Nr. 41 * Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?. Die „Siehener Zomilienblötter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Ter hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Dienstag, 18. Februar 1902 Gießener Anzeiger 152. Jahrg. Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: p. Beck. Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Unlversiläisdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Areir Siehe». Parlamentarische PerhanSlnngcn. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet« Deutscher Reichstag. 145. Sitzung vom 17. Februar« 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Am Bundesrathstisch: von Gotzler u. A. Auf der Tagesordnung steht tue zweite Beratbung deSMili- tär-Etats. Die Berarhung beginnt beim Titel „Gehalt des KricgSmimsters". x Hierzu liegt die Resolution Lenzmann und Gen. (freu. Vv) vor, durch welche die verbündeten Regierungen ersucht werden, mit allen Disziplinariscken und gcsetzlicken Mitteln dahin zu wirken, daß das, auch in den Kreisen der Offiziere des stehenden Heeres und der Reserve weiter um sich greifende, mit der Religion, der Moral und den Strafgesetzen in Widerspruch stehende Duell-Unwesen beseitigt werde. Abg. Lcnzmann (freis. 93p.): Meine Resolution unterscheidet sich wesentlich von der Resolution Gröber und dem Antrag Schrader, da sie das Hauptgewicht auf disziplinarische Mittel legt. Eine fast gleichlautende Resolution ist vor 2 Jahren vom Reichstage einstimmig angenommen worden. Nun sind ja allerdings seitdem Erlasse über das Duell ergangen und es ist auch die Zahl der Duelle zurückgegangen. Aber ich behaupte: Wenn auch nur ein einziger Fall passirt. der zum Himmel schreit und das Rechtsgefühl des Volkes verletzt, so muß uns das Anlaß zum Nachdenken darüber geben, wie dem Duell weiter borgebeugt werden kann. Ein solcher Fall ist das Jnsterburger Duell, in dem keine schwere Beleidigung, ja überhaupt kein animus injuriandi vorlag. Mit Pflastern kann man solche Wunden am Volkskörper nicht heilen. Das einzige Mittel, das hier helfen kann, ist das absolute Verbot der Duelle seitens des obersten Kriegsherrn. Ein solches Verbot ist z. B. in England mit Erfolg ergangen, und wenn ich auch die Tüchtigkeit der englischen Offiziere mit der unserer Offiziere nicht auf eine Stufe stellen will, so kann man doch nicht sagen, daß das Aufhörcn der Duelle in England nachtheilige Folgen gehabt habe. Es giebt Fälle, in denen nach dem Urtheil des Beleidigten der Gegner vernichtet werden muß. Z. B. im Fall Bennigsen ist es menschlich wohl erklärlich, daß der Ehegatte sich selbst zum Rächer seiner Ehre macht. Aber wenn ein solcher Fall vorlieat, dann muß der Betreffende auch die Folgen tragen und die Ausschließung aus der Armee über sich ergehen lassen. In einer solchen Lage ist daS doch vcrhältnißmäßig unwichtig. Man sagt nun, wenn an das Duell diese Folgen geknüpft würden, so könne man sich durch em Duell der weiteren Militärpflicht entziehen. Aber selbstverständlich mühte dann der entlassene Offizier, wenn er seiner Militärpflicht noch nicht genügt hat, als Gemeiner weiter Dienen. Ich bitte um einmütige Annahme der Resolution. Abg. vr Bachem (Ctt.): Da leider die Klagen über Duelle nicht aufgebört haben, ist es angczeigt, die Resolution wieder anzunehmen. Mit der Begründung der Resolution kann ich mich aber nicht durchaus einverstanden erklären: denn Herr Lenzmann scheint Fälle für möglich zu halten, in denen das Duell entschuldbar oder zulässig ist. Damit giebt man daS ganze Prinzip auf, auf Grund dessen man das Duell bekämpfen kann. Wenn daS Duell in einem Falle zulässig ist. dann ist es das auch in tausend anderen Fällen. Da wir aber mit dem objektiven Inhalt der Resolution einverstanden sind, werden wir dafür stimmen. Die Resolution steht mit dem Antrag Gröber nicht in Widerspruch, sondern ergänzt ihn. Beide wollen auf verschiedenen Wegen dasselbe Ziel: die völlige Ausrottung des Duells, das nach unserer Auffassung in keinem Falle entschuldbar ist. Für uns gilt für alle Fälle das Bibelwort: „Die Rache ist mein, spricht der Herr". Den Kriegsminister bitten wir auf das allerentschiedenste, bei Epropriationen von Bauern die Bauens nicht in Geld, sondern in Land zu entschädigen. Wir sind zu dieser Bitte veranlaßt durch einen in der Budgetkommission zur Sprache gebrachten Fall, in dem zur Anlegung eines Exerzierplatzes Bauern expropriirt waren. Auch hier muß man immer bestrebt sein, die Bauern ihrer Sckolle zu erhalten. Weiter wünsche ich eine Erhöhung der Entschädigung für Einguartirungslasten. Ich bezweifle nicht, daß der Minister Alles thut, was er thun kann, um die Last gleichmäßig zu Vertheilen. Mein das läßt sich nicht immer so durchführen: es ergiebt sich eine große Ungleichmäßigkeit, und um so mehr müssen die jetzigen unzulänglichen Entschädigungen erhöht werden. Ich glaube nicht, daß irgend Jemand hier behaupten wird, daß die Entschädigungen, die die Bauern jetzt erhalten, auch nur annähernd genügen. Wie steht es mit dem aus dem Eichsseld geplanten Truppenübungsplatz? Im vorigen Sommer sind nach einer vierwöchigen Hebung die Soldaten am Frohnleichnamstage nach Hause befördert worden: ich meine, man batte da doch einen andern Tag wählen können. Aus Köln habe ich gehört, daß der Hauptmann v Marschall einen Vortrag über die Jesuiten gehalten habe, in dem er erklärt hat: Die Jesuiten sind die größten Feinde des Vaterlandes, mit denen kein Soldat zu thun haben darf. Auf meine Beschwerde beim Minister wurde mir rnitgetheilt, der Hauptmann habe nur gesagt, so lange die Jesuiten ausgewiesen seien, dürfe kein Soldat sich an Ovationen für Jesuiten betheiligen: er sei dazu durch einen Fall in Osnabrück veranlaßt worden. Es steht hier Aussage gegen Aussage und ich kann nicht untersuchen, welche richtig ist. Da ich aber schon öfter von ähnlichen Fällen gehört habe, muß ich hier erklären, daß wir unS auf das Schärfste dagegen verwahren, daß in der preußischen Armee vor katholischen Soldaten die Jesuiten herabgesetzt werden. Es ist ja Mode, über die Jesuiten zu schimpfen; fortwährend werden in Broschüren Verleumdungen über diese ehrenwerthen Leute verbreitet. Es ist anzunehmen, daß die Broschüren auch in der Armee Eingang gefunden haben. Jedenfalls sollten Offiziere in dieser Beziehung besonders vorsichtig sein. Als das Gardekorps 1871 seinen Einzug in Berlin hielt, zogen zwei Jesuiten hoch zu Pferd, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz voran. (Unruhe rechts.) Wir proteftiren dagegen, daß man jetzt die Jesuiten beleidigt und beschimpft. Minister von Gofiler: Das Eichsseld ist als Truppen- Vebungsplatz für das 12 Armeekorps nicht in Aussicht genommen. Bei seinen Ausführungen über Einquartirungslasten scheint der Vorredner mehrereSachen zusammcngeworfen zu haben. Betreffs derEin- quartirungslasten ist eine Neuregelung im Gange ; die Flurentschädigungen sind aber meines Erachtens in ihrer jetzigen Höhe durchaus tolerabel; hier noch eine Steigerung eintreten zu lasten, empfiehlt sich unter keinen Umständen. Davon, daß im vorigen Jahre Truppen am Frohnleichnamstage nach Hause befördert worden seien, weiß ich nichts Wenn es geschehen ist, bebaute ich es und werde Remedur eintreten lasten. Der Fall des Hauptmanns v. Marschall liegt nach dem mir zugegangenen Bericht des Hauptmanns folgendermaßen: Am 11. Januar beim Löhnungsappell besprach der Hauptmann die Kriegsartikel. Es ist nach dem Bericht unter allen Umstanden ausgeschlossen, daß der Hauptmann die ihm zugeschriebenen Aeußerungen über die Jesuiten gethan hat. Er hat vielmehr scharf betont, daß der Soldat nie Politik treiben dürfe. Die Jesuitenfrage sei eine politische Frage: solange Die Jesuiten in Deutschland nicht zugelassen feien, dürsten sich Soldaten an Ehrungen für sie nicht betheiligen. DaS ist der ganze Sachverhalt, der durch den Bericht eines anderen Offiziers, der dabei war, bestätigt wird: beide Aussagen decken sich. Hiernach kann tm vorliegenden Falle von einer Beleidigung der Jesuiten nicht die Rede fein; ich habe aber Dem Hauptmann zu verstehen gegeben, daß er auch diesen Satz über d'e Jesuiten bester weggelassen hätte. Die Broschüren, von Denen Vorredner sprach, sind mir nicht zugcgangen. Abg. Bebel (Soz.): Die Darstellung des Abg. Backern über Die Rede des Hauptmann- v Marschall scheint durch die Rede De 5 Ministers im Wesentlichen bestätigt zu sein. Wenn Herr Backern verlangt, die Armee sollte sich nicht um Die Jesuiten kümmern. Dann sage ich: Die Jesuiten können sich mit den Sozialdemokraten trösten, die an so etwas gewöhnt sind und fortwährend svstematisch in der Armee verleumdet werden. Die einzig richtige Konsequenz wäre, daß man die Sozialdemokraten überhaupt aus der Armee ausschließt. Was die Expropriationen anlangt, so hat der Reichstag schon oft genehmigt.' daß ganze Bauern-Ortschaften erpropnft und einfach in Geld entschädigt wurden. Ich habe gehört, daß in der Nähe van Wreschen Baracken gebaut werden, um 2 Bataillone zu stationiren. Den Minister frage ich, ob das richtig ist, und aus welchem Fonds er die Mittel dazu nimmt. Ich muß noch einmal auf den Fall des Hauptmanns Luthmer zurückkommen, der 1893 in Folge Unvorsichtigkeit und Fahrlässigkeit eines Reserveleutnants einen Schuß ins Gesicht bekam und vollkommen erblindete. Der betreffende Leutnant wurde zu 2 Monaten Festung vcrurtheilt. Jii dem Urtheil wurde aber ausgesprochen. daß Luthmer selbst durch Unvorsichtigkeit das Unglück mit? verschuldet habe. Nun ist von dem Hauptmann überzeugend nachgewiesen worden, daß der Hauptmann gar nicht anders handeln konnte, als er gethan hat. Der Unfall ist nur durch ein unquali- fizirbares Verhalten des Leutnants passirt. Ich habe schon 1898 den Fall besprochen. Inzwischen hat aber Luthmer ihn auf? Neue auf Grund Der Kriegsgerichtsakten, Die er früher noch nicht kannte, beleuchtet. In dieser Broschüre wird Der Oberst des Hauptmanns des Meineids und Der groben Fälschung, und der Generalauditor Ittenbach der Unwahrheit beschuldigt. Und ich muß sagen, für diese Behauptung scheint mir Vieles zu sprechen. Nach Beendigung der Uebung, in Der das Unglück paffirtc, gab der Oberst dem Reserve - leutnant das Zeugniß. daß er durch seinen Eifer die Anerkennung der Vorgesetzten gefunden Habel Nachher wollte Luthmer Den Leutnant — er hieß Diehl — fordern. Luthmer schrieb deshalb an Diehl einen einen beleidigenden Brief, um ihn zu einer Forderung zu provoziren. Luthmer bekam nun einen Verweis wegen Beleidigung. Die Civilgerichte, die über die Entschädigung zu entscheiden hatten, haben sich in dieser militärischen Sache viel vernünftiger gezeigt, als daS Kriegsgericht, ebenso wie es ja auch im Fall Stietenkron war. Jedenfalls geht auS Der Broschüre hervor, daß dem Hauptmann Luthmer Unrecht geschehen ist, und deshalb habe ich den Fall nochmals zur Sprache gebracht. Bei den Duellen der letzten Zeit hat der Alkohol vielfach eine sehr schlimme Rolle gespielt, in Mörckingen, in Insterburg, Straßburg und Jena. Der alte Satz: „Jugend hat feine Tugend" bekundet seine Wahrheit auch hinsichtlich des Mißßbrauchs des Alkohols, wie er leider auch in Offizierskreisen sehr stark verbreitet ist. und dabei hat kürzlich ein Gericht den Offiziersstand als Den ersten Stand der Welt bezeichnet. Wenn ein Arbeiter in der Trunkenheit Ausschreitungen begeht, bann fließt Die bürgerliche Presse über von moralischer Entrüstung. Bei dem gemeinen Soldaten gilt Die Trunkenheit als strafschärfend, aber bei dem Offizier, z. B. dem Leutnant Hollmann in Flensburg wird sie als strafmildernd angesehen. Von Den Soldatenmißhandlungen behauptete ich im vorigen Jahre, sie hätten abgenommen; damals trat mir mein Fraktions- genoste Kunert entgegen. Er glaubt feststellen zu können, daß sie in der Zunahme begriffen seien. Ich habe auch leider in der Zwischenzeit mich überzeugen müsten, daß ich damals Unrecht und mein Freund Kunert Recht hatte. Die Militärverwaltung müßte Alles aufbieten, um solche barbarische Mißhandlungen, wie sie noch immer vorkommen, nun endlich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts aus unserem Militärlcden zu beseitigen. Redner geht auf einige Fälle ausführlich ein. Ein Unteroffizier in Oldenburg befahl seinen Leuten sich auf die Erde zu werfen und wie eine Kuh Gras zu stesten. Jeder Mann sollte „eine Schnauze voll GraS" nehmen. (Heitereit.) In Mörchingen maltraitirtc ein Unteroffizier einen Gemeinen dadurch, daß er ihm, weil er sich nicht rafirt hatte. Die Haare absengte. Ein bairischer Hauptmann hat eine Broschüre veröffentlicht, worin er nachweist, daß die Mißhandlungen seit 1871 erheblich zugenommen haben. Kein Wunder, daß sich angesichts dieser Thatsache auch die Zahl der Selbstmorde im Heere fortdauernd steigert. Die Zahl der Deserteure, die von 1871—1897 aus dem deutschen Heer entfloh, um in Der französischen Fremdenlegion Dienst zu nehmen, macht ein ganzes Armeekorps aus; es handelt sich um nicht weniger als 17 000 Leute. Im Dezember vorigen Jahres meldeten sich in Paris allein 320 Deutsche zur Fremdenlegion. Diese Thatsachen hätten es doch der Militärverwaltung längst zur Pflicht machen müsten, auf eine Beseitigung Der Ursachen dieses Uebelstandes hinzuwirken. Neben den Mißhandlungen sind es die zahlreichen vollständig überflüssigen An- forderungcn, die heute noch an Die Soldaten gestellt werden: der langsame Schritt, Der Parademarsch, kurz alle Institutionen des sogenannten Gamaschendienstes. Warum hat man noch immer nicht die schweren Helme abgeschafst? Sie sind eine drückende Last für den Soldaten und im Kriege absolut unbrauchbar. Die blanke Spitze und der blanke Adler giebt auf große Entfernungen hin ein sicheres Ziel. Auch die Engländer haben im 93oerenfnege gerade in Folge der großen Khakihelme, die ein vorzügliches Ziel boten, laut Urtheil eines deutschen Offiziers im Militärwochenblatt oft sehr schwere Verluste gehabt. Aus einer Broschüre eines deutschen Offiziers habe ich ersehen, daß die Sozialdemokratie im Heere schon so weit verbreitet ist, daß er sie direkt schon für eine Gefahr für das Heer hält. Auch dieser Offizier tritt für die Beseitigung des Parademarsches ein, der nur eine komische Wirkung habe, aber ohne praktischen Werth fei. Denken Sie: der Parademarsch, in dem noch jetzt das höchste Wesen der preußischen Armee infarnirt ist. (Heiterkeit links.) Nach Zeitungsmeldunaen hat auch der Parademarsch in China vor dem Grafen Waldersee auf die Zuschauer nur einen erheiternden Eindruck gemacht. Allerdings sagt der Offizier in elegischem Tone, die preußische Armee halte fest an alten Überlieferungen, aber mit solchen Überlieferungen muß man eben brechen, wenn das ganze Kriegswesen sich verändert hat. Dieser Offizier meint, unsere Armee stehe für den Kriegsfall nicht mehr auf der Höhe. Der Offizier, der den besten Parademarsch komman- dirt, wird befördert, auf Die Leistungen im FeldDienst wird kein Gewicht gelegt. Tie ganze FelddienstausbilDung dauert kaum Drei Monate. (Hört, hört! links.) Wir verlangen von Dem Minister, daß er Diese Behauptungen Der Broschüre genau untersucht und im Falle ihrer Bewahrheitung für geeignete Remedur sorgt. Die Franzosen, das behaupte ich, sind uns in der Armeeorganisation auf weiten Gebieten überlegen, und ein zweites Siebzig wird uns nicht mehr gelingen. Von unseren Deutschen Truppen in China waren sehr viele. Die kaum neun Monate gedient und noch kein einziges Manöver mitgemacht hatten. Diesen Leuten stellte Graf Waldersee ein glänzendes Zeugniß aus. Tas ist Der beste Beweis, Daß wir eine zweijährige Dienstzeit nicht brauchen, und Daß Das Milizsystem mit seinen kurzen Übungen vollständig auSreichen würde Das Mil'zsvstem ringt sich von selbst Durch; die ganze Entwickelung muß Dahm führen Aus dielen Standpunkt hat sich auch her Kommandeur De? achten franzonsckcn Armeekorps gestellt. Sr führte in einer Rede vorn September v I. aus, daß eine sechs- monatliche gut angewandte Ausbildungszeit zum Unteroffizier wie zum Leutnant hinreichend befähigen würde, und daß Industrie, Handel und Ackerbau von einer wichen Verkürzung der Dienstzeit die größten yorthede haben wurden. Unsere Reichsfinanzen zwingen und geradezu, das Milizsnstem einzuführen. Hundert« von Millionen wurden lahrlich dadurch gespart werden. Wenn Sie wollen, daß noch jemals auf kulturellem Gebiete in Deutschlank» etwas Bedeutsames geschehen soll, dann müssen Sie zunächst einmal die Lasten, hie uns der Militarismus auferlegt, herabinindern. Anders werden wir niemals einen allgemeinen wirthsckasttichen Wohlstand erreichen (Beifall bet Den Sozialdemokraten.) Abg. v Tiedemann (frcikons.): Ich will hier nicht auf Dal Duell eingehen, über das wir uns ja noch genugsam unterhalten werden. Bisher haben wir, je mehr Reden hier gegen das Duell gehalten wurden, umsomehr Duelle gehabt. Das Duell wird nicht eher aufhörcn, als bis der germanische Ehrbegriff auSgerottet ist. Herr Backern beklagte sich über die „Verleumdung" der Jesuiten. Ich möchte hier Daran erinnern, daß blödsinnigere Ser* IcuDungcn nicht ausgetischt worden sind, als gegen den Freimaurer- Orden. Die Meldung, daß in die kleineren Städte des Osten- mehr Garnisonen gelegt werden sollen, hat im Osten große Befriedigung heroorgerufcn. Abg. Gras Roon (kons.): Unser Fraktionsgenoste v. Levctzow hat unsere Stellung zu dem Duell klargelegt. Wir erklären, daß das Duell gegen göttliche und menschliche Gebote verstößt. So lange aber die Sünde nicht aus der Welt geschafft ist. wird das Duell nicht aufhörcn, (Lachen links ) namentlich, wo wir für Ehrabschneidungen viel zu geringe Strafen haben. Wir vermissen in der Resolution Lenzniann eine Andeutung darüber, daß ein solches Korrelar, die Verschärfung der BeleidigimgSstrafen, mit der schärferen Verfolgung deS Duells Hand in Hand gehen soll; deshalb können wir der Resolution nicht zustimmen. Der Duellant will nicht Rache üben, sondern beweisen, daß ihm die Ehre über das Leben geht. Das ist der Sinn des Duells. Ich verthcidige durchaus nicht daS Duell, aber scharfe Strafen können das Duell nicht ausrotten, selbst die Todesstrafe hat das ja nicht vermocht. Wir wünschen, daß zu (Expropriationen von Bauern nur in den allcrseltenstcn Fällen geschritten werde. Dem Hauptmann v. Marschall kann meines Erachtens kein so schwerer Vorwurf gemacht werden. Mit der Sozialdemokratie, Die Herr Bebel in dieser Beziehung mit den Jesuiten in Parallele setzte, liegt die Sache doch anbcrS. Daß hie Soldaten vor den Sozialdemokraten gewarnt 'werden, wird, so Gott will, immer so bleiben. Weshalb Herr Bebel seine Freude daran hat, die schmutzige Wäsche der Arme« vor ganz Deutschland und Europa zu waschen, begreife ich nicht. Ich kann cs mir nur so erklären, daß er Alles thun will, waS der Armee nicht nützlich ist. Ich glaube, Herr Bebel verwendete seinen großen Fleiß und seine bewundernswürdige Beredtsamkeit besser auf eine andere Sache. Herr Bebel hat sich als Neorgani-- fator der Armee aufgcspielt. Wenn der selige Scharnhorst ihn gehört hätte, würde er sich im Grabe herumdrehen. Ich bc» greife auch nicht, weshalb Herr Bebel so großen Respekt vor ctloafl Gedrucktem und vor einfcitigen Darstellungen hat. Herr Bebel hat auch die Aeußerungen französischer Offiziere citirt. Ja, was inter- effirt Denn uns das? Die Miliz toürDc unser SanD wehrlos machen und außerdem ungeheure Kosten verursachen. Drei glorreiche Kriege haben gezeigt, daß die Grundlage unsere- Militärwesens Die richtige ist. (Beifall rechts.) Preussischer Kriegsminister von Göhler: Nach der ruhigen Art und Weise, wie der Abg. Bebel heute seinen Vortrag hielt, war ich zuerst im Zweifel, ob ich antworten sollte. Nachdem ich mir aber meine Notizen durchgesehen habe, halte ich mich doch zu einigen Berichtigungen für verpflichtet. Es ist durchaus richtig, daß in die Städte Wreschen unb Schlimmen 2 Bataillone gelegt werden sollen; sobald Unterkunft für sie geschaffen" ist, sollen sie dorthin transportirt werden. Wir haben uns dazu entschlossen, weil Die ganze Bevölkerung der Provinz Posen Garnisonen für die kleineren Städte wünscht, weil die preußische Regierung, das preußische Abgeordnetenhaus, weil überhaupt sämmtliche Stellen denselben dringenden Wunsch haben. Unb zwar wird gewünscht, daß wir möglichst bald vorgehen. Die Unter« fünft in Wreschen und Schrimm soll zunächst provisorisch feing es ist richtig, daß dort Baracken gebaut werden. Im Etat findet sich eine Position hierüber nicht. Die Kosten wollen wir, wenn eS irgend geht, aus den laufenden Mitteln beftreiten. ES fragt sich ferner, ob nicht Preußen, in dessen Interesse die Verlegung wesentlich gcscksieht, einen Beitrag zu den Kosten giebt. Ich habe durchaus feine Veranlassung, in der Sache irgend etwas zu verheimlichen, aber eine bestimmte Antwort auf die Kosten kann ich noch nicht geben. Ob ein Nachttagsetat eingebracht werden muh, hat Dal Rcichsschatzamt zu entscheiden; ich hoffe, daß wir die Kosten auS den laufenden Ausgaben decken können; eventuell werden wir eine Etatsüberschreitung anmelden. Der Leutnant v. Hollmann hat in Sonderburg allerdings einen E^zeß verübt. Es ist festgestellt worden, daß er dabei momentan geistig gestört war. Im Falle Stietenkron haben Militär- und Civil- gericht übereinstimmend angenommen, daß der Fall der Noth wehr vorlag. Nun hat Stietenkron nach der Meinung des CivilgerichtS das Nothwehrrecht überschritten. Auf den Fall Luthmer will ich mich auch nicht weiter einlassen. Die Broschüre habe ich eingehend gelesen. DaS Kriegsgericht hatte in seinem Urtheil Unvorsichtigkeit des Hauptmanns Luthmer festgestellt. Das Urtheil deS CivilgerichtS Hal das nicht ausgesprochen; aus der Begründung deS UrtheilS geht aber hervor, daß auch das Cwilgericht zum Mindesten Unvocsichtig- feit angenommen hat. Die Zahl der Mißhandlungen ist nicht gestiegen. Den Anstrengungen der Vorgesetzten und dem ernsten Willen deS Kriegsherrn ist es zuzuschreiben, daß die Mißhandlungen immer mehr abnehmen UevrigenS konnten früher leichtere Fälle von Mißhandlungen disziplinarisch beftraft werden ; heute wird jeder Schlag und Stoß, auch der leichteste, kriegsgerichtlich bestraft DaS ist ein außerordentliches Hemmniß für die Handhabung der Disziplin. Wenn Jemand in solchen Fällen auf der Stelle disziplinarisch beftraft wird, so macht das vielmehr Eindruck, als wenn erst noch lange Schreibereien kommen. Ich glaube, hier wäre es besser bei der früheren Bestimmung geblieben. Die Zahl der Bestrafungen entspricht jetzt ungefähr der Zahl der Bataillone in Der Armee; ich glaube das ist feine hohe Zahl. Der ernste Wille, die Mißhandlungen zu befeitigen, den sogar die Sozialdemokraten anerkannt haben, ist an allen Stellen vorhanden. Es wird kein Fall fonftatirt werden können, in dem nicht streng nach dem Gesetz gehandelt und beftraft worden wäre. Ich will noch hinzufügen, daß die Ausbildung der Truppen sehr erschwert wird durch die große Zahl der Vorbestraften Es ist leicht, den auSzu- bilden, für den der Dienst eine ehrenvolle Sache ist. Wo diese Gesinnung fehlt, ist die Ausbildung sehr schwierig. Jetzt sind 14 Prozent aller eingestellten Rekruten gerichtlich oder polizeilich vorbestraft. Wir haben 22 616 gerichtlich und 6688 polizeilich vorbestrafte Rekruten. Im Jahre 1879_ betrug der Prozentsatz statt 14 nur 12,08. im Jahre 189/ 13,86. . Die Vorbestraften üben einen durchaus ictilecbren Einfluß nuy die Kompagnie aus; auch dadurch crtlären sich einzelne Mißhandlungen. Wenn man übrigens anderswo ebenw wie in der Urmee jeden Schlag gerichtlich bestrafen wollte, citoc in der Schule: ich glaube, dann wurden die Schulen bald frei von Lehrern sein. Die Zahlen über die Sittlichkeitsvergehen habe ich nicht hier. Das Krwgshecr kennt in solchen Fällen keine Schonung; c5 tritt erbarmungslos Entfernung aus dem Heer ein. Jedenfalls ist aber die Zahl der Sittlichkeitsvergehen nicht größer, sondern kleiner geworden, wie überhaupt die schweren Verbrechen seltener geworden sind. Auf die Ausführungen des Abg. Bebel über die Ausbildung der Armee brauche ich wohl nicht näher einzugehen. Wir streben überall nach Vereinfachung, suchen auch die Vorschriften möglichst zu vereinfachen. Die Ausbildung des einzelnen Mannes durch den sogenannten Gamaschendienst ist für uns die Hauptsache, und dann, wenn wir den Mann in seiner ganzen Kraft harmonisch ausgebildet haben, kann man mit ihm in den Felddienst eintreten. Man hat in einem Regiment den Versuch gemacht, auf den Parademarsch und diese Dinge keinen Werth mehr zu legen sondern nur auf den Felddienst, Mau hätte erwarten sollen, daß dies Regiment nun z. B. beim Schießen bei Weitem das bessere sein würde. Statt dessen haben ivir erlebt, daß es im Schießen das schlimmste in der ganzen Armee war. Wir haben hier wieder die alte Erfahrung gemacht: das Haupt- gervicht mutz auf die Erziehung des Einzelnen gelegt werden, daß er die volle Gewalt über feinen Körper bekommt. Und darauf beruht der Parademarsch. Die Broschüre des Offiziers aus Jena habe ich natürlich gelesen. Sie hat auf mich keinen tiefen Eindruck gemacht und ich bezweifle, daß sie wirklich von einem Offizier geschrieben worden ist. Es spricht aus der Broschüre eine außerordentliche Unerfahrenheit in militärischen Dingen und ich glaube, daß die Armee von der Broschüre nur sehr geringen Nutzen haben wird. Es ist aber in der Armee diejenige Geistesfreiheit vorhanden, daß sie solche Freiheit vertragen kann. Man kann nur solchen Broschüren nicht gleich glauben und folgen. Herr Bebel beschuldigt die Armee einer gewissen Ueberhebung. Ich glaube, es ist das größte Verdienst der Armee, daß sie bescheiden ist. Wir wissen wohl, daß wir tn Zukunft wahrscheinlich schweren Verhältnissen entgegengehen werden, wir sind aber entschlossen, unsere Pflicht zu thun. (Beifall.) Abg. Schrader (freif. Vgg.): Wir haben Gerichtserkenntnisse, üus denen hervorgeht, daß in der Armee doch Manches vorkommt, was nicht geschehen sollte. Ich habe, statt graue Theorie zu bieten, einen praktischen Antrag gestellt, der dem Kaiser wirksame Mittel gegen das Duell an die Hand giebt. Bedauerlich ist es, daß der Kriegsminister auf die Resolution Lenzmann gar nicht eingegangen ist. Preußischer Kriegsminister v. Goffler: Ich bin nicht ermächtigt, auf Äk Resolution zu antworten; ich muß mich in dieser Hinsicht so lange bescheiden, bis der Bundesrath einen Beschluß gefaßt hat. Meine persönliche Stellung zu der Resolution ist sehr einfach. Ich bin der Ansicht, daß der Grund der Resoluiwn hinfällig ist, denn die Zahl der Duelle hat sich nicht vermehrt, sondern vermindert; es knnnen jctzi nur noch 4—5 Duelle jährlich vor, an denen alsibe Offiziere betheiligt sind.. Die C;f:rere fiaber. ein Reckt, ebenso behandelt zu werden, wie jeder Andere: ich bestreite daher, daß eine besondere Verschärfung der Dstellstrafen für Offiziere am Platze ist. . ... Abg. v. Etirzlinowsli (Pole) klagt darüber, dag polmiche Rekruten von den deutschen Offizieren schlecht vehandelc würden. Auch in der Armee wollte man das Heiligste, was die Polen hätten, die Muttersprache, unterdrücken. Die polnischen Rekruten würden „Polacken" und „polnische Schweine" tzeschimvit. Ein Relrut. der ein Muttergottesbild mit polnischer Unterschritt in feinen Mil-.tär- paß gelegt hatte, wurde zu drei Tagen Arrest bestraft.^Auch werde es den Soldaten verboten, bei Polen zu laufen. ~ic weiteren Ausführungen des Redners bleiben unverständlich. Kriegsminister von Gosster: In Wreschen werden nicht zwei Bataillone, sondern nur eins stationirr. Die ganze^ Stadtverwaltung, bestehend aus 6 Deutschen, 6 Polen und 6 ^uden (Heiterkeit) haben dafür gestimmt, daß die Stadt das Bataillon bekomme. Die Beschwerden des Vorredners waren sehr wbMw. In einem Punkte habe ich ihn nickst verstanden. Er schien davon zu sprechen, daß eS den Polen schwer würde, für ein fremdes Vaterland zu dienen. Ich weiß nickst, welche? Vaterland er meint ich kenne nur ein deutsches Vaterland. Daß Offiziere die polnischen Relruten beschimpft haben sollen, glaube ich nickst. Denn, sagte oer Vorredner, die preußische Schneidigkeit solle jetzt auch wohl gegen Die katholische Religion mobil gemacht werden. Das verstehe ich nicht. Was hat es denn mit der katholischen Religion zu thun, wenn ein Soldat die Frechheit hat, dem Bezirksfeldwebel seinen Mili- tärpaß vorzulegen, in dem ein Muttsrgottesbild mit dem polnischen Adler sich befand. Dem fiert ist ganz Recht geschehen, drei ^age ist das Mindeste, was er bekommen mußte. Wenn der Vorredner aber gar davon sprach, daß in Posen die preußische Pest herrschte, so muß ich solche Bemerkungen auf das Allerentschiedenste zurückweisen. Ich bedauere, daß hier ein so unpassender Ausdruck fallen konnte. _ Präsident Graf Ballestrem: Erst aus der Rede des Herrn Kriegsministers habe ich Kenntniß davon erhalten, daß der Abg. von Ehrzanowski das Wort „preußische Pest" gebraucht hat. Dieser Ausdruck verstößt gegen die Ordnung dieses Hauses und ich rufe den Abg. von Ehrzanowski deshalb zur Ordnung. Abg. Eickhoff (freif. Vp.) führt aus, er glaube gerne, daß der Kriegsminister den ernsten Willen habe, die Mißhandlung zu beseitigen. Aber wenn trotzdem Mißhandlungen vorkamen, fei es die Pflicht der Abgeordneten, den Finger auf die offene Wunde zu legen. Redner erwähnt, ebenso wie im Vorjahre, einen Fall aus Barmen, in dem ein Kaufmann, der ein Duell verweigerte, förmlich in Verruf erklärt worden sei. Und dabei sei noch der Kaufmann in der schwersten Weise von seinem Gegner, einem Rittmeister d. R. provozirt worden. Hier also wäre der Versuch gemacht, den Duell- zwang auch auf andere Kreise auszudehnen. Kriegsminister von Goßler bedauert, daß dieser Fall nochmals zur Sprache gebracht fei. Eine Verrufserklärung fei nidjt erfolgt, es Je: ’ dem Tat: eines Jeden überlassen, ob er noch in Zukunft mit dem betr. Kaufmann verkehren wolle. Der Rittmeister habe den Abschied bekommen. Abg. fiunert (Soz.) fuhrt einige angebliche Fälle von Soldaten« Mißhandlungen und Bruialitäten in Misthaufen, Neiße und Brom- berg an. Selbst bei den schwersten Mißhandlungen würden die Unteroffiziere ui.b Offiziere nur sehr milde bestrast, wenn aber em renr Restrvisten in der Trunkenheit sich an einem Gendarm ber* griffen, setze es gleich so und so viele Jahre Zuchthaus. Es finden im Jahre mindestens 2000 Soldatenmißhandlungen statt. Redner, der aist der Tribüne fast unverständlich ist, bespricht auch die Ex- vcdition nach Elstno und erzählt, Graf Waldersee habe ein Tele- gramm erhalten mit dem Befehl, die Elstnesen an die große Mauer zurückzudrängen. Dies Telegramm erinnert an den Hofkriegsrath in Wien und an das Telegramm des Sultans an den Vertheidiger von Plewna, das Osman Pascha zu einer Dummheit zwang. Sie sehen also, der blutige Dilettantismus erstreckt sich nickst nur auf das Gebiet der Kunst, der Wissenschaft und der Rederei, sondern auch auf das Gebiet der Strategie. Der Absender des Telegramms war nicht — damit kein Falscher in Verdacht komme 5er Kriegsminister oder einer seiner Räthe, sondern Wilhelm II. Imperator Rex. Präsident Graf Ballestrem: Nachdem Sie den Sah zu Ende gesprochen haben, muß ich Ihre früheren Worte als Majestätsbeleidigung auffassen und rufe Sie deswegen zur Ordnung. (Beifall.) Preußischer Generalmajor von Tippelskirch: Die, Angaben des Vorredners über die Zahl der Mißhandlungen sind falsch; wir haben keine 2000, sondern nur 505 Mißhandlungen in einem Jahre gehabt. Bairischer Generalmajor v. Endres: In Bamberg haben die Offiziere zusammengesessen. Die. älteren waren nachher gegangen. Dadurch war die Heiterkeit, wie gewöhnlich, gestiegen. (Heiterkeit.) Sie holten sich ihre Pferde und ritten mit Musik durch die Stadt, übersahen dabei vollständig die polizeilichen Vorschriften über die Benützung des Trottoirs (Heiterkeit), und verkannten den Zweck der Rolljalousien an den Häusern (Heiterkeit). Von Brutalität kann da keine Rede sein; ich glaube, Niemand sitzt hier, der nicht einmal einen solchen Ulk mitgemacht hätte (Heiterkeit). Ich gehe sogar weiter und sage: Niemand wird hier sein, der sich nicht freut, einen solchen Ulk mitgemacht zu haben. (Große Heiterkeit.) Es handelt sich also nicht um einen, wenn man so sagen darf „Klassenulk". (Heiterkeit und Beifall.) Das Haus vertagt die weitere Berakhung des Wili - t ä r c t a t s auf Dienstag 1 U h r. Schluß 6% Uhr. Das Duell von Springe vor Kericht. H an n o v er, 17. Febr. Heute begann der Prozeß gegen den Domänenpachter Falken Hagen, der am 16. Januar den Landrat von Bennigsen in Springe im Duell erschoß. Der am 23. November 1873 geborene Falkenhagen, Sohn des Abg. Amtsrats Falkenhagen (Nordheim), war seit 1899 Pächter der kgl. Domäne Springe. Das Wohnhaus Falkenhagens war nur durch einen Hof von der Wohnung des Landrats v. Bennigsen getrennt. Ter unverheiratete Falkenhagen war ständiger (Ärst im Hause des Landrats. Bereits seit langer Zeit war es in Springe offenes Geheimnis, daß zwischen Falken- chagen und Frau v. Bennigsen intime Beziehungen bestehen. Diese Gerüchte drangen auch schließlich zu den Ohren des Landrats. 'Dieser wollte zunächst nicht glauben, daß ihn feine Frau, mit der er 12 Jahre in glücklicher Ehe lebte, und ihm fünf Kinder geschenkt hat, hintergehe. Da die Gerüchte aber schließlich zur Gewißheit wurden, so wurde in dem Klub der Honoratioren zu Springe, dem v. Bennigsen als Mitglied angehörte, beschlossen, Letzterem die .Sache zu unterbreiten. Daraufhin brach v. Bennigsen sofort den Verkehr mit Falkenhagen ab. Außerdem soll ein peinlicher Austritt zwischen v. Bennigsen und seiner Gattin stattgesunden haben, der zur Folge hatte, daß Frau v. Bennigsen sofort zu ihrer Schwester nach Leipzig abreiste. Gleich darauf sandte Landrat v. Bennigsen durch den Oberförster Limmer an Falkenhagen eine Herausforderung zum Zweikampf auf Pistolen. Die Bedingungen lauteten: Kugel- wechjel auf 15 Sprungschritt: Distanz ohne Avancieren bis zur Kampfunfähigkeit eines der Kämpfenden. Unter Kamps- unfckhigkeit wurde nicht der Tod oder die tödtliche Verwundung eines der Kämpfenden, sondern bereits eine Verwundung verstanden, welche die Unfähigkeit zum Weiterschießen zur Folge hatte. Die vereinbarten Bedingungen entsprachen dem Willen des Herrn v. Bennigsen. Die Sekundanten waren bemüht, dem Zweikamps eine mildernde Form durch Festsetzung einer Kugelzahl, etwa 10 Stück, zu geben. Herr v. Bennigsen lehnte jedoch diesen Vorschlag ab. Der Zweikampf fand in voller Wahrung der hergebrachten Zweikampfsregeln statt. Der Unparteiische, Frhr. von Langwerth-Simmern zählte mit Zwischenpausen von einigen Sekunden: 1, 2, 3 halt! Zwischen 1 und halt waren die Schüsse abzugeben. Die beiden ersten Gänge, in welchen von beiden Seiten, und zwar immer zuerst von Falkenhagen, geschossen wurde, waren ohne Erfolg. Beim dritten Kuaelwechsel erhielt v. Bennigsen einen Schuß in den Unterleib, der chn sofort zu Boden streckte. Der Zweikampf war damit beendet. Am 17. Januar starb der Landrat v. Bennigsen in Hannover. Falkenhagen soU den Versuch gemacht haben, die Verzeihung seines Gegners zu erlangen. Der Bruder des Getöteten, Gouverneur von Neu-Guinea, Rudolf v. Bennigsen, dessen Vermittelung Falkenhagen nach- suchte, hat jedoch diese Vermittlerrolle abgelehnt. Falken- hagen giebt zu, mit Frau v. Bennigsen schon seit dem Sommer 1900 in sträflichem Verkehr bestanden zu haben. Falkenhagen soll nach dem Zweikampf zunächst zu Frau v. Bennigsen nach Leipzig und von dort nach Berlin gereist sein, um die Verzeihung seines Vaters, der in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter in Berlin weilte, nachzusuchen. Daß sich Falkenhagen dort in verrufenen Ball- sälen herumgetrieben und sich seiner That gerühmt habe, soll, wie von bestunterrichteter und durchaus glaubwürdiger Seite versichert wird, vollständig erfunden sein. Falkenhagen will vor Gericht den Beweis führen, daß er in Berlin weder einen Ballsaal betreten, noch mit einer Dirne zusammengewesen ist. Er will die fragliche Zeit bis fast zum Morgengrauen in Gesellschaft des Bürgermeisters a. D. Schmidt zugebracht haben. Am Sonntag, 19. Januar, wurde Falkenhagen bekanntlich in aller Frühe im Zentralhotel in Berlin auf Antrag der Staatsanwaltschaft zu Hannover wegen Fluchtverdachts verhaftet und nach hier transportiert. Dem Vernehmen nach will er, da er der schuldige Teil war, die Absicht gehabt haben nur in den Sand zu schießen, dies will er auch in den ersten zwei Gängen gethan haben. Erst beim dritten Kugelwechsel jet er Plötzlich zu dem Ent- chluß gekommen, durch einen Schuß in den Fuß seinen Gegner kampfunfähig zu machen. Tie Sekundanten usw. wollen aber eine derartige Absicht beim Zielen nicht wahrgenommen haben. Falkenhagen hat sich nun wegen Tödtung im Zweikampf, auf Grund des § 206 des Strafgesetzbuches, zu verantworten. Dieser Paragraph lautet: „Wer seinen Gegner im Zweikampf tödtet, wird mit Festungshaft nicht unter zwei Jahren, und wenn der Zweikampf ein solcher war, welcher den Tod des einen der beiden herbeiführen sollte, mit Festungshaft nicht unter drei Jahren bestraft." Gleichzeitig ist Frau v. Bennigsen als Zeugin geladen. Ten Vorsitz fuhrt Landgerichtsdirektor Dr. Lüttcken. Die Anklagebehörde vertritt Staatsanwalt Dr. Kessel. Der Angeklagte hat seine Verteidigung dem Rechtsanwalt Dr. Stehmann übertragen. Schon lange vor Beginn der Verhandlung war der Andrang des Publikums ganz kolossal, sodaß zahlreiche Ge^ richtsbeamte und Schutzleute Muhe hatten, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Vor Eintritt in die Verhandlung ermahnte der V o r si tze n de die Vertreter der Presse, über den Prozeß möglichst objektiv zu berichten. Falkenhagen ei durch Gerüchte, die nicht den Thatsachen entsprächen, verunglimpft worden. Während der Vernehmung der Frau v. Bennigsen wurde die Oesfentlichkeit ausgeschlossen und nach 12 Uhr wieder hergestellt. Oberförster Zimmer bekundete den Sachverhalt und gab zu, als Kartellträger thätig gewesen zu sein. Referendar v. Simmern bezeugte, daß das Duell kommentmäßig stattgefunden habe. Nach 3 Uhr erfolgte die Urteilsverkündigung. Das Urteil gegen Falkenhagen lautet aus sechs Fahre Festung. Der Staatsanwall beantragte acht Jähre. Staatsanwalt und Angeklagter erklären, auf das Rechtsmittel der Berufung zu verzichten. In der Begründung des Urteils führte der Vorsitzende aus, bei der Strafzumessung sei berücksichtigt, daß der Angeklagte das Lebensglück des Landrats v. Bennigsen vernichtet und augenscheinlich die Absicht gehabt habe, seinen Gegner im Zweikampf zu tödten; als strafmildernd komme in Betracht, daß der Angeklagte von der mehrere Iah re älter en Frau v. Bennigsen verführt worden sei. Aus Stadt und Sand. Gießen, 18. Februar 1902. ** Eissport. Infolge des eingetretenen Tauwetters mußte die Eisbahn gestern nachmittag 5 Uhr bereits geschlossen werden. Auch das sür heute Abend vorgesehene Eisfest ist deshalb verschoben worden. k— O st h eim bei Butzbach, 17. Febr. Unser Gesangverein „Germania" hielt gestern beim Gastwirt Fett eine Abendunterhaltung ab. Es gelangten sechs Theaterstücke zur Aufführung, die durchweg gut gespielt wurden. Besonderen Beifall ernteten: „Ländliche Brautwerbung", „Die drei alten Jungfern" und „Eine Kriegervereinssitzung". -ö-Altenstadt, 17. Febr. Dem Faschingsjubel durfte hier infolge der durch die Gemeindewahlen hervorgerufenen Uneinigkeit der Einwohner ein minder fröhliches Nachspiel folgen. Anscheinend von den „Schwarzen" — der Partei des seitherigen Bürgermeisters — veranstaltet, fand am Fastnachtsabend unter Vorantritt einer Ortenberger Kapelle mit Pauken und Trompeten ein Umzng statt, ohne daß hierzu die polizeiliche Genehmigung eingeholt worden wäre. Die Teilnehmer murden, wie man glaubt, von der Gegenpartei wegen Unfugs zur Anzeige gebracht. Vermischtes. * Braunschweig, 17. Febr. In dem Nachbarort Lehndorf wurde eine Falschmünzerwerkstatt entdeckt. Ein Schlosser, der dort falsche Zweimarkstücke anfertigte, und 2 Helfershelfer wurden verhaftet. Paris, 17. Febr. Zwischen den ehemaligen Ministern Ca v a i g n a c und Renault findet morgen anläßlich einer Wahlrede ein Pistolenducll statt. * Toulon, 17. Febr. Der Dampfer „Pionier" der Marseiller Schiffahrtsgesellschaft Bousch fuhr gestern nacht auf einen Felsen in der Nähe von Kap Talllat aus. Das Wasser drang in den Kielraum ein, wo sich acht Tonnen Calcium Carbid befanden. Das infolgedessen sich eito wickelnde Acetylen vursachte eine furchtbare Explosion, durch die ein großer Teil des Schiffes zerstört wurde. Der Kapitän und ein bisher unbekannter Passagier wurden getötet, die übrigen Reisenden, sowie die Mannschaft konnten gerettet werden. * Petersburg, 17. Febr. Nach Meldungen aus Schemacha beträgt die Zahl der bei dem Erdbeben um gekommenen Personen 2000. 4000 Häuser wur-- den zerstört. Arkeitervewegung. Chemnitz, 17. Febr. Der Fabrimnten-Verein von Elsterberg hat beschlossen, die Betriebe zu schließen und die Arbeiter auszusperren, wenn sie auch nur teilweise in einen Streik eintreten und den vorgelegten Lohntarif nicht anerkennen sollten. Barcelona, 17. Febr. Die Aus stan dsb eweg^ ung nahm größeren Umfang an. Die Angestellten der Straßenbahnen, die Bahnarbeiter, Hafenarbeiter, Frachtfuhrleute und Buchdrucker legten die Arbeit nieder. Die Zeitungen erschienen nicht. Es kam mehrfach zu Zusammenstößen, wobei einige Personen verletzt wurden. Der Belagerungszustand ist proklamiert. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Kgssel, 17. Febr. Die Konkursverwaltung der Trebertrocknungs-Gesellschaft teilt mit, daß sie an die Gläubiger Anfangs August eine Abschlags-Divi- d e n d e von i/2 Proz. zur Verteilung bringen werde. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 18. Febr. Die Besserung im Befinden Virchows dauert fort. Der Patient erfreut sich besserer Nachtruhe und unternimmt bereits Gehversuche, bei denen er sich eines Stockes bedient. London, 18. Februar. Lord Ki t ch cner meldet aus Pretoria, daß in der letzten Woche nach den Berichten der einzelnen britischen Abteilungen 17 Buren gefallen, fünf verwundet und 107 gefangen genommen wurden, während sich 138 ergaben. Das mittlere Gebiet der Kapkolonie ist vom Feinde frei. Piet Wessels Kommando ist nach Westen zurückgetrieben worden und überschritt die Hauptbahnlinie bei Pretoria-West in nordöstlicher Richtung. Die in kleine Abteilungen aufgelösten Burentommandos seien schwer zu fassen. Oberst Rawlinson sprengte die ihm gegenüber stehenden Bnrenabteilungen in östlicher Richtung von Zuis- kerbachrand zurück. Am 12. Februar ist mit anderen Baren auch der Feldtornet Werthuigen bei einem Zusammenstoß mit berittener Infanterie gefallen. Spence nahm südlich von Amsterdam 12 Bnren gefangen, 19 ergaben sich. Kronstadt, 17. Febr. (Reuter.) Tas Gesamter gebnis der vereinigten Operationen der englischen Truppen bei dem letzten großen Kesseltreiben ist folgendes: 300 Buren wurden gefangen genommen, 25 verwundet und 15 getötet. Unter den Gefangenen befand sich Kommandant Besters, der inzwischen in Heilbronnroad seinen Wunden erlegen ist. New York, 18. Febr. Ein heftiger Sturm, verbunden mit Schneefall, wütet in den am nördlichen Atlantischen Ozean gelegenen Staaten. Der. Schneefall in Newyort ist der stärkste, der seit drei Jahren beobachtet wurde. Der Verkehr ist vielfach gestört.