1S2. Jahrg Nr. 47 General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehrn. Erscheint ISglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Giehener Zamilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Derantrvortlich für den allgemeinen Teil: P. Willko; sür den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnioersitatLdruckerei (Pietsch Erben), Siebe». machen. Abg. Dr. Roesicke (B. d. 2.): Durch praktischere Einrichtung einer Steuer ist noch niemals eine Krisis hervorgerufen worden. Die Tabaksteuer wird bewilligt, ebenso Br au steuer und Salzsteuer. Damit ist die zweite Berathung des Etats Der Verbrauch-- steuern erledigt bis auf den Titel Zuckersteuer, dec sich noch in der Kommission befindet. Der Etat der Reichsstempelabgaben wird ohne Debatte angenommen. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Präsident Graf Bcillcstrem: Um der Budgetkommission Zett zur Erledigung der noch vorhandenen Etatsreste zu geben, schlage ich dem Hause vor, die nächsten beiden Tage frei zu lassen und die nächste Sitzung abzuhalten am Donnerstag 1 Uhr mit der Tagesordnung : Rechnungssachen, Wahlprüfungen inw Petitionen. Die letzteren muffen wir mit auf die Tages- ordnung nehmen, da sie zum Theil schon seit 11 Monaten druckfcrtig vorliegen und wir den Petenten eine Beschlußfassung schuldig sind. Das Haus ist mit dem Vorschläge des Präsidenten ein» verstanden. Schluß 3 Uhr. an einen — । —v ■ - . . . Herr Rosicke ruft nun nach Zollerhohungen. Aber damit wird er unserer Tabakindusttie einen schlechten Dienst ertoenen. Eme Zollerhöhung würde nur bewirken, daß die Cigarre von der Cigarette abgelöst würde, und dann könnt- man Den deutschen Tabak höchstens noch als Zierpflanze brauchen. Daß unsere jetzige Tabakteuer zu manchen unnützen Plackereien Anlaß giebt, gebe ich zu, aber eine Aenderung nach dem Wunsche des Herrn Rosicke würde nur schädlich wirken. Eine Werthsteuer besonders ist undurchführbar. Eine Zoverhöhung hat auch Herr von Hevl in der Kommission schon befürwortet. Der reiche Herr von Hehl ist auch wohl so ein kleiner Bauer, dem geholfen werden mutz! Jede Zollerhöhung vermindert den Konsum und wirft Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen auf die Straße. Aber das ist den grotzen Herren ja egal, die Mädchen können sich ja der Profil- tution ergeben, wenn sie sonst keinen Verdienst haben. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 151. Sitzung vom 24. Februar, 1 Uhr. Das Haus ist äußerst schwach besetzt. Am Bundesrctthstisch: Frhr. von Thielmann, Stu- ® e l Die Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben des o st a f r i - konischen Schutzgebiets für 1898 wird in zweiter Be- rathung ^nehmigt^^ SerQt^ung ^s Etats der Zölle und Verbrauchs st euer n. _ Abg. Dr. Mi'lller-Sagan (freis. Vp.) beanttagt, den Titel „Zölle" von der Tagesordnung abzusetzen und an Die Budgetkommission zurückzuverweisen. Bei der „T a b a k st e u e r" führt Abg. Dr. Rösickc (®. d. L.j aus: Bedauerlicher Weise ist der Tabakbau in Deutschland in Den letzten Jahren sehr zuruckge- aanaen. Der Hauptgrund ist einmal Die hohe Steuer unD Dann Die Thatsache, Daß Die Spannung zwischen Zoll unD Steuer viel au gering ist. Die heimische ProDuktion wirD durch Die ausländische Einfuhr schwer geschädigt, der Zoll mutz docher bedeutend erhöht werden. Nun kann man sagen. Die heimische ProDuktion ist an Güte Der ausländischen nicht gleich. Aber diese Behauptung ist ganz falsch. (Lachen und Widerspruch lmks.) Bedeutende Sachverständige haben nachgewlesen, daß wir in^Deutschland wohl in Der Lage sind, ein gut brennbares und gut schmeckendes Kraut zu bauen, Das Den Vergleich mit den geringen Importen wohl chishält Im Elsaß, wo Die Bauern Die Rathschlage der Straß-. burger Manufattur befolgen, wird eine sehr gute Qualttw erzeugt. Nicht nur Die Höhe Der Steuer, auch Die Art, wie sie erhoben WirD, ist sehr lässig unD schreckt von weiteren Versuchen ab Dies ist um so bedauerlicher, als der Tabakbau besonders von kleinen Bauern gepflegt wird und zahlreichen Arbeiter^ auch Frauen und Kindern, Arbeit giebt. Ich bitte deshalb Den Schatz- fclretär, uns ein Gesetz vorzulegen, das eine gründliche Abänderung Der Tabaksteuer einführt. Wir müssen von Der Gewichtsteuer zur Flächensteuer übergehen. . Abg. Molkenbuhr (Soz.j: Von Den eigentlichen Ursachen Des Rückganges unseres heimischen Tabakbaues hat Herr Rösicke keine Ahnung. Durch Die Zoll- und Steuererhöhung von 1879 ist Die Spannung zwischen Zoll unD Steuer bedeutend erhöht worden. Die Tabakbauern aber. Die nun aus Spekulation ihre Produktion vergrößerten, sahen bald, daß ihre Rechnung ein Loch hatte. Der vermehrte Absatz folgte nicht. Hauptsächlich deshalb nicht, weil der deutsche Tabak in erster Linie Pfeifentabak ist und zu Cigarren gar nicht verwendet werden kann. Da man in Deutschland immer mehr von Der Pfeife zur Cigarre überging — Der Preis Der Cigarren blieb in Folge von Lohndrückungen der fllte « tofle Präsident Graf Ballestrem: Sie haben soeben ohne jede Veranlassung und ohne jede Provokasion Die Verhältnisse eines AbgeorDneten berührt. Diese Ausführungen waren gänzlich unangebracht und ungehörig. Schatzsekretär Freiherr von Thielmann: Wenn man über Die Frage des Tabakbaues einen Tabakbauer und einen Tabakarbeiter vernimmt, so bekommt man ein ganz verschiedenes Uriheil zu hören. Dies erinnert mich an die Preisfrage, Die einmal ein ftanzösischer König Der Universität Sorbonne stellte, »wiegt ein toDter Fisch mehr als ein lebendiger?" Verschiedene Gelehrte reichten Gutachten ein. Der eine sagte. Der toDte wiegt mehr. Der anDere, nein, Der lebenDige. Da ließ Der König eine Probe anstellen, unD siehe Da, beiDe Fische wogen gleich viel. (Heiterkeit.) Es ist wahr. Daß Der Tabakbau bei uns sehr schwankend ist, aber Deshalb kann man Doch nicht sagen. Daß er wirklich heruntergegangen ist. Das ist durchaus nicht Der Fall. Jrn Jahre 1887 betrug Die Anbaufläche Des Tabaks bei uns 21 000 Hektar, 1892 15 000 Hektar. In Den Jahren 1893—96 aber stieg er toieDer auf 17, 21, 22 000 Hektar. 1897 fiel er toieDer auf 21 000 und 98/99 auf 14 000 und einige Hunderte. Die Bauern, Die in Der Lage sind, ein gutes zur Cigarrenfabrikation geeignetes Blatt zu erzeugen, stehen sich gar nicht schlecht Dabei. Eine Flächensteuer hatten wir von 1868—79. Sie hatte für mich als Schatzsekretar Den bedenklichen Nachtheil, Daß sie wenig brachte. Auch machte sie viel Plackereien. Wir gingen Deshalb zur Gewichtssteuer über. Gegen eine Werthsteuer würden sich Dieselben Bedenken erheben lassen, wie gegen eine Flächensteuer. Mir ist es auch unklar, wie eine Behörde Den Werth feststellen soll. Abg. von Kardorff (Rp.) klagt auch Darüber, Daß die Erhebung der Tabaksteuer mit so viel Vexasionen verknüptt sei. Er sehe überhaupt in Dem Tabakbau lein Mittel, Der Landwirthschaft zu helfen. Die Landwirthschaft, die Den Tabakbau aufgegeben hätte, stünde besser Da, als Die, Die ihn beibehalten hätte. Abg. Dr. Roesicke erwidert dem Abg. Molkenbichr nur.; Freund. Mn'asi Der beimischen ProDuktion nicht zu denken. I Du hast Unrecht, Du wirst grob. Die Landwirthc wollten gerade vermehrten Ab,atz Der öetmnmen ^tuuuuw n ajju.u ^nen höheren Zoll, um ihre Arbeiter besser stellen zu können. Abg. Frhr. Hehl zu Herrnsheim (nat.-lib.): Ich gebe bem Abg. Dr. Roesicke vollständig darin recht, daß die Spannung zwischen Steuer und Zoll zu gering ist. Bei der Gewichtssteuer wird der deutsche Tabakbau benachtheiligt. Denn der deutsche Tabak hat sehr schwere Rippen, der ausländische aber sehr leichte. Bei dem Tabakbau kommt nicht viel heraus. Ich selbst habe mit einer ffarlcn Unterbilanz gearbeitet. Ich habe meine Finanzen offen Dargelegt, als ich in einer Versammlung von Cigarrenfabrikanten schwer angegriffen wurde. Ich bin nun ja in Der glücklichen Lage, vom Tabakbau nicht abzuhängen. Ich habe an dem Zoll nur ein geringes Interesse. Ich hielt mich aber im Interesse Der kleinen Bauern fuc verpflichtet, in der Kommission für Die Zollerhöhung einzutreten. und ich toerDe das auch weiter thun. _ Abg. Dr. Roesicke (B. d. L.): Wie Herr Molkenbuhr zu der Ansicht kommt, daß durch Den von uns befürworteten Schutz deS heimischen Tabaksbaus die Arbeitslosigkeit vermehrt werden könnte, verstehe ich nicht. Der Tabak mutz doch verarbeitet werden, und dafür ist es ganz gleichgilsig, ob es sich um inländischen oder auS- ländischen Tabak handelt. Wir wollen gerade durch Ausdehnung Der nationalen Produktion Die Arbeitsbedingungen verbessern. Abg. Molkenbuhr (Soz.): Der inländische Tabak ist zur Cigarrenfabrikation kaum geeignet; ein erhöhter Tabakszoll würde in Folge dessen ein Stocken in der ganzen Cigarrenfabrikation herbei- führen und somit ganz unzweifelhaft eine Menge Arbeiter brodlo» Dienstag, 25. Februar 1903 Gießener Anzeiger Bodenreform. Wir erhalten aus unserem Leserkreise eine Zuschrift, die wir gern der Öffentlichkeit übergeben: Wie einsichtsvoll unser Stadtvorstand handelt, wenn er auch jeden Schein von Gemeinschaft mit Bodenspekulation von sich und den Mitgliedern der Stadtverordnetenversammlung fern halten sucht, davon ist jeder überzeugt, der ein Verständnis hat für die Bedeutung einer gesunden Bodenpolitik unserer Städte und die Notwendigkeit einer auf den wirklichen Wert des Bodens gegründeten Reform unserer Kommunalsteuern. Es hat uns gewundert, daß gerade Herr Krumm diese Einsicht vermissen ließ. Es hat sich hier wieder, wie auch sonst, gezeigt, wie schwer auch ein sonst einsichtiger ©ojiab Demokrat dazu kommt, seinen Blick über den ursprünglichen aus dem Verhältnis von Kapital und Arbeit in der Industrie gewonnenen Anschauungslreis hinaus Mi erweitern. Daß die Bodenspekulation es iff^ die uns die Wohnungen verteuert, die die hohen Bodeumieten verschuldet und dadurch auch die Waren verteuert und dem kleinen Geschäftsmann das Leben erschwert, wird noch lange nicht genug gewürdigt. Welchen Wert eine diese Gesichtspunkte beachtende Steuerreform haben würde, bringt sehr klar ein Flugblatt des Bundes deutscher Bodenreformer, dessen Inhalt wir nach dem „Hess. Nass. Volksboten" im nachfolgenden wiedergeben, zum Ausdruck: „Wo das Geld hernehmen? So fragt sich jeder denkende Steuerzahler, fei er Gemeindevertreter oder Wähler, wenn ihm auseinandergesetzt wird, was für Reformen in seiner Gemeinde nötig sind. Ist es nicht eine unverantwortliche Sünde gegen das gegenwärtige und das kommende Geschlecht, daß in den städtischen Schulen 50, 60 Kinder in eine Klasse ^nein- gevrcßt werden, daß man den Kindern, den Lehrern und endlich auch den Eltern damit die Schule, die ein Ort der Freude sein soll, zu einem Orte der Qual macht? Bestanden doch am 1. November 1900 z. B. in Berlin nicht weniger als 635 Klassen der Unterstufe, die 60 bis 69 Kinder besuchten, d. h. die leibliche und geistige Gesund- rt von mehr als 40000 mindern im Alter von 6 bis Jahren war hier aufs schwerste gefährdet. Und ebenso ist es auf dmn Gebiete der Hygiene! Me ost sind die Krankenhäuser überfüllt! Für Bolksheil- statten, für Badeanstalten, Bolksspielplätze müßte ja viel mehr geschehen. Die Gehälter der städtischen Beamten und Arbeiter müßten in die Höhe gesetzt, die Preise für das Gas billiger werden! — Alle diese Reformen bringen nichts ein; sie kosten dagegen viel und müssen doch bald in Angriff genommen werden. Sollen wir also die Gewerbesteuer noch mehr erhöhen oder die Zuschläge zu den Einkommensteuern? Davon kann natürlich keine Rede sein! Ja, wo aber das Geld hernehmen?! Tie Sache ist wirtlich nicht so schwer: Wir heben es dort auf, wo es liegt. Mau soll nur sehende Augen und ehrlichen Willen haben, und man wird bald erstaunt entdecken: Alles Geld, das wir zu den Verbesserungen der Schulen, der Krankenhäuser, der Badeanstalten, zur Ber- bllligung des Gases usw. gebrauchen, alles notwendige Geld, „es liegt buchstäblich auf der Straße!" Nun, nicht eigentlich auf der Straße, sondern neben der Straße, auf den großen unbebauten Spekulationsgebieten, die sich um die Stadt herumHiehen! In den allermeisten Städten wird nämlich die Grund- und Gebäudesteuer nach einem System erhoben, das den Eigentümern von Baustellen, den großen Spekulations- Gesellschaften, geradezu ein Steuer-Privilegium gewährt. Es hört sich ja zuerst ganz nett an: die Haus- und Grundbesitzer sollen ihre Steuer bezahlen nach dem Nutzen, den sie aus ihrem Eigentum ziehen. Aber in Wahrheit ist das ein Unsinn! Ta hat jemand eine Baustelle, Die 100000 Mark wert ist. Er ist aber damit nicht zufrieden, er will mehr Geld herausziehen. Durch seine Arbeit ist das natürlich nicht zu erreichen, wohl aber durch sein Warten. Errl wartet, bis auf Kosten aller Steuerzahler in der Nähe seiner Baustelle eine Schule errichtet wird oder eine Verkehrsverbesserung oder ein Schmuckplatz oder was immer. Es wird schon die Stunde kommen, wo der Terrainspekulant für sein Warten statt 100 000 150 000 oder gar 200 000 Mk. einstecken kann. Und inzwischen? Me Gemeinde, die für ihn die Werte schafft, ist so thöricht, und nimmt die Kosten zu allen Verbesserungen von den andern Menschen, die arbeiten in der Gemeinde und die später infolge der „glücklichen" Bodenspekulationen in erhöhten Meten im Laden, in Werkstatt und Wohnung zum zweiten Male gleichsam dafür bestraft werden, daß die Stadt wächst und sich frerbeffert Der Terrainspekulant aber zahlt seine Steuer nach dem lltu^rngswert, d. h. feine wertvolle Baustelle wird von den weisen Stadtvätern untersucht, wie viel Kohlköpfe und Kartoffeln darauf wohl wachsen könnten und danach wird die Steuer festgesetzt auf 50 Pf. oder auf 1 Mk. oder aus 2 Mk. Ist das aber nicht an sich ein Unsinn und in seinen Wirkungen ein Unrecht schwerster Art? Das „Preußische Kommunal-Abgaben-Gesetz" giebt ausdrücklich das Recht, und die preußischen Minister haben wiederholt darauf mit dringender Empfehlung hingewiesen, daß die Grund- und Gebäudesteuer auch so geregelt werden kann, daß sie nicht nach dem Nutzungswert, sondern nach dem gemeinen, d. h. nach dem Verkaufswert festgesetzt wird. Die Herren Gemeindevertreter brauchen nur zu beschließen, und sie können das Geld von der Straße aufheben. Als Spandau, durch die Not der Zeit gedrängt, diese Reform beriet und beschloß, rechnete der Oberbürgermeister vor, daß ein Spekulant, der bisher nach dem NutzungÄvert 4.80 Mark für seine Terrains zu zahlen hatte, bei der Einführung einer Steuer von nur vier Zehntel Prozent gleich 4 Mark sür 1000 Mark des „gemeinen Wertes" jährlich mit 720 Mark zur Steuer herangezogen werden würde. In Breslau betrug 1898 der Ertrag der Steuer nach dem Nutzungswert für den unbebauten Boden nur 10 800 Mark. Breslau brauchte 200 000 Mark jährlich für notwendige Reformen. Es führte die Steuer nach dem gemeinen Wert ein, und die Herren Terrainspekulanten mußten nun etwa das Treißigsache zahlen, 316 000 Mark. So war der Mehrbedarf gedeckt, ohne die arbeitende Bevölkerung in irgend einer Form zu belasten, ja den Besitzern von Häusern mit mittleren und kleineren Wohnungen konnten jährlich noch 105 000 Mark Gebäudesteuer erlassen werden. Die gleichen Erfahrungen hat man überall gemacht, wo diese Steuerreform bisher durchgeführt wurde. Ueberall hat (sich gezeigt, daß auch der solide Hausbesitzer mit dieser Reform sehr zufrieden war. Einmal werden die Luxushäuser der Reichen und die Warenhäuser und die große« Fabrikgebäude viel mehr herangezogen als jetzt, zweiten- ist es die große Klarheit und Einfachheit, die die Steuer nach dem gemeinen Wert empfiehlt. In Köln fanden 1893 etwa 21000 Steuerveranlagungen nach dem Nutzungswert statt, dagegen wurden nicht weniger als 2703 Reklamationen erhoben. 1899 fanden etwa 30 000 Veranlagungen statt, diesmal aber nach dem gemeinen Wert, und jetzt wurden rrur 174 Einsprachen geltend gemacht. Ihr Schulreformer! Ihr hygienischen Reformer! Ihr städtischen Arbeiter und Beamte, die Ihr für eine Erhöhung Eures Gehalts kämpft, Ihr Handwerker und Gewerbetrei^ bende, die Ihr für eine gerechte Entlastung eintretet, laßt (Ärch nicht abschrecken durch das faule Wort: Wir haben fein Geld, um Eure Wünsche zu befriedigen! Mit gutem Gewissen und scharfer Betonung sollt Ihr sagen: Bequemt Euch nur, Ihr Herren, zu dieser einfachem Reform, öffnet nur Eure Augen und fürchtet nicht das Geschrei der Spekulanten und Bodenhändler, bückt Euch nur und nehmt es aus — das Geld liegt auf der Straße!" ' -ii ■— Vermischtes. * Dresden, 22. Febr. Im benachbarten Löbtau wohnte int Januar 1900 bei dem damaligen Straßenbahn- Wagenführer der Fabrikwächter Pratsch. Derselbe war plötzlich verschwunden und man hatte angenommen, daß er auS- gewandert sei. Lerch hatte sich bemüht, diesen Glauben mi unterstützen. Jetzt stellt sich nun heraus, daß Lerch nt Gemeinschaft mit seiner Frau Pratsch in der schändlichsten Weise umgebracht hat, um sich seiner Ersparnisse zu bemächtigen. Er hatte ihm Kopf und Beine abgetrennt und die Leiche sodann, in einem Koffer verpackt, in die Elbe geworfen. Frau Lerch, die bereits ein Geständnis abgelegt hat, ist mit ihrem Mann verhaftet worden. Urtter den Habseligkeiten oes Ermordeten befand sich auch ein Ring, den Frau Lorch trug. Obwohl sie bei der Ermordung des Pratsch zugegen war, kam erst durch diesen Ring das Verbrechen an den Tag. ♦ Die Ausgrabungen in Schemacha, betrt Erdbeben orte im Kaukasus, finden unter Leitung von Sappeuren statt. Es sind in Schemacha fünf Kommissionen gebildet: eine medizinische, eine Verpflegungskommission^ eine Auswanderungs- oder Uebersiedelungskommission, eine Ausgrabungskommrssion, sowie eine Baukommission. Tag. lich verlassen Hunderte von Familien die Stadt, zum! größten Teile auf Kosten des Komitees. Im ganzen sind 4500 Häuser zerstört. In Schemacha ist Kälte und Schneefall eingetreten. Seit zwei Tagen ist Typhus und Scharlach ausgebrochen. Menschen- und Tierleichen gehen in Verwesung über." Es herrscht großer Mangel an warmen Räumen. Der Landeschef des Kaukasus, Fürst. Golizyn, ist mit dem Vizedirektor seiner Kanzlei und dem Chef des Stabes des kaukasischen Militärbezirks nach, Schemacha ab gereift. * Ein großes Bergwerkunglück. In einend Kupferbergwerk in der Nähe der koreanischen Stadt» Kapfana ereignete sich ein schwerer Unfall, dem 600 Personen zum Opfer gefallen sein sollen. * Lulea, (Schweden), 24. Febr. Hier wütete gestern eine heftige Feuersbrunst, wobei 7 Personen, darunter vier Kinder umkamen. „ . „ . * Beim Schlittschuhlaufen ertranken in Bad- ftena (Schweden) vier Arbeiter, in Sonnenburg (Provinz Brandenburg) zwei Knaben. * Prag, 24. Febr. Große Veruntreuungen rm Betrage von mehreren Millionen sind bei dem bürgerlichen Brauhause in Bud weis entdeckt worden. Die Unterschlagungen greifen bis aus 10 Jahre zurück. Die hohen Dividenden, die ausbezahlt wurden, sind ans Grund falscher Buchungen herausgerechnet worden. , _ „ . _ _ * Sy r atus, 24. Febr. Das russische Schiff Maria Gorianownn strandete bei fürchterlichem Sturm in der Nähe von Marzameni. 15 Personen, darunter der Schiffekapi.än und des,en Frau, konnten sich mittels Booten retten. Die übrigen 14 Personen, die sich noch auf dem Schiffe befinden, dürften heute noch durch Rettungsboote geborgen werden. Gerichtssaal. Mainz, 22. Febr. Ter Bäckermeister Koch war durch einen auf 6 Mark lautenden Strafbefehl überrascht worden, weil durch übermäßiges „Teigschlagen" ruhestörender Latin verursacht wurde. Ter Meister indessen zahlte Nicht und so tarn die Sache zum gerichtlichen Austrag. Obgleich zwei Nachbarn die Störung der Nachtruhe von iy2 Uhr nachts bis 4 Uhr früh bestätigten, wurde er freigesprochen, n^il der Lärm nur zur Ausübung „des Gewerbes" erfolgt ser. Berlin, 23. Febr. Gin Prozeß, der das Interesse medizinischer Kreise erregt, wird am 5. März vor der ersten Straframmer des Landgerichts I zur Verhandlung kommen. Tie Anklage richtet sich gegen einen als Operateur und Spezialist für Frauenkrankheiten angesehenen Arzt undProfessor, dessen Klientel sich vielfach aus Damen höherer Stände zusammensetzt. Ihm wird zur aLst gelegt, bei einer schwierigen Operation einen Kunstfehler begangen zu haben und dadurch denToderner Patietin verursacht zu haben. Die Verhandlung dürfte einen großen Umfang annehmen, da außer zahlreichen Zeugen auch eine große Reihe medizinischer Kapazitäten aus Deutschland und Oesterreich, als Sachverständige geladen sind . ©in Strafverfahren gegen d en früheren Reichstagsabg. Freiherrn v. Münch ist dem Vernehmen nach beim Landgericht I Berlin anhängig gemacht worden. Es handelt sich hierbei um angebliche Belei- digungen des wür ttemb er gisch en Ministers des Innern Dr. v. Pischek, des Medizinalrats Dr. Dietz und des O. A M. Stiefenhofer in Horb. Die Klage richtet sich gegen eine jüngst von Frhrn .v. Münch veröffentlichte Schrift. Frhr v. Münch ist bekanntlich nach! seiner Ausweisung aus Württemberg preußischer Staatsangehöriger geworden. Wegen Majestätsbeleidigung wurde vor längerer Zeit der Kaufmann Jakob Stock von der Elberfelder Strafkammer zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Beleidigung wurde in Drohbriefen gefunden, die kurz vor dem Kaiserbesuch im Wupperthal im Oktober 1900 an den Chef des Zivilkaüinetts des Kaisers, v. Lucanus, an Krupp in Essen und an den Oberbürgermeister Dr. Lentze in Barmen gerichtet wurden. Diese Briefe sollte Stock geschrieben haben. Die Strafkammer hielt ihn seinerzeit, vornehmlich auf Grund der Gutachten Schreib sach- ve r st ä n o c g e r, für überführt und verurteilte ihn. Stock rjr aber unschuldig verurteilt worden. Bald nach seiner Inhaftnahme erhielt Oberbürgermeister Dr. Lentze abermals einen Drohbrief, und zwar augenscheinlich von derselben Hand geschrieben wie die früheren. Stock konnte ihn nicht geschrieben haben, denn er saß ja im Gefängnis, und Briefe, die er von dort aus geschrieben hätte, hätten durch die Hände der Gefängnisverwaltung gehen müssen. Diese hatte einen derartigen Brief aber nicht zu Gesicht bekommen. Uebrig blieb nur noch, daß nicht Stock, sondern ein Anderer der Verfasser war. Neue Ermittelungen blieben nicht ohne Resultat; man sand einen Mann heraus, dessen Handschrift derjenigen in den Drohbriefen aufs Haar glich, allein ehe man ihm den Prozeß machen konnte, starb er. Nunmehr wurde die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Stock eingeleitet, und er wurde freigesprochen. Urcnz Kcil.rich in Amerika. Newyork, 24. Febr. Prinz Heinrich gab gestern abend an Bord der „Hohenzollern" ein Mahl. Gäste waren: die Abgesandten des Präsidenten, Botschafter v. Holleben, die Mitglieder der in Newyork wohnenden K'onsularkorps, viele hervorragende Persönlichkeiten und das Gefolge. Später wohnte der Prinz dem Empfang im Klubhause des deutschen Vereins bei, wohin er durch eine Schwadron berittener Nationalgarde eskortiert iourde. Das Gefolge des Prinzen, Graf Baudissin und die übrigen Offiziere der „Hohenzollern" schlossen sich dem Zuge an. Aus des Prinzen Wunsch wurden ihm im Klubhause die Vereinsmitglieder und deren Familien vorgestellt. Täbei verneigte er sich vor den Herren und reichte den Damen die Hand. Vom Klub- hause fuhr Prinz Heinrich nach der Pennsylvania-Erfen- bahnsähre an der 32. Straße, kam Mitternacht in Jersey- City an und bestieg dort einen Dahnzug. Um 1 Uhr setzte sich dieser in Bewegung. Der Prinz erschien alsbald aus der rückwärttgen Plattform und verbeugte sich dankend für die Sympathiekundgebungen der Bevölkerung. Das Geschwader )es Admirals Evans illuminierte gestern abend. Aus der Illinois" war der Name des Schiffes in Buchstaben, die aus elektrischen Lampen gebildet waren, 2 Fuß hoch oberhalb der Kommandobrücke angebracht. Am Hause des Steuermanns, am Mastkorb und an den Schiffswandungen befanden sich in elektrischen Lampen die Worte: „Will- kommen Prinz Heinrich!" Auch Reelings, Stagen und die Gefechtsmaste waren elektrisch beleuchtet, besonders effektvoll war auch die Illumination der „Cincinnati". Ueber die Vorgänge vor der Abreise des Prinzen Heinrich vonNewyorknachWashington meldet man olgendes: Als Prinz Heinrich am Sonntagnachmtttag die Regierungswerft besuchte, schüttelte er auch dem Kapitän Cvghlan die Hand, dessen Bekanntschaft er rn Asien gemacht hatte. — Bei dem Besuche auf Governors Island wurde nach der öffentlichen Begrüßung Wein gereicht. General Brooke brachte einen Trinkspruch auf den Prinzen Heinrich aus, den dieser mit einem solchen aus die Armee beantwortete. Die Musik spielte: ,Lch bin ein Preu^", ,Mas ist des Deutschen Vaterland", „Die Wacht am Rhein", und den Präsidenten-Marsch. Prinz Heinrich sprach dem Major Duval seinen Dank für die ihm erwiesene Ehre aus und gab einer Anerkennung über das stramme militärische Ausehen der Küsten-Artillerie Ausdruck. Als Prinz Heinrich nach dem Besuck. der deutschen Vereine nach Jersey City auf einem Extta-Fäyrboot hinüberfuhr, stieg er zum Lotsenhaus des Bootes hinauf und unterhielt sich mit dem Lotsen. Nach der Ankunft auf dem Bahnhofe bestteg der Prinz mit dem Admiral Evans den Privatwagen des Kolumbia- Sonderzuges und stellte sich dann, Cigarette rauchend, auf die Plattform des Wagens. Der ganze Bahnhof präsen- tterte sich in seiner Sauberkeit, wje er sie noch nie aufi- gewiesen hat. Der Privatwaaen war von herrlichen Blumen angefüllt. Der Prinz und der Admiral waren in Unterhaltung. Evans füllte dann die Gläser zum Abschiedstrunk. Das Publikum auf dem Bahnhofe brachte Hurrarufe ans. Prinz Heinrich verneigte sich dankend, und als beide nochmals die Gläser ergriffen, ertönten wiederum Hurrarufe für die nun Admiral Evans durch Verneigen seinen Dank kund gab. Washington, 24. Febr. Der Sonderzug des Prinzen Heinrich rst nach kurzem Aufenthalt rn Baltimore^ wo der Prinz aufs herzlichste empfangen wurde, heute vormittag 10 Uhr hier cm gekommen. Nach der Ankunft in Baltimore um 9 Uhr vormittags wurde Prinz Heinvich durch den Mayor von Balttmore, den hervorragende Bürger der Stadt begleiteten, willkommen geheißen und chm eine Adresse der Municipalität überreicht. Der Prinz antwortete mit einer kurzen Ansprache. Ern Chor von 200 Sängern trug deutsche Lieder vor. Nach einem Aufenthalt von 20 Minuten setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Als der Prinz in Washington eintraf, hielt eine unabsehbare Menschenmenge dre Depots und die zum Weißen Hause führenden Straßen besetzt. Truppen und Miliz bildeten Spalier. Der Prinz nebst Gefolge wurde von den Staatssekretären Hay und Long, sowie von den Mitgliedern der Teutschen Botschaft und den Attaches am Bahnhof empfangen. Tie Herren bestiegen die berettstehenden Galawagen, die von einer Kavallerie-Eskorte beglettet wurden. Während die Musik patriotische Weisen spielte, fuhr der Prinz zum Weißen Hause. Der Präsident mußte den Prinzen der Etikette zufolge im blauen Saale allein und ohne Einführung empfangen, da kein Vertreter der deutschen Union in Amerika einen genügend hohen Rang hat, um einen Prinzen königlichen Geblüts einzuführen. Nachdem beide Herren eine kurze Unterhaltung gepflogen, brachte der Präsident den Prinzen in den roten Salon, wo Frau und Frl. Roosevelt waren, und im grünen Salon erfolgte die Vorstellung der Kabinets- mitglieder und deren Damen. DerPrinz verblieb eine Viertelstunde imWeißen Haus, wo er eine lebhafte Unterhaltung mit dem Präsidenten, Frau und Fräulein Roosevelt und den Kabinettsmtt- gliedern pflog. Mütags fuhr Roosevelt zur deutschen Gesandtschaft zur Erwiderung des Besuches, wo er 10 Minuten verblieb. Beim heutigen Diner im Weißen Hause werden 80 Gedecke gelegt. Zur Rechten des Präsidenten wird Prinz Heinrich sitzen, zur Rechten dieses Frau Roosevelt, links von Präsidenten der Sprecher Henderson, neben diesem Fräulein Roosevelt. Sonst sind keine Damen anwesend und auch diese beiden nur, brs der Trinkspruch auf Frau Roosevelt ausgebracht wird. Aus dem Wege nach Washington drückte der Prinz den Wunsch aus, einmal auf einer amerikanischen Lokomotive zu fahren, was später in der Woche arrangiert wird. Sensationsblätter bringen eine .aufregende Schilderung über einen kleinen Unfall bei der Fahrt nach dem Weißen Hause, als das Pferd einer Kutsche durchging und der Durchgänger har an dem prinzlichen Wagen vorbeirannte, indessen war der Prinz nicht in Gefahr. * • e Ter Berliner Oberbürgermeister Kirschner hät an den Bürgermeister von Newyork, Mr. Low, ein Begrüßungs- Telegramm gerichtet. Es wird darin namens der Rerchs- hauptstadt der Freude und Genugthuung Ausdruck gegeben, raß durch den Besuch des Prinzen Heinrich die freund- chaftlichen Beziehungen zwischen der fernen transatlantt- schen Republik und der deutschen Nation eine erneute Bestätigung erfahren haben. Tie Reise des Prinzen Heinrich wird in der Illustrierten Zeitung in Wort wie in Bild mtt Sorgfalt bedacht. An Bord des „Kronprinzen Wilhelm" begab sich auch der Spezialzeichner der „Jllustt. Ztg." E. Limmer nach Amerika, um von der Reise und dem Aufenthalt des Prinzen in Amerika die wichtigsten Momente im Bilde festzuhalten. Tie Nr. 3060 enthält das Präludium der Reise des Bruders Kaiser Wilhelms II. Den Reigen der Illustrationen eröffnen Bildnisse des Prinzen Heinrich, des Präsidenten Roosevelt und der anmutigen. Miß Alice Roosevelt, die bekanntlich auf Wünsch des Deutschen Kaisers die Taufe von dessen neuester Rennyacht vollziehen wird. E. Limmer vergegenwärtigt die Abfahrt des Prinzen von Bremerhaven. Eine doppelseitige Zeichnung G. Marttns veranschaulicht das vom Admiral Evans befehligte amerikanische Geschwader, das dem Prinzen zur Begrüßung entgegenfuhr. Prächtige Aufnahmen machen bekannt mit dem gigantischen, achtzehnstöckigen Waldorf-Astoriahotel in Newyork, in dem das Festbankett der amerikanischen Presse zu Ehren des Prinzen stattfindet, und mtt dem durch drei Stockwerke reichenden Fest- und Theatersaal dieses größten und prächtigsten Hotels der Erde. Wir werfen einen Blick in das Innere eines Pullmanwagens des Luxuszuges, mit dem Prinz Heinrich die Reise nach der Bundeshauptstadt am Potomac unternahm; mit Washington, der schönsten Stadt Amerikas, machen uns die Ansichten des kuppelgekrönten majestätischen Capitols und des Weißen Hauses, der Amtswohnung des Präsidenten, vertraut; besonders fesselt der Blick in das Arbeitszimmer Mr. Theodore Roosevelts. Der Marinemaler Willy Stöwer hat das Doppelblatt „Die neue Kaiseryacht Meteor nach ihrer Vollendung" beigesteuert, das durch zwei Ansichten vom Bau. dieser Aacht auf der Werft von Townsend and Downey auf Shooter's Island ergänzt wird. Fünf Abbildungen betreffen die Hauptprunkstücke des kaiserlichen S-ilberschatzes, der für das Festbankett auf der „Hohenzollern" bestimmt ist. Interessant sind die neuesten Marrnetabellen Kaiser Wilhelms IL, die die Vereinigten Staaten betreffen. V * • Washington, 25. Febr. Prinz Heinrich vonPrenßen wurde im Weißen Hause nach dem blauen Saal geleitet und dott von Roosevelt empfangen. Es fand eine formelle Unterredung statt. Der Präsident geleitete alsdann den Prinzen zu seiner Gemahlin und seiner Tochter Alice, sowie den Kabinetsmttgliedern. Danach fuhr der Prinz zu der reich geschmückten Botschaft, deren ersten Stock er bewohnt. Präsident Roosevelt stattete am Vormittag einen formellen Gegenbesuch ab. Später begrüßte der Präsident de§ Distriktskollegiums den Prinzen als Vertreter des Landes Friedrichs des Großen und Friedrichs des Guten, der Heimat von Wissenschaft nnd Kunst. Um 4 Uhr besuchte der Prinz das Kapitol. — Beim Erscheinen im Senat wurde der Prinz nut Händeklatschen begrüßt. ———————n Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungeu des Gießener Anzeigers. Kassel, 24. Febr. Gestern abend wurde auf den Speisewagen des Berlin-Frankfurter D-Zuges zwischen den Stationen Sangerhausen und Nordhausen, etwa in der Nähe von Roßla ein Schuß abgefeuert. Die Kugel zertrümmerte die Fensterscheibe, sodaß die Glassplitter einem in der diähe des Fensters sitzenden Herrn die Hände verletzten. Als man aus dem Fenster schaute, gewahrte man drei Leute in englisch-ledernen Beinkleidern, die sich eilig aus der Nähe des Bahndammes entfernten. Berlin, 25. Febr. Der „Berl. Börs. Kur." hört, es sei fraglich, ob die Börsengesetznovelle dem Reichstage vor dem Herbst zugehen werde. Oerebro, 25. Febr. Auf dem nahen Schießplatz fand gestern nachmittag während eurer Schießübung eine Explosion statt, wodurch ein Flottenkapitän und zwei andere Personen getötet, einer schwer und mehrerp leicht verletzt wurden. Loudon, 25. Febr. Kitcheuer telegraphiert: In der letzten Woche wurden 24 Buren getötet, 12 verwundet und 379 gefangen genommen, darunter der Feldkornet Grobelaar. 104 Buren ergaben sich. Belgrad, 24. Febr. Hier verlautet, die Mission des montenegrinischen Ministers des Aeußern stand u. a. auch mit einem Heiratsprojekte im montenegrinischen Herrscherhause in Verbindung. Kmyert-Uerein. Gießen, 24. Febr. Tas gestrige letzte Konzert dieser Saison, zu dessen Ausführung der Vorstand des Konzert-Vereins nach Pros. Joachims Absage das Künstlerpaar Frau Emma Rückbeil-Hiller (Sopran) und ihren Gemahl Herrn Hugo Rückbeil (Violine) sowie den Frankfurter Pianisten Herrn Chr. Gerh. Eckel gewonnen hatte, bedeutet namentlich in gesanglicher Beziehung einen Erfolg, wie er als würdiger Schluß der Saison nicht schöner gedacht werden kann. Frau Rückbcil-Hiller, die gestern zum fünften Male als Gast des Konzertvereins in Gießen weilte, und die bei allen Musikfreunden von früher her in angenehmster Erinnerung stand, stellte sich diesmal als Liedersängcrin- vor und erbrachte damit den Beweis, daß sie auch auf diesem Gebiete der Kunst das Vorzüglichste leistet und unter ihren Kolleginnen kaum ihres Gleichen finden dürfte. Mit ihrem in allen Lagen gleich herrlich klingenden Organ, dessen Wohllaut durch ausgiebigste Verwendung aller technischen Hilfsmittel noch wesentlich erhöht wird, brachte sie die verschiedenen Lieder von Schubert, Brahms, Richard Strauß und Rubinstein in einer seltenen Vollendung zu Gehör, so daß es den Zuhörern nicht zu verdenken mar, wenn sie die „Feldeimamrett" von Brahms stürmisch da capo verlangten und am Schluß des Konzertes der beliebten Künstlerin noch eine weitere Zugabe, „vergebliches Ständchen" von Brahms, abjubelten. Als tüchtiger Geiger von gutem Geschmack und gediegenem Können führte sich Herr .Hugo Rückbeil ent. Auch die Mahl seiner Vortragsstücke ließ erkennen, daß er sich hohe Ziele gesteckt hat, und bei der Wiedergabe der einzelnen Nummern ließ er in Bezug auf Technik und Auffassung erkennen, daß er ein hervorragender Meister seines Instrumentes ist, der es früher leider versäumte, sich öffentlich hören zu lassen. Ten Klavierpart zu den Violinvorträgen hatte Herr Eckel aus Frankfurt übernommen, und wir erkennen seine Leistungen um so lieber an, als es ihm gelang, trotz der sehr kurzen Vorbeüeitungszeit die nicht unerheblichen Schwierigteiten im Klavierpart der Violinsonate von Beethoven und des Violinkonzerts von Godard zu überwinden. Tic von ihm vorgetragenen Klaviersoli von Chopin (Nocturno in F und Polonaise in As, ernteten reichlichen Beifall; auch seine deccnte und feinsinnige Begleitung der Lieder sei lobend erwähnt. Es war ein Würdiger Schluß, und der Vorstand des Konzertvereins! kann ivieder mit Stolz auf eine weitere verflossene Saison zurückblicken. Pr. Neue K u n st l i t t e r a tu r. Tas Februar-Heft der „Kunst" (München, Bruckmann, vierteljährlich 6 Mk.) wird textlich mit einem lesenswerten Aufsatz „Die Freiheit der Kunst" eröffnet, in dem der Tübinger Kunstgelehrte Konrad Lange in offener und freimütiger Weise Stellung zu der viel erörterten Kaiserrede anläßlich der Vollendung der Denkmäler-Gruppen in der Siegesallee nimmt. An die erste Wiederkehr von Böcklins Todestag (16. Januar) erinnerte ein Aufsatz Hugo von Tschudis „Dre Werke Arnold Böcklins in der Kgl. Nationalgalerie zu Berlin", der in seinem Beginn (vier Abbildungen) mitgeteilt wird. „Neue Skulpturen von Max Klinger" (neun Abbildungen) reihen sich an, von Paul Schumann besprochen; „Graphische Arbeiten von Käthe Kollwitz" (sechs Abbildungen) würdigt A. L. Plehn. Von aktuellem Interesse sind das von vier Abbildungen begleitete Referat von H. E Walttees über die Konkurrenz für „Das Hamburger Bismarck-Denkmal", eine in ihren Tetails pikante Bettachtung Benno Rüttenauers „Darmstadt nach dem Fest" und in gewissem Sinne auch die nach Umfang und Inhalt bedeutsamste Veröffentlichung des vorliegenden Heftes, die auf 30 Seiten (Text von Erich Haenel, dazu ein Aufsatz des Künstlers selber) mit 65 Abbildungen dem jetzt an die Stuttgarter Hochschule berufenen Münchener Architekten Theodor Fischer gewidmet ist. Das zu Beginn des Heftes gegebene mehrfarbige Kunstblatt i)t dieses Mal ein weiblicher Skudien- kopf Raffael Schuster-Waldaus, weitere Sonder-Beilagen sind die Faksimile-Wiedergabe eines Briefes Arnold Böcklins und eine Original-Lithographie von Kätbe Kollwitz.