15/8. Jahvg. Freitag, SS April 1903 Nr. 96 LeranttvortNck für den allgemeinen Wk P. Wlttko; für den Anzeigenteil: H. «eL Rotationsdruck und Verlag der Drühl'sche» UnwersitätLdruckerei (Pietsch Erben), Greß«, Parlamentarische Perhanvlnngen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 173. Sitzung vom 24. April. U Uhr. DaS Haus ist äußerst schwach besetzt. Am BundcsrathStisch: Graf PosadowSlh u. et Vor Eintritt in die Tagesordnung führt . Präsident Graf Ballestrem aus: M. H.l DM badrsche Land feiert heute im dankbaren Hinblick zu Gott das fünfzrgiahnge^Ju- biläurn seines geliebten Landesfürsten, des Großhei^ogs Frieorrch von Baden. (Die Mitglieder des Hauses haben sich von chren Plätzen erhoben.) Als naher Verwandter unseres Kaisers, als traut Berather und siegreicher Waffengefahrte des hochstlrgen Kaisers Wilhelm des Großen hat er hervorragenden Aiühal an Deutschlands Größe gehabt. Er hat dem Herzen deutschen Volkes immer nahe gestanden, Jo Ms £? bitte, dem hochverehrten Bundesfursten die ehrerbietigsten Gluck, toünfrfie des deutschen Reichstags aus Veranlasiung fernes Jud^ U4-.-S drahtlich zu vermitteln. (Beifall.) Dre Ermächtigung rst Mir ertheilt, ich konstatire das. . Sodann setzt das Haus die erste Berathung deS Gesetzes betreffend die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben fort Abg. Graf Bernstorff-Lauenburg (Reichsp.): In der Hauptsache sind wir mit dem Entwurf einverstanden, meinen aber auch, daß die Bestimmungen über die Aufsicht m der Kommission noch genauer geregelt werden wüsten. Die Landwirthschaft lomüe md)t mit in das Gesetz einbezogen werden, denn die ländliche Arbeit liegt auf einem ganz anderen Gebiet, als auf dem, das wir hier treffen wollen. Eine Legende ist es, daß dem früheren Ministerialdirektor Dr. Kugler sein Eintreten gegen eine Verkürzung der Schulzeit auf dem Lande seine Stellung gekostet hat, wie es Herr Wurm an- ^"^Abg. Dr. Müller-Meiningen (freis. Vp.): Die Statistik ze^t, daß allein im Meininger Oberlande 5600 Kinder gewerblich beschäftigt werden, meistens in den Betrieben der Eltern. Dies beweist zur Evidenz, daß auch die Beschäftigung der eigenen Kinder eingeschränkt werden muß. Es wird icht oft geradezu Raubbau an der Gesundheit der Kinder getrieben. Der Gesetzentwurf hat im Allgemeinen die richtige Mittellinie getroffen. Nur hätte auch die Landwirthschaft mit einbezogen werden müssen, denn in vielen ländlichen Bezirken ist die Noch un^r den Kindern mindestens ebenso groß, wie in den Jndusttrebezirlen. Dre Kinderarbeit schädigt nicht nur die Gesundheit der Kinder, sondern bringt ihnen auch sittliche Gefahren. Diese sind auf dem Lande zum Mindesten ebenso groß, wie in den Städten. Ich begrase es nicht, wie man heute noch sagen kann, daß die Kinderarbett auf dem Lande gesund ist. Wenn man z. B. dre Schrift des Lehrers Dgahd liest, wo bleibt denn da der poettschc Hirtenknabe, der aus dem Felsen sitzt und die Schalmei bläst, von dem uns gestern der Staatssekretär erzählte? Der Staatssekretär spendete gestern den Lehrern ein großes Lob und fand den vollen Beifall der Rechten. Aber dieses platonische Wohlwollen wird den Lehrern wenig nützen. Sorgen Sic (nach rechts) lieber für bcstere Bezahlung und bessere Behandlung der Lehrer auch in politischer Beziehung, stellen Sie die paar Tausend Lehrer an, die noch in Preußen fehlen; damit wird den Lehrern mehr gedient sein. Sachsen-Mciningcnscher Bundcsbcvollmachtigter Frhr. v. Heim (fast unverständlich) giebt zu, daß in Meiningen die Kinder vielfach gewerblich thätig seien und oft auch bis spät in die Nacht hinein arbeiten müßten. Doch käme dies nur dann vor, wenn bestellte Lieferungen abgeliefert werden müßten, und zwar höchstens dreimal in der Woche. Hier würde die Vorlage ja einen erfreulichen Wandel schaffen. Wenn man auch zugeben müsse, daß die Tuberkulose stark im Oberland grastirt, so sei eS doch nicht nachgewiesen, daß dic'e Krankheit in irgend einem Zusammenhang mtt der Kinderarbeit steh-, die Schulen seien von der Tuberkulose frei. Abg. Reißhauö (Soz.): Ich muß entschieden bestreiten, daß in Meiningen die Kinder von der Tuberkulose frei sind. Die Tuberkulose grasfirt gerade unter den Schulkindern am meisten, das haben auch hervorragende Aerzte zugegeben. Wenn die Eltern ihre Kinder ausbeuten, so thun sie es nur aus Noth, mit blutendem Herzen, weil sie durch niedrige Löhne gezwungen werden, ein Stück des Wohlergehens nicht nur ihrer selbst, sondern auch ihrer Kinder dem Unternehmer Hinzugelen. Graf Posadowsky hat ?estern ein Loblied auf die ländliche Kinderarbeit gesungen; er at die Verhältnisse in pocttsch verklartem Lichte gesehen, die Prosa der Wirklichkeit sieht anders aus. Lesen Sie nur die Berichte des Lehrers Agahd, aus denen Sie klar ersehen können, welche gesundheitlichen und namentlich sittlichen Gefahren diesen Kindern drohen. Das Rübenziehen und Kartoftelbuddeln sind in der That schwere, schädliche Arbeiten; ich selbst habe diese Arbeiten machen müffen, und ich denke heute noch mit Schaudern an diese entsetzliche Arbett zurück! In der Preußischen Lehrerzeitung kat gestanden, die Rübenferien seien für die Schule eine wahre Plane, da sie die Kinder stumpfsinnig und geistesschwach machten. Das Gefichi toürtv aufgedunsen; in Folge des fortwährenden Kriechens würde ihr Rücken gekrümmt. ^Lachen rechts.) Warum lachen Sie denn als die in den Städten der Jndustriebezirke seien. Die Ziele. die die preußische Volksschule erreichen wolle, erkenne er an, dock könne er nicht die Mittel billigen, die zu btefem Ziele führten. So mußten die Kinder in Wrcschen jetzt jeden Tag mehrere Stunden nachschen. Da wäre es beinahe nothwendlg, den Kindern cmen Schutz gegen die Mittel der Schule zu gewähren, und er der Kommission, den Kinderschutz aucl) aus dre Zwangsmittel der Schule auS- zudchnen. f Fr): Nur die schlechte schäft hat dazu geführt, daß in ihr so viele Kinder beschäftigt waden. Wenn die landwirthschaftllchen Verhältmsse sich bessern, wird de Kinderarbeit von selbst sich verringern Die Tuberkulose hat mtt der Kinderarbeit nichts zu thun, dre Tuberkulose totrb durch schlechte Wohnungen, schlechte Lust u. s. w. 6egün)hgt, aber gegen den Boden. Wucher, der die Wohnungen so vertheuert und den Armen e» unmöglich macht, eine gesunde Wohnung zu nehmen, sprechen die Herren vost der Linken niemals. Wir können der Regierung nur dankbar sein, daß sie gerade jetzt mit dieser Vorlage kommt. Einigen Rednern geht die Vorlage nicht weit genug, aber cs haben doch nur solche Vorschläge wirklich Werth, die durchführbar sind. Erfreulich ist cs, daß jetzt endlich mal Hand an die Heimarbeit gelegt wird. Es ist nachgewiesen, daß Eltern ihre Kinder 47 Stunden in her Woche beschäftigen, dicS zeigt doch, daß viele Eltern nicht die richtige Einsicht besitzen, und daß die göttliche und die weltliche Ordnung nicht so funttiomren, wie sie sollen. Deshalb müssen wir gesetzlich eingreifen, obwohl es wimschenswerth wäre, daß unsere Kultur einen Höhepunkt erreicht hätte, daß nicht so viele Nochgesctze nothig wären. Doch mutz man hier einen Unterschied machen zwischen gewerblicher und landwirthschaftlicher Arbeit. Ich bin 8 Jahre Landpastor in einer Zuckerrübengegend gewesen, und habe mchtS von all den Uebclständcn gemerkt, die die Sozialdemokraten hier beklagten. Tas Kartoffelhacken ist für die Kinder ein Vergnügen, Abends wird dann ein Feuer angezündet und die Kartoffeln darin gebraten. (Lachen bei den Soz.) Ja, Sie haben ja langst den Sinn für Gemüthlichkeit verloren. Die Enquete durch tue Lehrer ist, so verdienstvoll sie auch sein mag, doch etnfcitig, cs hätten amh Geistliche, Landräthe, Gewerbeinspektoren, Arbeiter und Arbeitgeber daran theilnehmen sollen, damit wir ein möglichst objektives Bild bekommen. Abg. Dr. Müller (Rudolstadt, nat.-lib.) verbreitet sich über die Verhältnisse im Thüringer Wald und speziell im Kreise Sonneberg. Die Entwicklung der Hausindustrie bat dort zu ganz besonderen Mißständen geführt und ich denke nicht daran, diese etwa dem Abg. ReitzhauS gegenüber beschönigen zu wollen. Aber diese Mißstande sind durch die Lage der Dinge gegeben. So lange die Sommergäste da sind, die von den Einheimischen humorvoll Luftschnapper genannt werden, geht es den Leuten gut; aber wenn die weg sind, beginnt die LeidenSzcit für die Kinder. Die Eltern verdienen so wenig, daß sie darauf angewiesen sind, die Kinder Mitarbeiten xu lassen. Der Entwurf, der diesen Uebelständen entgegemutt, m mit großer Freude zu begrüßen. Möge er in der Kommission so ausgestaltet werden, daß er ein Segen für das schone Thüringer Land werde und die Jndusttie dort nicht schädige. (Beifall.) Abg. Reißhaus hält seine ftüheren Behauptungen aufrecht. Bon der Gefühlsduselei, mit der von mancher Seite d,e idhll,scheu Zustände auf dem Lande geschildert würden, hielten die Sozial- dcnwkraten sich frei, dafür hätten sie ober ein um so tieferes Gefühl für die schuldlosen Kinder und für die unhaltbaren Zustände, d,e auf dcm Gebiete der Kinderarbeit auf dem Lande beständen. Die Zukunft werde es lehren, daß man ohne einen Gesetzentwurf zum Schutze der Kinder auf dem Lande nicht auSkomme. Erfreut sei er, daß Herr Gamp auch heute wieder ein Gut zur Verfügung gestellt habe. Ja, wenn er uns endlich nur daS Gut geben wollte; wir würden ihm schon einen Mann zur Bewirthschastung stellen. (Heiterkeit.) Die Thatsachc, daß die Skrophulose unter den kleinen Kindern im Meininger Oberlande weit verbreitet sei, könne auch durch die Reden des Ministers von Heim nicht aus der Welt geschafft werden. Abg. Dr. Herzfeld (Soz.) bemerkt, der Mg. Rettich habe durch seine Ausführungen lediglich seine vollkommene Unkenntnih mit den landwirthschaftlichen Verhältnissen in Mecklenburg dokumentirt. Gerade in Mecklenburg sei die landwirthschaftliche Äinderbeschafti- gung besonders stark ausgebreitet auf Kosten der Schulbildung bet Kinder. Sic genössen vielfach nur zwei Stunden Unterricht am Tage, und außerdem dauerten die Sommerferien volle zehn Wochen. Ein Gesetz zum Schutze der ländlichen Kinder sei auf die Dauer nicht zu entbehren. Ab^- Stöcker (b. k. P): Die Sozialdemokraten verftelen in den alten Fehler, daß sie aus vereinzelt vorgekommenen Mißständen auf die Allgemeinheit schlöffen. Die Diskussion wird geschlossen. Der Entwurf geht an eine Kommission von 21 Mitgliedern. Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Freitag 1 Uhr. SeemannSorl« nung, Schaumwein st euergefetz. Schluß 5% Uhr. jetzt über dieselben Lehrer, denen gestern Grwl Posadows^ u^er Ihrem Beifall solchen Weihrauch gespendet hat? Was die Regierung zu der Beschränkung des Entwurfs auf die gelbliche Arbeit veranlaßt hat, ist nichts als die Furcht vor dem Schreien der Agrarier. Herr von Richthofen wollte gestern die Fortführung der Sozialreform von der Gestaltung des Zolltarifs Mangig machen; das kennzeichnet schlagend die Kinderfreundlichkett der Rechten. Redner führt sodann aus, daß ihm der Entwurf mchd weit genug gehe — Kinderarbett sei Schinderarbelt und muffe gänzlich beseitigt werden. Vor Allem müsse eine wirksame Kontrole stattfinden, bei der Gewerbe-AufsichtSbeamte und Lehrer zusammenwirken müßten. Meiningenscher Minister Frhr. von Heim betont gegenüber einer Aeutzerung des Vorredners, die meinmglsche Regierung fei ernst bestrebt, der Arbctterwohnungsnoth in Sachsen-Mcimngen zu steuern. Sie habe sich zu diesem Zweck noch vor einem Jahr 350 000 Mk. zur Verfügung stellen lasten. Selbstverständlich könnten die Mißstände auf diesem Gebiet nicht allein aus öffentlichen Mitteln beseitigt werden. Redner hält im Uebngen ferne vorigen Ausführungen aufrecht. Auf dcm Gebiete der Kinderarbeit sei allerdings in (Sonneberg manches nicht schön; man könne aber deshalb noch nicht gerade sagen, daß diese Zustände eines Kultur- staats nicht würdig seien. (Widerspruch bet den Soz Abg. Gamp ruft: Hier ist gar nichts zu hören!) Den Zusammenhang zwischen Kinderarbeit und Tuberkusole, wie ihn die Sozialdemokraten deduzttten, müstc er nach wie vor befreiten. Abg. Röllinger (Elsässer) begrüßt den Entwurf, der einen neuen, bedeutsamen Schritt auf dem Wege sozialer Fürsorge bedeute, mit großer Genugthuung. Zu loben sei es ebenfalls daß die Konttole nicht durch die Polizei erfolgen solle. Elsaß- Lothringen sei auch in Bezug auf die Kinderarbeit ein glückliches Land, die Arbett der Kinder dort bei der Kartoffelernte und der Weinlese könne gar nicht mit der gewerblichen verglichen werden. In Elsatz-Lothringen würde man es nicht begreifen, wenn man die Landwirthschaft mit in das Gesetz einbeziehen wollte. Abg. Gamp (Reichsp.): Ich ergreife nur das SB ort, um einige irrtümliche Behauptungen der Linken über landwirthschaftliche Verhältnisse zurückzuweisen. Meine Freunde sind stets für die Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit eingetreten, und stimmen daher auch diesem Gesetzentwurf zu. Ich bin auch niemals für eine Verkürzung der Schulzeit auf dcm Lande emge- treten, ich habe nur befürwortet, daß, wie cS in Schleswig-Holstein Gesetz ist, zur Erntezeit Dispensationen eintreten können. Ein Blick ins prattische Leben zeigt, daß die Kinder auf dem Lande weit gesünder, kräftiger und widerstandsfähiger als die aus den Städten sind. Man hat auch noch nicht einmal den Versuch gemacht, zu beweisen, daß die landwirthschaftliche Kinderarbeit schädlich ist. Im Gcgentheil! Ostpreußen zählt 2 Millionen Einwohner und stellt 13 300 Soldaten, Brandenburg und Berlin aber stellen bei 4% Millionen Einwohnern nur 17 600 Soldaten, während sie prozentuell 30 000 stellen müßten. Die Sozialdemokraten reden immer von der Landwirthschaft, ohne was davon zu verstehen. Ich habe Ihnen einmal ein Gut versprochen. (Zuruf bet den Soz.: Wir haben es noch nicht!) Ein Mann, ein Wort, Sie sollen es haben! (Heiterkeit.) Die Großgrundbesitzer haben an her Kinderarbeit gar kein Interesse, desto mehr aber viele kleine Leute, für die der Kindcrverdienst eine große Rolle spielt. Die Kinder selbst fahren jubelnd und singend auf das Feld und freuen sich über die Arbeit. (Lachen bei den Soz.) Die Hütejungen und Mädchen sind gerade für den Kleinbesitz unentbehrlich, wer soll denn sonst das Vieh des kleinen Mannes hüten? Das Vieh hüten ist für die Kinder weit gesünder, als daß sie sich auf der Straße herumtteiben. Ich habe eine Volks- bibliothek eingerichtet, und jedes Mal, wenn ich einen Hütejungen sehe, liest er in einem Buch von Gustav Nicritz u. s. w. DaS Buch von dem Lehrer Agahd enthält viele Unrichtigkeiten; cS ist eine bodenlose Gemeinheit, wenn er sagt, daß die Hütemädchen sich schon mit 14 Jahren preisgeben, und wenn er gar sagt, daß die Aufficht ungenügend und sittlich unzuverlässig sei, so ist daS eine frivole Verleumdung, die gerichtlich bestraft werden müßte. All daS, was der Agahd sagt, muß gebranbmorft werden; besonders auch das, was er über das Zusammenarbeiten von jungen Leuten beiderlei Geschlechts fugt. Wie ist cs denn in Berlin? Da wohnt eine Familie von 8 Kindern und 6—10 Schlafburschen in einer Küche! Das Lob, das der Staatssekretär gestern den Lehrern spendete, kann ich nur unterschreiben. Wir kommen mit unseren Lehrern gut aus und würden noch bester auskommen, wenn sie nicht so oft politisch verhetzt würden. (Lärm links.) Abg. Rettich (fonf.): Die Sozialdemokraten haben gestern wieder mal auf Mecklenburg herumgeritten. Aber sehr mit Unrecht, m Mecklenburg giebt es keine Rübenferien, Rüben werden dort nie von Kindern gezogen, niemals werden die Kinder dort während der Schule mit landwirthschaftlichen Arbeiten beschäftigt, höchstens mal in den Ferien. Das Viehhüten kann nicht beseitigt werden, da cs meistens nur für die kleinen Häusler und Käthner geschieht. Die Regelung der Kinderarbeit auf dem Lande muß der Landesgesetzgebung Vorbehalten bleiben, das Reick ist hier gar nickt komvetent, da die Landwirthschaft der Gewerbeordnung nicht untersteht Abg. von JazdzewSki (Pole) führt au5, daß die sittlichen Verhältnisse auf dem Lande in den östlichen LandeStheilen wett besser Erscheint thNch mtt Ausnahme bei Sonntag*. ▲ A4 A *** V* AM Die „Gießener Janrilienblätter werden bem /| || Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der BF V I V, II V IbVA | > ■ ▼ „hrsßsche Landwirt" erscheint monatlich einmal. ~ " II ” General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben. Die AoLtarifkommisstou Berlin, 24. April. Die Zolltarifkommission nahnr Posttion 145, Bettfedern 2M, 146 Schmuckfedern 3M., 147 Bogelbälge 3 Mark Zoll nach der Vorlage an. Molkenbnhr (Soz.) und Goth ein (Fr. Vg.) beantragten Zollfreiheit, während Ministerialrat Wermuth darauf hingewiesen hatte, daß die Zollsätze wesentlich niedriger als im Auslände seien. Position 148, Fed erkiele, 149, Bor sten und 150, Seidengehäuse bleiben nach der Vorlage zollfrei, desgleichen die Positionen 151 bis 153, Felle und Häute, 154, Hörner und Geweihe, 155, Därme, 156, Knochenkohle und Knochenasche, und 157,rohe Schwämme, zollfrei. Für bearbeitete Schwämme wird der von dem Entwurf verlangte Satz von 20 Mark bewilligt. 158, sonst nicht genannte rohe tierische Stosse, Fischeier, Fischschuppen, Eeidenwurmeier, Ameiseneier und anderes sowie 159, Tierblut, bleiben zollfrei. Alle Zollsätze wurden nach der Vorlage angenommen. Die Kommission beschloß ferner für die Positionen 160, 162 und 163 einen einheitlichen und gegenüber der Regierungsvorlage durchweg erhöhten Zollsatz gemäß dem Anträge Herold und Gen. Danach zahlen 18,75 Mark per Doppelzentner: 1. Mehl, auch gebrannt oder geröstet aus Getreide, auch Hafer, aus Reis, Ma^, Hüffenfrüchten, 2. Graupen, Gries, Getreidegrütze, 3. sonstige Müllereierzeugniss-e aus Getreide oder Hülsenfrüchten. Der Regierungskommissar hatte verlangt für Mehl, ausgenommen Hafermehl, 13,50 Mk., Hafermehl 16, Graupen, Gries und Grütze 16, sonstige Müllereierzeugnisse, ausgenommen aus Hafer 13,50 Mk., aus Hafer 16. Die abgelehnten Anträge Gothein (freis.) hatten für diese Müllereierzeugnisse das Zweieinviertelfache bezw. Zweieinhalbsache des Zolles auf das Rohmaterial, Weizen rc. verlangt- Zm Laufe der Debatte führte Herold namens der Antragsteller Herold, Kardorss, Paasche und Schwerin aus, von der Forderung des Mindestzolles wurde abgesehen, um der Vorlabe keine weiteren Schwierig- keiteu zu bereitem Der Regierungsvertreter Geheimrat Blau machte geltend, die Einfuhr von Weizenmehl nehme nicht zu, die von Roggenmehl sei unbedeutend. Fischer begründete den sozialdemokratischen Antrag auf Zollfreiheit. Die Lebensmittel dürften nicht verteuert werden. Gothein begründete seinen Antrag mit der Notwendigkeit einer festen Relation des Mehlzolles und des Getreide- zolles und legt dar, zahlreiche Etablissements beweisen die ungünstige Lage der deutschen Mehlindustrie. Geheimrat Johannes und Ministerialdirektor Wermuth erklären die Regierungsvorlage für ausreichend. Letzterer bemerkt, die Einfuhr von Weizenmehl betrage kaum 1/4 Prozent der Jnlandproduktion. Gamp erblickt im Antrag Herold die Mittel, einem künftigen Anwachsen der Einfuhr vorzubeugen. Die Kommission begann sodann die Beratung der Positionen 164 und 165, Fette und Oele, ivvnach eine Reihe Linrerschiedlicher Zölle für die einzelnen De£r arten vorgesehen werden, und vertagt sich näch kurzer Be- ratung auf morgen. __ Heer und Flotte. Wie gewöhnlicp im Frühjahr, so haben auch in bem diesjährigen April zahlreiche Verabschiedungen von Generalen der preußischen Armee stattgefunden. Nach einer Sonderausgabe des „Mil.-Wochenbl-", in der die vom 22. d- M. datierenden Personalveränderungen veröffentlicht werden, sind dreizehn Generale in Genehmigung ihrer Abschiedsgesuche zur Disposition ge- stelll worden. Der zur Disposition gestellle Gen^Major v. Weiher, Kommdr- der 85. Brigade in Mainr, war 1893 Gen.-Major- Er wurde aus dem Kadettenhause 1865 beim 2. Gren-Regt. eingestellt. Mit Führung der 85. Brigade ist der Oberst v. Henigs vom 83. Jnf.-Regt. beauftragt. Der pensionierte Kommandant von Darmstadt Gen.-Major v- Daum, der 1864 im 2. tÄarde-Regt. Offizier geworden ist, ist, wie wir bereits meldeten, durch den Generalmajor v. Lyncker, Kommandant der Feste Doyen, ersetzt worden. Die Feiertage und das Heer. Nach der schon erwähnten Ordre sind zu den hohen kirchlichen Festtaaen für die Militärpersonen evangelischen BekenrrtnisseS zu zählen: Ostern, Pfingsten und Wechnachteu, der Sen* Hahrstag, der Karfreitag, der Himmelfahrtstag, Erntefest, Reformationsfest, Buß- und Bettag, Totenfest; für diejenigen katholischen Bekenntnisses: Ostern, Pfingsten und Weihnachten, der Neujahrstag, Himmelfahrtstag und Frohn- leichnamstag. An diesen Festtagen, sowie am Geburtstag des Kaisers tritt Befreiung von jedem Dienst ein, der nicht unerläßlich ist. Es ist jedoch auch an den nachbezeichneten katholischen Festtagen, wie dem Dreikönigsfest, Mariä Himmelfahrt, dem Mlerheiligenfest, Buß- und Bettag, Mariä Lichtmeß, Mariä Verkündigung, Karfreitag, Peter Pauls- fest^ und Mariä Empfängnis, dem religiösen Bedürf- ursse der Mannschaften möglich st Rechnung zu tragen. Die Generalkommandos sind ermächtigt, nach den in den einzelnen Landesteilen zur erkannten Geltung gelangten kirchlichen Gebräuchen dem religiösen Bedürfnisse Ser Mannschaften nötigenfalls in weiterem Umfange Rech- «ung zu fragen und unter Umständen eine unbedingte ivder in gewissen Grenzen zu haltende Befreiung vom Dienst auch an anderen als den hier gedachten Festtagen .eintreten zu lassen, soweit die dienstlichen Anforderungen dies gestatten. Soldaten jüdischen Glaubens sollen an den jüdischen Feiertagen möglichst vom Dienst befreit bleiben. ■ I — - ■ .....■■■■■■■■ Zer KrostgL-Urozeß. ix. Gumbinnen, 24. April. Heute wurde zunächst in sehr eingehender Weise der Kommandeur des 11. Dragonerregiments v. Winterfeld, Vernommen. Derselbe bekundet, Marten sei im Dienst ganz tüchtig, aber bei der gering st en Kleinigkeit sehr aufgeregt gewesen, sodaß er mit den Augen rollte. Dies sei auch geschehen, als er, Zeuge, etwa zwei Stunden vor dem Moäre, Marten, weil er sein RemontL- pferd nicht reiten konnte, vom Pferde heruntersteigen ließ und einem anderen Unteroffizier befahl, das Pferd vor- Lureiten. Er tadelte deshalb Marten, zumal dieser sein schlechtes Reiten selbst verschuldet hatte. Da sagte Ritt- rneister v. Krosigk: Lassen Sie doch, Herr Oberst, der Mann gerät immer sofort in große Aufregung, wenn er einmal getadelt wird. Er, Zeuge, hörte, daß Marten auch am .Samstag vor dem Morde sehr aufgeregt war 'Unb mit den Augen rollte, weil der Rittmeister einem jungen Dragoner befahl, das Pferd, welches Marten nicht reiten konnte, ihm eine Stunde vorzureiten. Er, Zeuge, müsse allerdings sagen, daß dies nicht ganz korrekt war. Der Rittmeister hätte einen Unteroffizier kommandieren müssen, um Martens Pferd vorzureiten, nicht oder einen von den Mannschaften. Der Rittmeister hallo gegen die Familie Marten überhaupt gewisse Abneigung, da er, wie er ihm erzählte, mit dem Wacht- Meister Marten wegen der großen Verlotterung der Schwadron heftige Auftritte hatte, sodaß letzterer sich schließlich zur drillen Eskadron versetzen ließ. Der Rittmeister habe auch den entfernten Verdacht gehabt, daß das me h r- malige Schießen auf seine Wohnungin Stallu- pöuen von der Familie Marten ausgegangen sei. Obwohl der Rlltmeister mit Marten dienstlich sehr zufrieden gewesen war, habe er einmal gesagt, Marten sei ihm unp heimlich, sodaß er ihn möglich st Weitwegwünsche. Dies sei wohl die Ursache gewesen, daß Marten nach Berlin 'auf die Telegraphenschule geschickt sei. Gleich nacfy dem Morde sei genau festgestellt worden, wer Dienst gehabt hat und wer dienstfrei war. Einen bestimmten Verdacht gegen irgend jemand könne er nicht äußern. Die von der Kaserne der vierten Eskadron nach der Reitbahn führenden Fußspuren in dem Schnee seien infolge von Thau oder Reger', verwischt gewesen. Marten bemerkt, er sei als Knabe vom Baume ge- foHeii und leide feit dieser Zeit an Nerven zuckungen. Er frage den Obersten, wenn ihm dies bekannt gewesen sei, ob er alsdann dieselbe Auffassung von dem Augenvollen haben würde. Oberst v. Winterfeld bemerkt: Wenn mir das bekannt gewesen wäre, dann hätte ich vielleicht eine andere Auffassung gehabt. Es steht aber fest, daß Marten bei jeder Kleinigkeit in große Aufregung geriet. Gefreiter Stumbries bekundet, als er am '5am^ tag vor dem Morde auf Befehl des Rittmeisters Marten das Pferd vorreiten mußte, sei dieser sehr ärgerlich gewesen. Am selben Tage habe Marten zu ihm gesagt, er werde heute abend das Pferd noch reiten, der H u n d m ü s s e heule noch Farbe bekennen. Kneosgerichtsrat Lüdecke und Militärgerichtsschreiber Hoffmann aus Insterburg bekunden übereinstimmend, Baranowsll habe ihnen einen sehr glaubwürdigen Eindruck gemacht. Tas mit diesem aufgenommene Protokoll sei lohne Mitwirkung des Rittmeisters Ewers zu stände gekommen. Rittmeister Ewers bemerkt, er wolle die Behauptung nicht aufrecht erhalten, daß er speziell bei dem Protokoll mitgewirtt habe, jedenfalls habe er Lüdecke gesagt, Bara- nowski habe ihm anfänglich eine andere Erzählung gemacht. Tie Zeugen Lüdecke und Hoffmann bemerken, daß fte sich daran nicht erinnern können. Aus Antrag des Verteidigers Horn wird die ArbeiteH- frau Eckert als Zeugin vernommen. Diese bekundet: Am Nachmittag des 21. Januar 1901 gegen 5 Uhr sei sie mll ihrem zehnjährigen Sohn die Dragonerstraße entlang gegangen, da habe sie plötzlich einen starken Schuß gehört und in demselben Augenblick habe sie drei Civilpersonen aus der Kasernenpforte herauskommen sehen. Auf Antrag des Vorsitzenden, Oberstleutnant H e r h udt v. Rhoden, wird beschlossen, den zehnjährigen .Sohn herbeizuholen und mit den Zeugen eine Ortsbesichtigung vorzunehmen. Ter Leiter der Verhandlung teilt mll, der Hausdiener! Hinz habe der Polizei in Schöneberg erklärt, er wisse von gar nichts; er fei zur Zeit des Mordes nicht in Gumbinnen gewesen und habe die Erzählungen in der Trunkenhell ge- macht. Inzwischen meldet der Amtsbote Borgmann mit der Erklärung, der Händler Johann Holder in Schußkehmen, früherer Artillerist, habe vor vielen Zeugen erklärt, daß der Rittmeister erschossen worden sei und daß Martenund Hickel vollständig unschuldig seien. Es wird beschlossen, den Händler Holder zu laden. Danach werden die Dragoner Bartuleit und Weber vernommen, welche kurz vor dem Morde Marten auf dem ersten Korriidor in der Nähe des Karabiners getroffen haben, womit der tödliche Schuß abgegeben wurde. Hieraus wird die Sitzung auf Nachmittag vertagt. Aus Hiadt und Zand. Gießen, den 25. April 1902. . ** S ie Erste Kammer der Stände hält, wie Mr schon kurz erwähnten, chre 18. Sitzung am Dienstag, 29. April, vormlltags 10 llhr beginnend, ab. Folgende Tagesordnung ist dafür aufgestellt: L Mitteilungen. IL Feststellung des Voranschlags über die Ausgabe- bedürfnisse der Ersten Kammer für das Rechnungsjahr 1902/03. III. Beratung und Abstimmung über: 1) RegierunAvorlage, Staatsvertrag über die Vereinigung der Großh. Hessischen Landeslotterie und der Thüringisch-Anhalttschen Staatslotterie betr.; 2) die Regierungsvorlage bezüglich des Entwurfes eines Gesetzes wegen Abänderung des Gesetzes vom 4. April 1888, die Ausführung der Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen betr. ; 3) Regierungsvorlage bezüglich des Entwurfs eines Gesetzes, die Ausführung der deutschen Strafprozeßordnung vom 9. Juni 1879 betr.; 4) Regierungsvorlage über den Gesetzentwurf, den Denkmalschutz betr.; 5) Mitteilung der Zweiten Kammer bezüglich des Anllags des Abgeordneten Wolf, Zusatz zum Artllel 41 des Feldbereinigungsgesetzes betr. ^Auszeichnung. Der Großherzog hat der Susanne Ludwig in Gonsenheim die Goldene Medaille des Lude- wigs-Ordens zum 15. Aprll verliehen. (Wie wir kürzlich mitt eilten, dient die Genannte, die im 74. Lebensjahr steht, bereits 60 Jahre in derselben Familie. Die Red. des „Gieß. Anz.") ** In die hiesige Klinik mußte sich der aus Hattenrod stammende Arbeiter begeben, der, wie wir in Nr. 91 berichteten, von seinem Gegner in den Finger gebissen wurde. Die Wunde hat sich derart verschlimmert, daß der chn behandelnde Arzt Blutvergiftung befürchtete. ** Kunstverein. In der im Inseratenteil unserer Nr. 93 erfolgten Bekanntmachung betr. die ordentliche Hauptversammlung des Kunstvereins für das Großhherzoa- tum Hessen ist übersehen worden, der Tagesordnung als 4. Punll hinzuzufügen: „Die Beschlußfassung über die Verteilung eines Vereinsblattes an die Mitglieder für 1902", worauf hierdurch hingewiesen sei. ** Der Verband der katholischen kaufmännischen Vereine Deutschlands begeht in den Tagen vom 14. bis 17. August in Mainz das Fest seines 25jähr. Bestehens. Im Jqhre 1877 in Mainz gegründet, umfaßt der Verband heute 120 Vereinigungen mll 13 000 Mitglieder. ** Für de utsche Buren kämpf er. Von deutschen Burenkämpfern, die sich als Kriegsgefangene in Um- balla in Indien befinden, sind dem Inhaber der Auskunftei Bürgel, Ristenpark, Kaiserstraße 36 in Frankfurt am Main drei verschiedene Ansichtspostkarten aus dem Ge- ängenenlager mit Bildern aus dem Lagerleben der Ge- angenen zugeaangen. Die Bilder sind von deutschen Kriegs- zesanaenen selbst gezeichnet, die Karten mit verschiedenen indischen Marken frankiert. Die Gefangenen möchten sich mit dieser Kartenherstellung einen kleinen Erwerb und eine Beschäftigung und damit eine Erleichterung ihrer Lage ver- chafsen. Der Genannte ist bereit, die Vermittelung zu übernehmen. Sammler von Markenkuriosen und Ansichtskarten wollen ihm deshalb unter Einsendung von einer Mark ihre genaue Adresse mitteilen, worauf ihnen ein derartiger Kartengruß aus dem Gefangenenlager von Um» balla zugehen wird.— In ähnlicher Weise verschickt nach einer Notiz der „berliner Illustrierten Zeitung"', um deren Veröffentlichung wir gebeten werden, ein Kriegsgefangener auf Ceylon gegen Einsendung von 60 Pfg. in Marken eine photographische Ansichtspostkarte mll Zensorstempel der englischen Behörden aus dem Gefangenenlager Ragarna. Bestellungen nimmt der Vater dieses Gefangenen an, dessen Adresse ist: CH. Rubens, Berlin NW. 23. t. Hausen b- Gießen, 23. Aprll. Hier herrscht seit einigen Wochen eine Typhus-Epidemie. Nicht allein Erwachsene, sondern auch Kinder werden von der Krankheit befallen. Obwohl die Krankheit in den meisten Fällen ehr heftig auftritt, hat fte erfreulicherweise bis jetzt kein Opfer gefordert. t. Bur kh ar dsf eld en, 23. April. Eine hiesige Bürgersfrau, die im Garten mit Graben beschäftigt war, glitt aus und fiel so unglücklich auf die Hand, daß sie dnese brach. , [] Groß-Feld a, 24. Aprll- Aussehen erregt hier die Verhaftung des Otto Vorbach als des mutmaßlichen Einbrechers in den Laden des Kaufmanns Weifenbach, auf dessen Namen ersterer auch Wechsel gefälscht haben soll. Der Verhaftete soll sich während zweier Nächte in Zellwalde aufgehalten und später, da gänzlich mittellos, ich selbst dem Gerichte gestellt haben. § Aus dem Feldathale, 23. Aprll. Die That- äche, daß feit Jahrzehnten unsere Thalorte und die der Nachbarthäler zum ersten Male in biefem Frühjahre von Zigeunern freigeblieben sind, verdient festgestellt zu wer- )en. Wenn sonst jährlich die ersten Zugvögel sich einstellten, da kamen auch die braunen Zugvögel der Pußta und jbe» heiligten wochenlang unsere Thalorte. Die strengen Polizeimaßregeln unb das energische Einschreiten der Gendarmerie haben es endlich fertig gebracht, den Zigeunerhorden wenigstens unsere Gegend zu verleiden. L a u b a ch, 23. Aprll. Heute morgen wurde die Gräfin zu Solms-Laubach, Prinzessin zu Isenburg unb Bübingen, Don einem gesunbeu Sohne glücklich entbunben. Offenbach, 24. Aprll. Ein größeres Schaden- euer entstaub heute nachmittag gegen 4 Uhr in bem Liesmannschen Hause Bemarbstraße 9. Durch bie sofort jerbeigeeilte Feuerwehr konnte ber Branb in etwa zwei- tünbiger Thätigkell bewältigt werben, boch ist ber Dach- tuhl vollstänbig zerstört. Der nicht unerhebliche Schaben ist bnrch Versicherung gebeckt. to. Marburg, 24. April. Gestern Nachmittag zwischen 3 unb 4 Uhr ist in ber Nähe von Amöneburg an einem 15jährigen Mäbchen ein Sittlichkeitsverbrechen verübt worben. Der Thäter ist unbekannt entkommen. Der Verbacht lentte sich auf einen manbernben Schneibergesellen. Der Thäter soll eita>a 1,70 Meter groß unb schlank fein, än glich es Gesicht unb bunklen Schnurrbart haben unb mit einem abgetragenen, braunen Jacket, Heller Hose unb Hellem Filzhut befleibet fein. Besonbers kenntlich ist er an einer langen frischen Wunbe am Hals. ** Kleine Mitteilungen aus Heffen und den Nachbarstaaten Fast ein volles Menschenalter hat der 60jährige Schneiber- eselle Johann Bind bei ber Hosschneiberfirma I. D- W. Lampe in Frankfurt a. M. in Arbeit gestanden. Kürzlich würbe ihm gekünbigt, da feine Arbeit nicht mehr den An- orberungen genüge. Der alte Mann nahm sich bas so zu Herzen, baß er sich im Main ertränkte. — Auf ber Station Spangenberg würbe ber polnische Steinbruchsarbeiter Gottwalb von einem Eisenbahnzuge totgefahren. Gottwald hat sich in der Betrunkenheit auf bas Geleis gelegt und war dort eingeschlafen. — Ein lustiges Kuriosum wurde in Undenheim in einem Lehrvertrage entdeckt. Bei einem dortigen Schneidermeister Ijatte sich ein Lehrling auf S1/* Jahre verpflichtet. Im Vertrag steht nun infolge eines Schreibfehlers, daß bie Lehrzeit am 15. August 189 9 beginnt unb am 15. Juni 2002 endigt. — Sicher hat der junge Mann um diese geit ausgelernt. — Eine Frau in Kostheim erhielt von einem Kollekteur ein Los der hessischen Landeslotterie zugesandt, das sie jedoch weder zurückschickte noch bezahlte. Bei ber letzten Ziehung kam nun das Los mit 20 000 Mark heraus unb bie Frau kam seelen-- üergnügt zum Kollekteur, um „ihren" Anteil zu erheben. Selbstverftänblich erhielt sie nichts, unb auch ihre treuherzige Versicherung, baß sie jetzt bas Los bezahlen wolle, hatte keine Wirkung. — In Mainz würbe ber Bureau- oiener ber Hospiziendeputation, Jung, unter bem Verbucht, ein Sittlichkeitsverbrechen begangen zu haben, verhaftet. Jung war am 1. April b. I. 14 Jahre im Dienst ber Stabt. — Auf schreckliche Weise ist das Dienstmädchen bes Lanbwirts Held in Gonsenheim ums Leben gekommen. Es würbe in ber sonst mit einem eisernen Deckel verwahrten Dunggrube tot aufgefünben. Ob ein Unfall ober ein Verbrechen vorliegt ist noch nicht festgestellt. Das Mäbchen, bas sehr hübsch war, stand vor der Hochzell. Vermischtes. * Berlin, 24. April. Schwere Ausschreitungen mit zum Th eil lebensgefährlichen Verletzungen sind in der vergangenen Nacht an mehreren Stellen der Stadt vorgekommen. Der Schiffer Röm selb ging spät abends mit zwei Gelegenheitsarbeitern am Nordufer entlang. Eine Rotte Pennbrüder, die auf Kähnen zu übernachten pflegt, rempelle die Leute an und belästigte sie thätlich. Als die Angegriffenen sich wehtten, sammelte sich rasch eine Bande von 20—30 jungen Strolchen, die mit Bootshaken, Heugabeln und Knütteln über die drei Männer herftelen und sie furchtbar zurichteten. Römfeld wurde mit einem Bootshaken die Schädeldecke eingeschlagen und auch seine beiden Begleiter erlitten schwere Verletzungen. Ein größeres Polizeiaufgebot schritt ein und brachte 25 Personen auf die Wache. — In der Brunnenstraße kam es zu einer großen Schlägerei zwischen einer aus acht Personen bestehenden Gesellschaft, unter denen sich ein Matrose von der Werft-Division befand, und einem Schutzmann. Letzterer wurde durch Stockhiebe und Messerstiche schwer verletzt. Der Mattose wurde fest- genommen und in das Militärgefängnis eingeliefert. * Hungertod. Im Allgemeinen Krankenhause zu Wien ist ber Sprosse ein e§ alten Grafen-Ge^ schlechtes gestorben. Es war das übliche Armen-Be-' gräbnis, bas Personen zuteil wirb, deren Nachlaß nicht hin- reicht, um bie Kosten eines einfachen Leichenbegängnisses zu becken. So würbe Gras Felix A v. P., ber ehemals! elegante Kavallerie-Offizier, der Sprosse eines Abels-Äe- schlechtes, bas nach bem Gothaischen Abelsalmanach auf über brei Jahrhunderte zurückblickt, im primitiven Holzsarg in stiller Nacht nach bem Friebhof gebracht. Der ärzttiche Befunb über bie Todesursache lautete: „Entkräftung infolge von Hunger." Das Leben des Grafen A. war einst wahrhaft beneibenswert. Eine aufsallenbe, fesselnbe Erscheinung, und in Beziehungen zu ben heften Gesellschaftskreisen, deren Liebling er war, bürste er sich zu ben Glücklichen zählen unb sorglos ber Zukunft entgegensehen. Eine schöne Karriere in ber Armee, in ber er bem OffizieriLorps eines» der glänzenbsten Dragoner-Regimenter angehörte, schien ihm gesichert. Eines Tages aber erlosch fein Stern plötzlich. Gr schieb von seinem Regimente, zog sich von aller Welt zurück unb lebte seither in größter Abgeschiedenheit, als ein Vergessener . Man konnte nie recht den Grund! fetneS; militärischen unb gesellschaftlichen Sturzes erfahren. Neueste Meldungen. Originaldrahttueldungen des Gießener Anzeigers. Be rlin, 25. April. Die „Nat.-Ztg." veröfsenllicht -ein Begrüßungstelegramm, bas ber Zentralverband der nationalliberalen Partei Teutschlanbs an den Gr ohh erzo g von Baben richtete. — Zur Feier des Jubiläums bes Großherzogs von Baben veranstaltete ber Verein berBadenerin der Phllharmonie einen glänzenben Festabenb. Heber 2000 Personen waren anwesenb. Pros. Göttinger hielt bie Festrede auf ben Großherzog, ber badische Legationssekretär gedachte ber Großherzogin. Der Verein ber Berliner Liedertafel trug mehrere Chöre vor. Hannover, 25. April. Zwei Stubenten der Rechte, Angehörige angesehener hannöverscher Familien, erschossen sich gleichzeitig in ben Häusern ihrer Eltern. Celle, 25. April. Reichstagsersatzwahl im 14. hannöverschen Wahlkreis. Bis 11 Uhr abends wurden gezählt: für Wehl (null.) 6941, v. d. Decken-Adendorf (Welfe) 5480, Boedecker-Aligse (B. d. L.) 3918 und Thielhorn (soz.) 5189 Stimmen. Greiz, 24, April. Am Samstag findet hier eine gemeinsame Konferenz des Staatsministeriums mit den Ver- retem von Reich j. L. und Reich-Köstritz statt, in der die Regentschafts frage endgiltig geregelt werden soll. Alsdann wird das Ergebnis der Konferenz offiziell rnitgeiellt werden. — Wie verlautet, hat Fürst Heinrich XVI. Reuß j. L. die Regentschaft über Reuß ä. L. an- genom men. Karlsruhe, 25. April. Der Großherzog vev-- ügte zahlreiche Begnabibungen ber zu Freiheitsstrafen Verurteilten unb stiftete eine Jubiläumsrnebaille in Bronze am Bande, bie im Besitz ber Erben ber Dekorierten verblmbt. Es erfolgten bereits zahlreiche Verleihungen. Madrid, 25. April. Dee König wohnte gestern zum ersten Male dem Mini st er rat bei. Ministerpräsident Sa- gafta richtete an den König eine Ansprache und beglückwünschte ihn. Pietermaritzburg, 24. April. Reuter. Der Premierminister von Natal gab ber gesetzgebenden Versammlung bekannt, die brllische Regierung habe die Natalregierung uni Darlegung ihrer Ansichten bezügl. der jüngsten Friedensverhandlungen ersucht. Guatemala, 23. April. Das Erdbeben, das vom 18. d. M. abends bis zum 19 mittags auf der pacisicschen Seite von Guatemala herrschte, hat nicht nur bedeutenden Eigentums' Verlust verursacht, sondern auch an 1200 Menschenopfer geordert. Bisher find unter den Toten keine Deutschen ermittelt. Hauptsächlich hat Ouezaltenango gelitten, während die Hauptstadt , lemlich verschont geblieben ist.