Nr. «3 Montag, 31. April 1903 153. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme brt Sonntag«. Die „Gießener ^amllkeblärter4* werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Ur iversttawdruckerei (Pietsch tobe«), (Dieben. General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen. cs Schisse, die nicht metje in See stechen sollten, aber baß ist gerade so. alö wenn Sie sich ein morsches Boot nehmen und damit auf den Müggelsee hinauösahren und untcrgchen. ES geht Ihnen aber gerade so auch dann, wenn Sie eine neue Nacht nehmen, aber bom Segeln mchtS verstehen. Von den Schiffen, die unter- gegangen sind, waren viele unter 50 Bruttotonnen, die also gar nicht zu den Seeschiffen gerechnet werden können. Wenn die Negierung, nachdem die Resolution angenommen fein sollte, innerhalb kurzer Zeit Vorschriften bezüglich des Tiefganges erlassen würde, so würde die Beunruhigung, Die fälschlich in daS seefahrende Volk hineingetragen ist, überhaupt nicht zur Ruhe kommen. $d) gebe Ihnen die Versicherung, der (Germanische Llohd hat alle die Fälle gesammelt, in denen ein Schiff wegen Ueberladung zu Grunde gegangen sein sollte oder bezüglich dessen audi nur angenommen war, das; der Untergang burd) Ueberladung möglicherweise hätte vcr- urfadjt sein können. ES hat sich bei eingehender Prüfung aber nur in einem einzigen Falle der Nachweis erbringen lassen, daß der Untergang wirklich Die Folge von Ueberladung war. Wenn wir die englischen Vorschriften über die Tiefladclinie einfad) auf unsere Schiffe übertragen würden, so wäre bad für unS eine birektc Gefahr, ba unsere Schiffe in ber Bauart vielfad) sehr von den englischen abwcichcn. Die Behauptung, daß unsere Rheder fid) überhaupt gegen die Einführung einer Tiefladelinie sträuben, weil ihnen baburd) Lasten auferlegt würden, ist unrichtig, sie fürchten sich nur vor der Einführung einer falschen Ticsladelinie. Bei ber Hamburg-Amerika-Linie, tucldfc jetzt eine vorgeschriebeue Tiefladelinic hat, werben die Schiffe der 8-Klasse heute vielfach tiefer geladen, als vor Einführung der Tiefladelinie. Sachverständig will allerdings heute so ziemlid; Jeder über Alleö fein, cd ist aber vom Standpunkte dcS Technikers und Praktikers sehr fdjivcr, eine richtige Tiefladelinie festzustellen. Ich würde es für vermessen halten, wenn ein Kapitän sagen wollte: Id) bin im Stande, die Tiefladelinie richtig zu bestimmen. Id; habe mid; jahrelang mit diesen Dingen beschäftigt und glaube einige Erfahrung in ihnen zu besitzen, aber audi ich bin nicht in der Lage, für ein Schiff eine Tiefladclinie festzusetzen. Ich kann sie zwar festsetzen, sie ist aber auch danach. (Große Heiterkeit.) Also allgemeine Vor- fdjrtfhm über die Tiefladelinie lassen fid) nicht aufstellcn. Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsttn Alle Bestrebungen, den Seemann gegen die Gefahren seines Bereiches zu schützen, finden bei den Regierungen wärmste Unterstützung. Tas Organ, hier einzugreifen, ist die Seeberussgenossenschaft, die denn and) eine große Zahl von Verordnungen erlassen hat. Außerdem wird eine der technischen Stellen im Reichsversicherungsamt in Zukunft von einem Schifföbau- technikcr beseht werden, damit auch das Reidisverficherungsamt in die Lage versetzt ist, unter sachverständigem Bcirath die Frage dcS größeren Schutzes der seemännischen Bevölkerung zu prüfen. Ob cs sich aber empfiehlt, noch eine besondere Behörde zu schaffen, die den gleichen Zweck verfolgt und die Tliätigkeit der SeeberufSgenofsenschaft leicht stören könnte, ist mir zweifelhaft. Auf alle die technischen Fragen einzugehen, über die sich eine gesetzgebende Versammlung wie der Reichstag kaum ein Urtheil bilden kann, halte ich für unmöglich. Ich hoffe, daß eine Reihe der hier geäußerten Wünsche in nicht zu langer Zeit wird erfüllt werden können. Ob aber die verbündeten Regierungen zur Schaffuiig einer neuen Behörde geneigt fein werden, darüber vermag ich keine Erklärung abzugeben. Abg. Kirsch sEentr.) tritt für die Resolution der Kommission mit dem Antrag Stockmann ein. Abg. Lenzmann (freif. Vp.) erklärt, daß sein Antrag durchaus nickst die Tendenz habe, die Sache auf die lange Bank zu schieben; aber eö sei allerdings nolhwendig, erst weitere Erfahrungen zu sammeln. Abg. Raab wendet sich gegen den Kontreadmiral Schmidt, er (Redner) habe keineswegs einige beliebige Zahlen vorgebracht, und daraus Schlüsse gezogen, sondern habe auf Grund eines reichen Materials unter Zugrundelegung zahlreicher Seeamtsentscheidungen seine Meinung vorgetragen. Aus amtlichen Berichten geht hervor, daß viele Schiffe 50—60 Jahre alt seien, da sei eine amtliche Aufsicht sebr amPlahe. Er wisse sehr wohl, daß die amSchiff angemalte Ties- laDeltnic noch nicht allein ein Schiff über Wasser halten könne, wenn es keinen Boden habe. Es sei aber doch von hochstehender Seite, die sich ihre Sachkenntnih von Keinem abstreiten lassen werde, die Einführung der Tiefladclinie bei der Hamburger Packetfahrtgcsellschaft als eine rettende soziale Thal bezeichnet worden. Redner hofft, daß diese Ansicht auch allmalig bei der Marineverwaltung zur herrschenden werden möge. Kontreadmiral Schmidt erwidert, daß er sich keineswegs gegen die Tiefladclinie an sich ausgesprochen habe, daß er vielmehr den Wunsch habe, daß wir auf Grund eingehender Untersuchungen baldmöglichst zu einer brauchbaren Tiefladclinie kommen. Man könne dadurch Material dazu gewinnen, daß man in der Praxis den Tiefgang immer notire. Er habe sich nur gegen eine auf reiner Theorie aufgebaute Tiefladclinie erklärt. Wer sein Buch, das er über die Tiefladclinie geschrieben habe, gelesen habe, werde finden, daß er dort den Wunsch ausgesprochen habe, daß wir in Deutschland zu einer Mindestladelinie kommen. Berichterstatter Dr. Semler (natl.) konstatirt, daß in der Resolution fc.jft das Wort „Tiefladclinie" gar nicht vorkomme, sondern nur das Wort „Tiefgang" Tie Kommission habe diese Fassung mit vollem Wissen gewählt, damit nicht eine schablonen- haste Tiefladelinie gewählt, sondern die speziellen Verhältnijfe jedes Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. H69. Sitzung vom 19. April. if Uhr. Das ßauS ist äußerstschwach besetzt. Nm BundeSrathötifch: Graf PosadowSky u. A. Im Anschluß an die gestern in zweiter Lesung erledigte See- rmnnJotbrning steht zunächst zur Berathung eine von der Kommission angenommene Resolution, welche die Vorlegung etncS Gesetzentwurfs verlangt, durch welchen die Frage einer behördlichen Aufsicht über Seetüchtigkeit, Tiefgang, Bemannung und Vcr- proviantirung von Kauffahrteischiffen geregelt, für Abstellung etwaiger Mängel Sorge getragen und zu diesem Zwecke eine der Oberau fsichtsbehor de des Reiches unterstehende Instanz bestimmt wird. m . v .. Abg. Lenzmann (freif. Vp.) beantragt, in dieser Resolution daS Wort „Tiefgang" zu streichen und am Schlüsse die Worte hinzuzufügen „sowie baldmöglichst einen Gesetzenttvurf über den Tiefgang und die Ladelinie vorzulegen, welchen die vraktischen Erfahrungen der Handelsmarine über Tiefgang und Ladclinie zu Grunde zu legen sind". DaS HauS ist so schwach beseht, daß nicht einmal die zur Unterstützung dieses Antrages nöthige Anzahl von 30 Mitgliedern anwesend ist. Präsident Gros Ballestrem erklärt daher, daß er aus „technischen Gründen" erst später die Unterstützungsfrage stellen werde. Abg. Lenzmann (freif. Vp.) befürwortet hierauf seinen Antrag und wendet fid) dabei auch gegen den „Vorwärts", der ihm vorgeworfen habe, daß er ein Freund der Rheder sei. Er kenne keinen Rheder persönlich, sei an keiner Schifffahrtsgesellschaft bc* theiligt, und besitze nicht eine einzige Schifffahrtsaktie. Der Antrag sei nothwcndig, da die Ansichten über den Werth der Ticflade- Itnie getheilt seien, eS würde sogar behauptet, daß Schiffe mit einer Tiefladelinie mehr Unfälle erlitten, als andere, die diese Linie nicht besäßen. Man Dürfe bei der Tiefladclinie sich nicht überhasten, sondern müsse erst praktische Erfahrungen abwarten. Er bitte daher seinen Antrag, Der keinerlei politischen Beigeschmack habe, anzunehmen. Abg. Dr. Stockmann (Rp^) schließt sich diesen Ausführungen an. Die Untersuchungen DcS Germanischen Lloyd hätten ergeben, daß Das englische Tiefladcgesctz sich nickst für alle deutschen Schiffe eigne. Er meine jedoch. Die Absicht des Abg. Lenzmann würde besser erreicht, wenn man in die Resolution Der Kommission Die Worte aufiiehme „unter Berücksichtigung der praktischen Erfahrungen der Handelsmarine". Abg. Schwart» (Soz.) hält eine Tiefladelinie für durchaus noth- toenbig. Da es notorisch sei. Daß viele Schiffe Durch UcberlaDung zu GrunDe gegangen wären. Auch Die Zahl Der Bemannung müßte gesetzlich festgesetzt werden, viele große Schiffe hätten eine viel zu geringe Bemannung, da die Rheder überall zu sparen suchten. Fehlten Doch auf manchen Schiffen sogar die RettungSgürtel. Die Rheder müßten überall Durch gesetzliche Vorschriften gcbuiiben werden, sonst ließen sie es an dem Nothwendigsten fehlen. Abg. Raab (Antis.) freut sich, daß gegen die Resolution kein Widerspruch erhoben sei und hofft. Daß die Einmüthigkeit des Reichstags aud) auf Die Regierung von Einfluß sein werde. Herr Lenzmann scheine von dem Gedanken auszngehen, daß Die Regierung zu stürmisch unD zu unüberlegt vorgehen werbe. Da bieS kaum anzunehmen sei, wäre Der Antrag Lenzmann überflüssig. Die Frage Der TieflaDelinie sei genügend geklärt, in England bestehe feit langem schon ein Gesetz, dessen einziger Mangel sei, daß eS nicht weit genug gehe. Wenn wir aber dem guten Beispiel Englands folgten, würde England sicher sein Gesetz noch weiter aus- bauen. Wünschenswerth sei cs, daß uns eine genaue und zuverlässige Statistik über die Seeunfälle vorgelegt werde, die uns leider noch immer fehle. Unrichtig fei es, daß England trotz seiner Ticf- ladelinic größere Verluste an Schiffen als Deutschland hätte. Nach Lloyds Bericht in London hätte England 0,02, Deutschland 0,04, Frankreich 0,06 Proz. seiner Mannschaften bei Seeunfällen verloren. Kontreadmiral Schmidt: Die mehrfach auftauchende Behauptung, daß viele unserer Schiffe durch Ueberladung zu Grunde gingen, veranlaßte mich zu einem eingehenden Studium Der Unfallstatistik seit 1876, der deutschen wie der englischen. Ich will Ihnen die Ergebniste meines Studiums im Einzelnen nicht vorfuhren, das würde Sie ermüden, ich habe sic veröffentlicht und Jeder, Der sie nachprüfen will, kann das thun. Meine Ergebnisse stimmen mit denen des Vorredners nicht überein, das ist aber auch kein Wunder, Denn Herr Äaab greift sich irgend ein beliebiges Jahr heraus, während sich meine Statistik, wie das bei jeder zuverlässigen Statistik der Fall sein muß, auf eine lange Reihe von Jahren erstreckt. Die Unfallstatistik beweist, daß die hölzernen Segelschiffe leichter zu Grunde gehen, als die eisernen, weil sie nicht so widerstandsfähig sind, und sie beweist ferner, daß Segelschiffe überhaupt leichter zu Grunde gegen, als die Dampfer, weil gerade Die Segel in Wind und Wetter sich als ein das Schiff ge- fährdcndcr Faktor erweisen. Das Alter der Schiffe thut gar nichts zur Sache. Es gehen auch neue Schiffe zu Grunde. Geünß flieht Schiffes berücksichtigt würden. Er bitte daher, eS bei der Fassung der Kommission zu lasten. , k Der Antrag Lenzmann findet nunmehr, Da fid) Das Haus etwas gefüllt hat, die nöthige Unterstützung. Die Abstimmung über Die Resolution und die Anträge Lenzmann und Stockmann wird in Der dritten Lesung stattfinbcn. _ . . Es folgt die zweite Berathung der zur SecmannSordnung gehörenden DreiNebenge setze. Tas erste Gesetz, betreffenb die Verpflichtung Der Kans« fahrteischiffe zur Mitnahme l, e 1 m z n s ch a f f e n - der Seeleute wird nach unwesentlicher Debatte mit einigen Aenderungen, Die nur Konsequenzen der Beschlüste zur Seemanns« orbnung finb, angenommen. Desgleichen ber Entwurf betreffend die (Stcllcnbcr* mi11lung für Schiffsleute und der Entwurf bctreftend Abänderung feere chtlicher Vorschriften deg Handelsgesetzbuchs. Aus Antrag Singer sSoz.) wird hieraus Der nächste Punkt Der Tagesordnung, der Scrvisiarif, zurückgesetzt. Das HauS geht über zur zweiten Berathung der von den Abgg. R i n t e l c n (Eentr.), Lenzma n n (fr. Vp), Munckel (fr. Vp.) und vo» S a I i f d) (kons.) eingebrachten Gesetzentwürfe bett. Aenberung und Ergänzung DcS GcrlchtSvcrfassungögcfctzcS mid der Strafprozeß- Ordnung, der Eivilprozeßordnung und deS Strafgesetzbuchs (Einführung der Berufung gegen Strafkarnmer-Urtheile; Nacheid statt Voreid rc.). Tic Kommission beantragt rn . , 1) folgende Resolution anmnehmeltt «Die verbündeten Regierungen zu ersuchen, balbmöglidnl Dem Reichstage einen Ent- Ivurf betr. AenDerung DcS Gcrichtövcrfastimgügesetzev und Der Strafprozeßordnung im Sinne der Wiedereinführung Der Berufung vorzulegen." 2) über die Anträge Dr. Rintelcn (Eentr.), Lenzmann (fr. Vp.), Munckel (fr Vp.), v. Salisch (kons.) hiernach zur LageSordnuiig uberzuaehen. Abg. Diinlclcn (Eentr., schwer verständlich) begründet den Beschluß Der Kommission hauptsächlich Damit, Daß c3 bei Der Geschäftslage Des Hauses ganz unmöglich erscheine, diese umfassende Materie grunblid) durchzuberathen. Tie Regierung hätte jetzt freie Bahn und würde hoffentüd) ber Resolution ftattgeben unb Durch Den Staalsselretär eine schleunige Ausarbeitung einer cnlforcdjcnoca Vorlage in Aussicht stellen. _ Staatssekretär Dr Nicberdlng: Ich muß die Erwartungen bc8 geehrten VorrebnerS insofern cnttäufd)cn, als ich nicht in Der Lage bin, im Namen der verbündeten Negierungen hier eine Erklärung abzugeben. Ich kann Dagegen allerdings aus meiner persönlichen lieber« zcugung Folgendes sagen: Daß. wenn Der Reichstag durch eine Resolution, tote sie hier voraeschlagen ist, seinerseits die Absicht tunbgicbr, von der Initiative zu einer Gesetzesvorlage, wie sie geplant war, ab« zustehen. Daß bann die verbündeten Regierungen fid) Der Aufgabe nicht werden entziehen können, eine Revision, Die sie früher als noth- wendig anerkannt haben, wieder ihrerseits in die Hand zu nehmen. Ich bin bereit — das e»kläre ich gerne — AllcS, was in meinen ifräften steht, zu thun, um in Diesem Sinne für Die Wetterführung Der Sache zu wirken. Ob das im Sinne Des Vorredners „schleunigst' gehen wird (Abg. Singer ruft: Seiner Zeit! Heiterkeit), weiß ich nicht: daß Wir aber redlich Alles thun Werden, um Die Sache zu fördern, brauche ich nach Den Bor« gangen Der früheren Jahre nicht weiter auSeinanberzusetzem Der Kommissionsbeschluß spricht aber auch von einer «enderung der Strafprozeßordnung „im Sinne der Wiedereinführung Der Berufung". Ich versiehe eS vollständig, daß Die Antragsteller und evcnt. auch DaS HauS sich dahin aussprechen, ich muh aber, Da ich nicht in ber Lage bin. Die Ansichten ber Verbündeten Regierungen hier vorzutragen, ihnen Vorbehalten, ob sie ihre Ausgabe nack) dieser Richtung hin so auffasten, wie die Antragsteller. ES ist Dem Hause bekannt, daß unter Den Bundesregierungen sich eine ganze Anzahl befinden. Die mit Der Einführung Der Berufung niemals einverstanden gewesen sind. M) darf diesen hohen Regierungen hier nicht vorgreifen, indem ich vorbehaltlos einer Resolution zuftimme. Die sich für Die Einführung der Berufung auSfpricht, aber auch hiev wird die ernste Absicht nach meiner Meinung bestehen, diese Frage im Einvernehmen mit Dem Hause endlich zu einer gesetzlichen Regelung zu bringen. Die Resolution wird hierauf einstimmig anfltt notnmen. _ _ Die Anträge werden durch Uebergang zur TageSordi nung erledigt. r Hierauf vertagt sich das HauS auf Montag 1 Uhr« Tagesordnung: Novelle zum Servistarif und Gesetzentwurf betr. Beseitigung Dc3 fliegenden Gerichtsstandes bei Presse. Nach einer Mttihcilung des Präsidenten soll nach Erledigung dieser beiden Gesetze Die zweite Le nng bei Schaum- wernsteuergcsetzeS borgenommen toeiocn. Schluß 5% Uhr. Heinrich XXII., Fürst von Rcntz alt. L. f. Ter regierende Fürst Heinrich XXII. von Reuß ä. L. ist am <5er Verwaltung der Südsee-Jnseln beauftragt. Hoffentlich wird es ihm vergönnt sein, «den schweren Fieberansall bald zu überwinden und seine ftühere Gesundheit wiederzuerlangen. Aus Stadt und Sand. Gießen, 21. April 1902. ** Dienstnachrichten. Durch Entschließung des Ministeriums der Jusüz wurden beauftragt: der Gerichtsaffeffor Denk in Mainz mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Anitsrichters bei dem Amtsgericht Bingen, die Gerichts- assesioren Glückert in Darmstadt mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Staatsanwalts am Landgericht der Provinz Starkenburg, Würth in Darmstadt mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Amtsanwalts bei dem Amtsgericht Darmstadt I und Friedenreich in Alzey mit Wahrnehmung solcher bei dem Amtsgericht Mainz, der Ge- richtsaeeessist Gaus in Eppelsheim mit Wahrnehmung olcher bei den Amtsgerichten Alzey, Pfeddersheim und Wörrstadt. — In den Ruhestand wurde versetzt am 16. April der Gefangenwärter am Haftlokal in Beerfelden' Schäfer I. auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner ' angjährigen treuen Dienste mit Wirkung vom Dienstantritt eines Nachfolgers an. — Ernannt wurde der Bahnwärter bei der Main-Neckar-Eisenbahn Emig zum Weichensteller bei dieser Bahn. — In denj .Ruhestand wurde versetzt am 7. April der Bahnwärter in der Hessisch-Preu ßisch en Eisenbahngemeinschaft Frühling zu Büdinger-Wald, mit Wirkung vom 1. Mai an. ** Reichspost personalnachrichten. Der Vortragende Rat im Reichspostamt, Geh. Ober-Postrat K o b e l t, )er, wie gemeldet, am 1. Juli Ober-Postdirektor in Darm- tadt wird, ist e,in geborener Hesse und stand ursprünglich im fürstlich Thum und Toxischen Postdienst, aus dem er 1868 in den Dienst der Norddeutschen und später der Reichs- wst übernommen wurde. Nachdem er längere Zeit Post- inspektor in Potsdam gewesen war, wurde er 1883 Postrat in Frankfurt a. M. 1886 kam er als kommissarischer Hilfsarbeiter zum Reichspostamt, wo er 1888 Ober-Postrat und tändiger Hilfsarbeiter und 1890 Geh. Postrat und Vortragender Rat wurde. Seit 1895 ist er Geh. Ober-Postrat. — Versetzt sind: Der Postmeister Huesker von Altenbeken nach Nidda, der Postverwalter Fleckenstein von Neu- Isenburg nach Schliz, die Postassistenten Diemer von Butzbach nach Heppenheim und Joseph von Lauterbach nach Neu- Isenburg, Knodt von Gießen nach Groß-Gerau, Mättner von Dortmund nach Butzbach, Markwort von Mannheim nach Osthofen, Nickel von Homberg nach Freiburg (Breisg.), Stein von Frankfurt nach Alsfeld, Stock von Frankfurt nach Büdingen. — Etatsmä ßig angestellt sind: die Postwärter Klaus und Küchle in Friedberg und Schäfer in Alsfeld als Postassistenten, die Postassistenten Erb in Gießen, Flath und Lott in Bad Nauheim, Schmidt in Friedberg — Angenommen sind: als Postanwärter: Reitz in Butzbach, die Vizefeldwebel Ruppel in Lauterbach und Weitzel in 'Nidda, der Sergeant Lotz in Gießen. Als Tele- graphengehülfinnen: Emilie Goes und Elisabeth Mandel in Darmstadt. Als Postagenten: der Gastwirt Brück in Wißmar, der Landwirt und Posthülfstelleninhaber Rupp in Alten-Buseck (Kr. Gießen). Die Po stas sistenten - irüfung bestand der Postgehülfe Poths in Alsfeld. I n den Ruhestand tritt: der Postmeister König in Nidda. Schlitz, 20. April. Der Kaiser wird auch in diesem Jahre wieder seinen ehemaligen Schulkameraden und Jugendfreund Grafen v. Görtz-Schlitz nebst Familie beuchen und voraussuhtlich mehrere Tage hier veriveilen. Der genaue Zeitpunkt der Ankunft des Monarchen wird erst noch mitgeteilt werden. Darmstadt, 19. April. Die Zweite Kammer tritt am Freitag und Samstag zusammen, um die Regierungsvorlage über den Lotterievertrag zwischen Hessen und den thürin gisch-anhaitischen Staaten und einige kleinere Vorlagen zu erledigen. Zu einer längeren Session wird es voraussichtlich erst nach Pfingsten kommen. Kassel, 18. April. Der Generaldirektor der Trebergesellfchaft Adolf Schmidt bereitet der Justizbehörde allerlei Schwierigkeiten, indem er sich weigert, sich in den verschiedenen hier infolge des Treberkraches schwebenden Zivilprozessen als Zeuge vernehmen zu lassen. Er erklärte, daß er nur Auskunft in dem gegen ihn schwebenden Verfahren wegen betrügerischen Bankerottes geben werde. Letzterer ist übrigens noch nicht abgeschlossen. Schmidt erklärte, selbst im Falle seiner zwangsweisen Vorführung in den betreffenden Zivilprozessen sein Zeugnis verweigern zu wollen. Es würde bei dieser Sachlage fteilich überflüssig sein, auf feiner Vernehmung zu bestehen, da ein Zeugnis-Zwangsverfahren bei einem schon in Haft Befindlichen wirkungslos, vielleicht auch bei Schmidt mit Rücksicht auf die Auslieferungsbestimmungen nicht möglich ist. Die betreffenden Prozesse erfahren aber durch Schmidts Verhalten eine arge Verzögerung. Einer dieser Prozesse, in welchem aus diesem Grunde von vornherein auf Schmidts Zeugnis verzichtet wurde und der von der Zivilkammer des Landgerichtes heute verhandelt wurde, illustrierte ine Art, in welcher die Gelder der Treberverwaltung vergeudet werden, recht lebhaft. Es handelte sich um eine Klage, welche der intimste Freund Schmidts, Ingenieur Larsen, der Erfinder der vielgenannten „rotierenden Retorte"/ gegen die Trebergesellfchaft wegen rückständigen Gehaltes angestrengt hatte, den er als Vorstand der Generalvertretung der Gesellschaft zu Kopenhagen glaubte beanspruchen zu können. Der Vertreter der beklagten in Konkurs befindlichen Gesellschaft legte hier eine im Bureau gefundene Liquidation Larsens aus dem Jahre 1900 vor, die einen dreimonatigen Aufenthalt Larsens in Kassel aus dem Jahre 1900 zum Zwecke der Besprechung der Uebernahme des Repräsentantenpostens in Kopenhagen betraf. In dieser Liquidation waren nun eingestellt für das Bewohnen einer Villa auf Wilhelmshöhe 1800 Mark und für die Aufenthaltskosten 2400 Mark, insgesamt mit weiteren „Kleinigkeiten" 5000 Mark. Diese Summe ist auch auf Anweisung Schmidts an der Kasse der Gesellschaft bezahlt worden, ohne daß eine wirkliche Leistung dafür stattgefunden hätte. Larsen soll übrigens nach Ausbruch des Treberkraches die Erklärung Äeben haben, er betrachte sich nicht als Beamter der schäft und werde deshalb keine Ansprüche gellend machen. Trotzdem hat er jetzt die erwähnte Klage angestrengt, deren Verhandlung übrigens zwecks weiterer Be- weiserhebung auf später vertagt wurde. Universitäts-Uachrichten. — Ter Tübinger llniversitätsprosessor und Vorstand des chemischen Instituts Dr. Freiherr v. Pechmann wurde in seinem Bette tot aufgefunden. Man spricht von Selbstmord durch Ver- giftung. - . -- Kunst und Wissenschaft. ^Mechtshausen, 19. April. Der Kaiser ließ Wilhelm Busch folgendes Telegramm zugehen: Dem Dichter und Zeichner, dessen köstliche Schöpfungen voll echten Humors unvergänglich im deutschen Bolle leben werden, spreche ich meinen aufrichtigen Glücke wünsch zum 70. Geburtstage aus. Möge demselben em schöner Lebensabend beschieden sein, in Dankbarkeit für die vielen fröhlichen Stunden, welche sie ihm bereiten. Wilhelm IL R. Gerichtssaal. Nürnberg, 19. April. Die Strastammer verurteilte den Rechtsanwalt Max Schweitzer wegen mehrerer Unterschlagungen von Klientelgeldern zu sieben Monaten Gefängnis. Der Staatsanwalt erklärte, daß gegen Schweitzer noch weitere An» zeigen vorliegen. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers^. Berlin, 20. April. An dem Festmahl zu Ehren des Prof. v. Leyden nahmen Kultusminister Dr. Studt, Mi- nisterialdireetor Althoff, Oberpräsident von Bötticher, der Oberbürgermeister, die Geheimräte Prof. Waldeyer und Fraenkel, sowie andere hervorragende Persönlichkellen und zahlreiche Damen, im Ganzen über 400 Personen, teil. Der Kultusminister brachte das Hoch auf den Kaffer aus, den Förderer von Kunst und Wissenschaft. Geheimrat Waldeyer eierte den Jubilar, dieser dantte tief bewegt für alle Ehrungen md toastete auf die Berliner Universität. Der Kultusminister prach sodann Leyden die Glückwünsche der Unterrichtsverwaltung aus und schloß mit einem Hoch auf ihn, dessen Name heute in der ganzen Well gefeiert werde. Leyden erwiderte dankend. — Hunderte von Glückwunschtelegrammen ind ihm aus allen Ländern zugegangen. Wien, 20. April. Nach hier auf Umwegen eingetroffe- nen Privatmeldungen aus Novibazar sollen von einem rüheren Studenten, einem Nihilisten, auf den wrtigen $oub erneut drei Revolverschüsse abgefeuert worden sein, von denen zwei trafen. Die Verwundungen seien jedoch ungefährlich. Budapest, 20. April. Gestern abend ist der Han- öelsminister Horanszky geftorbejn. Als fein Nachfolger wird der Abg. Hieronyrni genannt. Balmoral, 21. April. Lucas Meyer und Reitz trafen gestern abend aus Pretoria hier ein. Heute vormittag traten sie mit einer englischen Eskorte die Reise nach dem nördlich gelegenen Silberminenfels an, wo sie auf ein Burenkommando zu stoßen glauben. Newyork, 21. April- Der „Newyork Herald" meldet aus Managua: Die Mllglieder der konservativen Partei, Gegner des Präsidenten, sprengten Mittwoch Nacht die dortigen Baracken in die Luft. 150 Personen tour- )en getötet. Die Beerdigung findet Montag den 21. Aprll, nachmittags 5 Uhr, vom Sterbehause, Katharinengasse 11, aus statt. Todes-Anzeige. Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, unsere innigst geliebte Braut, unsere unvergeßliche Schwester, Schwägerm und Tante grtiilria Frieda Mohr im 26. Lebensjahre nach langem, schwerem Leiden zu sich zu rufen. Um stille Teilnahme bitten Die trauernden Hinterbliebenen. Gießen, Pforzheim, Heidelberg, den 20. April 1902.