152. Jahrg Nr. 15 General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei (Pielfch Erben), Gießen. auch bcS* Ein Blatt Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Siehrner Zamtlienbtätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. verlangen das Verbot der Arbeit von Kindern unter 14 Jahren. Auch die staarliche Regelung des Arbeitsnachweises darf nicht länger aufgeschobcn werden. Warten wir dqch schon 17 Jahre darauf! Ferner verlangen wir, daß die Frauenarbeit nach Möglichkeit eingeschränkt wird. Es darf nicht so gehen, wie es Herr Schlumberger wünscht, mit dessen Auftreten selbst wohl nicht alle National-Liberalen einverstanden waren. Industrien, die so schlecht bezahlen, daß ein Mann trotz zehnstündiger Arbeit seine Familie nicht ernähren kann, dürfen nicht länger geschützt werden. An der Krisis sind die Arbeiter am schuldlosesten, deshalb hat das Reich auch die Verpflichtung, sich der Arbeiter anzunehmen. Man darf sie nicht auf die Unterstützung der Gemeinden anweisen, denn dadurch verlieren die Arbeiter ihre politischen Rechte. Wenn man nur vier Prozent von dem Einkommen der Millionäre nähme, würde man die Arbeitslosen ausreichend unterstützen können, ohne die Millionäre irgendwie zu schädigen. Das Organ des Herrn Krupp freilich, der allein bei den Panzerplatten 80 Millionen verdient hat, macht den Vorschlag, die Arbeiter selbst heranzuziehen. Das ist der nackteste Vorschlag, der jemals gemacht ist, die Schuldlosen noch mehr unter der Krisis leiden zu lasten. Von anderer Seite wird eine Dividendensteuer vorgeschlagen. Dies beweist doch, doch selbst die Bourgeoisie den außerordentlichen Nothstand anerkennt. Deshalb sind auch schleunige Mittel nöthig. Vor Allem dürften die staatlichen „Musterbetriebe" jetzt keine Arbeiter entlassen, um die Arbeitslosigkeit nicht noch zu vermehren. Ein Unternehmer hat die Frechheit gehabt, zum 1. Januar d. I. die Arbeitszeit von 10 auf 11 Stunden zu erhöhen und die Frühstücks- und Mittagspause zu nehmen. An der Regierung liegt es, jetzt zu zeigen, ob sie gegenüber den jetzigen Zuständen sich der Pflicht bewußt ist, helfend einzugreifen. Wenn sie es nicht ist, so trage nicht ich die Verantwortung, sondern sie. Staatssekretär Graf v. PosadowSky: Die Interpellation geht davon aus, daß gegenwärtig ein allgemeiner Nothstand in Deutschland vorhanden sei. Demgegenüber möchte ich Ihnen auf Grund des mir vorliegenden Materials die thatsächlichen Verhältnisse schildern. Sobald sich die Krise in ihren Folgen für die Arbeiter bemerkbar machte, habe ich mich an sämmtliche Staatsregierungen gewandt, um von ihnen, ebenso wie von den Reichsrestorts Auskunft über den Stand der Krise und den Umfang der Arbeitslosigkeit zu erhalten. Der Bericht der preußischen Regierung theilt mit, daß am stärksten die Eisen- und Metallindustrie durch die Konjunktur betroffen sei, daß sich ferner in gedrückter Lage befänden die Maschinen-, Zement-, Holz-, Papier-Industrie, sowie auch die Zigarrenfabrikation und endlich das Baugewerbe. Arbeiterentlastungen würden nach Möglichkeit vermieden; bei Arbeitsmangel würde, so weit als möglich, nur für den regelmäßigen Abgang kein Ersatz eingestellt; auch suche man durch Abkürzung der Arbeitszeit Entlastungen entbehrlich zu machen. Im westfälischen Industriegebiet habe sich weniger die Arbeitslosigkeit als die Lohnherabsetzung fühlbar gemacht. Die Zahl der Berliner Arbeitslosen ist auf 7500 geschätzt, wozu aber noch die Arbeiter kommen, die keine feste sondern nur Gelegenheitsarbeit annehmen. Mit diesen Gelegenheitsarbeiterin und den Arbeitsscheuen beträgt die Zahl der Berliner Arbeitslosen vermuthlich etwa 15 000. Die Beiträge für die Invalidenversicherung und die Einzahlungen an die Sparkaste sind nicht erheblich zurückgegangen. Also nach dem preußischen Bericht kann in Preußen von einem allgemeinen Nothstand nicht die Rede sein. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 120. Sitzung vom 17. Januar. 1 Uhr. ’ DaS Haus ist schwach besetzt. . Am Bundesrathstisch-: Graf Posadowsky u. A. Bor Eintritt in die Tagesordnung erklärt der bairische Generalmajor von Endres: Ich kann jetzt eine Bemerkung, die der Abg. Dr. Heine am Schluß der gestrigen Sitzung machte, richtig stellen. Unser Kriegsminister hat auf die Anfrage des Abg Nißler in der bairischen Stammel", ob denn die Erhebung über die Lage der Invaliden von 70/71 schon im Gange sei, nicht erwidert, ihm sei von der Sache überhaupt nichts bekannt. Der Kriegsminister sagte vielmehr nach Ausweis des stenographischen Berichtes: Ich bin nicht in der Lage, auf die Frage des Abg. Nißler Antwort zu geben, weil diese Angelegenheit zum Ressort des Ministers des Innern gehört." Der Kriegsminister hat sich also nicht auf Unkennt- niß zurückgezogen, sondern lediglich die Kompetenz betont. Hierauf tritt das Haus in die Tagesordnung ein. Der Gesetzentwurf über die Verlegung der d e u t s ch - d ä n i - schen Grenze in Ö er Norderau und Kjärmühlenau wird ohne Debatte in erster und zweiter Berathung genehmigt. Die Ucbersicht derReichs-Ausgabenund Einnah- nahmen für 1899 wird debattenlos in zweiter Berathung erledigt. Die Etatsüberschreitungen im Betrage von 47 415 790 Mk. werden genehmigt. Hierzu wird folgende Resolution angenommen: Tie verbündeten Regierungen zu ersuchen, der Teckungsklau- sel für Schiffsbautcn — Etat für die kaiserliche Marine, einmalige Ausgaben, ordentlicher Etat — wie folgt lautend: „Die für den Bau und Umbau von Schiffen bewilligten Geldmittel sind untereinander und mit den bereits durch frühere Etats für den gleichen Zweck bewilligten Summen deckungsfähig", künftig hinzuzu- fügcn: „jedoch nicht länger als drei Jahre nach Bewilligung der Schlußrate". Es folgt die Verlesung folgender Interpellation Albrecht und Gen. (Soz.): Welche Maßregeln gedenkt der Reichskanzler zu ergreifen, um den Folgen der wirthschaftlichen Krisis, die sich in Bctriebseinschränlungen, Lohnkürzungen und vornehmlich in Arbeiterentlastungen bemerkbar machen, zu begegnen und dem dadurch hcrvorgcrufenen Nothstand weiter Volksschichten entgegenzuwirken? Staatssekretär Graf v. PosadowSky erklärt sich bereit, die Interpellation sofort zu beantworten. Zur Begründung der Interpellation erhält das Wort Abg. Zubeil (Soz.): Die jetzige wirthschaftliche Krise hat einen ungeheuren Umfang angenommen. Zunächst hat der südafrikanische Krieg unsere Industrie erheblich geschädigt; der chinesische Krieg schlug dann dem Faß den Boden aus; dazu kam der Bankkrach, der Die Krise beschleunigte, die aber auch sonst ausgebrochen wäre. Schon im Jahre 1895 während der Aufschwungsperiode, als wir unsere Nothstands-Jnterpellation einbrachten, wurde festgestellt, daß wir damals, mindestens eine halbe Million Arbeitslose hatten. Das hätte die Regierung zu einem energischen Eingreifen veranlassen sollen. Statt besten hat sie bis zur Stunde auch nicht die geringsten Maßnahmen getroffen. Vor einiger Zeit war von Erhebungen die Rede, die über die Arbeitslosigkeit veranstaltet werden sollten. Was ist daraus geworden? Man hat bei allen möglichen Leuten Erhebungen gemacht, aber die Verbände, die am ersten in Betracht kommen müssen, die Arbeiterorganisationen, hat man nicht gefragt. Der Oberbürgermeister von Halle hat sogar in einer Besprechung mit dem Obcrpräsidenten von Bötticher und Großindustriellen die Arbeiter beschimpft, obgleich diese doch unschuldig an der Krise sind. Der Oberpräsident fühlte sich nicht bemüßigt, die Beschimpfung zurückzuweisen. Erst die Großindustriellen thaten das und erkannten das Bestehen des Nothstandes an. Trotzdein faßte Herr v. Bötticher das Ergebniß der Verhandlung dahin zusammen, daß in seinem Bezirk von einem außerordentlichen Nothstand nicht die Rede sein könne! In Frankfurt a. M. Ijat man für die Arbeitslosen 79 000 Mark bewilligt, und selbst von dieser winzigen Summe ist nur ein kleiner Theil verwendet worden. Die Arbeitslosenansammlungen in Frankfurt a. M. hatten durchaus nicht den Charakter von Kra- vallen; sie bekamen ihn erst durch das rücksichtslose Vorgehen der olizei, das einen Schrei der Entrüstung hervorgerufen hat. Und wie ist es in Berlin; Gehen Sie nur einmal Nachmittags in die Zimmerftraße, wo die Expeditionen der Zeitungen sind, und Sie werden sehen, daß von Tag zu Tag die Zahl der Arbeitsuchenden erschreckend wächst. Das sind keine „Pennebrüder", sondern arbeitsame Leute, zum großen Theil Familienväter, die sich glücklich schätzen, toenn sie auch nur aus ein paar Tage Beschäftigung finden. Die Ansprüche, die an die Gewerkschaften gestellt werden, beweisen, wie ungeheuer die Arbeitsnoth innerhalb eines einzigen Jahres gewachsen ist. Die Summen für Arbeits- losen-Unterstützung sind außerordentlich gestiegen. Aber trotzdem nützen diese Unterstützungen nur wenig; sie schützen die Arbeiter nur vor der alleräußersten Noth. In der letzten Zeit war hier oft von dem Nothstand der Landwirthschast die Rede, und die Regierung hat sofort Mittel zur Abhilfe vorgeschlagen; hier, wo es sich um Hunderttausende von Arbeiterfamilien handelt, rührte weder die Negierung noch de Mehrhetspairteien die Hand. Wir verlangen einmal, daß das Reich selbst sofort Mittel bereit stellt und dann auch in diesem Sinne auf die Einzelstaaten einwirkt. Wir sind bereit, hierfür Hunderte von Millionen zu bewilligen. Dann verlangen wir ein Reichs-Arbeitsministerium. Ferner müssen die zweiten und dritten Raten für Bauten in allen Ressorts bewilligt werden, damit Arbeit geschaffen wird. Ferner ist ein Reichs-Arbeitsamt dringend nöthig. Bisher hat man den Arbeitern nur nothgedrungen gegeben, was man ihnen geben mußte. In der Sozialpolitik darf aber kein Still- stand eintreten. Dafür zu sorgen, muß die erste Sorge des Reichs- Arbeitsamtes fern. Man weiß ja nicht, wie lange die Krisis an- halien toirb. Es ist nothwendig, daß die Arbeiter-Organisationen Wetter ausgebaitt werden, daß sie als mit den Unternehmerverbänden gleichberechtigte Organisationen anerkannt werden. Statt besten hat man Strafen über Strafen über die Leiter der Organisationen verhängt. Es müssen auch Erhebungen über die Zahl ausländischer Arbeiter gemacht werden. Gewiß sind wir international, aber es kann uns nicht gleicfigiltig sein, wenn die Früchte unserer heißen Kämpfe dadurch illusorisch gemacht werden, daß ausländische Ar- better durch falsche Versprechungen hierher gezogen werden. (Sehr nichtig! bei den Sozialdemokraten.) Weshalb werden bei dem Teltow-Kanal in der Mehrzahl ausländische Arbeiter beschäftigt? Auch stber den verheerenden Einfluß der Kartelle und Syndikate muß das Arbeitsamt Erhebungen anstellen. Wir verlangen den : allgemeinen Maximalarbeitstag von 10 Stunden, da wir zunächst ■ den achtstündigen Arbeitstag noch nicht erreichen können; das andere : überlasten wir den Gewerkschaften. Durch eine vernünftige Be- i schränkung der Arbeitszeit wird zugleich die große Reservearmee 1 vermindert, die den Arbeiterbestrebungen ost so schädlich ist. Wir i fügt, daß keine Lohnkürzungen in seinen Verwaltungen gemacht werden dürfen, alle Arbeiten sollen, soweit eS möglich ist, beschleunigt werden. Ebenso ist es auf den kaiserlichen Wersten, alle Schiffs- bauten sollen nach Möglichkeit gefördert werden, selbst solche, die für dieses Jahr noch nicht fertiggestellt werden sollten. Aber wir müssen dabei bleiben, daß die Sorge an erster Stelle den Einzelstaaten und den Kommunen überlassen bleibt. Das Reich kann nur helfen, soweit die Mittel bewilligt sind. Deshalb möchte ich dringend wünschen, daß der Etat möglichst bald verabschiedet wird, damit wir wissen, worüber wir verfügen können. Es wird mir mitgetheilt in verschiedenen der erwähnten Berichte, daß die Krise wahrscheinlich ihren tiefsten Stand erreicht hat, und daß, wenn jetzt nicht Bestellungen in größerem Umfange eingehen, dies vielleicht auf spekulativen Momenten beruhe, um billige Preise bewilligt zu bekommen. Daraus, daß viele dringende Bestellungen einlaufen, glaubt man schließen zu können, daß die Läger geräumt sind. Die Arbeitslosenzählung, die verlangt worden ist, ist eine der schwierigsten statistischen Aufgaben. Der verstorbene Direktor des Stattstischen Amtes, Dr. Scheel, der gewiß ein außerordentlich vorurtheilsfreier Mann und ein ausgezeichneter Statistiker war, führte noch vor Kurzem in einer Denkschrift aus, daß die Arbeitslosenzählung mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden sei. Ich persönlich bin auch überzeugt, daß die letzte Arbeitslosenzählung von 1895 ein sehr anfechtbares Material darstellt. Will man sich ein Urtheil über den Umfang der Arbeitslosigkeit bilden, so geht man, glaube ich. sicherer, wenn man in den einzelnen Kommunen den Arbeitsmarkt beobachtet und sich hier ein Urtheil bildet, nicht unter Zuziehung der Polizei — der wird bei uns in Deutschland schon so viel zugemuthet (Sehr richtig!) — sondern unter Zuziehung von Arbeitgebern und Arbeitern, also der Leute, die hier wirklich Bescheid wissen. Ich habe bedauert, daß der Abg. Bebel abfällige Worte gefunden hat über die Schaffung der Abtheilung für Arbcitsstattstik. Ich meine, auch die Sozialdemokraten müßten zugeben, daß diese Einrichtung eine Verbesserung des bisherigen Zuftandes i’-’bcutet Diese Abtheilung wird sehr wohl dazu beitragen können, uns über den Arbeitsmarkt und die wirthschaftliche Sagu au, dem Laufenden zu halten. Woher kommt die jetzige Absatzkrise? Ich glaube, wesentlich daher, daß in Zeiten steigender Konjunktur kolossale Kapitalien in Neuanlagen investtrt werden, au5 Speku- lattonszwecken, die dann selbstverständlich nicht ausgenutzt werden können, sobald die Konjunktur zurückgcht. Dann bleiben diese Arbeiter als menschliches Plankton auf dem Arbeitsmarkt. Die Krise hängt aber auch mit einer anderen Erscheinung zusammen, mit dem Zug in oie Großstadt. Es besteht ja leider auch in sehr viel höheren Gesellschaftskreisen die Anschauung, daß, wer einmal das Bild der Großstadt in sich aufgenommen hat, es als eine Deklassinina betrachtet, wenn er auf das Land ober in bie Kleinstabt gehen soll. Außerbem sind viele Arbeiter, wenn sie einmal länger in ber Fabrik waren, körperlich gar nicht mehr im Stanbe, in Wind unfr Samstag, 18. Januar 1902 Eichener Anzeiger ; Wetter draußen auf dem Lande zu arbeiten; halb gehen sie nicht mehr aufs Land zurück. hat kürzlich von meiner „agrarischen Weltanschauung" gesprochen, aus ber meine Stellung zum Zolltarif hervorgegangen sei. Nein, nicht aus einer agrarischen, fonbern aus einer sozialpolitischen Weltanschauung ist sie hervorgegangen. Man kann stcb nichts Drasttscheres beulen, als die graphische Darstellung des Wachslhurns der deutschen Großstädte, die auf der Pariser Ausstellung au finden war. Es ist kein ersteulicher Zustand, daß in unseren Großstädten in Folge eines Aufschwungs, der in diesem Temvo gar nicht anhalten konnte, sich die Bevölkerung immer mehr massirt, anstatt sich gleichmäßig zu Vertheilen. Eine solche Vertheilung kann durch Polizeimaßregeln nicht erreicht werden. Ich sage ganz offen: ich halte jeden Versuch, die Freizügigkeit mittelbar ober unmittelbar zu beschränken, für vollkommen utopisch (Hört! aört I); in unserer Zeit mit ihren billigen Verkehrsmitteln läßt sich bas gar nicht burchführen. Wenn man bas platte Laud zu bem machen will, was es sein soll, zu bem großen Reservoir für unsere Bevölkerung überhaupt, bann geht bas nur badurch, haß man für bie Land- wirthschaft erträgliche Verhältnisse schoßl. Deshalb halte ich eS, wie ich schon bei ber Zollberathung anbeutete, für bringend erwünscht, daß wir mit Ansiedelungen o.ich in anderen Landestheileu, in denen es bisher nicht geschieht, vergehen. Der Abg. Arendt warf uns vor, daß wir nichts gethan hätten, um bie Ueberprobnktton zu mindern. Wie hätte die Regierung daS wohl anfangen sollen? In unserer Zeit kann man durch Polizeimaßregeln auf diesem Gebiet die persönliche Freiheit nicht ein- schränken. Auch in unserer Zeit ber sozialpolitischen Fürsorge muß seder bis zu einem gewissen Grabe bie Folgen feiner Hanblungen tragen unb man kann an bie Industrie nur bas dringende Ersuchen richten, auf Grund der gesammelten Erfahrungen recht vorsichttg zu sein, ehe sie mit Neuanlagen dem Strom der Absatzmöglichkeit folgt. Aber wenn Sie für die Arbeiter sorgen wollen, dann verbreiten Sie auch die Erkenntniß unter ihnen, daß es sehr gefährlich ist, den bisherigen sicheren, wenn auch vielleicht bescheidenen Arbeitsplatz zu verlassen, um, gelockt durch hohe Löhne in Zeiten der Hochkonjunktur, in die großen Städte zu sttömen. Der Arbeiter, der das macht, handell genau so wie der kleine Kapitalist, der sich durch hohe Zinsen verführen läßt, gewinnbringende aber unsichere Papiere zu kaufen. Der Herr Interpellant verlangte eine staatliche ArbeitS- losenunter st ützung. Soweit man bisher mit ber Arbeits- lofenunterftüfcung Erfahrungen gemacht hat, auf sehr kleinem beschranktem Gebiet, sind diese Erfahrungen nicht besonders gut. Und c§ giebt sogar Männer der Wissenschaft, die behaupten, die Arbeitslosigkeit könne überhaupt nicht Gegenstand einer Versicherung sein, weil der Eintritt des Versicherungsfalles in zu hohem Maße vom Willen des Versicherten abhänge. Immerhin muß man anerkennen, daß , cs außerordentlich wohlthätig wäre, wenn ein Mittel gefunden werden könnte, um in solchen Krisen Öen Arbeitslosen zu helfen. Die wissenschaftlichen Spezialisten für diese Fragen gehen in ihren Ansichten aber zur Ze» noch wett auseinander. Jede Arbeitslosenversicherung hat zu- Elst eine Voraussetzung: daß es gelingt, absolut korrekt die wirklich Arbeitslosen zu ermitteln; ich weiß nicht, ob uns dies gelingen ftnrb. Die Auffassung ber verbündeten Regierungen über biefe tfrage kenne ich nicht; jebenfalls können wir hier keine Erperimente machen, bevor wir nicht eine ganz anbere Grundlage haben. Bei den vielen wichtigen sozialpolitischen Aufgaben, bie uns bevor- ftepen, ist es mir sehr zweifelhaft, ob nicht Aufgaben ber Versicherungsgesetzgebung vorhanden sind, die viel wichtiger unb tiefgreifender sind, als die Arbeitslosenversicherung, weil sie permanent wirken. So lange hier bie Ansichten nicht mehr geklärt sind, wird es hier im Wesentlichen Sache ber Arbeiterverbände, der Gewerkschaften sein, Fonds für bie Arbeitslosen zu sammeln. Die Sammlung solcher Fonbs ist eine nützliche unb nothwenbige Aufgabe. (Hort! Hört!) Von einem Stillstand unserer Sozialgesetzgebung kann jedenfalls keine Rede sein; wir gehen in einem jo schnelle^ Auch ein großer Theil der nicht preußischen Regierungen spricht sich dahin aus, daß erhebliche Arbeiter-Entlassungen nicht stattgefunden haben und nicht zu erwarten feien. Braunschweig und Sachsen-Koburg-Gotha glauben zwar mit weiteren Entlassungen rechnen zu müssen; andere Berichte, wie der des Königreichs Sachsen und Waldecks, nehmen aber an, daß die Krisis den tiefsten Stand erreicht hat. In der Landwirthschast wird nach wie vor Arbeiter- mangcl festgestellt, worauf u. A. Baden hinweist. Von einem allgemeinen Nothstand kann auch nach den Berichten der anderen Negierungen, z. B. von Sachsen, Vaden, Hamburg, Bremen, Lübeck, Würtemberg, nicht gesprochen werden, sondern nur von einem Noth- ftanb einzelner Jndustrieen der Eisen-, Maschinen-, Holz- und elek- ttischen Jndusttie. Andere Jndusttiecn haben, wie aus dem König- reich Sachsen, Baden, Lübeck berichtet wird, zum Theil einen so guten Geschäftsgang, daß Ueberftunben gemacht werden müssen. In Hamburg waren sogar Ende Dezember 1901 etwa 2000 Arbeiter mehr beschäftigt als im Vorjahr. In Baiern haben allerdings in einigen Bezirken, wie Pfalz unb Mittelfranken, erhebliche Entlassungen ftattgefunben, im Allgemeinen kann aber auch in Baiern von größeren Entlassungen nicht die Rebe sein. In Baben haben bie Entlassungen zum größten Theil Auslänber, besonbers Italiener iiiib Polen getroffen, bie sofort in bie Heimath geschafft würben. Es bars übrigens nicht vergessen werben, baß im Baugewerbe alljährlich im Winter eine erhebliche Arbeitslosigkeit eintritt; daß sie biesmal größer sei als sonst, ist nicht beobachtet worben. Das ist auch in einem Artikel bes „Vorwärts" anerkannt, in bem es heißt, bie Krisis habe bas Baugewerbe nur sehr wenig berührt. Auch aus Elsaß-Lothringen wirb 'berichtet, baß erhebliche Entlassungen trotz bes Arbeitsmangels nicht ftattgefunben haben. Immerhin ist bie Krise ernst genug; sie erforbert unsere vollste Aufmerksamkeit; man sollte sich aber vor Ucbertreibungen hüten. In einer Mannheimer Zeitung war bie Zahl ber bärtigen Arbeits- Men auf 5000 geschätzt; als aber Listen zur Einzeichnung von Arbeitslosen ausgelegt wurden, meldeten sich nur 524. Der Vorsteher ber Centtale für soziale Fürsorge in Frankfurt a. M. erklärte, es fei bisher noch in allen Fällen, wo man bie Centtale in Anspruch genommen habe, gelungen, für Arbeitsgelegenheit zu sorgen. Tie stäbtischen Werkstätten für Arbeitslose seien nicht benutzt worben; aus biesem.Grunbe haben wir bavon Abstanb genommen, Nothstanbsarbeiten vorzunehmen. Ich nehme auch Bezug auf bie eingehenben Verhandlungen der Stadtverordneten - Versammlung von Berlin, bei denen Herr Fischbeck mittheilte, bei den weiblichen Arbeitern könne von Arbeitslosigkeit keine Rebe sein; auch sonst seien bie . Verhältnisse in zahlreichen Branchen normal. Die nothigen Arbeiter zur Straßenreinigung habe man nur mit Mühe zusammenbekommen. (Abg. Singer (Szb.) macht wieberholt Zwischenrufe; SBicepräfibent Büsing ersucht, bie Zwischenrufe zu unterlassen.) Gewiß sinb feitbem Anzeichen vorhanden — auch Herr Fischbeck erkennt bas an — bie auf eine Verschärfung ber Situation schließen lassen. Die Arbeitslosigkeit wirb sich auch voraussichtlich bis Mitte Februar noch steigern; in welchem Umfange, hangt wesentlich von ber Witterung ab. . Ich habe mm an bie einzelnen Reichsressorts Anfragen gerichtet, in welchem Umfang sie in ber Lage sinb, Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Darauf kommt es jetzt zunächst allein an; wir haben uns hier jetzt nicht über große Gesetze zu unterhalten, wnbern möglichst schnell Arbeit zu schaffen. (Sehr richtig!) Ich habe mich an bas Reichspostamt gewanbt, unb es ist verfugt baß an allen Bauten ben ganzen Winter hindurch gearbeitet werben soll. Entlassungen unb Lohnkürzungen sinb Weber bei der Post noch in der Reichsbruckerei vorgekommen. Auch der Eisenbahnminister hat ver- Tempo vorwärts, wie Tein (tnletet Staat. Gegenüber dcr )cpigcn Krise aber ist cs zunächst Ausgabe dcö Reichs, Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Das ist unser Bestreben, und ebenso gchcu Preußen, die anderen Bundcsstaarcn unb zahlreiche Äonununcn vor. Ich glaube, daß es bei gemeinsamer Arbeit aller, die liier in Betracht kommen, möglich sein wird, über die jetzige Krise ohne allzu schwere Schädigungen hinlvegzukommen. (Beifall.) Auf Antrag bco Abg. Singer ISoz.) wird cinninunig die Besprechung der Interpellation beschlossen. Abg. Dr. Hitze (Ett.): Das Verdienst, die Interpellation ein-- tzcbracht zu haben, gebührt nichr den Sozialdemokraten. Auch wir batten diese Absicht, sind aber aus Höflichkeitsgründen zurückge- treten. Die Antwort des Staatssekretärs war zu erlvarten, sie konnte nach Lage der Dinge hauptsächlich nur au5 Referaten bestehen. Doch meine ich, daß der Staatssekretär die Sache etwas zu optimistisch ansicht, in -Wirklichkeit ist die Lage ungünstiger. Ob die Krisis schon ihren Höhepunkt überschritten hat, wer mag cS wissen? Jedenfalls müssen die bctbciligten Faktoren alles thun, um zu helfen. Auf dem Wege der Armenpflege allein kann keine Abhilfe geschaffen werden. Anerkannt muß werden, daß die Arbeitgeber heute rücksichtsvoller vorgehen als früher, sie schreiten nicht gleich zu Entlassungen, sondern führen Arbcitsreduktionen und Thcilschichten ein. Ich möchte Vorschlägen, vor Allem Nothstandslommissionen zu ernennen, die die Verhältnisse untersuchen und die Hilfeleistungen regeln. Tic Einzelstaatcn, die Provinzen, die Kommunen müssen Eingreifen und Nothstandsarbcitcn in Angpiff nehmen. Wenn der Eisenbahnminister jetzt baut, kommen ihm die billigen Eisenpreise zu Gute. Der Schwerpunkt liegt in den Kommunen. Kanalisationen und Straßen müssen gebaut, Flüsse reguhrt werden. Wenn man Wohnungen baut, tritt man auch der Wohnungsnoth entgegen. Auch ist der Vorschlag gemacht, die Lüneburger Haide zu bebauen. Eine wichtige sozialpolitische Aufgabe wäre die Organisation des Arbeitsnachweises, um die Arbeitsgelegenheit nach Möglichkeit auszunutzen. Wie schön wäre es z. B., toenn auf jedem Postamt ein Vcrzcichniß aufläge, wo Arbeiter gesucht würden. Dem Arbeitsnachweis zur Seite gestellt werden müßten Natural-Verpfleguugs- stationen, deren Kosten den Kreisen zufielen. Um einem Mißbrauch -orzubeugen, könnte man den Legitimationszwang einführen. Man sagt, die Ueberproduktiou, die Anarchie der Produktion, habe die Krisis verschärft und man müsse dem cutgcgentreten. Aber- Krisen sind keine Naturereignisse, die man nach bestimmten Regeln bekämpfen kann. Die meisten sozialdemokratischen Vorschläge zur Regelung der Konsumption upd Produ Ilion erinnern an den sozial- oemakratischen Zwangsraai oer Kasernen. Durch die Karrcllc uno Syndikate kann zwar eine Stetigkeit der Produktion, der Preise und der Löhne herbeigeführt werden, doch besteht die Gefahr, daß sie ihre A.'a^ot miß'".auchen. Das haben sic auch gcthan, ich erinnere Sic an die hohen v.ei-r.ns und Cisenpreise. Es wird daher die Frage der Syndikate und dic cv. gesetzgeberischen Maßnahmeil zu untersuchen sein. Von Nutzen sein würde eine Besserung der Produkrions- statistik, der wirthschaftliche Ausschuß könnte Sturmzeichen loslassen, wenn wieder eine Krisis droht. Bei der Krisis von 1873 schlug man im Abgeordnetcnhause eine Reduktion der Löhne vor; einen solchen Vorschlag har man jetzt zu meiner Freude von keiner Seite gemacht. Die Laudivirthschafr muß lebensfähig erhalten werden, denn was sollte wohl werden, wenn auch die 6 Millionen landwirth- schaftlichcr Arbeiter sich der Industrie zuwenden würden. Tie beste Sorge für die '.Arbeiter ist jedenfalls die Arbeitslosen-Versichcrung. In guten Jahren würde ein Fonds dafür gesammelt werden müssen. Die Versicherung müßte durch das ganze Reich gehen und angc- schlossen werden an die einzelnen Berufe. Ein Zusammenwerfen der Berufe ist unmöglich. s2(uf die Nothwendigkeit der Arbeiterkammern habe ich schon oft hingewiesen. (Beifall im Gentrum.) Abg. Goth ein (frcis. Vgg.): Ich meine, daß die Arbeitslosigkeit größer ist, als es aus dem statistischen Nachweis hervorgeht. Mir ist mitgetheilt, daß große Eisenwerke nur ein Drittel der vorjährigen Arbeiter beschäftigen, an anderen Werken hat man eine bedeute nde Lohnredukrion vorgenommcn. Nach dem Organe der Agrarier soll dic Börse an allem schuld fein, das Publikum müsse Renten laufen und keine Indnstriepapicrc, wenn es sich vor Verlusten schützen wolle. Ein solcher Rath — auch Graf Posadowsky gab ihn heute — kommt nach jeder Krisis. Aber wir haben erlebt, daß bei großem Andrang zum Rentenmarlt dic Renten stiegen und überall Konversionen und Zinsvcrluste dic Folge waren, so daß das Publikum sich doch wieder besser verzinslichen Papieren zuweirdete. Redner legt ausführlich dar, wie unsere Industrie sich im letzten Jahrzehnt entwickelt hätte und wie die Ueberproduktiou entstanden sei. Die Kartelle haben nur verschärfend gewirkt, das Rezept Bebels, die Kohlengruben zu verstaatlichen, würde nichts nützen. Wir sehen es ja an den Eisenbahnen, sic werden nur als Finanz- gucllc benutzt unb keineswegs als Institute, die dem öffentlichen Interesse dienen. Es mutz eine Konkurrenz fein, um die Wirkung der Kartelle zu brechen. Die Konkurrenz fehlt aber, wenn wir auch ein Kohlcnmouopol fchaffen. Mit dem Bankschwindel hat die Börse nichts zu thun. Der größte Schwindel wurde getrieben mit Papieren, die von der Börse zurückgewiescn wurden, z. B. den Treber-Mien. Gerade wenn die Oeffcntlichkeit j der Börse scylt, wirken solche Verhältnisse um so schlimmer. Unsere Industrie ist gesund, wir wirthschaften jetzt weit solider, als 1873. Das Wichtige ist jetzt, Arbeit zu schaffen. Leider wird der Kanal erst „seiner Zeit" wieder kommen. Ich weiß nicht, was Graf Bülow darunter versteht, hoffentlich wird es nicht Jahre dauern. Hätten wir jetzt den Kanal, dann könnten wir Tausenden Arbeit schaffen, und die zu schaffen, das ist nicht nur Pflicht der Kommunen, sondern auch des Staates. Man muß aber nur solche Anlagen schaffen, die volkswirthschaftlich nöthig und vernünftig sind. In Schlesien sind einzelne Gemeinden nothleidend geworden, weil sie Straßen gebaut haben, die an Unterhaltungskosten und Zinsen mehr verschlingen, als sie Werth sind. Für volkswirthschaftlich vernünftige Ausgaben werden wir stets zu haben sein. Den Vorschlag eines Reichsarbeitsamtes unterstützen wir, wir haben ja sogar einen entsprechenden Antrag eingebracht. Aber man darf nicht gesetzgeberische Maßnahmen tteffen, die unsere Erporttndusttic schädigen, wie es bicSIgraricr Vorschlägen. DasElend wäre ja garnicht anS- nldenken, wenn wir unsere Exporttndnstrie nicht hätten. Was eine dauernde Besserung noch fernhält, ist die Unsicherheit unserer Handelsbeziehungen. Geld ist genug da, aber das Vertrauen fehlt. Handel unb Jnbustrie haben eine Tobesangst vor dem Zolltarif, da sie glauben, daß wir nicht mehr zu so guten Handelsverträgen kommen, als wir sie jetzt haben. Sie meinen, daß wir jetzt mit unserm autonomen Tarif weit besser fahren werden, als mit dem neuen Taris und seinem Minimaltarif für Getreide. So lange die Unsicherheit nicht aus der Welt geschafft ist, kann keine Bessertlng erfolgen. Nicht eine Vertheuernngspolitik müssen wir cinschlagen, sondern eine Politik zur Erleichterung des Verkehrs. (Beifall links.) Hierauf wird ein Vertagungsantrag angenommen. Präsident Graf Ballcstrcnt: Ich möchte Ihnen zunächst meine Intentionen für die nächsten Tage mittbeilen. Wenn ich die reichhaltige Rednerliste ansehe, glaube ich nicht, daß wir morgen noch mit den, allerdings sehr wichtigen, Interpellationen fertig werden, wir müssen die Berathung auch Wohl noch auf Montag ansdehnen. Für Dienstag will ich mir erlauben, an erster Stelle die noch ausstehenden Wahlprüfungen auf die Tagesordnung zu setzen. Nächste Sitzung: Sonnabend 1 Uhr (Fortsetzung der heutigen Berathung). * Schluß 6^ Uhr. Voiitischt Tagesschau. Die deutsche Sozialdemokratie und der Alkohol. Während in der Schweiz, und anderen Ländern auch fettens der sozialdemokratischen Arbeiterschaft der Kamps gegen den Alkohol ausgenommen ift, stellt sich die deutsche Parteileitung ablehnend zu diesem Kamps. Mit völliger Ossenheit schreiben die „Sozialistischen Monatshefte": „Zur Zeit liegen die Verhältnisse so, daß es für die Sozialdemokratie gar kein größeres Unglück geben tonnte, als wenn alle Parteigenossen Abstinenzler würden. Ihre Gegnerschaft gegen Wein, Bier, Schnaps würde sie veranlassen, die Wirtschaften $u meiden, wodurch sie die Fühlung mit ihren Freunden und den Einfluß auf chre indifferenten Kollegen Der liieren würden...... Die Wirte, die Versammlungssäle besitzen, würden den mäßigen Selterwasser- und Kaffeetrinkerri bald ihre Gunst entziehen. Im Umsehen säßen wir auf der Straße, und die soziale Frage wäre gelöst — im Sinne der Scharfmacher". Es ist traurig, daß die Sozialdemokratie die Sklaverei des Alkohols mit Fleiß erhalten will um der eigenen Parteizwecke willen. Aber haben die anderen Parteien etwa ein Recht, mit Steinen nach den Sozialdemokraten zu werfen? Welche Schritte haben sie denn gethan, um die Kettett des Mohols zu brechen, unter denen unser deutsches Volk schmach-tet? Aus Stadt und Zand. (Der Abdruckder uMer dieser Rubrik besindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.) Gießen, 18. Januar 1902. ** Uebcr das Krankenkassenwesen im Grohherzogtnm Hessen. Einer statistischen Zusammenstellung über das Krankenkaffenwesen im Großh. Hessen vom Jahre 1899 eutnehmen wir, daß in diesem Jahre sich im Großherzogtiim 1007 Krankenkassen befanden; 609 haben mit einer Ueberschuß-Cinnahme und 398 mit einer die Einnahme übersteigenden Ausgabe gewirtschaftet. Die Gesamteinnahmc aller Krankenkassen betrug 4,269,909 Mk., darunter 3,492,999 Mk. Beiträge der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer. Die Gesammtausgaben beliefen sich auf 3,992,745 DU. und kamen davon an Krankheits- kosten allein 3,168,193 Mk. Das Reinvermögen der Kaffen beträgt 3,269,164 Mk. Von der Gesamtzahl der Kaffen gehörten der Provinz Starkenburg 394, eben so viel der Provinz Oberhessen, 219 der Provinz Rheinhessen an, während im Jahre vorher die betreffenden Zahlen 393 bezw. 389 und 221 betrugen. Die Zahl der Mitglieder war im Durchschnitt des JahreS 1899 im Großherzogtiim 221,264, gegen 214,262 im Jahre 1898. Es kommen mithin im Berichtsjahre 1899 auf 100000 Einwohner durchschnittlich 91,8 Kassen, gegen 93,3 im Vorjahr. w. Reichelsheim i. d. W., 17. Jan. Eine für das untere Horloffihal sehr wichtige Arbeit geht jetzt ihrem Ende entgegen: Tie Regelung der Horloff von hier bis zur Einmündung in die Nidda. Der Beweggrund zur Anlage war der, das große Wiesenthal zwischen ihr und der Flutbach gegen un- zeitige Sommerüberflutungen zu schützen; auch wird durch Kürzung und Streckung des Laufes Gelände gewonnen. Die Länge des neuen Bettes beträgt rund 3500 Meter unb ift über 1000 Meter kürzer als das alte. Es wurden bei der Arbeit rund 100 000 Kubikmeter Erde bewegt, was einen Kostenaufwand von über 7000 Mark erforderte. Die Aus- führung der Pläne und die technische Leitung lagen in den Händen der Kultitrinspektion Friedberg; die Unternehmer waren die Herren Jockel in Steinfurth und Glaub in Gettenau, die einen großen Teil der Arbeiten durch einen italienischen Subunternehmer ausführen ließen. Es waren zeitweise 200 Arbeiter beschäftigt, und z. Z. sinden noch ca. 60 Arbeiter auf Wochen hinaus lohnenden Verdienst. Die Hälfte der Arbetter waren Italiener und Kroaten, die zum größten Teil hier wohnten und einen großen Teil ihres Lohnes hier wieder ausgaben. Die Arbeiten begannen im Juni v. I. und am 24. Dez. konnte das Wasser in den neuen Schlauch eingelassen werden. Zu den Kosten trägt der Staat ein Drittel bei, der Reit wird auf die ausführenden Gemeinden Reichelsheim, Ober- und Nieder-Florstadt nach dem Verhältnis der Flüß- tängc in ihren Feldmarkungen ausgeschlagen. Der neue Bach bildet die Kulturgrenze zwischen Ackerland und Wiesen. Die Dämme sind systematisch so erhöht, daß mit Sicherheit das größte Hochwasser znrückgehalten wird. Die notwendigen in ihn einmündenden Schutzgräben werden am Ende in weite Rohre gefaßt, die mit Rückschlagventilen geschlossen sind, sodaß das Wasser wohl aus ihnen austreten, bei Hochwasser aber keins von der Horloff aus in sie einbringen kann. Ein großer Uebelsland ist durch die Arbeiten für den viel benutzten Fußpfad von Leidhecken her entstanden. Er führte an den sunrpfigsten Stellen auf dem alten Horloffdamme hin, der aber jetzt beseitigt ist, weil man mit der Erde davon das alte Flußbett füllte. Gegenwärtig ist hier kaum durchzukommen. Es wäre hier eine Wegverbesserung sehr am Platz. Vermischtes. * Berlin, 17. Jan. Nach den bisherigen Ermittelungen belaufen sich die Unterschlagungen des verhafteten Rechtsanwalts und Notars Gustav F l a t o w auf 80 000 Mart. Der Bureau-Vorsteher hat seit sieben Monaten kein Gehatt bekommen, und auf ein Vierteljahr die Bureaumiete aus seiner Tasche bezahlt. Die übrigen Angestellten haben nur ein Monatsgehalt zu bekommen. Deckung ist für den Fehlbetrag nicht vorhanden. * H a n n o v e r, 17. Jan. Das Duell zwischen Landrat v- Bennigsen und Domänenpächter Falkenhagen fand gestern vormittag im Gehölz, unweit des kaiserlichen Jagdschlosses Saupark bei Springe statt, v. Bennigsen ist seit ca. acht Jahren Landrat des Kreises Springe. Da er als solcher Chef der Gendarmerie des Kreises ist, so waren die Gendarmen nicht zur Stelle, zumal die Angelegenheit sehr geheim gehalten wurde, v. Bennigsen, ist verheiratet mit der Tochter des früheren Domänen-' Pächters v. Schnehen. Diese soll die Ursache zu dem Duell gegeben haben. Landrat v. Bennigsen stellte Falkenhagen m einer Angelegenheit, in der Frau v. Bennigsen ver- wickelt sein soll, zur Rede. Dieser Auseinandersetzung folgte die Forderung. Dem Duell wohnte der Bruder des Herrn v. Bennigsen und ein Arzt bei. v. Bennigsen erhiä bei dem ersten Kugelwechsel einen Schuß in den Unterleib, der ihn kampfunfähig machte. Man schaffte den Verletzten in einem Tragkorbe zur Station Springe, von wo er mit dem Mittagzug in Begleitung des Bruders und des Arztes nach Hannover, überführt wurde. Auf der Station nahm der Vater des Landrats, Oberpräsident Dr. Rudolf v. Bennigsen, in dem Wagen Platz und begleitete seinen Sohn nach Hannover. — Eine andere Akeld- ung teilt noch folgendes mit: Oberförster Zimmer aus Saupark fungierte als Kartellträger für Bennigsen. Die Forderung lautete auf dreimaligen Kugelwechsel auf zehn Schritte Distance. Der Sekundant Bennigsens war Assessor von Langwerth-Simmern, während für Falkenhagen dessen Schwager fungierte. Frau Landrat v. Bennigsen hatte bereits am Dienstag vor dem Duell das Haus verlassen, um zu ihrer Schwester nach Leipzig zu fahren. Die fünf Kinder des Landrates wurden auf das Gut des Großvaters nach Bennigsen gebracht- * Triest, 18. Jan. Prinz Adalbert von Preußen uahm gestern abend an einem Diner teil, das der Seebezirkskommandant Kontreadmiral Kneißler v- Maixdorf ihm zu Ehren gab- * Marburg (Steiermark), 17. Jan. Das hiesige Stadttheater ist niedergebrannt. Sämtliche korationeu und Kostüme wurden vernichtet- * Eine hübsche Kleinbahn geschichte spielt- ich dieser Tage auf dem Bahnhof von Schönhausen in der Altmark ab- Zn einem Schneidermeister kam ein Herr von außerhalb, um sich Maß zu einem Beinkleid nehmen zu lassen. Der Meister war indes nicht zu Hause; er hatte sich entfernt, um nach des Tages Last und Mühen Erholung bei einem Glase Bier zu suchen- Damit nun das Geschäft nicht verloren ginge, erbot sich die Frau des Meisters, chren Mann schleunigst herbeizuholen. Bevor ie ihn antraf, mußte sie mehrere Schanklokale auf- uchen, und als der Meister in seine Behausung zurückehrte, hatte der Kunde, des Martens müde, sich bereits entfernt, um mit dem nächsten Zuge abzufahren Trotzdem gab der Meister die Sache nicht auf; er lief geschwind Aiim Bahnhof, wo der Zlia zur Abfahrt bereit stand- Aus sein inständiges Bitten ließ der Zugführer den Eisenbahnzug indes noch so lange halten, vis der Schneider seinem Kunden Maß genommen hatte; Beide waren zu diesem Zweck in den Packwagen gestiegen Wie Dr- Sigl Bayern 1886 bei Ein setzung der Regentschaft vor einer Revolution rettete, das wird in der „Pfälz. Rsch." wie folgt erzählt: „In der damaligen gefährlichen Bedrängnis war thatsächlich guter Rat selbst da teuer, wo man gemeiniglich mit Lächeln und glatten Redensarten über brennende Fragen hiuwegzuhuschen weiß- Es mußte eines Tages wirklich kein Ausweg anders mehr gefunden worden sein, so daß man sich zu dem letzten Mittel entschloß und — den Herausgeber, Verleger und verantwortlichen Redakteur des „Bayerischen Vaterlands", Dr- jur. Joh. Sigl dringend bat, all seinen Einfluß aufzuwenden, um drohendes Unheil zu verhüten! Thatsache ist, daß an jenem Tage ein königlicher Hofwagen vor dem Hause an der Dammstiftstraße hielt, in dessen Erdgeschoß die Gerbersche Druckerei und Setzerei des „Bayer- Vaterlandes", in dessen drittem Stock Dr. Sigl wohnte, und daß diesem Wagen, der damalige Flügeladjutant des Prinzregenten, Frhr. Freyschlag v. Freyenstein in voller Uniform entstieg, um sich zu Dr. Sigl zu begeben, den er mit den Worten um seine Hilfe bat: „Jetzt müssen Sie uns helfen, Herr Dr. Sigl, sonst —" 2c. rc. Und Dr. Sigl half! Von da an kamen die Beschwichtigungsartikel nach der Reihe, und nach und nach war wieder Friede im Lande. Der genannte Flügel- ad jutant hatte den chm gewordenen Auftrag allzu wörtlich genommen und, in der Hof- und Diplomatensprache noch ein vollkommener Neuling (der er auch bis zu seinem Tode „in den Sielen" mehr oder weniger geblieben ist) und eine gerade ehrliche Natur, hatte er gar nicht weiter darüber nachgedacht, ob es wohl im Interesse seines Auftraggebers sein könne, daß er mit allem Glanz seiner Würde diesen Kanossa-Gang that. Man hat Dr. Sigl niemals Bestechlichkeit vorwerfen können; aber er müßte kein Mensch gewesen sein, wenn er nicht die Schjwäche gehabt hätte, einem dringenden Bitten und Flehen gegenüber seinem Prinzips untreu zu werden. Allerdings hat sich Dr. Sigl „entsagungsvoll" der neuen Ordnung der Dinge angeschlossen. Aus seinem eigenen Munde tarnen die Morte: „Da nennen mich die Patrioten immer „regierungstreu"! Was heißt regierungstreu? Soll ich mir den Gipsköpfen zu Liebe wieder das Maul verbrennen? Gelt, damals, 1886, wie der Regierung der Karren im 2 . . . gesteckt ist, da haben sie mich finden können, damtt ich ihnen Helf', ihn wieder herauszuziehen — aber heute, wenn sich wieder eine Gelegenheit fände, thäten sie mich sofort wieder auf sechs Monat ins Zellengesängnis! Vkir ist meine Haut doch lieber als die Anerkennung bet Herren Patrioten — meinetwegen, so bin ich halt „regierungstreu"!" Von da an waren auch Regentschaft und Ministerium ein nott me tangere für Dr. Sigl, und die staatsgefährlichen, für den Staatsanwalt interessanten Es- kurse sind für die Zukunft aus dem Inhalte des „Bayerischen Vaterlandes" ausgeschieden. * Unwetter. Seit dem 12. d. M. wütet in einem großen Teile Ungarns ein heftiges Unwetter. Der Sturm richtet an Gebäuden großen Schaden an. Zahlreiche Unglücksfälle werden gemeldet- In ganz Galizien herrscht kolossaler Schneefall- Die Bahnverbindungen sind stellenweise gestört, die Verbindungen mit Rußland voll- ständig unterbrochen- Neucfte Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Hannover, 18. Jan. Landrat v. Bennigsen ist gestern abend infolge der im Duell erhaltenen Wunden bier gestorben. Berlin, 17. Jan. Die Zolltarifkommission des Reichstags beriet heute den § 5 (Aufzählung der vom Zoll befreiten Gegenstände) und nahm die ersten sechs Ziffern desselben nach der Vorlage mit unwesentlichen Aenderungen, unter Ablehnung einer Anzahl Abänderungs- an träge, an. Kopenhagen, 18. Jan. Die norwegische Bark Arad Speed, von London nach Ehristiania unterwegs, ist mit der ganzen aus 12 Mann bestehenden Besatzung in der Nordsee untergegangen. Eisleben, 18. Jan. In der Volkstetter Gemarkung haben mehrere heftige Erdstöße stattgefunden.