Nr. 147 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siegener Zamllien- blStler viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch- u.Stein- druckerei (Pietsch Erben) -7 Redaktion, Expedition und Druckerei: Schnlstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Frrnsprkchanschluß Nr. 51. Donnerstag 26. Juni 1903 Zweites Blatt. 153. Jahrgang Bezugspreis: A /K ZX A monatlich75Pf.,viertes ÄteiiÄF V fr ▼ jährlich Mk. 2.20; durch Gietzener Anzeiger m ° General-Anzeiger y «ä Amts- md Anzeigeblatt für den Ureis Gießen WW Are Heutige Wummer umfaßt 8 Seiten. König Kduards Krankheit. Das Bulletin von Mittwoch abend tontet: Im Befinden des Königs ist ein andauernd befriedigender Fortschritt zu verzeichnen. Der König schlief einige Stunden während des Tages, empfindet nur sehr wenig Unbehagen und ist in heiterer Stimmung. Die Wunde heilt auf. Nach einem Telegramm aus Kopenhagen erhielt Dagegen die dänische Kronprinzessin, wie verlautet, von ihrem in London weilenden Gernayl die Nachricht, daß der Zustand des Königs Eduard als hoffnungslos gelten müsse. Wie Londoner Blätter über dre Operation berichten, wurde ein 10 bis 12 Zentimeter langer Einschnitt über die Lende gemacht, die krankhaften Teile entfernt, und die Zirkulation iip Darme durch eine Rühre wieder hergestellt. Nach Ansicht der Aerzte dürften wenigstens drei Wochen vergehen, ehe eine Besserung im Befinden des Königs zu erwarten ist. Aus englischen Hofkreisen wird mitgeteilt, daß der König sich wahrscheinlich demnächst einer weiteren Operation unterziehen muß. Aus dem Buckingham-Patoste kommt die Nachricht, daß die Bluttemperatur des Königs während der letzten Stunden weiter gestiegen ist und eine Entzündung des Bauchfells befürchtet wird. Die Aerzte bemühen sich, die Ausbreitung des Abscesses zu verhindern, um die Eingeweide vor Vereiterung zu schützen. Man befürchtet stark, daß die erhöhte Temperatur vielleicht durch eine ungünstige Entwickelung in dieser Beziehung verursacht sein könnte. Die Herzschwäche erregt ebenfalls Besorgnis. Dem König sind weitere stimulierende Mittel verabfolgt worden. Die Schildwachen an der Seite des Palastes, wo der König liegt, haben Befehl erhalten, auf dem Rasen zu gehen, da das Geräusch ihrer Schritte den König störte. — Ter „Morning Leader" erklärt unter Berufung auf einen der hervorragendsten Londoner Krankenhaus- Chirurgen, die Aerzte des Königs hätten eine falsche Diagnose gestellt, als sie Blinddarmentzündung annahmen. Als Dr. Treves einen Einschnitt in die rechte Seite des Kranken machte, fand er im Unterleib eine große Ansammlung fauligen Eiters, der entfernt wurde. Die Operation wird als nichtvollendet betrachtet. Es bestehe die Frage, ob vielleicht Eiter in das Bauchfell eingedrungen und Liverpool, verursachte die Nachricht von dem Krönungsaufschub eine wahre Panik. Es wird beabsichtigt, falls der König in nicht zu langer Zeit wieder genesen sollte, die gegenwärtigen Herrichtungen der Westminster Abtei zu einem großartigen Tank-Gottesdienst zu benutzen. Einig ist man darüber, daß, ob nun die Krönung auf Monate oder auf ein Jahr verschoben bleibt, die Feier dann in viel b es cheidenerem Rahmen gehalten werden wird, als diesmal vorgesehen war. Auf den Straßen Londons wogt noch immer eine ungeheure Menschenmenge auf und ab. Die Meisten sind vor der Operation angekommen, und Behörden und Private sind liebenswürdig genug, selbst auf die Gefahr, daß Regen ihnen ernste Verluste zufügen könnte, die Dekorationen an den Häusern zu belassen. Der Buckingham-Palast war die ganze Nacht von einigen hundert Menschen umlagert. — Prinz Heinrich von Preußen reift vorläufig noch nicht ab, da der König den Wunsch ausgesprochen hat, daß alle seine nächsten Verwandten bis auf weiteres in London bleiben. Die „Nordd. Allg. Ztg." vom Mittwoch schreibt: „Für morgen war die feierliche Krönung des Königs Eduard festgesetzt. Mit den Vertretern aus allen Teilen des britischen Reiches waren auch Abordnungen fremder Herrscher und Regierungen nach London geeilt, um an der Feier teilzunehmen. Ein schweres Schicksal ist in letzter Stunde da- zwischengetreten. König Eduard ist von einer ernsten Krankheit ergriffen worden; statt froher Festesstimmung herrscht bange Sorge im englischen Volke. Der Kaiser, der als Ueberbringer seiner Glückwünsche seinen erlauchten Bruder nach London entsandt hatte, wird mit dem ganzen königlichen Hause durch die Erkrankung des Königs Eduard tief berührt. Mit ihm vereint sich das deutsche Volk in aufrichtiger Teilnahme mit dem Wunsche, daß dem kranken Fürsten eine rasche und völlige Genesung beschieden sein möge." Im römischen Senat beantragte de Sornaz, dem Könige die Wünsche des Hauses für baldige Ger etong auszusprechen. Alle Senatoren erhoben sich und fti iten dem Anträge zu. In Paris begaben sich nach L.. . Bekanntwerden der Meldung von der Operation zahtreiche hohe englische Persönlichkeiten nach der englischen Botschaft, um ihre Namen in die dort aufgelegte Liste einzuzeichnen. Ebenso haben auch französische Persönlichkeiten, darunter als einer der ersten der französische Minister des Auswärtigen, sich in die Liste eingetragen. wird Volttische Tagesschau. Wie ein Oberpräfident in Posen reist, recht anschaulich in der Bromberger „Ostd. Presse" geschildert. Wir geben einen Bericht des Blattes über einen Besuch des Oberpräsidenten Dr. v. Bitter in Znin (spr.: Schnin) wieder als wertvolles Dokument über die in Ost- elbien herrschenden Sitten uni) Anschauungen. Es heißt in dem Blatte: Heute hat unsere Stadt ihr F e ft g e w a n d angelegt. Alle Straßen und Plätze waren aufs reichlichste mit Laubund Blumengewinden geschmückt und sämtliche öffentliche sowie viele Privatgebäude hatten Flaggenschmuck angelegt. Es galt (!) den Oberpräsidenten Dr. v. Bitter, der unserer Stadt einen Besuch zu ged acht hatte, würdig zu empfangen. Schon vor 9 Uhr morgens begab sich der hiesige Landwehroerein, unter Vorantritt einer Militärmusikkapelle aus Gnesen auf den Bahnhof und nahm auf dem freien Platze davor Aufstellung. Bald nach 9 Uhr kam der Oberpräsident in Begleitung des Regierungspräsidenten Kruse mit dem Zuge von Bromberg auf dem Bahnhofe an, wo er vom Land rat v. Peistel und vom Bürgermeister Wodtke empfangen wurde, Nachdem der Oberpräsident die Front des Landwehrver-- eins abgeschritten und mit mehreren der Herren einige freundliche Worte gewechselt hatte, begab er sich in Begleitung des Regierungspräsidenten und des Landrats in das Kreisständehaus, wo ihm die versammelten Beamten des Kreises vorgeftellt wurden.... Mittlerweile hatte sich auf dem Marktplatze die ganze Schuljugend von allen vier Schulen mit ihren Lehrern und auch sämtliche Forttbildungsschüler versammelt; auch die Schützen gil de, der Männergesangverein und die F e u e r w e h r hatten dort Aufstellung genommen. Unter Begleitung sämtlicher Stadtverordneten und der Magistratspersonen begann der Rund gang auf dem Markte, wobei der Oberpräsident für viele freundliche Worte hatte. Unter Leitung des Lehrers Mohaupt wurde auch von den größeren Schülern sämtlicher Schulen ein patriotisches Lied vorgetragen. Unter Vorantritt der Musikkapelle fand nun ein Gang durch die belebtesten Straßen der Stadt nach dem Schützenplatze statt, woran die ganze Schuljugend — es sollen 895 Kinder gewesen sein —, die Schützengilde, mehrere Vereine und zum Schluß noch sämtliche Beamte der hiesigen Zuckerfabrik teilnahmen. Um 4 Uhr wurde die Weiterreise mit Wagen über Bialosche- win, Pniewy, Eitelsdorf und Kaisersfelde nach Mogilno fein könne. lieber die Festigkeit, mit der der König auf der Krönung bestand, zirkulieren allerlei Geschichten. Ter „Daily News" zufolge soll der König gesagt haben, er wolle fein Volk nicht enttäuschen und sich zur Abtei begeben, auch wenn er dort stürbe. Nach dem „Daily Telegraph" erklärte der König: „Operation oder keine Operation, ich will das Volk nicht enttäuschen, ich muß zur Abtei". Das Blatt verzeichnet ferner das Gerücht, der König habe im Bette gekrönt werden wollen, damit bann am Freitag die Prozession in allen Einzelheiten, nur ohne ihn, stattfinden könnte. Es ist nun aber bestimmt worden, daß die Prozession nicht stattfindet. Der Prinz von Wales hielt am Mittwoch nachmittag anstatt des Königs in dem St. James Palast Empfang ab. Es wurde vielfach besprochen, daß Arbeiter mit der Fertigstellung der Tribüne vor dem Buckinghampatost beschäftigt sind. Am Mittwoch abend wurden die anläßlich der Krönung vom Könige verliehenen Auszeichnungen bekanntgegeben. Ter König stiftete einen neuen Verbten st o rd en und ernannte zunächst 12 Mitglieder desselben, darunter Lord Roberts, Kit ch euer und Wölfel e y, den von Männern der Wissenschaft dem Arzt Lister, die Lords Ragleigh und Kelvin, die Schriftsteller John Morley und William Lecky und den Maler George Watts. Unter den sonst verliehenen Auszeichnungen sind hervorzuheben, daß Miln er zum Viscount und General Greenfeld zum Peer erhoben und Lord Rothschild zum Mitglied des Geheimen Rats ernannt worden sind. Tie Aerzte Sir Frederik Treves und Sir Francis Saling, sowie der Maler Edward Poynter erhielten die Baronetswürde, mehrere andere hervorragende Aerzte, der Schriftsteller Conan Doyle, sowie der Schauspieler Wyndham wurden zu Rittern ernannt. Telegramme berichten, daß entgegen dem Wunsche ües Königs sämtliche Festlichkeiten in der Provinz aufgeschoben worden sind. Tie Freudenfeuer, die gleichzeitig rm ganzen Königreich aufflackern sollten, unterbleiben ebenfalls. In Handelspreisen ist man erbittert über das Verhalten der Aerzte, die erst im letzten Augenblick die kritische Lage und den Gesundheitszustand des Königs erkannt haben. Man wirft ihnen vor, daß sie bereits am Sonntag, wo sich noch manche Festvorbereitungen hätten aufschieben lassen, den kritischen Zustand gekannt und verheimlicht hätten. Die Aerzte hätten auf alle Fälle die Minister und das Parlament hiervon verständigen müssen. Der Schaden, der durch die Aufschiebung der Feierlichkeit entstanden ist, beläuft sich auf viele Millionen. Das Material für die Errichtung der Tribünen allein' hat einen Kostenaufwand von über einer viertel Million Pfuiid Sterling verursacht. Tie Gesellschaft, welche die Tribünen errichtet hat, weigert sich entschieden, die Gelder für die belegten Plätze zurückzuzahlen. Eine ganze Anzahl Prozesse sind bereits anhängig gemacht worden gegen Hausbesitzer, Hotelbesitzer usw., die sich weigern, die für die vermieteten Fenster erhaltenen bohen Beträge zurück zu erstatten. Die Restaurants in den Hauptstraßen Londons haben kolossalen Schaden zu verzeichnen da sie große Vorräte an Lebensmitteln anf- gespeichert hatten, die nun zum größten Teile dem Verderben ausgesetzt sind. Auch in mehreren Geschäftszweigen bec großen englischen Provinzstädte, namentlich Manchester! angetreten. Daß bei den Zuständen, die im Osten herrschen, die braven Zniner über den Besuch eines polnischen Oberpräsidenten so in Ekstase geraten können, erweckt Teilnahme. Dem Oberpräsidenten solle jedoch nahe gelegt werden, daß solche Empfänge, wie man sie wohl für Kaiser- besuche anordnet, doch nicht ganz seinem Rang entsprechen. Es muß nur Wunder nehmen, daß der Beamte nicht von selbst derartige „Huldigungen" seiner Person inhibiert. Deutsches Reich. Berlin, 25. Juni. Der Kaiser hat am 23. d. M. an den Staatsminister v. Thielen ein Handschreiben gerichtet, das folgenden Wortlaut hat: „Mein lieber Staatsminister v. Thielen! Ihrem Ansuchen um Entlassung aus Ihren Aemtem als Minister der öffentlichen Arbeiten und als Chef des Reichsamts für die Verwaltung der Reichs-Eisenbahnen habe ich durch Erlasse vom heutigen Tage entsprochen. Ich kann es mir aber nicht versagen, Ihnen bei dieser Gelegenheit für die ausgezeichneten Dienste, welche Sie in Ihrer langjährigen und reichgesegneten Tienstlaufbahn mir und dem Vaterlande geleistet haben, und insbesondere für die mannhafte Art, mit der Sie jederzeit meinen Intentionen gefolgt und die großen Aufgaben auf dem Gebiete des Verkehrswesens vertreten haben, meinen wärmsten Tank auszusprechen. Es war mir eine besondere Freude, Ihnen in Anerkennung Ihrer großen Verdienste und als Zeichen meines Wohlwollens den hohen Orden vom Schwarzen Adler verleihen und versönlich behändigen zu können. Ich verbleibe Ihr wohlgeneigter König Wilhelm." — Ter Kaiser ist heute vormittag in Ki el ein getroffen, später auch die Kaiserin, die vom Kaiser und dem Prinzen Adalbert auf dem Bahnhof empfangen wurde. Heute mittag besuchte das Kaiservaar die neue Kaiser- Yacht „Meteor". Gleich nachdem die „Hohenzollern" fest- gemacht hatte, erschienen zur Meldung beim Kaiser der Staatssekretär v. Tirpitz^ die Admirale v. Prittwitz und Gaffron, Thomsen, Fritze, v. Arnim und der Inspekteur der Marineinfanterie Oberstleutnant Dürr. Im Gefolge befinden sich Oberhof- und Hausmarfchall Gras Eulenburg, Generaladjutant Generalleutnant v. Lessel, die Flügeladjutanten Kapitän zur See Grumme, Oberstleutnant von Plueskow, Generalarzt Dr. von Leuthold, der Vertreter des Auswärtigen Amtes Gesandter von TschirschLy und Bögendorff. Heute abend traf der Chef des Marinekabinetts Vizeadmiral von Senden-Bibran ein. — Ter „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz betreffend die geschäftliche Behandlung des Entwurfs des Zolltarifgesetzes vom 20. Juni 1902 (Diäten für die ' Mitglieder der Zolltarifkommission.) — Dem preuß Landtage wird in der nächsten Session eine Novelle zum Sch lach thausgesetz zu- gehen. Der Entwurf, der bereits fertig gestellt ist, bezweckt die Beseitigung einiger veralteter Bestimmungen und trägt im übrigen den Beschlüssen des Landtages in Bezug auf die Ausführung des Fleischbeschaugesetzes Rechnung. Dresden, 25. Juni. Der König, der heute das Hoflager in Hosterwitz bezogen hat, gab seinen Dank in nachstehendem Erlaß Ausdruck: „Beim Hinscheiden des Königs Albert, meines hochseligen Bruders, und anläßlich meines Regierungsantritts gingen mir aus allen Landesteilen und allen Kreisen meines Volkes zahlreiche Beweise aufrichtiger Liebe und Treue zu. Für alle diese Kundgebungen, die meinem Herzen wohlgethan haben, spreche ich meinen tief empfundenen Dank aus." Die Königin-Witwe dankte: „Für die zahlreichen wohlthueu- den Kundgebungen auftichtiger Teilnahme und rührender Treue, die in diesen schweren Schicksalstagen von Privatpersonen und Körperschaften an mich gelangt sind, sage ich herzlichen Tank." Im Befinden der Königin Carola ist in der vergangenen Nacht eine Aenderung zum Besseren nicht eingetreten. Die Königin leidet unter einer heftigen Gemüts-Depression. Barmen, 25. Juni. Heute fand in der Ruhmeshalle die Enthüllung des ersten Standbildes Kaiser Wilhelms II. statt. Unter den Teilnehmern befand sich der Schöpfer des Denkmals, Professor Carl Begas-Berlin. Karlsruhe, 25. Juni. Wie der „B. L." meldet, haben die sozialdemokratischen Mitglieder der zweiten Kammer in einer Fraktionssitzung beschlossen, gegen das Budget zu stimmen. Der Untergang des Torpedoboots S 42. Nach den bis jetzt vorliegenden Meldungen fand das Unglück auf der Elbe in der "Nacht des 24. Juni, früh 12i/2 Uhr, statt. Der englische Kohlendampfer „Firsby", der im Ausfahren begriffen war, überrannte das Torpedoboot beim Absetzen des Lotsen. Tas Torpedoboot ging sofort unter. Ter Kommandant überblickte sofort die verhängnisvolle Lage. Er befahl, daß alle Nichtschwimmer sofort Korkgürtel anlegen sollten. Gerettet wurden neun Mann, die von einem kleinen Boot des Bremer Leichters „Mercur" ausgenommen, und bei der Alten Liebe gelandet wurden, während die übrigen sich selbst au Bord des englischen Dampfers zu retten vermochten. Nur Wir kl. Geheimrat Busley sprang von der Kommandobrücke mit einem Rettungsgürtel ins Wasser, und wurde so schwimmend ausgenommen. Geheimrat Busley erzählt, daß er gerade im Begriff gewesen sei, dem Steward em Trinkgell) zu geben, als er mit einem Mal von einem Engländer erfaßt wurde, der nach oben zeigte; da sah er den Bug des Firsby über sich. Ter Steward ist sofort zerquetscht worden. 15 Mann vom Terpodeboot und Geheimrat Busley wurden von dem ausgesetzten Boot des Dampfers „Firsby" gerettet und dort an Bord genommen. Vom „Firsby" holte sie der Lotsendampfer „Alte Liebe" ab, und brachte sie an Bord des Kreuzers „Nymphe". Weitere neun Mann retteten sich in dem kleinen Beiboot des Torpedobootes, ruderten nach einem in der Nähe passierenden Bremer Schleppzug, und kletterten an dessen einem Leichter in die Höhe. Der Schlepper des Leichters, der Schleppdampfer „Mercur", nahm die Lenke sofort an Bord und brachte sie an Land. Auf der Signalstotion wurden fie mit trockenen Kleibern versehen nnd dann ebenfalls nach der „Nymphe" gebracht. Äußer denr Kommandanten, Kapitän-Leutnant Rosenstock v. Rhöneck sind nach amtlicher Meldung ertrunken: Die Maschinistenmaate März und Keilwagen und der Matrose Reimers nnd der vorerwähnte Stewaä), also fünf Personen. Aon den Geretteten sind drei verbrüht worden; sie sind sofort ins Lazarett gekommen. Die anderen befinden sich jetzt auf dem Kreuzer „Nymphe". Gin ertrunkener Maschinistenmaat ist vollkommen verbrüht, weil die Mannlochdeckel abgerissen wurden. Der englische Dampfer Firslby ist 1150 Tonnen groß and gehört einer Reederei in Hüll. Der Dampfer war mit Ballast von Hamburg nach Newcastle unterwegs und ist nun auf der Hamburger Reede vor Änker gegangen, lieber die Ursachen des schrecklichen Unglücks ist man völlig im Unklaren. Die Nacht war klar, das Wasser ruhig, beide Schiffe hatten ihre Positionslaternen. S 42 gehörte Zu den Schultorpedobooren wie S 15 und S 23. Der Kommandant Rosenstock v. Rhöneck sollte im Juli das Kommando über das große Torpedoboot S 95 erhalten, er war einer der jüngsten Kapitänleutnants, erst am 15. Avril d. I. war er z u diesem Grade aufgerückt. Die deutsche Marine beklagt ihren 15. Schiffsverlust. 10 Kriegsschiffe und 5 Torpedoboote sind seit 1860 unter- gegangen. Die 5 Torpedofahrzeuge gehörten sämtlich zum kleinen Typ der S-Boote, deren Bau bekanntlich seit 1898 aufgegebeu ist. Ihre Wasserverdrängung schwankt zwischen 85 unb 150 Tonnen, ihre Besatzungsstärke zwischen 15 und 24 Mann. 8 Kriegsschiffe, Frauenlob, Amazone, Undine, Augusta, Adler, Eber, Iltis, Gneisenau, und 3 Torpedoboote, S 41, S 26, S 85, fielen Stürmen zum Opfer. 4 Schiffe und Fahrzeuge, der Große Kurfürst, die Wacht, S 48 und S 42, sind durch Zusammenstöße zum Sinken gebracht. In den drei ersten Fällen stießen die Schiffe bei der Vornahme taktischer Uebungeu zusammen. S 42 ist das erste Fahrzeug, dessen Untergang ein Handelsschiff verschuldet hat. Von den untergegangenen Schiffen i stnur eins, das Torpedoboot S 85, gehoben worden. Alle übrigen Bergungsversuche blieben ergebnislos. Die Hebung des S 85 wurde dadurch erleichtert, daß es nur aus 8 Meter Wassertiefe lag. Das in der jütischen Iammerbucht gesunkene Torpedoboot S 41 blieb verschwunden, S 26 versandete in der Elbmündung, S 48 brach auf dem Grunde der Jade auseinander, die Aus- sichten aus Hebung des S 42 sind somit gering. Das Sinken des S 85 und der Wacht waren die einzigen Schissskato- strophen, die keine Menschenleben forderten. Beim Kentern des S 41 ertranken 13, beim Sinken des S 26 6, beim Untergang des S 48 2 Mann. Aus Stadt und Land. Gießen, den 26. Juni 1902. f ** Geheimrat Schlippe. Man schreibt uns: Mit großem Bedauern sehen wir den Generalstaatsanwalt Geheimrat Schlippe au§ seinem Amte scheiden. Leider ist der arbeitsfrohe und thatkräftige Mann durch Krankheit genötigt, in verhältnismäßig früher Zeit zurückzutreten. Mit ihm verliert da§ Land einen hervorragenden Beamten, einen Mann, der in seltener Weise Pflichttreue, Wissen und wohlwollende Gesinnung vereinigte. Erfüllt von humanen Ideen, hat er nach allen Seiten hin einen segensreichen Einfluß ausgeübt. Er sah nicht in dem Angeklagten gleich den Verbrecher, wozu die Stellung des öffentlichen Anklägers einen eifrigen Staatsanwalt allzu leicht verführt, sondern er suchte stets auch den strafausschließenden und mildernden Umständen das nötige Gewicht zu verschaffen. In diesem Sinne hat er auch auf seine Untergebenen eingewirkt und manchmal hat er das allzu scharfe Vorgehen eines jüngeren Herrn etwas gemildert. So ist es ihm zum großen Teil zu verdanken, wenn die Staatsanwaltschaft in Hessen sich nicht einer solchen Unbeliebtheit erfreut, wie es in anderen Staaten der Fall sein soll. Auch in dem Gefängniswesen, das seiner Aufsicht unterstand, hat Geheimrat Schlippe viel Gutes gewirkt und sich das Vertrauen und den Dank der Gefangenen erworben. Er hat weiterhin sein Interesse für diese bethätigt, indem er als Mitglied des Vereins zur Unterstützung und Besserung der aus Strafanstalten Entlassenen für das Wohlergehen der Sträflinge nach verbüßter Strafe und ihre Wiederaufnahme in die bürgerliche Gesellschaft Sorge trug. So wird denn Geheinirat Schlippe überall ein gutes Andenken gesichert sein und er kann mit Zufriedenheit auf sein an Arbeit und Erfolgen so reiches Leben zurückschauen. ti. Vom städtischen Elektrizitätswerk. In der großen Maschinenhalle des Elektrizitätswerkes wird augenblicklich die projektiert gewesene 300pferdige Gaskraftmaschine nebst einer vierten Dynamomaschine aufgestellt. Das Werk verfügt dann nut der Wasserkraft im Ganzen über 750 Maschinen-Pferdekräfte, ivomit auf Jahrzehnte hinaus dem Bedürfnis in unserer Stadt nach elektrischem Licht und Kraft genügt werden kann. Ueberaus vorteilhaft für den Betrieb ist der Umstand, daß thatsächlich seit dem Februar d. I. bisher der Wasserstand m der Lahn so günstig war, daß ohne Zuhilfenahme der vorhandenen Gaskraftmaschinen allein mittels der Turbinen der Bedarf an Strom hergestellt werden konnte. An Kohlen sind wahrend dieser Zeit nur ganz unbedeutende Mengen verbraucht worden. Wie wir hören, fft geplant, das Elektrizitätswerk an die städtische Gasanstalt anzuschließen, um die Gasbereitung selbst bei günstigen Wasserverhältniffen im ersteren Werke ganz ruhen zu lassen. Die Anschlüsse an das elektrische Stromnetz nehmen stetig zu, bisher sind 200 Häuser angeschlossen, doch ist die Zahl der Abnehmer von Licht erheblich höher. Von elektrischen Kraftmaschinen sind bereits 31 Stück in Thätigkeit, und 5 weitere zur Aufstellung bestellt. Man beabsichtigt an maßgebender Stelle, den Preis für die Kilowattstunde für Privatbeleuchtungszwecke, die bisher 6 5 Pfg. kostete, auf event. 50 Pfg. herunterzusetzen, wenn die Stadtverordnetenversammlung die Genehmigung dazu erteilt. Es wäre recht sehr zu wünschen, wenn diese Preisreduktion bereits im kommenden Winter in Kraft treten könnte und dadurch ein stärkerer Verbrauch besonders an elektrischem Lichte erreicht würde, da bei dem jetzigen höheren Preis von den Konsumenten die größte Sparsamkeit geübt wird. ** Die Landsmannschaft Darmstadtia begeht in den Tagen von heute bis 30. Juni die Feier ihres 20jährigen Stiftungsfestes. Aus dem Programm heben wir hervor: Freitagabend Gartenfest in „Stein's Garten; Samstagmorgen Frühschoppen mit Musik auf der .Pulvermühle", am nachmittag Alter Herrentag und am abend großer Kommers in „Steins ©arten'; Sonntagmittag Ausflug nach dem Gleiberg; Montag Festfahrt nach Kloster Arnsburg. ** Haftentlassung. Am 24. d. M. wurde der Stadtrechner Schreiner aus Laubach auf seinen Protest gegen die Verfügung der Großh. Staatsanwaltschaft von dem hiesigen Landgericht gegen Stellung einer Kaution aus der Untersuchungshaft entlasten. § Aus dem hessischen Finanz-Subalterndienst. Zufolge ministerieller Anordnung mußten m der verflossenen Woche zirka 30 Finanzaspiranten, welche bei Steuerkommissariaten des Großherzogtums beschäftigt waren, ihre Stellen verlassen. Diese einschneidende Maßnahme soll mit der bevorstehenden Einführung des Kreisgeometer-Jnstituts Zusammenhängen, da letzteren Beamten ein Teil der Katasterarbeiten unserer Steuerkommissariate übertragen werden wird. Lich, 25. Juni. Der seit einigen Jahren in Darmstadt in Pension lebende frühere DislriktseinnehmerStückert von hier erlitt gestern Abend in der Rheinstraße einen Gehirnschlag, dem er alsbald erlegen ist. Hungen, 25. Juni. Auf Grube „Friedrich" werden jetzt durch den Brand ganz wenig oder noch gar nicht beschädigte Briketts, der Zentner zu 40 Pfg., abgegeben. Die Bewohner und besonders die Brennereien der Umgegend versorgen sich mit diesem Brennmaterial, da voraussichtlich im nächsten Winter keine Abgabe stattftndct. Auch werden, soweit der jetzige Vorrat reicht, wieder Waggonlieferungen ausgeführt. Bingen, 25. Juni. Das Weingut des verstorbenen Weingutsbesitzers Fr. Loth. Geromont, hier, der alljährlich in Bingen große Weinversteigerungen abhielt, ist zum größten Telle und zwar in den besten Lagen der Gemarkung, Scharlachberg, Eisel, Rochusberg, Kemptcrberg, Steinkautweg usw. in den Besitz der Groß h. hessischen Domäne übergegangen. Unterhandlungen waren schon längere Zeit im Gange, lieber den Preis für das Gut ist noch nichts Bestimmtes bekannt. * * Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der Briefträger Aug. Lutz in Butzbach verkaufte seine in der Guldengasse gelegene Hofraithe an den Installateur W. Schaum zum Preise von 5500 Mk. Vermischtes. * Berlin, 25. Juni. Ein Liebespaar, der 43jährige Buchdrucker Georg Wilhelm und die 23jä()rige Verkäuferin Emma Gesch, wurden heute Mittag in der Wohnung des ersteren tot aufgefunden. Anscheinend ist der Tod schon gestern durch Gift erfolgt. Wilhelm lebte von seiner Frau getrennt. * Unter dem Titel „Schweine, Schießeisen und Leitartikel" schreibt der „Arizona-Mcker": Es ist uns sehr unangenehm, irgend welche Gebräuche und Gewohnheiten unserer Stadt tadeln zu müssen, aber wir bestehen darauf, daß unsere Mitbürger ihre Schweine vom Zeitungsgebäude fernhalten. Während wir gestern gerade beschäftigt waren, einen Leitartikel über die Stabilität unserer staatlichen Einrichtungen zu schreiben, hatte eins der Schweine des Senators McBride den Weg unter unser Bureau gefunden und kratzte und scheuerte den Rücken an den Balken unter dem Fußboden. Das ganze Gebäude zitterte so, daß wir gezwungen waren, mit einem Besenstil bewaffnet, der Kreatur auf den Pelz zu rücken und sie hinweg zu bläuen. Kaum zurück, wurden wir wieder unterbrochen durch den Eintritt eines langen Lümmels von Cowboy. Er hatte seinen Revolver in der Hand und richtete an uns die Frage, ob wir der Editor des „Kicker" und Schreiber des Artikels über den Ball am Babcock-Kommers seien. Wir hätten nämlich unser Mißfallen über die Behandlung des Wirtes bei Gelegenheit dieses Balles aus- gedrückt, den man einfach über den Haufen geschossen, weil er einem Cowboy, der ihm 80 Dollar schuldete, weiteren Trinkkredit verweigerte. Auf unsere Bejahung fing dieses gemeine Individuum ebenfalls auf uns zu feuern an; allein wir hatten uns vorgesehen. Wir bückten uns, und da wir unser Schießeisen leider nicht zur Hand hatten, ergriffen wir unseren Wasserkrug, in dem wir für gewöhnlich das für unsere Zeitungsschreiberei nötige Lagerbier holen, unb warfen ihn unserem Widersacher so kräftig und glücklich an seinen Verstandskasten, daß er wie weiland Goliath zu Boden stürzte. Die in der Tasche des Gerichteten befindlichen 7 Dollars 80 Cents behielten wir zur Anschaffung eines neuen Kruges und Reparatur der zerschossenen Wand. Durch alle diese Störungen mären wir so zerstreut, daß es uns nicht möglich erschien, den Leitartikel zu vollenden. Der „Kicker" erscheint also heute ohne denselben. Wir geben zu gleicher Zeit allen unseren Feinden Nachricht, daß wir von jetzt an unsere Schießeisen beständig bei uns tragen werden und uns durchaus feine Gewissensbisse machen, dasselbe sofort, wenn nötig, zu gebrauchen. Wir laden bei biejer Gelegenheit zur Avomiementserneuerung des „Kicker" ein, bemerken aber, daß wir bis auf weiteres keine Perlhühnereier an Zahlungsstatt annehmen, da diese im Preise sehr gesunken sind, und wir noch einen großen Vorrat davon haben. Kunst und Mistenschast Der frühere Oberregisseur der Vereinigten Frankfurter Stadttheater, Friedrich S ch w e m m e r, ist nach schwerem Leiden im Alter von 85 Jahren gestorben. Klingers Beethoven ist von der Stadt Leipzig für den Kaufpreis von 250000 Mk. erworben worden. Die Stadt Leipzig wird den größeren Teil dieser Summe aus Süstungsmitteln nehmen. der Rest soll durch Zeichnung freiwilliger Beiträge gedeckt werden. Das Werk ist in Düsseldorf am 24. ds. eingetropen. Hannover, 25. Juni. Tas gestrige Abschiedskonzert Einoedshofers im Tivoli nahm einen glänzenden Verlauf. Der große Garten war bis auf den letzten Platz gefüllt, Einoeds- hofer sowie seinem Orchester, das ganz hervorragend spielle, wurden stürmische Ovationen dargebrachl. Am Schluß des Konzerts erhielt Einoedshöfer mehrere Kränze. Aus Worms wird uns geschrieben: Im Sinne der Erziehung des Volkes zur Kunst findet vom 26. August bis Ende September hier in den Räumen des Kasinos eine Gemälde-Ausstellung statt. Der eigenartige Reiz dieser Ausstellung, im Vergleich zu viel größeren, allgemeinen Ausstellungen, wird darin bestehen, daß aus den reichen Sammlungen hiesiger und auswärtiger kunstsinniger Famllien eine ganz seltene Auswahl hervorragender Werke zur Ausstellung gelangt. Es sind darunter Bilder unserer bedeutendsten Meister, Werke, die bis jetzt überhaupt noch nicht ausgestellt gewesen sind, und die auf diese Weise der Besichtigung des größeren Publikums zugänglich gemacht werden. So z. B. eine Kollektion Böcklins und Lenbachs. Ferner sind dem Komitee Werke von Vautier, Menzel, Uhde, Knaus zur Verfügung gestellt worden, und schließlich sind die alten, großen Schulen in hervorragenden Werten vertreten, eo wird eine Anzahl alter italienischer Gemälde vorhanden fein, und von alten deutschen und niederländischen Meistern seien hier nur Namen wie Holbein, Rubens, Hals, Molenaer, Ter- borch, van der Neer und Ruysdael genannt. Aber auch unsere zeitgenössischen Künstler sollen vertreten sein. Worms ist während der Sommermonate von Fremden stark besucht, welche durch die Sehenswürdigkeiten der altehrwürdigen Nibelungenstadt hierhergeführt werden. Ter; herrliche Dom, das Lutherdenfinal, die seltenen Schätze aus grauer Vorzeit, welche das Paulusmuseum birgt, und manches andere lohnen wohl der Mühe, einen Abstecher nach Worms zu machen, und zwar umsomehr, wenn der kunstsinnige Reisende dort gleichzeitig eine Ausstellung besuchen kann, welche weniger durch ihre Ausdehnung, als durch ihre Eigenart, reiche Belehrung und großen Kunstgenuß bieten dürfte. Gerichlssaal. Berlin, 25. Juni. Prozeß Sanden. Der frühere Prokurist der Firma Anhalt u. Wagner, Mat Gaedc, bekundet: Der Jahresumsatz 1899 betrug etwa 300 Millionen M a r k. Er habe die llcberzeugung gehabt, daß das Geschäft auf sehr lukra- rwer Basis beruhle und nach jeder Richtung hin lebensfähig war, daß aber die Betriebsmittel vermehrt werden mußten. Nach semer Ansicht befand sich Generalkonsul Schmidt nicht ganz auf der Höhe, um ein so großes Geschäft zu leiten. Kommerzienrat Lucas sagt aus: Der Verlust der Eigentümer der Dortniundcr Unionaktien im Laufe der Jabre könne ans 5 0 Millionen 2)1 a r £ angenommen werden. Zur Besprechung gelangt dann die Regulierung des Nachlasses des 1893 verstorbenen Direktors der Aktiengesellschaft für Grundbesitz und Hypothekenverkehr Heinrich Sanden. L ie Anklage behauptet, daß, als der Nachlaß Heinrich Sandens an die Erben verteilt werben zollte, sich m den Büchern der Aktiengesellschaft ein Konto ,,H. Sanden Nachlaß" befunden unb einen ^chuldialdo von 464568 Ni art ausgewiesen habe. Um diesen Schuldsaldo aus der Welt zu schasfeii, und den Erben noch Ver- mögen zuzuwenden, habe eine Transaktion zu Ungunslen der Aktiengeiellschast stattgefunden. Erich Schmidt, der Soyil des An- geklagten Eduard Schmidt, bestätigt, daß die Spannkraft seines Vaters schon 1896 nachgelassen und die geistige Ausfassungssähigkelt desselben infolge schwerer Krankheit abgenommen habe. Rechtsanwalt Dr. Rosenslock und der Arzt Dr. Jansen äußern sich in demselben Sinne, wie der Zeuge Erich Schmidt. Kiel, 25. Ium. Tas Kriegsgericht des 1. Geschwaders sprach heute den Kommandanten des Kreuzers „A m a z o n e"/ Fregatten- Kapltän Bruch, von der Arülage frei, durch Fahrlässigkeit den Z u s a mm en st o 8 seines Schiffes mit dem Linienschiff „K a i j e r W i l h e l m 11. im Kanal verschuldet zu haben. Ter Wachtosfizier Oberleutnant Hauers dagegen ivurde schuldig be- funderi und zu 14 Tagen K a nr m e r a r r e st verurteilt. Breslau, 25. Ium. Vor der zweiten Strafkammer des Lanö gerichls begann heilte der Prozeß gegen den Rhede reldirek- t o r P a u l Breslauer und Genossen wegen Betruges, Urkundenfälschung, Vergehens gegen das Aktiengesetz und Banterotts bezw. Beihilfe zum Betrug. Ueber 60 Zeugen und Sachverständige sind geladen. Breslauer bekennt sich nur der Beihilfe zilm Betrüge in Verbindung mit der Verletzung des Aktlengesetzes für schuldig. Die Mitangeklagten bestreiten jede Mitschuld. Breslauer bezeichnet sich als Opfer Schostags. Er habe dessen Betrügereien schon 1893 entdeckt, aber die An- zeige beim Aufsichtsrat unterlassen, iveil Schostag mit Selbstmord drohte. Leipzig, 25. Juni. Der Zugführer Kleinhans, der im Prozeß wegen des Altenbekener Eisenbahn-Unglücks verurteilt worden war, hat die eingelegte Revision vor der für morgen angesetzten Revisioiis-Verhandlung bei dem Reichsgericht zurückgezogen. Landwirtschaft. Berlin, 25. Juni. Der „Reichsanz." veröffentlicht Nachrichter, über den S a a t e n st a n d im Deutschen Reich von Mitte Juni. Danach war der Stand der Saaten folgender: Winterweizen 2,2, Sommerweizen 3,4, Winterspelz 2,0, Winterroggen 2,4, Sommerroggen 2,4, Sommergerste 2,4, Hafer 2,4, Kartoffeln 2,7, Klee 2,4, Luzerne 2,6, Wiesen 2,5. Die entsprechenden Zahlen des Vorjahrs sind: 3,5, 2,8, 2,8, 2,9, 2,7, 2,7, 2,6, 2,4, 3,3, 3,0 und 2,8. Hinzu- gefügt wird: Die Ende Akai eingetretene eine Woche andauernde ungewöhnlich warme Witterung beeinflußte im Allgemeinen das Wachstum sämtlicher Feldfrüchte außerordentlich günstig. Die Besserung der Saaten ist vielfach über Erwarten gnrß. Karlsruhe, 25. Juni. Nach der betannten Stufenfolge be» rechtigt der Stand der Saaten Mitte Juni bei Winterweizen 2,2, Sommerwetten 2,6, Winterspelz 2,2, Winterroggen 2,2, Sommerroggen 2,7, Winterweizen und Winlerroggeii im Gemenge 2,0, Winterspelz und Winterroggen 2,2, Gerste 2,3, Hafer 2,3, Kartoffeln 2,6, Klee 2,6, Luzerne 2,8, Wiesen 2,5, Hopfen 2,8, Reben 3,5. Ter erste Satz des Tabaks, welcher infolge der reichlichen Bodenfeuchtigkeit einen raschen Verlauf nahm, wird in einigen Berichtsbezirken von Schnecken bedroht. Ter Hopfen ist in der Entwicklung verhältnismäßig noch weit zurück, hat meist kaum eine Länge von 2—3 Nieter und nur in einem Berichtsbezirk Stangenhöhe erreicht. Fast allenthalben, und zwar vorzugsweise in den niederen, teilweise auch in den mittleren Lagen, hat sich der Stand der Reben verschlechtert. Auch wird aus zwei Bezirken über das Auftreten des gefürchteten O'i'diums berichtet. Anhaltend warme Witterung dürfte indes auch bei der Rebe eine Besserung der Herbstaussichten erhoffen lassen. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. — Allgemeine ElettrizilätSgesellfchaft. Tie Gesellschaft hat, wie wir bereits mitteilten, mit der Nernst Electric Light Co. Ld. einen Vertrag abgeschlossen, wonach letztere für eine Reihe von Jahren auf die Fabrikation von Nernst-Lampen verzichtet und für die vorbehaltenen überseeischen Länder ihren gefaulten Bedarf an Nernst-Lampen von der Allgem. Elektrizitätsgesellschaft bezieht. Tie englische Gesellschaft hat mit ihren Nernst-Lampen wenig Erfolg gehabt, demnach müssen also die von der Allgem. Elektrizitäts- Gesellschaft hergestellten Nernst-Lampen unanfechtbar aut sein. Hierüber noch näheres zu erfahren, dürfte im Wunsch aller Aktionäre der letztgenannten Gesellschaft liegen. — Zur Lage der Fahrradiudustrie. In der deutschen Handelsstatistik werden erst seit 1897 Nachweisungen über die Ein- und Ausfuhr von Fahrrädern und Fahrradteilen mitgeteiU, die amerikanische hat mit Aufzeichnungen gleicher Art ein Jahr früher begonnen. Tas in den amtlichen Veröffentlichungen vorliegende Material benutzt die „Deutsche Jndustrieztg.", das Organ des Zentralverbarides deutscher Industrieller, zu einer Darstellung des deutschen und des amerikanischen Außenhandels mit Fahrrädern und Fahrradteilen, in der sie mit Genugthuung konstatiert, daß sich der deutsche Außenhandel mit Fahrrädern in den Jahren 1897 bis 1901 sehr günstig gestaltet und die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie sich auch auf diesem Gebiet glänzend bewährt habe. Die Handelswerte der deutschen Ein» und Ausfuhr von Fahrrädern und Fahrradteilen gestalteten sich nach den amtlichen Ermittlungen: Einfuhr Ausfuhr in Tausend Mark Ueberschuß der Ausfuhr 1897 6968 9905 2937 1898 6297 12637 6340 1899 4249 11710 7461 1900 3272 10396 7124 1901 (Dort Werte) 2050 11770 9720 Es ergiebt sich hieraus, daß dieEinfuhr von Jahr zu Jahr zurückgegangen ist, der Ueberschuß der Ausfuhr ebenso g e - st i e g e n ist und nur 1900 einen kleinen, durch die wirtschaftlichen Verhältnisse erklärlichen Rückgang erfahren Hal. Tie Zahlen für 1901 werden bei der endgiltigen Festsetzung noch erhebliche Aende- rungen erfahren, sodaß auf sic vorlciusig kein Gewicht gelegt werben kann. Nach der Stückzahl hat die Ausfuhr, während sie 1897 und 1898 noch hinter der Ausfuhr zurückgeblieben war, einen Ueberschuß von 12811 Stück i. I. 1899 und von 18670 i. I. 1900 ergeben, während die Ausfuhr von Fahrradteilen nur 1897 hinter der Einfuhr zurückblieb, in den drei folgenden Jahren dagegen einen Ueberschuß von 5866, 6755 und 8475 D.°Ztr. ergab. Dre Einfuhr aus den Verein. Staaten, deren angeblich ruinöser Wettbewerb von den deutschen Fahrradfabrikanten in ihren Petitionen um Einführung eines hohen Schutzzolles für Fahrräder und Fahrradteile immer wieder betont wurde, ist von 39192 Stück t. I. 1898 auf 4539 L I. 1900 zurückgegangen. — Besteuerung des Agiogcwiunes. Jüngst teilten wir eine Entscheidung des preuß. Oberverwaltungsgerichts mit, laut welcher die Agiogewiime aus der Emission junger Aktien steuerfrei find. Diese Entscheidung hat übrigens für eine ganze Anzahl früherer Emissionen junger Aktien rückwirkende Bedeutung, so außer für die Emission der Darmstädter Bank aus dem Jahre 1898, die bekanntlich zu der neuen Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Anlaß gegeben hat, auch für die Kapitalerhöhung der Tarinstädter Bank aus diesem Jahre, für zwei Aktienemissionen der Diskontogesellschaft, sür eine der Nationalbank für Deutschland, des Schaaffhausenschen Bankvereins usw. An die Nationalbank für Deutschland dürften ca. 200 000 zurückgelangen, auf 7> Mill. Alk. kann die Darmstädter Bank zählen, das gleiche wird die Diskontogesellschaft zurückerhalten haben und auf noch größere Beträge können die Dresdeiier Bank und der Schaaffhausensche Bankverein rechnen. Diese Summen werden in die Reservefonds der bett. Banken eingestellt werden. — Frankfurter Börse. Tie Verschiebung der Krönung des Königs von England und dessen schwere Krankheit haben die Verstimmung, die schon seit längerer Zeit auf der Börse lastet, in höherem Maße verschärft. Ueberall jchwächte sich die Haltung ab und man neigte zu Abgaben. Auch andere Momente besliminten die Tendenz der heutigen Börse. So der i n n e r p o l i t i s ch e Streit in Oesterreich-Ungarn, der sich in hohem Maße zugespitzt haben soll. Infolgedessen sandte die Wiener- Börse niedere Kurse — besonders in dem Hauptspekulatwnspaprer, Kreditaktien —, welcher Umstand (der heutigen Börse) die Lustlosigkeit und die Realisierunasneigung erhöhte. — Harpener sowie Hüttenaktien etwas fester, Diskonto Bruchteile höher. Deutsche Werte unverändert, fremde Fonds ohne Verkehr. Türkenlose ab- geschwächt. Staatsbahn etwas zurück. — Die Ribeck-MoutaugefellschafL verteilt 12 pCt. Dividende gegen 14'/r pEt. im Vorjahr. — Jenaer Stadtauleihe. Am 30. er. findet eine Subskription auf 100 000 Mk. Jenaer Stadtanleihe ä 97*/2 statt. — Au der Berliner Börse ist der Antrag um 78 Mill. Kronen 4'/, proz. Bosnisch-Herzegowinische Eisenbahn-Anleihe von 1902 gestellt worden. — Wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, beabsichtigt die Schantuug-Eisenbahngefellschafi 15 Millionen Mark Aktien zur öffentlichen Sulycription auszulegen. Von dem 54 Mil- lronen betragenden Aktienkapital sind bisher 15 Millionen voll bezahlt, vom 9left sind 35 pCt. eingezahlt. Märkte. Gießen, 25. Juni. Der dieswöchentliche Vieh markt hatte anen Auftrieb von etwa 1200 Stück Kühen und Rindern, 200 Kälbern, 50—60 Gangochsen und 1000 Schweinen. Der Rindvieh m a rk t hatte zahlreiche Kundschaft vom Main, Rhein, von der Sieg und vereinzelt auch von der Mosel angelockt. — Für den nur kleinen Vorrat des K ä l b e r m a r k t e s fehlte es nicht an Käufern aus den Badeplätzen. Tas aufgebrachte Fahroieh wurde von Westerwälder Landwirten gekauft, die gute Preise anlegten, so daß die Handelsleute, welche sonst die Kundschaft auf unseren Ochsenmärkten bilden, wegen zu hoher Forderungen der Verkäufer unverrichteter Dinge wieder abzogen, um beim morgenden Fuldaer Markt einzukaufen. Der Auftrieb in Milchvieh bestaiid aus fehr schönen Simmenthaler Kühen, einigen Holländern und unseren heiniischen Landrassen. Unter dem Vorrat von Jungvieh besand sich ein größerer Transport 8—10 Monat alter Westerwälder Rinder, die flott abgingen, weil die Viehhalter über geringes Fritter versügen. Ter Milchviehhandel war ein recht flotter, wenn auch die Preise hinter denen der Märkte des April und Mai zurückblreben. Trotz des kleinen Quantums, das am Markt war, ging der Kälberhairdel nicht besonders. Tie Gießener Käufer griffen überhaupt uicht in das Geschäft ein, trotz der niederen Preise, welche für die Thiere verlangt wurden und obwohl die Kälberpreise in den Tagen zwischen den beiden letzten Märkten aus dem Lande theurer waren als auf dem Markt. Fette Rinder waren sehr gesucht unb mußten hoch bezahlt werden. Der Schweinehaiidel ging schleppend. Es fehlte an Kundschgft und die Marktbesilcher zeigten sich wenig kauflustig, trotzdem glückte es nur in seltenen Fällen, die immerhin recht Hohen Preise der Waare zu drücken. Kühe frischmelkend und tragend wiirden gehandelt (Preis pro Stück): besonders schwere Eremplare 480—500 Mk., 1. Qualität 400—450 Mk., 2. Qualität 350—375 Mk., 3. Qualität 275—300 Mk. Zweijährige Rinder 210—230 Mk., 8 bis 10 Monat alte Westerwälder Rinder 90—120 Mk. Gehandelt wurden (per Eentner Schlachtgewicht); ältere fette Kühe 43—15 Mk., fette Rinder 61—65 Mk., Kälber 1. Sorte (über 50 Pfund schwer) 58—60 Mk., 2. Sorte (zwischen 40 und 50 Pfund wiegend) 54—56 Mk., 3. Sorte (leichtere Tiere) 49—51 Mk. Ochsen schwere Waare fehlte am Markt gänzlich. Die Mittel-Waare wurde per Paar je nach Gute zu 6—800 Mk. verhandelt. Fette Ochsen waren nicht aufgetrieben. Tie Schweinepreise stellten sich per Paar Ferkel, 8—10 Wochen alt, 36-44 Mk., 12—14 Wochen alt 50-66 Alk., 18—20 Wochen alte Tiere 75—90 Mk. Einlegejchweine wurden je nach Güte uiid Schwere mit 100—200 Mk. gehandelt. Schlachtreife Waare war diesmal nur ganz vereinzelt am Markt. Der Rindviehmarkt war an beiden Markttagen gleich nach 10 Uhr beendet, ohne daß Ueberstand verblieb. Der Schweinemarkt hatte einen Ueberstand von etwa 150 Tieren. Nächster Markttag am 8. und 9. Juli d. I. Limburg a. d. 8., 25. Juni. Fruchtmark!. Durchschnittspreise pr. Malter. Roter Weizeii 14.80 Mk., Weißer Weizen 00.00 Mk., Korn 11.80 Mk., Gerste 0.00 Mk., Hafer 8.90 Mk., Erbsen 0.00 Mk., Kartoffeln 0.00 Mk. Wöchentliche UeberW öer Todesfälle in der Stadt Gießen. 23. Woche. Vom 1. bis 7. Juni 1902. Einwohnerzahl: angenommen zu 26 400 (inkl. 1600 Mann Milstär). Sterblichkeitsziffer: 24,09, nach Abzug von 2 Ortsfremden 20,08 °/0o. Kinder Hs starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr- Lungen-Tuberkulose 1 Krebs 3 (2) Gehirnblutung 1 Lungenerweiterung 1 Blutgefäßentzündung 1 Tarmkatarrh 1 Krämpfen 1 Altersschwäche 2 Verunglückung 1____ Summa: 12 (2) 10 (2) 2 — Arim.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. Ardeitervcmrgnng. Triest, 25. Juni. Die Straßenbahn-Ang estellten sind in den Streik eingetreten. Der Verkehr mußte gänzlich eingestellt werden. Dagegen ist der Ausstand der Fleischhauer beendet, da »wischen den Meistem und Gehilfen völlige Einigkest erzielt wurde. Lemberg, 25. Juni. Im Bezirk Ostrow ist ein Streik der Landarbeiter ausgebrochen. Die Gendarmerie war bereits gezwungen, einzuschreiten. Acht Personen wurden verhaftet, von denen 4 durch die sich zusammen rostenden Bauem wieder befreit wurden. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Müller und Schulze am Klingelbach. Müller: Na, über däs Wässerten könnten der Nachbar? und ooch ee Nachbar' sick endlich beruhicken. Schulze: Dös hoffe st söhr. Mülle r: Und dieGanalisation iß der Stolz und Ruhm der Stadt Gießen. Schulze (weinerlich): Ach jo! JnfünfJohren! Müller: Wä sagt Muddern? Gur Ding will lang Well Habben. Schulze: Aber köhren sollte der Bürgermeester doch lassen! Müller: Verstöht sick! Der Letzte. Gottesdienst der israelitischen Keligionsgesrüschaft. Sabbathfeier am 28. Juni 1902. Freitag abend 800. Samstag vormittag 800. Nachmittag 4. Sabbathausgang 940. Wochengottesdienst: morgens 630 Uhr, abends 730 Uhr. Meteorologische Beobachtungen der Station Gietzen. o " gS ä .. O JO 25. 25. 26. 753,0 753,0 753,8 20,0 ! 7,9 45 15,2 9,6! 74 15,5 8,6 65 N. ESE. NE. Höchste Temperatur am 24. bis 25. Niedrigste „ „ 24. „ 25. Wetter Bew. Himmel KlarerHimmel Sonnenschein 21,0° C. 12,0° C. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Darmstadt, 26. Juni. Zweite Kammer. Die Beratung der Regierungsvorlage betr. Wohnungsfür- sorgesürdie Minderbemittelten wird fortgesetzt. Abg. Ulrich ist im Prinzip gegen den Entwurf, will aber weitere Anträge nicht stellen, sondern für das Gesetz in seiner fetzigen Fassung stimmen. Abg. Cramer erklärt, daß das Bauen von Ein-Familienhäu,ern zu teuer sei und nicht überall durchgeführt werden könne. An der Debatte beteiligen sich noch die Abgg. Seelinger, Häusel, Weidner und Dr. Frenay. Der Gesetzentwurf wird darauf nach den Ausschußanträgen angenommen. Es folgt die Beratung über die Regierungsvorlage betr. den Gesetzentwurf über Denkmalsschutz (nach der Rückäußerung der Ersten Kammer-. Tie Vorlage wird angenommen; das Inkrafttreten des Gesetzes ist vom 15. Juli aus den 1. Oktober hinausgeschoben worden. Angenommen werden ferner die Regierungsvorlagen betr. die Errichtung einer Professur für Kunstgeschichte an der technischen Hochschule, und die Regierungsvorlage, betr. das Gelände für den Oppenheimer- Hasen. Dem Gesetzentwurf betr. das Eigentum an Kirchen undPsarrhäusern erklärt Minister Rothe nicht zustimmen zu können. Die Regierung verlange die ursprüngliche Fassung. Die Kammer nahm indes den gesamten Gesetzentwurf nach den Ausschußanträgen an. London, 26. Ium. Dem „Amtsblatt" zufolge sind die Generale Sir Henry Norman und der Herzog von Connaught zu Feldmarschällen ernannt worden. Paris, 26. Juni. Dem „Gaulois" zufolge schicken sich die französischen Kartäuser-Mönche an, Frankreich zu verlassen, um die Fabrikation ihrer bekannten Liköre im Aus lande fortzusetzen. Messina, 26. Juni. Gestern Abend wurde hier ein kurzer, leichter Erdstoß wahrgenommen. Schaden wurde nicht angerichtet. Wien, 26. Juni. Die Vermählung des Herzogs Siegfried in Bayern mit der Erzh erzogin Maria Annunciata wird in der zweiten Woche des September in Wien stattfinden. Krakau, 26. Juni. Wie hiesige Blätter aus Warschau melden, machte Graf August Potocki, der 700000 Zttrbel an einen russischen Aristokraten int Spiel verloren hatte, einen Selb ft mord-Versuch, wurde aber von seinem Diener rechtzeitig daran verhindert. Valparaiso, 25. Juni. Gestern früh stürzte eine Brücke über den Rio Clara bei Talca ein, als ein Personen« zug über dieselbe fuhr. Eine große Anzahl Personen wurde gelotet, andere, denen es gelang, auf das Verdeck der in den Fluß gestürzten Wagen zu gelangen, wurden gerettet New York, 25. Juni Aus Willem st adt wird gemeldet, daß am 11. Juni bei Coro ein fünfstündiger Kamps stattfand, nach welchem der Vizepräsident Ayala sich mit 1744 Offizieren und Mannschaften ergeben habe; fünf Kanonen seien den Aufständischen in die Hände gefallen. Washington, 26. Juni Die Delegierten haben in der interparlamentarischen Konferenz den Gesetzentwurf betreffend den Panama-Kanal angenommen. Die Krankheit des Königs Eduard. London, 26. Juni. Die neueste Nummer des „Medical Journal" erklätt, der Befund der Operation ergebe, daß der Abszeß die Folge einer jener unaufgeklärten Entzündungen war, die häufig in der Gegend des Blinddarmes erfolgen und nicht durch ein organisches Leiden oder durch bösartigeGewächse verursacht werden. Der König sei natürlich nicht außer Gefahr; da aber bisher kerne ungünstigen Symptome aufgetreten seien, sei guter Grund zur Hoffnung auf vollständige Wiederherstellung des Königs gegeben. — Eine ärztliche Autorität äußerte sich der „Westminster Gazette" zufolge dahin, daß, bis die Kanüle aus der Wunde genommen sei, man nicht sicher auf die Genesung rechnen könne. Die Hauptgefahr sei das Hinzutreten von Bauchfell-Entzündung. Oesters schreite auch ein Perttyphlitis-Geschwür ohne jedes warnende! Symptom zum tätlichen Ausgang fort. Zweifellos sei die Operation zur Errettung des Königs unerläßlich gewesen. Der König werde lange krank bleiben. Es war thctt- sächlich nötig, einen Teil der Eingeweide selbst zu entfernen* Der berühmte Chirurg Lord Lister äußerte gestern einem Freunde gegenüber, die Operation wäre der ernsteste Eingriff, dem ein Mann in dem Alter und dem Zustande des Königs unterworfen werden könne. Die Aerzte hegen kaum eine Hoffnung auf die Wiederherstellung des Königs. Was sie thaten, kann als ein verzweifelter Schritt bezeichnet werden, da die Unterlassung der Operation den sicheren Tod des Königs innerhalb 48 Stunden bedeutet hätte. Die Operation enthüllte einen schlimmeren Zustand auf der betreffenden Stelle, als man vorher angenommen hatte. Der Absceß ging indeß nicht auf und eine allgemeine Blutvergiftung ist daher noch nicht eingetreten* Sehr günstigen Eindruck machte es, als der Herzog und die Herzogin von Aosta nach dem Buckingham-Palast kamen, um mit der königlichen Familie das Luncheon einzunehmen. — Der Herzog von Cambridge hielt an das 4. Mlddlesex-Regi- ment eine Ansprache, worin er erklärte, er könne h offnungs- v o l l über den Zustand des Königs sprechen, da er günstige Berichte erhalten habe. In der City ging trotzdem das Gerücht, daß des Königs Kräfte schnell abnehmen. Er soll sogar die nächsten 24 Stunden nicht überleben. Die meisten Morgenblätter äußern sich ziemlich optimistisch. „Daily Mall" berichtet, daß der Verlauf der Krankheit befriedigend sei, fügt aber hinzu, daß die krttische Periode biA Samstag oder Sonntag dauere. „Central News" zufolge wurden dem Könige gestern sämtliche Telegramme vorgelesen, die von den Verwandten eingegangen waren. — lieber die Entstehung der Krankheit wird versichert, daß die ersten Symptome am 14. ds. auftraten, nachdem der König am 13. nach Mitternacht einen starken Imbiß zu sich genommen hatte. Am folgenden Tage spürte er bereits Unbehagen, setzte aber trotzdem die Reise nach Aldershot fort. — Im Buckingham-Palast sind Telegramme von den meisten europäischen Herrschern eingelaufen, worin diese sich nach dem Befinden des Königs erkundigen und seine baldige Genesung wünschen. Der Prinz von Wales ist beauftragt worden, diese Telegramme zu beantworten, eine Arbeit, die beinahe den ganzen Tag in Anspruch nahm. Wien, 26. Juni. Die hier spät nachts in der hiesigen englischen Botschaft eingelaufenen Nachrichten wissen nichts von einer Verschlimmerung im Befinden des Königs Eduard, bestätigen vielmehr, daß die Besserung bisher erfreuliche Fortschrllte gemacht habe. Telephonischer Kursbericht« Frankfurt a. M. 3*/g% Reicheanleihe . . 102.20 3°/ü do. ... 92.70 31/1% Konsole .... 101.85 8