Nr. 174 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Zamilien- dlütter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'scheu Univers.-Buch- u.Stein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul st ratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Fernsprechanschluß Nr. 51. Zweites Blatt. 153. Jahrgang Montag 28. Juli 1908 GietzenerAnzeiger General-Anzeiger w Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Bezugspreis: monatliches Pf., vierteljährlich Ml. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.—viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal I2PH, auswärts 20 Pfg. Verantwortlich: für den polit. u. allgem. Teil: P. Wittko; für „Stadt und Land" und „Gerichtssaal*: Eurt Plato; für den Anzeigenteil: Hans Beck. Die heutige Dummer umfaßt 8 Seite» Uolitische Wochenschau. Mit furchtbarer Eindringlich-keit zeigt uns die Kata- strophe auf der Elbe wieder einmal des Lebens un- gebändigte Gegensätze, in selten krasser Folge sehen wir schaudernd, wie unvermutet fröhliche Menschen vom unerbittlichen Tode mitten aus dem Leben gerissen werden. Eine Gesellschaft, meist Mitglieder eines Sängerbundes der Hamburger Vorstadt Eilbeck, befindet sich mit ihren Angehörigen auf der Rückfahrt von einem Sonntagsausflug. Man ist mitten im Hamburger Hafen und nicht weit mehr vom Ziele der Rückfahrt. Musik und Gesang tönt an Bord der „Primus" und in froher Ausgelassenheit dreht man sich im Tanze, als plötzlich aus dem Dunkel der Nacht in nächster Nähe ein schwarzer Schiffsrumps auftaucht: Ein Augenblick noch, und mit furchtbarer Gewalt dringt er dem „Primus" in die Seite, ein Krachen erfüllt die Luft, die Fröhlichkeit wechselt jäh mit den Verzweiflnugs- schreien, die der nahe Tod ausstoßen läßt. Ein minutenlanges Ringen um das Leben, Minuten, die zur Ewigkeit werden, und über hundert Menschen finden in den nachtlicht- dunklen, reißenden Wassern der Elbe chr Grab. Nur der kleinere Teil wird gerettet. Auch der Dampfer „Primus" ist in den Fluten verschwunden, und nichts deutet mehr den furchtbaren Kampfplatz an, auf dem sich kurz zuvor erschütternde Szenen abgespielt haben. Mehrere Dampfer, Die gleichfalls Sonntagsausflügler in die" Stadt zurückbringen, passieren kurze Zeit später die Stelle. Und von Bord her tönt wieder Musik und fröhliches Singen und Lachen, wie nicht lange zuvor vom Dampfer „Primus". So schreibt das Leben seine Dramen! — Wer Schuld an dem Unglück hat, ist zur Zeit mit Sicherheit nicht zu sagen. Das Backbordlicht des „Primus" soll nicht gesehen worden sein. Die Untersuchung wird das Nähere aufklären, wenn auch durch richterlichen Spruch eine Sühne nicht herbeigeführt werden kann, und die Toten nicht wieder zum Leben erweckt werden! Ebenso wie härtere Urteilssprüche für die Größe des Urteils, das durch den Zusammenbruch der Leipziger Bank über Tausende hereinbrach, eine Sühne nicht bringen können! Nach dem Volksempfinden sind die Strafen im Leipziger Prozeß, wie auch im Berliner Sanden- prozeß zu gering bemessen. Wer bie Erfahrung lehrt, daß die Furcht vor hohen Sttafen selten den vom Wege des Verbrechens gewiesen hat, der .ihn einmal betreten. Die Anklagebehörde hat in beiden Fallen, Leipzig und Berlin, erklärt, daß ein Mangel an strafgesetzlichen Bestimmungen nicht bestehe. Der verbrecherische Mensch wird stets Mittel finden, um die schärfsten Gesetzesbestimmungen zu umgehen, uud nur die moralische Besserung wird Verbrechen ganz aussterben lassen, eine größere Kontrolle durch die Oefsentlichkeit derlei schwindelhafte Machination mehr als jetzt verhindern. Die Menschen, die sich aus Verzweiflung den Tod gaben, die vielen wirtschaftlichen Existenzen, die der Zusammenbruch der großen Bank unter seinen Trümmern begrub, treten unserer Zeit als warnendes Mene Tekel entgegen; ebenso aber auch die Großmannssucht, die viele Kreise unserer Gesellschaft ergriffen hat, das wahnwitzige Begehren nach immer größeren Reichtümern, das rücksichtslose Niedertreten aller im Wege stehenden Schwächeren, um zur Herrschaft zu gelangen, zur Herrschaft des Gelbes, statt des Geistes, der Güte, der wahren Kultur! Alle diese Erscheinungen, die tausendfach im Lande vorhanden sind, hat der Leipziger Fall uns deutlich vor die Augen gerückt; werden wir von ihm lernen? Steht durch diese beiden Ereignisse die vergangene Wocbe im Gegensatz zu ihren beiden Vorgängerinnen, so wurde im innerpolitischen Leben das sommerliche Dolce far niente kaum unterbrochen. In der Zolltarifkom- mi s s i o n freilich schien so etwas wie bundesrätliche Obstruktion eingetreten. Aber wenn auch verschiedene seiner Mitglieder dem unermüdlichen Staats)ekretär des Innern die Gefolgschaft zu verweigern schienen, wenn es auch vorübergehend den Anschein hatte, als sei das Kompromiß der Regierungen zerstört, und als würden auch von Einzel- staaten Sonderinteressen höher geschätzt, als die der Gesamtheit; wenn auch Zölle, die Graf Posadowsky als kulturfeindlich bezeichnet hatte, vom Bundesratsvertreter Sachsens im Interesse des lokalen Steinbruchs empfohlen wurden, die Zollerhöhung aus Ziegel, die Gras Posadowsky verwirft, Badens Vertreter forderte; wenn auch aus München gemeldet wurde, daß auch Bayern und Württemberg in wichtigen Punkten zur Regierungsvorlage in Widerspruch stünden; — so ist allem diesem teils That- sächlicyen, teils vage Behaupteten keine besondere Bedeutung zuzumessen. Obendrein beeilte sich bereits die badische Regierung, durch die amtliche „Karlsr. Ztg.", die wenige Tage vorher die badischen Landwirte aufgefordert hatte, in ihrem eigenen „dringenden Interesse sich von den extremen Bestrebungen des Bundes der Landwirte zu emanzipieren", am letzten Samstag nochmals zu erklären, „daß sie auf dasZustandekommendesZolltarifs als der unerläßlichen Voraussetzung für den Abschluß neuer befriedigender Handels-Verträge den höchsten Wert legt." Sie erinnert dabei an „das nachdrückliche Eintreten des Finanzministers für den bestrittensten Teil des Zolltarifs, die Getreide- zölle." —Die Zolltarifkommission will Ferien im August machen. Die Ferien unseres Kanzlers, bie er in der frischen, salzhaltigen Luft von Norderney verbringt, werden ihm durch die letzten Sitzungen der Tarifkommission aber doch wohl ein wenig der salzen sein, und wer weiß wie lange er fi-ch der Ruhe noch wird hrngeben können. Kaiser Wilhelm hat übrigens seine Nordlandfahrt abgebrochen. ,Hohenzollern" steuerte plötzlich wieder einen neuen Kurs. Wegen des schlechten Wetters ging sie bereits am Samstag vormittag nach Saßnitz in See, wo die Ankunft Sonntag abend erfolgte. Am Dienstag erfolgt die Weiterreise nach Emden. „Vom Süden her, von Italien, sollten die Truppen durch Tirol nach dem Oberrhein marschieren, um Deutschland im Falle eines Krieges dort zu unterstützen. Ebenso sollte ein italienisches Armeekorps Oesterreich an der rumänischen Grenze zu Hilfe kommen, falls es von Rußland angegriffen würde; es sollte mit den Oesterreichern zusammen unter dem Oberbefehl des Königs Carol von Rumänien (!) in Bessarabien einfallen." So hätte es im Dreibundsvertrag gestanden, behaupteten jüngst Meldungen, und Italien wäre von dieser Verpflichtung durch den erneuten Vertrag auf seinen Wunsch entbunden worden. Die Wiener „N. Fr. Pr." hat dieses Märchen, wie wir am Samstag berichteten, als solches bereits gekennzeichnet. Daß den einzelnen Bundesmitgliedern militärische Maßnahmen aber nicht für Jahre hinaus festgelegt werden, sondern sich nach den Verhältnissen richten, ist ebenso einleuchtend. Aus diesen Gründen sind schon bei der ersten Erneuerung des Bundes alle derartigen Klauseln beseitigt worden; jetzt ist am Dreibund nichts gestrichen und nichts hinzugesügt. Die Gegner des Bundes sollen sich beruhigen, er steht zur Zeit sicher und einflußreich da. Aus der; nächsten Umgebung des Königs von Italien wird versichert, Viktor Emanuel habe selbst geäußert, daß Italien es für die Zukunft als vornehmste Aufgabe betrachten werde, eine Art Kitt zwischen Dreibund und Zweibund zu bilden. Wenn die „Tribuna" jedoch behauptet, daß durch die Reise Viktor Emanuel's Italien die Zusage der Unterstützung seiner Balkanpolitik durch Rußland erlangt habe, so müssen solcher Auffassung doch berechtigte Zweifel entgegengestellt werden. Rußland wird kaum vom status quo im Orient etwas ändern wollen. Noch eine Kunde kam aus Italien. In Rom starb der Kardinal Ledochowski, eine der Hauptpersonen im Kulturkampf. Man hat aber im Vatikan wie in sonstigen klerikalen Kreisen seine Aufmerksamkeit auf die Vorgänge in Frankreich zu richten. Das entschlossene Vorgehen der Regierung gegen die Kongregationen, die Mönchs- und Nonnenklöster hat dort zu einigen tumultuarischen Straßenszenen geführt, die jedoch einen ernsten Charakter nicht zu tragen scheinen. Die Schließung der Klosterschulen wird tonseauent durchgeführt. Es heißt, viele der Nonnen und Mönche werden sich nach dem Elsaß begeben. Politische Tagesschau. Kartell der Linken? Im fortschrittlichen Verein „Waldeck" in Berlin sprach am Donnerstag Rechtsanwalt Leopold Gottschalk über die zuerst in der „Mitteld. Sonntags-Ztg." wieder angesetzte Frage: sollen wir ein Kartell der Linken erstreben?" Tie Erörterungen trugen einen lediglich akademischen Charakter. Ter Vorsitzende, Rechtsamo alt Sonneufeld, erklärte, daß die Frage eines Kartells der Linken keine praktische Bedeutung habe, in der Theorie aber interessant sei. Auch, der Vortragende, Rechtsanwalt Gottschalk, hob hervor, daß sein Thema zur Zeit nur eine theoretische Bedeutung habe. Auch, er hält ein Kartell der gesamten Linken für zur Zeit unausführbar. Sein Vortrag beschäftigte sich mit der Frage, ob bei weiterer Mauserung der Sozialdemokratie ein Kartell zwischen ihr und den liberalen Parteien in Zukunft möglich sei. Redner bejahte die Fra^e. In der Tiskussion wurde daraus hingewiesen, daß es im Grunde keinen größeren Gegensatz als die sozialdemokratische und die liberale Weltanschauung gebe. Ein „unbeliebter" Offizier. Die Kommission zur Prüfung der militärischen Erziehung in England hat unlängst wiederholt scharfe Urteile zu fällen Gelegenheit gehabt, zuletzt bei einem Militär- skandal, der in der Kaserne des 2. Garderegiments soeben zum Ausbruch gekommen ist. In der Nacht vom Montag zum Dienstag wurde ein Offizier dieses Regiments von einer Gruppe seiner Kameraden, die in seine Wohnung einbrachen, in gröbster Weise mißhandelt, seine Kleider zerrissen und zum Fenster hinausgeworfen, seine Möbel zerstört und er selbst gepeitscht und im Schmutz umhergezerrt. Die Untersuchung hat ergeben, daß diesem Offizier, Der bei f einen Kameraden schon längst nicht beliebt war, monatelang das Leben so schwer gemacht worden ist, daß er mehr als einmal daran dachte, feinen Abschied zu nehmen oder sich in ein anderes Regiment versetzen zu lassen. Nur dringende Vorstellungen seiner Vorgesetzten bewogen ihn zum Bleiben und zur Fortsetzung seiner ersprießlichen Thä- tigkeit, die, wie es scheint, seinen Kameraden ein Dorn im Auge ist. Es stellte sich nämlich heraus, daß der mißhandelte Offizier, Gregson, deshalb so unbeliebt bei seinen Kameraden war, weil er andauernd kein Interesse an ihren ruhmreichen Thaten in Sport und Spiel nahm, sondern seine freie Zeit zu militärischen Studien verwaudte, sich mit seinen Untergebenen befaßte, ihre Beschwerden anhörte und für Abstellung derselben sorgte, kurz, eine äußerst ersprießliche Thätigkeit entfaltete, anstatt seine Zeit auf Fußball, Cricket und andere angenehme Dinge zu verwenden. Ein Teil seiner Kameraden war nun über dieses Strebertum so erbittert, bah sie die erste Gelegenheit wahrnahmen, nm ihre Mneignng gegen ihn zum Ausdruck zu bringen. Tie englische Presse ist entrüstet über den Vorfall imb verlangt strenge Bestrafung bar Schuldigen. Die „Daily Maik" legt Den Anrger auf die Wunde, indem sie sagt, man solle doch endlich die unglückliche Idee aufgeben, daß Gewandtheit im Spiel und Sport die Meisterschaft in ernsteren Künsten des Lebens ersetzen könne. Die Offiziere, die diesen dummen Angriff ausführten, waren augenscheinlich in der Schule gelehrt worden, daß Sport der Hauptgegenstand des Interesses im Leben sein müsse und daß die Arbeit und das Studium erst in zweiter Linie kommen, — was soll aber der „gemeine Mann" von seinen Vorgesetzten denken, die er solcher Akte schuldig weiß, wenn sie zu ihm von Disziplin und Gehorsam sprechen? Heer und Flotte» — Eine „Rangliste des 18. Armeekorps, Host und Militär-Adreßbuch für Hessen und Hessen-Nassau", ist soeben bei Läber u. Co. in Frankfurt a. M. zum Preise von 1.25 Mk. erschienen. Das praktische Büchelchen enthält genaue Angaben über das Großh. Haus und seinen Hof und den ganzen Staat des 18. Armeekorps. Bei den einzelnen Truppenabteilungen finden wir die Daten der Patenterteilung, sowie die ^Privatwohnung jedes Offiziers angegeben. Auch die 16 Landwehrbezirke des Armeekorps sind ausführlich behandelt. So ersehen wir aus dem Büchelchen, daß dem Landwehrbezirk Gießen mehr als 100 Offiziere an- gehören, und zwar 25 Offiziere der Reserve-Infanterie, 2 Reserve-Jäger, 3 der Res.-Kavallerie, 2 der Res.-Feld- artillerie, 1 (Oberlehrer Dittmar) der Res.-Fußartillerie und 3 dem Res.-Train. Der Landwehr 1. Aufgebots gehören an 11 Infanterie-, 1 Kavallerie- (Fabrikant Wenzel in Lauterbach), 3 Feldartillerie-Offiziere, 1 Fußartillerie- (Veterinärarzt Dr. Scheidet in Schotten), 1 Pionier-Leutnant (Fabrik- leiter Schwörer in Friedrichshütte) und 1 Hauptmann der Verkehrstruppe (Postdir. Schott in Alsfeld). Der Landwehr 2. Aufgebots gehören an 1 Oberleutnant der Garde (Prof. Biermann), 13 Infanterie-Offiziere, 1 Leutnant der Feldartillerie (Oberförster Ohl in Grebenhain). Ferner zählt der Landwehrbezrrk Gießen 24 Sanitätsoffiziere der Reserve, 5 der Landwehr 1. Aufgebots, 1 Stabsarzt (Dr. Bötticher) der Landwehr 2. Aufgebots, 3 Oberapotheker und 2 Marine- oberstabsärzte der Reserve. Aus Stadt und Sand. Gießen, den 28. Juli 1902. •* Ernannt wurden am 19.Juli der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Hungen Friedrich Andreas Fath zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Zwingenberg mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts seines Nachfolgers, der Gerichtsvollzieher-Aspirant Jakob Reis in Gernsheim zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Hungen mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts. •• Ein übles Unwetter richtete am Nachmittag deL Samstags hier und in der Umgegend vielfachen Schaden an Häusern, Garten- und Telephonanlagen an. Der heftige Wind, der einen praffelnden Gewitterregen begleitete, warf Zäune und Stallungen um, zertrümmerte Glasdächer und Fenster, zerfetzte manches Laubwerk und riß geschloffene Thüren und Fenster auf, sodaß der Regen in die Häuser strömte, der auf den Straßen nahezu Ueberschwemmungen verursachte. Ein Blitzstrahl traf eine zum Hause des Herrn Ed Kinkel, Bahnhofstraße, gehörige Scheune, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten. Einige Dachziegel wurden herabgeschleudert und das in der Scheune befindliche Vieh durch den gewaltigen Donnerschlag betäubt und zu Boden geworfen. Am Sonntag hatten wir dann heißen Sonnenschein, aber der Wind tobte weiter und fegte die Straßen rein. — Weit ärger aber war das Unwetter, das am Samstag Nachmittag die Rheinprovinz heimsuchte. In Köln trieb der Sturm kirschgroße Hagelkörner gegen die Gebäude und Pflanzen und richtete großen Schaden an. Besonders hat das Unwetter in Jülich und in dem umliegenden Gebiet zahlreiche Fabrikschornsteine umgeworfen. Außerdem wurde das Portierhaus einer Fabrik eingestürzt, wobei der Portier und ein anderer Bediensteter getötet wurden. In Kirchberg wurden mehrere Personen verletzt. Ein 25 Meter hoher Wasserturm in der Nähe Jülichs wurde umgelegt, wobei ein darauf beschäftigter Arbeiter in die Tiefe stürzte. Bei einer anderen Fabrik stürzte der Fabrikschornstein auf das Kesselhaus, das niederbrannte. In Eschweiler ist das Fabrikgebäude einer Gerbereifirma gänzlich zusammengestürzt. — In der Nacht von Samstag zu Sonntag und am Sonntag früh wütete sodann in England ein heftiger Sturm, der in London viele Bäume entwurzelte und die anläßlich der Krönungsfeierlichleiten angebrachten Dekorationen in verschiedenen Teilen der Stadt zerstörte. Der Sturm warf eine für die Krönung errichtete Tribüne um, welche beim Fallen eine Anzahl Vorübergehender verletzte. Andere Tribünen wurden ebenfalls beschädigt. H. Wetzlar, 24. Juli. Das in hiesiger Stadt abge* haltene 24. Fest des Lahnthal-Sängerbiundes nahm in allen seinen Teilen einen sehr befriedigenden Verlauf. Eingeleitet wurde dasselbe durch einen feuchtfröhlichen Kommers. Der Sonntagmorgen brachte uns die zahlreich erschienenen auswärtigen Sänger, die mit großer Verspätung auf dem hiesigen Bahnhose eingetroffen, vom Festkomitee auf das herzlichste bewillkommnet und nach dem „Hotel Kessel" geleitet wurden. Nach Ausgabe der Quartierkarten und leiblicher Stärkung begaben sich die Sänger unter Borantvitt der Kapelle des Inf.-Regis. Nr. 166 Das Epochemachend auf dem Gebiete der Hygiene: Krystall-Priskalin-Rasir-Seife im Köcher. A erztlieh warm empfohlen. F*rela per Stück 60 Pfennige. Erhältlich in den meisten Apotheken, Drogerien, Parfümerien und Friseur-Geschäften.*) einer Schönheit:- und Kinder-Seife ist BACHEBERLE’s yygienischepriskalin-Seife. dild — zart — erfrischend — ohne jede Schärfe EheToilßtlen-Seife von bedeutendem hygienisch. Werth! — Bräutigam, Brant und Trauzeuge« unter Anklage. Der seltene Fall einer Anklage gegen ein Brautpaar und bie Trauzeugen wegen Erschleichung einer gesetzlichen Trauung beschäftigte das Bezirksgericht m St oder au. Am 1. v. M. fand in der _ locke rauer Pfarrkirche die Trauung des angeblichen Privaten Ka l Stöckl mit der Kleidermacherin Auguste Stoß statt. Beide in der Pfarrkanzlei, wo man sie nicht kannte, angegeben, das; sie schon seit längerer Zeit in Stockerau wohnten. Sie führten alö Zeugen den Schneidermeister Tolczek, den Schnetdergehüfen Maier und die Frau Anna Berger an. Auf gründ der Bestätigung der drei Zeugen, die nachher auch als Trauzeugen fungierten, nahm Dechant Pirringer die Eintragung in die Kirchenbücher vor und führte die Trauung aus. Das Neuvermählte Paar verließ dann Siockerau, um, wie es angab, eine Hochzeitsreise zu unternehmen. Mittlerweile halte aber die Polizei herausgebracht, daß Stöckl nicht in Ltockerau gewohnt hatte und daß er nach wiederholten Abstrafungen wegen Gemeingefährlichkeit aus Niederöslerreich für immer ausgewiesen war. Tie Sicherheilswache leitete nun die Verfolgung des flüchtigen Paares ein, und tyatjächlich wurde es m Niederbsterreich während der Bahnfahrt verhaftet und dem Bezirksgericht eingeliefen. Tas Opfer dieser erschlichenen'Trauung war die junge Gattin; sie hatte wohl ihre Zustimmung zu der unwahren Angabe bezüglich des Wohnortes gegeben, um die Trauung zu beschleunigen, allein von dein Vorleben ihres Gatten hatte sie leine Kenntnis. Vor dem Bezirksgericht hatte sich nun Stöckl wegen Rückkehr und Irreführung der Behörden, seine Gattin wegen Mitschuld an der Irreführung zu verantworten. Ter Richter verurteilte Stöckl zu 6 Wochen strengem Arrest, seine Gattin zu 24 Stunden Arrest. Von amtswegeii wird nun die Ungiltigkeits- c-'fliii;>ng der Ehe eingcleitct werben. bnndes" für den herzlichen Empfang und die freundliche Aufnahme, welche dieselben in hiesiger Stadt gefunden, insbesondere danke er dem Bürgermeister dieser Stadt für die freundlichen Wünsche und die gastliche Ausnahme. Der Gesang, ein treuer Begleiter von der Wiege bis zum Grabe, setze da ein, wo das einfache und begeisterte Wort nicht mehr ausreiche. Zwischen den Sängern und den freundlichen Gastgebern, die jenen die Thore der Stadt, die Thüren der Häuser und die Pforten ihrer Herzen geöffnet, bestehe die schönste Harmonie. Ein begeistert aufgenommenes Hoch auf das deutsche Vaterland und das deutsche Lied, dem „Deutschland, Deutschland, über alles" folgte, beschloß diese Ausführungen. Hierauf folgten in steter Abwechselung die Vorträge der sich stets wacker haltenden Regimentskapelle mit den Einzel- und Gesamtchören. Ein zahlreich erschienenes Publikum folgte den Vorträgen mit gespanntester Aufmerksamkeit und belohnte namentlich die mit den Noten „sehr gut" und „gut" ausgezeichneten Vereinen mit lebhaftem Beifall. Den Schluß des Tages bildeten die bei bengalischer Beleuchtung aus den dem Festplatz gegenüber gelegenen malerischen Höhen gestellten Pyramiden des Turnvereins, der exakt ausge- sührte Fackelreigen, sowie ein prächtiges Feuerwerk. Morgen sindet der Sängertag im „Göth'schen Garten" (Trauthammer) statt, wo dem Mitglied des „Bauerschen Gesangvereins"-Gießen, Rosenbaum, das Diplom der 25jährigen Zugehörigkeit zum Bunde übergeben werden soll. /£& Hanau tu die festlich geschpllMe Stadt nach dem ^Schütz eng arten" Mn Vortrag und Wertung der Einzelchöre. Mll Genugthuung war hierbei das Streben der einzelnen Vereine, möglichst Vollkommenes zu leisten, zu bemerken. Nach Beendigung der sehr beifällig aufgenommenen Vorträge fand eine Sitzung der Bundes-Delegierten und -Präsidentein statt, wo das Resultat der ELnzelleistungen verkündet wurde. Der „Bauer sche Ge- fangverein"-Gi e ß e n erwarb mit dem Vortrag „Dem Toten vom Iltis" die beste einem Verein zu er^nnende Note „sehr gut, mit besonderer Belobigung", Me „Sieb er täfel" Marburg mit „O gönne mir den Frühlingstraum" „sehr gut", „Cäcili a"-L i ch mll „Maiennacht", Leiter- keit"-Gießen mll „Tief ist die Mühle verschneit" und ^iederkranz"-Marburg mit ,Mallisischer Schiffer- tgefang" die Note „gut",, „Liederkranz"-Dillenburg ,Tnit „Zieh mit" und „M ännergesangverei n"- G r ü n - Lerg die Note befriedigend", „Männergesangverei n"-Wetzlar, sowie die Vereine „Gemütlichkeit"- und „Hiarmonre"-Gießen die Note „genügend", bei letzterem Verein wurde besonders betont, daß fid), seine Leistungen gegen früher wesentlich gebessert hätten. Um IIV2 Uhr fand auf dem Festplatze die Generalprobe der Gesamtchöre statt, welche mll Rücksicht auf die verschiedene Auffassung der Dirigenten nid^t in allen Teilen Tellen befriedigte. Nachmittags V23 Uhr stellte sich der imposante Festzug am Oberthor auf, von wo der ca. eine Stunde währende Umzug durch die reich mll Fahnen, i^blemen Und Guirlanden geschmückte Stadt nach dem Festplatz erfolgte. An dem Festzug, der in zwei Grupven durch eine dichte spalierbildende Menge, welche zu beiden Sellen der Straßen Ausstellung genommen, marschierte, deren erste von SSorreitern und der Kapelle des Jnf.-Regts. Nr. 166 eröffnet und deren andere von der hiesigen Stadtkapelle begleitet wurden, betelligten sich außer dem Ehren- ausschuß, der Stadt Vertretung und den 13 Bundesvcreinen der hiesige „Rad f ahr er ü er ein" mit seinen blumen- gefchmückten Rädern, eine eigene Gruppe bildend, deren Mittelpunkt eine ,^Lyra" war, der Turnverein, Kriegers- Verein, sowie einige Abordnungen weiterer Vereine. Den Schluß bildete der Männergesangverein Wetzlar. Manch buftenhed, Sträußchen, von zarter Hand gespendet, bot der wackeren Sängerschar herzlichen Willkommen grüß. -Auf dem Festplatz „Am Trauar" angelangt, wurden die Sänger von Bürgermeister v. Zen gen herzlich bewillkommnet: Bei dem im Vorjahre stattgefundenen 60. Stiftungsfest im „Schützengarten", bei d . euch mehrere Bundesvereine teilgenommen, habe sich der festgebende Verein mll der gesamten Bürgerschaft in Uebereinstimmung befunden, um den Sängern den Aufenthalt in hiesiger Stadt, wie dies auch wiederum der Fall sei, so angenehm als nur llgend möglich, zu machen. Der ,Männergesangverein"- W^lar erfülle eine besondere Dankespslicht für die demselben bei auswärllgen Bundesfesten erwiesene Gastfreundschaft, die gesamte Bürgerschaft sei nur von dem einen Wunsch beseelt, daß die Sänger den gastlichen Bewohnern Wetzlars eine freundliche Erinnerung bewahren mögen. Die mit großem Beifall aufgenommene Ansprache endete mit einem brausenden Hoch auf den Beschützer und Förderer des Männer g es an g es, Kaiser Wilhelm IL Der Bundes-Vertreter Sch, neider- Marburg dankte hierauf im Damen der erschienenen 400 Sänger des „L ah n thal- Gerichtssaal. — Hochstapelei in der Maske eines Offiziers. Der berüchtigte Hochstapler, frühere Drogist Karl B 0 r d a t 0, der erst vor einem halben Jahr wegen zahlreicher Schwindeleien zu 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, 1800 Mk.^Geldstrafe, Ehrverlust, Polizeiaufsicht und wegen widerrechtlichen Tragens einer Uniform zu 4 Wochen Hast verurteilt wurde, stand dieser Tage wieder vor der 2. Ferienstrafkammer des Landgerichts II in Berlin, um sich wegen einer Reihe weiterer Schwindeleien zu verantworten, die er hier bei uns in Gießen, in Bad--Nauheim, in Frankfurt a. M. und in Darmstadt verübt hat, außerdem auch wegen eines Diebstahls. Außer den vorgenannten Orten hat er in Berlin, Charlottenburg und Spandau zahkeiche Schwindeleien verübt. Auf seinen Beutezügen trug er Offizier-Uniform. In dieser erschien er in Pensionen und Ehambregarmes, mietete für sich oder einen angeblichen befreundeten Offizier zwei dis drei Zimmer mit Burschengelaß und verstand es dabei, den Vermietern unter irgend einem Vorwand erhebliche Vorschüsse abzuschwindeln, worauf er sich nicht mehr sehen ließ. In Spandau ist er schließlich abgefaßt worden. Für die erschwindelten Vorschüsse hat er stets aefälschte Checks oder Wechsel hinterleat. Endlich hat er verschiedene Schneidermeister um graue Offiziersmäntel teils geprellt, teils zu prellen versucht. Unter den zur Anklage stehenden fünf tfaUen befanden sieh zwei, in denen er den Gastwirt Thiel in Bad-Nauheim und den Kaufmann Schäfer in Frankfurt a. M. — den Einen um 1200 Mk., den Anderen um 100 Alk. — unter dem falschen Vorgeben beschwindelt hat, daß er ein Patent zur Erzeugung emes besonders wirksamen kalten Wasserstrahls besitze und ausnutzen wolle. Den ihm zur Last gelegten Diebstahl hat er m der Weise begangen, daß er einem Sttidenten, der ihn nach einer fidelen Kneiperei nut auf seine „Bude" nahm, beim Weggang einen seidenen Regenschirm stahl. Nach erfolgter Beweisaufnahme, die der Staatskasse viel Kosten gemacht hat, da die Zeugen aus Nauhetm, Franksurt, Darmstadt persönlich vor Gericht erscheinen mußten, wurde der Angeklagte zusätzlich zu 6 Monaten Zuchthaus, 15 0 9)1 f. Geldstrafe und 2 Jahren Ehrverlust verurteilt. Arbeiterbewegung. Hamburg, 26. Juli. Tie Baugewerks-Jnnungen von Hamburg, Altona, Harburg und Wandsbeck beschlossen, daß am 29. d. Mts. die Arbeit in den genannten vier Städten unter den von den Jnnungsnieistern früher gestellten Bedingungen wieder freigegeben werden soll. Lemberg, 26. Juli. Aus einzelnen Bezirken kommen Meldiingen über kleinere Gewaltthätigkeiten der ausständigen F e 1 b a r b e i t e r. Auch Brände von Wirtschaftsgebäuden im Bezirke Zboraz werden ihnen zur Last gelegt. In die betreffenden Bezirke werden Gruppen, meist Kavallerie, entsandt. Budapest, 27. Juli. Auf Veranlassung der hiesigen staatlichen Arbeitsvermittlungsanstalt wollten gestern Abend etwa 50 Zimmer-- gesellen zum Ersätze von Ausständigen nach Hamburg und Potsdam abreisen. Dor der Abfahrt des Zuges versuchte eine große Menge Arbeitsloser die Abreise gewaltsam zu verhindern, und es entspann sich zwischen ihnen und den Zimmergesellen eine Schlägerei, bei der auch ein Beamter der Arbeitsvermittlungsanstalt blutig geschlagen wurde. Nachdem die Polizei mehrere Verhaftungen vorgenommen hatte, konnte die Abreise der Arbeiter erfolgen. Literarische Neuerscheinungen. (Besprechung vorbehalten.) H a m p k e, Dr. Karl. Die Holzsägeindustrie. (21 S. und 4 Tab.) Bin. Der kleine Stephan. Bd. 1. Jllustr. Post- u. Telegr.- Handbuch. Ausgabe für 1902/03. (IX, 174 S.) Dresden, Gerh. Kühtmann. 1,50. Mattmüller-Liebrich, F. Schweizerische Kundaebgn. gegen den Krieg m Südafrika. 2. Aufü (24 S.) Basel. 20 Pfg. Deutsche Volkssttmme. Frei Land. Hrsgbr. Ad. Damaschke. No. 14.________ Leibniz Kindermehl Zu haben bei Hofl. J. Koax, Marktplatz No. 6. 3505 Petroleum-, Gas- und elektrische Beleuchtungskörper: 1 in grösster Auswahl, jeder Preislage und Geschmacksrichtung. ( a rn ■ ____H El —. .EL —— 3 en 4623 5384 Heidelbeergeist Zwetschenwasser i= und Wachholdergeist Enzian Hswalds Harten Hießen Gewürze empfiehlt 5376 Rmc Äljprkm empfiehlt 5295 5049 ) Giessen: Pelikan-Apotheke. Victoria-Drogerie, Marktstrasse 5, Adolf Bieler. Essig Essig-Essenz Crystallzucker Salicyl Senfkörner Ingwer Weinstein Weinsäure Weingeist Korubrauutweiu Arrak Koguac Rum Kirschwasser 1O la. Wetterauer, gelbe, Perle von Erfurt, pro Centner inkl. Sack t Mk., ebenso Frührosen, ä 38/. 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