Nr. 18 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Vesflscheo Landwirt die Siebener ZamUien- btütter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'scheu Univers^Buch» u.©tein- druckerei (Pietsch Erberri Redaktion, Expedition und Druckerei: Schnlstraße 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. FernsprechanschlußNr.bl. Mittwoch 22. Januar 1903 152. Jahrgang Zweites Blatt Bezugspreis: monatlich 75 Pf., vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich Go Pf.; durch diePostMk.2.—vicrtel- jährl. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnuininer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12 Pf^ auswärts 20 Pfg. ichenerAmeiger General-Anzeiger ** ** v für den polrt. u. allgem. Amts- md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen zeigenteil: Hans Beck. Are heutige Kummer umfaßt 12 Seite». Kaufmännische Schiedsgerichte. Mr lesen in der „Hcrndelswiffenschaftl. Korrejp.": Sicherem Vernehmen nach werven demnächst die vor lärrgerer Zeit eingebrachten Anträge auf Errichtung kaufmännischer Schiedsgerichte den Reichstag beschäftigen. Heber die Berechtigung derartiger Gerichte sind fid), nicht nur der Reichstag und die Handlungsgehilfen, sondern auch eine namhafte Reihe großer Prinzipalsvereine einig. Strittig unter ihnen ist nur die Frage der Organisation, und zwar kommen hierfür Mer Vorschläge in Betracht, die Angliederung an dre Amts- und an die Gewerbegerichte. Der Abg. Basser mann hat in seinem Anträge den ersten Vorschlag ausgenommen, weil er dadurch die Schaffung möglichst vieler Gerichte gewährleistet glaubt. Diese Annahme trifft aber bei näherem Zusehen nicht zu. Allerdings befinden fich an Über 1900 Orten Amtsgerichte, aber nur in einem kleineren Teil von ihnen wird man genügend Handlungsgehilfen vorfinden, um die Posten des Arbeitnehmer-Beisitzers und seiner Stellvertreter besetzen zu können, namentlich, wenn diese das Alter von 30 Fahren überschritten haben sollen. In sehr vielen kleinen Landstädten existieren Landgerichte, in denen nicht ein einziger oder doch nur sehr wenige Handelsangestellte thätig sind. In einer kür^ich erschienenen Broschüre ist das an dem Beispiele der Provrnz Schleswig-Holstein nachgewiesen worden. Danach bestehen in dieser Provinz fünf Amtsgerichte in Orten ohne Gehilfen, 25 mit 1—10, 21 mit 11—30, 5 mit 31—50, 5 mit 51—90 und nur 10 mit 100 und mehr Gehilfen. Die Schrift nimmt nun an, daß 25—40 Prozent der Angestellten noch nicht das wahlfähige Alter erreicht haben, und demnach ihre Gesamtzahl in einem Orte mindestens 100 betragen muß, um ein kaufmännisches Schiedsgericht mit geeigneten Kräften besetzen zu können. Ist diese Annahme richtig, so darf allerdings der erwähnte Vorzug einer Angliederung an die Amts- gemchte — die größere Zahl der dadurch ermöglichten Schiedsgerichte — als hinfällig betrachtet werden. Denn in 8 der schleswig-holsteinischen Amtsgerichtssitze mit mindestens 100 Gehilfen befinden sich auch Gewerbegerichte, und in den beiden anderen dürfte ihre Einrichtung nach Inkrafttreten der Gerverbegerichts-Novelle nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es tritt. noch ein wesentlicher Punkt hinzu, der die Daseinssähigkeit eines kaufmännischen Schiedsgerichts in kleineren Orten in Frage stellt- Fe kleiner die Stadt, um so größer muß die Zahl der Ersatzmänner für die Gehilsen-Beisitzer sein, will man nicht allzu oft eine Neuwahl vornehmen. Denn gerade an diesen Platzen ist der Stellenwechsel der jungen Kaufleute ein außerordentlich großer. Ihre Lage ist hier oft nicht sehr verlockend, und wer irgend kann, sucht so schnell als möglich in größere Städte zu gelangen, in denen die Aussichten auf ein Vorwärtskommen ungleich besser sind. Gehilfen über 30 Jahre trifft man an kleinen Plätzen selten an, iver Über dieses Alter hinaus dort bleibt, macht sich selbständig. Findet so die Zahl der für ein kaufmännisches Schiedsgericht in Betracht kommenoen Ortschaften eine natürliche Begrenzung, so fallt damit der einzige Vorteil fort, den ihr Anschluß an die Amtsgerichte für den oberflächlichen Beschauer bietet. ©S kommt hinzu, daß gerade diejenigen Amtsgerichte, bei denen ein Schiedsgericht möglich wäre, Qi den meiftbelafteten gehören, und daß eine Aenderung der Gerichtsverfassung von Grund aus erforderlich wäre, die man den Amtsgerichten allein der Handlungsgehilfen wegen billig nicht zumuten kann. Selbst wenn man eine entsprechende Aenderung treffen wollte — sie hätte u. a. äu bestehen in der gerichtsseitigen Ladung der Parteien, Der Erweiterung der amtsgerichtlichen Kompetenz auf Streir- sachen bis zum Betrage von mindestens 300 Mark und Der Vorsehung von Wahlen —, so bliebe doch sehr zweifel- baft, ob man Mei wesentliche Bestandteile in dem Verfahren solcher Berufsgerichte, die Schnelligkeit und die Billigkeit bei einer Angliederung der Schiedsgerichte an die Amtsgerichte erreichen würde. Die Gerichtsschreibereien der letzteren dürften gar nicht im stände fein, das Offizial- verfahren und die sonstigen Voraussetzungen einer schnellen und wohlfeilen Rechtspflege für einen Teil ihrer Streitfälle, eben den aus dem kaufmännischen Dertragsverhält- nis entspringenden, ohne Störung ihrer Übrigen Obliegenheiten zu aceeptieren. Man bedenke, daß die Gewerbegerichte 57 Prozent aller Sachen in weniger als einer Woche aus der Welt schaffen, während die Statistik der Amtsgerichte eine so winzige Frist überhaupt gar nicht kennt und nur 63,5 Prozent ihrer Fälle als in weniger als drei Monaten erledigt aufführt; nur in 2i/2 Prozent aller Fälle ist es bei ihnen in den ersten Wochen über- hauvt zu einer Verhandlung gekommen. Dieser Abstand in der Schleunigkeit ist zu groß, als daß er von den Amtsgerichten für eine einzige Gattung ihrer Sachen überwunden werden könnte. Nicht außer Acht zu lassen ist auch, daß bei ben Gewerbegerichten nahezu die Hälfte aller Fälle (1895: 45,6 Prozent) durch Vergleich entschiedim wird, während vor den Amtsgerichten die Vergleiche nur 14 Prozent betrugen. Alle diese Erwägungen müssen zu dem Ergebnis führen, daß der Anschluß an die Gewerbegerichte jeder anderen Regelung vorzuziehen ist. Ihre Zahl reicht schon jetzt, wenige Ausnahmen abgerechnet, aus, und wo sie noch nicht bestehen, läßt sich durch Errichtung von Schieds- gerichtsbezirken leicht Abhilfe schaffen, damit allen Prinzipalen und Gehilfen die Wvhlthat einer den Bedürfnissen entsprechenden berufsständigen Rechtsprechung zu teil wird- Politische Tagesschau. Neuerungen in der Vorbereitung zum höheren Justizdienst in Prenhen. Nach dem dem preußischen Landtage zugegangenen Gesetzentwurf über die Abänderung der juristischen Studienzeit in Preußen soll die Dauer des Rechtsstudiums, das oer ersten juristischen Prüfung vorangehen muß, in Zukunft 7 Halbjahre betragen (gegenwärtig 3 Jahre), während für den Vorbereitungsdienst 3Hz Jahre angesetzt werden (bisher 4 Jahre). Die Begründung zu dieser Umteilung geht davon aus, daß in Bezug auf das Rechtsstudium nach Stoff, Plan und Methode Aenderungcn in neuerer Zeit sich an geb ahnt haben, denen durch die Verlängerung der Studienzeit um ein Semester Rechnung getragen werden soll. Vor einigen Dezennien war vieles, was jetzt den Gegenstand besonderer Reichsgesetze bildet, gesetzlich überhaupt noch nicht oder nur durch zerstreute partikular- rechtliche Normen geregelt. Aber auch der damals bereits vorhandene Rechtsstoff hat die mannigfachsten Erweiterungen erfahren. Manche Materien sind durch eine reichhaltige Rechtsprechung und durch befruchtende litterarische Arbeit zu vorher ungeahnter Bedeutung gelangt. Der Staats re gier ung erscheint es daher dringend wünschenswert, die Studienzeit der Juristen auf der Universität um ein Semester zu verlängern. Dementsprechend beabsichtigt sie gleichzeitig eine Kürzung des bisherigen Vorbereitungs- oienstes zwischen der ersten und zweiten Prüfung, um die gleiche Zeitspanne, nämlich um ein halbes Jahr platz- greifen zu lassen. Sie glaubt hierbei die Thatsoche berücksichtigen zu müssen, daß eine große Summe von Kenntnissen, die früher der junge Jurist sich erst im Vorbereitungsdienste zu erwerben hatte, gegenwärtig bereits auf der Universität dargeboten wird. Außerdem sollen die Studierenden verpflichtet werden, am Schlüsse ves dritten Semesters bei der von der Unterrichts- und Justiz-Verwaltung zu bestimmenden Stelle sich ein Zwischenzeugnis über die Ordnungsmäßigkeit ihres bisherigen Rechis- studmms zu erwirken. Als Unterlage für dieses Zeugnis sollen die Anmeldebücher und die Zeugnisse über die Uebunaen und die in letzteren gefertigten Arbeiten dienen- Auch Die Studiennachweise nichtpreußischer Universitäten können hierzu benutzt werden, falls deren Studienbetrieb den Einrichtungen auf den preußischen Universitäten gleichwertig ist. Eine förmliche Zwischenprüfung wird nicht ein geführt. Die mit dem; April in Kraft tretende Neu- orbnung soll sich nun auf solche Studierende erstrecken, die erst ein Semester ihrer Studienzeit hinter sich haben. Diejenigen Studierenden, welche an sich nach den älteren Vorschriften zu behandeln sein werden, können aber auf diesen Vorteil keinen Anspruch mehr erheben, müssen vielmehr ein ordnungsmäßiges Rechtsstudium von 7 Semestern nachweisen, wenn sie ihre Meldung verzögern, also spätestens bis zum 30. September 1904 ihre Zulassung zur ersten juristischen Prüfung nachsuchen- Andererseits soll der Justizminister ermächtigt fein, den Vorbereitungsdienst auch bei diesen Kandidaten auf Stys Jahre zu beschränken, wenn sie ein Rechtsstudium von 7 Halbjahren zurückgelegt haben. l____________________ Der Hleichseisenöaiingedank!'. Von Professor Biermer. Fortsetzung. Auch noch weitere Analogien giebt es, die beweisen, daß innerhalb der natürlichen Reichskompetenz Preußen der wirtschaftspolitische Krystallisierungspunkt ist. Ich erinnere nur art die Entwickelung unseres Notenbaukwesensi. Die aus einer reinen Staatsbank erwachsene preußische Bank, die 1856 mit einem unbeschränkten Notenrecht ausgestattet wurde, hatte zufolge ihrer Leistungen in den großen Geld- nnd Kreditkrisen von 1857, 1866 und 1870 sich mehr und mehr zu einer zentralen Notenbank für den größten Teil Deutschlands entwickelt. Die Versuche Preußens, sich durch Verbote gegen den Umlauf anderer Noten, die von den kleineren Staaten in sehr reichlichem, oft durch das Staatsgebiet bedingte Maß weit überschreitendem Umfange emittiert wurden, zu wehren, hatten ursprünglich, zumal in Mitteldeutschland, wo die betreffenden Gebiete im Gemenge lagen, bei den vielfachen wechselseitigen Verkehrs- beziehungen einen durchschlagenden Erfolg nicht gehabt. Noch im Jahre 1873 befanden sich im Deutschen Reiche 140 Arten papierener Wertzeichen, Banknoten und Papiergeld in verschiedenen Abschnitten, im Umlauf. Einem solchen geradezu heillosen Zustande gegenüber mußte es eine der ersten Aufgaben des neugeeinigten Deutschlands sein, hier energisch einzugreifen. Schon die Verfassung des Norddeutschen Bundes vom 26. Juli 1867 erklärte deswegen die Ordnung und Feststellung der Grundsätze über die Emission von fundiertem uno unfunbiertem Papiergelde und die allgemeinen Bestimmungen über das Notendankwesen zu denjenigen Angelegenheiten, die der Beaufsichtigung und Gesetzgebung des Bundes unterliegen sollten. 1870 kam es zum Banknotengesetz, und, als die «große Valutareform zur Durchführung gelangte, zum Bankgesetz vom 14. Mai 1875. Aus der preußischen Bank wurde gleichzeitig die deutsche Reichsbank. Neben diesem Zentralinstitut ließ man eine Reihe von anderen Banken mit Notenprivileg bestehen, aber schon damals rechnete man mit der Wahrscheinlichkeit, daß sich manche dieser Banken gegenüber dem Zentralinstituh nicht mehr halten würden, und dann ihr Notenkontin-gent der Berliner Zentrale Zuwächsen würde. Diese Erwartn.ng hat sich rascher, als man hoffen durfte, erfüllt, und als die Er- fahrtmg immer dringlicher die Forderung nach einer einheitlichen, straff organisierten Diskontpolitik des Reichs zeitigte und es endlich in der neuesten Banknovelle vom 7. Juni 1899 gelang, die Privatnotenbanken unter die Herr, schäft der Diskontpolitik des Reichs zu bringen, näherte sich das 'Zentralisierungswerk der Vollendung. Auch hier waren die Verhältnisse mächtiger als die widerstrebenden Gewohnheiten und Bequemlichkeiten einzelner Landesteile, und auch hier mar die preußisch-deutsche Reichspolitik nicht frei von Rücksichtslosigkeiten gegenüber zentripedalen Ström«, ungen. Diese Andeutungen dürsten genügen, um zu beweisen, daß ans großen wirtschaftspolitischen Gebieten der Einig- ungsgedanke sich mit der Zeit (Geltung verscl-asfen wird und muß. Man gebe sich in dieser Richtung keinen trügerischen Hoffnungen hin und verschwende nicht unnütze Kraft in parlamentarischen Protestkundgebungen in den süddeutschen Landtagen; denn über sie wird die nächste Generation kaltblütig zur Tagesordnung übergehen. Es entspricht der Geschichte unserer föderalistischen Entwickelung und gewissen, wie mir scheint, sehr kurzsichtigen Widerständen unseres deutschen Partikularismns, daß das nationale Einigungswerk auf den frier in Frage kommenden Gebieten erst auf langsamen, umständlichen und zum Tell recht überflüssigen Umwegen zu stände kommt. Meistens muh ein Durchgangsstadium, das die preußische Hegemonie immer wieder aufs neue ab oeulos demonstriert, durchlaufen werden. Man verliert auf der Gegenseite fruchtlos Zeit und Geld durch Sonderbündnisse föderalistischer Art, die später doch in die Brüche gehen. Es fehlt eben an allen Orten an historischem Sinn, und historischen Kenntnissen, obgleich doch gerade aus dem Gebiete der preußisch-deutschen Eifenbahnpolitik die natürlichen Entwickelungstendenzen so klar zu tage liegen, wie kaum anderswo. Sie sind hier direkt aktenmäßig nachzuweisen, und es möge nicht vergessen werden, daß die kritische Lage, in der sich das selbständige Eisenbahnsystem der süddeutschen BunDesstaaten und ihrer durch die Eisenbahnpolitik beeinflußten Staatsfinanzen seit einiger Zeit befindet, zurückzuführen ist auf kolossale Durnm^ heitert, die man in einer früheren Periode gemacht hat. Gewiß, der größte Partikularist ist der preußische «Staat,. weniAtens wenn man den Partikularismus mißt nach der. zähen Rücksichtslosigkeit seines Vorgehens anderen Bundesstaaten gegenüber; aber Preußen ist der größte Staat, der in der Geschichte und in der Gegenwart die Führung hat, und sein Vorgehen dient, gleichgiltig ob seinen Staatsmännern- dieses Ziel wirklich vorschwebt, oder ob sie nur einseitig, an das nächstliegende Ziel denken, dem nationalen Reichs-- gedanken, den Bismarck immer wieder mit der ganzen ge-> malen Kraft seines titanenhaften Willens und mit geradezu; bewunderungswürdiger Prophetengabe verfolgt. Auf dem Gebiete der Eisenbahnpolitik hat es, weiß Gott, nicht an Preußen und Bisntarck gefehlt, daß man jenes Durchgangsstadium, über das jetzt so bewegliche Klage geführt wird, von vornherein vermieden hat. Wir müssen jetzt die Fehler wettmachen, die eine Zeit, die den eisernen Kanzler nicht verstehen konnte und wollte, begangen hat. Unsere politische Diskussion knüpft immer wieder an die Kämpfe der bismarckianischen Aera an, wenngleich große Reformpläne, die er verfocht, sich jetzt als kaum mehr durchführbar erweisen. Auf einem Gebiete ist das bismarckianische Einigungs- Werk leider ganz unvollendet geblieben; ich meine die Reichsfinanzreform. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat Bismarck dafür gekämpft, daß dem Reiche selbständige Einnahme-, quellen, die die Reichskasse auf eigene Füße stellen, eröffnet werden. Es paßte ihm nicht und es schien ihm für das Reich unwürdig, daß der deutsche Bundesstaat auf die Apanagen der Einzelstaaten angewiesen fein sollte. Bismarck hat oft erklärt, daß das künstliche System von lleber- weisungen unb Matrikularbeiträgen unhaltbar sei und indem Augenblick große politische Gefahren bringe, wo die Makrikularbeiträge die Ueberweisungen an Höhe übersteigen. Man hat zwar mit diesem System erreicht, daß das Reich niemals ein budgetmäßiges Defizit haben kann, oder, was dasselbe ist, daß das Reich zur Deckung der ordentlichen Ausgaben grundsätzlich keine außerordentliche Deckungsmittel bedürfe; denn die Matrikularbeiträge gehören zu den ordentlichen Teckuugsmitteln und können jederzeit derartig gesteigert werden, daß dadurch die ordentlichen Ausgaben des Reichs bestritten werden können. Aber dieser Balanzierungszustand ist nur ein scheinbar erfreulicher; denn seine Konsequenz ist, daß die Fmanzen des Reichs und die der Bundesstaaten in ein Abhängigkeitsverhältnis zu einander gebracht werden, was für beide mit Nachteilen verbunden ist; namentlich hat aber die Fincmzverwaltung der Bundes-^ ftaaten darunter zu leiden, daß die von Jahr zu Fahr schwankenden Beträge der Ueberweisungen und Matrikularbeiträge die Aufstellung und Verfolgung eines Finanzplanes außerordentlich erschweren und ein soeben erst mit Mühe und Not unter Dach gebrachtes Steuerreformwerk in seiner Leistungsfähigkeit wieder in Frage stellen. Solche Schwankungen in der finanziellen Position der einzelnen Bundesstaaten, wie sie namentlich bei größeren Ausgaben des Reicks und ungünstigen Konjunkturen des gesamten wirtschaftlichen Lebens unausbleiblich sind, führen zu einer gefährlichen, nörgelnden Kritik der Neichsvolitik unb nähren die zerfetzenden Tendenzen partilltlaristischer Strömungen. Die Einzelstaaten sollen aber, wenn der Reichsgedanke nicht leiden soll, weder Kostgänger noch Wohlthäter des Reiches sein. Daß diese Bedenken keine blos theoretischen sind, Be/< weist die Gegenwart. In dem neuen, jetzt vorliegendeTt Reichshaushaltdetat, mit dem sich demnächst der Re'ichKtag zu beschäftigen hat, sind die Matrikutarbeiträge mit 568 Millionen Mark normiert, die Ueberweisungen aber auf nur 544 Millionen Mark; es bleibt also ein Minus von 24 Millionen zu decken, das den Bundesstaaten zufällt. In welche prekäre Sage namentlich die kleineren Bundesstaaten durch dieses Wechselverhältnis kommen, sieht man an dem Großherzogtum Hessen, zumal dieses Land sein Finanz- gebahren auf die schwankenden Erträgnisse der .Eisenbahn- gemeinschaft mit Preußen eingerichtet hat. Für das Großherzogtum ist ein ungedeckter Matrikularbeitrag von beinahe einer halben Million vorgesehen, und da gleichzeitig die Eisenbahnerträgnisse einen nicht unerheblichen Rückgang erfahren haben, so wirken beide Umstände, Verminderung der Eisenbahn reute und der Ueberweisungen von dem Reich, auf das hessische Budget um einen Betrag von 1,2 Millionen Mark verschlechternd. Hästttü pnchit die rein hessischen Einnahmen fast sämtlich erhöhte Beträge gebracht, so würde das neue hessische Budget von 1902/03 ein Defizit von 3,4 Millionen Mark aufweisen, da schon das laufende Budget mit einem nur aus Bermögensüberschüssen früherer Jahre zu deckenden Fehlbetrag von 2,2 Millionen abschloß. Befärrden sich nicht in der Hauptstaatskasse noch aus früheren Jahren Vernrögensüberschüsse, so wäre der hessische Staat entweder auf Schuldenmachen oder auf eine erhebliche Steuererhöhung angewiesen. Dan kdieser Ueberschüsse braucht nur ein Teil des Defizits durch höhere Zuschläge zur Vermögenssteuer gedeckt zu werden. Beim hessischen Staat kumulieren sich also die Schwierigkeiten, weil er einerseits durch höhere Matrikularbeiträge belastet wird und andererseits die Staatseinnahmen durch den Rückgang der Eisenbahnerträgnisse, die in einem Jahr ungefähr eine Million hinter dem Etatsatz zurückgeblieben find, beeinflußt werden. Wären Bismarcks Reformpläne auf finanzpolitischem Gebiete nicht auf so heftigen Widerstand gestoßen und wäre in erster Linie sein größtes und unendlich große finanzielle Perspektiven bietendes Finanzprojekt, das Tabaksmonopol, seiner Zeit nicht gescheitert, so wäre dem deutschen Reich! eine Finanzguelle von unerreichter Ergiebigkeit, die zudem Lei unserer rapiden Bevölkerungszunahme ständig steigende Reinerträge zu liefern versprach, eröffnet worden. Fortsetzung folgt. Aus Stadt und Kand. (Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nnr unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.) Gießen, 22. Januar 1902. **HessischeLandeslotterie. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, so wird uns aus Kollekteurkreisen geschrieben, daß diesmal der Absatz von Loosen zur 'Landeslotterie gerade unmittelbar vor der Schluß- Nasse, deren Ziehung am Freitag den 24. d. M. beginnt, ungewöhnlich gut ist. Die Gewinndotierung dieser Klasse ist allerdings auch besonders reichlich Kommen doch in ihr, abgesehen von den bekannten möglichen Hauptgewinnen von 700000, 600 000 und 500 000 Mark dann, wenn es nicht zum Zuschlag der Prämien auf die höchsten Gewinne fontnti, Gewinne von 300 000, 200 000, 100 000, siebenmal 50 000, sechsmal 40 000, 30 000, 20 000, zweimal 15000, zehnmal 10000 usw., zusammen soviel Gewinne »ur Ausspielung, daß demgegenüber die Gewinn aus sichten der Vortlassen ganz bedeutend zurücktreten. Das allein aber erklärt den jetzt in erheblichem Umfange bemerkbaren Ankauf der Lose mit der in diesem Falle erforderlichen Nachzahlung der Vorklasfen nicht genügend. Vielmehr beruht aller Wahrscheinlichkeit nach diese That- sache auch auf der Vorliebe des Publikums für eine rasche Entscheidung. In der That hat das einen besonderen Reiz, sonst würde der Absatz von Gelegenheitslosen, die nstcht entfernt die Gewinnaussichten der Landeslotterie bieten, überhaupt nicht möglich sein. Wer in einer solchen bei dem dort üblichen Gewinnverhältnis von oft nur 20 zu 1 drei Mark Einsatz daran wendet, handelt, falls ihm entsprechend größere Mittel zur Verfügung stehen, durchaus rationell, wenn er für den Erwerb eines Achtelloses zur SchlußNasse der Landeslotterie 21 Mark ausgiebt. 'Immerhin sollte man die erwähnte Thatsache nicht un- beachtet lassen und erwägen, ob es nicht ratsamer ist, die Landeslotterie fernerhin in nicht so lang ausgedehntem Zeitraum abzuspielen. ** Kronb au er'scher Quartettverein. Als am 7. Dezember der Verein sein 25sähriges Jubelfest feierte, wozu er seine vielen Freunde rn althergebrachter Weise eingeladen hatte, durfte mit Recht der Redner des Abends darauf Hinweisen, daß der schönste Lorbeer, den sich das Quartett in der langen Reihe von Jahren erworben, ter sei, stets da mitgewirkt und seine Dienste bereitwilligst zur Verfügung gestellt zu haben, wo es galt, Wohlthätig- keit zu üben. Wie wir von unterrichteter Seite heute hören, folgt das Quartett auch in diesem Jahre wiederum der Anregung der städtischen Verwaltung und veranstaltet ein Wohlrhätigkeits-Konzert am Samstag, den 2. Februar abends 5 Uhr im großen Saale des Gesellschafts-Vereins, dessen Reinertrag den weitaus größten Teil der Kosten decken soll, die durch Verabreichung warmen Frühstücks cm bedürftige Schulkinder entstehen, eine Einrichtung, die sich außerordentlich segensreich bewährt hat. Es steht zu hoffen, daß neben dem Bewußtsein an einer edlen That mitgewirkt zu haben, die Herren des Quartetts auch darin ihren Lohn finden werden, daß sie wiederum einen recht hohen Betrag dem genannten Fonds zuführen können. ** Alldeutscher Verb and — Ortsgruppe Gießen. Am Montagabend fand die ordentliche Jahreshauptversammlung der hiesigen Ortsgruppe statt. Der erste Vorsitzende gab in feinem Jahresbericht einen Ueber- blick über die Gesamtthättgkeit der Ortsgruppe im Jahre 1901. Daraus ging hervor, daß von der Gruppe zwei große öffentliche Volksversammlungen (die beiden Burenversamm- hmgen in Steins Garten), außerdem drei Vorträge, vier gesellige Vereinigungen und elf Vorstandssitzungen abge- hatten wurden. Der gesamte Kassenumsatz betrug 3 482.29 Mark. Von diesem Betrage wurden als außerordentliche Leistungen an die Burensammlung des alldeutschen Verbandes und die Burenzentrale in München 979.74 Mk., an •ten Betriebs- und Werbefchatz des alldeutschen Verbandes, der sich aus freiwilligen Beiträgen opferwilliger Mitglieder zusammensetzt, 105 Mark abgeliesert. Die Mitgliederzahl Lat sich um ein Drittel vermehrt. Nach dem Bericht wurde der Gesamtvorstand (Oberlehrer Altendorf, erster Vorsitzender, Fabrikant Adolf Noll, zweiter Vorsitzender, Gerichtsassessor L Prosch, erster Schriftführer, Lehrer Kling, zweiter Schriftführer, Hof- und Universitätsbuch- händler Aug. Frees, Kassenwart, Prof. Tr. Er. Jung, Fabrikant Ad. Bind ew ald und Geometer 1. Kl. Lin den- st r u t h, Beisitzer) einstimmig wiedergewählt. Ferner wurde beschlossen, künftighin zu allen Vorstandssitzungen auch die Vertreter der vier studentischen Korporationen, die der Ortsgruppe angehören, der beiden Burschenschaften, der Verbindung Chattia und des Vereins deutscher Studenten als Beisitzer hmzuzuziehen. Zum Schluß entspann sich eine lebhafte Aussprache, in der über den Arbeitsplan für den Rest des Winters beraten wurde. ** Evangelischer Arbeiterverein Gießen. Der hiesige Ev. Arbeiterverein hielt am letzten Sonntag seine gut besuchte ordentliche Hauptversammlung ab. Aus dem von dem Vorsitzenden Pfarrer Dr. G r c i n erstatteten Jahresberichte sei folgendes hervorgehoben. Die Zahl der Mitglieder beträgt augenblicklich 314, die Einnahmen beliefen sich auf ca. 1700, die Ausgaben auf 1100 Mk. Die Sterbekasse des Vereins befinde sich in so erfreulichem Wachstum, daß demnächst an eine Erhöhung der Rente gedacht werden könne. Die Kohlenkasse hat sich auf dem Prinzip des Vorausbezahlens neu konstituiert. Die Unterstützungskasse in Fällen augenblicklicher Not hat selten, dann aber, ihrem immerhin noch bescheidenen Bestand entsprechend, kräftig geholfen. Der Gemischte Chor — aus 31 Mitgliedern bestehend — hat sich innerhalb des Vereins zur selbständigen Abteilung zusammengeschlossen und auf den allgem. Festlichkeiten des Vereins sowie in besonders veranstalteten Feiern unter der Leitung des Herrn Grüninger schöne Erfolge erzielt. Die Bau genossen schäft, die bis jetzt 32 H äu sch en errichtet hat, konnte neues Gelände ankaufen und wird demnächst mit weiteren Bauten beginnen. Die Gründung einer stehenden Sanitätskolonne ist, nachdem bereits ein Sanitätskursus durch Stabsarzt Dr. Schade abgehalten worden ist, im Anschluß an das „Rote Kreuz" in feste Aussicht genommen. Vorträge wurden im Laufe des Jahres 6 gehalten und zwar über allgemein belehrende z. T. soziale Themate; an jeden Vortrag schloß sich eine allgemeine Diskussion. Einen neuen Weg beschritt der Verein hurch Abhaltung zweier Volkskonzerte, ein Kammermusik- und ein Symphoniekonzert, ermöglicht durch die uneigennützige Mitwirkung und Opferwilligkeit hiesiger und auswättiger Herren. Die Konzette waren bei einem Eintrittsgeld von 20 Pfg. pro Person von 700 und 900 Personen besucht. An Festlichkeiten wurden veranstaltet: Kaisergebuttstagsfeier, Stiftungsfest, Weihnachtsfeier, sowie ein Sommerausflug. Der „Hessisch-Nassauische V o l ks b ot e", das Organ des Verbandes der mittelrheinischen Arbeitervereine, ist obligatorisch eingefühtt und bringt jedem Mitglied wöchentlich alles Wissenswette über hiesige und auswärtige Arbeiter-Vereinsangelegenheiten, in seinem Hauptteil behandelt es die den Arbeiterstand bewegenden Fragen. Der Vorstand, bestehend aus 15 Mitgliedern, hat in einer großen Anzahl Sitzungen die Geschäfte des Vereins geführt. Daneben hatten die einzelnen Zweige der Wohlfahttsbestrebungen ihre besonderen Kommissionssitzungen. — Nach Erstattung des Jahresberichtes fand durch den Rechner, Werkführer Schufst, Rechnungsablage statt. Seit Gründung des Vereins besorgt S. diese Geschäfte mit großer Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit; ihm wurde unter dem Ausdruck des Dankes Entlastung erteilt. Bei den nun folgenden Wahlen wurde der seitherige 1. Vorsitzende, Pfarrer Dr. Grein, durch Akklamation wiedergewählt; auch die seithettgen Vorstandsmttglieder, die auszuscheiden hatten und wiedergewählt wurden, nahmen die Wiederwahl an; nur Herr Kaufmann Wolff hatte gebeten, von seiner Person absehen zu wollen, so trat an seine Stelle Lackierer Phil. Wagner. — Ein Antrag bett. Wahlen zum Gewerbegettcht wurde für diesmal vettagt. — Endlich beschloß die Versammlung, daß das Fest des mittelrheinischen Verbandes evangelicher Arbeitervereine in diesem Jahre in Gießen abgehalten werden soll. Mit diesem Verbandsfeste wird zugleich die Fahnenweihe des hiesigen Arbeitervereines verbunden sein. Der Fahnenfonds hat eine solche Höhe erreicht, daß demnächst der Anschaffung der Fahne näher getreten wird. Der ev. Arbeiterverein ist nunmehr in das 10. Vereinsjahr eingetreten. ö. Ausbem Nidderthale, 20. Jan. Die überaus milde Witterung der letzten Wochen hat hier in günstig gelegenen Gärten sogar Pensees bereits zu neuem Leben erweckt. Die niedlichen Pflänzchen besitzen teils schon offene Blüten, teils zahlreiche Knospen, die dem Aufbrechen nahe sind. Vermischtes. * Flensburg, 20. Jan. Der Bahnmeisteraspirant Steinhauer wurde bei Wogens mit dem Bahndreirad vom Zuge erfaßt und getötet. * Leipzig, 20. Jan. Der 31 jähr. Arzt Dr. Wilhelm Kleinschmidt, Inhaber einer Prioatklinik in Chemnitz, erschoß sich gestern nachmittag im Rosenthal. Das Motiv der That ist Schwermuth. * Pforzheim, 18. Jan. Gestern Nacht wurde der in ber Bleichsttaße wohnhafte verheiratete Kaufmann und Agent Gleit wegen Unterschlagung von Mündelgeldern von der hiesigen Schutzmannschaft verhaftet und in das Amtsgefängnis verbracht. Um halb Uhr erfolgte die Verhaftung und um 12 Uhr heute Nacht fand man ihn tot in seiner Zelle liegen. Allem Anschein hat Glett sofott nach oder kurz vor seiner Verhaftung Gift genommen. Die Familie Glett wird hier allgemein bedauert. * Eine Geschichte, unglaublich, aber doch wahr, wird gegenwättig in Bayern viel besprochen. Die Gemeinde Neukirch bei Schwandorf in Bayern hatte einen ca. 20 jährigen Idioten auf Gemeindekosten zu ernähren. Der arme Mensch, Max Graf mit Namen, war im dortigen Armen- hause in einem gepflasterten Gemache untergebracht. Sein Lager bestand in einem Haufen vermodertem Stroh, daß direkt auf dem Pflaster lag. Die Kost erhielt Graf abwechselnd bei den Gemeindemitgliedern, im Krankheitsfälle sollte sie ihm gebracht, werden. Doch dies geschah nicht und der arme Tropf ist nun thatsächlich verhungert. Kurz vor seinem Tode erinnerte man sich seiner, aber man fand ihn sterbend auf seinem Miste liegen. Die angewandten Mittel kamen nun zu spät. Die gerichtliche Untersuchung stellte fest, daß der arme Mansch schon 14 Tage ohne Nahrung war. In seinen Gedärmen fanden sich Kleiderfetzen, Stroh und von Hühnerfutter herrührende ungekochte Weizenkörner. Selbst die Aermel an seinen: Rocke hatte er bis zu den Ellenbogen aufgezehrt. Die Sache ist zur Anzeige gebracht. Universitäts-Nachrichten. . — Der in Berlin verstorbene Pros. Dr. Paul Scheffer- Bolchorst, der hervorragende Geschichtsforscher hatte noch nicht das o9. Lebensiahr erreicht; er wurde am 25. Mai 1843 zu Elber- feld geboren 1866 promovierte er in Leipzig, 1875 kam er zu uns lS aubcrorbcn^^er Broie"^ nach Gießen, sch-n in Jabre ba^ rauf aber wurde er Ordinarius in Straßburg, und feit 1890 wirkte er an der Universität Berlin. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich dort als Direktor des histottschen Seminars. Wissenschafllich hat der nun Verstorbene als scharf kritischer, exakter Quellenforscher auf dem Gebiete mittelalterlicher Geschichte Bedeutendes geleistet. Lebhaft beschäftigte ihn die Frage nach der Echthett histottscher Darstellungen des Mittelalters. Ihm glückte die Wiederherstellung der Pader'bonner Annalen, einer verlorenen, sehr wichttgen Quellenschrift des 12. Jahrhunderts. Andere Studien widmete er vielumstrittenen Dokumenten, die für das Verhältnis von Staat und Kirche von Bedeutung sind. Seine Florentiner Geschichtsstudien führten ihn auch den toskanischen Dichtern zu, Dante und Boccaccio, Scheffer-Boichorst war unvermählt. — Aus Würzburg wird geschrieben: Der Professor für Chemie Tr. Wilhelm W i s l i e e n u s hat den an ihn ergangenen Ruf als Direktor an das Reichsgesundheitsamt in Berlin abgelehnt. — Aus Halle wird berichtet: Die Landwirtschaftskammer der Provinz Sachsen berief zu Nachfolgern des verstorbenen hervorragenden Fachmannes B. Märcker Dr. Scheidewind und Tr. Ludwig B u h r i n g hier beides langjährige Mitarbeiter Märckers. — Als Nachfolger des Prof. Roethe in Göttingen, der nach Berlin geht, ist der Professor für deutsche Sprache und Litteratup und Litteratür E. S ch r ö d e r in Marburg in Aussicht genommen. Sollte Prof. Schröder Marburg verlassen wollen, so dürfte das dortige Ordinariat vermutlich dem bisherigen a.-o. Pro- fessor Max Noediger in Berlin angeboteu werden. Gerichtssaal. M. Gießen, 21. Jan. Strafkammer. Den Vorsiß führte Landgerichtsral Müller, die Anklagebehörde vertrat Gerichtsassessor Tr. Hetzel. — Die aus der Samstagsverhandlung wieder aufgenommene Privatklagesache, die unter Ausschluß der Oeffent- lichkeit verhandelt wurde, wird in der heutigen Sitzung nach längerer Verhandlung vorläufig ausgesetzt, bis ein gegen den Hauptzeugen schwebendes Meineidsverfahren beendigt ist. — Der Maurer Karl Becker II. aus Nieder-Ohmen hat einem anderen im Verlaufe eines Streites, den er auf offener Landstraße mit demselben anfing, mehrere Stockhiebe versetzt und ihm eine blutende Wunde im Gesicht beigebracht. Die vorn Schöffengericht Grünberg gegen den Angeklagten verhängte zweimonatliche Gefängnisstrafe wurde mit Rücksicht auf die Unbestraftheit des Angeklagten aus einen Monat herabgesetzt. — Erne zweite Verhandlung wegen Körperverletzung, die in erster Instanz mit der Freisprechung des Angeklagten — des Karl Mickel ans Borsdorf — geendet hatte, führte infolge einer für den Angeklagten ungünstigeren Beweisaufnahme in zweiter Instanz zur Verurteilung desselben zu einer Geldstrafe von 20 Mk., eventuell 4 Tage Gefängnis. — Der Polizeidiener und Feldschütze Heinrich Schäfer II. aus Eulersdorf ist der Begünstigung int Amte, sowie der vollendeten und versuchten Erpressung angeklagt. Anzeigen wegen Feldfrevels, zu denen er verpflichtet war, hat er erstattet ober unterlassen, je nachdem die Betreffenden seiner Aufforderung nachkamen, Drescharbeiten zu feinen Gunsten unentgettlich aus- zusühren ober die Voranzeigung zu gewättigen. Ein Ortseinwohner hat unter der Einwirkung dieser Drohung einen Tag für den Angeklagten gearbeitet, ein anderer weigerte sich uno wurde vor- angezeigt. Die Anklagebehörde beantragte Verurteilung zn einer zweimonatlichen Gefängnisstrafe. Das Gericht vettagte die Verkündigung ber Entscheidung aus Dienstag den 28. Januar. — Die Ehefrau Port von Ober-Rosbach ist wegen Diebstahls von dem Schöffengericht Friedberg zu zwei Wochen Gefängnis verutteill worden; ihre Berufung gegen dieses Urteil wird verworfen, da nach wie vor festgestellt werden konnte, daß die Angeklagte gelegentlich eines Besuches bei einer Nachbarin den Geldbetrag von 11 Mk. aus, einer unverschlossenen Kommode entwendet hat. — Der Nachtwächter Konrgd Volkmar aus Vadenrod ist des Er- pressungsversuches angeklagt. Als er wegen einer Uebertretung einen Strafbefehl erhielt, suchte er einen Andern zu dessen Bezahlung zu nötigen unter der Drohnng, daß er ihn sonst wegen eines angeblich von ihm begangenen Diebstahls anzeige. Da der Bürgermeister dem Angeklagten das Zeugnis eines besonnenen, verständigen Menschen ausstellte, zweisette das Gericht nicht, daß der Angeklagte — zudem ein verpflichteter Beamte — sich der Rechtswidrigkeit seiner Handlungsweise bewußt gewesen war. Es verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe von zwei Wochen. — Der 15jährige Andreas Brendel aus Obererlenbach hat aus Mutwillen ein Brückengeländer in der Nähe von Obererlenbach teil- weise beschädigt. Mit Rücksicht auf seine Jugend wurde ber Angeklagte nur zur Strafe des gerichtlichen Verweises verurteilt. — Der Gewerkschaftsdiener Emil Freund zu Gießen hat sich ein Paar, dem früheren Bergwettsdirektor Patsch gehörige Jagdstiefel, die er in Besitz hatte, widerrechtlich angeeignet. Auf der Straße wurde er von dem Schuhmacher, der die Stiefel verfettigt hat, mit denselben betroffen und alsoalb angezeigt. Das Schöffengericht Gießen hatte ihn wegen Unterschlagung zu zwei Wochen Gefängnis vettitteilt. Dieses Urteil wirb von ber Berufungsinstanz ausrecht erhalten. — Auf eingelegte Berufung wird das Urteil 1. Instanz, das der Konrad L a ch m a n n aus Lauterbach wegen Diebstahls au vier Wochen Gefängnis verurteilt hat, dahin abgeänbert, baß die Strafe auf eine Woche herabgesetzt roirb. Wiesbaden, 19. Jan. Eine höchst frivole Jntrigue hat die Wtttwe Amalie Blumner von hier gegen einen hiesigen Geschäftsmann gesponnen, mit dessen Familie sie befreundet war. Als bei der Familie Zwistigkeiten ausbrachen, schlug sie sich auf die Seite ber erwachsenen Söhne und gefiel sich nun darin, dem Vater fortgesetzt anonyme Postkarten des gemeinsten Inhalts zu schreiben. Den Gipfel barin gereichte am 8. Juli v. I., an welchem Tage sie ihrem Dienstmäbchen einen Brief voll der gröbsten Schmähungen diktierte, und sich den Brief dann selbst durch die Post zustellen ließ. Tann schickte sie diesen Brief ber Staatsanwaltschaft, bezeichnete den oben erwähnten Geschäftsmann als Schreiber und beantragte dessen Bestrafung. In ber heutigen Sitzung ber Strafkammer beantragte ber Staatsanwalt für diese „bodenlose Frivolität", zu der die Angeklagte von einem Sohne des sälschlich Angeschulbigten bestimmt worden sein will, 10 Monat Gefängnis. Die Strafkammer erkannte auf fünf Monate und sprach dem fälschlich Angeschuldigten die Befugnis zur Urteilspubli-' kation zu. Sport. Paris, 20. Jan. Ter Minister des Innern hctt den Bürgen meister von Nizza darauf aufmerksam gemacht, daß Au t o m o b il° Wettfahrten auf französischem Boden untersagt find. Infolgedessen darf die geplante Wettfahrt Nizza—Abbazia, die bereits von den italienischen Behörden gestattet worden war, nicht statt finden. Meteorologische Beobachtungen ________der Station Gießen. Januar Barometer auf 0° reduziert t c c £ £ r Absolute Feuchtigkeit I Relative ' Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke Wetter 21. 2" 755,4 + 5,4 6,5 97 W. 2 Regen 21. 925 756,9 + 5,5 6,5 97 W. 2 Bed. Himmel 22. 756,4 + 5,9 6,5 94 SW. 2 Höchste Temper ■atur im 2 0. Jar . bis L 1. Jan + 6,0° C. Niedrigste » "20. „ „ 21. „ — 0,2t> C. w N 'W' T. u c s **> 2 y C-. tO e O 2 .. g - S £ a "® 5 — o rC« c .3 o VD o Z.K 2 cd.~ >b g* LN I- e & B w I Q s -L >bZ =O ÜL N-S 5 UL *e g E *Ö 2^- "q -4-. E "E r» - - ZS- W -* o c . ar» >c ■* g3 rtSx» x. *■* ~ JO V JO Tlf o 'S*'0 LZ S e '«ä 'S® K E 5$ ZZ -Z °£-S§ CD TD "E, § 5?' 03 § VD O «-Ä LV H CJO 8^« g *» •* C ^sr -Ts Sä >k s® & 3 c P N-»b E 9» ° JQ N- E KZ u> v2i c «* *d tr^E- E 5 O €5 s Ä ® - ®* 2 g cd g2 ^5 2 c §' - — »O - :5 “ P 5 P iET ° - & *8* E c ‘ZT® S-js® g § o o -2 =* 2 2 E ar» CD 01 iS LG e G SS St fcC? CD© ÖS v 'ÖS Z G-< E E >- g? O CD© E a »—< E 'S c CO E 00 c GK1 G e •E » .E R p >b CD E 1? rt 1« 3 er- 5 *e »» pS SR 00 Ü=© 'M 3 03 g R - .S :C KZZ 03 S S 00 05 3 c- c O m *? od ca *? tp r-< (9 CO 03 2 -fH O OS © CO CIXCThtHCTiOH 00 g » = g ’S 5 >b 5 "öd' 3 ® E ~ _ a e B ._ a oc a a c g oc a ®?a ss ti . -C CT- C CD CT1 LL 2? ZL ® ä> 3 E *° 6 6-3 ® T a “ 4» ZLsss r; a p u Igil = (£) äP - ao 3 c 3 an c 8 Seltersweg 20 A. Holterhoff Söhne, Giessen. Seitenweg n 233 717 6 210 1 103 17 126 8 1 170 3220 1950 3800 rm rm rm rm rm rm rm rm einen vereinbarten Rabatt an den Verein zu gewähren. In eigener Produktion hergestellte oder veränderte Waren können auch an Nichtmitglieder abgegeben werden. Die Bekanntmachungen erfolgen im „Gießener Anzeiger". Außerdem steht es dem Vorstande zu, tn weiterer genügender Weise Bekanntmachungen ergehen zu laffen. Der Vorstand besteht aus 3 Mügliedern und zwar sind gewählt: 1) Balthasar Hirz V., Landwirt, 2) Ludwig Haas II., Bergmann, 3) Balthasar Häuser XIV., Weißbinder, sämtlich zu Steinberg. Der Vorstand zeichnet in der Weise, daß die Mitglieder der Firma ihre Namensunterschrift beifügen. Zur Zeichnung und Abgabe mündlicher Erklärungen für die Genosienschast genügt die Mitwirkung von 2 Vorstandsmitgliedern. Die Haftsumme beträgt 30 Mk. Jedes Mitglied kann sich mit mehreren Geschäftsanteilen, jedoch nicht über 50 Stück beteiligen. Die Einsichtnahme der Liste der Genossen ist während der Dienststunden des Gerichts Jedem gestattet. Gießen, den 18. Januar 1902. Großherzogliches Amtsgericht. Sohmrsteigerung im Gießener StoMmfllb. Montag, den 27. Januar, vormittags 91/2 Uhr beginnend, sollen im Gießener Stadtwclld, in den Distrikten Zollstockswäld- cheu, Mühlbergs Hochwarte u. Lichtenciche versteigert werden: Die Zusammenkrmft ist auf der Gri'mbergerstraße an der Happelswiese. 686 Gießen, am 20. Januar 1902. Großh. Bürgermeisterei Gießen. Mecum. Städtischer Arbeitsnachweis Gießen Garteuftrafte 2. Angebot der Arbeitnehmer: 1 Möbelschreiner. 1 Kellner, 1 Bauschreiner oder Glaser, verschiedene Frchr-und Landwirtschaftsknechte, 1 Schweizer, 2 Hausburschen, 1 Schreinerlehrling, 6 Laufsrauen, 1 Köchin, 1 Köchin zur Aushilfe, 1 Schreibgehllfe. Nachfrage der Arbeitgeber: 1 Möbelschreiner, 1 landwirt-- schastl. Arbeiter, 3 Schreinerlehrlinge, 1 Tapezierlehrling, 3 Lauf- frauen, 1 Köchin, 1 Dienstmädchen. Bekanntmachung. In das Genossenschastsregister unterz. Gerichts wurde heute eingetragen: Mit Statut vom 7. Dezember 1901 und Abänderungsbestimmung vom 14. Januar 1902 ist zu Steinberg mit dem Sitz daselbst eine Genossenschaft mit der Firma „Konsumverein Steinberg, eingetr. Gen. mit beschr. Haftpflicht", gegründet worden. Gegenstand des Unternehmens ist: Gemeinsamer Einkauf von Lebens- und Gcnuß- mitteln, Bekleidungsgegenständen, Materialien und Artikeln für Hauswirtschaft, Wohnungszwecke und persönlichen Bedarf, und, mit oder ohne vorherige Verarbeitung, Ablassung derselben an die Mitglieder oder deren Vertreter, sowie Erwerb oder Bau der für Produktion oder Betrieb erforderlichen Gebäude. Abschluß von Verträgen mit Gewerbetreibenden und Kaufleuten, wodurch diese sich verpflichten, bei Lieferung guter und unverfälschter Waren gegen sofortige Barzahlung Fichten-Derbstangen mit 9,48 Festm., Drucksachen aller Art liefert in jeder gewünschten Ausstattung, stilrein und preiswert die Brühl’sche Universitäts - Druckerei, Schulstr. 7 Buchen-Scheitholz, Eichen-Scheitholz Erlen-Schellholz, Eichen-Knüppelholz, Naoel-Knüppelbolz, Eichen-Stockholz, Naoel-Stockbolz, Erlen-Stockyolz, Wellen Buchen-Rersig, Wellen Nadel-Reisig, Wellen Weichholz-Reisig, Wellen Nadel-Reisig. Jagd Verpachtung. Samstag den 8. Febr^ d. I., vormitt. 10 V2 Uhr, wird auf dem Rathause dahier die der Gemeinde Nonnen- roth gehörige Jagd, zirka 370 Hektar Feld nebst drei Teichen und zirka 155 Hektar Wald, auf 6 Jahre meistbietend verpachtet werden. Wir bemerken dabei, daß das Jagdgebiet von der Bahnstation Villingen in 15 Mim zu erreichen ist. Nonnenroth, 18. Jan. 1902. Großherzogl. Bürgermeisterei Nonnenroth. 642 Jacob, Bürgermeister. IW* Pferdeverkauf. Freitag den 24. ds. MtS., morgens 10 Uhr, versteigere ich Neustadl 55 ein leichtes, fehler? freies Pferd nebst Geschirr, ferner einen Diehwegen, freiwillig meift- bieteird gegen bare Zahlung. 0264 I. A: Schneider. Extra billige Offerte in schwarzen, gestrickten, wollenen Strümpfen. Ersatz für Handstrickerei, bestbewährte Qualitäten. ______ ns ■ Statut Melüauiliüe Strumpf-AavriL. — Aufertiauna nach Maß und Anstrickeu sehr viMg. ■■■■ Für das Aller von 1—2jährige Kinder 2—3jährige 3—4jährige 4—5jährige 5—6jährige 6—7jährige 7—8jährige 9—10jährige 10—12jähr. 12—14jähr. 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