Nr. 19 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Lietzener Kamilienblälter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hesstsche Landwirt" erscheint monatlich einmal. Donnerstag, 23. Januar 1902 Giehener Anzeiger 152. Jahrg. Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. üßittto; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Bru hl'schen Unioersuatsdruckerei (Pwtsch Erben), Greben. General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. ■I ■ - 1 I I..II ■ , —R Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet, Deutscher Reichstag. 124. Sitzung vom 22. Ianuar, 4'. Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Am Bundesrathstisch: Gras Bülow, Gras Posa- V o w s k y u. 21. Aus der Tagesordnung steht zunächst die zweite Berathung des Etats des Reichstags. Abg. Gamp (Rcichsp.): Ich möchte die Wcgeverhältnisie in der Nähe des Reichstags zur Sprache bringen, die dringend der Abänderung bedürfen. Die Wege vom Brandenburger Thor bis zum Reichstag sind gar nicht gepflastert. Auch Pflegt überall so viel Schnee herumzuliegen (Heiterkeit), daß man kaum durchdringen kann. Wenn die Gemeinde Berlin nicht durchkommen kann, mutz das Reich die Kosten tragen, spart cs doch so viel an Diäten. Auch muß die Thiergartenverwaltung sich des Reichstags erinnern, die neuen Wege führen alle vom Reichstag weg. Die Intendanz der königlichen Schauspiele stellt uns ja einige Billets zur Verfügung, aber cs giebt nur schlechte Plätze, ich möchte den Präsidenten bitten, dafür zu sorgen, daß wir bessere bekommen. Präsident Graf Ballestrem: Ich nehme von den Anregungen des Herrn Gamp Notiz und werde das Nöthige veranlassen. Abg. Dr. Müllcr-Sagan (freis. Vp.) führt Beschwerde über die Reichstags-Restauration. Er verlange zwar keine lukullischen Genüsse, aber die Speisen müßten doch genießbar und verdaulich fern. Abg. Pauli (Rp.) hält das Essen im Reichstag für sehr gut. Er esse hier jeden Tag und nehme sonst überhaupt nichts mehr zu sich. (Heiterkeit.) Präsident Graf Ballestrem bemerkt, daß der Geschmack verschieden sei, und cs schwer sei, es Jedem recht zu machen. Ucber- dics liege am Büffet ein Beschwerdebuch aus, in das man Beschwerden eintragen könne. Der Etat des Reichstags wird bewilligt. Es folgt die zweite Berathung des Etats des Reichskanzlers. Abg. Dr. Barth (freis. Vgg.)7 Der Reichskanzler hat im Abgeordnetenhaus gesagt, daß das Studium der Verfassung jetzt seine Lieblingslektion sei. Hoffentlich bezieht sich dieses Wort auch auf die Reichsverfassung. Wie denkt er denn über die Parität des Reichstags und des Bundesraths. Der Reichstag ist ja so sehr bescheiden, aber die Jnitiativ-Anträge des Reichstags müßten doch anders behandelt werden. Wenn bei uns Schwerinstage sind, ist kein Mitglied des Bundesraths da. Auch erfährt der Reichstag nie, aus welchen Gründen der Bundcsrath solche Anträge ablchnt. Wir wollten schon eine Interpellation über oiese Frage cinbringen. Wiederholt sind Anträge abgelehnt worden, die fast einstimmig vom Reichstag angenommen sind. Besonders möchte ich fragen, wie eS mit den Reichstagsbeschlüssen zum Schutz des Wahlrechts steht. Wir haben gestern wicvcr gesehen, wie cs in der Praxis mit der persönlichen Wahlfreiheit vielfach bestellt ist. Wir haben gestern ein wahres Sortiment von Wahlzetteln gesehen. Die Verschiedenheit dieser Zettel rührt nicht von dem Sinne für Varietäten her (Heiterkeit) ; sie hat nur den Zweck, eine Kontrole über die Abstimmung der Wähler herbeizuführen. Der Reichskanzler ist der Wächter der Verfassung; er muß also diesen Mißbräuchen entgegentreten. Wenn nun der Reichstag einen sorgfältig erwogenen Initiativantrag zum Schutze der Wahlfreiheit angenommen hat, so sollte der Bundcsrath meines Erachtens mit beiden Häiiden zugreifen, statt den Antrag einfach ad acta zu legen. An den meisten Kulturländern sind die von uns gemachten Vorschläge bereits durchgeführt. Dankbar anzuerkennen ist, daß die Regierung es sich hat än- tzelegcn sein lassen, die traditionellen freundschaftlichen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu pflegen. Das ist umso wcrthvoller, als ein Theil der amerikanischen Presse bemüht ist, die Absichten Deutschlands in Bezug auf Amerika zu verdächtigen. Erfreulicher Weise hat sich aber in den letzten Wochen gezeigt, welch ein reicher Fonds von Werthschähung und Hochachtung für uns in Amerika vorhanden ist. Die große Mehrheit der Deutschen wünscht gute Beziehungen zu Amerika; es bricht sich bei uns immer mehr die Ueber- zeugung Bahn, daß nicht nur die wirthschaftlichen Leistungen, sondern auch die Kulturleistungen der Amerikaner höchst respektabel sind. Reichskanzler Graf Bülow: Gegenüber den Ausführungen des Herrn Vorredners möchte ich zunächst betonen, daß ich mir wie meiner übrigen durch die Reichsverfasiung mir auferlegten Pflichten so auch insbesondere der Pflicht bewußt bin, dafür zu sorgen, daß bei Wahlhandlungen die bestehenden Gesetze auf das Genaueste beobachtet werden. Wenn in dem'Wahlvorgang, den der Herr Vorredner soeben zur Sprache gebracht hat, die bestehenden Gesetze irgendwie berletzt worden sind, so wird Remedur dafür selbstverständlich eintrejcn. Eine Abänderung des Wahlgesetzes bezüglich der Wahlvorschrifttzn in der vom Abg. Barth angeregten Weise in Aussicht zu stellen, bin ich allerdings nicht in der Lage. .(.Hört, hört!) Nun hat der Herr Mg. Barth weiter berührt die Stellungnahme der Verbündeten Regierungen gegenüber Initiativ- Anträgen aus diesem hohen Hause und die Haltung der verbündeten Regierungen gegenüber solchen Initiativanträgen. Gegenüber diesen Ausführungen des Abg. Barth muß ich für die verbündeten Regierungen das Recht wahren, nach eigenem Ermessen zu entscheiden, ob und in welcher Weise sie sich vertreten lassen wollen bei der Berathung von Initiativanträgen in diesem hohen Hause. (Beifall rechts.) Das ist ein Grundsatz, der, soviel ich weiß, schon von dem Fürsten Bismarck aufgestellt worden ist (Widerspruch links), welcher der Schöpfer der Reichsverfassung war. — Gewiß, dieser Grundsatz ist von dem Fürsten Bismarck immer festgchalten worden, und ich habe als Reichskanzler die Pflicht, die Rechte der verbündeten Regierungen in dieser Beziehung nicht beschränken zu lassen. Im Uebrigen möchte ich dem Abg. Barth bemerken, daß ich gewiß durchdrungen bin von der Parität, der aufrechtzuerhaltenden Parität zwischen diesem hohen Hause und den verbündeten Regierungen. Der Herr 2lbg. Barth wird aber selbst nicht bestreiten wollen, daß schon manche Vorlage der verbündeten Regierungen von diesem hohen Hause nicht angenommen worden ist (Sehr richtig! rechts. Lärm und Lachen links), daß also auch die verbündeten Regierungen unter Umständen in der Lage sein können, Anträgen, die aus diesem hohen Hause gestellt werden, ihre Zustimmung nicht oder noch nicht zu ertheilen. Endlich danke ich dem Herrn Mg. Barth für die Art, tote er unsere auswärtigen Beziehungen und speziell unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika (Lachen rechts) besprochen hat, bitte ihn aber, nicht die Schwierigkeit zu überschätzen, die durch die wirthschaftliche Politik des Reichs hineingetragen worden ist in unsere Beziehungen zu Amerika. Uebcr diese Beziehungen habe ich mich ja schon — ich glaube, es ist 3 Jahre her — vor diesem hohen Hause ausgesprochen; ich glaube, daß das, was ich damals dargelegt habe, auch heute die Zustimmung dieses hohen Hauses finden wird: nämlich, daß wir von dem Wunsche erfüllt sind, auf der Basis voller Gegenseitigkeit und gegenseitiger Achtung zu den Vereinigten Staaten die traditionellen Beziehungen aufrecht zu erhalten, die immer zwischen uns und den Vereinigten Staaten bestanden haben. Ein Ausdruck dieser Beziehungen ist die Reise, welche der Bruder unseres Kaisers nach Amerika unternehmen wird und ich bin überzeugt, der Empfang, der ihm zu Theil werden wird, wird entsprechen den gegenseitigen Gefühlen zweier großer Völker. (Beifall.) Abg. Dasbach ((Str.): Die Wahlprüfungen beweisen, daß oft von einer geheimen Wahl nicht die Rede ist. Wenn der Bundcsrath das nicht cinsieht, bcdaure ich seine mangelhafte Einsicht. (Große Heiterkeit.) Der Reichstag hat zwar wiederholt Bundcsraths-An- träge abgelehnt, aber er hat auch stets seine Gründe dafür angegeben. Der Reichstag hat den Gchcimräthcn, die die Gesetze aus- arbcitcn, die Gehälter erhöht, aber der Bundcsrath will dem Reichstag nicht mal den ortsüblichen Tageslohn zahlen. (Heiterkeit.) Jetzt kann in Folge des Diätcnmangels eine kleine Minderheit den Reichstag terrorisiren und alle Gesetze zu Fall bringen. Abg. Singer (Soz.) : Der Bundesrath müßte wenigstens Rücksicht auf den Reichstag nehmen. Schon die einfache Höflichkeit verlangte es, daß der Bundesrath bei Initiativanträgen zugegen ist. Die Regierung scheint zu meinen, daß der Reichstag nur ein noth- wcndigcö Uebel sei, von einer Parität ist keine Rede. Das Gesetz zum Schutze des geheimen Wahlrechts hätte schon längst erlassen werden sollen. Wann hilft eine Remedur, wenn die gröbsten Wahl- becinflussungen vorgekommen sind. Ein Abgeordneter, der auf Grund solcher Beeinflussungen gewählt ist. sitzt denn doch ein paar Jahre hier. WaS nützt es da. wenn wirklich ein Landrath einen kleinen Rüffel kriegt, beim nächsten Ordensfcst bekommt er ja doch einen Orden. Verletzungen des Wahlrechts scheinen jetzt beinahe den Beifall der Regierung zu finden. Präsident Graf Ballcstrem erklärt diesen Satz für unzulässig. Abg. Singer (fortfahrend): Die Wahlbeeinflussungen der Beamten mit oder ohne Wissen ihrer Vorgesetzten, richten sich nur gegen die Oppositionsparteien. Kein Wunder, daß die Rechte nicht über Verletzung des Wahlrechts klagt. Gegen uns aber werden alle Beamten, vom Landrath bis zum Nachtwächter mobil gemacht. Ganz verzweifle ich aber doch noch nicht an der Willfährigkeit des Reichskanzlers, hat er doch wiederholt erklärt, daß er mit dem Reichstag zufammcngehen will. Möge er denn dafür sorget^ daß wenigstens das Wahlrecht gesichert wird. Reichskanzler Graf Bülow: Es liegt auf der Hand, daß, wenn die verbündeten Regierungen an eine Acnbcrung des bestehenden Wahlgesetzes Herangehen, noch sehr viele andere Wünsche hervortreten werden. (Sehr richtig!) Da ist es einigermaßen begreiflich, wenn die Regierung, ehe sie eine so schwierige unb strittige Materie anschneidct. sich die Sache überlegt. Bisher hat sie sich an den Gruirdsatz gehalten: quieta non movere. Das bestehende Wahlrecht kann aber doch nicht so traurig fein, wie die beiden Herren Redner zu meinen scheinen, da es einen so ausgezeichneten und stattlichen Reichstag hervorgebracht hat. (Heiterkeit.) Was nun die Frage der Diäten angeht, so darf man doch nicht vergeßen, daß die beftebenbe Diätenlosigkeit der verfassungsmäßige Zustand ist. Sic ist seiner Zeit vom Fürsten Bismarck betrachtet worden als die Voraussetzung, als das Korrelat des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechts. Es mag ja eine offene Frage fein, ob es politisch ober nicht politisch, zweckmäßig oder nicht zweckmäßig ist, die Diätenlosigkeit aufrecht zu erhalten. Daraus aber, daß sie den verfassungsmäßigen Zustand aufrecht erhält, kann man der Regierung billiger Weise keinen Vorwurf machen. (Beifall rechts.) Abg. Bassermann (nat.-lib.): Eins muß zweifellos verlangt werden, nämlich, daß der Bundcsrath wenigstens durch Kommissare bei Initiativanträgen zugegen ist. Wenn kein Bundes- rathsmitglied zugegen ist, so sieht oas beinahe wie eine Mißachtung deS Reichstages aus. Ein Mißstand ist auch, daß der Bundcsrath Jahre lang Initiativanträge des Reichstages liegen läßt. Auch die Gründe der Ablehnung müßte der Reichstag erfahren. Ich kann keinen Grund einsehen, weshalb uns nicht die Gründe mit- getheilt werden. Bei der Diätenlosigkeit haben sich so viele Mißstände herausgestellt, daß unbedingt Remedur geschaffen werden muß. Was man mit der Versagung der Diäten beabsichtigte, hat man ja doch nicht erreicht. Auch meine Partei ist stets allen Verletzungen des Wahlgeheimnisses entgegengetreten. Der Redner unserer Fraktion hat gestern ausdrücklich erklärt, daß wir eine Reihe von Vorkommnissen bei der Wahl im Saarrevier mißbilligen. Ich kann auch darauf Hinweisen, daß wir für die Einführung des Jsolir- raumes unb besonderer Couverts eingetreten sind im Interesse besserer Sicherung des Wahlrechts. Wir haben ein solches Ver- sahrcn feit 1897 in Baden unb alle Parteien sind bamit zufrieden. Abg. Dr. Derlei (lonf.)t Auch wir sind entschlossen, die Verfassung zu wahren. Ich glaube aber nicht, daß die Haltung des Bundesraths gegenüber Initiativanträgen dem Geiste der Verfassung widerspricht. Wenn wir die Gründe für die Ablehnung solcher Anträge wissen wollen, was oft Wünschenswerth ist, können wir ja interpelliren. Die Beispiele der Vorredner kann ich um eins ergänzen: Als der Bundcsrath unseren Antrag auf Aufhebung der gemischten Ticmsitlager abgelehnt hatte, lobte die Linke die Klugheit des Bundesraths Herr Dasbach meint, wenn wir einen Antrag ablehnten, so gäben wir die Gründe an, der Bundesrath thue das nicht. Aber wir sind doch zuweilen in der Ablehnung von Anträgen noch unhöflicher als der Bundesrath; ich erinnere an die Arbeitswilligen-Vorlage. Der Initiativantrag über das Wahlgesetz erscheint uns als nicht durchführbar; er entspricht auch nicht der Würde des Reichsvürgers. (Lachen unb Lärm links.) Uebrigens verstehe ich nicht, weshalb Sie sich so darüber aufregen, daß bei Wahlen verschiedene Zettel benutzt werden. Je verschiedener die ?ettel sind, um so weniger kann man die einzelnen erkennen. Stürmisches Gelächter.) Ich mit einem Theil meiner Freunde bin für Diäten, aber nicht für Berliner Abgeordnete. Für das Linsengericht der Diäten werden wir aber feine Konzessionen machen. Von den jetzigen Mitgliedern der Rechten ist keiner gegen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. Wir Agrarier wollen auch gute Beziehungen zu Amerika, aber gute Beziehungen können nicht aufrecht erhalten werden durch unberechtigte wirthschaftliche Bevorzugungen. Reichskanzler Graf Bülow: Gegenüber den letzten Ausführungen des Herrn Vorredners möchte ich hervorheben, baß, wenn ich' gesagt habe, daß wir auf der Basis voller Gegenseitigkeit in Frieden und Freundschaft mit Amerika leben wollten, dies die selbstverständliche Voraussetzung ist für unser Verhältniß zu allen Staaten sowohl in Europa, wie an irgend einem anderen Punkt der Erde. Im Uebrigen bin ich dem Vorredner dankbar für die Zustimmung, die er mancher meiner Ausführungen geliehen hat. Er hat dabei allerdings gesagt, es würde ihm lieb fein, wenn die Verbündeten Regierungen im Fall der Ablehnung von Initiativanträgen d»e Gründe ihrer Ablehnung angeben wollten. Demgegenüber muß ich doch darauf Hinweisen, daß das für die verbündeten Regierungen nicht immer möglich ist. Denn die Vertreter der verbündeten Regierungen im Bundesrath stimmen ab auf Grund der Instruktionen, die sie erhalten, per majora, und sie sind häufig gar nicht in der Lage, zu sagen, weshalb sie ihre Stimmen pro oder contra einen Antrag abgeben. (Lachen und Lärmen links.) Meine Herren, bie Vertreter her Verbündeten Regierungen im Bunbcs- rath könnten nicht genöthigt werden, zu sagen, weshalb ihre Regierung für ober gegen einen Antrag stimmt. Das liegt im Wesen des Reichs, das eine Bündniß ist zwischen Fürsten und Staaten, die das deutsche Reich gebildet haben und im Wesen des BundeS- raths. der nicht eine Volksvertretung ist. sondern eine Versammlung, in der die einzelnen Staaten unb Fürsten vertreten sind. Unb ich besitze als Reichskanzler gar nicht bie Möglichkeit, diese Herren zu zwingen, mir die Gründe anzugeben, aus denen sie diesem oder jenem Antrag aus diesem hohen Hause geneigt oder nicht geneigt sind. Ich möchte übrigens darauf Hinweisen, daß doch auch, wenn der Reichstag sich gegenüber einem Vorschlag der Verbündeten Regierungen ablebucnb verhält, nicht immer alle Gründe für die Mi lehnung uns angeben werden, und daß diese Gründe oft sehr widersprechender Natur sind. Beispielsweise haben wir bei der Berathung der Zolltarisvorlage gesehen, daß diese Vorlage aus sehr verschiedenen Gründen und sehr verschiedenen Motiven bekämpft worden ist, Abg. Dasbach ((Str.): Die Politik des Centrums ist eö. jede Vorlage zu prüfen vom Standpunkte der Gerechtigkeit. Von diesem Standpunkte aus tritt auch das Centrum für eine Aenderung bet Ausfllhrungsbestimmungen zum Wahlgesetz ein. denn wir wollen, baß unter allen llmftänbcn Verletzungen des Wahlgeheimnisses vermieden werben. Ich hcbauerc. daß bet Reichskanzler dieser wichtigen Fmbcrnng gegenüber eine ablehnende Haltung ein» genommen hat Das Gleiche gilt von dem Diätenantrage. Die Diäten sollen doch leine Besoldung fein, sondern lediglich ein Ersatz des baten Auslagen; sie stehen daher auch nicht im Widerspruch mit der Verfassung Der Reichstag hat nun in jedem Jahre der Forderung nach Diäten mit so großer Mehrheit Ausdruck gegeben, baß man seitens des BundcSralhs auf dieses Votum doch etwas mehr Gewicht legen sollte. Abg. Lcnzmaun srs Vp.) • Der Bunbesrath sagt einfach: Wir treten ja doch euren Initiativanträgen nicht bei. deshalb bleiben wir fort! Das ist leine Art unb Weise. Man betrachtet unsere Initiativanträge nut beshalb gewöhnlich als quantite negHgeable, weil man um die Gründe verlegen ist. da der Grund oft nur darin liegt, baß diese Anträge an gewisser Stelle nicht gefallen, z. B. der Diätenantrag. Wir verlangen auch nicht, daß unS in jedem Falle die Gründe für die ablehnende Haltung der Regierung genannt werden; aber es sollte doch der Regel nach geschehen. Der Reichskanzler selber ist ja, so viel man sagt, für die Diäten gewesen, aber da kam ein anderer unb sagte: Die Herren — Männer — Leute (Große Heiterkeit) brauchen feine Diäten I Der Antrag Rickert aus Einführung von Maßnahmen zur Sicherung des Wahlgeheimnisses ist sehr alt. älter als meine parlamentarische Thätigkeit Allzu großes Verstänbniß gehört doch ivirklich nicht dazu, um bie Nothwenbigkcit einheitlicher und absolut gleichmäßiger Stimmzettel zu begreifen. Reichskanzler Graf v. Bülow: Herr DaSbach meinte, die Annahme des Diätenantrages würde feine Verfassungsänderung bedeuten. ES mag eine offene Frage sein, ob bie Annahme dieses Antrages durch die Regierungen zweckmäßig ober unzweckmäßig, politisch ober unpolitisch ist. aber daß sie eine Verfassungsänderung involvirte. halte ich für zweifellos, denn her Antrag will den Ab- georbneten Tagegelder gewähren unb § 32 der Reichsverfasiung estimmt ausdrücklich: Die ReichStagsabgeorbneten erhalten keine Besoldung ober Entschäbigung. Tagegelder aber sind selbstverständlich eine Entschädigung. Herrn Lenzmann gegenüber bemerke ich. daß darin, baß sich bie Regierungen bei Initiativanträgen nicht vertreten lassen, nichl im entferntesten eine Unhöflichkeit liegt — ich glaube, daß unS im Hause Mangel an Höflichkeit überhaupt nicht vorgeworfen werden kann — sondern die Betheiligung erfolgt deshalb in den meisten Fällen nicht, weil sie praktisch keinen besonderen Nutzen haben würde, denn die Kommissare können keine bindenden Erklärungen abgeben, bevor sich die Regierungen schlüssig gemacht haben. Dazu aber bedürfen sie oft langwieriger Erwägungen. Daß aber später oft den Initiativanträgen Rechnung getragen wird, sobald diese Erwägungen abgeschlossen sind. daS beweist ja eine große Zahl von Gesetzen, die solchen Initiativanträgen entsprechend von den Negierungen eingebracht unb vom Hause verabschiedet sind Mg. von Lcvctzow (kons.): Das Verlangen nach Diäten ist vom Reichstage nicht einstimmig gestellt worden, sondern auS den Reihen der konservativen Abgeordneten ist dagegen vielfacher Widerspruch geäußert worden. Unsere Gründe gegen die Diäten bestehen auch heute noch, wohl aber halten wir einen anderen Punkt für weniger bedenklich: die Gewährung freier Eisenbahn- fahrt durch das ganze Reich. (Beifall.) Ich für meine Person hoffe, daß dies das praktische Ergebniß unserer Verhandlung sein wird (Erneuter Beifall.) Mg. Beckh (fr. Vp.): Der Haken bei der Abänderung deS Wahlverfahrens steckt wieder einmal in Preußen: Das zetzige Wahlrecht ist nicht nach dem Geiste der Verfassung. Mg. v. Tiedemann (Rp.): Ich stehe bezüglich der Diätenfrage auf dem Standpunkte des Herrn u. Lcvetzow Die Diätenlosigkeit ist ein Correlat des geheimen Wahlrechts Wenn man die geheime Abstimmung obschafite. ließe sich vielleicht über die Diäten reden. Sie (nach links) haben mit den Initiativanträgen bezüglich der Diäten angefangen, wenn man einmal begonnen hat. an der Verfassung zu rütteln, bann ist nicht abzusehen, wann man mit dem Rütteln aufhört. Damit schließt die Diskussion. Der Titel „Reichskanzler" wird bewilligt, ebenso debattelos der Rest des Etats des Reichskanzlers. Es folgt der Etat des Reichsamts des Innern. Zum Titel „Staatssekretär" liegt folgende Resolution Bassermann (nl), Dr. Hitze (Str.), Rösicke (b. L F ), Trimborn (Str.) vor: „Den Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage alljährlich eine Uebersicht vorzulegen über die ArbeitS- verbältnisse in den Betrieben des Reichs und in den Werkstätten der Heeresverwaltung; insbesondere über die Zahl der beschäftigten Arbeiter, die von ihnen bezogenen Löhne, die Arbeitsdauer unb die zu ihren Gunsten getroffenen Einrichtungen." Abg. Dr. Hitze: Gerade in der jetzigen Zeit des tvlrthschast- lichen Niedergangs wäre es angebracht, das Koalitionsrecht der Arbeiter auszubauen, und auf dem Gebiete der Organisation den Arbeitern möglichst entgegenzukommen. Erfteulich ist es, daß unser Antrag über die Gewerbegerichte zur Annahme im Bundcsrath gelangt rst. Hoffentlich wird für die Wahlen zum Gewerbegericht an möglichst vielen Orten die Verhältnißwahl eingeführt, lieber den beim Bundesrath befindlichen Entwurf zur Regelung der Kinderarbeit hat ein Berliner Lokalblatt Mittheilungen gemacht; ich Weitz nicht ob das richtig, halte es jedenfalls für unzulässig, daß eine Zeitung solche Mittheilungen bringen kann, die uns nicht gemacht worden sind. Schon lange warten wir auf eine Verordnung zur Regelung der Verhältnisse in der Cigarren-Jndustrie. Die Verhältnisse sind dort vielfach noch recht traurige. Daß die Zinkhüttenordnung erst am 1. Juli 1003 in Kraft treten foll, hat bei den Att .r . .‘ ^“{“Ujiuuurje sur fernen em- genctit, geschaffen werden mun. richteten, saupeu wir verhattnchmaLrg wenig Verständnis für dieses I setze- habe ich dem Justtzminisür Settern sehr schlechten Eindruck gemacht. Von dem § 120 e der Ge- roerbeorönung, der dem Bundesrarh das Recht zu Verordnungen zum Schutze der Gesundheit oder Sittlichkeit der Arbeiter giebt, bat der Vundcsrath meines Erachtens btel Zu wenig Gebrauch gemach:, itjdi veoauere, daß die Novelle zum 5irantenkasscngesctz noch nicht ge- rommen ist. sowie daß die Frage der Einführung kaufmännischer Schiedsgerichte immer wieder auf die lange Bank geschoben wird. Auch zur Sicherung der Forderungen der Bauhandwcrker müßte endlich eine Vorlage an uns kommen. Der Gewerbe-Inspektion er- Dichtungen neue Aufgaben; besonders wichtig ist der Arbeiterschutz im Baugewerbe. Zu erroägen wäre, ob wir nicht dem Arbeiterstunde schaffen können. Abg. Müller (Meimngen. freis. Vp.): Ich möchte zunächst fr-^en, wie es mit der Reform des photographischen Urheberrechts steht; diese Reform ist dringend nothwendig. Wie stehl es ferner öct vorigen Jahre von uns erhobenen Forderung einer Kohlenverkaufsverordnung, um dem unlauteren Wettbewerb ent- gegenzutreten? Die Versuche, ein Verbot der Phosphor, streich- holzer-Fabrikation herbeizuführen, hatten in Interessentenkreisen Aufsehen und große Erregung hervorgerufcn. So wohlthätig em foldjeä Gesetz auch sein mag, man darf es keineswegs erlassen, ohne daß man die armen Leute, die diese Zündhölzer fabriziren, entsprechend entschädigt. Auch muß die Regierung den Arbeitern eine andere gesundere Arbett schaffen. Vielleicht könnte eine andere, weniger gefährlichere Zündmasse erfunden werden. Die armen Leute des Thüringer Waldes würden dem Reichstag sehr dankbar sein, wenn er endlich hier die Initiative ergriffe. Von dieser brennenden Frage der Zündhölzer wende ich mich zu einer anderen brennenden Frage (Zurufe: Au! Aul), nämlich zum Frauen- studium. (Heiterkeit.), Das bairische Kultusministerium hat eine Verordnung erlassen, wonach selbst solche Frauen, die ihr Abiturientenexamen bestanden haben, nur als Hospitantinnen zugelassen werden dürfen. Das ist eine Ungerechtigkeit, wenn es auch den jetzigen Universitätsstatuten entspricht. Fast sämmtliche Kuttur- staaten und sogar Rußland sind uns bezüglich des Frauenstudmms voran. Auf keinem Gebiet ist die Krähwinkelei so groß, wie auf dem des Vereins- und Versammlungsrechts. Wir haben über o Millionen erwerbsthätige Frauen, denen müssen wir in unserer Vereinsgesetzgebung Rechnung tragen. Auch hier sind andere Staaten viel Wetter als wir. Man hat jetzt scheinbar vor den Frauen mehr Angst als vor den Sozialdemokraten. Unbegreiflich ist es z B. daß man die Damen vom Evangelisch-sozialen Kongreß ausgeschlossen Warum sind die Frauen nicht zu dem Tanzkränzchen des Metallarbeiter-Verbandes zugelassen worden? Den Vogel in dieser . Beziehung hat der Rettor der Berliner Universität abgeschossen, der Vortrage von Damen im Sozialwissenschaftlichen Studenten-Ver- ern verbot und dann aus einem geringfügigen Anlaß den Verein aufhob. Da hat man die Universität mit der Kaserne verwechselt- man hat hier Unteroffiziersmode eingeführt. Durch solche Maß- uahmen wird unter den Studirenden nur Erbitterung hervorgerufen. Herr Bassermann hat beanttagt, Frauen die Theilnahme an sozialpolitischen Versammlungen und Vereinen zu gestatten ®aj ist viel zu eng. Der Ausdruck „sozialpolitisch"' ist viel zu vieldeutig. Sie Frage kann nur mittels eines Reichsvereins- und Versammlungsgesetzes gelöst werden. Wer dafür ist, daß die Frau nur waschen, stticken, kochen, allenfalls etwas Klavier spielen soll, der muß dafür sorgen, daß die Frau von Reichs wegen einen Mann bekommt. (Heiterkeit.) Aber die Ehelosigkett nimmt von Jahr zu Jahr in Folge der ungünstigen wirthschaftlichen Verhältnisse zu. und es wird noch ärger werden, denn der Zolltarif ist ein wahrer Nährväter der Ehelosigkeit. (Erneute Heiterkeit und Beifall.^ Abg. Prinz zu Schönaich - Carolath (Hosp. d. Nat -Lib p 25a^renmman in früherer Zeit den Besttebungen der Frauen, auf die der Vorredner einging und die ich jedes Jahr hier vertreten habe, nur mit geringer Theilnahme im Reichstage folgte, ist doch rm Laufe der letzten fünf Jahre ein erfreulicher Umschwung ein- getreten, und ich kann dem Staatssekretär nur danken für das, was er bisher auf diesem Gebiete gethan hat. Ich wollte namentlich sprechen über die Zulasiung der Frauen zum Universitätsstuüium und die Vorbereitung dazu. K Als wir hier in Berlin Gymnasialkurse für Frauen eine Unternehmen; aber die Frauen, die zu uns kamen, bewiesen, daß Ne binnen wenigen Jahren denselben Stoff zu beherrschen lernten, für den die Manner eine viel längere Zeit gebrauchten. Allerdings batten wir die beiten Strafte unter den Schülerinnen, die es überhaupt giebt, denn die Damen, die sich an Den Kursen betbeiügten, kamen eben freiwillig und waren oon Dem heiligen Feuer erfüllt, das. was sie lernten, zu einem Berufe zu verwerthen. der sie und ihre Angehörigen ernähren sollte. Es sind uns allerlei Schwieria- teiten gemacht worden bezüglich Der Ablegung des Abltunenten- examens^der Kuriustheilnehmerinnen, trondem die Lehrer alle die höchste Fakultas hatten. Es wurde ihnen nicht gestattet, das rtbiturientenexamen abzunehmen, sondern es wurde Dafür ein 23cr= hncr Gymnastum bestimmt. Gleichwohl gehörte es zu Den größten Seltenheiten, daß eine von unseren Kandidatinnen Durchfiel; und die Seimen wirken jetzt m verschiedenen Berufen höchst segensreich. Der Beiuch der Umbequäten wurde früher Den Frauen nur unter Den allergrößten Schwierigkeiten gestattet; jetzt ist auch hierin Wandet geicsiaffen, wofür ich Dem Staatssekretär nicht genug danken -ai!n: Ä ^toar n0$ nid^ alles erreicht, aber man kann eben aut solchen Gebieten nur langsam vorgehen, und wer zu viel auf einmal »erlangt erhalt schl-chlich gar nichts. Man darf nicht mit in^.JPau§ lallen, und ich meine, Die bisher erreichten Fortschritte eröffnen günstigere Aussichten auch für Die Zukunft. Daß nod] mandje Dozenten ihre Kollegien den Frauen verschließen, be- dauere ich allerdings lebhaft, und ich verrnuthe, daß Der Stactts- '.retar nur hierin beistimmt. Ich hoffe, Daß jetzt im Kultus- nuniiterium Der gute Wille vorhanden ist, die Bestimmungen über Dte, orauenstuDium zu erleichtern. Dem Gedanken, besondere Frauenumversttaten zu gründen, widerspreche ich. Denn ich bin Der 2tniid)t, daß diese Universitäten der berechtigten oder vielmehr unberechtigten Lächerlichkeit verfallen werden. Mein Gefühl faat mir baß diese Anstalten Universitäten zweiter Klasse werden wurden. Ich bin also der Ansicht, es muß dahin geftrebt werden. Die Zulasiung der Frauen zu den Universitäten zu erleichtern. Die Jmmatrikel scheinen sic heute noch nicht betommen zu können und deshalb will ich für meine Person mich Darauf beschränken, daß ich die Zulassung der Frauen zu Den Universitäten in Der bisherigen Weise wünsche, wobei ich der Hoffnung Ausdruck gebe, daß die- @CIJ' die heute noch anderer Ansicht sind, nach und nach ihren Widerspruch fallen laßen. Daß in anderen Ländern, z. B. in Kuftlanb, roed mehr für das Frauenstudium geschieht, habe ich wiederholt ausgefuhrt. Im Uebrigen begrüße ich es mit großer si^ude, daß man die Vermehrung der Fabrikinspektorinnen beabsichtigt. Daß man grauen die Theilnahme an sozialpolitischen Vereinen verbietet, beklage ich auch, und ich hoffe, daß diese Beschränkungen aufgehoben werden. So weit wie der Vorredner geht gehe ich allerdings nicht. Ich enthalte mich aber, auf die Frage notier einzugehen, da mein politischer Freund Bassermann bei der Begründung seines Antrages sich dazu äußern wird. Das eine mochte ich Zum Schluß noch sagen: In erster Linie gehört die Frau ins Haus, aber ich will sie nicht daraus beschränken. Die Frau, die Den Eifer und Die Fähigkeiten hat. zu lernen, mag ihre Fähigkeiten außerhalb des Hauses verwerthen, aber in Der Hauptsache können die Frauen im Hause segensreich wirken. (Beifall.), Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowskh: Was das Kinder- chutzgesetz anlangt, so wird ein solches Gesetz, wenn es prattischen Erfolg haben soll, auch in die Familie eingreifen müssen. Sonst wurden zahlreiche Kinder vollständig ungeschützt bleiben. Die Nachricht des Berliner Lokalblattes ist unzutreffend. Die Verordnung über das Gast- und Schankwirthschaftsgewerbe wird morgen oder Freitag veröffentlicht werden. Daß die Zinkhüttenverordnung erst 1903 in Kraft treten soll, ist auf Antrag Preußens beschlossen wor- &en- Der Aufschub war gewiß nicht erwünscht, aber wir waren in einer Nothlage: Preußen wies nach, daß vorher Die nöthigen Neu- einnchtungnen nicht fertig gestellt werden könnten. Wir haben aber einen Erlaß gemacht, daß nun Die Vorbereitung energisch ge- troffen werde. Da von einem weiteren Aufschub selbstverständlich keine Rede sein kann. Eine Verordnung über Den Betrieb in Stein- bruchen und Gummifabriken Gegt Dem Bundesrath vor. Es Regt auf Der Hand, daß ein Spezialgericht, ein kaufmännisches Schiedsgericht, geschaffen werden muß. Den Entwurf eines solchen Ge- Sur Begutachtung twrgelegt, Die Schluß 5ZL Uhr, Frage des Befähigungsnachweises der Handwerker kann erst geöfE werden, wenn die Handwerterkammern sich damit beschäftigt Robert werden. Die Einführung weiblicher Gewerbeinspektoren ist Sache der Landesgesetzgebung Das künstlerische Urheberrecht ist noch nicht zur Reform reif; dazu sind Die verschieDenen Wünsche noch nicht genügend geklart. Den Wünschen, die für das Geschmacksmusterwesen geäußert worden sind, kann ich vielfach nicht zu- stimmen. Ich halte es z. B. nicht für praktisch, das Geschmacks- muftertoefen Dem Patentamt zu überweisen. Hebet das photographische Urheberrecht ist ein Entwurf fertig gestellt, Der jetzt von Sachverständigen beurteilt werden soll. Was Den Kohlenverbrauch angeht, so sind wir auf Grund des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb nicht befugt, Den Verkauf nach Gewicht anzuordnen. Die Frage beschäftigt uns aber. Von neuen Zündhölzern habe ich den Sachversiändigen 3 Proben gegeben, aber keine hat genügt Wenn wir nun ein neues Zündholz vorschreiben sollten, so können wir natürlich nicht jedes Mal Fabrikanten und Arbeiter entschädigen; dadurch würden solche Verordnungen zum Schutze Der Gesundheit der Arbeiter einfach unmöglich gemacht Was Die Interessenten fordern, habe ich heute erfahren: eine Versammlung hat Die Entschädigung. Die zu zahlen wäre, auf zehn Millionen angegeben. Das Studium der Frauen ist sehr erleichtert worden. Aber Die größten Gegner der Frauen sind ja die Männer In einem Lande, in dem eine Million mehr Frauen als Männer leben, muß Den Frauen möglichst Die Frechen, sich auszubilden unb zu bethätigen, gewahrt werden. Ich warne aber davor, hier zu viel Die Klinke Der Gesetzgebung zu ergreifen, Die Hauptsache ist eine vernünftige Selbstbeschränkung der Männer. Wir haben ich schon eine große Anzahl von Professoren, die Frauen zu ihren Vor^ lesungen zulassen, viele aber können sich dazu noch immer nickt entschließen, aus wissenschaftlichen und ethischen Gründen Ick habe mich mit einem sehr angesehenen Gelehrten, Der der'linken Seite des Hauses nahe steht, eingehend über diese Frage unter* hatten und der Herr hat sich Über Die Befähigung der Frauen zum medizinischen Studium sehr eingehend geäußert. Er erklärte namentlich, daß Den Frauen, wenn der innere Befund bei einer Operation sich anders stellt, als nach der äußeren Diagnose angenommen war, Das Maß von Nervenstärke und Entschlußfähigkett fehlt, um sofort auf vollständig veränderter Basis eine Operation vorzunehmen, von der vielleicht Leben ober Tod des Pattenten abhängt Aber, fügte er hinzu, so viel wie eine große Menge Der gewöhnlichen Aerzte wurden sie wohl auch verstehen. (Weiterleit U Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt: Man muß es Den Frauen möglichst erleichtern, sich eine selbständige Stellung zu schaffen. Aber das muß mehr auf dem Wege verständiger, ruhiger Agitation, als Dem Der Gesetzgebung geschehen. Was die Novelle zum Krankenversicherungsgesetz anrangt, so knüpfen sich daran noch viele Streitpunkte; ich habe aber Das Streben, diese Novelle so einfach zu gestalten, wie möglich; das ist schwierig, unb darum kann ich noch keinen bestimmten Zeitpunkt für die Einbringung angeben „ v. Kardorff (Np ): Wenn in Berlin ein studentischer Verein deshalb geschlossen ist, weil Frauen in Frauenangelegen- hetten als Rednerinnen zugelassen sein sollten, so geht auch uns das zu weit. Schon mein yreunb Stumm ist für größere Rechte Der grauen, besonders m sozialpolitischer Beziehung eingetreten, Den -Zremen Forderungen der Sozialdemokraten, den Frauen z. B. das aktive Wahlrecht zu verleihen, werden wir aber nie zustimmen, und A glaube auch manche von Ihnen (zu den Soz.) würden nicht hier sitzen, wenn Die Frauen Das aktive Wahlrecht hätten. Auf anDeren Gebieten aber konnten wir hinsichtlich Der Frauenfrage sehr wohl den Vereinigten Staaten und anderen Ländern nacheifern. Hierauf v e r t a g t sich das Haus. Aus Stadt und Sand. Nachrichten von allgemeinem Interesse sind UNS stets willkommen und werden angemessen honoriert. Gießen, den 23. Januar 1902. ** Religionsgeschichtliche Vorträge. Nächsten Freitag, abends 8 Uhr wird Professor Holtzmann im Konfirmandcnsaa der Johanneskirche zum Besten der deutschen Heilstätte tu Davos den angekündigten Vortrag über: „Die Eroberung der Welt durch die Kirche" halten. Für Nichtabonnenten sind Eintrittskarten in der I. Ricker'ichen Universitätsbuchhandlung und abends am Eingang erhältlich. ** Jag d'ver gebun g. Gutem Vernehmen nach ist seitens eines Gießener WaidmamiS gegen die vom Gemeinde^ rate zu Lollar beschlossene freihändige Vergebung der iFeld - und Wald jagd Einspruch erhoben worden. Die Jagd wird nunmehr wohl zur öffentlichen Ausschreibung gelangen, wobei die Gemeinde eine höhere Pacht erzielen dürfte. .' Lollar, 22. Jan. Als Kandidat für die dem- nächstige Kreis tag Sw ah l der Landgemeinden soll, wie wir hören, Hütteningenieur Feller in Lollar in Aussicht genommen sein. a. Hohensolms, 23. Jan. Am 22. Januar begann hier ein Obstbaukursus, dersich auf Pflanzung, Schnitt, Pflege der Obstbäume sowie Bekämpfung der Obstbaumschädlinge und Krankheiten erstreckt. Die praktischen Unterweisungen finden am Tage statt, während in den Abendstunden Vorträge gehalten werden. Für unsere rauhe Gegend, in der die Obstbaumzucht mit so vielen Widerwärtigkeiten der Natur zu känipfen hat, ist eine solche Unterweisung zum Bedürfnis -geworden. )( K e sselbach, 22. Jan. Die hier am Sylvesterabend veranstaltete G e l d s a m m l n n g zu Gunsten der bedrängten Burenfrauen und Kinder, an der sich die Einwohnerschaft zahlreich beteiligte, ergab den Betrag von 24,40 Mk., der an die Hilfsstellen gesandt wurde. -Bermuthshain, 19. Jan. Bei der Generalversammlung des hiesigen Gesangvereins wurde nach Verlesung des Rechnungsabschlusses, gegen den nichts zu bemerken war, bei der Präsidentenwahl der bisherige Präsident einstimmig durch Akklamation wiedergewählt, ebenso wurden die Vorstandsmitglieder wiedergewählt. Der Gesangverein erfreut sich einer stetig zunehmenden Mitgliederzahl. (rt) Friedberg, 22. Jan. Dieser Tage hielt Oberlehrer Walz im Saale des Hotels Trapp vor einem zahlreichen Publikum einen Vortrag über seine im Juli v. I. unternommene Nordlandsreise. In anschaulicher 'Weise schilderte er die Fahrt auf dem Dampfer „Auguste Vietoria" von Hamburg an Helgoland vorbei nach hLor- wegen mit seiner einzigartigen, an Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten so reichen Küste. Der nördlichste Punkt, der erreicht wurde, war Spitzbergen. Auch gab der Redner eine interessante Sckstlderung über das Zu jammen treffen der „Augusta Vietoria" mit der Kaiseryacht „Hohcnzollern", die zu derselben Zeit mit dem Kaiser an Bord in jener Gegend weilte. — Vor einigen Tagen wurde im Saalbau gelegentlich einer Tanzunterhaltung bei einer Schlägerei ein hier weilender Besucher des Technikums von einem Fauerbacher Burschen derart verwundet, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. — Am Montag hielt im Saale des Hotels „Zu den drei Schwerterm" der Transvaalburgher Buz einen Vortrag über „seine Erlebnisse vor und während des Krieges bei den Buren". Der Andrang zu diesem Vortrag war begreiflicherweise sehr groß, und die interessanten Schilderungen des Vortragenden wurden oft durch lebhafte Bravorufe unterbrochen. Eine für die Buren veranstaltete Sammlung ergab den stattlichen Betrag von 170 Mk., Die an das Zentralkomitee nach München abgesandt werden. Offenbach, 21. Jan. Von der hessischen Regierung ist nuninehr definitiv den Gebr. Hasenbach als Meistbietenden der Zuschlag für den Erwerb der ehemals Fürstlich Jsen- burg-Birstein'schen Besitzung einschließlich des Fürstlichen Hauses erteilt worden. r. Mainz, 21. Jan. Der alte karnevalistische Geist ,der gedroht hat, einzuschlafen, ist wieder in Mo- guntias Mauern zu neuem Leben entfacht worden. Es ist dem neuen Komitee gelungen, sich in seiner höchst originellm dekorierten Narrhalla (Stadthalle) eine vieltausendköpfige ^chor von Narrhallesen zu sammeln Und die erste Herrensitzung sowie die Damensitzung waren, ein Siegeszug von Anfang bis zum Ende. Am Freitag, abends 8 Uhr H Min, fmdet in der Narrhalla (Stadthalle) die zweite große Herrensitzung statt, die sicherlich noch die erste Sitzung an Glanz überstrahlen wird, da neben den jungen auch die alten Redner die Tribüne besteigen werden. Am Samstag findet in der Stadthalle großer Maskenball statt; mit großer Spannung sieht man dieser Veranstaltung entgegen, da es au Ueberraschungen aller Art nicht fehlen wird. Es ist dies nebenbei gesagt, nur noch der einzige vor Fastnacht. Am 2. Februar wird um 5 Uhr 11 Minuten die Fremdensitzuna beginnen. Diese wurde auf 5 Uhr 11 Minuten anqesetzt damit es deni auswärtigen Publikum vergönnt ist, der Sitz^ ung bis zum Ende beizuwohnen. Die Fremdensitzung wird die einzige in dieser Saison sein. Es werden schon heute Vorbereitungen getroffen, damit sie an Großartigkeit und Glanz alles bisher Dagewesene übertrifft, und um den Fremden zu zeigen, daß Mainz noch auf dem Gebiete des Karnevals an allererster Stelle marschiert. Uermischtes. " Berlin, 21. Jan. Nach der „V. Z." ist das Be- sinden des Professors 9tubolf Virchow zufriedenstellend. * Antwerpen, 21. Jan. Meldungen aus Hjoerring in Dänemark berichten über den Untergang des Dampfers „Silva". Das Wrack des Schiffes wurde ans Land getrieben. 16 Mann der Besatzung scheinen umgefonnnen zu sein. Prag, 21. Jan. Der Inhaber des Bankgeschäfts Edmund Ja ne sch wurde unter der Beschuldigung des Betruges und der Verleitung zur falschen Zeugenaussage verhaftet. * Die Pockcnepidemie nimmt in London, wie von dort gemeldet wird, solche Dimensionen an, daß man jeden Tag fürchtet, die amerikanischen Behörden werden die Schiffe Londoner Provenienz unter Quarantäne legen. Die Amerikaner Dürften infolge dessen auch zur Krommg König Eduards ausbleiben. Grrichtssaal. Glatz, 22. Jan. Oberleutnant Hildebrand, der den ^eutnant Blaskowitz im Zweikampf erschossen hat, hat seine z w e 11 a h r i g e $ e )t nngshaft hier angetreten. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 22. Jan. Die Zolltarif-Kommission des Reichstages lehnte den Antrag Singer, daß die Protokolle des wirtschaftlichen Ausschußes der Zolltarif-Kommission zugänglich gemacht mürben, ab unb nahm einstimmig einen Eintrag Broernel an, bic Regierung zu ersuchen, die vom Grafen Posadomsky in Aussicht gestellte Liste der Sachverständigen des wirtschaftlichen Ausschusses der Zolltarif- Kommission zugänglich zu machen. Berlin, 22. Jan. Bei der heutigen Subskription auf 115 Millionen 3prozentige Reichsanleihe und 185 Millionen 3prozentige preußische Staatsanleihe wurden auf die Reichsanleihe allein rund cct. 7 Milliarden gezeichnet. Berlin, 23. Jan. Den „Bert. Pol. Nachr." zufolge wird die Vorlage wegen des Erwerbs von Kohlenbergwerken im Ruhrgebiet dem Abgeordnetenhause um die Monatswende zugehen. Geestemünde, 23. Jau. Die oldenburgische Gw- lecme „Hoffnung" ist in der Nordsee mit der ganzen Besatzung untergegangen. Gelsenkirchen, 22. Jan. Auf dem hiesigen Bahnhofe entgleisten heute früh eine Lokomotive unb mehrere Wagen eines Kohlenzuges. Hierbei würbe ein Bahnbeamter getötet unb ein anberer leicht verletzt. Dresden, 23. Jan. In der Nähe der Maschinenfabrik Seydcl & Naumann brach Feuer aus, das bereits bedeutenden Schaden anrichtete. L ö n d o n , 23. Jan. Während der gestrigen Vorstellung im deutschen Theater in St. Georgshall starb der Schau- Pieler Georg Worlitzsch plötzlich auf der Bühne infolge eines Schlagflusses. Toulon, 23. Jan. Eine Explosion an Bord des Panzerschiffes ,^Jaurequiberry" hatte nicht be- onders ernste Folgen. Eine Person wurde verletzt. Rom, 22. Jan. Der internationale Historiker-Kongreß tagt hier vom 21. bis 30. April. Kapstadt, 23. Jan. Ein gewaltiger Brand mutet int Innern von Kapstadt. Zum Ausbruch gekommen ist das Feuer in einem Warenhause.