Nr. 16 Montag, 30, Januar 1903 163. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Eichener Kamilienbiätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ,,hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Gietzener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teilt P. WiUko; für den Anzeigenteil: H. Deck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen UnioersitätSdruckerei (Pietsch Erben), Gießen, General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen. -....... ■ . 1 "J ■ 1 — ....... ■ 11 "»"•«-•.'L........-JL ST-' ---J Parlamentarische Verhandlunnen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. kl21. Sitzung vom 18. Januar« tf Uhr. Das Haus ist sehr schwach besetzt. Am Bundesrc. hstisch: Gras Posadowsky Q. Ö. Die Besprechung der Interpellation Albrecht und Gen. (Soz.), betreffend Maßregeln gegen die Arbeitslosigkeit, wird fortgesetzt. Abg. Graf Kanitz (fonf.): Der Abg. Gothein hat gestern kein Wort über unser Verhältnis zu Amerika gesagt. Ich freue mich, daß die Mehrheit der Zolltarif-Kommission gewillt ist, den amerikanischen Zollsätzen entsprechende Sätze in den neuen Tarif einzu- setzcn. Der Abg. Fischbeck hat in seiner Eigenschaft als Stadtrath in der Berliner Stadtverordnetenversammlung nachgewiescn, daß man in Berlin von einer übermäßigen Arbeitslosigkeit nicht reden könne, höchstens würden in der Metall-Industrie weniger Leute beschäftigt. Es ist sehr schwer, eine Arbeitslosen-Statistik auf- zustcllen, da man eine Unterscheidung zwischen Arbeitsscheuen und wirklich Arbeitslosen kaum machen kann. Auch muß man die vielen Streikenden berücksichtigen, Streikende dürfen doch nicht in leine Arbeitslosen-Versichcrung einbezogen locrden. Auch giebt es mindestens 200 000 arbeitsscheue Vagabunden, die überhaupt niemals arbeiten. Die wirkliche Arbeitslosigkeit ist freilich ein Uebcl, das auch wir zu bekämpfen wünschen. Unsere ganze Wirthschafts- politik zu Gunsten der Industrie und zum Schaden der Landwirth- schast mußte solche Verhältnisse zeitigen und eine Entvölkerung des Landes, eine Ueberfüllung der großen Städte herbeiführen. Jetzt möchte man dieses gern rückgängig machen. In erster Linie müssen die Kommunen sorgen, doch kann auch der Staat durch Vergebung von Arbeit manches thun. Der Geldmarkt steht nicht so günstig, wie Herr Gothein meinte. Wir können unsere Staatspapicre nur zu 89,80 unterbringen, während die französische Rente pari steht. Ich billige es nicht, daß deutsches Geld ins Ausland geht, z. B. um anatolische Bahnen zu bauen, während bei uns weit bessere Bahnen nicht gebaut werden können. Wenigstens sollte mcm unseren Botschafter in KonstanUnopcl nicht anwciscn, in der Frage der anatoli- schen Bahnen seinen Einfluß geltend zu machen. Die Arbeitsnoth ist auch durch das Kohlensyndilat verschärft, das eine Produktions- Einschränkung von 10 pEt. vorgenommen hat, nur um die hohen Preise aufrecht zu erhalten. Freilich soll das Syndikat beabsichtigt haben, Händlern, welche sich der Preistreiberei schuldig machten, eine Geldstrafe aufzuerlcgen, ob dies wirklich geschehen ist, weiß ich nicht. Eine solche Bestrafung brauchte doch kein Geheimnis; zu blewen. Auch das Koks-Syndikat hat die Förderung eingeschränkt. Dabei wird dem Auslande noch immer billiger geliefert, als dem Jnlcmd, durch solche Schleuderprersc wird die ausländische Konkurrenz zum Schaden unserer Industrie gestärkt. Wenn Sie (zu den Sozialdemokraten) den Zolltarif zu Falle bringen, so schädigen Sie die Arbeiter. Wir, die wir den Zolltarif zu Stande bringen wollen, sind deshalb die besten Freunde der Arbeiter (Lachen und Widerspruch bei den Sozialdemokraten). Wenn Sie (zu den Sozialdemokraten) den Zolltarif zu Fall bringen, sägen Sie den Ast ab, auf dem Sie sitzen. (Lachen links. Beifall rechts.) Abg. Hofmann-Dillenburg (nat.-lib.): Daß ein gewisser Noth- ftand besteht, hat gestern mich der Staatssekretär anerkannt. Aus den Berichten geht hervor, daß überall eine Arbeitslosigkeit in einem bestimmten Umfange vorhanden ist. Seit der Abfassung der Berichte ist der Nothstand wahrscheinlich noch größer geworden. Der Interpellant hat aus den neulichen Ausführungen der Kollegen Schlumberger ganz falsche Schlüsse gezogen, Herr Schlumberger hat keineswegs die Kinderarbeit verherrlicht, und sich gegen Maßregeln zur Bekämpfung der Kinder-Ausbeutung ausgesprochen. Mit dem Grafen Kanitz stimme ich darin überein, daß man nicht vergessen darf, daß sich unser den Arbeitslosen auch Arbeitsscheue befinden. Deshalb ist es schwer, eine Statistik aufzustcllen. Der Abg. Gothein hat als Ursache der Krisis nur die Ueberproduktion angeführt; ich bin der Meinung, daß wir Krisen auch für die Zukunft nicht werden verhindern können, aber zweifellos ist die innere und äußere Wirthschaftspolitik auch eine Ursache der Krisis. Man mutz unterscheiden zwischen periodischer und außergewöhnlicher Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit ist zum Theil verschuldet, zum Thcil unverschuldet; gegen die letztere etwas zu thun, ist zweifellos unsere Pflicht. Vor allem sind Staat und Gemeinde verpflichtet, Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Gewundert habe ich mich über die feindliche Stimmung der „internationalen" Sozialdenrokratie gegen die ausländischen Arbeiter, die der Jmerpellant als Lohndrücker bezeichnet hat. DaS stimmt doch für einige Branchen zweifellos nicht. Die Erdarbeiten am Teltow-Kanal z. B. Waren zuerst deutschen Arbeitern angcbotcn, sic war ihnen aber zu schwer, und nun wurden italienische Arbeiter geholt, die die Arbeit ohne Mühe verrichteten. Ein Reichsarbeitsamt verlangt auch ein Theil meiner Freunde; wir halten es ferner für nöthig, daß der Staatssekretär der neuen statistischen Abtheilung auch die Arbeitslosenstatistik überweist. Ebenso müßte der Arbeitsnachweis ausgebaut werden, wir brauchen nicht nur städtische, sondern auch ländliche Arbeitsnachweise. Ich stimme darin mit dem Abg. Hitze überein. Die Arbeitgeber haben daran das größte Interesse und müssen deshalb zu den Kosten mit herangezogen werden. Für eine allgemeine Arbeitslosenversicherung fehlen uns die statistischen Unterlagen; wohl aber ist eine Versicherung in beschränktem Maße auf der Grundlage der Berufsgenossenschaften möglich und durchführbar. Aber dies kann nicht unsere nächste sozialpolitische Aufgabe fein, denn weit wichtiger ist die Wittwen- und Waisenversorgung. (Beifall.) Sächsischer Bundesbcvollmächtigter Graf von Hohenthal: Der Abg. Zubeil hat sich in der Begründung seiner Interpellation darüber beschwert, daß seitens der sächsischen Staatseisenbahnverwaltung Arbeiter entlassen sind. Mir war von solchen Entlassungen zwar nichts bekannt, da ich aber über diese Angelegenheit nicht vollständig inltfmirt war, so habe ich gestern von einer Antwort abgesehen. Ich oin nun heute durch ein Telegramm in die Lage versetzt, vollständig Auskunft zu geben. Nach dem Telegramm hat die sächsische Staats- eisenbahnvcrwaltung bisher ständige Arbeiter loegen Mangel cm Beschäftigung, obschon solcher vorliegt, nicht entlassen und beabsichtigt, dies trotz der schweren Opfer auch nicht zu thun. Vorübergehend zur Aushilfe angenommene Arbeiter sind allerdings zu Beginn des Winters, wie ihnen von vornherein bekannt gemacht war, und wie es alljährlich vorkommt, aus der Arbeit entlassen worden. (Hört, hort! bei den Sozialdemokraten.) Es ist aber diesmal besondere Fürsorge getroffen, dah diese Arbeiter bei Staatsbauten wieder beschäftigt werden, und da gegenwärtig eine ganze Reihe staatlicher Bauten theils in Angriff genommen sind, theils in Angriff genommen werden, werden diese Arbeiter hoffentlich, soweit sie noch nicht Beschäftigung gefunden haben, in allernächster Zeit beschäftigt werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch ein Wort sagen über eine Notiz, die kürzlich durch die Presse gegangen ist. In einer hiesigen Zeitung habe ich gelesen, cs hätten bei der sächsischen Ma- schiuensabrik von Hartmann Arbeitkrentlassungen stattgefunden, well die von der Regierung gegebenen Aufträge zurückgezogen seien. In Wirklichkeit haben Verhandlungen startgefunden wegen deS Baues von Lokomotiven. Im Laufe der Verhandlungen kam cs zu einer Einigung auf der Grundlage, daß die Maschinenfabrik versicherte, sie wolle die Arbeiter, denen sie gekündigt habe, wieder cinstcllen. Auf diese Zusicherung hin ist ihr ein größerer Auftrag an Lokomotiven zu Theil geworden. Also seitens der Regierung ist trotz der schlechten finanziellen Lage Alles geschehen, um der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit vorzubcugen. Abg. Gamp (Np.)? Den Arbeitsnachweis könnte recht gut die Vcrufsgcnossenschaft einheitlich für den industriellen Arbeiter organi- siren. Viel schwerer würde das aber für die landwirthschaftlichen Arbeiter zu machen fein. Die Feststellung, inwieweit Arbeitslosigkeit besteht, ist sehr schwierig, aber es kann jedenfalls keinem Zweifel unterliegen, daß augenblicklich in erheblichen Erwerbszweigen eine mehr oder weniger erhebliche Arbeitslosigkeit besteht. Das hätte die Regierung zu einem Vorgehen veranlassen sollen. Wenn in Frankfurt a. M. wirklich Krawalle wegen Arbeitslosigkeit vorgekommcn sind, so wird hoffentlich später der Strafrichter berücksichtigen, daß ein Mann, dessen Frau und Kinder, weil er keine Arbeit hat, hungern müssen, leicht zu Exzessen veranlaßt werden kann. Wenn in Frankfurt a. M. Arbeitslosigkeit herrschte, so hätten doch die Stadtverordneten etwas dagegen thun können. Ich bemerke, daß ich nur für meine Person spreche. In den Berufsgenossenschaften könnten, wenn sic etwas anders organisirt würden, der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen sehr Ersprießliches für beide Thelle leisten, auch in Bezug auf Arbeiterstatistik. Wenn jetzt eine solche Statistik gemacht werden soll, müssen auch landwirthschaftliche Sachverständige zugezogen werden, die den Reallohn der landwirthschaftlichen Arbeiter sachgemäß abzuschätzen verstehen, damit über die Lohnverhältnisse der landwirthschaftlichen Arbeiter kein falsches Bild entsteht. Für die Heranziehung auswärtiger Arbeiter habe ich nie Sympathie gehabt, aber sic war nun einmal dringend nothwendig, namentlich auch für den Kohlenbergbau. Man kann jetzt nicht plötzlich diese Arbeiter sämmtlich abstotzen, um den heimischen Arbeitern Beschäftigung zu verschaffen. Wenn man die Kanalvorlage hier mit hcranzieht, so mutz ich doch bemerken, daß zum Kanalbau nur ausländische Arbeiter verwandt werden können, da einheimische Arbeiter dazu sich nicht eignen. Wenn man sagt, in erster Linie müßten die Gemeinden gegen Arbeitslosigkeit Maßnahmen ergreifen, so weiß ich nicht, ob die Rechtsgrundlage für eine solche Ansicht eine haltbare ist. Wen der Arbeiter Noth leidet, ist er berechtigt, an den Staat dieselben Forderungen zu stellen, wie jeder andere nothleidende Stand. Bei dieser Gelegenheit möchte ich den Staatssekretär fragen, wie es mit der Reform der Armenpflege steht. Wesentlich trägt zur Arbeitslosigkeit auch der Zuzug jugendlicher Personen von 14—18 Jahren vom Lande in die Stadt bei. Die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist ein schöner Gedanke, aber einstweilen sind wir noch sehr weit ab von seiner Verwirklichung Eine Versicherung auf bcrufsgenossenschaftlicher Grundlage scheint unprakttsch, weil gewöhnlich eine Krisis in einem bestimmten Berufe Arbeitslosigkeit hervorruft, und die Folge davon wäre eine Schlechterstellung der betreffenden Berufsgenossenschaft. Die bisherigen Versuche einer kommunalen Arbeitslosenversicherung haben Fiasko gemacht, wir müssen daher auf andere Hilfsmittel bedacht sein. Ich empfehle die Errichtung öffentlicher Kreditinstitute für Arbeiter, die seitens der Kommunalverbände ins Leben gerufen werden könnten. Weshalb soll man einem Arbeiter, der an sich fleißig und tüchtig ist, keinen Kredit aus öffentlichen Mitteln zur Verfügung stellen? Ich möchte überhaupt jede Spargelegenheit gern unterstützen und bedaure deshalb, daß das Postspargesch nicht wieder erschienen ist. Man darf ferner nicht vergessen, daß sich die Arbeiter bei Privatunternehmern besser stehen, als bei Aktiengesellschaften; die Umwandlung vieler Betriebe in Aktiengesellschaften hat wesentlich zur Steigerung der Produktion und zu der sturzweisen Produktion beigetragen. Dazu beigetragen hat auch unsere Arbeiterschutzgesetzgebung; viele Söhne hervorragender Kaufleute ziehen sich aus dem Geschäft zurück, sie werden Offiziere ober Beamten, weil sie die ewigen Drangsalirun- gen satt haben. Einem Unternehmer bleibt ja schließlich in Folge der ewigen Anforderungen der Fabrikinspektoren nichts anderes übrig, als die Bude zuzumachen. Den Kartellen ifc.ed gelungen, die Produktion zu regeln und sie den Bedürfnissen anzupassen. In der Landwirthschaft haben wir sogar Arbeitermangel. Wir erkennen das Recht auf Arbeit für unsere ständigen Arbeiter durchaus an, wir tragen selbst die Folgen der ungünstigen Konjunktur, und zwar dadurch, daß wir Jahreskontrakte haben. ,(3urufe bei den Sozialdemokraten. Redner macht eine Pause.) Vicepräsident Graf Stolberg: Ich bitte, die Zwischenrufe zu unterlaßen, die den Redner stören. (Große Heiterkeit.) Abg. Gamp (fortfahrend): In der Landwirthschaft müssen wir unsere Leute bezahlen, auch wenn wir keine Arbeit für sie haben. Würde die Anlage von gewissen Fabriken in den Städten verboten werden, fo würden wir den Arbeitern auf dem Lande Arbeitsgelegenheit fdjaffen. Im klebrigen würde sich auch für die Industriearbeiter der Abschluß von vierteljährlichen Kontrakten empfehlen. Die Hauptsache bleibt aber, die Arbeiter seßhaft zu machen. Seßhafte Arbeiter, die ihr Häuschen und ihr Stück Land haben, können die Krisis weit leichter tragen. Wenn unsere nationale Industrie in gesunden Bahnen sich bewegt, geht es auch den Arbeitern gut. Deshalb ist ein Schutz gegen die ausländische Schleuderkonkurrenz nöthig. Ich bitte die Linke, mit uns einen guten Zolltarif zu machen, dann werden mir auch gute Handelsverträge haben. Bis dat, qui cito dat. (Beifall rechts.) Staatssekretär Gras Posadowsky: Ich habe ausdrücklich aus- geführt, daß wir, fo weit es uns nur möglich ist, eine Beschleunigung der Bauten vornehmen werden. Doch können wir dies nur thun, soweit uns die Mittel dazu bewilligt sind. Wenn Sie also Arbeitsgelegenheit durch eine Vergrößerung der Flotte schaffen wollen, müssen Sie uns dazu die nöthigen Steuern bewilligen. (Lachen links.) Anders geht es doch nicht. Wenn man also der Regierung solche Vorwürfe macht, wie es der Vorredner gethan hat, muß man sie besier begründen. (Abg. Gamp ruft: Habe ich gar nicht gethan!) Gewiß, das haben Sie gethan und ich mache Sie verantwortlich dafür. Die Reichsregierung kann doch keine Straßen und keine Schlachthäuser bauen, sie hat weder die nöthigen Mittel noch die Organe dazu. All da§ ist Sache der Einzelstaaten. (Zuruf: Elsaß-Lothringen!) In Elsaß-Lothringen werden die Eisenbahnbauten auch nach Möglichkeit beschleunigt. Dann forderte der Vorredner eine Reform der Armengesehgebung. Innerhalb der preußischen Regierung wird über diese Reform bereits verhandelt. Doch wird sie in dieser überlasteten Session nicht vorgelegt werden können. Daß dabei eine Beschränkung der Freizügigkeit vorgenommen wird, ist indessen vollständig ausgeschlossen. Es kann sich dabei nur um eine gerechtere Verkeilung der Armenlasten handeln, daß auch die Industriezentren herangezogen werden und nicht nur das Land die Hauptlast trägt. Aber mittelbar ober unmittelbar die Freizügigkeit zu beschränken, das deckt sich nicht mit unseren sozialpolitischen Ansichten! Es ist weiter die Deccntralisation der Industrie angeregt, und zwar sollen wir die Errichtung großer Fabriken in Städten verbieten. Aber wir dürfen doch die Gesche nicht chikanöS anwenden, und wenn wir die Gewerbeordnung in jenem Sinne rcvidiren. so fürchte ich, werden wir zu entgegengesetzten Resultaten kommen, wie Herr Gamp denkt. Noch ein Wort über die Demonstrationen in Frankfurt a. M., obwohl c§ nicht meine Sache ist, die Frankfurter städtischen Behörden hier zu Vertheidigen. Von einem außerordentlichen Nothstand, der Nothstandarbeitcn erforderlich macht, kann nach den mir zugegangenen Berichten des Regiermigspräsldcnten leine Rede fein. Darüber allerdings kann kein Zweifel fein, daß die Arbeitslosigkeit zu einer Vermehrung der kommunalen Armenlasten führen kann. Ich schließe damit, daß zur Zeit von einem allgemeinen Nothstand nicht die Rede sein kann. Die Herren thäten gut daran« die Zustände nicht düsterer zu schildern, als sie in der That sind. Abg. Lenzmann (freis. Vp.): Es wäre mit der Krisis nicht so weit gekommen, wenn man unsere Warnungen berücksichtigt hätte. Gerade bei den Bankbrüchen haben Momente mitgcspiclt, die wir vorausgesagt haben, und die hätten vermieden werden können. Auch die Syndikate haben das ihrige dazu gethan, um die Situation zu verschärfen, sic haben, wie das Walzwerk-Syndikat, vielfach die kleine Konkurrenz kaput gemacht. Sie haben vielfach das gethan, lvas man beim Zuchthausgesetz mit Zuchthaus bestraft hätte. JnFolge des Zickzack-Kurses ist das Vertrauen geschwunden. Der Kanal rst an dem Widerstand der Fronde gescheitert. Anstatt die Fronde zu brechen und an das Volk zu appelliren, hat man sie nur mit Glacehandschuhen angefaßt. Kein Wunder, daß man zu einer fo wenig kräftigen Politik fein Vertrauen hat. Die Industrie hat ihr Möglichstes gethan, um ihre Arbeiter zu halten, viele Fabrikanten beschäftigen noch Tausende, obwohl gar keine Aufträge vorliegen. Die Sozialdemokraten versündigen sich an unseren Arbeitgebern, wenn sie diese immer als herzlos und grausam hinstcllen. (Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Kommen Sie zu uns, dann werde ich Ihnen den Beweis für meine Behauptungen geben. Nun soll die Regierung der Noth abhelfen und verschiedene Doktoren haben ein Rezept verschrieben. Herr Gamp hat hier Ansichten entwickelt, die noch antiquirtcr waren aU die agrarischer Minister. Graf Posadowsky hat das Richtige gesagt, das Reich kann nicht mehr thun. Doch glaube ich, daß Graf Posadowsky vielfach falsch unterrichtet war. So sind bei der Eisen- bahnverwaltung doch Entlassungen- vorgekommcn. Wenn z. B. in Altenbcckcn die Zahl der.Bahnwärter nicht von 23 auf 16 herabgefetzt wäre, wäre oas beklägenswerthcUnglück vielleicht nichtgeschchen. Eine solche Sparsamkeit schreit aber doch zum Himmel! Allerdings hat man, als der Kronprinz die Strecke befuhr, die Zahl der Bahnwärter wieder auf 23 erhöht. Für unproduktive Zwecke, überflüssige Straßetl, unnöthige Schiffe u. f. w. werden wir kein Geld bewilligen. Denn schließlich müssen doch die Arbeiter daS bezahlen in Folge der direkten Steuern. Eine Arbeitslosen-Ver- sicherung halte ich für unmöglich. Leichter steht es schon mit dem Arbeitsnachweis. Wenn ich Reichskanzler wäre (Heiterkeit) und die Sozialdemokraten mich fragten (Heiterkeit), was werden Sie thun, um der Krisis abzuhelfcn, so würde ich sagen: „Ich habe eingeschen, daß der ZickzackkurS vom Uebcl ist, ich werde zu einer verständigen Handelspolltik zurilckkehrcn. Haben Sie also keine Sorget" «(Beifall links.) Staatssekretär Graf v. Posadowsky: Ich habe besonders gegen den Vorschlag polcmisirt, Anleihen aufzunehmen, um Nothstands- arbeiten vorzunehmen. Das Wort von der Verstärkung der Flotte brauchte ich nur scherzhaft, ohne ernste Grundlage, um den Vorschlag ad absurdum zu führen, daß das Reich in erster Linie Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit treten solle. Solche ernsten Dinge, wie eine Verstärkung der Flotte, behandelt man doch nicht so nebenher. Abg. Dr. Hahn (b. k. Fr.): Nur dem Fürsten Bismarck, den die Freisinnigen immer angreifen, verdanken Hunderttausende von Arbeitern ihr Brod. Herr Lenzmann würde als Reichskanzler zwar keinen Zickzackkurs treiben, er würde das Steuer nur nach links führen und dadurch die Arbeiter schädigen. Denn wir wünschen zu dem Grundsatz des Schutzes der nationalen Arbeit zurückzukehren. Die heutige Debatte im Abgeordnetenhaus zeigt, daß Die Bemerkung des Abg. Lenzmann über das Altenbeker "Unglück falsch war, ich muß die Eisenbahnverwaltung gegen seinen Vorwurf in Schutz nehmen. An der wirthschaftlicheu Krisis ist nur die Ueberproduktion schuld, die Bankbrüchc waren nur Symptome. Bekanntlich wollten die Freisinnigen die Pfandbriefe der Hypothekenbanken für mündelsicher erklären ! Wenn das Publikum nicht noch mehr verloren hat, verdankt es das den Konservativen. Den Auswüchsen des Handels, dem unlauteren Wettbewerb mutz ebenso entgegengetreten werden, wie dem Mißbrauch der Syndikate. Mit der Zurückziehung der Kanalvorlage hat die Regierung einen Theil des Unrechts wieder gut gemacht, das sie mit der Maßregelung der Landräthe beging. Allerdings sicht sic noch nicht ganz auf der Höhe der Bismarck- schen Wirthschaftspolitik. Dic Regierung muß die Rolle eines guten Hausvaters übernehmen und hätte vor der Uebervroduktion und Ucberspekulation warnen sollen. Das hat sie nicht gethan, nicht mal das Börsengesetz hat fie durchgeführt. Die Arbeitslosigkeit kann nur durch eine richtige Wirthschaftspolitik, die das Schwergewicht auf das Inland legt, dauernd beseitigt werden. Wenn wir eine solche Politik treiben, bekämpfen wir auch die Sozialdemokraten aufs allernachdrücklichste. Wir wollen zum Wohle der Arbeiter praktische Politik treiben, die Sozialdemokraten haben aber für alle Arbetter-Schutzbestrebungen nur Hohn und Spott gehabt. Hierauf vertagt sich das HauS. Persönlich bemerkt Abg. Singer: Als der Abg. Gamv davon sprach, daß die Unternehmer die Lasten der Arbeiterversicherung auf die Konsumenten abwälzen, rief ich dazwischen: „Natürlich!" Wäre der stenographische Bericht im Stande, den Ton wiederzugeben . , . « Präsident Graf Ballestrem: Zu Zwischenrufen sind Sie nicht berechtigt. Sie dürfen also auch nicht darauf eingehen. Abg. Singer: Herr Gamp hat mich aber in seiner Rede er-, wähnt. , Präsident Graf Ballestrem: Sie dürfen in einer persönlichen Bemerkung nur richtig stellen, was Sie gesagt haben., Abg. Singer: Ich bin ja eben dabei. Präsident Graf Ballestrem: Ja, aber nur, was Sie berechtigtes Weise gesagt haben. (Große Heiterkeit.) Abg. Gamp bemerkt, es sei ihm nicht eingefallen, vorzuschlagen, daß das Reich Anleihen aufnehmen sollte, um der Arbeitslosigkeit zu steuern. Ebensowenig hätte er Beschränkungen der Freizügigkeit vorgeschlagen. Graf Posadowsky müsse ihn mißverstanden haben. Nächste Sitzung: Montag 1 Uhr. Antrag Arendt betr. Vorlegung eines Nachtragsetats für die Veteranen, kleine Vorlagen und Fortsetzung der heutigen BeratMig. Schluß 6 Uhr« Das Duell in Springe. Töb des im Duell gefallenen Landrats trütt Bennigsen rief nach seinem Vekanntwcrden in Springe große Erregung hervor. Gegen Falkenhagen herrschte bei der Bevölkerung derartige Erbitterung, daß mau seine Abrei.se als ein Glück ansah. Am Sonntag ist F. in Berlin verhaftet worden. Oberpräsident von Bennigsen traf mit seiner Familie in Hannover ein, um faa, Zlachrnittag mit seinem Sohne die Leiche nach Bennigsen HU überführen. Fallenhagen ist 26 Jahre alt und stammt mr§ Nordheim, wo sein Vater ein Gut besitzt. Seit drei Jahren ist er Pächter der königlichen Domäne Springe. Er iist unverheiratet. Landrat von Bennigsen war 41 Jahre cÄ, seit 14 Jahren Landrat in Springe und seit 12 Jahren iraÜ der Tochter des früheren Pächters der Domäne Springe, Amtmanns von Schnehen, verheiratet. Frau von Bennigsen ist Mtzt 31 Jahre alt, eine üppige, schöne Erscheinung. Ter Ehe sind fünf Kinder entsprossen. Das älteste ist elf, das jüngste vier Jahre alt. In Springe war es seit langer Zeit offenes Geheimnis, daß zwischen dem Domanenpächter, dessen Wohnhaus nur durch einen Hof von dem Hause des Landrats getrennt ist, und der Fran von Bennigsen intime Beziehungen -bestanden. Der Landrat hatte seit einiger Zeit den Verkehr Mit dem Domänenpächter abgebrochen. Da die Gerüchte -über das Verhältnis der Frau von Bennigsen zu Fallenhagen immer bestimmter austraten, beschloß man in dem Klub, Lew die Honoratioren von Springe angehören die Sache dem Landrat zu unterbreiten. Dies soll am Montag geschehen /sein. Am Sonntag hatte Herr v. B. mit seiner Gemahlin «och verschiedene Besuche gemacht. Am Montag soll sie nach Hannover gefahren sein und, wie man in Springe erzählt, von dort m Begleitung FalkenhagenS am Abend nach Springe zurückgekehrt fein. Dienstag Vormittag verließ Frau von Senmgfen auf Befehl ihres Mannes das HauS, um, itnc man sogt, zu ihrer Schwester nach Leipzig zu fahren. Einer Aus- eincmdersetzung zwischen Herrn von Bennigsen und Falkenhagen folgte noch am gleichen Tage die Forderung. Sie Lautete auf zehn Schritte Distanz und dreimaligen Kugelwechsel. Herr von Bennigsen war kurzsichtig, galt aber als guter Schütze, besonders auf weite Entfernungen. Beim ersten Kugelwechsel erhielt er die schwere Verwundung. Sein Bruder, der Gouverneur von Neu-Guinea, sowie sein Vater, der frühere Oberpräsident von -Hannover, waren bald zur Stelle und sorgten für die Ueberführung des Verwundeten nach dem Henriettenstist in Hannover. Wie dem Irrst erburgett Duell mit seinem tätlichen ÄusMMge das ebenfalls tätlich verlaufene Duell in Jena nur allzu schnell folgte- so ist auf dieses als drittes dieser Zweikampf in Springe gefolgt. Dieses Duell hat einem hochbetagten, viel verehrten und um das Vaterland sehr verdienten Warme den Sohn, einer Reihe von Kindern den Vater, dem Staate einen angesehenen Beamten geraubt. Allerdings hatte Lieser Zweikampf einen ungleich ernsteren Hintergrund, als die ixt jugendlichem Leichtsinn heraufbeschworenen Zweikämpfe m Insterburg und Jena. Dem Landrat v. Benningsen galt es, ,-seine Famllienehre zu rächen, der Räuber und Schänder dieser Ehre aber, der frevelhafte Zerstörer eines ganzen Familien - glückeS steht triumphierend an seiner Leiche — das Unrecht und die Sünde siegen, das Recht wird mit einer kaltblütig gezielten Kugel zu Boden gestreckt. Es ist eine erschütternde ^Tragik, die in diesem Ausgange des Springer Duells liegt, und wo bleibt da, ganz abgesehen vom Gesetz, abgesehen von der wahren guten Sitte, selbst abgesehen von der göttlichen Weltordnung, die Logik! Läge nicht die Frage außer- ordentüch nahe, ob denn ein Mensch, der solchergestalt, wie der Gegner des erschossenen Landrats, heimtückischerweise in die Familie seines Nachbarn eindringt und sich an ihr in schändlichster Weise vergeht, überhaupt als satisfaktionsfähig angesehen werden kann? Wir meinen, ferne Verachtung könnte groß und tief genug sein, als die, mit der einem solchen Individuum begegnet werden muß, und einem Gegner, den man verachtet, macht man keine Konzessionen, die man einst als das Vorrecht der Ritterlichkeit ansah, auch nicht, wenn sie inzwischen zum gesetzlich verbotenen und sttafwürdigen Vergehen oder Verbrechen geworden sind. Man erwartet seit langem neue Bestimmungen über das Duell, erhebliche Verschiffung der Strafen darauf. Hoffentlich lassen sie nun nicht mehr allzulange auf sich warten. Handel und Uerkehr. Volkswirtschaft. — Kasseler Trebertrocknuugsgesellschaft. Die Honoraransprüche, welche der Konkursverwalter für die Zeit vom 4. Juli bis 31. Dczemoer ausstellte, wurden vom Konkursgericht von 75 000 Mk. auf 50 000 Mk. herabgesetzt. Getreide. Der Weizenmarkt verkehrte auch in der abgelausenen Woche in ziemlich unveränderter Haltung. Tie amerikanischen. Forderungen haben schließlich 1 Mk. per Tonne eingebüßt. Rußland hielt jedoch stramm auf Preis und Argentinien bleibt nach wie vor noch über Parität. Während in früheren Jahren um diese Zeit schon reichliches Geschäft in Rosario-Santase-Weizen erfolgte, liegen heuer nicht einmal Offerten dieser Qualitäten vor, gewiß der beste Beweis der schwächeren Ernte. Der Absatz an den Konsum war schleppend, nachdem die Mühlen über schlechten Mehlabzug zu klagen hatten. Roggen prcishaltend. Gerste ebenfalls ohne Veränderung. Hafer bleibt fest. Mais etwas abgeschwächt. Die heutigen Notirungen sind: Redwinter 2 Mk. 140. Kansas 2 Mk. 138—139.00. Südruss. Wezen Mk. 128—142. Rufs. Roggen Mk. 107—108. Russische Futtergerste Mk. 102. Russischer Hafer Mk. 126—143. Mixed Mais Mk. 116. Laplata Mms rye lerms Mk. 107. cif Rotterdam. Kraftfuttermittel. Der Verlaus des Futtermittelgeschästes in der vergangenen Woche war ein ruhiger. Aus dem Inland lag eine regelmäßige Frage, welche sich besonders auf Erdnußkuchen, Eocoskuchen und Baumwohlsaatmehl erstreckte, vor. — Lein- und Palmkernkuchcn wurden seitens der Fabriken etwas stotter geliefert, obwohl die Ausführung der lausenden Kontrakte vielfach mit großer Verzögerung erfolgt. — Für Weizenkleie und Biertreber sind die Preise höher, da sich für greifbare Ware mehr JMeresse geltend macht. Biehmartt. Während der Berichtswoche waren die Märkte im allgemeinen nur mittelmäßig frequentiert, aber auch die Umsätze nicht belangreich. Prima Großviehstandwieimmer im Vordergrund des Handels, und wurde hierin nahezu vollständig ausveckaust. Mittlere Qualitäten dagegen fanden weniger Beachtung, es blieb hierin sogar ziemlich lleberstand. Kälber waren an einigen Plätzen lebhafter gefragt, während wieder einige andere Märkte ziemlich Ueberstand behielten. Jin allgemeinen sind auch hier die Umsätze mittelmäßige. Fette Schweine etwas besser beachtet, an einigen größeren Märkten trotz höherer Preise dennoch ausverkauft. Läufer und Milchschweine waren ebenfalls mehr begehrt. Tabak. Im Laufe der Berichtswoche wurden in Bellheim wieder einige hundert Zentner in der Preislage von 29—30 Mk. verkauft. Dagegen ruht in Herxheinr infolge au hoher Forderungen der Pflanzer das Geschäft vollständig. In Knittlingen wurden während der Berichtswoche ca. 200 Zentner Martellintabake zu 25,50 Mk. an einen Händler verkauft. Man ist im allgemeinen noch mit dem Einwiegen der Tabake beschäftigt, und dürste dasselbe innerhalb der nächsten 8 Tage beendet sein. In Mannheim wurden von Spekulanten an einen Händler einige hundert Zentner 1901er Neckar- tbaler Tabak zu Ansang 40 Mk. per Juli verkauft, ferner ein größerer Poste« Bergsträßler 1901er von Händler von Anfang bis Mitte 30 Mk. per Juli. Die Tabake schlagen sich gut um, die Qualität ist vorzüglich. In alten 1899er Tabaken wurde ein Posten Oberländer zu 45 Mk. verkauft. In losen Pfälzer Rippen flau, lose ferne 8—8,50 Mk., gebündelte 11—11,50 Mk. Vermischtes. * Berlin, 18. Jan. DasBesinden Rudolf Virchows, welches in den letzten Tagen zu wünschen übrig gelassen hatte, weil der Patient über heftige Schmerzen zu klagen hatte, ist heute zum ersten Male wieder zufriedenstellend. * München, 18. Jan. Dr. SiglS Testament ent- hätt ein Legat in der Höhe von 2000 Mk. an den Münchener Journalisten- und Schriftstellerverein; jedoch hat Dr. Sigl daran die Bedingung geknüpft, daß an der Nutznießung diese? Legats Preußen ausgeschlossen sind. Dürfen denn aber die von Dr. Sigl doch ebenso heiß geliebten Juden daran partizipieren? Man darf das wohl annehmen, da Dr. Sigl einen jüdischen' Rechtsanwalt zu seinem Testamentsvollstrecker bestellte. * Paris, 18. Jan. Vor einigen Tagen desertirte vom 17. Husaren-Rcgiment der Baron Cahell Jetzt hat er seinen Familienrat beauftragt, seine Güter im Werte von 20 Millionen Francs zu verkaufen, bevor er ivegen Fahnenflucht in contumaciam verurteilt werde, in welchem Falle sein Vermögen dem Staate zufallen würde. * Eine Fabrikkatastrophe in Barcelona. Am 18. Jauuar wurde in Mauresa bei Barcelona das Etablissement Vilamara von einer entsetzlichen Katastrophe heimgesucht. Ein Kessel platzte und die ganze Fabrik wurde zertrümmert. Der Direktor, der gerade die Zeitung las, wurde in Stücken bis auf den Gemeindeplatz geschleudert. Bisher sind sechzehn Leichen aus den Trümmern befördert. Man schätzt die Zahl der Opfer auf 1 00. * Prag, 18. Jan. Der Bankier Gustav Meyer wurde verhaftet. Er soll den Gutsbesitzer Restig um 68 000 Kronen geschädigt haben. Meyer, in München als unehelicher Sohn emer Schauspielerin geboren, pflegte sich al§ Sohn eines deutschen Reichsfürsten auszugeben, indeß ist sichergestellt, daß seiu Vater wohl eine hochgest«llte Person- lichkeit, aber kein Reichsfürst gewesen ist. Wie aus Graz gemeldet wird, ist der S ch ä d e l Hamer-» lings auf dem St. Leonharder Friedhof beigesetzt worden. Eine Gerichtskommission ließ erst durch Zeugen die Jdentttät des Schädels feststellen, worauf letzterer in den Sarg Hamer-- lings gelegt wurde._________________________ Neueste^ Meloungen. Originaldrahtmelduugen des Gießener Anzeigers. Berlin, 19. Jan. Bei dem heutigen Krönungs- und Ordens feste erhielten u. a.: den Roten Adlerorden 3. Kl. mit der Schleife der Gesandte zu Darmstadt Prinz Hohen» lohe-Oehringen; den Roten Adlerorden 4. Kl. die Abg. Cahensly, Prof. Hitze, Jacobskötter (Schneidermeister in Erfurt, Mitglied der kons. Fraktton), v. Men del-Steinfels, Dr. Porsch, und Bankier Sulzbach in Frankfurt a. M.; den Stern zum Kronenorden 2. Kl. der Erzbischof von Köln, Dr. Sim ar; den Kronenorden 2. Kl. die Bischöfe zu Straßburg Dr. Fritzen und Osnabrück V"oß; den Kronenorden 3. Kl. die Abg. Ehlers, v. Grand Ry, Dr. Paasche, Rickert und Schlummberger-Mülhache«. Stuttgart, 20. Jan. In der Nacht kurz nach zwölf Uhr brach im Dachstuhl des königl. Hoftheaters Feuer aus, das sich mit rasender Geschwindigkeit ausdehute, so daß binnen einer halben Stunde der ganze Dachstuhl in Flammen stand. Trotz eifrigster Thätigkeit der gesamten Stuttgarter Feuerwehr breitete sich das Feuer immer weiter aus. Zunächst brannten die BühnenräumL aus. Msdann griff das Feuer auf die Zuschauerräume; über. Morgens 4 Uhr waren zwei Thüren des Theaters eingestürzt und ein Raub der Flammen geworden. Es besteht die Hoffnung, den linken Seitenbau und den oberen Theaterteil mit den Haupteingängen zu retten. Der arc das Theater sich anschließende Schloßflügel ist nicht mehr gefährdet. Verluste an Menschenleben sind, sowett bis jetzt bekannt, nicht zu beklagen. Die Entstehungsursache ist noch unbekannt. Der König unb andere Mitglieder des königl. Hauses verweilten mehrere Stunden an der Brandt ftätte. Der Schaden ist sehr bedeutend. Einem wetteren Umsichgreifen des Feuers ist vorgebeugt; doch dauert der Brand noch fort. München, 19. Jan. Im Zentralbahnhof über fuhr gestern vormittag ein Personenzug die gewöhnliche Haltestelle, sodaß die Lokomotive auf den Prellbock stieß, der glücklicherweise dem Anprall standhielt. Der Lokomotivführer und ein Fahrgast wurden leicht verletzt. Der Materialschaden, ist geringfügig. Brüx, 19. Jan. Heute mittag brach im Julius^ schacht bei Kopitz ein Streckenbrand aus. Da dey Brand nicht zu löschen ist, wurde die ganze Grube abge- spertt. — Die Räumungsarbeiten im Jupiterschacht schreiten stetig oorwätts. Die Verhältnisse über und unter; Tag sind unverändert. Der Wasserstand in allen Gruben ist mächtig zurückgegangen. Budapest, 19. Jan. In dem Dorfe Also--Jde,Die Aufführung war diesmal bedeutend besser, stimmungsvoller, als vor zwei Jahren. Und doch war nur eine Rolle, die des Werther, anders besetzt als damals. Hatte sie früher unser ausgezeichneter Heldentenor Herr Anthes inne, so hatte man sie diesmal Hem lyrischen Tenor Herrn Gießen anvertraut, der die allerbeste Kunstleistung 6ot die ich jemals von ihm ^gehört und gesehen zu haben mich erinnere. Möglich daß den Künstler persönliche Anteilnahme — er stammt ja von dem Urbilde von Werthers bez. Goethes Lotte oft — besonders begeisterte, jedenfalls vereinte er mit seiner schon so oft gerühmten Gesangskunst ein hinreißendes Spiel und erzielte so eine TSirknng von seltener Einheitlichkeit. Schon der Charakter seines Organs sttmmte mit dem der Rolle restlos überein, denn selbst in den Momenten glühendster Leidenschaft darf dem Werther nicht die Zartheit verloren gehen, die feinem ganzen Wesen eigen ist. Die intensive Beschäftigung des Herrn Gießen mit der modernen Liederproduktion kommt ihm bei dieser Rolle in augenfälligster Weise Zu statten. Denn aus dem modernen Liede hat der ausgezeichnete Gesangskünstler jene Aufmerksamkeit auf kleine und lleinste Melismen, jene Leichttgkeit der Deklamation, jene Sicherheit im Treffen angedeuteter Stimmungen sich angeeignet, die ihn befähigten, die schwierige Partie des Werther mit so tiefer, nachhaltiger Wirkung zu singen. In dieser einen Rolle hat Herr Gießen toieder einmal gezeigt, was er für die Hofoper bedeutet." Die „Dresd. 3tg." urteilt: „Herr Gießen wuchs in seiner Leistung von Akt zu Akt, und erlangte in der! Liebes- und Sterbeszene die wirksamsten Höhepunkte seiner Darstellung, man glaubte ihm seine Leiden." Das „Dresd. Journal" schreibt: „Herr Gießen erwies sich durch Sttmm- charakter und Gesangskunst als der berufene Vertreter der Titelpartie." Neben Buff-Gießen ^hat auch Frau Wittich mitgewirkt, und zwar ebenfalls mit schönstem Erfolge. Die Kritik hat sich mit dieser Künstlerin diesmal ganz kurz fassen können, wett Frau Wittich ihren Part (Lotte) schon früher ausführte, und ihrer damals schon in, eingehendster und lobendster Weise gedacht worden wär. G Ctz. Der „Faust" in zwanzig Minuten. In der Londoner Vorstadt Whitechapel hatte jüngst eine Theater- Truppe ihren Thespiskarren aufgeschlagen, uno den „Faust" in einer ganz neuartigen, originellen Weise mimte. Die Leute brachten es fertig, die ganze Tragödie in 20 Minuten herunterzuspielen. Dieses abgekürzte Verfahren erforderte selbstverständlich eine eigene Einrichtung. Die Handlung ist teils frei nach Goethe, teils frei nach der Oper von Gounod. Glücklicherweise wurde aber weder gesprochen noch gesungen, sondern nur „gemimt", indem sich die Handlung pantomimisch mit Musikbegleitung abspielte. Die Musik von Gounod ist dem Kapellmeister, der sie „umkomponiert" hat, schon viel zu veraltet erschienen; er gestaltete sie derart um, daß der arme Gounod wahrlich alle Ursache hätte, sich während jeder Aufführung mehrmals im Grabe umzudrehen. Diese Verbesseruna des „Faust" hat aber trotz allem bei dem kunstverständigen Publikum Whitechapels einen durchschlagenden Erfolg erzielt. Die große Tragödie entrollt sich etwa folgendermaßen: Akt I. Man erblickt Faust in seinem Studierzimmer. Mephisto tritt ein. Gretchens Antlitz erscheint in einem Spiegel über dem Kamine. Der Teufelspakt wttd geschlossen. Langsame, unheimliche Musik. Der Vorhang fallt. Dauert zehn Minuten. — Akt II. Margarete spinnt, zerpflückt die konventionelle Papierblume und springt dann mit entzückten Blicken auf. Faust und Mephisto grinsen hinter dem Gartenzaune hervor. Sie treten ein. Das Geschenk. Gretchen schwückt sich. Martha und Mephisto amüsieren sich. Faust und Giretchen gehen spazieren. Eintritt Valentins. Sein Blick sucht nach der Schwester. Die Liebenden kommen zurück. Duell: Valentin wird getötet. Selbstmord der Margarete. Faust wird von Mephisto zur Hölle entführt. Schluß. Dauer zehn Minuten. Mehr kann man ait schlagfertiger Kürzen wirklich nicht verlangen. In der „Kun ft für Alle", einer der angesehensten, beliebtesten und bestausgestatteten deutschen Kunstzeitschrif-' ten, behandelt Prof. Konrad Lange in Tübingen „Die Freiheit der K/unst" unter Bezugnahme auf die vielkommentierte und auch von uns in ähnlichem Sinne erörterte Kaiserrede vom 18. Dezember. Der Aufsatz ist un gemein lesenswert. (Derlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. in München.) In dem neuesten Hefte (1902 Heft 1) der „Photo- graphischenRundscha u", einer vortrefflich geleiteten, mit außerordentlich schonen Illustrationen reich geschmückten „Zeitschrift für Freunde der Photographie", verdient ein Artikel von Dr. R Neuhauß über „Direkte Farben- Photographie durch Körperfarben", die > allgemeine Aufmerksamkeit. In diesem Artikel übergiebt Dr. N. die neuesten Ergebnisse mühevoller Arbeiten zur Losung dieses Problems der Oeffentlichkeit. Die überraschenden Resultate, die der Verfasser erzielt hat, werden nicht nur das Interesse der Fachkreise, sondern auch der großen Allgemeinheit auf sich lenken, und überall bedeutendes Aufsehen erregen. Die „Photogr. Rundsch." hat soeben ihren 16. Jahrgang begonnen und erscheint in 12 monatlichen Heften mit zahlreichen Textabbildungen und Kunstbeilagen zum Preise von fe M-L- 1 im Verlage von Wllhelm Knapp in Halle a- S.