Nr. 146 Erstes Blatt. 152. Jahrgang Mittwoch 25. Juni 1908 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Zamillen- blättcr viermal in der Woche beigelegt. Notationsdruck u. Verlag bi. Brü h l'sche- Univers. Buch°u.Stei. btutferet lPietsch Erben) Aedakui. Expedition um. Druckerei: Schulstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Fernsprechanschluß Nr. 51. Eichener Anzeiger ** General-Anzeiger w -<5* Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen Bezugspreis: monatlich 75 Ps., viertel-, jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr, Zellenpreis: lokal 12Pf* auswärts 20 Pfg. Verantwortlich: für den polit. u. atigern. Teil: P. Wittko; für „Stadt und Land" und „Gerichtssaal": Gurt Plato; für den Anzeigenteil: Hans Beck. König Eduards Krönung verschoben. Im Laufe des gestrigen Nachmittags gingen uns nach einander folgende Telegramme aus London zu, die wir alsbald durch Aushang bekannt gaben: London, 24. Juni. 2 Uhr 55 Minuten. Das Krönung?, fest ist wegen Unpäßlichkeit des Königs auf unbestimmte Zeit verschoben worden. London, 24. Juni. 5 Uhr. Ein über die Erkrankung des Königs ausgegebenes Bulletin lautet: Der König leidet an Blinddarmentzündung. Sein Befinden war am Samstag so befriedigend, daß er hoffte, dank der ärztlichen Behänd- lung sich der Krönungszeremonie unterziehen zu können. Gestern Abend verschlimmerte sich der Zustand, sodaß heute eine Ope- ration nötig wurde. London, 24. Juni. 5 Uhr 45 Min. Das 2. Bulletin lautet: Die Operation des Königs wurde erfolgreich ansgeführt. Ter große Abszeß hat sich entleert. Der König überstand die Operation gut. Sein Befinden ist befriedigend. Was sind Hoffnungen, waZ sind Entwürfe! Unter günstigsten Auspizien sollte heute Eduard VII. als König von Großbritannien und Irland und der „Herrschaftsgebiete über See" gekrönt werden. Die „Herrschaftsgebiete über See" haben gerade jetzt eine Erweiterung erfahren, wie sie seit der Eroberung des westlichen Europa durch Cäsar und der Eroberung Indiens durch Lord Clive und Warren Hastings einzig in der Geschichte der Menschheit dafteht. Die Tragweite der Angliederung der goldreichen Hochplateaus von Südafrika an das britische Weltreich wird auf dem Kontinent von Europa noch gar nicht deutlich erfaßt. That- sächlich bedeutet sie das EinziehendesfünftenWelt- teiles in das angelsächsische Herrschaftssystem aus unserem Planeten. König Eduard VIL sollte heute gekrönt werden als Monarch von über einem .Viertel der Landflächen dieser Erde, und mehr als ein Viertel unseres Geschlechtes hatte sich vorbereitet zur Huldigung vor ihm. Wohin verschwinden die „Weltherrschaften" der Thotmes und Kyros, der Alexander und Cäsar, der Karl V. und Napoleon vor solcher Gebietsausdehnung? Im Reiche König Eduards VII. geht nicht nur die Sonne niemals unter, sondern es ist in jedem Augenblick jede Tagesstunde irgendwo vertreten. Der Klang der englischen Atorgenreveille hält Schritt mit den 24 Stunden des Tages, und in jedem Augenblick ist Sonnenaufgang und Sonnenuntergang im Bereich des britischen Weltreiches. Alle Zonen der Erde sind in diesem Gebiete vertreten. Von den Eisfläch-en Kanadas bis in die Tropenwelt Indiens und Australiens und über die gemäßigten Zonen des Seengebietes von Nordamerika, Neuseelands, Südafrikas weht der Union Jack. Der aber die Krone trägt dieses Riesenreiches, der da mehr an Macht hat als irgend ein Gewaltiger der alten und modernen Geschichte, er ist ein kranker Mann. Fünf Jahre nach dem 60jährigen Jubiläum der Königin Viktoria, das der Menschheit das Schauspiel der Demonstration eines Weltreiches sondergleichen bot, sollte in diesen Tagen die Krönung Eduards VIL sich ebenbürtig dieser Feier anreihen. — Wiederum haben sich Angehörige des Britischen Reiches' von allen Teilen der Erde in London getroffen; wiederum haben alle Nationen ihre Abgeordneten dortbin entsandt, um dem König von England ihren Glückwunsch darzubringen und, wie 1897, sollte auch 1902 den Völkern der Erde Gelegenheit gegeben werden, einen Eindruck von der Seemacht Englands bei Spithead zu gewinnen. Aus alledem ist nun nichts geworden. Die Welt ist ge s o p P t wie selten vordem, unbeabsichtigt, wie man selbstverständlich annehmen darf, von der Krankheit des Königs. Aber ist es wirklich recht glaublich, daß die Aerzte, die den König täglich besuchten, das nun Eingetretene nicht voraussehen konnten? Trat die Notwendigkeit derOperation wirklich so seltsam rapide ein? Jedenfalls wirft diese Weltsensation wieder einmal in schwerwiegender Stunde kein günstiges Licht auf die englische Aerztekunst. Welche ungeheuren Vorbereitungen waren zu den Festlichkeiten getroffen worden! Seit vielen Monaten stand England unter dem Zeichen der Krönungsfeier. Allein schvn das Krönungszeremoniell, das, weil es seit Menschen- aedenken nicht gehandhabt wurde, etwas in Vergessenheit geraten war, zu regeln, war eine große Aufgabe. Hierzu gehörte in erster Linie die Beschaffung der Krönungsgarderobe, die der englische Adel in seinen verschiedenen Abstufungen bei der Feier anlegen sollte. Der Verbrauch an Hermelinverbrämungen, an Gold und Edelsteinen war ins Ungeheure gestiegen, sodaß die Preise hierfür ungewöhnlich in die Höhe gingen. Für das Königspaar sind neue Kronen und Herrscherinsignien angefertigt worden, und auch für den Adel machte sich die Herstellung von Kronen erforderlich. Summa Summarum schätzt man die Kosten der Kostümierung des königlichen Gefolges auf 20 Millionen, uni) da man allein für den Empfang der fremden Fürsten und Gesandten einen Kredit von 25 Millionen forderte, und da die gleiche Summe für die zu veranstaltenden Bankette ausgesetzt war, so wird man nicht fehl gehen, wenn man die Gesamtkosten, welche die Königskrönung verursachien sollte auf rund 100 Millionen veranschlagt. Alle diese gewaltigen Vorbereitungen sind umsonst gewesen Es fehlt", so wird aus London depeschiert, „an Worten, "um die Bestürzung und den Schmerz auch nur anzudeuten, mit denen die Bevölkerung die Nachrichten von der Erkrankung des Königs und dem Aufschub der Krönung entgegengenommen hat. Das erste Anzeichen kommender Beunruhigung war die plötzliche Berufung der Vertreter der hauptsächlichsten Nachrichtenbureaus nach dem Buckingham-Palaste, wo der Privatsekretär des Königs, Sir Francis Ki.ollys, ihnen das von den ersten Aerzten des Landes unterzeichnete Bulletin mitteilte. Mittlerweile war die Nachricht nach dem Unterhause und nach anderen Mittelpunkten gelangt. Telegraph und Telephon verbreiteten sie auf das schnellste in ganz London. Die festtäglich gestimmten Menschenmengen, die sich in den Straßen drängten, wurden wahrhaft in Bestürzung versetzt und von Entsetzen ergriffen, als die Abendblätter erschienen und große Plakate von den Ereignissen Kunde gaben. An der Börse erlitten Konsols natürlich einen scharfen Kursrückgang, denn die volle Bedeutung der Schwere der Nachrichten kam jedermann sofort zum Bewußtsein. Jedermann hofft das Beste, aber es ist nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß aller Herzen zittern. Der König erschien dem Auge des Laien, als er im Buckingham-Palaste eintraf, wohl aussehend, aber das klarsehende Auge des Arztes, das ihn scharf beobachtete, bemerkte, daß er sehr krank ist, und schon der bloße Name der Krankheit, an der der König leidet, flößt Schrecken ein. Das ganze Königreich wacht betend und angstvoll an den Thoren des Palastes." Der Bischof von London empfing die offizielle Mitteilung von der Erkrankung des Königs, wäbrend die Generalprobe der Krönungscerernoni: in der Westminst r Abtei vor sich ging. Er teilte sie sofort den auwiieuden Parrs und Großwürdenträgern mit. Nach einem Gebet für die baldige Genesung des Königs gingen die Versammelten auseinander. Ter Earl Marschall erhielt vom König den Befehl, das tiefe Bedauern des Königs bekannt zu geben, daß wegen seiner ernsten Erkrankung die Krönungs-Zeremonie verschoben werden müsse. Ter König hofft, daß die Festlichkeiten in den Provinzen, wie festgesetzt war, stattfinden. Der König ließ dem Lord Mayor den Wunsch aussprechen, daß das Festessen für die 500 000 Armen des Landes nicht verschoben werde. Tie weiteren Bulletins über das Befinden des Königs lauten: Der König leidet an Perityphlitis (Entzündung des Blinddarms und seiner Umgebung. D. Red.) Am Samstag war das Befinden des Königs so, daß man glaubte, der König würde mit einiger Sorgfalt die Krönung durchmachen können. Montag abend machte sich eine Verschlimmerung bemerkbar, die heute eine chirurgische Operation nötig machte. —11 Uhrabds.: Der Zustano des Königs ist so gut, als man nach einer so ernsten Operation erwarten konnte. Seine Kräfte erhalten sich und es ist weniger Schmerz vorhanden. Der König hat einige Nahrung genommen. Es werden noch einige Tage vergehen, ehe man sagen kann, ob der König außer Gefahr ist. Tie Operation wurde um mittag ausgeführt und verlief erfolgreich. Der König erlangte das Bewußtsein wieder; um 2 Ubr schlief er. Reuters Bureau erfährt, daß in der Regel ein an demselben Leiden Erkrankter, wie es der König hat, vier bis fünf Wochen darniederliegt. Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreich wollte heute nach Oesterreich zurückreisen, ebenso Prinz Leopold von Bayern, und die Abreise auch der übrigen fremden Vertreter wird unverweilt vor sich gehen. Bei Beginn der gestrigen Sitzung des Unterhauses erhob sich Balfour und verlas, während alle Häupter sich entblößten, das Bulletin über die Erkrankung des Königs und fuhr dann fort: Seit der Veröffentlichung des Bulletins gelangte eine Operation zur Ausführung. Ich freue mich außerordentlich, dem Hause mitteUen zu können, daß die Operation mit größtem Erfolg stattgefund en hat, und daß der König sich so wohl befindet, als es die Umstände gestatten. Ich bin sicher, daß diese Mitteilung unser Gemüt von einer schweren Sorge befreit Mein erster Gedanke, als ich heute früh die betrübenden Nachrichten erfuhr, war der, daß das Haus seinen Empfindungen über das große Unglück, welches das ganze Volt betroffen hat, dadurch Ausdruck geben möchte, daß es sich vertagt, bei sicherer Ueberlegung aber bin ich zu dem Schluß gekommen, oaß ein solches Verfahren schlecht angebracht ist. Tie Besorgnis, die uns aller erfüllt, muß groß sein, und wird notwendig noch vermehrt durch die Umstände, unter welchen dieses große Mißgeschick über Seine Majestät, die königliche Familie und das ganze Land gekommen ist. Ich bin daher zum Schlüsse gekommen, daß, wenn das Haus einen so ungewöhnlichen Schritt, wie es die Vertagung ist, unternehmen würde, das, was in der öffentlichen Meinung Besorgnis ist, Panik werden und in der öffentlichen Meinung eine ganz übertriebene Auffassung von dem gegenwärtigen Stande der Tinge Platzgreifen könnte. Dieser Stand der Tinge ist unzweifelhaft ernst, aber wir sollten keine schärfere Bezeichnungen, als diese beiden, aus ihn anwenden. Ich bin überzeugt, wenn mir den Zustand des Königs als derartig ansehen wollten, daß es unangebracht wäre, mit der Erledigung der Geschäfte des Landes fortzufahren, so würden wir einen vollkommen falschen Eindruck Hervorrufen. Unter diesen Umständen schlage ich keinerlei außergewöhnliches Verhalten vor und will das Haus nur davon in Kenntnis setzen, daß, soweit uns gegenwärtig bekannt, alles einen so guten Fortgang nimmt, als nach der Lage der Tinge erwartet werden kann. Balfour giebt sodann die Erklärung ab, natürlich werde die geplante Veriagung des Hauses wegen der Krönungsseierlttytetten auf unbestimmte Zeit verschoben, doch werde es angesichts der Schwierigkeiten, eine neue Proklamation zu erlassen, durch welche die bereits verkündeten Nationalfeiertage ausgehoben werden, dabei bleiben, daß Donnerstag und Freitag, wie verkündet, Feiertage sind. Ain Schlüsse der Nachmittagssitzung verlas Balfour das zuletzt ausgegebene Bulletin und bemerkte sodann, daß die anläßlich der Krönung geplanten Festlichkeiten in London, ausgenommen die Veranpattungen wohlthätigen Charakters, verschoben werden. — Die Banken bleiben geschlossen, doch bleibt es den Arbeitgebern anheimgestellt, ob sie Donnerstag und Freitag freigeben wollen. — Tie Flottenschau findet nicht statt Im Oberhause erklärte der Premierminister Lord Salisbury: Alles, was wir gegenwärtig thun können, ist, das Beste zu schaffen und von Gott zu erbitten, indem wir uns mit dem Bewußtsein trösten, daß ausgezeichnete Chirurgen die besriedigensten Anschauungen über den Fortgang des Befindens des königlichen Patienten hegen. Eine bestimmtere Sprache als diese zu gebrauchen, ist unmöglich. Eine Operation von besonderem Ernst ist erfolgreich aus- gesührt worden und hinterläßt alle Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang. Wir wissen, daß mindestens drei oder vier Tage hindurch und vielleicht länger Ungewißheit bestehen muß, doch ist es ein Trost, zu wissen, daß die Tinge kaum besser hätten gehen können. Einige Wochen müssen im besten Falle vergehen, ehe Se. Majestät gewöhnliche Gesundheit wieder erlangt hat. Ter Verlauf der Krankheit zur Genesung wird von der ernsten Teilnahme und den aufrichtigen Hoffnungen der von Liebe erfüllten Unterthanen Seiner Majestät begleitet sein. Wir haben allen Grund, zu hoffen, daß der Ausgang der Krankheit günstig sein und bald eintreten wird. Wie verlautet, ließ der König bald nach der Operation den Prinzen von Wales zu sich kommen. — Ter Premierminister Lord Salisbury wie andere hervorragende Persönlichletten erschienen persönlich im Palast, um sich nach deyr Befinden oes Königs zu erkundigen. Eine spätere Depesche aus London lautet: Es wird jetzt offenbar, daß der König in der Besorgnis, seinen Unterthanen keine Enttäuschung zu bereiten, den Entschluß, das Krönungsprogramm durchzuführen, erst aufgegeben hat, als die physische Unmöglichkeit dazu sich herausstellte. Er hatte sich vorher bestimmt geweigert, zuzugeben,daßerirgendwieern st- lich unwohl sei Er trug die Schmerzen, die er ertragen haben muß, mit lächelnder Miene. Am Montag abend nahm der König nicht an dem offiziellen Diner im Palaste teil Eine Ausgabe der Evemng News von IO1/2 Uhr gestern abend meldet: Ter König schlummert Tie Königin weilt am Krankenbette. — Der Star meldet: Ter kanadische Premierminister Laurier teilte einem Vertreter des Blattes mit, der Gala-Umzug am Freitag finde wahrscheinlich statt. Tie Königin und die königlichen Prinzen weroen teilnehmen. Sind diese Angaben über die Selbstbeherrschung des Königs richtig, dann lernen wir einen sympathischen und nicht der Größe entbehrenden Zug an ihm kennen. Man hätte gerade König Eduard dieses Maß von Selbstüberwindung, von Aufopferung kaum zugetraut Ob seine nächste Umgebung, ob die Mitglieder der Regierung, die Aerzte- den Kranken zum rechtzeitigen Verzicht auf die mit kolossalen Repräsentations-Anforderungen verbundene Feier mit Eifer zu bewegen versucht haben, darüber wttd man Mitteilungen abwarten müssen. Allem Anschein nach ist jedenfalls feit längerem schon der Gesundheitszustand des Königs ziemlich kritisch gewesen. Tie Wünsche für die Ge- nejung des nahen Verwandten unseres Großherzogs und unseres Kaisers werden auf vielen Setten geteilt Werdern Bei dem Alter des Königs ist die Gefahr einer Katastrophe nicht ausgeschlossen. - — . 11 -■■■■■■■ < Politische Tagesschau. Der neue preuß. Arbeitsminister Budde steht im besten Atter, er hat erst am 15. November vorigen Jahres sein 50. Lebensjahr vollendet. Herr Budde ist, wie fein Vorgänger, ein Rheinländer, in dem Köln benachbarten Bensberg geboren, wo er in dem Kadettenhause seinen ersten Unterricht erhalten hat Mit „Allerhöchster Belobigung* wurde er am 14. April 1869, erst 17 Jahre und 5 Monate alt, aus der Selecta des Kadetteneorps zum Seeondeleutenant im 1. Hess. Jns.-Regt. Nr. 81 in Mainz ernannt Als solcher machte er den ersten Teil des französischen Krieges mit, zeichnete sich bei der Einschließung von Metz und in der Schlacht von Noiseville aus und wurde hier am 1. September durch einen Schuß in die rechte Brust schiver verwundet. Das Eiserne Kreuz wurde ihm für seine Tapferkeit zu teil. Nach dem Kriege wurde er Bezirksadjutant in Kassel. Bon dort wurde er zur Kriegsakademie kommandiert Hier wandte er sich mit Vorliebe Eisenbahnstudien zu; sein Schlußvortrag im Jahre 1876 handelte von der militärischen Ausnutzung der Eisenbahnen im Kriege 1870/71 und fand so große Anerkennung, daß fein Lehrer, General Blume, den Vortrag dem Feldmarschall Grafen Moltke überreichte. Im Juli 1877 kam er als Oberleutnant in unser 116. Infanterie- Regiment nach Gießen.' Hier gab der junge Offizier eine Schrift über „die französ. Eisenbahnen im Kriege 1870/71 und ihre seitherige Entwickelung in militärischer Hinsicht" heraus; Feldmarfchall Graf Moltke überreichte dafür dem Verfasser, der inzwischen zur Eisenbahnabteilung des Großen Generalstabs kommandiert worden war, persönlich den Rothen Adlerorden 4. Klasse. Auch die kleine anregende Festschrift „Zur Erinnerungsfeier der Kriegsveteranen des Feldeisenbahnwesens im deutsch-französischen Kriege 1870/71, am 10. Mai 1896" rührt von Budde her. Den größten Teil seiner militärischen Laufbahn hatte Budde beim Generalstabe zugebracht zunächst von 1878 bis 1892, darunter von März 1890 brS September 1891 als Generalstabsoffizier bei der 14. Infanterie-Di vision in Düsseldorf; dann kehrte er für kurze Zett in die Front znrück, zunächst als Bataillonskommandeur im 3. oberschles. Jnf.-Regt Nr. 62 in Kofel, dann als etats- mäßiger Stabs-Offizier im Grenadier-Regt Kronprinz Fried- Der Leipziger Bankprozeß. VL Leipzig, 24. Juni. Es kommt das Protokoll vom 5. Dezember 1898 zur Besprechung, in dem es sich darum handelt, den Kredit der Trebergesellschast von 8 aus 10 Millionen zu erhöhen und zwar, wie Exner im Lussichtsrat hervorhob, als gedeckten Kredit. Nach Ansicht des Sachverständigen Plauth- Kassel hat es sich darum gehandelt, den früher mehrfach zuletzt aus 10 Millionen erhöhten Kredit einfach als Blanko- Kredit abzufassen. Es liegt noch eine Ausstellung von den Engagements bei der Trebergesellschast vor, von denen nur ein Teil des Aufsichtsrates Kenntnis bekommen haben soll, während der Kasseler Bericht zu aller Händen gekommen ist. Es herrschte nach Exners Aussage keine Einigkeit darüber, was davon als Treberwerte anzusehen seien Dies bestätigt Die AolltarisLommisston begann am Dienstag die Beratung der Pos. 438—442, Garn, Pos. 433 verlangt für eindrähtiges Garn, roh, bis Nr. 17, englisch 9 Mk., bis Nr. 25 15 Mk., bis Nr. 45 18 Mk., bis Nr. 60 24 Mk., bis Nr. 79 30 Mk., bis Nr. 100 36 Mk., über 100 42 Mk. Zoll. Pos. 439 verlangt für gebleichtes und gefärbtes Garn zu den vorigen Sätzen einen Zuschlag von 10 Mk., Pos. 440 für zweidrähtige, einmal gezwirnt, roh, einen Zollzuschlag von 3 Mk., für gebleichte einen Zollzuschlag von 13 Mk., Pos. 441 für drei- oder mehrdrähtige, einmal gezwirnt, roh 40 Mk., gebleicht 50 Mk. Zoll, Pos. 442, zwei- und mehrdrähtige, wiederholt gezwirnt, roh, 50 Mk., gebleichte 60 Mk. Hierzu liegt eine große Anzahl Abändcrungsanträge vor, darunter ein Antrag Schlumberger auf Einführung der metrischen Garnnummerierung. Die Regierung steht dem Antrag sympathisch gegenüber, bittet aber, den internationen Verhandlungen über diesen Punkt nicht vorzugreifen. Für den Antrag treten die Sozialdemokraten und dre Konservativen ein, die übrigen Redner sind dagegen, weil er eine totale Umwälzung für unsere auf englische Maße eingerichtete Industrie bedeute. Der Antrag Schlumberger wird sodann abgelehnt, desgleichen ein sozialdemokratischer Antrag auf Zollfreiheit bezw. Einführung des metrischen Systems. Die Kommission vertagte schließlich die Weiterberatung, ohne die Positionen erledigt zu haben. Aus Stadt und Land. Gießen, den 25. Juni 1902. •• Postalisches. Vom 1. Juli ab wird die zweite Landpost von Alten-Buseck nach Gießen statt 645 schon 6° nachm. von Alten-Buseck abfahren und bereits 7>° nachm. in Gießen eintreffen. ** Tas Iahresfest der Fünfziger begann am Samstag mit einem Festkommers in Steins Garten. Das hier absolvierte Programm war ebenso reichhaltig, wie das vortreffliche Souper, auf Grund dessen die späteren Strapazen mit Leichtigkeit ertragen werden konnten. Stadtv. Huhn begrüßte die Fünfziger mit einer humoristischen und schwungvollen Ansprache, Herr Pfeffer erinnerte an die Genossinnen des Lebens, die Freud und Leid redlich geteilt hsttten, und widmete ihnen und den jüngeren, die das Leben noch vor sich hätten, ein Hoch, Stadtv. Kirch toastete auf das Vaterland, die gemeinsame Mutter aller, und Metteur Keßler vom „Gießener Anzeiger" gedachte des Städtchens voll Gäßchen und Winkeln, mit seinem Venusgürtel schmucker Anlagen, seiner schönen Umgebung, Gießens, und brachte ihm ein Hoch aus. Pfarrer Hellwig hielt ebenfalls eine, mit feinem Humor gewürzte Ansprache, die der Feier die heiterste Signatur gab. Am Sonntag Vormittag vereinte ein Frühschoppen die Jubelgäste, wobei eine photographische Aufnahme der Anwesenden gemacht wurde, und am Nachmittag wurde ein Ausflug nach dem Windhof unternommen. Ten Schluß bildete ein Familienfest, das am Montag im Philosophenwald gefeiert wurde. Mit Kaffee und Kuchen begann es mittags und schloß mit Konzert und Tanz am — nächsten Morgen. Zu Anfang wurde ein sehr hübscher, von Pfarrer Hellwig in Wiescck verfaßter Prolog ge.prochen, nach dem Stadtv. K ir ch mit einigen Begrüßungsmorten die Erschienenen willkommen hieß. Konzert, Gesangsvorträge, Spiele der Kinder wechselten mit einander ab, bis um 7 Uhr das Abendessen eingenommen wurde. Tann begann der Tanz, der der Jugend Freude und Amüsement brachte, während die Weiteren in gewissem Sinne den am Samstag begonu.nen Kom- mors fortsetzten, bis mit Tagesgrauen die Feier chr Ende rich Wilhelm (2. Schief.) Nr. 11 in Breslau; tm September 1895 wurde er wieder in den Großen Generalstab versetzt und wenige Monate daraus zum Chef der Eisenbahnverwaltung ernannt; in dieser Stellung ist er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Heeresdienst, anfangs Januar 1901, verblieben. Von dieser ganzen im Generalstab zugebrachten Zeit fallen nicht weniger als 14 Jahre auf den Dienst in der Eisenbahn« bteilung. Ein Bruder des Ministers Budde ist der Marburger Theologieprofessor und Alttestamentler Dr. Karl Budde, geb. 1850 zu Bensberg. Städtisches Wohnungsamt. In der württembergischen Hauptstadt ist soeben eine bemerkenswerte Neueinrichtung ins Leben getreten, ein städtisches Wohnungsamt, das angesichts des uns in Hessen bevorstehenden Wohnungsgesetzes besonders interessiert. Die Aufgaben des Amtes sind zweierlei Art: alle auf dem Gebiet des Wohnungswesens auftretenden Erscheinungen sollen gesammelt, verarbeitet und für die öffentliche Wohlfahrt nutzbar gemacht werden in hygienischer, statistischer und anderer Hinsicht; und ferner soll die vom württembergischen Ministerium des Innern allgemein angeordnete Wohnungsauf- sicht ausgeübt und dem Publikum dienstbar gemacht werden. Die Hausbesitzer haben von nun an die Pflicht, die in ihren Häusern frei werdenden Wohnungen, sofern sie überhaupt wieder vermietet werden sollen, bei Vermeidung von Strafen binnen acht Tagen nach eingetretener Vermietbarkeit aus einem bestimmten Formular dem Wohnungsamt anzu- z ei gen; dieses soll hindurch tagtäglich aus dem Lausenden bleiben über den Stand des Wohnungsmarktes in der schwäbischen Hauptstadt. Als vermietbar wird eine Wohnung betrachtet, sobald der Hausbesitzer oder sein Stellvertreter durch Ausgabe von Inseraten, durch Aushängen von Tafeln, durch Mitteilungen an Agenten usw. seine Absicht, die Wohnung zu vermieten, kundgegeben hat. In dem vom Wohnungsamt veröffentlichten Anzeigeblatt wird die freigewordene Wohnung kostenlos angekündigt. Innerhalb dreier Tage nach erfolgter Vermietung hat der Hausbesitzer auf besonderem Formular an das Wohnungsamt wieder eine bezügliche Mitteilung zu machen; er hat hierbei die Zahl der Familienangehörigen des neuen Mieters anzugeben, ferner wie viel Dienstboten er hält, ob in den vermieteten Räumen ein Gewerbe — und welches — betrieben wird, ob After- mieter ausgenommen werden. Durch die Beantwortung dieser Fragen, welche die Wohnu n gsinsp e ktio n auf ihre Richtigkeit hin kontrolieren kann, soll der gesundheitsschädlichen UeberfüHung der Wohn- und Arbeitsräume vorgebeugt werden. Alle Auskünste und Vermittelungen des Wohnungsamtes sind für Vermieter wie auch für Mieter kostenlos; da in dem Amt auch die Pläne der vermietbaren Wohnungen niedergelegt und durchgesehen werden können, so werden, abgesehen von den übrigen Vorteilen, beiden Parteien auch viele unnütze Wege und Belästigungen durch Nachfragen und Besuche erspart. Die „Wacht au der Ober/ Dr. Gentzsch. , _ ,, .. . . Laut Protokoll wurde vom Aufsichtsrat befchlosten, die ; Direktion der Bank zu ermächtigen, mit auswärtigen Banken ; in Verbindung zu treten, um den auswärtigen Tochtergesell- chaften von Kassel Kredit zu verschaffen. Das geschah , zunächst mit der Pester Kommerzbank. Infolge eines Ver- ehens des technischen Direktors kam der Wechsel der Tochtergesellschaft in Pest zum Protest. Tie Leipziger Bank mußte intervenieren. Sie übernahm damit em neues Obligo gegen die zweifelhafte Garantie von Kassel. Der Beschluß, für die Tochtergesellschaften mit anderen Banken in Verbindung zu treten, wurde von Gentzsch dem bereits vor der Sitzung fertiggestellten Protokoll beigefügt. 9tach Aussage des Sachverständigen Kommerzienrat Sieskind ist die Kreditgewährung vom November 1897 an für beide Teile schon verhängnisvoll gewesen. Was die Sitzung vom Dezember 1898 betreffe, so hätte der Aufsichtsrat das Engagement der Trebergesellschaft bei der Bank in Höhe von 27i/2 Millionen Mark prüfen, vor allem auch das Obligo addieren müssen. Tie Lage der Bank sei schon am 5. Dezember 1898 unbefriedigeno gewesen, doch würden bei einer Sanierung die Gläubiger damals keinen Pfennig verloren, die Aktionäre nur einen Teil ihres Besitzes eingebüßt haben. Von Kassel wären damals noch etwa 20 bis 30 Prozent herausgekommen, aber man hätte bei der Bank nicht den Mut, die Lage aufzudecken. Der Verteidiger Gordon hält Sieskind in seinem Urteil für besangen, weil er indigniert sei. Professor Lambert schließt sich der Auffassung Sieskinds an. Stach Lambert, Sieskind und Herrmann hätte man es damals auf geb en müssen, Kredit zu geben. Angeklagter Dodel bemerkt, in dem Obligo von 24917 000 Mk.fjatien mindestens 8 bis 10 Millionen aus- geschieden werden müssen. Als Deckung waren 19 Millionen vorhanden, sodaß etwa 5 Millionen ungedeckt blieben, dem stand Kassel mit dem von 6 auf 12 Millionen erhöhten Aktienkapital und einer größeren Reserve gegenüber. Sachverständiger Lankdirektor Herrmann sicht aus dem Standpunkt, daß die Bank Ende 1898 die Grenzen des erlaubten Geschäftes überschritten habe. Die Bank, die in die Hande grüner Schwindler geraten war, hätte aber wohl noch den guten Namen retten können. Wie Exner ausgesagt habe, sei freilich der frühere Vorsitzende des Aussichtsrats Sachsen- röder dagegen gewesen, daß die Bank zum Zwecke der Sanierung ihres Obligos bei der Trebergesellschast mit der Firma Bleichröder in Berlin in Verbindung trete. Trotz des Bestehens der Obligo-Kommission und der Nevisions-Kom- mijfion sei nicht mit der nötigen Sorgfalt verfahren worden. Der Angeklagte Schröder bemerkt, daß es bei dem alle drei Monate erfolgenden Zusammeiitreten der Obligo-Kommission nicht mögliche gewesen wäre, sämtliche Details von dem Vorstände entgegenzunchmen, daß vielmehr die Prüfung im großen vorgenommen werden mußte. Herrmann fügt hinzu, die beiden Direktionen hätten nicht einzeln, sondern zusammenwirken müssen. Ter Vorstand habe es an der nötigen Sorgfalt fehlen lassen. Exner erwidert au die Frage des Vorsitzenden, ob er nicht Mißtrauen gegen Schmidt gehegt, da doch alles, was dieser gesagt, Wind gewesen sei, er sei noch heute überzeugt, daß er zu Schmidt . das feste Vertrauen für die Durchführung seiner Plane wundet, zwei verhaftet. . . * * Q * Zum Untergang des Torpedobootes ö 42. Der Führer des Lloydschleppdampfers Nr. 21 berichtet: Wir ainqen ab Hamburg im Schlepptau des Dampfers „Mertur* und mußten abends 10 Uhr wegen dichten Nebels unterhalb Cuxhaven ankern. Zwischen 12 und 1 Uhr hörten wir den ana andauernden Sirenenton eines Torpedobootes, der wie em Notsignal klang. Um 1 Uhr ertönten in der Nähe Hilferufe und das kleine schwarze Rettungsboot eines Torpedobootes trieb bei un§ längsseits. Der Bootsmann unseres Kahnes erfaßte das halb mit Wasser gefüllte Rettungsboot mit dem Haken. In demselben saßen b r et Personen, weitere sechs hingen an ihm im Wasser; sie wurden sämtlich so schnell als möglich an Bord gezogen. Es waren drei englische Lords mit einem Diener, drei Heizer und zwei Matrosen, sämtlich durchnäßt und vor Aufregung stark erschöpft. Einer der Lords, ein älterer, ergrauter Mann, erhielt von dem Bootsmann trockene Kleider. Der Schlepper /Merkur" hatte auf das Sirenensignal schon begonnen, die Anker zu lichten. Da der Nebel sich letzt verzog, suchte der Merkur" die Unfallstätte ab. Dasselbe that auch schon der beteiligte englische Dampfer, welcher 15 Personen gerettet haben soll. Der .Merkur" nahm die 9 Personen auf und brachte sie mitsamt dem Boote nach Curhafen. Weiter wird gemeldet: Von der geretteten Besatzung sind 4 Mann schwer verwundet. Die Untergegangenen sind sämtlich von der Wilhelmshavener 2. Torpedo-Abteilung. Während des Unfalles befanden sich an Bord 24 Mann Besatzung, 4 englische Herren mit einem Diener und Gehemirat Busley, Professor an der Berliner Technischen Hochschule, die von der Dooer-Helgoland-Regatta kamen. Der Kaiser hat wegen des Unglückfalles die Teilnahme an dem Festessen des Regattavereins abgesagt und suhr auf der Hohenzollern nach Kiel. — Tas Torpedoboot b 42 ist auf 10 Meter Wassertiefe gesunken. Eine Hebung hält man nicht für ausführbar. Der englische Dampfer „Flirsby" wird wegen des Zusammenstoßes vorläufig in Cuxhafen festgehalten. Das Torpedoboot 8 106 ist v«t Wilhelmshaven zur Hilfeleistung abgegangen. erreichte. ~ Weisenau, 22. Juni. Vor einigen Tagen ging bei hiesige Schreiner H., der in Mainz beschäftigt war, über die og. Esplanade, auf der gerade Arbeiter Gras mähten. Als H. vorüberkam, stieg ein Schwarm Feldhühner aus; er eilte darauf zu, um, wie es schien, eines der Tiere zu fangen, und trat dabei in eine im Gras liegende Sense. Die scharfe Sense durchschnitt den Stiefel und drang in den Fuß ein. Es entstand eine Blutv er gistung, welcher der Unglückliche nunmehr erlegen ist. * • Kleine Mitteilungen aus Heffen und den Nachbarstaaten. Der Delegirtentag des Verbandes der katholischen Männer- und Arbeiter-Vereine Hessens wurde am Sonntag in Lampertheim abgehalten. Der Delegirtentag beschloß die meckere Ausbreitung der christlichen Gewerkschaften und die Errichtung neuer Zahlstellen. Landtagsabg. Dr. Frenay sprach über das den Landständen vorliegende Gesetz, die Wohnungsfrage betreffend. Der Mangel an gesunden Wohnungen sei ein großer sozialer Notstand und es müßten auch auf diesem Gebiete die katholischen Männervereine, wo immer es die bestehenden Verhältnisse gestatten, durch Gründung von Baugenossenschaften die Initiative^ ergreifen. — In Wiesbaden soll als sozialdemokratischer Kandidat für die nächsten Reichstagswahlen der bekannte freireligiöse Prediger Welcker in Aussicht genommen fein. Bisher kandidierte Dr. Quarck- Frankfurt, der vor Kurzem zurücktrat. — Von Frankfurter Behörden wird ein angeblicher Assessor Schmidt von Dortmund alias Steuerbeamter Walther, ahas Regierungsaffeffor Walther von Berlin gesucht, über den die Untersuchungshaft wegen Betrugs verhängt -ist. _____ Vermischtes. • Luckenwalde, 24. Juni. In einem hiesigen Restau» rant vergiftete sich geftern die aus Berlin gebürtige Schncktwaarenhändlerin Frau Bertha Hennicke. Die Selbst- mörberin, die mit ihrem Manne in Ehescheidung lebt, ist über Nacht gestorben. „ * Balu, 24. Juni. Den hiesigen Behörden ist es gelungen, eine R ä u b e r b a n d e, die aus entlaufenen Sträflingen bestand, unschädlich zu machen. Der Anführer der Bande und ein Räuber fielen, ein Räuber wurde ver- haben durfte. . T-r. Emil Josef A u s p i tz e r, kaiserlicher Rat aus Wien, war tm Jahre 1888 Sekretär des niederösterreichischen Gewerbevereins und wurde Generalsekretär der bosnischen Holzverwertungs-Gesellschaft. Er lam im November 1898 mit Schmidt zusammen und wurde nach Kassel berufen, um zu organisieren. Er fungierte vom November 1900 bis Februar 1901 als Syndikus, um die Vorschläge zu der geplanten Fusion sämtlicher Tochtergesellschaften der Treber- trocknungsgesellschaft auszuarbeiten. Diese Verschmelzung, sagt der Zeuge, sei eine kommerzielle und administrative Notwendigkeit gewesen, und es wäre mit ihrer Hilfe ohne den Zusammenbruch der Leipziger Bank vieles zu erhalten gewesen. Schmidt habe viel verschleiert, aber felsenfest vertraut, daß ihm die Sanierung gelingen werde, xer Zeuge, der der außerordentlichen Generalversammlung vom 7. Nov. 1899 in Kassel beiwohnte, erklärt, es sei ein großer Fehler gewesen, hier anderweitig immer zu sagen, daß man das Bergmannsche Patent noch nicht verwandt habe, während es thatsächlichüberall versagt habe. Schmidt habe alsd Kaufmann und Mensch einen besonders vertrauenerweckenden Eindruck gemacht, sei aber technisch der Ausgabe nicht entfernt gewachsen gewesen. Tie Ursache, daß die lan sich gesunde Idee der Trebertrocknung so ungeheure Summen verschlungen h<ä>e, wäre die kostspielige Verwaltung und umfangreiche technische Umgestaltung rc. gewesen. Angeklagter Todel konstatiert, daß Anspitzer von Wien aus sämtliche österreichische Unternehmungen kontrollierte und von Schmidt hierzu keine Unterlagen empfangen habe. In einem Briefe vom 17. Dezember 1898 spricht Schmidt zu der Leipziger Bank von der Abstoßung der Obligos von dem Projekt der Errichtung einer Bank in Belgien und der Geldbeschaffung durch Aufnahme euter Hypothek in Galizien. Unter dem 24. Dezember 1898 berichtet Einer an Schmidt, daß es schön wäre, wenn die Trebergesellschaft durch die in Aussicht genommene Annäherung an Siemens & Halske eine bessere Stellungnahme zu der Deutschen Bank erführe. Ani 3L Dezember 1898 spricht Exner in einem Briefe an die Filiale der Deutschen Bank in Frankfurt a. M. von Verstimmungen zwischen der D. Bank und der Treb erzen träte und berührt die Möglichkeit von Beziehungen beiderseits durch die Heranziehung von Siemens & Halske zum Graphitprojekt, ^n einem Briefe vom 3. Januar 1899 von Schmidt an Exner ist auch Schmidt der Meinung, daß ein günstigeres Verhältnis zwischen der Deutschen Bank und der Leipziger Bank her- aestelL werden müsse. Er berührt das Projekt der Gründung einer belgischen Bank mit 10 Mill. Fres. und damit die Schaffung einer besseren Position, zu der auch die Verbindung mit Siemens L Halske beitragen würde. Die Weiierverhaudlung wird sodann auf morgen vertagt. Man schreibt uns: , _ Ter Oberpräsident von Schlesien, Fürst Hatz selbst, bemerkte bei Beratung der Polenvorlage im preußischen Herrenhause, er hätte gewünscht, daß die Verstärkung des Ansiedluugsfonds und die Schaffung ches Domänenfvnds nicht nur die Provinzen Posen und Westpreußen, sondern auch dem deutschen Element in Schlesien zu gute käme. Tie „polnische Gefahr"' wird im allgemeinen als nur für Oberschlesien bestehend angesehen, infolge der Vermehrung des polnischen Elements unter der dortigen Jndustriebevöl- kemng. Die Verdrängung deutscher Landarbeiter oder Gutsbesitzer durch Polen fand in Schlesien bisher allerdings in geringerem Umfange statt. Das Blatt beginnt sich aber zu wenden. Aus dem niederschlesisch-posenschen Grenzbezirk wird von einer zunehmenden Po^- lonifierung der landwirtschaftlichen und gewerbetreibenden Bevölkerung berichtet. In Gutsbezirken und Landstädten, die noch vor einem Jahrzehnt als reindeutsch bezeichnet werden konnten, überwiegt jetzt die polnische Sprache. Von Kennern der Verhältnisse wird diese Erscheinung zurückaeführt auf die höchst mangelhaften Eisenbahnverbindungen in jenem Grenzbezirk. Seit Jahr und Tag ist an die Eisenbahnverwaltung petitioniert worden, in der letzten Landtagssession wurden die beim Parlament eingegangenen Gesuche der Regierung samt und sonders als Material überwiesen. Da die Mittel ans dem Ansiedlungs- und Domänenfonds für Schlesien nichl in Frage kommen, hängt die nationale Erhaltung des nieder- schlesisch-posenichen Grenzbezirks ausschließlich vom Ausbau des Eisenbahnnetzes ab. Der neue preußische Eifenbahnmini st er, Generalmajor a. D Budde, könnte seine Amtsthätigkeit nicht besser ein!eiten, als wenn er die ersten Raten hierfür in den nächsten Etat einstellte. Die preußische Regierung aber wird in Zukunft die „Wacht an der Oder" nicht minder wahrzunehmen haben als die an der Warthe und Weichsel. Auch ein Duell. Die Duellfrage behandelten zwei 14 Jahre alte Landwirtssöhne in dem Bergkreisdorf Zimmern bei Erfurt recht ernst. Einer nichtssagenden Ursache halber forderte einer den andern und es wurde Kugelwechsel mittels Teschin beschlossen. Beim ersten Gange fehlten die 9mm Kugeln das Ziel. Beim zweiten brach einer der Duellanten zusamen, das Projektil war ihm in die linke Brustfelle gefahren. Der aus Ermstedt herbeigerufene Arzt, der die Kugel nicht zu entfernen vermochte, ordnete den Transport des Verwundeten nach dem städtischen Krankenhause in Erfurt an. Gerichtssaal. M. Gießen, 24. Juni. Strafkammer. Den Vorsitz führte Landaerichtsdircklor Dr. Güngerich, die Anklagebehörde vertrat Oberstaatsanwalt v. Hessert. — Der Schuhmacher Karl S t u m p i von Lieh wird beschuldigt, daß er sich in den letzten drei Monaten dem Trunk und Müßigcmg derart hingegeben habe, daß er in einen Zustand geraten sei, in welchem er zu dem ihm gesetzlich obliegenden Unterhalt seiner Familie außer stände war, sodaß durch lierrmtb lung der Behörde fremde Hilse in Anspruch genommen werden mutzte. Ter Angeklagte war vom Schöffengericht Gießen freigesprochen worden, da er ohne sein Verschulden an der Erfüllung dieser Pflicht gehindert worden sei. Aus demselben Grund wurde die gegen das Urteil von der Staatsanwalt eingelegte Berufung verworfen. — Der Gutsbesitzer Ludwig B i n g e l von Sichertshausen war vom Schöffengericht Gießen wegen Uebertretung des § 369° St.G.B. zu einer Geldstrafe von 2 Alk. verurteilt worden. Er soll unbefuglerweise über einen Kleeacker gefahren sein. Ter Angeklagte war heute in der Lage, durch Zeugenbeweis die Halt losigkeit der Beschuldigung darzuthun, weshalb er, demAntrag der Staatsanwaltschaft entsprechend, von Strafe und Kosten fr ei- g e s p r o ch e n wurde. — In der Privatklagesache der Ehefrau Philipp Bonarius gegen die Witwe Sophie Boller, beide in Mülizenberg, wegen Beleidigung war die Angeklagte und auf erhobene Widerklage auch die Privatklägerin zu einer Geldstrafe von je 50 Mk. vom Schöffengericht Butzbach verurteilt worden. ^Lie Angeklagte hatte sich bei diesem Urteil beruhigt, während die Privatklägerin Berufung verfolgt. Dieselbe wird heute k o st en- fällig als unbegründet verworfen. — Ter Spengler Heinrich Schmidt von Friedberg mar auf erhobene Prioatklage vom Schöffengericht daselbst wegen Beleidigung mit Rücksicht auf seine Vorstrafe wegen des gleichen Deliktes zu insgesamt 2 Wochen Gefängnis verurteilt worden. Das Berusuiigsgericht hieltdiesUr- t eil aufrecht. Gießen, 23. Juni. (G e w er b e g eri ch t.) Den Vorsitz führt Stadtverordneter Haubach. Es stehen 4 Klagen zur Verhandlung. Heinrich Luch hier als gesetzlicher Vertreter seines Sohnes Wilhelm, verlangt von dem Schlossermeisler Karl Kreiling hier die Herausgabe des Arbeitsbuches seines Sohnes, die^ Ausstellung eines Zeugnisses und die Zahlung von 4 Alk, 35 Pfg. Restlohn. Der Beklagte wendet ein, daß er dem Kläger nichts vorenthalte, wenn der Sohn desselben die gesetzliche Küiidigungs- zeit aushalte. Derselbe habe aber währeiid der Kündigungszeit nur an 10 Arbeitstagen gearbeitet, während er die 2 ersten Tage nach erfolgter Kündigung nicht mr Arbeit erschienen sei. Er stehe aus dem Standpunkte, daß der Arbeiter verpflichtet sei, 12 Tage zu arbeiten und daß er des Prinzips wegen verlangen muffe, daß Luch die versäumten 2 Tage nachhole. Dieser weigerte sich dem An- smnen des Beklagten zu entsprechen. ES kam Einigung dahin zustande, daß Beklagter dem Klageantrage entspricht. — Der Bierkutscher Jakob Keiner hier klagt gegen den Restaurateur Johann EarlS hier auf Zahlung von 5.34 Mark Lohn. Der Beklagte, vertreten durch seine Ehefrau, wendet ein, der Kläger ' habe 11 Bierflaschen zerschlagen und dafür wurde Ersatz gefordert. Rach längerer Verhandlung kam em Vergleich zustande. Ter Beklagte zahlt dem Kläger 4 Mk. — Tie zwei letzten Klagen lind gegen die Fuhrunternehmer Wilhelm und Otto Schneider hier gerichtet. Ter eine Kläger blieb aus und stellten die Beklagten keinen Antrag, während der andere Kläger, der Knecht Friede. Köhler hier, 35 Alk. Lohn fordert. Der Beklagte Otto Schneider entgegnet, daß der Lohn des Köhler nicht 35 Alk. vielinehr nur 29,57 Mk. betrage und daß demselben 22,57 Alk. ordnungsmäßig ausbezahlt worden seien. 7 Alk. habe er als Schadenersatz zurückbehalten, weil Kläger am 19. Juni unbefugt von der Arbeit weggeblieben sei und in Folge davon em Fuhrwerk 7 Stunden nicht hätte benutzt werden können. Der Kläger habe auch an einem Tage anstatt 3 Fuhren davon nur 2 gethan, auch dieserhalb wurde Schadenersatz gefordert. Der Kläger entgegnet, daß er sich verpflichte, dem Beklagten einen Wagen Sand auf seine Kosten fahren lassen zu wollen. Richtig sei, daß er nur 29,57 Mk. Lohn zu erhalten habe und daß er 22,57 Mk. empfangen. Diesen Betrag habe er aber an dem Schalter der Geschäftsstube der Beklagten, an Herrn Birkenstock zurückgegeben. Den Schadenerfatzanspruch nn Betrage von 7 Alk. erkenne er nicht an, weil das von ihm bediente Fuhrwerk benutzt worden fei, auch die Höhe des Schadens muffe er bestreiten. Der Beklagte Otto Schneider bemerkt noch, daß sich Köhler fein Geld nur bei Birkenstock holen möge, wegen feines Schadenersatzanspruchs b-nannte derselbe Zeugen und Sachverstän- dige. Das Gericht erließ Beweisbeschluß und sollen Zeugen und Sachverständige zur Sache vernommen werden. Giseiidahn-Zeitung. — Der letzte Erlaß Thieleu's. Von Versendern lebender Tiere wird darüber geklagt, daß ihnen oft Wagen überwiesen werden, die wegen ihres Radmaterials zur Beförderung in schnellsabrenden Zügen nicht geeignet sind, und daß hieraus viel- fach Unzuträglichkeiten erwachsen. Alit Rücksicht auf die Bedeutung Diefer Frage sind durch Erlaß des preußischen Ministers der öffentlichen Arbeiten vom 12. Juni die beteiligten Dienststellen erneut und nachdrücklich darauf hingewiefen morden, daß die m den Fahrplanvorfchriften hinsichtlich der Lauffähigkeit von Guterwagen in fchnellfahrenden Zügen gegebenen Bestimmungen bei der Anforderung von Wagen für Zwecke der Viehoerladung genau beachtet werden. Kunst und Wissenschaft. — In Bonn ist Muslldirektor Joseph Brambach, Komponist deutscher Männerchöre, gestorben. Stuttgart. 23. Juni. Aus aller Herren Lander erhielt Prof. Dr. Gustav Jäger, der sogen. „Wolljäger", $u feinem 70. Geburtstag Gratulationen und Geschenke. Der König verlieh ihm die große Medaille für Verdienste um Gewerbe und Handel. Rom, 23. Juni. Bei den Ausgrabungen auf dem Forum IU manum wurde heute in der Nähe des Tempels der Faustina die erste der alten Nekropolis von Rom angehörige Grabstätte einer nicht durch Feuer bestatteten Leiche auf gefunden. Im Grabe fand man Telle eines Skeletts, von dem man annimmt, daß es aus der Zeit der Gründung Roms stammt. gpUlplan brr vereinigten Frankfurter Stadttheater. Opernhaus. Mittwoch den 25. Juni, abends halb 8 Uhr: „Der Sigeunetbaron«. Donnerstag den 26. Jun.'): Bet ausgehobenem Abonnement. Zum Besten der Witwen- und Waisenkasse des Orchester-Personals: „Tannhäuser und der Sängerkrieg aus Wartburg." Freitag den 27. Ium geschloffen. Samstag den 28. Juni: Der Wildschütz." Sonntag den 29. Juni, abends 6 Uhr: „Die" Meistersinger von Nürnberg." Montag den 30. Ium geschlossen. . . Schauspielhaus. Mittwoch den 25. Juni"): „Alt-Heidelberg. Donnerstag den 26. Juni: „Robert und Bertram.' Freitag den 27.^unu Dramen-Eyklus zum Abschiede vom alten Schauspielhaufe. Vierter Abend. Joh. Wolfg. Goethe, (geb. 1749 gelt. 1832). „Gotz von Berlichingen." Samstag den 28. Ium: Dramen-Eyklus zum Abschiede vom alten Schauspielhause. Fünfter Abend. August v. Kotzebue (geb. 1761, geft. 1819.) Zum ersten Male: „Die deutschen Kleinstädter."' Sonntag den 29. Juni, nachmittags 3 Ubr: Volks- Vorstellung: „Die Jäger." Abends 7 Uhr: „Tie deutschen Klem» städter." Sonntag den 30. Juni: „Alt-Frankfurt. *) Anfang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. _____________o Höchste Temperatur am 23. bis 24. Juni 21,0° C. Niedrigste „ „ 23. „ 24. „ 10,6° C. Juni Barometer auf 0° reduziert Temperatur der Luit Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke Wetter 24. 2“ 752,8 20,4 9,7 54 N. 2 Bew. Himmel 24. 926 752,5 16,4 10,9 76 NNE. 1 KlarerHimmel 25. 753,8 13,7 9,6 82 NE. 4 Bed. Himmel Darmstädter Möbelfabrik (160 Zimm.-Einrichk.), Preist, grat. 3821 in jeder beliebigen Schriftart vnd Karton« J itBll?AVfPlt forte, sowie mit Zirkeln aller stndentislben V I|l4**4* *VBl Vereinigungen, liefert zu mäßigen Preisen vrühl'sche Universttäts-Vruckerei, Zchulstratze 7 Hautkrankheiten verursachen Haarausfall. Wirksames, sicheres Mittel dagegen ist Obermever's'Herba-Seife. Bestandt.: 90"/, toeife, 3 /. Juni IS. Juli Nachlass von zu gewähren. Der Verkauf findet nur gegen Cassa statt 4671 Marktplatz 16 General - Depot für Giessen und Umgebung bei: 4503 Wilhelm Mayer, in Firma TragCSOP & Mayor, Grünbergerstrasse, zu vermieten. 4028 Frankfurterstraße 40. 4532 rui 2946 Masseu-Fabrikatiou. Bahnanschlüsse. Werke: Abeudfteru. zu vermieten. Liebigstr. 5o] Neuenweg 39, 68. prachtvolle Saison-Neuheiten empfehlen 3997 (Offene Strllcii Tcrnnctniincii IHutiuliidic litte zu vermieten. 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