer verwundet. Die Schmuggler wurden schließlich von den Ruffen gefangen genommen und ihre Waren von diesen beschlagnahmt. Berlin, 27. Oktober. Der Kronprinz wird einet Korrespondenz zufolge nach Vollendung seiner Studien in Bonn längere Zeit aktiven Dienst bei der Kavallerie thun und zum Rittmeister und Chef der Leib-Eskadron des Regiments der Garde du Corps ernannt werden. Hierauf wird der Kronprinz bei der Regierung in Potsdam durch den Oberpräsidenten von Bothmann-Hollweg in den Verwaltungsdienst emgeführt werden. H ambnrg, 28. Okt. Ter englische Dampfer ..Seanh Leooy" ist in einem Taifun bei Swatow (Hasen in China, nördlich von Hongkong) n ntergegan gen. Die ganze Be- atznng und ein Transport von 800 Kulis sind ertrunken. Washington, 27. Ott. Tie zur Entscheidung der Bergarbeiter-Forderungen cingesetzte Kommission ist heute unter dem Vorsitz des Richters Gray zusammengetreten. ©rat) erklärte, die Bergleute sollten als Klager angesehen werden und ihre Forderungen vorbringen. Die Gegenpartei solle binnen drei Tagen antworten. Beide Patteien haben sich in bie Kohlendislrikte begeben, um sich em Bild von der Lage zu machen.